Erscheint in ftisfiS «ittwoch, Freitag, Sonntag. AbaunementSpreiZ Nr ganz Tentichland 1 SK. s« Pf. pro Quartal. MonatS- Abonnements »erben bei allen deutfchen Poftanstaltm »N den 2. und S. Monat, und auf den ».Monat besonders angenommm! i« attirtgr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Altenburg auch aus den Iten Monat des Quartals k 54 Psg. Inserate 9rtt. Bersammlungcn pr. Petitzeile 10 Ps., Setr. Piidaiangelegmheiten und Feste pro Petitzcile 30 Ps. Vorwärts Vestelluuzen nehmen an alle Postanstalten und Buch. Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. New-Iorl: Soz.-demolr. Genosien- schastsbuchdruckerei, 154 Elllniig« Str. Philadelphia: P. Haß,«50 Norlt» S-a Street. I. Bog, 1129 Charlotte Str. Rodel en N.J.: F. A. Sorge, 215 rVasi.. iugtou Str. Ehicago; A. Lansermann, 74 Clybourne•»«- San FranziSco: F. Eich, siSO'rarrell Str. London W.;(£. Henze, 8 New.fev Golden Square.- Gentrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 95. Mittwoch, 14. August. 1878. Die Wilhelmsspende und die Arbeiter- Pensions- und Jnvalidenkassen. ii. Die Gewerkschaften, welche in Deutschland entstanden sind, mußten gleich von vornherein das Unterstützungskassen- Wesen auf ihr Programm schreiben, und nur mit Hülfe desselben war es möglich, Erfolge zu erzielen. Die deutschen Arbeiter sind fast durchgängig bestrebt, ihre Lage zu verbessern und in dieser Beziehung auch Opfer zu bringen. Uns ist der Fall vorgekommen, daß sogar junge Leute, die kaum aus der Lehre kamen, zwei oder drei Krankenkaffen angehören, ja in einzelnen Gewerben zahlen die Unverheiratheten sogar regelmäßige Beiträge zu den Wittwen- und Waisenkassen. Ein Beweis, daß die Solidarität unter den Arbeitern keine Phrase ist. Die Entwicklung dieser Kassen hat in Deutschland seit circa 10 Jahren verschiedene Phasen durchgemacht. So schritt man in dem einen Gewerbszweige dazu, Ortsvereine mit Orts- lassen einzurichten. Andere unternahmen es, gleich von vorn- herein Centralkassen einzurichten, so daß also die eingezahlten Gelder in ganz Deutschland nach einem Hauptorte gesandt werden mußten und umgekehrt die nöthigen Kranken- u. s. w. Gelder wiederum zur Auszahlung durch die Ortskassirer an die er- krankten Mitglieder eingeschickt wurden. Die Vortheile und Nachtheile beider Systeme abzuwägen, ist jahrelang Gegenstand öffentlicher Diskussion gewesen und es läßt sich auf beiden Seiten vieles dafür und dagegen anführen. Die Praxis allein wird hierüber entscheiden. Wenn man auf der einen Seite bedenkt, daß z. B. die Tischler eine Hülfskasse besitzen, welche in Leipzig 600, in Berlin 800, in Pausa 10, in Köpenick 12, in Hamburg 500, in Neumarkt 6 u. s. f. Mitglieder zählt, so leuchtet gleich von vornherein ein, daß wohl die Mitglieder in Leipzig, Berlin, Hamburg selbst- ständige Bereine bilden können, jedoch nicht auch in Pausa, Köpenick, Neumarkt; der Vorstand würde alsdann ja nicht einmal zusammenzusetzen sein. Man hat in diesen Fällen die kleineren Orte zu sogenannten Gauverbänden vereinigt. Wie z. B. die Buchdrucker, bei denen e» vorkommt, daß in kleineren Städten oft nur ein oder zwei Gehilfen Mitglieder des Verbandes find. Diese senden ihre Beiträge allmonatlich an den Gauvorort und Gaukaffirer. Alljährlich findet alsdann ein Gautag statt. Es nähert sich dieses System schon mehr dem Centralismus. Die Anhänger der Centralkasse machen die Sache einfach in der Weise, daß alle Gelder und Zuschriften von den Orts- bevollmächtigten an die Hauptkafle z. B. in Hamburg eingesandt und dann von dort aus wieder die nothwendigen Summen an die Ortskassirer übermittelt werden. Der Zusammenhalt dieser Glieder wird bewerkstelligt, daß ein Bevollmächtigter und Beitrag- fammler ernannt wird, welche die Mitglieder monatlich oder je nach Bedürfniß auf Grund des Versammlungsgesetzes zusammen- berufen. Gehen wir weiter. Die Orts- und Fachvereine bestehen also im günstigsten Falle aus 1000 Mitgliedern. Diese 1000 Mitglieder sollen nun für alles aufkommen, Fonds u. s. w. ansammeln. Die Höhe der Beiträge wird erfahrungsgemäß immer verschieden sein— es kommen Epidemien vor, wo der angesammelte Fond binnen wenigen Wochen verzehrt ist: die Steuern müssen erhöht werden. Oder aber die Arbeits lofigkeit ist sehr stark, die Mitglieder der Kasse finden keine Arbeit, man maßregelt sie— wie es in den letzten Jahren hundertfach der Fall. Es entstehen Kassenreste; kommt dazu eine verstärkte Krankenzahl, so müssen eben die Steuern erhöht werden! Auf diese Weise schmilzt schließlich der anfangs blühende Ortsverein auf die Hälfte seiner Mitglieder zusammen und die Uebrigbleibenden können sich vor Steuern nicht mehr retten und, was das Schlimmste ist, den an die Kasse gestellten Anforderungen nicht mehr genügen. In neuerer Zeit find derartige Fälle ja nichts Seltenes. An kleinere Vereine werden verhältnißmäßig geringere An- forderungen gestellt und es ist auch möglich, daß hie und da ein bedeutendes Kapital angesammelt werden kann— jedoch was beweist dies? Wer vermag zu sagen, ob nicht heute oder morgen eine Katastrophe eintritt, die den angesammelten Fond auf einmal absorbirt? Die Centralkassen leiden hauptsächlich daran, daß der Wechsel der Mitglieder ein starker, zweitens die Antipathie der Arbeiter zu überwinden ist, die da meinen: Wozu unsere sauer verdienten Groschen nach X. schicken, wir kennen dort Niemand, wer bürgt uns für die Sicherheit unserer Gelder? Eine weitere "vlge ist die schwierige Kontrole der Mitglieder. Können nicht Faulkranke die Kassen ausbeuten? Selbst der gewissenhafteste Arzt kann nicht immer beschwören, was dem Manne fehlt und wie geholfen werden muß. Wer kontrolirt z. B. in X. das einzige Mitglied der Metallarbeiter-Krankenkasse? Wir sehen also, daß beide Systeme ihre Vortheile, aber auch ihre Mängel und Fehler haben. Es giebt aber noch einen dritten Punkt, der bisher noch sehr wenig in Betracht gekommen ist und der doch von eminenter Bedeutung für die ganze Sache erscheint. In Berlin existirt z. B. eine Gewerkschaft der Buchdrucker, der Cigarrenarbeiter, Weber, Tischler, Schuhmacher, Buchbinder, Goldarbeiter, Tapezierer-c.-c., jede derselben hat entweder eine Orts- oder Centralkranken-, Sterbe-, Wittwen-, Invaliden- kasse. Also zehn oder zwanzig Verwaltungen. In den großen Städten würde dies immer noch gehen. Aber nehmen wir ein- mal eine Stadt von zehntausend oder fünftausend Einwohnern; «ort ist derselbe Fall, zehn oder zwölf Verwaltungen, ganz gleichgiltig ob Orts- oder Centralkassen. Diese ungeheuren Ver- waltungskosten! Weiter. Bei centralifirten Kassen exifiiren in 1. von allen Kassen zusammengenommen 20 Mitglieder. Davon senden wöchent- lich 12 Mann ihre Beiträge nach den verschiedensten Orten. Macht M. 2.4Y �orko. Ginge das nicht mit 20 Pfennigen abzumachen? Und nun kommt noch hinzu der schreckliche Kastengeist, welcher immer den Einen über den Andern stellt. Es wird in solcher Stadt niemals etwas gemeinsam gemacht, trotzdem Alle nach dem einen Ziele hinsteuern, mit Hilfe ihrer sauer verdienten Groschen ihre Zukunft nicht gänzlich trostlos zu gestalten. Ein weiterer beachlenswerther Punft ist der: Es werden von den Arbeitern in all diesen Kassen große Summen an- gehäuft, die natürlich sichergestellt werden müssen. Das beste Mittel zur Sicherung solcher Gelder war und ist bisher ge- Wesen, dieselben auf sichere Hypotheken auszugeben. Unseren Gegnern haben wir bisher also unser sauer verdientes Geld gegeben, haben selber mit dazu beigetragen, daß man uns gemüthlich unterdrücken konnte. Größere Lämmer hat die Weltgeschichte nicht aufzuweisen. Wir treffen überall Klagen wegen Mangel an Vereins- und Versammlungslokalen, die Herbergen für reisende Collegen sind im traurigsten Zustande,— Geld ist genug vorhanden, um selbst Lokale und Herbergen zu beschaffen— nein, wir geben es den Bourgeois. Ist das nicht Selbstmord? Wäre es den größeren Städten, Berlin, Breslau, Hamburg, Leipzig ic., nicht möglich, sich mit den vorhandenen Geldern selber zu helfen? Wäre ein solches Lokal nicht danach angethan, nimmermehr krachen zu gehen, weil so und so viele Hunderte dabei interessirt sind und selber dafür sorgen, ihre Gelder dort zu verzehren, wo es ihnen wieder zum Vortheil gereicht? Hier kann es nur eine zustimmende Antwort geben. Die Frage ist nur: Wie das anfangen? Nun, wir haben über diesen Punkt schon hinreichend nach- gedacht und Professor Rühlemann in Chemnitz hat uns weiter! geholfen. Man errichte auf Grund des HülfSkassengesetzes eine einzige Unterstützungskasse mit den verschiedensten Zweigen durch ganz Deutschland, deren Verwaltung ihren Sitz im Mittelpunkte Deutschlands hat. Die einzelnen Orte errichten, ähnlich wie die deutsche Post, Filialen in jeder großen und kleinen Stadt. Mitglied kann jeder Arbeiter, jede Arbeiterin, sowie jeder Kleingewerbtreibende, Beamte und Landmann werden, der unter 1000 Thaler Einkommen pro Jahr hat. Die Beiträge richten sich prozentual nach der Höhe des Einkommens. Die Einschätzung hat jedes Mitglied selbst vorzunehmen. Die Filialen unterstehen der Kontrole der Gemeindebehörden. Kasfirer und Vorsteher müssen Caution stellen. Es werden in jeder Stadt und jedem größern Orte Büreaus eingerichtet, die den ganzen Tag und hauptsächlich zu solchen Tageszeiten geöffnet sind, wo die Arbeiter freie Zeit haben. Dort werden Beiträge angenommen und auch Unterstützungs- gelber ausgezahlt. Um ein wirklich gesundes Volk zu erhalten, ist es nothwen- big, daß nicht allein die Kranken, sondern hauptsächlich die Ge- sunden untersucht, in ihren Verhältnissen beobachtet werden. Demzufolge müssen Aerzte, wirkliche Aerzte, die auf dem Stand- Punkt der heutigen Wissenschast stehen, angestellt und mit anständigem Gehalt besoldet werden. Dieselben verpflichte man, die Mitglieder in ihren Wohnungen zu besuchen, die Nahrungs- und Lebensweise, die Erziehung und Pflege der Kinder, die Ar- beitsräume der Fabriken zu untersuchen und hauptsächlich die Statistik in Bezug auf Sterblichkeit ic.:c. zu pflegen und zu fördern. Die Aerzte bilden ein Collegium, welches sich möglichst oft! versammelt und seine Erfahrungen mündlich und schriftlich (durch ein zu errichtendes Blatt) austauscht. Die Aerzte müssen materiell so gestellt werden, daß sie keinerlei Bestechungen und Nahrungssorgen unterworfen sein können. Als Mitglied muß jeder Mensch, welcher ein Einkommen unter 1000 Thalern pro Jahr hat, aufgenommen werden. Dann soll der Grundsatz Leven und Gestalt annehmen:„Einer für Alle, Alle für Einen", so kann dies nur in der Gemeinschaft von Tausenden, Millionen geschehen, und da kommt es nicht darauf an, wenn auch Kranke und Elende mit übernommen werden. Gewöhnlich sind diese Leute Produkte unserer heutigen Gesell- schaftszustände. Für diese Zustände ist aber keine besondere Ge- sellschaftsklasse verantwortlich zu machen. Es ist ferner nöthig, daß die sämmtlichen jetzt bestehenden Unterstützungskassen sich auflösen und ihre Kapitalien diesem all- gemeinen Verbände als Kapitalstock überweisen. Behufs Organisation dieses großen, allgemeinen Verbandes zur Verbesserung der Lage des Arbciterstandes treten alle wahren Bolksfreunde zusammen, ganz gleichültig, welcher politischen Partei sie sonst angehören, und hin vor das versammelte Volk, um dasselbe für diese Sache zu gewinnen, ihm Verständniß da- für beizubringen. Es muß jeder Einzelne das begreifen und freudig, freiwillig sein Scherflein beitragen zu seinem, zum all- gemeinen Wohle. Die Vortheile einer solchen Organisation sind unübersehbar,' weil mit den vorhandenen Geldern nur allgemein nützliche In- stitutionen, als Hospitäler, Speiseanstalten, Herbergen, Arbeits- nachweisebureau u. s. f. errichtet werden dürfen; sie kommen dem gesammten Arbeitcrstande zu Gute und bilden die Brücke zum! sozialen Staat. Die heutigen Fachkrankenkassen leiden vielfach darunter, daß sogenannte Berufskrankheiten einen großen Theil der gesteuerten Gelder absorbiren. In der Gemeinschaft aller Berufszweige verschwindet dies und so hilft der eine dem andern die Last er- leichtern. So hätten wir denn in großen Umrissen unsere Ansichten entwickelt und der öffentlichen Diskussion übergeben. Vieles ist vielleicht daran zu tadeln, vieles erscheint auf den ersten Augen- blick nicht ausführbar— jedoch die Zeit und die Erfahrung wird es lehren, daß etwas geschehen muß. Die heutigen Leiter des Staats und ein großer Theil der herrschenden Gefellschaft haben sich vereinigt, um den Sozialismus todt zu machen, sie bemühen sich beide vergeblich, die Massen zu anderer Ansicht zu bringen — die letzten Wahlen haben gezeigt, wie viele Tausende und Millionen ihre Stimme erheben und Verbesserung ihrer Lage verlangen. Wollen die Herrschenden und Mächtigen dieser Welt die söge- nannten Ausschreitungen des Sozialismus wirksam bekämpfen, so acceptire man seine Forderungen. Hier ist eine Gelegen- heit geboten, eine wahrhaft volksthümliche Einrichtung zu treffen. Prof. Rühlemann in Chemnitz hat die Wilhelmsspende zu Arbeiterzwecken empfohlen, Generalfeldmarschall Graf Moltke diesen Vorschlag zu unterstützen versprochen und sämmtliche Zei- tungen finden diesen Gedanken genial, großartig. Gut, wie wäre es, wenn diese Wilhelmsspende dem arbei- tenden Volke als Fundament eines zu errichtenden großartigen Verbandes gegeben würde? Natürlich müßte auch das arbei- tende Volk diesen Fond selbständig verwalten und keine büreaukratischen Pfuscher dürften sich in die Bolkssache hinein- mischen. Doch wir glauben nicht, daß die vom arbeitenden Volke aufgebrachten Pfennige, genannt Wilhelmsspende, in Wirklichkeit auch zu einem großen, volksthümlichen Zweck ver- wandt werden. Aus Berlin. --- 10. August. Vorgestern hat im Neuen Gesellschaftshaus Hierselbst der fortschrittliche Agitator Virchow eine Rede für den Candidaten der vereinigten Reaktionäre im 4. Wahlkreise gehalten und dabei in geradezu pöbelhafter Weise auf die Sozialdemokratie gefchimpft. Er redete von der völligen Vernichtung der persönlichen Freiheit, welche die Sozialdemokratie anstrebe; er redete von den unsitt- lichen Ideen der Sozialdemokratie, welche verlange, daß jeder Mensch sich seine Pflichten vom Staate vorschreiben lassen müsse, und um Allem die Krone aufzusetzen, verstieg sich der früher so klare, jetzt so confus gewordene Professor zu folgender Aus- führung: „Das Beamtenthum stellt eine Art Organisation der Arbeit dar. Wenn es nun schon unmöglich ist, den Nothstand der kleinen Beamten zu beseitigen trotz ihrer verhältnißmäßig nur noch geringen Zahl, wie viel weniger wird dies möglich sein, wenn alle Menschen Beamte sind. Je größer die Zahl der vom Staate Abhängigen ist, um so größer wird auch die Summe der Unzuträglichkeiten für sie werden." Auf den Kernpunkt der Frage, ob in einem sozialistischen Staate sämmtliche Menschen Beamte in der heutigen Bedeutung des Wortes sein werden, gehe ich nicht ein, da jeder Ihrer Leser weiß, daß das Genossenschaftswesen der Zukunft in dem Sinne nicht aufgefaßt werden kann und nicht aufgefaßt wird. Herr Virchow hätte deshalb, bevor er solche Auseinanderfetzungen machte, seine Nase erst in einige iozialistische Schriften stecken sollen. Bekannt ist der Herr Professor nämlich schon dafür, daß er gern über Dinge redet, von denen er nichts versteht— das hat ihm noch kürzlich Professor Hr. Höckel zu Jena, nebenbei gesagt, in einer kürzlich erschienenen Schrift zur Genüge be- wiesen. Aber das hätte Herr Virchow sich sagen können, daß es ein totaler Unsinn ist, die Möglichkeit zu bestreiten, den gegen- wältigen Nothstand der kleinen Beamten zu beseitigen. Wenn die Staatsregierung und die Volksvertretung dazu den Willen hätten, so brauchten sie nur das Militärbudget um die Hälfte zu verringern. Es würde dann eine jährliche Summe von circa 250 Millionen Mark mobil werden, mit welcher man der Roth- läge der kleinen Beamten mit einem Schlage ein Ende machen könnte. Und ferner hätten Herr Virchow und Herr Straßmann, der den Vorsitz führte, wissen können, daß es höchst unanständig ist, wenn man zuerst eine Partei beschimpft, diese Partei nicht zu Worte kommen zu lassen. Es hatte sich nämlich ein Sozial- demokrat zu Worte gemeldet, doch wurde nach der Rede des unfehlbaren Fortschrittspapstes Virchow die Versammlung sofort geschlossen. Die liberale und die Fortschrittspartei erhoben in ihren Organen ein großes Geschrei über die Wahlbeeinflussungen Seitens der Behörden ihnen gegenüber. Darauf erwidert die conservative„Post", diese heißblütige Gegnerin des Sozialismus, in folgender zutreffender Weise: „Nirgends ist die Wahlbeeinflussung so stark ausgeübt wor- den, wie in Berlin, wo bekanntlich die Sozialdemokraten,)velche zu bekämpfen, und zwar mit geistigen Mitteln zu bekämpfen die Fortschrittspartei vorgiebt, in jeder denkbaren Weise durch die Äehörden verhindert wurden, ihre Agitation wenigstens in der Oeffentlichkeit zu betreiben. Während die fortschrittlichen Reiseprediger von Lokal zu Lokal zogen, um diefelbe agitatorische Rede zu wiederholen, war es den Sozialdemokraten unmöglich, ein Lokal zu fiiioen. Während die Fortschrittspartei lügen- strotzende Flugblätter verbreitete, wurden die nicht viel schlimmeren der Sozialdemokratie confiscirt, ja manches Mal sogar die Verbreiter derselben verhaftet. Die Fortschrittspartei hat sich diese Hülfe mit Wohlbehagen gefallen lassen, und wir haben in allen ihren Aeußerungen auch nicht ein Wort darüber gefunden, daß sie das Einschreiten der Behörde miß- billigte, oder sich irgendwie blos eingestanden hätte, wie sie dieser Intervention die Möglichkeit ihrer Ueberhebungen gegen die ge- mäßigten Parteien verdankt." Ich hahe Ihnen schon früher berichtet, daß die in Berlin unter den Augen und mit Beihülfe der Fortschrittler stattge- habten polizeilichen Wahlbeeinflussungen alles Menschenmögliche überstiegen haben und zwar besonders im 6. Berliner Wahlkreise Im Reichstage werden darüber äußerst interessante VerHand- lungen stattfinden, da das hiesige Wahlcomitö das Material sammelt und einen Protest bei dem Reichstage einreichen wird. Wie weit die liberalen Blätter jetzt die Heuchelei treiben, das geht aus einem Artikel der liberalen„Cösliner Zeitung hervor, in welchem es heißt: „Die Art und Weise, in welcher arme Arbeiter auf dem Lande dafür, daß sie nach ihrer Ueberzeugung liberal wählten, nachträglich von ihren hochconservativen Arbeitgebern bestrast werden, ist wahrhaft empörend. Eine krassere Verhöhnung der Wahlfreiheit, wie sie uns in verschiedenen Berichten aus unserem Wahlkreise vorliegt, ist gar nicht denkbar. Wir wollen heut nur an einem Beispiele zeigen, welche Mittel angewendet werden, um den Leuten ein- für allemal die Lust zu benehmen, gegen den Willen ihres gestrengen Herrn ihr Wahlrecht auszuüben, der Leser wird sich dann gewiß nicht mehr wundern, woher die große Majorität für den Candidaten der Conservativen in unserm Wahlkreise kommt. Der Gutspächter Weske in Amalienhof bei Hohenfelde erfuhr, daß der auf dem Gute arbeitende Tagelöhner Dallmann sieben Stimmzettel mit dem Namen des liberalen Candidaten, Herrn Kreisgerichtsrath Hildebrand, vertheilt habe. Weske ließ den Dallmann sofort antreten, verwies ihm die Ver- theilung der Zettel als höchst ungehörig und erklärte ihm, daß er verlange, Herrn v. Gerlach zu wählen, wonach er(Dallmann) sich richten möge. Dallmann erklärte, nach seiner Ansicht sei die Wahl srei, worauf ihm Herr Gutspächter Weske keine Antwort gab, sondern seines Weges ging. Nach der Wahl fanden sich die sieben Stimmzettel für den liberalen Candidaten in der Urne vor und Dallmann wurde nun sofort vor das Forum des ge- strengen Herrn geladen, um dort die heftigsten Vorwürfe für sein nach der Ansicht des p. Weske ungehorsames Benehmen über sich ergehen zu lassen. Herr Weske blieb aber in seinem hochconservativen Eifer hierbei nicht stehen, sondern ging in einer Weise gegen Dallmann vor, zu welcher er allerdings gesetzlich berechtigt ist, welche den Arbeiter aber vollständig zur Ver- zweiflung treiben muß. Dallmann mußte zur Bestellung seines Ackers im vorigen Jahre von seinem Arbeitgeber, Herrn Weske, Kartoffeln entnehmen und gerieth dadurch in einen Vorschuß, der nach und nach abgezahlt werden sollte. Jetzt, nachdem sich Dallmann unterfangen hatte, liberal zu wählen, wurde ihm von p. Weske angekündigt, daß er baares Geld in der Folge gar nicht mehr erhalte, bis der Vorschuß abgezahlt sei. Herr Weske hat Wort gehalten, und Dallmann ist auch richtig in die bitterste Noth getrieben, so daß er gestern Abend noch die drei Meilen von Amalienhos nach Cöslin zurücklegte, um sich heute früh nach dem von hier IV2 Meile entfernten Gute Wusseken, dem Herrn Kreisgerichtsrath Hildebrand gehörig, zu begeben, in der Hoff- nung, dort vielleicht Arbeit und das zum Leben Nothdürftigste zu erhalten." So schreiben jetzt die liberalen Blätter, welche vor der Wahl in Jubel ausbrachen, wenn liberale Fabrikanten sozialdemokratische Arbeiter entließen und so die Wahlfreiheit schändeten. Man sieht, wie wahr es ist, wenn die liberal-fortschrittliche Partei die Partei der politischen Heuchelei genannt wird. Auch Herr Windthorst giebt den Liberalen eine derbe Lektion, indem er von dem„traurigen Ruhm" spricht, welchen sich die Fabrikanten durch ihre Arbeiterbedrohungen erworben haben.-- Nachdem die Wahl im 6. Wahlkreis längst vorüber ist, sendet die löbliche Polizei die den Verbreitern widerrechtlich abgenom- menen Flugblätter für Hasenclever nachträglich, wie zum Hohn, in's Haus zurück. Die Polizei sieht also ihr Unrecht ein, sie hat aber ihren Zweck erreicht, indem sie die Wahl des fort- schrittlichen Reaktionärs Klotz im 6. Kreise ermöglichte.— Der fortschrittliche Agitator, Kaufmann Wöllmer, der im Kreise Beeskow mit Moltke in engerer Wahl sich befindet, wird von den dortigen Conservativen mit all' den liebenswürdigen Schmeichelnamen belegt, mit denen uns die fortschrittliche Presse immer bedenkt.„Obskurer Agent",„ein von den Arbeitergroschen lebender Agitator, der mit seinen wenig vertrauenerregend aus- sehenden Kumpanen Bierreisen macht" ic. ic. Die fortschrittliche Presse ist natürlich darüber sehr wüthend, doch:„Was du nicht willst, das man dir thu', das füg' auch keinem Andern zu." „Madai geht und nimmer kehrt er wieder!" so hallt der Angstruf durch unsere Stadt. Hat der Aermste seine Schuldig- keit bei den letzten Wahlen noch nicht völlig gethan, ist er gegen die Sozialisten noch nicht bis an die Grenze des Mög- lichen gegangen? Wird er deshalb gegangen? Da ist Tessen- dorf doch ein anderer Mann, der seine Schuldigkeit voll und ganz thut. Es wäre auch schade, wenn dieser Herr von Berlin versetzt würde, schade für die Ausbreitung der Sozialdemokratie. Engere Wahlen. Dresden: Bebel 11,616, Friesen(kons.) 10.712 St. Breslau: Reinders 9767, Molinari(nat.-lib.) 9318 St. Die dritte Abtheilung des Cabinets des weitzen Czaren. Schon vor Peter des Großen Zeit bestand am Czarenhof zu Moskau und Kiew eine Geheimpolizei, ganz nach dem Muster der türkischen eingerichtet, welche unter dem Namen Gowinnoii (d. h. Freunde:c. d. Herrschers) ihr Amt versahen. Ebensowenig wie an den orientalischen Sultanshöfen galt dies Amt für schimpflich oder erniedrigend in den Augen des loyalen Altrussen, und stets waren es Männer aus den vornehmen Familien des Landes— einen eigentlichen Adel kennt der Russe so wenig wie überhaupt der Slawe—, die in den oberen Stellen dieses Ver- waltungszweiges fungirten. Die Nachtseiten jeder despotischen Regierungsform machten eine derartige Einrichtung so selbst- verständlich, daß Niemand daran Anstoß nahm. Die höheren Stände waren die Einzigen, welche mit dieser Größe im gesell- schaftlichen Leben zu rechnen hatten, und sie thaten es, wie es ihre Väter gethan. Diese Gowinnoii und keineswegs seine Ausländer waren es, die Peter den Großen vor der Strelitzenverschwörung, wie vor anderen Fallstricken rechtzeitig warnten. Als nun Peter die wichtigste und ausdauerndste seiner Re- formen schuf, jene großartige Rangliste, den Tschin, der noch heute gewissermaßen die Grundlage der ganzen russischen Beamten- Hierarchie bildet, organisirte er Ministerialcollegien nach dem Muster des Auslandes, was ein verhängnißvoller Mißgriff des genialen Reformators war. Damals war noch hinreichend Leben und Thatigkeit m den alten nationalen, ständischen Verwaltungskceisen des russischen Volkes, den Wojewodschaften; hätte Peter hier seinen schaffenden Geist walten lassen zur Neubelebung und Umformung der alten dem Volke theuern und ehrwürdigen Verwaltungsformen, die, dem Bolksgeist und dem nationalen B-durfniß entstammend, sich lange trefflich bewährt hatten, so hätten ungeahnte, segensreiche Folgen für die Nation sich entwickeln mögen. Nicht ausgehalten und gewaltsam in fremde, zum Theil ihm durchaus feindselig spröde Formen gezwängt, hätte sich der ruf- fische Nationalgeist mächtig entfalten können in eigenartiger Ent- Wickelung, wurzelnd auf den alten, einheimischen Standeverhalt- nissen.- Vielleicht ein großes Glück für ganz Westeuropa, daß es nicht also gekommen, sondern daß Peter I., ein Kmd seiner Zeit, vor Allem die fremde Form für das Wichtigste ansah, in welche er die weitere Entwickelung des Volkes hinein zwingen wollte. Wir Alle wissen, wie sein Werk nur zum Theil ihm gelang, ebensowenig wurde es unter seinen Nachfolgern vollendet, wie es denn heutigen Tages noch ein unfertiges Ganzes darstellt, dessen einzelne, zum Theil widerstrebende Theile einen ganz ver- Sozialpolitische Uebersicht. — Der deutsche Kronprinz soll sich sehr unzufrieden über den Ausfall der Wahlen geäußert und die Ansicht ausge- sprachen haben, daß die Auflösung des Reichstags ein Fehler gewesen sei. Vielleicht nicht ganz unrichtig. Jedenfalls steht so viel fest, daß nur die beiden reichsfeindlichen Parteien: Centrum und Sozialdemokraten, Ursache haben, mit den Wahl- resultaten zufrieden zu sein. Die Conservativen haben nicht die gewünschte Majorität erlangt, und die Liberalen(einschließlich der Fortschrittler) sind vollständig zersprengt. Die ausschlag- gebende Partei im neuen Reichstag ist das Centrum— eine drastische Illustration Bismarcksscher Staatsweisheit. Daß die katholische Partei nicht gesonnen ist, die Bahnen der Reaktion zu wandeln, die man in Kissingen vorzeichnen möchte, wird am besten durch das Verhalten der Centrums-Candidaten bei den Stichwahlen dargethan, wo fie sich durchweg gegen Ausnahme- gesetze und Beschränkung des Wahlrechts erklärten. — Nobiling hat einen neuen Selbstmordversuch gemacht. Das Reptil, welches diese sehr verdächtige Thatsache mit- theilt, fügt bei:„Dadurch(durch den Selbstmordversuch) ist bewiesen, daß Nobiling wieder bei Verstand ist." Das Reptil 'cheint nicht zu wissen, daß die Selbstmörder eine eigene Kategorie der Irrsinnigen bilden, und daß die Selbst- Mordversuche derselben nicht Beweise wiederkehrender Vernunft, 'andern umgekehrt Beweise des Irrsinns sind. Doch wozu mit solchem Gesindel sich einlassen, das prosessionsmäßig lügt. Etwas ist freilich durch den Nobiling'schen Selbstmordversuch bewiesen, nämlich daß man sehr schlecht auf Nobiling Acht giebt. Wir hoffen, man wird ihm nicht die Gelegenheit zu einem neuen Selbstmordversuch bieten, dessen Gelingen für unsere Attentatsp'artei freilich von außerordentlichem Nutzen wäre. — Zur Entlarvung der namenlosen Schurken, die Nobiling zu einem Mitglied und Agenten der Sozialdemokratie gestempelt haben, ist es dringend nothwendig, daß Nobiling vor den Schranken des Gerichts erscheine. — Der„Frankfurter Zeitung" wird aus Berlin berichtet: Wie wir hören, hat das Reichsjustizamt die Revision des Ge- nossenschaftsgesetzes bereits in Angriff genommen. Als eine dabei zur Entscheidung zu bringende Hauptfrage wird angesehen, ob sich eine Aenderung der Genossenschaftsgesetzgebung, welche jetzt nur physischen Personen, nicht aber Kaufleuten unter ihrer Handelsfirma und offenen Handelsgesellschaften die Mitgliedschaft in Genossenschaften gestattet, dahin empfehlen würde, daß auch andere als physische Einzelpersonen Mitglieder von Genossen- chaften werden können. Es wird im Reichsjustizamt weiter eine Milderung der gesetzlichen Solidarhaft der einzelnen Ge- schiedenen Grad der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit darstellen. So ist es auch mit dem Tichin gegangen. Dies sollte eine, die ganze große russische Beamtenhierarchie umfassende Tabulatur sein, in der Alles in gliedernde Rangklassen eingetheilt, streng nach der Anciennetät vorrückend, eine ewige„Rang- und Quartierliste" finden sollte. Nur schade, es fehlten zum Ausfüllen— die Beamten! Und je mehr sich das russische Reich durch absichtliche oder zufällige Eroberungen vergrößerte, desto empfindlicher trat der Mangel hervor an einem Material für die zahllosen Beamten, welche die schwerfällige Regierungsmaschine verlangte.— Es würde uns weit ab von unserem Thema führen, wollten wir auf diese Ver- Hältnisse näher eingehen. Nur Eines sei hier, weil zum Berständniß unumgänglich nöthig, angedeutet. Schon Peter l. hatte die Schwierigkeit bitter empfunden, aus seinem Volke das Material für einen tüchtigen, ehrliebenden Beamtenstand zu entnehmen. Er war genöthigt, sich an das Ausland zu wenden. Einen eigentlichen Adel gab es nicht; die wenigen Familien abgerechnet, welche von den alten Wojewoden, d. h. Herzögen, abstammten und nicht durch mehr- fache Widersetzlichkeit und Empörung neben dem Leben auch den Besitz verloren hatten, gab es nur größere oder kleinere Grund- besitzer, die mehr oder weniger unfrei im Zustande äußerster Un- bildung vegetirten und geistig nur wenig sich von der politisch todten Masse der Leibeigenen unterschieden. Nun aber hatte Peter einen großen und folgenschweren Fehler begangen, indem er einen wichtigen Faktor des Volkslebens, einen Stand, in dem die ganze geistige Regsamkeit und die wirklich staunenswerthe Schnellkraft und Energie in Bezug auf den Erwerb sich concentrirte, mit despotischer Willkür behandelte und dadurch sich entfremdete und in die Reihen der Opposition trieb. Das war der Kaufmanns stand. Schon zu jener Zeit in mächtige Corporationen zusammengeschlossen, die theilweise bis in die Zeiten der deutschen Hansa reichten, bildete der russische Handelsstand entschieden den Theil des Volkes, auf den ein Re- formator und Freund des Fortschrittes am ersten sich hätte stützen müssen. Das gerade Gegentheil geschah; Peter versuchte nach dem Vorbilde der kurzsichtigen und unheilsvollen Handelspolitik, die zu jener Zeit in Frankreich wie in Holland am Ruoer war, durch räuberisches Pachtwesen den Handelstand auszusaugen und trieb ihn dadurch zunächst der Opposition in die Arme. Diese Opposition stützte sich auf den conservativen Sinn des slawischen Stammes in Allem, was Staat und— Kirche betrifft. — Und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag, können wir im Allgemeinen dreist behaupten. Noch heute steht der russische Kaufmannsstand im Großen und Ganzen als geschlossene Phalanx in den Reihen der„Raskolniks", der orthodoxen Altgläubigen, welche die von Peter I. geschaffene nationale Kirche ; nossenschaften den Gläubigern der Genossenschast gegenüber für nothwendig erachtet und dürste deshalb eine frühzeitigere Ge- staltung des Umlageverfahrens, als dies nach dem Genossen- schaftsgesetze von 1868 statthaft ist, sowie eine genauere Fest- stellung des Regreßweges zwischen den einzelnen Genossenschaften, namentlich zwischen den ausgeschiedenen Genossenschaftern und der Genossenschaft, in Ausficht genommen worden. Nach den Bestimmungen des Genossenschaftsgesetzes darf bekanntlich das Umlageverfahren erst nach Beendigung des Concursverfahrens beginnen und liegt es dann dem Vorstande ob, eine Berechnung anzufertigen, die Aufschluß darüber giebt, wie viel jede Ge- nossenschaft zur Befriedigung der Gläubiger wegen der im Eon- kurs erlittenen Ausfälle gegen die einzelnen solidarisch haftbaren Genossenschafter vorgehen, in Folge dessen insbesondere die wohlhabenderen Genossenschafter vollständig ruinirt werden können. Endlich ist noch eine Aenderung der Bestimmungen über die Ge- schäflsführung der Genossenschaft, insbesondere eine Verschärfung den Strafbestimmungen für Vorstandsmitglieder in's Auge ge- faßt werden. — Der sechst« deutsche Aerztetag, welcher vor einigen Tagen in Eisenach stattfand, hat sich dahin entschieden, daß der vom Reichsgesundheitsamt veröffentlichte Entwurf— Leichen- schau nur in Städten von über 5000 Einwohnern vorzunehmen — unannehmbar und an einer allgemeinen obligatorischen Leichenschau festzuhalten sei. Bezüglich der Jmpffrage wurde beschlossen Erhebungen über folzende Punkte anzustellen: 1) Ueber die neuerdings im Reiche angeblich vorgekommenen Gesundheitsbeschädigungen durch die Impfung, wobei jeder ein- zelne in den Schriften der Jmpfgegner aufgeführte Fall thunlichst zu prüfen ist. 2) Ueber eine fortlaufende Controle der etwa in der nächsten Zeit vorkommenden ähnlichen Fälle und eine organisirte Unter- suchung derselben von Vereinswegcn. 3) Ueber allgemeine Durchführbarkeit der animalen Impfung. 4) Ueber die von den Jmpfärzten beim Abimpfen zu beob- achtenden Vorsichtsmaßregeln in Form eines allgemeinen deutschen Regulativs auf Grund der vom Vereinsvorstande im Jahre 1874 eingereichten Petition. — Eine Wahlgeschichte, die für den Veranlasser nicht zum Besten ausfiel, wird aus München berichtet: Fünf Maurer führten nämlich Klage gegen den Maurermeister Griner, weil er sie am letzten Dienstag in der Ausübung ihres Wahlrechtes gehindert, resp. ohne Kündigung entlassen haben soll, nachdem sie trotz seines Verbotes um 5 Uhr statt um 6 Uhr Feierabend gemacht, um noch zur Wahlurne zu kommen. Maurermeister Griner wendet ein, daß fie ja über Mittag Zeit zum Wählen gehabt hätten. Beim Schiedsgerichte verlangen die Maurer nun ihre Löhne für 14 Tage pro Tag je 3 M. 30 Pf., also 39 M. 60 Pf. Sie führen an, daß die betreffenden Wahllokale sehr weit von der Baustelle entfernt waren. In der Mittagspause von fünf Viertelstunden wäre es ihnen unmöglich gewesen, den Wahlakt zu vollziehen und ihr Essen einzunehmen. Der Senat erkannte die Klage als vollständig berechtigt an und Herr Griner wurde verurtheilt, die Entschädigungen zu zahlen oder die Leute wieder zu beschäftigen. Auf diese Art werden die Herren Bourgeois schon zur Raison gebracht werden. — Vor dem Zuchtpolizeigericht in Köln wurde am 6. und 7. d. M. der Prozeß gegen unseren Genossen Joseph Dietzgen, Georg Schumacher und Stephan Johann Kröger verhandelt. Dieselben waren beschuldigt 1. zum Ungehorsam gegen Gesetze aufgefordert, 2. in einer den öffentliche» Fried,» gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Ge- waltthätigkeiten gegen einander öffentlich angereizt, 3. öffentlich Einrichtungen und Gebräuche der katholischen Kirche beschimpft und 4. erdichtete und entstellte Thatsachen öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der Obrigkeit verächtlich zu machen(§Z 110, 130, 131 und 166 des Strafgesetzbuchs). Dietzgen hatte Ende Mai verdammen. Selten oder nie trat bisher aus seinen Reihen Einer oder der Andere über, um den Beamtenstand des Landes zu verstärken; dagegen war das Geld der Kaufleutc, wenn auch seltener ihre Person, bei allen Aufständen und Revolutionen das eigentliche Agens, sobald dieselben eben nicht reine Palast- und Serailintriguen waren. Solchen Verhältnissen verdanft die Geheimpolizei Rußlands ihr Dasein, und wenn man sieht, von welcher furchtbaren Masse von Verrath, Treubruch und Empörung, die mit jeder Waffe, vom offenen Aufruhr bis zum tückischen Giftmord, kämpft, ein russischer Herrscher umgeben ist, so kann man kaum des entschuldigenden Gedankens sich erwehren— er hande aus voll- kommen berechtigter Nothwehr heraus. Peter I. und seine Nachfolger gaben diesem Theil des Staats- dienstes eine wechselnde Gestalt; an der Spitze des Ressorts stand bald ein einflußreicher Mann, ein Günstling des Herrschers, bald ein routinirter Verwaltungsbcamter; feste Normen fehlen und sind auch für die heutige Gestaltung der Dinge, aus die es unseren Lesern doch allein ankommt, von keiner Bedeutung.— Peter III. hob in seinem freisinnigen Enthusiasmus sogar die ganze Einrichtung auf und vertraute rückhaltlos sein Leben und seinen Thron seinen treuen und ehrliebenden Russen. Ob er wohl im entscheidenden Moment daran dachte, als sein dunkles Geschick sich erfüllte? Auch Alexander I. wollte zuerst in pla- tonischer Begeisterung nichts von einem so unmoralischen und eines wahren Herrschers unwürdigen Schutzmittel wissen. Die thatsächlichen Beweise von zwei ernsthaft genug gemeinten An- schlügen auf seine Person genügten indeß, um ihm eine andere Auffassung von der Lage der Dinge beizubringen. Nach dem Muster des von Fouche bei Napoleon geleiteten Geheimcabinets— man sagt, nach Fouchö's eigenhändigem Ent- würfe, den derselbe auf Napoleon's Befehl für seinen damaligen Freund Alexander ausarbeiten mußte— geschah die Einrichtung. Es war dies bei Gelegenheit jener„ewigen und unwiderruflichen" Alliance, die zum Symbole ihrer„Wacklichkeit" auf schwankem Floß im Riemen von Napoleon, Alexander und Friedrich Wilhelm abgeschlossen wurde. Eine Alliance, bei der Jeder den Separat- schwur that, sie sobald zu brechen, als das Verderben seiner beiden Alliirten es nur irgend erfordern würde. Jene Polizei-Einrichtung, welche in ihren Grundzügen noch bis heute gültig geblieben ist, werden wir später noch kennen lernen. Als wichtig ist gleich zu erwähnen, daß von jetzt ab niemals ein obscurer Fachbeamter des Polizeiwesens als Chef fungirt, sondern stets Personen, die dem Herzen Seiner Majestät besonders nahe stehen..~c.. Während der Regierung Alexander's war die Thätigkeit der dritten Abtheilung des kaiserlichen Cabinets eine verhältnißmäßig sehr ruhige und regelmäßige und beschränkte sich meistentheils auf die Bewachung der Gouverneure und Generalgouvcrneure t). I. in einer Restauration zu Köln einen Vortrag über die Zwecke der sozialdemokratischen Bestrebungen auf Veranlassung von Schumacher gehalten und auf dessen Aufforderung im Selbst- Verlag drucken lassen. Schumacher hatte dann den Commissions- Verlag der Schrift übernommen und Kröger dieselbe colportirt. In dieser Schrift findet nun die Staatsbehörde die Verstöße gegen die angeführten Paragraphen des Strafgesetzbuchs. Die Rathskammer des königl. Landgerichts hatte die Beschuldigten außer Verfolgung gesetzt.(Darauf reduzirt sich unsere irrige Nachricht, Dietzgen sei freigesprochen worden. R. d. V.) Auf die Berufung der Staatsbehörde verwies indeß der Anklage- senat die Beschuldigten vor das Zuchtpolizeigericht.„Sämmtliche Angeklagten, so schreibt die„Kölner Volkszeitung" in ihrem Bericht, find gut beleumundet. Der Bürgermeister von Siegburg giebt Dietzgen sogar das Zeugniß, daß er zu den fleißigsten und ordentlichsten Bürgern Siegburgs gehöre. Eine Reihe von Ent- lastungszeugen, welche zu den angesehensten Bürgern Siegburgs gehörten und alle von vornherein erklärten, daß sie nicht poli- tische Gesinnungsgenossen des Dietzgen seien, gbben demselben die besten Zeugnisse. Sie sagten aus, daß derselbe kem polüi- scher Agitator sei, sondern die Ziele der Sozialdemokratie nur auf dem Wege der Reform erstrebe, nie in Gesellschaft unauf- gefordert über Sozialdemokratie spreche, ein gutes Herz habe und seine Frau, die streng kirchlich sei, nie vom Besuche des Gottesdienstes abhalte. Der Entlastungszeuge Rentner Hellwitz von hier nannte Dietzgen einen Ehrenmann durch und durch, welcher mehr Philosoph als persönlicher Agitator sei." Dietzgen wurde bekanntlich anfangs Juni verhaftet und befand sich seit jener Zeit in Haft. Schumacher wird von der Polizei als Haupt- agitator geschildert, welcher in allen sozialdemokratischen Ver- sammlungcn als Redner auftrete und thatsächlich der Vertreter des sozialdemokratischen Arbeitervereins zu Köln gewesen sei. Kröger gehörte nach dem Leumundsbericht der Polizei dem sozial- demokratischen Agitationsrmitö an und„besitzt einen bittern Spott und beißenden Hohn". Sämmtliche Beschuldigte bestritten den strafbaren Inhalt der Schrift. Dietzgen gab an, daß er viele Artikel für den„Vorwärts" und einige für die„Kölner Freie Presse" geschrieben, aber nie ein Honorar erhalten habe. Nur einmal habe er ein Honorar ohne sein Verlangen für einen Artikel erhalten, der in dem in Zürich erscheinenden Blatte „Die Neue Gesellschaft" erschienen sei. Schumacher erklärte, daß er das Manuskript des Vortrages vor dem Drucke nicht in der Hand gehabt und also nach dem einmaligen Hören des Vor- träges den Inhalt nicht genau gekannt habe. Kröger machte geltend, daß er den Vortrag nur theilweise gehört habe. Herr Advokatanwalt Elven vertheidigte die Anklagen in einem mehr als zweistündigen Vortrage und plaidirte auf Freisprechung sämmtlicher Beschuldigten. Wegen vorgerückter Zeit wurden die Verhandlungen Dinstag(6. d.) Abend nach 7 Uhr abgebrochen, um Mittwoch Vormittag um 9 Uhr wieder aufgenommen zu werden. Der Präsident machte beim Beginn der zweiten Sitzung Dietzchen aufmerksam darauf, daß derselbe auf dem Transporte von Siegburg hierher einen Fluchtversuch gemacht habe und fügte hinzu, daß er glaube, dies sei der Grund gewesen, warum man sein Gesuch um Entlassung aus der Vorhaft abgeleant habe. Dietzgen erwiderte, daß er den Fluchtversuch gemacht habe, um sich der Vorhaft zu entziehen, deren Ende er bei dem damals herrschenden Terrorismus nicht habe absehen können. Der Ver- treter des öffentlichen Ministeriums beantragte gegen Dietzgen ein Jahr Gefängnißstrafe, gegen Schumacher neun Monate, gegen Kröger sechs Monate. Die Verkündigung des Urtheils wurde auf den folgenden Sonnabend, den 10. d., ausgesetzt. Das Urtheil lautet gegen alle drei Angeklagten auf Frei- sprechung. Auf Antrag des Staatsanwalts, der Appellation anmeldete, wurde Dietzgen in Haft behalten. — Die Schwaben werden noch immer nicht gescheit. Die Nr. 64 der„Süddeutschen Volkszeitung"(Stuttgart) berichtet erstens, daß Nr. 63 des Blattes confiscirt worden sei; zweitens die Genossen Dr. Dulk, Lossau, Degenhard, Rieger, Schuller, Sievers und Neumann sich noch immer in Haft be- finden; drittens die Nr. 16 des„Genossenschafter", Organ für Gold- und Silberarbeiter, confiscirt worden sei, und viertens in Stuttgart die Flugblätter der Sozialisten und Reichstreuen und in Heilbronn drei volksparteiliche und ein conservatives Flugblatt confiszirt worden seien. Wenn das die Schwaben nicht rettet, so kann ihnen nimmermehr geholfen werden. — Ueber den Kutscherstrike in Paris schreibt die„Vos- fische Zeitung":„Kaum sind die großen Arbeitseinstellungen in den Provinzen bewältigt, so tritt eine viel größere in Paris ein. Alle Kutscher feiern heute, und man kann sich denken, welche Hindernisse und Nachtheile es erzeugt, wenn von gegen 8000 Droschken kaum einige Hundert in Betrieb find, die Stadt aber wegen der Weltausstellung 100,000 Fremde mehr zählt, welche der Fuhrwerke«m so häufiger bedürfen. Uebrigens befinden sich die Kutscher zwischen Hammer und Ambos. Die Polizei- präfektur bestraft unnachsichtlich, ohne Verhör und Vertheidigung, alle Kutscher, welche sich weigern, zum gewöhnlichen Tarif Fahr- gäste aufzunehmen, und hat ihrer allein am Nationalfest des 30. Juni 247 deshalb verhaftet. Die Droschkengesellschaften aber, und nach ihr die meisten Fuhrherren, verlangen, daß der Kutscher täglich 20 bis 30 Franken, an Sonn- und Festtagen selbst noch viel mehr, abliefere. Der Kutscher, welcher für den gesetzlich festgestellten Preis fährt, bringt es aber nur im besten Falle auf diese Summe, es bleibt also nichts für ihn. Die Ge- sellschaft nährt dabei die Pferde so schlecht, daß der Kutscher täglich für 75 Centimes bis 1 Franken Hafer aus eigener Tasche zukaufen muß, damit sie überhaupt noch leistungsfähig sind. Nun verlangt die Polizeipräfektur, freilich im wohlverstandenen Interesse des Publikums, daß jeder öffentliche Wagen mit einem Schildchen versehen ist, auf welchem louö(vermiethet) steht, wenn derselbe nicht frei ist; andernfalls muß derselbe ohne Wei- teres jeden Fahrgast aufnehmen. Dadurch wäre es den Kutschern unmöglich, eine Fahrt zu dem gesetzlichen. Preise zu verweigern. Deshalb gehen sowohl die Kutscher als die Droschkengesellschaft hierauf nicht ein. Letztere macht ohnedies schlechte Geschäfte, ist sie doch eine der schmählichsten Gründungen des Kaiserreichs, welche lange Jahre hindurch ein Privilegium besaß und die Fahrpreise auf die doppelte Höhe geschraubt hat. Außer einigen Hundert Kutschern, welche ihre eigenen Wagen haben, oder bei kleinen, nebenbei selbst fahrenden Fuhrherren beschäftigt sind, sieht man heute keine Droschke auf der Straße, die deshalb sehr leer erscheinen. In meiner Nähe sind groß: Stallungen der Droschkengesellschaft, aber alle Wagen stehen unbespannt unter den Schuppen, während seit dem Morgen mehrere Polizisten die Straße besetzt halten. Die feiernden Kutscher halten sich fern, man sieht nur ausnahmsweise einen auf ihren gewöhnlichen Sammelplätzen. Mir ist berichtet worden, die Gesellschaft wolle den Strike und habe ihren Kutschern je 5 Franken für den Tag versprochen. Jedenfalls schiebt sie alsdann die Kutscher vor, um die Aufhebung des gesetzlichen Fahrpreises und der polizeilichen Vorschriften zu erzwingen. Für diejenigen, welche öfter Fuhr werk brauchen, sind das schlechte Aussichten, nämlich die Gewiß heit einer neuen Vertheuerung. — Das Züricher kantonale Arbeitercomits hat an den Regierungsrath einen Antrag gerichtet betreffs Uebernahme des Getreidehandels durch den Staat. Der Antrag ist von 6072 Wählern unterstützt und muß laut Verfaffung zur Volksabstimmung gebracht werden. Die Schweizer Arbeiter gehen mit dem Sozialismus und seinen Forderungen praktisch um, das muß man sagen; kaum haben sie das Fabrikgesetz durch- gesetzt, kommen sie mit diesem Vorschlag, der für das gesammte Volk von unberechenbarem Vortheil sein wird. Die Erde bringt so viel hervor, daß noch einmal soviel Menschen, wie überhaupt existiren, leben könnten. Und doch lesen wir tagtäglich von Fällen, in denen Menschen Hungers halber gestorben sind. Die Ursachen liegen in unserer verkehrten Weltordnung; Verbesse rungen können aber nur dadurch herbeigeführt werden, daß man das Uebcl an der Wurzel anfaßt und idie Ursachen entfernt. Jetzt liegt der Getreidehandel in den Händen von gewissenlosen Händlern und Agenten, die die Preise künstlich in die Höhe treiben und das Getreide lieber verfaulen lassen, als billiger verkaufen. Es heißt oft: aber das ist'ein fruchtbares Jahr, und doch werden die nothwendigsten Lebensmittel nicht billiger! Da müssen die Bauern aber reich werden! Man sehe nur hin in die Bauerndörfer, wie viel es dort reiche Leute giebt— alle Jahre werden der Armen mehr und der Reichen weniger. Die Händler und Agenten allein sind es, welche das Fett abschöpfen und von dem Schweiße des Landmanns leben. Und diesem Uebel kann nur allein dadurch gesteuert werden, daß der Staat den Getreidehandel übernimmt und dem Privatmann ver- boten wird, mit diesem allernothwendigsten Lebensmittel Ge- schäfte zu machen, Wucher zu treiben. Wir wünschen' den Schweizer Arbeitern Glück zu ihrem edlen Unternehmen! — Der Redakteur des„Braunschweiger Volksfreund", Genosse Kokosky, ist am 6. d. M. in Haft genommen worden, um eine sechsmonatliche Gefängnißstrafe„abzubüßen". — Unerhört! Seit länger als zwölf Jahren wird die unter dem Titel: Arbeiterlesebuch gedruckte große Frankfurter Rede Lassalle's von allen Buchhandlungen unbehindert ver- trieben. Diese Brochüre ist geradezu ein Stolz der deutschen Literatur. In Kiel aber wurde dieselbe in der Expedition der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung" mit Beschlag belegt und zwar auf Grund eines im Jahre 1873 gefaßten Rathskammer- beschlusses in Potsdam!— Potsdamer, Ihr! — Im Offenbach-Dieburger Wahlkreis Haider reaktionär- liberale Dernburg mit einer Mehrheit von etwa 400 Stimmen 11,100 gegen 10,700) über Liebknecht gesiegt. Bei der vorigen Stichwahl hatte er einen Borsprung von über 2000.— Wir haben also Fortschritte gemacht, die uns bei der nächsten Wahl den Sieg verbürgen. — Aus Brüssel erhalten wir eine„Adresse" an die beut- schen Arbeiter mit einem„fröhlichen Glückauf zu den Stich- wählen!" Wir werden das Schriftstück in nächster Nummer veröffentlichen. der einzelnen Gouvernements, soweit ihre Thättgkeit nicht von den polnischen Zuständen absorbirt wurde. Es war ein böser Zufall— die Geschichte ist reich an solchen—, daß der damalige Chef des Cabinets der dritten Ab- theilung, Graf Regnin, am Vorarbende der Reise des Kaisers Alexander nach Taganrog, von welcher dieser nicht wiederkehren sollte, bei der Heimkehr von seinem abendlichen Spazierritt mit dem Pferde stürzte; es hieß, unnütze Buben hätten einen Strick über die Straße gespannt. So reiste denn sein Stellvertreter und langjähriger Gegner, der Rath Kuffski, mit dem Kaiser. Nach des Letzteren Tode aber brach das goldene Zeitalter für die dritte Abtheilung des kaiserlichen Cabinets an. Czar Niko- laus, das war der Mann für eine derartige Institution. Er begann damit, die ganze Regierungsmaschine außerordent- lich zu vereinfachen, wie er glaubte; in Wirklichkeit fügte er zu den hunderttausend alten, zum Theil recht erklecklich eingerosteten Rädern einige neue, wodurch die Friktion der ganzen Maschine nicht unerheblich wuchs. Indessen das machte nichts, wenn er nur in dem Wahne bestärkt wurde, er regiere allein. Nie lebte ein Herrscher zeitlebens in einem größeren Jrrthum. Zuerst hatte es schon unter Peter I. einen Senat gegeben, der von Alters her eine berathende Stimme neben dem autokratischen Herrscher besessen hatte. Die Persönlichkeit des jedesmaligen Herrschers und des Scnatspräsidenten— ich will die Leser nicht mit den russischen Namen, die nur an einem längeren Sommer- Mi auszusprechen sind, behelligen � bestimmten die Art dieses «"'„""es, der größer war, als man gemeinhin glaubte. Diesem er W P�er seinen Einfluß entrissen, dadurch, daß Titel ber wichtigsten Verwaltungszweige mit dem ?elege�'°ld:re°ren und dem Prädikat Excellenz versah, sie Gesetze Vernetz™? Reinigte und von ihnen dann in pleno �e er mtt einzelnen� �chtig- Maßregeln gutheißen ließ. mit andere» llWkn». �.'�lledern dieses Collegrums, häufig auch und wann-iL n«»» h°tte. Dem Senate wurde dann Versammluna nntaeltzeL- derartiger Novellen in feierlicher CU Ä""'4' wÄß-Ä Form war beseitigen wollte, obwohl sie nur leere Nikolaus erhöhte nicht nur die Zahl der Generaldirektoren ?uf 10, sondern ernannte sie zu Mmistern. und zwar gab er ihnen auch Mlnisterlen, so daß nun für jeden Vcrwaltunaszweig ein Mikrokosmus von Beamten m Petersburg'selbst aescbasien wurde, den jeder Bericht von Stufe zu Stufe ru durcklaufe!! hatte, während in ftüherer Zeit der Direktor selbst kurr und gut Mit Wenigen Schreibern die Sachen erledigt hatte. Ferner schuf Nikolaus„das Cabinet des Czaren", welches, in vier Abtheilungen, unabhängig von den Ministerien, Bruch- stücke aus den wichtigsten Verwaltungsbranchen zur unmittelbaren Erledigung durch den Czar vorzuberathen hatte. Wer ein wenig im Hofleben Bescheid weiß, kann sich denken, wie neben einem solchen Cabinetschef, und sei es ein 30jähriger Mann, der älteste Ressortminister zur Null herabsank.— Hatte Jener doch zu allen Stunden das Ohr des Herrschers, lebte, wohnte vielleicht sogar unter einem Dache mit diesem, konnte die flüchtige Stimmung der Stunde benutzen, wo dem Minister nur die offizielle Audienz oder der Staatsrath in pleno offen stand. Daß diese Verhältnisse zu einem heillosen Jntriguenspiel geradezu aufforderten und wie die Sporen eines Giftpilzes wuchernd in alle Fugen und Spalten des ungelenken Staats- organismus drangen, dort die Friktion in's Unerhörte vermehrten, je weiter der Thatort von der Centralstelle entfernt war, ist natürlich. Dies zumeist führte dazu, die dritte Abtheilung des kaiserlichen Cabinets fortwährend zu erweitern. Nicht nur die Zahl der Bamten, sondern auch ihre Befugnisse wuchsen, und ihr wurde der offizielle Name Gendarmerie, wie auch wir sie jetzt bezeichnen wollen, gegeben. � Von einer simplen, geheimen Leibwache des Czaren, welche dessen Person schützen sollte, manchmal gegen seine offizielle meu- terische Garde, war die Gendarmerie zu einer Geheimpolizei für Petersburg avancirt. Dann zog sie das ewig gährende Polen in den Kreis ihrer Wirksamkeit. Bisher aber waren politische Vergehen ihr einziges und aus- schließliches Objekt gewesen. Nikolaus aber steckte ihr ganz neue Ziele. Die fähigsten und begabtesten der Linien- und Gardeoffiziere und Unteroffiziere wurden ihr zugetheilt. Sie selbst wurde in Abth-ilungen ge- gliedert, welche den Verwaltungskreisen Rußlands entsprachen, und für jedes Departement wurde eine Abtheilung Gendarmen bestimmt, der eine Anzahl wirklicher geheimer Agenten, die bürger- liche Kleidung trugen und irgend eine Stellung als Beamte oder Gewerbtreibende inne hatten, zugetheilt wurden. Wie eine ungeheure Spinne zog die Gendarmerie ihr Netz über alle gesellschaftlichen Kreise Rußlands. Wo ein Offizier in der wohlbekannten hellblauen Uniform erschien, öffneten sich ihm die sonst exclusiosten Kreise. Niemand wagte es, seine Besuche unerwidert, seine Einladungen unbesucht zu lassen. Wußte man doch, daß dies die Augen die Czaren seien, womit er Herz und Nieren seiner Beamten prüfte. Die Berichte, welche von diesen Gendarmen in dem Cabinet ihre** Chefs einliefen, entschieden in erster Reihe über das Schicksal des Betreffenden. Das Urtheil seines Ressortministers kam erst in zweiter Linie in Betracht. (Schluß folgt.) Befreiung der Christen und russische Cultur. Ein auf einer deutschen Universität studirender nicht muhame- danischer Türke schreibt uns: So ist es denn vollendet, das große Heldenwerk russischer Humanität, russischer Frömmigkeit und Nächstenliebe! Die armen verfolgten Brüder in Christo, sie sind befreit aus den Krallen der Ungläubigen, der Ketzer!— und der fromme Scythe hält auf dem Trümmerhaufen rauchender Moscheen den feierlichen Absolutions- und Leichenschmaus. Ganz Europa jubelt dem Befreier der verfolgten türkischen Christenheit, dem Coryphäen der Bildung und Humanität zu, ganz Europa höhnt den Löwen, der in tapferem Kampfe der zwanzigfachen Uebermacht erlag! Schon flammt die ganze Balkanhalbinsel von dem schlecht parfümirten Talglicht russischer Civilisation; am Strand der Donau ist der erste, im Rodope-Gebirge der letzte Altar errichtet, von dessen bluttriefendem und rauchendem Gemäuer russisch- christliche Nächsten- und Feindesliebe ihre Kapuziner-Predigten gegen die armen mißkannten Türken herabdonnert. Und Europa jubelt Beifall! Unter dem schlauen Deckmantel christlicher Liebe, unter dem nichtigen Vorwande türkischer Intoleranz und„zu Schutz und Schirm" von vier kläffenden Kötern griff eme Großmacht— deren Cultur sich sehr wenig über das Niveau sibirischer Eisbärenjagd und kosakischer Talg- und Spiritus-Consumtion erhebt, deren Literatur unendlich tief unter dem ottomanischen Parnaß einher- kriecht, deren Unterthanen, unbekannt mit dem Zauberwort„Frei- heit", bis vor wenigen Jahren noch unter dem unerträglichen Joch harter Sklaverei(Leibergenschaft) fröhnten— ein Volk an, das an Literatur und orientalischer Kultur, wie an Heldenruhm und ehemaligen Glanzepochen der russisch-christlichen Civilisation ebenbürtig, wo nicht überlegen ist! Mit dem Schlagwort der„Christenbefreiung" eroberte Ruß- land die Sympathien halb Europas. Nun sind die„unterdrückten Volksstämme", die sich Christen nennen, vom unerträglichen Joch des Halbmonds befreit, um in die Ketten einer christlich- despotischen Tyrannei zurückzusinken. Vergebens ist die Reue der früher fast souveränen Staaten „Serbien und Rumänien"; die Zeit ihrer politischen Existenz ist vorbei, die Zeit ihrer Knechtschaft ist gekommen. Bald wird von den Zinnen von Bukarest und Belgrad die russische Fahne niederwehen, und russische Statthalter werden mit dem„Recht" der Knute die bethörten Staatchen regieren.-- So unser Correspondent. Nun, durch den englisch-türkischen Vertrag ist den Russen denn doch ein Riegel vorgeschoben worden, der nicht so leicht zu zerbrechen sein wird. Bis jetzt besteht der Haupterfolg der russischen Diplomatie darin, daß Oesterreich in die bosnisch- herzegowische Falle getappt ist und nun für den russischen Czar bluten und sich vielleicht— verbluten muß. Ans Schwaben. Der Ausfall der Wahlen bei uns bietet kein erfreuliches Bild; es zeigte sich wieder so recht, daß die meisten Menschen nicht im Stande sind, selbstständig zu denken, sich lediglich als Stimmvieh gebrauchen lassen und allerdings das allgemeine Wahlrecht gar nicht verdienen. Während, abge- sehen von unserer Muckerrcsidenz, wenigstens in unseren größeren Städten, wie Eßlingen, Heilbronn, Cannstatt, Reutlingen, Tü- bingen, Göppingen, Freudenstadt und anderen die Candidaten der Volkspartei zum Theil erhebliche Majoritäten erzielten, ließen sich die Bauern heerdenweise an die Wahlurne treiben, um für den Regierungscandidaten zu stimmen, und diesem„ge- sunden Sinn der Landbevölkerung" haben es nun die verschie- denen Herren Obertribunal- und anderen Räthe zu danken, daß sie mit ganz überraschenden Majoritäten gewählt wurden. Wenn unsere Bauern vor dem rothcn Gespenst solche Furcht haben, daß sie sogar vor der bürgerlichen Demokratie, welche man"ihnen als Freundin und Bundesgenossin desselben darstellte, erschreckt zurückweichen, was sollen erst wir von ihnen erwarten! In Urach war es nicht möglich, ein Lokal für Retter, einen logen. Demokraten, zu bekommen— Liebknecht und Most würden jedenfalls dort gesteinigt! Das Traurigste an der Sache ist, daß mancher für Freiheit und Volkswohlfahrt begeisterte Mann sich abwendet von einem Volk, das mit Gewalt KUten will, zertreten sein will, das die Schafheerde bleiben will, die es schon seit 1000 Jahren ist.„Ein Volk hat nicht immer gerade diejenige Regierung, ganz gewiß aber immer diejenige Vertre- tung. die es verdient." Nun denn, meine Schwaben wenigstens, diese Krähwinkler Deutschlands, können sich nicht beklagen, wenn ihnen da? allgemeine Wahlrecht wieder abgenommen wird, — da die guten Leutchen es doch nicht gebrauchen wollen. Die schwäbischen Bauern, noch mehr aber eine gewisse Sorte von Städtern, sind jeder Belehrung unzugänglich, diese Menschen müssen fühlen: ehe fie nicht statt drei zehn Jahre in der Ka- ferne gedrillt werden, ehe ihnen nicht der letzte Blutstropfen in Gestalt indirekter Steuern abgezapft wird, eher werden diese menschenähnlichen Geschöpfe nicht zu vernünftigen Menschen.— Eine gute Seite hat der Ausfall der Wahlen aber vielleicht doch: möge die mit so großem Geräusch in die Wahlschlacht gezogene und so elendiglich unterlegene Volkspartei endlich einmal zur Einsicht gelangen, daß ihre Rolle ausgespielt ist, möge fie wenig- stens vorläufig ihren Schwerpunkt statt immer mehr nach rechts, nach links verlegen; nachdem die Wahlresultate vorliegen, wäre es freilich gewagt, zu behaupten, bei Befolgung einer anderen Taktik wäre noch der eine oder andere Candrdat durchzubringen gewesen, denn die Regierungsmaschine arbeitete mit zu gewaltigem Hochdruck, wie aus der Freitagsnummer der„Berliner Freie Presse" zu ersehen; allein das wird Niemand bestreiten, daß bei einem gedeihlichen Zusammenwirken mehr herausgekommen wäre, als z. B. bei den von der„Volkspartei" provozirten Streitige keiten in Eßlingen und Stuttgart. Wering, 4. August. Wahrlich Großarttges haben die so zialistischen Männer am 30. Juli geleistet. Wir haben eine Feuerprobe bestanden, welche in der Geschichte einzig dasteht. Mitten im Siegestaumel unsrer Gegner hört man auch schon den Nothschrei über den Stimmenzuwachs der Sozialdemokraten. Schon hört man diese Herren sagen: was nützen hier Ausnahme- gesetze. Diese Leute wollen die sozialistische Hochfluth dämmen mit ihren verschwommenen Programmen, mit Rohheit, Furcht und Feigheit. Was haben diese Ordnungshelden nicht schon erfunden, um unsere Hochfluth zu dämmen und mit welchem Erfolg? Immer mit einem kläglichen Fiasko. Es wollten fie unsre Führer fressen oder den wilden Thieren vorwerfen, da diese Herren aber am 30. Juli gesehen haben, daß wir nicht von unseren Führern, sondern dieselben von uns abhängen(und unsere Führer sitzen meistens im Kerker), indem ein jeder Sozial- demokrat Agitator ist, stehen diese Menschen verblüfft da und bewerfen sich gegenseitig mit Koth. Ja, ihr Herren Gegner, so ist's; heute Fortschrittler, morgen gemäßigter Liberaler, über- morgen reichstreu und Ordnungsheld, dann liberalconservativ, freiconservativ, reaktionär und zuletzt erzreaktionär, und das alles aus Furcht vor den Sozialdemokraten. Ihr braucht euch wahrlich nicht zu fürchten, für euch haben wir blos Mitleid. Wir können euch aber nicht helfen, tröstet euch, vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit und ihr seid Sozialisten eben so gut wie jetzt erzreaktionär, denn bei euch ist kein Ding unmöglich. Jetzt habt ihr Gegner freilich gesehen, daß mit Ausnahmegesetzen gegen uns nichts erreicht wird. Ihr seid mit einer Rohheit gegen uns vorgegangen, wie sie nur von Kosaken und Baschi-Bozuks zu erwarten ist. Ihr Schlaumeier, was habt ihr errungen damit? Daß wir einige Sitze im Reichstag verlieren, das konnte unter den angeführten Umständen gar nicht anders sein. Jedoch unsere immense Stimmenzahl, die liegt euch in den Knochen, das fällt euch schwer in die Wagschale. Wir haben in 38 norddeutschen Wahlkreisen, soviel bis jetzt ermittelt, 59,000 Stimmen mehr als voriges Jahr am 10. Januar. In Bayern haben wir unter den ungünstigsten Verhältnissen nahezu 6000 Stimmen im Durchschnitt mehr wie voriges Jahr. Und ihr wollt nun noch die Sozialdemokratie vernichten? O ihr Thoren, dies wäre zum Lachen, wenn wir nicht in einer zu ernsten Zeit lebten. So- zialistische Männer! Männer der Arbeit, Handwerker und Feld- debaucr, wir schwören, unsre Pflicht bei den Stichwahlen ebenso zu erfüllen wie am 30. Juli, wir werden überall eine Reserve in die Wahlschlacht führen, daß unfern Gegnern Hören und Sehen vergeht. Schon in wenigen Tagen werden unsre Resultate entschieden sein. Darum Hoch die Arbeit! Hoch die Sozial- demokratie! Stuttgart, 5. August. Wohl nicht leicht können in einem andern Wahlkreise die Genossen mit den gleichen Verfolgungen zu kämpfen gehabt haben, wie solche im 1. württembergischen Wahlkreise zu Tage traten. Kein Mittel wurde unversucht ge- lassen, uns unsere Wahlagitatton unmöglich zu machen. So sorgten unsere Gegner in erster Linie, uns die größeren Lokale zur Abhaltung von Wählerversammlungen, sowohl in Stuttgart wie auf dem Lande, streitig zu machen, und wir können sagen, daß ihnen dies auch gelang. Die Verleumdungen und Schmähungen unserer Partei und unseres Eandidaten von Seiten der liberal- conservativen Compromißpartei konnten ungestört vom Stapel gelassen werden, weil— nun weil es uns unmöglich gemacht wurde, aufklärend vor die Massen zu treten. Große Wähler- Versammlungen waren unmöglich und unsere Flugblätter wurden confiszirt. Und trotzdem ist das Wahlergebniß ein derartiges, daß unsere Gegner mit Schrecken merken, daß eine so gerechte Bestrebung wie die unsrige durch keinerlei Machination todt gemacht werden kann. Gegenüber den Vortheilen der anderen Parteien in der Wahlagitation steht da? Stimmenresultat für uns hoch, wie sich aus Folgendem crgiebt: Dr. Dulk(soz.-dem.) 4102, Hölder(lib.-cons.) 10,865, Leipheimer(Bolksp.) 3767, Probst(ultr.) 264 Stimmen.— Selbst wenn wir em Aus- nahmegesetz hätten, konnte nicht schärfer gegen uns vorgegangen werden. Das zeigt Folgendes: Unser erstes Flugblatt wurde confiszirt und Tags darauf wieder frei gegeben. Das zweite und dritte einige Stunden nach dem Erscheinen confiszirt und die Austräger derselben theilweise verhaftet. Die Schultheißen des Amtsbezirks rechtfertigten die von ihnen vorgenommenen Verhaftungen und Beschlagnahme der Flugblätter und theilweise sogar der Stimmzettel mit der Angabe: im Auftrage des Ober- amtes zu handeln, indem alle von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zur Vertheilung kommenden Flugblätter hinweg- zunehmen nnd die Bertheiler zu verhasten und vorzuführen fivd. Einem Genossen wurde sogar folgendes Schriftstück in seinem Wortlaute übergeben: „Harthausen, Amts Oberamt Stuttgart. Da durch Anordnung des Oberamts die herumlaufende mit Wahlzettel zur deutschen Reichs Wahl verboten ist. So «erden dieselben im Ort abgewiesen. Zur Beurkundung. Harthausen, den 28. Juli 1878. Schultheiß Abwesend: A. V. Huß." Am Tage vor der Wahl erfolgte die Verhaftung des ganzen Personals der Stuttgarter Genossenschaftsbuchdruckerei, wie auch des Expedienten der„Süddeutschen Volkszeitung"; sodann des Wahlcomitös und eines Genossen, der Sonntags zuvor bei Ge- legenheit einer Abendunterhaltung zu Gunsten des Wahlfonds bekannt gab, daß nun zum Äortrag komme:„Gegen den Strom". (Bekanntlich aus dem„Vorwärts".) Im Laufe des Abends wurden wieder aus der Haft entlassen: das Druckereipersonal mit Ausnahme des Geschäftsführers und der Expedient. Am gleichen Abend wollte unser Candidat Dr. Dulk sein Programm vor den Wählern in Feuerbach erläutern, wurde jedoch, bevor er das Wort ergriff, verhaftet und an die Behörde in Stuttgart abgeliefert. Am Tage der Wahl waren nun eine Anzahl der Genossen durch ihre Verhaftung verhindert, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Am Abend des 30. Juli, nachdem die Wahl beendigt war, erfolgte die Freilassung des Genossen, der den bewußten Vortrag ansagte. Donnerstag den 1. August wurde die fertige Nummer der„Süddeutschen Volkszeitung" con- fiszirt und der Redakteur Rieger verhaftet. Es befinden sich nun in Untersuchungshaft drei Redatteure, unser Candidat Dr. Dulk, der Verfasser der letzten Flugblätter, Schuller, der Geschäftsführer der Genossenschaftsbuchdruckerei und das Wahl- comitö, zusammen 16 Personen, größtentheils Familienväter.— Es würde zu weit führen, alle bedeutenderen Vorkommnisse hier zu verzeichnen, indem sich schon aus obigem ein genügendes Bild ergiebt. �L. Soeben, Montag Mittag, den 5. August, wurde das Wahlcomitö aus der Untersuchungshaft auf freien Fuß gesetzt. stauen, 5. August. Der Ausfall der Reichstagswahl vom 30. Juli hat in unserm 23. Wahlkreise eine ganz außergewöhn- liche Ueberraschung, oder richtiger gesagt Aufregung hervor- gerufen. Man glaubte mit ganzer Bestimmtheit an eine Stich- wähl zwischen Äurckhardt und Landmann und doch kam es anders. Obgleich wir unser Möglichstes gethan, den Arbeiter- eandidaten mit zur engeren Wahl zu bringen, gelang dies doch nicht; es kommen vielmehr Meusel, der bisherige conservative Abgeordnete des 23. Kreises und der nattonalliberale Superind. Landmann dazu. Daß sich die Arbeiter einer solchen Stichwahl gegenüber vollständig theinahmlos verhalten, ist ja selbstredend, denn die beiden in Frage stehenden Eandidaten haben schon von vornherein für Ausnahmegesetze und alle sonstigen schönen Sachen zu stimmen versprochen, so daß wir weder für den Einen noch für den Andern eine besondere Borliebe fassen könnten. Ein eigentlicher Unterschied zwischen ihnen ist nicht im Geringsten vorhanden. Wir werden uns also der Wahl, welche am 15. August hier stattfindet, vollständig enthalten und aber auch alle Die- jenigen, welche durch besondere Verhältnisse zum Wählen ge- nöthigt sein sollten, zur Abgabe ungültiger Zettel zu bewegen suchen. Als„Stimmvieh" wollen wir uns nicht mißbrauchen lassen. Es ist überhaupt auch ganz gleichgültig, ob ein national- liberaler Schwarzer, oder ein schwarzer Conservativer im Reichs- tage fitzt, Beide sind Freiheitsfeinde und haben der Arbeiter- Partei den Tod geschworen. Die Conservativen waren es, die die Wirthe beeinflußten, uns keine Säle zu geben, und die Arbeitermaßregelungen sind zum größten Theil von den Libe- ralen verübt worden; deshalb holen wir weder für diesen noch für jenen die Kastanien aus dem Feuer. Die Einschüchterungen und die dadurch bei vielen Arbeitern Platz gegriffene Furcht haben es dahin gebracht, wohin es gewisse Leute haben wollten. sie mögen sich ihrer Heldenthaten freuen, um solche„Siege" find sie nicht zu beneiden. Wir hatten aber auch bei Aufstellung unseres Eandidaten mit allerhand unvorhergesehenen Schwierig- keiten zu kämpfen, indem die bereits erfolgte Proklamirung Neißer'S wieder rückgängig gemacht werden mußte, weil derselbe aus persönlichen Gründen noch in letzter Stunde ablehnte, worauf wieder einige Tage verflossen, bis wir in Burckhardt endlich einen bestimmten Eandidaten bekamen. Da es aber demselben bei der Kürze der Zeit und bei seiner anderweitigen Kandidatur im 10. sächsischen Kreise nicht möglich war, bei uns länger zu verweilen, muß das erzielte Resultat, welches sich auf beinahe 4000 Stimmen für denselben beläust, als günstig bezeichnet werden. Burckhardt konnte sich nur in drei Versammlungen, in Plauen, Adorf und Langenbach bei Mühltroff, den Wählern zeigen; in den meisten Orten des Wahlkreises war derselbe so gut wie gar nicht bekannt, und dennoch dieses Resultat, wobei aber, wie schon erwähnt, der Umstand der Theilnahmlosigkcit eines großen Theiles der Arbeiter infolge der ihnen angedrohten Entlassungen in Betracht gezogen werden muß. Man ersieht also daraus, daß unsere Ideen bereits im Bürger- und Hand- werkerstand eingedrungen sind und daselbst Wurzel gefaßt haben, was sich ganz besonders in den Städten Plauen, Pausa, Mühl- troff und Adorf gezeigt hat; nur die Abstimmung der Landbevölkerung war für uns ungünstig. Aber auch dieses Hinderniß wird noch überwunden werden. Von Verboten und Verhaftungen können wir ebenfalls berichten. In Adorf wurde Genosse Schwarz und in Pausa Gottlieb Schenk verhaftet; in Oelsnitz wurde den dortigen Genossen eine beabsichtigte Wählerversammlung unter- sagt, weil— der Saal, in welchem dieselbe abgehalten werden sollte,„baufällig" war. Auf bei der Kreisdirektion in Zwickau eingereichte Beschwerde bekamen wir Bescheid, daß das Verbot nicht am Platze und der Herr Bürgermeister somit im Unrecht war; aber nun war es auch für uns zu spät zur Versammlung geworden. Der löbliche Zweck war somit für die Gegner erreicht. Der liberale Stadtrath in Plauen verweigerte uns das Plakat- anschlagen, und um dem Ganzen einen würdigen Abschluß zu geben, confiszirte das Gericht am Wahltag Abend beim Wahlfest im Wettiner Hof unsere Einnahme in Höhe von 37 Mrk. Doch das find für uns immer noch Kleinigkeiten, über welche wir einfach zur Tagesordnung übergehen und trotz alledem tüchtig fort für die Sache des arbeitenden Volkes wirken werden. Magdeburg, 7. August. Unser Polizeianwolt hat eine be- sondere Borliebe für die Sozialisten, so daß beinahe täglich von dieser freundlichen Seite Einladungen zu einem Rendez-vous an unsere Genossen erfolgen. Heute hatten sich Bremer und Haber- mann gegen die Anklage,„eine öffentliche Sammlung" ver- anstaltet zu haben, zu verantworten. Das hochnotpeinliche Verbrechen soll in der„Magdeburger Freien Presse" durch die Aufforderung:„Gesinnungsgenossen, vergeht den Wahlfond nicht", und durch die in demselben Blatte enthaltenen Quittungen der gezahlten Beiträge begangen sein. Die Angeklagten bestritten das ihnen zur Last gelegte öffentliche Sammeln von Geldern und beantragten ihre kostenlose Freisprechung. Diesem Antrage schloß sich das Polizeigericht an. Die Verfolgungen unserer Parteigenossen streifen wirklich bald an das Lächerliche. Esten, 1. August. Ueber die hiesige Reichstagswahl schreibt man" dem„W. Vbl.":„Die Wahlschlacht ist geschlagen, wir brauchen uns des Erfolges nicht zu schämen. Redakteur Stötzel erhielt noch mehr Stimmen, wie von den Centrumsanhängern im vorigen Jahre auf Forcade und Stötzel zusammen abgegeben waren. Die Wahlbetheiligung war eine bedeutend größere wie früher, circa 85 Proz. genügten ihrer Wahlpflicht. Noch nie war Essen so aufgeregt wie vorgestern. Ein unerhörter Druck wurde seitens der Krupp'schcn Meister und Beamten auf ihre Untergebenen ausgeübt. Auf der Colonie Cronenberg und Schederhof, wo nur Krupp'sche Arbeiter wohnen, war die Con- trole durch die Beamten eine derartige, daß ein Arbeiter gar keinen andern Stimmzettel abgeben konnte, wie nur auf A. Krupp lautend, daß sie vom Eingange zum Wahllokale bis zum Wahl- tische Spießruthen laufen mußten durch ein Spalier von Krupp'- schen Beamten und Meistern. Ein Gleiches geschah in der Krupp'schen Bierhalle. Nicht selten geschah es, daß ein Meister sogar beim Eintritte in das Wahllokal den Zettel des Arbeiters, den er in der Hand hielt, revidirte. Das nennt man geheime Wahl.— Morgens früh 9 Uhr am Tage der Wahl gaben die Herren Reichstreuen Wahlzettel heraus, die schon auf fünf Schritte kenntlich waren; sie waren aus milchweißem Postpapier in klci- nerem Formate, wie die zuerst ausgegebenen. Diese wurden unsererseits sofort nachgedruckt, da kamen auf einmal lange schmale und noch lange breite. Auf einer Hütte in Bocholt bei Bord- ck wurden die Arbeiter vom Werke(die Zettel waren bereits aus- getheilt) geschlossen zur Wahlurne geführt. Wahrlich die Reichs- treuen müssen roth werden vor Scham(wenn es überhaupt noch möglich) ob des Wahlergebnisses. Der gerechten Sache, damit trösten wir uns, ist trotz aller Bedrohung, trotz des Höherhängeus des Brodkorbes, trotz des klangvollen Namens des Hrn. Krupp, der Sieg geblieben."—(Der Correspondent meint nun zum Schlüsse, die Sozialdemokraten hätten jedenfalls für Krupp ge- stimmt. Hoffentlich klären unsere dortigen Genossen diesen Punkt auf. D. Red.) Arankfurt a. W., 7. August.(Stichwahl.) So hat sich denn der Geheime Herr Gesundheitsrath Barrentrapp noch>ei weitem glänzender, als anno 1877 als durchfallender„Firi- �sinniger" bewährt. Denn damals brachteer es auf 7340 �bm- men, sein demokrat, scher Gegner Holthof auf 10,325; Heuer sank er trotz oder am Ende gerade wegen allem Spuk auf 5553,. während Sonnemann 12,491 erhielt. Bei der ersten Wohl wurden 19,258, in der Stichwahl 18,096 gültige Stimmen ab- gegeben. Reiches und doch so armes Frankfurt! Du wirst jetzt. aus einer„Stadt des selbstbewußten, freien Bürgenthums zu einem Heerd des internationalen Radikalismus erniedrigt." Aber „tu l'os voulu!" Warum hast du bis zum Jahre der Annexion freie Reichsstadt den Nothfignalen, den gewiß gut gemeinten— Jammerrufen des„Preßcomitö's des Frankfurter Wahlvereins" kein Gehör und keinen Glauben geschenkt? Circa zehntausend Mark haben unsere„Freisinnigen" für ihre 5000 Stimmen aus- gegeben— in Anbetracht der schlechten Zeit eine zwar ziemlich theuere, aber doch nicht sonderlich werthvolle Errungenschaft! Ein„Anftuf zur Stichwahl" folgten hübsch alphabetisch geordnet 439 Stimmen.„Fast Zehntausend Wähler haben nicht abgestimmt", heißt es da. Diese 10,000 werden ohne die geringüen. Umstände als„Reserven" annektirt, denn Sozialisten und De-- mokraten haben bei der ersten Wahl„ihren letzten Mann auf- geboten". Die Schlußempfehlung des Herrn Varrentrapp läßt an Dehnbarkeit, Halt- und Gehaltlosigkeit gewiß nichts zn. wünschen übrig; sie lautet wörtlich:„Er ist ein unabhängiger Mann, weder darauf angewiesen den Volksmassen zu schmeicheln, noch sich vor der Regierung zu beugen. Ohne Rücksicht nach Oben und Unten wird er als freier Mann immer lediglich nach seiner Ueberzeugung handeln, sprechen und stimmen, wie es sich für einen Vertreter des Frankfurter Wahlkreises geziemt." Es lebe Gummi, Kautschuk und Blech!„Die große Mehrzahl der Wähler Frankfurts ist Politisch unreif," das sagte gestern im „Wahlverein" ein Herr Dr. Jucho. Die Hitze war freilich gestern, wie auch heute noch, wahrhaft afrikanisch, aber ich meine doch, daß deren Wirkung durch die abkühlenden Wahlnachrichten aus den einzelnen Wahlbezirken keine allzugroße sein könnte! Daß die nationale Partei keine Partei der Phrase ist, wie Herr Varrentrapp versicherte, das ist sreil'ch über allen und jeden Zweifel erhaben! An dem Wirrwarr in dem Wahlkampf ist, wie auch gesagt wurde, die Regierung selbst schuld; man habe nicht gewußt, was sie eigentlich wolle oder nicht wolle! Doch lassen wir die Todten ruhen!-- Die Herren von der Fort- schrittspartei waren weder kalt noch warm— das ist ja bei ihnen so Sitte! Einzelne empfahlen, fttr Sonnemann zu stimmen,— doch nein— die bösen Sozialdemokraten sind dabei im Spiele! Der Mann des Freisinns, Herr Varrentrapp, will nötigenfalls Ausnahmegesetze— das geht wieder nicht! Da Sonnemann's Sieg ja ohne uns zweifellos ist, so haben wir nicht nöthig, unseren Genossen irgendwelchen Zwang anzuthun, sondern können frei und unbefangen prüfen! Ja, ein Genie weiß sich stets zu helfen! Bei der ersten Wahl erklärten es„mehrere Kameraden der Krieger- Kameradschaft" für Pflicht ihrer Kameraden,„einen reichstreuen Abgeordneten zu wählen". Man sieht, das sich auch noch Vereine mit politischen Angelegenheiten befassen dürfen, wenn fie deutliche Spuren von sogenannter Reichstreue an sich tragen! Nach einer„Berichtigung des„Volksfreund" beruht die An- gäbe, wir hätten nur 200 Mark für die Wahlen verausgabt, Irrtum; es seien vielmehr bis jetzt über 400 Mark verausgabt. — Den hiesigen Soldaten sollen etliche 60, den Post- und Te- legraphenbeamten etliche 40 Wirthschaften verboten worden sein, wo Sozialdemokraten verkehren oder sozialistische Blätter ge- halten werden. Aus diese Weise wird das in Gefahr befindliche Unterland' nur allein noch gerettet! Wie weit die„Rettung" gediehen ist, wird sich— falls überhaupt noch gewählt wird— gelegentlich der nächsten Reichstagswahl ausweisen, mag fie nun in einem oder in drei Jahren an uns herantreten! Auf alle Fälle aber heißt unsere jetzige Parole:„Muthig vorwärts im Kampf gegew die finsteren Mächte!" Trotz alledem und alledem!— o— Briefkasten der Redaktion. W. in London. Er hat auffallend lange Ohren.— H Ii. in SB.; Wer Antwort wünscht, muß anständig schreiben. — X. in Ottensen: Lau de Cologne ist französisch, wird Od'Colonnc ausgesprochen und heißt Wasser von Köln, � Hasser.— Verschiedene Eorrespondenien: Eine vollständige RohheNsstatisttk für die Dauer der Wahlperiode können wir schon aus Raummangel nicht bieten; die Herren Ordnungshelden haben zu Großartiges geleistet. Wir werden aber das Möalkchste thun. der Erpedition. A. S. b. H.: Die Leipziger Messe beginnt am 29. September und endet am 19. Oktober, dort finden Sie die größten Finnen in den gewünschte» Genres vertreten. Ein Gastwirth ist nicht verpsiichet, jeden Fremden zu beherbergen. Wahlfonds. Ges. b. Arbeiterverein Lindenau d. 3,87. Liste 905 d. Kirsten 6,00. H. K. Bonn 1,60. Durch die Expedition des„Vorwärts" ist zu beziehen: Bornttan, Religion und Sozialismus..... -- Die religiöse Frage und das arbeitende Volk. Geiser, Das deutsche Reich und seine Gesetzgebung. Liebknecht, Zur orientalischen Frage oder soll Europa kosackisch werden......... -- Die Orientdebatte im deutschen Reichstage (2.10 M.—.40 „-,25 ,-,60 .-,30 „-,30 Zur Beachtung! Porzellankaufleute und Händler in und außerhalb Teutschlands, welche sich zur Sozialdemokratie bekennen oder ihr nicht feindlich gegen überstehen, werden ersucht, ihre Adressen an die Expedition des„Bor- wärts" gelangen zu lassen, um mit einem Parteigenossen in Geschäfts- Verbindung zu treten. Näheres brieflich. 3a(1,80 Verantwortlicher Redakteur: Franz Gützlaff in Leipzig. Redaktion und Erpedinon Färberstr. 12. II. in Leipzig.'• Druck und Verlag der GenoffenschastSbuchdruckerei m Leipzig.