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Die Wahlen find nun vorüber, und nachdem wir schon auf die Schlacht des 30. Juli mit Genugthuung zurückblicken konnten, ist das Re sultat der Rachkämpfe bei den Stichwahlen geeignet, uns mit höchster Zufriedenheit zu erfüllen. Sie brachten uns sieben Siege, so daß die Zahl der Sitze, welche die Sozialdemokratie im Reichstag einnimmt, von 2_ auf 9 gestiegen ist. Sachsen hat sich abermals bewährt, und für das„sächsische Manchester" Chemnitz, das wir am 30. Juli verloren, ist als doppelter Ersatz der Chemnitzer Landkreis(Limbach- Mittweida) und das „rheinpreußische Manchester" Barmen- Elberfeld zurückerobert worden. In Berlin, der„Reichshauptfiadt", ist der Versuch der vereinigten Reaktionsparteien, unsere„Hochburg" zu stürmen, nach heißem Ringen zu Schanden gemacht, und in Breslau, der „zweiten Hauptstadt Preußens", das Banner der Sozialdemo- kratie aufgcpflanzt worden. Nirgends Rückgang. Ueberall Fortschritt. Und charakteristisch — gerade nach Bekanntwerden des famosen Ausnahmegesetzes drängte sich für uns Sieg an Sieg: Fritzsche, Wiemer Kayser, Vahlteich— Schlag auf Schlag folgten die Proteste des Volks; fest und bestimmt hat dasselbe sein« Antwort gegeben auf die Herausforderung der Reaktion. Wird diese die Lektion verstehen? Wir müßten unsere Pap penheimer nicht kennen, wollten wir an die Möglichkeit glauben Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen; und, unbelehrt durch die klägliche Niederlage, die sie sich im„schwarzen Kultur� kämpf" geholt, stürzen sie„heitern Sinns", wie weiland Herr Olivier, 1870er Angedenkens, in den„rothen Kulturkampf Natürlich um die nämlichen Erfahrungen zu machen. Noch deutlicher als an dem Hauptwahltag ist es bei den Stichwahlen zu Tage getreten, daß das Kleinbürgerthum keine Lust mehr hat, das Stimmvieh der„liberalen" Partei zu bilden. Nur zu lange hat es an die liberalen Phrasen geglaubt und ist betrogen worden. Immer mehr begreift das Klein- bürgerthum, daß der Liberalismus der politische Ausdruck des Kapitalismus, und demnach naturgemäß der Todfeind des Kleinbürgerthums und Kleinbauernthums ist. Und die Folge dieser Erkenntniß ist die Bekehrung zur Sozialdemokratie. In solchen katholischen Gegenden, wo die Oozittldcma frotie noch keine kräftigen Wurzeln geschlagen hat, wendet das Kleinbürgerthum sich der Centruni spartet zu, die ja stark in sozialer Frage macht. Nun— das ist nur für kurze Zeit. Die demokratische und sozialistische Erbschaft des Ultramonta nismus tritt, sobald derselbe nach beendigtem Kulturkampf liqut diren muß, die Sozialdemokratie an. Jedenfalls hat die Reichstagswahl des Jahres 1878 den Bankerott des deutschen Liberalismus zum Ausdruck gebracht. Wir werden dies des Näheren nachweisen, wenn wir im Besitz einer vollständigen Tabelle der neugewählten Abgeord neten sind. Einstweilen begnügen wir uns, die Thatsache zu constatiren: Der Liberalismus, welcher im Dienste der Reaktion unS todthetzen wollte, pfeift auf dem letzten Loch und die So- zialdemokratie, gegen die sich Alles verbündet und ver- schworen hat, steht stolz und fiegesstark da, und lächelnd erinnert sie die Feinde an das gute Sprüchlein des nach Canossa wandelnden Junkers Bismarck: Das Wegekraut sollst lassen stahn, Behüt'Dich,Jung, sindNesseln dran! Der Gesetzentwurf gegen die Sozialdemokratie. i. § 1 lautet: „Vereine, welche sozialdemokratischen, sozialistischen oder communistischen, auf Untergrabung der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen dienen, sind zu verbieten. Den Vereinen stehen gleich Verbindungen jeder Art, insbesondere genossenschaftliche Kassen." � Wir haben schon in voriger Nummer unsere» Blattes betont, daß man seitens der preußifchen Regierung wenig Gewicht auf die Bedeutung der Worte:„sozialdemokratischen, sozialistischen oder communistischen" legt, daß man vielmehr bei Verfassung ®.VlCntto�8 0on der Voraussetzung ausgegangen ist, jede nrdnuno bestehenden Staats- oder Gesellschasts- Ä!> fa/bung unter das Verbot zu bringen. ""ss? Verein an, der lediglich die Ausbreitung «aaf-n ti�d di-&e\üni direkten Wahlrechts auf die Einzel- werden weit ei�e s'!' t? bezweckt, so wird derselbe aufgelöst tetne sozialdemokratische Forderung vorliegt, die diese �o�eruna dm �?ste�"d'-Feralismus anstrebt. Daß durch diese Forderung die bestehende Staatsordnung z. B- in Preußen, auf d/r�Hand basirt, untergraben wird, liegt Die Erringung eines Normalarbeitstags ist eine sozialdemo- kratische �rstrebung, die aber zugleich auch von vielen Conser- vativen getheilt wird. Sollte nun ein Berein sich bilden zur Erringung eines Normalarbeitstags, so liegt es auf der Hand, daß er verboten wird, weil derselbe die bestehenden Gesell- schaftseir.richtungen, welche eine schrankenlose Ausbeutung der Arbeitskraft zulassen, untergräbt. Ob die Leiter eines solchen Vereins bekannte Sozialisten sind, oder ob sich irgend ein con- servativer Grundbesitzer an die Spitze der Vereinigung stellt, daS wird die zugreifende Polüei nicht besonders irre machen. Ist der Verein in einer vorwiegend conservativen Stadt gegründet worden, so wird man unter Umständen der Sache ihren Lauf lassen, regieren aber in der Stadt liberale Stadträthe, so wird man'auch dem conservativen Agitator für einen Normalarbeitstag zu Leibe gehen. Die Polizeiwillkür muß durch das geplante Gesetz zur größten Blüthe gelangen.--- Daß man auch die genossenschaftlichen Kassen mit dem Verbot bedroht, ist geradezu ein Eingriff in das Privateigen- thum. Eine Produktivgenossenschaft zum Beispiel, die lediglich aus Sozialdemokraten besteht, macht es sich zur Aufgabe, die Idee der Produktivgenossenschaften in immer weitere Kreise zu verbreiten. Die Errichtung von Produktivgenossenschaften— mit oder ohne Staatshülfe— ist aber eine sozialistische Bestrebung; daß die bestehende Gesellschaftsordnung aber durch die Produktiv- genossenschaften untergraben wird, das leugnet Niemand— also flott verboten, Eigenthum confiszirt. Wer also zerstört das Eigenthum? Die Antwort mögen die Herren ertheilen, welche den vorliegenden Gesetzentwurf verfaßt oder den Auftrag zur Abfassung desselben gegeben haben. In jeder Hülfs-, jeder Kranken-, jeder Unterstützungskasse aber kann man sozialistische Bestrebungen wittern; diese Kassen sind auch auf Untergrabung der bestehenden Gesellschaftsordnung gerichtet, da sie die Ausbeutung der Arbeitskrast wenigstens etwas zügeln. Die Polizei greift mit rauher Hand hinein und zerstört das sauer zusammengesparte Privateigenthum und confiszirt es für den Staat, macht also Staats- oder Gemeinde eigenthum aus demselben. Ueber solche Ironie möchte man hell auflachen, wenn die Sache nicht so ernst wäre, wenn man nicht mit Scham und Zorn an die Schande dächte, die dem beut schen Volke allein schon durch die Vorlage eines solchen Gesetz- entwurfs bereitet wird. Das Gründerthum ist eine bestehende Gesellschaftsordnung, die Bekämpfung desselben aber eine sozialistische Bestrebung. Also: Es leben die Gründer! Nieder mit den Sozialdemokraten! Eine bestehende Gesellschaftsordnung m des Wortes vollster Bedeutung aber ist ferner die Prostitution. Die Sozialdemokratie besonders macht eS sich zur Aufgabe, diese be- stehende Gesellschaftsordnung zu untergraben; wir haben es also mit sozialdemokratischen Bestrebungen zu thun. Jeder Polizeibeamte also kann einen Verein verbieten, der wider die Prostitution ankämpft, er wird es thun, wenn ein bekannter Sozialdemokrat in einem solchen Berein ist oder wenn er selbst vielleicht Interesse an einem oder dem andern Opfer der Pro- stitutiou hat. So führt uns der vorliegende Gesetzentwurf— und man muß noch dabei berücksichtigen, daß jedes Gesetz Mißverständ- nissen und Mißbräuchen seitens der Polizeibehörde unterliegt— in einen wahren Wirrwarr von Widersprüchen und thatsächlichen Unsinnigkeiten.--- Führen wir nun unseren Lesern noch die beiden ZZ 9 und 10 vor, die also lauten: K 9. Versammlungen, von denen anzunehmen ist, daß sie Bestrebungen der im§ 1 bezeichneten Art dienen werden, sind zu verbieten; Versammlungen, in welchen solche Bestrebungen zu Tage treten, find aufzulösen. Den Versammlungen werden öffentliche Festlichkeiten und Aufzüge gleichgestellt. Zuständig für das Verbot und die Auflösung ist die Polizeibehörde; gegen die Anordnung derselben findet nur die Beschwerde an die Auf- sichtsbehörde statt. § 10. Druckschriften, welche Bestrebungen der im§ 1 be- zeichneten Art dienen, find zu verbieten. Bei periodischen Druck- schriften kann das Verbot sich auf das fernere Erscheinen der- selben erstrecken. Also Alles, was wir über das Verbot von Bereinen gesagt haben, bezieht sich auch auf Versammlungen, Druckschriften und Zeitungen. Hierbei aber sind noch zwei Fragen anzuregen. Ist eine Wahlversammlung, welche sich lediglich mit Aufstellung eines sozialdemokratischen Candidaten beschäftigt, nach vorliegen- dem Gesetzentwurf zu verbieten? Unseres Erachtens: ja! Die Wahl eines sozialdemokratischen Abgeordneten ist eine auf Unter- grabung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung ge- richtete Bestrebung. Danach können alle sozialistischen Wähler- Versammlungen, Wahlflugblätter und selbst die Stimmzettel für den sozialistischen Candidaten verboten oder confiscirt werden. Die Reichsverfassung allerdings erhält dadurch eine recht derbe Ohrfeige. Dann fällt uns ein, daß bei den Preßordonanzen in Preußen 1863 ein Blatt nur verboten werden konnte nach zweimaliger Verwarnung. Auch diese Vorbeugungsmaßregel hält man jetzt für überflüssig. Die Polizei verbietet das Blatt, ehe ies einmal zur Besinnung gekommen ist, wann und wie es gesün- digt hat. Das ist so recht nach dem Herzen des preußischen Landraths, der sicherlich den liberalen Blättern gegenüber von seiner Macht- befugniß den ausgiebigsten Gebrauch machen würde.--- In unserm nächsten Artikel werden wir die Recursinstanz gegen die Verfügungen der Polizeibehörde, das famose„Reichs- amt für Vereinswesen und Presse" beleuchten. Stimmen der Presse über das Bismarck'sche Ausnahmegesetz. Natürlich können wir hier nur Aussprüche unabhängiger Organe citiren. Daß die Reptilblätter das Regierungsopus Ks Fürsten Bismarck loben, versteht sich von selbst, dafür sind ie ja bezahlt. Ebenso selbstverständlich ist die Haltung der- jenigen nationalliberalen Zeitungen, einschließlich der„National- liberalen Correspondenz", welche nach der Reichstagsauflösung dem„Liberalismus" auch in der bisherigen nationalliberalen Verdünnung Valet gesagt und sich zur„Partei Bismarck»ans pdrass" bekannt haben. Von den„Treugebliebenen", das heißt den Herren Lasker, Bennigsen, Forckenbeck und noch mythischem Gefolge liegt noch keine authentische Meinung?- äußerung vor. Die„Autographirte Correspondenz", der Mo- niteur dieses linken„linken Flügels" der Nationalliberalen, hat zwar schon einen Artikel gebracht, in welchem sie den Entwurf für diskutabel erklärt, aber der Artikel ist bereits im Auftrage des Hrn. Lasker, der sich im Bade befindet, desavouirt worden. Dies vorausgeschickt, lassen wir die beachtenswerthen Stimmen der Presse im Auszug folgen. Die conservative„Dresdener Correspondenz" schreibt: „Was das Sozialistengesetz betrifft, so besagt dasselbe im Allgemeinen so viel, als daß die Sozialdemokratie überhaupt bei Strafe verboten wird. Ob sich das so wird durchführen lassen, wird die Erfahrung allerdings lehren. Es dürfte unter allen Umständen ein Jrrthum sei«, wenn man annimmt, die Sozial- demokratie von heute sei nur ein künstliches Produkt agitatorischer Verhetzung der Massen und werde verschwinden, sobald diese Verhetzung aufhöre. Allem Anscheine nach geht der Gesetz- entwarf jedoch von dieser Annahme aus. Ist man dagegen der Ansicht, daß die heutige Sozialdemokratie in erster Linie durch tyatsächliche Uebelstände der bestehenden Verhältnisse erzeugt sei, und daß die Agitation der sozialdemokratischen Führer auf einer an und für sich vorhandenen unzufriedenen Stimmung der Massen fuße, um die dann weiterhin allerdings ebenso sehr zu steigern, als zu verwirren, so wird man von der Gesetzvorlage um so weniger befriedigt sein, als bis jetzt nirgendwo Anstalten gemacht zu werden scheinen, um die wirklichen Wurzeln der Sozialdemo- kratie abzugraben." Der Hamburger„Correspondent", ein conservativ- liberales Organ, dessen vernünftiges Urtheil in Sachen der sozialdemo- kratischen Bewegung wir wiederholt lobend zu erwähnen hatten, meint, nachdem die sorgfältige Redaktion und Ausarbeitung des Entwurfs anerkannt worden: „Daß von dem geplanten Gesetze die Erreichung des an- gestrebten Zieles werde erwartet werden können, erscheint unS nichtsdestoweniger höchst zweifelhaft. An dem Wesen der Ge- fahr, welche die bestehende gesellschaftliche Ordnung bedroht, wird (soweit wir sehen können) durch ein Einschreiten gegen die Formen, in welche dieselbe sich kleidet. Nichts geändert werden. Auch von den bestredigirten Gesetzen gilt das alte Wort:„(Juick leges sine rnoribus?"(Was vermögen Gesetze, die nicht mit den Sitten und Anschauungen der Menschen übereinstimmen?) Die sozialdemokratische Organisation läßt sich beseitigen, die Sozialdemokratie nicht:„den Bösen sind sie los, die Bösen find geblieben!" Nach den Wahlerfahrungen, welche hinter unS liegen, steht nahezu eine halbe Million von Staatsbürgern hinter dem Verein der„sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands", wird die Meinung,„daß darauf hingearbeitet werden müsse, die Ar- beitsmittel zum Eigenthum des Staates zu machen und die Ar- beit staatlich zu organisiren," von nahezu dem zehnten Theil der Männer getheilt, welche die deutsche Reichsverfassung zu Wählern gemacht hat. In 57 Wahlkreisen hat die Sozialdemo- kratie sog. offizielle Candidaten aufgestellt und auf diese 360,000 Voten versammelt, in etwa 20 anderen Wahlkreisen sind außer- dem 100,000 bis 110,000 sozialistische Stimmen abgegeben worden. Die Organisation, welche diese Resultate zu Wege ge« bracht hat, sieht auf eine vierzehnjährige Geschichte zurück, sie wird von einigen Dutzend professionellen und mehreren Hundert freiwilligen Agitatoren bedient, von 80 bis 90 Preßorganen unterstützt. Ihr zur Seite gehen zahlreiche Gewerksgenossen- schaften und Fachvereine, deren Bestand wohl erschüttert, aber nicht aus der Welt geschafft werden kann, so lange das auf den � 152 der Gewerbeordnung gegründete Coalitionsrecht besteht. Da die verfassungsmäßige Wahlfreiheit das Recht zur Erwählung sozialdemokratischer Abgeordneten in sich schließt und da die Wahlperioden von einer Reihe schützender Bestimmungen um- geben find, wird die Geltung der Vorschriften des vorliegenden Entwurfs einer Modifikation und thcilweisen Suspension unter- liegen, sobald zu Neuwahlen geschritten wird. Um mit der Aus« führung der in Rede stehenden Maßregeln auch nur den Anfang zu machen, werden Hunderte, wenn nicht Tausende von Vereins- auflösungen ausgesprochen, Dutzende von Zeitungen und Jour- nalen verboten, zahlreiche Offizinen geschlossen, noch zahlreichere Arbeiter und Angestellte um ihre materielle Existenz gebracht werden müssen.— Von einer Repressivthätigkeit, die bci solcher Lage der Dinge, auf Grund eines einzelnen, die sonstige Legis- lative nicht berührenden Gesetzes etwas Bleibendes auszurichten vermöchte, vermögen wir uns keine Vorstellung zu machen, weil uns aus dem Gebiet der gesammten neueren Geschichte kein Versuch bekannt ist, der Aehnliches auch nur angestrebt hätte. Geheimbünde, die direkt und ausschließlich auf die Beseitigung eines bestimmten Verhältnisses hinarbeiten, Vereine, welche statutarisch fest abgegrenzle Zwecke verfolgen, find häufig und mit Erfolg verboten und unterdrückt worden: unter der Herr- schaft constitutioneller Staatsformen angestellte Versuche, eine bestimmte, weitverbreitete, die verschiedensten Gebiete umfassende Richtung als solche zu verbieten und die zugleich gegen Preß- organe, Vereine und Versammlungen gerichteten Verbote auf administrativem Wege und bei Fortbestand der anderen Rich- tungen zugesicherten Freiheiten in Ausführung zu bringen,— solche Versuche sind unseres Wissens noch nirgend angestellt worden. Auch wenn man die Möglichkeit eines Gelingens nicht absolut bestreitet, wird man zugestehen müssen, daß es sich„um einen Sprung in's Dunkle", um ein noch nicht dagewesenes Unternehmen handelt." Die Berliner„Volkszeitung", Organ der Fortschrittspartei, schreibt: „DaS neue Sozialistengesetz ist veröffentlicht— wir stehen in ihm der unverhülltesten Reaktion gegenüber— mit ihm würde das neue Reich, das einst auf Einheit und Freiheit gegründet werden sollte, aufs Neue den alten Polizeikünsten des unseligen Bundestages verfallen,— die Mainzer Centralcommission zur Verfolgung der Demagogie ihre Wiedergeburt feiern in der neuen Berliner Centralcommission zur Aufspürung von Sozialisten." Nach einer Analyse des Gesetzes fährt sie fort: „Dies mag genügen, um vor unseren Lesern die Erregung zu rechtfertigen, unter welcher wir diese Zeilen niederschreiben. Wir halten es für unmöglich, daß der Reichstag einem solchen Gesetze seine Zustimmung gebe— aber dem deutschen Volke müssen wir schon heute zurufen, die letzte Entscheidung liegt allein in seiner Hand, die Entscheidung über Glück und Frieden für uns und unsere Kinder, denn wir stehen mit diesem Gesetze an dem Scheidewege, der die Aussichten auf die lachenden Gefilde, welche ein in friedlicher Eintracht an gemeinsamer Verbesserung unaufhörlich arbeitendes und strebendes Volk bewohnt, von denen trennt, auf denen Mißtrauen, Haß und Zwietracht schließlich ihre Flammenzeichen in erbitterten Kämpfen, in der gegen den Himmel lodernden Lohe eingeäscherter Dörfer und Städte in schrecken- erregender Weise zur Erscheinung kommen lassen. Möge das Volk feststehen gleich kräftig in der Verdammung der Aus- schreitungen der Sozialdemokratie, welche diese Art der Reaktion über uns heraufbeschworen, aber eben so fest in der Abwehr gegen diese Art, eine Gefahr zu bekämpfen, welche nur geeignet ist, uns unrettbar derselben verfallen zu machen!" Die, gleichfalls fortschrittliche,„Vossische Zeitung" ist der Meinung: die drakonische Schärfe des Sozialistengesetzes werde selbst die ausschweifendsten Wünsche befriedigen. Besonderen Anstoß nimmt sie an dem Ausdruck„Untergrabung". „Vereine, Versammlungen, Druckschriften werden sich in Zu- kunft nicht mehr als sozialdemokratische, sozialistische oder com- munistische ankündigen, es wird vielmehr als Kriterium die auf „Untergrabung" gerichtete Tendenz dienen müssen. Was soll der Richter aber unter„Untergrabung" denken? „Wenn ein Verein revolutionäre Bestrebungen verfolgt, die direkt auf Zerstörung der bestehenden Staats- und Gesellschafts- Verhältnisse gerichtet sind, so sprechen wir mit Recht von Unter- grabung. Aber ein Verein kann auch die Revolution und jeden gewaltsamen Umsturz von bestehenden Verhältnissen verabscheuen und dennoch sind wir nicht weniger berechtigt zu sagen, daß sich seine Ziele auf eine Untergrabung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung richten. Jeder Verein, der für eine nach seiner Ansicht bessere Zukunft von Staat und Gesellschaft in der Weise thätig ist, daß er Nothstände bespricht, Unrecht und Miß- brauche aufdeckt und bespricht und Reformen mit gesetzlich zu- lässigen Mitteln anstrebt, untergräbt das Vertrauen zur Gegen- wart.................... In diesem Sinne ist also der Ausdruck„Untergrabung" von so weittragender Bedeutung, daß er mit Ausnahme der conservativen das Bestreben fast aller Vereine treffen muß, die sich überhaupt mit der Zukunft von Staat und Gesellschaft beschäftigen. Man wird nicht sagen können, daß das Gesetz den Ausdruck„Unter- grabung" blos auf diejenigen Bestrebungen beschränke, welche die Revolution direkt zum Ziele haben, da wir bereits im Straf- gesetzbuche Schutz dagegen haben. Abgesehen davon bezweckt ja aber die Vorlage gerade, daß die Regierung zu weiterem Vor- gehen ermächtigt sei. Es scheint mithin— vorausgesetzt, daß nur die Sozialdemokratie getroffen werden soll— gar kein Zweifel sein zu können, daß der Ausdruck„Untergrabung" voll- ständig verfehlt und liberalerseits im eigensten Interesse durchaus unannehmbar ist." Die„Vossische Zeitung" schließt ihre Kritik mit den Worten: „Aus dem über§ 1 des Sozialistengesetzes Gesagten ergiebt sich also schon, daß die Annahme desselben in der vorliegenden Fassung für die Liberalen, sofern sie ihre eigene Haut lieb haben, eine schwere Zumuthung ist, und es wird sich dabei zeigen, ob es nicht vielleicht mehr aus die Haut der Liberalen als auf die der Sozialdemokraten oder mindestens auf beide zugleich abgesehen ist." In der nationalliberalen, von Braun(„unserem B.") mit- redigirten Berliner„Tribüne" plaidirt ein Einsender, dessen Meinungsäußerung jedoch als Leiter abgedruckt ist, für ein Zusammengehen der Fortschrittspartei und der National- liberalen in der Behandlung des Sozialistengesetzes. Die „Tribüne" fügt hinzu, daß sie nicht in allen Punkten die Ansichten des Einsenders theilt. Folgendes sind die Hauptstellen des Artikels: „Wir dürfen uns nicht beirren lassen durch das Vertrauen, daß die gegenwärtige Regierung keinenfalls die Absicht haben könne, das Gesetz auch gegen die liberalen Parteien zu richten, denn Regierungen sind wandelbar, und Niemand vermag zu sagen, welche Grundsätze für eine künftige Regierung maßgebend sein werden. Ein Gesetz, welches im Vertrauen auf das gegen- wärtige Regiment geschaffen und nur für dessen Dauer berechnet wird, würde ein Ausnahmegesetz sein, welches die Fortschritts- Partei nicht annehmen dürfte und die nationalliberale Partei nicht annehmen sollte. Als ein solches, alle liberalen Par- teien auf's Höchste gefährdendes, einem etwaigen künf- tigen(!) freiheitsfeindlichen Regiment die Möglichkeit zu jeder Willkür eröffnendes Ausnahmegesetz charakterisirt sich der„Gesetz- entwurf gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozial- demokratie", der zu einem zweckentsprechenden Ergänzungsgesetz nur durch die umfassendsten Amendirunaen umgestaltet werden könnte. Schon der§ 1 zeigt dies deutlich. Welche Bedeutung kann eine künftige Regierung den Worten:„Bereine, welche auf Untergrabung der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen dienen", geben? Werden nicht schon jetzt in den reaktionären Preßorganen die nationalliberale und die Fortschrittspartei beschuldigt, daß sie solche Bestrebungen haben? Jeder Verein, der eine Reform der Gesetzgebung erzielen will, würde nach einem solchen Gesetz dem Untergange gewidmet sein." Auszüge aus der„Frankfurter Zeitung" bringen wir in einer der nächsten Nummern; für heute nur einige Urtheile der auswärtigen Presse. Die, einst gut Bismarckische, Wiener„Deutsche Zestung" glaubt ihr Urtheil über den Entwurf kurz dahin zusammenfassen zu können, daß, wenn die Vertreter des deutschen Volkes dem, was in ihm ihnen verkündet wird, zustimmen, sie Deutschland zum unfreiesten Lande Europas(Rußland und die Türkei natürlich ausgenommen) machen würden. „Ein keckeres Attentat," sagt die„Deutsche Zeitung",„gegen die Preß- und Vereinsfreiheit, als das sogenannte Sozialisten- gesetz, das unter dem Vorwand, Sozialdemokraten uud Com- munisten zu treffen, die gesammte Preß-, Vereins- und Ver- sammlungsfreiheit, die persönliche Freiheit jedes Deutschen einer Anzahl von Beamten preisgeben würde, ist noch nicht dagewesen. Man kann sagen, daß Deutschland, wenn die Anträge, die Preußen beim Bundesrath einbringt, angenommen werden sollten, zum Gesetze erhoben werden, faktisch, wenn auch nicht formell, zum Standpunkte der Karlsbader Beschlüsse zurück- kehrt. Napoleon III. hat in seiner schlimmsten Zeit nichts Aergeres ersonnen, als jene Art von politischem Standrecht, die nach den Schlußbestimmungen des preußischen Antrages zeit- weise verhängt werden kann.... Daß der Reichstag so etwas annehme, erscheint uns fast undenkbar. Selbst die Servilität der Nationalliberalen hat ja ihre Grenzen(?) und sie müssen doch fühlen, daß eine liberale Partei, die für so etwas stimmt, dem vernichtenden Urtheile des eigenen Volkes und der Geschichte verfallen wäre." Ein englisches Blatt, der Londoner„Globe", noch vor Kurzem für Bismarck schwärmend, meint bei Besprechung des telegraphischen Resumes: „Vielleicht werden nähere Details über die Maßregel den Eindruck mildern,(?) den solch durchgreifende Gesetze hinterlassen müssen: im anderen Falle find die Freiheiten der deutschen Unter- thanen kaum viel Werth; dieselben sind vollständig der Will- kür der staatlichen Behörden und der Polizei über- liefert. Die persönliche Freiheit wird in Deutschland allmählig eben so sehr ein Ding der Vergangenheit werden, wie es die politische Freiheit bereits ist. Wir zweifeln, ob irgend eine äußerste Gefahr für den Staat— auch eine größere als die bereits bestehende— Maßregeln von solch außergewöhnlicher Strenge rechtfertigen würde und wir können nicht glauben, daß der Reichstag das Gesetz annehmen wird." (Fortsetzung folgt.) Sozialpolitische Uebersicht. — Die Verrohung unserer Blut- und Eisen-Periode ist niemals widerlicher zu Tage getreten als jetzt bei der Hin- richtung Lehmann-Hödels. Man braucht nur die grausigen Einzel- heiten zu lesen, um mit namenlosem Ekel erfüllt zu werden. Man schämt sich, in einer Zeit zu leben, wo solches vorgehen kann und den Unterhaltungs- und Bildungsstoff des Volkes bildet. Diese grausige Mordlektüre auf Tage, auf Wochen die„geistige Nahrung" unseres Volkes! Wahrhaftig, es ist end- lich einmal an der Zeit, daß„die Schule des Verbrechens" ge- schlössen und dieser abscheulichen Mordkultur mit Mordkultus ein Ende gemacht werde. Wie„herrlich weit" wir es bereits in der Verrohung ge- Der deutsche Parlamentarismus. (Eine anatomische Studie.) (Schluß.) Die Wenigen nun, welche auf dem Wege der Ueberlieferung und Anciennetät zu Lenkern der parlamentarischen Geschicke des deutschen Volkes gediehen sind, die einzelnen Fraktionsfaiseurs haben aus ihrer Mitte zur Befestigung und Erhaltung ihrer Herrschaft einen Ausschuß niedergesetzt, den sogenannten„Se- nioren-Convent", von dem thatsächlich auf dem Wege des Com- promisses alles Das entschieden und dem Reichstage oktroyirt wird, was nach Außen als Ergebniß freiester Willensthätigkeit erscheint. Namentlich werden von ihm alle sogenannten„Wahlen" für Präsidium, Bureau, Abtheilungsvorstandschaft, Commissionen, Deputationen u. s. w. gemacht. Ein wirkliches Wählen, ein Bestimmen der einzelnen Persönlichkeiten nach eigenem persön- lichen Ermessen der Mehrheit des Reichstags oder der Reichs- tags-Abtheilungen findet niemals statt und ist der betreffende Akt, wenn er vorgenommen wird.�nichts weiter als eine inhalt- lose Komödie, die, nachdem der Senioren-Convent Beschluß ge- faßt, ebenso gut durch dessen Erklärung ersetzt werden könnte: „Herr Cajus ist Präsident des Reichstags", oder:„Herr Cu- jacius Mitglied der Xten Commission." Ehrlicher wäre es schon und die Wähler würden dann allerorts eine bessere Einsicht in die innere Wesenheit des deutschen Parlamentarismus erlangen, d. h. da nicht an Mehrheitsbeschlüsse glauben, wo lediglich von Diktaten einer Minderheit die Rede sein kann. Der„Senioren- Convent", dessen Mitglieder sich möglichst in den Mantel des Geheimnisses hüllen, ist charakteristischer, als man auf den ersten Blick anzunehmen geneigt sein dürfte. Deshalb muß gerade sein Wirken in einer Skizze erwähnt werden, die sich Offenlegen des inneren Räderwerkes einer Einrichtung zum Zwecke setzt, welche man bisher daraufhin„allzu genau" weder betrachten wollte, noch auch in weiteren Kreisen betrachten konnte. Daß man das Recht aller Minoritäten, die es nicht bis zur Ziffer 12 zu bringen vermögen, auch dann einfach ignorirt, wenn sie in ihrer Gesammtheit einen ganz stattlichen Bruchtheil der Versammlung darstellen und über die Stärke einzelner Fraktionen hinausgehen, ist gewiß bezeichnend. Und dies geschieht bis zu den geringsten Aeußerlichkeiten herab. Wenn man des großen Andranges wegen es für nöthig erachtet, den Eintritt zur Abgeordneten-Tribüne durch Ausgabe von Eintrittskarten zu beschränken, werden die- selben natürlich an die Fraktionen ertheilt, die Fortschritts- Partei mit 31 Mann erhält, was ihr zukommt, die 35 Wilden — können sehen, wie sie zurecht kommen, sie erhalten— nichts. Supieuti sat. Bei jeder parlamentarischen Versammlung liegt die Garantie für ihre technische und politische Leistungsfähigkeit in der Art und Weise, wie sie sich die Organe ihrer Wirksamkeit beschafft. Arbeitsinstrumente einer Volksvertretung sind lediglich die Com- Missionen. Gewählt werden diese gegenwärtig von den Abthei- lungen, in welche der Reichstag sofort nach seinem Zusammen- tritt auf dem Wege der Verloosungen zerlegt wird. Es sind deren sieben. Die Wahl der Commissionen soll nun in der Weise erfolgen, daß jede der Abtheilungen eines, zwei, drei oder vier Mitglieder in den betreffenden Ausschuß wählt. Dadurch, daß man dem reinen Zufalle die Zusammensetzung der Abtheilungen überließ, zeigte man deutlich', daß einseitige Berücksichtigung des Partei- oder Fraktionsstandpunktes bei Zusammensetzung der Ausschüsse ausgeschlossen und mehr die parlamentarische Arbeits- fähigkeit in Betracht gezogen werden sollte. Diesen gesunden und vernünftigen Gedanken der Geschäftsordnung weiß man durch die Einrichtung des Senioren-Conventes künstlich in sein volles Gegentheil zu verkehren. Diese„unbekannten Oberen" bestimmen im Voraus die Mitglieder, welche in die Commissionen zu wählen sind, und erkennen dabei, wie das bei der Zusammen- setzung und dem Wesen selbstverständlich ist, in erster Linie als Richtschnur so ausschließlich nur die Fraktionsschabtone an, daß mit lächerlich- peinlicher Sorgfalt nach halben, Viertels- und Achtels-Abgeordneten gerechnet wird. Um das Mißständige nicht zu schreiend werden zu lassen, sieht man bei Ausschüssen, welche technische Fragen zu entscheiden haben, ausnahmsweise von dem Parteistandpunkte ab. Durch die Ausnahme wird aber die Regel nur evidenter gemacht. Die Wirkung einer solchen Wahlart auf die Arbeitsfähigkeit der Commissionen zu untersuchen, liegt außerhalb der Ausgabe dieser Zeilen. Aufmerksame Beobachter unserer parlamentarischen Zustände, die den Vorwurf nicht kennen,„die Dinge allzugenau zu betrachten", werden nicht bracht haben, erhellt recht drastisch aus einem Brief, den der nationalliberale Herr von Bunsen während der Wahlbewegung geschrieben hat. Es war ihm nämlich vorgeworfen worden, daß er, als Mitglied des Cobdenclubs, nicht ganz„kauscher" sei in puncto des Patriotismus zc. In dem betr. Brief heißt es: —.—„Die Anschuldigung gegen mich lautete dahin: 1) ich sei Mitglied des Cobdenclubs, 2) als solcher verpflichtet, immer für absoluten Freihandel zu stimmen, und 3) erhielte ich dafür eine tüchtige Vergütung. Auf die letzte Behauptung antworte ich nicht. Sie schließt eine infame Verdächtigung nicht blos meiner Person, sondern aller übrigen Ehrenmitglieder des ge- genannten internationalen Clubs in sich, die allen Ländern der gesitteten Erde angehören, deren Keiner für einen schlechten Patrioten gilt und unter denen sich das Beste befindet, was jede Nation an Geist und Charakter aufzuweisen hat. Daß ich seit 1871 Ehrenmitglied des Cobdenclubs bin und als solches den deutsch- nationalen Standpunkt in einer Jahresversammlung des- selben als Redner vertreten habe, wurde von mir in der Wahl- Versammlung zu Schmiedeberg vom Mai 1876 ausgesprochen, ist also kein Geheimniß. Der verewigte Cobden, zu dessen An- denken der Club gestiftet ist, war em Mann von weitumsassen- den Gedanken. Niemals ist mir ein Engländer vorgekommen, der weniger wie er das Sonderinteresse seines Landes, wärmer das der Menschheit im Auge gehabt hätte. Deshalb lautet der Wahlspruch des Clubs:„Friede unter den Völkern, Wohlwollen unter den Menschen. Freiheit des Handels." Wenn ich nicht irre, sehr geehrter Herr, so ist die Generation, der wir beide angehören, in ähnlichen Gedanken aufgewachsen und braucht sich ihrer nicht zu schämen. Sie werden deshalb finden, daß heut zu Tage Jedermann sich einen Freihändler nennt, das heißt Jedermann wünscht den Tag zu erleben oder für seine Kinder und Kindeskinder vorzubreiten, da all- gesitteten Länder ebenso einen Zollverein bilden, wie die deutschen Staaten unter sich in Zolleinheit stehen. Das war der leitende Gedanke der Handels- Verträge, welche seit 1859 in Europa geschlossen wurden. Man ließ in dem Maße, wie jede Industrie erstarkt war, gegenseitig Zollschranken ganz oder theilweise fallen, man hoffte aus ein Anwachsen besserer Ueberzeugungen, namentlich in den Hochburgen der Abschließung, wie Rußland, Frankreich, Oesterreich. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt." Hundert Jahre nach Lessing's„Nathan dem Weisen", drei- undsiebzig Jahre nach Schiller's, fünsundvierzig Jahre nach Göthe's Tod muß ein Deutscher sich förmlich entschuldigen, daß er einer Gesellschaft angehört, welche„Friede unter den Völkern und Wohlwollen unter den Menschen" erstrebt! Es ist wirklich stark. — Ein treffliches Urtheil über die Verwerflichkeit der liberalen Taktik, die Sozialdemokratie für die Attentate verant- wortlich zu machen, finden wir in einer Hamburger Correspon- denz der liberalen Wiener„Neuen Freie« Presse" vom 2. August, also nach den Wahlen. Dort heißt es:„Ein unge- heurer Fehler ist dadurch begangen worden, daß man der sozial- demokratischen Partei die Urheberschaft an den Attentaten zu- schiebt und nun mörderisch auf sie losschlägt. Denn, wenn auch die Sozialisten in Bezug auf die Erreichung ihrer Ziele und Ausführbarkeit ihrer Lehren im Jrrthum sein mögen, so sind sie doch an den Attentaten gerade so viel oder so wenig schuld, als die Erfinder der Dampfmaschine an den Eisenbahnunfällen oder die Religionsstifter an den Religionskriegen."— Dieses vernünftige Urtheil eines außerdeutschen Liberalen mögen sich die„liberalen" Journalisten hinter die Ohren schreiben. — Zur bevorstehenden Sedanfeier. Die Sedansduselei ist im deutschen Volke trotz des Attentatsdeliriums sehr im Ab- nehmen begriffen. Auch die Gemeindevertretungen werden rem- tent. So hat in der vorigen Woche die Gemeindevertretung von Deutz es abgelehnt, aus der Stadtkasse die Kosten zur Be- wirthung der Schuljugend am 2. September zu bewilligen. Ferner beschäftigten sich die Stadtverordneten zu Köln mit dieser Frage. Die nationalliberale Gesellschaft„Lese" hatte in Gemeinschaft mit den Krieger-, Gesang- und anderen Vereinen den Antrag gestellt, das Collegium möge, wie im vorigen Jahre, 1000 Mark als Beitrag zu den Kosten des Sedanfeftes bewil- ligen. Nach einer kurzen Debatte wurde dieser Antrag mit allen gegen acht Stimmen abgelehnt.— Die Heiligkeit des Herrn Sedanius ist also nicht von langer Dauer gewesen. — Zur Lingenau'schen Erbschaft schreibt man uns aus Gumbinnen: Die von unserm in St. Louis in Amerika ver- storbenen Genossen F. Lingenau der sozialdemokratischen Partei zugedachte Erbschaft läßt den Behörden noch immer keine Ruhe. leugnen dürfen, daß in diesen Verhältnissen ein Grund für die Behauptung gesucht werden kann, daß unsere Zeit zur Gesetz- gebung keinen Beruf habe. Der schlimmste Erfolg, den die rückhaltlose Handhabung der schablonenhaften Fraktionspolitik herbeigeführt hat, ist darin zu finden, daß der Reichstag an das ihm anvertraute Palladium der geistigen Wohlfahrt des deutschen Volkes— an die Redefreiheit hat tasten lassen. Die Geschäftsleitung ist seit ge- raumer Zeit hinsichtlich der Redeordnung keine unparteiische. Das ist eine Thatsache, die von allen Vorurtheilslosen aner- kannt wird..... Die von den liberalen Parteien herbeigeführte und geduldete Abschaffung der Rednerliste ermöglicht eine Willkür bei der Wortverleihung, die im Vereine mit den bekannten Anträgen auf Schluß der Debatte dem Mundtodtmachen jeder Minorität gleichkommt. Wenn diese Praxis, mit welcher besonders der Name Valentin in den Annalen unseres Parlamentarismus auf immer in sehr unliebsamer Weise verbunden bleiben wird, vor- züglich gegen die Sozialdemokratie gerichtet war, so vermag das an der absoluten Verwerflichkeit einer so unerhörten Uebung nichts zu ändern. Ist nur die Fraktionsangehörigkeit, wie das von maßgebender Stelle ausdrücklich ausgesprochen wurde, maß- gebend für die Locirung der angemeldeten Redner bei der Reihen- folge, in welcher sie zum Worte zugelaffen werden, so bezeichnet das einen Höhepunkt des Mißbrauchs, der allerwärts zum Nach- denken führen sollte. Eine Abkürzung der Debatte, was man heuchlerisch als Zweck anführte, ist durch alle diese Mittel nicht erreicht worden. Wohl aber hat sich der Reichstag durch Be- schränkung der Redefreiheit die Quelle moralischer Macht und dadurch die unerläßlichste Vorbedingung realer Wirksamkeit selbst abgegraben. Wenn er im gegenwärtigen Moment ohnmächtiger denn je dasteht, so find daran nicht blos die äußeren Verhält- nisse, so ist vielmehr vor allem auch der innere Mechanismus einer Legislative schuld, die in ihrer Zerfahrenheit und Zer- splitterung ein würdiges Gegenbild der Exekutive ist, in die gewisse parlamentarische„Confessions" während der beiden letzten Sessionen einen so lehrreichen Einblick gewährten. Bei der Regierung soll„Umkehr" und Consolidation einge- treten sein. Bei dem Reichstage wird es wohl noch lange dauern, Man versucht Alles, sie uns aus den Händen zu spielen. Zuerst verbreiteten reaktionäre Zeitungen das Gerücht, der Erblasser stamme aus Mecklenburg und habe Frau und Kinder hinter- lassen. Unser Genosse I. Reitenbach trat dagegen auf und wies im.Vorwärts" zur Evidenz nach, daß L. ein geborener Ost Preuße sei, der zur Zeit, als er ihn im Jahre 1830 kennen ge- lernt, Inspektor in Georgenburg bei Jnsterburg war. Nicht lange nach dieser öffentlichen Erklärung, die in viele Zeitungen übergegangen war, wurde Reitenbach vom Amtsvorsteher in Georgenburg brieflich aufgefordert, über die Angehörigen seines verstorbenen Freundes L. Auskunft zu geben. R. erklärte, daß L. ihn, als er ihn vor einigen Jahren besucht, bereits damals mit seiner Absicht, sein Vermögen der Sozialdemokratie zu vcr- machen, bekannt gemacht, da alle seine Verwandten ver- storben. Er erstand damals in Königsberg Grabsteine für die Gräber seiner Eltern, die auch auf verschiedenen Kirchhöfen, wo seine Angehörigen begraben, von ihm selbst aufgesetzt wurden. Vor kurzer Zeit wurde R. auf gerichtliche Requisition von Kö- nigsberg abermals von dem Amtsvorsteher in Pruszischken, zu welchem Bezirk sein zeitiger Wohnort gehört, über Verwandte L's vernommen. Nochmals gab er dieselbe Erklärung ab, daß er L's Verwandte nicht gekannt, aus seinem Munde aber bei seiner Anwesenheit hier wiederholt gehört habe, daß er weder nahe noch entfernte Verwandte am Leben habe und nur nach Europa gekommen sei, um sein Vermögen der Sozialdemokratie zu vermachen, seinen Eltern'.c. Grabsteine zu setzen und alte Freunde zu besuchen.— Ob die Behörden noch weiter suchen werden?" Im Anschluß an Obiges und zur Ergänzung desselben ver- öffentlichen wir nachstehend eine Notiz der in St. Louis(Ver- einigte Staaten) erscheinenden(von Freund Otto-Walster redigirten).Volksstimme des Westens": .Mit fichtlicher aber wahrscheinlich verfrühter Schadenfreude, schreibt unser amerikanisches Bruderorgan, brmgt die.Westliche Post", welche nun durchaus den letzten Willen unseres edlen, wenn auch unpraktischen todten Genossen Ferdinand Lingenau verdreht und unausgeführt sehen möchte, über den uns nicht überraschenden Vorfall, daß sich eine Erbin gemeldet hat, folgende Jrohlockung: „Die meisten der Leser der„West. Post" werden sich noch des Testaments Lingenau's erinnern, in dem er die Sozialdemo- kraten der ganzen Welt zu seinen Erben einsetzte. Der Nachlaß, welcher sich nach Bezahlung aller Schulden auf ungefähr 7000Doll. belief, wurde vom öffentlichen Administrator übernommen und verblieb in seinen Händen, da nach den Gesetzen des Staates Missouri das Testament keine Gültigkeit besaß. Lingenau hatte nämlich keine bestimmte Person zu seinem Erben eingesetzt, was nach den Gesetzen des Staates nothwendig ist, wenn ein Tests- ment Gültigkeit haben sollte. .Ob Lingenau Verwandte in Deutschland, die seine natür- lichen Erben waren, wußte man nicht. Man erging sich darüber in allerlei Vermuthungen, eine hiesige Zeitung wollte sogar wissen, daß der Verstorbene in St. Louis unter einem angenommenen Namen gelebt hatte, und einer vornehmen altpreußischen Familie entstammte. Alle diese Angaben sind unbegründet gewesen, wie aus Nachrichten hervorgeht, welche das hiesige deutsche Consulat erhalten hat.*) .Dasselbe wurde vom auswärtigen Amt in Berlin benach- richtigt, daß sich bei demselben die Frau eines verstorbenen Steffen von Lingenau gemeldet habe, deren Kinder die nächsten Verwandten des Verstorbenen und daher seine Erben sind.**) Aus den dem Schreiben beiliegenden Dokumenten geht hervor, daß Lingenau einen Bruder Namens Andreas hatte, welcher seines Zeichen? ein Schreiber war und in Malewiszken im Kreis Labiau, Regierungsbezirk Königsberg, wohnte. Dieser hinterließ einen Sohn Simon Carl Traugott Lingenau, der am 4. Januar 1841 zu Maliwiszken geboren wurde. Er war verheirathet und seine Wittwe ist es, welche sich bei dem auswärtigen Amt in Berlin gemeldet hat und für ihre der Ehe mit. Simon Carl Lingenau entsprossenen Kinder die Erbschaft beansprucht. Frau Lingenau wohnt in Berlin, Frankfurter Allee Nr. 18, und soll sich in dürftigen Umständen befinden. „Der Secretär des deutschen Konsulats, Herr Bennwitz, setzte sofort den öffentlichen Administrator, Herrn Lewis, von dem Schreiben in Kenntniß. Der Beamte erklärte, daß er bereit sei, den Nachlaß an die Frau Lingenau auszuzahlen, sobald die *) Schade um das Abonnementsgeld, welches für die oft spalten- langen, jeglicher Begründung baaren Faseleien über Lingenau's Her- kunft ausgegeben wurde. Red. d.„V. d. 28." **) Nach Lingenau's eigenem Ausspruch war die ganze Menschheit seine Familie. Red. d.„V. d. 28." ehe die harte Lehrmeisterin Nothwendigkeit eS dahin gebracht hat, daß der einheitlichen Reaktionspartei eine einheitliche und wirkliche Oppositionspartei gegenübertritt, welche alle Elemente in sich schließt, die bis zu bestimmten Marksteinen politischer Entwickelung zusammengehen können, die vor der Hand und auf lange Zeit hinaus genau dasselbe erstreben müssen. Bis zu diesem gesegneten Zeitpunkte mag der„wilde" Abgeordnete Titius sein trübseliges Statistenthum so gut wie möglich ver- bergen und seinen staunenden Wählern emphatisch von dem vorerzählen können, was er parlamentarisch„geleistet" habe, soll der„fraktionshörige" Abgeordnete Sempronius sich gegen Vorwürfe vertheidigen müssen, die nicht ihn, sondern ledig- lich und allein die ihn dirigirenden Macher und Leiter treffen können. -rvT o'" reichstreuer Held, oderPodeck'sBescheidenheit. �sponden Tageblatt" vom 15. d. brachte folgende Cor- „"Hänichen, 14. August. Morgen findet hier die Stichwahl l,i»-i»über entscheiden soll, ob unser Wahlkreis der Sache des Reiches erhalten bleiben oder wiederum der Sozialdemokratie ausgeliefert werden soll. Die letztere macht diesmal verzweifelte Anstrengungen, um ihrem Candidaten, Kays er, gegenüber dem seitherigen nationalliberalen Vertreter, Penzig, den Sieg zu erringen. Gestern hielten die Sozialisten hier eine stark besuchte Versammlung ab, in welcher der zu diesem Zwecke hier einge- troffene Hauptführer Liebknecht als Referent auftrat. Die Sozialisten füllten zu Hunderten den Saal; aber auch die Reichs- treuen waren, etwa 70 Mann hoch, in der Versammlung er- schienen. Schon durch diese Thatsache fühlte sich Liebknecht ficht- lich gehemmt, und er gab sich in seiner verhältnißmäßig zahmen Rede alle mögliche Mühe, die Sozialdemokratie von dem Ver- dacht einer moralischen Mitschuld an den Attentaten, sowie revo- lutionären Bestrebungen überhaupt reinzuwaschen. Er wetterte natürlich gegen Ausnahmegesetze, gegen drohende Reaktion k., stellte sich aber im Uebrigen auf den Boden der Reform und— man höre und staune!— der Vaterlandsliebe. Nachdem er ge- schlössen, ergriff der anwesende Sekretär des Reichsvereins, nöthigen Papiere ausgefertigt und von den Behörden in Berlin beglaubigt find.*) — Die Schützen an der Arbeit. In Blumenthal(bei Hannover) wurde ein Sozialdemokrat, weil er bei einem auf den Kaiser ausgebrachten Hoch nicht mit einstimmte, feierlichst aus der Schützengesellschaft ausgeschlossen. Mit Ge- nugthuung melden patriotische Blätter diese Heldenthat— wir aber lassen den Blättern das Vergnügen. — Von welchem Einfluß die Stimmen der sozialistischen Wähler find, hat in dem verflossenen Wahlkampf so mancher Abgeordnete erfahren. Wir erinnern nur an die Abgg. Lasker und Richter. Ebenso wird aus dem Niederbarnimer Kreise ge- meldet, daß Dr. Mendel(Fortschr.) von Pankow(bei Berlin) nur den Sozialdemokraten sein Mandat zu verdanken habe. Dagegen ist der Abg. Hausmann(Fortschr.) in dem westhavel- ländischen Kreise Brandenburg- Rathenow gegen den Conserva- tiven v. Bredow unterlegen. Die Sozialisten beschlossen für Hausmann zu stimmen und Genosse Rackow wollte in einer Versammlung der Fortschrittler in diesem Sinne das Wort er- greifen, durfte jedoch nicht sprechen. In Folge dieses elenden Fortschrittsstreichs beschlossen die Sozialisten Wahlenthaltung und so ist denn der Fortschrittler durchgefallen. Jedenfalls eine derbe Zurechtweisung fortschrittlichen Uebermuthes. — Aus Harburg berichten verschiedene Blätter über einen dortselbst anläßlich der Stichwahl zwischen dem Welsen Grafen Groote und Oberbürgermeister Grumbrecht stattgehabten Volks- auflanf. Es sollen mehrere Personen todt und verwundet wor- den sein. Wir erwarten von unseren dortigen Parteigenossen näheren Bericht. — Wir erhalten folgende Zuschrift: „London, den 12. August 1878. An den Redakteur des„Vorwärts"! In verschiedenen Nummern des„Vorwärts" haben Sie durch unbegründete Beschuldigungen und allzu kühne Entstellungen meinen Namen zu schänden gesucht und mich, in voller Ueber- einstimmung mit dem Treiben gewisser sozialistischer Maulhelden, für Artikel des„Londoner Journals" verantwortlich gemacht, die ich nie geschrieben, sondern auf das Entschiedenste verurtheilt habe. Ich erkläre hiermit, daß die im„Londoner Journal" ver- öffentlichten und gegen die Sozialdemokratie gerichteten Artikel den Redakteur des Blattes, Dr. Günther, zum Verfasser haben; daß seine gänzlich unbegründeten Angaben über die Organisation, Thätigkeit und die Zukunftspläne des Londoner sozialdemokra- tischen Arbeiterbundes demselben einen unbegründeten Nimbus verliehen haben; endlich, daß ich für genanntes Blatt seit seinem Bestehen nur einen Brief geschrieben habe, in welchem ich den Redakteur, Dr. Günther, aufforderte, die Deutschen Londons für die hundertjährige Jahnfeier zu begeistern. Der mit nicht geringerer Frechheit gegen mich geschleuderten Beschuldigung,„Deutschland als Polizeispion durchreist zu haben", werde ich gebührend begegnen. Nach langem und opferfreudigem Ringen, als Mitgründer und 14 Jahre als Redakteur des Lon- doner„Hermann", im Interesse der deutschen Arbeit in der Fremde, werde ich mich nicht scheuen, den Lehren der unter falschem Banner wühlenden Pseudo-Sozialdemokraten offen ent- gegenzutreten. Ernst Juch. — Der Friedenskongreß der vereinigten französischen, englischen und italienischen Friedensgesellschaften zu Paris findet nicht am IS. und 20., sondern am 26. September d. I. daselbst statt. — Wjera Sassulitsch(ausgesprochen Sassulitsch— mit dem Ton auf dem u) ist, wie wir auf's Positivste versichern können, in Sicherheit. Sie kam, nachdem sie sich zwei Monate lang in Petersburg verborgen gehalten, am Tage des Lehmann- Attentats nach Berlin, hielt sich dort unter den Augen des stumpfgewordenen Stieber einige Wochen lang auf, begab sich dann nach Genf, wo sie durch eine Taktlosigkeit Rochefort's, des Ex-Laternenmanns, beinahe der Polizei in die Hände geliefert worden wäre, und befindet sich da, wo kesn Stieber oder Trepoff *) Da warten wir aber noch ein wenig. Uebrigens wär's uns recht, wenn diese 28illensverdreherei einmal ein Ende hätte. Wir re- flektiren nicht so sehr auf diese Erbschaft, wie die Tante es thun würde, denn unsere Macht liegt nicht im Gelde, sondern in der Gerechtigkeit und Wahrheit unserer Sache. Red. d.„25. d. 28." Dr. Bodek, das Wort, um in einstündiger Rede die Schein- gründe und Sophistereien des Vorredners Punkt für Punkt zu widerlegen. Unbeirrt durch wiederholte stürmische Unterbrechungen, drang er scharf und kräftig auf den sozialistischen Gegner ein, dem er den Vorwurf zuschleuderte, daß er seine seitherigen revo- lutionären und vaterlandslosen Gesinnungen hinter einer er- heuchelten Friedens- und Reformliebe verberge. Herr Liebknecht erwiderte ziemlich gereizt, worauf Dr. Bodek nochmals Gelegenheit nahm, die wahren Ziele der Sozialdemokratie zu beleuchten und das Märchen von den 300 Millionen Mark neuer Steuern, das Herr Liebknecht natürlich wiederholt auftischte, als eine thörichte und böswillige Erfindung zurückzuweisen. Auch die seltsame Taktik der Sozialisten, die sich trotz ihrer angeblichen Freisinnigkeit nicht scheuen, den Römlingen und Muckern bei den Stichwahlen beizuspringen, wurde einer genauen Besichtigung unterzogen. Nach einem Schlußworte des sozialistischen Refe- renten wurde die Versammlung, die einen sehr ehrenvollen Ver- lauf für die Reichstreuen nahm, nach halb 12 Uhr Nachts ge- schloffen." Natürlich hat Herr Podeck(der sich, um gewissen Ideen- assoziationen vorzubeugen, hartnäckig Bodek nennt) diese Cor- respondenz selbst geschrieben; natürlich hat er in besagter Volksversammlung Liebknecht so vermöbelt, daß er(nicht Lieb- knecht) es zuletzt gar nicht mehr für nöthig hielt zu antworten; natürlich hat er seine Sache so gut geführt, daß die Reichstreuen selbst genug daran hatten, und daß Podeck's Schützling den folgenden Tag mit riesigem Erfolg— durchfiel. Freund Podeck hatte in der(natürlich für uns) unglücklichen Hainichener Versammlung beiläufig den sehr anerkennenswerthen Muth zu gestehen, daß die deutsche Armee zur Niederschießung der deutschen Sozialdemokraten und Arbeiter da sei— ein Ge- stäudniß, das von dem in die Pfanne gehauenen Liebknecht natür- lich sofort festgenagelt ward und Herrn Podeck, der nun schon von zwei Redaktionen wegen allzugroßer Befähigung entfernt werden mußte und jetzt als Sekretär des sächsischen Reichsvereins einen Unterschlupf gefunden hat, sicherlich keine Gehaltszulage einbringen wird. ihr etwas anhaben kann. Die neuliche Notiz der„Frankfurter Zeitung", dahin lautend, Fräulein Sassulitsch sei gar nicht aus Rußland entkommen, sondern in der russischen Festung Schlüssel- bürg eingesperrt, ging von Freunden der bedrohten Märtyrerin aus und sollte die Rettung derselben erleichtern, ein Zweck, der auch glücklich erreicht ward. — Der russische Polizeiminister Mesenzow, der am 16. d. erdolcht wurde, war der Nachfolger des berüchttgten Po- tozoff, der im Winter 1876/77 irrsinnig wurde.(Trepoff, als dessen Nachfolger wir ihn in letzter Nummer bezeichneten, war blos Polizeipräsident von Petersburg.) Alle Schurkereien, welche die berüchtigte„dritte Abtheilung" seit 2 Jahren verübt, sind auf Mesenzow zurückzuführen, der ebenso brutal und grau- sam wie servil, habsüchtig und liederlich war. Wie begreiflich, hat der Tod dieses Scheusals den russischen Reaktionären einen heillosen Schrecken eingejagt; sie faseln von einem„Ausnahme- aesetz" und„strafferen Zügeln". Die Dummköpfe, die nicht ein- sehen, daß sie dadurch das Uebel nur vermehren und die Ge- fahr nur erhöhen.— Wenige Tage vorher hatte sich in Odessa ein anderes Stück„russischer Wirthschaft" abgespielt. Man-schreibt darüber aus Odessa vom 11. August:„Das öffent- liche Interesse unserer Stadt wird noch immer von dem sensatio- nellen Prozesse in Anspruch genommen, welcher sich in der ab- gelaufenen Woche vor dem Kriegsgerichte des Odesiaer Kreises abspielte. Wie das in Odessa bekanntlich nicht zu den Selten- heiten gehört, war man auch im verflossenen Jahre einer „communistischen und antidynastischen" Äerschwörung auf die Spur gekommen, deren Anhänger durch aufrührerische Plakate, Proklamationen zum Sturze der gegenwärttgen Staatsverfassung u. dergl. mehr manches bedenkliche Lebenszeichen von sich ge- geben hatten. Die Beweise für die Existenz der Verschwörung waren in den Händen der Polizei, sehr geraumer Zeit aber be- durfte es, ehe man der Verschworenen selbst habhaft werden konnte. Endlich erfuhr der Polizeichef von Odessa, daß diese Letzteren in einem gewissen Hause auf dem Stadowaja allnächi- lich zusammenzukommen undhier ihre Berathungen zu haltenpflegen. Sofort ließ er das Haus von einer starken Polizeimacht umstellen. Die Verschworenen ergaben sich aber nicht gutwillig. Wohl wissend, was ihrer harre, setzten sie sich mit den Waffen in der Hand zur Wehre. Es mußte reguläres Militär requirirt, das Versammlungslokal förmlich gestürmt werden; eine kleine Schlacht entspann sich, in welcher es aus beiden Seiten mehrere Schwer- verwundete gab, und nur mit der größten Mühe gelang schließlich die Verhaftung. Wochenlang sprach man in Odessa von nichts Anderem als von dem Ereignisse. Die gerichtliche Untersuchung dauerte viele Monate. Erst vorige Woche begann die Schluß- Verhandlung vor dem Kriegsgerichte, und man kann sich leicht denken, daß damit auch das Interesse für die schon halb ver- gesscne Angelegenheit im Publikum wieder hell aufloderte. Die Sitzungen dauerten drei Tage lang; ungefähr ein halbes Hundert von Zeugen wurde vernommen. Nur durch die Vermiltelung dieser Zeugen erfuhr das Publikum, welches in den nicht abge- sperrten Straßen zu vielen Tausenden unverdrossen des Aus- ganges harrte, einige spärliche Daten über den Fortgang des Prozesses. Sonst drang nicht das Geringste in die Oeffentlich- keit. Aber die Menge harrte und harrte in unerschütterlicher Geduld. Endlich am Montag Abend— es mochte ungefähr 9 Uhr sein und die Dunkelheit war schon tief hereingebrochen— wurden die abgesperrten Straßen geöffnet, das Publikum bis in die unmittelbare Nähe des Gerichtsgebäudes vorgelassen und das im Saale eben gefällte Urtheil verkündet. Es lautet für den Hauptangeklagten Kowalsky auf die Strafe des Todes durch Erschießen; für den zunächst am schwersten gravirten Switytsch auf Festungsarbeit in der Dauer von acht Jahren; für Klenow, Studsinsky und Witaschewsky auf vierjährige Zwangsarbeit; für Aphanaßjew und Witten auf Verlust aller Standesrechte und Deportation nach Sibirien; für den in die eigentliche Verschwörung nicht verwickelten Mershanow endlich auf Arrest im Gefängnisse auf die Dauer von drei Wochen. Welche Wirkung die Verkündigung dieses Urtheils unter der versammelten Menge hervorrief, läßt sich schwer beschreiben. Zuerst ging es wie ein dumpfes Grollen durch die nach Taufen- den zählende Menge. Nach und nach wurden einzelne Rufe be- stimmter hörbar— Rufe, welche alle die Strenge des Urtheils kritisirten und just nicht die schmeichelhaftesten Bemerkungen für die Richter, sowie für die Staatsgewalt als solche zum Aus- drucke brachten. In einer Viertelstunde wogte und brauste es in den umliegenden Straßen, als sollte das Kreisgerichtsgebäude durch Geschrei zu Falle gebracht werden!, wie weiland die Mauern von Jericho. Diejenigen unter den Zuschauern, welche bloße Neugierde Hergetrieben hatte— und diese repräsentirten immerhin die große Majorität— schlichen sich nunmehr nach allen Richtungen davon, denn sie konnten sich's an den Fingern abzählen, was jetzt kommen werde; immer blieben noch Haufen von genügender Stärke angesammelt, um der Scene ein bedenk- liches Colorit zu geben. Da rückte reguläres Militär auf den Platz. Eine Compagnie, ein Bataillon, zwei Bataillone. Die Aufforderungen der Pristows, man möge sich zerstreuen, blieben unbeachtet. Das Militär nahm jetzt eine Schwenkung vor, um die Menge abzudrängen. Aber während es hier den Raum säuberte, füllte er sich auf der anderen Seite wieder. Nun fielen auch Schüsse aus dem Publikum. Im Ganzen mögen wohl gegen fünfzig abgegeben worden sein. Vier Soldaten stürzten schwer verwundet, mehrere andere trugen leichtere Verletzungen davon. Das Militär erhielt nun Befehl mit dem Bajonnet auf die Menge loszugehen. Auf diese Weise gelang es nach einigen Anstrengungen zwar wirklich, die Umgebungen des Gerichtsge- bäudes zu säubern und die Ruhe, äußerlich wenigstens, wieder herzustellen, allein es gelang nur um den Preis neuer Verwun- düngen. Zwei Personen aus dem Volke blieben todt auf dem Platze liegen, Verwundungen von Privatpersonen dürfte es an die 30 abgegeben haben. Auch Verhaftungen wurden natürlich vorgenommen, und so hat denn der eine Prozeß gleich die Grundlage für den nächsten geliefert." Und da gibt es in Deutschland Personen— die sich oben- drein Patrioten nennen— welche durch unterrussyche Gesetze uns unterrussische Zustände bereiten wollen! — Unser Redakteur, Julius Künzel, wurde heute in erster Instanz wegen dreier Anklagen zu neun Monaten Gefäng- niß verurtheilt. Die Appellation wird angemeldet. — Mit Bezug auf die in letzter Nummer abgedruckte Er- klärung Bracke's in Sachen der Braunschweiger Candidatur Stauffenberg's haben wir zu bemerken, daß Bracke, als er die- selbe schrieb, nicht wußte, daß Herr v. Stauffenberg in einer seiner Wahlreden die Sozialdemokratie für die Lehmann-Nobi- ling- Attentate verantwortlich gemacht und auf's Schmachvollste insultirt hat. — An die Wähler im 13. sächsischen Reichstagswahlkreise erläßt unser Genosse Motteler folgende Ansprache, deren In- halt auch auf die Verhältnisse im 16. Wahlkreise zutreffend ist: Es ist der 30. Juli, trotzdem wir den feindlichen 11,723 Stimmen mit den auf mich lautenden 10,135 Stimmen unter- liegen mußten, als einer der besten Ehrentage in die Geschichte unserer Partei und unseres 18. Wahlkreises eingezeichnet.„Die älteste Hochburg der Sozialdemokratie"— rufen unsere Gegner jubelnd in ihrer Presse aus—„ist genommen worden und, hoffen wir, für immer!- Gerade in diesem Siegesruf aber liegt für die sozialistischen Wähler des 18. Wahlkreises die gegnerische Anerkennung ihrer bisher tapferen Vertheidigung ausgesprochen. Und— wie rücksichtslos sonst auch der feindliche Anprall in früheren Wahlgängen gegen uns gekommen ist— die letzten gegnerischen Kampfmittel, mit denen wir uns diesmal zu meffen hatten, stehen in Deutschland beispiellos da in der Geschichte des allgemeinen, gleichen und direkten Wahl- rechts mit„geheimer" Abstimmung. Die wirthschaftiche Ab- hängigkeit des werkthätigen Volkes ist bei diesem Wahlkampfe als der schreiendste Uebelstand unseres politischen Lebens aller- wärts grell zu Tage getreten. In ihrem Gefolge mußten die Einschüchterungen und Stimmpressungen verfangen, denen trotz aller gegen unsere Mannschaften sonst noch angewandten Mittel der List und Vergewaltigung die für unsere Partei stimmenden 10,135 Wähler muthig und unbeirrt widerstanden haben. Ge- zählt und gewogen können wir deshalb mit Recht unsere Stim- men im 18. Wahlkreise nennen, zumal die Gegner darauf ge- gerechnet hatten, uns mit kaum der Hälfte von diesen Stimmen geschlagen zu sehen. Wir zählen zwar gegen die Resultate von 1877 ca. 800 Stimmen weniger, aber wir wissen, daß die Mehrzahl davon unserer Sache nicht fremd, unseren Fahnen nicht abtrünnig geworden ist. Die Sorge und Furcht um Brod und Leben, das Bangen um Frau und Kinder haben Hunderte un- serer Männer am Tage der Wahl in die Ketten des Schreckens gelegt, zur Wahlenthaltung gedrängt und mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß wir trotzdem siegen würden. Mögen dies alle Wähler erwägen, die heute grollend und verbittert gegen vermeintliche Verräther und Ueberläufer ihre Vorwürfe richten. Nicht der Verrath ist es, der uns den Sieg entrissen hat, nein! Es ist dies die wirthschaftliche Nothlage der Ackerbauer-, Hand- werker- und Arbeiterschaft, denen die Daumschrauben der Existenz- frage angelegt werden konnten. Diese Nothlage zu bewältigen, haben wir seit länger als einem Jahrzehnt den 18. Wahlkreis zu einem Bollwerk der Sozialdemokratie aufgerichtet und ihn siegreich und opferfteudig gegen die polittsche und wirthschaft- liche Reaktion vertheidigt. Daß sie mit einem Vorsprung von 1600 Stimmen sich den Vortritt zur Gesetzgebung erzwungen hat, hebt indeß die Thatsache nicht auf, daß die Sozialdemo- kratie ihr noch heute so kampfbereit und ebenbürtig wie sonst im 18. Wahlkreise gegenübersteht. Er ist und bleibt die„älteste Hochburg der Sozialdemokratie", wie es unsere Zehntausend zum Wahltag unerschrocken bewiesen haben. Ihnen einige Worte des Dankes, der Anerkennung und Ermunterung in offener Volksversammlung zuzurufen, hat mir die Feigheit un- serer Gegner unmöglich gemacht. Es geschehe deshalb auf diesem Wege, Namens unsrer großen und gerechten Sache, für die wir auch ferner in treuer Kampfgemeinschaft stehen wollen. Stehen Sie in der Bresche ungebeugt, unbeirrt, und fest ent- schloffen,„über und unter der Erde" nicht zu rasten und zu ermüden, bis mit dem Siege unserer Prinzipien des ganzen Volkes Rechte und Freiheiten verbrieft und versiegelt find. Dazu Glückauf und Gruß! Leipzig, den 14. August 1873. I. Motteler. —„Die Zukunft." Sozialistische Revue. Berlin 80., Ver- lag der Allg. Deutsch. Assoziations-Buchdruckerei. Heft 21 ent- hält: Strafhast, Strafverfahren und Strafvollzug im Lichte des Sozialismus.— Die schweizerische Reformtheologie und die soziale Frage.— Die Arbertslöhne in Belgien. Von Louis Bertrand.(Schluß.)— Rezensionen: Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben.— Friedr. v. Hellwald, Die Umgestaltung des Orients als Culturftage.— Lorenz v. Stein, Die Volks- wirthschaftslehre.— L. Landsberg, Die gegenwärtige Lage der Industrie. —„Die Neue Gesellschaft", Monatsschrift für Sozial- Wissenschaft.(Zürich, Verlag der„Neuen Gesellschaft".) Preis vierteljährlich M. 3 � Fr. 3.75. Man abonnirt bei allen Buch- Handlungen und Postanstalten, sowie bei der Expeditton der Zeitschrift. Das vor uns liegende elfte Heft enthält: Ein Ein- wand gegen das Gesetz der Erhaltung der Kraft von F. W. Fabian.— Vorschlag zur Gründung von Arbeiterassoziationen von Ferdinand Montena.— Zur Geschichte der ungarländischen Arbeiterbewegung von Sigmund Politzer. III. IV.(Schluß.)— Zur Geldwirthschaft von Dr. Karl Schalk.— Ueber den Zu- kunftSstaat und die Frauenftage. Bon Maria Caritas.— Der Sozialismus und die Kunst. Eine Studie von Kuno Grunding. III.(Schluß.)— Das deutsche Volkslied von Edmund Ritter.— Bei der Redaktion eingegangene Druckschriften. CorresponÄenzen. Kamburg, 15. August. Die Nichttgkeitsbeschwerde der Staats- anwaltschaft gegen das freisprechende Erkenntniß betreffend Aug. Geib wegen Vertriebe» der Londoner Tombola-Loose ist vom Obergericht verworfen und somit August Geib auch in dieser Instanz von der wider ihn erhobenen Anklage freigesprochen worden. So ist denn der 687,000 Mark Prozeß endgiltig von der Tages-Ordnung abgesetzt— nur die Kostenrechnung bleibt noch übrig, die der Staat zu bezahlen hat. Aus der Schweiz, 15. August. Der leidige St. Bismarck — Pardon!— St. Gotthard wollte ich sagen, ist der Alp, welcher den guten Schweizern am schwersten auf der Seele liegt und seine Durchbohrung, welche in den Comtoirs von Bleichröder und der Berliner Diskontozcsellschaft mit so großem Profit in Scene gesetzt wurde, macht an Ort und Stelle so langsame Fort- schritte, daß vor dem„chaiben" Loch, welches immer mehr Millionen der steuerzahlenden Unterthanen verschlingt, diesen nachgerade„gruselig" wird. Es handelt sich bekanntlich jetzt darum, �nachdem die am Gotthard betheiligten Kantone jede weitere Subvention dieses„Unternehmens" abgelehnt haben, der Eidgenossenschaft SV- Mill. Franken abzudrücken, von deren Be- willigung Deutschland sowohl als Italien ihre weiteren Beiträge abhängig gemacht haben. Nach einer mehr als lltägigen Rede- Bataille hat endlich der Nationalrath, welcher im Allgemeinen der Subvention geneigt ist, den wichttgen Beschluß mit 85 gegen 33 Stimmen gefaßt, daß die Beschlüsse der Bundesversammlung in dieser Angelegenheit der Voltsabstimmung nicht zu entziehen sind. Die Gotthardfreunde planten nämlich die Umgehung des Referendum's aus sehr naheliegenden Gründen; zur Ehre der schweizerischen Volksvertretung sei gesagt, daß sich eben nur 33 s Männer dafür gefunden haben, dem Volke sein verfaffungs- mäßiges Recht zu beschneiden, oder auch, vielleicht besser, es ist eine Schande, daß sich überhaupt in der republikanischen Schweiz � 33 Volksvertreter fanden, welche ein solches Attentat auszuführen versuchten. Augenblicklich debattirt man nun über ein Com- promiß zwischen den Anhängern und Gegnern der Subvention, resp. des Gotthard- Unternehmens— und man wird ja wohl auch eins finden, obsckon es als zweifellos gelten kann, daß oas souveräne Volk durch Ablehnung der Ehre, dem Gotthardschwindel noch weitere Millionen zu opfern, die Schweiz dafür bewahren wird, den Handlanger der politischen Seelenverkäuferei und des hungrigen Gründerthums abgeben zu müssen. Die Phrasen von der„engagirten Ehre" der Eidgenossenschaft und von der Ge- | fährdung ihrer staatlichen Existenz durch den bevorstehenden „Krach" des St. Gotthard verfangen nicht bei dem Schweizer Volk— es ist genug ausgebeutet und will jetzt Ruhe haben, vor allen Dingen Sparsamkeit in seiner Verwaltung und gerechtere Vertheilung und Ermäßigung der Steuern. Und was speziell die angebliche Existenz- Gefährdung anlangt, so ist man hier sehr unbesorgt; so lange die Eidgenossenschaft nach Außen ein fest- gegliederter und gesunder Bau ist, in welchem die Freiheit ein schützend Obdach, der Kulturfortschritt einen warmen Heerd findet, und in welchem der Volkswille über den der Diplomaten und Gründerbarone steht, ist sie unantastbar und unerschütterlich. Erfüllt sie indessen diese Bedingungen nicht wehr, so hat ihre Existenz eben überhaupt keinen Sinn und keine Millionen werden sie dem Schicksal der reaktionären Nivellirung entreißen.— Neben der Gotthardfrage ist es natürlich hauptsächlich der Wahl- kämpf in Deutschland, welcher das öffentliche Leben in höherem Maße bewegt; doch wird hier so viel Unklares über die deutschen Verhältnisse namentlich in einem großen Theile der Presse ver- zapft, daß das Publikum bei der Lektüre seiner Tagesblätter schwerlich viel klüger wird. Und das ist bedauerlich genug, läßt sich aber leicht erklären durch die inneren Kämpfe auf dem Ge- biete der Gesetzgebung und der Kirche, welche zu unpassenden Vergleichen und damit zu schiefen Urtheilen führen. Auch ist es ein hervorragender Zug des Schweizers, daß er der Meinung lebt, für ihn sei die größtmöglichste Freiheit besonders geeignet, während andere Nationen sich sehr gut mit viel weniger beHelsen könnten. In gewisser Beziehung kann man das gelten lassen, namentlich wenn dieser Ucberzeugung die Auffassung zu Grunde liegt, welche mir gegenüber ein Schweizer äußerte; er sagte: „Völker, welche reif sind für die republikanische Freiheit, werden die Republik haben; Ihr habt die Monarchie, crAo seid Ihr unreif!" In dieser Ansicht mag der Schweizer allerdings durch die neuesten Vorgänge in Deutschland und namentlich durch die schändliche Haltung seines„liberalen" Bürgerthums wohl noch bestärkt worden sein, obschon auch hier in der Republik Mancherlei geschieht, das der krassesten Intoleranz auf ein Haar ähnlich sieht.— Ein jähes Entsetzen hat sich unserer„radikalen" Partei (es ist so eine Art Berliner Fortschrittsfarbe), welche das Ruder in der Hand hat, bemächtigt ob der Kanossaer Zusammenkunft zwischen Bismarck und dem Herrn Masella. Die radikale Partei führt bekanntlich hier den„Kulturkampf" und ist nicht wenig stolz darauf, daß Fürst Bismarck eigentlich nur ihr Nachfolger ist. Diesem Umstände hat auch Bismarck es zu danken gehabt, daß er stets als Protektor und Genosse sich in der herrschenden Presse einer ziemlich kollegialischen Behandlung zu erfreuen hatte. Diese Liebe hat er jetzt verscherzt und man kann es plötzlich deutlich lesen, daß Bismarck doch eigentlich kein großer Staats- mann sei. Nun geht er doch nach Canossa! Und uns spult er in die Suppe! Edle Seelen. Pforzheim. Mittwoch, den 7. August, hielten wir in der Brauerei Hof eine mäßig besuchte Versammlung ab mit der Tagesordnung:„Die Stichwahl". Genosse Lehmann setzte in längerer Rede die Gründe auseinander, warum es unsere Pflicht sei, bei der Sttchwahl uns der Stimme zu enthalten. In einer langen Debatte stellte es sich heraus, daß der berüchtigte Ab- geordnete Bichler einen unserer Genossen ersuchte, unsere Stimme zu Gunsten Rößers abzugeben, welcher Wunsch aber rücksichtlich der Weißensteiner Affaire und der hiesigen allgemeinen Verhältnisse verworfen wurde, jedoch der Antrag, uns der Wahl zu ent- halten, angenommen. Bei der Wahl wurde selbstverständlich, trotz der öffentlichen Aufforderung Seitens der Conservativen, unser Beschluß hochgehalten; der conservative Katz wurde mit 1600 Stimmen Mehrheit Sieger über Rößer. Dies Zahlen- verhälwiß beweist am besten, warum Herr Bichler demüthig um unsere Stimmen warb; hätten wir unsere Stimmen dem Can- didaten der Pforzheimer Knüppelgarde zugewendet, er wäre sicher aus der Wahlurne als Sieger hervorgegangen. W. B. Karlsruhe. Samstag, den 10. August, haben wir wieder eine stark besuchte Versammlung abgehalten mit der Tagesord- nung:„Die bevorstehende Stichwahl". Genosse Dreesbach auS Mannheim unterzog das Gebahren der Gegner während der Wahlbewegung e,ncr gerechten Kritik. Als nun Redner die Grundsätze der Liberalen beleuchtete, stimmten die anwesenden Conservativen lächelnd mit Bravo ein, sobald aber die conser- vative Partei an die Reihe kam, welche den Haselstock als höchstes Ideal und wahren Knlturbefördcrer verehren, war das Bravo hier verstummt und auf der liberalen Seite aufgenommen, es war wirklich pojsirlich anzusehen, wie beide Parteien gegen- seitig die Worte Dreesbach's durch ihre Bei- und Mißfalls- bezeugungin als Wahrheit gekennzeichnet und anerkannt haben. Nachdem allen wurde Wahlenthaltung empfohlen und in diesem Sinne eine Resolution zum Beschluß erhoben. Trotz mehrfacher Aufforderung des Vorfitzenden, die Gegner möchten ihre Ansichten geltend machen, zogen sie es vor, den letzten Satz des alten Sprüchwortes:„Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold" zu beherzigen. Der Vorsitzende forderte nun zum Abonnement auf das„Pfälzisch-Badische Volksblatt" auf, worauf sich 25 neue Abonnenten einzeichneten. Nachdem bekannt gemacht, daß M. 62,00 Eintrittsgeld eingekommen, wurde die Versammlung geschlossen. W. Miederwürschnih, 16. August. Schicksal der„Arbeiter- groschen". Unterm 1. August kam ein Steinkohlenbergwerk, dem„Niederwürschnitzer- Kirchberger-Steinkohlen-Aktienverein" gehörig, zur Auflösung. Auf Beschluß der Gesellschaft wurde das Liquidationsverfahren beschlossen und mit dem Berkauf des Werjes, der Gebäude und des ganzen zum Werke gehörenden Arechls vorgegangen. Die gelöste Summe ergab jedoch nicht so viel, daß sämmtlichc Hypotheken abgelöst werden konnten, und sollte nunmehr das Concursverfahren eingeleitet werden. Da jedoch der Erlös voraussichtlich kein höherer geworden wäre, so ersuchte man die Hypothekengläubiger, den aus dem Liqui- dationsverfahren entstandenen Verlust zu tragen. Zu diesen Gläubigern gehörte aber auch die Knapp schafts lasse des ge- nannten Werkes und zwar dieselbe mit 1a, OOO Mark betheiligt. ES wurden nun auf den 22. April d. I. olle Unterstützungs- berechtigten des Werkes eingeladen, in der Werksexpedition zu erscheinen, um ihre Zustimmung zu den Vorschlägen der Liqui- dationskommission zu geben. Der Vorsitzende machte die An- wesenden mit dem Stande der Sache bekannt und frug sie, ob sie damit einverstanden wären, wenn von den 15,000 Mark 6000 Mark gestrichen würden. Ein Redner verlangte jedoch, daß, die Vertreter der Knapp- schastskaffe zur Verantwortung gezogen würden, denn dieselben hätten kein Recht, Knappschaftsgelder ohne genügende Sicher- stellung zu verleihen. Ein anwesender Vertreter beantwortete dies dahin, daß er seiner Zeit auf die Werksexpeditton gerufen wurde, und da habe man ihm ein Schriftstück zum Unterzeichnen vorgelegt, ihm aber bedeutet, davon nichts in die Oeffentlichkeit zu bringen. Ein anderer Redner sprach sich dahin auS, daß, wenn die Knappschaftsvertreter die Gelder nicht bewilligten, so hätten dieselben ihre Arbeit eingebüßt.— Das ist nun bereits das zweite Falliffement eines Bergwerkes in unserer Gegend, wodurch die Arbeitergroschen zur Deckung der Schulden mit verwandt wurden. Wittwen, Waisen und Invaliden müssen sich ihre Unterstützung schmälern lassen, wenn die Herren das Geld verpulvern. Es kann uns also Niemand verdenken, wenn wir mit aller Macht darauf hinarbeiten, eine Bereinigung der Knapp- schaftskassen und die volle Selbstverwaltung derselben durch die Bergarbeiter selbst herbeizuführen. Die Bergarbeiter haben schon so viele bittere Erfahrungen gemacht, daß sie alle Ursache haben, sich solchen Bestrebungen anzuschließen. Aarmen-KkSerfttd, 16. August. Das offizielle Wahlresultat in unserem Kreise ist folgendes: Abgegeben wurden Stimmzettel 29,591; davon ungülttg 269, bleiben 29,322. Es erhielt nun Hasselmann 15,220 und Prell 14,102 Stimmen. I. B. Meyer. Briefkasten der Redaktion: G. K— y in Chemnitz: Wir würden Ihnen rathen, ruhig den Weg einer Eingabe an das Reiwsgesundheitsamt zu versuchen und Ihre Angaben mit dem nöthigen Material zu belegen. Den Erfolg müssen Sie natürlich abwarten. Wir werden Ihre Ein- sendung gelegentlich verwerthen. der Expedition. A. Schrpg Güstrow: Ihre Postexpedition be- hauptet, die Blätter unbeschädigt an die Person, welche sür Sie die- selben abholt, verabfolgt zu haben. Wollen Sie in künftigen Fällen das beschädigte Exemplar sofort der Post retour gegeben. Quittung. Strbl Zwickau Ab. 114,78. Sbrt Cassel Ab. 20,09. Sttk Offenbach Ab. 23,56. Hnk Schweidnitz Ab. 5,00. B. Pntve Pancsowa Schrft. 13,27. Flttmann Osnabrück Ann. 0,90. Frnkl Pest Ab. 26,29. Rtr Darmstadt Schrft. 10,00. Mhlbr Altrohlau Ab. 4,91. G hier Ab. 3,20. Sbl Dortmund Ab. 17.40. F Schr Langenau Ab. 4,91. Hrbg Würzburg Ab. 13,20. Hch Frankfurt Ab. 8,80. Bsch hier Ab. 40,00. Sprngr Aachen Ab. 3,40. Lmzk hier Ab.'0,60. Brnnmr Göppingen Ab. 25,00. Schld Strasburg Ab. 42.00. Fnk Hannover Schrft. 11,00. Brgr Seesen Ab. 4,90. Wllhm Rogasen Schrft. 1,00. Rthmnn Halbersiadt Schrft. 1,90. Brgmnn Koppelkatten Ab. 1,00. Wrnk Celle Büsten 4,00. Hb Göttingen Schrft. 0,50. BrnS Saarbrücken Schrft. 0,70. Blhm Wiesbaden Schrft. 0,50. Knz Höchst Schrft. 1,50. Hss Mühltroff Schrft. 1,50. Gldstn Freiberg Schrft. 3,75. Kl Wiesbaden Schrft 1,75. Schnwld Berka Schrft. 3,00. Hffmnn Darmstadt Schrft. 0,95. Schllr Waldenburg Ann. 0,50. IS St. Ger- man Schrft. 1,60. Stgr Hamburg Schrft. 3,85. Ems Mittweida Schrft. 3,45. Rnrt Jägerndorf Schrft. 21,07. Wahlfonds. Arb.-Ber. Thonberg d. B. 10,00. H. S. hier 1,95. Unbekannt 0,25. Gegner des lmprrrraox«, dieses Eingriffs in unsere Freiheit und Menschenrechte, ersuche ich um gütige Mittheilung ihrer Adresse.[1,20 I. Blohm, Wiesbaden, Echostraße 6. Unterstüftungsverein und Krankenkasse der Metals- /VXl-pglfj. arveiter für Leipzig und Umgegend.[40 Jeden Sonnabend Abend ili9 Uhr Versammlung und Aufnahme neuer Mitglieder, Thiemesche Brauerei, Tauchaerstraße Nr. 12, Hof l. Frankfurt a. W. u. Umg.„Ä ÄÄ und Monatsabonnements auf alle sozialistischen Zeitungen„Vorwärts", „Neue Welt",„Rundschau".„Die Zukunft",„Berliner Freie Presse",„Volkofreund�,„Neue Gesellschaft",„Hamburg. Al- tonaer Volksblatt" u. s. w. zu jeder Tageszeit angenommen werden. Ferner mache ich darauf aufmerksam, daß bei mir Aufttäge auf Druck- suchen aller Art, z. B. Adreßkarten, Bisitenkarten, Rech- nungen, Circuläre u. s. w. angenommen werden. Alle Drucksachen werden billig und nach Wunsch schnell und bestens besorgt. W. Knoke, Kleine Eschenheimerstraße 34, 2. Etz. NU. Den geehrten Abonnenten obengenannter Blätter zur Nachricht, daß Sonntag, den 25. ds. Mts. das Abonnementsgeld erhoben wird. Diejenigen, die noch sür das 1. und 2. Quartal 1878 mit Abonne- mentS-Zahlung im Rückstände, können vor Berichtigung derselben kein Blatt mehr erhalten.[1,60 Lithographische Wahlkarten, Ergebnisse der Reichstagswahlen vom 30. Juli 1878, sind gegen Einsendung von M. 1,10 iocl. Porto durch uns zu be- ziehen. Die Expedition des„Vorwärts". Durch uns kann bezogen werden: O. Klcmich, Der Nationalitätsdünkel—.20 —. Die Entwicklung des Menschengeistes—.30 —— Der Egoismus als Weltprinzip—.30 —— Aristoteles ein Grundpfeiler d. modernen ReligionS- formen„ —— Leben und Lehre eines Ketzers—.25 I. Most. Zum Genossenschaftswesen-.10 Die Buchhandlung des„Vorwärts". Wicktia kür jeden Geschäftsmann und Gewerbsgehilfenl Bei Sturm u. Koppe in Leipzig erschien und ist durch die Expc- dition des„Vorwärts" zu beziehen: Rathgeber für Gewerbtreibende. Selbststudium für diejenigen, welche in der Rechtschreibung nicht fest sind. 2) Briefsteller, welcher über 400 Briefmuster für die Gewerb- treibenden und außerdem alle nur oenkbaren Verträge, Dokumente, Ge- chästsaufsätze, Klagschriften ,c. enthält, die bei dem Gewerbstande vor- kommen. Es ist dadurch Jedem leicht gemacht, seine schriftlichen Ar- beiten nach diesen Mustern anzufertigen. 3) Buchhaltung. 4) Fremd- wörterbnch. 5) Samml. v. Gelegenheitsgedichten. 6) Die Nir Gcwerbtteibende wissensnöthigsten Relchsgesetze. 7) Notizen über Gold-, Silber- u. Papiergeld, mit Werthangabe des Geldes aller' Staaten. 8) Das neue Maaß- u. Gewichtssystem v. Deuischlanp und allen Staaten der Erde. 9) Brief-, Packet- u. Depeschen- Portotarif. 10) Statist. Uebersicht aller Länder der Erdc� 11) Ortsbeschreibung der vorzügl. Städte von Deutschland.Oester- reich, der Schweiz-c. 12) Reiserouten durch Tcuischland. Oesterreich, die Schweiz ,c. 13) Der Schnellrechner beim Ern- u. Verkauf, 14) Das Neichsftrafgesel.buch. 3 verb. Aufl. Pr. brach. 4 M. geb. 4V, M._. l600 Veramwortlicher R-dakleur: Franz Gützlaff in Leipzig. Redaltion und Expedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der G-noll-nschastSbuchdruckerei in Leipzig.