erscheint in FeipziS Mittwoch, Freitag, Sonntag. AbonuementspreiS fbi gan» Deutschland 1 M, KS Bf. pro Quartal. Monats- Abonnement» «erden»ei allen deutschen Postanstaltm auf den ll. und S. Monat, und auf den t. Monat besonder» angenommen: im xbnigr. Sachsen und Herzogth. Sachsm- Altenburg auch auf den Iren Monat de» Quartal» it 54 Big. Inserate Mr. Bersammlungen pr. Petitzeile 10 Pf., Mr. Privatangelegenheiten und Feste pr» Petit, eile»0 Pf. Vorwärts Vesttllunizcn nehmen an alle Postanstalten„nd Buch» Handlungen des In- u. Auslandes. Filial< Expediti onen. Rew-Norl: Soz.-demolr. Senohen- fchaftSbuchdruckerci, 154 LIllrillxo Ltr. Philadelphia: P. Haß,»30 üortk s-a ktraor. I. Boll, IISS(lkurlotto Str. Hotofen N.J.: F. A. Sorge, S15 Washington Str. Thicago: A. Lanfermaim, 74 Clyboome»»». San Franzisco: F. Cnh, 41S o�arrsU Str. London W.: C. Hcnze, s NoVtto. kolllev Sonnr«. Emirat' Grg an der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 100. Sonntag, 25. August. 1878. Der Gesetzentwurf gegen die Sozialdemokratie. ii. Bereine, Versammlungen und Presse können also nach dem vorliegenden Entwurf, wie wir in dem vorigen Artikel nachge- wiesen haben, von den Polizeibehörden der Einzelstaaten will- kürlich unterdrückt werden. Doch halt! Es ist ja eine Rekursinstanz eingesetzt: ein .Reichsamt für Bereinswesen und Presse".„Da wird man Recht erhalten, wenn die Polizei im Uebereifer den Verein ge- schlössen, die Versammlung aufgelöst, das Flugblatt confiszirt hat; an dem festen Felsen dieses Reichsamts wird die Polizei- Willkür zersplittern!" Das neue Reichsamt soll in Berlin seinen Sitz haben, dort, wo das famose preußische Ausnahmegesetz ausgeheckt worden ist— der bismarckische Einfluß auf das Urtheil dieses ihm als Reichskanzler unterstellten Amtes wird demnach sehr unmittel- bar sein, und was ein solcher unmittelbarer Einfluß des„ge- waltigen" Mannes, des„eisernen" Fürsten, besonders wenn ihn „seine Nerven" quälen, zu bedeuten hat, davon wissen die Reichsbeamten in Berlin manch schönes Liedchen zu singen. Ilm nun aber die Unabhängigkeit des neuen Reichsamts zu wahren, sollen von den neun Mitgliedern fünf Richter sein, unabhängige Richter. Sämmtliche Mitglieder aber wählt der BundeSrath und der Kaiser ernennt sie. Wenn nun lauter Ultra- reaktionäre gewählt werden, so werden diese Herren niemals, selbst bei den härtesten Urtheilen und Maßnahmen der Polizei- behörden mit ihrer Ueberzeugung in Conflikt kommen. Sie sind und bleiben„unabhängig" und bestätigen trotzdem jede Polizei- liche Gewaltthat mit innerster Rechtsüberzeugung. Aber selbst wenn wir annehmen, daß das neue Reichsamt wirklich aus lauter vorurteilsfreien(ist allerdings in jetziger Zeit nicht möglich) und völlig unparteiischen Männern bestünde, daß dieselben jeden Uebergriff der Polizei gewissenhaft rektifi- zirten, so hätten die Betroffenen davon keinen Vortheil. Bei oen unzähligen Reklamattonen und Beschwerden gegen daS Verbot der Polizeibehörden, welche sicher stattfinden, wird jeder einzelne Fall erst nach längerer Zeit zur Verhandlung kommen, und falls der Beschwerdeführer Recht erhält, so hat er doch nur das Nach- sehen. Ein Verein ist von der Polizei geschlossen, die Gelder sind ■confiszirt worden; der Borfitzende appellirt; nach einem halben Jahre erhält er von Berlin die Nachricht, daß der Verein widerrechtlich geschlossen worden ist. Die Gelder werden zu- rückgegeben und die Polizeibehörde macht dem Vorsitzenden ein höfliches Compliment. Währenddessen aber sind die Mitglieder in alle vier Winde zerstreut, oder sie haben die Lust verloren, sich weiterhin an einer Vereinigung zu betheilige«, an welche die Polizei beliebig wieder ihre rauhe Hand legen kann. War nun der verbotene und wieder freigegebene Verein gar eine wirthschaftliche Genossenschaft, so ist der Schaden unberechenbar und nicht wieder gut zu machen. Das Privateigenthum ist zerstört worden und bleibt zerstört, auch wenn das Reichsamt das Verbot nach einigen Monaten aufhebt. Und nun gar eine verbotene Versammlung, die beispiels- weise behufs einer bevorstehenden Reichstagswahl stattfand. Was nützt die Aufhebung deS Verbots nach den Reichstags- wählen? Endlich gar ein Flugblatt, welches confiscirt wurde, und die Stimmzettel für einen Reichstagscandidaten, welche ein strebsamer Polizeikoninnssar sehr leicht unter die gefährlichen »nd confiszirbaren„Druckschriften" einregistriren könnte! Nach der Wahl werden derartige Sachen auf Beschluß des löblichen Reichsamts zurückgegeben, nach der Wahl, nachdem der reaktionäre Polizeikandidat gewählt worden ist. Merkt Ihr etwas, Ihr Herren Nattonalliberalen? Wir sehen also, daß eine so schwerfällige Rekursinstanz voll- ständig nutzlos, besonders da nicht einmal ein Zeitraum festgesetzt worden ist, binnen welchem das Urtheil gefällt em�rnuß. bje behenden Vereinsgesetze, so drakonisch, so reaktionär sie auch sind, wenigstens juristisch klarer aus- gearbeitetta— ftx Vereinswesen und Presse" in Berlin! Nimmt eS seine Aufgabe ernst, so wird es Tag und Nacht Sitzungen halten müssen; schiebt eS aber die Beschwerden auf die lange Bank, was sicherlich geschehen wird, da dasselbe seine Arbeiten nicht bewältigen kann, so erfüllt eS seine Aufgabe nach der Anschauung der Herren Verfasser des famosen preußischen Entwurfs jedenfalls am allerbesten, da, so lange die Entscheidung des Reichsamts aussteht, das Verbot, die Confiskation oder die Beschlagnahme in Kraft bleiben. Man hat also durch eine so schwerfällige Maschinerie vollständig den Zweck erreicht: „Die Polizei ist und bleibt die einzige Behörde, welche das Sozialistengesetz nach dem preußische« Entwurs in Wirklichkeit handhaben wird!" Der preußische Polizei- Adler breitet seine Fittiche immer weiter über das„fteie",„glückliche" Deutschland. Wohl bekomm'» den Liberalen! Stimmen der Presse über das Bismarck'sche Ausnahmegeselz. (Fortsetzung.) Ein nationalliberales Blatt, die„Schlefische Presse", sagt in iner„vorläufigen Besprechung": »Wir empfinden wenigstens darüber eine gewisse Genugthuung, aß der Oeffentlichkeit rechtzeitig Gelegenheit gegeben wird, sich mit dem Werke kritisch zu beschäftigen. Anderseits find wir aber - der Ansicht, daß jeder Versuch, der sozialdemokratischen Bewegung mit der Waffe des gesetzlichen Zwanges zu begegnen, das Ge- präge der inneren Unwahrheit so lange trägt, als die Sozialdemokratie von Seiten der conservativen Partei offen unterstützt wird, als Tausende von conservativen Wählern, wie hier(in Breslau), ihre Stimmen für den Sozialdemokaten ab- geben, als Freunde der Regierung mit offiziösem Behagen erklären, es liege der Regierung gar nichts daran, die Sozial- demokraten aus dem Reichstage zu verdrängen." Was die„offene Unterstützung" der Sozialdemokäten durch die Conservativen betrifft, so existirt sie natürlich nur in dem Hirn der„Schlesischen Presse", welche die klägliche Niederlage ihrer Partei nicht verschmerzen, und, wie man sieht, auch nicht begreifen kann. In einem zweiten Artikel unterwirft die fortschrittliche „Vossische Zeitung" den Gesetzesentwurf vom juristischen wie politischen Standpunkt einer sehr scharfen Kritik und bemerkt am Schluß: „Also der exekutiven Polizei, den Regierungen, Ministerien und einem Special-Reichsamt ist mit beschränktem Jnstanzenzuge die Vollmacht zu ertheilen, Vereine von Vereinen nach ihrer Staatsgefährlichkeit zu trennen, Bersammlungen, Festlichkeiten, Aufzüge, Geldsammlungen, Kassen gleich den Vereinen zu be- handeln, nach denselben undefinirbaren Kriterien und in gleich weiten Befugnissen mit einzelnen Druckschristen und ganzen Zeitungen umzuspringen, nicht blos in das Druckergewerbe mit sofort wirkenden Mandaten einzugreifen, auch das Conzeffions- wesen der Gewerbeordnung umzustoßen, wozu dem Kanzler noch ein besonderes Berbotsrecht für ausländische Drucksachen über- tragen ist. Alle diese Mandate sollen durch bloße Bekannt- machung im„Reichsanzeiger" bis in die fernsten Theile des Reiches wirksam werden. Zum Klimax kommt der Gesetzentwurf aber erst in den letzten Paragraphen, welche Personen im Punkt ihrer Orts- und HeimathSrechte und des Gewerwebetriebes, folglich in ihrer ganzen bürgerlichen Existenz schütz- und rechtlos machen wollen, und eigentlich Anweisungen auf die Auswanderung oder das Verbrechen sind. Auch damit noch nicht genug wird der noch fehlende Belagerungszustand im Frieden für das Reich im einfachen Verwaltungswege eingeführt, ohne daß die Nationalvertretung davon in vorheriger oder nachträglicher Genehmigung Notiz nehmen soll oder eS irgend einen Grad von Verantwortlichkeit dafür giebt. „Eine solche Menge von Uebeln könnte kaum eine so- zialistische Gemeinschaft(Oho Tantchen!) in ein Gesetz zusammen- drängen, um jeden Versuch zur Aeußerung individueller Freiheit über ihre Grenzen hinaus zu verhindern. Das Heilmittel wird schlimmer als daS Uebel. Die Macht, welche jetzt schon in den Polizeibefugnissen liegt, haben wir in den Wahlen zu kosten bekommen, ihre erschreckenden Wirkungen treten in den Denunziationen wegen Majestätsbeleidigungen noch täglich zu Tage, der Begriff derselben nimmt reißend zu, die grundsätzlich geltende Oeffentlichkeit bei den Verhandlungen wird ausgeschlossen, die planmäßige Verführung zu gefährlichen Aeußerungen ist oft aufgedeckt, aber das Spiel wird sortgesetzt. Man nehme ein Gesetz wie das entworfene hinzu, und nicht blos der Rechtszustand, auch die öffentliche Moral sind in Deutschland zu Tode getroffen." Daß dem Fortschrittsorgan das Bismarck'sche Opus für noch verderblicher gilt als die Herrschaft der Sozialisten, das will allerdings sehr viel sagen;— ist aber vielleicht nicht so schlimm gemeint, als es den Anschein hat. Die ebenfalls fortschrittliche„Breslauer Zeitung" schreibt: „An den Reichstag tritt die Frage in folgender Gestalt heran: Annahme oder nochmalige Auflösung. Denn auch da» unterliegt keinem Zweifel, daß Fürst Bismarck nochmals zur Auflösung des Reichstages rathen wird, wenn sich derselbe anch dieser Vorlage gegenüber negattv verhält. Wir leugnen nicht, daß unmittelbar nach dem zweiten Attentate die öffentliche Mei- nung fast ganz allgemein sich dahin aussprach, daß, wie man sich allgemein ausdrückte, etwas gegen die Sozialdemokratie geschehen müsse. Die Entrüstung hat sich allerdings jetzt einiger- maßen gelegt oder, wollen wir sagen, man denk ruhiger über den unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Attentaten und den Bestrebungen der Sozialdemokratie, aber die Agitation oder vielmehr die Art und Weise der Agitatton, insbesondere die Schürung des KlassenhasseS, wird nach wie vor verurtheilt. Aufrichtig gesagt, glaubten wir, die Vorlage würde sich Haupt- sächlich gegen diese Schürung des Klvssenhasses, welche die eigent- liche Grundlage der immer drohender werdenden Rohheit und Verwilderung der Sitten ist, richten. Darin haben wir uns getäuscht. Die Vorlage trifft nicht die Art und Weise der Agitatton der Sozialdemokatte, sondern die Sozialdemokatie selbst, und sie wiiv auch in dieser Form einem nicht geringen Theile des Publikums zusagen. Verbot— Verbat— ist, so zu sagen, das dritte Wort der Borlage. Verboten sind alle sozialdemokratischen Vereine, verboten die ihnen gleichstehenden genossenschaftlichen Kassen, verboten find alle sozialdemokatischen Bersammlungen, verboten alle sozialdemokattschen Druckschriften, verboten das Einsammeln von Beikägen zu sozialdemokatischen Beskebungen u. s. w. Wir verkennen keinen Augenblick und haben nie verkannt die Gefahren, welche zur Zeit der bestehenden Gesellschaftsordnung drohen, aber es dünK uns, als habe die ! Vorlage nur die oberflächlichen, an da» Tageslicht Ketenden Erscheinungen und nicht die tiefer liegenden Ursachen vor Augen. ES ist eines jener Radikalmittel, wie sie Fürst Bismarck liebt, aber ein Radikalmittel, daS nur die Gegenwart, nicht die Zukunft im Auge hat. Die Vorlage schneidet der Sozialdemokatte aller- dings ins Fleisch, aber sie wirb sich nicht daran verbluten. Zur Annahme dieser Vorlage gehört allerdings— darin hatte der Reichskanzler Recht, wenn er sie schaffen wollte— eine conser- vative und zwar eine hochconservative Majorität. Der Reichstag in seiner neuen Zusammensetzung wird die Vorlage nicht an- nehmen, trotzdem die conservative Partei gewonnen hat und trotzdem auch Mancher für die Vorlage stimmen wird, von dem wir es heute nicht glauben. Den Plan aber wird Fürst Bis- marck nicht aufgeben, und deshalb prognostiziren wir heute schon eine zweite Auflösung des Reichstages." Mit ihrer„Prognostizirung" dürste die„Breslauer Zeitung" kein Glück haben. Falls das Gesetz verworfen werden sollte, würde Fürst Bismarck sich wohl hüten, den Reichstag aufzulösen, er müßte denn die sonderbare Lust haben, sich von dem inzwiscben ganz zur Vernunft gekommenen deutschen Volk derart heimschicken zu lassen, daß er nicht länger am Ruder verbleiben könnte. Schon die soeben vollzogene Wahl war nicht nach dem Geschmack de« Fürsten Bismarck, und— gewisse Leute haben gemerkt, daß man Attentate doch nicht so leicht machen kann, als man vor einigen Wochen noch für möglich hielt. Die Wiener„Neue Freie Presse", bekannt durch ihre Sozialisten- fresserei, spricht sich wie folgt aus: „Es liegt nun für den künftigen Reichstag die zweite und vermehrte Auflage eines Ausnahmegesetzes gegen die Sozialisten fertig, welches zwar juristisch diskutirbarer als sein mißglückter Vorgänger, dafür aber politisch um so gefährlicher ist, da seine Bestimmungen gegen Presse, Vereinsrecht und Freizügigkeit von einer vrakonischen Schärfe find. Hinter jedem seiner 24 Para- graphen lauert die nackte Reaktion. Es ist wohlfeil und doch bedenklich, an der Hand historischer Parallelen dieses jüngste Produkt neupreußischen Legistenthums zu beleuchten, denn fortan soll ja, falls dasselbe wirklich zum Gesetze wird, mit allen miß- tiebigen Kritikern deutscher Regierungsmaßregeln kurzer Prozeß gemacht werden. Das künstige Reichsamt für Vereinswesen und Presse dürste sehr solide Arbeit leisten in der Beseitigung unbe- quemer Geister, gleichviel ob dieselben in Gestalt von Vereinen oder Zeitungen sich bemerklich machen sollten. Es ist also schon jetzt Vorsicht geboten, und man thut wohl daran, von den Karls- bader Beschlüssen, der Mainzer Centralcommission, den Dema- gogenhetzen, von Kamptz und Dambach, von Fritz Reuter Und dessen Leidensgenossen zu schweigen, wenn man nicht eines Tages wegen„Untergrabung der Staats- und Gesellschaftsordnung" zum Trappistengelübde gezwungen sein will. Ja, es kann viel- leicht schon verhängnißvoll werden, den Ausspruch Savigny's von der legislatorischen Unfruchtbarkeit unserer Zeit zu citiren' denn es besteht, falls der neue Reichstag sich beugt, binnen Kurzem wieder die Censur in Berlin, und was erscheint dem Censor nicht alles staatsgefährlich? Wir beschränken uns also darauf, von der neuen Gesetzvorlage im allgemeinen zu sagen, daß sie uns weder der deutschen Nation noch des Deutschen Reiches würdig zu sein scheint, weil sie Willkür- und Aus- nahmsmaßregeln Permanent zu machen und das fteie Wort in Rede und Schrift auf gehässigste Weise zu ge- fährden droht.-- „Der Wahlkampf, welcher mit der Entscheidung des 30. Juli endete, war für Deutschland ein Unglück. Das Sozialisten- gesetz, wenn es angenommen würde, wäre ein größeres. Wird es aber abgelehnt, so steht vielleicht eine neue Wahl- campagne bevor und mit ihr neue Verwirrung. So zieht der eine Fehler die andern nach sich. D,e Bewunderung für den jähen Glanz, mit dem das deutsche Volk vor acht Jahren sich und seine jüngste Entwicklung umgab, ist verraucht; mag nicht das Mitleid an ihre Stelle treten!" Und nun zum Schluß ein französisches und ein eng- lisches Urtheil. Die„Rcpublique Fran�aise", das Organ des Herrn Gam- betta, der wiederholt sehr stark mit Bismarck geliebäugelt hat, schreibt über„das Sozialistengesetz": „Dieser Entwurf vereinigt alle Merkmale der Ausnahme- esetze, der vom Zorn eingegebenen Gesetze und zeigt in dieser Einsicht sogar Vervollkommnungen, welche selbst denjenigen über- raschen können, der sich grundsätzlich über nichts mehr wundert. Ansichten, noch mehr, Tendenzen, werden hier zum Verbrechen erhoben und dieses so zu sagen ideologische Verbrechen wird mit Skafen bedroht, von denen einige durchaus unjuristisch und mit den Rechten, welche den Bürgern aller fteien Staaten zugestanden und gewährleistet find, unvereinbar sind; diese energischen Strafen endlich werden nicht etwa von der richterlichen Gewalt, sondern von den Verwaltungsbehörden verhängt. Den Gerichtshöfen ist lediglich die Rolle zugewiesen, die Ueberketungen der admini- strativen Verbote zu ahnden; statt daß sie dem Bürger einen Rekur» gegen die Willkür gewähren sollten, fällt ihnen die Aus- gäbe zu, dieser Willtür, wie dem Gesetze selber, Achtung zu verschaffen. Von der ConKole, welche der erste Entwurf wenigstens pro forma dem Reichstage einräumte, ist nicht mehr die Rede. Der Bundesrath selbst muß den größten Theil der Gewalten, die ihm anfänglich vorbehalten waren, au einen gemischten Aus- schuß abtreten, der aus 5 Richtern und 4 nicht näher bezeich- neten Personen bestehen und den wenig beruhigenden Namen: „Reichsamt für VereinSwesen und Presse" führen solle. Der Entwurf ist gegen die sozialdemokatische, sozialistische oder com- munistische Propaganda gerichtet, welche auf Untergrabung der bestehenden Staats- und gesellschaftlichen Ordnung abzielen soll, und zwar wird die Verwaltungsbehörde zu entscheiden haben, welche Propaganda diesen Namen verdient. Wir kennen diese Phraseologie zu gut, um nicht zu wissen, was man alles aus ihr ableiten kann. Das Wort: Sozialismus ist eine Flagge, welche täglich die verschiedensten Waaren d/ckt. Zwei Männer, von denen der eine fich auf seinen Sozialismus etwas einbildet, der andere aber fich gegen jede sozialistische Neigung verwahrt, gelangen oft zu ganz ähnlichen Schlüssen. Wer immer Reformen studirt oder anempfiehlt, die in irgend einem Punkte die gesell- schaftlichen Einrichtungen berühren, kann sich freiwillig einen Sozialisten nennen oder wider seinen Willen so genannt werden. Für die Leute aber, welche die Verwaltungsbehörde des So- zialismus schuldig erklärt hat, soll es kein Versammlungs- und Vereinsrecht mehr geben, kein Recht zu schreiben oder zu drucken, keine Freiheit der Arbeit und des Gewerbes, keine Freizügigkeit, ja, man könnte beinahe sagen, kein Eigenthumsrecht; alle Bürg- schaften des gesellschaftlichen Zustandes in den gesitteten Ländern sollen für diese Parias wegfallen.-- „Man kann jetzt nicht mehr daran zweifeln, daß der deutsche Reichskanzler sich hartnäckig an diesen Entwurf klammert, der in dem vorigen Reichstag nicht durchgedrungen war und jetzt in dem neuen mit erheblichen Verschärfungen, aber allem Anscheine nach mit geringeren Aussichten aus einen besseren Erfolg ein- gebracht werden soll. Indem die öffentliche Meinung von Europa diesen Entwurf betrachtet, dem es an Maß und Ruhe gebricht, ist sie einigermaßen erstaunt über die Eigenliebe des Autors, über die väterliche Befangenheit, vermöge deren seine Mißgestalt einem Staatsmanne verborgen bleiben kann, bei welchen man nach den erfreulichen Schwankungen(erfreuliche Schwankungen! der echte Gambetta! Red. d. B.) seiner politischen Laufbahn und nach seinen so außerordentlichen Schicksalen derartige Aushilfe- mittel nicht hätte erwarten sollen. Wenn irgend wer, dachte man, von allen Vorurtheilen der Kaste und Erziehung, von allen Beschränktheiten des Parteigeistes frei sein, wenn irgend wer sich nicht vor Gespenstern fürchten sollte, so mußte es Herr v. Bis- marck sein, welcher Fürst und Kanzler eines ungeheuren Reichs geworden ist. Lohnte es wohl der Mühe, das Banner der Civilisation, der deutschen„Kultur" so hoch zu halten, um nach unendlichem Gezerre zu einem Gesetzentwurfe zu gelangen, welcher gegen die Grundsätze verstößt, die allen civilisirten Völkern gemein sind?" Das englische„Weltblatt", die„Times", der wahrhaftig keine Feindschaft gegen Fürst Bismarck imputirt werden kann, widmet der Vorlage einen Leitartikel, in dem es unter Anderm heißt: „Die Vollmachten, welche Fürst Bismarck vom Reichstage verlangt, könnten unter Umständen für die Sicherheit des Staates nsthwendig werden, wir sagen jedoch keineswegs, daß fie noth- wendig sind. In England würden fie ungeheuerlich erscheinen. In Deutschland wird man sie wohl nicht günstiger beurtheilen. Vor allem legen sie die Rede-, Preß- und Versammlungs- freiheit ganz in das Belieben des regierendenMinisters. Sic sind zweifellos gegen den Sozialismus gerichtet. Wer hat aber zu definiren, was Sozialismus ist? Ein sogenanntes Tri- bunal, in welchem sich ein mächtiger Minister immer eine Stimmenmehrheit sichern kann. Ein solches Tribunal kann sozialistische Lehren oder Tendenzen in Büchern finden, welche man gewöhnlich als treffliches Material zur Disposition betrachtet. Von Stuart Mill's Werk über die„Politische Oeconomie" zum Beispiel ist schon häufig gesagt worden, daß es sozialistische Lehren enthalte, weil es die utopistischen Systeme einiger Reformer in sympathischer Weise bespricht: Stöße deutscher Bücher über dieselben Fragen würden ähnlichen Folgen ausgesetzt sein, weil sie die Möglichkeit einer Aenderung der gegenwärtigen sozialen Rechtsordnung erörtern. Ein deutscher Denker wäre schlimm daran, wenn er sich nicht über ein halb Dutzend Methoden aus- lassen könnte, durch welche das menschliche Elend auf dem Wege einer Ausgleichung der Vermögensverhältnisse vermindert werden soll. Das Buch von Karl Marx über das„Kapital" müßte aus den Buchhandlungen verbannt werden, obwohl nicht einer unter zwanzig Arbeitern im Stande ist, seinen abstrusen sozialistischen Argumentationen voll technischer Ausdrücke zu folgen. Sogar Philanthropen würde es schlecht bekommen, wenn sie den Nach- weis liefern wollten, daß der Staat im Stande sei, die Lage der Armen in den Verkehrscentren zu verbessern, die Stätten der Verbrechen und Laster zu beseitigen. Vorschläge zur Ein- führung der englischen Armengesetze würden, wie wir fürchten, als entschieden sozialistische behandelt werden. In der That, ein energischer Minister würde, unterstützt von einem schüchternen und gehorsamen Gerichtshof, sehr bald jeder Diskussion über soziale Fragen ein Ende gemacht haben, mit Ausnahme der- jenigen, welche den jetzigen Zustand der Dinge absolut vertheidigt. Es ist unschwer zu beweisen, daß eine solche Unterdrückung der öffentlichen Meinung ein ungeheures Uebel wäre. So weit die Unterdrückung wirksam wäre, würde sie manche werthvolle Dis- kussion ebensogut verhindern, als manche unglücklichen Vorschläge. Sie würde jene Originalität beseitigen, welche das Salz des nationalen Lebens ist. In anderen Fällen würde sie wider- Oberst Rüstow. Eine Depesche meldet uns die Mittheilung des„Schweizer Volksfreund" in Basel, daß sich Oberst Rüstow erschossen habe; eine zweite Depesche, die uns eben beim Schreiben dieser nekro- logischen Skizze von einem unserer schweizerischen Correspon- denten aus Zürich zugeht, meldet einfach, daß Rüstow gestor- ben sei und Sonnabend Nachmittags seine Beerdigung statt- finde. Wilhelm Rüstow war den 25. Mai 1821 in der Provinz Brandenburg geboren. Siebzehn Jahre alt trat er in den Mi- litärdienst ein und verrieth eine außerordentliche Begabung. Von 1841—49 diente er in der preußischen Armee als Ingenieur- lieutenant und war insbesondere beim Festungsbau in Posen thätig. Hier, sagt man, habe er sich zuerst mit der Politik ernst- lichcr befaßt, der er dann in der Folge eine ungewöhnliche Theilnahme widmete. 1848 finden wir ihn von der revolutio- nären Bewegung ganz ergriffen. Er schreibt die Broschüre„Der Militärstaat vor und während der Revolution", worin er für den bürgerlichen Charakter des Militärs plaidirt und die be- stehenden Institutionen in schärfster Kritik bloßstellt. Demselben Zwecke ist 1849 die Schrift über die Vereidigung des Heeres auf die Verfassung gewidmet, in welcher er gegen den conserva- tiven Grafen von Arnim- Boitzenburg in die Schranken tritt. Rüstow wurde dafür vor ein Kriegsgericht gestellt und zu meh- reren Jahren Festung(nach einer andern Angabe zu 1ö Jahren Zuchthaus) verurtheilt. Er konnte jedoch entkommen und begab sich in die Schweiz, wo er seitdem gelebt hat. Nach der Thron- besteigung des jetzigen Königs von Preußen blieb er von der Amnestie ausgeschlossen. Rüstow hat sich in doppelter Richtung hervorgethan: als praktischer Militär und als Militärschriststeller. Es war 1360, daß er mit Garibaldi die Expedition in Sicilien mitmachte, im Range eines Obersten und Generalstabschefs. Bei den Opera- tionen am Volturno hatte er ein wichtiges Commando. In der Schweiz, deren Bürger er geworden war, indem er sich in Bauma, Kanton Zürich, ein Bürgerrecht erwarb, nahm er eine hervor- ragende Stellung als Offizier der schweizerischen Armee ein. Er wurde Brigadeoberst und hat sich zumal durch seine Vorträge, spenstige Geister in gefährliche verwandeln. Spekulative Mei- nungen sind oft wie Schießpulver; je mehr man es zusammen- gepreßt, desto größer wird seine explodirende Kraft. So würden die Dinge sich ganz besonders in Deutschland gestalten, dessen Bewohner mehr Neigung zum philosophischen Denken, wenn nicht mehr Geschicklichkeit dazu haben. Seine Denker ersannen schon eine Menge Systeme, welche, wenn sich praktische Männer ihrer bemächtigt hätten, den Staat zerstört haben würden. Auf alle Religionen, alle moralischen Satzungen und sozialen Institutionen hat sich diese furchtbare deutsche Analyse wie Mehlthau gelegt. In Wirklichkeit haben sie jedoch durch diese metaphysischen Stürme wenig gelitten, weil die destruktiven Systeme sich selbst in den leeren Raum endloser Diskussion erschöpften, oder indem ein System die Uebertreibungen der anderen korrigirte. Das Er- gebniß wäre aber vielleicht ein anderes gewesen, wenn man diesen Theoretikern das freie Wort abgeschnitten hätte und wenn Verschwörungen an die Stelle der Theorien getreten wären. Ein praktischer Staatsmann darf manchmal freilich nur auf das Nächsie sehen, wenn es sich darum handelt, ein unmittelbar drohendes Uebel zu bekämpfen. Er mag beispielsweise vorüber- gehend die Labeas corpus-Akte suspendiren, um einer Ver- schwörung oder einem Aufstande zuvorzukommen. Vielleicht gelingt es dem Fürsten Bismarck, einigermaßen den Beweis an- zutreten, daß jetzt ein solches Bedürfniß vorliegt. Vielleicht ist er vorbereitet zu beweisen, daß Deutschland von communistischen Putschen bedroht sei; daß die Agitatoren alles aufbieten wollen, um die Gesellschaft über den Haufen zu werfen; daß sie den Meuchelmord organifiren wollen; daß die letzten traurigen Tage der Pariser Commune nur ein Vorspiel seien von den Greueln, welche Deutschland zu erwarten hätte, wenn es die sozialistischen Aufwiegler nicht niederzuwerfen und zu knebeln vermöchte. Aber es wird eines Beweises bis zur Evidenz bedürfen, um die libe- ralen Abgeordneten an die Existenz einer solchen Gefahr glauben zu machen, da fie sehen müssen, daß die Waffen, welche der Kanzler gegen die Sozialisten verlangt, gegen sie selbst gebraucht werden können. Leider gewähren in dieser Be- ziehung die eigenen Ideen und Gewohnheiten des Kanzlers nicht die geringste Garantte. Er ist ein großer autokratischer Staats- mann, aber selten hat ein Minister von seiner Bedeutung so wenig parlamentarische Fähigkeiten besessen, oder wenig- stens eine so offene Geringschätzung der Volksvertretung an den Tag gelegt, als er. Er scheint ein eingewurzeltes Miß- trauen in die Methoden der Ueberzeugungskunst oder Verachtung für ihre Langsamkeit zu hegen. In dieser Beziehung steht er auf einem der Politik Cavour's direkt entgegengesetztem Stand- punkt. Dieser hat sich grundsätzlich geweigert, unter dem Be- lagerungszustand zu regieren, und er war von der Ucberzeugung durchdrungen, daß die parlamentarische Diskussion, wenn sie auch oft langsam von Statten geht, doch schließlich der rascheste Weg der Gesetzgebung ist, weil sie zugleich die Ideen umwandelt und Gehorsam erzwingt." (Fortsetzung kolqt.) Die Harburger Unruhen. Die liberalen Blätter ließen sich vor einigen Tagen tele- graphiren, daß die vereinigten Sozialdemokraten und Welsen in Harburg am Abende der Stichwahl großen Tumult und grobe Excesse verübt hätten.— Bei der Stichwahl hatten sich allerdings unsere Parteigenossen mit den Welsen vereinigt, weil der freisinnige Welfe Graf Grote versprochen hat, gegen die Ausnahmegesetze zu stimmen, während der reaktionäre„libe- rale" Grumbrecht ein eifriger Anhänger der Ausnahmegesetze ist. Bei solcher Sachlage müßte unsere Partei ja aus lauter Eseln bestehen, wenn sie eine andere Stellung einnähme. Wir wollen nun zunächst hier einen ziemlich objektiven Be- richt des„Hamburgischen Correspondenten" über die Harburger Borgänge geben. „Es ist leider am Sonnabend Abend in Harburg anläßlich der dortigen Stichwahl zum Reichstag zu argen Excessen und Blutvergießen gekomtnen. Die welfische und die soztaldemokra- ttschc Partei hatten sich vereinigt, um gemeinsam den Candi- baten der elfteren, den Grafen Grote, gegen den bisherigen nationalliberalen Vertreter des Wahlkreises, Bürgermeister Grumbrecht durchzubringen. Nachdem schon im Laufe des Tages widerholt Mißhandlungen solcher Personen, unter Andern eines Eisenbahnbeamten und eines Fabrikanten vorgekommen waren, welche widerrechtlicher Beeinflus- sung von Wählern zu Gunsten des liberalen Candi- baten beschuldigt wurden, sammelten sich nach Schluß des Wahlakts große Haufen an, welche ihrer Freude über den Aus- die er als Lehrer in der Militärschule zu Thun hielt, große Verdienste um das Milizwesen der schweizerischen Republik er- worden. So oft die Armee bei Kriegen der Nachbarnationen kriegsbereit gemacht werden mußte, stellte man ihn auf einen wichtigen Posten, 1870 in die Abtheilung des Generalstabs für Truppenbewegungen. Eine größere Bedeutung allerdings hat Rüstow als Militär- schriftsteller erlangt. Er ist einer der Wenigen auf diesem Ge- biete, die es verstanden haben, neben den Fachmännern, welche ihn stets als Autorität gelten ließen, auch die weiteren Kreise der Gebildeten zu interesfiren. Rüstow war ungemein fruchtbar; er verstand es, einfach und klar zu schreiben, und seine Dar- stellung verrätst ein äußerst vielseitiges Wissen. Vor allem hat er wohl das Feld der Kriegsgeschichte bebaut, in welcher er, tüchtig in den Sprachen, in der Universalgeschichte und in der Politik, ein reiches und selbstständiges Wissen erworben hatte. Zu seinen früheren Schriften gehören:„Die Lehre von der Anwendung der Verschanzungen", welche 1.353 erschien, und die im gleichen Jahre veröffentlichte Beschreibung des Feldzugs von 1805 in Deutichland. Um diese Zeit gab er auch„Die mili- tärischen und vermischten Schriften Heinrich v. Bülvw's" heraus und einen Auszug aus den zum Theil verschollenen Schriften dieses Militärschriftstellers. 1855 erschien„Di- griechischen Kriegs- schriftsteller", etwas später die Erläuterung zum gallischen Kriege Cäsar's. Diese beiden Werke, wodurch das militärische Ver- ständniß für die Kriegskunst der Alten gefördert werden sollte, edirte Rüstow in Verbindung mit seinem Freunde, dem Philo- logie- Professor Kochly. Die Commentare von kundigster Hand sind auch dem Schulunterricht sehr zu gut gekommen. Viel Redens machte 1857 die Schrift Rüstow's über den Angriff auf die Krim und den Kampf um Sebastopol. Auch fallen in diese Periode Schriften, welche speziell für die schweizerische Armee abgefaßt worden sind, desgleichen„Der Krieg und seine Mittel", „Die Geschichte der Jnfamerie", ein Werk, das als bahnbrechend bezeichnet worden ist. 1853 gab Rüstow„Die Feldherrnkunst des neunzehnten Jahrhunderts" heraus; er schildert hier vom Jahre 1792 ab alle militärischen Leistungen. Noch dasselbe Jahr brachte ein militärisches Handwörterbuch und die„Allgemeine Taktik". In letzterem Werke untersuchte der Autor den Einfluß ! fall der Wahl in der Stadt Harburg, woselbst Grote 2093, Grumbrecht 1339 Stimmen erhalten hatte, in tumultuarischer Weise Ausdruck gaben. Verstärkt durch zahlreiche Auge- trunkene, wie sie an Sonnabend-Abenden nach der Lohn- auszahlung an die Arbeiter die Straßen zu beleben pflegen, durchzogen die Haufen, die Arbeiter-Marseillaise und das sogenannte Hannoveranerlied singend und Hochs auf den Prinzen Ernst August und Grafen Grote ausbringend, mehrere Straßen der Stadt, um schließlich vor dem Gebäude des„Harburger Anzeigers" und dem Hause des Bürgermeisters Grumbrecht Posto zu fassen, wo binnen Kurzem fast sämmtliche Fensterscheiben eingeworfen wurden. Die Aufforderungen der nur etwa 10 Mann stark am Platze befindlichen Polizeimann- schaften zum Ruhehalten und Auseinandergehen wurden mit Hohngelächter und Pfeifen, ihre Versuche, die Menge ausein- ander zu treiben mit Steinwürfen beantwortet. Auch nachdem noch einige Polizisten und Gensdarmen zur Verstärkung herbei- gekommen, vermochten die Organe der öffentlichen Sicherheit nichts gegen die immer mehr angewachsenen und anfgeregter werdenden Massen auszurichten, sahen sich vielmehr selbst bald ernstlich bedrängt. Zur Unterstützung der Polizei versuchte jetzt die durch ihre Alarmsignale zusammenberufene freiwillige Feuer- wehr einzuschreiten, indem sie die Wasserstrahlen einiger Feuer- spritzen auf die Menge richteten. Für einen Augenblick schien das wirksam, bald aber kehrte die Masse in erneuter Wuth zu- rück und überschüttete die Feuerwehrleute mit einem wahren Hagel von Steinen, durch welchen auch mehrere Feuerwehrleute ernstliche Verletzungen erhielten. Jetzt blieb nichts anderes übrig, als das Militär einschreiten zu lassen. Leider war das in Harburg garnisonirende Bataillon des 75. Regiments zu den Manövern ausgerückt und hatte nur ein kleines Wachtdeparte- ment von 20 und einigen Mann zurückgelassen) so daß nur 1 Unteroffizier und 12 Mann zur Unterstützung der inzwischen arg ins Gedränge gerathenen Polizeimannschaften zur Verfü- gung waren. Diese kleine Anzahl vermochte dem durch stunden- lange Straflosigkeit übermüthig gewordenen Pöbelhaufen nicht zu imponiren, vielmehr wurde das Militär gleichfalls mit Steinen überschüttet, von denen mehrere Soldaten getroffen wurden. Eine darauf abgegebene blinde Salve hatte keinen Er- folg und sah das Militär sich gezwungen, scharf zu feuern, waS denn endlich die Pöbelmasse auseinander trieb. Die Zahl der Verwundeten auf Seite der Tumultuanten beläuft sich auf circa 30, von denen einer in wenigen Minuten seinen Geist aufgab, während zwei seitdem verstorben sind. Einer der Tumultuan- ten wurde in dem Augenblick niedergeschossen, als er, nachdem er unmittelbar vorher einen Polizeiofficianten durch einen Steinwurf am Kopf schwer verletzt hatte, sich bückte, nm nochmals einen Stein aufzuheben. Die auseinander gesprengte Pöbelmasse zerstreute sich zwar, durchzog aber noch längere Zeit in kleineren Schaaren die Stadt und die Auf- regung hielt fast die ganze Nacht an. Erst das am Sonntag Morgen 8 Uhr in Harburg wieder einrückende, von dem Bor- gefallenen telegraphisch benachrichtigte Bataillon des 75. Regi- ments vermochte die Ruhe vollständig wieder herzustellen, nach- dem mehrere Zusammenrottungen noch am Sonntag Morgen mit Kolbenstößen hatten auseinandergetrieben werden müssen. Das Bataillon wurde in summarischer Weise einquartirt, wo- bei die bekannten hervorragenden Führer der wel- fischen Partei vorzugsweise bedacht wurden; zahlreiche Patrouillen mit scharf geladenen Gewehren durchzogen während des gestrigen Tages die Stadt und sicherten die wiederherae- stellte Ruhe." Schon aus diesem Berichte geht hervor, daß die Sozial- demokraten an dem Aufruhr nicht betheiligt waren, denn lächer- lich ist es, wenn man die„Arbeitermarscillaise" singen und zu- gleich Hochs auf den Prinzen— nach anderen Blättern auf den König— Ernst August ausbringen läßt. Das Hoch der Sozialdemokraten hätte sicherlich anders geklungen.— Daß bru- tale Wahlbeeinflussungen, Hinschleppen der Arbeiter wie zur Schlachtbank seitens„liberaler" Buben den Anlaß zu solchen beilagenswerthen Vorfällen gegeben haben, ist allseitig erwiesen und kennzeichnet den„Liberalismus" in seiner elenden Ver- sumpftheit. Die„Berliner Volkszeitung" schreibt über die Ver- anlnssung: „Der erste Anlaß zum Conflict bot sich schon am Nachmit- tage dar, als der an der Hannöverschen Bahn angestellte Bahn- kommissar Tabor im Wahllokal erschien. Ihm wurde von Seiten der Sozialisten und Welsen zum Vorwurf gemacht, daß er die ihm untergebenen Arbeiter mit von außen leicht erkennbaren Stimmzetteln für Grumbrecht versehe» und sie unter Androhung der Entlassung genöthigt des veränderten Jnfanteriegewehrs auf die taktischen Fragen. 1859 beschrieb Rüstow den italienischen Krieg. Schon mit der genannten Darstellung des Krimkrieges hatte der Autor ein Feld betreten, auf welchem er in der Folge her- vorragend thätig werden und das Interesse der polittschen Kreise wie der militärischen fesseln sollte. Rüstow besprach die Vorgänge in der Krim, ohne ihren Abschluß zu erwarten. Zur Zeit des Feldzuges der vereinigten Franzosen und Piewontesen gegen die Oesterreicher bildete er diese Schreibweise noch mehr aus, er folgte den Ereignissen schrittweise und ließ seine Darstellung in kurzen Zwischenräumen, während die kriegerische Aktion ihren Fortgang nahm, erscheinen. So hatte die lesende Welt den Vor- theil, einen militärischen Führer zu besitzen, während noch ihre ganze Theilnahme an den militärischen Operationen hing. Den dänischen, preußisch-österreichischen, deutsch-französischen Krieg und noch jüngst die Kämpfe im Orient find von Rüstow nach sem-r eigenartigen Methode �behandelt worden. Dabei wußte dieser Autor seine militärische Schilderung in einen weiten Rahmen hinzustellen. Er beschrieb nicht einzig Gefechte und Schlachten; die ersten Lieferungen seines Werkes gaben immer eine aufklä- rende Uebersicht über die politische, ethnographische und militä- rische Situation; er legte die Kriegsursache klar, charaterisirte die Heeresmacht der streitenden Parteien und verband mit der Aufzählung der Fakten ein scharfes kritisches Urtheil. Man hat Rüstow darob getadelt, daß er Schriften, welche den Anspruch erhoben, Fachschriften zu sein, so schnell fertigte, nicht erst, nachdem die Ereignisse sich völlig abgespielt, ein um so klareres Bild von ihnen zu geben trachtete. Aber wie man auch hierüber denken mag, so viel darf kühn behauptet werden, daß er in seiner Art ein seltenes Talent besaß. Er ordnete Verwirrtes mit rascher Klarheit, gruppirte gut, schrieb flüssig, knapp, an- schaulich, und gerade, was er an Notizen und Urtheilen allge- meinerer Natur dem Militärischen beimischte, verrieth einen kenntnißreichen, scharffinnigen, geistig hochstehenden Mann. Daß Rüstow seine Ausführungen oft mit scharfen polemischen Be- merkungen glaubte würzen zu müssen, haben ihm ebenfalls Viele übel genommen. Man kann ihn sich aber ohne die Kundgabe seines lebendigen und streitbaren Temperaments nicht wohl vor- stellen, und mehr als über die Form sind wohl die Betheiligten darob böse geworden, daß er Fehler aufzudecken sich nicht scheute habe, für den snationalliberalen Candidaten zu stim- men. Als Tabo'r das Wahllokal verließ, wurde er von der wüthenden Menge angegriffen und mißhandelt. Gegen den Schluß des Wahlakts soll der Besitzer der Glashütte, Röhl, seine Arbeiter zum Wahllokal geführt haben und sie durch Darbietung von Getränken ermuntert haben, für Grumbrecht ihre Stimmen abzugeben. Wie dem nun auch sei, genug, die Vermuthung hiervon pflanzte sich rasch fort und erregte heftigen Unwillen auf Seiten der Gegner. Als Röhl sich entfernte, gingen fünf Polizisten zu seinem Schutze mit. Der wüthendc Pöbel kümmerte sich nicht darum, sondern brang auf ihn ein und schlug ihn auf barbarische Art." Wir verurtheilen natürlich solche Thätlichkeiten, wir vervr- theilen alle Rohheiten, von welcher Seite sie auch kommen mögen— aber Eins steht fest:„Die„Liberalen" haben durch ihre Wahlbeeinflussungen einzig und allein die Unruhen hervorgerufen."--- Unser Genosse Steffens aus Harburg schreibt an die Re- daktion des„Hamburg-Altonaer Volksblatt" folgenden Bericht: „Harburg, 18. August. Unsere Stadt gleicht heute einem Heerlager. Anläßlich der gestern stattgehabten Stichwahl zwischen Grumbrecht und dem Grafen Grote hatte sich gestern Abend auf dem Sande eine Anzahl Neugieriger zusammengefunden, man hörte„Hochs" auf Grothe und wäre die Sache vielleicht ruhig verlaufen. Mit einem Male— es war vielleicht 10'/- Uhr— wurde Feuerlärm geblasen, und es strömte Alles nach dem Sande hin. Der Menschcnknäuel wurde noch dichter. Dem liberalen Redakteur Lüdemann wurden die Fenster eingeworfen. Jetzt erschien Militär, zwar nur ein Wachtkommando. denn das hiesige Bataillon ist vor einigen Tugen ausgerückt zum Manöver. Es wurde in der Folge„scharf" geschossen; ein Mann aus der Menge wurde sofort getödtet. Zahlreiche Verwundungen sind vorgekommen. Auf sofortige telegraphische Nachricht ist heute nun das hiesige Bataillon wieder eingerückt und hat dasselbe auf dem Sande Aufstellung genommen. Patrouillen durchstreifen jetzt die Straßen, Warnungsplakate sind angeschlagen, den In- habern von Wirthschaftslokalen ist Ordre ertheilt, heute Abend um 10 Uhr zu schließen. Zahlreiche Verhaftungen haben statt- gefunden und dauern heute noch fort. Von den Verwundeten sind bereits einige heute gestorben. Unsere Genossen sind hieran nicht betheiligt. Steffens." Aus guter Quelle können wir hinzufügen, daß bei den zahl- reichen Verhaftungen, die vorgekommen sind, nur ein einziger Arbeiter, der unserer Partei angehört, verhaftet wurde, jedoch irrthümlicher Weise, da er sofort wieder in Freiheit gesetzt worden ist. Die„Harburger Anzeigen und Nachrichten", an deren Ge- schästslokal die Fensterscheiben eingeworfen sind, faseln aller- dings auch von den„vereinigten Sozialdemokraten und Welsen", die den Skandal gemacht hätten, jedoch setzen dieselben hinzu: »unter Anführung der Leiter der Welfenpartei". Zum Schlüsse spricht das Blatt nur noch von den Welsen. Der Schluß des Berichts der überaus sozialistenfresserischen, national- liberalen, Grumbrecht'schen„Harburger Anzeigen und Nachrichten" lautet nämlich: „Heute Morgen sind zunächst die Hauptführer der Welsen, der Vorsitzende des Wahlcomitös der deutsch-hanno- verschen Partei, Bremann, sowie der Tischler Moritz, welche sich mehr oder minder bei dem Aufruhr betheiligt haben sollen, sowie außerdem noch vielleicht 15— 20 Personen verhaftet. Die Vorgänge geben eine würdige Illustration der Partei, welche den Wahlspruch:„Für Wahrheit, Freiheit und Recht" auf ihr Panier geschrieben hat und sich unter dem Schutz der Geistlichkeit so gern mit christlichem Sinn brüstet." Der Sozialisten, die auch thatsächlich bei der ganzen Affaire nicht betheiligt waren, wird also nicht weiter gedacht; trotzdem sucht die„liberale" Presse in Deutschland dieselben mitverant- wortlich zu machen, damit die Bedenken gegen das Ausnahme- gesetz mehr und mehr schwinden sollen. Deshalb wird der ganze Krawall auch noch phantastisch auf- gebauscht. Ob die Soldaten recht gehandelt haben, gleich mit scharfen Patronen zu schießen und eine Menschenschlächterei in Scene zu setzen, das wird die Untersuchung erst noch feststellen. Bis jetzt steht fest, daß die Soldaten gar nicht von ihren ordentlichen Führern zum Schießen commandirt worden sind —„liberale" Reserveoffiziere außer Dienst sollen die Com- mandos abgegeben haben. Also die Bourgeoisie gegen die„Canaille", und wenn die „Canaille" auch nicht einmal roth, sondern nur gelb- weiß ist!!!--- Die„Kaiserlichen" haben Wahlbeeinflussungen, Wahl- fälschungen verübt, die„Royalisten" haben deshalb die„Kai- serlichen" geprügelt und ihnen die Fenster eingeworfen— das ist die einzige Ursache der Harburger Unruhen. und große Schonung nicht für wissenschaftliche Pflicht hielt. Die Operationen der napoleomschen Generale in der Lombardei ge» hören beispielsweise in diese Kategorie; er hat manches unlieb- same Wort darüber geschrieben. Wir erwähnen ferner aus Rüstow's Feder„Die Lehre vom neuen Festungskriege", eine Epoche machende Arbeit, in welcher sich der einstige Genieoffizier von der vortheilhaftesten Seite zeigt, dann„Die Lehre vom kleinen Kriege", eine deutsche Aus- gäbe des Cäsar von Napoleon III. mit kritischen Commentaren, ein Compendium des Kriegsrechts,— und können nicht versichern, ob die lange Reihe nicht doch noch unvollständig ist. Nicht ver- gesscn dürfen wir auch, daß Rüstow das Milizwescn wiederholt in beredter Weise gerechtfertigt hat. Hinsichtlich seiner Stellung zu der großen Frage„Krieg und Frieden" sei erwähnt, daß er kein Anwalt der humanitären Bestrebungen innerhalb des Kriegs- wesenS war, sondern von möglichst rücksichtsloser Kriegführung S?* pes ganzen Kriegshandwerkes erhoffte. Auch Remlmscenz mag im Augenblicke Beachtung ver- nri-nhiliiriWtt an' ,m Hinblick auf gründliche Erledigung der KV Eine ungebundene Natur und ein freier Geist, huldigte Rüstow dem politischen Radikalismus, ohne daß er sich gerade zu einem bestimmten Parteiprogramm bekannte. Ju sehr freundschaftlichen Beziehungen stand er, wie man sich erinnert, zu Lassalle. In der fatalen Duellaffaire rieth er demselben freilich erfolglos. sich vorher einzuichießen, um dem Gegner gewachsen zu sein, und sekundirte ihm. Nun ist er dem Unglücklichen nachgefolgt, viel- leicht selbst em Unglücklicher, wenn die erste betrübende Kunde Recht behält. Erwarten wir die Aufklärung. Aber wie diese bei einem Manne, der sich an den realen Härten des Lebens oft gestoßen haben mag, auch laute, so viel ist sicher: mit Wilhelm Rüstow, welchem zwei Brüder, ebenfalls ausgezeichnete Offiziere und Militärschriftsteller, in den Tod vorausgegangen, erlischt der letzte Stern aus einem berühmten Dreigestirn am literarischen Himmel, und ein Mann von großem Talente und großer Ar- deitskraft hat sich zur Ruhe gelegt.(Franks. Ztg.) Sozialpolitische Uebersicht. — Wir machen die Parteigenossen nochmals darauf aufmerksam, daß Wahlproteste spätestens 19 Tage nach Eröffnung des Reichstags sich in den Händen des Reichstagspräsidiums befinden müssen. — Die Nationalliberalen suchen der Regierung zu be- weisen, daß sie ihr unentbehrlich seien, und erbieten sich natürlich zu allen möglichen Liebesdiensten. Die Hiebe, die ihnen die junkerliche Hetzpeitsche während der Wahlcampagne versetzt, sind rasch vergessen. Natürlich ist es das Sozialistengesetz, das ihnen Gelegenheit geben soll, sich unentbehrlich zu zeigen. Wie ein Theil der„Partei" in dieser Beziehung denkt, erhellt aus fol- gendem Passus einer Rede, die Herr v. Bennigsen am 18. d. in einer Braunschweiger Wählerversammlung zu Gunsten Stauffen- berg's gehalten: „Zunächst wird dem Reichstage der Gesetzentwurf wegen Be- kämpfung der sozialistischen Umtriebe zugehen. So viel haben Sie jedenfalls aus den Zeitungen ersehen, wie recht der letzte Reichstag hatte, das damalige Sozialistengesetz abzulehnen, das in fünf Tagen über Hals und Kopf zusammengestellt war und welches eine Versammlung von Diplomaten und hohen Staats- beamten, den Bundesrath mit der polizeilichen Executive gegen die Sozialdemokraten beauftragen und den Reichstag zur Appellationsinstanz machen wollte. Jetzt ist es genau so ge- kommen, wie ich es im Frühjahr dem Minister Grafen Eulen- bürg sagte: der Reichstag wird im Herbst znsammenberufen, um ein sorgsam ausgearbeitetes Gesetz zu berathen. Als ich vor einiger Zeit in Berlin einen höheren Beamten fragte, warum man denn nicht den Reichstag sofort noch vor dem Congreß einberufen habe zur Berathung des Sozialistengesetzes, er- widerte dieser, das sei ja ganz unmöglichge Wesen, dennum das Gesetz auszuarbeiten, hätte man ja Wochen und Monate bedurft. Und zu dem vom Reichstage abgelehnten Entwurf hatte man nur fünf Tage verwandt! Jetzt wird man also ein sorgsamer vorbereitetes Gesetz vorlegen; über dasselbe sich schon jetzt aus- zusprechen, wäre verfrüht, weil es ja noch der Prüfung des Bundesrathes unterliegt. Aber eine Verständigung zwischen Regierung und Reichstag muß gelingen, um den gefähr- lichen Agitationen der Sozialdemokraten gegen die festesten Grundlagen des Staats und der Gesellschaft wirksam entgegen zu treten. Dazu wird es eines großen Maßes von Selbst- beherrschung auf allen Seiten bedürfen. Ich hoffe, daß die Verständigung gelingt, jedenfalls werden Herr v. Stauffenberg und ich uns redlich dafür bemühen, daß die Ordnung gesichert und doch dabei die Freiheit nicht mehr als nöthig be- schränkt wird. Das war immer das Streben der national- liberalen Partei und dafür ist sie abwechselnd von rechts und links getadelt worden, daß sie Ordnung und Freiheit mit ein- ander im Einklang halten. Mitunter müssen die Forderungen der Ordnung die der Freiheit überwiegen, mitunter umgekehrt, wenn auch den Aengstlichen die Ordnung dadurch anfangs ge- fährdet erscheint." Also Herr v. Bennigsen hält eine„Verständigung mit der Regierung" für nothwendig. Es fragt sich nur, welchen Preis er dafür zahlen wird, und was er unter„Forderungen der Ord- nung" versteht. Die„Ruhe des Kirchhofs" und russische Poli- zeiwirthschaft? oder eine auf gerechte Gesetze sich gründende Staats- und Gesellschaftsordnung? Die Herren Ordnungsmänner haben das schöne Wort„Ordnung" so schmählich mißbraucht, daß es entweder nichts mehr bedeutet, oder nur die Karrikatur seiner selbst. Und was speziell die„Ordnung" der Herren Na- tionalliberalen betrifft, so haben wir sie zur Genüge kennen ge- lernt, um uns über die reaktionären Ordnungsliebhabereien des Herrn v. Bennigsen zu täuschen. — Die„Germania", das bekannte Berliner Organ des Centrums bereitet seine Leser schon auf Neuwahlen vor und richtet bei dieser Gelegenheit an die katholische Partei folgende „Bitte": „Falls Herr Dr. Jörg auch in Zukunft nicht in der Lage ist, ein Mandat für den Reichstag anzunehmen, so dürfen dann dem Ccntrum mindestens nicht drei andere Namen fehlen: Mou- fang, Jäger und Rudolph Meyer. Letzterer ist Protestant, steht aber vollständig auf dem Boden des Centrums. Ein Strafantrag des Fürsten Bismarck veranlaßte ihn äugen- blicklich, jenseits der deutschen Grenzpfähle sein Domizil aufzu- schlagen; wir hoffen aber, daß er in nicht allzuferner Zeit wie- derkehren und dann dem Centrum eine Stütze sein wird in den hochwichtigen Fragen, welche nunmehr vielleicht auf Jahrzehnte hinaus auf sozialem Gebiet an den deut- schen Reichstag herantreten werden." Das Centrum will also ernstlich in„sozialer Frage" machen. In welchem Sinne, das besagt der Name des Herrn Rudolph Meyer, welcher ja eine Art von Programm ist.— — In Breslau löste ein Polizeikommissar eine Versamm- lung deshalb auf, weil Genosse Kräcker den preußischen Gesetz- entwurf gegen die Sozialisten scharf kritifirte. Der gesetzeskun- dige Polizeioffiziant erklärte, daß ein Gesetz nicht kritisirt wer- den dürfe; ganz abgesehen davon, daß ein solcher Auflösungs- grund vor dem Gesetze nicht stichhaltig ist, scheint der Herr Kommissar von dem Wahn befangen, daß der famose preu- ßische Polizeientwurf schon Gesetzeskraft erlangt habe. Sein Vorgesetzter, an welchen die Beschwerde gerichtet ist, wird dem gesetzeskundigen Commissarius wohl einige Jnstruktionsstun- den ertheilen lassen. — Komische Rache. Unsere Gegner haben eine sonder- bare Manier, sich für Niederlagen zu revanchiren. In Breslau von Reinders geklopft, sagten sie Reinders todt; in Berlin von Fritzsche geschlagen, lassen sie Fritzsche wegen Majestäts- beleidigung ins Gefängniß wandern— natürlich bloß auf dem Papier. — Gensdarmen und Polizisten haben bei den letzten Reichstagswahlen manchen conservativen Abgeordneten„machen" helfen. Untersteht sich aber ein armes Schulmeisterlein einmal, eine gelinde Agitation für einen Fortschrittler oder Clericalen oder auch nur für einen zahmen Laster zu betreiben, so ist fol- ches„Verfahren mit den Geschäften eines mittelbaren Staatsbe- amten nicht in Einklang zu bringen" und der Schullehrer wird disciplinirt. Mehrere derartige Vorfälle werden jetzt mitgetheilt. — Reichsfeindlicher Laster, reichsfeindlicher Bennigsen!— Die Regierungen aber fordern im Gegensatz die Schullehrer auf, in sozialdemokratischen Versammlungen als unsere Gegner aufzutreten und sich die übliche Niederlage zu holen, welche gewöhnlich das Ansehen des Lehrers bei der Schuljugend nicht besonders höht. er- — Der pfiffige Andrassy ist glücklich in einen offi- ziösen Krieg mit der Türkei bineingetappt, der möglicher- weise sehr bald zu einem offiziellen Krieg werden kann. Der offiziöse ist aber schon schlimm genug. Die Bosnier wehren sich fo verzweifelt gegen die„Rettung" durch das civilisirende Oesterreich, und Christen und Muhamedaner halten so brüder- lich zusammen, daß die Oestreicher jeden Fuß breit Landes mit Blut erkaufen müssen und, obgleich sie erst am Anfang ihrer Aufgabe stehen, schon so viel Verluste erlitten haben, wie in einer ganzen regulären Campagne. Und dabei die Erfolge gleich null! I» puncto der Dummheit trauten wir zwar von jeher den österreichischen Staatsmännern das Menschenmöglichste zu, aber diese neueste Leistung hat uns doch überrascht. Vor einem Jahr als Oesterreich das Schwert nur zu zücken brauchte, um die Russen aus der Türkei zu jagen, blieb Oesterreich unthätig stehn; jetzt, wo Rußland froh ist;, halbheiler Haut aus der Türkei herauszukommen, setzt Oesterreich sich auf einmal in Be- wegung und erzeigt Rußland den doppelten Dienst: sich selbst zu ruiniren und für Rußland die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Wir bezweifeln, ob eine ähnliche Betise je von einem Staatsmann verübt worden, auch die„genialen" mit einge- rechnet.— — Montag, den 9. September, beginnt der elfte JahreScongreß der Englischen Gewerkschaften; derselbe wird im Athenäum zu Bristol tagen. Einen der Hauptgegen- stände der Diskussion wird die Haftpflichtfrage bilden. — Reaktionäre Logik und russische Wirthschaft. Im russischen Polizeistaat, der jede freiheitliche Richtung außerhalb des Gesetzes gestellt hat, wird der Polizeiminister Mesenzow erstochen, und die, welche es gethan, erklären ausdrücklich, sie hätten die Handlung blos deshalb verübt, weil kein gesetzliches Mittel vorhanden sei, einen Verbrecher wie Mesenzow zur Strafe zu bringen. Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand muß aus diesem Vorkommniß den Schluß ziehen, daß die russische Wirthschaft, die solche blutige Akte der Selbsthülfe und Lynch- justiz hervorbringt, nichts taugt, und im Interesse einer gesunden Staatsentwicklung beseitigt werden muß. Ganz umgekehrt schließt das Berliner Oberreptil, die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung". Sie findet, die Erstechung Mesenzow's sei die Frucht der— zu großen„Milde des Czaren"; und um ähnlichen Fatalitäten vor- zubeugen, müßte die Regierung des Czaren„jegliche Schwäche ablegen"— kurz die bekannten„straffen Zügel". Als ob sie m Rußland nicht schon so„straff" wären, wie möglich� Die sonst auch für„straffe Zügel" schwärmende„Magdeburgische Zeitung" muß sogar der widersinnigen Auffassung des„Nord- deutschen" Oberreptils entgegen treten.„In keinem Staat, so bemerkt sie, ist die Polizeiherrschaft bisher stärker und energischer gehandhabt worden, und nirgends sind strengere und durch- greifendere Mittel zur Anwendung gebracht. Trotzdem hat die nihilistische Bewegung nicht erstickt werden können." Wenn die „Magdeburgische Zeitung" gesagt hätte:„gerade deswegen" anstatt„trotzdem", dann hätte sie näher ans Schwarze getroffen. Genug, sie sieht wenigstens ein, daß die Regierung des Czaren durch ihre verkehrte äußere und innere Politik die gegenwärtige Zerrüttung und den Parteifanatismus erzeugt hat, und daß die russische Regierung nur„durch große umfassende Reformen auf allen Gebieten der Verwaltung, durch Hebung des Volksunter- richts, Einschränkung der Polizeiherrslhaft, Verbesserung des Beamtenthums:c. im Stande sein wird, die Revolution zu bannen, welche jetzt überall drohend ihr Haupt erhebt."--- Ganz richtig. Schade nur, daß die Logik der„Magdeburgischen Zeitung" blos für Rußland existirt und— wohl in Folge der strengen Grenzsperre— nicht nach Deutschland gelangen kann. Die„liberale" Magdeburgerin schwärmt nämlich für das Bis- marckssche Ausnahmegesetz.— (In unserer letzten Nummer ist der Vorgänger Mesenzow's das Opfer eines Druckfehlers geworden. Der Mann heißt Potapoff, nicht Potozoff.) — Dr. Aug. Theod. Stamm hat an seine Wähler ein vom Bierwaldstädter See in der Schweiz datirteS AnerkennungS- schreiben gerichtet, welchem wir folgende bemerkenswerthe Stelle entnehmen:„Man entfernt sich in Deutschland leider immer mehr von den Bahnen der modernen Kulturstaaten.— Die erste Be- dingung für die friedliche Entwickelung eines modernen Kultur- staates ist jedenfalls die Richtbehinderung des Ausdrucks der öffentlichen Meinung.— Di- Freiheit der öffentlichen Meinung ist die Sicherheitsklappe gegen alle Revolutionen.— So lange man in Deutschland die freie Entwickelung der öffentlichen Meinung nicht gestattet und statt dessen durch eine bezahlte Reptilienprefle, durch Polizeimaßregeln, durch polizeiliche Auf- ficht bei friedlichen Versammlungen u. f. w. die öffentliche Mei- nung unterdrücken will, so lange werden wir nicht zu wahrhafter innerer Ruhe und Freude kommen und kaum dürfte es für diesen Fall an desparaten Elementen fehlen, die endlich an einer ruhigen Entwickelung Deutschlands auf der geregelten Bahn moderner Kulturstaaten gänzlich verzweifeln." Leider hat Dr. Stamm mit seinen Ausführungen nur zu sehr Recht. Aerkin, 17. August. Stöcker ist in tausend Aengsten, Alles will von ihm für die bankerotte„christlich-soziale Arbeiterpartei Geld haben. Der Redakteur der selig entschlafenen„Volkswacht M. Berendt, der von seinem„Chef" und„Verleger" Grüne- berg sein Gehalt nicht vollständig bekommen haben soll, klagt gegen Stöcker. die Drucker des„schönen" Blättchcns die Herren Jhriug und Fahrenholtz, klagen gegen Stocker auf Schadenersatz. — Herr Stöcker aber schreibt ellenlange Briefe, daß er kern Geld habe und daß er auch gar nicht im Vorstande sitze und deshalb auch keinerlei Verantwortung trage. Angesichts dieser Thatsachen und der Bitten Stöcker's, seine„freunde" möchten ihn doch nicht so fürchterlich anbetteln, da kein Geld mehr, vor- banden sei, ist wohl die Frage am Platze, wo denn die Tausende von Tbalern hingekommen sind, mit welchen Stöcker-Grüneberg immer prahlten? Und was ist aus dem Arbeiter-Jnvalidenhaus mit seinem angesammelten Grundkapital von 3000 Thalern ge- worden? Darüber werden wohl die irregeführten Arbeiter im Unklaren bleiben xder nicht? Mraunschweig, 15. August. Es handelt sich nicht, wie Sie berichteten, um die Gründung eines eigenen Arbeiterorgans, sondern um die Vertheilung der Böhmert'schen„Sozial- Correspon- denz" bei den Bahnhofs-Werkstättenarbeitern. Auf diese Weise sucht man der an Abonnenten- Mangel leidenden„Sozial- Correspondenz" auf die Beine zu helfen; bei den Arbeitern kann dies Blatt nur dazu dienen, Humor hervorzurufen, denn über die geistige Impotenz dieses Blattes sind die Braunschweiger Arbeiter längst hinweg.— Mit welch' schamloser Frechheit die Braunschweiger Arbeitgeber übrigens vorgehen, beweist nach- stehendes Cirkular: „Cirkular Nr. 1. An die vereinigten Braunschweigischen Arbeitgeber. Indem wir uns erlauben, Sie zu der auf Mitt- woch den 14. d. M., Nachmittags 3 Uhr, im Hotel d'Angleterre Hierselbst behufs Constituirung des Vereins anberaumten Ver- sammlung der vereinigten Braunschweigischen Arbeitgeber einzu- laden, ersuchen wir Sie ergebenst, die Zahl der von Ihnen be- schäftigten Beamten und Arbeiter— sofern solches noch nicht geschehen— in den nächsten Tagen, spätestens in der gedachten Versammlung, zu unserer Kenntniß zu bringen, damit wir in der Lage find, nicht allein den vorläufigen Bedarf an durch einen besonderen Stempel gekennzeichneten Entlassungsscheinen so- wohl für ordnungsmäßigen, als auch für verschuldeten(!) Abgang bemessen und, einem von der unterzeichneten Commiflion gefaßten Beschlüsse gemäß, Ihnen auf Kosten des Vereins in der ent- sprechenden Anzahl übermitteln, sowie auch die nach Nr. 6 der maßgebenden Bestimmungen vorzunehmende Repartation der Bereinskosten ausführen zu können. Der weitere Bedarf an Entlassungsscheinen wird Ihnen, auf vorherige Anforderung, bei dem von uns bestellten Vereins, Kassirer, Bahnasfiftenten Bock (Eisenbahn-Direktions-Gebäude Hierselbst) zugehen. Nachstehend dringen wir eine Liste der wegen Verstoßes gegen die Bestimm münzen des veröffentlichten Aufrufes entlassenen Arbeiter zu Ihrer Kenntniß und knüpfen hieran die Bitte, von den aus ähnlicher Veranlassung vorkommenden Entlassungen Ihrer Ar beiter der unterzeichneten Commission gefälligst Mittheilung machen zu wollen. Von den eingehenden Anmeldungen werden wir Ihnen in Zukunft unterm 1. und 15. jeden Monats Kenntniß geben." Daran schließt sich ein mit ausgefüllten Rubriken versehenes Formular, welches eine ganze Serie von Arbeitern namentlich bezeichnet, die wegen ihrer sozialistischen Gesinnung entlassen wurden. Unterzeichnet ist das denkwürdige Schriftstück von einigen hiesigen tonangebenden„liberalen" Fabrikanten. Srdenöurg, 18. August. Seit etwa 1'/« Jahre bestehen hier zwei Gewerkschaften(Metallarbeiter- und Tischlergewerkschaft), welche auch eingeschriebene Kranken- und Sterbekassen befitzen. Seit der allgemeinen Sozialistenhetze sieht man diese Gewerk- schaften mit Argusaugen an und sind es hauptsächlich die„Nach- richten für Stadt und Land", welche täglich in ihren Spalten gegen uns Hetzen. Diese Hetzereien haben nun zur Folge gehabt, daß die Arbeiter in zwei Geschäften bereits emen Ukas unter- schreiben mußten, keiner sozialdemokratischen Vereinigung anzugehören. Es ist schrecklich, wenn man solch' Gefasel reichstreuer Blätter liest, auf der einen Seite schreien sie fortwährend, die Arbeiter sollen sparen und sich selbst helfen; thuen dies nun die Arbeiter, wie eben gerade in den Gewerkschaften, und unterstützen ihre arbeitslosen, reisenden und kranken Eollegen, so ist das ge- fährlich, sozialdemokratisch, es muß Alles zerstört werden. Man kommt alsdann ganz von selbst dazu, Sozialdemokrat zu werden, wenn man es vorher nicht war, denn man sieht täglich diese Heuchelei und der Vernünftige wendet sich mit Abscheu von dieser Sorte.— An der Reichstagswahl haben wir uns diesmal gar nicht betheiligt, weil wir hier zu wenig Anhänger zählen und diese Wenigen sich auch nicht noch der Hungerkur aussetzen wollten. Die Ultramontanen sandten noch in der letzten Stunde Stimmzettel für Windthorst aus, und wunderte sich die„Olden- burger Zeitung", daß man dies hier noch wage. Als ob nicht jedem Bürger frei stände, zu wählen, wen er wolle. Als Kuriosum diene noch, daß ein hiesiger angesehener Bürger sein Dienst- Mädchen in's Wahllokal mit dem Stimmzettel sandte, damit die- selbe für ihn wähle. Ein Zeichen, wie wenig die hiesige Presse zur Aufklärung beiträgt. H. W. Ans dem 13. sächf. Wahlkreise. Reudnitz, 19. August. Es ist gewiß auch für auswärttge Parteigenossen von Interesse, in welcher Weise hier der Wahlkampf geführt worden ist, und wir geben deshab nachstehenden kurzen Bericht. Es steht fest, daß unter allen sächs. Wahlkreisen der unselige derjenige ist, in welchem am heftigsten gekämpft wurde. Es hieß bei uns nur „hier Ordnungsmänner" und da„revolutionäre Sozialdemo- kraten". Zum 13. Wahlkreise gehören 143 Ortschaften, davon sind gegen 15 sogenannte Borstadtdörfer, 5 kleine Städtchen und die übrigen sind sogenannte reine Bauerndörfer. Nun ist das Berhältniß so, daß die wenigen allerdings stark bevölkerten Bor- stadtdörfer stets 4 Fünftel der gesammten sozialisttschen Stimmen aufbringen, alle übrigen Ortschaften ergeben nur 1 Fünftel. Diesmal hatten sich die Nationalliberalen, Conservattven und Fortschrittler verbündet und den Erzreaktionär Rittergutsbesitzer Dietze aus Pomßen aufgestellt, es handelte sich bei den Ordnungs- männern nur darum, den Wahlkreis uns zu entreißen und das ist leider auch geschehen, obwohl wir ziemlich 2000 Stimmen mehr erhalten haben, als 1877, wo wir den Genossen Temmler durchbrachten. Wie haben aber diesmal unsere Gegner gewirth- schaftet: Säle zum Abhalten von Versammlungen gab eS fast gar nicht, bekamen wir dennoch welche, so wurde die Bersamm- lung von den Ordnungsmännern gesprengt, oder von der Polizei aus irgend einem Grunde vor der Zeit wieder geschlossen. Un- sere Plakate durften wir an vielen Orten gar nicht anschlagen, viele unserer Flug» und Stimmzettelvertheiler wurden arrettrt und verhaftet. Die Bahnverwaltungen, Gemeindevorstände und sonstige amtliche Personen, Fabrik-, Ritter- und Gutsbesitzer überboten sich förmlich, ihre Leute einzuschüchtern und für die Ordnungspartei geneigt zu machen und leider haben sich viele durch die Hungerpeitsche verleiten lassen, den Dietze zu wählen. Namentlich auf den kleinen Dörfern wurden die Knechte zc. so drangsalirt, daß ihnen eben weiter gar nicht« übrig blieb, als für Dietze einzutreten, oder auf die Straße geworfen zu werden. Trotz alledem erhielten wir für unserm Genossen Ramm 11,253 und für Dietze 13,372 Stimmen. Von Rückgang ist in unserm Wahlkreise erfreulicherweise keine Rede, wir find flott vorwärts gekommen, wie nachstehende Uebersicht zeigt: 1374 erhielt Jacoby beim ersten Wahlgange 4630, bei der Stichwahl 7400 Stimmen; 1877 erhielt Temmler 9420 Stimmen. Weiter so, und der dauernde Sieg unserer gerechten Sache wird nicht ausbleiben. H. Mittweida, 16. August. Nach meiner Entlassung aus 46tägiger Hast in Hannover zur Wahlagitatton in Sachsen be- stimmt, war ich zunächst im 15. sächsischen Wahlkreise lhätig. Durch die verschiedenartigsten Beeinflussungen wurden uns leider in einer ganzen Reihe von Orten, wie Limbach, Schellenberg, Wiesa, Erlau ic, alle Lokale entzogen, so daß unS haupsächlich nur die Agitation vermittelst Flugblätter übrig blieb. Ver- sammlungen abzuhalten war mir nur möglich in Mittweida, Burgstädt, Frankenberg und Wittgensdorf, von denen die letzten beiden auch noch größtentheils illusorisch gemacht wurden. In Frankenberg hatte sich der Herr Bürgermeister die Rolle deS un- freiwilligen Agitators für unfern Zweck ausersehen, indem er'bereiten, die Zunge in Bewegung zu setzen. Als das Referat mir in der von 6—700 Mann besuchten Versammlung das von Blos zu Ende war, forderte der Vorsitzende Diejenigen auf, Sprechen verbot, weil(man höre und staune) ich ihm nicht eine welche für oder gegen sprechen wollten, sich zu melden. Es schriftliche Bescheinigung darüber verlegen konnte, daß ich in! meldete sich ein gewisser Herr Pelz zum Wort, um allerlei die Wählerliste meines Wohnortes eingetragen, also wahlberech- Unsinn zu Tage zu fördern. Dabei kam dieser auf die„Steuern" tigt sei. Die Entrüstung über ein solches noch nicht dagewesenes zu sprechen. Als Blos ihn glänzend widerlegte, sprang der Verfahren war allgemein und dürfte somit wohl durch die Maß- Ueberwachende auf und schloß die Versammlung mit den Worten: regel des schlauen Bürgermeisters das Gegentheil des beabsich-„Ueber Steuern darf nicht gesprochen werden." Den 29. Juli tigten Zweckes erzielt worden sein. Eine gegen den Hrn. Bürger- hatten wir eine Versammlung für die Bewohner der Stadt meister Kuhn bei der Kreishauptmannschaft Zwickau von mir Greiz nach Pölitz einberufen. Die Versammlung war sehr gut eingereichte Beschwerde wurde wie wohl nicht gut anders zu er- besucht, so unter Anderm auch von vielen Gegnern. Unser Can- warten war, abschläglich beschieden, obgleich die k. Kreishaupt- didat erntete rauschenden Beifall.— Sind wir auch dieses Mal Mannschaft selbst anerkennen mußte, daß das Verfahren des unterlegen, so können wir uns das ins Gewissen rufen, daß wir Bürgermeisters in meinem Falle„nicht ohne Bedenken sei!" Die mit Ehren unterlegen sind. Versammlung in Wittgensdorf wurde durch eine reichstreue-—- Chemnitzer Sprengcolonne unmöglich gemacht, welche mir nur r.* a* r � eine halbe Stunde Redezeit gestatten wollte, in Folge dessen ich Zentral- WaylcoMktö der sozial. Arvelterpartei» auf meinen Vortrag verzichtete und die Versammlung schließen ließ. Die Herren„Ordnungsmänner" haben inzwischen in spä- � esfektlNIHe litttttUttg. teren Versammlungen in Limbach und Wittgensdorf den ihnen Diese Quittung enthält alle Zahlungen vom 22. Juni gebührenden Lohn bekommen und dürfte ihnen wohl für die bis 21. August 1878. Zukunft das Bersammlungssprengen vergehen. Wie schon früher im„Vorwärts" mitgetheilt wurde, ist daS Besonders lebhaft wurde die Agttatron rm 19. sachsiAen Kassenbuch des Central-Wahlcomit6s nebst den dazu ge- Wahlkreise betrieben, wo unserem Genossen Liebknecht der Ber- hörigen Belegen am 22. Juni beschlagnahmt worden. Die liner Großfabrikant Ludwig Löwe(oder Levy', wie fem Name itMt öffentliche Quittung in Nr. 56 des„Vorwärts" reichte bis ursprünglich lautet) gegenüberstand. Es wurden von Freund �m 10. Mai d. I. Für die Zeit vom 11. Mai bis 21. Juni Liebknecht, Advokat Freitag und mir außer verschiedenen Privat-! fann, ba die Beschlagnahme noch nicht aufgehoben ist. zur Stunde besprechungen Versammlungen abgehalten m Zwomtz Burk- keine Quittung veröffentlicht werden. Doch soll dies später ge- hardsdorf, Stollberg, Hohncck, Schneeberg, Zschortau, Grunham, schxhen. Zschoken, Mülscn St. Niclas:c., welche alle sehr gut, theil-' a) Wahlfond weise sogar massenhaft besucht waren und durch die regelmäßige Hannover von einer Lusttour durch Evers 1,50. Memel d. Niederlage der Gegner, wo dieselben �allenfalls den Much zur Ztieg 7,75. Rheda bei einer Lusttour v. Cigarrenarbeitern Opposition besaßen, den günstigsten Eindruck für uns hinter- ließen. In verschiedenen Orten, wie Aue, Oelsnitz, Geyer ic. war es unmöglich Lokale zu bekommen, so daß wir nur mit Flugblättern agitiren konnten, an andern Orten, wie z. B. Lugau wurde die Versammlung durch rohen Scandal der reichs- treuen„Ordnungsmänner" unmöglich gemacht. Auch Bersamm- lungsverbote kamen vor, wie z. B. in Lößnitz. An Stelle dieser verbotenen Versammlung soll Freund Liebknecht dann eine andere, sehr interessante, zu nächtlicher Zeit in einem großen, eigens für diesen Zweck hergerichteten Luftballon abgehalten haben, welche Methode sich für die Zukunft, wenn die Aus- nahmegesetzgebung in Scene gesetzt wird, empfehlen dürste. Mir war hauptsächlich die Aufgabe zugefallen, dem Berliner Levy die erborgte Löwenhaut abzuziehen und den Wählern zu zeigen, daß derselbe ein Hase und nicht im Stande sei, einen alten be- währten Vorkämpfer für die Bolksrechte aus dem Felde zu schlagen. Der gesunde Sinn der erzgebirgischen Arbeiter im Verein mit unsrer rührigen Agitatton hat uns dann auch den glänzenden Sieg Liebknechts gesichert. Bei der Agitation für die Stichwahl zwischen unfern Ge- nossen Vahlteich und dem liberalen Dr. Gensel im 15. säch- fischen Wahlkreis trat uns der Lokalmangel in verschiedenen Bezirken wieder recht störend entgegen. So war es im ganzen Schellenberger Bezirk absolut unmöglich, ein BersammlungS- lokal zu bekommen, und auch in der Umgegend von Mittweida krankten wir an derselben Roth, so daß eS mir nur möglich wurde, außer einer Privatbesprechung in Schellenberg zwei sehr gut besuchte Versammlungen, in Mittweida und Krumbach ab- zuhalten, alle ferner noch arrangirten Versammlungen in Alt- Mittweida, Burgstädt, Taura:c. wurden in Folge der Lim- bacher und Wittgensdorfer Vorgänge wo die Chemnitzer Reichs- treuen die ihnen gebührende Zurückweisung erfahren hatten, von Herrn Amtshauptmann von W-lck in Rochlitz auf Grund des § 12 des sächsischen Vereins- und Versammlungsgesetzes ver- boten, so daß meine Thättgkeit in den letzten Tagen wesentlich nur eine organisatorische sein konnte. In den nicht zur Roch- litzer Amtshauptmannschaft gehörigen Orten wie Frankenberg, Sachsenburg, Limbach, Wittgensdorf, Pleisa, Ebersdorf ic. find außerdem noch von den Genossen Hasenclever, Motteler, Nauert, Werner und Wiemer sehr günstig verlaufene Versammlungen abgehalten worden, über welche dieselben wohl selbst berichten werden. Daß es von Seiten der Gegner, der jetzt wieder ver- einigten reakttonären Masse, an Verleumdungen, Beschimpfungen und Verdächttgungen aller Art gegen uns nicht gefehlt hat, brauche ich wohl nicht besonders hervorzuheben, doch alle diese schmählichen Mannöver haben nichts genutzt, der gesunde Sinn des arbeitenden Volkes hat sich nicht beirren lassen, sondern ge- rade die erbärmliche Kampfesweise der Gegner, welche entschieden jeden anständigen, denkenden Menschen anwidern mußte, hat wohl wesentlich mit dazu beigetragen, uns einen glänzenden Sieg zu sichern. Der 15. Wahlkreis gehört jetzt wieder unbe- stritten der Sozialdemokratie, denn, wie bereits anderweitig ge- meldet, ist unser Genosse Jul. Vahlteich mit einer Majorität von über 1000 Stimmen siegreich aus der Wahlurne hervorge- gangen! Lüge und Verleumdung ist unterlegen, denn— die Wahrheit bohrt sich durch! H. Oehme. Hreiz, 15. August. ES dürfte wohl von Interesse fem. noch einmal auf die Wahlschlacht zurückzukommen, um über die Machinationen unserer Gegner wenigstens theilweise zu berichten. Wir hielten im Ganzen mit unserem Kandidaten 9 Bersamm- lungen ab, wovon nur zwei mit völliger Redefreiheit verliefen, d. h. es erblickte in diesen Versammlungen die Polizei„nichts Staatsgefährliches". Aber in den darauffolgendem wurde unserm Candidaten der Maulkorb umgehängt. So hatte u. A. eine Versammlung in der„Wilden Taube" stattgefunden. Kaum hatte unser Kandidat 10 Minuten gesprochen, so erscholl seitens der Polizei der Ruf:„DaS ist nicht wahr, das ist nicht wahr!" Die„Unwahrheit" bestand einfach darin, daß unser Candidat betreffs eines Verbotes das Landrathsamt mit der Regierung verwechselt hatte. Die Ver- sammlung verlief aber sonst in der schönsten Ruhe und wurde halb 11 Uhr geschlossen. Wie es nun üblich ist, daß man bei Versammlungen nach Schluß noch sich unterhält, so war es auch hier. Kaum hatten wir eine halbe Stunde in der Wirthsstube gesessen, da erscholl das Wort„Feierabend". Wir tranken unser Bier d aher aus und gingen nach Hause, die Polizei hinterdrein. Den andern Tag hielten wir eine Versammlung ab, die gut besucht war. Die Versammlung wurde zu der angemeldeten Zeit eröffnet. Der Borfitzende machte noch bei der Eröffnung bekannt, daß alle Diejenigen, welche noch nicht das 25. Jahr erreicht haben, sich zu entfernen hätten. Kaum hatte der Vorsitzende die Lippen geschlossen, so erscholl mit dumpfer Stimme der Ruf: „Die Ausländer müssen auch hinaus!"(Es hatten sich nämlich mehrere Genossen aus Elsterberg mit eingefunden.) Daher ver- ließen die Genossen au» Elsterberg als„Ausländer" das Lokal. Die Versammlung dauerte der beschränkten Redefreiheit halber nur eine Biertelstunde. i Den 23. Juli hielten wir eine Versammlung in Natschau ab. Unser Candidat sprach in sachlicher Weise bereits fünfviertel Stunde, ohne der überwachenden Polizei die Bemühung zu 16,00. Oggersheim d. Metzger 10,00. Baden-Baden L. 582 15,00. Posen d. Quolke 18,00. Geislingen v. A. G. 5,00. Dessau v. zwei Genossen 3,30. Connewitz d. Schimpf auf L. 4719 3,35; do. 5606 2,40; do. 1,50; do. EnderS in Leipzig 2,57. Stuttgart v. Tapp 10,00; do. 10,00. Frohburg d. Geist- Hardt 5,00. Horst d. Geercken 10,10; Berlin Cigarren-Fab. I. Sch. M.-Str. 155 20,00. Burxdorf L. 290 3,00. Schedewitz d. Pommer 4,35. Iserlohn d. Parteigenossen 5,00. M. v. R. „für die Bekämpfer der Attentäter auf die Volksrechte" 5,00. Hannover d. Behrens v. Cigarrenarb. 3,15. Gablenz L. 2770 5,40. Zwickau„aus vereinten Kräften" 16,00. Delmenhorst d. Eisner 16,90. L. v. W. L. 80,00. Dahme d. Eltze L. 207 8,38. Rendsburg durch Cäcilia 3,00. Borst durch ll. 15,00. Herzberg durch Stöhr 1,50. Bochum durch Klein 12,00. Fulda d. Wagner 15,00. Salzungen d. Bodechtel 10,00. Frank- furt a. M. v. Ad. Dr. 2,00; do. durch Unterbleiben d. CongresseS 5,00. Freden d. Proetzsch L. 297 6,20. Kesselstadt d. Roth 5,00. Düsseldorf X. Y. Z. 5,00. Einsiedel d. Müller 7,32. Wolfenbüttel L. 5374 u. 2936 8,65. Hannover d. Be. 6,00. Schleswig d. Ungenannt 20,00. Heddernheim d. Schmidt L. 134 17,12. Ludwigshafen d. F. G. L. 2973 25,40. VolkmarSdorf d. Schultze 11,55. Frankfurt a. M. auf Listen 75,00. Posen d. Anders 20,00. Wormditt d. B. u. S. 10,00. Ulm v. Ulrich 100,00. Berlin d. Wende 3,00. Garding auf L. 114 7,60. Löbau d. Böhmer L. 1534 1,90; do. 1535 2,75; do. 1536 2,60. Essen d. Krcmer 31,00. Jever Markrodt 4.00. Ulm d. Reisbach 6,00. Magdeburg d. Gröper 20,00. Görlitz d. Ulrich 12,30. Regensburg L. 621 12,77. Lörrach L. 2111 8,50; do. bei einer Bereinsunterhaltnng ges. 6.24. Zürich von Dr. Wiede 8,00; do. v. Stichelhuber 1,67. Duisburg durch Grobe 14,70. Gießen auf L. d. P. 30,00. Annweiler L. 1438 2,80. Duisburg v. Hohfelder Bahnbrechern 14,70. Neumartt L. 72 2,15. Bothnang d. Roggenbach 3,00. Brandenburg L. 33 u. 34 43,20. Düsseldorf d. Nicol 8,00. Weimar d. Haupt 21,00. Potsdam d. Haburg 21,00. Baden-Baden L. 583 15,00. Limbach L. 2955 1,25; do. L. 2956 4,75; do. L. 2957 1,75. Arnstadt d. Gläser 55,00. Berne d. v. d. Heid v. Cig.-Arbeitern 14,00. Marburg d. Schneider 6,00. Delmenhorst L. 54 u. 55 10,25. Flensburg d. Witte v. Johannsen's Cig.- Fabrik 25,70. Luxemburg d. F. G. von versprengten Sozialisten 16,50. Lüttich d. Schlebach 36,30. Altenburg d. Watzolik 8,00. Verden d. Freudiger 68,25. Reut- lingen d. Walz v. A. R. 3,00; do. Zirbs 4,00; do. Weller 1,00p do. Ulmer 0,80; do. Kern 0,20; do. L. 627 1,35; do. L. 62» 4,50; do. L. 3068 2,00; do. v. einer Versammlung 3,70. Stadt- Ilm d. A. Freb 2.70. Würzen L. 410 5,00. B. v. D. E. F. 200,00; do. 300,00. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaktion. R. K.: Wir haben die betreffenden Artiket nicht gelesen.— G. Schön in Göppingen: Schreiben Sie doch emen Artikel über die beregte Sache. Ihrer Correspondcnz erhielten wir zu spät und im Drange der Wahlbewegung ist sie zurückgelegt worden. — W. L.: Um Ihre Frage zu beantworten, müßten wir erst wissen, auZ welchen Motiven Sie eine von den neueren fremden Sprachen er- lernen wollen.— AmicuS: Eine solche Karte ist schon erschienen. Ihren Artikel erhalten.— H. U.: post fcstum heißt: nach dem Ereigrnß oder: zu spät.__ Allgemeiner deutscher Schaeidervereiu. Montag, den 26. August, AbendS halb S Uhr, Leipzig. Rvßstraße 4d: Geschlossene Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Wahl eines Delegirten zur Generalversammlung und VereinSgelegenheiten.,.. t90' Nur Mitglieder, welche nicht mehr restiren, al» daS Statut ge- stattet, haben Zutritt._ D. B. r&irt Gnverheirathet). Parteigenosse, jetzt als wUjlvIjd Gasmeistcr thätig, sucht sofort oder später eine ähnliche oder sonstige Vertrauensstellung, weil solche schow bekleidet.[1,85 Zeugnisse auf Verlangen zu Diensten. Offerten»ad. L. K. Expedition des„Vorwärts" erbeten. Durch die Expedition des„Vorwärts" ist zu beziehen: Bornttan, Religion und Sozialismus..... -- Die religiöse Frage und das arbeitende Boll.. Geiser, DaS deutsche Reich und seine Gesetzgebung. Liebknecht, Zur orientalischen Frage oder soll Europa kosackisch werden......... -- Die Orientdebatte im deutschen Reichstage [2.15 M.-,40 "-'2£ „-.05 „-A5 „— ,35 Durch uns kann bezogen werden: Lithographische Wahlkarten, Ergebnisse der ReichstAgswahlen vom 30. Juli 1878,� sind gegen Einsendung von M. 1,10 incl. Porto durch unS zu be ziehen. Die Expedition des„Vorwärts". Verantwortlicher Redakteur: Franz«ützlaff in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstr. 12. II in Leipzig. Druck und Verlag der SenoSenschastSbuchdruckerei in Leipzig.