Srscheint in Leipzig «ittwo-b. Freit a g, Soantaz. Adi>n»cmcnt?preiS »r z-nz T-utichI-n° t M.SS Ps.pr, Quartal. Monat«- Abonnement« serden bei allen deutschen Postanstalten «»f den 2. und Z. Monat, und aus den i. Monat besonder« angenommen: im stibnigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Alteaburg auch aus den Iren Monat de« Quartal« ir 54 Psg. 3itfcrÄlt betr. Versammlungen pr. Letitzeile 10 Ps., betr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petitgeile ZV Ps. o rw ärts VesteUungen nehmen an alle Postanstalten und Buch» Handlungen de« In» u. Auslände«. Filial- Expeditionen. New-Borl: Soz.-dcmolr. Genossen» schastSbuchdruckerei, 154 Kidridg-e Str. Philadelphia: P. Haß, 630 North 3r4 Street. 3. Boll, 1129 Charlotte Str. ösboken N.J.: F. A. Sorge, 215 Waah- ington Str. Chicago; A. Lanfermann, 74 San Franzi«co: F.Tnh, sis d'nrreli str London Vf.: C. Henje, S Rem"H:. LioISett Square. Kmtrat Grgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 103. Sonntag, 1. September. 1878. Zum 31. August. Am 31. August 1864 starb zu Genf an den Folgen einer im Duell erhaltenen Wunde Ferdinand Lassalle, der Denker und Kämpfer. Kaum anderthalb Jahre vorher hatte er als Agitator die Fahne der Arbeiter- und Menschheitsemanzipation entrollt, und in dieser kurzen Zeit welche Leistungen, welche Erfolge! Aus- gerüstet mit der„Wissenschaft seines Jahrhunderts" streute er — und das ist sein höchstes Verdienst— den Samen der Wissen- schaft unter das Volk; ihm und seinem Freund Karl Marx ist es in erster Linie zu danken, daß die deutsche Arbeiter- bewegung eine wisienschaftliche Grundlage hat, auf der sie unbe- sieglich ist und von der sie sich niemals wird abdrängen lassen. Vierzehn Jahre sind verstrichen seit Lassalle's Tod, fast ein halbes Menschenalter. Mächtige Ereignisse haben die Gestalt unseres Wclttheils verändert; namentlich unser Vaterland ist tiefeingreifenden Umwälzungen ausgesetzt gewesen; die deutsche Sozialdemokratie ist, nach heftigen Krisen, unter fortwährendem Ringen mit den reaktionären Parteien und Regierungen zu einer großen politischen Partei geworden— aber das Andenken Lassalle's ist heute so frisch im Gedächtniß des arbeitenden Volks, wie vor 14 Jahren. Lassalle lebt, er lebt in seiner, in unserer Sache; er lebt, und die falschen Götzen, gegen welche er die Waffen seines gewaltigen Geistes gerichtet, sie sind zer- brachen, die Parteien der Bourgeoisie, denen er kühn den Hand- schuh hinwarf im Namen des Proletariats, im Namen der Menschheit, sie sind von ihrem Schicksal erreicht worden: bankrout, moralisch bankrout, bankrout mit ihrer Politik, bankrout mit ihrer Wirthschaftslehre. Wäre Lassalle jetzt unter uns, er würde gestehen, daß die Wirklichkeit seine Hoffnungen übertroffen hat. „Das Volk vergißt seine Todten nicht"— es vergißt sie nicht, weil es sie lebendig hält, weil es sie in seinem Herzen nicht sterben läßt, und ihm so die Unsterblichkeit sichert. Und das ist die Unsterblichkeit, welche das Volk edlen Men- schen schuldet. Das ist der wahre Nationaldank, oder sagen wir unserthalben auch„Vaterlandsdank". Denn ein„Vaterland" habcn wir„Baterlandslofen" so gut wie die Herren Patrioten, welche das„Vaterland" gepachtet zu haben vermeinen; das Vaterland ist unser natürlicher nächster Wirkungskreis— Vaterland und Welt, Nationalismus und Internationalismus, Staatsbürgerthum und Weltbürgerthum find nicht einander aus- schließende, sondern einander ergänzende Begriffe. Der internationale Weltbürger, der in seinem Vaterland seine staats- bürgerlichen Pflichten nicht erfüllt, ist ein phrasenhafter Feigling oder hohler Phantast, wie umgekehrt derjenige Staatsbürger, der sich nicht über die Schranken der Nationalität zu erheben ver- mocht hat, seine staatsbürgerlichen Pflichten nur in bornirtester Weise erfüllen kann und mit dem Mantel des Patriotismus blos seinen Mangel an Bildung und seine Servilität zu verdecken sucht. Niemand hat die? besser begriffen als Lasialle, der den nationalen und den assgemein menschlichen Zielen und Aufgaben mit gleicher Energie diente. Durch eine Art stillschweigenden Uebereinkommens ist der 31. August von der deutschen Sozialdemokratie zum Tag eines Todtenfestes gemacht worden. Dieser Tag gehört der Erinnerung an unsere Todten— an die Pioniere der Menschheit, die für die heilige Sache der Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenangesicht trägt, gewirkt und gestritten haben. Zu'Tausenden und Abertausenden ziehen sie an uns vorüber, „die Helden der neuen Ideen", die Blutzeugen der Wahrheit und des Rechts— erst vereinzelt, dann in immer dichteren Reihen: die alte Garde von 1789—1794, die junge Garde von 1830, 1848 bis in die neueste Zeit— die Kämpfer des Juli, des Februar, des Juni, die Märtyrer der deutschen Märzrevo- lution, die zu Pulver und Blei Begnadeten von Wien, Rastadt, Freiburg. Mannheim, und zuletzt so mancher Brave, der noch vor Kurzem in unserer Mitte gewandelt, an unserer Seite gekämpft hat.— Wir lassen die heilige Schaar an uns vorüberziehen, und, angesichts des Vernichtungskrieges, mit dem man uns bedroht, geloben wir unseren Todten: Wir werden uns bemühen, Eurer würdig zu seines komme was da wolle! Jeder von uns wird in freudiger Zuverficht persönliches Un- gemach, ja das Schlimmste ertragen— wissen wir doch, daß unserer Sache der Triumph sicher ist. An dem roeber äe bronoe, dem ehernen Fels der Wissenschaft und des Rechts wird der Anprall der Reaktion zu Schanden werden. Stimmen der Presse über das Bismarck'sche Ausnahmegesetz.� (Fortsetzung.) Das(ultra-) conservative Wiener„Vaterland" läßt sich ck. ck. 21. August also vernehmen: „Augenscheinlich ist jetzt im„neuen deutsche Reiche" jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, in ganz besonders hohem Grade in Thätlgkeit. Nicht nur daß sie auf die zweckmäßigste Weise die dortigen Katholiken— soweit sie im Uebrigen geistig gesund constituirt waren— durch einen wüse inscenirten Kulturkampf auS dem Banne des Staatsfana- tismus und der Erfolgsanbetung befreite und zu tüchtigen Kämpfern für die Sache Gottes einexerzirte, sie hat nun auch in gleich weiser Einsicht durch einen neuen Kulturkampf die riesig angewachsene Partei der Sozialdemokraten auf eine Art in die �Schule genommen, die den besten Erfolg verspricht. „Wahrlich, wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus, so ist aus dem Kopfe Bismarck's das Sozialistengesetz, in Waffen und Harnisch vollendet, entsprungen: ein Erzeugniß des-- ----*) Geistes. Alles, was in Deutschland durch die sieben fetten Jahre des— cultus und des Chauvinismus hindurch sich noch einigen Respekt vor dem Recht und der Frei- heit seines Volkes; Alles, was sich noch einige Selbstachtung bewahrt hat oder anstandshalber sich bewahrt zu haben die Miene annimmt, Alles das ist einig in der Verwerfung der-- Gesetzesvorlage. „Als es galt, in dem Jesuitengesetze, einem juristischen Monstrum, die Heimathloserklärung von Bürgern des eigenen > Vaterlandes zu acceptiren; als es galt, in den Waisenhäusern, Armenscbulen, christlichen Pensionaten, Krankenhäusern, Mazda- lencn- Asylen zahlreiche Anstalten christlicher Liebe durch Exili- rung der frommen Genossenschaften auszurotten: da zögerten Fortschrittler, Liberale, Preußisch-Conservativc keinen Augenblick. Man fand es so angenehm, Hammer zu sein in der Faust des preußischen Heros und dachte nicht daran, wie es gefallen würde, wenn er demnächst die Rolle des Ambos dekretiren würde. In- zwischen haben nun fast alle Parteien abwechselnd die eine und die andere Rolle durchgekostet und haben gefunden, daß auch der Reiz der Abwechslung und der Genuß am Leiden Anderer nicht genügend für die Gefahr entschädigen können, zeitweilig das Objekt der-- Kraftübungen eines Bismaick zu sein. Nur der Tbeil der nntiou xrussienne, dessen Vorfahren bis in's sechste Glied in der Zucht der sieben Rücken mit einem Male streifenden Fuchtel gebildet worden find, hat nach den Gesetzen Darwinscher Zuchtwahl sich eine Dickhaut erworben, die den kräftigsten Muskelanstrengungen des Kanzlers in unentwegter submisscster Hingebung sich weiht. Er kriecht vor den Fußtritten des Gewaltigen heulend in den Winkel und springt auf seinen Pfiff dienstwillig wedelnd wieder herbei. Alles das unter der monotonen Blechmusik der„Kreuzzeitung". „Wir haben gesagt, das Sozialistengesetz wird die Sozial- demokraten in die Lehre nehmen, wie es der Kulturkampf mit den Katholiken gethan hat. Nicht daß wir meinten, sie würden sich schrecken lassen, sie würden zu Kreuz kriechen; keineswegs. Die Gefahr ist im Gegentheil eine ganz andere. Es ist die, daß sie, verzweifelnd daran. Recht und Gerechtigkeit bei ihren Volksgenossen zu finden, sich auf's Conspiriren verlegen, daß sie in eine heimliche Partei von lückischen, demoralisirten und des- halb zehnfach gefährlichen Verschwörern umschlagen. „Und daß dies nicht geschieht, dafür gesorgt zu haben ist eben das große, wenn auch durchaus unfreiwillige Verdienst Bismarck's. Alle honnetten Menschen in ganz Deutschland und unter allen Parteien werden jetzt, nach den gemachten Ersah- rungen, nach der gründlichen Ernüchterung einstimmig das-- Ausnahmegesetz mit lauter Stimme verwerfen und sich auf kei- nerlei Transaktionen in Betreff desselben einlassen. Die So- zialdemokratie aber wird in dieser sittlichen und ehrenhaften Haltung ihrer Mitbürger einen zwingenden Antrieb erhalten, von dem rüden, indignirenden Tone abzulassen, mit dem einige ihrer Organe sie verunehrt haben. Sie werden mit unterrich- teten, wohldeukenden Männern in eine gesittete Debatte ein- treten, durch welche sie nur an Kraft gewinnen können; an Kraft, das wirklich Vernünftige zu erreichen. Vor Allem werden sie aufhören mit dem verruchten und wahnsinnigen Ge- schrei gegen das Christenthum, womit sie nur die Nachäffer und Narren ihres eigentlichen Bedrängers, des Liberalismus, machen. Sie werden in der Debatte geschichtliches Verständniß gewinnen und die Ueberzeugung, daß nur in der historischen Continuität, in der Anknüpfung an geschichtlich schon realisirte Ideen eine gesunde Fortentwicklung nach den Bedürfnissen der Zeitlage sich gewinnen läßt, niemals in den willkürlichen Produkten einer abstrakten Spekulation. „Und aus der gemeinsamen Arbeit dieser Debatte, auf der festen Basis der christlichen Vergangenheit wird sich der Bau der Zukunft erheben, in welcher alle existenzberechtigten Kate- gorien des Volkes dasjenige Maß der Befriedigung finden werden, welches aus der Uebung der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe hervorgeht. Ein anderes aber ist unter Menschen nicht zu verwirklichen und ein höheres nur im Reiche der Phaw taste denkbar." Auf alle honnetten Menschen in ganz Deutschland rechnet das„Vaterland". Ob und wo sie sich wohl finden werden? (Fortsetzung folgt.) Aus Rußland. (Bon einem Russen fZ.) Petersburg, den 15. August. Der 31. März war bekanntlich ein Tag der unaussprechlichsten Freude, er brachte überall Jubel und Frohlockung hervor! An diesem Tage hat sich das ganze Russische Volk, unverhohlen, und Kundgebungen des Unwillens laut werden lassend, durch den Spruch seiner Geschworenen gegen die Landesregierung aus- gesprochen: die Wjera Sassulitsch, welche die schauderhafte That verübte, wurde bekanntlich freigesprochen, und ist von allen mehr oder weniger vernünftigen Russen als wahrhaft treue Tochter anerkannt worden. Während dessen aber verhielt sich *) Die Ausdrücke des konservativen Blattes sind so drastisch, daß wir auS preßgesetzlichen Gründen sie nicht wiedergeben können. Buch an anderen Stellen mußten wir Censurstriche anbringen. R. d.„V." ■f) Wir haben die oft etwas eigenthümliche Ausdrucksweise nur an wenigen Stellen geändert. D. R. d.„V." die Regierung zu dem Allen in folgender Weise: Der Kaiser nämlich erließ gleich nach erfolgter Freisprechung schleunigst eine Cabinets-Ordrc, dahin lautend, daß die Sassulitsch überall gc- sucht und im Auffindungsfalle, in strenge Haft genommen werden müsse. Das brutalste Verfahren aber war dabei, daß man sich nicht scheute, einen namhaften Preis für Ergreifung derselben auszusetzen. Während man nun in so ungerechter Weise diese berühmt gewordene Heldin zu vernichten suchte, gestaltete sich der materielle Zustand des verwundeten Trepow als ein durch- aus glänzender. Der Kaiser nämlich erwies diesem Menschem die huldreichsten Begünstigungen, und als Zeichen der kaiserlichen Theilnahme, die schnellste und überraschendste Beförderung seines Ranges. Man denke nun nicht etwa, daß das bisher Erwähnte schon den Höhepunkt der berühmt gewordenen„Helden- thaten" erreicht hat. Denn, um eine vollständige Ergänzung der- selben zu erzielen, bedarf es noch der Erwähnung folgender Thatsachen, welche am Petersburger Hofe sich abspielten. Be- kannllich fand vor der Affaire Sassulitsch ein sehr weitverzweigter politischer Prozeß statt, worin 193 Personen als Angeklagte figurirten. In welch knappem Umfange nun die Verbrechen der Angeklagten an's Licht gelangten, mag schon der Umstand als Beweis dienen, daß man das vollständige„Schuldig" nur bei einem einzigen jungen Manne Namens Mischkin feststellen konnte. In Folge dessen wurde der Genannte zu 10 Jahren Zwangsarbeit(Katorga) verurtheilt. Die übrigen Personen aber wurden meijtentheils gänzlich freigesprochen, oder zu kurz andauernder Verbannung nach verschiedenen Provinzen ver- urtheilt. Diese von den Gerichten anerkannten, verhältnißmäßig leicht zu nennenden Strafen, wurden nun der herkömmlichen Sitte gemäß, der kaiserlichen Gnade anheimgcstellt, und sogar besonders empfohlen. Man war in allen Kreisen der festen, zuverlässigen Meinung, ja sogar der unumstößlichen Ueberzeugung, daß die Folge davon die gänzliche Freisprechung der Verurtheilten sein wird. Allein die glänzende Hoffnung Aller, und ins- besondere die der betreffenden Eltern, welche schon die Wieder- kehr der geliebten Söhne und Töchter so sehnlichst erwarteten, wurde gröblich, ja sogar in fast brutaler Weise getäuscht. Denn, nicht genug damit, daß der Czar vom hohen Recht der ihm zustehenden Gnade, welches doch öfter an allen Höfen Europa'? zur Verwendung gebracht wird, nicht den geringsten Gebranch machte, verwandelte der Kaiser die bereits erwähnten Strafen noch in weit schärfere, so daß es einem Jeden, selbst dem un- zugänglichsten Menschen, höchst unwahrscheinlich, ja äußerst schaudererregend vorkommen wird. In folgender Form äußern sich die„Gnadenbezeugungen": Kowalick, Wonoralsky, Rogatschow und Murawsky wurden statt Verbannung zu einer 10jährigen Zwangsarbeit begnadigt. Ferner Sincgul, Strachowsky, Tscha- ruschin, Schischko, Dobrowolsky und Kwiatkowsky, deren Urtheil auf Verbannung nach West-Sibirien und Gouvernement TobolSk lautete, wurden nunmehr zu einer Strafe von je 9 Jahren Zwangsarbeit erkannt. Ferner Fräulein Breschkowsky und Saschin wurden statt Verbannung nach Gouvernement Tobolsk zu je öjähriger Zwangsarbeit verurtheilt. Die 36 Frei- gesprochenen wurden auf den bloßen Antrag des Justizministers Hill, nach verschiedenen Provinzen verbannt. Es ist dies der wahrheitsgetreue Inhalt der aufgezählten Thatsachen, welche gleichzeitig den genügenden Beweis liefern, wie groß, wie un- begrenzt die Abneigung, ja der Abscheu gegen den russischen Herrscher Hierselbst ist. Politische Vergehen will man mit leidlich milder Gerechtigkeit behandelt wissen, und daß dem laut werdenden Verlangen des Volkes nach umfangreicher Reform der so traurig verkommenen Zustände, im Allgemeinen Rechnung getragen werde, das ist des gesammten Volkes Wunsch. Des Czaren in eigner Person getroffene Abänderungen hinsichtlich der Strafen, sprechen an und für sich schon eine genügend deutliche Sprache, um sich weiterer Aeußerungen enthalten zu können; und von einer Constitution hört man gegenwärtig hier nichts mehr. Es ist längst bekannt, in welchem Grade die russische Regierung unbesonnen und taktlos in politischer Hinsicht im Innern verfährt, und zwar gegen ihr eigenes Interesse, und ebenfalls, daß der Kaiser durch sein empörend gewaltthätiges Verfahren die Unzufriedenheit immer mehr hervorruft, und in welche Lage er die Gesammtheit der russischen Jugend drängen wird. Doch dürfte es von einigem Interesse sein, den Inhalt, oder vielmehr der Rede kürzesten Sinn eines politischen ver- botenen Flugblattes hier folgen zu lassen. Dieses, trotz der Nichtexistenz der allgemeinen Preß-Freiheit, in Petersburg selbst gedruckte, verbreitete, und von den dortigen Revolutionären verfaßte Flugblatt, lautet im Auszuge: „Ihr(der Czar) sagt, daß in unserm Kampfe mit Euch, wir von allen Verbrechen, und wären dies auch die schrecklichsten, lich bis zur zugänglichen Möglichkeit, während wir uns sagten: „Es wäre ungeziemend und schmachvoll,� das Leben eines Men- schen zu bedrohen. Jetzt aber— ja! Von nun an werden wir in der That von Nichts Abstand nehmen. Von diesem Zeit- punkte ab sind wir fest entschlossen, mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln unablässig gegen Euch zu kämpfen. Lange genug ließen wir Worte der Liebe und geduldigen Harrens überall vernehmen. Nun aber rückt die Zeit des Hasses,, des tödtlichsten Hasses heran! Genug der Vergebung! Unsere düstre Antwort auf alle die Ungerechtigkeiten und schmachvollen Ver- 'olgungen wird sein: Rache! Rache! zehnfach blutige _ achel!— Ihr selbst habt es hervorgerufen und uns dazu ge- bracht, wißt es und wartet!"— Nicht wahr, Ihr deutschen Sozialisten, das ist eine furcht- bare Sprache, vor der Ihr zurückschreckt, für welche Ihr kaum ein Verständniß habt? Ihr mit Eurer freien Rede, Jtzr mit Eurer freien Schrift, Ihr mit Eurer gesetzlich erlaubten Agi- tation. Ihr seht mit einer gewissen Verachtung auf uns„Bar- baren", aber wartet auch Ihr nur, wenn man Euch so wie uns bedrängt und verfolgt, wenn man Euch aller Freiheiten beraubt, dann werdet auch Ihr zu„Barbaren", und werdet dieselben Mittel im Kampfe gebrauchen müssen, wie wir sie leider zu gebrauchen gezwungen find. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Mit sozialistischem Gruß A. G. S. Sozialpolitische Uebersicht. — Gegen das Bismarck'sche Ausnahmegesetz werden unzweifelhaft im Reichstag stimmen: das Centrum mit den Welsen— 115, die Fortschrittspartei— 25, die Polen und der Däne Kryger— 15, die Elsässer— 15, die Sozialdemokraten — 9, die Demokraten— 3 Abgeordnete, zusammen 182 Ab- geordnete. Nun beträgt aber die absolute Majorität in einem „vollen Haus" von 397— 199; eS fehlen also an der absoluten Majorität— 17. Die Conservativen zählen im neuen Reichstag 113 Abgeordnete, die wohl sämmtlich für die Vorlage stimmen werden. Zur absoluten Majorität fehlen ihnen 86 Stimmen. Die„Nationalliberalen", das heißt was sich bisher so nannte, verfügen von Lasker bis hinunter zu Treitschke über 98 Stim- men, die ihnen zuzurechnende„Gruppe Löwe" über 8. Finden fich unter diesen 106 Abgeordneten 17, welche die Vorlage ver- werfen, so fällt dieselbe durch, vorausgesetzt, daß alle Abgeord- neten am Platze sind. Letzteres ist aber unmöglich, weil min- bestens 2 Gegner der Vorlage(Sozialdemokraten), die im Ge- fängniß sind, bei der Abstimmung nicht anwesend sein können. Die Nationallibcralen mit der„Gruppe Löwe" müßten deshalb statt 17 mindestens 19 Gegner der Vorlage �stellen. Ist dies zu erwarten? Eine solche Beantwortung der Frage ist noch un- möglich. So viel steht bis jetzt fest, daß Lasker die Vorlage für unannehmbar erklärt hat, daß der zum rechten Flügel der Nationalliberalen gehörige Abgeordnete Bunsen in einer An- spräche an seine Wähler entschieden Front gegen die Vorlage gemacht, daß das Hauptorgan der badischen Nationalliberalen, die„Badische Landeszeitung", von der Vorlage nichts wissen will, und daß die„Nationalliberale Correspondenz", das Organ des rechten Flügels der Nationalliberalen, sich neuerdings sehr kühl über die Vorlage äußert. Jedenfalls hat eine zur Verwerfung des Gesetzes mehr als ausreichende Anzahl von Abgeordneten begriffen, daß das Ausnahmegesetz ein Strick um den Hals des Liberalismus ist. Aber wird dieser sehr richtigen Erkcnntniß die That folgen? Wir wissen es nicht— mit„unberechenbaren Faktoren" läßt sich nicht rechnen; wir wissen blos, daß die Annahme des Bismarck'schen Knebelgesetzes die Erdrosselung des bürgerlichen Liberalismus wäre, der Sozial- dcmokratie aber zwar Verlegenheiten, doch keinen Schaden bereiten würde.— Erwähnt sei hier noch, daß der in Graz tagende„deutsche Journalistentag", auf dem auch die österreichische Presse vertreten ist, das Ausnahmegesetz in schärfster Weise verurtheilt und als den Tod aller Preßfreiheit bezeichnet hat. — Ueber„Sociales Königthum" bringt der„Staats- Socialist" einen Artikel, dem wir folgende vemerkenswerthe Stellen entnehmen: „Das sociale Königthum, welches wir in Anspruch nehmen, soll vor Allem eine starke Monarchie sein, doch allerdings nicht eine solche, deren Kraft an erster Stelle in einer gesteigerten Geltendmachung der Polizeigewalt zum Ausdruck gelangt, sondern vielmehr eine solche, deren Stärke in ihrer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von den Parteien besteht, deren Schwerpunkt damit in sie selbst fällt, und welche die verschiedenen Parteien dadurch sich dienstbar macht, daß sie dieselben durch Wohlthnn gewinnt. Was mit Zwangs-Maßregeln in dieser Richtung gewonnen wird, darüber hat uns die Erfahrung bereits belehrt. Der internationale Charakter, welchen der ursprünglich durchaus nationale Socialismus in Deutschland angenommen hat, ist das Werk derer, welche polizeiliche Maßregelungen und zahlreiche Preußische Polizei in Bayern. Unter diesem Titel bringt das„Münchener Fremdenblatt'' folgenden interessanten Artikel: Empörend ist es, was wir uns von den Preußen gefallen lassen müssen. Aus Kissingen erfährt man folgende unglaubliche Geschichte, welche einem fich als Kurgast dort aufhaltenden Kauf- mann aus München passirte. Wenn Fürst Bismarck nach Kissingen kommt, folgt ihm nicht allein sein großer Fanghund, sondern auch ein Heer von geheimen Polizeidienern und Beamten, ob- gleich die bayrische Regierung seinetwegen eine namhafte Ver- stärkung der Äensdarmerie anordnet und sogar den Polizei- commissar Gehret von München zu seiner Bewachung abschickt. Das könnte uns zwar gleichgiltig sein, und unsertwegen komme der Fürst das nächstemal mit der ganzen lauenburgischen Armee nach Kissingen. Allein diese preußischen Polizisten haben die Anmaßung, sich für sogenannte„Reichspolizei" auszugeben, welches geradezu empörend ist. Eines Tages ging besagter Kaufmann, in der Meinung, er befinde sich auf bayrischem Boden und könne als bayrischer Staatsbürger hingehen, wohin er wolle in der Nähe des Gradirhauses spaziren, als Plötzlich ein Mensch auf ihn zustürzte und ihn folgendermaßen anschnauzte: Sic hören Sie mal! Sie scheinen ein förmliches Kesseltreiben 'auf den Fürsten halten zu wollen! Seit drei Tagen treiben Sie sich da herum."(Das ist gar nicht wahr; der Kaufmann war zum ersten Mal in seinem Leben in die Nahe des Gradir- Hauses gekommen.) Dann befahl er ihm in eine Laube„hier herein" zu kommen, zog ihn hinein und sagte:„nu setzen Sie sich." In diesem Augenblicke ging der Fürst vorüber, worauf der Mann hinausstürzte und den Kaufmann fitzen ließ. Dieser war natürlich ganz außer sich über die ihm lviderfahrene Be- Handlung. Sein Erstes war, daß er auf einen der vielen um- herstehenden Gensdarmen zueilte und fragte, wer eigentlich der Mensch sei, der sich erlaubt hätte, so mit ihm umzugehen,-rer Gensdarm sagte, es werde wohl einer von seinen geheimen Detectivs sein, welche Bismarck mitgebracht habe. Das müye man sich gefallen lassen. Vielleicht habe er ihn blos vor dem Hunde schützen wollen.— So, das müssen wir uns in unserem eigenen Lande von den Preußen gefallen lassen!!! Die Sache hatte aber noch ein recht gelungenes Nachspiel! Als nämlich der besagte Kausmann jüngst in den Zeitungen las, daß Fürst Bismarck über München nach Gastein gehen werde, vermuthete er richtig, daß der geheime Trabant wieder in seinem Gefolge sein werde. Richtig traf er ihn auch in der Bahnhof- restauration, und nachdem er auf seine Erkundigungen hin erfahren, er sei der preußische Polizeikommissär Krüger (dieser Polizeibeamte hat auch die sozialistischen Congresse in Gotha überwacht und war bei der Hödelaffaire zur Untersuchung kriminalrechtliche Verfolgungen als das geeignetste Mittel be- trachteten, die Sympathieen der unteren Volksklassen zu gewinnen. Auf welchen Grund hin man von einer Steigerung dieser Maßregeln heute einen besseren Erfolg erwartet, ist uns bis dahin unklar geblieben und wollen wir deshalb, so lange es noch Zeit ist, mit dem Ausdruck der Besorgniß nicht zurückhalten, daß man durch gesteigerten Zwang den Sozialismus in sein drittes Sta- dium, in das der Anarchie hinüberführen dürfte. So lange die unteren Volksklassen in der Centralgewalt nichts er- blicken, als den Zwing- und Polizeiherrn der Herr- schenden Gesellschaft, so lange werden sie derselben mit einer dem Maße des Zwanges entsprechenden Feindschaft gegenüber- stehen, und diese Feindschaft wird nur dadurch aus dem Wege geschafft werden, daß man den großen Worten der sozialdemo- kratischen Führer mit reellen Leistungen gegenüber tritt, die überschwänglichen Verheißungen durch konkrete Erfüllungen ent- kräftet und so das Gros jener Partei daran gewöhnt, in dem Königthum wiederum diejenige Instanz zu erblicken, bei welcher es die einsichtigste und kräftigste Vertretung seiner Interessen findet. Dies nennen wir: sich zu einem socialen Königthum ausgestalten. Daß man diesen Zweck nicht durch isolirte Zwangs-Maßregeln und Ausnahme-Gesetze erreichen wird, darüber sollte der Verlauf des„Kulturkampfes", selbst beschränkteren Politikern, keinen Zweifel gelassen haben. Was man dort schließlich erzielt hat, nämlich die katholische Bevölkerung zu einer festen geschlossenen Masse zusammenzu- schweißen, ein gleiches Resultat dürfte auch die zweite Auf- läge des Kulturkampfes gegen die Sozialdemokratie in sich schließen, ein Verlaus, der in dem Maße bedenklicher und ge- fährlicher erscheint, als die in der Sozialdemokratie beschlossene Gefahr in der That die ultramontane Gefahr weitaus überwiegt. Nichts ist gewisser, als daß die Sozialdemokratie Gewalt mit Gewalt erwidern wird, und daß man daher, konsequent durch- geführt, schließlich das heraufbeschwört, was man an- geblich vermeiden will, und was man in sehr zutreffender Weise neuerdings die„Criminal-Justiz der Geschichte" genannt hat. Außerdem sollte man auf allen Seiten nicht vergessen, daß man nicht immer Hammer, sondern, in bekannter Abwechselung, auch zuweilen Ambos ist, und daß man daher in kritischen Zeilen stets wohl thut, sich recht ernsthaft die Frage vorzulegen: wie man es empfinden und was man sagen wird, wenn man die Rolle des Phalereus spielt und selbst in den Ofen gesteckt wird, welchen man für Andere erbaut und geheizt hat." Wir brauchen nicht besonders zu betonen, daß unsere Auf- fassung von der Regierungsform und der Regierungsgewalt eine andere ist, als die des„Staats-Socialist". Auch ist es falsch, daß die„sozialistischen Führer"„überschwängliche Verheißungen" machten. Mit den übrigen Ausführungen aber sind wir ein- verstanden und freuen uns, daß ein hochkonservatives Blatt mit solcher Entschiedenheit und mit so triftigen Argumenten gegen die Ausnahmegesetze eintritt. — Es wird offiziös von Berlin aus geschrieben: „Bekanntlich werden die Berichte der königlichen Fabrik- Inspektoren für das Jahr 1877 im nächsten Monate zur Ausgabe gelangen. Dem Vernehmen nach wird in denselben unter Anderem bezüglich des Haftpflichtgesetzes als Mangel hervorgehoben, daß manche Arbeiter den Fabrikanten nicht ver- klagen, theils weil sie fürchten entlassen zu werden, theils weil ihnen die Mittel fehlen, sich durck einen Anwalt vertreten zu lassen. Es wird dann der Vorschlag gemacht, Fabrikanten- Genossenschaften zur Zahlung der durch Verletzung der Arbeiter entstandenen Schäden zu gründen, sowie Offizialmandatare für unbemittelte Arbeiter durch die Commune» zu bestellen."— Das Uebel ist unzweifelhaft vorhanden; ob aber das vorgeschlagene Heilmittel genügen wird, dürfte sehr zu bezweifeln sein. Das Beste wäre unter den obwaltenden ökono- mischen Verhältnissen, man unterstützte die Gewerkschafts- bewegung; dann würden die Arbeiter aller Branchen bald, wie das in England der Fall ist, in ihren Kassen ausreichende Summen haben, um die Interessen der Arbeiter auch vor Ge- richt wirksam zu vertreten. Doch weit entfernt, die Gewerk- schaftsbewegung, diesen großartigen Versuch wahrer Selbsthilfe, in Leipzig. R. d. V.), ging er frischweg auf ihn zu und stellte ihn zur Rede, wie er sich in Kissingeu eine solche— Ungezogen- heit gegen ihn habe erlauben können. Auch sein Schwager, ein hiesiger Bahnhofinspektor, konnte seine Entrüstung nicht bemeistern und bemerkte dem Polizisten aus Berlin, daß er sein Benehmen gegen einen kranken Kurgast sehr ungeeignet und undelikat finde. (Dem hätte noch etwas ganz Anderes gebührt!) Hierauf soll der Preuße gedroht haben, er werde es dem Fürsten sagen, und der Kaufmann und der Inspektor würden schon sehen, was daraus würde. So, das auch noch!— Nun können wir versichern, daß sich der Kaufmann wenig um die Drohung kümmert; der Preuße kann ihn in Marbach besuchen, wenn er einmal hinkommen sollte; aber dem Bahnhofinspektor könnten hieraus Unannehmlich- leiten erwachsen, welchen wir durch unsere Veröffentlichung vor- beugen wollen. Es ist uns nämlich-zu Ohren gekommen, daß bereits dieser Preußen wegen ein Bezirksamtmann und— ein bayrischer Landrichter! versetzt worden seien. Wir behaupten das nicht für gewiß und bestimmt wahr, son- dern nur als Gerücht, von dem wir hoffen, daß es falsch ist.*) Aber erwähnen wollen wir dies Gerücht doch und sind sehr be- gierig zu erleben, ob vielleicht auch eines preußischen Polizei- menschen wegen der Münchener Bahnhofsinspektor versetzt wer- den wird. Wir werden dann dafür sorgen, daß sich nicht allein die deutsche, sondern auch die europäische Presse ein Wenig mit der Sache befaßt. Vorläufig bemerken wir hierzu Folgendes, was fich die Preußen in Bayern merken können: 1) Wir kennen gar keine Reichspartei, und ein preußischer Polizeicommissar hat auf bayerischen Grund und Boden gar nichts zu befehlen. 2) Die Polizei üben in Bayern die Sicherheitsorgane des Königs Ludwig II. aus, und wer sich außerdem als Organ der Polizei gerirt, maßt sich frecher Weise Befugnisse an, die die Rechte un- seres Königs verletzen. Niemals werden wir dulden, daß ein preußischer Polizeibcamter in Bayern den Herrn spielt. Wir hoffen, daß auf diplomatischem Wege dafür gesorgt wird, daß sich künftig kein preußischer Polizeicommissar mehr erlauben darf, bayerische Staatsbürger, die sich ihrer Gesundheit wegen in Bädern aufhalten, in so unverschämter und empörender Weise zu behelligen. Wenn Fürst Bismarck nach Kissingen kömmt, ist er Badegast, und wenn seine Popularität derart ist, daß er gegen preußische Pistolen Schutz bedarf, so wird ihm die königl. bayerische Polizei und Gensdarmerie solchen Schutz zu jeder Zeit und ausgiebig gewähren. Preußische Polizei aber hat nicht ein Recht, in den Organismus der bayerischen Sicher- heitsbehörden einzugreifen und— kann zu Hause bleiben. Wo- für sendet außerdem die bayerische Regierung eine halbe Com- ♦) Der„Nürnberger Anzeiger", dem wir diesen Artikel entnommen haben, bemerkt hierzu: Ist vollständig wahr! R. d.„B." zu unterstützen, legt man den Gewerkschaften jedes mögliche Hinderniß in den Weg und will sie ganz erdrosseln. — Die Harburger Unruhen gaben den liberalen Blät- tern, voran die„Kölnische", die„Magdeburgische Zeitung" und als Ableger das„Leipziger Tageblatt", Gelegenheit, ihren gif- tigen Geifer wieder einmal über die Sozialdemokratie auszu- spritzen. Sie brachten diese Unruhen sogar mit den Ausnahme- gesehen in Verbindung, deren Einführung sie nunmehr erst recht für nothwendig erklärten. Jetzt aber bringen alle drei Blätter(das„Leipziger Tageblatt" hinkt etwas nach, da es sich bekanntlich mit der Scheere behilft) fast gleichzeitig eine offiziöse Notiz, die folgendermaßen anhebt: „Der Harburzer Tumult am Stichwahltage hat, so schreibt man uns aus dortiger Gegend, einen ernsten Hintergrund, und die Regierung hat alle Ursache, diesem ihre volle Aufmerk- samkeit zu widmen. Es wird uns glaubhaft versichert, daß nicht etwa die Sozialdemokraten, sondern lediglich no- torische Anhänger und Wühler der welfi scheu Partei es waren, von denen die Steinwürfe und alle andere Ungebühr ausgingen. Diese Leute sind seit Jahren systematisch ausgehetzt worden." Die weiteren Angriffe gegen die Welsen, die nun folgen, interessiren uns nicht. Wir haben lediglich die Notiz abge- druckt,;um die Niederträchtigkeit der liberalen Schandblätter zu zeigen, die auf Commando sich auf die der Regierung gerade unbequemste Partei wie eine losgelassene Meute stürzen. Ja der Provinz Hannover aber sind die Welsen der Regierung gegenwärtig am unbequemsten. — � Liberale Rohheiten. Die in unserer letzten Nummer (Berliner Correspondenz) erwähnte indirekte Aufforderung der liberalen„Mecklenburgischen Anzeigen", unserem alten Partei- genossen, Hofbaurath a. D. Temmler in Schwerin die Fenster- scheiden einzuwerfen, hat ihren Zweck vollständig erreicht. In der Nacht vom 24. zum 25. August sind an dem Demmler'schen Hause(nun zum vierten Male) mit Feldsteinen die Fenster zertrümmert worden. Einige Tage vorher hatte Herr Temmler eine Karte erhalten, in der ihm das Bubenstück schon im Voraus angezeigt wurde. Diese Karte ist der Polizei übergeben worden — aber dennoch wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Mcrk- würdig ist, daß nicht ein einziges Mal einer dieser„liberalen" Ordnungslümmel polizeilich abgefaßt worden ist. — Aus Bordeaux erhalten wir vom 20. August folgende Zuschrift: „Eine herzhafte Freude habe ich empfunden beim Lesen der letzten„Vorwarts"-Nummern. Ein derartiger„Rückschritt" des Sozialismus muß alle wahrhaften Volksfreunde erfreuen und berechtigt zu den größten Hofsnungen! Die Wahlkreise müssen in Deutschland doch recht eigenthümlich eingetheilt sein, um auf eine halbe Million Stimmen nur 9 Deputirte zu geben. Ueber fünfzigtausend Stimmen auf einen einzigen sozialdemokratischen Abgeordneten. Das geht doch selbst noch über den Gambetta und Dufaure!— Sei dem wie ihm wolle, die deutsche Sozial- Demokratie hat ein Recht, auf ihre Erfolge stolz zu sein, und ihr kühnes Vorwärtsschreiten muß alle Sozialisten und Revo- lutionäre mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft erfüllen. — Hier in Bordeaux steht es um unsere Sache niederträchtig; wir sind hier nur einige Zwanzig, die offen und entschieden zur rothen Fahne halten. Armes Frankreich! Di« Bourgeois schröpfen es zu Tode. Die französischen Sozialrepublikaner haben jeden- falls schwere Fehler begangen, von denen der größte, meiner Ansicht nach, ich möchte fast sagen in einem prinzipiell unplan- mäßigen Vorgehen bestanden hat. Und das Gezänk unter den Sozialisten hat auch viel geschadet. Doch hoffe ich, daß es in Zukunft besser werden wird. Roth lehrt nicht beten, wohl aber sich verständigen und den einfältigen Pcrsonenkultus loszuwerden. Es find bereits über 80 Jahre her, seitdem der edle Clootz von seiner Guillotine den Franzosen zurief:„ITrimce-Ausm, toi des individus!"(Frankreich, heile dich(befreie dich) von dem Jndi- viduum(dem PersonenkultuSj!) Und heute? Bismarckkultus, Hödelei, Gambettakultus:c. Mit bestem Gruß stets der Ihrige in der gerechten Sache F. St. pagnie Gensdarmen und einen besonderen Polizeicommissar nach Kissingen?___ —„Auf der Post sind die Briefe so sicher wie die Bibel auf dem Altar!" In der„Thüringischen Volks-Ztg." lesen wir: Diese Behauptung stellte der Generalpostmeister Stephan einst im Reichstage auf, als der Reichstagsabgeordnete Liebknecht wegen fortgesetzter und systematischer Briefstiebereien die Intervention der Gesetzgeber anrief. Das war vor etwa zwei Jahren, und wie steht es heut mit dem„Briefgeheimniß" und der„Bibel auf dem Altar"? Die nachfolgtiide Zuschrift, welche dem„Volkswille" in Augsburg zugegangen ist, mag aus diese Frag: Antwort ertheilcn: „Der Unterzeichnete empfängt seit 10 Jahren in jeder Woche aus Leipzig drei Packete; seit einem Monat sind diese Packete regelmäßig aufgerissen. Wenn dies blos hie und da vorkommen würde, so würde der Unterzeichnete einfach dazu schweigen; doch wenn man 10 Jahre lang Beobachtungen zu machen Gelegenheit hat, so kann man aus diesen auch Schlüsse ziehen. Auch zur Zeit der Sozialistenhetze im Jahre 1870—71 kamen alle Packete von Leipzig und Nürnberg zerrissen hier an, bis Grillcnberger in Nürnberg eine Untersuchung in dieser Angelegenheit herbeiführte. Zweck dieser Zeilen ist, das k. Oberpost- und Bahnamt, dem ein Exemplar dieses Blattes zugehen wird, zur Untersuchung und Abstellung dieser Ungehörigkeit zu veranlassen. Es muß ausdrücklich betont werden, daß ein zufälliges Aufreißen der Packete deshalb als unwahrscheinlich angenommen werden muß, weil seit 4—6 Wochen alle Packete aufgerissen sind. Der Unter- zeichnete glaubt nicht, daß dem Personal in Loco Augsburg eine Schuld beigemessen werden kann, da er dessen Pünktlichkeit und Höflichkeit anerkennen muß, die Beschädigung der Packete scheint vielmehr auf einer Zwischenstation zu geschehen. Der Unter- zeichnete giebt sich der Erwartung hin, daß diese Zeilen ihren Zweck nicht verfehlen werden. I. Endres, Buchhändler und Buchdruckereibesitzer." Gleich Herrn Endres bezieht auch die Expedition der„Thü- ringischen Äolks-Zeitung" in regelmäßiger Zusendung per Packet die„Neue Welt" aus Leipzig. Aber wie in Augsburg so gelangt auch hier in Gotha das Packet fast regelmäßig in zerfetztem Zustande, so zwar, daß von dem Inhalt bequem Einsicht ge- nommen werden kann, in die Hände obengenannter Expedition. Daß das betreffende Packet durch das Schütteln und durch die Reibung mit andern Postsendungen regelmäßig defekt werden sollte, das glaubt selbst kein Postpackmeister, dazu ist die Distanz zwischen Leipzig und Gotha eine zu geringe. Wir wollen hoffen, daß dieses öffentliche Monitum genügt, dem Uebelstand in Zu- kunft abzuhelfen. Wenn nicht, dann wird der Weg der Be- schwerde betreten. P. S. Nächsien 3. September wird Thiers offiziell zum Hei- ligen proklamirt werden; die Bourgeoisie wird diesem Götzen Orgien feiern. — Die Oesterreicher haben entdeckt, daß sie löd.OOO Mann brauchen, um Bosnien und die Herzegowina zu „olkupiren". Eine ganz respektable Truppenmacht, aber es fragt sich sehr, ob ausreichend. Trotz des Falles der Hauptstadt von Bosnien dauert der Widerstand fort und die„Insurgenten" sind sogar ihrerseits wieder zum Angriff übergegangen, was sicherlich nicht auf Entmuthigung schließen läßt. Das Bedenk- lichste für die Oesterreicher ist, daß die slavischen Bewohner im besten Einvernehmen mit der türkischen Bevölkerung stehen, -und ebenso wenig wie diese etwas von den fremden„Befreiern" wissen wollen. Diese, jetzt über jeden Zweifel erhabene That- fache liefert beiläufig den conclusivsten Beweis, daß Alles, was weiland die russischen Agenten und deren Düpes(die Geprellten) von Unzufriedenheit der Christen, speziell der slavischen Christen in der Türkei aussprengten, einfach zu diplomatischen Zwecken erfunden und erlogen war— wie wir, im Widerspruch mit «inigen mehr gefühls- als realpolitischen Freunden, auf Grund unserer Kenntniß der türkischen Zustände gleich zu Anfang der jetzigen orientalischen Krise behauptet und dargelegt haben.— Wir dürfen hier nicht zu erwähnen vergessen, daß die Oester- reicher ihre„civilisatorische Mission" in der bekannten allgemein üblichen Weise bethätigen. Sie haben, nach der Erstürmung von Serajewo und bei anderen Gelegenheiten, zahlreiche„In- surgcnten", d.h. Männer, die der ersten patriotischen Pflicht: Bertheidigung des heimischen Heerdes, genügten, vor Kriegsge- richte gestellt und kriegsrechtlich erschießen lassen. Ob man in Wien an die Consequenzen gedacht hat? Wenn die Berthei- digung des heimischen Heerdes ein todeswürdiges Verbrechen ist, 'dann dürfte Oesterreich, dem von verschiedenen Seiten das Schicksal der Türkei zugedacht ist, vielleicht schon sehr bald in eine gar bedenkliche Stellung geralhen. — Russische Wirthschaft.„Väterchen" ist aus Petersburg ausgerissen, nachdem es das Standrecht für Rußland prokla- mirt hat. Es wird also künftig der Eine oder Andere, statt halb oder ganz todt geknutet,„zu Pulver und Blei begnadigt werden" — was unzweifelhaft ohne Ironie gesprochen eine weit mildere Strafe ist und also schon aus diesem Grunde nicht abschreckend wirken wird.— Gleichzeitig mit Mesenzow sind mehrere sonstige Personen, die sich besonders verhaßt gemacht, in Charkow, Kiew u. s. w. erstochen worden. Man sieht, das Wort Custine's bewahrheitet sich mehr und mehr, und die russische Regierung hat es durch ihr brutales Unterdrückungssystem glücklich zu Wege gebracht, das von Haus aus weichste und gutmüthigste Volk der Erde zu einer„Nation von Mördern" zu machen.— Nach den neuesten Nachrichten war der Mörder von Mesenzow noch riicht ergriffen, obgleich die Polizei in ihrem Eifer Hunderte von Verhaftungen vorgenommen hatte. — Parteigenosse Rudolf Döll in Frankfurt a. M. wurde �zu 1 Monat Gefängniß verurtheilt, weil er in einer Wahl- Versammlung„gefährliche Angriffe auf das deutsche Heer" gemacht hat.— In Stuttgart ist Paul Lossau zu 1 Monat 9 Tagen verurtheilt; der Verfasser des inkriminirten Artikels 8tuä. iur. Lang erhielt 1 Monat 15 Tage Gefängniß. Zwei saubere Patrone. Nr. 1: Im„Bayrischen Landboten", der zu München erscheint und im Schimpfen auf alles Anständige und natür- lich auch den Sozialismus das Menschenmöglichste leistet, verübt xjn gewisser Stefan Buch er(Nationalliberaler) einen wahrhaft blut- trunkenen Leitartikel über dieHinrichtung Lehmann-Hödels— natür- lich mit obligaten Kothwürfen gegen unsere Partei.„Der Kopf ist dem Hödel vor die Füße gelegt" jubelt der Mordspatriot in dithyrambischer Begeisterung.„-- Jener letzte Rest mensch- lichen Erbarmens und Mitleids, den man selbst dem tiefgefal- lensten und beflecktesten Verbrecher im Grunde des Herzens zu bewahren pflegt, war dem Buben Hödel gewiß von Jedermann entzogen worden, als man sich durch die unglaubliche Frechheit seines Auftretens bei der Schlußverhandlung überzeugt halte, d�aß auch nicht ein Funken eines höheren Seins in diesem Menschen aufzufinden, sondern Hödel durch und durch von dem bestialischen Zuge jener sozialistischen Lehren beherrscht war. welche dem Mensqen keiner- lei Erhabenheit über das nackte Thierleben zugestehen wollen." „Die gerechte blutige Strafe hat dieses sozialdemokra- tische Scheusal getroffen. Dem elenden Verbrecher, der den Werth der sozialdemokratischen Parteigrundsätze durch die Ermordung des ehrwürdigen und milden Kaisers Wilhelm erproben wollte, ist wohlverdienter- maßen der von sozialistischem Wahnwitze angefüllte Kopf v»n den Schultern geschlagen und zu den Füßen gelegt worden. Der Ekel und Abscheu des deutschen Volkes deckt den Eadaver des verruchten Buben zu, ewiger Fluch und Schande umkreist die unheimliche Grube, in die man die Ueberbleibsel des sozialdemokratischen Klempnergesellen verscharrt hat. „Ist aber auch der Bube Hödel vernichtet und zerstäubt, so bleibt doch der schwarze Tag des 11. Mai gleich dem 2. Juni unverwischbar auf der Tafel deutscher Geschichte stehen. Dieses Schandmal wischt nicht der Rhein davon ab und tilgt keine kommende Zeit; erschreckt, erstarrt hält uns Europa und die Welt dieses Grausal vor, Mitleid mischend mit herbem einschnei- denden Vorwurf. „Der Mordanschlag auf den Kaiser Wilhelm war ein An- schlag auf das deutsche Reich, auf alle Ordnung, auf jeden wah- reu Deutschen; ein furchtbarer Wacheruf der Eumeniden, daß Jeder ungesäumt seine Schuldigkeit thue, damit das Reich, das Baterland gerettet werde vor den Brüdern der Pariser Mordbrenner, vor den Lobpreiscrn der bluttriefenden Commune, vor der sozialistischen Lehre welch- bereits zwei Kaisermörder bei uns erzeugt hat__" Man braucht diese namenlose Rohhe.t bloß ,u zeigen, und sie ist von jedem Menschen gerichtet. Da wir kaum annehmen können, daß ein Mensch ,m Besitz seiner geistigen Fähigkeiten sich so nackt als Bestie hinstellen kann, so wollen wir in christ- licher Nächstenliebe dem Hrn. Bucher dasselbe Benefiz angedeihen lassen wie dem geköpften Lehmann— nämlich die Annahme ungenügend entwickelten Hirns. Wir werden hierin bestä- tigt durch die uns gewordenen Mlttheilungen über die Person des pp. Bucher. Derselbe ist 29 Jahr alt und Vorstand eines Kriegervereins; er war päpstlicher Schlüsselsoldat, ehe er Feder- bandit wurde; von Haus ultramontan, wurde er vor einigen Jahren liberal,— jetzt nennt er sich„deuffchconservativ". fana- tischer Bismarckanbeter. Der Bismarck'sche Schlüsselfoldat 'läßt allerdings auf keinen normalen Schädel und Schädelinhalt schließen. Und nun her mit Nr. 2! Nr. 2 heißt Ronge, mit Vornamen Johannes, seines Zeichens Deutschkatholik, ja Gründer des Deutschkatholizismus, eines„vorachtundvierziger" Vorläufers des heutigen„Altkatho- lizismus", einst demokratisch angehaucht, aber längst gesinnungs- bankrot geworden und jetzt wohlconditionirter Bismarcker, der es aber in Folge mangelnder Geschicklichkeit zu keinem ordent- lichen Trinkgeld bringen kann. Auch Clown und Hanswurst kann nicht Jeder sein! Besagter Ronge, Johannes, leistet in seinem zu Darmstadt vegetirenden Winkelblättchen„Neue reli- giöse Reform"(äck. 18. August) Folgendes„Zur Moral der letzten Reichstagswahlen": „Das Verhalten der beiden vaterlandslosen und reichsfeind- lichen Parteien, d. h. der päpstlichen und sozialdemokratischen, war bei den diesjährigen Reichstagswahlen der Art, daß sich jeder anständige Mann mit Ekel und Verachtung von ihnen abwenden muß. Es ist an sich eine Unverschämtheit, daß sich Leute in den deutschen Reichstag wählen lassen, welche nichts vom deutschen Reich wissen wollen und die sich hinein- drängen, um das Reich zu untergraben und ans Ausland zu verrathen. Wäre die Mehrheit unseres Volkes schon zu dem Bewußtsein gekommen, daß unsere Nation eine ihren Kräften entsprechende sittliche Culturaufgabe unter den Völkern zu er- füllen hat, daß diese ihre geschichtliche Aufgabe bestimmt ist durch die sittliche Weltordnung(früher Vorsehung genannt), dann würde wahrlich nicht der dritte Theil offen ausgesprochene Reichsfeinde zu Berathern von Reichsgesetzen gewählt werden und man würde solche unmoralische und verrätherische Wahlen mittels Lynchgerichts ungültig machen." „In Mainz wurde der Domcapitular und Bisthumsverwalter Mousang mit Hilfe der Sozialdemokraten gewählt und in Offen- bach wurde der sozialdemokratische Agitator Liebknecht mit Hilfe der ultramontanen Geistlichkeit beinahe durchgebracht, welche ihre gläubige Heerde zur Wahl eines Mannes trieb, der den Glau- den an Gott, der Religion und Moral verspottet und die Men- schen nach L. Büchner's Theorie für eine Species Thiere er- klärt, von denen natürlich ein Theil den andern umzubringen oder aufzuzehren berechtigt ist, wenn ihm der Fraß desselben gefällt." So der Pfaffe Johannes Ronge. Was es für ein Bursche ist, das verkündet das obige Pasquill, welches wir„zur große- ren Ehre" des Mannes tiefer gehängt und dem Publikum zu- gänglich gemacht haben. Apropos: Hr. Johannes Ronge nennt Liebknecht einen Verspötter der Moral. Sollte besagter Jo- Hannes Ronge vielleicht ein— Verwandter des ebenfalls Jo- Hannes Ronge sich nennenden Individuums sein, das in den 50er Jahren zu London das communistische Prinzip der„Thei- lerei" in des Wortes verwegenster Bedeutung auf die Ehe an- wandte und sich zeitweilig mit einer„halben Frau" begnügte? Um Antwort wird gebeten. — Wir erhalten folgende Erklärung zur Aufnahme, der wir dieselbe schon deshalb nicht versagen wollen, weil wir die betr. Notiz der„Magdeburgischen Zeitung" theilweise auch gebracht haben: „Die„Magdeburgische Zeitung" vom 16. August er. brachte unter der Rubrik„Zu den Wahlen" eine Schmähung gegen mich vor, ich werde jedoch nicht den gerichtlichen Weg beschreiten, son- dern nur hiermit meine Erwiderung bringen. Ich gehörte seit 8 Jahren der sozialistischen Partei an und habe ich während dieser Zeit gesucht, diese Parter nach meinen Kräften zu fördern. Wie es überall, so war es auch hier, ich verlor nach und nach meine Arbeit, so daß ich gezwungen wurde, nach Hamburg um eine kleine Unterstützung zur Gründung eines Kleinhandels zu schreiben, bekam aber aus Dank für meine Mühe keine Antwort; ich wandte mich nun an die Calbenser Parteigenossen, aber auch vergebens. Ich fand aber, da ich von meinen Genossen ver- lassen war, doch Leute'), die mir, ohne Mißtrauen zu hegen, zur Gründung eines Geschäfts ein Kapital liehen. Ich fing einen Kleinhandel an, um mein Leben zu fristen; es waren je- doch Parteigenossen, welche mich nicht in Anspruch nahmen, da dieselben dem hiesigen Consumvcrein angehörten und ich keine Dividende zahlen konnte. Der 30. Juli rief mich wieder zur Thätigkeit und viele Bekannte drückten mir die Hand, es wurde in einer abgehaltenen Conferenz einstimmig Fr. Hurlemann als Reichstagscandidat aufgestellt. Die Arbeiter wurden aber an der Wahl des Hurlemann gehindert, da ihre Brodgeber nach der abgehaltenen Conferenz sie sehr kühl empfingen; die Arbeiter mußten sich in fast allen Fabriken und Kohlenschächten ver- pflichten, keine sozialistische Gesinnung zu hegen. Sollten sie dennoch eine solche Gesinnung hegen, so wurde ihnen mit Ar- beitsentlassung gedroht. Dieses half, da am 30. Juli nur circa 1000 Stimmen auf unseren Candidaten gefallen sind. Viele, viele Arbeiter gingen in Folge der Drohung in das liberale und conservative Lager über. Es kam nun zur Stichwahl zwischen Hrn. Trautmann und Hrn. Dictze. Mir ging die Nachricht zu, Hrn. Dietze unsere Stimme zu geben'); ich berief deshalb die Parteigenossen zu einer Besprechung nach Calbe, wo außer Aschersleben Alles vertreten war. Es wurde bei dieser Besprechung beschlossen, für Amtsrath Dietze zu agitiren und die Genossen in Aschersleben zu unterrichten. Es mag dem Hrn. Sozialist-nführer Op..... n zu Aschersleben deshalb zur Nachricht dienen, daß keine Bestechung vorliegt, da die Kosten von einem Herrn �) in Folge meiner Rücksprache gedeckt wurden. Sind deshalb die Leute Strolche, daß sie für Dietze agitiren, nun so muß der Herr auch ein Strolch sein, der die Stimmzettel für Herrn Trautmann verbreitete. Ist es etwa eine Schande, wenn die Kosten gedeckt werden, für Dietze zu agitiren»)? Es kostet jeder Partei Geld, kostete doch die Agitation in Calbe- Aschersleben für Fr. Hurlemann vor 2 Jahren 275 Mark, aber dies scheint der Betreffende nicht zu wissen. Was mich aber am meisten in Erstaunen setzt, ist, daß der betreffende Herr einen so scharfen Blick besitzt, um andere Leute durch die Hosen in den Geldbeutel zu sehen«), um genau zu wissen, wie viel Geld sie bei sich haben. Calbe a. d. S., den 22. August 1878. Der Maurer L. Schönian.-)" ') Welche Leute? R. d. V. 2) Bon wem ist Ihnen, Herr Schönian, die Nachricht zugegangen, dem intimen Freund Bismarct's, Herrn Dietze, der für das Ausnahme- gesetz schon seines Gönners wegen gestimmt haben würde, zu wählen, von wem fragen wir, ist Ihnen diese Nachricht zugegangen? Auf eine ehrliche Beantwortung dieser Frage sind wir sehr, sehr gespannt! 3) Jedenfalls auf Ihren Rath, H-rr Schönian. R. d. B. 4) Wer ist dieser Herr, Herr Schönian? R. d. V. 5) Für einen Sozialdemolraien— ja! R. d. B. «) Wenn's wirkt ch 150 Tyaler waren, wie die„Magdeburger Zei- tung" angab, so lassen sich dieselben auch nicht so leicht verbergen. R. d. V. 7) Auf alle Fälle scheint der Herr Schönian eine äußerst zweifel- haste Rolle bei der Stichwahl in Calbe-Aschersleben gespielt zu haben. Dies beweist schon sein eigenes Schreiben. R. d. V. Correspondenzett» San Luis(Argentina), Juli 1873. An die Redaction des „Vorwärts". Anbei stelle ich Ihnen ein Packet unserer„Deut- schen La Plata-Zeitung" zu*), weil Ihnen vielleicht auch über die hiesige, wenngleich noch sehr schwache Socialistenbewegung zu hören, nicht gleichgültig ist. Anläßlich des Kaiser-Attentat's waren unsere Herren Landsleute vom großen Commerce, natür- lich von der ultra-reichstreuen Färbung in eine wahre Tobsucht gerathen,— der Ochs gerieth natürlich sofort in seine allbekannte Manie alles„Roth" zu hörnen. Sie sehen aber, daß wir paar Sozialdemokraten nach besten Kräften den Ansturm parirten und uns tüchtig noch immer hcrumbeißen. Dabei sei es doch von unserer Seite der Redaction der„Deutschen La Plata- Zeitung" in größter Dankbarkeit gedacht, daß dieselbe unsere Bertheidigung in ihren Spalten zugelassen hat,— bestimmt lief dieselbe dabei kein kleines Risico. Nebenbei theilen wir Ihnen mit, daß dem Schreiber jener Artikel mehrfache Beifallsbezeu- gungen, sowohl offen wie anonyme, die mehr oder wenrger enthufiasmirt sich über die Socialdemokratie ergingen, zugestellt wurden. Schade, daß so viele Menschen ihre Parteistellung ängstlich zu verstecken glauben müssen. Von hier aus ist auch in Buenos Ayres der Versuch gemacht worden eine Sammlung zum sozialdemokratischen Wahlfonds zu veranstalten,— wir werden Ihnen später darüber Näheres mittheilen. Von fünf hier lebenden Deutschen sind vier erklärte Sozialdemokraten, deren Freude die Lecture des„Vorwärts", und der„Neuen Welt" ist, die regelmäßig eintreffen.— Auch unter den Franzosen und Italienern gibt es in Buenos Ayres und Rosario warme und entschiedene Sozialisten. Hoch die Sozialdemokratie!!! Mit genossenschaftlichem Gruße H. E. A. L. Bertin, 27. Aug.(Auch ein Auflösungsgrund für Verjammlungen.) Zum Sonntag Vormittag hatte der Vor- sitzende der Kranken- und Sterbekasse der Maschinenbauer, Meyer, die Mitglieder dieser Kasse zu einer außerordentlichen Generalversammlung berufen. Zweck derselben war eine Ver- ständigung über das Verhalten der Mitglieder gegenüber dem Ansinnen eines Theiles der Arbeitgeber an ihre Arbeiter auf Austritt aus der seit dreißig Jahren bestehenden alten(Zwangs-) Kasse und Eintritt in die neue von den Fabrikanten gegründete. Obschon somit die Versammlung nicht einmal zur Erörterung öffentlicher Angelegenheiten, sondern nur zur Erörterung der Kasieninteressen der Mitglieder bestimmt war, und daher nach dem Vereinsgesetz vom 11. März 1850 eine Verpflichtung zur Anmeldung streng genommen nicht einmal vorlag, war dieselbe dennoch bei der Polizei angemeldet und ward, kaum eröffnet, auch bereits durch den überwachenden Polizeilieutenant aufgelöst. Als Grund soll derselbe, wie uns von sehr glaubhafter Seite berichtet wird, sonst würden wir Anstand nehmen, es nachzu- erzählen, nicht nur auf die angebliche Ueberfüllung des Saales, sondern auch auf die der Hitze wegen offenstehenden Fenster hingewiesen und bemerkt haben, dadurch werde die Versammlung zu einer unter freiem Himmel abgehaltenen, was er nicht zulassen könne, da eine solche der vorgängigen schriftlichen Ge- nehmigung bedürfe. Die Berliner„Volkszeitung" fügt diesem Vorfall folgende trefflichen Bemerkungen hinzu:„Wir sind in der That gespannt, einmal aus authentischer Quelle zu vernehmen, ob der Herr Lieutenant diesen Grund in Wirklichkeit angeführt und zum andern wie die höheren Instanzen und schließlich der Herr Minister ein solches Vorgehen der Polizeiorgane aus dem Ver- einsgesctz von 1850 zu rechtfertigen gedenkt. Dies Gesetz kennt als Auflösungsgründe für Versammlungen nur die folgenden: 1) die nicht bescheinigte rechtzeitige Anmeldung; 2) die Erörterung von Anträgen und Vorschlägen in der Versammlung, die eine Aufforderung oder Anreizung zu straf- baren Handlungen enthalten; 3) das Erscheinen von Bewaffneten in der Versammlung, die, der Aufforderung der Abgeordneten der Obrigkeit entgegen, nicht entfernt werden. Noch ist das Sozialistengesetz nur Entwurf, es gilt also noch nicht zweierlei Recht für Sozialdemokraten und andere Leute, und bis dahin verlangen wir und vor allem von den Polizei- behörden der Hauptstadt, daß sie die Gesetze gegen alle Staats- bürger gleichmäßig anwenden. Wenn die angebliche Ueberfüllung eines Saales schon ein Auflösungsgrund oder wenn gar ein offenstehendes Fenster schon einen geschlossenen Raum in einen solchen unter freiem Himmel verwandelt, dann dürfte kaum eine von den zahlreichen Versammlungen, die alltäglich in Berlin und anderswo stattfinden, vor der polizeilichen Auflösung aus solchen Gründen mehr geschützt sein. Aber lieber wollen wir Alle unter das gleiche Caudinische Joch hindurchgehen, als schweigend und mit untergeschlagenen Armen Zustände sich ent- wickeln sehen, wo gegen einen Theil unserer Mitbürger,— gleichviel wie weit wir von deren Ansichten entfernt und wie sehr wir oft ihre Handlungsweise tadeln mußten(?)— eine andere Logik und ein anderes Recht als gegen uns selbst und die übrigen Staatsbürger in Anwendung gebracht werde. Auch eine sozialdemokratische Wählerversammlung, in welcher Genosse Baumann seine Candidatenrede halten wollte, wurde aufgelöst, weil einige Frauen anwesend waren und weil der Mittelgang des Saales des zahlreichen Besuchs wegen nicht freigehalten werden konnte. Im Lokale und auf der Straße sollen mehrere Verhaftungen vorgekommen sein. Als Dr. Max Hirsch bei den Hauptwahlen zu Gunsten des Abg. Hänel auf seinen früheren(1. Berliner) Wahlkreis ver- zichten mußte, hielt ihm dieser Entsagung halber Herr Dr. Virchow, der bekannte fortschrittliche Agitator, eine Lob- rede und erklärte, daß ihm sein edler Verzicht unvergessen bleiben solle. Jetzt ist der erste Wahlkreis frei, da Hanel dop- pelt gewählt wurde; der„unvergessene" Dr. Hirsch aber wird vergessen und der große Ludwig Löwe zum Candidaten prokla- mirt. Man sieht also, daß nicht allein die Fortschrlttspartei eine Partei der politischen Heuchelei ist, sondern daß auch ihre Führer und Agitatoren vollendete Heuchler sind.— Schimpf- Mäxchen aber muß einem trotz alledem leid thun. In einer fortschrittlichen Wahlversammlung hat der fort- schrittliche Abgeordnete Klotz dem Schimpf-Eugen Richter eine Vorlesung über Anstand gehalten. Nach der fortschrittlichen „Bvlkszeitung" lautet dieselbe folgendermaßen:„Ein Vorredner hatte Herrn Hoffmann als eine geeignete„Mittelsperson" em- pfohlen. Mit Rücksicht hierauf erklärte Herr Klotz, daß in der Fortschrittspartei nach dem Ausscheiden der Gruppe Löwe-Berger ein rechter und ein linker Flügel nicht vorhanden sei, daß in Rücksicht auf die Festhaltung ihrer politischen Grundsätze es eine einigere Partei, als die Fortschrittspartei, nicht gebe, und daß Hoffmann, ebenso wie er selbst(der Redner), nicht weniger ent- schieden und nicht weniger fest und treu sei, als Eugen Richter. Der Unterschied zwischen diesem und ihnen sei nur der, daß sie *) Sind nicht angelangt. R. d.„B." immer nur sachlich, ohne Personen zu verletzen, zu diskutiren gewohnt seien, während es jenem(Eugen Richter) nicht so leicht werde, bei sachlichen Angriffen Verletzung von Per- sonen zu vermeiden. Uebrigcns aber sei es vom Kollegen Eugen Richter höchst anerkcnnenswerth, daß er den besten Willen zeige, die ihm eigne Schärfe gegen Personen fich ab- zugewöhnen." Wohl bekomm's, Herr Richter! Leipzig, 27. August.(Wer hat Recht?) Hödel ist hinge- richtet worden. Mußte es sein? Darüber ist jüngst viel ge- schriebe» worden. Wenn man die Stimmen der Presse, welche fich über die Hödel-Hinrichtung billigend äußerten, für die vox populi(Volksstimme) halten wollte, dann müßte man freilich ernstlich zweifeln an des deutschen Volkes Sinn für Humanität und Fortschritt. Doch, die bezahlten und nicht bezahlten Hödel- Hinrichtungs-Lobhudler mögen schwatzen, wie sie wollen, das Volk im Allgemeinen ist und bleibt feindlich gesinnt jeder Art der Vernichtung von Menschenleben. Warum wurde überhaupt Hödel mit dem Tode bestraft? Weil er einen Mord begangen hatte? Behüte. Oder Jemanden verwundet hatte? Auch das nicht. Wie kam Hödel überhaupt in die Lage, die so verhängnißvoll für ihn werden sollte? Ich will es zu erklären versuchen. In unserem Culturstaate unehelich geboren sog Hödel schon im zar- testen Lebensalter das Gift der Nahrungssorgen ein. Später entbehrte er der nöthigen Erziehung, die ihm seine Mutter, so- wie sein Stiefvater in Ermangelung jeglicher Bildung nicht bieten konnten. Auch hatten diese vollauf zu thun, um nur den Lebensunterhalt zu beschaffen.— In so traurigen Verhältnissen wuchs der Arme heran. Der Gedanke, daß viele seiner Mit- schüler in besserer Situation seien, als er, mochte ihn inzwischen zum Diebstahl veranlaßt und auf diese Weise auch den Keim zu weiteren Lastern in ihn gelegt haben. Wer fände nicht bei nur einiger Beobachtung solche oder ähnliche Fälle tagtäglich be- stätigt?— Daß Hödel dann in dem Zeitzer Correktionshause nicht besser wurde, ist sehr klar, wenn man bedenkt, daß in einer solcher Anstalt die größten jugendlichen Taugenichtse täglich mit einander umgehen und ihr Wissen durch gegenseitigen Gedanken- austausch bereichern. Willst du besser werden, so gehe mit einem Besseren um! Dort soll freilich der Stockknecht Wunder thun. Horridils dictu!(Mit Schrecken sei's gesagt!) Wenn Hödel damals wahrhaft human behandelt worden wäre, wenn man da- mals schon nach den wahren, nach den allerersten Ursachen seiner Schlechtigkeit geforscht und durch Verbesserung seiner Lebens- Verhältnisse seinen Körper und Geist gehoben hätte, ich bin fest überzeugt, Hödel wäre ein dauernd fleißiger und geschickter Ar- beiter geworden, besonders dann, wenn man ihn noch jung zur Ordnung angehalten hätte. Ueber die Erziehung der Correktio- näre denken jedoch die Herren am grünen Tische anders, als wir Humanisten. Ob die Ersteren, so wie sie sind, bleiben oder schlechter werden, kümmert Jene wenig. Begehen sie später'mal einen dummen Streich, die naturgemäße Folge solch falscher und vernachlässigter Erziehung, so werden sie eben gehauen und ein- gesperrt, je nachdem, und damit Punktum. Der einzelne Mensch hat für diese Sorte Volkswohlfahrtler fast gar keinen Werth mehr. Wie kommt das? Nun, sein Werth ist gesunken infolge der fortwährenden Kriege, die vielfach um Sonderinteressen, um der Herrschsucht willen geführt werden. Wo uni nichtige Dinge Millionen in verhältnißmäßig kurzer Zeit hingeschlachtet werden, was wiegt da Einer? Hödel aber sank infolge der eben gerügten Vernachlässigung. Und immer tiefer sank er. Da hörte er vom Sozialismus; begeistert für die neue Lehre raffte er sich für kurze Zeit auf. Doch nicht lange konnte die Begeisterung währen. Er gerieth oft in Roth, in Nahrungssorgen, und wer solche Schmerzen an sich selbst erfahren hat, weiß, wie nahe der Mensch daran ist, sein ihm hoffnungslos erscheinendes Leben zu ver- nichten. Dabei siel er von einer Partei zur anderen; batv suchte er sich an die Liberalen, bald an die Anarchisten, bald an die Christlich- Sozialen heranzumachen, nur um sein elendes Leben zu fristen. Außerdem war er von einer verheerenden Krankheit schon längere Zeit durchseucht. In solch einem Zustande, nach keiner Seite hin einen Hoffnungsanker erblickend, keinen wirklich theilnehmenden, aufrichtigen und für sein Unglück verständniß- vollen Freund zur Seite, glaubte er durch einen Schuß in die Luft vor den Augen des Kaisers diesem die Größe seiner Roth zu zeigen. Doch er sollte sich irren. Man fesselte ihn und be- zichtigte ihn des versuchten Kaisermords. Die feile Presse, theils zu verblendet, theils zu unwissend, suchte den armen Hödel zu einem Unthier, wie es nur der Sozialismus erzeuge, zu machen, aber zum Glück dauerte diese freche Lüge nur so lange, bis Psychologen sich um diesen Fall etwas kümmerten und ihre maß- gebendere Meinung dem Publikum mittheilten. Da hatte man es denn mit einem Psychisch Kranken*) zu thun, also mit einem, dessen Seelenleben durch äußere und innere Einflüsse in seiner Entwickelung gestört worden war. Wer an dieser Störung der normalen Seelenthätigkeit Schuld hatte, habe ich oben schon ge- nügcnd angedeutet. Ich will nur noch hervorheben, daß sich sein Bertheidiger als solcher durch„Geist" sehr hervorgethan hat und daß chm hauptsächlich Hödel die Vollkraft des vom Gerichtshofe gefällten Urtheils zu verdanken hatte. Leider sind unsere Richter bei der Ueberfülle von Arbeit nicht in der Lage, solch' höchst interessante Fälle in die Breite und in die Tiefe zu studiren. Wer aber schafft ihnen die viele Arbeit? Wer erzieht das Volk so gut, daß jene Schreckensanstalten fich immer mehr füllen? Die Antwort ist auch hier sehr leicht gegeben. Wer, frage ich, hatte demnach Recht?" Daß Hödel noch kein Unverbesserlicher war, geht aus einer Aussage vor, die er kurz vor seinem Tode dem Pastor als Antwort gab auf die Frage, ob er fich nicht noch zum Besseren bekehren wolle.„Möglich wäre es," sagte Hödel,„aber ich brauche dazu Zeit." Diese Zeit hat man ihm nicht gelassen, man hat sich so recht deutlich das tsstimoumm paupertatis ausgestellt, man vermochte nicht, einem Irrenden in Geduld den richtigen Pfad zu zeigen. Und so werden viele solcher Fälle noch passiren. Wann wird die Errettung werden? Schwäv.-Kalr. Die ReichstagSwahl ist vorüber und ich möchte Ihnen über die Erfahrungen, die wir vor der Wahl und durch dieselbe gemacht haben, Einiges mittheilen: Nachdem dje Attentate vorgefallen, war es natürlich auch das„Haller Tage- blatt", welches sein Möglichstes leistete in Angriffen und Ver- leumdungen gegen die Sozialdemokratie. Als sich nun dieses Blatt sogar zu der Identifikation der Sozialdemokratie mit einer Räuberbande verstieg, hielten es die hiesigen Genossen für Pflicht, diesem unmanierlichen Gebahren entgegenzutreten und zwar mit einer Rechtfertigung in genanntem Blatt, zu deren Aufnahme die Redaktion desselben moralisch verpflichtet gewesen wäre, allein dieselbe nahm nicht nur die Rechtfertigung nicht auf, sondern verweigerte auch eine Annonce zu einer Volks- Versammlung, in welcher Parteigenosse Schwend diese Angriffe zurückweisen wollte. Wir griffen nun zu Plakaten, allein der *) Wir erinnern hier nochmals daran, daß man den Kopf Hödel's dem Professor Birchow zur Untersuchung verweigert hat. R. d. V. Mensch denkt und— die Polizei lenkt; nicht genug, daß die- selbe unsere Lokalwirthe vcranlaßte, zu einer öffentlichen Ver- sammlung ihr Lokal zu verweigern, verbot sie auch die Versamm- lung. Ungefähr zu derselben Zeit wurde auch unser Parteiagent Elser mit zwei Haussuchungen beglückt, wobei das Kassenbuch der Partei, sowie die Broschüre„Die Märtyrer der Commune" als glückliche Beute mitgenommen, jedoch demselben bald wieder zugestellt wurde; sodann wurde derselbe vor das Ober-Appel- lations- Gericht geladen, und zwar dieses alles um der unschul- digen Londoner Loose willen, wobei dann noch einige Partei- genossen(Loosbefitzer) das Vergnügen hatten, bei dieser Sache als Zeugen zu fungiren und somit noch 60 Pf. als Zeugengebühr verdienen zu dürfen. Auch die Sammellisten zum Wahlfond sollten confiscirt werden, allein zu spät, der Ertrag ist glücklich in Hamburg angekommen und die Herren des Diensteifers hatten das Stachsehen.— Zu zwei öffentlichen Versammlungen, Reichs- tagswahl betreffend, erhielten wir endlich die hohe obrigkeitliche Erlaubniß, und Parteigenosse Sch., welcher das Referat in diesen Versammlungen übernahm, entledigte sich seiner Aufgabe vortreff- lich, während der Herr Stadtschultheiß mit seinem Polizei- commissär uns zum erstenmal mit ihrer Anwesenheit beehrten. — Vor der Wahl und am Wahltage selbst haben hiesige Partei- genossen eine ruhige Thätigkeit entfaltet, nur nach auswärts wollten wir, der Parole gemäß, keine besondere Kosten auf- wenden. Der Erfolg hier in der Stadt war für uns ausge- zeichnet, denn Bahlteich erhielt trotz aller Chikane 241 Stimmen gegen 205 im vorigen Jahre, und sind auch die hiesigen national- liberalen Fortschrittler ganz mißgestimmt über diesen Erfolg, denn ihr Candidat Dr. Götz aus Stuttgart erhielt nur 87 Stimmen mehr; von auswärts erhielt Vahlteich noch 36 Stim- men. Was nun die Volkspartei betrifft, so war es geradezu erstaunlich, daß sie den conservativen Erzreaktionär Hsfrath Bühler trotz seiner stupiden Reden und dadurch erlittenen Niederlagen im Reichstag und trotz seines sich selbst wider- sprechenden Programms, welches das gerade Gegentheil vom volksparteilich- demokratischen ist, indem es indirekte Steuern, energische Maßregeln gegen die Sozialdemokratie ze. als Hauptpunkte enthält, wieder als ihren Candidaten aufstellten; und solche Leute wollen sich Demokraten nennen. Bühler hat gesiegt, aber dieser Sieg ist kein Sieg der wirklichen Demokratie, sondern ein Sieg der Reaktion. K. Aanzig, 25. August. Wenn wir hier in unserer Agitation etwas lax verfahren, so hilft uns unsere Polizei gar bald wieder auf die Beine. So haben seit kurzer Zeit wieder einige Haus- suchungen stattgefunden; u. a. auch bei Genossen Dyck, dessen Wäsche, Kleider u. s. w. sogar bei diesem Anlaß einer genauen Revision unterzogen wurden. Das Resultat war natürlich überall gleich Null, denn wir haben niemals etwas Geheimes. Und darum also getrost weiter! K. M. Schoncöelk bei Stoppenberg(Kreis Essen), 22. August. Das Nachfolgende dürfte jedenfalls einen kleinen Beleg zu der Un- Haltbarkeit unserer heutigen Gesellschaftszustände liefern. Ich bin geboren im Kreise Mannsfeld und arbeitete dort vor 1870 als Bergmann. Der Krieg rief auch mich unter die Fahnen und wurde ich durch einen Granatsplitter am Beine bedeutend verwundet. Mein Schwager schrieb an meine Frau, ich hätte den Ehrentod gefunden, und seien mir durch eine Granate beide Beine weggeschossen worden. Durch den Schreck und wohl auch durch das Bewußtsein, mit ihren zwei unerzogenen Kindern des Ernährers beraubt und dem Elende preisgegeben zu sein, wurde meine Frau— wahnsinnig. Am 17. November 1871 erlöste sie endlich der Tod aus diesem Jammerthal. Ich war so nieder- gedrückt, daß ich nach Magdeburg übersiedelte und dort von 1871 bis 1875 einen Schacht auf Salz abteufte. Der höchste Lohn, der mir dort gezahlt wurde, betrug M. 2,40— 2,50. Eines schönen Tages wurde mir vom Direktor mit dem Bemerken ge- kündigt, ich sei Sozialdemokrat und müsse aufhören. Meine Verwunderung war groß, um so größer, als ich bis dahin noch keine Ahnung vom Sozialismus hatte. Freilich trat ich jederzeit gegen alles Unrecht auf, was mir und meinen Kameraden wider- fuhr, und das mag den Herrn dazu geführt haben, in mir einen Sozialisten zu vermuthen. Das Bündel wurde geschnürt und ich zog mit meiner zweiten Frau und Kindern nach Westfalen, wo ich auch glücklich Arbeit fand. Hier wurde ich denn im Kreise von wirklichen Kameraden zum Sozialisten und befand mich sehr wohl dabei. Jedoch nach einiger Zeit ward ich wieder entlassen— was nun? Zum Glück fand sich wieder Arbeit und so konnte ich mich dem ruhigen Studium, meiner Familie und meinen Kameraden widmen. So oft wir konnten, besuchten wir sozialistische Versammlungen. Da kam denn die Reichs- tagsauslösung und die Reichstagswahl; wir wollten für Hassel- mann kämpfen und ich vertheilte, so oft es anging, Flugblätter und Stimmzettel. Eines Tages traf ich einen bekannten Ar- beiter, der mir treu schien, und gab ihm Stimmzettel zu besorgen. Wie erstaunte ich aber, als er mir vertraute, er besorge bereits für 4 Mark Stimmzettel für Krupp in die Häuser. Trotzd-m versprach er auch die meinigen abzugeben; wer aber nicht ging, war mein Mann— er trug die Zettel zum Direktor und de- nunzirte mich. Das hatte natürlich jetzt zur Folge, daß ich abermals auf die Landstraße geworfen wurde, und nun kommt noch dazu, daß ich allen Arbeitgebern denunzirt bin und durch dies Manöver in meinem Fache nirgends mehr Arbeit bekomme! Was thun? Soll ich mir für meine letzten paar Pfennige einen Strick kaufen oder--? Kameraden, ich glaube, Ihr verlaßt mich auch jetzt nicht. Karl Ziehm, Schonebeck bei Stoppenberg(Kr. Essen) 50 1/9. Ztüssekdorf, 21. August. Wie an vielen Orten, so haben auch hier eine Anzahl Fabrikanten einen Aufruf an uns Arbeiter erlassen, in welchem man uns vor den sozialdemokratischen Be- strebungen warnt und mit dem Popanz zu sckrccken sucht, die Partei wolle den Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Ord- nung. Wir Arbeiter haben aber jeden Tag Gelegenheit, zu sehen, wie schön diese„Ordnung" für uns ist, wo Einzelne Alles haben können, was ihr Herz verlangt, und Tausende nicht wissen, wo sie am nächsten Morgen einen Bissen Brod für Weib und Kind hernehmen sollen. Man redet von Agitatoren, die uns verführen und unzufrieden machen, und vergißt ganz, daß heut- zutage kein Menscy mehr zufrieden mit seinem Schicksal ist, daß es also gar keiner solchen Ungethüme braucht, das Volk aufzu- regen. Die Unzufriedenheit schüren eben die Herren Arbeitgeber selbst; überall hört und sieht man von Lohnabzügen, von schlechter Behandlung der Arbeiter u. s. f. Alte, im Dienst der Herren ergraute Arbeiter werden auf die Landstraße geworfen, dem Hunger, dem Selbstmord in die Arme getrieben: solche Handtungen aber sollen Liebe und Vertrauen erwecken? sollen die Harmonie zwischen beiden Theilcn fördern? Nach solchen nicht wegzuleugnenden Thatsachen aber wagt man noch von der Sorge und Opfern für die Arbeiter zu sprechen? O ihr Heuchler! Nach den also gegebenen heuchlerischen Ermahnungen folgt der eigentliche Trumpf: die Drohung mit der Hungerpeitsche, die Entlassung aus der Arbeit. Wir Arbeiter werden euren Er- Mahnungen wohl vorläufig Folge geben, jedoch wissen wir schon, was der Sozialismus will, und ihr werdet uns denselben nicht austreiben— aber es soll nach wie vor unser eifrigstes Be- streben sein, der heutigen Unordnung ein Ende zu machen und die Gesellschaft zur Ordnung zurückzuführen.— Unter den Firmen, welche das Cirkular unterzeichnet haben, befinden sich übrigens eine ganze Partie, die schon seit Jahren Arbeiter wegen. mangelnder Arbeit entlassen müssen und auch nicht gerade glän- zend gestellt sind. X. Kottvns, 19. August. Zu dem Kapitel Wahlbeeinflussungen hätten wir auch von hier ein Lied zu singen. Da sind auf einer Stelle den Arbeitern die Stimmzettel geöffnet worden und nach Einsichtnahme in dieselben Hai man sie mit dem Bemerken ent- lassen, sie seien nicht in die Wahlliste eingetragen. Ebenso haben einzelne Wahlvorstände im Wahllokale liberale Stimmzettel ver- theilt. Da für beide Fälle Zeugen vorhanden find, so haben wir die Angelegenheit bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht— wir werden einmal sehen, was darauf folgen wird.. Von anderen Orten wurden uns noch mehrere ähnliche Fälle gemeldet, die alle zusammen eine recht nette Illustration zur Wahlfreiheit abgeben. Auch das Denunziantengefindel fehlte nicht: ein Miether suchte seinen Wirth auf diese Weise aus der- Arbeit zu bringen. Wirklich oftmals vergeht einem der Math zum Kampf für die Menschenrechte, wenn man sieht, wie gerade die Arbeiter untereinander es sind, die gegen ihre eigenen In- teresscn eintreten; jedoch die Erkenntniß der Wahrheit und Ge- rechtigkeit unserer Sache läßt auch uns nicht rasten und ruhen: Vorwärts! vorwärts! heißt die Parole. H. H— l. NL. Diejenigen Genossen, welche zu den Wahlkosten noch etwas beitragen wollen, werden gebeten, Beiträge an Freund Teich ert abzugeben. Derselbe darf und kann auch nicht Allcs- allein tragen. — Confiscation der Gedichte von August Geib. Am 30. August Vormittags wurde in der Expedition des„Vorwärts" auf Veranlassung des Staatsanwalts die Gedichte von Geid confiszirt. Man fand 13 Exemplare. Grund Z 95 des Straf- gesetzbuchs wegen des Gedichtes: Wortbruch Seite 125.— Eine Anklage kann wegen Verjährung nicht mehr erhoben werden, da das Büchlein im Jahre 1876 schon erschienen ist. Potsdam, 22. August. Die Wahlen sind vorüber und auch wir halten uns verpflichtet, über unsere Stellung den Genossen in Deutsch- land Nachricht zu gebeu. Die vielfachen Maßregelungen in Potsdam und Spandau machten eine energische Agitation unmöglich und da die Spandauer Genossen nicht mit Halbheiten vorgehen wollten, so verzich- teten wir auf die Ausstellung eines eigenen Kandidaten, machten ls uns aber zur Pflicht, die Partei mit Geldmitteln kräftig zu unierstützcn, und wir dürfen wohl sagen, daß wir in dieser Beziehung unsere volle Schuldigkeit gelhan haben. Um nun den Boden fernerhin kräftig zu bearbeiten wird der Unterzeichnete von Zeit zu Zeit Correspondeuzen in der„Berliner freien Presse" und dem„Vorwärts" veröffentlichen, und ersucht alle Genossen, die hier zureisen und sich mit uns in Ver- bindung setzen, freiwillige Beiträge jiesern, oder auf sozialistische Zeit- schriften abonniren wollen, sich an ihn zu wenden. Mit soz. Gruß F. Haburg, Junkerstr. Nr. 24. Briefkasten der Redaktion. Manfred: Angekommen.— Z. in H.: Sie fragen: 1) Existirt ein Buch, welches vom sozialdemokratischen Standpunkt aus die historische Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie fchilden event. wann und wo ist es erschienen? 2) Existirt eine Schrift von sozialdemokratischer Se te geschrieben, welche sich gegen Franz Mehring'S„Die deutsche Sozialdemokraiie, ihre Geschichte und ihre Lehre" wendet, event. wann und wo est sie er- schienen. � 3) Wenn nicht, hat der„Vorwärts" oder em anderes sozialdemo- kratisches Organ irgend einmal eine Kritik des besagten Werkes ge- bracht, cv. wo und iür welchen Preis ist die Nummer zu erhallen? Antwort: 1) Ein solches Werk gibt es leider noch nicht. Viel- leicht finden Sie in der EngelS'schcn Schrift:„Hrn. Eugen Düh- ring's Umwälzung der Wissenschaft". Gcnosftnschaftsbuchdruckerei. Leipzig, zum Theil wenigstens die gewünschten Aufschlüsse.— 2) Nein, weil nicht nöthig. Wir begnügten uns damit, die zuerst im„Volks- staot" erschienene und von unserer Genossenschastsbuchdruckerei im Seperatabdruck veröffentlichte Schrift des Sozialdemokraten Mehring gegen den Sozialistenfrcsser Treitschke, die auch den Sozialistcnfresser Möhring todtschlägt, neu aufzulegen und zu ver- breiten.- 3) Kein sozialistisches Blatt hat es unseres Wissens für nöihig gehalien, sich mit dem Mehring'schen Geschreibsel zu befassen. Wir haben Besseres zu thun.— Quittung. Frnkl Pest Ab. 24,58. Fnrs Uerdingen Ab. 1,60, Bst Mainz Ab. 100,00. Hssnr Mainz Ab. 25,00. Witt Dassel Ab. 2,15. Knstmnn Erlangen Ab. 27,80. Rtr Darmstadt Ab. 21,00. Frhr Lübrck Schr. 1,35. Ns Clotten Schr. 0,80. Brtschndr Berlin Schr. 0,40. Klngr Fulda Schr. 5,00. Trpp Friedberg Schr. 9,58. Bhrng Plaue Schr. 1,60. Kl. Wiesbaden Schr. 4,60. Dvq. Wiesbaden Schr. 7,40, Stgr Hamburg Schr. 0,30. Mhlnschmdt Fürth Schr. 1,40. Grm Kalkheim Schr. 5,00. Rskr Lörrach Schr. 1,00. Lnthlr Fürstenseld Schr. 3,50. Hlzpfl Vegesack Schr. 2,80. Ldwg Kindenheim«b. 0,80. Unterstützungsfonds. Von Ptrw Wollin 0.40. Gesammelt bei Schfst in Kl Zschocher d. H 3.36. Verein Vorwärts daselbst 1,25. Ges. in der Küche des ArbeiterbildungsvereinS 2,50.____ An die Parteigenossen von Forst-Bergen. BebufS Regelung des WahlsondS wird dringend ersucht, die noch auüenstebenden Sammellisten an das unterzeichnete Comitö abzugeben. DaS Arbeiter-Wahlcomlte. Da demnächst Der arme Conrad 1879 Illnstrirter Kalender str das arbeitende Kalb erscheint, so ersuchen wir die Bestellungen hierauf uns schon jetzt zugehen zu lassen, damit wir einen. geregelten Versandt bewerkstelligen können. Preis pro Expl. broch. 49 Pf, geb. 69 Pf Bei Bezug von 12 Stück und darüber pr. Stück 25 Pf. Versandt nur gegen baar oder Post- vorschuss. Die Expedition des„Vorwärts", Leipzig, Färberstraße 12 II. Verantwortlicher Redakteur: Franz Gützlaff in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der G,n°ü-nschastSbuchdruckcrei>n Leipzig.