Erscheint tn Leipzig WittBcit, Freitag, Sonntag. Ädonncmrnlsvrci? fvr ganz Tcutichland 1 M, 6« Pf. pro Quartal. MonatS» AdonncmentS artoai Oci allen deutschen Postanftalten >t?ij den i. und 3. Wonat, und aus de» ». Ztoml besonders angenommen! im Osnigr. Sachsen und Hcrzo&th. Sachsen- Wtenburg auch aus den tten Monat des Quartals k 54 Psg. Inserate neir. Persaniinlungen pr. Petitzeile 10 Ps., geir. Privatangelegenheiten und Feste pro Peritzeile 50 Ps. Vestellnttze» nehmen an alle Poftanstalten und Buch» Handlungen des In- u. Auslandes. Fittal. Expeditionen. Rew-Porl: Soz.-demolr. Tenosten- schastibuchdruckerei, 154 Illllrichxs 8ir. Philadelphia: P. Haß,«50 Korth Qrd o 4»./» ß ♦ I. Boll, 1129 Cbariotte Str. hobolen N.J.: F. A. Sorge, 215 Vusl». inzto» Str. Chicago: A.Lansermann, 74 Clyboanie»t«. San Franzisco: F. Entz, 418 O burrdll Str. London W.: S. Henze, 8 Kew' b.'. Golden Square� ßeniral Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 104. Mittwoch, 4. September. 1878. Abonnements auf den„Vorwärts" für den Monat September Mark 0,55 werden bei allen deutschen Postanstalten, für Leipzig pr. Monat zu 60 Pf. bei der Expedition, Färberstr. 1211, in der Expedition der „Fackel", kl. Fleischergasse 15, part. und bei unserm Colporteur Bäsch, Hospitalstraße 6 IV., in den Filialen: Cigarrenladen vis Hrn. Peter Krebs, Ulrichsgasse 60, für die Umgegend von Leipzig bei den Filialexpeditionen: für Fslkmarsdorf, "Reudnitz, Meufchönefetd:c. bei Frau Engel, Reudnitz, Täub- chenweg 29, 2 Tr., für ßonnewih ic. bei Hackert, Kurze Str. 10 pari., für Kteinzfchocher u. Umgegend bei Trost, yauptstr. 10/1, für Thonberg bei Bäsch, Hospitalstraße 6/IV, Leipzig, Ren- rtudnitz bei Zschau, 151, für Rtagwitz-Lindenau bei Frau «räfenstein, Aurelienstr. 3, für Hohtis ic. bei A. Herms- dorf, Lindenthaler Str. 7, für Stötteritz bei Grude, An der Papiermühle, angenommen. Für ZZerlin wird auf den„Vorwärts" monatlich für 75 Pf., frei in's Hans abonnirt, bei der Expedition der„Berliner Freien Dresse", Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8», und bei Rüben ow, Ärunnenstr. 34, im Laden. Die Leipziger Abonnenten werden noch besonders darauf anfmerkfam gemacht, daß bei allen Stadtpost-Filialcn Quartals- abonnemeutS angenommen werden. Die Expedition des„Vorwärts". Eine Lehre. Es ist kein Zweifel, daß gleichzeitig mit der Bismarck'schen Blut- und Eisenpolitik auch der russische Absolutismus bankrout geworden ist. Das despotische Rußland war von jeher das „Hinterland" und der Rückhalt der Reaktion in Deutschland, namentlich in Preußen, das als Borussia ja in Wirklichkeit stets nur ein Borrußland, eine russische depenäenc)'(abhängiges Anhängsel) gewesen ist. Fürst Bismarck hat das sehr wohl be- griffen, und so bedenklich seine Politik in der orientalischen Frage auch vom freiheitlichen und vom nationalen Stand- punkt gewesen sein mag, vom Standpunkt des preußischen Junkers aus, der in dem Czar seinen zweiten Souverain verehrt, und in der russischen Wirihschaft das letzte Boll- werk der europäischen Staats- und Gesellschaftsordnung erblickt, war es aber durchaus correkt, daß der preußische Conflikts- minister und der deutsche Reichskanzler in den letzten zwei Jahren das Menschenmögliche that, um den Triumph der russischen Eroberungspolitik herbeizuführen, und als an ein Triumph nicht mehr zu denken— Rußland wenigstens einen mäßig guten Rückzug zu sichern. Letzteres ist allerdings gelungen, aber freilich unter Be dingungen, welche dem schon matt gewordenen Prestige des Fürsten Bismarck den Rest von Glanz nehmen mußten. Auf dem Berliner Congreß machte die deutsche Diplomatie kläglich Fiasko durch den famosen, ebenso gemeinen, als„genialen" Staats- Streich des türkisch-englischen Bündnisses und der Annexion von Cypern, wurde der ganze Berliner Congreß, mitsammt der „ehrlichen Maklerschaft" und„leitenden Weltstellung" des„kranken Mannes" von Barzin elegant ad acta gelegt, und der sogenannte Berliner Vertrag ist heute schon, obgleich die Tinte, mit der er geschrieben, kaum trocken ist, nicht mehr Werth als das Papier, auf welchem er steht. Diese diplomatische Niederlage vollen den Bankrout der BiSmarck'siüen Bniitik rn.i.a su;- Das Rettungsfloß, auf welches Fürst Bismarck mit seiner bankrouten Politik sich flüchten wollte, ist dort drüben�im„hei- ligen Rußland" elendiglich gescheitert an der— Menschennatur, die sich Alles bieten läßt, nur nicht die Vernichtung ihrer selbst. Was Fürst Bismarck mit seinem Ausnahmegesetz erstrebte, war im vollsten Maße in Rußland verwirklicht— ja in weit höherem Maße, da in einen halbbarbarischen Land die Geister doch mit einer Brutalität unterdrückt werden können, an die in einem civilisirtcn Land— und trotz des Culturkampfes und der Blut- und Eisenpolitik gehört unser Vaterland doch noch unter die Culturländer— nicht gedacht werden kann. Und das Resultat der russischen Politik ä la Bismarck? Allgemeiner Schiffbruch, politischer Meuchelmord, die com- pleteste Zersetzung der Gesellschaft, die absoluteste Rathlosigkeit der Regierung. „Rur eine Reform an Haupt und Gliedern kann helfen. Das Standrccht wird das Nebel nur verschlimmern", so predigt jetzt unsere liberale Presse. Sie hat das Richtige erkannt— für Rußland. Und für Deutschland? Wäre es nicht geradezu aberwitzig, es jetzt in unserm Deutschland mit einer Politik zu versuchen, die soeben in Rußland, wo sie tausendmal mehr Chancen hatte, so elendiglich Schiffbruch gelitten hat? Es wäre mehr noch als Aberwitz, es wäre„verbreche- rische Thorheit!" Angesichts der Ereignisse, die sich soeben in Rußland vor unfern Augen vollziehen, rufen wir unfern Liberalen das Wort zu:„Lernt, ihr seid gemahnt." dete den Bankrout der Bismarck'schen Politik. Daß Fürst Bis- marck mit seinem„Culturkampf" in ein Wespennest gestochen und das Gegentheil des Bezweckten erreicht; daß seine innere Po- litik, auf witthschaftlichem wie auf staatlichem Gebiete eine äußerst verkehrte, ungeschickte und Deutschland schädliche sei— darüber war man nachgerade selbst in nationalliberalen Kreisen sich klar geworden, allein man hatte immer noch an die äußere Politik des„großen Staatsmannes" geglaubt. Mit der Vernichtung dieses Glaubens war der Bankrout der Bismarck'schen Politik vollendet. Fürst Bismarck hält sich trotzdem am Staatsruder fest. Der„kranke Mann", der unter normalen Umständen ein lodter Mann wäre— er selbst bezeichnete sich sehr richtig als „kaputen Mann"—, ist durch das Lehmann-Hödel'sche«Mark- Revolverchen und die ernsthaftere Schrotbüchse Robiling's leben- dig geschossen worden— ein überbiblisches Wunder, das unserem Kronprinzen so wunderbar vorgekommen sein soll, daß er lange Zeit brauchte, um sich von der Aechtheit des ersten der beiden Attentate zu überzeugen. „Mit dem Belagerungszustand kann Jeder— regieren", Pflegte Cavour zu sagen. Nun: mit dem Belagerungszustand kann auch ein kranker und kaputer Mann regieren. Und in die liberal-bürgerliche Sprache übersetzt, heißt Belagerungszustand: Ausnahmegesetz. Mit der bösen Kritik werden wir nicht fertig, ergo stopfen wir ihr den Mund; unsere Thaten verurtheilen uns, ersso zwingen wir die Menschen, uns mit Worten zu loben oder — zu schweigen. Und wer zuwiderhandelt: Geldstrafe, Kerker, Ruin, wenn's zum Aeußersten kommt der Tod:„die Flinte schießt, der Säbel haut." Gut! viel ist dagegen nicht einzuwende». Es ist die simple, eindringliche Logik der Gewalt. Ein paar Jahre hält's vor, und aprds hous le deluge, nach uns die Sündfluth! Mit dieser Hoffnung mochte Fürst Bismarck sich schmeicheln, als er den Entwurf zu seiner Knebelakte niederschrieb. Da plötzlich eine Hiobspost aus Petersburg: Mesenzow, Chef der dritten Abtheilung, erstochen. Und der Hiobspost folgen weitere Hiobsposten: andere Creaturen des Absolutismus er- stochen, panischer Schrecken der Gewalthaber, Flucht des Czaren aus seiner Residenzstadt, Proklamirung des Bankrouts durch Proklamirung des Kriegszustandes. stimmen der Presse über das Bismarck'sche Ausnahmegesetz. (Fortsetzung.) Das fortschrittliche„Frankfurter Journal" fällt folgendes Urtheil: „Das Sozialistengesetz, dessen Annahme Preußen bei dem Bundesrathe beantragt hat, ist eine der wunderbarsten Blüthen des gegenwärtig unsere Staatsleitung�beherrschenden reaktionären Geistes. Es ist dem Namen nach nur gegen die Sozialdemo- traten gerichtet, aber die ganze Fassung ist derart, daß mittelst der in diesem Gesetz enthaltenen Bestimmungen nicht nur alle Lebensäußerungen der vervchmten Partei, sondern auch alle freisinnigen Regungen anderer Parteirichtungen unterdrückt werden können. „Ueber das ganze öffentliche Leben der Nation würde, wenn dieses Gesetz in's Leben treten sollte, sich ein Leichentuch ausbreiten: Vereine, Genossenschaften, Versammlungen, Druckschriften, welche„sozialdemokratischen, so- zialistischen oder communistischen, auf die Untergrabung der be- stehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichteten Bcstre Hungen" dienen, sind zu verbieten, beziehungsweise aufzulösen oder zu unterdrücken. Personen, welche an solchen Bestrebungen betheiligt find, werden mit kaum erschwinglichen Geldbußen oder gar mit längerer Gefängnißhaft bestraft. Und sofern dieselben es sich„zuin Geschäft machen", die bezeichneten Bestrebungen zu fördern, können sie sogar gehindert werden, ihrem freien Erwerb nachzugehen. Es können ihnen bestimmte Bezirke zum Aufenl halte versagt werden, und sie mögen dann anderswohin gehen, wo sie, wenn sich ihnen nicht eine geeignete Thätigkeit eröffnet oder sie nicht mitleidige Seelen finden, sterben oder verderben können. Geschäfte, welche jene Bestrehungen fördern, können geschlossen und über Bezirke, wo durch dieselben„die öffentliche Sicherheit" bedroht ist, kann«ine Art Belagerungszustand ver hängt werden. „Wer definirt nun diese Bestrebungen, welche so schwere Folgen nach sich ziehen können? Was ist sozialdemokratisch, was untergräbt die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung? Niemand kann über den Begriff des Sozialismus eine bestimmte Erklärung abgeben, und da er manche gemeinsame Ziele mit den liberalen, ja sogar mit den conservativen Parteien hat, so schwebt über allen diesen das Damoklesschwert des neuen Ge- setzes. Nach den Offiziösen ist übrigens der Liberalismus der Vater der Sozialdemokratie, und� so muß er folgerichtig mit dieser ausgetilgt werden. Jede freisinnige Resorm, die von Männern der Wissenschaft oder von dieser oder jener Partei angestrebt wird, kann dahin gedeutet werden, daß sie„auf Un- tergrabung der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung" gerichtet sei. Wenn für die betreffende Bestimmung die ange- führte Kautschuk-Fassung beibehalten wird, dann ist kein Mann, der irgendwie berufen ist, in der Oeffentlichkeit zu wirken, mag er durch Wort oder Schrift die Aufklärung seiner Mitbürger zu fördern suchen, vor Verfolgung sicher. „Es wird in allen Dingen nur noch eine Meinung geben, welche nicht zu besorgen braucht, mit jenen Paragraphen in Conflikt zu kommen, welche allein sich hören lassen darf: die Meinung der Regierung, welche dann, ohne daß Wider- pruch oder Unterbrechung zu befürchten steht, von der wachsenden Schaar der Streber, Stellenjäger, Speichellecker, Denunzianten rc. n allen Tonarten verkündet werden kann. „So gern die Reaktion, wenn es ihre Kräfte erlauben, blind drein schlägt, geht sie doch nicht immer ganz rücksichtslos vor. Mag sie über eine noch so gewaltige Exekutive verfügen, so liebt ie es doch, den Schein der Willkür zu vermeiden. Auch in dem Sozialistengesetz ist eine Einrichtung vorgesehen, welche einen ge- wissen Rechtsschutz gegen eine mißbräuchliche Anwendung des Gesetzes seitens der Behörden bieten soll. Es soll nämlich in Berlin ein Reichsamt für Vereinswcsen und Presse errichtet wer- den, von dessen neun Mitgliedern mindestens fünf etatsmäßig angestellte Richter sein müssen. In dem Collegium von fünf Mitgliedern müssen mindestens drei den richterlichen Mitgliedern angehören. Sämmtliche Mitglieder werden vom Bundesrath gewählt und vom Kaiser ernannt. „Daß auf diesem Wege nur sehr auserlesene Persönlichkeiten in das neue Reichsamt gelangen werden, ist gar nicht anders zu erwarten. Ohne daß der mindeste Zweifel gegen die bishe- rige uud künftige Integrität der zu berufenden Männer ausge- sprachen werden soll, läßt sich doch mit Sicherheit annehmen, daß die Entscheidungen der neuen Behörde meistens in einer Weise ausfallen werden, welche des Beifalls der Regierung gewiß ist. Warum sollten auch nicht bei Errichtung des Reichs- amtes Männer mit dem Vertrauen des Bundesraths beehrt werden, deren Ansichten hinsichtlich der Parteigestaltungcn in Deutschland man genau kennt!? Ob dieses Amt aber auch das Vertrauen des Publikums finden wird, ist um so entschiedener zu bezweifeln. „Die neue Behörde ist nichts anderes als ein Aus- nahme-Gerichtshof, der alle Schattenseiten eines solchen hat und auch alle üblen Folgen nach sich ziehen muß, welche der- artige Einrichtungen immer begleiten. „Für ein solches Ausnahmegesetz, wie das anti-sozialdemo- kratische, braucht man freilich auch ein ganz exceptionelles Gericht. Wenn man die gewöhnlichen Gerichte damit befassen wollte, nach dem Paragraphen 1 zu entscheiden, so müßten dieselben bei der Dehnbarkeit und Unbestimmtheit der dort angeführten Begriffe jedenfalls oft in peinliche Verlegenheit kommen. Ist die Fassung doch so elastisch, daß selbst die Regierung nicht vor der Gefahr bewahrt wäre, der Strenge des Gesetzes zu verfallen, wenn sie nicht glücklicherweise die Exekutive in der Hand hätte! Eine Re- gierung, welche statt Frieden nur Unfrieden säet, deren Leitung der inneren Angelegenheiten nur zu steigender Verwirrung führt, gefährdet doch ohne Zweifel die bestehende Staats- oder Gesell- schaftsordnung! „Die beantragte Vorlage ist, wie sich aus dem Angeführten ergiebt, in Form und Inhalt derart, daß sie die Begründung eines unerhörten Wiükürregiments ermöglicht. Wer nur noch einen Tropfen freiheitlichen Bluts in den Adern hat, muß einen solchen Entipiurf airk'S Entickiedentte be- kämpfen. Tritt er bei uns in Kraft, so muß er zum Ruin unseres ganzen öffentlichen Lebens führen, oder zu einem Ausbruch des Volksunwillens, welcher die Vorlage und möglicherweise verschiedenes Andere hin- wegfegen wird." Wie wir bereits in unserer vorletzten sozialpolitischen Ueber- ficht erwähnten, hat sich der zu Graz tagende deutsche Jour- nalistentag mit dem Ausnahmegesetz beschäftigt. Es geschah in der Schluß-Sitzung vom 25. August. Der Bericht der„Vossischen Zeiiung" sagt darüber: „Wenzel(Berlin) glaubt vor dem Schlüsse der Verhand- lungen die Aufmerksamkeit des Journalistentages auf einen Gegen- stanv lenken zu müssen, der für die deutsche Presse von der höchsten Bedeutung sei: den Entwurf des sogenannten Sozialisten- gesetzes. Wenn auch vorausgesetzt werden dürfe, daß in der ge- gebenen Form der Entwurf nicht zur Annahme gelangen werde, so bedrohe derselbe doch die deutsche Zeitungspresse mit den ernstesten Gefahren. Alle Freiheiten, die das deutsche Preßgesetz der Publicität einräume, werden durch jene Borlage in Frage gestellt und die Existenz der Blätter that- sächlich vollkommen der Willkür der Polizeihörden anheimgegeben. Auf die Tagesordnung der gegenwärtigen Versammlung habe man den Gegenstand nicht mehr stellen können, trotzdem würde ein Stillschweigen über denselben miß- deutet werden und das Ansehen des Journalistentages auf das Ernsteste gefährden. „Nordmann(Wien) erklärt im Namen der österreichischen Journalisten, daß dieselben in der Verurtheilung des er- wähnten Gesetzentwurfes, so weit er die Freiheit der Presse berühre, einstimmig die Ansicht des Vorredners thcilen. Trotzdem sei die österreichische Presse, die von dem Gesetze zum Glücke nicht berührt werde, keineswegs in der Lage, ihrerseits einem formellen Proteste zuzustimmen. Er könne nur mit dem Wunsche schließen, daß es der deutschen Presse gelingen möge, den ihr bevorstehenden Kampf mit Glück zu einem siegreichen Ende zu führen.(Allseitiger Beifall.) .Lecher(Wien) schließt sich diesen Ausführungen vollkommen an, indem er zugleich der Ueberzeugung Ausdruck giebt, daß die deutsche Presse niemals zu einem ruhigen Genüsse ihrer Freiheit gelangen werde, so lange sie nicht das Grundrecht der öfter- reichischen Preßfreiheit, die Aburtheilung der Preßvergehen durch Geschworenengerichte, sich ettämpft habe. „Wenzel(Berlin) erwidert, daß es nicht seine Abficht ge- wesen ist, einen formellen Beschluß über die vorliegende Frage herbeizuführen. Die bisherige Debatte habe die Einstimmig- keit der deutschen und österreichischen Journalistik in der Verurtheilung des Gesetzentwurfes ergeben und hier- mit sei seine Absicht erreicht. „Rittweger(Frankfurt) stimmt dem Vorredner bei, da er es für durchaus unthunlich hält, in einer Versammlung, in der die österreichischen College» die Majorität haben, über diesen Gegenstand eine formelle Abstimmung herbeizuführen. „Davidsohn(Berlin) hofft, daß Wenzel die Gefahren für die deutsche Presse zu schwarz gemalt habe. Der Gesetzentwurf richte seine Spitze nicht gegen die gesammte Journalistik, sondern nur gegen die Sozialdemokratie(I). „Wenzel protestirt dagegen, daß man die Unterdrückung der Freiheit der Presse vom polittschen Parteistandpunkte beur- theile. Der deutsche Journalistentag habe sich bisher von einer solchen Auffassung fern gehalten und werde es hoffentlich auch in Zukunft thun."-- Die„Pall Mall Gazette", eine conservative englische Zeitung, unterzieht, gleich allen anderen englischen Blättern, den Entwurf einer unbedingt verdammenden Kritik. .Sollte die Vorlage," so sagt sie,.zum Gesetze erhoben werden, so müßte sie das politische Leben Deutschlands schwer schädigen: Statt den Sozialisten ein Ende zu bereiten, wird das Gesetz deren Begeisterung heben, sie über ihren Einfluß aufklären und selbstverständlich ihre Ueberzeugung bestärken, daß die bestehende gesellschaftliche Ordnung eine wesentlich ungerechte ist. Die Liberalen werden kaum minder unter dem Gesetze leiden, als die Sozialisten. Die Harm- losesten liberalen Grundsätze werden als die Aussaat künftigen Unheils betrachtet werden und die deutsche Polizei wird ihre Machtbefugnisse in bekannter Weise zur Geltung bringen— Dank der Unterstützung der nationalliberalen Partei, welche sich zu diesem Entschlüsse entschieden, um eine rein eingebildete Gefahr abzuwenden. Denn es liegt auf der Hand, daß der Fürst, selbst wenn er sich mit dem heiligen Stuhl verständigt, nicht auf die Unterstützung der Centrumspartei rechnen kann. Viel wahrscheinlicher ist, daß er den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen verheimlicht, um die Nationalliberalen nach der bereits eingeschlagenen Richtung zu drängen. Haben sie sich erst soweit einschüchtern lassen, um das Gesetz anzu- nehmen, so hat die Regierung eine solch mächtige Waffe gegen sie selbst in Händen, daß die Partei früher oder später willig jeden Preis für dessen Auf- Hebung entrichten wird. Die einziges??) höhere und männ- liche Politik ist die der Fortschrittler und würden die National- liberalen gut thun, sich derselben offen anzuschließen. Vielleicht würde dies zu einer nochmaligen Auflösung des Reichstages führen, allein die letzten Wahlen haben bewiesen, daß sie den Appell an die Nation nicht zu scheuen brauchen!"— In Bezug aus letzteren Punkt irrt sich das Londoner Blatt gewaltig. Die letzte Wahl hat den Nationalliberalen 30 Sitze gekostet und sie als Partei zersprengt. Sie zählen jetzt im Reichstag genau halb so viel Mitglieder wie 1874, und eine baldige Neuwahl würde die Vernichtung der Partei vollenden. Das wissen die Herren Nationalliberalen, und daraus erklärt stch ihre feige, unentschlossene Haltung. Freilich wären sie nicht so feig und unentschlossen, sie wären nie in diese kritische Lage g. kommen. Allein von Disteln kann man keine Trauben, von dem Gros der Nationalliberalen keine Mannhaftigkeit erwarten. (Fortsetzung folgt.) Aus Rußland. Odessa, Anfang August. Es wird Ihnen wohl bekannt sein, daß in Odessa Ende Juli(alten St.) ein politischer Prozeß stattgefunden hat. Der Prozeß, ein weiteres Glied in der Kette der seit o Jahren Rußland in beständiger Aufregung haltenden Prozesse, ist wegen bewaffneten Widerstandes wider die Militärbehörde und auf Hochverrath eingeleitet. Der Prozeß wurde vor dem Kriegs- gericht verhandelt, da zur Zeit des Vorfalls Odessa sich un Belagerungszustand befand. Der Inhalt des Prozesses ist kurz folgender: Im Januar d. I. fand eine Haussuchung auf Denunziation hin statt in der Wohnung des Angeklagten Swititsch und der Frauen Witten und Merschanowa. Man fand dort eine Menge sozialistischer Schriften, Broschüren und Aufrufe, sowie eine Druckmaschine mit dem dazu gehörigen Material. Unter den Aufrufen, die einen Protest gegen den abfcheulich-heuchlerischen Krieg enthielten, waren solche, die zur Zeit der stattgehabten Haussuchung in fast allen größeren Städten Südrußlands ver- breitet und an deren Wänden affischirt waren, mit der Forderung von Reformen im Sinne der Freiheit und des Rechts. Außer den Schriften wurden auch Revolver und Dolche, die von den Angeklagten gewöhnlich getragen worden waren, vorgefunden. Dieses Mal aber sollte die Haussuchung nicht friedlich, wie ge- wöhnlich, ablaufen. Die Frechheit, mit welcher die nichtgelehrten und gelehrten Gensdarmen(Staatsanwälte), diese„Ohren und Augen" des milden Czaren bei Haussuchungen verfahren, ist wahrhaftig empörend. Kein Haus ist vor diesen Banditen sicher, sie dringen in ein jedes kaum verdächtige Haus meistens in später Nachtstunde, am frühen Morgen, selten am hellen Tag— das ist ihnen übrigens ganz egal, wenn nur das Ziel— abzufassen Etwas vom Grasen Wilhelm von Bismarck. Bei der am 28. August stattgehabten Nachwahl im Wahlkreise Mühlhausen-Langensalza war bekanntlich der Sohn seines Vaters zum Candidaten aufgestellt worden. Ein freiconservativer Wahl- verein, an dessen Spitze Oberbürgermeister Dr. Engelhardt und Stadtverordnetenvorsteher Werner in Mühlhausen stehen, hatte nun einen lithographirten Wahlaufruf erlassen, welcher zur Wahl des Grafen Wilhelm von Bismarck ausforderte, und der die all- gemeinste Verwunderung erregt hat. Im Aufruf wird gesagt: „Wir haben sicheren Grund zu der Annahme, daß dieser junge hochbegabte Mann die ihm durch solche Wahl eröff- nete politische Wirksamkeit ganz im Sinne unseres bisherigen Reichstagsabgeordneten Minister Dr. Friedenthal ausüben werde. Schon ist in dem Kreise Weißensee für ihn eine größere Zahl von Stimmen gewonnen. In der nächsten Zelt wird er selbst stch seinen Wählern hier vorstellen. So hoffen wir denn zu- versichtlich, daß die große Mehrheit unserer Mitwähler ihm ihre Stimme geben und damit sich ganz in Uebereinstimmung mit der bei den früheren Reichstagswahlen so wohl bewährten, treu zu Kaiser und Reich stehenden Gesinnung erhalten werde." Zu dieser Reklame schreibt man der„Magdeburger Zeitung" aus Mühlhausen: „Möglich, daß derselbe(nämlich Gras Wilhelm Bismarck) ein tüchtiger Mann nicht nur in seinem Fache werden, sondern auch dereinst das Zeug zu einem würdigen Vertreter eines deutsch- konservativen Wahlkreises haben wird. Bis jetzt aber bietet er hierfür keine Garantien. Äußer einigen Studentenaffairen und etlichen Ferienreisen in Begleitung seines Baters hat die Welt nichts weiter von dem jungen Herrn erfahren, als daß er in den letzten Tagen glücklich sein Asfessorenexamen bestanden hat. Diese an sich ja ganz löbliche That wird doch am Ende nicht genügen, ihn einer intelligenten Wählerschaft als Candi- daten zu empfehlen. Es ist eine etwas starke Zumuthung, welche jene angeblich fre'conservativen Herren einsichtigen und erwach- senen Wählern stellen,„dem Sohn des großen Vaters ihre Stimmen zu geben, nicht um des Sohnes willen, sondern um den Vater zu ehren". Wir wollen auf die Perspektive, welche der Aufruf selbst eröffnet, gar nicht eingehen, wir wollen die Versicherung jener freiconservativen Herren, daß keine Reaktion erstrebt und die bürgerlichen Freiheiten der reichstreuen Bevöl- und abzufangen— erreicht wird. Das ist sozusagen der Grund- Pfeiler unseres Rechts, oder besser unserer Rechtslosigkeit, des Rechts, in der späten Nachtstunde aus dem Bette herausgerissen, barsch verhört, frech durchsucht und gleich dahin abgeführt zu werden, von woher man nur Physisch gebrochen zurückkommt; meistens kommt man gar nicht zurück, sogar die Leichen der politischen Jnhaftirten werden den Angehörigen verweigert. Und das Älles im Namen der„heiligen Ordnung", auf welcher sich die Wohlfahrt— bei Leibe nicht des russischen Volkes— der Romanows und des kleinen Häufleins aus deren nächsten Nähe begründet. Im Namen derselben Ordnung wird sogar die ab- geschaffte Prügelstrafe gegen politische Sträflinge erlaubt, wie es ganz Europa aus dem Vorfall mit Bogoljuboff erfahren hatte. Diese Einrichtungen, so blöde und barbarisch sie auch sein mögen, würden die Form des Protestes, die wir in unserem Falle sehen, nicht herausgefordert haben, wenn nur die Hand- langer der russischen Regierung menschlicher verfahren Üätten und weniger von ihrem lakaienhaften Eifer beseelt wären. Durch das blöde Verfahren der russischen Regierung, den in Europa sogenannten Nihilismus durch gewaltsame Maßregeln, durch Tödtung jedes freien Gedankens, jedes freien Wortes, durch Hetzereien auf Alles, was nur einen Anstrich von Selbstständig- keit besitzt, hatte die Regierung in den letzten 5 Jahren solche grausamen Sitten und Gebräuche unter den Staatsanwälten und Gensdarmen auferzogen, die alles Denkbare übertreffen. Das höhnende und idiotische Lachen über den Schrecken eines jungen Mädchens, gewaltsames Eindringen in dessen Schlafzimmer, Verletzung ihres weiblichen Ehrgefühls, ja ihrer Ehre, und was bei Haussuchungen gang und gebe ist, das junge Machen von einem Gensdarmen im Beisein von vielen Männern am ganzen Körper durchsuchen zu lassen, dem Mädchen ehrverletzende Änerbietunqen zu machen; das grobe Verletzen der Gefühle zwischen Mann und Weib, Bater und Sohn; durch Foltern Ge- ständnisse zu erzwingen, die man nachher fälscht, um sie besser ausbeuten zu können, und endlich die schmutzigsten Verleum- düngen— und alle diese schönen Sachen beg-gnen dem gehetzten Nihilismus! Wie schwer müssen auf der Seele eines jeden Sozialisten und Freidenkenden, eines jeden Geächteten und Ver folgten diese persönlichen Beleidigungen und Verletzungen seines Nächsten lasten. Die politischen Prozesse der letzten Zeit, so heuchlerisch und komödienhaft sie auch seitens der Regierung ge führt worden, haben doch dem russischen Volke gezeigt, was für abscheuliche Sitten und Gebräuche in diesem Neste der czarischen .Ohren und Augen" herrschen. Diese Prozesse empörten das Publikum: sie zeigten, daß Leute, die sogar nach russisch staats- anwaltlicher Ansicht unschuldig sind, jahrelang in Untersuchungs hast in verpesteten Kerkern gehalten, um nachher mit ganz zer- rütteter Gesundheit befreit zu werden. Und was ist natürlicher, als daß Diejenigen, die diese los- gelassene Meute von czarischen Lakaien auf ihren Fersen haben und infolge dessen in einen solchen Zustand von Erregtheit ge- rathen, bei dem man ein unüberwindliches Gelüste fühlt, diese Scheusale, die mit Jedem das niederträchtigste Spiel treiben, zu vernichten, zu erdrücken. Es ist selbstverständlich, daß unter solchen Verhältnissen in den letzten 5 Jahren unter den russischen Nihilisten soviel Haß gegen diese Wirthschaft sich ansammeln mußte, daß Thatsachen der Art, wie in dem letzten Ooessaer Prozesse vorkamen, unbedingt geschehen mußten. Sie werden sich immerfort wiederholen, diese Thatsachen, weil die russische Regierung mit ihren blöd-dummen Hetzereien gegen jeden Funken von freien Gedanken, mit ihren unsäglichen Quälereien der Sozialisten, die letzteren lu solch wilder Vertheidigung führen muß. Noch mehr, die russischen Zeitungen schweigen über solche Vorgänge, und wenn sie schon etwas darüber schreiben, geschieht es nur, um die Sozialisten mit Koth zu bewerfen und die Weisheit der Regierung zu vertheidigen. Der Odessaer Vorfall, wie oben schon bemerkt, ist nicht so glatt abgelaufen. Die 10 Gensdarmen, mit dem Staatsanwalt voran, als sie in die Wohnung der oben angeführten Angeklagten eindringen wollten, wurden mit Revolverschüssen empfangen(in der Wohnung befanden sich noch, außer den Miethern, Iwan Kowalsky, Sohn eines Popen, und die Adeligen Witaschewsky und Klenoff). Die Gensdarmen mußten retiriren mit ihrem Offizier, der stark verwundet wurde. Sogleich wurde Militär requirirt, und nur der überlegenen Macht der Soldaten und Gensdarmen gelang es, nach einem kurzen Kampfe sich der Wohnung zu bemächtigen und die Delinquenten zu verhaften. Bon den Belagerten waren zwei, von den Belagerern, außer dem Offizier, drei Soldaten verwundet. Dieser Vorfall bildete den kerung keine Schädigung erleiden werden, nicht näher beleuchten, obschon es zugegeben sein dürfte, daß Graf Wilhelm, wenn sein Vater eine solche rückläufige Bewegung einleiten wollte, schwerlich der Mann dazu wäre, einem derartigen Beginnen Widerstand zu leisten. Aber zweifellos ist, daß es im eigenen Interesse des jungen Mannes, der vor einigen Wochen 26 Jahre alt geworden, liegt, nicht der so nothwendigen praktischen Ausbildung in seinem Fache schon jetzt entrissen zu werden, welche er hoffentlich selbst noch nicht für vollendet hält. An die liberalen Wähler tritt aber, je klarer die Absicht der Gegner sich enthüllt, nicht mit wirklichen Verdiensten, sondern mit einem bloßen Namen in die Kampflinie einzurücken, desto gebieterischer die Pflicht, einig und rastlos die kurze Zeit zu nützen und für Prof. Reuleaux bei allen Freunden und Bekannten Stimmen zu werben." Ferner bringt die früher fo heiß bismarckische„Magdebur- gische Zeitung" aus Mühlhausen vom 26. April folgenden Ver- sammlungsbericht: „Nicht um seinetwillen, sondern um seinen Vater zu ehren, wollen die Eonservativen unseres Kreises nach eigener Aussag<> den Grafen Wilhelm Bismarck wählen. Es giebt allerdings verschiedene Wege, den Fürsten Bismarck zu ehren. Man hat ihm Monumente errichtet, seine charakteristischen Züge prangen neben denjenigen des Kaisers und des Kronprinzen auf zahl- reichen Kriegerdenkmälern, auf unzähligen Festen ist ein begei- stertes Hoch auf ihn ausgebracht, an vielen Orten ist ihm ein Empfang bereitet, wie sonst nur Königen. Welcher deutsche Pa- triot möchte dies nicht billigen,>vcr thut da nicht gerne nnt, ihn zu ehren und zu preisen! Aber fraglich bleibt, ob gerade die Wahlen dazu gemacht sind, ihn zu ehren. Wenn man aber diese Gelegenheit dazu zu benutzen für recht hält, so fragt es sich noch, was dem Fürsten Bismarck angenehmer sein muß, die Wahl eines Abgeordneten, der die Bismarck'schen Vorschläge auf Grund reicher Erfahrungen und Kenntnisse zu prüfen im Stande ist und ihnen zustimmt, weil er sie als gute erkannt hat, oder die Wahl eines Abgeordneten, welchem jenes Alles abgeht und welcher die Bismarck'schen Pläne nur billigt, weil sie von Bis- marck sind. Aber lassen wir die von den Eonservativen für un- sere Nachwahl so geflissentlich herbeigezogene Person des Reichs- kanzlers außer Betracht; jedenfalls ist es für seinen Sohn, den Candidaten, keine glückliche Einführung, wenn seine begeistertsten Anhänger versichern, sie wählen ihn nicht um seinetwillen. Dieser Gegenstand der Verhandlung vor dem Odessaer Kriegsgericht.') Ich will Sie mit den Details dieser langweiligen Comödien- Verhandlung verschonen. Nur eins über die Außenseite solcher Verhandlungen. Die Richter werden im Voraus schon bedeutet, wie und wen sie zu verurtheilen haben. Aus diesem Grunde ist die Anklagerede immer flau und langweilig, und die des Vertheidigers besteht in allgemeinen Redensarten, um Nachsicht, um Gnade u. s. w. Ich will Ihnen aber von dem im Äus- lande wie bei uns unbekannt gebliebenen Straßenkampf(die Darstellungen unserer heimischen Presse über diesen Borfall sind durchaus verlogen und unrichtig), der vor dem Gerichtssaal und in den umliegenden Straßen nach Verkündigung des Urtheils stattgefunden hatte. Das Urtheil, welches nach mehr als sieben- stündiger Berathung(von 2 bis 9 Uhr Abends) der Behörde verkündet wurde, machte einen ungeheuren Eindruck auf die An- wesenden, und wie ein Lauffeuer verbreitete es sich in der das Gerichtsgebäude umstehenden Menge. Das Urtheil lautete, wie Sie schon wissen: gegen Kowalewsky zum Tode durch Erschießen�), gegen Swititsch aus 8 I., Witaschewsky und Klanoff je 4 Jahre Bergarbeiten in Sibirien(Katorga). Die Frauen Achanaßjewa und Witten zur Verbannung nach Sibirien und Frau Merscha- nowa zu vierwöchentlichem Arrest. � Ich erlaube mir hier, die Worte eines Augenzeugen des Straßenkampfes anzuführen.„Die ganze Straße ringsum dem Gerichtsgebäude," erzählte mir mein Gewährsmann,„war mit Kosaken besetzt, außer den im Gerichshofe sich befindenden 200 Mann. Die angesammelte Volksmenge bestand aus mehreren Tausend Mann, die gegen Abend noch zunahm. Das Publikum bestand aus verschiedenen Elementen und Klassen, und die größere Mehrheit bildeten die Neugierigen. Das Publikum wurde gegen Abend von den Kosaken umringt, die Lanze bereit haltend, als ob sie das Commando zum Angriff erwarteten. Mit einem Mal erscholl ein schrecklicher Ruf:„Kowalsky ist zum Tode verurtheilt!" Der Ruf verbreitete sich im Nu, die versammelten Massen wurden unruhig. Die Todesstrafe! die Todesstrafe! erscholl es von allen Zeiten... Schluchzen... Verwünschungen... Mörder... miserable Henker... erfüllten die Luft... die Erregung der Menge stieg zum höchsten Grade... und da erscholl das Com- mando eines Offiziers:„Schlagt sie nieder mit dem Kolben!" Und eme gräßliche Scene folgte diesem Commando. Die Kosaken, die Pioniere der russisch civilisatorischen Mission in der Türkei, stürzten sich auf die unbewaffnete Menge und schlugen und rannten alles nieder.(Selbstverständlich schreiben die russischen Zeitungen, daß die Ruhe und Ordnung ohne einen Schuß Pulver hergestellt wurde.) Dann erst folgten aus der Menge vier Schüsse. Von einem längeren Widerstand war natürlich keine Rede; die Menge wurde in allen Richtungen ver- sprengt und verfolgt, und die Straßen blieben in den Händen der braven Soldaten. Nun ging erst die Hetze los durch alle Straßen, auf den Promenaden, alles Verdächtige wurde malträtirt, geknebelt und verhastet; Frauen an den Haaren herbeigeschleppt. Vom Kampfplatz trug man zwei Todte: einen Gymnasiasten der höheren Klasse und einen Studenten; verwundet waren vier Soldaten und ein Offizier. Im Laufe der Nacht wurden viele Hanssuchungen und Verhaftungen vorgenommen, und bald werden wir abermals von einem neuen Prozeß mit politischer Tendenz zu hören bekommen. Im Gerichtssaal spielte sich eine andere nicht minder traurige Scene ab. Eine der Angeklagten bekam bei Verlesung des Ur- theils einen Anfall von Hysterie. Aus dem Publikum, das spärlich vertreten war und nur aus den höheren Klassen bestand, erschollen Rufe der Entrüstung... Schluchzen und hysterisches Weinen. Kurz und gut, der Vorsitzende konnte die Verlesung des Urtheils nicht zu Ende bringen. Die Thatsachen sprechen für sich selbst: Das ist Rußland bei sich zu Hause, im näxti�ö so zu sagend) So wird von dem Czaren und seinen Helfershelfern das Land regiert und civilisirt. O heilige Knute! ') Wie eS scheint ist die russische Regierung gesonnen, von nun an alle politischen Prozesse vor das Kriegsgericht zu verweisen. So wenig- stens lautet ein neuer Ukas. Kowalewsky wurde den 3. August/- Fuß hoch. Nach der For- derung von 6 Quadratfuß für je ein Kind und den entsprechen- den 11 Bänken zu 6 Sitzen ist darin für 66 Kinder Raum. Und zu dieser Schule gehörten bis Ostern d. I. 471 Kinder, das heißt siebenmal mehr, als unter Beobachtung der einfachsten sanitären Vorschriften in dem Raum untergebracht werden könn- ten! Es wird nun bereits für ein neues SchulhauS zusammen- gesteuert, doch übersteigen die geforderten Beiträge die Leistungs- fähigkeit des armen Volkes. So mußte z. B. als erste Rate ein Besitzer von l'/s Hufen 40 Thlr. und ein Jnstmann 2 Thlr. 22 Sgr. zahlen, und es folgen noch mehrere Raten. Beiläufig ein schlagender Beweis dafür, daß die Schule nicht Gemeinde- angelcgenheit sein kann. Aber warum legt sich denn der Staat nicht ins Mittel? I: nun, der braucht, was er aufbringen kann, in erster Linie für die Soldaten, und es langt nicht einmal. Die Kasernen gehen in unserer Blut- und Eisenzeit natürlich den Schulen vor. — Ein Urtheil über Revolutionen. Ein bekannter deutsch-conservativer Sozialpolitiker schreibt kürzlich von Paris aus in einem Privatbriefe folgendes:„Gegenwärtig studire ich täglich in den Staatsarchiven und der National- bibliothek die Vorgeschichte der französischen Revolution von 1789, die sehr lehrlich ist für die Entwicklung, welche sich unter unseren Augen vollzieht. Sie wissen, daß ich nie Revolution machen oder befördern helfen werde, aber ich will wenigstens erkennen und begreifen lernen, wie ungeschickt und schlecht eine Regierung fem muß, wenn es ihr gelingt, das stets fried- fertige Volk auf die Barrikaden zu treiben--."— Wir betonen nochmals, daß dieser Ausdruck von einem hochconser- vativen Manne herrührt. — Neumodische Ordnungs-Kanaille. Ueber die von uns schon erwähnten Vorfälle in Schwerin, welche ein be- solideres Beispiel von Sittenverwilderuug sind, schreibt die „Frankfurter Zeitung":„Zum vierten Male sind dem Hofbau- rath Demmler, dem früheren sozialdemokratischen Reichstags- abgeordneten, die Fenster eingeworfen worden; in einem Zeitungs- inserate macht er dies bekannt und bittet, ihn endlich in Ruhe zu lassen. Und das geschieht gegenüber einem Manne wie Temmler, der ein hervorragender Künstler, ein vollendeter Ehren- mann und dazu ein Greis ist! Trotz seiner abweichenden Ge- sinnung erhielten ihm die politischen Gegner, der Hof in Schwerin selbst die größte Achtung; unsere neumodische Ordnungs- Kanaille aber ehrt weder seine geistige Bedeutung, noch seine Herzensgute, noch sein hoh-s Alter. Es wäre an der Zeit, daß man ein Ausnahmegesetz gegen derlei Buben machte. welche doch noch eher zu fassen wären, als die sozialdemokratisch sozialistisch- kommunistisch- untergrabenden Ideen."— So die „Frankfurter Zeitung".— Die liberalen Zeitungen verschweigen fast sämmtlich diese Früchte ihrer Erziehung. Di- freiconservative, wohlanständige„Post" meldet ohne ein Wort der Entrüstung die jammervolle That der Ordnungs- strolche und hebt ihre Nachricht mit folgenden bezeichnenden Worten an:„Wie man erwarten mußte, hat das Beglück- wünschungS-Telegramm des Hofbauraths Demmler Hierselbst zu der Wahl Fritzsche's in Berlin wieder Aufregung erzeugt und es sind Demmler abermals Fenster eingeworfen."—„Wie zu erwarten stand"! Ein herrliches E.ngeständniß. Natürlich stehen solche Rohheiten, Pöbeleien und„rettende Thaten" zu erwarten bei den Aufhetzereien, welche die conservativen und liberalen Hetzblätter gegen die Sozialdemokraten loslassen. Es sich, wie vielfach berichtet wird, und noch häufiger als berichtet vorkommt, in elender Angeberei gefallen, das deutet auf eine Gesunkenheit des Charakters, die ihres Gleichen nur in der von Tacitus, Suetonius u. A. so gründlich geschilderten Angeberei aufzuweisen hat. Es ist gewiß bei den jetzigen Zuständen in Deutschland am Platze, jenes Gesetz wieder in Erinnerung zu bringen, welches die Kaiser Theodosius, Arcadius und Honorius vor 1400 Jahren am 10. März erließen und das sich im Corpus juris, im Codex über IX. t!t. 7 Lex 1 befindet. „Wenn Jemand, jeder Bescheidenheit und Scham baar, sich herausnimmt, mit ruchloser muthwillig-frecher Schmähung unsere Person(Namen) anzugreifen und, wie ein von Trunkenheit Auf rührerischer, unsere Zeit(Regierung) schmäht— Den wollen wir nicht mit Strafen bewältigt wissen(poeuae uolurnus subjugari), noch soll er irgend etwas Hartes(durum) oder Strenges (asperum) erleiden, weil seine Handlungsweise, wenn sie aus Leichtfertigkeit entsprang, der Verachtung, wenn aus Sinn- loirgkeit, es am würdigsten ist, daß sie dem Mitleid verfällt, wenn sie aber als Injurie begangen wurde, nachzusehen ist." Diesem Bilde in diesem Gesetze halte min die heutigen deut- schen, insbesondere die Zustände in Preußen gegenüber. Der Schreiber dieser Zeilen hat die gesammte Reichsgesetz« gcbung nicht nur vor sich liegen, sondern eingehend studirt und mit anderen und früheren Gesetzen verglichen. So oft er einen Blick auf dieselben wirft, erinnert er sich der Antwort, die ihm ein ehemaliger Staatsminister der Metternich'schen Zeit und Tendenz gab:„Ob man es wohl regierungsseitig unternommen haben würde, solche Strafgesetze den deutschen Ständckammern der einzelnen Staaten in jener Zeit vorzulegen und ob man auf Erfolg gerechnet haben würde?" Die Excellenz antwortete ohne Zögern:„Das hätten wir nicht gewagt." Man muß bedenken, daß der 65 sie oder 75ste Mann ein öffentlicher Bediensteter ist, man muß die ganze Organisation der öffentlichen Gensdarmerie, Zollwächter u. dgl. inbegriffen, und der geheimen Polizei und Spionage, die für dieselbe paraten, budgetmäßigen, und die Mittel des Reptilienfonds hinzunehmend, überschauen, dann: 1)„Das Strafgesetzbuch nnt seinen 370 Hauptparagraphen und zahlreicher Unterabtheilungen, ferner ist nur sehr verwunderlich, daß solche Exzesse so selten vor- kommen! — Berichtigung. Nicht der Bundesrath, sondern der Justizausschuß des Bundesraths hatte beschlossen, daß in der sozialistenvorlage der Passus, welcher das confiscirte Vermögen der Sozialdemokratie den Armenkassen zuwendet, gestrichen wer- den sollte. Der Bundesrath aber in seiner Plenarsitzung hat auf Antrag Preußens in diesem Punkte die ursprüngliche Vor- läge wieder hergestellt. — Gut unterrichtet! Durch die liberalen Blätter geht folgende Notiz:„In sozialdemokratischen Kreisen beschäftigt man sich sehr eifrig mit der Frage, wie man, falls das Sozialisten- gesetz angenommen wird, den bedrohlichen Verhältnissen begegnen und aus dem Schiffbruch noch möglichst viel retten könne. Da liegt denn nun, wie mitgetheilt wird, die Absicht vor, an dem- selben Tage, an welchem das erwähnte Gesetz in Kraft tritt, oder vielmehr an welchem es im Reichstage angenommen wird, ein Verbot der sozialdemokratischen Zeitungen nicht erst abzu- warten, sondern ihr Erscheinen freiwillig zu sistiren und ebenso die gesummten Bereine, Hilfskassen u. f. w. aufzulösen, damit für die Verfolgungen und Confiskationen kein greifbares Objekt übrig bleibe. Die Partei hält sich für hinreichend erstarkt, um die Agitation heimlich von Haus zu Haus fortsetzen zu können, ohne dabei Handhaben für die Anwendung des Ausnahmegesetzes zu bieten. Da man jedoch auf die Dauer der Hilfe der Presse nicht gut entrathen kann, so beabsichtigt man, Parteiblätter im Auslande drucken zu lassen und gleich im vornherein Einrich- tungen zu treffen, welche die Verbreitung dieser Zeitungen trotz Verbot und trotz Entziehung des Postdebits ermöglichen sollen." — Wir freuen uns, daß die liberalen Blätter so sehr besorgt um uns sind, daß sie uns gute Rathschläge ertheilen. — Ausbreitung der Sozialdemokratie. Aus Holland ertönt in gegnerischen Blättern folgender Nothschrei:„Die Sozialdemokratie hat auch in den Niederlanden festen Fuß gefaßt; in demselben Augenblicke, wo in Deutsch- land der Kampf gegen dieselbe energisch beginnt, wagt in Rotterdam und anderen Städten die Sozialdemokratie kühner als je das Haupt zu erheben. In der genannten Stadt besteht seit längerer Zeit ein Allgemeiner Niederländischer Ar- beiterbund, der sich ausschließlich mit den materiellen und intellektuellen Interessen des Arbeiterstandes beschäftigte, sich in keiner Weise jedoch in die Politik mischte. Der neugestiftete sozial- demokratische Verein gab sich zuerst Mühe, als ein Zweigverein des Allgemeinen Arbeiterbundes anerkannt zu werden; da aber der letztere die Erörterung politischer Fragen von seinem Pro- gramm grundsätzlich ausgeschlossen haben wollte, so constituirte sich der sozialdemokratische Berein selbstständig, und es ist vor- auszusehen, daß beide Vereine sich bald feindlich gegenüberstehen werden. Daß in nicht zu langer Zeit im Königreich der Nieder- lande keine Stadt mehr gefunden werden wird, in der die Sozial- demokratie nicht ihre Vertreter hat, darf als sicher angenommen werden, wie auch, daß von Seiten der Regierung nichts geschehen wird, um die vielleicht jetzt noch ungefährliche Bewegung in solche Bahnen einzulenken, daß dem gemeingefährlichen Charakter derselben dadurch die Spitze abgebrochen würde."— Hm! Mit dem„Spitzeabbrechen" ist's ein eigen Ding. Es ist das leich- teste und das schwerste Ding von der Welt. Das schwerste, wenn die Regierung sich einbildet, sie könne willkürlich die Be- wegung lenken oder unterdrücken— das leichteste, wenn sie so gescheit ist, die Hände von der Arbeiterbewegung zu lassen und, statt sie hemmen zu wollen, ihr durch vernünftige Reformen förderlich zu fein. —„Die Todten soll man ehren." Selbst die Barbaren handeln nach diesem Ausspruch.— Die Arbeiter Deutschlands wollten ihrem größten Todten, Ferdinand Lassalle, zu Ehren am 31. August, an dem Todestage desselben, in zahlreichen Orten Todesfeiern veranstalten. Dieselben sind aber fast überall von der Polizei verboten worden. — In Nürnberg ist den Soldaten der Besuch von 49 Wirthschaften verboten worden, wo Sozialdemokraten verkehrten. „Kommt der Berg nicht zu uns, so gehen wir zum Berge!"— In Königsberg bat man den Militärpersonen das Lesen und Halten der beiden Fortschrittsblätter, der„Hartnngschen" und der„Königsberger Allg. Zeitung" verboten. Bald wird's den 2) Alle Gesetze, welche neben dem Strafgesetzbuche Straf- bestimmungen enthalten oder sich auf das Strafrecht beziehen. 3) Das Militär- Strafgesetzbuch. 4) Die Steuer- und Äbgabeu-Strafgesetze. 5) Die Polizei- Strafgesetzbücher genau studiren und endlich 6) Die Gesetze über die Presse. 7) Ueber's Vereinsrecht. 8) Uiber Versammlungen und Aufzüge, von den zahllosen anderen Verordnungen nicht zu reden, hinzunehmen. Von selbst muß man darauf kommen, sich dann die Frage zu stellen: Bedarf es neben dem colossalen Apparat noch weiterer— Gesetze zur Sicherung der Staatsmaschine?-- Dieses ewige Geprahle von der heutigen„deutschen Freiheit" ist für den mit Gesetzen Vertrauten mehr als widerlich. Dasselbe geht aus und wird täglich und stets wiederholt: von der offi- ziellen Presse und vom Beamtenheer,--- und all dem Apparat steht eine hilflose Presse gegenüber.-- Will man über gewisse Personen oder Vorgänge m Deutsch- land auch nur halbe Wahrheit erfahren, so muß man die Blätter fremder Nationen durchforschen, um doch etwas Sicheres zu erfahren. Man redet dem Volke und dieses zuletzt sich selbst ein: der alte Polizeistaat sei todt, während er in neuer Uniform, neu aufgelegt, mehr florirt als je und zwar mit seinem alten Motto: „Alles, was nicht speziell erlaubt ist, ist verboten." Kostbar aber ist es anzusehen, wie die Hauptgesetze und Maß- regeln von den verhaßten Franzosen oft wörtlich copirt sind; besonders die Pr.ß, Vereins-, Versammlungs- und Straf- gesetze Louis Napoleon's. So gleicht auch das jüngst un aufgelösten Reichstag verworfene Gesetz wie ein Zwilling dem Bonapartistischen Ausnahmegesetze, welches auf Orsim's Attentat folgte.-- Es fehlt nun nur noch für die bevorstehenden Reichstagswahlen das System der„offiziellen Regierungscandidaten"(eavditalares officielles) und die Copie des Systems des Dezember- Mannes wird vollständig.(Die Regierungscandidaturen sind inzwischen auch eingeführt worden. Red. d V.) nationalliberalen Blättern an den Kragen gehen. Wir aber rufen unfern liberal- fortschrittlichen„Freunden" von ganzem Herzen zu:„Getheiltes Leid ist halbes Leid"! In Duisburg ist der Vorstand des früheren Arbeiter- Wahlvereins für den Wahlkreis Duisburg-Mülheim wegen ver- botener Verbindung mit anderen politischen Vereinen in An- klagezustand versetzt worden.— Gerade als ob für Sozialdemo- kraten der Z 17 des Wahlgesetzes für das deutsche Reich nicht vorhanden wäre.— Genosse Tischer in Görlitz ist am Freitag plötzlich wieder verhaftet worden. Grund unbekannt. — Auslieferung. Wie aus Wien gemeldet wird, hat das österreichische Justizministerium die Auslieferung des von dem Stadtgericht Breslau wegen Majestätsbeleidigung verurthcilten und von diesem Gerichtshofe steckbrieflich verfolgten Redakteurs der sozialdemokratischen Zeitschrift„Die Wahrheit", Karl An- dreas Keller, welcher am 3. August d. I. von der dortigen Polizei in Haft genommen wurde, an das Stadtgericht Breslau genehmigt. Es wäre dieses die erste Auslieferung eines poli- tischen Verbrechers seitens der österreichischen Regierung; bisher hatte man es bei der Ausweisung bewenden lasten.— Genosse Lienig, besten Auslieferung von Bayern verlangt wurde, ist 1875 nach dreiwöchentlicher Haft in Wien nicht ausgeliefert worden, sondern konnte sich dort ungestört weiter aufhalten. 8. Aertin, den 30. August. Auch hier, wie fast überall in Deutschland, st die projektirte Lassallefeier verboten worden; die Machthaber sind so irre an sich selbst geworden, daß sie einen Tobten fürchten. Allerdings einen Tobten, besten überlebender Geist die ganze herrschende Gesellschaft, die frech genug ist, sich noch immer zu den Lebenden zu rechnen, um Haupteslänge überragt.— Das größte Ereigniß hier ist, daß, nachdem man den Dr. Hirsch fortgedrängelt hat,„unser großer Mitbürger", Herr Ludewig Löwe(für den Setzer: um des Himmels willen nicht Lewy, sonst wird er zornig), am 28. d. M. in den Reichshallen seine Candidatenrcde für die am 4. September stattfindende Nach- wähl zum Reichstage für den ersten Berliner Wahlkreis gehalten hat. Man muß Ludewig Löwe persönlich kennen, wenn man sich den rechten Begriff von diesem welterschütternden Ereigniß machen will— man muß diese Eitelkeit und Eigenliebe sehen, wenn er die Tribüne besteigt, um einige hohle Phrasen zu drechseln! Löwe ist bekanntlich als Candrdat der vereinigten Ordnungs- männer, also auch der Conservativen und Reaktionäre, in Stollberg-Schneeberg gegen Liebknecht durchgefallen; dort wußte er— er hatte ja einen Sozialdemokraten zum Gegner— sich in den schmählichsten Schimpfworten und Verleumdungen gegen unsere Partei zu ergehen und das Ausnahmegesetz— er mußte ja auch die Reaktionäre fangen— in vielen Punkten als ein Bedürfniß hinzustellen; jetzt aber in Berlin— er steht ja den Conservativen und Nationalliberalen gegenüber— reicht er den Sozialdemokraten sein Katzenpfötchen und donnert gegen die Ausnahmegesetze. Nur einmal stellte er sich noch weiter rechts in seiner Rede uns gegenüber, als es selbst die preußische Re- gierung thut, indem er behauptete, daß wir den Staat und die Gesellschaft untergraben wollten. Die Regierung spricht doch immer nur von einer bestehenden Staats- und bestehenden Gesellschaftsordnung. Gleich darauf aber war der brave Ludewig wieder so gnädig, daß er meinte, die Sozialdemokraten brauchten aber doch solcher Untergrabungsgelüste halber nicht durch ein Gesetz geächtet zu werden. Eine Liebe ist der andern Werth. Ludewig Löwe hatte früher einmal den„Arbeiterabgeordneten" Klotz, der sich im sechsten Berliner Wahlkreis hat in den Reichstag hineinschwindeln lassen, den Nachfolger Waldeck's genannt(sonst galt als Nach- folger dieses Ehrenmannes immer bei den Fortschrittlern der verstorbene Hooerbeck); diese Schmeichelei bewog den alten Herrn dazu, Ludewig Löwe warm zu empfehlen. Dabei konnte Klotz es aber nicht unterlassen, wie vor einigen Tagen dem Eugen Richter, diesmal dem braven Ludewig eine Moralpredigt zu halten. Klotz sagte nämlich, daß man einst den Fortschrittlern nachsagen müßte, sie seien ehrliche Leute gewesen, sie hätten ihre Mandate nicht zu ihrem Vortheile benutzt, und fügte dann hinzu, daß Ludwig Löwe allerdings in seiner communalen Wirk- samkeit Dem oder Jenem zu nahe getreten sei(Viehhof! Viehhof!), das dürfe man ihm aber nicht nachtragen. Ein böser Hieb, lieber Ludewig, von dem alten Correktor der Fort- schrittsbrüder, den Du da empfangen hast! Löwe hat nämlich die Verlegung des Viehhofs in der Stadtverordnetenversamm- lung nach einem Theile der Stadt durchgesetzt, in welchem er, seine Verwandten, seine Freunde und seine Gönner großen Grundbesitz haben, der natürlich im Werthe durch die Verlegung steigt.— Empfohlen wurde Löwe trotz alledem und gewählt wird er auch trotz alledem— Moral braucht ein fortschrittlicher Schwätzer eben nicht zu besitzen. Die Liberal- Conservativen wollen im ersten Wahlkreise dem Herrn Löwe den in München durchgefallenen Freiherrn von Stauffenverg entgegenstellen. Im 2. Wahlkreise wird fortschrittlicherseits der in Rudolstadt durchgefallene frühere Abgeordnete Hofmann, von unserer Seite Genosse Baumann aufgestellt. Die Conservativ-Liberalen schwank- ten zwischen Grüneberg, Grumbrecht und dem Dr. Struckmann. Der Letztere ist nominirt worden.--- Der Redakteur der„Tribüne", Freund von„Unserm Braun", Herr Dürholt, hat sich in der Nacht vom 26. bis zum 27. in der Leipziger Straße mit einem Kellner geprügelt, wobei ihm übel mit dem Hausschlüssel mitgespielt worden ist. Ich erwähne diesen Vorfall nur, weil Dürholt einer der hervorragendsten Ordnungsmänner der liberalen Partei ist und auf die„pöbel- haften Sozialdemokraten" in denkbar pöbelhafter Weise fort- während schimpft.— Das hiesige Stadtgericht scheint dem Re- porterunfug, den die Herren Wagner und Bennemann hier längere Zeit getrieben haben, ein Ende setzen zu wollen. Po- lizei- und Criminalbeamte sind aufgefordert worden, diesen Wind- beuteln, welche alle Nachrichten(Hödel-Nobiling-Lügen) nur der „Zeilenreißerei" wegen übertreiben, keinerlei Mittheilung mehr zu machen. Den liberalen Zeitungen, voran die„Tribüne" und das„Tageblatt", welche lediglich nur vom Scandal leben und auswärtige Blätter(auch das„Leipziger Tageblatt" und die „Deutsche Allgemeine Zeitung" in Leipzig. Der Setzer) mit Scandalnachrichten aus Berlin füttern, sind über diese Anord- nung sehr erbost und sprechen von Beeinträchtigung der Preß- freiheit. Schöne Preßfreiheit, das! Ausnahmegesetze gegen die Freiheit, Unterstützung der Lüge und der Verleumdung— so möchte es die hier herrschende liberale Presse gern haben. Areeka«, 26. Aug. Als der Arbeiter Liehr Sonntag Abend vor 9 Uhr am Arme seiner Frau über die Schweitzerstraße ging, begegnete ihm ein gemeiner Soldat vom 51. Infanterieregiment, welcher sich unanständige Handbewegungen gegen die Frau er- laubte. Auf die Erwiderung der Frau, daß sie sich derartige Rohheiten verbitte, stürzte aus einem Nachbarhause, wo sich eine ! militärische Wachtstube befindet, ein wachthabender Soldat her- ! aus, drang mit gezogenem Säbel auf den Mann ein, warf den- selben zu Boden und schlug ihn, so oft er aufstehen wollte, mit ! seinem Seitengewehr nieder. Eine große Anzahl Soldaten um- ringten die Angegriffenen während dieses Vorsalls und schleppten schließlich das Ehepaar in die Wachtstube. Der Mann wurde hierbei arg gemißhandelt, der Frau wurden die Kleider buchstäb- lich in Fetzen vom Leibe gerissen. In der Wachtstube wurden die Brutalitäten fortgesetzt, ein Soldat packte den L. bei der Kehle und schleuderte ihn herum, ein anderer empfing die An- gegriffenen mit dem Ausrufe:„Das Gestrige muß gerächt wer- den!"(Bezieht sich auf einen Vorfall der vorangegangenen Nacht, wo Soldaten mit dem Rufe:„Euch Sozialdemokraten wollen wir's anstreichen!" Häuser demolirten und Menschen verwundeten.) Ein anderer Soldat hielt dem L. sein Gewehr vor das Gesicht und rief:„Das ist scharf geladen, hier ist Feuer drin!" und auf seine Patrontasche zeigend:„Hier giebt's noch mehr, wenn das nicht langt!" Als L. sich als Reservist legi- timiren wollte und angab, daß er auf der Schweitzerstraße wohne, erhielt er zur Antwort:„So, hier wohnt Ihr, da seid Ihr schon das richtige Pack," ferner mußte das Ehepaar Schimpf- Worte anhören, wie:„Du Louis, Du H...!" Leute aus der Nachbarschaft erschienen durch den Lärm angezogen in der Wacht- stube und legitimirte das Liehr'sche Ehepaar als friedliche, ruhige Menschen, so daß sich die wüthenden Soldaten schließlich genöthigt sahen, nach halbstündiger Freiheitsberaubung die Gefangenen wieder zu entlassen. Der Arbeiter Liehr ist sehr schwer verletzt und wird bestenfalls wochenlange Arbeitsunfähigkeit davontragen. (Es ist ein gutes Zeichen für die Tüchtigkeit des deutschen Volks, daß bei den fortwährenden Aufhetzereien der Soldaten gegen die Sozialdemokraten von den ersteren nicht noch mehr Exzesse gegen unsere Parteigenossen begangen werden. R. d. V.) Zittau, 18. August. Auch aus unserem 1. sächsischen Wahl- kreise sind wir in der freudigen Lage, durch die am 30. Juli abgegebene Stimmenzahl einen enormen Zuwachs unserer Partei zu verzeichnen; wenn man in Betracht zieht, daß wir beinahe ohne Agitationsmittel und ohne daß unser aufgestellter Candidat, Herr Otto Freytag in Leipzig, sich seinen Wählern persönlich vorgestellt, wohingegen der Gegencandidat der sogenannten„ver- einigten liberalen Parteien" am hiesigen Orte zu verschiedenen Malen aufgetreten und auch beinahe jedes einzelne Dorf in nnserm Bezirk heimgesucht hatte, unser Candidat dennoch eine Stimmenzahl von 1921 erhielt.(Bei der Reichstagswahl im Januar 1877 erhielt unser damaliger Candidat 1280 Stimmen.) Indem wir uns mit vollem Rechte ob dieses günstigen Resultates freuen, wollen wir aber auch hoffen, daß sich nunmehr auch die uns noch Fernstehenden anschließen werden, damit wir bei der nächsten Wahl als ein geschlossenes Ganze, Mann an Mann, dastehen.— Bei dieser Gelegenheit erlauben wir uns zur Kenn- Zeichnung der hier„vereinigten liberalen Parteien" eine von dieser Gesellschaft abgehaltene Wühlerversammlung zu erwähnen, obschon wir überzeugt sind, den geehrten Lesern d. Bl. dadurch nichts Neues zu bieten, da das Borgehen dieser Gesellschaft nach den verschiedenen Berichten wohl als ein„schablonenartiges" be- zeichnet werden kann: überall dieselbe Einladungsform, wodurch schon an und für sich die Mitglieder unserer Partei von der Theilnahme ausgeschlossen waren; überall dieselbe Einleitungs- klausel, welche stets mit den Worten„die ruchlosen Attentate auf das geheiligte Haupt ec." begann und mit„Vernichtung der hirnverbrannten Umsturzpartei" endigte; überall die inhaltgleiche, phrasenreiche, vielversprechende und kautschukartige Programm- Entwickelung des vortragenden Candidaten u. f. w. Die einzige Ausnahme, welche man uns gestattete, war die, daß man an allen Orten die Redezeit auf volle 10 Minuten(!) feststellte. Unser bewährter Genosse, Herr Renke, welcher zum Glück von dem betr. Vorsitzenden trotz seiner colossalen Brille nicht früh genug als Sozialdemokrat erkannt wurde, benutzte denn auch diese 10 Minuten in der ausgiebigsten Weise, bei welcher Ge- legenheit derselbe alle ausgesprochenen Verdächtigungen und Schmähungen gegen unsere Partei mit warmen, zum Herzen sprechenden Worten widerlegte und die Grundprinzipien der Sozialdemokratie in leicht faßlicher und klarer Weise kennzeichnete, was denn auch bei den zahlreich versammelten Zuhörern ihre Wirkung nicht verfehlte, indem am Schlüsse dem Redner fast allgemeiner Beifall gezollt wurde, so daß die Herren am Vor- standstische in der größten Verlegenheit sich zu befinden schienen. Das war denn doch zu viel für ein„vereinigt liberales" Comitö, das mußte gerächt werden. Und so geschah es denn auch, daß der Vorsitzende, nachdem das Bravoklatschen verklungen, den gen. Redner darauf aufmerksam machte, daß er nicht das Recht gehabt, in dieser Versammlung zu sprechen, indem nur die Mitglieder ihrer Farbe eingeladen seien und auch nur diese allein dieses Recht für sich in Anspruch nehmen könnten. Jedoch nun war es einmal zu spät; das was zu sagen nothwendig gewesen, es war gesprochen, es hatte augenscheinlich gewirkt, denn sogar nach mehrmaligem Auffordern des Vorsitzenden zur Weiterführung der Diskussion meldete sich kein Redner mehr zum Wort und wurde, nachdem derselbe den Candidaten Herrn Rentsch aus Berlin nochmals empfahl und der gen. Candidat a la Grüneberg die Versammelten ebenfalls bat, ihre Stimmen auf seine Person zu vereinigen, die Versammlung geschlossen.— Zum Schlüsse noch eine Probe der jetzt üblichen Sozialistenhetze: Ende Juli wurde hier der Photograph Unger wegen Mordes verhaftet; die „Zittauer Morgenzeitung", welche diese Nachricht zuerst ihren Lesern auftischte, konnte bei dieser Gelegenheit nicht umhin, nnter anderen, ihr größtentheils von alten Weibern zugebrachten Nach- richten über die Art und Weise des begangenen Mordes, sowie auch über die Person des Mörders selbst noch die Bemerkung beizufügen:„Unger ist Sozialdemokrat". Obschon es heute geradezu Mode geworden ist, jeden gemeinen Verbrecher der Sozialoemokratie anhängen zu wollen, so gehört aber zu ge- nannter Auslassung denn doch eine so bodenlose Portion Frech- heit, die selbst— Hödel nicht zuzutrauen war, denn der Re> dakteur dieses Klatschblattes weiß nämlich ganz genau, daß der- selbe Mitglied der Partei ist, von welcher gen. Blatt unterstützt wird, und folglich auch in diesem Sinne schreiben muß, nämlich der— Fortschrittspartei. München, 27. Aug. Allgemeine Verwunderung rief es her- vor, das zu Königs Geburtstag das Gebäude der Polizeidirektion mit einer blau-weißen und einer mächtigen weithin flatternden schwarz-roth-goldenen Fahne beflaggt war. Leider sollte die Freude der guten Münchener nicht lange dauern, denn im Laufe des Vormittags wurde die schwarz-roth-goldene Flagge ein- gezogen und nun baumelte die blau- weiße Fahne wieder allein im Winde. Selbstverständlich ist über die Assaire ein genauer Bericht nach Berlin abgegangen, und soll man an maßgebender Stelle darüber ziemlich verschnupft gewesen sein. ßainsdorf, 27. Aug. Die Hundstage und die Wahlcampagne sind vorüber, nicht aber die Arbeitsentlassungen. So wurde dieser Tage wieder ein Arbeiter auf der Königin-Marienhütte entlassen, der daselbst seit 1865 in Arbeit stand. Auch gelang es demselben nicht, an anderer Stelle Arbeit zu erhalten, n?eil unter dem Arbeitsattest von der Königin-Marienhütte sich vier kleine Striche befanden, die jedenfalls andeuten sollten, daß der betr. Arbeiter Sozialist sei. Uebrigens hat sich auch wieder hier der Fall zugetragen, daß einem eifrigen Reichsfreunde, der kurz vor der Wahl den Sozialisten öffentlich den Vorwurf machte, den Cultus der„freien Liebe" einzuführen, dieser Tage etwas ganz Sonderbares Pasfirt ist. Besagter Herr, schon seit Jahren verheirathet, machte nämlich uulängst einem jungen Mädchen in Niederplanitz wiederholt Heirathsanträge, die dieselbe jedoch späterhin zurückweisen mußte, da es zu ihrer Kenntniß gelangte, daß ihr„Anbeter" bereits verheirathet sei. Darauf schwur der abgewiesene Freier„bei Gott dem allmächtigen und allwissenden", daß er ledig sei. Natürlich ist dieser Vorfall den„Reichstreuen" nicht gerade angenehm, da doch sonst die Ordnungshelden in jeder Beziehung moralische Musterkarten sein wollen. Augsburg, 24. August. Kann die Sozialdemokratie vernichtet werden? Durch Pulver und Blei? Durch Einkerkerungen? Durch Gewaltmaßregeln? Mit Nichten! Der Mensch hat trotz aller Gewaltmaßregeln und zu Stande kommenden Ausnahms- gesetze doch noch immer in seiner Familie und im Kreise seiner Freunde Gedankenfreiheit. Die Sozialdemokratie erbt sich in der Familie fort, der Drang nach Freiheit und Gleichberechtigung wird immer mächtiger und gleicht dem Bergstrome, der Alles überspringt, was feinen Lauf zu hemmen sucht. Als ich noch ein Knabe von 12 Jahren war, las ich die Hinrichtung des Freiheitskämpfers Robert Blum. Und fest hat sich mir ins Ge- dächtniß gesetzt die Abbildung in der Ulmer Bilder-Chronik des Jahrgangs 1849, wie der freie Mann zu sterben weiß, wie Robert Blum mit erhobener Rechten die Worte sprach:„Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft, möge das Vaterland meiner eingedenk sein." Von Kugeln durchbohrt hauchte er sein Leben aus. Eine Trauerkunde durchlief das ganze Land, eilt Mord von„Rechtswegen" war geschehen, und der Staat war gerettet. Das Leben konnte man dem Freiheitshelden nehmen, aber seine Ueberzeugung lebte fort, lebt heute noch und wird fortleben. Und gegen solches ForUeben will man Ausnahme- gesetze fabriziren? Welche Thorheit! Werden diese genügen, um dem Denken des Menschen Grenzen zu setzen? Nein. Der Drang nach Freiheit, das Streben der Sozialdemokratie hat so sichere Grundlagen, daß alle Gewaltmaßregeln ohnmächtig seilt werden gegen den strebenden Geist des Menschen, gegen den Aufbau des Sozialismus. Wie ich schon oben bemerkt, habe ich in meinen Knabenjahren das„Gift" der Freiheit eingesogen; ich habe das„Gift" ge- nährt, und befinde mich wohl dabei; Ende der 60er Jahre war ich auch so unglücklich, von der„Seuche der Sozialdemokratie" befallen zu werden, und siehe, ich bin noch gesünder und kräftiger geworden und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß einem gesunden Körper ein solches„Gift" durchaus nicht nachtheilix ist, sondern von großer Wohlthat sein kann. Möge doch Jeder von diesem„Gift" der Aufklärung, von diesem Drange nach Freiheit und Gleichberechtigung recht große Portionen für seineu Körper einnehmen, und er wird geistig Wunder erfahren; es wird ihn erfüllen mit Liebe zu seinem Nächsten, es wird ihm klar werden, daß der Mensch als solcher sein Recht zu fordern bat und daß Rang- und Standesunterschied eine„Pestbeule" für das menschliche Dasein bildet. Diese Pestbeule schneide man auf, diese Pestbeule schaffe man fort, auf daß der Gesellschaftskörper gesundet, dann, ja dann— ist die Sozialdemokratie vernichtet B. Allgemeiner Arbeiter-Sänger-Bund. Schon bei Gründung des Bundes wurde ich von verschiedenen Seiten angeregt, die Elementarlehren des Gesanges in einem Heflchcn herauszugeben und da sich diese Anregungen in neuerer Zeit vermehrt haben, so wird demnächst eine„Elementarlehre für die Sänger der Arbeiter-Gesang Vereinc erscheinen.. Es ist dieses Hestchen für den Selbstunterricht berechnet und hält die Grundlagen des Gesanges in systematischer Folge. Ich wünsche daher demselben im Interesse des vierstimmigen Männergejange» eine recht weite Verbreitung. Preis 20 Pfg., 20 Stück 3 Mark, 50 Stück 5 Mark gegen Kasse. Bestellungen nehme jetzt schon entgegen. Gotha. Mit Gruß Emil Sauerteig, Vorsitzender. Briefkasten der Redaktion. H. Oehme Hannover: Erwünscht.— A. S. Hannover: Wir tadeln natürlich jede Thierquälerei, wir hassen jede: Messerstecherei, wir hassen jede Gewaltthat. Die sozialdemokratischen Lehren mi dern aber auch die Sitten. Wenn uns also der Heru der durch Einführung der Prügelstrafe die Sittenverwilderung auK der Welt schassen will, im„Hannoverschen T»geb!att" der Pflege der Sitlenverwssderung anklagt, so ist deiselbe, gel'.nde gesagt, einer von den vielen Bedauernswcrthen, die über Sachen in die Welt schwatzen, von denen sie absolut keine Kenntniß haben.— Nennt aber dieser Herr- den Knaben, der die Lerchen gequält hat und deshalb sicher Strafe, aber besonders Belehrung verdient,„eine Bestie in Menschen- gestalt", will er ferner bei einigen Gefangenen sogar die„neun- schwänziqe Katze" des Tages dreimal angewandt wissen, so trifft füu ihn selbst der für den Lerchenquäler gewählte Ausdruck vollständig. zu:„eine Bestie in Menschengestalt." Quittung. Czrnk Preßburg Ab. 2.04. Hffmnn London Ab. 40,80. Schltr Dresden Ab. 250,00. Hß Sonneberg Ab. 9,40. Brthl M. Schönberg Ab. 12,31. Rw Altona Ab. 49,00. Knk Frankfurt Ab. 03 00. Schmdt Römerstadt Ab. S.SO. Lhmnn Pforzheim©ehr. 22,10. Kh'lmann Lüneburg©cht. 6,60. Nstdt Stuttgart Büsten 4.50. Strsbrg Düsseldorf Schr. 3,75. Mrkct Heilbronn Schr. 4,45. Rdl Köln Schr. 0 50. Wgnr Allstedt Ab. 1,00. Schlz hier Ab. 2,00. Bon Janowitz 2,30. Unterstützungsfonds. Da demnächst Der arme Conrad 1879 Illustrirter Kalender str das arbeitende Volk erscheint, so ersuchen wir die Bestellungen hierauf uns schon jetzt zugehen zu lassen, damit wir einem geregelten Versandt bewerkstelligen können. Preis pro Expl. broch. 49 Pf., geb. 69 Ps. Bei Bezug von 12 Stück und darüber pr. Stück 25 Pf. 'gjTemiiüt nur gegen baar oder Post- yorsclmss. Die Expedition des„Vorwärts", Leipzig, Färberstraße 1211. Verantwortlicher Redakteur: Franz Gützlaff in Leipzig. Redaktion und Erpedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der®n"»nschastsbuchdruckerei in Leipzig. 5 0� v.5? �= F* 5- 0 1 � D 3 f i' S|f —<» O O r-y•• g-- r--- A » 0� *= o Bt a- °? CT 6)5. g'S a- 3 2™ 3 3«� "Sa— «a-"!? S g § 00||| CWgKpÖ ZÄZ° I"II®! I 1 a-sf wegö s ~" r" s, �3 s Ö 5- g 6)" h. 31-äf � -a Ö S Ulli I I I I I I I I I II lü I I Ä«> |t S 2. i l ■6» 3 3 Ifl -gesg�Sg«z oS.Eo 5» f1 5� er* X ct* Q* 0�»t iö «•??«« SZ| SDSZ -S,� o, S2�3-3, cr3oiL hct.. 6«\—»>— n«n ey 2 � � er � to •"'S o 0 ö � � M 5' » i r-Z » S 0 ZO 3 5' I«-3 I I I I � 5 � ■ s.a, s. I 3 5 I B a 2." äoo a-s: es»»® b. es-" vtr«43 q-, d � ~ i<» g* i 9* cc 2. I" S I 3- a a- 00 ■tf'? tzn-ik qun uagimfls-uajgio© P>»v>ugU Der neug-wählte Reichstag wird folgende Zusammensetzung (die 5 Neuwahlen miteingerechnet) haben: Deutsch- und Freiconservative............ Nationalliberale mit den liberalen„Wilden" link« und rechts. Elsasser Autonominen(die zumeist mit den Fortlchrittlern stimmen) Fortichrittler................. Sozialdemokraten................ Demokraten.................. französische Prolestler und ein Dane......... Centrum mit den Elsasser Clericalen, Polen und Welsen._. 117 107 4 26 9 3 5 126 397 138 138 118 65 80 121 139 138 189 204 178 135 20 21 75 128 139 141 Zus. 297 297 382 397 397 397 Das Anwachsen der„Reichsseinde" im deutschen Reiche. Wir entnehmen der„Berliner Freien Presse" folgende inter- essanten Bergleiche: Die Zahl der Vertreter zum Norddeutschen resp. Deutschen Reichstage seit der Dauer seines Bestehens, wenn man sie in drei Hauptklassen: Eonservative, Liberale und„Reichsseinde" sd. h. Ultramontane, Sozialdemokraten und die verschiedenen kleineren oppositionellen Gruppen) zertheilt, stellt sich folgender- maße»: Conservativ Liberal Reichsfcind Constituirender Reichstag Norddeutscher Reichstag Deutscher Reichstag 1871 1874 1877 „ 1878 Diese Tabelle giebt ein beredtes Bild der Entwickelung unter dem Bismarck'schen Regimemte. Während die„Ordnungspartei" 1867 alle Volksvertreter bis auf 20 zur Verfügung hatte, hat sich dieses Verhältniß entwickelt, im Jahre 1871 307: 75, 1874 269: 128, 1877 258:139, 1878 256: 141, oder mit andern Worten: Je länger die deutschen Reichsbürger Gelegenheit hatten, die vielgepriesene neu; Ordnung praktisch zu erproben desto unzweideutiger haben sie sich von ihr ab- und dafür chen verschiedenen„Reichsfeinden" ihre Stimmen zuge- wandt, obgleich die Beeinflussungen im Interesse der„Ordnung" derartig waren, daß für Hunderttausende das„freie" Wahl- recht in sein direktes Gegentheil verkehrt war Dieser für die Regierung wahrhaft vernichtende Entscheid des allgemeinen Stimmr-chts erscheint aber noch weit bedcutungs- voller, wenn wir die Ziffern der Wahlbetheiligung in Betracht ziehen. Leider sind dieselben amtlich erst seit 1871 veröffentlicht worden, für die letzten Wahlen aber überhaupt erst annähernd bekannt. Gleichwohl wird die Illustration schon drastisch genug ausfallen. 7,656,273 eingeschriebene Wähler. 1871 waren vorhanden Es b-theiligten sich ander Wahl Davon ungültig oder zer- splitltert Bleiben 3,903,841 96,552 3,807,289 Stimmen. Es wählten davon: Conservatioe 549,661 Reichspartei 346.845 Liberal 273857 Nationalliberale 1,171,543 Fortschritt 342,409 2 684.315 1874 waren vorhanden 8,203,969 Es betheiligten sich an der Wahl 4,975,676 Davon ungültig oder zer- splittert__ 72,037 Bleiben Es wählten davon: 724,837 123 975 18,741 176 342 79,079 1,112,974 eingeschriebene Wähler. Centrum Sozialdemokraten Volkspartei Polen Protestler u. Partikul. 4,903,639 Stimmen. Conservativ 359,959 Centrum Reichspartei 357.523 Sozialdemokraten Liberal 53.853 Volkspartei Nationalliberal 1,537,429 Polen Fortschritt 447 538 Protestler u. Partikul. 111,936 2)774�302 2,129,337 1,445,948 351,272 21,739 198 442 1877 waren vorhanden Es betheiligten sich an der Wahl Davon ungiltig oder zer- splittert Bleiben Davon wählten: Conservativ Reichspartei Liberal Nationalliberal Fortschritt 8.943,028 eingeschriebene Wähler. 5,422,647 37.679 5.384,968 1,404 903 493.388 44,894 216,157 526039 Centrum 426,637 Sozialdemokraten 134.811 Volkspartei 1,469,527 Polen 417,824 Protestler u. Partikul. 250,838 2,974,838 2,410,130 Diese Zahlen besagen: In den 6 ersten Jahren des neuen „Reichs" hatte dasselbe die Zahl seiner Freunde kaum zu ver- größern gewußt, die Zahl seiner„Feinde" dagegen schon mehr als verdoppelt. Dieses Ergebniß ändert fich aber noch ganz gewaltig bei diesen letzten Wahlen. Die Fortschrittler waren schon seit einigen Jahren in den Geruch der„Reichsfeindschaft" gekommen(da sie nicht ohne Weiteres über den Militär-Septennats-Stock springen wollten). Außerdem erfrechte fich bekanntlich Herr Lasker, dem Bierfreunde des Kanzlers von den Reichskneipabenden her, Herrn v. Bennigsen, in die Suppe zu spucken. Es wurden somit die Fortschrittler und die Freunde des Herrn Lasker für„Kerle" erklärt, die„man schon kriegen würde" oder auch für solche, die eine arbeiterfreundliche, gemäßigt reformirende Thätigkeit ent- wickeln, und Kearney wird seine Rolle bald ausgespielt haben. Die alten Parteien sind im Staate Californien vernicht>t; das Verdienst daran gebührt diesem Jrländer mit seiner rohen, aber feurigen Beredsamkeit, seiner Gedankenarmuth, aber seiner Gabe, auf die Durchschnitts- Amerikaner thatkräslig einzuwirken. Das Verdienst, die alten Parteien zerstört zu haben, ist an sich groß genug, mag nun die neue Verfassung ausfallen, wie sie will. Im Gefühl, daß seine Rolle in Californien ausgespielt ist, hat fich Kearney an das andere Ende der Union, nach Mafia- chusetts, begeben, wo die Arbeiterbewegung endlich in's Brodeln gekommen ist. Hier hat General und Advokat Benj. F.Butler, bei weitem der fähigste Kopf unter den alten Gewerbspolitikern, die meiste Au- ficht, bei der Herbstwohl zum Gooernor erwählt zu werden und als solcher die bestehenden Verhältnisse so ziem- lich auf den Kopf zu stellen; denn die Greenbakler haben rhn bereits auf den Schild gehoben, und die mächtige Lohnarbeiter- schast wird ihm zum Siege verhelfen, weil sie in ihm den Mann des Augenblicks erkennt. In Boston, und zwar in Faneuil Hall, wo alle revolutionären Versammlungen von 1776 gehalten wurden, sprach Kearney zu etwa 25,000 Arbeitern und zu Gunsten Butler's, und ein Wahlsieg im Nooember ist sehr wahr- scheinlich. Wohin Kearney seine nächsten Schritte lenken wird, ist unbekannt; aber gewiß ist, daß er überall den Boden gelockert findet, um die Saat des Gedankens, daß die alten Parteien durch Arbeitervertreter vom Ruder verdrängt werden müssen, auszu- streuen und zur Reife der That zu bringen. Die Untersuchung des Wavlbetrugs, durch welchen die Re- publikaner ihren Hayes in's Präsidentcnamt gebracht haben, ist soweit fortgeschritten und hat solche Ergebnisse geliefert, daß ein Unbefangener an der Thalsache des Betrugs und der Mittel zu seiner Ausführung nicht mehr zweifeln kann. Die republikanische Partei wäre somit als todt zu betrachten, hätten nicht in den letzten Stunden der Congreßsitzung eine große Zahl Demokraten mit den Republikanern zusammen für den Beschluß gestimmt, daß der Amtstitel des Hayes„heilig" sein solle, welches immer auch die Ergebnisse der Untersuchung sein möchten. Dadurch und durch die Genehmigung dieses Beschlusses feiten der demo- kratischen Conventionen in Pennsylvanien, Newyork und in an- deren Staaten hat sich die demokratische Parteiorganisation als solche um alles Vertrauen gebracht. Es zeigt sich schon jetzt, daß kein einziger Demokrat, welcher die„Heiligkeit des Betrugs" genehmigt hat, wieder in den Congreß gewählt werden wird, «nd daß von den Republikanern kein einziger Congreßmann, welcher nicht ein Feind des Betrugs ist, wird durchgebracht wer- den können. Aber mehr als das! Der Ausfall der Herbst- wählen ist allerwärts unberechenbar geworden, und hätten die Greenbackler(Nationalen) ein nur leidlich vernünftiges Programm, annehmbare Candidaten und keine Gewerbspolitiker unter sich, „an die Wand gedrückt werden müßten, daß sie quietschen". Wir übersetzen diese klassischen Wendungen in das uns geläufigere so müßten in der Herbstwahl die beiden alten Parteien weithin Wort.Reichsfeinde" und erhalten dann für die jetzigen Wahlen eine eben solche Niederlage erleiden, als sie in Californien jüngst etwa folgende Bilanz: 1878: Wahlberechtigte 9,000,000. Betheiligung circa 6,000,000. Davon sind zu rechnen für Conservative 800,000 Reichspartei 700,000 „Liberale" a la Treitschke, Gneist,| Beseler 1,000,000 2,500,000 Centrum Sozialdemokraten Volkspartei Polen Protest, u. Partik. 1,600.000 450,000 70,000 230,000 350,000 erlitten haben. Es gährt eben überall. In der Voraussicht eines großen Wechsels in der Parteistärke haben die Demokraten des Congresses ein Angebot auf die Gunst der arbeitenden Klassen gethan, indem sie einen Ausschuß unter dem Vorsitz Hewitt's von New-Iork einsetzten, welcher die Ursachen der schlechten Zeiten und die Abhülfsmittel derselben untersuchen soll. Dieser Ausschuß hat seine untersuchende Thätig- keit letzte Woche in der Stadt New-Uork eröffnet, und vor ihm sind Abgeordnete der bestehenden Reform- Gesellschaften und Privat-Pläneschmiede in größerer Zahl erschienen, um ihre An- sichten zu entwickeln. Am stärksten und nachdrücklichsten waren die Sozialdemokraten und die Internationale Gewerkschafts Union vertreten, und es sprachen in ihrem Namen unter Andern Bar- 2,700,000 Dazu noch d.Fortschr. 400,000 Lasker'sche Liberale 400,000 Also wäre glücklich eine Mehrheit d�r Reichsfeinde erreicht suckte'�durck �Kreurveeböe �unb�'tr?eckm?in-iae wenigstens, wenn die Revtilienblätter Recbt bull«.* Wir mchte durch Kreuzverhör und zweckwidrige Fragen die Aus- sagenden m Widerspruche oder m für den Augenblick unmögliche Forderungen zu verwickeln und alle Reform-Anträge lächerlich zu machen, wurde aber von den Obengenannten in seine Schranken zurückgewiesen. Die Folgen davon können nicht allzu bedeutend (ein, müssen aber dennoch dazu führen, daß drei Hauptforderungen des Proletariats im Congreß lebhaft verhandelt werden: Das Achtstundengesetz, die Arbeitsstatistik, verbunden mit Fabrik- inspektion und Gesundbeitsmaßregeln, und das Verbot der Kinder- -, f.,.,.„, 1. �- arbeit. Die Greenbackler waren ebenfalls vor dem Ausschusse 2 v!'/ Unt"b fÄ r�rl Tfc bbchst-ns- und das Dcrtrct �rden aber von seinen gewiegten Politikern nicht viel hoffen w.r stark- em schnelleres Tempo e.nnehmen Daß �er lächerlich gemacht als die mannigfachen Privat-Pläne- die Tage der heiligen„Blut- � find, �iede; und wäre die berichterstattende P? ff? nicht gar zu arg demnach auch dem verbohrtesten Bismarck-Anbeter bald � den'Kapitalisten verschworen, so hätte eine über das ganze eueyren. ftrtnh rptrfipnhf» für htp Änimlhpmnfrnfip htP it'Olge wenigstens, wenn die Reptilienblätter Recht haben. Wir wollen indessen erst abwarten, ob Fortschrittler und der Lasker'sche Flügel der Liberalen wirklich so„reichsfeindlich" sind, als sie gemacht werden. Lassen wir sie aber auch ganz aus der Rech- nuiig, so ergiebt sich doch zweifellos die Thatsache, daß die prin ripielle Opposition seit dem Vorjahre sicher um mehrere hundert- tausend Stimmen gewonnen und demgemäß auch einige Sitze im Reichstage mehr zur Verfügung hat als im vorigen Reichs- tage. Dieses beständige Wachsthum wird auch in der Folge Land reichende Propaganda für die Sozialdemokratie die sein müsse. Seit meinem letzten Bericht hat es wenig, und gar keine umfangreichen Ausstände gegeben; dagegen sind in den meisten Manufaktur n lange Sauregurkenzeiten gewesen. Die Spinne- eine Arbeiter- 1 reien, Webereien, Kohlen- und Eisenminen, Metall- und Glas- Es war aller- � fabriken haben durchschnittlich ein Drittel bis eine Hälfte der August. Aus Amerika. Newyork, 6 Californien ist der erste Staat, in welchem Partei sich die gesetzgebende Gewalt errungen hat.__________ v.................... U.. dings die höchste Zeit. In den Händen eines Häufleins von Zeit Feiertag gehalten, andere Großbetriebe nicht viel' weniger. Großkapitalisten hat sich fast aller werthvolle Grundbesitz und Die Anzahl der arbeitslos das Land Durchstreisenden hat sich fnst«ilw m-morMi*,.— v Nmhrend des Sommers dadurch vermindert, daß sie sich in den fast aller gewerbliche Großbetrieb, die politische Gewalt und der baare Reichthum des Staates concentrirt. N>cht zufrieden damit westlichen Staaten zur Einbringung einer beispiellos reichen hatten die Geldkönige über 100,000 chinesische Lohnsklaven unter Ernte verdangen und dadurch die Verleumdung thatsächlich wider- Contrakt herkommen lassen, um alle Löhne auf's Tiefste herab- legten, als sei es ihnen um's Faullenzen zu thun. Ohne ihre zudrücken, und das Börsenspiel, besonders mit Bergwerk- Aktien rechtzeitige Hülfe wäre von dieser reichen Ernte ein Großtheil hatte Tausende von Kleinbürgern zu Gunsten Weniger zu Grunde verloren gegangen, da die Erntezeit durch ungewöhnlich ungün- gerichtet. Nirgend besser als hier konnte studirt werden, wohin stlges Wetter unterbrochen wurde. Die Frucht ihrer Arbeit der schrankenlose Kampf um's Dasein, wie ihn der Kapitalismus wandert auf den Markt des Auslands, da unsre Arbeiter sie nur kniff nm fJtnSrt{«*;(%......... c. v...... rw.... will, am Ende führen muß. Da die deutsche Sektion der sozial- demokratischen Partei und die internationale Gewerkschafts- Union nicht zahlreich und nicht hinlänglich mit durchgebildeten Mit- gliedern versehen waren, mußte der Kampf gegen das Monopol den Jrländern anheimfallen, welche besser zusammenhalten. Der Mann, welcher die Aufgabe unternahm, heißt Dennis Kearney, und der Wahlspruch hieß: fort mit den Chinesen und den Mo nopolisten! Es war im Juli eine verfassungrevidirende Ver zum Theil bezahlen können. Die Folgen des schrankenlosen Kapitalismus äußern sich in Bankrotten, Selbstmorden, Verbrechen und Hungertoden in nie für möglich gehaltener Zahl. Die Bankrotte haben im ersten Halbjahr 1878 die Zahl von 500 überstiegen, die tingedeckten Verbindlichkeiten jeden noch erlebten Betrag. Die Selbstmorde dürsten in der Stadt New-Aork allein, wenn es damit so fort .Hl �............ U. geht, in diesem Jahre die Zahl 1000 erreichen. Wegen Ver- sammlung zu wählen, und die Kearney- Partei erwählte ein brechen und Vergehen wurden in der Stadt New Uork allein im Drittel, die Non-Partisan-(unabhängige) Partei über die Hälfte, Juni 215 Kinder den Besserungsanstalten überwiesen, ganz die beiden alten Parteien zusammen den ärmlichen Rest der Ab- ungerechnet die Durchgeschlüpften. Mordthaten und Mordanfälle geordneten. Da die unabhängige Partei aus Arbeitern, welche kommen in und um New-Iork täglich mehrere vor, und die das rohe Treiben Kearney's mißbilligten, aus mit diesen sym- übrigen schweren und abgefeimten Verbrechen in noch größerer pathisirenden Kleinbürgern und nur zum kleinen Theile aus Gc- Zahl. Raubanfälle am hellen Tage und in den belebtesten werbspolitikern besteht, so wird die verfassunggebende Convention Straßen der Stadt, deren Urheber mehrcntheils nicht entdeckt, geschweige denn bestraft werden, kommen wöchentlich vor. Be- sonders auffällig vermehrt sich die Zahl der Vergiftungen in den begüterten Klassen und der Morde unter Eheleuten aller Klassen. Die Presse ist voll von ehelichen Skandalen. Die Fälle von Hungertod und äußerster Berelendrgung erregen kaum mehr die allgemeine Aufmerksamkeit— das Zuviel daran stumpft die Nerven ab. Was aus alledem werden soll, wenn erst der Winter mit seiner langen Dauer und Härte wieder den Einzug hält. das bleibt zu sehen. Die Sterblichkeit hat, trotz den j.tzl ziemlich genügenden Vorkehrungen der Sanitäts-Behörden, in den heißen Wochen die höchste frühere Zahl fast wieder erreicht— infolge der ungenügenden Ernährung und Lebensweise; die Zahl der Eheschließungen ist kaum je so gering gewesen. Aber trotz alledem und all dem ist die sozialdemokratische Bewegung in erfreulichem Wachsen, und die staunenswerthen Erfolge, welche sie im deutschen Reiche bei der Wahl am 30. Juni errungen yat, erregcir unter den Unseren die innigste Freude. unter den Gegnern dumpfes Erstaunen. Es dämmert unser Tag, die Morgenröthe zieht herauf und die düstere Nacht weicht zurück. Correspondenzen. Weerane,� 16. August. Die Wahl ist vorüber. Stichwahlen haben stattgefunden, und aus allen Kreisen dringt frohe Kunde von der taktvollen Haltung der Sozialdemokratie. Wahlkreise, welche einige Tausend Stimmen auf ihren Eandidaten vereinigten, geben ihre Freude im„Vorwärts" kund und eine Lust ip es, solche Berichte zu stud>ren, wo man Freude aus jeder Zeile herausfindet. Aver trotzdem läßt der 17. sächfis»e Kiers, bez. Mecrane, nichts von sich hören. Man dächte doch, es gäbe von hier viel zu berichten, da doch auch uns der Steg nicht über Nacht zugefallen ist, aber kein Wort bekommt man davon im „Vorwäils" zu lesen. Trotzdem die alte Garde hier thront, findet sich Niemand, der sich der Mühe unterzieht, einen Bericht zu erstatten. Wir haben doch wahrlich Grund, uns andern Ge nossen auch zu zeigen und brauchen uns nicht zu schämen, son- dern können ein donnerndes„Hurrah" in die Welt hinausrufen, denn unser Kreis hat die bedeutendste Majorität beim ersten Wahlgange auf seinen Eandidaten v- reinigt, und trotzdem ist alles so ruhig, daß Herr Prof. Dr. Birnbaum seine Freude haben muß, daß nichts Genaueres über feine Niederlage in die Ferne dringt. Schreiber dieses hat sich schon gewundert, daß, als unser Bracke nach der letzten Session des verflossenen Reichs- tags, wo er m einer großartigen Vcrlammlung seinen Wählern Bericht erstattete, nichts bekannt geworden ist. Und wie viel gab es jetzt zu berichten, wo die Gegner kein Mittel scheuten, um uns zu stürze». So z. B. bei der letzten großen Versamm- lung, wo die Ordnungsmänner in letzten Stunde Herrn Hotelier Helbig für seinen Saal wohl das zwanzigfache boten, um nur die Versammlung unmöglich zu machen. Das allermeiste haben sie, die Gegner, in einem Ftugblatie geleistet, wo sie unfern Bracke als emen Groß- Getreidehändler hinstellten, der von der Sorte wäre, welche den armen Leuten das Brot theuer machten. Doch war dieser Ausdruck recht plump; vielleicht hatten die Herren gar nicht daran gedacht, daß die meisten, ja vielleicht alle Großhändler oder Blutsauger unter den Ordnungshelden selbst zu suchen sind, und dabei wurde der Prof. Dr. Birnbaum so warm empfohlen, weil— nun weil er die Arbeiter mit Zwiebeln ernähren will.— Darum Genossen, legt Euch nicht auf die Bärenhaut, sondern trage ein Jeder dazu bei, daß wir von Zeit zu Zeit auch ein Lebenszeichen von uns im„Vorwärts" geben. �r. Iireiöerg, 19. August. Bei der heute erfolgten offiziellen Stimmenauszählung erhielt Genosse Max Kayser 8098 Stimmen, während der liberale Aug. Peuzig deren 6978 erhielt. Die Gesammtzahl der gültigen Stimmen betrug 15,076, so daß also ca. 55 Proz. der Stimmen für den sozialistischen Eandidaten abgegeben wurden. Obigen 8098 Stimmen dürfen jedoch mit vollem Recht auch jene 78 Stimmen zugerechnet werden, welche der Gemeindevorstand zu Krummhennersdorf für ungültig erklärt hat, weil der Name Kayser(richtig) mit y geschrieben war, während der Wählcommissar des 11. Bezirks in seinen Bekannt- machungen„Kaiser" geschrieben hatte. Ein Wahlprotest, von den Liberalen bereits eingegeben, der gegen die Gültigkeit der Wahl überhaupt erHoden ward, weil die Zettel sämmtlich den Namen Kayser„mit dem Ipsilon" führen, dürfte ohne jede Folgen bleiben.-- In Kürze darf ich Ihnen hierbei wohl auch be- richten, daß kurz vor der Wahl noch mehrere Versammlungen hier und in der Umgegend stattfanden. So am 12. August in Müdisdorf, wo ich Sprecher war und Genosse Lauschke, am 13. in Freibergsdorf, wo ich gleichfalls das Referat übernahm; nicht minder traten Genosse Saschky aus Dresden und ich den Libe- ralen in Berthelsdorf am Abende vor dem Wahltage entgegen, während Genosse Liebknecht in der Stadt Freiberg an demselben Abend eine riesige Versammlung hatte, in welcher er namentlich einem Schullehrer, der all das, was Liebknecht aussprach und entwickelte, noch„nicht gelesen haben wollte", in gebührender Weise zurechtwies und dadurch jedem andern Muth benahm, an Thatsachen herumzunörgeln, nur um zu„nörgeln". Dieser großen Versammlung in Freiberg dürste ein gut Tyeil jener Stimmen in Stadt Freeberg selbst zuzuschreiben sein, die wir im diesmaligen zweiten Wahlgange mehr als beim ersten erhielten. H. Goldstein. Wiesbaden, 15. August. Nur selten ist eine Correspoudenz aus Wiesbaden im„Vorwärts" zu lesen. Dieses mag darin seinen Grund haben, daß die Zahl der Parteigenossen hier in der Stadt des Luxus und der Knechtseligkett, erne verhältniß- mäßig geringe ist; und die Agitation durch lokale Umstände sehr erschwert wird. Die Wahlbewegung im hiesigen(2. nassauischen) Wahlkreise, ipeciell in der„Königin der Länder", ist indeß zu interessant um übergangen zu werden. Die(Frei-) Conserva- tiven ergriffen die Initiative, und zwar bei Zelten, um die bis- lang dahier herrschende Fortschrittspartei aus dem Sattel zu heben. Der Schrecken und die Entrüstung der Leiter der Fort- schrittspartei war um so größer, als sie von dieser Seite auf eine selbständige Thätigkeit nicht gerechnet hatten. Und es ge- schah, was 1877 nicht nothwendig gewesen: Schulze-Delitzsch kam selber und hielt seine Candidatenrede. Bei dieser Gelegen- heit sah ich genannten Herrn zum ersten Male. Er machte aus mich den Eindruck eines selbstgefälligen Bourgeois, der eine hohe Meinung von seiner eigenen werthen Persönlichkeit hat. Diese meine Meinung hörte ich auch von Andern bestätigen. Seine Rede behandelte die Tagesfragen in der bekannten fortschritt- lichen Weise, wobei er das Genossenschaftswesen besonders her- ausstrich, und nicht genug Rühmliches davon zu erzählen wußte. Auch bezeichnete er dasselbe als Etwas, das„Hunderttausende von der rothen Fahne ferne gehalten und von der Verführung der Sozialdemokraten beschützt hat". Herr Schulze-Delitzsch sagte dies aber nur„als der erwählte Vorstand, als der An walt der deutschen Genossenschaften". Die S�ialdenivkiatie und ihre Anhänger erhielten so eo passent einige Klapse. Er sprach beispielsweise von der„wüsten Agitation der sozialistischen Partei", und im weiteren Verlaufe seiner Rede folgende, den Hrn.„Dr." Schulze charakterisirende Sätze:„Wiffen Sie, was sie Sozialdemokraten können? Höchstens eine Emeute machen; sie können verwerfliche, heillose Zustände für den Augenblick über uns bringen, aber dauernd nicht. Dazu gehört, daß sich das besitzende und gebildete Bürgerthum mit erhebt. Das ist überall so gewesen, die große französische Revolution wurde nicht von den Sozialdemokrat. n gemacht; als letztere allem nach- der schädigend auftraten, wie in der jüngsten Zeit die schänd- liche Commune, da war auch ihre Herrschaft bald zu Ende. Die Sozialdemokraten wachen, wie gesagt, wohl Emeuten, aber keine Revolution.(Beifall.) Denn ihre Theorim sind unsinnig und naturwidrig, sie wollen Dutzend Existenzen statt der selbständigm Charak'ere machen, sie wollen dem Menschen nach seinen Be- dürsnissen statt nach seinen Leistungen V rdienst geben, das aber ist verrückt und toll und unsinnig. Die conservative Junker- Partei aber, welche alte, ausgelebte, verrottete Formen zu con- serviren strebt, macht die Revolutionen." Natürlich war es uns nach solchen Complimenten unmöglich, Herrn Schulze-Delitz ch unsere Stimmen zu geben, obgleich seine Candidatur immerhin annehmbarer war, als die des(frei) conseroativen Regierungs rath von Reichenau. Vier Tage vor der Wahl hatte Schulze D.litzjch seine Rede gehalten; zwei Tage vor der Wahl stellten wir Liebknecht als unfern Eandidaten auf. Derselbe erhielt ins�esammt 436 Stimmen(Jacody 1877: 344 St.), in Wies- baden allein 361(1877: 273). In den Onschasten konnte bei der Kürze der Zeit kerne Agitation entfaltet werden, und fehl'e es auch an Mitteln hierzu. Mit ziemlicher Gewitzhe't kann man annehmen, daß nur Soz alisten für Liebknecht stimmten. Wahlergebnisse für den 2. nassauischen Wadlkreis: Schulze De- litzsch 10,557, Ruck«(ultramonian) 5129, v. Reichenau(frei- conservatlv 1853, Liebknecht 436, ungültig 54, zersplittert 7. Die Haltung der hstsigcn Pieffe(„Rheinischer Courier" und „Nassauische Volkszeituug") läßt an reaktionärer Gesinnung nrchts zu wünschen übrig. Namentlich ist es der„Rheinische Courier", nebenbei das gelesenste hirsige Blatt, welches sich hierin besonders hervorthut. Von der Sozialdemokratie hat diese Zeitung die schirfsten und verrücktesten Ansichten; gerade wie Herr Schulze-Delitzsch. Selten erscheint, namentl.ch in letzter Zeit, eine Nummer des„Rhein. Courier", in welcher niwt auf die sozialistische Partei geschimpft, oder selbe verleumdet wird. So lautete beispielsweise ein Gedicht in der 2. Ausgabe vom 2. Juni c.(erschien am Sonntagmorgen, also vor dem Nodiling'schcn Attentate) folgendermaßen: Geharnischte Sonnette. 1) An die Sozialdemokraten. Verleugnen könnt ihr nicht den Morogesellen. Vom Weine, den ihr schenket, war er trunken. D'rum laßt das Wort in en'ren Ohr-n gellen: Ihr seid der wahren Freiheit Todes- Unken. Der Wüste Trugbild höhnt mit frischen Quellen D-n, der verschmachlcnd in den Sand grsunken. Er rafft sich aus, er lechzt nach jenen Wellen, Der Trug erlischt, mil ihm des Lebens Funken. Ihr schaffet in den H rzen die Verwüstung, Dann weckt Ihr aus d-n Durst, den unheilvollen, Die Gier enlzündcnd mit des Truges Bildern. Wach' auf, mein Volk, voll heiliger Entrüstung Und laß sie hören Deines Zornes Grollen, Sie Wullen Dich verwüsten und verwildern.*■> (Folgt Sonnett Nr. 2, in welchem weniger geschimpft wurde.) Ebenso wurde die Partei für Nobiling's Verrücktheit verant- wortlich gemacht. Ob und inwieweit der„Rheinische Courier" ein Reptil ist, weiß ich nicht; die Haltung ist aber wenigstens darnach. Consequente Logik ist dem Blatte ein böhmisches Dorf. Wenn ich zu Anfang sagte, die Agitation für unsere Partei sei hier durch lokale Verhältniffe sehr erschwert, so hat das in Nachstehendem seinen Grund. Zunächst� ist Wiesbaden„Kur- stadt". Man denke hier aber nicht, daß„Kur" Heilung von einer Krankheit oder eines Leibschadens bedeute. Zu diesem Zwecke find kaum ein Drittel der„Fremden" hier; zwei Drittel kommen hieher, um sich zu amüsireu(Sommerfnschler). Zum Vergnügen ist denn auch alles eingerichtet; aber nur für Leute die Geld, und zwar viel Geld haben. Die„Kur" ist für die Einen die Melkkuh; sie verdanken derselben(wenn auch nicht mehr in dem Maße wie zu Zeiten der Spielbank) direkt oder indirekt ihr Bestehen. Für Andere, und zwar ist dies die baute volöe, hat die„Kur" das Angenehme, sich immer in„honnettcr Gesellschaft" bewegen zu können; sowie auch sie (die„Kur") das„erhebende Bewußtsein" bietet, öfter hohe und höchste Persönlichkeiten in ihrer(baute volee) Mitte zu wissen. Daß eine solche„Kur" im sozialistischen Staate schwerlich Platz finden dürfte, wissen die Interessenten sehr wohl; daher deren Abneigung gegen den Sozialismus. Die Masse der Kleinbürger ist durch die Presse bereits dermaßen be- und verarbeitet, daß sie, ohne jemals eine sozialdemokr. Schrift oder Zeitung gelesen zu haben, sich derlZoziald-mokratic gegenüber feindlich oder in- different verhält. Und doch hätten sie es alle im eigenen Jnter- esse höchst nothwendig sich uns anzuschließen, da sie doch Tag sür Tag durch Thatsachen belehrt werden, daß ihr Sterbeglöck- lein läutet indem Einer nach jdcm Andern dem Concurse ver- fällt und zum Proletariat hinabsinkt. Ig, selbst die so Prole- tarisirten verkennen wie so viele Proletarier ihre wahren Jnter- essen. Auch der größte Theil der Kleinbürger will sich selber nicht gestehen, daß er um Nichts besser, wenn nicht noch schlim- mer daran ist, als mancher Arbeiter. Aber die Schädel dieser Spießbürger sind sehr hart. Und dennoch muß auch dahinein die Erkenntniß!— e—. *) Ein Leipziger Genosse hatte uns schon vor längerer Zeit eine Erwiderung auf die beiden Sonelie des„Rheinischen CouricrS" ein- gesandt. Dieselbe möge jetzt hier ihren Platz finden: Antwort. Was soll dein Lied mit falschen Ueberschriften? Was ist dein Zweck, so Namen zu entwechcn Und von der Dick-tung grünumrankten Grüften Zu solchem Stoffe dir den Schmuck zu leihen? Gleich fft dein Lied so ganz d-n falschen Erden, Gleich falschem Wein gewürzet Mit Essenzen: Nur unbedachte Trinker zu verleiten, Willst du im Silberbecher ihn kredenzen. Du gleichest mit so aufgeputzter Harfe Dem Jahrmarklsmädchen, mit erlosch'nsn Reizen Der Bajad.re in der Zelt Bordelle. Nur finnlos Trunk'ne gtrrct solche Larve. Um deren Huldigungen willst du geizen Die lachend Takt dir stampf-n auf der Schwelle? A. M. Stuttgart, 22. August. Ein Rückblick auf die hiesige Reichs- tagswahl wird, wenn er nicht unbefangen, wenn er nicht mit ruhiger Schärfe auf das bekannte Resultat gerichtet ist, manchen unserer braven Parteigenossen in seinen Erwartungen getäuscht haben, manchen Parteigenossen wird es, wenn auch nicht ent- muthigt, so doch zu der Frage veranlaßt haben: Ist denn aller Sinn für Wahrheit und Recht bei den Stuttgarter Bürgern er- loschen? Mancher unserer Gegner, mancher sogenannte„Ordnungs- mann" wird frohlocken über den angeblichen Rückgang unserer Partei. Aber nur gemach; Kopf oben behalten auf Seite des Volkes und nicht zum Himmel angestürmt, ihr Ordnungsmänner, wir wollen einmal untersuchen. Der sozialistische Candidat Hillmann erhielt im Jahre 1877 4609 Stimmen, Dr. Dulk vereinigte bei der letzten Wahl die Stimmen von 4102 Wählern auf sich, somit wäre ein Rückgang von 507 stimmen zu verzeichnen. Der Regierungscandidat Hölder ging im Jahre 1877 mit 12,798 Stimmen aus der Wahlurne hervor; bei der letzten Wahl fielen nur 10,865 St-mmen auf denftlben, somit ein Verlust von 1993 stimmen. Wäre ein Candidat von Seste der Volksparlei nicht aufgestrllt worden, so könnte man mit Sicherheit annehmen, daß von den 3767 Stimmen, die für jene Partei abgegeben worden sind, 2000 Stimmen mindestrns für Dr. Dulk zu verzeichnen wären. Und nnn rufe man sich die Maßregeln vor der Wahl in's Gedäcktniß, die Verhaftungen der Redakt-ure, Confiscatwnen der Flugblätter, und der„Volkszeitung", auch wurde uns jedes größere Lokal zur Abhaltung oon Wähleroersammlungen ver- iveigert. Von Seite der Arbeitgeber wurde alles mögliche an- gestrengt, um die Leute abzuschrecken und einzuschüchtern. Dem Volke wurde weiß gemacht, die Sozialdemokraten stele.t mit den Kön'gsmördern im Bund; und trotzdem � trotz Verhaitungen, Co>Pecatlonen, Lokalverweigerung, Luge, Verleumdung, Schreck- g.spenst des Kaisirmords haben 4l02 Männer sozialistlich gestimmt, haben überhaupt(die Wähler Leipheimer's mit einge- rechnet) 7869 Männer sich gegen eine Bekämpfung der Sozialdemokratie durch Ausnahmegesetze ausgesprochen. Rechne man nun noch hinzu, daß nay zu 1000 wahlberechtigte Arbeiter in Folge des schlechten Geschäftsganges weniger in Stuttgart sind und daß mancher brave Arbeiter, gezwung n durch die Roth, sich durch Annahme einer kleinen Unterstützung sein-s Wahlrechts beraubte. Betrachten wir nun die Stimmenzahl Hölder's. Der- s lbe hat bei der sitzten Reichstagswahl am 30. Juli 1933 Stimmen weniger auf sich vereinigt, als im Jahre 1877. Also, trotzdem man dem Spießbürger vormachte, wenn du nicht Hölder wählst, bist du deines Hab und Gutes, ja deines Lebens nicht mehr sicher, trotzdem haben fast 2000 Bürger den Kammer- pläsidenten Herrn von Hölder nicht für den Rechten gehalten, der sie im Reichstag vertreten kann. Wo ist also ein Rückgang, eine Niederlage zu suchen, bei einer Partei, die sich trotz aller Unterdrückung auf der ziemlich gleichen Höhe erhalten hat oder bei einer Partei, die unter den günstigsten Verhältnissen agitiren konnte, die alle Gegner in sich vereinigte, die trotz alledem und alledem in l'/o Jahren um 2000 Stimmen abgenommen. Und darum Parteigenossen, nur Muth und den„Kopf oben behalten", denn nur durch festes Zusammenhalten ist uns der Sieg gewiß. Worms, 23. August. Wir hatten schon wiederholt von hier berichtet, daß Hierselbst ein Kranken-Unterstützungsverein besteht dem die alte„Wormser Zeitung" mit allerlei schmutzigen Mit- teln gern den Garaus machen möchte. Einmal müssen„Ein- gesandts" herhalten, ein andermal selbstständige Artikel u. s. f., ohne daß man jemals den so schmählich verleumdeten Vereins- Mitgliedern auch nur Inserate zur Rechtfertigung aufgenommen hätte. So geschah es kurz nach der Wahl, daß der Fabrikant Heyl seine Arbeiter aufforderte, den sozialdemokratischen Bor- sitzenden vom Verein zu entfernen oder ihrer Wege zu gehen. Nun find aber die anderen 150 Mitglieder(in dem Geschäft des Heyl arbeiten circa 45 Vereinsmitglieder) durchaus nicht gesonnen, dem Verlangen des Heyl nachzugeben, und der Ge- iammtvorstand wollte eine diesbezügliche Erklärung in Inserat- form in die alte„Wormser Zeitung" einrücken lassen. Das Inserat wurde zurückgewiesen. Die Handlungsweise des Heyl kennzeichuet übrigens die neue„Wormser Zeitung" recht treffend mit folgenden Zeilen:„Diesem Ukas, der so recht die vielge- prieseue Liberalität(!!) genannten Parteiführers kennzeichnet, setzte Letzterer hinzu, daß er auf einige Wochen verreise, und wenn er zurückkomme, müsse die Sache geordnet sein!-- Ob nun von Letzterem wohl auch geeigneten Orts beantragt wird, daß an einer gewissen Stelle in der Sterngasse Nachts kein Licht mehr angezündet oder der dortige städtische Brunnen geschlossen wird? Denn es wäre ja schrecklich, wenn Beides, Liast und Wasser, den fürchterlichen Sozialdemokraten auch ferner zu gut käme!"— Die Reichstagswahl hat auch hier viel Staub auf- gewirbelt und sind so manche Unregelmäßigkeiten zu melden. So hielt man in einem Wahllokal die Stimmzettel gegen das Licht, in einem andern Wahllokale fand die Auszählung des Resultats hinter verschlossenen Thüren statt u. s. f. H>om Whein, 22. August. Angesichts der immer stärker auftretenden Reaktion gilt es-, daß wir Parteigenossen immer entichiedener für unsere Partei Propaganda zu machen suchen. Löst man unsere Partei und Vereine auf, so beginnen wir eben einfach wieder wie zu Anfang des Entstehens unserer Partei. Wir beginnen in unserem Familien- und Verwandtentreise; wir besitzen Freunde und Bekannte genug— es wird sich Gelegen- heit hinreichend finden, mit denselben über die schlechten Zeiten, über deren Abhilfe, über ökonomische und politische Tagessragen zu diskutiren. Es steht uns ein reicher Schatz des Wissens in unserer Literatur zu Gebote. Verbietet man auch diese, so hat doch jeder Genosse sich die Schriften angeschafft und das Privat- eigenthum kann man doch nicht Jedem wegnehmen. In unseren Gesang-, Turn- und Spielklubs giebt es hinreichend Gelegen- yeit, unsere Ideen an den Mann zu bringen. Auch wird das Ausland dafür sorgen, daß die Freiheit nicht ganz erstirbt, und es giebt Wege genug, freisinnige Schriften zu beziehen. Auf diese Weise werden wir in fünf Jahren sicher, trotz aller Aus- nahmegesetze, unsere Anzahl verdoppelt haben und die Regie- rung wird alsdann der Stimme der öffentlichen Meinung Rech- nung tragen müssen. Die heutigen wirthschaftlichen Verhältnisse bedingen dringend eine Verbesserung und die Erfahrung hat ge- zeigt, daß nur allein unser Programm das richtige ist, und darum Muth und Entschlossenheit zum ferneren geistigen Kampfe. „Nur Der verdient d'e Freiheit und das Leben, der täglich sie erobern muß!" H. F.