Erscheint in Feipsiz Mittwoch, Freitag, Sonntag. AbonnemcntSprciS Jilr ganz TcuNchiand 1 M. 6g Pf. pro Quartal. Monats- Abonnement? »erden bei allen deutlchen Poftanstalten «lt den 2. und Z. Monat, und aus den I.Monat besonder» angenommen: vrn .Wnigr. Sachsen und Herzogth, Sachsen- Altenburg auch aus den lien Monat de» Quartal» ä 54 Psg. Inserate Seit. Versammlungen pr. Petitzeile 10 Ps,, zetr. Brinatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile Z0 Ps orwärls VtlleUungen nehmen an alle Postanstalten und Buch» handlungm de» In- u. Auslände». Filial- Expeditione». Rew-Dorl: Soz.- demolr. Genossen- schastSbuchdruckere:, 154 Llchrickg:« Str. Philadelphia: P. Haß,«30 Xortl» 3'a Strest. I. Boll, 1129 Ldarlotts Str. fcoiolen K.J.: F. A. Sorge, 215 Wash- ington Str. Ehicago: A. Lansermann, 74 ClybourneaT«. San Franzisco: g.en8,418 0'FarreU8tr, London W.: C. Hcnze, 8 New'Jtr. Golden Square. KeniraL Hrgan der Sozialdemokratie Deutschlands. Nr. 108. Freitag, 13. September. 1878. Ein perfides Attentat auf die gesunde Vernunft. ii. Die„Provinzial- Correspondenz" bespricht im ferneren Ver- lauf des Artikels die sozialistische Agitation in der bei diesem Regierungsorgan gang und gäben lügnerischen, Verdreherischen Weise und fährt dann fort: „Einer solchen Agitation gegenüber, deren Waffe niemals die wisienschaftliche Beweisführung, sondern stets die moralische Verdächtigung ist, deren Folge die Aufziehung verbrecherischer Gelüste in wilden Gemüthern, die Entneroung und Zerstörung aller gesunden Thatkraft in schwachen Seelen ist, einer solchen Ag talion mit den Waffen des gesetzlichen Verbots und der ge- setzl'chen Strafe entgegenzutreten, soll eine Bedrohung der öffent- lichen Freiheit sein! Der Gebrauch der Freiheit kann nie in der Anwendung unsittlicher Mittel bestehen, die Entziehung solcher Mittel ist der Schutz der Freiheit. Wie es sich aber um die Be- kämpfung eines Giftes handelt, dessen Vertreter längst geübt sind in der Kunst, die Gaben so zu reichen, daß die einzelne Gabe selten ein Vergehen oder ein Verbrechen im Sinne der ordent- lichen Strafgesetze darstellt, so bedarf der Staat außerordentlicher Bollmachten zur Vernichtung dieses Giftes. Die großen Völker aller Zeiten haben, wenn sie solche Krankheiten in ihrem Körper um sich greifen sahen, den Muth gehabt, ihren Obrigkeiten außer- ordentliche Vollmachten anzuvertrauen. Der Gesetzentwurf gegen die Sozialdemokratie, mit dem der neu gewählte Reichstag als mit seiner dringlichsten Aufgabe sich zu beschäftigen haben wird, ist geboten durch einen offenen Angriff gegen die deutsche Nation, der sein Werk nicht einmal verheimlicht, sondern es heraus- fordernd seinen Genossen und seinen Gegnern zuruft. Es kann für keine aufrichtige Meinung die Frage entstehen, ob diesem Angriff am besten damit zu begegnen sei, daß man i£)n ungestört gewähren lasse. So lange es Staaten giebt. hat noch nie ein Volk die systematische Verhetzung der aus Mangel an Er- fahrung und Scharfblick dem Betrug zugänglichen Klassen durch alle Mittel der Lüge in seiner Mitte ruhig geduldet." Das Regierungsblatt bleibt auch hier bei seiner Meinung, daß der Sozialismus auf künstlichem Wege erzeugt fei und zwar durch die unlautersten Mittel, durch moralische Ver- dächtigungen. Wir fragen aber: ist es auch eine„moralische Verdächtigung", wenn der frühere österreichische Minister, Excellenz Professor Dr. Schäffle in seiner Schrift:„Bau und Leben des sozialen Körpers", dritter Theil„Kapitalismus und Sozia- lismus"(zweite Auflage) Seite 457 schreibt: Die Angriffe auf corrumpirende Besitzubermacht m der Ge- sellschaft sind bekanntlich alt. Kaum halte in der französischen Revolution das Bürgerthum die Feudalwirthschaft gebrochen, so erklärte Baboeuf die besitzenden Bürger selbst für„Usurpatoren", und sah sich selbst ein Robcspierre veranlaßt, auf den Antrag eines Agrargesetzes die Todesstrafe zu setzen. Es bildeten sich schon 1791 Arbeiterassoziationen, welche die Arbeitgeber„Vam- py,e" und Tyrannen der Arbeit nannten. Trotz aller Unter- drückung ist endlich die heutige sozmlistische Bewegung erwachsen; „das Elend des Volkes liegt jetzt schon auf einem Paradebett; ehemals war es versteckt in einem Winkel?" Ist das auch eine moralische Verdächtigung? Und was thuen die Regierungen, um das Elend des Volkes zu lindern? Sie machen Ausnahmegesetze! Ist das wiederum vielleicht eine„moralische Verdächtigung"? Nun wohlan! Mögen die Regierungen das Elend des Volkes heben, dann, aber auch nur dann können wir einen solchen Vor- wurf entgegennehmen, sonst aber ist dieser Vorwurf selbst nichts anderes, als eitel Lüge und„moralische Verdächtigung"! Zum Schlüsse nun bauernfängt die„Provinzial- Correspon- denz" in folgender Weise: „Die Meinungsverschiedenheit kann also nur über die Wahl der besten Mittel für die staatliche Aktion sein. Es werden nun aber die beiden Gesichtspunkte künstlich durcheinandergemengt, daß Ausnahmegesetze überhaupt unstatthaft seien, wobei man doch immer wieder mittelbar ihre Nothwendigkeit eingestehen muß, und daß durch die über den Zweck der Verleihung hinausgehende Ausbeutung außerordentlicher Vollmachten eine Reaktion zu be- fürchten sei. Daß eine Reaktion im wahren Sinne, d. h. der Versuch, geschweige denn der dauernde Wille, dem wahren Be- dürfnisse der nationalen Entwickelung entgegenzuhandeln, ein unmöglicher Gedanke ist, djx Ueberzeugung soll die deutsche Nation in dem Augenblicke, wo ein schweres Uebel durch fernere Vernachlässigung zum Unheil heranzuwachsen droht, aus dem Vertrauen zu sich selbst schöpfen. Möge der Reichstag die freieste Prüfung des ihm zugehenden Gesetzvorschlages unternehmen. Aber der innerste Wille und das wahre Ge- wissen der Nation erwartet, daß er entweder die Anwendung des vorgeschlagenen Miitels genehmige oder ein besseres darbiete. Die Vaterlandsliebe und die Einsicht, welche so viele Mitglieder des sich versammelnden Reichstages zum Theil in einem langen öffentlichen Leben bewährt haben, begründen die Zuversicht, daß der Reichstag weder sich selbst und der Nation das Zeugniß der Rathlosigkeit ausstellen, noch weniger aber die letztere in eine Hilflosigkeit versetzen werde, die sich unter ohn- mächtigen Scheinmitteln vergebens zu verbergen sucht." Wie nett! Als der vorige Reichstag die freieste Prüfung des Gesetzentwurfes gegen den Sozialismus vornahm und so frei war, denselben mit großer Majorität abzulehnen, da schickte man ihn nach Hause und jetzt— wagt es dasselbe Regierungs- organ, welches bisher die unbedingte Annahme des neuen Ent- Wurfes als eine politische Nothwendigkeit immer hinstellte, den neuen Reichstag wiederum zur freiesten Prüfung des Gesetz- Vorschlages einzuladen und diese Einladung mit allen möglichen Schmeicheleien an die Weisheit der Reichstagsmajorität zu um- geben. Ist das etwa keine Bauernfängerei? Und an wen wendet sich hauptsächlich das Regierungsblatt mit seinen Schmeicheleien? An die Liberalen, welche von eben demselben Blatte vor den Wahlen in geradezu pöbelhafter Weise angegriffen und„moralisch verdächtigt" worden sind. Ob sich diese Herren von dem Regierungsorgan bauernfängern lassen werden? Ihre Vergangenheit berechtigt uns nicht, auf diese Frage mit Nein zu antworten; wohl aber liegt die Möglichkeit vor, daß die Liberalen zu der Erkenntniß gelangen, daß die Regierung sie nochmals und zwar zum letzten Male ausnutzen und dann zur Seite schieben will. Doch die Herren Liberalen mögen sich selbst berathen.----- Und nun wollen wir uns noch einmal zum Schlüsse dieses Artikels einer„moralischen Verdächtigung" befleißigen: Bis jetzt sieht man nicht, daß zur Abhülfe der Roth irgend etwas geschehen soll; diejenigen Elemente aber, welche diese Roth abschaffen wollen, die Sozialdemokraten sollen durch Ausnahmegesetze im Interesse der ausbeutenden Klaffen gehetzt und verfolgt werden. Anstatt das Uebel zu verfolgen, verfolgt man die Gegner desselben, um dann das soziale Elend immer höher hinauf und sich selbst über die Köpfe wachsen zu lassen. Die Geschichte ist unsere beste Lehrerin. Immer dann, wenn die Regierungen oder die herrschende Gesellschaft überhaupt mit brutalen Verfolgungen denen antwortete, welche neuen, besseren Ideen Eingang verschaffen wollten, immer dann durchbrach der momentan durch dieses Vorgehen zwar eingedämmte Strom in nicht zu langer Zeit die Wälle und überfluthete verheerend das Land. Hätte man die Wasser des Stromes ruhig und stetig dahinfließen lassen, wären die Wasser hin und wieder auch über die Ufer hinausgetreten, so konnten sie nur befruchtend wirken. Die Hindernisse aber durchbrechend, müssen die Fluthen zunächst zerstörend wirken, während erst später nach und nach die ver- derblichen Folgen verschwinden und neuem Leben, neuer und gedoppelter Fruchtbarkeit Platz machen. Doch wir wollen, komme.vui da wolle, guten Muthcs bleiben; vorbereitet sind wir auf alle Verfolgungen, gestählt und freudig nehmen wir auch diesen Kampf auf, denn wir wissen, daß, wenn auch unsere Personen nicht, so doch unsre Idee endlich siegreich aus dem Kampfe hervorgehen wird. Stimmen der Presse über das BiSmarck'sche Ausnahmegesetz. (Schluß.) Die„Voffische Zeitung" vom 6. d. bringt über„die unmittel- bare Veranlassung" des Ausnahmegesetzes einen vortrefflichen Artikel, den wir hier vollständig folgen lassen: „Der Zusammenhang der beiden Mordversuche auf den Kaiser mit den Bestrebungen und Agitationen der Sozialdemokratie, auf welchem die Berechtigung des Ausnahmegesetze« hauptsächlich begründet wird und eigentlich allein und ausschließlich begründet werden kann, und welcher im Augenblicke der begangenen beiden Verbrechen der erschreckten Einbildungskraft und dem Loyalitäts- gefühle außer allem Zweifel erschien, zeigt sich vor dem Stuhle der juristischen, wie der psychologischen Kritik, welche hier allein maßgebend sein dürfen, als ein so loser, die Fäden, die ihn bilden, als so spinnewebenartig dünn und schwach, daß er eine Folgerung von praktischem, gesetzgeberischem Inhalte überhaupt nicht, jedenfalls nicht von dem Inhalte der Vorlage zuläßt. „Der eine der beiden Mörder ist allerdings ein Mitglied der sozialdemokratischen Partei gewesen, aber sein Verbrechen erscheint nach dem Gesammtergebniß der gerichtlichen Untersuchung und Verhandlung fast rein und ausschließlich als die Frucht und Wirkung seiner allgemeinen sittlichen Verkommenheit, der er wahrscheinlich bereits verfallen war, che er von der Sozial- demokratie mehr als den Namen, wenn selbst nur diesen, gehört hatte. Zunächst ist von einer direkten Anregung des Verbrechens aus dem Schooße der Partei nicht die Rede und nie die Rede gewesen. Ferner aber ist der Verbrecher weder ein Typus seiner Partei, noch ein hervorragendes, noch ein besonders eifriges und überzeugtes, oder auch nur ein treues Mitglied derselben im gewöhnlichen Sinne des Worts, noch überhaupt ein eigentlicher Parteimensch gewesen. Im Gegentheil, es würde schwer zu sagen sein— und er selbst würde es nicht gekonnt haben, mit Be- stimmtheit zu sagen— ob er als Sozialdemokrat oder als Christlich- Sozialer sein Pistol abgefeuert und nachmals den Streich des Henkerbeils empfangen hat. Die Verantwortlichkeit einer nach Hunderttausenden oder je nachdem auch nach Millionen zählenden Partei für ein einzelnes Mitglied von der sittlichen und geistigen Beschaffenheit Hödel's muß als gleich Null an- gesehen werden; sonst würde es wohl keine einzige Partei geben, die nicht durch einzelne Handlungen solcher Art von Mitgliedern über und über mit den häßlichsten sittlichen Flecken und Ver- brechen— zum großen Theile sogar mit dem des Königs- mordcs— gebrandmarkt wäre. Selbst soweit sich nachweisen ließe, daß unter den mittelbaren Ursachen, die das Verbrechen vom 11. Mai gezeitigt haben, sich auch die Lektüre sozialistischer Schriften und das Anhören sozialistischer Reden und Vorträge befänden, kann bei ruhiger und billiger Beurtheilung ein anderer Schluß nicht gemacht werden. Keine politische oder sozialistische j Lehre kann nach den Consequenzen geschätzt werden, welche ein i Einzelner, der noch dazu geistig wie sittlich tief unter dem Durch- schnittsniveau ihrer Anhänger steht, aus ihr oder vielmehr unter ihrem mittelbaren Einflüsse zieht. „Während nun Hödel, als er die That beging, wenigstens ein Mitglied der sozialdemokratischen Partei war oder bis vor Kurzem gewesen war, hat der zweite Mörder mit der Partei gar nichts zu thun. Er ist nicht einmal ein Mitglied derselben in dem allerweitesten, gewöhnlichen, nichtssagenden Sinne ge- Wesen. Seine Bestrebungen, soweit von Bestrebungen bei ihm die Rede sein konnte, gingen nicht von ferne auf irgend welche sozialdemokratische Zwecke. Er wollte irgend eine Beschäftigung oder Anstellung im Staatsdienste oder sonstwo haben und schei- terte wegen seiner persönlichen Ungeeignetheit überall damit. Der Besitz einiger sozialistischer Broschüren, die Thatsache, daß er ein oder ein paar Mal sozialistischen Rednern zugehört hat, beweist an sich eben so wenig, als daß er einmal in einem Auf- satz oder in seiner Unterhaltung einen sozialistischen Gedanken einfließen ließ. Die Sozialdemokratie wäre keine kämpfende Partei mehr, wenn jeder zu ihr gehörte, der dies gethan hat. Wenn ein Zusammenhang zwischen seiner That und der Sozial- demokratie besteht, so ist es der, daß derselbe entsetzliche Nihilis- mus, der ihn schließlich zum Kaisermord- und Selbstmordversuch trieb, ihn vorher noch veranlaßte, bei der Sozialdemokratie, von der er gehört hatte, daß sie auch ein nihilistisches Element in sich schließe, anzuklopfen. Aber von einem Zusammenhange seiner That mit der Sozialdemokratie in dem Bcrhältniß von Wirkung und Ursache bat sich auch nicht die leiseste Spur herausgestellt: die in dieser Richtung von einem Theile der halboffiziösen Presse mit großer und verdächtiger Geflissentlichkeit verbreiteten Be- hauptungen sind sämmtlich in amtlicher Weise für durch und durch erfunden und auf Unwahrheit beruhend erklärt worden. Wenn nicht am 2. Juni in den Gemüthern eine starke und leb- hafte Jdeenassoziation zwischen der Sozialdemokratie und dem Königsmorde in Folge des Hödel'schen Verbrechens vorhanden gewesen wäre, wäre der Gedanke, Nobiling als den Verwirklicher scheußlicher sozialistischer Träume zu betrachten, wahrscheinlich gar nicht aufgetaucht. „So sehr nun diese Jdeenassoziation, welche die Sozialdemo- kratie für die beiden Attentate verantwortlich macht und Maß- regeln gegen dieselbe verlangt, ihren Grund in dem lauteren Gefühle der Loyalität hat, welches auch die entfernteste und selbst nur imaginäre Gefahr um jeden Preis von dem Haupte des Kaisers abgewandt wissen will, so kann und darf fich der kalt abwägende Gesetzgeber doch der Thatsache nicht verschließen, daß für diese Jdeenassoziation ein reeller Boden und Hintergrund nicht vorhanden ist, daß die beiden Mordversuche als eine prak- tische Frucht sozialdemokratischen Treibens nicht betrachtet werden können, daß der Gedanke, als könne die Verwerfung des Aus- nahmegesetzes, die Möglichkeit einer Wiederholung des fluch- würdigen Verbrechens vermehren, nicht nur mit sittlicher Ent- rüstung, sondern auch vom Standpunkte der Logik aus mit Ver- achtung zurückgewiesen werden muß. Ganz abgesehen davon, daß, wenn, was wir nicht fürchten wollen, noch ein anderer Mordbube von dem Schlage jener beiden anderen fich in unserer bürgerlichen Gesellschaft befände, dieser durch ein Gesetz, welches die sozialdemokratische Preß- und Vereinsfreiheit der Gnade der Polizeibehörde überliefert, sicher nicht von seiner Absicht ab- gehalten oder in ihrer Ausführung behindert würde; so wenig wie ein halbwegs vernünftiger Mensch annehmen kann, daß die That vom 2. Juni unterblieben wäre, wenn der frühere Reichstag dem ersten Ausnahmegesetz seine Zustimmung ertheilt hätte. „Soweit die öffentliche Meinung außerhalb der direkt reaktiv- nären oder urtheilslos regierungsfreundlichen Kreise gesetzgeberische Maßregeln gegen die Sozialdemokratie und selbst Ausnahme- maßregeln fordert oder doch für zulässig hält, thut sie es aus- schließlich um des vermeintlichen Zusammenhangs zwischen ihr und den Mordversuchen willen und in der Voraussetzung, daß sie zur sicheren Verhinderung der Wiederholung der letzteren nothwendig sind. Der politische Mann, welcher das Nicht- Vorhandensein jenes Zusammenhangs und die absolute Nicht- Wirksamkeit in dieser Beziehung erkannt hat, hat die sittlich- politische Pflicht, sich der gutgläubig irrenden öffentlichen Meinung nicht hinzugeben und sie dadurch in ihrem Jrrthum zu bestärken, sondern sich ihr zu widersetzen und sie zu besserer Erkenntniß zu leiten. Er könnte freilich, unbeschadet seiner Ueberzeugung von der Irrigkeit der öffentlichen Meinung in diesem Punkte, aus andern Gründen zu denselben Ergebnissen und Folgerungen kommen, und die Sozialdemokratie, ohne Rücksicht auf die beiden Mordversuche, für ein so großes und drohendes Uebel betrachten, daß dasselbe um jeden Preis ausgerottet werden müßte. Dazu würde freilich noch die weitere Annahme gehören, daß es über- Haupt durch gesetzgeberische Akte ausgerottet werden könnte, und daß der in der Vorlage betretene Weg der dazu geeignetste, oder überhaupt nur geeignet sei.". So der Artikel der„Vossischen Zeitung". Die Nationalliberalen haben noch immer nicht fest Stel- luug zu dem Gesetz genommen. Einen eigenthümlichen Artikel bringt die„Nationalliberale Correspondenz". Er ist betitelt: „Partikularismus und Sozialdemokratie", und es heißt darin: „Die einzige wesentliche Veränderung, welche der Bundesrath an dem Sozialisteugesetzentwurf der preußischen Regierung vor- genommen hat, ist charakteristisch für das Verhalten der deutschen Regierungen zu der Sozialdemokratie, für das ganze Empor- kommen der letzteren in Deutschland überhaupt. Wir haben sie am üppigst-n aufwuchern sehen in dem Königreich Sachsen und der Provinz Schleswig-Holstein,— letztere früher, elfteres heute noch ein wahrer Tummelplatz des preußenfeindlichen Partiku- larismus. Eine Zeit lang wurde sie ja auch in Berlin von oben her halb und halb begünstigt, so lange nämlich die Uni- tarier Lassalle und v. Schweitzer in ihr das große Wort führten. Aber seit der Preußenhasser Liebknecht das Heft in die Hand bekommen hat, ist bei der preußischen Regierung die Stimmung natürlich umgeschlagen, und die beiden Mordversuche gegen das ehrwürdig geheiligte Haupt des Kaisers haben diesen Umschlag zu dem Entschluß der Unterdrückung um jeden Preis verfestet. Die sächsische Regierung kann sich einem solchen Feldzuge gegen eine gemeingefährlich gewordene Sekte natürlich nicht gut ver- sagen, aber ihre Anhänger im Lande stehen noch keineswegs in dieser Hinsicht auf der conservativen Höhe der Zeit. Sie halten die sozialdemokratische Wühlerei wohl auch für eine Art Gift, aber doch für ein harmloseres als das der zu Preußen hn- neigenden nationalliberalen Politik, dem es sogar als Gegengift dienen mag."— Folgt das Märchen von der Wahl Bebel's (1877) durch die sächsischen Partikularisten, nebst weiterem denun- ziatorischen Gezeter über den Partikularismus. Die oben ab- gedruckte Stelle ist insofern interessant, als Bismarck darin in direkter Weise beschuldigt wird, die Sozialdemokratie blss deshalb zu verfolgen, weil sie sich ihm nicht politisch dienstbar machen will. Wir gestehen: eine ärgere„Bismarckbeleidigung" ist uns noch nie vorgekommen. Daß Lassalle kein„Unitarier" im Bismarck'schen Sinne war, wissen unsere Leser, ebenso wie sie wissen, daß in unserer Partei keine einzelne Person„das Heft in Händen hat", und daß der„Preußenhasser" Liebknecht nicht die Preußen, d. h. das preußische Boll, sondern nur dessen schlimmste Feinde haßt und bekämpft. Beim„linken Flügel" der Nationalliberalen fängt es an, stark zu„kompromisseln". Die Lasker'sche„Autographirte Cor- respondenz" schreibt: „Am 9. September tritt der neue Reichstag zusammen; es ist die erste Session der vierten Legislaturperiode, zu welcher derselbe eröffnet wird. Ungewöhnlich wie die Zeit der Eröffnung, sind die Umstände, unter denen sie erfolgt. Nicht nach dem ruhigen Ablauf seiner dreijährigen Mandatedauer ist der vorige Reichstag heimgegangen; eine Auflösung hat ihm ein frühes Ejnde bereitet und darauf haben die allgemeinen Wahlen zum neuen Reichstag unter einer stürmischen Aufregung der Be- völkerung und unter einer Verwirrung der Anschauungen statt- gefunden, die bei uns noch nicht erlebt worden sind. Der neu gewählte Reichstag zeigt in seiner Zusammensetzung die Spuren davon; es kann mcht anders sein, als daß man sich kein rechtes Bild von dem Gang seiner Verhandlungen und dem Ausfall seiner Beschlüsse vorzustellen vermag. Die Streitfragen, die zwischen der Regierung und der Mehrheit des aufgelösten Reichs- lags schwebten, haben durch die Auflösung und die Neuwahlen keine Abklärung erfahren. Nicht darum wurde gekämpft, ob diese Streitfragen vom neuen Reichstage in der einen oder der andern Weise zum Austrag zu bringen seien; sondern es war eine wilde Jagd nach Mandaten, in welcher einzelne Parteien den anderen nach Möglichkeit Abbruch zu thun suchten. Schließlich ist es der Regierung doch nicht gelungen, sei es auch nur für irgend eine einzelne Frage, eine geschlossene Mehrheit zu Stande zu bringen. Als Grund der Auflösung wurde offiziell angegeben, daß bei den schweren Gefahren, die dem Gemeinwesen von den Ausschreitungen der Sozialdemokratie drohen, die Regierung suchen müsse, eine Reichstagsmehrheit um sich zu sammeln, die, aus den„Staats- erhaltenden Elementen" bestehend, ihr die Mittel zu einer wirksamen Bekämpfung der Sozialdemokratie zu gewähren bereit sei. So war denn die Ablehnung des So- zialistengesetzes durch den Reichstag in den Mittelpunkt des Wahlkampfes gestellt, obwohl diejenige Partei, gegen die sich die Angriffe der Regierungsparteien zumeist rich'.eten, die national- liberale, im Voraus ihre Bereitwilligkeit erklärt hatte, in einer außerordentlichen Hcrbstsession des Reichstages mit oer Regierung ein Gesetz zu dem gedachten Zwecke zu vereinbaren, wie dieses jetzt ja auch nach der Auflösung und nach den Neuwahlen die erste Aufgabe des Reichstages sein soll, der mit Rucksicht auf das Zustandekommen eines solchen Gese tzes überhaupt und auf dessen Inhalt für die Regierung nicht günstiger zusammengesetzt ist, als es der aufgelöste Reichstag war. So ist denn der ossiz:ell verkündigte Zweck der Auflösung nicht erreicht worden; die Re- gierung wird nach wie vor darauf angewiesen sein, nut derselben Partei sich ins Vernehmen zu setzen, welcher sie wegen des an- geblichen Mangels an Entgegenkommen gegen ihre Absichten während der Wahlen den Krieg machen ließ, wenn sie im neuen Reichstage irgend ein Gesetz von Erheblichkeit, zunächst das Sozialistengesetz, zu Stande bringen will. Obgleich der neue Reichstag eine Verstärkung der beiden conservativen Parteien um etwa 40 Mitglieder aufweist, wird er darum doch für die Regierung nicht„bequemer" sein, als der aufgelöste. Die Neu- Wahlen sind ja nicht blos für eine Session, nicht blos im Hin- blick auf ein einzelnes Gesetz erfolgt. Wenn nicht eine aber- malige Auflösung vorgenommen wird, hat der neu gewählte Ein deutscher Reichskanzler. (Eine historische Erinnerung.) Der durchlauchtige Herr, von dem wir sprechen, hat ein be- gründetes Anrecht auf unsere Beachtung. Zunächst wegen seines hohen Amtes; sodann deshalb, weil er dem edlen Geschlecht der Hohenzollern entsprossen war, einem Geschlecht, welches bekannt- lich es sehr weit gebracht hat. Denn die goldene Zeit des Hohenzollernthums— des könig- lichen, wie des kaiserlichen— zählt erst nach Jahren und Tagen. Ehemals war ein jüngerer Hohenzoller zufrieden, wenn er in einer geistlichen Pfründe Versorgung finden konnte und das höchste Ziel seiner Wünsche war der Posten des deutschen Reichskanzlers, der Kurstuhl zu Mainz. Dies Ziel wurde nur von einem einzigen des Geschlechts erreicht: von Herrn Albrecht von Brandenburg, einem gar sittenremen Herrn und würdigen Bischof, der zwei Maitressen unterhielt und sich als „heiligen Martin" malen ließ. Albrecht von Brandenburg bekleidete seinen hohen Posten zur Reformationszeit, also in einer Zeit politischer und sozialer Be- wegung. Er war ein energischer Mann, ein Mann von Talent, und hätte er gewollt— er hätte die Lolkssache mächtig fördern können. So aber benutzte er seine Stellung dazu, Deutsch- land einen Kaiser zu verschaffen*), den er beeinflussen konnte und der, wie es sich gezeigt hat, reaktionär ge- sinnt war.. � � Anfänglich spielte der Reichskanzler den Freund des Fort- schritts und zeigte sich den neuen Ideen gar wohl geneigt. Mit Führern der Opposition verkehrte er freundlich; einer von ihnen sandte ihm sogar eine Dichtung zu**). Dabei konnte es seinem scharfen Blicke nicht entgangen sein, daß die Opposition die damals bestehende Staatsordnung des deutschen Reiches unter- grub.— Wie huldreich Se. Durchlaucht sich gegen die Führer des Volkes betrugen, wird durch sein Verhalten gegen einen derselben illustrirt. Dieser Mann hatte an den Reichskanzler ein Schreiben gerichtet, worin er ihn in sehr grober Form auf- *) Karl V **) Ulrich v. Hutten. Reichstag während seines dreijährigen Bestehens namentlich auf dem wirthschaftlichen Gebiete schwierige Aufgaben zu erfüllen; er soll im Zusammenhang damit die Reichsfinanzen in ein festes System bringen und für eine neue Reihe von Jahren die Grund- lagen für den Militäretat feststellen. Ob für die Erledigung dieser wichtigen Gegenstände die Zusammensetzung des neuen Reichstags im Sinne der Regierung sich wesentlich verbessert hat, muß bezweifelt werden. Die conservativen Parteien find zwar äußerlich gewachsen, sie sind darum aber keine stärkere Stütze für die Regierung geworden. Sie sind mehr noch als früher mit Elementen durchsitzt, die grade nicht als warme Freunde des Reiches und einer auf seine Stärkung gerichteten Politik gelten können; wohl aber werden sie auf die Regierung dahin einzuwirken suchen, daß die Wege, welche bisher zu den großen nationalen Zielen hin eingeschlagen und verfolgt worden find, verlassen werden und eine Reaktion eintrete. Die Regierung hat es an Versicherungen nicht fehlen lassen, daß Derartiges nicht in ihrer Absicht liege; man muß dem Glauben schenken; dann aber wird auch von einem Einvernehmen über die Ziele zwischen der Regierung und der äußersten Rechten nicht die Rede sein können. Die Regierung wird, wenn sie fortfährt, die Reichs- institution auszubauen, von ihren deutschconservativen Freunden dabei mehr Hinderung als Förderung erfahren; sie wird genöthigt sein, wiederum zusammen zu gehen mit den liberalen Parteien. Dieses Alles deutet darauf hin, daß der neugewählte Reichstag der Schauplatz vielfach verschlungener Bewegungen und Grup- pirungcn der Parteien unter sich und mit der Regierung sein wird. Wir können nur wünschen, daß auf allen Seiten die Lage mit richtigem Verständniß erfaßt und daß ohne Vor- uriheil nach einer Verständigung gesucht werden möge. Das Reich darf schließlich nicht darunter leiden, daß die Regierung und die Mehrheit des Reichstages über eine einzelne Frage der Gesetzgebung in scharfen Gegensatz gerathen sind. Es giebt große Gebiete, auf welchen ein Einverständniß unschwer sich erzielen läßt und die Gesetzgebung in ruhiger Entwicklung sich entfalten kann. Ist erst der heute noch unlösbar erscheinende Gegensatz ausgeglichen, so wird nichts weiter dem entgegen- stehen, mit dem Ausbau der Reichsgesetzgebung fortzufahren." Wir fürchten, dieser Appell an das„richtige Verständniß" des Fürsten Bismarck wird seinen Zweck versehlen. Fürst Bis- marck hat offenbar von den Conservativen und Reaktionären ganz andere Ansichten, als Herr Lasker sich selber weiß zu machen sucht. Im Uebrigen erhellt aus dem Artikel die Angst vor einem „Conflikt" und neuer Auflösung, sowie der sehnsüchtige Wunsch nach„Verständigung". Mit den heute veröffentlichten Preßstimmen schließen wir unsere Zusammenstellung ab. Das Ausnahmegesetz befindet sich nun vor dem Forum des Reichstags, dessen Urtheil und Haltung uns jetzt in erster Linie beschäftigen. Sollte uns noch irgend ein bemerkenswerther Zeitungsartikel vorkommen, so werden wir desselben in der politisch-sozialen Uebersicht Erwähnung thun. Sozialpolitische Ueöersicht. — Die Thronrede, mit welcher am Montag der deutsche Reichstag eröffnet wurde, lautet im Wesentlichen: „Als die letzte Session geschlossen wurde, befand sich das deutsche Volk noch unter dem Eindruck der tiefen Erregung, welche ein gegen die Person Sr. Majestät des Kaisers gerichteter Mordversuch hervorgerufen hatte. Schon wenige Ta.ie darauf hat sich abermals und mit unheilvollerem Erfolge die Hand eines Verbrechers gegen das Oberhaupt des Reiches erhoben. Gottes Gnade bewahrte zwar auch diesmal das Leben des Kaisers, aber die erlittenen schweren Verwundungen haben Se. Majestät ge- nöthigt, bis zur völligen Genesung sich der Regierungsgeschäste zu enthalten und die Wahrnehmung derselben Sr. kaiserl'chcn Hoheit dem Kronprinzen zu übertragen. Schon nach dem ersten Mordanfall waren die verbündeten Regierunzen überzeugt, daß die Frevelthat unter dem Einfluß der Gesinnungen entstanden sei, welche durch eine auf Untergrabung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Agitation in weiten Kreisen erzeugt und genährt werden. Sie haben deshalb dem Reichs- tage den Entwurf eines Gesetzes vorgelegt, welches diesen ge meingefährlichen Bestrebungen ein Z'el zu setzen bestimmt war. Die Vorlage wurde abgelehnt. Jetzt, wo der Nation ein er neutes Verbrechen die dem Reich und der ganzen bürgerlichen Gesellschaft drohende Gefahr mehr und mehr zum allgemeinen Bewußtsein gebracht hat, werden Sie, geehrte Herren, durch forderte, gewisse Uebelstände abzuschaffen*), widrigenfalls er eine Schrift veröffentlichen wolle, in der er der Welt den Unterschied zwischen Sr. Durchlaucht und einem Wolf erklären werde. Auf dieses Schreiben antwortete der Herr Reichskanzler höflich und ziemlich nachgiebig, den Briefschreiber redete er„lieber Herr Doktor" an. Und doch war dieser**) kurz vorher vom Reichs- tage für vogelfrei erklärt worden und galt bei Vielen für einen Reichsfeind. Dies Benehmen des Kanzlers muß denjenigen in Erstaunen setzen, der die Beweggründe nicht kennt. Die Erklärung liegt ziemlich nahe. Wenn eine Volksbewegung so mächtig geworden, daß der Versuch einer Unterdrückung derselben die Throne ge- fährdet, dann pflegen die Herren Fürsten sich— wie der Aus- druck lautet— an ihre Spitze zu stellen. Das war in jener Zeit der Fall. Herr Albrecht von Hohenzollern veranstaltete in seiner Residenz zwar keinen Umzug mit der schwarz-roth-goldenen Fahne— das wäre damals nicht zeitgemäß gewesen— allein, wie wir gesehen haben, unterhielt er Beziehungen zu den Lei- tern der Umsturzpartei. Diese Beziehungen sollten aber nicht nur Schaden abwenden, sondern auch Nutzen bringen. Die geistlichen Fürsten konnten nämlich auf die Sympathie des den Clerus hassenden Volkes rechnen, wenn sie ihre Stifte in weit- liche Fürstenthümer verwandelten. Zum großen Th-ile zeigten sie sich dazu auch geneigt; denn eine Popularität, welche „reellen" Bortheil bringt, liebten die Herren. Auch der Reichskanzler, Herr von Hohenzollern, hätte sich gar gern als erblichen Kurfürsten gesehen. Sein Herr Verwandter, ein an- derer Albrecht von Hohenzollern, ebenfalls geistlicher Fürst, wan- delte in jener Zeit das seiner Verwaltung übergebene Deutsch- ordensland gewaltsam in ein„Herzogthum Preußen" um, riß es vom deutschen Reiche los und stellte es unter die Oberhoheit Polens. Man ersieht hieraus— und dies sei beiläufig bemerkt — daß die jetzt übliche Schulmeisterbehauptung von dem„jeder- zeit nationalen Sinne der Hohenzollern", nicht immer zuge- troffen hat. Die beiden hier erwähnten Zollern waren Egoisten und der eine von ihnen verging sich schwer an der Staatsord- nung des deutschen Reiches; ja er verübte eine Handlung, welche *) Den Ablaßhandel. **) Dr. Martin Luther. Neuwahlen zur Mitwirkung an der Gesetzgebung berufen, auf's Neue zu prüfen haben, ob das bestehende Recht genügend Hand- haben zu Unschädlichmachung jener Bestrebungen bietet. Die verbündeten Regierungen haben ihre Ueberzeugung nicht geändert; sie sind nach wie vor der Anficht, daß es außerordentlicher Maß- regeln bedarf, um der weiteren Ausbreitung des eingerissenen Uebels Einhalt zu thun und den Boden für eine allmähliche Heilung zu bereiten. Sie halten ebenso an der Auffassung fefi, daß die zu wählenden Mittel die staatsbürgerliche Freiheit im Allgemeinen zu schonen und nur dem Mißbrauch derselben ent- gegenzuwirken haben, mit dem eine verderbliche Agitation die Grundlagen unseres staatlichen und Culturlebens bedroht. Ein von diesen Gesichtspunkten aus aufgestellter Gesetzentwurf wird Ihnen unverzüglich vorgelegt werden. Die verbündeten Regie- rungen hegen die Zuversicht, daß die neugewählten Vertreter der Nation ihnen die Mittel nicht versagen werden, w.lche nothwendig sind, um die friedliche Entwickelung des Reiches gegen innere Angriffe ebenso sicher zu stellen, wie gegen äußere. Sie geben sich der Hoffnung hin, daß, wenn erst der öffent- lichen Ausbreitung der unheilvollen Bewegung ein Ziel gesetzt ist, die Zurückftihrang der Irregeleiteten auf den richtigen Weg gelingen wird." Was sollen wir zu dieser Thronrede sagen!? Wenn die verbündeten Regierungen nur ihre„Ueberzeugung" betonen, daß die Sozialdemokratie die Attentate auf den Kaiser verschuldet habe, so est das zum Mindesten von sehr untergeordneter Be- deutung, da sie es nicht der Mühe werth halten, diese„Ueber- z ugung" durch Thatsachen und Beweise zu erhärten. Dies versuchen auch nicht einmal die von den Regierungen zu dem Gesetzentwurf beigegebenen Motive. — Zur Eröffnung des Reichstags. Der Reichstag ist durch den Stellvertreter des Reichskanzlers, Grafen Stolberg eröffnet worden. Für den„Hamburgischen Correspondent" bleibt es immerhin unaufgeklärt, weshalb der Kronprinz auf die Ausübung des Rechts, in vorliegenden Falle den Reichstag zu eröffnen, Verzicht geleistet hat.— Man sagt, daß der Kronprinz von Deutschland äußerst verstimmt sei über— was, das darf man nicht sagen. — Untergrabung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Die Berichte der preußischen Fabrikinspekto- ren an das Handelsministerium für das Jahr 1877 beschäftigen sich in hervorragender Weise mit der Ausführung des Haft- Pflichtgesetzes bei Unfällen der Fabrikarbeiter und constatiren dabei Mißstände ganz erheblicher Art. Gleichwie in ihren Berichten über das Jahr 1876, erklären auch in ihren neuesten Berichten die meisten Fabrckinspektoren, daß die Ansichten der Arbeitgeber und Arbeiter über die Haftpflicht der Ersteren fast durch veg einander gegenüberstehen. Der Arbeiter will im All- gemeinen seinen Anspruch auf Entschädigung aus jeder Verletzung herleiten und zahlreich- Arbeitgeber möchten womöglich gänzlich der Haftpflicht sich entziehen. Diese einander gegenüberstehenden Ansichten erschweren die gütliche Einigung. Der Arbeiter wird auch deshalb g.zwungen, zum Prozesse zu schreiten, weil sein Anspruch auf Schadenersatz erlischt, wenn er ihn nicht innerhalb zweier Jahre, vom Tage der Verletzung an gerechnet, geltend macht. In manchen Fällen ist die erste Folge des angestrengten Proz-sses die Entlassung des Arbeiters, weil es sich mit der Drsziplin in der Fabrik nicht gut verträgt(?), daß ein Ar- beiter mit seinem Arbeitgeber sich im Piozehwege streitet. Vor solch einer Ev ntualität schreckt mancher Arbeiter zurück; die ihm augenblicklich g botene Exiiienz ist ihm lieber, als der immerhin unsichere Ausgang eines Prozesses, zumal er auf das Zeugniß seiner Mitarbeiter, die nicht seinetwegen ihre Stellung verlieren wollen, nicht immer rechnen kann. Selbst in Fällen, in denen die Fabrikanten ihre Haftpflicht auf Unfall. Vcrfiche- rungsgescllschaften übertragen haben, richten die Fabrikanten nicht selten, wie der Fabrikinspektor für Berlin betont, um die An- sprüche der Arbeiter im Allgemeinen möglichst niedrig zu halten, ihre Ansicht eher zu Gunsten der Versicherungs- gesellschaft als ihrer Arbeiter ein.— In Bezug auf die g-werbsmäßigen Versicherungsanstalten für Haftpflichtfäüe sprechen nch eine Anzahl Fadiikinspekloren überhaupt ungünstig aus. (Lasker! Lask-r!) Nach Abwälzung der Haftpflicht von sich auf ein fremdes Institut wird der Fabrikant sorgloser in Bezug auf die Schutzeinrichtungen(von den Sozialisten oft betont worden!) ferner Fabrik und kümmert sich wenig um die Beseiti- gung von Mängeln, welche eine Gefahr für Leben und Gesund- hett ihrer Arbeiter zur Folge haben. Ander>eits betrachten die Unfall Vernch rungsgesellichaften als ihre Aufgabe, in möglichst »ach heutigem Rechte(§ 81z) mit lebenslänglichem Zuchthaus bestraft werden würde. Der Reichskanzler führte— wohl um seine Popularität zu erhöhen— verschiedene Reformen ein. Er schaffte die Steuer- freiheit des Adels ab und zwang ihn, seine Güter gerade so hoch zu versteuern, wie dies die andern Menschen thun mußten; ferner setzte er den adeligen Gerichtsschöffen zu ihrem großen Aerger bürgerliche Doktoren zur Seite. Daß dies den Haß der Juukerpartel— der Conservativen würde man heute sagen— erregte und ihr stilles Wühlen veranlaßte— wer wundert sich darüber? Der Füist ließ sich durch nichts beirren; wußte er doch, an der bürgerlichen Bevölkerung eine feste Stütze zur Ber- wirklichung seiner Pläne zu besitzen. Die Hospartei wandte sich hierauf nach Rom und bat den Papst um Unterstützung. Wirklich suchte Se. Heiligkeit auf den Kurfürsten-Reichskanzler einzuwirken. Zunächst durch Ermah- nungen. Doch mochte dem heiligen Vater von vornherein klar sein, daß der Kanzler— ein Mann, der„Jnteressenpolitik" be- trieb— bloßen Worten nicht zugänglich sein und auch vor einem Confl cte m;t der Curie nicht zurückschrecken werde, vor- ausgesetzt natürlich, daß er dadurch keinen Schaden erlitt. Auch das mochte der Papst einsehen, daß ihm selbst die Macht Bayerns, des zweitgrößten deutschen Staates, der hinter der Kirche stand, in diesem Falle keine ausreichende Stütze böte. Es kam darauf au, die Interessen des Kanzlers, welche denen der heiligen römischen Kirche entgegen waren, mit diesen in Einklang zu bringen. Und dies gelang der Kirche, indem sie dem Kanzler durch Hinweis auf den Kaiser Furcht einjagte. Der Kaiser war nämlich ein bigotter, harter, die Selbstherr- schast liebender Mann, der Neuerungen abgeneigt. Zwar nennt ihn ein Oppositionsführer(Luther)„ein ganz gütiges und from- mes Herz"; doch glauben wir, daß Luther diese Worte gegen seine Ueberzeugung und nur deshalb geschrieben hat, weil ein tadelndes Urtheil über das Staatsoberhaupt auch damals schon unangenehme Folgen nach sich ziehen konnte. Dem Hm- weis auf die Macht des Kaisers beugte sich der Fürst; er wußte sehr wohl, daß er durch diese Nachgiebigkeit seinen Einfluß auf den Kaiser behaupte, vielleicht gar erhöhe, während er verloren gewesen wäre/wenn er sich dem Kaiser offen widersetzt hätte. Die Hofjunker jubilirten; auch die der Neuerung geneigte wenigen Fällen und mit geringen Unterstützungen bei Unfällei der Arbeiter helfend einzutreten, weil sie von dem oft nicht un gegründeten Mißtrauen geleitet werden, daß die Verletzten dü Zeit der Reconvalescenz. während welcher sie vollen Ersatz ihre« Arbeitslohnes erhalten, weiter ausdehnen, als es nöthig ist. Derartige Verhältnisse, wie die geschilderten, sind recht eigentlich dazu angethan, das gute Verhältniß des Arbeitnehmers zu dem Arbeitgeber zu stören, und sowohl der Fabrikinspektor für Berlin als auch mehrere andere erklären, eine Besserung dieser Ver- Hältnisse nur davon erwarten zu können, wenn sich Verbände der verwandten Industriezweige bilden, welche in ihrer Gemein- schaft für allen Schaden aufkommen, den die Industrie an Leben und Gesundheit der Arbeiter verursacht.— Gegen solche Verbände können auch wir nichts haben, aber in erster Linie ist der Staat und die Gesetzgebung verpflichtet, die bestehende Orb- nung in Bezug auf die Bcweislast bei den Unfällen zu»unter- graben" und ein für die Arbeiter wirksames Haftpflichtgesetz her- zustellen. Dies haben die»verfluchten Sozialdemokraten" schon seit Jahren verlangt und sind auch deshalb in Acht und Bann gethan; dies fordern jetzt auch die preußischen Fabrikinspektoren, die nun gleichfalls dem Ausnahmegesetz verfallen, da sie die bestehende gesellschaftliche Ordnung„untergraben". — Die nationalliberalen Zeitungen jammern über die von uns in der letzten Nummer gebrachten Enthüllungen der»Berliner Freien Presse". So schreibt die.Tribüne":»Zu Anfang des Wahlkampfes wurde das Thema:»Die Stellung der Ä-gierung zur Sozialdemokratie" bekanntlich lebhaft erörtert, und es wurden allerlei fast der Vergessenheit verfallene That- fachen wieder zu Tage gefördert. Alles das aber wird über- boten durch Enthüllungen, die das Organ der Sozialdemokratie der Reichshauptstadt, die»Berliner Freie Presse", bei Gelegen- heit einer Polemik gegen die halbamtliche»Provinzial- Corre- spondenz" gemacht und die— wir gestehen es offen— so ungeheuerlicher Natur sind, daß sie für uns unglaublich er- scheinen. Das Blatt nennt keine Namen, aber die Bezeichnung der Personen ist eine so klare, daß man nicht fehlgehen kann, wenn man annimmt, daß mit den Hauptpersonen, von denen die Rede ist, der Reichskanzler selbst und der Vater der Sozialdemokratie, Lassalle, gemeint sind." Nun druckt die „Tribüne" die Enthüllungen ab und schließt ihren Jammerruf: „Wir hatten geglaubt, die Regierung würde durch eines der ihr 1 1 nahestehenden Organe schon gestern Abend die Nachrichten in aller Form dementircn lassen, aber wir haben uns geirrt. Da die nächsten offiziösen Organe erst am Montag Abend erscheinen, so können die von der»Berliner Freien Presse" gemachten Eni- hüllungen drei volle Tage unbeanstandet ihren Weg in's Publi- tum machen. Sollten dieselben, wie wir zuversichtlich hoffen, auf Jrrthümern beruhen, so würde doch wohl das rascheste De- mentr am Platze gewesen sein.— Wir glauben, daß die Regie- rung nicht dementrren kann! — vr. Nobiling ist Dienstag, den 10. September, an einer Lungenlähmung gestorben.— Daß der Attentäter nunmehr den gerichtlichen Verhören entzogen worden ist, hat keine Partei, über- Haupt Niemand so sehr zu bedauern als die Sozialdemokratie. Wir haben nach und nach die Neberzeugung erlangt, daß der Verbrecher von antisozialistischen Elementen gedungen worden ist. — Daß Lehmann-Hödel's Schädel von den Berliner Gerichten dem Physiologen Dr. Virchow verweigert wurde,, ist unseren Lesern bekannt und hat nicht unverdientes Aufsehen erregt. Jetzt erfahren wir, daß auch Lehmann-Hödel's letzter, unmittelhar vor der Enthauptung an seine Mutter geschrie- bcner Brief von den Gerichten zurückbehalten wird und der Mutter, welche nach Berlin gekommen war, um sich die Hinter- lassenschaft ihres Sohns zu holen, zwar vorgelesen aber nicht eingehändigt wurde. Von diesem Brief sagt ein Bericht- erstatter der Berliner»Volkszeitung", der entweder bei der Verlesung zugegen war, oder bei einer anderen Gelegenheit Ein- ficht von demselben genommen hat, daß er„psychologisch noch wichtiger sei als selbst der Schädel Hödel's." Die eigenthümlichen Vermuthungen, zu denen die Sequestnrung des „Hödelkopfs" Anlaß gegeben hat, können durch die geradezu unbegreifliche Seguestrirung des Hödelbriefs nur an Eon- sistenz(Festigkeit) gewinnen._ Von welcher Wichtigkeit es gewesen wäre, den Schädel Leh- mann- Hödel's wissenschaftlich zu untersuchen, erhellt aus der Thatsache, daß, wie auf dem soeben in Paris abgehaltenen „anthropologischen Congreß" in einem Vortrag des Pro- fessor Benedikt»über Verbrecheranatomie" an zahlreichen Beispielen nachgewiesen ward, das Hirn von Verbrechern einen Bürgerschaft war mit des Kanzlers Wandlung einverstanden; denn geschickt und erfolgreich hatte man die Unruhe des Bauern- Qufstandes benutzt, um dem Bürgerthum Angst vor den Neuerern «inzuflößen. Viel Grund zum Jubel hatte übrigens der Adel durchaus nicht; denn zur alten Macht gelangte er nicht mehr. Wohl schritt der Fürst zu neuen und immer neuen ReaktionSmaß- regeln; die freigesinnte Bürgerschaft hatte allerdings darunter zu leiden, aber die Adelspartei gewann nichts. Der Fürst nahm dem Lande und dem Adel die Privilegien; sein Regierungs- grundsatz war»das beste Landesprivilegium sei jenes, gar keines zu haben." Die Richtigkeit des Satzes— vom Standpunfte des Absolutismus aus betrachtet— ist unbestreitbar. Der Kanzler ging noch weiter. Dieselben Leute, welche er früher geschützt und zu fördern gesucht hatte, begann er rück- sichtslos zu verfolgen. Früher hatte er sich den Namen eines freigesinnten Fürsten verschafft, jetzt installirte er Ausnahmege- richte gegen die freisinnige Partei. Ein Sturm des Unwillens ging über Deutschland, als der Kurfürst-Reichskanzler gegen die Partei, mit der er— wie man wußte— geliebäugelt hatte, «ine Ketzerinquisition verhängte. Furchtlos traten die freisinnigen Männer gegen ihn auf; die Gefahr verachtend schrieben sie Bro- schüre auf Broschüre gegen den Kanzler.„Den Teufel zu Mainz" nannte ihn jLuther; eine seine Broschüren betitelte er »Wider den Abgott zu Halle".(Halle war nämlich der zeit- wellige Aufenthalt Sr. Durchlaucht.) Und als die Verfolgungen nicht abnahmen und auch noch der Kaiser scharf gegen die An- Hänger der neuen Idee vorging, da rief der muthige Führer des Volkes klagend aus:»Der Kaiser sei nicht Kaiser, sondern der Teufel zu Main,"'"), nämlich der Kurfürst-Reichskanzler. Einen weiteren Methodenwechsel beging Herr Alvrecht wäh- rend seiner Regierung nicht mehr. Von nun an blieb er «ine der mächtigsten Stützen der Reaktion; allein die neuen Ideen, die er bekämpft hat, vermochte er nicht zu unterdrücken. Ein Jahr nach de» Kanzlers Tode hatte Deutschland das Un- glück eines Bürgerkrieges wegen derselben neuen Ideen. Und *) Trotz dieser offenbaren Injurien wurde Luther nicht verklagt, was doch auf Grund der damals neuen Justizgesctze— der peinlichen Halsgerichtsordnung— jedenfalls hätte geschehen können. anormalen(von der gesunden Bildung abweichenden) Ty- pus zu haben pflegt, mit anderen Worten, daß solche Ver- brecher— von diesen allein ist die Rede— welche außerhalb der Sphäre vernünftigen Denkens und menschlichen Fühlens liegende Handlungen begehen, fehlerhaft organisirte Ge- Hirne haben, und folglich nicht zurechnungsfähig sind. — Ein deutsches Cayenne. Seit mehreren Jahren ist die deutsche Reichsregierung bemüht, sich irgendwo eine Colon ie zu erwerben. Verschiedene Versuche sind bereits gescheitert; jetzt steht sie in Unterhandlungen wegen einer„Flottenstation" in Centralamerika, die, wie die Berliner„Nationalzeitung" in ihrer Dernbnrg-witzigen Weise andeutet, nebenbei auch noch als zukünftiger Luftkurort für„untergrabende Elemente" in Betracht gezogen werden dürfte. Wir wissen die uns zugedachte Freundlichkeit zu würdigen, und werden sie— nicht vergessen. — Offenes Eingeständniß. Ein hochconservatives Blatt, die„Geraer Zeitung", welche von der reußischen Regierung in- spirirt ist, bespricht in einem Leitartikel die Ausnahmegesetze und sagt: „Es mag schwer sein, das Gesetz so zu formuliren, daß nur die Sozialdemokratie getroffen wird, zumal der Uebergang von der sogenannten Fortschrittspartei zur Sozialdemokratie ein kaum merklicher ist. Aber wir meinen, daß dies doch keinen unüber- windlichen Schwierigkeiten unterliegen kann, und wenn das Gesetz auch die halb-sozialdemokratische, gleißnerisch-hetzerische und des- halb überaus gefährliche fortschrittliche Winkelpresse zur Raison bringt, so steigt ja sein Werth." Vom Fortschritt bis zum Nationallibcralismus ist nur ein sehr kleiner Schritt— wir haben meist gar keinen Unterschied zwischen beiden Parteien gefunden— und diesen schritt wird doch irgend ein conservatives Blatt in seiner Unvorsichtigkeit noch vor der Berathung der Gesetze machen, denn ohne ein offenes Eingeständniß gegnerischerseits begreifen die National- liberalen ihre Stellung noch immer nicht. Die„Kölnische Zei- tung" schreibt schon, daß die Nationalliberalen Alles, was ihnen an Unrecht und Leid vor den Wahlen von der Regierung und von den Conseroatioen zugefügt sei, vergessen müßten. — Die Oesterreicher erhalten in Bosnien von den In- surgenten die schönsten Prügel.— Mehemed Ali Pascha, der nach Albanien gesandt worden war, um die Abtretungen an Montenegro zu regeln und die dortigen Gegenden zu pacifi- ziren ist mit sammt seinem Gefolge von den aufständischen Al- banesen ermordet worden. — Zum Rückgang. Unser Wiener Parteiorgan, der»So- zialst", welches bis jetzt einmal wöchentlich erschien, wird vom 1. Ottober an wöchentlich zweimal herausgegeben. — Am 4. September wurde die Anklage gegen unfern Par- teigenossen Müller von Langen wegen Majestätsbeleidi- gung vor dem Bezirksgericht in Darmstadt verhandelt. Der- selbe hatte in einer sozialdemokratischen Wahlversammlung in Dreicichenhain über die Ereignisse des Jahres 1866 gesprochen und u. A. bemerkt, es sei damals von oben in einer Weise gehandelt worden, welche, wenn nicht von Erfolg gekrönt, mit weit mehr Recht für Hochverrath erklärt worden wäre, als Alles, was man den Sozialdemokraten Schuld gegeben. Von einigen Privatdenunzianten wurde diese Aeußerung, die sich jeden- falls nicht gegen den jetzigen deutschen Kaiser richtete, dem Gericht angezeigt und einige Tage darauf Müller verhaftet. Derselbe bemühte sich vergeblich um einen Bertheidiger. Von allen Advokaten, an die er sich wandte, wurde er abgewiesen. Der Staatsanwalt beantragte zwei Jahre Gefängniß. Müller vertheidigte sich selbst. Keiner der von ihm namhaft gemachten Entlastungszeugen wurde vorgeladen! Der Ge- richtshof setzte sein Urtheil auf den folgenden Sonnabend aus. Wie wir inzwischen erfahren, ist Müller zu einem Jahr Ge- fängniß verurtheilt worden. Die Motive zum Sozialistengesetz. In Erkenntniß der Gefahren, von welchen der Staat und die Gesellschaft durch das Umsichgreifen der sozialdemokratischen Bewegung bedroht sind, legten die verbündeten Regierungen im Mai d. I. aus Anlaß des gegen Se. Majestät den Kaiser ver- noch später wurde unser armes Vaterland durch einen dreißig Jahre währenden unglückseligen Meinungskrieg zerfleischt. Wer weiß, ob all dies Unheil unfern Vätern nicht erspart geblieben wäre, hätte der Kurfürst-Reichskanzler sich der Partei, die er anfangs unterstützt hatte, voll und fest angeschlossen. Ein solches Beispiel hätte andere Fürsten, schwankende, ermuthigt und zur Nachahmung veranlaßt. Der Kurfürst-Reichskanzler hat sich schwer an Deutschland versündigt. Suchen wir den Schlüssel zum Verhalten dieses nach dem Kaiser obersten Fürsten, so finden wir es in seinem kühlen, eigen- nützigen, berechnendem Sinne. Wenn er zu einer Partei hielt, so geschah dies niemals aus Ueberzeugung, sondern stets des- halb, weil er aus ihr Nutzen zu ziehen hoffte. Ging er zu einer andern Partei über, so that er das, weil er sich von dieser größeren Vortheil versprach. Bezeichnend für ihn ist das Re- script, in dem er den adligen Schöffen die Aenderung der Ge- richtsorganisation mittheilt:„Man hat Eurer nicht mehr nöthig." Der arme Konrad. Jllustrirter Kalender für das arbeitende Volk für 1879. Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei zu Leipzig. Preis: Geh. 40 Pf., geb. 60 Pf. Eine der schönsten Früchte der sozialistischen Literatur ist „Der arme Conrad", Jllustrirter Kalender für das arbeitende Volk.— Soeben ist die neue Ausgabe für das Jabr 1879 er- schienen und reiht sich dieselbe, was Inhalt und Ausstattung an- betrifft, ihren Vorgänger» würdig an. Was den Inhalt an- langt, so ist derselbe dieses Mal ein außerordentlich reichhal- tiger. Das Vorwort giebt uns einen gedrängten Ueberblick über den Stand der sozialistischen Partcibewegung und Presse; dann folgt das Kalendarium, zwischen demselben Anekdoten, Sinngedichte und Auesprüche berühmter Männer. Den Reigen der unterhaltenden und belehrenden Abtheilung beginnt Joh. PH. Becker mit einer lebendig geschriebenen Erinnerung aus seinem Leben, worin er uns die Befreiung Jacob Venedcy's aus dem Kantonsgefängniß zu Frankenthal vorführt. Dem schließt sich eine ergreifende Schilderung des Kulihandels, dieser modernsten Sklaverei, an. Der naturwissenschaftliche Theil ist vertreten übten Attentates dem Reichstage den Entwurf eines Gesetzes zur Abwehr sozialdemokratischer Ausschreitungen vor; der Reichstag lehnte jedoch die Vorlage ab. Bald darauf zeigte ein aber- maliger Mordversuch gegen den Kaiser von Neuem, wie leicht eine jedes sittl'che und rechtliche Gebot verachtende Gesinnung bis zu mörderischen Thaten sich zu steigern vermag. Zahlreiche Fälle von MajcstätSbeleidigungen, welche sich an jenes erschüt- ternde Ereigniß knüpften, lieferten den Beweis dafür, wie weit solche Gesinnung bereits um sich gegriffen hat. Die verbündeten Regierungen wurden dadurch in der Ueberzeugung bestärkt, daß es zum Schutze der Gesellschaft unerläßlich sei, der verderblichen Agitation Einhalt zu thun, welche als Hauptursache der zu Tage getretenen Verwirrung der Rechtsbegriffe und der Verwilderung der Gemüther angesehen werden muß. Die Regierungen find nach wie vor der Meinung, daß es zu diesem Zwecke des Er- lasses gesetzlicher Vorschriften bedürfe, welche direkt und aus- schließlich gegen die sozialdemokratische Bewegung gerichtet sind. Der vorliegende Entwurf stimmt daher in den Grundgedanken mit der früheren Vorlage überein. Die Bestrebungen der So- zialdemokratie sind auf eine praktische Verwirklichung der radi- kalen Theorien des modernen Sozialismus und Communismus gerichtet. Nach diesen Theorien ist die heutige Produktionsweise als unwirthschaftlich und als eine ungerechte Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital zu verwerfen. Die Arbeit soll vom Kapital emanzipirt, das Privatkapital in Collektivkapital, die individuelle, durch Concurrenz sich regelnde Produktion in eine genossenschaftliche, planmäßige Produktion verwandelt werden; das Individuum soll in der Gesellschaft aufgehen. Die sozial- demokratische Bewegung unterscheidet sich scharf von den huma- nitären Bestrebungen für das Wohl der arbeitenden Klassen dadurch, daß sie davon ausgeht, eine Hebung der Lage derselben auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung sei unmöglich und nur durch eine Sozialrevolution erreichbar. Die Durchführung einer solch n Revolution soll unter gleichzeitiger Um- wälzung der bestehenden Staatsverfassungen durch die interna- tionale Cooperation der arbeitenden Klassen aller Culturstaaten erfolgen. Diesen revolutionären internationalen Charakter hat die Bewegung insbesondere seit der im September 1864 zu London erfolgten Gründung der internationalen Arbeiterasso- ziation erlangt. In Deutschland fand die erste Organisation sozialdemokratischer Bestrebungen 1863 durch Lassalle statt. Der allgemeine deutsche Arbeiterverein hatte noch einigermaßen ein reformatorischcs nationales Gepräge. Bald jedoch trennten sich die radikaleren Elemente davon ab. Im August 1869 wurde zu Eisenach unter der Bezeichnung„Sozialdemokratische Arbeiter- Partei" eine Filiale der internationalen Arbeiterassoziation gebildet. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei uud der Allgemeine Ar- beiteroerein bekämpften sich gegenseitig eine Zeit lang auf's Heftigste, bis allmählig die radikale und antinationale Richtung die Oberhand gewann. Im Mai 1875 fand auf dem Congresse zu Gotha die Wiedervereinigung der bis dahin getrennten Gruppen der deutschen Sozialdemokratie zu einer einheitlichen Verbindung unter der Bezeichnung„die sozialistische Arbeiterpartei Deutsch- lands" statt. Das Programm der neuen Verbindung läßt über die revolutionären, den communistischen Tendenzen der Jnter- nationale im Wesentlichen entsprechenden Grundsätze und End- ziele der Verbindung keinen Zweifel. Dieselbe erstreckt sich über ganz Deutschland. Daneben besteht eine große Anzahl von lokalen sozialdemokratischen Vereinen; gewerbliche Fachvereine gleicher Richtung verzweigen sich über das ganze Bundesgebiet. Auf dem allgemeinen Sozialistencongresse, welcher im Herbste 1877 zu Gent abgehalten wurde und an welchem ein Delegirter der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands theilnahm, fand die großartige Organisation der deutschen Sozialdemokraten ungctheille Anerkennunfl. Auf diesem Congresse ward der inter- nationale Bund durch Constituirung einer allgemeinen Union der sozialistischen Partei erneuert. In dem bezuglichen Manifeste ist der gemeinsame Operationsplan dargelegt und besonders die Nothwendigkeit von politischen Aktionen als eines mächtigen Mittels der Agitation und Propaganda für die Volkserzichung betont. Das Manifest schließt mit den Worten:„Möge b-r jedem Volke die Klasse der Enterbten sich als eine große, von allen Bourgeoisparteien scharf abgegrenzte Partei constituiren; möge diese sozialistische Partei Hand in Hand marschiren mir der sozialistischen Partei aller übrigen Lander. Es gilt den Kampf um all Eure Rechte, um die Vernichtung aller Privilegien. Proletarier aller Länder! vereinigt Euch." Es handelt sich also um nichts weniger, als um einen Bruch mit der gesammten bis- herigen Rechtsentwicklung aller Culturstaaten, um eine radikale Umwälzung der Besitz- und Eigenthumsoerhältnisse von unten auf. Die Organisation des Proletariats, die Zerstörung der durch eine Abhandlung: Wie entstand unsere Welt? von L. Fri- witzer;»Sonne, Erde und Mond" von Emil Roßbach. Auf dem Gebiete der Bolkswirthschaft bringt der Kalender einen Ar- tikel über„Produktive und unproduktive Arbeit" von Heinrich Oldenburg. Auch für anregende Unterhaltung ist gesorgt. Eine spannend geschriebene Novelle„Im Hinterhaus" von Heinrich Iriedmann, sowie die Fortsetzung der„Weihnachts- bilder" von F. W. Fritzsche bieten den Lesern viel Schönes. Dem schließen sich noch kleinere Abhandlungen an, von denen besonders die Artikel über„die Vergiftung des Lolk-s" und „Aus alten Papieren" hervorgehoben zu werden veidien-n.— Die Illustrationen zeigen uns zwei meisterhafte Bilder von Heinrich Heine und„dem Vater des modernen Sozialismus" Babeuf. Zwei schwunghaft geschriebene Artikel, in denen das Leben und Wirken dieser beiden ausgezeichneten Männer be- leuchtet wird, schließen sich den Illustrationen an. Den Schluß bilden Post- und Telegraphen-Porto-Tarife sowie Marktoerzeich- nisse für ganz Deutschland.— Unsere Leser ersehen aus Bor- stehendem die Reichhaltigkeit des diesjährigen Kalenders. Wenn- gleich nun auch der Stoff desselben und die Behandlung dieses Stoffes noch so unverfänglich sind, so würde bei der Annahme des Ausnahmegesetzes trotzdem der„Arme Konrad" demselben verfallen. Es genügt ja schon, daß der»Arme Konrad" ei» sozialistischer Kalender ist, um nachzuweisen, �daß er der»Unter- grabung" der bestehenden Gesellschafts- und Staatsordnung dient. Dann der Titel und da« Titelbild! Der„Arme Konrad", der Bund der verfolgten und gehetzten Bauern, die sich gegen die Unterdrückung und Verfolgung der Herrscher auflehnten und das Titelbild, auf welchem ein Bauernführer steht, der einen Ring mit einem Grabscheit zieht und die Umstehenden einladet, in denselben einzutreten: „Der arme Konrad heiß rch, mn ich, bleib' ich, Wer nicht will geben den bösen Pfennig, Der trete mit mir in diesen Ring"— in den Bund des arbeitenden Volkes! Also Untergrabung, ynter- grabung und nochmals Untergrabung!— Wer also den neuen, diesjährigen„Armen Konrad" besitzen will, der möge recht rasch bestellen.(Siehe Inserat in der heutigen Nummer.) bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnunq, die Herstellunq der sozialistischen Gesellschaft und des sozialistischen Staates dui ch das organisirte Proletariat, das sind die ausgesprochenen End- ziele. Diesen Zielen entspricht die in Wort und Schrift mit leidenschaftlicher Energie betriebene wohlorganisirte Agitation und deren Methode. Die Agitation sucht in den ärmeren und weniger gebildeten Schichten der Bevölkerung Unzufriedenheit mit ihrer Lage, so wie die Ueberzeugung von der Hoffnungslosigkeit ihrer Ausfichten unter der destehenden Rechtsordnung zu verbreiten, sie, als Enterbte, zu Neid und Haß gegen die übrigen Klassen der Gesellschaft aufzureizen. Die sittlichen und religiösen Uebev Zeugungen, welche die Gesellschaft zusammenhalten, werden tv schüttelt, Ehrfurcht und Pietät verhöhnt, die Rechtsbegriffe der Masse verwirrt und die Achtung vor dem Gesetze zerstört. Die gehässigsten Angriffe und Schmähungen gegen das deutsche Reich und das Königthum geben der sozialistischen Agitation ein spe- zifisch antinationales Gepräge; sie entfremdet die Gemüther der heimischen Sitte und dem Baterlande. Die Darstellung in Wort und Schrift von früheren revolutionären Ereignissen und die Verherrlichung bekannter Revolutionsmänner, so wie die Thaten der Pariser Commune sind geeignet, revolutionäre Gelüste und Leidenschaften zu erregen und die Massen zu Gewaltthaten geneigt zu machen. Beläge für diese Art von Agitation liefern im großen Umfange die sozialdemokratische Presse und die Reden der Führer, der Agitatoren. Die Agitation hat in den letzten Jahren, wie ein Hauptorgan der deutschen Sozialdemokratie der „Vorwärts" triumpherend hervorhebt,«ine riesige Ausdehnung gewonnen; sie ist in Kreise gedrungen, welche ihr früher unzu- gänglich waren. Die Zahl der Zeitschriften, ihrer Abonnenten die massenhafte Verbreitung von Druckschriften aller Gattungen. Flugblätter, Broschüren, Lieder, Bilderbücher und Kalender, so wie die Zahl ihrer geschulten Agitatoren und Wanderredner ist in stetigem Zunehmen begriffen. Die Erfolge dieser Agitation sind in der starken Vermehrung der Stimmen hervorgetreten. welche der Sozialdemokratie bei politischen und communalen Wahlen zugefallen sind; dementsprechend ist die Zuversicht ihrer Anhänger gewachsen. Die fortgesetzte Beunruhigung und Störung des öffentlichen Friedens, durch die sozialdemokratische Agitation hervorgerufen, schädigt empfindlich das Gemeinwohl und hindert die gedeihliche normale Entwickelung auf wirthschaftlichem Gebiete. Daher ge- bot die Selbsterhaltung für den Staat und die Gesellschaft, der sozialdemokratischen Bewegung mit Entschiedenheit entgegenzu- treten. Zunächst aber ist der Staat berufen, die von der So- zialdemokratie bedrohte Rechtsordnung zu schützen und der sozia- listischcn Agitation Schranken zu setzen. Freilich kann der Ge- danke nicht durch äußeren Zwang unterdrückt werden, sondern die Bewegung der Geister kann nur im geistigen Kampfe über- wunden werden. Wohl aber können und dürfen einer solchen Bewegung, wenn sie falsche Bahnen verfolgt und eine Verderb- liche zu werden droht, die Mittel ihrer Ausbreitung auf gesetz- lichem Wege entzogen werden. Die sozialistische Agitation, wie sie seit Jahren betrieben, ist ein fortgesetzter Appell an die Gewalt und die Leidenschaften der Menge, um die staatliche und gesellschaftliche Ordnung umzustürzen. Einem solchen Unter nehmen kann der Staat Einhalt thun, indem er der Sozial demokratie ihre wichtigsten Agitationsmittel nimmt und ihre Or ganisation zerstört. Er muß dies thun, wenn er sich nicht selbst aufgeben, nicht in der Bevölkerung die Ueberzeugung von seiner Ohnmacht oder von der Berechtigung der revolutionären Be- strebungen die Sozialdemokratie aufkommen lassen will. Dieser Nothwendigkeit gegenüber tritt auch die Besorgniß zurück, daß die aus dem Lichte der Oeffentlichkeit verdrängte Agitation um so gefährlicher im Geheimen fortgesetzt werde. Ueberdies läßt sich mit Grund bezweifeln, daß letzteres in er- heblich stärkerem Maße geschehen werde als gegenwärtig. Dem Staate allein wird indessen auch mit Hilfe der vorgeschlagenen Mittel nicht gelingen, die sozialdemokratische Bewegung zu be- seitigen; diese Mittel bringen nur die Vorbedingung für die Heilung des Uebels, nicht die Heilung selbst. Es bedarf viel- mehr der thätigen Mitwirkung aller erhaltenden Elemente der Gesellschaft, um durch Belebung der Religiosität, durch Aufklärung und Belehrung, durch Stärkung des Sinnes für Recht und Sitte, wie durch weitere wirthschaftliche Reformen die Wurzeln des Uebels zu beseitigen.(Forts, f.) Südfrüchten, namentlich Orangen und Citronen, welche im hie- sigen Klima vortrefflich gedeihen, gewinnt mit jedem Jahre an Bedeutung. Auch Versuche mit der Cultur der Bananen wurden gemacht und gute Resultate erzielt. Neben einigen englischen Tagesblättern(von denen eins die Interessen der Arbeitenden energisch vertritt und den Grundsatz der Internationalen Arbeiterassoziation:„Tlro Emaiicipation of the Working Classes must de achieved by the Working Classes themselves"**) zum Motto gewählt hat) erscheinen hier auch einige Wochenzeitungen in spanischer und französischer Sprache, desgleichen ein deutsches, das einzige in ganz Süd- californien. Erfreulich ist es zu sehen, daß auch hier die Arbeiter, auf- geweckt durch die von San Franzisco ausgegangene Arbeiter- bewegung, bei politischen Aktionen als selbstständiger Körper auftreten, um den öffentlichen Dieben, Land- und Eisenbahn- Magnaten, welche das Mark des Landes aussaugen, das Hand- werk zu legen. Die Arbeiter organisiren sich aus Zweckmäßigkeits- gründen nach Sprachgruppen, und es bestehen hier mehrere englisch sprechende, desgl. je ein spanischer, französischer und deutscher Arbeiterclub, und obgleich letzterer erst seit 2 Wochen besteht, zählt derselbe doch bereits 60 Mitglieder. Die Bewegung trägt hier allerdings keinen rein-proletarischen Charakter, aber die gegenwärtig in der ganzen Welt, besonders auch in Californien, sich geltend machenden Verhältnisse, welche die Reichen reicher und die Armen ärmer machen, arbeiten darauf hin, daß sie voraussichtlich bald diesen Charakter tragen wird. Hoffen wir deshalb von der Bewegung das Beste. F. Vz. Zliemes(Böhmen), im September. Parteigenossen Deutsch- lands! Im Auftrage der hiesigen Genossen sehe ich mich veran- laßt, Euch zu Euren Wahlresultaten die besten Glückwünsche darzubringen und die Hoffnung auszusprechen, daß diese„Nieder- lagen"(im Munde des Gegners) ihre Wirkung in der gesammten Arbeiterwclt aller civilisirten Nationen nicht verfehlen werden. Durch Eure Ausdauer und Disziplin habt Ihr die stille Be- wunderung selbst aller denkenden Gegner im reichlichsten Maße erworben, da Ihr trotz Chikancn, Schwierigkeiten und Maß- regelungen aller Art und selbst der infamsten Mittel im Kampfe unentwegt und unermüdlich dastandet und Resultate erzieltet, wie wir sie nicht zu hoffen wagten. Alle Provokationen der Ordnungsleute, die Arbeiter zu Ausschreitungen zu veranlassen, ind zunichte geworden, da der früher von den Ordnungsleuten o oft gepriesene gesunde Sinn der Arbeiter für dieselben nicht empfänglich war. Die Sozialdemokratie Deutschlands hat durch die Wahlen ihren hohen Beruf und ihre Lebensfähigkeit glänzend bewiesen. Muthig vorwärts auf der betretenen Bahn! Wir wollen auch nach Kräften an der Verbreitung unserer Ideen arbeiten, wir wollen auch weder Mühe noch Hindernisse scheuen und der all- gemeine Sieg kann uns nicht ausbleiben. Hoch die sozialdemo- kratische Bewegung! Im Auftrage hiesiger Genossen: Ant. Wankler. Werkin, 7. September. Unser Parteiorgan, die„Berliner Freie Presse", hatte vor einiger Zeit zu der Mittheilung, daß es den Militärmusikern von ihren Borgesetzten verboten sei, in olchcn Lokalen zu spielen, wo Sozialdemokraten verkehren, die Bemerkung gemacht�, daß andere und höhere Offiziere nicht so keit seiner Parteigenossen verlassen konnte und wie besonders im ersten Wahlgange viele Fabrikanten zu Gunsten der Gegen- candidaten ihre Arbeiter beeinflußten und unablässig Flugblätter und Zeitungsartikel losließen, so müssen wir wahrhastig die Intelligenz unserer Wähler bewundern, die weder durch gute noch durch schlechte Mittel zu gewinnen waren, sondern ihrer unverfälschten Anficht und ihreni zutreffenden Urtheil über die heutigen Zustände durch die Wahl Vahlteich's Ausdruck gaben.— Wie überall, so fehlte es auch bei uns am Wahltage nicht an Ausschreitungen, welche sich die fanatischen„Ordnungs- männer", die um jeden Preis zu siegen gedachten, gegen unsere die Wahllokale besetzt haltenden Genossen zu Schulden kommen ließen. Den Dresdnern und Freibergern, die uns an diesem Tage noch so eifrig unterstützten und von der Ungezogenheit den Gegner Manches erzählen können, auch hierdurch noch unseren besten Dank für ihre bereitwillige Hilfe. Hoffentlich wird man uns diesen Kreis nicht so bald wieder entreißen, es wird noch manchmal gesiegt werden und der Dämpfer, welchen wir den „Reichstrcuen" hier aufgesetzt haben, wird seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn unsere Sache bei öffentlichen Wahlen siegt, wird die Antipathie in den interessirten Bürgerkreisen immer mehr schwinden und die soziale„Krankheit" ihre ansteckende Wirkung zu Gunsten des öffentlichen Wohles immer stärker be- thätigen. G. Gladewitz. Briefkasten der Redaktion. G. in Schellenberg: Der in der Corrcspondenz aus Connewitz erwähnte Herr v. Brause ist nicht der bekannte Ober- lchrer gleichen Namens, sondern ein jüngerer Culturkämpfer,„der es noch herrlich weit bringen kann."— F. W. in Kratzau! 1) Bei den deutschen Reichstagswahlen enlscheidet die absolute nicht die relative Majorität; das heißt: derjenige, welcher als gewählt betrachtet werden kann, muß mindestens eine Stimme über die Hälfte aller abgegebenen gültigen Stimmen erhalten. Smd mehr als zwei Candidaten aufge- stellt und erhält keiner der Candidaten mehr als die Hälfte aller St,m- men, so kommen die beiden Höchbestimmten in die Stichwahl, so daß dann nur die auf einen von diesen Candidaten gefallenen Stimmen gültig sind. Auf diese Weise muß dann einer derselben die absolute Majorität erlangen, es sei denn daß Stimmengleichheit(ist bis jetzt bei den deutschen Reichstagswahlen noch nicht dagewesen) eintritt; dann entscheidet das Loos. 2) Ein Candidat, der in zwei Wahlkreisen ge- wählt wird, wie das im Jahre 1877 bei unseren Genossen Bebel und Hasenclever geschah, muß in einem derselben ablehnen, in welchem dann eine Neuwahl erforderlich wird.— P. E. in Lößnitz: Unser Ge- nosse Geiser, Redakteur der„Neuen Welt", ist in Breslau geboren und war, ehe er nach Leipzig kam, Redakteur des„Zeitgeist" in Mün- chen.— A. B. in München: Auf Ihrer Durchreise sprechen Sie hier einmal vor. da die Frage durch den Briefkasten nicht erledigt werden kann.— I. K. in Gaarden: Ja.— der Expedition. Th. H. Lg Crimmitschau: Offerten auf Jhrr Annonce sind nicht eingegangen. Für übrige Miltheilung besten Dank„ Wollen Sie solche nicht auch nach Hamburg machen? Parteigenossen in Sondershausen, Greußen, Nordhausen„ Sangerhausen, Weißensee, Sömmerda und allen nahgelegenen Orten wo sich Parteigenossen befinden, werden freundlichst erwcht, ihre Adresse an A. Welke, Frankenhausen i. Thür, kommen zu lassen. Br. Keck in London wird um seine Adresse von Th. Weide- __„___________ w.v �.... v»lann, Broock 48, Hamburg und G. Keck, Kiel, Schcvenbrücke 1, per chlimm von� den�Sozialdemokraten dächten, vielmehr sich Dieckmann, gebeten.___ Los Angekcs(Californien), 12. August. Unsere gegenwärtig blühende Stadt, früher eine einsame, von Aposteln der„Allein- seligmachenden Kirche" gegründete Missionsstation, hat sich, seit- dem sich mehr und mehr Amerikaner hier angefiedelt, zum be- deutendsten Platze Süd-Californiens entwickelt, wozu es seine glückliche Lage in einem weiten, äußerst fruchtbaren Thale aller- dings auch vollständig qualifizirt. Die Stadt zählt jetzt circa 15,000 Einwohner, und wenn auch das anglo- amerikanische Element das öffentliche Leben vollständig beherrscht, so ist doch nach diesem das spanisch-mexikanische*) am stärksten vertreten. Die Vermischung dieser Nationalitäten scheint mir eine höchst glückliche zu sein. Los Angeles liegt unweit der pacifischen Küste und etwa 450 englische Meilen südlich von San Franzisco, der großen californischen Hauptstadt, und wer von letzterem Platze aus die Reise hierher zu Lande(per Eisenbahn) zurücklegt und nicht die zur See vorzieht, den führt dieselbe zum größten Theile durch eine fast unbewohnte, baumlose Ebene, welche sich zwischen der Sierra Newada und dem californischen Küstengebirge ausbreitet, zum Theil eine vollständige Wüste, auf welche die Sonne glühend heiß brennt und den Boden steinhart macht, nur Cactus und Gestrüpp auf demselben duldend. Gegen Ende der Fahrt führt die unlängst vollendete Bahn durch einen langen Gebirgspaß, und obwohl man die umliegenden Berge für sehr goldreich hält, so fehlt es an Wasser, um das edle Metall zu gewinnen, dasselbe „auszuwaschen", und die Bemühungen der Goldsucher sind daher meist wenig erfolgreich. Freudig überrascht ist der Reisende, wenn er das lachende Los Angeles- Thal und die Umgebung der Stadt mit ihrer sub-tropischen Vegetation erblickt. Die Hauptstraßen der Stadt tragen ausgeprägt amerikanischen Charakter, doch erst seit wenigen Jahren. An den mexikanischen Ursprung der Stadt erinnern besonders einige lange Reihen niedriger aus Lehm aufgeführter Gebäude, jetzt außer von Mexi- kanern und Mischlingen zum Theil von eingewanderten Chinesen bewohnt. Mit diesen stehen die amerikanischen hölzernen, jedoch geschmackvoll und praktisch eingerichteten Cottages in einem sehr vortheilhaften Contrast. Die Industrie ist hier, wie überall in Californien(San Franzisco in mancher Beziehung ausgenommen), noch in den Kinderschuhen, die Bevölkerung ist hauptsächlich auf den Wein- und Obstbau angewiesen. Die Anbau von und der Handel mit *) Californien war bekanntlich früher eine mexikanische Provinz. hiesigen Assoziations- Buchdruckerei zur Herstellung ihrer Druck arbeiten und also der Thätigkeit sozialdemokratischer Arbeiter be dienten. Auf diese Nachricht hin fanden, wie die„National Zeitung" mittheilt, von dem zuständigen Ressortchef im Kriegs Ministerium, Oberstlieutenant Blume, sofort Ermittelungen statt, w-lcke denn auch ergaben, daß in der erwähnten Buchdruckerei das Reglement über„Topographie für Offiziere" gedruckt wor- den ist. Die Direktion der Kriegsakademie hatte zu Bewerbungen um diese Druckarbeiten öffentlich aufgefordert und der Assozia tions-Buchdruckerei diese Arbeit übertragen mit Rücksicht auf die von ihr gestellten, der Kriegsakademie am meisten convenirenden Bedingungen. In seinem Bericht hebt der Oberst v. Radowitz, als Dircktionsmitglied der Kriegsakademie, ausdrücklich her vor, daß die von der Assoziations-Buchdruckerei ge- lieferten Arbeiten durchaus gut und zur Zufriedenheit der Bestellerin ausgefallen seien, und daß derselben jede Kenntniß von der politischen Stellung der Assoziations- Buch- druckerei gefehlt habe, und fernere Arbeiten an diese nicht mehr übertragen werden würden.— Wenn also conser- vative und nationalliberale Druckereien schlechtere Arbeiten liefern, o ist das Kriegsministerium dennoch verpflichtet, später Arbeiten diescn letzteren zu übergeben, weil, ja weil— in unseren poli- tischen und gesellschaftlichen Verhältnissen die größte Unordnung herrscht. Kssen, 1. September. Der Stolz der deutschen Industrie, die Krupp'sche Fabrik nimmt massenhafte Arbeiterentlassungen vor— aus Mangel an Arbeit, wie es auf den Certifikaten heißt. Traurig dabei ist, schreibt der„Rh.-W. Äolksfr.", daß sich das Entlassungsverfahren vielfach auf solche Arbeiter erstreckt, welche eit 1862 und noch längeren Jahren der Fabrik ihre Dienste geliehen haben und nun zum Dank dafür aufls Trockene gesetzt werden. Bei dieser Gelegenheit richten wir indeß an alle uns befreundeten und andere unabhängige Blätter die Bitte, von diesen Vorgängen Notiz zu nehmen und vor fremdem Zuzug �u warnen. Denn nach früherer Praxis pflegte die Firma hier die Arbeiter oft zu Hunderten zu entlassen und zu gleicher Zeit durch Annoncen in auswärtigen Zeitungen Arbeiter gegen lohen Lohn und dauernde Beschäftigung zu suchen. Durch eine olche Warnung wird nicht nur den Arbeitern, sondern auch den betreffenden Gemeinden ein großer Dienst erwiesen. Den ersteren, weil ihnen bei günstiger Wendung der Geschäftslage die Arbeit erhalten, und den letzteren dadurch, daß ihr Armenetat von einer erneren Belastung verschont bleibt, welche erfahrungsmäßig die unausbleibliche Folge eines unbedachtsamen Verlassens des bis- herigen Wohnsitzes gewesen ist. Schellenverg, 20. August. Wir haben unserm Nachbarkreise nachgeahmt und den liberalen Führer Dr. Gensel glücklich aus dem Felde geschlagen; das offizielle Resultat ist: Vahlteich 8711, Gensel 7593. Dr. Gensel selbst verschmähte es, bei der Stichwahlagitation noch eitimal öffentlich aufzutreten, seine un- geschickten Reisediener verdarben aber Alles und verbitterten die Stimmung gegen ihren Herrn und Meister, der als einer der geriebensten Nationalliberalen von seinen Parteigenossen im Reichstage schmerzlich vermißt werden wird. Wenn man be- denkt, wie ungleich die Machtmittel vertheilt waren, wie Or. Gensel und Geheimrath Böttcher persönlich wenig behindert, sich sich mit Wort und Schrift an der Agitation für ihre Candi- daturcn betheiligen konnten, während unser Candidat, im Ge- fängniß schmachtend, mundtodt gemacht, sich nur auf die Rührig- In den nächsten Tagen erscheint im Verlage der Geiiosscnsckiafts Buchdruckern zu Leipzig und ist durch die unterzeichneten Bu� Handlungen zu beziehen:» **)„Die Emanzipation der Arbeiterklassen muß durch die Arbeite:» klaffen selbst erreicht werden." Der arme Conrad. Jllustrirter Kalender für das arbeitende Volk pro 1879. Inhalts-Verzcichniß: Vorwort.— Vollständiges Kalendarium.— Aus meinen Erinnc» rungen. Von Joh. Phil. Becker.— Woher und wohin mit den Kulis?— Wie entstand unsere Welt. Von L. Friwitzer.— Heinrich Heine's Biographie.(Mit Portrait.)— Im Hinterhause. Erzählung von Heinrich Friedenau.— Sonne, Erde und Mond. Ein wichtiges Kapitel sür Kalenderkäufer. Von Emil Roßbach.(Mit 5 Abbildungen.> — Weihnachtsbilder aus einem Proletarierleben. Von F. W. Fritzsche. — Babeuf, Biographie.(Mit Portrait.)— Produktive und unpro- duktive Arbeit. Ein Kapitel aus der politischen Oekonomie. Bon H. Oldenburg.— Was uns die Statistik lehrt.— Statistik sozialistischer Reichs tagswahlen.— Die Vergiftung des Volkes.— Aus alten Pa- Pieren.— Post-Porto-Tarif. Telegramm-Tarif. Anekdoten. Sinn- svrüche. Räthsel zr 2t.— Marklverzcichnisse für ganz Deutschland. Die Illustrationen sind von bewährten Künstlern gezeichnet und> geschnitten. Trotz der gediegenen und reichhaltigen Ausstattung kostet der Ka» lender geheftet nur 40 Pfg-, gebunden und mit gutem Schreib» papier durchschossen 60 Pfg., gegen baar oder Postvorschuß. Den Bestellern von Einzel- Exemplaren ist anzuempfehlen, für jedes Exemplar brochirt 50 Pf., gebunden 70 Pf., einzusenden, wofü, wir franco per Kreuzband zusenden. Die Lieferung des Kalenders erfolgt nur gegen baar oder Postnachnahme. Arei-Krcmptare werden nicht gegeben. Aus Posten von 1 Dutzend aufwärts berechnen wir SÄ. 40!.'• I----- d-°-. Grpedition des„Worwärts", Leipzig, Färberstraße 12/11. Allgemeine deutsche Associations-Wuchdruckerei zu Werlin» Kaiser Franz-Grenadierplatz Nr. 8a. Soeben ist erschienen und durch die Expedition deS„Vorwärts" zu beziehen: MC des Wissens für die Denkenden. Bon Dr. Ad. Douai. Dritte unveränderte Auflage. Preis 15 Pf. Durch uns kann bezogen werden: N. Tchernychewsky: L'Econoraie politique jng<5e par la science, critique des principes d'äconomie politique de John Stuart Mill„ 492 pagea. Prix 1,50 M. Die Expedition des„Vorwärts". Verantwortlicher Redakteur: Franz Gützlaff in Leipzig. Redaktion und Expedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag der B-noff-nschaftsbuchdruckerei in Leipzig.