Erscheint tu Leibis «ttttwoch, Freitag, Sonata». AbonaementsPreiZ ?»r ganz Dcutichland t M.«« W. v« Quartal. Monats- Abonnements »erden»ei allen deutschen Postanstalten «i« den 2. und 3. Monat, und aus den K Monat besonders angenommen:«n Bwigr. Sachsen und Herzogch. Sachsen- Mcnburg auch aus den lten Monat de» Quartal» st 54 Psg. Inserate Zetr. Versammlungen pr. Petitzeile IS Ps., Setr. Prioatangelegenheiten und Feste xr» Petitzeile SS Ps. Z!tI!«Uungen nehmen an alle Postanstalten und Buch- Handlungen de» In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. Rew-Aorl: Soz.-demolr. Kenostca- schastsbuchdruckerei, 154 Llärick�v 8lr. Philadelphia: P. Hast, 630 North Zea Street. I. Boll, 1129 Charlotte Str. ftoholcn N.J.: F. A. Sorge, 215 sVaeh- ington Str. Thicago: A. Lansermann, 74 Clybourne«■-«. E-n Franzisco: F. En», 4180,FarreU Str. London W.: E-Htcnze, 8 New tr. Golden Square. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 113. Mittwoch, 25. Septeinber. 1878. Bismarck und Lassalle. Es kann uns gar nicht einfallen, die Rede, die Fürst Bis- marck jüngst im Reichstage bei Berathung des Sozialistengesetzes gehalten hat, zu kritisiren; dieselbe entzieht sich völlig dem Boden der Kritik, und würde man fie in ihrem wirklichen Werthe durch entsprechende Epitheta bezeichnen, so dürsten das die zarten Nerven des Reichskanzlers kaum vertragen können. Deshalb gehen wir auf das Gespräch des Herrn Kanzlers nicht näher ein, sondern geben lediglich unserer Freude Ausdruck, daß Bismarck mit so hoher Achtung von Lassalle gesprochen hat. Ob sein Urthcil über den wahrhaft genialen— genial hier ohne Gänsefüßchen, Herr Reichskanzler!— Todten ein zu- treffendes ist, das allerdings dürften alle Diejenigen, welche Laffalle besser als durch einige Plaudereien mit ihm kennen, fügl ch bestreiten. Bismarck sagte, Lassalle sei kein Republikaner gewesen. In Lassalle's Briefen(Leipzig, Brockhaus 1878) S. 50 sagt Laffalle selbst von sich:„Ich bin von jeher ein Revolutionär aus der Schule Robespierre's gewesen, der in seiner Eon- stitution schrieb:„Soziale Unterdrückung ist es, wenn auch nur ein einziges Individuum unterdrückt wird." Wenngleich zuerst an der Echtheit der genannten Briefe auch von unserer Seite gezweifelt wurde, so hat sich doch nachher herausgestellt— und zwar ist die Gräfin Hatzfeld dafür ein- getreten—, daß die Brüse von Laffalle selbst geschrieben sind.— Aber wichtiger als dieser Ausspruch Lassalle's ist ein anderer aus dem Jahre 1863, also aus derselben Zeit, in welcher Herr V.Bismarck mit ihm verkehrte. Dieser Ausspruch bezieht sich auf die orientalische Frage, die gegenwärtig für Deutschland so sehr Verfahren worden ist. Rodbertus hatte in einer Auseinandersetzung über das Nationalitätsprinzip an Laffalle geschrieben:„Und ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo die türkische Erbschaft an Deutschland gefallen sein wird und deutsche Soldaten oder Arbeiterregi- menter am Bosporus stehen." Hierauf antwortete Lassalle: „Die ganze Verschiebung der seit 1839 so oft in Angriff genommenen orientalischen Frage hat für mich immer nur den vernünftigen Sinn und Zusammenhang gehabt, daß die Frage so lange hingeschoben werden muß, bis der naturgemäße Anwärter, die deutsche Revolution, sie löst." Das schreibt der„monarchische" Laffalle! Doch bringen wir zunächst den wortgetreuen Satz, in welchem die„Lobeserhrbung" des Herrn von Bismarck Laffalle gegenüber enthalten ist, für welche sich Letzterer aber, wenn er noch lebte, wahrscheinlich entschieden bedanken würde. Bismarck also sagte: „Lassalle war ein Mann, der ehrgeizig im großen Stil war, durchaus nicht Republikaner; er hatte eine sehr aus- geprägte nationale und monarchische Gesinnung, seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche Kaiserthum, und darin hatten wir einen Berührungspunkt. Laffalle war ehrgeizig im hohen Stil, und ob das deutsche Kaiserthum grade mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle abschließen solle, das war ihm vielleicht zweifelhaft, aber monarchisch war seine Gesinnung durch und durch." „Durchaus nicht Republ kaner"! Dann war Robespierre auch kein Republikaner.„Ausgeprägte monarchische Gesinnung"! Die„Arbeiterregimenter" des Rodbertus, die Lassalle acccptirt und die Lösung der orientalischen Frage durch die deutsche Revolution deuten aber zum Mindesten daraus hin, daß dem großen Arbeiteragitator die„Lassalle'sche Dynastie", das he,ßl bei vernünftigen Leuten: die sozialistische Republik viel näher lag, als die Tynapie Hohenzollern. Dann aber hatte Laffalle„eine ausgeprägte nationale Ge- finnung"! Gewiß! Der nationale Lasiallr wollte das„goldene Horn", wollte den Bosporus für die deutsche Cultur, für die deutsche Clvilisation, für die deutsche Zukunft erwerben. Der nationale Herr von Bismarck h ngegen sagte im deutschen Reichstage in der genügend bekannten Orientdebatte, daß Deutschland durch die orientalische Frage direkt gar nicht berührt werde; der nationale Herr von Bismarck überließ demgemäß in aller Ruhe und Gemüthl'chkeit dem uncultivirten Rußland die Türke- auf Gnade und Ungnade; und nur der Energie Englands ist es zu verdanken, daß wenigstens noch eine „orientalische Frage" exismt, auf welche nach der Meinung des nationalen Lassalle's die deutsche Revolution einstmals noch die entsprechende Antwort ertheilen kann.— Der„geniale" Herr von Bismarck hat die damalige sozia- listische Bewegung(unter Lassalle) übrigens mit„großem Ver- ständniß" aufgefaßt, wenn er in seiner Rede meinte, cs habe sich bei derselben lediglich um Regulirung der Lohnverhältnisse ge- handelt. Der bismarckfreundliche Herr von Schweitzer, der in ökonomischen Dingen sehr klar blickte, beurtheilte hingegen im Jahre 1867 mit folgenden Worten den Vorschlag Lassalle's: „Eine neue Produktionsweise einiusübren. das ist der Zweck des Lassalle'sche» Vorschlages. Während in der heutigen Gesellschaft überall das Kapital als beherrschende Macht der Arbeitskraft gegenübersteht, ist in der Produktivassoziation der Gegensatz von Kapital und Arbeit versöhnt. Die Produktiv- assoziatlvnen sollen daher von Staatswegen im Großen begründet werden, und so soll allmählich dieser Keim eines neuen Gesell- schaftszustandes in freier Entfaltung die heutigen Verhältnisse verdrängen, um das Neue an deren Stelle zu setzen. Der Lassalle'sche Borschlag setzt allerdings nur an einem Punkte an, aber die Art. wie er ansetzt, trägt in sich die Gewähr, daß eine radikale Umgestaltung folgen werde." Was hier Herr von Schweitzer sagt, ist völl'g correkt, und Herr von Bismarck müßte sich, wenn er die Schriften Lassalle's einmal lesen würde und zwar mit Berständniß lesen würde, dieser Auffassung nvlens volens anschließen und sein Geplauder über- die Tragweite der Lasialle'schen Bewegung sehr, sehr rekti- fiziren.-- Zum Schlüsse aber möchten wir dem Herrn von Bismarck noch mittheilen, was sein„Freund" Lassalle über das geplante Ausnahmegesetz gesagt haben würde. Wir kennen nämlich seinen„Freund", der auch kein Sozialist gewesen sein soll, wie uns Herr von Bismarck gleichfalls in seiner Reichstagsrede mittheilte, viel besser als der„g-niale" Staatenlenker. Möge derselbe also die Stimme seines nichtsozialistischen„Freundes" Lassalle vernehmen: ..Und welches ist die Quelle aller unablässig fortschreitenden und unmerklich sich vermehrenden, aller friedlich sich vollziehen- den Verbess rung in der Geschichte, wenn nicht die wissen- schaftliche Erkenntniß? Sie muß darum walten ohne Schranken, für sie darf es kein Festes, das sie nicht in den Prozeß ihrer dpM'schen Untersuchung zöge, kein Unberührbares, kein noli nie längere geben. Ohne die Freiheit der wissen- schaftlichen Erkenntniß daher nur Stagnation, Ver- sumpfung, Barbarei! Und wie sie die unausgesetzt fließende Quelle all r Vervollkommnung menschlicher Zustände ist, so ist sie und ihre Ueberzcugung langsam gewinnende Macht, zugleich auch die einzige Garantie für eine friedliche Eutwick- lung.' Wer daher diese Quelle verstopft, wer ihr in Bezug auf irgend welche Zustände, wer ihr an irgend welchen Punkten zu fließen verbietet, der hat nicht nur den Quell der Bcrvollkomm- nung abgeschnitten und Nacht und Barbarei herausbeschworen— er hat den öffentlichen Frieden eingerissen und den Staat auf gewaltsamen Umsturz und Ruin gestellt! Denn er hat jenes Sicherheitsventil verschlossen, durch welches die Gesellschaft allmählich in sich ausnimmt, was ihrer unmerklich sich ändernden Lage entsprechend, durch die Kraft der Wissen- schaft langsam herausgeboren, sicher, wenn gleich allmählich, in Köpfe und Zustände übergeht. Er hat das Sicherheitsventil geschlossen und den Staat auf die Explosion gestellt! Er hat der Wissenschast verboten, Wunde und Heilmittel aufzuzeigen und die aus der verborgen gehaltenen Wunde sich endlich er- gebenden Convulsionen des Todeskampfes an die Stelle der Krankheitserforschung und ihrer Heilung gesetzt. Die unbeschränkte Freiheit der wissenschaftlichen Lehre ist daher nur ein unnehm- bares Recht des Jndwiduums, sie ist vor Allem und in noch viel höherem Grade die Lebensbedingung des Ganzen, das Lebens- interesse des Staates srlbst." So würde Lassalle reden, Ihr„Freund", Herr v. Bismarck! Giebt es eine vernichtendere Kritik Ihres Ausnahmegesetzes, als diese Worte Ihres„Freundes", die der große Todte im Jahre 1863 den Richtern des Berliner Kammergerichts entgegen- rief?---- Nach diesen Betrachtungen kommen wir nun zu folgendem Schlüsse: Hätte Herr von Bismarck die Schriften Lassalle's gelesen, so würde er nicht von demselben mit so hoher Anerkennung ge- sprochen haben. Da sich das Urtheil Bismarck's aber lediglich aus einigen Plaudereien gebildet hat, so merkte er nur, daß Lassalle an Geist und Genie ihn, den Minister, zehnfach über- ragte und ist auch offen genug gewesen, dies auszusprechen. Das Urtheil über Lassalle aber mußte natürlich völlig falsch aus- fallen. Einen Mann wie Lassalle lernt man nicht aus einigen Plaudereien und Zeitungsausschnitten kennen, man muß ihn in seinen Werken studiren und dies sei Herrn von Bismarck ange- rathen, bevor er nochmals ein Urtheil über den großen Todten zu fällen unternimmt. Herrn Bamberger's jüngste Retirade. Nie hat eine Partei mit größerer Unverfrorenheit ihr eignes Todes urtheil ausgesprochen, als dies die nationalliberale durch den Mund des Herrn Bamberger am 16. d. M. gethan hat. Ein passenderer Grabredner als Herr Bamberger, der es so meisterhaft versteht, zweideutige leere Gedanken in volltönende Worte zu kleiden, konnte freilich nicht ausgewählt werden— aber was wir erwarteten war: daß die nationalliberale Partei wenigstens insoweit das deeorrnn wahren würde, daß sie die Gründe ihrer Haltung offen bekannt, an Stelle der Sophistik männlichen Muth gesetzt hätte; sie hätte dann freilich sagen müssen, daß fie keine Partei des Widerstandes sei, der Wille der Regierung stärker sei als der ihrige und demzufolge Harmonie zwischen Regierung und Bürgerthum a tont prix vorhanden sein müsse. Von diesem Standpunkte aus hätte ein offener und freimüthiger Redner sich für die formell wie inhaltlich ungeheuer- tichcn neuesten Regierungsmaximen erklären können— aber dazu fehlte der Muth und man wählte klugerweise Herrn Bamberger, berühmt durch seine Virtuosität im Retiriren. Seit dem Tage von Kirchheimbolanden ist er gelaufen und gelaufen und dennoch nicht zum Ziele gelangt. Verweilen wir ein wenig bei der letzten Etappe dieses großen Rückschreiters. ......„wenn ich noch daran zweifelte, beginnt er, daß dieses Gesetz einer durchgehenden Prüfung bedarf, so würde mich namentlich die Rede des Abg. Bebel davon überzeugt haben, daß kein Versuch unterlassen werden iarf, um uns von den Gefahren zu befreien, welche uns hier vorgeführt morden sind."(!) Also namentlich die Rede Bebel's überzeugt Herrn Bam- berger von der Nothwendigkeit eines AuSnahmegeß tzes; nun hat aber fast die gesammte antisozialistische Pi esse die große Mäßi- gung in Bebel's Rede anerkannt, imnn also für Herrn Bam- berger gerade die Gefahren zu bestehen scheinen, gegen deren Abhülfe er ein so weinerliches Gezeter erhebt; auch könnte man annehmen, Herr Bamberger wäre vor der Rede Bebel's eigentlich anderer Ansicht gewesen als nachher, und die liberale Politik wäre eigentlich eine Politik von„Stunde zu Stunde". Doch nein— Herr Bamberger offenbart es uns selbst, daß bei ihm Borsicht der bessere Theil der Tapferkeit ist,„wir wollen vor der Katastrophe thun, was andere erst nachher thun müssen, und wir glauben uns um Land und Welt verdient zu machen, wenn wir nicht erst warten, bis die Katastrophe in ihren letzten Symp- tomen hervorgetreten ist." Wenn es notorisch ist, daß den Furchtsamen und Feigen jede Gefahr unendlich größer erscheint, als sie wirklich ist, so erklärt sich Herrn Bamberger's heillose Angst vor irgend einer Kata- strophe von selbst, aber vor welcher denn? Gewöhnlich weiß der Ausreißer doch wovor er ausreißt, wer aber die reine Angst auf das Hasenpanier schreibt, oder wie sich Herr Bamberger so schön metaphorisch ausdrückt„est grand' peur grand' rigueur", der sollte doch nicht in die Gefechtelinie gestellt werden, sondern hübsch ruhig beim Train bleiben. Denn bei Herrn Bamberger sind alle Vorstellungen, alle Beruhigungsmittel vergebens:„was Bebel, Liebknecht, Lassalle, Marx auch Alles gegen gewaltsamen Umsturz sagen mögen, Alles ist nicht im Stande, wenn es dennoch geschieht(schreckliches„es"), und die schönsten Worte werden vergessen sein, wenn sich eine Bewegung im breiten Strome ergießt." Bewundrungswürdige scharfsinnige Logik, die die Prämisse zugleich als Beweis dienen läßt. Weil Herr Bamberger die Katastrophe kommen sieht, so müssen deren zu- künftige Urheber schon jetzt dafür bestraft werden, und wenn wir tausendmal behaupten,„wir wollen keinen Umsturz, so sind das unnütze Worte, die Herrn Bamberger's Gesichte nicht verscheuchen können; wer fürchtet wohl mehr im breiten Strome der Be- wegung unterzugehen, als Sie? Wer aber das Gras wachsen hört, der sollte doch wenigstens über einen kleinen Theil Logik oder gesunden, schlichten Menschen- verstand verfügen und nicht zu solch unsinnigen Deduktionen greifen, mit welchen man jedem Menschen Alles nur denkbare aushalsen kann; wenn der panische Schrecken die Menschen er- greift, so geht der letzte Funken Verstand zum Teufel, das beweist Niemand treffender, als Herr Bamberger auf seinem jüngsten Reißaus. Man höre und staune! „Die Regierung ist an dieser irrthümlichen Auffassung Schuld, indem sie bei der erfolgten Auflösung des letzten Reichstages den Wählern zurief: nicht gegen Dich, den friedliebenden Bürger ist das Gesetz gerichtet, sondern gegen diese eine bestimmte Kategorie von Personen. Dennoch hat trotz der herrschenden aufgeregten Stimmung dieser Appell nicht verfangen. Aber das Gesetz ist gar kein Ausnahmegesetz im oben bezeichneten Sinne. Nur wer künstig gewisse Bestrebungen verfolgen wird, den soll es bedrohen. So wie z. B. das Tabaksmonopol, wenn es ein- geführt würde, kein Ausnahmegesetz wäre, indem cs nur eine bestimmte Sache regeln würde, ebenso ist das Sozialistengesetz nur ein Ausnahmegesetz gegen eine bestimmte Sache, nicht gegen Personen." Erbärmlicher und spitzfindiger kann eine einfache Sache nie- mals verwickelt worden sein; kennt Herr Bamberger den Begriff eines Ausnahmegesetzes nicht, oder glaubt er wirklich, durch solche Bankierkmffe irgend wem zu imponiren? Jedes Gesetz, welches nicht in den Rahmen des gemeinen Rechtes hineinpaßr, ist ein Ausnahmegesetz, und sobald es nicht auf vem Boden dieses all- gemeinen Rechtes stehen kann, muß es stets nur gegen einen Theil der Staatsbürger gerichtet sein; oder umgekehrt: sobald ein Gesetz nur gegen einen Theil der Staatsbürger gerichtet ist, kann es nicht in die Sphäre des für Alle gültigen Rechtes hineinpassen und ist folglich ein Ausnahmegesetz. Außerdem drückt Herr Bamberger der Vorlage selbst den Stempel eines Ausnahmegesetzes auf, wenn er eine zeitliche Begrenzung desselben verlangt, denn das allgemeine Recht ist nicht zeitlich begrenzt, sondern von unbestimmbarer Dauer. Auch der feine Unterschied zwischen Personen und Sachen, wonach die Vorlage nur eine Sache treffen soll, ist nur von dem Bankierstandpunktc aus ver- ständlich, von welchem die Sozialdemokraten, die Arbeiter und die Arbeitskraft nur eine Waare— eine Sache repräsentiren. Plötzlich tritt bei Herrn Bamberger ein höchst bedenklicher Zu- stand ein. Der Angstschweiß, welcher seinen Körper bedeckt, conzentrirt sich nach dem Gehirne und in Folge der dadurch eintretenden Hypertrophie delirtrt er Mitleid erregend, daß die Vorlage kein Ausnahmegesetz sei, weil fie nur für künstige Fälle gelten soll; danach scheint er zu glauben, daß die Gesetze eigentlich für die Vergangenheit bestimmt sind und nur aus- nahmsweise für die Zukunft. Wehe Ihnen, Herr Bambcrger, wenn dem so wäre, dann müßten ihre einstigen Bestrebungen auf Untergrabung der bestehenden Gesellschaftsordnung auch durch das Ausnahmegesetz getroffen werden, und um diesen Preis würden wir vielleicht gern ein wenig mehr ertragen.— Summa: Die nationalliberale Partei konnte sich kein größeres Armuthszeugniß ausstellen, als durch diese an Widersprüchen und Jnhaltlosigkeit leidende Rede des Herrn Bamberger. Wo es sich um politische Grundsätze, um Fragen von der einschnei- densten Bedeutung handelt, erscheint für den Liberalismus ein in finanziellen Kniffen und politischen Schlichen großgewordener Parlamentarier auf der Tribüne. Der Rückzug des Liberalismus ist durch das Auftreten Bamberger's zu wilder Flucht ausgeartet, und wahrlich, wir können nicht umhin, uns des alten Don Pedro zu erinnern: Seit der großen Retirade Sah ich solchen Schwätzer nicht. Weil aber jede Sache ihre zwei Seiten hat, so mag die Rede Bamberger's vielleicht die gute Folge haben, daß mancher das einzige beständige Prinzip des Liberalismus erkennt: nämlich jeder politischen Maßregel beizustimmen, welche die industrielle Herrschaft der Bourgeoisie unverletzt läßt. Die Gesetze dieser industriellen Herrschaft aber sind einerseits das Streben nach individueller politischer Freiheit, um im wirth- schaftlichen Kampfe möglichst frei, d. h. mächtig da zu stehen, andrerseits das Bewußtsein, daß durch die Ausdehnung der politischen Freiheit auf die Proletarier an den Grundlagen der Bourgeoisherrschaft gerüttelt wird. Daher die sonderbare Er- scheinung, daß die Bourgeoisie nicht schnell genug die ihr noth- wendige Freiheit erlangen kann, und dennoch bereit ist, alles zu bewilligen, was die Unfreiheit der Arbeiter— ihrer wirthschaft- lichen Antagonisten— erhalten kann. Beweis: die französischen Revolutionen von 1830 und 1848 und die preußisch-deutsche Geschichte der letzten 15 Jahre. Äamberger's Rede und die Haltung des Liberalismus ist deshalb ein richtiges Zeichen der politischen Entwicklung, und soll es deshalb nicht Wunder nehmen, wenn wir ihn wieder an- treffen„als Tapfrer muthig zurückweichend", oder auch, wenn im Rücken genügende Deckung, zu neuem Angriff aufrufend. Wir wissen aber, was hinter Herrn Bamberger's Courage ver- borgen ist, wir kennen den Sinn seiner Rederei nur zu gut, weil er zugleich die Quintessenz der liberalen Gedanken aus- macht— es sind die berüchtigten, frevelhaften Worte Garnier- Pages: II kaut en Lnir avec les agitateurs. — c— Sozialpolitische Uebersicht. — Den Commissionsverhaudlungen über das So- zialistengesetz wendet sich das allgemeine Interesse zu. Diese Verhandlungen haben den ausgesprochenen Zweck, etwas fertig zu bringen, was der Regierung und dem juristischen Formalis- mus genügt. Scheinbar heben, so bemerkt die„Frankfurter Zeitung", die Berathungen mit einer babylonischen sprachver- wirrung an, aber ein gemeinsamer Grundton ist schon unver- kennbar. Ccntrum und Fortschritt sfferiren der Regierung die ganze früher mit Entrüstung von ihnen zurückgewiesene Kaut- schukladung der verunglückten Strafnovelle, ja Herr Hänel geht — als habe er seine Rede wieder gut zu machen— kühn voran und erweckt den famosen Art. 20 des ersten Preßgesetz-Entwurfs von den Tobten. Man traut seinen Sinnen nicht, derselbe Redner, der die Glaubens- und Geistesfreiheit so beredt prokla- mirte, der nur die ungesetzliche Thathandlung bestraft wissen will, schlägt einen Strafgesetzparagraphcn vor, der„geheime und öffentliche Aufforderung zu feindseligen Parteiungen über die Einrichtungen der Ehe, Familie, des Staates und Eigenthums" mit Gefängniß bis zu einem Jahr bedrohen soll, einen Para- graphen so dehnbarer Natur, wie ihn selbst die glücklich besei- tigten Strafgesetze der vor- und nachmärzlichen Zeit nicht ent- halten haben, einen Paragraphen, dessen Wirkung unzweifelhaft nur die sein könnte, die allgemeinste Sehnsucht nach der Censur zu erwecken und eine nachhaltige Agitation zur Wiederauffrischung derselben ins Leben zu rufen. Herr Hänel kann es nicht fassen, wie man für einen Gesetzentwurf, den man vor vier Monaten zurückgewiesen hat, eintreten kann, er selbst schlägt aber— saueta simplioitas— ein vor Jahren fast einstimmig abge- lehntes Gesetz vor. Der Fortschritt Anno 1878 bei dem Bis- marck'schen„Stacheligel" von Anno 1875 angekommen, der Fortschritt mit einer Copie des österreichischen objektiven Ver- fahrens, das eine Schuld constatiren läßt, ohne daß es eines Schuldigen bedarf,— da hätte man sich fürwahr die schönen Worte sparen können, da konnte man sich mit der Beredtsamknt Kleist-Retzow's begnügen, allenfalls mit einer vorläufigen Ver- Währung gegen Wiederbelebung des spanischen Rohres. Welcher Triumph für den Reichskanzler, für alle Reaktionäre; dieses fortschrittliche Olmütz, das Herr Hänel in feine Paragraphen gebracht hat.„Das geht ja noch über meinen guten Willen hinaus", muß Lasker sagen, der sich unendliche Mühe gegeben hat, den ungefügigen Art. 1 des Regierungsentwurfes zu belecken und wenigstens beim„Umsturz" Halt macht. Bielleicht entdeckt und beweist uns Herr Gneist noch, daß mit der justitia distribu- tiva jener Fortschrittsparagraphen ganz gut auszukommen sei, die Regierung aber wird es sich nicht entgehen lassen, die Offerte des Herrn Hänel vorzumerken. Das Eine thun nnd das Andere nicht'lassen— erst das Präveutivgesetz und dann die schönen Repressivparagraphcn ins Strafgesetzbuch hinein, dann haben Polizei und Majestät des Rechts beide das Ihrige, wie es die preußische Devise will. Der Antrag des Abgeordneten Hänel lautet: An Stelle des Z 1 des Gesetzentwurfs zu setzen: Artikel 1. Dem§ 130 des Strafgesetzbuchs tritt folgender Absatz hinzu: Wer in einer, den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise, oder wer beschimpfende Aeußerungen über die religiösen Ueberzeu- gungen Anderer oder über die Einrichtungen der Ehe, der Familie oder des Staates, oder über die Ordnung des Privat- eigenthums die Angehörigen des Staats zu feindseligen Par- teiungen gegeneinander öffentlich auffordert oder aufreizt, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark oder mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft.— Artikel 2. Vereine und Versammlungen, welche ihrer Absicht gemäß zur Umgehung der im§ 130 des Strafgesetzbuchs bezeichneten Handlungen gebraucht werden, sind von der landesgesetzlich zustehenden Polizeibehörde aufzu- lösen. Binnen acht Tagen nach erfolgter Auflösung ist das Strafverfahren vor dem zuständigen Gerichte einzuleiten, oder sind die Vorsteher oder Leiter des Vereins oder der Bersamm- lung davon zu benachrichtigen, daß Grund zu einer weiteren Verfolgung mcht vorliegt. Mit dieser Benachrichtigung tritt die Wirkung der Polizeibehörde außer Kraft. Das Gericht ent- scheidet über Bestätigung oder Aufhebung der Auflösung; die Bestätigung der Auflösung kann auch dann erfolgen, wenn eine Verurtyeiürng der Angeschuldigten nicht eintritt oder das Straf- verfahren gegen die Beschuldigten nicht eingeleitet werden kann. Im letzteren Falle finden auf das Verfahren die gesetzlichen Be- stimmungen über das Verfahren bei Einziehungen und Ver- mögensbeschlagnahme entsprechende Anwendung. Im Uebrigen bleiben die gesetzlichen Bestimmungen über Vereine und Ver- sammlungen, sowie über Beschwerden gegen polizeiliche Ver- fägungen, falls auf Grund derselben ein Verfahren nach Maßgabe der Bestimmungen dieses Gesetzes nicht stattfinden, unbe- rührt.— Artikel 3. Wer sich bei einem, auf Grund des Art. 2 aufgelösten Vereine fernerhin betheiligt, wird mit Geldstrafe bis 500 Mark oder mit Haft oder mit Gefängniß bis zu 3 Monaten bestraft. Die Amendements Lasker lauten: § 1. Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder commuuistische Bestrebungen ven Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwecken, oder in welchen sozialdemokratische, sozialistische oder commuuistische, auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung ge> richtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden oder die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten, sind zu verbieten. Z 1a. Genossenschaftliche Kassen, in welchen sozialdemo- kratische, sozialistische oder communistische, auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen zu Tage treten, sind in Administration zu nehmen. Die Befugnisse des Vorstandes gehen auf die Administration bezw. auf den von der Behörde angestellten Administrator über. Im Uebrigen sind Verbindungen jeder Art den Vereinen' gleich- gestellt. Wir bringen hier zum besseren Verständniß den Z 1 der Bundesrathsvorlage: § 1. Vereine, welche sozialdemokratischen, sozialistischen oder communistischen, auf Untergrabung der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen dienen, sind zu verbieten.- Den Vereinen stehen gleich Verbindungen jeder Art, insbesondere genossenschaftliche Kassen. Die Amendements Lasker, welche der Graf Eulenburg für diskutirbar erklärt hatte, sind in der Commission gegen acht Stimmen angenommen worden. Diese Amendements unter- scheiden sich von der Regierungsvorlage nur durch eine be- stimmtere Fassung; die Bestimmungen aber sind trotzdem noch so dehnbar, daß, wenn der Polizei die Ausführung des Ge- setzes belassen bleibt, auch jede wissenschaftliche Diskussion über die soziale Frage vernichtet wird. Nur die ordentlichen Gerichte würden, wenn sie zur Ausführungsbehörde ernannt werden, einen, wenn auch nur geringen Schutz gegen falsche Auffassung gewähren. Vorläufig hat also Herr Lasker durch seine Amende- ments die Vorlage noch nicht um ein Jota gemildert oder verbessert. Die„Magdeburgische Zeitung" erzählt, daß die Vertreter der Bundesregierungen angewiesen find, sich jeder Opposition im Einzelnen zu enthalten, und nur darauf zu sehen, daß das Prinzip der Vorlage gerettet werde. Ein mittelstaatlicher Diplomat, dem Bundesrath zugehöcend, bemerkte, es wäre gewiß das Beste, jeder einzelne Paragraph des Sozialisten- gesctzes enthielte Neichstagszusätze, weil hierdurch das Gesetz recht eigentlich ein Werk der Volksvertretung würde, und je mehr es Spuren der parlamentarischen Initiative an sich trüge, um so gewisser würde im Volke die Vorstellung Platz greifen, daß das Sozialistengesetz der Ausdruck des Volkswillen wäre. Die Regierungen werden also mit Conzessionen an den Reichsiag bewußt sehr weit greisen und z. B. nichts dagegen haben, daß das Gesetz für eine bestimmte Zeit in Kraft trete; die ursprüngliche Vorlage enthielt bekanntlich über eine tem- poräre Wirksamkeit keinerlei Bestimmung. Sollte ferner von der Commission und Jjvm Plenum verlangt werden, daß der Bundesrath in jeder Session über die Ausführung des Gesetzes Bericht zu erstatten hat, so würde auch diesem Begehren nicht widersprochen werden. Man merkt— nur der Reichstag selbst nicht—, daß der Bundesrath das ganze Odium auf den Reichstag abwälzen will. Wenn einst das gesammie Volk seinen Unmuth über das Knebelungsgesetz äußern wird, so wird die Regierung in aller Ruhe antworten:„Eure Vertreter sind daran Schuld!" — Eine geschichtliche Parallele zum Sozialisten- gesetz. Ein deutscher Bundestagsbeschluß vom 20. De- zember 1835 lautet: „Nachdem sich in Deutschland in neuerer Zeit und zuletzt unter der Benennung„das jung- Deutschland" oder„die junge Literatur" eine literarische Schule gebildet hat. deren Bemühun- gen dahin gehen, in belletristischen, für alle Klassen von Lesern zugänglichen Schriften die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen, die bestehenden sozialen Verhältnisse herab- zuwürdigen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören, so hat die deutsche Bundesversammlung— in Erwägung, daß es dringend nothwendig sei, diesen verderblichen, die Grundpfeiler aller gesetzlichen Ordnung untergrabenden Bestrebungen durch Zusammenwirkungen aller Bundesregierungen sosort Cin- halt zu thun und unbeschadet weiterer vom Bunde oder den einzelnen Regierungen zur Erreichung des Zweckes, nach Um- ständen zu ergreifenden Maßregeln— sich zu nachstehenden Bestimmungen vereinigt: „1) Sämmtliche deutsche Regierungen übernehmen die Ver- pflichtung, gegen die Verfasser und Verleger, Drucker und Ver- breiter der Schriften aus der unter der Bezeichnung„das junge Deutschland" oder„die junge Literatur" bekannten literarischen Schule, zu welcher namentlich Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mündt ge- hören, die Straf- und Polizeigesetze ihres Landes, sowie die gegen den Mißbrauch der Presse bestehenden Vorschriften nach ihrer vollen Strenge in Anwendung zu bringen, auch die Ver- breitung dieser Schriften, sei es durch Buchhandel, durch Leih- bibliotheken oder auf sonstige Weise, mit allen ihnen gesetz- lich zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern" u. s. w. u. s. w. Welche Folgen hatte dieser Beschluß? fragt die„Volkszei- tung" und antwortet selbst: Die soziale und literarische Bewe- gung, die wir noch jetzt unter dem Namen des„jungen Deutsch- laud" verstehen, ist nicht gehemmt worden, wohl aber hat der Versuch des deutschen Bundes, sie gewaltsam zu unterdrücken, wesentlich zu dem Ausbruche von 1848 beigetragen. Zunächst also ist das etwa vorhandene Schlimme nur verschlim- mert worden; für die Dauer trat ein, was naturgemäß eintreten mußte: jene angeblichen Staatsverbrecher streiften das Ueber- triebene, das ihnen, wie allen Berttetern einer neuen Richtung anhaftete, ab, der Eine brachte es zum K. K. Hofburgtheater- Dmeklor, der Andere wurde Sekretär der unter der Protektion mehrerer Fürsten stehenden Schillerstiftung, des Dritten Werke fehlen in der Bibliothek keines gebildeten Deutschen, ja man man macht sie zum Theil noch jetzt mit Vorliebe Damen zum Geschenk— und doch untergruben einst alle Drei„auf die frechste Weise" die Grundpfeiler aller gesetzlichen Ordnung! Wie fest müssen diese Grundpfeiler sein, daß sie schon so oft„untergraben" werden konnten und doch immer noch stehen! Als die Sklaverei, als die Leibeigenschaft, als die Patrimonialgerichtsbarkeit, als die Frohndienste und Zehnten, als die Vorrechte des Adels auf- gehoben wurden, waren es in allen diesen Fällen etwa nicht Grundpfeiler der damals bestehenden Staats- und Gesellschafts- ordnung, die man untergrub? Doch wir kommen auf den Beschluß des seligen deutschen Bundestags zurück. Wie vortheilhaft er vom neuesten Ausnahme- gesetz absticht, wird auf den ersten Blick klar. Der Bundestag giebt den Regierungen doch wenigstens die bestimmten Namen derjenigen Schriftsteller an, die er ihnen zur Unterdrückung empfiehlt,— die bundesräthliche Fassung dagegen ist so weit- herzig und so vieldeutig, daß jede Oppositionspartei damit„ge- saßl" werden kann. Und wie sollten nach dem Bundestagsbe- schluß die Regierungen gegen das„junge Deutschland" vorgehen? Mit allen gesetzlich zu Gebote stehenden Mitteln; also nur die schon vorhandenen, für Alle in gleicher Weise gil- tigen Gesetze, wie im Beschluß gesagt ist,„die Straf- und Po- lizeizcsetze, sowie die gegen den Mißbrauch der Presse bestehen- Herr Fritz Kalle als Humanitätsapostel in der„Gartenlaube". Wieder einmal ist es die edle„Gartenlaube", welche uns Anlaß zu einem Excurs giebt. Dieses vielgepriesene„Weltblatt" ist so recht die Verkörperung unserer liberalen Bourgeoisie, in ihrer gemäthlichen Oberflächlichkeit und Halbheit sowohl als in ibrer politischen Charakterlosigkeit und besonders in ihrer Volks- wirthschaftlichen Unwissenheit. Für diese Eigenschaften, namentlich für die letztere, finden wir einen neuen eclatanten Beleg in Nr. 34 dieses„Weltblattes", in der ein den Lesern Vorwärts" nicht ganz unbekannter Fritz Kalle einen Ar- tiM"verbrächen hat, der für ihn, wie für die Redaktion des Bettes ein gleich trauriges Armuthszeugniß ausstellt. Sehen wir uns.die betreffende Leistung etwas näher an! Sie betitelt sich„Ein Wort an die deutschen Arbeitgeber. Von einem ihier Genossen", und enthält natürlich Vorschläge zur Bekämvfuna resp. Erstickung des Sozialismus. Der„liberale" Herr Kalle versteht es, die„gewaltsame Abwehr"— be- siebend in Ausnahmegesetzen und.Entlassungen" sozialistischer Arbeiter— und die friedliche Todterei bestehend in„Belehrung" der Arbeiter über die famose„Harmonie" und m „Weckung wirthschaftlicher Erkenntnisse" überhaupt sow.e m Woglthätigkeitseinrichtungen für Arbeiter.mV* einander zu verbinden. Das ist eigentlich das emzig Neue an semen Vorschlägen. �. ,...,.... Doch sollen diese beiden Sorten von Sozialistentod uicht nebeneinander gebraucht werden, sondern Nacheillander. Denn so dumm ist selbst Herr Kalle nicht, um nicht zu begreifen, daß im elfteren Falle die„Belehrung" über Jiitereffenharmon,e gleichzeitig eine so drastische Illustration erfahren wurde, daß sie selbst bei dem stupidesten Arbeiter nicht mehr„ziehen konnte, und so die eine Sorte von Sozialistentod das Gegengift der andern wäre. Daher also soll nach Hrn. Kalle zuerst die„ge- waltsame Abwehr" durchgeführt werden. Denn diese halt er für nöthig,„um die Bahn frei zu machen für die auf dauernde Wirkung berechnete vorbeugende Thätigkeit." Also eine Klasse, die zu ihrer„belehrenden" Thätigkeit tausendmal mehr Mittel und Kräfte zur Verfügung hat als die sozialistischen„Wühler", die sich rühmt auch die Intelligenz gepachtet zu haben, und mit der schon jetzt alle staatlichen Bildungs- und Erziehungsanstalten verbündet sind— eine solche Klasse hat zum Erfolg ihrer„Be- lehrung" den Polizeibüttel nöthig» der erst alle Diejenigen, welche diese Lehren controlliren könnten, mundtodt machen und so jede Kritik fernhalten muß, bevor diese Lehren Eingang finden können! Eine solche„Belehrung" muß doch höchst ver- dächtiger Art sein— meinen Sie nicht auch, Herr Kalle? Sehr komisch ist es übrigens, welche Begriffs Herr Kalle von den Denkfunktiönen der Arbeiter hat. Er muß zugeben, daß jene„gewaltsame Abwehr" vermittelst Polizeisäbel und Hungerfolter„nicht auf die Dauer wirken kann", sondern für sich allein„nur den Klassenhaß verschärft", weil„in den Massen nun erst recht das Gefühl erstarken würde, daß das Bürger- thum und der dasselbe schützende Staat nicht Gegner der Sozial- demokratie allein, sondern Feinde der arbeitenden Klasse über- Haupt sind." Daraus würde nun ein Mensch mit etwas rich- tigcr organisirtem Gehirn, als daFjemge des Hrn. Kalle, einfach schließen, daß Gewaltmaßregcln sich überhaupt nicht zur Be- kämpsung des Sozialismus und zur erfolgreichen Verbreitung der Harmonielehre eignen. Ganz anders aber calculirt Herr- Kalle! Gewaltmaßregeln schüren den Klassenhaß: deshalb dürfen sie nicht— permanent bleiben. Aber„einstweilen" dürfen sie wohl angewendet werden, sind sogar nöthig— so lange bis „die Organisation der Hetzerei(!) zersprengt ist" und„die willenlosen Massen, auf welchen der Bann der Agitatoren lastet, sich selbst zurückgegeben sind." Also zuerst entfernt man, Ange- sichts des ganzen Arbesierstandes, consequent und systematisch alle Diejenigen, welche die von den Arbeitgebern beliebten„Be- lehrungen" kritisiren könnten— wenn man Das fertig hat, ist Alles gut; denn nur diese verfluchten Agitatoren sind daran schuld, wenn Gewaltmaßregeln auf die Massen den Eindruck einer Jnteressenfcindschaft machen: sobald also diese„Verführer" beseitigt sind, wird kein Arbeiter mehr von den Zweck der Hungerfolter und des Polizeisäbels etwas Böses denken— bei Leibe nicht!— sondern wird gläubig die Lehren von der„tiefen Harmonie der Interessen", die ihm von den Veranstaltern jener Gewaltakte gepredigt werden, in sich aufnehmen und den„wohl- thätigen" Einrichtungen dieser Leute ein grenzenloses Vertrauen entgegenbringen!! 0 saoota simplicitas!— Doch Gerechtigkeit auch für Hrn. Kalle! Der Mensch beurtheilt ja so gerne die An- dern nach sich selber, und warum sollte man's also Hrn. Kalle so sehr verübeln, wenn er, der selbst einen so schönen Blech- schädel besitzt, auch bei Andern einen solchen sucht?„Recht hat jeder eigene Charakter"! Nachdem Herr Kalle mit solch köstlicher Logik und ungewöhn- lichem Scharfsinn die Nothwendigkeit der Gewaltmaßregeln dar- gethan hat, entwickelt er die näheren Einzelheiten seiner Vor- schlüge, die— wie schon bemerkt— nichts Neues bringen und von uns nur der„Gartenlaube" zu Liebe noch einmal hier be- handelt werden. Zunächst legt er die Grundzüge der längst durch Theorie und Thatsache lächerlich gemachten Harmonie- lehre dar, wie sie den„sich selbst zurückgegebenen Massen" ein- geimpft werden soll. Zum Verständnch und allseitiger Aufnahme dieser schönen Lehre sowie zum nöthigen„Vertrauen in die Be- lehrenden" werden die genannten Gewaltakte die richtige Basis schaffen! Ja, ja, das vielseitige Fehlen dieses Vertrauens liegt Herrn Kalle schwer im Magen, und er bezeichnet es daher als „erste Aufgabe des Arbeitgebers, den Glauben, das Vertrauen des Arbeiters zu erringen." Daß aber in dieser Hinsicht mit Worten wenig auszurichten,„liegt auf der Hand", weil selbst nach Hrn. Kalle's Meinung„die Arbeitgeber bisher durchaus nicht immer ihre Pflichten gegenüber ihren Arbeitern erfüllten, ja die letzteren manchmal(sie!) in rücksichtsloser Weise ausbeu- teten"— obwohl natürlich auch„die Verhetzungen durch die Sozialdemokratie" dieses Mißtrauen zum guten Theil verschuldet haben müssen. Daher also sollen die Arbeitgeber„nicht mit wohlfeilen Phrasen"— die Harmoniephrasen sind davon still- schweigend ausgeschlossen, denn die hat Hr. Kalle ja vorher em- pfohlen—„sondern durch opferfreudige That den Arbeitern zeigen, daß sie sich mitverantwortlich fühlen für sein geistig-sitt- liches und materielles Wohl." Das crstere sollen sie durch größere Sorge für Volks- und Fortbildungsschulen— da ja„in der Gemeinde die Arbeitgeber den Ausschlag geben"— sowie„durch das mahnende Wort" und vor Allem durch das gute Beispiel zu fördern suchen! Um zunächst von den Schulen zu reden, so wäre es zwar an sich recht schön, Hr. Kalle, daß Sie für diese so besorgt sind. Aber Sie scheinen ganz zu ver- gessen, daß zum Unterricht zwei Elemente gehören, das lehrende und das lernende, und daß daher die Pflege des lehrenden Ele- mentes noch keinen Nutzen bringt, so lange nicht für das ler- "ben Vorschriften", sollten gegen Heine, Gutzkow u. s. w.„nach ihrer vollen Strenge" in Anwendung gebracht werden. Heute wird die gesammte bestehende Ges-tzgebung, die doch schon fünf Jahre Gefängniß wegen Majestätsbeleidigung u. s. w. ermöglicht hat, für ungenügend gegen die„Untergraber" erklärt und soll in Bezug auf alle diejenigen, welche die Polizeibehörden zu jenen zu rechnen belieben, aufgehoben werden. Man sieht, daß der selige deutsche Bundestag noch viel frei- sinniger ist, als der jetzige Bundesrath, daß das gegenwärtig geeinte„glorreiche" deutsche Reich viel reaktionärer ist, als das frühere„arme zerrissene" Vaterland. — Laskerchen fängt mit seinen Amendements sich selbst und seine Partei in der Schlinge— das weiß Jeder, nur Laster selbst nicht. Der„Reichsbote", bekanntlich das verbreitetste con- fervative Blatt, schrieb in seiner Nummer vom 10. d. M. wört- lich Folgendes: „In Bezug auf das Sozialistengesetz sagte neulich das„Berk. Tageblatt" ausdrücklich, daß man liberalerseits demselben nur dann und insoweit zustimmen werde, als von demselben lediglich die Sozialdemokratie, aber nicht der Liberalismus getroffen würde. Die liberale Partei müsse deshalb sich versichern, daß das Gesetz nicht gegen den Liberalismus angewendet werden könnte. Man sieht auch daraus wieder, daß diese Leute lediglich Partei- und Jnteresienpolitik treiben! Um so mehr wird es die Aufgabe der Conservativen sein. Alles zu versuchen, um das Gesetz so zu ge- stalten, daß nicht blos ein Ausnahmegesetz gegen die Sozial- demokratie, sondern ein wirkliches Schutzgesetz für die sozialen Verhältnisse daraus werde und seine Bestimmungen also gegen alles das gerichtet werden, was das soziale Leben schädigt, mag seine Schädigung nun von einem Sozialdemokraten oder Liberalen oder sonst wem ausgehen.„Untergraben" heißt die Fundamente unterwühlen, die Wurzeln schädigen, welche den Bau und den Baum tragen. Darum sind unter den„die be- stehende Staats- und Gesellschaftsordnung untergrabenden Be- strebungen" nicht weniger als die Sozialdemokratie der„Natura- lismus", die naturwissenschaftliche� Weltanschauung und das „liberale Manchesterthum" zu verstehen. Die Dcutsch-Conser- vativen können deshalb nur unter der Bedingung für das Aus- nahmegesetz stimmen, daß ebenso wie der Sozialdemokratie auch dem anderen wirthschaftlichen Extrem, dem Manchesterthum ent- gegentreten und der Naturalismus bekämpft werde, wo er sich auch zeige, in der„Gartenlaube", der„privilegirten königl. Voss. Zeitung" oder in der sozialdemokratischen„Neuen Welt" und in der„Berliner Freien Presse"." Laskerchen kann sicher sein, daß späterhin die Polizei und theilweise auch die Richter mehr auf die Ansichten des„Reichs- boten" geben, als auf die seinen. Ein kostbarer Kautz, der sich zur höheren Ehre Bismarck's selbst den Henkerstrick um den Hals legt. — Gegen das Urtheil Bismarck's über Lassalle wendet sich zu unserer Freude fast die gesammte nationalliberale Presse in emer für Lassalle äußerst günstigen Weise. So schreibt das Organ Rickert's, die„Danziger Zeitung": „Wenn irgend Jemand ein Mann des radikalen Um- sturzes geweicn ist, so war es Lassalle; nur war er so klug, sein ganzes Programm nicht mit einem Male zu enthüllen. Lassalle's Briefwechsel mit Rodbertus, der durch Professor Wagner vor einigen Monaten der Oeffentlichkeit übergeben wurde, wirft das h'llste Licht hierauf. Lassalle erklärte den Arbeitern wie dem Fürsten Bismarck die Produktivassoziationen mit Staats- kredit als das einzige Mittel zur Hebung der Lage Jener; die erste dieser Produttivassoziationeii wurde auf den Antraa des Ministerpräsidenten v. Bismarck mit den Mitteln des Königs von Preußen begründet und ist bald gescheitert. In seinen Briefen an Rodbertus wird Lassalle aber nicht müde, zu er- klären, daß er nur die Produktivassoziationen auf den Schild hebe, um den Arbeitern„etwas ganz Bestimmtes, Greifbares" zu bieten, was durchaus nöthig sei, wenn man sie„interessiren" wolle; Lassalle erklärte sich mit Freuden bereit, dies Mittel „fahren zu lassen", sobald Robertus ein anderes, gleich wirksames „ausspintifire". Unaufhörlich betont er, daß die Lösung der sozialen Frage für ihn identisch sei mit der„Ablösung des Grund- und Kapitaleigenthums, mit dem vollen Besitz der Arbeiter an Grund und Boden und den gesellschaftlichen Produktionsmitteln; mit leichter Mühe ließe sich das Programm der heutigen Sozialdemokratie in seinem prinzipiellen Theile Wort für Wort aus Lassalle's Briefen an Rodbertus zusammensetzen." Auch Lassalle selbst würde das vorstehende Urtheil weit dem des Herrn von Bismarck vorgezogen haben. Aus Anlaß dieser„Meinungsverschiedenheiten" sagt die„Magde- burgische Zeitung" ganz naio:„Es ist schwer, sich hier zurechtzufinden; schwerer noch, den Wunsch zu unterdrücken, Fürst Bismarck hätte seine Kräfte immer lediglich und allein auf die auswärtige Politik concentrirt!"— Armer Fürst Bismarck, daß selbst die„Magdeburgerin" also urtheilt! — Die Berliner„Post" schreibt„authentisch": Lassalle Hab: niemals mit irgend einem Prinzen des königlichen Hauses in irgendwelchen Beziehungen gestanden, ein solcher habe also bei den bekannten Verhandlungen Lassalle's mit Bis- marck nicht die Vermittlerrolle spielen können. Wenn nun aber der fragliche Prinz mit irgend einem Freund oder irgend einer — Freundin Lassalle's„in irgendwelchen Beziehungen" ge- standen hätte? — Fürst Bismarck ist am �Gallenfieber erkrankt und zwar am selbigen Tage, an welchem er seine Rede im Reichstage gehalten hat. Das„heftige Unwohlsein" äußerte sich in„schmerz- lichem Erbrechen". Am 20. d.M. Abends war nach der„Nord- deutschen Allgemeinen Zeitung" noch immer keine Besserung ein- getreten.— Der arme Bismarck! Bei all seiner Roth und Plage nun noch das Gallenfieber.— Nach neueren Nachrichten war Fürst Bismarck von den Frieseln befallen und befindet sich wieder in der Besserung. — Armer Forckenbeck! Wie die„Verl. Fr. Presse" mit- theilt, hat die Allgemeine deutsche Affoziations-Buchdruckerei zu Berlin dem Präsidium des Reichstags 200 Exemplare des sozia- listischen Kalenders„Armer Konrad" mit der Bitte um Ver- theilung unter die Abgeordneten zugesendet, dieselben jedoch mit dem Bemerken zurückerhalten, das das Reichstagspräsidium die gewünschte Vertheilung nicht genehmigt. — Das„Buchhändler-Börsenblatt" enthält folgendes „Eivgesandt": „Wir sind der geehrten Redaktion Dank für die Veröffent- lichung des Sozialistengesetzes schuldig, daß sie die Aufmerksam- keit des Buchhandels dadurch in besonderer Weise auf dieses für uns so wichtige Gesetz hingelenkt hat. Der Gesetzentwurf ist beinahe von allen, selbst sehr gemäßigt liberalen Preßorganen verurtheilt worden.(?) Für uns handelt es sich aber dabei um eine Lebensfrage. Es ist das Schwert des Damokles, das über dem Haupte eines Jeden schwebt. Bei der Dehnbarkeit des Ge- setzcs kann die leiseste und wohlmeinendste Kritik unserer politi- schen, wirthschaftlichen:c. Zustände die schwerste Ahndung, ja den vollständigen Verlust der Existenz zur Folge haben. Ist es da nicht die Pflicht der Selbsterhaltung, daß der Buchhandel entschiedenen Protest dagegen erhebt, daß dieser Entwurf zum Gesetz wird?! Möchte der Vorstand des Börsenvereins— als Repräsentant des gesammten Buchhandels— es nicht für angemessen halten, seine Stimme im Reichstage in unzweideu- tiger Weise darüber hören zu lassen, oder auf eine Massen- Petition hinzuwirken? Wenn der Gesetzentwurf damit auch nicht aus der Welt geschafft werden würde, so könnte doch sicher ein solches Borgehen nicht ohne Eindruck bleiben. Und jedes Volk wird so regiert, wie es Werth ist regiert zu werden. Soll aber etwas gethan werden, so müßte das rasch geschehen." Soviel wir wissen, hat der Vorstand des Börsenvereins weder einen Protest erhoben, noch eine Petition an den Reichs- tag erlassen. Hierbei sei erwähnt, daß der Berliner Gastwirth�verein aus o.-nselben Gründen der Geschädigung eine Petition gegen da? Sozialistengesetz eingereicht hat. — Von verschiedenen Blättern war aus Paris ge- meldet, daß von den aus Anlaß des Arbeitercongrcsses verhaf- teten Sozialisten einige auf freien Fuß gesetzt und nur drei in der Untersuchungshaft zurückbehalten worden wären. Ja Wahrheit b-finden sie sich noch sämmtlich in Mazas, und wenn wir recht berichtet sind, haben sogar nur zwei von ihnen, die Herren Guesde und Hirsch, nach Erledigung des vom Gesetz vorgeschriebenen Zwangsverhörs, bisher die Genugthuung gehabt, von dem Untersuchungsrichter Herrn Brcssolles vernommen zu werden. Zu ihrem und ihrer Genossen besonderem Mißgeschick ist dieser Beamte augenblicklch leidend und daher nicht regel- mäßig auf seinem Posten. Dem Herrn Hirsch ist in seinem Verhör unter Anderem vorgehalten worden, daß er zur Zeit der deutschen Reichstags wahlen�in Paris unter seinen Gefinnungs- genossen für die Wahl eines Sozialdemokraten in Elberfeld eine Geldsammlung und ein Concert veranstaltet hätte, welches letztere ihm, beiläufig gesagt, nicht unbeträchtliche Opfer aus eigenem Beutel zugezogen hat. Auf der anderen Seite hat die Unter- suchung ergeben, daß Herr Hirsch sich wohl früher einmal an den Vorbereitungen zu einem französischen Arbeitercongreß be- theiligt hat, der Versammlung aber, die bei Herrn Finance ab- gehalten wurde, sowie allen ihren Präliminarien grundsätzlich fern geblieben ist und das Projekt sogar unverholen mißbilligt hat. Unter diesen Umständen und da die eben erwähnte Geld- sammlung jedenfalls nicht dem französischen Strafgesetze verfällt, liegt die Vermuthung nahe, daß das gerichtliche Verfahren gegen Herrn Hirsch ergebnißlos bleiben dürfte. Hinsichtlich der übrigen Angeschuldigten befindet sich die Untersuchung, wie gesagt, noch in ihrem ersten Stadium. Erwähnt sei noch, daß Hirsch in strengster Jsolirhaft gehalten wird. Zu dem ersten Verhör wurde er„mit Ketten an den Händen" geführt. Seitens unserer Abgeordneten sollte die Verhaftung Hirsch's im Reichs- tag zur Sprache gebracht werden, er selbst bestimmte sie jedoch, aus politischen Gründen davon Abstand zu nehmen. Ebenso hat er sich natürlich jede Intervention der deutschen Diplomatie verbeten. — Confiscation. Am 20. d. Mts. wurde die Beilage der„Berliner Frei- Presse" wegen eines Feuilleton-Artikels „Unpolitische Plaudereien" in Berlin confiscirt. Auch die Post- behörde zu Leipzig ist telegraphisch angewiesen worden, die nach Leipzig versandten Exemplare anzuhalten, so daß uns nicht allein die confiscirte Beilage, sondern auch das Hauptblatt bis jetzt vorenthalten worden ist.— Der verantwortliche Redakteur der „Berliner Freien Presse" ist verhaftet worden. nende entsprechend gesorgt ist. Die verbesserten Schulen für sich nützen den Kindern des Proletariats— um die es sich doch in Ihrem Geschreibsel speziell handelt— verteufelt wenig, wenn pemselben Zeit und Mittel genommen sind, von den Schulen Bortheil zu ziehen. Und eS ist Thatsache, daß einem sehr großen Theil der Kinder der Fabrikarbeiter, in Folge der elen- den materiellen Lage der Eltern, vor Allem aber in Folge der schmachvollen Kinderarbeit, die Möglichkeit fehlt, zu Hause den Forderungen der Schule irgendwie nachzukommen, die Möglich- keit fehlt, in die Schule selbst den nöthigen Grad von geistiger Frische und Spannung mitzubringen, um vom Unterricht Be- trächtliches zu gewinnen, und oft sogar die Möglichkeit fehlt, die Schule regelmäßig zu besuchen! In dieser Hinsicht könnten wir Ihnen ein großes, trauriges Register vorführen! Warum also, Herr Kalle, treten Sie nicht vor Allem für Abschaffung der geistesverkümmernden und verthierenden Kinderarbeit ein? Bon dieser spreche» Sie ja im humanitätstriefenden Artikel mit keiner Silbe! Und Das mußte doch mit Ihrem Thema, betreffend die Arbeiterlage, noch näher zusummenhängen als die erst in zweiter Linie kommende Pflege des lehrenden Elementes! Aber das würde eben das Ausbeuterintcresse der Fabrikanten berühren— darum„überhupft den Plunder!" Denn vor Allem sind Sie Geschäftsmann und so nebenbei auch ein wenig Humanitäts- apostel. In allgemeinen, praktisch inhaltslosen Redensarten sich ergehen.st freclich wohlfeile Humanität' lSchlug folgt.)' �»Berliner Freie Presse" bringt folgende Zeitgemäße Anzeige: � M 3 »Ich lwbk Lassalle gesehen, und von dem Augenblicke an, wo ich mit»hm eine stunde gesprochen, habe ich es nicht bereut. „Was Lassalle hatte, war etwas, was mich als Privatmann außerordentlich anzog: er war einer der geistreicbsten und l:e- beiswürdigsten Menschen, mit denen ich jemals verkehrt habe. ein Mann, der ehrgeizig im großen Stile war. durchaus nicht Republikaner gewohnlicher Art. ..Lassalle war ehrgeizig im hohen Stil, und ob das deutsche Kaiserthum gerade mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassallc abschließen solle, das war ihm vielleicht zweifelhast. „Lassalle war ein kluger und sehr geistreicher Mensch, mit dem zu sprechen sehr lehrreich war; unsere Unterredungen haben stundenlang gedauert und ich habe es immer bedauert wenn sie geschlossen waren." Fürst-Reichskanzler Bismarck in seinerRede im deutschen Reickstag am 17. September 1878. Wir empfehlen nun nachfolgende Broschüren und verkaufen dieselben unter den hier notirten Preisen, damit sie dem Ausnahmegesetz nicht zum Opfer fallen:*) Lafsalle, �Offenes Antwortschreiben....... 0,10 Ueber Berfassungswesen. Was nun? und: Macht und Recht......... 0,35 — Arbeiter-Lesebuch.......... 0,25 — Arbeiter-Programm......... 0,10 — Ronsdorfer Rede.......... 0,10 — Bastiat-Schulze.......... 0,50 — Wissenschaft und Arbeit........ 0,15 — Feste und Presse.......... 0,15 — Kleinere Aufsätze.......... 0,25 — Indirekte Steuern......... 0,25 — An die Arbeiter Berlins....... 0,10 — Düsseldorfer Prozeß am 27. Juni 1864.. 0,15 — Zur Arbeiterfrage......... 0,15 — Julian Schmidt.......... 1,25 — Philosophie Fichte......... 0,25 Expedition der„Berliner Freien Presse", Berlin 80, Kaiser-Franz-Grenadier-Platz 8a. *) Da der Fürst Reichskanzler von Lassalle aber auch gesagt hat, derselbe sei kein Sozialist gewesen, so dürften die Lassalle'schen Schriften nicht unter die Bestimmungen des AusnahmegesejjcS fallen, es sei denn, daß die deutschen Polizeibehörden dieser Angabe Bismarcks keinen Glauben schenken würden. Red. des„Vorwärts". Consum- und Sparvereine. � Angesichts der immer stärker auftretenden Maßregelungen unserer Genossen halte ich es für angezeigt einen andern Weg zu beschreiten, und bitte ich die Genossen nachfolgende Vor- schlage zu prüfen. Es sind in neuerer Zeit gegenüber dem Auftreten einer Menge Kaufleute, Kleinkrämer u. s. w. verschiedene Maßregeln in Vorschlag gebracht worden, die an sich sehr gut, auf die Dauer jedoch sich nicht durchführen lassen können. Der Schwerpunkt der unserseits zu ergreifenden Maßregeln muß sich also gegen die Maßregelungswuth der Herren Arbeit- geber richten und da brachte neulich der in Hamburg erschei- nende„Pionier", das Organ der Zimmerer und verwandten Gewerke, einen Vorschlag, der Werth ist, auf das eingehendste geprüft und so bald als möglich verwirklicht zu werden. Nach diesem Vorschlage gilt es zunächst Consumvereine**) zu begründen und die dadurch erzielten Reingewinne nach Abzug eines Bruchtheils, der als Dividende vertheilt werden mühte, zur Produktion verschiedener Consumartikel zu verwenden. Da- durch würde es den Consumvcreinen, die sich allerdings bald als Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften zu etabliren hätten — möglich, einer mit der Zeit stets wachsenden Zahl von Ar- beitern Beschäftigung zu geben, und selbstverständlich müßten hierbei zunächst solche Leute berücksichtigt werden, die wegen ihrer politischen Gesinnung außer Stellung gebracht worden sind. Um diesen Consumvereinen resp. Erwerbsgenossenschaften von vornherein die Vortheile des Großbetriebes und des heut üb- lichen Creditsystems zu wahren, wäre es nöthig, über ganz Deutschland eine möglichst einheitliche Organisation auf Grund des Genossenschaftszesetzes zu schaffen, so zwar, das etwa nur eine Genossenschaft gegründet würde, die dann zunächst für die einzelnen Kleinstaaten und Provinzen Zweiggeschäfte und Waaren- dcpot? errichten müßte, während diese iviederum in allen Orten wo dies angänglich und soweit es die Mittel erlaubten, Filialen zu errichten hätten. An alle Verwaltungsstellen, die kaufmännische Bildung er- forderten müßten selbstredend Kaufleute gestellt werden. Um die Baarmittel zum Betrieb zu beschaffen, müßten wöchentliche Ratenzahlungen der Mitglieder, die in Bezug auf ihre Höhe dem Können der Arbeiter entsprächen, eingeführt werden; ebenso ist es nothwendig Sparkassen***) damit zu verbinden, da- mit es denjenigen Arbeitern, die heut ihre ersparten Groschen in die städtischen Sparkassen legen, ermöglicht würde, sich mit diesen Beträgen zu einem mäßigen Zinsfuße an den Unterneh- mungen zu betheiligen. Das Waarengeben auf Credit müßte grundsätzlich ausgeschlossen sein und dürfte nur in gewissen Fällen, etwa bei Krankheit oder periodischer Arbeitslosigkeit statt- finden und auch dann nur bis zu dem Betrage, den das be- treffende Mitglied als Guthaben eingezahlt hätte. Doch es kann und soll nicht Zweck dieser Zeilen sein, in die Einzelheiten der Organisation und Verwaltung dieser vorge-- schlagenen Unternehmungen einzugehen, vielmehr soll damit nur die Anregung zu weiterer Diskussion und Prüfung des Vor- schlages gegeben werden, dem, wenn er nur ernnhaft in Er- wägung gezogen würde, auch die Möglichkeit der Verwirklichung nicht fehlen dürfte. Durch dieses Vorgehen können die Arbeiter dem Wucher und der Ausbeutung des Kleinkrämers entzogen, von denen heute die Mehrzahl der Arbeiter arg zu leiden hat, ohne daß die Klein- krämer selbst durch die große Concurrenz, davon besonders Nutzen hätten, während sie, wenn sie sich obigen Vorschlägen an- schlössen leicht als Verkäufer, Arbeiter oder sonstwie ebenso gut und besser wie vielfach heut, ihr Fortkommen finden würden. Andererseits aber würde für den Gesammtarbeiterstand die Möglichkeit einer viel freieren Bewegung geschaffen werden, denn in verhältnißmäßig kurzer Zeit würden die Erwerbsgenossen- schaften in der Lage sein, alle die unterzubringen, die wegen ihrer Thätigkeit für die Arbeitersache außer Arbeit wären, auch würde auf diejenigen Unternehmer, von denen die Genossen- schaft die Rohstoffe bezögen, ein Druck ausgeübt werden können, daniit dieselben duldsamer gegen die politische Meinung ihrer Arbeiter würden. Nun wird allerdings eingewendet werden, das die Arbeit- geber sich der Verwirklichung obiger Vorschläge von Haus aus mit aller Macht widersetzen werden und manchen Kleingläubigen höre ich schon sagen, ja ich kann nicht beitreten, denn Wenns mein Herr erfährt, werde ich entlassen. Zweifelsohne würde das vielfach vorkommen und deswegen müßte diese Orga- nisation zunächst in den großen Städten f), den Centren der Ar- ') Von einem älteren Parteigenossen eingesandt; wir sind jedoch mit den nachstehenden Ausführungen aus allbekannten Gründen im Wesentlichen nicht einverstanden. R. d.„V." **) Wer gicbt aber das Geld zur Errichtung dieser Vereine? Ist doch schon längst festgestellt, daß die Arbeiter von ihrem kärglichen Lohne nichts erübrigen können. Haben Sie Lassalle's'Bastiat- Schulze gelesen? ***) Sparkassen? In der heutigen Zeit giebt es kerne Arbeiter, die auch nur das Geringste ersparen können. f) Dort hat man derartige Experimente schon lange gemacht, ist jedoch zu der Ueberzeugung gekommen, daß auf die Dauer solche Ver- such« immer scheitern. beiterbewegung durchgeführt werden, da dort schon die Vorbe- dinstungen meist vorhanden oder doch leichter zu beschaffen und dort auch die Controle der Arbeitgeber über das Verhalten der Arbeiter viel schwieriger ist, wie anderswo. Wenn dann in den gros.en Städten die Genoffenschaft lebensfähig dastände und be- sonders wenn bereits eine Anzahl von Werkstätten zur Her- stellung von Consumartikeln gegründet wäre, könnte man auch in den ländlichen Jndustricbezirken und kleineren Orten mit Errichtung von Filialen in einer den Mitteln der Gesammtheit entsprechenden Weise vorgehen. Wollten die Arbeilgeber gegen die Mitglieder mit Maßregeln vorgehen, so würde sich dies be- liebte Mittel bald als stumpfe und ungenügende Waffe er- weisen, da ja die entlassenen Arbeiter sofort wieder Arbeit er- halten könnten, und in Masse können die Arbeiter wenigstens für längere Zeit doch niemals auf's Pflaster geworfen werden, denn unsere heutigen Unternehmer können ohne Arbeiter nun einmal nicht existiren, und sollten wirklich zur Bekämpfung der Genossen- schaften vorübergehend von den Unternehmern größere Arbeits- ausschlüsse beliebt werden, so würden bei festem Willen sich auch Mittel finden lassen um diesem Vorgehen die Spitze abzubrechen. Daß der neue Reichstag zu dem von der Regierung bean- tragten Ausnahmegesetze wenigstens theilweise seine Zustimmung geben wird, ist so ziemlich zweifelsohne, er wird jedenfalls zu einer Beschränkung des Vereins- und Versammlungsrechtes und der Presse seine Zustimmung geben, daß er fich jedoch auch zur Vernichtung des Genossenschaftsgcsetzes hergeben wird, erscheint doch nicht wohl möglich, obschon von unseren Liberalen so ziem- lich Alles zu erwarten ist— aber sie würden sich dabei etwas sehr stark ins eigene Fleisch schneiden, und so ist es denn sehr möglich, daß für die nächste Zeit die Organisation der Genossen- schaften in obigen Sinne für den Arbeiterstand eines der wich- tigsten Widerstands- und Kampfesmittel wird sein müssen. Ein Beispiel wie verhältnißmäßig leicht und ohne bedeutende Mittel der Anfang dieser Genossenschaften möglich sein dürfte, soll noch angeführt werden. So giebt es z. B. in Schlesien eine ganze Zahl kleiner selbständiger Webermeister deren Stand- Punkt durch die Concurrenz des Großkapitals und die Concur- renz, die sie sich unter einander zu machen gezwungen sind, mehr und mehr untergraben wird, diese sind augenblicklich für die Arbeiterbewegung fast ganz verloren, denn ihre freie Zeit wird durch die Sorge in Anspruch genommen, wo sie für die Paar Stückchen wollener, leinener und baumwollener Waaren, die sie fertig stellen, eine halbwegs sichere Absatzquelle finden sollen. Nun dürfte es aber gar nicht schwer sein etwa in Beil'N, Hamburg u. f. w. Berkaufsstellen für diese Artikel zu errichten und die Leute hätten gleich ein Absatzgebiet und wür- den auch bald dazu schreiten, unter sich eine Genossenschaft zu gründen um den Eintauf der Garne vortheilhafter besorgen zu können u. dgl. m., auch würde man fich sehr leicht dazu ver- stehen, zu Gehilfen in erster Linie Leute zu nehmen, die in den mechanischen Webereien gemaßregelt sind. Alle diese Leute würden dann, einmal der dringenden Sorge um ihre Existenz erledigt, ihre freie Zeit gerne der Agitation für die Ziele der Arbeiterpartei widmen. Ein Gleiches wäre noch bei vielen an- dern Arbeitszweigen möglich und besonders auch bei vielen Kleinmeistern der verschiedenen Branchen, und es wäre hei all- festig guter Leitung nur eine Frage der Zeit um überall einen widerstandsfähigen Kern im Kampfe für die Befreiung des ar- beitenden Volkes zu schaffen. Der Zweck des Vorstehenden, das ja noch sehr lücken- und mangelhast ist, soll wie gesagt, nur der sein, die Diskussion dieser Frage in Fluß zu bringen. «eti. Stettin, 1. September. In sämmtlichen pommerschen Wahlkreisen hat die Dummheit, Frechheit, niedrigster Knechtssinn, politische Unreife in lücit das„Krautjunkerthum" den Sieg davon getragen. In Stettin und Umgegend hat der Arbeiter- stand sich dermaßen einschüchtern lassen, daß nur sehr Wenige aus demselben gestimmt haben. Die Bethestigung aller Wahlberechtigten überhaupt erhebt sich im Durchschnitt nicht über 33 Proz. Unser Candidat Aug. Kapell hat circa 1500 Stimmen (incl. Land) erhalten, die Hälfte weniger wie bei der vorigen Wahl, eine Folge der Beeinflussungen, Mahregelungen, Jndi'ffe- rentismus und wie schon oben gesagt politischen Unreife. Die Stichwahl zwischen Schmidt und Delbrück war ein Schauspiel für Götter! Der Streit dies r beiden sich„liberal" nennenden Parteien war ein so widerlicher, allen Anstand und Sitte ver- letzender, so gemein und rem persönlich, so tief im Schmutz wühlend, daß in dieser Beziehung das wirklich Möglichste geleistet worden, um allen andern Orten Deutschlands die Palm abzu- ringen. Jedem nur einigermaßen denb-nden Arbeiter müssen doch endlich bei solch wüstem Treiben die Augen aufgehen und ihn» klar werden, daß jene„Ordnungemänner" die„Roite"«st, welche uns immer an den Kopf geworfen wird. Die„Hätz", welche von jenen Ordnungslumpen noch unterstützt wird, treibt auch hier ihre Blüthen. Am Tage der Wahl sind hier solche unerhörte Beeinflussungen, solche Brutalitäten, hauptsächlich außerhalb Slettin's, vorgekommen, daß ich nicht umhin kann, einen dieser Fälle etwas tiefer zu hängen. Ein Gensdarm in Grabow bei Stettin, Gierke ist der Name dieses Staatsretters, verbot einem unsrer Itimmzetteloertheiler, einen alten beinahe 60 jährigen Genossen(derselbe ist seiner Ueberzeugung wegen aus der Fabrik „Vulcan", in welcher er 10 Jahre gearbeitet, hinausgeworfen). das Verweilen vor dem Wahllokale; auf die Erwiderung unseres G- Nossen, das Gesetz nicht außer Acht zu lassen, wurde er von h isten wie ein gemeiner Verbrecher vom Gensdarm im Genick gepackt und so gestoßen und gerissen nach dem Gesängnitz ge- schleppt, nach 6 stündiger Haft gegen Bezahlung von 60 Pfennig Kosten aber wieder entlassen. Hübsch so was! nicht wahr?— Montag den 29. Juli, den Tag vor der Wahl, hatte unser Ge- nosse Lenz die Ehre, von der werthen Kriminalpolizei auf Befehl der Staatsanwaltschaft einen Besuch in seiner Wohnung zu er- halten zum Zwecke einer gründlichen Durchsuchung derselben. Wahrscheinlich vermuthete man Flugschriften zur Wahl oder sonstige„Hochoerrätyereien". Der hiesige„General- Anzeiger" schrieb darüber: Es besteht hier ein Bundes- Berein der Tischler und verwandten Berufsgenvsse», als Zweigverein des in Mann- heim domizilirenden Hauptvereins. Als Vorsitzender des hiesigen Vereins fungirt der' bekannte Sozialistcnführer Tischlergeselle Lenz aus Grabow a. O., und wurde auf Grund sozialdemo- kratischer Umtriebe auf Vcraulassung der Kgl. Polizeidmktion heute in der Wohnung des Letzteren eine Haussuchung vor- genommen, deren Ergebmß war, daß eine Menge sozialdemo- kratischer Schriften und Drucksachen, sowie die Vereinsfahne in Bes. r lag genommen wurden. Die Fahne ist ganz neu, aus schwerer rother Seide gefertigt, und trägt in Seide zierlich ge- sticki die Inschriften: Ii. A. L.(Deutscher Arbciterbund) Stettin 1378 aus der einen Seite, auf der andern: Seid einig! und darunter die N volutionsjahrs 1793/1848. Die Spitze des Fahnenschaftes ist m-.t den Emblemen des Tischler- und Zimner- gewerks geziert.— Das schreibt der„Geueral-Anzeiger" und alle übrigen Käseblätter druckten es ab, ohne zu wissen, daß sie durch die Auslegung der Buchstaben 0. A. B. die größte Dummheit begangen. Die drei Buchstaben bedeuten:„Der Arbeit Brod" und nichts weiter. Doch woher plötzlich die Haussuchung und Wegnahme von Gegenständen, an die sich die Behörde doch gar nicht vergreifen sollte, denn ihr sollte doch das„Eigenthum" zunächst heilig und unantastbar sein?— Diese Haussuchung geschah auf die Denunziation eines Individuums, welches fünf Jahre Mitglied der verschiedenen Tischlervereinigungen war, des jetzigen Altgesellen der Tischlergescllen-Zwangskasse, des früheren Beitragsammlers der hiesigen Mitglieder des Tischlerbunds, des Herrn Heinrich Lösche, dieser Ehrenmann sei hiermit der Ar- beiterwelt zum Gedächtniß überwiesen.— Gleichzeitig wurde auch bei dem jetzigen Beitragsammler des Bundes Albert Scholz, sowie beim Krankenkassirer Bernhard Schneider gehaussucht. Letztere Beiden wurden polizeilich von ihren Werkstellen abgeholt und dann mit starker Polizei- Bedeckung zum Polizei-Bureau transportirt. Mit der Auffindung der Person des Herrn Lenz hatten die Herren aber kein Glück, denn seine Frau wußte den- selben keine Auskunft über seine Arbeitsstelle zu geben, was ihm jedenfalls die Schmach ersparte, auch transportirt zu werden. Die Suche auf„Hochverrath" in seiner Abwesenheit dauerte von Morgens 8 bis halb 11 Uhr in seiner Wohnung. Es wurde kein Winkel undurchsucht gelassen, ja sogar der Nachtstuhl erfreute sich der sorgfältigen Aufmerksamkeit des hohen Besuchs. Warum den Inhalt nicht confisziren? es könnte ja vielleicht ein ver- schlungenes Hochverrathsmanuskript zum Vorschein kommen. So die Behörde— anders die liberalen Brodherrn— viel, viel humaner. Lenz war auf der Schiffswerft„Vulcan" beschäftigt und wurde in letzter Zeit vielfach vom Direktor Haack auf- gefordert, daß er aus dem Tischlerbunde austreten solle. Nach fünfmaliger Rücksprache erklärte Lenz demselben, nicht austreten zu können, worauf ihm der Bescheid wurde, innerhalb 8 Tagen Nachricht zu erhalten. Am Tage der Wahl(30. Juli) erhielt er die Nachricht:„Auf Befehl der Direktion ist der Tischler Lenz zu entlassen"— sehr human! Der Hunger, das sind die Mittel der Bourgeoisie, das die moderne eiserne Jungfrau, um den Arbeiter zu martern und zu foltern, um ihn geistig todt zu machen. Kaiserslautern, 28. August. Als nach dem Nobiling-Attentat fich die hiesigen Gewerbtreibenden und Industriellen zum ge- mcinsamen Handeln gegen die Sozialdemokraten vereinigt hatten, und durch die vielen Maßregelungen sozialistisch angehauchter Arbeiter auch bewiesen, daß es ihnen Ernst sei mit der Ausrot- tung der bösen Sozialisten, da glaubte man, getäuscht durch das ruhige Verhalten der Arbeiter, es sei aus mit der Bewegung in Kaiserslautern, und triumphirend berichtete die hiesige Presse, die Sozialisten würden fich an der Wahl nicht betheiligen. Um so größer war das Erstaunen und die Wuth der Gegner, als zwei Tage vor der Wahl unser Flugblatt erschien, in welchem die Arbeiter aufgefordert wurden, ihre Stimme uuserm Genossen Dreesbach zu geben. An Agitation war selbstredend nicht zu denken, und da die„reichstreuen" Parteien es an Beeinflussungen der gröbsten Art nicht fehlen ließen, so waren unsere Erwar- tungen auf das Resultat nicht so hoch gespannt. Wenn wir trotz- dem in der Stadt 123 Stimmen erhalten, gegen frühere Wahlen also an Terrain gewonnen, so ist das der beste Beweis, daß alle jene Hetzereien und Maßregelungen es nicht vermocht haben, die Arbeiter in Kaiserslautern von dem einmal als recht er- kannten Weg abzubringen. Auch unser„Volksblatt" gewinnt von Woche zu Woche mehr Abonnenten und mögen unsere Gegner sich daraus den Schluß ziehen, daß es mit dem Ausrotten der Sozialdemokratie nicht so leicht geht. tzhengen(in Baden), 9. September. Der Kampf gegen Die- jenigen, welche sich für den Sozialismus interessiren, scheint überall derselbe zusein; so geschah es hier vor einiger Zeit, daß bci dem Wirth zum„Italienischen Keller", Herrn Frank, wie auch bei and ren Wirthen, Soldaten einquartiert wurden. Zu- fällig bekam ein daielbst logirender Feldwebel eine Nummer des „Vorwärts" in der Wirthschaft in die Hand. Schon am andern Tage wurden die Soldaten ausquartiert und auch den sämmt- lichcn Soldaten der Besuch der Wirthschaft des Genannten ver- boten. Auch in einem andern Lokale, wo Herr F. ein Glas Bier trinken gegangen war, durften die Soldaten nicht mehr verkehren. Der Wirth wandte sich nun an das hier am meisten gelesene Blatt, den„Höhgauer Erzähler", um die Thatsachen an die Oeffentlichkeit zu bringen. Das Blatt wies die Sache in einer spöttisch sein sollenden Briefkastennotiz zurück und brachte in derselben Nummer einen Leitartikel mit der Ueberschrift: „Wie sieht es im sozialdemokratischen Staate aus?" der den gewöhnlichen Blödsinn vom Unglauben, der Theibrei, der Ehe- losigkeit u. s. w. seinen Lesern austischte und dem Einsender zur Belehrung empfohlen wurde. Als Kuriosum muß dabei erwähnt werden, daß der Verfasser dieses Monstrums auch die Abgeord- neten Bebel, Bracke und Hasselmann als Beweise für s ine Sknbelei in Anspruch nimmt Die Herren würden fich schönstens bedanken für solche Verhunzung ihrer Reden, aus denen etwas ganz Anderes hervorgeht, und rathen wir Jedem, der fich für den Sozialismus interessirt, sich die Schriften der Herren an- zuschaffen und darin zu studiren— und dann Leitartikel zu schreiben, Herr Schneider! Landau(in der Pfalz), 10. September. Auch in unserem Wahlkreise haben wir eine Zunahme der sozialischen Stimmen zu verzeichnen. Die Gegner werden freilich darüber lächeln, je- doch man sieht doch, was die bloße Privatagitation in Jahres- frist zu leisten im Stande ist; 1877 erhielt Dreesbach hier 13 Stimmen, nachdem er vorher hier eine Versammlung abgehalten hatte; bei der jetzigen Wahl erhielt er ohne eine Versammlung abgehalten zu haben 24 Stimmen. Roth und Elend sind hier tbenso vertreten wie anderwärts und es bedarf nur einer ener- zischen Agitation und auch hier verzehnfachen sich unsere An- Hänger. Wir werden auch unter den Ausnahmegesetzen weiter agitiren für die Freiheit des arbeitenden Volkes. Aus Schwaben. Von der Gehässigkeit der Bourgeoisie, des mod-rnen Jesuitenthums gegen jede soziale Tendenz möge Ihnen dieses Beispiel rücksichtsloser Kleinlichkeit Ausklärung verschaffen, das in so recht Hellem Lichte zeigt, wie sehr es den„Herren von so und so" daran gelegen ist, jedes Pflänzchen der sozialen Bestrebungen in ihrem bretter— vernagelten Territorium auszu- rotten. Ein Student in R., der, ein Genosse Ihrer Partei, in einem Artikel des„Vorwärts" die„hochehrenfeste conservativ- liberale Ordnungspropaganda" und dazu noch einen gewissen Herrn„Dekan" in etwas ironischer Weise angegriffen, wurde als „Sozialdemokrat", als„gemeingefährlicher, blutdüritender Um- stürzler und Petroleur" durch einen indirekten Ukas der Stadt verw es n! Fragen Sie nun: Wer konnte sich erfrechen, einem unbescholdnen jungen Manne so zu begegnen und weshalb?— Es war die kleinliche Rachsucht jenes Geistbchen, der das„liebet eure Feinde!" predigt; es war das verletzte Selbstgefühl der liberalen Geldaristokratie in R., die in ihrer olympischen Wachs- ruhe die verpesteten Opferdüste der sklavischen Unterwerfung ver- mißte, die ihr das Schweifgewedel der frommen Dummheit in so hohem Maße weihte.— Nun:„Freuet Euch des Lebens" (d. h. bis es anders kommt!). Seid selig im Gefühle, einen jungen Mann von seinem Vorgesetzen Pfade entfernt zu haben, der froh ist, von der tyrannischen Flachsköpfigkeit dieser Herren befreit zu sein. B. Jutda, 8. Siptember. Wohl selten kommt es vor, daß ein Geistlicher wegen Beleidigung eines Bürgers, begangen in der Kirche von der Kanzel herab, verurth-ilt wird. Hier ist ein solcher Fall Passirt, und kostete dieser Spaß dem frommen Herrn 150 Mark.— Der heilige Sedan ist hier auch nicht so vorüber gegangen, wie man es gern gewünscht hätte— es war zu viel commandirtes Publikum, das wirkliche„Boll" fehlte. Denselben Tag passirte es einem hiesigen Schreinermeister, welcher mit seiner Frau spazieren ging, daß ein Soldat seine Frau insultiren wollte. Der Mensch verfolgte beide bis in ihre Wohnung, wo fich der Tischlermeister des Soldaten nur mit einer Waffe er- wehren konnte. In dem nun folgenden Kampfe wurden beide verwundet und kam der Soldat nach dem Lazareth. Es finfc an demselben Tage auch noch mehrere Exzesse von wahrscheinlich betrunkenen Soldaten verübt worden, die dem militärischen Stande nicht gerade zur Ehre gereichen. Kitdesheim, 1. September. In unserem Kreise fielen auf den Genossen Oehme 341 Stimmen. Es ist dies immerhin beachtenswerth, da wir gar keine Agitation entfalten konnten. Die Provinz Hannover hat sich übrigens bedeutend gebessert: 1874 hatten wir insgesammt sozialistische Stimmen 6760, 1877 aber 16,115 und 1878 schon über 20,000 Stimmen.— Auf welche Art oft auch Sozialiften gemacht werden, beweist ein Fall in dem Städtchen M...g. Dort wurden die einquartierten Sol- baten vor den Sozialisten gewarnt— die Soldaten hatten jedoch, weil sie noch niemals von derartigen Dingen gehört, nichts Eiligeres zu thun, als fich bei ihren Wirthsleüten zu erkundigen, was das sein solle. Selbstverständlich wurde ven Soldaten der reine Wein eingeschenkt, so daß sich dieselben nunmehr ordentlich nach sozialistischer Lektüre sehnen. Nur so fort, ihr Herren Offiziere, und bald wird die halbe Armee von unserem Gift an- gesteckt sein._— e. Erfurt, 19. September. Wegen abermaliger Lohnreduzirung am heutigen Tage stellten sämmtliche Arbeiter der Lingel'schen Schuhfabrik die Arbeit ein. Im vergangenen Frühjahr, beim letzten Lohnabzug, entschuldigte Herr Linzel sich damit, das Ge- schüft ginge flau und, um konkurrircn zu können, sähe er sich genöthigt, Abzüge zu machen; er würde wieder zulegen, wenn das Geschäft besser ginge. Gegenwärtig ist das Geschäft in einer Blüthe, wie man es selten findet, trotzdem wurde wieder abgezogen. Der Abzug beträgt seit anderthalb Jahren 38 Proz. Unterhandlungen b's j-tzt gescheitert. Schleunige Hülfe thut noth! Es sind 225 Mann auf die Straße gesetzt, hauptsächlich Familienväter. Vor Zuzug wird gewarnt. Die Löhne sind auf's Niedrigste gest llt, so daß man davon kaum das Noth- weudigste bestreiten kann. Collegen und Freunde, unterstützt uns so schnell wie möglich, wir find Alle einig! Unsere Parole ist: Einer für Alle, Alle für Einen! Briefe und Gelder sind zu schicken an L. Trabert, Waldengasse 6. Das Strikecomitö. L. Trabert. Schulze. Höser. Pabst. Franke. NB. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um weiteste Verbreitung gebeten. Briefkasten der Expedition. P. Khlr Licgnitz: Dietzgen,„Soz. Philrs- s»phie", ist nicht als Brochüre erschienen. Herr N�colaus Sauerborn in Lültich wird dringend ersucht seine genaue Adresse wegen wichtiger Angelegenheiten an H. Winner, Jser- lohn, Louisenstraße 12, einsenden zu wollen. Arbeiter-Berein. ��11111)111. Dounerstag, den 26. September, Abends Zl/z Uhr, in Burmeistcrs Salon, 1. Treppe: Oeffentliche Versammlung. Tagesordnung: Abrechnung, Fragekasten und Verschiedenes.(70 ________ F. Hccrhold. Meine Hosenträger, keine Riemen mehr! Fat. Hosen-Selbstschnaller* Dieser elastische Hosen-Selbstschnaller macht den Gebrauch von Hosenträgern und Riemen vollständig entbehrlich; derselbe wird in die beiden Schnallgurte, die sich am Rücklheil jeder Hose befinden ein» geschnallt. D'e Vortheile des Selbschnaller sind augenfällig', denn nicht nur, daß das insbesondere beim Arbeiten lästige Tragen von Hosenträgern und Riemen wegfällt, wird auch die ganze Haltung des Körpers eine viel freiere und ungezwungenere, da d.r Selbstschnaller vermöge seiner großen Elasticität bei jeder Bewegung, sogar bei jedem Athem- zuge nachgiebt und sich ausdehnt. Preis pro Stück 65 Pfg., sranc'o Zusendung per Briefpost gegen vorherige Einsendung in Briefmarken. Preis per Dutzend Mk. 4,50. Wied, rverkäuser gesucht. Nur allein zu beziehen von JJ Hm'WitZ M HalherstM. Tie Neue Welt. Jllustrirtes Familienblatt. Preis vierteljährlich Mk. 1,20, in Heften(3 Wochcnnummern enthaltend) h 30 Pfg. Bestellungen nehmen alle Postanstaltcn, Buchhand- lungcn und die Expedition der„Neuen Welt", Färber- straßc 12,11. Leipzig entgegen.____ Ausnahmegesetz!!! Neueste Agitationsschrift. Die Verhandlungen über das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokraten werden in Brochüreu- format demnächst von der Unterzeichneten herausge- geben. Heft 1 wird enthalten den stenographischen Bericht über die erste Lesung des Gesetzes im Reichstage; Heft 2 desgleichen 2. Lesung; Heft 3 desgleichen 3. Lesung; Heft 4 den Entwurf des Ge- setzes nebst Motiven und Anlagen, sowie den end- gültigen Wortlaut des Gesetzes. 0eno88eii8eIinkt8dn<;ftckrneIierei zn Hambnrg(E. G.), Amelungstraße 5.____ Beron-wvrtltcher Redakteur: Franz Gützkasf i« Leipzig. Redaktion«nd Erpcdition Färl erstr. 12. II. m Leipzig. Druck und Verlag der Kenolseuschuftsbuchdruckere, in Leipzig.