«rschtint ta Ftipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Abonnent entsprciS }fir ganz Deutschland 1 SK. 69$f. vro Quartal. Monats- Abonnements iserden bei allen deutschen Postanstaltm W--; den 2. und 3. Monat, und aus den ». Monat besonder« angenommen: im föbnigr. Sachsen und Herzogth. Sachsen- Altenburg auch auf den Iten Monat des Quartals ä 54 Psg. Inserate »etr. Lersammlungen pr. Petitzeile 19 Ps., Mr. Privatangelegenheiten und Feste pro Petitzeile 30 Ps. Vorwärts Destcllllugen nebwen an alle Posianstalten und Buch- Handlungen des In- u. Auslandes. Filial- Expeditionen. Ziew-Aorl: Soz.-demokr. Genossen- schaftsbuchdruckerei, 154 Elärillxs Str. Philadelphia: P. Hab, 630 north Sea Streot. g. Boll, 1123 edarlotto Str. Koholen N.J.: F. A. Sorge, 215 Wash- Ington Str. Chicago: A. Lansermann, 74 Cly'oonrae»-». Ean Franziieo: F. End, 418 OTarrell Str. London Vf.: C. Heuze, 8"ew fc Golden Sqnax«. Kentrat Hrgan der Sozialdemokratie Deutschtands. Nr. 115. Sonntag, 29. September. 1878. Vorwärts! Angesichts der schmachvollen Bedrohungen, die gegen die Sozialdemokratie besonders in letzter Zeit geschleudert wurden; angesichts der neuen Gefahren, die für uns in naher Aussicht stehen, ist es um so mehr Pflicht jedes Parteigenossen und jedes ehrlichen Mannes, die sozialistische Presse zu unter- stützen. Wenn man versucht, uns in Acht und Bann zu thun, wenn man uns sozusagen in die zweite Klasse des Staatsbürgerstandes versetzen will, dann erheischt solch ungeheures Unrecht, welches den Sozialdemokraten von Oben geschieht, eine glänzende Recht- fertigung von Seiten des Volkes. Und diese Rechtfertigung kann das deutsche Volk am Besten und Eindringlichsten an den Tag legen, wenn es die sozialdemo- kratische Presse in der bevorstehenden schweren Zeit mehr noch als früher durch rastlose Agitation, durch Schaffen von neuen Abon- nenten unterstützt. Man verbreitet jetzt vielfach und zwar von gewisser Seite in böswilliger Absicht die Nachricht, der.Vorwärts" werde nach Annahme des Ausnahmegesetzes entweder mit einem Brand- artikel selbst sein Eingehen anzeigen oder aber die Polizeibe- Hörde werde ihn verbieten. Das Erste ist unwahr und das Zweite? Nun— es wird einfach darauf ankommen, ob die Leser des„Vorwärts" dann mit einer weniger agitatorischen, aber desto lehrreicheren Lektüre zufrieden sein werden. Daß sie dies sein werden, davon sind wir überzeugt. Die Sozialisten Deutschlands wissen, was sie wollen auch ohne täg- liches Wiederholen unserer Grundsätze und Prinzipien. Betrachten wir deshalb die Zeit der Dauer des Ausnahmegesetzes als einen Ruhepunkt in der sozialdemokratischen Bewegung, von welchem aus wir Rückschau halten, ob wir denn auch Alles in richtiger Weise angefangen haben. Stärken wir uns an der Wissen- schaft und belehren wir das Volk über Dinge, welche im Drange der Agitation vielfach übersehen worden sind. Und welche große Auswahl haben wir noch außer denjenigen Programmpunkten, deren Diskussion man nicht durch das neue Gesetz unter Verbot stellt! Bollsgesundheitspflege, Lebensmittel- Verfälschung, SanitätSpoltzei, Wohnungsfrage, Statistik, Ge- meindewesen, Schule, Bolkserziehung, öffentliche Sittlichkeit und noch viele derartige Themas, deren Diskussion und Kenntniß dem Volke zu großem Heile dient. Man zwingt uns durch die Gewalt, abzulassen von einzelnen Bestrebungen, von einzelnen Erörterungen; man führt uns da- durch zu anderer Thätigkeit, ohne daß deshalb das alte Ziel unserem Auge entrückt wird. Wir werden nicht mehr über unser eigentliches Prinzip, das ist über die direkten Mittel und Wege, durch welche und aus welchen das Volk aus Roth und Elend zu einem bessern Leben und edlerem Streben gelangt, schreiben dürfen, aber wir werden auch nimmer- mehr im„Vorwärts" irgendwie gegen dieses Prinzip auftreten, dieses Prinzip verleugnen.--— Wenn unsere Parteigenossen und Leser mit einer solchen Haltung zufrieden sein werden, wenn sie unter solchen Umständen ihr Jntereffe dem„Vorwärts" durch rege Verbreitung desselben weiter erhalten, dann wird das geistige Band bestehen bleiben, welches Diejenigen, die das Beste und Edelste für unser Volk und unser Vaterland erstreben, bisher miteinander verknüpft hat. So soll denn auch ferner unsere Devise sein: „Vorwärts"! viseite moniti.*) Man wird sich der ungeheuren Aufregung entsinnen, in welche unser Fürst Reichskanzler durch das obige, in einem sozialdemokratischen Blatte von ihm gefundene Sprüchlein ver- setzt ward. Er sah sich im Geiste schon von„dem Messer der Nihilisten und der Schrotbüchse Nobiling's" durchbohrt, und brachte in seiner Exaltation sogar das merkwürdige Kunststück zu Wege, sich nach seinem(hypothetischen) Tode wieder lebendig zu machen, um ein Triumphlied über den auf dem Feld der Ehre erlittenen Opfertod anstimmen zu können. Hätte der Herr Reichskanzler, statt sich durch die denunziatorisch-entstellten Citate infamer Reptilblätter in's Bockshorn jagen zu lassen, den Artikel, in welchem das anstößige Sprüchlein vorkam, nur auch noch so flüchtig durchgelesen, so würde er sich viel Angst und gesund- heitsschädliche Emotionen und dem Reichstag eine nicht gerade erbauliche Scene erspart haben. Jener Artikel besagte einfach: die Erdolchung Mesenzow's war die naturgemäße Frucht des russischen Regierungs- und Berwaltungssystems, und Diejenigen, welche jetzt Deutschland vermittelst des Ausnahmegesetzes dieses russische System auf- oktrohiren wollen, mögen aus diesem Voraana eine Lehre ziehen. „Lernt, ,hr seid gemahnt!" �* Zum Glück für Rußland ist man dort weniger abgeneigt, die Lehre zu begreifen und zu beherzigen Einige Tage nach dem Tode Mesenzow's wurde in Rußland unter dem Titel: Tod für Tod" in Hunderttausenden von Exemplaren ein„Manifest der Revolutionäre" verbreitet, das die begangene That rechtfertigte, weitere Gewaltthatcn der Re- gierung mit Repressalien bedrohte, den Werkzeugen die sich zur Gewaltthat hergeben, den Tod ankündigte, und zum Schluß— eine Constitution forderte. Dann werde das russische Volk sich beruhigen, vorher nicht. Aus dieser Forderung einer Constitution ersieht man daß die russischen„Revolutionäre", mit denen wir es hier zu thun *) Lernt— Ihr seid g-mahnt. haben, nichts weniger als Sozialdemokraten sind, sondern von Haus aus sehr harmlose Liberale, die aber durch die abscheu- liche Unterdrückung wild geworden sind, wie weiland unsere liberale Jugend, die weiland ja auch ihren Ludwig Sand und andere„Ritter vom Dolch" hervorgebracht hat. Der Ruf nach einer Constitution ist nicht ungehört verhallt. Vor wenigen Tagen wurde dem Czar eine Adelsadresse aus Rjäsan überreicht, in der das Verlangen ausgesprochen wird, Kaiser Alexander möge doch Rußland, um ihm Frieden und Zufriedenheit zu geben,„endlich" durch Gewährung einer Constitution„mündig sprechen". In dem merkwürdigen Schriftstück heißt es u. A.:„Sire, der Adel Rußlands ging im Tragen der Opfer, die für das Reich gebracht wurden, allen Schichten der Bevölkerung voran, nunmehr muß derselbe in dem Bestreben, dem Lande verfassungs- mäßige Freiheiten zu erringen, der Nation durch ein Beispiel des loyalen zwar, aber gleichzeitig festen und consequenten Willens leuchtend vorangehen. Geben Sie uns eine Eon- stitution, und wir werden die Fundamente des Staates durch keine, wie immer geartete Agitation erschüttern lassen." Also Freiheit, damit die erschütterten Fundamente des Staats gefestigt werden. Das hat der russische Adel gelernt. Wenn Fürst Bismarck von den deutschen Sozialdemokraten nichts lernen will, dann lerne er wenigstens von seinen russischen Standesgenossen dort hinten an der astatischen Grenze. Der Kamps um's Recht. Unter diesem Titel hat Dr. Rudolf von Jhering, Ki� Preußischer Geheimer Justizrath und Professor an der Universität Göttingen, wohl einer der geistvollsten der heutigen Juristen, einen Vortrag drucken lassen, der rasch nach einander fünf Auf- lagen erlebt hat und in sämmtliche europäische Sprachen über- setzt worden ist. Der ausgesprochene Zweck des Schristchens ist: die wissenschaftliche Erkenntniß des Rechts als diejenige Gesinnung zu fördern, aus der dasselbe seine letzte Kraft schöpfen muß: die der muthigen und standhaften Behauptung des Rechtsgefühls.— Das Buch des Herrn Geheimrai�l wird beim Jnslebcntreten des Ausnahmegesetzes unzweifelhaft mit auf die Liste der ver- botenen Schriften kommen, und wollen wir deshalb und in Rücksicht auf die obschwebendeir Verhandlungen in Berlin unsren Leser dessen Anschaffung aufs Wärmste empfehlen"). Um zu zeigen, daß das Buch einer solchen Empfehlung Werth ist, brin- gen wir hier einen Abschnitt aus demselben(Seite 69 bis 73) zum Abdruck: „Für einen Staat, der geachtet dastehen will nach Außen, fest und unerschüttert im Innern, giebt es kein kostbareres Gut, das er zu hüten und zu pflegen hat, als das nationale Rechts- gefühl. Diese Sorge ist eine der höchsten und wichtigsten Auf- gaben der politischen Pädagogik. In dem gesunden, kräftigen Rechtsgefühl jedes Einzelnen besitzt der Staat die ergiebigste Quelle seiner eigenen Kraft, die sicherste Garantie seines eigenen Bestehens nach Innen wie nach Außen. Das Rechtsgefühl ist die Wurzel des ganzen Baumes; taugt die Wurzel nicht, ver- dorrt sie in Gestein und ödem Sand, so ist alles Andere Blend- werk— wenn der Sturm kommt, wird der ganze Baum ent- wurzelt. Aber der Stamm und die Krone haben den Vorzug, daß man sie sieht, während die Wurzeln im Boden stecken uno sich dem Blicke entziehen. Der zersetzende Einfluß, den ungerechte Gesetze und schlechte Rechtseinrichtungen auf die moralische Kraft des Volks ausüben, spielt unter der Erde, in jenen Regionen, die so mancher dilettantische Politiker nicht seiner Beachtung werth hält; ihm kommt es blos auf die stattliche Krone an, von dtm Gift, das aus der Wurzel in die Krone steigt, hat er keine Ahnung. Aber der Despotismus weiß, wo er ansetzen muß, um den Baum zu Fall zu bringen; er läßt die Krone zunächst unangetastet, aber er zerstört die Wurzeln. Mit Eingriffen in das Privatrecht, mit der Rechtlosigkeit des Individuums hat jeder Despotismus begonnen; hat er hier seine Arbeit vollendet, so stürzt der Stamm von selbst. Darum gilt es, ihm hier vor Allem entgegenzutreten, und die Römer wußten wohl, was sie thaten, als sie ein Attentat auf die weibliche Keuschheit und Ehre zum Anlaß nahmen, um sowohl dem Königthum als auch dem Dccemvirat ein Ende zu machen. Das freie Selbstgefühl des Bauern zerstören durch Lasten und Frohnden, den Bürger unter die Vormundschaft der Polizei stellen, die Erlaubnis zu einer Reise an die Gewährung eines Passes knüpfen, die Ge- danken des Schriftstellers an die Genehmigung des Censors knüpfen, die Steuern vertheile» nach Lust und Gnade— ein Macchiavell hätte kein besseres Recept geben können, um alles männliche Selbstgefühl und alle sittliche Kraft im Volk zu er- tödten und dem Despotismus einen widerstandslosen Eingang zu sichern. Daß dasselbe Thor, durch welches der Despotismus und die Willkür einziehen, auch dem auswärtigen Feind offen steht, wird freilich dabei nicht in Anschlag gebracht, und erst wenn er da ist, kommen die Weisen zu der verspäteten Erkenntniß, daß die sittliche Kraft und das Rechtsgefühl eines Volks dem äußern Feind gegenüber die wirksamste Schutzwehr hätten bilden können...... »Aber es ist unsere eigene Schuld, wenn wir die Lehren der Geschichte erst verstehen, nachdem es zu spät ist; an ihr liegt es nicht, daß wir sie nicht rechtzeitig erfahren, denn sie predigt dieselben jederzeit laut und vernehmlich. Die Kraft eines Volkes ist gleichbedeutend mit der Kraft seines Rechtsgefühls— Pflege des nationalen Rechtsgefühls ist Pflege der Gesundheit und Kraft des Staats. Unter dieser Pflege verstehe ich selbstver- *} Zu beziehen durch die Expedition. Preis 1 Mark. ständlich nicht Schule und Unterricht, sondern die praktische Durchführung der Grundsätze der Gerechtigkeit in allen Lebens- Verhältnissen. Mit dem äußeren Mechanismus des Rechts allein ist es nicht gethan. Derselbe kann so vollkommen hergestellt sein und gehandhabt werden, daß die höchste Ordnung regiert, und dennoch kann die obige Anforderung in glänzendster Weise miß- achtet sein. Gesetz und Ordnung war auch die Leibeigenschaft, der Schutzzoll des Juden und so viele andere Sätze und Ein- richtungen einer hinter uns liegenden Zeit, die mit den An- fordernngen eines gesunden kräftigen Rrchtsgefühls im ärgsten Widerspruch standen, und durch welche der Staat sich selber vielleicht noch mehr schädigte, als den Bürger, Bauern, Juden, auf denen sie zunächst lasteten. Festigkeit, Klarheit, Bestimmtheit des materiellen Rechts, Beseitigung aller Sätze, an denen ein gesundes Rechtsgcfühl Anstoß nehmen muß, in allen Sphären des Rechts, nicht blos des Privatrcchts, sondern der Polizei, der Verwaltung, der Finanzgesetzgebung; Unabhängigkeit der Gerichte, möglichste Vervollkommnung der processualischen Ein- richtungen— das ist ein sicherer Weg zur Hebung der Kraft des Staats als die höchste Steigerung des Militär- budgets. Jede willkürliche oder ungerechte Bestimmung, welche die Staatsgewalt erläßt oder aufrecht erhält, ist eine Schädigung des nationalen Rechtsgefühls und damit der nationalen Kraft selbst, eine Versündigung gegen die Idee des Rechts, die auf den Staat selbst zurück schlägt, und die er oft theuer mit Zinses- zinsen bezahlen muß— sie können ihm unter Umständen eine Provinz kosten! Ich selber bin freilich der Ansicht, daß der Staat nicht blos wegen solcher Zweckmäßigkeitsrücksichten diese Sünden vermeiden soll, ich betrachte es vielmehr als seine heiligste Pflicht, diese Idee um ihrer selbst willen zu verwirk- lichen; aber das ist vielleicht doktrinärer Idealismus und ich will es dem praktischen Politiker und Staatsmann nicht ver- denken, wenn er eine solche Zumuthung achselzuckend abweist. Aber eben darum haben wir ihm gegenüber die praktische Seite der Frage hervorgekehrt, für die er das volle Verständniß hat. Die Idee des Rechts und das Interesse des Staats gehen hier Hand in Hand. Einem schlechten Recht ist auf die Dauer kein noch so gesundes Rechtsgefühl gewachsen, es stumpft sich ab, verkümmert. Denn das Wesen des Rechts ist die That,— was der Flamme die freie Lust, ist dem Rechts- gefühl die Freiheit der That; ihm dieselbe verwehren oder ver- kümmern, heißt, es ersticken."— „Die Idee des Rechts und das Interesse des Staats gehen Hand in Hand!"— Ein goldener Spruch, der aber im schreiend- sten Widerspruch steht zu den Ausnahmegesetzen, zu den Rechts- Verletzungen, die von Oben jetzt geplant werden. Das„gesunde Rechtsgefühl" nimmt in ganz Deutschland jetzt Anstoß an den heutigen und mehr noch an den für die nächste Zukunft in Aussicht gestellten„Rechtszuständen", und nur bor- nirter Haß, politische Heuchelei oder das Streben nach unum- schränster politischer Macht betheiligen sich nicht an dem„gesunden Rechts gefühl".-- In einer der nächsten Nummern des„Vorwärts" werden wir noch einige kleinere Auszüge aus der trefflichen Schrift geben, die sogar prophetisch die endliche Errettung des Volkes aus der Lohnsklaverei, wenn auch nur durch historische Bergleiche und unabsichtlich, ja vielleicht unbewußt, andeutet. Sozialpolitische Uebersicht. — Die Umsturzcommission des Reichstags. Ueber den s 8(Beschwerdemstanz) hat sich die Commission in der ersten Lesung nicht einigen können. Auf Antrag Lasker's wurde die Berathung über diesen Paragraphen ausgesetzt. Die Diskussion über den Z 16, einen der einschneidendsten der ganzen Borlage, da derselbe bei Zuwiderhaudlungen gegen das Gesetz Personen den Aufenthalt in bestimmten Orten versagt, sowie Schankwirthen, Gastwirthen w. die Conzession entzieht und event. Preßerzeugniffe verbietet, sowie Drucke- reien schließt, ist von großem Interesse. Lasker wendet sich gegen die Bestimmungen dieses Paragraphen und exemplifizirt auf die Ausweisung der Geistlichen, welche Maßregel gerade die schärfsten Gegenagitationen hervorgerufen habe. Hänel hält den § 16 für ganz unannehmbar, ebenso Brüel»nd Reichensperger. Minister Graf Eulenburg hält das Gesetz ohne diese Äestim- mungcn des§ 16 für wirkungslos, es gelte insbesondere die stille Agitation zu unterdrücken. Der Abg. Schauß hat folgendes Amendement gestellt:§ 16, Absatz I, wie folgt zu fassen:„Gegen Personen, welche sich die Agitation für die im§ 1 bezeichneten Bestrebungen zum Geschäfte machen, kann im Falle einer Ver- urtheilung wegen Zuwiderhandlungen gegen die§8 12—15 dieses Gesetzes neben der verwirkten Strafe auf die Zulässigkeit der Einschränkung» ihres Aufenthaltes außerhalb ihres Wohnortes erkannt werden. Auf Grund dieses Erkenntnisses kann dem Verurtheilten der Aufenthalt i» bestimmten Bezirken oder Orten durch die Landespolizeibehörde versagt werden. Gegen solche Anordnung findet Beschwerde nur an die Aufsichtsbehörden statt." Reichensperger beantragt statt des Wortes„Strafe" in dem Schauß'schen Amendement zu setzen„Freiheitsstrafe". Es liegt außerdem zu diesem Paragraphen ein an dieser Stelle schon mitgetheiltes Gneist'sches Amendement vor, das u. A. auch die Stellung unter Polizeiaufsicht in Aussicht nimm».— v. Schwarze stellt das Amendement:„Personen, welche gewerbs- oder gewohnheitsmäßig die im Z i bezeichneten Bestrebungen fördern, kann der Aufenthalt an bestimmten Orten untersagt werden." Graf Eulenburg erklärt sich meh, oder minder gegen alle Amendements, abgesehen von diesem letzteren, da sie eine Lahmlegung oder Schwächung des Gesetzes in sich schließen. Bei der Abstimmung wird das Amendement v. Schauß an- genommen mit dem Schluß des Absatzes I der Regierungsvorlage „Wenn sie Ausländer sind, können sie von der Landespolizei- behörde aus dem Bundesgebiet ausgewiesen werden." Die An- nähme erfolgt mit 13 gegen 8 Stimmen. Der Rest des§ 16 wird nach Kardorff'schen Amendements folgendermaßen gefaßt: „Gastwirthen, Schankwirthen und Personen, welche Kleinhandel mit Branntwein oder Spiriws treiben, kann der Betrieb ihres Gewerbes untersagt werden, wenn sie trotz ergangener Ver� Warnung der Polizeibehörde in ihren Lokalen Agitationen für die im§ 1 des Gesetzes bezeichneten Bestrebungen durch auf reizende Reden zulassen oder sich selbst bei solchen Agitationen betheiligen; wenn sie auf Grund des§ 6 dieses Gesetzes verbotene Druckschriften auslegen oder es dulden, daß die Thätigkeit der auf Grund dieses Gesetzes verbotenen Bereine bei ihnen im Geheimen fortgesetzt wird." Darauf wird 8 16 in der Gesammt- abstimmung mit 11 gegen 10 Stimmen angenommen. Z 17� „Zuständig für die im Z 16 vorgesehenen Verfügungen ist die Landespolizeibehörde. Gegen dieselben steht den Betroffenen die Beschwerde an den Bundesrath offen. Die Beschwerde ist inner- halb einer Woche nach Zustellung der Verfügung bei der Be- Hörde anzubringen, welche dieselbe erlassen hat. Die Beschwerde hat keine aufschiebende Wirkung." Abg. Lasker beantragt an Stelle der Absätze 1 und 2 des§ 17 zu setzen:„Das Ver- fahren wegen der Eonzessionsentziehungen nach§ 16 Absatz und 2 erfolgt nach den landesgesetzlicheu Bestimmungen für die in der Gewerbeordnung vorgesehenen Conzeffionsentziehungen.' Die Eommission entscheidet sich mit 12 gegen 9 Stimmen für diesen Antrag. Somit wäre also in der Eommission beschlossen, daß Buch Handlungen und Druckereien nicht unter das Ausnahme- gesetz fallen. Außerdem kann ein Sozialdemokrat nur in der Wahl seines Aufenthaltsorts beschränkt werden, wenn er nach dem neuen Ausnahmegesetze schon bestraft ist. Diese Abänderungen haben den Grafen Eulenburg äußerst verschnupft. Er braucht ledoch nicht bange zu sein— in der dritten Lesung wird Alles doch bewilligt. Ende gut, Alles gut. — Zur Wilhelmsspende. Vor einiger Zeit ist dem Kronprinzen von Preußen durch den Feldmarschall Moltke die winzige Sammlung überreicht worden. Etwas über eine halbe Million Thaler, kaum so viel als der eine Mann, Graf Moltke in den Jahren 1866 und 1871 als Dotation empfangen hat, betrug die Wilhelmsspende und da zerbricht man sich die Köpfe, zu welchem wohlthätigen allgemeinen Zwecke man das Sümmchen, welches„nur eben seinen Mann nährt"(wie Moltke's Dotation beweist), verwenden soll. Die Idee, das Sümmchen als Fonds für Unterstützung von invaliden Arbei- tern aller Art anzuwenden, fand allgemeinen Beifall, obwohl Fachmänner nachgewiesen haben, daß die hundertfache Summe kaum genügen würde, den allgemeinen berechtigten Forde- rungen in dieser Hinsicht nur halbwegs nachzukommen. Von anderer Seite taucht der Gedanke auf, das Sümmchen zu Sti- pendien für Arbeiterkinder anzulegen, um denselben eine höhere Fachbildung zu schaffen. Also der allgemeine Wohlthätigkeits- zweck scheitert hier an der Kleinheit der Summe. Der Kronprinz hat sich noch nicht über die Verwendung entschieden. Bei Em- pfangnahme der Gelder soll der Kronprinz geäußert haben, daß er zu diesem Zwecke die Urtheile erfahrener Männer zu Rathe ziehen werde und hoffe, daß ein Mittel gefunden werde, wie der dringendsten Roth gerade derjenigen Klassen des Volkes abzuhelfen sei, bei denen Irrlehren Eingang gefun- den hätten, welche auf Untergrabung und Zerstörung des gesammten Volkslebens gerichtet seien.— Also auch hier hören wir von„Untergrabung" und„Zerstörung"; der beste Beweis für unsere frühere Behauptung, daß die Wilhelmsspende, an welcher viele Sozialdemokraten sich zu betheiligen gezwungen waren, sich direkt gegen die Sozialdemokratie richtete. Uebrigens möchte mit dem winzigen Sümmchen der dringendsten Roth der arbei- tenden Klassen nicht abgeholfen werden können. Dazu gehören andere Mittel, andere Bestrebungen! — Deutschlands tiefste Schmach. Der amerikanische Gesandte in Berlin, Herr Bayard Taylor, hat einen Bericht an den Staatssccretär des Aeußern nach Washington gesandt, in welchem er die Deutsch-Amerikaner, welche nach Deutschland zum Besuch oder des Geschäfts wegen kommen, eindringlich ermahnt, sofort bei ihrem Eintreffen auf deutschem Boden den Behörden die wahrscheinliche Dauer ihres Aufenthalts in Deutsch- land anzugeben, und sie noch eindringlicher warnt, sich jed- weden politischen Gesprächs zu enthalten und einer eventuellen Aufforderung einer deutschen Sicherheitsbehörde sofort Folge zu leisten, da andernfalls auch für den Bürger der ameri- kanischen Union die größten Unannehmlichkeiten entstehen würden. Die amerikanische Presse räth in Folge dessen den Deutschen in Amerika, keine Reisen mehr in ihr Heimathland zu machen.— Welcher Umschwung durch Gottes wunderbare Fügung! Im Jahre 1871 das größte Triumphgeschrei der deutsch-amerikani- schen Presse über die Einigung des alten Vaterlandes. Straßen und ganze Städte wurden auf den Namen Bismarck getauft und letzt?— Armes schmachbeladenes Deutschland! — Der Haß macht blind— und auch die Angst. Ob es bei dem Organe des Herrn Benningsen, dem„Hannover' schen Courier", Angst oder Furcht ist, lassen wir dahin gestellt. Blind aber ist er. Man höre nur: in einer der letzten Num mern macht das genannte Blatt— und nun cittren wir es wörtlich—„auf die Mjttheilungen eines norddeutschen Offiziers, v. Unger, der die Bogesen bereiste, über die ungeschwächten Revanchegelüste in Frankreich aufmerksam, die für ihre Befriedigung dem Augenblicke entgegensehen, wo der Conflitt der sozialdemokratischen Bewegung mit den Organen des Staates um Ausbruch kommt. Daß ein solcher komme, glauben die franzosen steif und fest, und sie betrachten die Sozial- demokratie in Deutschland als die beste Helferin zur Befriedigung ihrer Rache an Deutschland. Sie wissen, daß der Sozialdemokratie in Deutschland jede nationale Empsin- dung abgeht, sie also die Beihilfe des Auslandes für ihre revo- lutionären Zwecke nur willkommen heißen wird. Und darin haben sie völlig Recht. Der Pariser Communard ist wohl Revolutionär, aber er bleibt Franzose vom Scheitel bis zur Sohle. Er hat ein Vaterland und wird es stets gegen die Unterdrückung des Auslandes vertheidigen helfen. Für den deutschen Sozialdemokraten ist der Begriff Vaterland nicht vorhanden; höchstens giebt er ihm Anlaß zu Spott und Hohn!" Sela! Also wir deutsche Sozialdemokraten find Vaterlands- loses Gesindel, denen die französischen Sozialdemokraten, welche von Vaterlandsliebe durchglüht sein sollen, als beschämende Muster vorgehalten werden. Der gute„Courier" hat in seinem unfinnigen Haß oder seiner kindischen Angst blos Eins vergessen, nämlich, daß er einige Tage vorher einen Böhmert'schen Wasch- zettel abgedruckt hatte, der vor den Gefahren sozialistischer Propaganda in der Armee warnte und aus einem(in Hirth's Tagebuch des deutsch- französischen Kriegs, Bd. Il, S. 1938 ver- öffentlichten) unmittelbar nach Sedan geschriebenen Brief des Herzogs von Meiningen folgende Stelle mittheilte: „Die französischen Offiziere meinen: ihre Niederlagen eien Folge der sozialistischen Ideen, welche in der Armee überhand genommen hätten und die Disziplin lockerten." Also in Deutschland ist der französische Sozialist ein Patriot, wenn es gilt, die deutschen Sozialisten herabzusetzen; in Frankreich ist er ein vaterlandsloser Geselle, der die fran- zösische Armee zerstört und dadurch die französischen Niederlagen verschuldet hat. Umgekehrt ist in Deutschland der deutsche Sozialist ein vaterlandsloser Geselle, der die deutsche Armee zwar noch nicht zerstört hat, aber doch zerstören will, um Deutsch- land wehrlos zu machen; in Frankreich dagegen gilt er notorisch in den Kreisen jener Offiziere, mit denen der Herzog von Mei- ningen gesprochen hat, für einen untadelhaften Patrioten, der die deutschen Siege erringen half und dann und wann den vaterlandslosen französischen Sozialisten als Muster vor- gehalten wird. Der Zweck ist durchsichtig: hier wie dort braucht man für den eignen politischen oder militärischen Bankrout einen Sündenbock, und hier wiedort hat man das Bedürfniß, die gefürchteten Sozialdemokraten möglichst anzuschwärzen. Nur sollte man bei diesem Berleumdungsgeschäft doch nicht so täppisch � zu Werke gehen, wie der„Hannoversche Courier" und das Gros > der nationalliberalen Presse, welche das Zeug abdruckt. — Das Henkerbeil ist abermals um einen Triumph ge- prellt worden. Wie soeben gemeldet wird, hat der preußische Kronprinz den in Herford zum Tod verurtheilten Raubmörder Schwarze begnadigt. Auch Thürolf's, des DoppelmörderS, Begnadigung gilt nun für sicher. Angesichts dieser Thatsachen wird es schwerer und schwerer zu begreifen, warum Lehmann- Hödel, der doch�schlimmsten Falls nur einen völlig erfolglos gebliebenen Mordversuch gemacht hat, hingerichtet wurde. — Der Nobiling-Schwindel florirt wieder. Nachdem die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mit ihrer unverschämten Lüge, daß Nobiling unmittelbar nach seiner Gefangennahme regelmäßig verhört worden sei, gebührend hereingefallen ist, setzt jetzt das„Berliner Tageblatt"(das ungefähr auf gleicher sitt- licher Höhe steht, wie die„Norddeutsche Allgemeine") das Lügen- und Berleumdungsgeschäft fort. Es veröffentlicht einen angeb- lich„aus den Akten" geschöpften Arttkel, in dem die Behauptung, es habe ein regelmäßiges Verhör stattgefunden, mit allerhand Ausschmückungen wiederholt und hinzugefügt wird, die in Folge des Attentats„bei den Führern der Sozialdemokratte" vorge- nommenen Haussuchungen, sowie die umfassenden Nachforschungen nach den Antecedentien(dem Vorleben) Nobiling's hätten ein nicht unbedeutendes Material sowohl für die Ausbreitung, Ver- zweigung und Organisation der Sozialdemokratie in Deutschland und im Ausland, wie für ihre Verbindungen mit den Anarchisten, der sogenannten rothen Internationale(!), als auch für die Be- Ziehungen Nobiling's zu den Führern der deutschen Sozial- demokratie und zu den Sozialdemokraten in London und Paris ergeben." Wir haben hierzu blos zu bemerken: Mit Ausnahme der Thatsache, daß Haussuchungen— jedoch nicht bei„Führern" der Sozialdemokratie— und Nachforschungen stattgefunden, ist Alles von A bis Z gelogen, unverschämt gelogen. Genau dasGegentheil ist wahr. Die„umfassenden Nachforschungen" haben den unumstößlichen Beweis geliefert, daß Nobiling mit der Sozialdemokratte absolut nichts zu thun hatte und zu keinem „Führer der Sozialdemokratie" je in irgend einem Berhältniß stand. Im Reichstag wird dieser Nobiling- Schwindel auch zur Sprache kommen. Wir wollen wissen, wer der Schurke ist, der die berüchtigt«„offizielle" Depesche über Nobiling's angebliche Beziehungen zur Sozialdemokratie fabrizirt und dieses niederträchtige Attentat auf die Sozialdemo- kratie und die öffentliche Moral veranstaltet hat. Glaube man nicht, uns einschüchtern oder von der richtigen Fährte abbringen zu können. — lieber die jüngste Bismarckrede bemerft die„Magde- burger Zeitung":„Und nun der dritte und vielleicht sonder- barste Punkt in der Kanzlerrede! Er bezieht sich auf das Berhältniß des Fürsten zu den ordentlichen Gerichten des Landes. Es ist von dem berüchtigten Rudolf Meyer und den Prozessen die Rede, welche der Kanzler gegen denselben anstrengen zu müssen glaubte und die ihm„durch das Wohlwollen der Ge- richte so unangenehm gemacht wurden, wie möglich". Ja, können denn die preußischen Gerichte den Gang eines eingeleiteten Rechtsverfahrens durch ihr Wohlwollen angenehm oder unan- genehm machen? Ist dies nicht ein Vorwurf gegen unsere Richter, wie er schwerer nicht gedacht werden kann? Muß eine Am Grabe Lassalle's. Hamburg, Ende September 1878. Schon nah't der Herbst, der Abend sinkt so kühl, Des Friedens Heim die Nebel schon umwallen Und, leisen Hauches geisterhaftes Spiel, Still auf Dein Grab schon dürre Blätter fallen. Der Gräber Schmuck, des Sommers Pracht verblüht, In der Natur rings ahnungsbanges Schweigen; Bald singt sein altes, schauervolles Lied, Der Herbstorkan in den Cypressenzweigen. Bringt Kunde Dir von großem, schwerem Leid, Heult's Dir hinab in Deine Grabesstille: Das Vaterland, dem Deine That geweiht, Deckt bald der Knechtschaft eis'ge Winterhülle. Der Weisheit Baum, den Du gepfleget hast, Daß er dem Recht ein schattig Schirmdach werde, Bon finst'ren Wahnes wilder Wuth umras't, Bebt er und wankt in deutscher Muttererde. Aus seinen Zweigen scholl der Freiheit Sang. Wir lauschten froh, mit ahnendem Verständniß, Mit frischer Kraft die Seele uns durchdrang Der Balsamduft vom Baume der Ertenntniß. Wir sah'» entsetzt, denn unser Blick ward frei, Des Voltes Blöße, sah'n die bleichen Wangen, Wir sah'n der Volksvertreter Gaukelei, Um Narrenschädel Ehrenkränze prangen. Da flog ein Angstruf durch den Drohnenschwarm; Hei, wie der Logik Stachel sie erschreckten, Im geist'gen Kämpfe, plump und geistesarm, Geschlagen sie die stumpfen Waffen streckten. Und uns're Schaar, lawinengleich geballt, Wuchs machtvoll an trotz feiler Lüge Zetern; Nun soll die plumpe Keule der Gewalt Die neue Wahrheit roh zu Boden schmettern. Man will nicht fürder nach gemeinem Recht Für uns're Fehl die Urtheilssprüche küren, Ein Sclavencodex soll den Arbeitsknecht, Den vierten Stand vom Gleichheitswahn curiren. Wir sollen dulden mit geschloss'nem Mund, Wir sollen nimmer uns're Leiden klagen, Wir sollen uns die Achseln blutig wund, Ohn' Zorneslaut im Joch der Knechtschaft tragen. Wir sollen nicht nach alter deutscher Art, Zu ernstem Rath uns mehr zusammenfinden, Wir sollen nicht— o, schmachvoll ist's und hart! Dem Volke tröstend Deine Lehre künden. Was wir erbaut in Müh' und bittrer Roth, Was wir zur Abwehr schwerster Leiden schufen, Das schleudert ein Gewaltstreich in den Koth, Und läßt's zertreten unter plumpen Hufen. Und Beifall johlt des Mammons Ritterthum, Das„moiie tekel" macht sie nicht erbleichen; Doch Klios Tafeln künden Schmach wie Ruhm Der Nachwelt einst mit unlöschbaren Zeichen. Sie, die so oft der Geistesschlacht entflohn, Die schamlos wichen unserm Kampfesdürsten, Die„Freiheitsmänner", ha, in feiger Frohn, Im Troß sie nah'n des finstcrn Kanzlcr-Fürsten. Zum Scheiterhaus' der deutschen Freiheit hin Blödsinnig-froh mit Scheit und Brand sie stürmen; Dumpf grollt's im Volk, die guten Genien fliehn, Am Horizont sich Wetterwolken thürmen. Schon weh't so kühl des Herbstes Abendhauch Still auf Dein Grab die dürren Blätter fallen, Verwesung siegt, und mit umflortem Aug' Ein riesig' Bahrtuch seh'n wir niederwallen. Du edler Freund im sttllen Schattenreich Dem Schmerz entrückt; Dein Geist soll uns erleuchten, Ob wir Dein Grab auch grüßen zornesbleich, Verzweiflungsthränen sollen's nimmer feuchten. Schon dreizehnmal vom Wintereis umhüllt, Hat's immer neu ein schöner Lenz umträumet; Es schmolz der Schnee in Sonnenstrahlen mild Vom zarten Grün, das drunter still entkeimet. Der Eid von Ron'sdorf mahnt zur heil'gen Pflicht, Den Söhnen wir, den Töchtern ihn vererben; Die Du entfacht, die Flamme hehr und licht, Soll nimmermehr im Wintersturm ersterben. Heiß wird der Kampf, der Feinde Macht ist groß, Wohl Mancher weicht dem Dräuen der Tyrannen, Das Elend nur bleibt unser Bund'sgenoss' Trotz ihrer Wuth, sie können's nimmer bannen; Das schreitet kalt durch uns're Heimathflur, Gensdarnrenfäuste können's nimmer wehren, Und stillen Eifers folgend seiner Spur, Sä'n wir im Volke Deiner Weisheit Lehren. Besuchen still des müden Bruders Heim, Aus daß Dein Wort ihm neu den Muth erwecke, So regt sich leise, leise Keim an Keim Zum neuen Lenz wohl unter starrer Decke. Noch lebt das Wort, das Deinem Mund entfloh'n „Das Schwert ist Schwert, allein das Recht ist's nimmer!" Einst kommt der Tag, da sinket Jlion, Der waffenkund'gen Herrschsucht Hort in Trümmer. Schlaf wohl, o Freund, Dein Führer-Banner wallt, Dein lichter Genius waltet noch auf Erden, Die Sonne strahlt nach Winternächten kalt, Die Wahrheit siegt, es muß doch Krügling werden! ReminiScenzen. Von der Tochter Tschech's erhalten wir nachfolgende Zu- schrift: In der Nummer 85 des„Vorwärts", vom Sonntag, den 21. Juli, wird ein Artikel des„Hamburger Correspondent" unter dem Titel„Zwei Attentate" abgedruckt, der mich nöthigt, eine Erwiderung, beziehentlich Berichtigung an Sie zu richten, da derselbe unrichtige Angaben enthält. Ich bin sicher, an Ihr Gerechtigkeitsgefühl nicht vergebens zu appelliren. Mein Vater, der beiläufig nicht blatternarbig war, bekleidete in dem Städtchen Storkow das Amt eines Bürgermeisters vom Jahre 1832 bis 1841. Die vielen Reformen, die er dort ein- führte, da er bei seinem Amtsantritt einen Augiasstall vorfand, und sein ernstes Bemühen, dem vielen Unrecht, welches beson- ders die ärmere Bevölkerung bisher gedrückt hatte, abzuhelfen, sein furchtloses Ankämpfen gegen das Beamtenthum und die Geistlichen des Ortes— dies Alles zog ihm wohl die Aner- kennung und Sympathie der„Armen und Elenden" zu, machte ihm aber die„Großen" und„Vornehmen" der Einwohner mehr oder weniger zu Feinden. Sein größter Opponent jedoch war der ihm vorgesetzte Landrath, Herr v. Lösch brand, ein hoch- müthiger-- Junker. Wie mein Bater nie im Leben vor — und Arroganz sich beugte, so auch hier nicht diesem be- schränkten Blaublut gegenüber. Nachdem er so unter starken Kämpfen in ununterbrochener Thätigkeit 9 Jahre lang seine Amtspflichten gewissenhaft erfüllt, und auch vom rein mensch- lichen Standpunfte aus dienst- und hilfbereit gehandelt hatte, indem er nicht wie Abel dachte: bin ich verpflichtet, meines Bruders Hüter zu fem?— wurde einer seiner erbittertsten Gegner zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt und von der Regierung als solcher' bestättgt und ihm gegenübergestellt. Müde der vermehrten Arbeit und der verschärften Kämpfe, reichte mein Vater nun sein Entlassungsgesuch ein, 3 Jahre vor Ab- lauf seiner Amtszeit, er war nämlich auf 12 Jahre erwählt. Dieser Vorgang fand statt 1841, also ein Jahr nach dem Re- gierungsantritt Friedrich Wilhelm IV. Ohne hierauf irgend zu rechnen, legte mein Vater sein Amt nieder, und da er sich jetzt ohne Wirkungskreis und ohne Existenz sah, war er bedacht, bei- so eminent subjektive Anficht aus dem Munde eines so hochge- stellten Mannes, der dem Volke ein so gewaltig wirkendes Bei- spiel giebt, nicht nur um so befremdender sein? Bei allem Respekt vor dem Kanzler und seinen unsterblichen Verdiensten um das Vaterland müssen wir es dennoch ganz unumwunden sagen, daß auch dieser Satz besser nicht ausgesprochen worden wäre."— Diese„unumwundene" Erklärung der„Magdeburgischen Zeitung" nutzt nichts. Sie und ihre Colleginnen haben dem Fürsten jahrelang direkt in allen Tonarten geschmeichelt, daß er fich solche kleine Extravaganzen wohl erlauben darf. — Der Fortschritt liegt sich in den Haaren. Ueber die Hänel'schen Amendements ist die fortschrittliche„Leipziger Volkszeitung" ungemein erbost. Sie schreibt zum Schlüsse eines längeren Artikels:„Die Reaktion wird jetzt geltend machen, daß der Wortführer der Fortschrittspartei selbst durch seine V-r- besserungsarbcit an dem Gesetz die prinzipielle Zweckmäßigkeit desselben anerkannt habe. Was wollen Sie dagegen einwende». Herr Professor? Dahin also mußte es mit der Fortschrittspartei kommen! O, Ihr Waldeck und Haverbeck, wohl Euch, daß Ihr den Tag nicht zu erleben brauchtet, da Eure Epigonen, die sich gleich Euch als Borkämpfer der heiligen Demokratie ausgeben. zwischen erster und zweiter Lesung sich zu einem Compromiß herbeilassen, wie er ärger nicht einmal von den Nationalliberalen in dritter Lesung abgeschlossen wurde!"— Alles Lamentiren hilft eben nichts. Der Fortschritt trug schon längst vor der Hänel'schen Retirade den Keim des Todes in sich. —„Gleiches Recht"— respektive„gleiche Unter- drückung" für Alle— so dachte die Regierung von Reuß- Greiz und verbot am 22. d.M. eine liberale Wählerversammlung', die in Greiz stattfinden und in welcher der liberale Führer und Reichstagsabgeordnete Rickert(Danzig) sprechen sollte. Die liberalen Blätter machen darüber ihrem Aerger Luft und melden noch dazu:„Herr Rickert war übrigens doch in Greiz erschienen, und es fand in eine? sehr zahlreich besuchten geselligen Zusammen- kunft der beabsichtigte Gedankenaustausch statt."— Da- nach haben die Herren Liberalen in„freventlicher" Weise das Gesetz umgangen! So lautet nämlich der Ruf der liberalen Blätter, wenn die Sozialisten der Polizei ein Schnippchen schlagen; natürlich, daß es dann anstatt„Liberalen" Sozialdemo- kraten heißt.— Aus alledem aber geht hervor, daß die Herren Liberalen sich noch gar nicht daran gewöhnen können, in gleicher Weise von Polizei und Gesetz wie ihre sozialistischen Mitbürger behandelt zu werden. Wartet nur, Ihr liberalen Sünder, nach dem Ausnahmegesetz werdet Ihr Euch schon daran gewöhnen! — Aus Paris erfahren wir, daß Guesde und Finance, die beiden bekanntesten und angeblich compromittirtesten der wegen des Versuchs zur Abhaltung des internationalen Arbeiter- congresses Verhafteten, wieder auf freien Fuß gesetzt worden find, weil absolut nichts Belastendes entdeckt werden konnte. Hirsch ist dagegen noch im Gefängniß, ein Vorrecht, das er offenbar seiner imponirenden Eigenschaft als Civis Germanus— deutscher Reichsbürger— verdankt. — Die englischen Trades- Unions(Gewerkschaften) hielten in der vorletzten(Montag, den 9. Septbr. beginnenden) Woche zu Bristol ihren(eilften) Jahrescongreß ab. Der- selbe wurde von dem Präsidenten des„parlamentischen Aus- schusses der Gewerkschaften" mit einer kurzen Ansprache eröffnet, in welcher et bemerkte, daß die Trades-Unionisten trotz der ?ciederlagen, welche sie in Lancashire, London, Northumberland und anderwärts erlitten hatten, dennoch durchaus nicht ent- muthigt sind, und daß die Gewerkschaften nun einem mächtigen Bunde der Arbeitgeber entgegenstehen, der es bald nothwendig machen wird, daß auch die Gewerkschaften, anstatt einzeln zu kämpfen, einen starken Bund schließen. Man schritt dann sofort zur Wahl des Bureaus. G. F. Jones, Sekretär des > Bristoler Gewerkschaftsrathes wurde zum Präfidenten und Ken- nedy von Glasgow zum Vice-Präfidenten gewählt. Broad- hurst, Secretär des Parlamentarischen Ausschusses, erstattete hierauf Bericht im Namen des Ausschusses und schilderte die ! letzte Session des Parlamentes als eine sehr aufgeregte. Die : auswärtige Politik und namentlich die Orientfrage habe alle übrigen Fragen erdrückt. Die Regierung habe wohl versprochen, ein umfassendes Haftpflichtgesetz vorzulegen, aber trotzdem daß Macdonald(ehemaliger Grubenarbeiter und nun Sekretär der bedeutendsten Gewerkschaft von Grubenarbeitern, seit einigen Jahren Parlamentsmitglied und als solches überaus zahm) sie schon einige Mal zu dieser Vorlage drängte, wurde von ihr nichts mehr gehört. Die verbündeten Arbeitgeber machen jeder Handlung der Regierung in Bezug auf diese Frage die heftigste Opposition. Das Eomitä hat in Erfahrung gebracht, daß eine große Deputation von Arbeitgebern bei der Regierung vorsprach, um sie zu veranlassen, keinen diesbezüglichen Gesetzentwurf vor- zulegen. Im weitern Verlauf des Berichtes wird der beiden großen Strikes im Baugewerke, der Londoner Maurer und der Manchester Zimmerleute, die heuer stattfanden und zu Ungunsten der Arbeiter ausfielen, Erwähnung gethan. Die Arbeitgeber fast aller Fabrikationszweige, heißt es da, sind gegenwärtig zu mächtigen Organisattonen vereinigt, deren fast unbegrenzter Reich- thum ihnen eine Angriffs- und Vertheidigungsstärke giebt, denen kaum unsere besten Gewerkschaften gleichkommen. Dazu kommt noch, daß diese Arbeitgeber-Berbindungen zumeist geheim ar- betten. Ihre Beschlüsse werden im Geheimen durchgeführt und ihre Erläffe in Privatcirkularen versendet. Das größte Ver- brechen in den Augen dieser geheimen Gesellschaften ist es. Mit- glied irgend einer Gewerkschaft zu sein. Man sollte nun glauben, daß durch solche Kämpfe der Parlamentarische Ausschuß zu der Ueberzeugung gelangt sei, daß es nun die Hauptaufgabe der Gewerkschaften sein sollte, politische Macht zu erringen, und in dieser Beziehung selbstständig vorzugehen, anstatt wie bisher den Schwanz der liberalen Partei zu bilden, aber weitgefehlt! Der Ausschuß sagt nur, daß es nicht seine Aufgabe sei, die Mittel anzugeben, um diesen neuen Elementen in den Conflitten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wirksam entgegentreten zu können. Alles was sich der Ausschuß diesbezüglich anzu- rathen erlaubt, ist, daß er meint, die Einkünfte der Gewerk- schaften müssen vermehrt und deren Einfluß erweitert werden. Mit der Erstattung dieses Berichtes war die Arbeit des ersten Congreßtages beendet.— Die Verhandlungen der übrigen Tage sind von relativ geringem Interesse für uns. Die gefaßten Beschlüsse werden wir mittheilen, sobald sie uns in authentischer Fassung vorliegen. — Russische Wirthschaft. Wie man säet, so erntet man. Die„Germania" bringt in ihrer Nr. 217 folgende Notiz aus Petersburg:„Bon den Nihilisten wurden im Laufe der ersten Woche dieses Monats in Petersburg abermals 3 Gensdarmerie- osfiziere, in Ufa der Polizeiminister, in Orenburg ein Commissar der Landpolizei, in Pera zwei Polizeiosfiziere und in Tiflis der Polizeigeneral Carnowisch ermordet. Und in keinem einzigen Falle gelang es. die Thäter zu erwischen. Die kurz nach dem Attentate auf Mesenzow von dem sogenannten Revolutionscomitä herausgegebene Broschüre„Tod für Tod", in welcher der politische Mord glorifizirt wird, wird von unsichtbaren Händen un ganzen Reiche verbreitet." Das ist die Rückseite der Medaille. Auf der Vorderseite befindet sich die„Ordnung" knieend auf einem Berg von Leichen— den Leichen der Tausende und Abertausende, die in den letzten zwei Jahrzehnten, unter dem Szepter des milden Väterchens, wegen ihrer Freiheitsbestrebungen erschossen, todt- geprügelt, todtgeknutet, auf der trockenen Guillotine der Gefängnisse und Sibiriens langsam dahingcmordet sind. — Durch die Presse geht die Nachricht, daß Genosse Mot- teler von der Staatsanwaltschaft zu Stuttgart wegen Ma des in einer andern Stellung wieder zu erlangen. Gemein- nützig schaffen zu können, wie er dies stets mit Vorliebe gethan, war wiederum sein Bestreben, und in Berlin, wohin wir nun zurückkehrten, setzte er verschiedene Hebel in Bewegung. So ent- warf er u. A. einen schriftlichen Bericht über sein amtliches Wirken in Storkow und übersandte denselben mehreren Ministe- rien und Behörden in Berlin zur Durchficht, hoffend, sich da- durch für eine geeignete Anstellung zu empfehlen; indeß erfüllten sich seine Erwartungen auf diesem Wege nicht. Die Hoffnungen, welche der neue König nach seiner Thron- befteigung in den Gemüthern des Volkes erweckte, die vielver- sprechenden Reden, welche er bei allen thunlichen Gelegenheiten hielt und in denen er seinen Wunsch,„der Pionier einer neuen Zeit sein zu wollen" Ausdruck gab, blieben auch bei meinem Vater nicht ohne Eindruck. Mit seiner vertrauensvollen Natur erwartete er das Höchste von dem jungen Monarchen. So ent- schloß er sich denn, Alles aufzubieten, um zu dem König vorzu- dringen und übersandte ihm zu diesem Zwecke, das oben er- wähnte Schriftstück:„Die letzten 12 Jahre meines Lebens", daran ein Gesuch um einen geeigneten Wirkungskreis knüpfend-- doch auch hier kein Erfolg; der letzte Bescheid des Königs lautete: „Es verbleibt bei meinem an den Bürgermeister Tschech er- lassenen abschlägigem Bescheide. F. W. Rex." Während diese Vorgänge fich vollzogen, begannen in Deutsch- land„revolutionäre Bewegungen", wenn man liberale Reform- bestrebungen so nennen will, sich in steigendem Maß kund ku geben. Die Vertreter derselben fanden auch in unserm Kreise die wärmste Sympathie. Ob mein Vater mit einem jener„Frei- heitsmänner" persönlich bekannt geworden ist, und in Verbin- dung stand, muß ich dahingestellt sein lassen— Bestimmtes weiß ich nicht; in unserem Hause sah ich nie Fremde, doch ging mein Vater viel aus und kehrte oft in sehr erregter Stim- mung heim. ,. Die schlefischen Weberunruhen, erzeugt durch Verdienstlosig- e» k Hungersnoth machten einen besonders tiefen Eindruck " Gemuth, wobei er dann in wehmüthigen, warmen Er- sem-r engeren Heimath-« war der Sohn eines T meIfQch gedachte. Das herrschende * tffit cift �n.me�r u"d mehr. So keimte mehr und Msssion�rfaßte" bie er allmählich wie eine Roch einen letzten Versuch, eine Audienz beim König zu er- langen, setzte er mit Energie ms Werk und wandte sich unter andern an die Königin Elisabeth, sowie an Alexander von Humboldt, doch ebenfalls ohne Erfolg. Wäre es ihm gelungen, persönlich zu Friedrich Wilhelm iv sprechen zu können, so würde er ihm, das weiß ich, begeistert in der Weise eines Posa, unerschrocken, m glühenden Worten, von den ftustän- den des Landes, von der Roth des Volkes gesprochen haben. So hatte mein Bater systematisch mit Ausdauer und Conse- quenz alle Mittel erschöpft, gütlich zum Ziele zu gelangen.— Die späteren Begebenheiten führt der Artikel im„Vorwärts" im Wesentlichen richtig an. Ich füge noch das Folgende bn und ersuche Sie um die Aufnahme in Ihrem geschätzten Blatte. Am Abend des 25. Juli 1844 gab mein Vater zwei Exem- plare seiner Schrift:„Die letzten 12 Jahre meines Lebens" in Berlin zur Post. Das eine war an den Buchhändler Brojck- haus m Leipzig adressirt, das andere an seinen Bruder Wilhelm in Schlesien mit der Bitte, das Schriftstück Niemand anderem auszuhändigen, als einst seiner Tochter Elisabeth. Diese beiden Exemplare geriethen gleich nach dem Attentat in die Hände der Polizei. Später bei meiner Privatgefangenschaft in Westphalen, im Hause eines pietistischen Pfarrers, versuchte Herr Albert Dulk, aus Leipzig kommend, von mir Daten für eine Biographie meines Vaters zu erlangen, wurde aber umgehend polizeilich zum Orte hinausgemaßregelt. Nachdem ich im Jahre 1848 in Zürich die Biographie meines Vaters geschrieben, wurde mir im Jahre 1849 bei meiner Rückkehr nach Süddeutschland, von wo ich nach Berlin um einen HeimathSschein schrieb, dies Gesuch abgeschlagen: da ich das Anrecht auf ein solches Dokument verloren. Unterzeichnet war der Bescheid: Kühlwetter. In Folge des Mangels eines Legiti- mationspapieres wurde ich dann von einem Orte zum andern gejagt bis mir schließlich nichts übrig blieb, als ein Asyl in Amerika zu suchen. Hier lebe ich jetzt alt und arm— die Preise für Frauenarbeit sind auf ein Minimum zusammenge- schrumpft. Seit Jahren ist es mein Trachten, mir Mittel zur Gründung einer kleinen sicheren Existenz für mein Alter zu schaffen. Zu diesem Zwecke wandte ich mich vor bald 3 Jahren an den Reichskanzler Bismarck, ihn ersuchend, dahin zu wirken, daß ich den Rest meines ehemals von mütterlicher Seite stammenden confiscirten Besitzthums zurückerhalte. Ich erhielt darauf schnellen Bescheid, dessen Hauptpassus lautet„daß die noch vorgefundene Habe beim Tode meines Baters laut Er- kenntniß confiscirt und vernichtet worden sei".(Gezeichnet: In Vertretung Friedberg.) Ein Gesuch an den Kronprinzen im März dieses Jahres gesandt, im Falle meiner Rückkehr nach Deutschland mir freien ungehinderten Aufenthalt zu gewähren. blieb ohne jeden Bescheid! Elisabeth Tschech. — Bolkskalender für 1879. Braunschweig, Druck und Verlag von W. Bracke jun. Preis 50 Pf. Dieser Kalender, dessen Inhalt unseren Lesern durch die Inserate bereits bekannt ist, verdient sbenso wie der„Arme Konrad" die wärmste Empfehlung. Auf 104 Seiten in Quart wird— neben dem Kalendarium mit Schreibkalender— ein reich- haltiges Material belehrender und unterhaltender Lectüre ge- boten, und sind die wissenschaftlichen Aufsätze durch zahlreiche Illustrationen, welche beigefügt sind, erläutert. Wir heben Folgendes hervor: jestätsbeleidigung steckbrieflich verfolgt werde. Diese Nachricht beruht allerdings auf Wahrheit. Merkwürdig aber ist, daß die steckbriefliche Verfolgung eingetreten ist, ohne daß unserem Ge- nossen Motteler eine Vorladung oder ein Haftbefehl präsentirt worden ist. Motteler befand sich seit einiger Zeit auf Reisen; es ist üblich, daß in solchen Fällen von der Behörde die be- treffende Vorladung an die Zimmerthüre des Vorzuladenden an- geheftet wird. Dies ist nicht geschehen. Wollte man Motteler aber sofort verhasten, so hätte die Behörde dies nur einfach bei ihren Nachforschungen über den Aufenthaltsort des Genossen Motteler sagen sollen. Derselbe wäre davon sofort benachrichtigt worden und hätte sich dann dem Stuttgarter Gerichte längst freiwillig gestellt. So aber hat er erst durch den Steckbrief selbst Kenntniß von der Anklage gegen ihn erhalten und ist, wie er uns mittheilt, daraufhin auch sofort nach Stuttgart gereist, um sich den dortigen Gerichten zu stellen. Aus der Schweiz. Vevey, 22. September. Wenn ich mir erlaube, Ihnen in Nachfolgendem einen Bei- trag zur Charakteristik Ihrer Gegner zu liefern, so geschieht dies in gerechter Entrüstung über die Art und Weise, in welcher sich gerade Diejenigen, welche stets den Mund so voll nehmen von „Gerechtigkeit für Alle", von„gemeinem Recht" u. s. w., auzen- blicklich betragen, und werde ich Ihnen, wenn Sie diesem Artikel Aufnahme gewähren, an noch anderen„Führern" die Thatsache constatiren, welch elende Gesinnung und welche„Hans� Wurschtig- keit" dazu gehört, um ein Gesetz wie das„Untergrabungsgesetz" in Deutschland möglich zu machen. Es ist eigenthümlich, welches Interesse in unserer„besseren" Gesellschaft, die doch Geld genug haben, um Andere für sich denken zu lassen, dieses deutsche „Untergrabungs-Drama" erweckt. Abgesehen von unseren Damen, welche, von der Langenweile gepeinigt, von jeher einen gewissen Hang zur communistischen Romantik an den Tag gelegt haben, sind es doch auch ganz ernste Männer, welche den Kopf schütteln über ein Beginnen der herrschenden Gewalten in Deutschland, das eine verzweifelte Aehnlichkeit hat mit dem Gebahren eines Man- nes, der mit der Klystierspritze auf's Dach klettert, während es im Keller brennt. Die ganze Jämmerlichkeit des Nationallibe- ralismus, und u. A. namentlich des Herrn Lasker, erregt hier tiefen Unwillen, der um so begreiflicher ist, als in hiesigen Ge« sellschaftskreisen dieser Mann offen erklärte, aus einem der- artigen Sozialistengesetze könne und dürfe Nichts werden, und nie würde er die Hand dazu bieten, der Regierung die Mittel zu gewähren, daß sie vom Boden des gemeinen Rechts abweiche!" Herr Lasker hat dafür den Händedruck ehrlicher Männer und den Dank schöner Augen pränumerando empfangen und mit Spannung sah man den Be- richten aus dem deutschen Reichstag entgegen. Befremdete es schon, daß Herr Lasker schwieg und Herrn Bamberger. diesen auch hier„wohlgeachteten" Menschen, reden ließ, wirkte die Thä- tigkeit des Ersteren in der Commission hier geradezu Entrüstung und Bestürzung erregend. Erst gestern hatte ich Gelegenheit, mit einer dem Herrn Lasker sehr wohlbekannten Dame zu sprechen. „Um's Himmelswillen, was macht dieser Lasker? Er verändert die Regierungsvorlage ja so, daß sie nur im Wortlaut, nicht aber dem Inhalte nach anders klingt."—„Meine Gnädige, das nennt man parlamentarische Taktik."—„Ach gehen Sie, wenn Sie jetzt den ersten Paragraphen von hinten nach vorn lesen, so kommt genau der Regierungsparagraph zum Vorschein." —„Meine Gnädige, das kommt wohl vermuthlich daher, weil die Juden ja stets von rechts nach links lesen."—„Sparen Sie um's Himmelswillen Ihre faulen Witze und berathen wir lieber, wie solche Gesinnungslosigkeit am besten bestraft wird."— „Nichts leichter als das."— Ich ging nach Hause und holte die„Erlebnisse einer Manncsseele".„Lesen Sie das und geben Sie es weiter." In einer„Geschichte, wie sie alle Tage passirt", schildert Otto- Walster eine Scene aus dem Leben zweier„deutscher Tramps in Amerika", die nach einem Leben voll Roth und Gefahren in einer Colonie von Deutschen endlich ihr Heim finden.— In „Das Dünendorf" giebt Heinrich Smidt eine Schilderung des Strandlebens und der Ereignisse, die sich unter den Bewohnern eines Dünendorfes abspielten. Eduard Sack giebt unter„Geschichte" eine scharfe und treffende Kritik sowohl der bisherigen Geschichtschreibung, wie hauptsächlich des geschichtlichen Unterrichts in unseren Schulen. Diese Ausführung gipfelt in der Forderung, daß„die Geschichte— nicht der Fürsten, sondern des gesammten Volks; nicht der Feste, sondern der Arbeit; nicht der Kriege, sondern der Empörungen; nicht der Reichen und Vornehmen mit ihren Vergnügungen und Künsten, sondern der Armen mit ihrer ewigen Geduld im Elend, — daß diese„allgemeine" Geschichte allen Männern, Weibern und Kindern erzählt werde." Und wer wollte dem Verfasser nicht Recht geben, wenn er zur Begründung seiner Forderung sagt, daß„nur starke Gefühle und tief begründete Ueberzeugungen uns zu Kämpfern für die Wahrheit und die Freiheit" machen. In dem Aufsatz:„Ein Reichsminister in Nöthen" wird ein Rückblick auf das„tolle Jahr" 1848 geworfen und eine für den verflossenen Reichsminister Heckscher freilich nicht sehr ergötzliche Episode aus dem Leben dieses politischen Strebers erzählt. Hermann Lange giebt in einer Skizze über Pascal Paoli eine Schilderung der Insel Corsica vor ihrer Unterjochung durch Frankreich und der Kämpfe, welche dieser vorhergingen, die Cor- sica in eine Einöde verwandelte. Bon Bruno Geiser enthält der Kalender eine historisch? Skizze aus Alt-Gricchenland. Er schildert Land und Leute, Griechenland in der Zeit historischer Dämmerung und die Verhältnisse in Sparta und Athen während ihrer Blüthezeit. Außerdem sind in dem Kalender eine Reihe belehrender Auf- sätze enthalten, z. B.:„Ueber Dampfkesselexplosionen; die bevor- stehende„elektrische" Revolution: Tetephon, Phonograph, Mikro- Phon; Die Wanderheuschrecke u. s. w. Ferner sind kleinere Auf- sätze, Anekdoten, Sinnsprüche ic. in reicher Menge vorhanden, und zum Schluß folgt eine Tafel der Hochwasserzeiten in Cux- Hafen für das Jahr 1879 nebst einem Anhang, eine Tafel zur Stellung einer Uhr und ein vollständiges Verzeichniß der Messen und Märkte.— Die weite Verbreitung, die der Kalender in früheren Jahrgängen gefunden hat, ist ihm also auch in der vor- liegenden Ausgabe zu wünschen. — Im Verlage unseres Genossen Karl Grillenberger ist erschienen und durch die Genossenschafts-Buckdruckerei in Nürn- berg zu beziehen:„Der deutsche Arbeiter- Notiz- Kalender" für das Jähr 1879. Derselbe enthält: Kalendarium, die' für die Arbeiter und Gewerbetreibenden wichtigsten Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung, das Haftpflichtgesetz, das Gesetz betreffend die Beschlagnahme des Arbeits- und Dicustlohnes, das Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschließung, Postalisches und einen Notizen-Schreibkalender. Heute nun kommt die Dame zu mir und sagt in einiger Verlegenheit:„Ich würde das Buch jungen Mädchen doch nicht als Lektüre empfehlen." Dann wies sie auf eine Stelle hin, wo Laster die Tochter Gottfried Kinkel's, auch ein Opfer der „Mannesseele", sagen läßt, nachdem er sie durch seine hinreißende »teduergabe betäubt hatte:„Ja, Bater, Dieser wird uns das Vaterland wiedergeben und unsere Leiden rächen!" —„Wissen Sie", sagte mein Besuch,„daß er auch mir einst feierlich gelobte---"—„Doch nicht Liebe und Treue?" fiel ich erschrocken ein.—„Nein, feierlich gelobte, der Disraeli Deutschlands zu werden!"— Ich lachte krampfhaft und vor meinen Augen tanzten sämmtliche Dachshunde der Welt Ballet und die Zaunpfähle wuchsen zu Mastbäumen.—„Der Disraeli Deutschlands! Das werde ich dem Reichskanzler de- nunziren."—„Ach min, lassen Sie das, dieser Plan ist seit vorigem Jahre von ihm aufgegeben. Erinnern Sie sich nicht des auffallenden Kostümwcchsels in der letzten Saison?"—„Ja wohl, er erschien plötzlich in phantastischen kurzen Jaquet, hellen Beinkleidern, rother Cravatte und weitem Hemdkragen; das Letztere wäre Strousberg am meisten aufgefallen."—„Sie wissen doch auch, daß er hier drüben in derselben Pension wohnte, wo sich Herr von Forckenbeck mit seinen beiden Töchtern auf- hielt."—„Sehr genau, stattlicher Mann und stattliche Damen, der kleine Lasker lief immer nebenher wie ein Wiesel in buntem Hamsterfell." „Ja, und damals war Lasker gerade drei Wochen lang der Gast Gambetta's auf seinem Schlosse hier bei Montreux ge- wesen, und da unsere Damenwelt es als noble Passion be- trachtet, für Gambetta zu schwärmen, so beschloß Lasker, Deutschlands Gambetta zu werden."—„In der That, sehr weise."—„Das fing er nun folgendermaßen an: Zuerst klei- dete er sich, so gut dies bei den so himmelweit verschiedenen Körperverhältnissen anging, genau so wie der einstige Diktator und zwängte sogar aus seinem wulstigen Haupthaar einige Locken zu stetem Herabhängen über die Stirn--"—„Vermuthlich damit Bethusy eine geschichtliche Stirnlocke findet, wenn er einmal wieder historisches Blech zum B-sten giebt."—„Lassen Sie mich doch ausreden. Sodann studirte er sämmtliche Reden Gambetta's, welche derselbe in der französischen Kammer im vorigen Jahre gehalten, in der Ursprache und lernte sie aus- wendig, übersetzte sie dann in's Deutsche und trug davon einige im engeren Kreise vor, welche er anläßlich der Wahlprüfungen im deutschen Reichstage zu halten gedachte."—„Sehr interes- sant und ich will mich beeilen, dem deutschen Publikum Nachricht davon zu geben, daß es hoffen darf, bald Gambetta'sche Reden im deutschen Parlament zu hören, wenn es nicht vielleicht schon einige gehört hat. Doch, erzählen Sie weiter." „Es kommt nur noch das Ende. Als Herr Lasker glauben mochte, sich in seiner Rolle den Damen interessant genug gemacht zu haben, da glaubte er weiter, so sagt man in sehr eingeweihten Kreisen, wieder einmal die Zeit gekommen, seinem scheinbar lebenslänglichen Junggesellenstand zu entsagen und— und--" —„Und Herr v. Forckenbeck rief ihn zur Ordnung?"—„Nein, eine zartere Hand reichte ihm----"—„Aha, ich verstehe; nun, er wird auch diesen zu den übrigen hängen. Wissen Sie was, gnädige Frau, wir haben jetzt ein schönes Mittel, den Mann zu bestrafen."—„Und welches?"—„Ich schreibe diese Historie an das Central- Organ der Sozialdemo- kraten— und bereite diesen armen gehetzten Menschen sowie allen Denen, soweit die Laskerzunge klingt, eine heitere Viertel- stunde und constatire zugleich vor der Geschichte, wie im Jahre 1878 die Menschen ausgesehen haben, welche Gesetze machen, um das bürgerliche Recht und die bürgerliche Freiheit ihrer verlogenen Phrase und ihrer heuchlerischen Moral in die Hände des Polizeibüttels zu legen." Aertin, 26. September. Unser hiesiges Parteiorgan giebt eine interessante Zusammenstellung der Auflösungsgründe, die man in letzter Zeit in sozialdemokratischen Versammlungen in Anwendung gebracht hat. Dasselbe schreibt: Zum Kapitel der Ver- sammlungs Auflösungen wollen wir ein altes Vorkommniß aus der Zeit des Hinckeldey'schen Regiments mittheilen, damit unsere Leser sehen, wie unsere jetzigen Auflösungen nur die getreue Copie der damaligen find. Herr Patzke und der Wachtmeister Kasser haben im Jahre 1850 eine Versammlung überwacht, und wurde dieselbe plötzlich von Patzke im Namen des Gesetzes auf- gelöst, weil Einer der Anwesenden, der Maschinenbauer Prell— Herrn Patzke angesehen hatte! Bis jetzt sind neben den gesetz- lichen Gründen uns gegenüber folgende Motive zur Begründung der Versammlungsauflösungen geltend gemacht worden: 1s Weil der Mittelgang im Saale voller Menschen stand. 2) Weil ein Fenster offen war und der überwachende Beamte dadurch zu der Ueberzeugung gelangte, es tage eine Bersamm- lung unter freiem Himmel. 3) Weil Menschen hinter einer verschlossenen Glasthür fian- den und in den Saal— hineinsahen; der Beamte löste im Namen des Gesetzes auf, weil jene Menschen möglicherweise eine Scheibe eindrücken konnten. 4) Weil ein Anwesender während des Vortrages das Wort „Lächerlich" gerufen hat. 5) Weil einzelne Anwesende bei einer Aeußerung des Redners gelacht haben. 6) Weil sich ein Hund in die Versammlung verlaufen hatte. Vielleicht wird in nächster Zeit auch der von Herrn Patzke aufgssundene Grund wieder zur Geltung gebracht. Wir fragen aber nun alle im Reichetage sitzenden Gegner, ob sie denn glauben, daß durch solche Auslegung und Anwen- dung der Gesetze die Achtung des Volkes vor dem Gesttz ver- mehrt und erhalten werden kann? Wir fragen, ob sie denn nicht ein Wort des Tadels gegen dieses Vorgehen der Polizei- behörden haben und machen sie verantwortlich für die Folgen, die unausbleiblich aus solcher Gesetzes-Interpretation entstehen müssen. Giebt es für daS arbeitende Volk nur Pflichten und gar keine Rechte, dann wundere man sich auch nicht, wenn hin und wieder eine heftige Natur sich selbst Recht zu holen sucht! -o- Irankfnrt a. M., 3. September. Wie allerwärts im lieben deutschen Reiche, so leistete auch hier in der jüngsten Zeit und leistet heute noch eine hohe Polizei in gewisser Beziehung wahrhaft Großes— und zwar, was doppelte Anerkennung ver- dient, ohne Ausnahmegesetze, einzig und allein mittelst„strafferer Zügel"! So wurde jüngst in Bockenheim eine sozialistische Ver- sammlung aufgelöst, weil nach deren Eröffnung behufs Deckung der Kosten eine Tellersammlung veranstaltet wurde. Diese Sammlung, meinte der Herr Polizeikommissar, steht nicht auf der Tagesordnung(was ihm freilich Niemand bestreiten kann!), deswegen— nun das versteht sich von selbst!-- Daß die Gleichheit vor dem Gesetz keine Phrase ist, beweist die jetzt er- lassene Anordnung einer hiesigen hohen Obrigkeit, wonacy die- jenigen Wirthe, bei denen man sich durch sozialdemokratische Lektüre„vergiften" kann, um elf Uhr ihr Lokal zu schließen haben. Hoffentlich hat ja diese einem Theile der Wirthe auf- erlegte Beschränkung nicht auch noch eine Schmälerung des jedem Unterthanen ausnahmslos zugestandenen Rechtes des— Steuer- zahlens zur Folge!— Am 17. v. Mts. wurde Genosse Rudolf Döll, der sozialistische Reichstagscandidat, wegen seiner Can- didatenrede mit einem Monat Gefängniß bedacht. Der Herr Staatsanwalt hatte zwei Monate beantragt. Ob Döll die ihm nach seiner angestrengten Wahlthätigkeit fürsorglich gegönnte Er- holung benutzen wird, um Buße zu thun und sich zu bekehren, dürfte sehr fraglich erscheinen!— Wie ich in einem hiesigen Blatte lese, ist ja in dieser ohnehin schrecklichen Zeit eine ganz schreckliche Geschichte passirt:„Redakteur Kayser, welcher im Freiberger Wahlkreise gewählt wurde, ist nicht nur der jüngste Reichstagsabgeordnete, er ist auch der erste Israelit, den das Königreich Sachsen in den Reichstag entsendet." Sozialdemokrat, jung und auch noch Jude,— hui, wie fürchterlich! Was heut- zutage nicht Alles pasfiren kann! Was für sich ganz und gar widersprechendes Zeug schon über die Sozialdemokratie zu Tage gefördert worden ist, das weiß Jeder, der auch nur ganz oberflächlich die gegnerischen Einwände verfolgt. Der Zufall spielt mir da eine Nummer der„Neuen Frankfurter Presse"(die sich, beiläufig bemerkt, in Frankfurt selbst keiner großen Nachfrage zu erfreuen hat) in die Hand, wo ich in einem Feuilleton:„Harmlose Rcisebriefe"(von Jo- Hannes van Dewall) folgenden Passus verübt finde: „Diese Italiener sind aber ein härterer Menschenschlag als wir annehmen, sie ertragen Hitze und Kälte, sie arbeiten hart und machen nicht so viel Geschrei davon als bei uns in Deutsch- land, wo es bald durch die Herren Sozialdemokraten dahin kommen wird, daß Arbeiten überhaupt eine Schande ist und Jeder sich beklagt, wenn er nicht als Millionär auf die Welt gekommen ist, als hieße es nicht:„Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brod essen"... ein Fluch, der sich in Segen gewendet hat, denn was wäre der Mensch ohne Arbeit! Und steht nicht in der Bibel:„Bete und arbeite!" Ist das nicht mehr, wie die Wahrheit auf den Kopf gestellt? Kann man denn nicht als Geringstes von einem Zeitungsschreiber verlangen, daß er das Programm einer Partei kennt, über die er sich zu Gericht zu sitzen erdreistet? Oder kennt er das Pro gramm und lügt absichtlich? Erstercs wäre dumm, letzteres aber gemein im höchsten Grade. Uebrigens möchte ich einmal das„Geschrei" hören, wenn solch ein„harmloser" Reisebrief- schreiber anstatt seiner Thätigkcit einmal nur zehn Stunden lang Zimmermann, Schuster oder Schmied spielen sollte. Ich würde ihm dieses„Arbeiten" so wenig zur„Schande" rechnen, wie ich ihm sein Schriftstellern zur Ehre rechne. Einer der traurigsten Fälle von dem seitens gewisser Leute so oft verhöhnten Arbeiter- Risiko mag den Schluß meines Berichtes bilden. Am 19. August Morgens gerieth auf der Lönhold'schen Baufabrik in Bockenheim ein siebenzehnjähriger Arbeiter unter die Transmission einer Schncidmaschine und wurde derart verletzt, daß er alsbald verschied und nach dem Le chen- Hause gebracht werden mußte. Dem Unglücklichen waren beide Beine, ein Arm und der Kopf theilS zerquetscht, theilweise ganz abgerissen worden.— Der richtige Philister leicht Derartiges, um daraus den Schluß zu ziehen, daß jedenfalls nur„Unvor- fichtigkeit" das Unglück herbeigeführt habe; etwas gefühlvollere männliche oder weibliche Herzen versteigen sich bis zu dem Aus- rufe:„Ach, das ist doch schrecklich!"— Doch halt, ich nehme ein anderes Blatt zur Hand, wo der eben berichtete Unglücksfall bereits in vollständig mundgerechter Fassung erscheint. Der Ar- bester kam nämlich„unvorsichtigerweise" einer Transmission zu nahe! Tausende von Leuten sind freilich viel„vorsich- tiger"— sie überlassen das Arbeiten ganz und gar Anderen und nagen trotzdem nicht am Hungertuch!„Bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung"!! I „Die Sozialdemokraten verhöhnen die sittlichen und staat- lichen Einrichtungen und, unsere Familie�," so stand in einem liberalen Wahlflugblatt! Und so wie folgt stand vor einiger Zeit zu lesen in den Lokal- Nachrichten:„Auf dem Sandweg wurde eine Gesellschaft bekannter ,Damew mit einer Anzahl den sogenannten besseren Ständen angehöriger Herren, die sich eine vergnügte Nacht bereiten wollten, ausgehoben."— Dergleichen „Gesellschaftsordnung" verhöhnen die bösen Sozialdemokraten freilich, sie verabscheuen solche und sie wollen dieselbe nebst vielem anderen Schlechten und Verwerflichen— untergraben! Hui!— Scheflenöerg, 13. September. Unser Genosse Gladewitz hat vor einiger Zeit in der„Chemnitzer Freien Presse" folgende treffliche Correspondenz veröffentlicht: In einer früheren Nummer des„Limbacher Wochenblattes" befand sich ein aus irgendwelchem Bureau an die kleinen Blätter versandter Artikel, resp. Waschzettel, über Ferdinand Lassalle, und es wird darin der todte Lassalle auf Kosten seiner lebenden Gesinnungsgenossen stark herausgestrichen doch gerade weil es auf unsere Kosten geschieht, erscheint Laffalle in einem ganz anderen Lichte, als wie man ihn bei Lebzeiten betrachtete. Er (Lassalle), heißt es, ist der Bater unserer heutigen Sozialdemo- kratie. Aber die Letztere ist ein entartetes Kind des großen Vaters, denn Lassalle war ein Patriot, so gut wie irgend Einer. Die heutige Sozialdemokratie dagegen hat die Vaterlandslosigkeit auf ihr Programm gesetzt. Lassalle vertrat den großdeutschen Gedanken unter Preußens Führung" zc. Wenn der Lobredner Lasialle's wider Willen seine Schriften durchgelesen hätte, so würde er schon in den Einleitungssätzen seiner„Assisenrede vor den Geschworenen zu Düsseldorf, gehalten am 3. Mai 1849 gegen die Anklage: Die Bürger zur Äewaff- nung gegen die königliche Gewalt aufgereizt zu haben", folgenden Passus gefunden haben:„Ich aber, meine Herren, werde Ihnen stets mit Freuden bekennen, daß ich meiner innern Ueberzeugung nach auf durchaus revolutionärem Standpunkt stehe, daß ich meiner innern Ueberzeugung nach ein entschiedener Anhänger der sozialdemokratischen Republik zu sein die Ehre habe." Riecht das nach„Preußen-Patriotismus"? nach Vertrauensseligkeit in die Pläne der Hohenzoflern? Aber noch mehr: ein Lieblings- Vorwurf der Liberalen ist es, zu sagen, daß Lassalle im Einver- ständniß mit BiSmart gehandelt habe, um die Liberalen zwischen der Charybdis der Conservativen und der Scylla der Arbeiter- bewegung dem sicheren Verderben zu weihen. Hören wir, was Lassalle über seine Verhältnisse zu Bismarck und den Liberalen in seiner berühmten Rede:„Die Feste, die Presse zc." sagt. Es heißt da:„Und wenn wir Flintenschüsse mit Herrn v. Bismarck wechselten, so würde die Gerechtigkeit erfordern, noch wührend der Salven einzugestehen:„Er ist ein Mann, Jene aber(die Fortschrittler) sind alte Weiber!" Die Freundschaft zwischen Bismarck und Lassalle ging also so weit, daß er daran dachte, Flintenschüsse mit ihm zu wechseln. Dies Freundschaftszeichen übertrifft das Absenden von Glückwun�oepeschen der Liberalen an Bismarck, der jetzt ihr Halbgott ist obcr wenigstens war, denn die fortgesetzten Fußtritte, welche die Liberalen sich von dem genialen Staatsmann appliziren ließen, bringen sie bei dem Volke immer mehr um den Kredit. In Bezug auf die noch heute in Preußen bestehende, zu Ende des Jahres- 1848 aufoktroyirte Verfassung spricht sich der Patriot Lassalle gleich nach obiger Stelle folgendermaßen aus:„Wir haben kein prinzipielles In- teresse(an den Landtagswahlen), weil 2. die preußische Ver» fassung, um die gekämpft wird, keine zu Recht bestehende Ver- fassung ist und noch nie auch nur einen Tag lang eine zu Recht bestehende Verfassung war." Ein neuer Beweis von dem Vertrauen, das er auf Preußens Regierung setzte, auf eine Regierung, die seiner Ansicht nach mit einer nicht zu Recht bestehenden Verfassung regierte. In Bezug auf die wirthschaftliche Stellung der Arbeiter im heutigen Staate spricht sich Lassalle in seinem„Arbeiterprogramm" aus. Es heißt da:„Die indirekte Steuer, meine Herren, ist somit das Institut, durch welches die Bourgeoisie das Privilegium der Steuerfreiheit für das große Kapital verwirklicht und die Kosten des Staatswesens den ärmeren Klassen der Gesellschaft aufbürdet." Heißt das nicht bei Euch, Ihr„Ord- nungshelden", die bestehende„Ordnung" untergraben, den Klassen- haß schüren, Aufreizung der Besitzlosen zu Haß und Verachtung gegen die Befitzenden? Gewiß! denn Lassalle selbst brachten ja die obigen Aeußerungen auf die Anklagebank und führten zur Verurtheilung zu einer mehrmonatlichen Gefängnißstrafe, von deren Abbüßung ihn nur der jähe Tod befreite. So viel ist sicher, wenn Lassalle noch lebte, würde er noch heute, wie zu Lebzeiten, von den Vertretern der heutigen„Ordnung" tausend- fällig angefochten und verleumdet werden. Der falsche Nimbus, mit welchem die Gegner, um ihren Zweck— uns zu diskredi- tiren— zu erreichen, ihn umgeben, muß also zerfließen, wenn wir nur einige markige Sätze des unerschrockenen Kämpfers zitiren."____ Oeffentliche Quittung. Seit dem 24. August d. I. habe ich vereinnahmt: a) Wahlfond. Salzwedel auf Liste v. sechs Genossen M. 3,00; Finsterwalde v. Ungenannt 4,60; Sudenburg L. 1465 4,00; Schöttmar v. W. 5,00; London d. Heinrich Hammermann 204,00; Dannen- berg v. R. U60; Steele L. 1320 3.40; Gelsenkirchen d. Wagner 10,00; Kopenhagen v. Adler's Fabrik Kr. 1,89; do. v. Thorn's Fabrik Kr. 1.70(zus. M. 4.09); Dessau d. K. Meiser 13,95 p Gera d. F. W. für d. letzten Nachtrapp:r Vahlteich 3,00; Baden- Baden L. 585 2,90; Gelsenkirchen v. Medreren 21,05; Leipzig d. Nebel(„Fackcl") 43,31; Bayreuth v. Tischlern 1,40; Ober- lungwitz d. Vogel 0,50; Hamm u. Horn Rest der Lokalkasse d. Westphal 6,19; Köln v. Goldarbeitern 7,50; Furth b. Ch. L. 4725 12,10; Leipzig Uebcrschuß der Kasse des Wahlcomlt6s 193,96; Stuttgart L. 964 2,40; Chaux de-Fonds d. R. Pabst 2,43; Siebenlehn L. 1586 5,60; Hamburg v. K. d. Derosst 1,00; New York d. F. Filly Rest d. Sammlung 126,30; Ham- bürg u. Vororte 47 diverse Zahlungen, quittirt im„Hamburg- Altonaer Volksblatt", mit zusammen M. 222,33. d) Unterstützungsfond. Cassel v. Diversen d. Pfannkuch 40,00; Kiel von den Bienen d. R. 8,60; Lübeck vom Gesangverein Eintracht 11,43; Pegau. d. G. Weist 4,69; Offenback v. Metallarbeitern 6,45; Leipzig d. N bel(„Fackel") 8.95; Stollberg v, V. A. L. d. I. A. F. 10.30; Chicago d. John Fettes 78,29; London v. Kaufmann 5,00; Haffkrug v. Slevers3,00; Ob.rlungwitz d. Vogel 4,00; Kiel aus der Sparbüchse bei N. 19,80; Barmstedt v. Lehrlingen 9.50p Nieder- Ernstorf von einem Geburtstage 3,00; Berlin v. G. K. 1,40; Gaarden d. L. 6,00; Hanau v. Lassalle's Todtenfeier d. Braß 9,00; Burg bei M. von Lassalle's Todtenfeier K. 5,80; Winterthur vom deutschen Verein bei Lassalle's Ge- dächtnißfeier 8,00; Hannover d. Vetter von einer Geburtstags- feier der Schuhmacher 1,50; Hamburg und Bororte 24 diverse Zahlungen, quittirt im„Hamb.-Altonaer Volksblatt", mit zu- sammen M. 165,30. Alle noch an den einzelnen Orte« vorhandene« Gelder für die Kasse des Central-Wahlcomitss sind sofort au den Unter- zeichnnen z« senden, da die Abrechnung in diesen Tagen abge- schloffen wrrd. Hamburg, 25. Septbr. 1878. August Geib, Rödingsmarkt 12. Briefkasten der Redaktion. X in G.: Sind keine Briese angekommen.— D. F. in Aschcrsleben: Briefe nicht erhallen.— M. M.: Brief er- halten; Antwort auf Ihre Frage ist ertheilt in Nr. 114. Freund Rudolf Schultz aus Hersort wird dringend ersucht, seine Adresse anzugeben. Otto Hansen in Barmstädt. UnterstütznugsfondS. Bon Stcklbrg Bordeaux 6,40._ *) Auch Herr v. Bismarck hat dies in seiner höchst„geistvollen" Rede vom 17. d. M. versucht. R. d.„V." Für ein in einer größeren Stadt Süddeutschlands zu gründendes, entschieden freifinniges Tagblatt wird ein tüchtiger und erfahrener Redakteur gesucht,«--»> i--» der in der Lage ist, sich mit Mk. 10.000 an dem Unternehmen zu betheiligen. Offerlen unter L. M. besördert die Exped. d.„Vorwärts". Im Verlag von Emil Sauerteig in Gotha ist erschienen: Elcmcntar-Lchre für»rbelter-Gesaug-Bereine. 90) Preis: 20 Pfg„ 20 Stuck 3 Mk., 50 Stück 5 Mk.(2a). Neueste Männer-Quartette. Eden vcrlieas die Presse:;_ Beim Wandern. Heitere Lieder für 4 Männerstimmen. Componirt von C. Kuntze. Op. 299. Ar. 1—4 in 1 Hefte. Part. n. Stimmen M. 3,50. Nr. 1. Beim Wandern.— Nr. 2. Am Thorhaus.— Nr. 3. Waldesträumc.— Nr. 4. Einsames Wandern. Ein erfahrener Dirigent schrieb mir über dieses neueste Werk des allbeliebten Quartett-Componisten Kuntze: „Ich bin überzeugt, dass„Beim Wandern" Jedem in Text und Composition gefallen muss. Ea ist ein Werk, welches mit Lust und Liebe gearbeitet wurde und beim Sänger Lust und Liebe erwecken wird." Gegen Einsendung des Betrages versende ich franco, auch stehen den Herren Dirigenten obige wie alle andern Compo- sitionen für 4 Männerstimmen etc. gerne zur Ansicht zu Diensten. Pet. Jos. Tonger, Cöln a;Ilh. Veraniwortlicher Redakleur: Franz Gütziaff in Leipzig. Redaktion und Erpedition Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Berlag der G-nokl-nschustSbuchdruckerei in Leipzig.