M 8. Mittwoch, Den 35. Jamior. 1871. Erscheint wöchentlich 2 mal m Leipzig. tieitcllungeil nehmen alle Lostanstalten und Buchhand langen des In- und Au»- lande» an. Für Leipzig nehmen Bestellungen an: A. Bebel, PeterSüxaste lv, F.Thiele, Emilie,. raste 2, Der Volksstliiit AbonnemcntüpretS Für Preußen incl. Stempel« steuer 16 Rar., für die übrigen deutschen Staaten 12 Ngr. per Quartal. Agent für London A. Duensing, Foreign Bookseller, Libra- riau and Newsagent, 8, Little Ncwport Street, Lei- rester Square. W C. Filialerpedition für die Bcrein Staaten: F.tl.Sorge, Box 101 Iloboken N.J. viaNewj'ork Grgllil der soM-demollratischeil Arsteiterpartei»nd der Internatioilalell GewerKsgenossenschaste». Ei» billiger Friede mit der französischen 'nblit! »teiue Annexionen! � Bestrafung Bonaparte's und seiner Mit- schuldigen! chl,r Politische Uebersicht. B e.,Alle drei Armeen zum Entsatz von Paris geschlagen," si'.il aphirt der deutsche Kaiser von Versailles an die Kaiserin. Ja, aber keine entscheidend, und da wäre es wohl doch das Beste für beide kämpfeaden Theile, man schlösse Frieden. Paris wiird, wenn eingenommen, doch so wenig, ja noch viel weniger ein angenehmes Quartier sein, als es Strasburg ist. In Straßburg ist durch den Gouverneur, Generalleut- nant v. Ollech, das Journal„L'Helvetie", herausgegeben in Beln, verboten worden. Die Verbreitung desselben unter- liegt der Bestrafung. Buchhandlungen, Gasthöfe, Wirthsstuben, Cas6's, Lesekabinette, in denen dieses Journal gesunden wird, werden ohne Weiteres für die Dauer des Krieges geschlossen. Die„Helvetie" brachte aus der Feder eines ihrer Redak- teure, des bekannten früher Straßburger Journalisten Schnee- gans, eine sehr interessante, auf Aktenstücken beruhende Gc- schichte der deutschen Eroberung des Elsasses. Hieraus folgt: 1. daß man die Veröffentlichung dieser Geschichte nicht ertragen kann, und 2. wie man die von Gambetta angeblich unter- drückte Preßfreiheit preußischerseits pflegt. Aus Lothringen vom 15. Januar schreibt man der „Zukunft": Wie schrecklich doch die Illusionen sind, welche sich die Annexions- lustigen machen! Noch haben sich die schweren Wunde», welche den un- glücklichen Provinzen geschlagen, nicht einmal geschlossen, noch ist die dumpse Betäubung, die so sürchtbaren Schlägen zu folgen pflegt, nicht gewichen und schon erhebt die Opposition das Haupt. Wer kann es den Leuten auch verdenken, wenn sie im Angesicht der verwüsteten Fel- der, der eingeäscherten Dörfer, der zerstörten Städte, des vergossenen Blutes in Verzweiflung gerathen, wenn sie der Agitation ein williges Gehör schenken? Und die Agitation ist mächtig; zahlreiche Agenten der Republik bearbeiten die Menge, doch man ertappt sie nicht, es scheint fast, al» ob die Bevölkerung ein Gelübde abgelegt, die Freunde von auswärts nicht zu verrathen. Französische Briefe und Zeitungen lange» an, Niemand weist auf welchem Wege und jeder Brief und jedes Blatt enthält die schwärzesten Schilderungen vom Zustande der deutschen Armee», von der Ausdehnung und Vervollkommnung der Volkskraft! Rastlos ist die Polizei beschäftigt, den geheimen Umtrieben auf die Spur zu kommen, Haussuchungen finden statt, Konfiskationen von Briefen und Papieren, Verhastunge» u. s. w., doch Alles umsonst. Zahlreiche Bettlerschaaren durchziehen das Laud, von den Einwohnern mit Mitleid empfangen, dadurch aber erhält der Hast neue Ztahrung. Sie können sich denken, wie der Machtzuwachs beschassen sein wird, den Deutschland mit aller Kraft zu erringen gedenkt. Sind das sichere Grenzen, wenn im Rücken der Festungslinie, in den Feüungen selbst, eine sanatische Bevölkerung jeden Augenblick bereit ist, das verhaßte Joch abzuwerscn? Mau schmeichle sich doch nicht mit der Phrase von „deutschen Brüder". Hier in Lothringen kennt man nur Freund oder Feind, der Feind aber ist der— Deutsche. Ein Soldat schreibt uns aus dem Felde:, Hier ist ein reger Verkehr; auf der über die Maas führende Brücke passiren tagtäglich unzählige Wagen, ganze Kolonnen kranker oder blcssirter Soldaten, sehr abstechend ge- gen die beinahe jeden Tag kommenden Ersatzbataillone. Welch lange Zeit ist seit der Schlacht von Scdan verflossen, welche Opfer hat seitdem der Tod gefordert, wie viele Tausende kehren nimmer wieder, wie unzählige kommen wieder als Krüppel oder mit krankem Körper, die vor kurzer Zeit gesund und lcbenssroh waten! Welches Gefühl beim Ueberdenken aller dieser Scheußlichkeiten mich erfaßt! Wo bleibt die Humani- lät, die vielgepriesene Nächstenliebe, wo sind die Urheber dieses fortgesetzten Blutvergießens, weshalb morden sich gegenseitig so viele Menscheg, die einander nie gesehen, nie etwas zu Leide thaten? Wohl nicht ein deutscher Mann wird die Niederlage der französichen Armeen bei Wörth oder.Sedan bedauert haben. Man fühlte sich beruhigt, Deutschland war vor dem Besuche afrikanischer Halbwilden sicher, die Horden eines Napoleon waren geschlagen. Die braven deutschen Vater- landsvertheidiger sowohl als die Lieben in der Heimath, Alles glaubte, der Frieden sei gekommen mit der Niederlage des kaiserlichen Heeres. Da mußten die Provinzen Elsaß und Lothringen einen neuen Streitpunkt bilden, die deutsche« Diplomaten und Bourgeois sahen in der neu erstandenen Republik ein Hinderniß. Ein solches Volk, das die Luft der Freiheit ath- wet, ist gefährlich für die Throne. Man dachte wohl nicht an die Opfer, die ein fortgesetzter Kampf fordern könnte. Und welcher Preis ist Werth der Opfer, die seither der Krieg verschlungen und tagtäglich noch ver- schungt? Was hat die deutsche Presse gethan, die„Lehrerin des Volkes?" wenigen ehrenwerthen Ausnahmen heult sie heute noch mit der Bourgeoisie und der Reaktion und be- strebt sich stets, das französische Volk als den Urheber dieses Krieges hinzustellen und die Schuld der Blut und Eisenpolitik zu verhehlen, ja sie geht so weit, zu behaupten, dieser Nation 'bunte man nichts Besseres thun als ihr einen Kaiser aufzu- zwingen. Mit der durch den allgemeinen Willen des Volkes zustande gekommenen Regierung soll nicht unterhandelt werden, „nur Junter und Geldprotzen können regieren." Man vergißt aber dabei den Schneider, der Präsident von Nordamerika war. £0 verläugnet man die Wahrheit und beschwindelt das Volk mehr denn je. Sonderbar mögen diese Worte aus dem Munde eines deutschen Soldaten dünken. Nicht ich allein denke so, wohl Viele haben mir diese Ansicht schon geäußert, doch heute stehen wir noch unter dem Drucke des Militarismus. Das Volk in Waffen, das jetzt so viel vergötterte, es darf kämpfen und sterben, es setzt Gut und Blut in die Schranken, hat aber keine Stimme, es muß stumm sein. Die Klagelaute der Witt- wen und Waisen, man hört sie nicht, der Prunk der Krönung, das eiserne Regiment der Gendarmerie verbietet das Echo der auch im Felde herrschenden Ansicht. Und wagen wirklich Einzelne, sie auszusprechen, sie fallen zum Opfer, doch die Zeit wird Richterin werden, sie wird auch Die zur Rechenschaft ziehen, die schuldig an diesem Blutvergießen. Ich für meinen Theil schaue getrost in die Zukunft, ich füge mich wie bisher in das Unvermeidliche. Möge doch recht bald der Frieden wiederkehren! Ein anderer Soldat schreibt aus Livry, IL. Januar: „... Wir haben jetzt eine schlechte Zeit, alle Nächte stehen wir alarmirt draußen, ich habe schon drei Nächte keinen Schlaf; die Fran- zosen schießen sehr stark. Es ist in unsrer Stube Tag und Nacht, als wenn Jemand recht stark an die Fensterrahmen haut, so stark zittern sie, denn sie haben Marinegeschütze drinnen, matt kann es nicht be- schreiben.— Fritz schrieb mir, daß wir schon ein Fort hätten, es ist aber eine große Lüge, auch könnte uns eins nichts nützen; da wird es noch was wollen, ehe wir welche bekommen. Ueberhaupt scheint es noch nicht so gut zu stehen, wie immer die Ouatschblätter schreiben, denen darf man nicht glauben. Wir baden heilte solch starkes Feuer, daß unsere Geschütze schweigen. Jetzt geben wir auf jeden Tag zwei Ge- schütze auf Vorposten.— Heute Thauwetter. Herr Leop. Hinze, Sekondelieutenant und Kompagnie- führer im Ersatzbataillon des Jnfanterie-Regiments Äir. 105 in Dresden erklärt die seine Person betreffende Notiz in Nr. 102 unseres Blattes für nicht auf Wahrheit beruhend und be- merkt, daß er bis dato noch keine Strafgewalt über Gefangene habe, also keinen Franzosen mit der Strafe des Anbindens be- legen, oder überhaupt bestrafen konnte. Wir haben in'Nr. l d. I. bereits genau Dasselbe gemeldet. Als weitere Illustration zu des Grafen Bismarck„Frei heil der Meinungsäußerung" dient folgendes Dokument aus dem„Progres de l'Eure" vom 6 Januar: „Auf Befehl des Generals v. Barby bringt die preußische Regie- rung zur Kenntnih des Maires vonEvreur, daß in Anbetracht einiger äußerst boshaften und gehässigen Artikel im„Progres de l'Eure" der Maire für den Inhalt dieses Journals verantwortlich gemacht wird, und daß er entweder das Erscheinen dieses Journals verbiete», oder den Redakteur dem Preußischen Kommandanten überliefern soll. Im Wiederholungssalle wird die Stadt Evreux bombardirt oder mit den schwersten Knegsstenern belegt werden. Für gleich- förmige Abschrist: der Maire von Evreux, Lepouze. Evreux, den 5. Januar 1871." Mit Rücksicht auf heimische Verhältnisse bemerkt die Ber- liner„Zukunft" zu diesem Aktenstück:„Kommt dieser Kriegs- brauch zu dauernder Geltung, so wird Graf Eulenburg es leicht haben mit dem neuen Preßgesetze; er legt statt dessen das Rayonregulativ vor und verlangt anstatt der Kautionen ein Zeugniß der Fcstungsbaukommission über die Bombenfestigkeit der betreffenden Redattionslokale." Im preußischen Abgeordnetenhaus fand, wie jedesJahr, der übliche Sturmlauf gegen den- Kultusminister Mühler statt, natürlich wieder umsonst, da Der zum Bismarckschen Ministerium so nothwendig gehört, wie zur Flinte der Kolben. Auf den bayrischen Landtag ist in den letzten Tagen in einem unerhörten Maße eingewirkt worden, um ihn zur Annahme der Verträge mit Preußen zu zwingen, deren wesent- licher Bestandtheil bekanntlich die Verpflichtung Bayerns ist, ein größeres und theureres stehendes Heer, als es bisher hatte, zur Verfügung des Kaisers bereit zu halten.'Nicht nur die Minister, sondern sogar der junge König Ludwig selbst und die bayrischen Prinzen wirkten auf die Volksver- treter ein. Es ist klar, daß hier das konstitutionelle Prinzip: „der König herrscht, aber regiert nicht" aufs Schroffste ver- letzt worden ist und daß man in Bayern für die schlimmen Folgen der Verträge den„unverantwortlichen" König einst wird verantwortlich machen. Auch der Erzbischof von Mlln- che», uneingcdenk des Wortes:„Mein Reich ist nicht von dieser Welt", hat einen derartigen Druck auf die im Landtag sitzenden Geistlichen ausgeübt, um die Geburtswehen des All-Deutschen Kaiserreichs zu erleichtern, daß ein Gegner des Vertrags, Pfar- rer Westermayer aus Biünchen, sein Mandat niederlegte, weil ihm durch seinen Bischof eine unabhängige Berathung unmög- lich gemacht sei. Ein klarer Beweis, daß die Hierarchie die Eigenschaft hat, ihre Untergebenen zu entmannen. Das Ende der langen Schwätzerei war die Annahme der Verträge mit 102 gegen 48, also mit 2 Stimmen über die nöthige Zweidrittelsmehrheit. Was während der Komödie, die im Saal spielte, hinter den Koulissen vorging, schildert uns die„Süddeutsche Post", wie folgt: „Jnleressanter als die Reden im Saal ist uns ein Vorkommniß außerhalb desselben, das während der gestrigen Kaminersitzung passitte. Der preußische Gesandte v. Werthern, der wie ein Abgeordneter selbst im Hause zu verkehren pflegt, fand sich auch gestern wieder wäh- rend der Sitzung im Lesezimmer desselben ein und konserirte mit natio- nalliberalen Deputirtcn. Was den Inhalt der Unterredung bildete, wissen wir ebensowenig, als was der Redakteur des(Neust. Nachr.) „Moniteur" den Herren M. Barth und Knorr mittheilte, der den Vor- läuser des Gejandlen gemacht hatte. Weiter ist zu bemerken, daß alle Hebel mit stets steigender«rast in Atiwendung gebracht werden, um die zur Annahme der VeNräge noch fehlenden Stimnie» zu gewinnen. Drohungen, lleberrcdungen, Versprechungen und was derlei Mittel sonst noch sind,»ilissetl herhalten, und gestern war es angeblich bereits gelungen, weitere zwei patriotische Abgeordnete zu einigem Wackeln zu bringen. Damit wäre indessen die nöthige Stimmenzahl noch keines- weg» erreicht, allein.... je länger die Debatte noch sdauert, desto mehr Zeit bleibt den Nationalliberalen, mit de» ihnen eigenthnm- liche» Mittel» Convertiten zu machen. Als treue Unterstützer stehen ihnen hierbei die patriotischen Renegaten zur Seite, welche an der An- nähme der Verträge ein wo möglich noch größeres Interesse als die Nationalliberalen selbst haben. Denn wird die Kaminer ausgelöst, so werden sie weder von patriotischer Seite mehr gewählt, noch selbstverständlich von nationalliberaler. Unter solchen Umstände» würden unseres Erniessens die konsequenten Patrioten, die noch als Redner vorgemerkt sind, gut thun, auss Reden zu verzichteil und so baldigst den Schluß der Diskussion herbeizuführen, welche an und für sich von keiner Bedeutung mehr ist. Nachgerade erfährt man auch, ans welchen Grün- den der Justiz- und Kultusminister Lutz ein so eifriger Vertheidiger der Verträge ist. Demselben gefiel das preußische System schon vvn jeher dermaßen, daß er bereits i. I. 1865 als f. Kabiuetssekretär einen Anschluß an Preußen ins Auge faßte. Wie die„Tageszeitung" enthüllt, und wie wir uns verbürgen lassen, wollte der Herr Minister damals einen vielgenannten Künstler(Richard Wagner?) gewinne», den König für seine Idee zu bestimmen, mit welcher auch noch die in Ver- ----"—-w vi. o>— r_f:------- V vi.>..... V, ,1, ausgewiesen. Aus mündlichen Erzählungen l hinzufügen, daß»ach einem in München allgemein geglaubten Gerücht ein nationalliberaler Professor von Erlangen das Schicksal des Jägers von Kurpfalz getheilt, und schier, wo iricht den Hals, doch den Fuß gebrochen, und daß das drei» und mehrstündige Rcdenßden Zweck haben soll, die Abstimmung bis zur Wiedergenesung dieses sehr ehrenwerthen Mitgliedes hinauszuziehen. So wird am Ende Bayern buchstäblich ins neue deutsche Reich hineingehinkt kommen." Das„Leipz. Tagebl." rächt sich für die famose„Ermor- dung des Croix Roune" und unsere Patriotenkritik dadurch, daß es uns der Unwahrheit zeiht und dem Staatsanwälte de- nunzirt, weil wir in Nr. 5 des„Volksst." angeblich Beamte des Leipziger Bezirksgerichts angegriffen hätten. Wir weisen dieseDe- nunziation entschieden zurück. Von w o die Indiskretionen aus- gegangen sind, können wir nicht wissen und ist uns nicht im Entferntesten eingefallen, auch nur anzudeuten. Der Ausdruck „die politischen Gefangenen des Leipziger Bezirksgerichts" ist offenbar lediglich eine Kollektivbezeichnung, um nicht die vier Namen einzeln aufzähle» zu müssen, gestattet aber keinen Schluß auf die Quelle der pflichtwidrigen Mittheilungen. Zudem ha- ben wir uns ja über diese Mittheilungen schon beschwert, als die politischen Gefangenen des Leipziger Bezirksgerichts»och auf freiem Fuße waren und das Damoklesschwert über ihrem Haupte an einem ganz anderen Punkte aufgehängt war, als in Leipzig. Das„Tagebl." sucht sich selbst dadurch weißzubrcn- nen, daß es behauptet, seit der Verhaftung der Genann- ten nichts über sie veröffentlicht zu haben. Das mag sein, aber daß es in seiner Nummer 850 vom 16. Dezember in der 5. Beilage, nicht Anstand genommen hat, in einem mit dem Redaktionsstern(*) versehenen Artikel die nur auf Jndis- kretion beruhenden angeblichen„Enthüllungen" des Herrn Z cid- l e r wiederzugeben, das wird wohl das„Tageblatt" weder un- geschehen machen, noch leugnen. Und eben diese Zeidler�schen und häufige gleichartige Mittheilungen haben wir ja bei unserer 'Notiz im Äuge gehabt. Wahr ist nur soviel an der Replik des„Tagebl.", daß wir dasselbe momentan mit einem andern hiesigen Blatte gleich edler Gesinnung verwechselt hatten, das die vom„Tagebl." nur ein oder wenige Mal gebrauchte Manipulation häufiger anwendete. Also auch der Vorwurf der „vollständigen Unwahrheit", den das„Tagebl." in hochsitt- licher Entrüstung gegen uns erhebt, ermangelt jeder Berechtigung. Wahl-Angelegenhetten. Einladung. Behufs Besprechung über Wahlangelegenheiten ersucheu die Unterzeichneten die Parteigenossen in allen Orten Sachsens, eine am Sonntag, dcn 39. Januar d. I. in Zwickau stattfindende Landesversammlung durch Delegirte zu beschicken. Zusammenkunft bei Dojtzauer in der„Volkshalle", Vormittag 11 Uhr. Mit sozialdemokratischem Gruß DieVcrtraucnsmänner von Leipzigu. Crimmitschau. 12. Sächsischer Wahlbezirl(Leipzig.) Eine am Sonnabend, den 21. d. M., in der Westendhalle stattgehabte Arbeiterversammlung stellte einstimmig BebelalsKan- didaten auf'.'.ndernannieeinWahlkomitee. Vorsitzender desselben ist Dettleffs, Kleine Gasse 2, Reichels-Garten; Schriftführer: Heide mann, Reumarkt 8, Tr. O; Kassirer: Chr. Ha dl ich, Ritterstraße 43. Zu den ReichstagÄwahlen. II. „Das ist der Kuechtfchast letztes Verenden, Das ist, wie»och nie ei» Würfel fiel Aus der Könige kalten bebenden Häuden, Der letzte Wurs in dem alte» Spiel." Ferd. Freiligrath. Dieser Tage sind die in den Tuilcrien anfgefundenen Quittungen über die ungeheure» Geldsummen veröffentlicht worden, welche der Präsident Louis Napoleon von der fran- zösischen jBvnrgeoisie und von europäischen Großmächten, nament- lich von Oestreich erhalle» hat, um das Kaiserthuin zu errichten. Unter der Devise:„Bekämpfung der Anarchie",„Ordnung", „Friede",„Freiheit" begann das Kaiserthum mit der Plün- d e r u n g der Bank von Frankreich, mit der Niederkartätschung der harmlosen Spaziergänger auf den Boulevards, mit der Deportirung vieler Tausende französischer Bürger, mit der Unterdrückung des Volkes. Der Held der„Ordnung" und „Sicherheit", der„Heiligkeit des Eigenthums" hat 19 Jahre lang jeden Tag dasselbe gethan, was am 2. Dezember 1851 Seine Regierung war eine fortgesetzte Plünderung Frank reichs, die der„Friedens- und Freiheitsmann" alle drei Jahre mit einer neuen Deportirung und einem neuen Kriege verbrämte. Der immer stärker werdenden Fluth der republika- nisch-sozialistischen Volksbewegung zu entrinnen, plante er 1870 eine neue Deportirung und die Plünderung Deutsch- lands. Unter den Schritten, die diesen Plan vorbereiten soll- ten, stand obenan das Plebiszit, das ihm die beinahe völlig entschwundenen Zügel der Herrschaft und des Ansehens wieder geben sollte. Die Majorität des Gesetzgebenden Körpers, die er hatte, genügte ihm dazu nicht, weil Frankreich theils wußte, theils fühlte, daß die Wünsche und Bedürfnisse der aus dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht hervorgegangenen Volksvertretung ganz andere waren, als die des Volkes. Es galt, den bereits verblaßten 2. Dezember durch das drastische Roth einer allgemeinen Volksabstimmung wieder aufzufrischen Hätte er den Zweck, zu dem es geschehen sollte, wissen lassen so hätten nicht nur die Städte„Nein" geantwortet, sondern auch die Bauern, die 1851 dem Manne, von dem sie Frir den und Wohlstand erwarteten, ihre 7 Millionen„Ja" gege- den halten. Es galt daher, die Bauern— bei der städtischen Bevölkerung, den Arbeitern, war es undenkbar— noch einmal zu belügen. Seine, mit enormen Summen gekauften Journalisten und seine Million Beamten mußten den Bauern sagen:„Ja" bedeutet Freiheit, Wohlstand, Frieden,„Nein" bedeutet Revolution und Krieg. Die republikanischen Blätter bewiesen klar das Gegentheil, sie wurden unterdrückt oder arr die Städte beschränkt. Wie fiel das Plebiszit aus? Ueber 6 Millionen, meist Bauern, stimmte»„Ja", weil sie den Frieden wollten, und ihn durch ihr bejahendes Votum gesichert glaubten, lieber anderthalb Millionen Arbeiter in den Städten, darunter gegen 40,000 Soldaten, denen die Bedeutung und der Zweck des Plebiszits klar war, stimmten„Nein"-, weil sie jenen Zweck vereiteln, weil sie den Frieden wollten. Der Kaiser stützte sich auf sein erlogenes Plebiszit und begann den Krieg. Aber das Rohr, auf das er sich stützte, war hohl, Frankreich stand nicht hinter ihm, selbst die Armee, die in andern Ländern gern in jeden Krieg zieht, lachte ihren Kaiser aus.*) Er fiel. Für seine Schande trösten ihn seine„Ersparnisse" und die dankbare Brüderlichkeit, die ihn auf Wilhelmshöhe füttert. Mit Sedan ging die Rolle des europäischen Nachtwächters von Frankreich auf Deutschland über. Wenn man nun das französische Kaiserthum mit dein deutschen vergleicht, so kann man nicht bestreiten, daß trotz vieler Aehnlichkeiten doch die Entstehungsgeschichte beider eine erhebliche Verschiedenheit aufweist. An der Wiege des franzö- fischen Kaiserthums standen Meuchelmord und Plünderung als Pathen, an der des deutschen: Krieg und Belagerungszustand. An diesem Unterschied ist nicht etwa die„höhere Bildung" Deutschlands schuld, sondern der Standesunterschied der El- tern beider Kinder. Diesseits des Rheins hat bei der Erzeu- gung des Kaiserthums als wesentlicher Faktor ein herunterge- kommener Adel mitgewirkt, der Civil- und Militärstellen brauchte und gerne Einrichtungen begründen half, die solche Stellen öffnen und nach Bedarf vermehren. Napoleon dagegen mußte sich seine Herzöge, Grafen und Fürsten erst aus den Wechselfälschern, Spielern u. s. w., die seine Associes waren, ernennen. Aber das ist ein Unterschied der Form. In der Sache gleichen sich beide Empires aufs Haar. Das We- sen einer Sache liegt für den Anwender in ihrem Gebrauchs- Werth. Das Wesen des Kaiserthums liegt darin, daß es ei» dringliches Bedürfniß ist, gewiß nicht für das Volk, sondern nächst den direkten Begründern, für die B o u r g e o i s i e. „Sicherheit, Ordnung, Ruhe soll uns das Kaiser- thnni bringen", predigen die Biedermänner der Börsenblätter, „daneben natürlich auch Frieden und Freiheit". Hüben wie drü- ben hat die selbstsüchtige Angst vor den Bestrebungen und For- derungen der Arbeiter den Grundstein zum Kaiserthum gelegt, eine Angst, die von den Machthaber» insgeheim durch Verschärfung und Färbung jener Bestrebungen ins Blutrothe bis zur blinden Panik gesteigert und so zur Erlangung der„uiiit� du pouvoir", der„Einheit der Gewalt", benützt wurde. Das Kaiserreich, das u» Deutschland wie in Frankreich dem Bedürfniß der„Ordnung", d. h. der durch nichts gestörten Ausbeutung, sein Entstehen verdankt, hat aber, in Deutschland wie in Frankreich, auch seinerseits wieder ein Be- dürfniß: fortzubestehen, wo möglich ewig. Dazu bedarf es einer Legitimität, einer allgemein anerkannten Grundlage. Neffe irgend eines Onkels zu sein, genügt da nicht, überhaupt kein Stammbaum. Auch die Aufforderung anderer Fürsten und Bürger, neisler, Kaiser zu werden, ist sowenig ein Rechtstitel, als die berüchtigte Notabelnversammlung des 2. Dezeinbers dem Louis Napoleon als ein solcher genügte. Je weniger Vertrauen das Kaiserthum in sich selbst hat, je mehr Angst es hat, umzufallen, desto breiter will es seine Grundlagen haben. Die„breite Basis" des französischen Kaiserthums waren die direkten Volksabstimmungen, die„Plebiszite". Napoleon mußte sich darauf stützen können, daß er kein Usurpator, sondern ein„Auserwählter des Volkes sei". Es werden wenige Jahre ins Land kommen und auch das deutsche Kaiserthum braucht Plebiszite und macht welche. Einstweilen soll ihm seine Legitimität geben: der zu wählende Deutsche Reichstag. Die Reichstagswahlen sind also ein verkapptes deutsches Plebiszit. Bei dein französischen Plebiszit war die offizielle Frage- stellung:„Wollt Ihr das Kaiserreich in seiner gegenwärtigen Verfassung, oder nicht?"„Nein" bedeutele die Republik, und zwar die soziale oder rothe Republik, das heißt die Republik, die nicht im alten Schlendrian unter neuer Firma fortwirth- schaftet, sondern das geistige und körperliche Wohlbefinden aller Staatsangehörigen zu ihrer Aufgabe macht. Das war eine sehr einfache Fragestellung, und es kostete der Regierung viel Mühe, sie zu verdrehen und zu fälschen. Wie aber ist die Fragestellung bei dem deutschen Plebiszit? Wie wir im nächsten Artikel zeigen werden, noch viel klarer und einfacher. *) Man ermucre sich an die Vorgänge in den Kasernen Paris, Shalons und andern Städten bei Ausbnich des Krieges. von Mn Franzose an die Deutschen. Einem Briefe Pecauts, eines anerkanmen Führers des freien Protestantismus in Frankreich, an den berühinten Schweizer Natur forscher Desor entnimmt die„Zukunft" Folgendes: ..... Sie wissen, ich gehöre zu Denen, welche beim Beginn des Krieges ihre Stimme gegen das Ministerium und den Kaiser erhoben haben. Ich beklagte es, unsere Fahne unter den Verwünschungen der Völker an den Rhein ziehen zu sehen. Und nicht genug, daß ich so dachte, ich setzte ineine Unterschrift mit mehreren meiner Landsleute unter einen Brief an unsere Deputirten, worin wir die Uebereilung der Regierung und den Leichtsinn der Kanimer tadelten. Meine Freunde und ich, wir litten darunter, daß wir wieder einmal von der käiserlichen Regierung in die Unmöglichkeit versetzt waren, unsere Wunsche für den Erfolg der französischeu Waffen mit unserem Gercch- tigkeitsgesühl in Uebereinstimmung zu bringen. Doch seit der Kapitulation von Sedan und der Proklamirung der Republik sind die Rollen vertauscht. Die Regierung der National- vertheidigung, darin vollkommen einig mit den freisinnigsten und em- sichtsvollsten Männern Frankreichs, bat um den Frieden, indem sie die Politik des Kaisers desavouirte und eine gerechte Kriegsentschädigung anbot. Sie wissen, welche Antwort ihre Vorschläge erfuhren Seitdem sind wir beruhigt über die Rechtsfrage, und da wir von dem Alp befreit sind, unsere Söhne zum Vortheil der absoluten Gewalt ihr Blut vergießen zu lassen, sind wir Alle, ohne Unterschied des Glaubens und der politischen Ueberzeugungen, entschlossen, um den Preis der höchsten Opfer unfern eignen Herd, aber nichts als unfern Herd, doch unfern ungeschmälerten Herd zu verthcidigen. Woher kommt es, daß eine so einfache Handlungsweise, die einzig ehrenvolle im Angesichte der Geschichte, die einzige eines Volkes wür- dige, in dem noch nicht jede Empfindung des Stolzes erloschen, die einzige, welche Deutschland in unserem Falle gewählt hätte; woher kommt es, daß sie von unser» Nachbarn nicht begrissen wird? Woher die auffallende Täuschung, daß sie in dem ganz natürlichen Verhalten einer Nation, die weder sterben noch dahmsieche» mag, nur einen schuldvollen Eigensinn erkennen? Sie wissen, wie sehr ich Deutschland liebte, ich habe dort ausgezeichnete Freunde und Lehrer gesunden, deren Andenken mir stets theuer sein wird; Deutschland ist für mich eine zweite geistige Heimath, ich kann mich also leichter als Andere auf seinen Standpunkt stellen und seine Gründe würdigen. Aber ich suche vergebens danach, was seit Sedan zur Entschuldigung dieses entsetzlichen Krieges angeführt werden kann. Man fordert die Abtretung des Elsaß und Lothringens, doch ge- miß nicht im Namen des Rechts. Wir besitzen das eine seit bald zwei, das andere seit bald drei Jahrhunderten. Wo eristirt heute noch der Staat, der darunter litte oder sich beklagte, daß er diese Provinzen verloren? Wenn der Besitz derselben ein Streitobjekt würde, so müßte die Karte von Europa eine vollständige Umwälzung erleiden und Preußen wäre dann mehr als jede andere Macht verlegen, die Rechtstitel für seine Eroberungen im vorigen wie in diesem Jahrhun- dert aufzuweisen. Aber der historische Rechtspunkt wird, glaube ich, nicht ernsthaft diskutirt und ich will auch nicht auf ihm bestehen. Was aber das Recht betrifft, welches auf dem Umstand beruhte, daß das Elsaß wie ein Theil von Lothringen von Germanen bewohnt werden, welche noch deutsch reden, ist es den» für jeden unbefangenen Beurtheiler nicht augenscheinlich, daß das Recht weder auf die Sprache, noch auf die Rasse zurückgeführt werden, daß es eben so wenig aus einen ver- schollenen feudalen Titel sich stützen kann, daß es etwas Geistigeres, Lebensvolleres ist? Wenn das Elsaß und Lothringen im Laufe der Zeiten nicht aufgehört hätten, gegen ihre Einverleibung in Frankreich zu protestiren oder wenn diese Länder heute ihre Rückkehr ins deutsche Reich forderten, wenn es uns nicht gelungen wäre, sie zu Gliedern unserer Familie zu mache», wenn sie uns gegenüber bloße Besitzungen und nicht Provinzen wären, nun gut, dann'möge ihr Wille geschehen; wir könnten dann ohne Schmach den Schicksalsschluß über uns er- gehen lassen und sie aufgeben. Wenn sie aber im Gegentheil noto- risch zu unseren französischen Provinzen zählen, wenn sie in kritischen Momenten wie 1813 und 1870 uns die glänzendsten Beweise ihrer Angehörigkeit gegeben, wenn sie heute noch durch ihre berechtigsten Organe und durch ihre gesammte intelligente Bevölkerung den festen Willen bezeugen, französisch zu bleiben; wenn sie, trotzdem sie ihre deutsche Physiognomie bewahrt, dennoch dem Zuge unserer Ideen-und Interessen sich angeschlossen; wie könnt Ihr nach zwei Jahrhunderten ie für ein anderes Land zurückfordern? Wie könnt Ihr uns zu- muthen, daß wir sie fahren lassen oder auch über unsere hartnäckige Weigerung Euch wundern? Was Ihr von uns fordert, ist in der That das Opfer eines Theils unserer politischen Familie, d. h. unser selbst. Die Welschen, über deren Oberflächlichkeit Ihr die Achseln zuckt, sind doch scharf- innig genug, um zu begreifen, von welchem Werthe für ihr natio- nales Leben das edle Elsasser Land und jene ruhmvolle Stadt Straß- bürg ist, wo in allen Zweigen geistiger Thätiakeit die jegensreiche Vermischung des germanischen und des französischen Geistes sich voll- zieht. Weit entfernt, uns Eurer exklusiven Theorie von der Verein!- gung der Völker derselben Rasse unter einem Szepter anzuschließen, e, achten wir es für ein Glück, daß der Lauf der Geschichte Völker ver- schiedener Rasse unserem heimischen Heerd näher geführt hat. Wir wisse», was unsere Industrie, unsere Wissenschaft, unsere Jugenderzieh- ung, unsere Tagespresse, uiisere politische Tribüne der mächtigen Jni- tiative, dem praktischen Sinne, der Ausdauer, der Tiefe des Elsässer Geistes verdanken, und wir glauben auch, daß der germanische Geist unserer Brüder im Osten'nichts dabei zu verlieren hat, wenn er sich an den Quellen des eigentlichen Frankreichs erfrischt. So oberflächlich wir auch sein mögen, wir wissen doch den Werth einer Universität, wie Straßbnrg sie besitzt, zu schätzen, wo die hohe Kultur Deutschlands mit allen Zweigen unserer Studien in die engste Beziehung tritt. Wir begreisen endlich auch, daß wir mit den von uns geforderten Provinzen nicht etwa nur Steuerzahler, Rekruten und Festungen, sondern eines unserer Lebensorgane, ein wesentliches Element unserer Civilisation verlieren würden. Nein, es bleibt Preußen nur ein Grund zu dieser Eroberung, und seine Publizisten und Parlaments-Abgeordneleti haben sich eben so wenig wie die Regierung gescheut, ihn auszusprechen: daß nämlich die Ruhe und Sicherheit Deutschlands es fordern, daß Frankreich auf lange Jahre hinaus geschwächt werde und daß eine vorgeschobene Linie fester Plätze oder natürlicher Bertheidigungsmittel unsere Nachbarn vor un- eren periodisch wiederkehrenden Eroberungsgelüsten sicher stelle. Die endlich vollendete deutsche Einheit fordere diese Garantie einem Volke gegenüber, das sich der Verwirklichung dieser Einheit stets widersetzt habe. Ein solches Argument, wir müssen es�ossen heraus sagen, ist nur der unverhohlene Ausdruck der Gewalt. So spräche also eine Nation, die gesteril noch die engsten Handels- und Freundschaftsbeziehungen zu uns gepflegt und die uns heute wie Barbaren behandelt, deren wilden Wuthausbrüchen man einen Zaum anlegen müsse! Um sich vor un- sercm ungeheuren Unglück nicht beugen zu dürfen, wappnen sich unsere Brüder von gestern mit einer Doktrin, die ihnen über alle Bedenklich- kciten hinweghilft: mit der Sicherheit und Größe des deutschen Vater- landes. Man wird uns später in diplomatischem Stil eine ewige Freundschaft schwören; um aber der unsrigen sicher zu sei», will man uns erschöpfen und entwassnen. Und wenn da« Heil des deutschen Vaterlandes G erheischt. ginge man vielleicht so weit, uns ein Rcgi- ment wieder auszudrängen, welches für den gesunden Theil der französischen Nation ein Greuel geworden ist. Ja was! Nach Sedan sogar schien auch die deutsche Einheit noch nicht hinreichend gesichert vor der Empfindlichkeit oder de» Befürchtun- gen Frankreichs! Wenn dies Werk so reif ist, wie Ihr behauptet, wenn es den einstimmigen Wünschen der deutschen Nation entspricht, wenn Sachsen sogar und Baiern und Hannover freiwillig die Opfer ange- nomine», welche das Einheitswerk ihnen auferlegt, habt Ihr denn in der ersten Periode des Krieges nicht Macht genug entfaltet und Ruhm genug erworben, habt Ihr unserni Lande nicht genug harte Lehre» auf- erlegt, um noch ein neues, entscheidendes Siegel aus Euer mächtiges Weck drücken zu müssen? Wenn es übrigens wahr ist, daß eine ge- wisse politische Schule in Frankreich sich stets geneigt zeigte, sich in Eure inneren Angelegenheiten zu mischen, so ist es ebenso wahr, daß dieselbe täglich durch die Diskussion und die bessere Kenntniß der Ideen und Interessen Deutschlands an Boden verlor. Wenn übrigens eine gewisse Partei unter der Herrschast des Kaiserreichs die öffentliche Mei- nung zur Eroberung des linken Rheinufers ohne alle Skrupel und mit sinnlosem Geschrei aushetzte, so weiß man, daß diese Partei nur ein geringes Echo in Frankreich fand und noch weniger Anklang unter der Herrschaft der Freiheit gefunden hätte, und daß endlich diese Par- tei mit ihrem Oberhaupte bei Sedan gefallen ist, nachdem sie hinrei- chend das Maß ihrer Unfähigkeit und Sorglosigkeit gezeigt hat. Deutschland hatte also nach unseren Niederlagen im Monat August. und der Kapitulation des Kaisers nichts von uns zu fürchten, sondern i im Gegentheil Alles von uns zu hassen. Welchen Dienst hätte es dann dem Weltfrieden, der allgemeinen Gesittung, der Freiheit geleistet, wenn es in seinem siegreichen Lager das entwaffnete und beinahe vernichtete Frankreich als einen Freund aufgenommen und von ihm nichts gefor- dert hatte, was mit seiner Ehre und seiner Sicherheit unverträglich ist. Es hätte uns dann mit einer viel festeren Kette gefesselt, als eine Kette von Festungen es vermag. Der germanische Geist hätte damit eine unwiderstehlichere, dauerndere Herrschaft über uns errungen, als es die Herrschaft der Waffen ist und die Welt hätte mit Achtung ein Volk zum ersten Range sich erheben sehen, das, nachdem es den materiellen Erfolg durch seinen strengen Fleiß, seine tiefe Wissenschaftlichkeit und seine feste Zucht verdient, Selbstbeherrschung genug besessen, um die materielle Kraft und die Wissenschast in den Dienst höherer Prinzipien der christlichen Gesittung, in den Dienst der Gerechligkeit und Humanität zu stellen. Glaubt inan, daß eine solche Haltung minder geschickt, niinder praktisch gewesen wäre, als die Sprache des Herrn v. Bismarck und der Abgeordneten des Reichstags? Man weiß, was für herrliche Re- sultate bis jetzt die sonderbare Lust gehabt, die Geißel der Vorsehung über uns zu schwingen, uns zum Geständuiß unserer Sünden zu er- niedrigen, zu flehen, daß wir um Gnade aufschreien. Fragt nur die Frauen, die Mütter, die Kinder, welche beiin Sturz des Kaisers jenseits und diesseits des Rheines hofften, daß ihrer Herzensangst nun ein Ziel. gesetzt sei. Wie viel Blut ist seil jener Stunde unnütz vergossen wor-! den. Und was erwartet Ihr von der Zukunft? Wenn Frankreich auch nach neuen Niederlagen in ein Ausgeben der streitigen Provinze« wil- i ligte, so wird es lies in seinem Herzensgrunde das Gefühl bewahren, welches schon alle Klassen unserer Gesellschaft ergriffen hat, den Haß des deutschen Namens. Es wird dann nur von einer Sorge, von einer Politik beherrscht werden, den Krieg mit besseren Aussichten wie- der zu beginnen, das Verlorene wieder zu erlangen.— Es wird auf' lange hinaus, sagt Ihr, die Waffen nicht wieder aufnehmen könne».' — Zugegeben, aber einmal wird es dazu fähig fein und der unsichere Zustand Europas wird ihm mehr als eine Gelegenheit bietet!, sich mit anderen Unzufriedenen zu verbünden.— Ihr glaubt, daß es von preu-I ßischen Garnisonen hart bedrängt oder von innerem Zwist geschwächt,- bei seinem Unternehmen scheitern wird. Und wäre dies auch, so wird es ihm doch mindestens gelingen, wieder Tausende von Frauen u»Sj Kindern zu Wittwen und Massen zu machen und die F'iitheii der Maas, weil» nicht die des Rheines, mit dem besten Blute Deutsch-; lands und Frankreichs z» rölhen. ES wird ihm gelingen, den Laus der Civilisation aus lange Zeit zu unterbrechen, Ruinen wie eine chinesische Mauer zwischen den Nationen des Nordens und des Südens anzuhäufen.— Aber, sagt Ihr, Frankreich wird in diesem Be- mühen sich aufreiben und seine Abwendung vom germanischen Geiste, wird es mit Unfruchtbarkeil schlagen, und seine natürlichen gehler noch erschweren.— Und angenommen, auch dies würde so kommen. Aberi wäre dieser sittliche Tod eines Volkes nicht für Deutschland die härtesteß Schmach, die furchtbarste Verurtheilung? Die Erfahrung würde Deutschland es lehren, wenn es dies nicht schon wüßte, daß die gebil- detsten, die wohldisziplinirtesten, die thäligsten Völker eben so wenig, wie die Jndivtduen der Zustimmung und Billigung Anderer entbehren können. Wie, aus dem Schooße jener berühmten Universitäten, ans der Mitte jenes Klerus, des gelehttesten der Welt, hat sich nach dem 4. September nicht eine Stimme erhoben, um sich der Verleugnung der elementaren Grundsätze, internationaler Moral zu widersetzen und das Recht des Besiegten zu vertheioigen? So viel Geschichte und Kri- tik, so viel Philosophie und Frömmigkeit, so viel Orthodoxie und Ratio- nalismus, so tiefe Kenntniß der Gesetze der Natur und der Gesetze der Menschheit, wozu hat dies Alles Euch genützt? Ihr konntet mir Stolz'! an der Spitze der modernen Civilisation euiherschreiten und Ihr seid für ein großes Volk der Gegenstand des«bschcus geworden I Was auch kommen mag, unsere Pflicht ist uns Franzosen deut- lich vorgezeichnet, und das ist unsre Stärke jetzt wie m Zukunft. Zu Anfang des Krieges hatte» die Deutschen die schöne Rolle. Wir star- ben jür den Kaiser, pro äominutione(für die Knechtung); sie sürS Vaterland. Heute sterben wir fürs Vaterland, für den heimischeil Herd, sie sterben für de» Wassenruh», Deutschlands. Gewiß, ein Volk muß in die Rathschlüsse der Vorsehung und die Gesetze der Geschichte wohl eingeweiht fem, um n iiempfindlich zu bleiben bei dem Rufe, welchen unsere sterbenden Soldaten heute ausstoßen. An die Parteigenoffe». Für den„Volksstaat" sind ferner eingegangen: Münchenbernsdors Thlr. R. in Altenburg 1 Thlr. Cd. K— r und F— e Zwickau 2 Tblr. A.-B.-V. Müssen St. Nklaus 1 Thlr. Maurer- u. Zimnierer-Gew. Dresden d. Leonhardt 1 Thlr. 7 Ngr. Soz.-dem. Ver. Geyer d. Goltz, Thlr.__ Für die Familien der Jnhastirtc». Ed. K— z und F~e, Zwickau 1 Thlr. 10 Ngr. A.-V. Koburg durch Heimann, 4 Thlr. Durch H.in Mainz von Ph. W. 1 fl. 10 kr., s I. R. 1 fl.. I. B. 1 fl. 45 kr.. I. B. F. 2 fl. 30 kr., Schlg. 2 fl.! 12 kr., DK. 30 kr., P. S. 2 fl. 30 K.. im Ganzeil, 1 l fl. 37 k. Soz.-deniok. Ver. Leipzig durch K. 3 Thlr. 19 Ngr. B. M. Leimia ' Thlr. G. M. Leipzig 1 Thlr._ -r. rft Dresden: Abrechnung in nächster Nr.— Verschiedene Orte: Die Verzögerung der Ausfertigung der Schuldscheine liegt nicht hier, ondernan Walster, dem sie zur Unterzeichnung und Steinpelung geschickt worden sind. Chr. H.— H.in Mainz: Wir wissen nicht, welche Nummer Sie wollen. Photographien von LassuUc und W. Liclikiiccht in beste« Ausführung zu 10, 5 und Visitenkarten zu I'/, Ngr., im Dutzend billiger, sind zu beziehen durch H. Knieling, Dresden, Ehristianstr. 16, i 4 Tr. Auswärtige Bestellungen gege» Postnachuahine. Bei der großen! Billigkeit wird einem zahlreichen Absatz entgegengesehen. Von Liebknecht'schen Photographien werden auf Bestellung Exein-I plare in der Größe von 10 Zoll für Vereinslokale passend, ä 1 Thlr.! 10 Ngr., angesertigt. Kür Weimar. Folgende Schriften: Unsere Ziele von A. Bebel. Ter Staat und das htcuosscnschaftswese», von C. Hirsch. Natioual-ölonomischcr Bortrag, von Dietzgen. Antrag und Rede» von Bebel und Liebknecht im Reichstage. Photographie» von Lassalle, Bebel, Liebknecht?c. sind zu haben bei_»ettcl Jr. Für Leipjig. «ozialdeuiorrattschcr Arbeiterverein. Donnerstag, den 26. Januar, Abends 8Uhr: Versammlung im„Pantheon". Tagesordniing: Sozialpolitischer Wochenbericht(Res. Rübner.) Um zahlreiche« Erscheinen wird gebeten. r itrch Die Expctlitiou«leg„VolkN*tuat, Pelersstraße 18, ist gegen Einsendung des Betrags zu beziehen: Unsere Vertreter im„Sieichstag". (Liebknecht's und Bebel's Reden über die neue„Reichsversassung", und Bebel's Rede über die Maßregelung- der Sozialdemokraten.)— ir Stück 5 Pfge., in Partieen' billiger.— Der Reinertrag ist zum Besten des Wahlfonds bestimmt. Leipzig: Berantw. Redakteurin Vertretung: Carl Hirsch(Redaktion: Emilienstr. 2.) Druck u. Verlag: F Thiele.(Expedition: Petersir. IL'