M 10. Mittwoch, de« 1. Februar. 1871. Erscheint wSchentlich 2 mal m Leipzig. vestellungen nehmen alle Postanstalten und Buchhand- lungen des In- und Aus- landeS an. Für Leipzig nehmen Bestellungen an: A. Bebel, PeterSstraße 18, F.Thiel«, Emilienstraße 2, Abonnementspreis Für Preußen incl Stempelsteuer 16%r, für die übrigen deutschen Staaten 12 Ngr. per Quartal. Agent für London A. Dnenstng, Foreign Bookseiler, Libra- rian and Newsagent. 8, Little Newport Street, Lei- Oester Square. W. C. Filialerpedition für die Berein Staaten: F. A.Sorge, Box 101 Hoboken N.J. viaNewyork Organ der so)ial>demokratischen Arbeiterpartei und der Internationaten Gewerksgenolsenschasten. Cin billiger Friede mit der französischen Republik! steine Annexionen! Bestrafung Bonaparte's und seiner Mit- schuldigen! An die Parteigenoffen. Auf Wunsch der Control-Commission und unter deren Dank für die Verwaltung der Parteigeschäfte in schwerer Zeit, hat der seitherige stellvertretende Ausschuß zu Dresden sein Amt niedergelegt. Zum provisorischen Parteivorort ist darauf, mit Rücksicht auf die Vereinfachung der Parteivcrwaltung, Leipzig ernannt wpxden, und zwar mit der Bestimmung: fünf Aus- schußmitglieder zu wählen, jedoch unter Hinweis auf die Richt- Wählbarkeit des Redaklions- und Expeditionspersonals des„Volks- staat." Die Reuwahl wird schleunigst stattfinden und alsdann die Führung der Parteigeschäfte aus den Händen der bisheri- gen Ausschußmitglieder an den neuen Ausschuß in Leipzig übergehen. Politische Uebersicht. Nicht die Bomben und Brandraketen der kaiserlichen Trup? pen, nicht Feigheit oder Resignation hat zur Einnahme von Paris geführt, sondern die Angst da Pariser Bourgeoisie \ und ihrer Pariser Regierung vor den Arbeitern. Trochu konnte Paris nicht vertheidigen, selbst wenn er wollte, weil , er nur eine Hand frei hatte; mit der anderen Hand, mit der Hälfte seiner Truppen mußte er ja in Paris die„Sicherheit" ausrecht erhalten, d. h. die Arbeiter, welche energische Maß- regeln zur Vertheidigung forderten, selbst für den Fall, das diese Maßregeln der Bourgeoisie unangenehm wären,— solche unbequeme Arbeiter als„Feinde der Ordnung" niederschießen zu lassen. Als die Arbeiter das Blut ihrer Brüder sahen, hatten sie natürlich keine Lust mehr, sich für die Ordnung todt- schießen zu lasten, weder von den Sicherheitsfrcunden jn, noch von denen vor Paris, und me Kapitulation war eine Roth- wendigkeit, nachdem die sogenannte Regierung in Paris von ihren geheiligten Ministerstühlen herunter zu steigen ablehnte. Der„Presse" wird aus Berlin telegraphisch gemeldet: „Die Capitulations- und Wastenstillstands- Urkunde», welche nach den Verhandlungen zwischen Bismarck, Moltke, Blumen- thal, General Beausort und zwei anderen französischen Mili- tairs festgesetzt worden sind, wurden am 28. einem Kriegs- rath unter Vorsitz des Kaisers(nämlich des deutschen Kaisers) in Anwesenheit beider Kronprinzen(nicht etwa Lulus, sondern Friedrich und Georgs) unterbreitet. Die Bedingungen sind: „Besetzung der Forts. Uebergabe von Paris. Gefangen- schaft der Linie, jedoch bleibt sie in Paris, Entwaffnung der(proletarischen) Mobilgarden, Nich tentwaffnung der Ratio- nalgarden behufs des„Sicherheitsdienstes" dreiwöchent- licher Wasfenslillstand für ganz Frankreich auf Grund der Frie- dens- Präliminarien, Abtretung von Elsaß und Deutsch-Loth- ringen, einer Kolonie—(Cayenne?)und zwanzig Kriegsschiffen, Bezahlung von vier Milliarden(4000 Millionen) Francs Kriegsentschädigung. Deutscherseits Anerkennung der rcpubli- kanischen Regierungsform; während des Wastenstillstandes Ein- berusung einer Konstituante(Volksvertretung), welcher die gegen- wärlige Regierung die Friedens-Präliminarien zur Annahme vorlegen wird.,, Herr Favre war von de» übrigen„Regierungsmännern", Beaufort von der„Generalität", Lesto und Vinoy von Herrn Niemand bevollmächtigt. „In Paris herrscht arotze Aufregung, Massenaus- laufe finden statt; man hört in der Stadt Trommel- schlag und Schienen." Es läßt sich leicht vorhersagen, daß nach 3 Wochen der Frie- den nichts weniger, als gesichert sein wird. Die Konstituante, die Theile Frankreichs abträte, würde sich selbst begraben und�die Revolution ver ew igen. In Bordeaux und in ganzSüd- frankreich herrscht ungeheure Aufregung schon über die Unter- Handlungen wegen der Uebergabe von Paris. Die Libcrtö sagt: Gambetta habe seinen Rücktritt von derRegie- rung erklärt. Die vollendete Thatsache wird mehr alsbloße Aufregung, wird eine Erhebung des Voltes hervorrufen, gegen die die bisherige Kinderspiel war. I» Paris selbst haben bereits die Arbeiter sich geweigert, ihre Waffen abzugeben. Der Bürgerkrieg zwischen de» Arbeitern auf der einen, der Bourgeoisie nn Bündntß mit dem deutschen Kaiser aus der andern Seite hat begonnen. Er wird nie enden, bis das Proletariat ge- siegt hat. Wir haben somit nicht, wie man wähnt, den An- fang vom Ende, sondern das Ende des Anfangs. Noch am 22. ds M. sprach Gambetta in Lille Fol- gendes: „Geht und fragt doch einmal die Feinde, die unseren Boden zer- »ampsen, für welche Sache sie sich ichlaaen, und sie werden Euch ant- fAMrtPtt firf» tit»»- w-i* C, rpv.-f— �"rujrotn, eines oer Pariser Forts, mit einem ruorlk, w'r e« au« �ben w,r ausgeschlagen. Auch heute schlagen und wir werden eher Alle zu Grunde gehen, als diesem Programm untreu z» werden.(Lange und stürmische Unterbrechung. Rufe: Es lebe die RepublitI Es lebe Gambetta!) Die Republik Hai sich mit der Sache des Baterlandes solidarisch verbunden. Wenn sie bei dieser Aufgabe unterläge, so würde es nicht an Reaktionäreii Mangel», die sie für die übernommene Verantwori- lichkeil tadeln würden. Sie muß also das Land retten. Sie muß auch diese unglückliche Bevölkerung, die Vertrauen in sie seht, befreien. Vergessen wir nicht, daß lb,0«X> Elsässer ihre Überfallenen Gegenden verlassen haben, um sich in Lyon den Berlheidigern des Vaterlandes anzureihen; wir können sie nicht verlasien, denn sie sind die Vertreter Derer, die unter dem Drucke des Feindes zurückgeblieben sind. „Heute wäre der Friede eine Verstümmlung des Vaterlandes. Nie- mand darf einen Fuß breit des Bodens von Frankreich abtreten. We- gen des Heils unserer von der Invasion überflutheten Gebiete, wegen der Ehre derer, weliche bisher der Invasion entgingen, dürfen wir kein Stückchen Land abtreten, kein Bruchstück der Bevölkerung. Frankreich ist aus den Widerstand bis auf das Aeußerste angewiesen, wo nicht, ist es für immer verloren. lBeifall.) Zwanzig Jahre hur- durch hat Bonaparte seine Heere ausgerüstet; mehr als zwanzig Milliar- den vcrschlano er bei seinem ruchlosen Werke und dennoch verschwanden er und seine He-re nach zwei Wochen des Kampfes vor dem Feinde. Seit drei Monaten bietet Frankreich, sich selbst überlassen, schrecklichen Armeen die Slirne, ohne ein« Milliarde verausgabt zu haben und wenn der Widerstand die gesammtc Bevölkerung erfaßt haben wird, ist der Feind besiegt. Denn Deutschland entvölkert sich. Seine ge- sammte Bevölkerung ist unter den Waffe». Der Gedanke ist dort todt, der Handel erstorben, der Verfall überall. Bei uns ist das soziale Leben nur� gehemmt, aber nicht todt, und wenn wir, stark durch unser Bewußtsein und unser Recht, widerstehen, kann Alles gerettet werden. Wenn die Preußen noch drei Monate auf unscrem Boden weilen, so sind sie verloren. „Durch alle möglichen Opfer muß inan sie aushalten, um sie sicher zu vernichten. Hat Jeder von uns diesen Glauben und diese Leiden- schaft, so wird der Wille genügen, um zu reussiren. Was wird diese bewaffnete Million gegen 38 Millionen vermögen, die eher zu sterben schwören, als sich zu entehren? „Wenn Alles gesprochen sei» wird, wenn wir das unveräußerliche Recht der ganzen Station und jedes Menschen wieder erobert haben werden, das ist unsere nationale Unabhängigkeit, unsere individuelle Freiheit, so wird man sehen, ob wir'Männer des Krieges, ob wir Diktatoreu sind. Zufrieden mit dem Zeugniß unseres Gewissens, mit dem erhabenen Genuß, die Pflicht erfüllt zu haben, werden wir nur einen Wunsch haben, in die Menge zurückzutreten, der anzugehören wir uns zum Ruhme anrechnen, um zu beweisen, daß, wenn wir die patriotische Leidenschast hatten, auch der republikanische Glaube uns nicht abgeht." Der„Moniteur" für vas General-GouvcrNement Loth- ringen veröffentlicht folgenden Erlaß des Generals v. Bonin: Se. M. der König, Kaiser von Deutschland, befiehlt in Folge der Zerstörung der Brücke von Fontenay, im Osten von Doul: Das vom General-Gouverneinent von Lothringen ressortirende Gebiet hat als Buße eine außerordentliche Kontribution von 10 Millionen Franken zu zahlen. Dieses wird zur Kenntniß des Publikums gebracht mit dem Bemerken, daß der Verrheilungsmodus später zur Kenntniß gebracht und die Zahlung der genannten Summe mit der größten Strenge durchgeführt werden wird. Das Dorf Fontenay ist sofort, mit Ans- nähme der für den Gebrauch der Truppen erhaltenen Gebäude nieder- gebrannt worden. Nancy, 23. Jan. 1871. Der General-Gouver- neur von Lothringen, General v. Bonin. Ueber die Lage der französischen Gefangenen in Deutsch- land bringt die„W. Tagespr." einen haarsträubenden Bericht, den wir unmöglich für authentisch halten können und den wir nur veröffentlichen, um den Behörden Gelegenheit zur Wider- legung desselben zu geben. „Sie lebe:' zu vielen Tausenden in engen umpfählten und von Kanonen beherrschten Lagern zuiammenqepfercht. Bis vor zwei Mo- tiaten hatten sie lediglich Zelte und ihrem Verlangen nach einem schützenderen Obdach ward oft die Antwort:„Wozu das? Ihr werdet doch revoltiren, und dann ist es leichter, Euch in den Zelten als in festen Häusern zusammenzuschießen." Seit jener Zeit wurden indessen Baracken errichtet, von denen jedoch viele noch im Bau begriffen sino. Diese, aus dünnen Riegelwänden besiehenden, noch ganz feuchten Ba- racken wurden sogleich geheizt und sind innen mit einer dicken Eis- kruste bedeckt. Auf dem Boden befindet sich eine seit Monaten nicht erneute dünne Streu, deren ursprüngliche Beschaffenheit kaum noch zu errathen ist. Da diesen arme» Menschen zum Theile seit bald sechs Monaten keine frische Wäsche oder Kleidung verabreicht wurde, befin- den sich die meisten unter ihnen in einem geradezu unbeschreiblichen Zustand der Verwahrlosung, mit wenigen Lumpen nur bedeckt, von Ungeziefer zerfressen, körperlich und geistig verkommen. Die Sterblich- keit unter ihnen hat denn auch eine' geradezu entsetzliche Höhe erreicht und man schätzt sie in den meisten Lagern auf Prozent des Tages, so daß, wenn es so fortgehen sollte, in 6 bis 7 Monaten Keiner niehr übrig sein würde. Ein sehr bedeutender Unterschied macht sich de- merklich zwischen den früheren Gefangenen von der Armee und denen der republikanischen Truppen, indem die Letzteren durchweg sowohl besser bekleidet, als auch körperlich kräftiger und gesunder sind. In Folge dessen ertragen sie denn auch die Beschwerden und Entbehrungen der Gefangenschaft leichter, und das größte Kontingent der Kranken- und Sterbejälle wird von den Gefangenen von Sedan, besonders aber von denen von Metz gestellt." Man schreibt uns aus Mainz: In Mainz besteht kein Verein, welcher sich mit der Roth der Ge- sangenen befaßt. Nur die israelitische Gemeinde, welche durch groß- artig gebrachte Opfer ihren Patriotismus glänzend bewiesen hat. hat sich neben diesem auch noch, unbeirrt durch die giftigen, boshaften Verdächtigungen und Schmähungen eines mit 800 preußischen Tha- lern subventionirten Blattes, Menschlichkeit bewahrt, indem sie außer der Verpflegung erkrankter Glaubensgenossen(was auch bei den andern Gefangenen ohne große Mittel hier leicht zu bewerkstelligen wäre), sondern sämmtliche(einige hundert Mann) bei Privaten untergebracht und soll bis jetzt noch keiner von diesen Gefangenen gestorben sein. Gegen wen in Frankreich Krieg geführt wird, sieht man aus'folgendemErlaß eines vonpreußischerSeiteeingesetztenPräfekten: '„Wir, Präfekt der Meurthe, in Erwägung, daß die für eine dringende Arbeit verlangten 500 Arbeiter, welche sich auf dem Bahnhose vorfinden sollten, dies nicht gethan haben, beschließen: 1) so lange die 500 Arbei- ter sich nicht auf ihren Posten begebe» haben, werden alle öffentlichen Arbeiten des Meurthe- Departements eingestellt; in Folge dessen sind die Arbeiten. der Fabriken, der Straßen- und Wegebauten, der Bau- stellen und alle Arbeiten des öfsentlichen Nutzens untersagt. 2) Jede Privalwerkstätte, die mehr als zehn Arbeiter beschäftigt, wird von heule an und unter denselben Bedingungen wie die oben benannten Arbeiten geschlossen; folglich werden alle Werkstätten für Zimmerleute, Schreiner, Maurer, Handlanger, alle Minenarbeiten, alle Fabriken jeder Art ge- schloffen werden. 3) ES ist unter Anderem den Prinzipalen, Unter- nehmern und Fabrikanten, denen ihre Arbeiten suspendirl sind, unter- sagt, fortzufahren, ihre Arbeiter zu bezahlen. 4) Jeder Unternehmer, Prinzipal oder Fabrikant, welcher den Bestimmungen obiger Beschlüsse zuwider handelt, wird mit einer Geldstrafe von 10- bis 50,000 Fr. für jeden Tag, den er arbeite» ließ, und für jede Auszahlung, die er gemacht hat, belegt werden. 5) Obiger Beschluß soll zurückgenommen werden, sobald die 500 Arbeiter sich auf ihren Posten verfugt haben, und es soll Jedem von ihnen eine Zahlung von 3 Fr. für den Tag ge- leistet werden. Der(deutsche) Präfekt Graf Renard. „Plünderung" heißt die Gestalt, die der gramerfüllte menschenfreundliche Geist Biedermann's ahnungsvoll durch die Straßen von Paris ziehen sieht für den Fall, daß die Sozia- listen die Regierung und Vertheidigung der Stadt in die Hand bekämen. Aber das verschweigt er seinen Lesern, daß in Lyon, in Marseille, in Grenoble, ffn Toulouse, Sozialisten und nur Sozialsten die Geschäfte des Landes führen und daß dort die rothe Fahne auf den öffentlichen Gebäuden de- deutet, daß in denselben, die bisher Zeugen der kaiserlichen Plün- derung des Volkes waren, fortan Recht und Ordnung herrschen wird.„Plünderern der Tod!" ist die Devise der Sozialisten in Frankreich, in Spanien, in Italien, in Deutschland gewesen und ist es heute»och.„Plünderern eine Krone!" ist die Devise der vaterlandslosen Clique von dunkeln Ehrenmännern, die „Reiche gründet" auf gemeinsame Betheiligung am Geschäfts- gewinn, wie sie rumänische und russische Bahnen„unternimmt". Am 2. Dezember wurde geplündert. Der glorreiche Krieg von 1366 war nichts als eine Plünderung süddeutscher Staatskassen und norddeutscher Höfe.„Ihre Leute" plündern, Herr Bieder- mann, nicht die Unsrigen. Trotzdem feiert die Bourgeoste den Kaiser als Retter der Gesellschaft(nämlich ihrer Gesellschaft) gegenüber der angeblich von den Sozialisten drohenden„Anarchie, Sittenlosigkeit und Zerstörung der Famlie". Namentlich wurde die fromme Kai- serin Eugenie, geborene Gräfin Montijo, nie ohne innige Rüh- rung erwähnt. Was alte Betschwestern in ihrer Jugend ge- wesen zu sein pflegen, das sagt ein deutsches Sprüchwort; oaß dieses Sprüchwort aber auf die fromme Kaiserin Eugenie im vollsten Maße seine Anwendung findet, ersteht man aus folgendem amtlichen Aktenstück, das dieser Tage in den Archiven der Pariser Geheimpolizei aufgefunden worden ist: „Rue St. Antonie Nr. 10, dritte Etage. Seit 1. April 1848 bewohnt von Frau v. Monttjo. genannt Gräfin Teba, mit ihrer Tochter Eugenie. Frau von Montijo, Wittwe eines spanischen Flücht- lings, Herrn v. Montijo Grafen Teba. Der Grafentitel nicht aner- kannt. Frau von Montijo, von ihrem Manne gelrennt, kam mit ihrer Tochter nach Frankreich, gitig dann nach England— wieder nach Frankreich— wieder nach Spanien— dann nach Paris. 1825 Chauffee-d'Antin Nr. 8. Hielt kleine Cirkel von galanten Frauen u. älteren Roues; dle Polizei wurde benachrichtigt.— 1823 wieder nach England wegen Schulden. Ihre Tochter m der Pension(Muß eine nette Pension gewesen sein) zurückgelaffen.— Bis 1836 kein Vermerk.— November 1838 nach Paris zurück; wurden 6 Wochen observirt. Drei Jahre ohne Anzeige. Mai 1842 Selbstmord- versnch des Kässirers Henry in ihrer Wohnung. Verdacht verbotenen Spiels. Ihre Tochter Eugenie Veranlassung Renkontrcs zwischen Oberst Sourvilliers und Eapitän Flauhout; Polizei-Kommissär Nocö berichtet: Frau v. Montijo hat kein nachweisliches Einkoniinen; ver- kehrt mit älteren inaktiven Offizieren von gutem Vermögen und lockeren Sitten; Wohnung komfortabel eingerichtet; 1800 Franks Miethe. Tochter Eugenie hochblonde Schönheit mit seiner Tonrnüre, hat viele Anbeter." Die„Beschirmerin der Religion, der Sittlichkeit und Familie", das Ideal aller Modedamen Europas, entpuppt sich als Hochstaplerin, Freudenmädchen und Kupplerin! Ein Bericht über die am Sonntag stattgehabte, zahlreich besuchte sächsische Landesversammlung kann erst in nächster Rum- mer des„Volksstaat" erscheinen. Von den in Braunschweig Gefangenen ist Agent Lüd- deke auf Antrag seines Vertheidigers entlassen worden; die anderen befinden sich seit 8. September immer noch im Gefäng- niß, also bereits seit über 20 Woche» Spier, der— wie Unterrichtete annehmen— noch weniger belastet ist, stellte den gleichen Antrag, wie dieser, jedoch ohne Erfolg. Die Leipziger Parteigenossen Liebknecht, Bebel und Hepner sind bereits über 6 Woche» in Haft. Von sämmtlichen Jnhastirten ist nur Hepner nicht wähl- bar, weil er das gesetzliche Alter noch nicht besitzt. Die an- dern Alle können gewählt werden, und müssen, wenn sie gewählt sind, bei Zusammentritt des Reichstags aus ihrer Haft entlassen werden!! Es ist nothwendig, daß die Parteigenossen dies in den Lokalblättern bekannt machen, da die Nationalliberalen und Re- aktionäre überall den Leuten einreden,„wer sich in Untersuchung befinde, könne nicht gewählt werden." Erst recht! Unser gefangener Parteigenosse Moser in Graz ist durch 27swöchentliche Untersuchungshaft, die er wegen— einer Rede erduldet, körperlich ruinirt, wird aber trotzdem nicht entlassen. Das Urtheil im großen„Wiener Hochverraths- p ro zeß" ist wegen Formfehlers kassirt und der Prozeß an das Landesgericht zurückgewiesen. Die nach dem Zeugniß aller Un- befangenen ungerecht Verurtheilten befinden sich noch in den Zuchthäusern. Wahl-Angelegenheiten. Wahlbezirk Stuttgart. Aus Stuttgart schreibt man der„Frankfurter Zeitung:" „Der Allgemeine deutsche Arbeiterverein hat Ende voriger Woche die Wahlbewegung hier eröffnet, indem er den Wählern des Stuttgarter Wahlkreises den Arbeiter Jos eph Schneider von Frankfurt a. M. als Abgeordneten zum Reichstage vor- schlug. Diesen Kandidaten hat die hiesige Polizei sofort nach Schluß der ersten von ihm abgehaltenen Wahlversammlung ver- haftet und nach mehrtägiger Haft der Stadt verwiesen. Eine rechtliche Begründung wird für diese Maßregel kaum gefunden werden könuen, an Ausreden freilich fehlt es der Polizei in solchen Fällen nie. Anstoß soll Schneider durch Aeußerungen über den Krieg mit Frankreich gegeoen haben. Im Uebrigen halten seine Gesinnungsgenossen an der Kandidatur desselben trotz dieser polizeilichen Einmischung in den Wahlkampf fest. Sie finden Unterstützung in den Kreisen der sozial- demokratischen(Eisenacher) Arbeiterpartei und auch bei einem(jedenfalls(?) geringen) Theile der ländlichen Arbeiter- bevölkerung soll die Aufstellung eines Mannes aus der� Arbeiter- Klasse Anklang gefunden haben. Trotzdem ist an einen Erfolg Schneider's entfernt nicht zu denken, namentlich da die Zahl der hiesigen Arbeiter in Folge der Abwesenheit der Bau- Handwerker während des Winters und in Folge des Krieges sehr reduzirt ist. Die Rationalliberalen stellen Schneider den Fabrikanteu G. Müll er entgegen, eine der„nationalökonomischen Rotabilitöten", welche diese Herren sich zum Parle!- Gebrauch bei Wahlen, Handelstagen, Eingaben von Handelskammeru:c. selbst geschaffen haben. Zu den Reichstagswahleu. III. Obgleich das französische Kaiserthum sein Versprechen: „Das Kaiserthum ist der Frieden", selbst Lügen gestraft hatte, indem es von einem Krieg in den andern rannte, so konnte es bei der steten Erneuerung dieser Phrase doch noch mit viel größerer Sicherheit auf Gläubige rechnen, als das deutsche Kaiserreich bei dem ersten Male, wo es sich als Reich des Friedens produzirt. Das französische Kaiserreich hat 6 Jahre lang Wort gehalten und bis 1854 nicht nur keinen Krieg unternommen, sondern sogar— wenn auch gewiß nicht aus Friedensliebe!— drohende Verwickelungen friedlich beigelegt. Es ist sogar sehr sraglich, ob es 1870 sich in einen Krieg gewagt hätte, wenn es mit einem, sei es auch noch so kärglichen und zweifelhaften d iplo ma t isch en Erfolg in der Spanischen Thronfrage den französischen Chauvinisten hätte gegenübertreten können, weim ihm nicht Bismarck, vor Begier brennend, die Erbschaft des europäischen Ordnungs- Kaiserthums anzutreten, den Sargdeckel über dem Kopfe zugeschlagen hätte. Bonapartes Verlegenheit bestand ja eben darin, daß ein Krieg für ihn Existenzbedingung war, ver Frieden aber nicht minder! Der Krieg konnte ihn nicht sicherer stürzen, als der Frieden. Ganz anders steht das deutsche Kaiserreich da. Es ist ein Soldatenreich. Es sagt von sich selbst(Festrede des badischen Prinzen in Versailles), daß es nur durch Krieg entstehen - tonnte. Jeder Frieden wird es auflösen; es ist dazu verflucht von seinem Geschick, von einem Kriege in den andern zu fallen. Man hat ja den Beweis vor sich: Es kann keinen Frieden machen ohneEroberung. Durch die Eroberung aber garan- tirt es sich zugleich einen neuen Krieg, oder vielmehr drei neue Kriege: einen mit Rußland, einen mit Oestreich, einen (oder wer weiß, wie viele noch?) mit Frankreich. Durch die Aussicht auf neue Kriege garantirt es sich, was es jeden Tag zum nothwcndigen Leben braucht, eiae ungeheure, gerüstete Armee. Diese ist unzertrennlich von seinem Wesen, folglich braucht es, damit die Armee nicht ganz müßig geht, Krieg. Bewiesen also für Jeden, der an seinen Fingern bis 5 zählen kann:„Das Deutsche Kaiserreich ist der Krieg!" Wollt Ihr also Krieg„bis ans Ende aller Dinge", Ihr Ar- beiter und Kleinbürger, so. müßt Ihr mit der Handvoll Men- scheu zusammengehen, die jedem neuen Kriege mit freudigem „Ja" zujubeln werden, weil er ihnen 1) Staatsanleihen, Militärueferungen und Gelegenheit zum Wucher mit Geld, Brod, Kohlen u. s. w., also Vor theile, 2) unentgeldliche Spazierfahrten auf die Schlachtfelder, Champagnerfeste u. s. w., also Vergnügen, endlich 3) Komiteetitel und Orden, also Ehren bringt. Das Bischen Unangenehmes, was der Krieg für Euch, für Eure Geschäfte, für Eure Familien hat, das nehmt Ihr dann doch gerne mit in den Kauf. Nicht? Wollt Ihr aber den Frieden!, so müßt Ihr Männer zu dem„deutschen Reichstag" wählen, die im Reichs- tag zu der ganzen neuen Verfassung des sogenannten „D e u t s ch e n K a i s e r r e i ch s" entschieden„Reitt" sagen werden, Männer, wie Bebel, Liebknecht, Johann Jaroby, und sonstige Sozialdemokraten, Männer, deren es in Deutschland trotz der überhand genommenen Schlechtigkeit und Verdummung doch noch viele giebt. Von Seiten der Kaiserlichen wird es natürlich an Nichts fehlen, um solche Männer nicht aufkommen zu lassen, und namentlich dieselben in jeder Weise zu verdächtigen und mit Schmutz zu bewerfen. Genau so hat man es unter dem französischenKaiserreich mit den Sozialisten gemacht. Man schob ihnen unier, sie wollten„plündern", sie wollten„theilen". „Theilen wollen" ist freilich ein schlimmer Vorwurf von Seiten Solcher, die sich nicht erst lange aufs Theilen einlasse», sondern lieber gleich AlleS nehmen. Aber wenn sie doch nur ein einziges Mal einen Beweis beibrächten, sei es durch That- fachen oder durch Aeußerungen unsererseits, daß wir die Ab- ficht des„Theilens" hätten! Außer einigen bezahlten Statisten, die sie, wie die alten Spartaner ihre Sklaven betrunken machten, um der Jugend abschreckende Beispiele vorzuführen, ebenso als „Theiler",„Klassentämpfer" und Ferkelsozialisten auf- spazieren lassen und die schließlich über die Rolle, die man sie spielen läßt, selbst lachen müssen, haben sie uns noch nie ein Zeugniß für unsere angeblichen„kulturfeindlichenBesttebun- gen" schaffen können. Allerbmgs ist uns dasEigenthum nicht„heilig", son- dern der Mensch; das Eigenthum ist nach unserer Meinung nur ein Mittel zum Zweck des menschlichen Wohlbefindens, und kann von der freien und denkenden Gesammtheit, soweit es diesem Zweck nicht entspricht, beschränkt werden; ihnen aber ist der Mensch nur Mittel zum Zweck der Eigenthumsan- Häufung, und kann, soweit er diesem Zweck nicht entspricht, unbedenklich beschränkt oder beseitigt werden. Heilig ist ihnen aber auch nicht das Eigenthum, sondern nur das ihrige, oder vielmehr einem Jeden von ihnen das seinige. Daher der Wahlspruch, auf den sie schwören:„siium cuique", auf deutsch:„Einem Jeden(nimm) das Seinige. „Das ist die Ordnung, so will es das Recht."(Schiller.) Nichtsdestoweniger werden unsere Gegner, die Liberalen und Reaktionäre, dabei bleiben, daß sie die Ordnung, wir aber die„Anarchie" vertreten. In Frankreich suchten sie es vor den Wahlen gewöhnlich dadurch zu beweisen, daß sie eine An- zahl von Sozialdemokraten auf der Straße oder in den Häusern fingen, der„Anarchie" und irgend einer beliebigen Verschwörung beschuldigten, und, nachdem der Streich bei den Wahlen seine Wirkung gethan hatte, wieder freiließen, da natürlich nichts vorlag. Mitunter bemühten sie sich, die Arbeiter zu Krawallen zu provoziren und schickten auch wohl gute Freunde aus, die mit dem Beispiel voranzugehen hatten. Aber die Arbeiter bissen auf den Köder nicht an. Sie zeigten, daß sie die Orb- nung, das Kaiserreich aber die Konfusion und Rechtlosigkeit repräsentire. In Deutschland haben wir nicht nöthig, dem Kaiserreich gegenüber erst diesen Beweis zu führen. Hat man nicht ohne jedes Recht, ja ohne jeden Schein und Schatten von Recht, unbescholtene Männer in die entlegenste Festung geschleppt? L.ötzen heißt der Stempel, der dem deutschen Kaiserreich un- auslöschlich aufgedrückt ist. Jede Provinz, jede Stadt, jedes Dorf des Kaiserreichs wird sein Lötzen und seinen Falckenstcin haben müssen, und wird siebehalten, bis Diejenigen nach Lötzen kommen, die dahin gehören', die den wahnsinnigem Gedanken gehegt haben, daß man durch Verbrechen und Verrath am eigenen Lande ein großes und freies Reich für die Dauer be- gründen könne. Man wird vielleicht drei Tage vor den Wahlen den Stiel umkehren und uns, die wir auf Lötzen hinweisen, selbst au Lötzen oder nach Lötzen hinweisen. Man wird vielleicht seitens der kaiserlichen Partei es für ein geistreiches Wahlmanöver halten, im geeigneten Augenblick eine sozialistische oder kommu- nistische Verschwörung zu entdecken, die liberalen Zeitungs- Korrespondenten und das Wölfische Telegraphenbureau würden das Ihrige thun, um die Erfindung zu einem gehörigen Ballon aufzublasen. Was uns zu dieser Erwartung berechtigt, ist erstens die lehrreiche Geschichte des französischen Kaiserreichs, zweitens die geringe Schwierigkeit, die ein derartiges Vorgehen bei gutem Willen und geschickten Händen bietet— und an solchen fehlt es ja nicht in Deutschland!— endlich einige Vorzeichen in der Presse. So z. B. berichtet man der„Augsb. Postztg.," daß in München„auf Grund von dorthin gelangten Depeschen des preußischen Kriegsministers v. Roon die strengste Ueberwa- chung der„extrem-demolratische» Partei" angeordnet worden sei, weil man gegründeten Verdacht haben will, daß ein gewisser Dr. Reitlinger, Privatsekretär von Gambetta, mit der genannten Partei in Korrespondenz stehe, um einen allgemeinen Ausbruch der in Süd- und Westdeutschland inter- nirten Kriegsgefangenen vorzubereiten." Also„man will begründeten Verdacht haben!" Die „extrem-demokratische" ist natürlich die sozialdemokratische Partei," die nun mit den Zuaven und Turcos auf die Durch- führung des gemeinsamen Programmes—„Plünderung"— sinnen soll. Der erste Blick lehrt, daß au dem ganzen Be- richte kein wahres Wort ist. Die„extrem-demokratische Partei" erfreut sich in Bayern schon jetzt einer so zärtlichen Aufmerksamkeit, daß eine noch strengere Ueberwachung, als die jetzt übliche, die sich bekanntlich bis auf Briefe und Packete erstreckt, schlechterdings undenkbar ist. Ebenso undenkbar ist, wie unsere Partei einen Ausbruch von Kriegsgefangenen un- terstützen könnte. Die Banquiers müßten überwacht werden, die ihnen Geld vorschießen, die Fcstungsbeamten unv Gendar- men, die sie entwischen lassen, die Klöster, die sie in ihren zahlreichen Räumen versteckt halten könnten; nicht über die Arbeiter, die zu Alledem weder die Möglichkeit, noch die geringste Veranlassung haben. Doch was Hilsts? Man IQiU Verdacht haben; wir und Alle, die dem Kaiserreich keinen Geschmack abgewinnen können, sind„die Verdächtigen," weil das deutsche Kaiserreich fertig werden soll und muß, ebenso wie das ganze französiche Volk unter das„Gssetz der Verdächtigen" gestellt und für deportationsfähig erklärt wurde, als es dort galt, das„Kaiser- reich des Friedens der Ordnung und der Freiheit" zu errichten. Und nun,„verdächtiger Wähler", gehe in Dich, bevor Du zum deutschen Plebiszit gehst. Glaubst Du, das Kaiser- thum sei eines wahrhaft deutschen, eines ehrbaren und soliden Ursprungs, kannst Du glauben, daß die deutsche Kaiser- ära etwas Besseres verspricht, als ihre Mutter und Lehrerin, die französische; kannst Du auf die„Verfassung des Reichs der Gottesfurcht und frommen Sitte" die Hoffnung setzen, daß sie das veutsche Volk glücklich macht, so gehe hin und wähle Carl Bra"n, Stieber, Hans Blum, Pfeiffer, Metz, einen Erlanger Professor oder den Bürgermeister von Augsburg. Da- mit hast Du dem Kaiserthum Dein„Ja" gegeben. Glaubst Du aber alles Dies nicht, sondern hältst es für Aberglauben, so gehe hin, Du Keyer, und sage ein kräftiges, unversöhnliches „Rein", indem Du unserem Kandidaten Deine Stimme giebst. Gosspodin Julius Eckardt und der selige Nadworay Ssowjätnik �Hofrath) Alexander Herzen. Es ist in diesen Blättern dargethan worden, daß der russische Schreiber Alexander Herzen ein ganz oberflächlicher Federschwenker war, gewiß nicht in Bildung, in reellen Kennt- nissen, und kaum in Geschicklichkeit auf der Höhe eines auch nur mittelmäßigen Feuilletonisten Westeuropas. Ich denke, ich habe nachgewiesen, daß er ein grober Panslavist, Deutschen- Hasser und ganz gewönhlicher Hetzer gewesen, dem es nur durch seinen Reichthum am ererbten Gelde ermöglicht wurde, sein Ge- schreibe durch Druck zu vertreiben und sich eine Klaque schma- rotzeuder westlicher Maulaffen zu verschaffen. Seit dem Beginne meines Feldzuges gegen die russische,' angeblich demokratische, Berschmelzungs-Plänkelci dieses Herrn und seines verwandten russischen Gelichters sind drei Jahre verstrichen, während welcher es einem Jeden offen stand, sich aus dem russischen, französischen und deutschen Gedrucksel Herzens zu überzeugen, ob ich des Un- rechts wegen meiner Anklagen zu zeihen bin. Ein livländijcher Aufklärer Westeuropas, Namens Julius Eckardt, der im Dienste von bekannten Leipziger Verlegern einträgliche Vielschreiberei treibt, hat nun neuerdings in einer Sammlung von Aufsätzen, die„Jungrussisch und Altlivländisch" betitelt sind, unter der Ueberschrift„Alexander Herzen" eine Abhandlung veröffentlicht, in welcher das Gegentheil meiner Behauptungen mit der Ausführlichkeit eines Bogenmachers und der Wärme eines backenden Bäckers vertreten wird. Unter An- derm giebt er an, daß die Schreibereien des Herzen bedeuten- den Einfluß auf die Russen geübt haben. Das mag sei», lie- fert jedoch keinen Beweis für die Güte des Geleisteten, sondern nur für die Jämmerlichkeit des Russengehirns. Da Herr Eckardt sagt, Herzen hätte die Deutschen nicht gehaßt, so ist anzunehmen, entweder, daß er die russische Sprache nicht ver- steht, oder daß er, wahrscheinlich in menschenfreundlichster Ab- ficht— wer kennt nicht die blonde Liebenswürdigkeit des schlan- ken Livländerthums?— etwas sagt, was nicht ist. Als des Gosspodin Eckardls Hauptzweck erscheint es, dar- zuthun, daß Herzen nicht zu den„zünftigen Kommunisten" ge- hörte. Was er oder irgend ein Anderer unter„zünftigen Kommunisten" verstanden wissen will, ist schwer zu sagen. Der- gleichen elastische Bezeichnungen gehören zu den in der auf Bestellung fabrizirten Literatur gangbaren lackirteu, aber durch und durch skrophulösen Schlagwörtern. Wenn hier noch an- geführt wird, daß Herr Eckardt von einem„rohen, um die höchsten Interessen der Menschheit unbekümmerten Bildungshaß der Sozialisten" spricht, den Herzen, wie er sagt, nicht theilte, so ist dainit des Leipziger Buchhändlers ganzer publisirers track(Verlegers Miethgaul) in scharfen Linien photographirt, ja sogar die mystische Gaunersprache der behäbigen Mittelklas- sen phonographirt. Jedoch schon lange vor dem livländischen Bildungsapostel Eckardt hatte der rohe russische Sozialist Serno-Solowiewitsch dem Dekorationsmaler Herzen mit kräf- tigem Tritte seinen Platz unter den fetten Bildungsmonopolisten angewiesen. Eine Bildung zu verehren, deren höchster prakti- scher Ausdruck hinterladige Kruppkanonen, philologische Schweige- moltkes, stenographische Telegrammendrechselei, scholastisch-diplo- matische Depeschenstümperei, billige eiserne Kreuze, Invaliden- Drehorgeln mit Polizeivariationen und soulouquische Kaiserfarcen sind— das mag Herrn Julius Eckardt behagen; einem Je den sind diese Bildungsresultate nicht nach Wunsch. Als Beweis für Herzens„Anständigkeit" ist auch aufgeführt, daß er zu London des Umgangs mit„Max Schlesinger und Kauffmann" ganz besonders gepflogen hat. Es sei hiermit verkündet, daß jener der flache Finanzpatron, dieser der für Stundengeld arbeitende witzige Handlanger bei Zusammen- stoppelung der sogenannten„lithographirten Korrespondenz" war, die für die hiesigen Whigs, vielleicht auch für bie Tories, in der deutschen Presse herumrumort. Herr Max Schlesinger ist außerdem der Londoner Korrespondent der„Kölnische» Zci- tung" und alter Winkelfreund des Schreibekollegen Lothar Bucher (jetzigen wirklichen Legationsraths) aus dem Simpsonschen Cigar- divan her. Herzen wußte sehr wohl, wen er iu seineu Abend- gescllschaften angaukelte, anpokalte und abfütterte. Die Aus- fälle des lebenden Eckardt gegen den„Auswurf" aller Emi- grationen, womit wohl alle diejenigen Europäer bezeichnet werden sollen, die nicht ü In Blanckenburg jut„patriotisch", k la Adolph Wagner berlinisch-„staatsökonomisch", k la Lasker „natinalliberal", k la Loewe„fortschrittlich", oder k la Blind „republikanisch" sind— stimmen sonderbarer Weise mit dem Photongeschwirre des todten Herzen überein, welches in dem so eben erschienen Herzenschen russischen 88lzonuk podssrner- tnych statei(Sammlung hinterlassener Artikel) spukt. Was des Herrn Eckardt„erhabener Charakter Herzens" bei leben- digem Leibe nicht zu thun wagte, z. B. den Doktor Karl Marx anzurussen, das thut seine edle Seele vom Jenseits, wohl um aus sicherstem Versteck Rache zu nehmen für ein kleines Sätzchen des bekannten„zünftigen Kommunisten" und„bildungs- hassenden Sozialisten", welches im„Kapital", Seite 763 zu lesen ist und lautet:„Wenn auf dem Kontinent von Europa „der Einfluß der kapitalistischen Produktion, welche die Men- „schenrace unterwühlt dckrch Ueberarbeit, Theclung der Arbeit, „Unterjochung unter die Maschine, Berkrüppelung des unreifen „und weiblichen Körpers, schlechtes Leben u. s. w. sich wie „bjsher Hand in Hand entwickelt mit der Konkurrenz in Größe „der nationalen Soldatesk?� Staatsschulden, Steuern, eleganter „Kriegführung u. s. w., inüchte die vom Halbmssen und ganzen „Moskowiter HerMtu(di�er Belletrist hat nebenbei bemerkt, „seine Entdeckungen Aber den„russischen Kommunismus" nicht „in Rußland gemacht, sondern in dem Werke des preußischen „Regierungsraths Haxthausen) so ernst prophezeite Verjüngung' „Europas durch die Knute und-obligate Infusion von Kal- „mückenblut schließlich doch unvermeidlich werden." Rohe zünf- tige Kommunistcnworte dies, die allerdings mit der in dem Stieberjargon der Bismarckschen Depeschen enthaltenen„Bil- dung" nicht zu vergleichen sind. Man schaue nur noch in die Hinterlaf�nschaft des würdigen Vorreiters des nrsski duch (russischen Geistes), um sich zu überzeugen, wie freundlich sich der todte Russe über„die Deutschen in der Emigration" aus- 'pricht, um die altlivländische Versicherung des Herrn Eckardt bemessen zu können, daß er den Deutschen wohlgeneigt gewe- sen sei. Herzen ist übrigens nicht an poetischem Nervenfieber ge- lorben, wie es Herr Eckardt haben will, sondern an einer all- täglichen fluxioa de poitrine(Art /von Lungenentzündung), wie mein Pariser Arzt bezeugt, der schließlich zur Consultation ans Krankenbett gerufen wurde Mere russico begnügte sich der kranke Russe nicht mit einem Glase Madeira, welches ihm zur Stärkung verVrdnet wurde, sondern eine ganze demie xmteille mußte rs sein. Lustig gelebt und tüchtig gestorben! Diese wenigen Zeilen mögen als Verzeichnung des Eckardt- che» Gestrebens dienen, das von Millionen asiatischer Bayonette und TausendevonAffenmitrailleusenunterstützte Räuberphrasenthum der Russen mit dem blutigen Advokaten- und Proffessorengeklüngel der teutonischen„Nationalliberalen" und„Fortschrittler" und dem salbungsvollen Mordgeplärre der kartoffelbegüterten, häringsrei- che» und schnapsspinnenden adligen Stoppelgymnasten zu verzinken. Es ist nicht leicht' zu begreifen, warum solche livländische Leute wie Herr Eckardt zu„Flüchtlingen aus Rußland" wer- den. Die Aemter der Knutenschwinger und Polizeischergen sind doch für die„Deutschen" in den baltischen Provinzen Rußlands noch nicht ganz verschlossen. Baltischen Brodjsgi (Bummler, Landstreicher), die da schreiben wie Herr Eckardt, sei das Lessing'sche Epigramm gewidmet: Dio mihi, quis furor est, ludo spectante cacare? Num gravitatem aliter frontis habere nequis? Deutsch: Sage mir, woher die Wuth, vor versammeltem Volke zu k.....? Kannst Du denn anders sonst nicht runzeln in Ernst Deine Stirn? Uebers. d. Schreibers. Jedoch der Aermste muß vielleicht so und nicht anders c....., um nicht als russischer Unterthan„livländischer" Na- tionalität, wie der Priester Brondzo, ein russischer Unterthan polnischer Nationalität, von dem hohenzollernschen Empire an seine Nachhut, das russische Empire, ausgeliefert, oder, in der Polizeisprache des preußischen Abgeordnelenhauses,„ausgewie- fen"*) zu werden. Wer immer die Eckardtschen„zünftigen Kommunisten" und„bildungshassenden Sozialisten" sein mögen, sie werden nun wissen, was sie von diesem russischen Flüchtling zu hal- ten haben, dessen Frechheit gegen ganze Klassen Westeuropas irrthümlich sich durch den Schild oder eigentlich das Schild sich für„anständig" haltender Leipziger Buchhändler gedeckt glaubt. London, Januar 23. 1871. Der Verfasser der „Russischen Briefe". Der Kaisertitcl. (Schluß). SDiau wird sagen, vom neuen deutschen Kaiserreich werde derglei- chen incht zu besorgen sein.— Dergleichen allerdings wohl nicht, aber «och Schlimmeres. Die Reformation wurde, man könnte sagen, um ihren ganzen Geist und Kern gebracht— wenn sie je dessen besaß— als man die Landesfürsten als Landesbischöfe gelten ließ, als man gar einen Frieden schloß auf den Saß: Ogjus regio, ejus religio(Wessen das Land, dessen der Glaube). Wenn jeßt der König von Preußen wirklich deutscher Kaiser werden sollte, so würde er damit zugleich Reichsbischof also eine Art Papst.— Aus die Beschwerde der Königs- berger gegen die Verhastung Jaloby's antwortete Bismarck, Ermächti- gnng oder Befehl dazu seien vom König, als Bundesseldherrn, ausge- gangen, es finde also keinerlei Verantwortlichkeit des Ministeriums dafür statt. Als in Breslau einige katholische Prosesjoren sich unnützer Weise anstrengte», ihre Verwahrung zu erheben gegen die Unfehlbar- keitSerllärung des Papstes, die schon tobt geboren war, kam der Kut- tnsminister Mühler, der„Grad aus dem WtrthibhauS.komme ich heraus"— gleich hinter ihnen her mit der tLinstellung in ihren Lehr- ümtern, da in kirchlichen Dingen kein Widerspruch zulässig sei. Und das in einer Sache, die ihn, den Prolestanten, gar nichts anging. Da hätten wir den» die absolute Kasernen- und die absolute Kir- chengewalt in einer und derselben Perjon vereinigt. Konnte Julius II. Im voller Rüstung in den Laufgräben um eine von ihm belagerte Festung eilen, so würde wohl die Pickelhaube einen protestantischen Papst auch nicht schlechter kleiden; aber das ist gewiß, daß nach der Verwirklichung der Vereinigung der Kirchenmacht mit der KriegÄnacht an etwas, das einer Verfassung des schützenden RechtsgesetzcS auch nur ähnlich sieht, nicht zu denken ist. Was er unter dem einen Namen nicht kann, vollbringt er unter dem andern. Mit dem Imperator verträgt sich nun einmal keine Einschränkung der Gewalt: der Imperator ist eben ein Befehler, nicht ein Regierer, und der Titel wurde erthcilt für Leistungen im Zerstören, nicht im Erhalten und Mehren. Man wird aber sagen, die vielen deutschen Kaiser seien jedoch nicht unumschränkt gewesen.— Das ist eben ein gewaltiger Jrrthum; es hat„u einen deutschen Kaiser gegeben von dein Tage an, da Karl der Große in Rom gekrönt wurde, bis zu dem Tage, da Franz der U. von Habsburg-Lolhringen die angeblich deutsche Kaiserkrone niederlegte, weil es ein deutsches Reich nicht mehr gab, und sich den Titel eines Kaisers von Oesterreich anschajste, weil er des vermeint- Kchen vornehmen Titels nun einmal nicht etitbehren konnte. So ist es: Die Kurfürsten wählten nie einen deutschen Kaiser, sondern einen deutsche» König. Erst nachdem dieser seinen Römer- jug geniacht hatte und in Rom vom Papste gekrönt war, nahm er den Titel Kaiser, und zwar römischer, nicht deutscher Kaiser an. Der Titel Derer, von denen jetzt so viele meinen, sie seien deutsche Kaiser gewesen, lautete demgemäß„erwählter römischer Kaiser, in Ger- manien König." Nur stak sogar in dieser Formel eine Unwahrheit, � indem die Kurfürsten nur einen deutschen König, nicht einen römischen Kaiser wählten und wählen konnte», well sie damit»och weniger zu thun hallen, als der römische Bischof. In den letzten Jahrhunderten verzichtete man aus die Krönung in Rom, allein lächerUcherweise nicht aus den Titel. Wir Deutsche sind mit Recht in üblem Rufe wegen unserer Titelsucht: wenn wir dieses Laster unsrer Stammgenosseu bedenken, müssen wir unS unseres Namens im Ernste schämen. Eineil festen innern Kern und ein starkes Gefühl des eigenen WertheS, unserer eigenen Würde verräth die uns beHerr- Ichende Titelsucht nicht. Was hat denn aber dem Kalsertitel je seinen vermeintlichen Werth verliehen? Daß er der Einzige war. Frauen kleiden sich gerne so, wie keine andere gekleidet ist; Männer stolzieren gerne mit Titeln,— was an Hohlheit das andere überbietet, ist unschwer zu sagen. Der Titel eines römischen Imperators war einzig in seiner Art, selbst der Titel eines Caesar, d. i. eines Prinzen, kam nur im römischen Reiche vor. Diese Einzigkeit, wenil das W.ort erlaubt ist, litt kaum Schaden durch die Spaltung des Reiches, da die Trümmer bis zu einem gewissen Punkte, als ein Ganzes galten. Anders ist es zu unserer Zeit geworden. Die Kaiserthümer schössen wie Pilze ans der �rde.>�on ungeheuren Reichen wie China begreift sich dergleichen; v°tii Padischa in Konstantinopel aus der Mittagshöhe seiner Macht Uwinel wegen auch; die russischen Großfürsten haben sich diesen Tuet selbst genommen, man weiß, nm welchem schielenden Blick aus Kon- lianfinopel: aber man sprach auch von einem Kaiser von Japan, von Birma, von Rtonoinotapa, von Mamco u. a. In Amerika tauchten 3 Kaijerlhüiuer aus, eines in Brasilien, das noch besteht, ein Zwerg- 'aisirthum aus Hapti, das bald wieder verschwand und zwei Kaiser- versuche in Merifo, die blutig endeten. Von größerer Bedeutung war die Kaiserei des älteren Bonöparte. Dieser war wirklich ein Feldhauplmann ersten Ranges, brachte also den Imperator aus den Thron bereits mit: aber auch seine Schwache war, daß er aus Rom und seine Ehren mehr Gewicht legte, als sie verdienen. Es ist eben die verkehrteste aller Verkehrtheiten, die Eigen- Ichaslen eines Feldhauptmanns vererben zu wolle». Soldaten spielen alle Fürsten, aber ein Heer zu führen ist eine andere Sache. Alle «urstcnhäuser sind deshalb arm an Heerführern. Zwar in Rußland ÄST hdes Heer vom Ezar selbst kommandirt, wenn er auch mehr als r™ Dellen davon entfernt ist: der wirkliche Kommandant versieht diese SleUung nur unter dem Tiltl eines kaiserlichen Generaladjutanten. Aber auch die bloße Gegenwart bei einem Heere ist noch nicht dessen Fuhrung. Der altere Bonoparte halle seinen Alexander Berlhier, der viel leisten mußte, allein nur nach erhaltenen Weisungen: wehe den,, der auf Berlhier nur den zehnten Theil des Gewichts gelegt hätte, °as heme aus Moltke wie auf Bismarck gelegt wird. Dem Jnipera- lvrihum fehlt es also an Sinn nicht minder als an sttllichein Boden. Ich habe noch etwas zu sagen, was der Ernst der Untersuchung dtSher nicht anzubringen erlaubte. In der Anpreisung des deuticheil Kaisers hat man sich sogar bis zur Kysshäuser-Sage verstiegen. Sagen ') Bei einer von Löwe-Calbe im preußischen Abgeordnetenhause angeregten Besprechung der Polenjagden, die im Bereiche des 5. und«1. preußische» Armeekorps zeitweise staclsinden,„beruhigte" sich das hohe Haus mit der offiziösen Erllärnng,„daß Flüchtlinge nicht ausgeliefert, Ivndern nur über die östliche Grenze gebracht werden". Jenseits aber wartet schon der Russe. beurkunden nicht den Verstand eines Volkes und die Kpffhäuser- Sage ist eine derjenigen, die dem deutschen Volke wenig zur Ehre gereichen. In dieser Sage ist nur der gewaltige Mann im Rothbart verherrlicht, denn ein gerechter Mann war er nicht. Diese dumme Sage, die obendrein wenig bekannt ist, wäre nur lächerlich, wenn sie nicht auf- gefrischt würde, um das deutsche Volk versetzen zu helfen in einen Machltanmel, der es blind mache gegen Gerechtigkeit und Bildung; nur in Macht soll es wetteifern mit anderen Völkern. Es ist aber schon in kleinen Verhältnissen wahr, daß Streitsucht dem Srreitsüchti- gen selbst gefährlicher ist, als dem Friedfertigen, und leicht verderblich wird; in großen Verhältnissen dagegen gilt, daß Sie Macht dcr Staa- teil und der Glanz der Krone» und der Throne immer und überall das Elend der Böller. kolb über die deutsch-liberale Presse und die Fortführung des Kriegs (Aus einem ferneren Brief an Karl Vogt in der Wiener„Tagespresse"). Die Begründung unserer Ansichten wird von den Zeitungen theils verdreht, theils(und dieses gilt gerade von den Hauptpunkten) Iganz todt geschwiegen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker z. B., für das die Wortführer der liberalen Partei einst begeistert zu sein vorgaben, das sie als das Palladium der Volkssache erklärten, wird nicht mit einem sterbenden Wörtchen erwähnt. Mögen diese Handlanger des Junkerthums es doch einmal versuchen, ihren Lesern getreu mitzutheilen was wir sagen. Das wäre allerdings für sie nicht unbedenklich; die Widerlegung würde sich nicht so leicht machen, und die Ungeschicklichkeit könnte diesen literarischen Landstiiechten das Berliner tägliche Brod ko» sten, das sie der Gnade des Herrn verdanken. Es giebt wenig Dinge, die so tief demüthigend für die deutsche Nation sind, als ein Blick auf dieses Landsknechithum, von dem die deutschen Philister sich ihre össenlUche Meinung jeden Morgen oder Abend zurichlen lassen: unwissend und bettelhaft, frech nach der einen, hündisch kriechend nach der andern Seile, seil einem Jeden, der Lohn giebt. Ein Theil der bornssischcu Zeitungspresse hat in dieser Beziehung sogar der kaiserlich napoleonischen bereits den Rang abgelaufen. Mit Hilfe solcher Werkzeuge ist es dem Bismarckthum gelungen, einem höchst zahlreichen Theile des guten deulscheu Volkes wahren Chauvinismus einzuimpfen, so stark äls er jemals— zu Zeilen des alten'Napoleon— unter den Franzosen grassirte. Die Probe ward schon 1366 gemacht. Das preusshche Volk wünschte damals Frieden und verabscheute den Bundesbruch wie den Bruderkrieg. Hals bekanntlich nichts. Wo der Militarismus waltet, wird der beschränkte Unterthans- verstand zum Schweigen gebracht. Als aber die blutige That gelungen war, da trat wirklich und thalsächlich bei vielen Preußen genau das- jenige ein. was man den Franzosen Schuld giebt, daß es bei ihnen eingetreten sein würde, wenn sie gesiegt hätten. Man hat diesen Chauvinismus systematisch zur Entwicklung gebracht; er dient andern Zwecken. Bismarck, der die össentliche Stimme mit dem ausgesuchteste» Hohne behandelt, beruft sich zur Be- schönigung seiner Annexisnspläne den andern Mächten gegenüber darauf, das deutsche Volk wolle eben diese Eroberung; ja der bescheidene, arme Mann von Varzin giebt sich so beiläufig daü Ansehen, als könne er zu seinem eigenen tiefen Bedauern dem wogenden Strome deS deutschen Volkswillens gar nicht widerstehen. Läßt sich erst die bcab- sichligle Eroberung verwirklichen, dann wird dem deutschen Michel ein- geredet: nachdem Er die Gebietserweilerung verlangt habe, versteh' es sich. von selbst, daß er auch noch mehrSoldaten stellen und zu diesem Behufe noch mehr Steuern bezahlen müsse, denn die Sicherung von Ruh und Frieden und Ordnung durch das vortrefflichste aller Mittel, nämlich Provinzenabreißung von Frankreich, bedinge, daß man noch weit mehr als je zuvor auf Verwicklungen und Kämpfe gefaßt sei. Und im erhebenden Gefühle, noch mehr Widerspänstige unter die beglückende Pickelhaube gebeugt zu haben, wird Michel auch noch mehr Soldaten stellen und noch mehr Steuern bezahlen, und stolz sein auf den Ruht» und die Eroberung, die er mit dem Blut seiner Söhne— zwar nicht zu seinem Nutzen und Vortheil, dagegen zur Verherrlichung des... ...... und zur Befestigung der Machtvollkommenheit desselben er- siegt hat. Im nämlichen Momente, in welchem man die unter dem Empire willeiilose französische Nation in so furchtbarer Weise hastbar macht für die Handlungen ihres alleinherrschenden Gebieters, beugt sich — so wie bisher blas das nord-, nun neben diesem auch das sü d- deutsche Volk unter ein anderes Empire, unter den gleichen Absolutis- mns und Militarismus, und zwar init der schweren Dreingabe des Junkerthums; es beugt sich freiwillig unter einen Zustand, in dem Krieg und Friede einzig und allein von den Lippen des Allmächtigen abhängen. Der einfache Gedanke findet kemen Eingang, daß das System der Eroberung mit unividerstehbarer Macht von Krieg zu Krieg führt, daß aber die Siegesgöttin— oder wenn man will„Gottes Fügung"— dem anfangs oder lange Begünstigten schließlich dennoch uiitreit zu werde» pflegt. Man vergegenwärtlgt sich so wenig, wie jenes Haftbarmachen der mundtodtei, Franzosen im Falle des Glücks- mnschlages die vollständige und unbedingte Haftung der Deutschen für dieHandlungen ihresEäsarsin sich schließt, wenngleich auch ihnen bei den zu faffenden Beschliisjen gar keine Stimme zustand. Man denkt nicht daran, wie nebe» jenem Berantwortlichmachen es doppelt und dreijach gedolen wäre, dafür zu sorgen, daß nicht einst auch das deutsche Volk für Handlungen büßen müsse, die nicht von ihm aus- gegangen waren. Doch es liegt ettvas noch näher als die Gestaltung bei künftigen Kriegen, die sich an den jetzigen Feldzug voraussichtlich anreihe». Es ist die Frage: wäre es nicht Zeil jetzt endlich Friede zu schließen? Darübcr kann kein Zweifel sein, das deutsche Volk in seiner nn- endlichen Mehrheit wünscht sehnlich das Ende dieses Würgens. Aber „die Franzosen wollen keinen Frieden," schwätzen ihm jene Söldlinge eines dekannten Pießbureau'S vor, und ebenso alle Streber nach An- flellung, Beförderung und Orden. Man kennt die namenlose Ver- wustung, das unbeschreibliche Elend, die über Frankreich und die Fran- zosen gekommen, und doch läßt man sich in Deutschland einreden: die Franzosen wollen keinen Frieden! Run, das credo quia absurdum est*) hat auch tu weltlichen Dingen Geltung erlangtl Warum verhehlt namentlich die iiatioiialliberalc Presse dem Volke die wirkliche Sachlage? warum sucht sie möglichst von Erkenntniß der Thatsache abzulenken, daß wir s o so rt Friede haben können, wenn wir nur wollen,— wenn wir aus die Eroberung von Landschaften ver- zichten, deren Bevölkerung einer Vereinigung mit Deutschland auf's Verzweifeltste widerflredt, und zwar jetzt in Folge der Art der Krieg- führung mehr als je. Man antwortet mit der Behauptung: das deutsche Volk will die Annexion! So lautet allerdings längst die vom Preßbureau an der Spree ausgegangene oder vielmehr weiter besörderle Ordre. Laßt es doch einmal auf eine Probe ankommen. Man sage den Leuten: Wir können Frieden haben unter reicher Entschädigung für unser» Gcldauf- wand, ferner unter der Bedingung des Schleifens der französischen Grenzsestuiigcn, ja selbst uuler der des Nculralisirens von Elsaß und Lothringen. Wollt ihr einen solche» Frieden annehmen, oder zieht Ihr eS vor, den Krieg fortzusetzen ins Unabsehbare, um Eroberungen zu machen? Seid Ihr im letzten Fall auch bereit, Euere Söhne, Brüder, Gatten drn Winter üb« im Felde zu belassen, stets ausge- setzt den Waffen eines in Verzweiflung kämpfenden Feindes, ausgesetzt den Unbilden der Witterung und des Mangels, Seuchen und Krank- heilen jeder Art? Und wenn Ihr dazu bereit seid, so habt Ihr selbst- verständlich fort und fort weitere Truppen zur Ergänzung der täglichen Abgänge nachzusenden. So liegt die Frage. Aber gerade darüber läßt die»ationallibe- rale wie die Feudal- Presse ihre Leser nicht ins Klare koinmen. Vor sechs Wochen verkündete man, die Loire-Armee sei vernichtet, es gebe keine Loire-Armee mehr; dermaleil wird fortwährend von Gefechten und Schlachten der Loire-Armee erzählt. Nach Sedan, versicherte jene Zeitungspressc, eine Verlheidigung von Paris sei pure Lächerlichkeit; seildem hat man das Bombardemenl und Niederbrennen des neuen Babel verheißen, gegen welches eine schädliche Milde nicht geübt werden solle; dann von innern Kämpfen in Paris erzählt, und außerdem mir apvdlllischer Gewißheit von Wochen zu Woche den Tag bestimmt, an welchem längstens oder allerlängstens die letzten Lebensmittel in der umzingelten Stadt aufgezehrt sein, und die Pariser sich aus Gnade und Ungnade ergeben müßten! Mit solchen Dingen hält man das Volk hin. Und wirklich ist »)„Ich glaube es, weil es unglaublich ist". es bis jetzt damit gelungen, die Leute von der naheliegenden Frage abzulenken:„Wenn dem Allem so ist,— wenn gar keine franzosische Feldarmee mehr vorhanden und wenn in Paris selbst Bürgerkrieg und Hungcrsnoth wüthen— warum hat man da nicht längst fertig ge- macht mit diesem Kriege, damit unsere Söhne in die Heimath zurück- kehren können? Wie stehen die Dinge in Wahrheit? Man meldet fortwährend schlechte Stimmung und Unruhen in Paris, und Hungersnoth zugleich: Alles auf Grund der aufgefangenen Ballonbriese; allein man hat sich gehütet, bis jetzt auch nur einen einzigen dieser Briefe wört- lieh und mit Angabe der Unterschrift zu veröfsenilichen. Ist es zu weit gegangen, wenn man darnach annimmt, daß Briese nicht vorhanden sind, wie sie das belagernde Hauptquartier wünscht und braucht? Es wird fortwährend von Siegen gemeldet, selbn ohne die geringsten Verluste, und doch können die Steger nicht fertig werden mit den Besiegten,— noch mehr, sie können nicht loskommen von ihnen. Das preußische Hauptquartier hatte, entsprechend der Anschaunngs- weise aller Stockmilitäre, nur Sinn für einen Fürsten-, nicht für einen Voltskrieg. Ist da einmal da» stehende Heer geschlagen, so hat der Kampf sein Ende gesunden. Jeder andere Widerstand pflegt mit Hohn und souveräner Verachtung behandelt zu werden. Daher denn auch die sinnlos nachgebetete Phrase:„DieKriege dauern nicht mehr lang." In Wirklichkeit war der Feldzug ansangs ausschließlich ein durch gedrillte Truppen anszusechtcnder dynastischer Fürsteustreit. Man ruhete aber nicht, bis er durch Eroberungsabsichien und die Art der Kriegführung zu einem Volkskrieg« geworden ist. Die Verhältnisse, linier denen die Franzosen denselben begannen, waren zwar die aller- übelsten, die man sich denken kann: der Despotismus Napoleons hatte nicht nur jede militärische Ausbildung des Volkes itnterlaffen, sondern er hatte eitle solche, aus Furcht für seine Gewaltherrscha«, nicht einmal geduldet. Dabei fehlte es an Waffen, an Führern, vor Allem aber an Zeit zur ruhigen und guten Organisation. Man konnte Massen von Leuten zusammenbringen, allein sie wäre» zusammengeraffte Hausen, keine gegliederten, geübten, von Selbstvertrauen gehobenen militärischen Körper. Und dennoch, welche Ergebnisse schon jetztl In vier Wochen war das ganze stehende Herr des Napoleonis- mns vernichtet(vom 2. August bis 2. September). Mit Recht konnte wan nach Sedan verkünden: Frankreich hat seine letzte Feldarmee ver- lorcn. Seitdem sind nahezu dreimal vier Wochen vergangen, und noch ist man nicht zum Ziele gelangt. Ich will heule nicht hervor- heben, welcher unwiderlegbare Beweis schon darin liegt für die Güte eines gesunden, durchgebildeten Volkswehrwesens und welche unheilvolle Täuschung das Vertrauen aus ein in langjährigem Kasernendienst gedrilltes stehendes Heerwesen in sich fchließl. Ich frage jetzt nur: Welche Aussicht hat Deutschland, endlich herauszulommen aus diesem auch seine Kräfte aufzehrenden Kriege? Mag die Loire-Armee geschlagen werden, mag Paris fallen aus Mangel an Lebensmitteln, man wird— es muß wiederholt gesagt werden— auch dann nicht zu Ende sein, weil Niemand in Frankreich sich dazu hergeben wird, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, in welchem ans jene beiden Provinzen förmlich verzichtet würde, deren Be- wohner Fraiizosen und nicht Deutsche seilt wollen. Die Franzosen wer- den über sich ergehen lassen, was sie nicht abwenden können, aber der Krieg wird kein Ende nehmen, auch wenn sie mcht einmal mehr zu- sainmengerasste Hausen als Feldarmee haben. Man kann dann Sia- poleon wieder einsetzen; aber dies wäre nur eine Last mehr: man müßte ihm zugleich eine dentscheLeibwache von Hunoertlausenden zu seiner eigeneil Sicherung dauernd beigeben. Welche Aufgabe für deutsche Jünglinge! Zieht sich aber der Kampf ohne entscheidende Niederlage der Franzosen nur»och vier bis fünf Wochen hindurch fort, jo muß man gefaßt iein, es nicht mehr blas mit zujammengerasjteii Hausen, sondern mit mehr oder minder organisirten Vollsheeren zu thun zu haben; dann würde selbst der große Krieg erst auf's Neue und in ganz anderer Weise als zuvor begii»ncn. Doch selbst im anderen Falle hat man einen Menschen Massen verschlingenden Krieg, dessen Ende sich nicht absehen läßt. Uuetwanete Verwickelungen können kommen,(die Orieiilsrage liegt bereits vor,) und Preußen ist dann festgehalten und gebunden in Fcankretch. Das launenvolle Kriegsglück kann sich wenden, wie es bei jahrelang dauern- den Kämpfe» fasi immer geschehen ist. Allein, sogar ohne euren solchen Umschlag schließt schon das Nichtzuslandekommen eines förmlichen Friedens die Erlangung jener Milliarden aus, welche Frankreich heute noch aufbriiigen will, wenn auf jene Ailiierion verzichtet würde' Der ungeheuere Kriegsaufwand Deutschlands droht auf ihm lasten zu bleiben, während es gleichzeitig Hunderttausende französischer Kriegsgefangeneil ernähren und ständig bewachen müßte, den» sie nach Hause zu ent- lassen, dem Feinde neue Elemente zusnhien. Jeder Tag der Kriegs- Verlängerung erfordert für das norddeutsche Heer allein eine Million Thaler. Wer berechnel endlich die Zahl der Todten, Verkrüppelten und Siechen, welche eine solche Forldauer des Krieges losten wird? Wahrlich, das höchste Interesse Deutschlands fordert rascheste Be- endigung dieses furchtbaren Kriegesl Man rnmirte sollst mcht blos Fraukrctch, sondern auch Deutschland. Ich schließe mtt einem Zitat, dessen Verfasser eine von großpreußischer Seite schwerlich anzugreifende Autorität ist: „Wenn Laune und Zufall, anstatt Vorhersicht und Ueberzeuglliig, und altherkömmliche Gewohnheiten im Widerspruch mit Naturgesetzen die Bewegung und Kraflverwendung des Slaatsvrganismus regeln, so stellt sich von selbst Schwäche und Mangel und in ihrem Gefolge Armuth und Elend ein.-- Darum haben die Staaten mit großen stehenden Heeren nur den Schein von Stärke, weil ein dauernder Aderlaß den bestell Theil des Blutes und ihre edelsten Säfte ent-, zieht; ihre Macht ist der Kraft gleich, welche derWilde imBrannl- weinrausche findet; wenn der Rausch verfliegt, dann ist die Macht mit der Kraft dahin." So Liebig in den„chemischen Briefen", Brief 32. Ll> national oder international k ab. Xr. 2. Berlin, 24. Januar. Im„Verein junger Kaufleute" Hierselbst hielt vor Kurzem Herr Davld Born einen Vortrag über sranzösische und deutsche Jnduilrie. Derselbe tonnte dabei mcht umhin, das soziale Thema zil berühre», und fand sich schließlich bemüß.gl— wie das jetzt in der„Metropole der JmeUigeiiz" bereits Mode geworden— sich in direkten Angrisien gegen Bebel und Liebknecht und ihr Äuftreten in der jüngsten Reichslagsjejsiou zu ergehen. Redner hielt die französische Industrie für bedeutend vorgeschrittener als die deutsche, „indem die deutschen Industrie� Produkte aus dem Gebiete des allge- meinen Welthandels, meist des inErnauonalen Charakters ermangetn." Redner suchte dies durch Thatsache» zu belegen, und wies wieoerholt aus die internationale Basis,„aus der sich noihwendig alle Jnvuftrie und aller Handel bewegen müsse, um zu einem günstigen Resultate zu gelangen."„Merlwürdigerweise," bemerkte Redner, sei dagegen der industrlelle Arbeiter spezifisch nattonal.(?) Es gebe wohl Leute, die sich„Arbeiterführer" nennen, und den Arbeitern von In- t ernationalität etwas vormachen; jedoch die Arbeiter ließen sich trotzdem keinen Augenblick beirren, von der Anhöhe ihres Rational- stolzes auch nur Eine Stufe herabzusteigen. Eines weiteren Kommen- lars betreffs dieser vagen, in der That originellen Behauptung, dedarf es wohl nicht. Redner sah sich nun weiter veranlaßt, die soziale Frage in seinen Vortrag zu verflechten, und war bemüht, durch Tyalsachen zu beweisen, daß überall, wo zentralisirte Arbeit vorhanden. Pro- lelariat und mit ihm Sozialismus erzeugt werde, daß eben jo aller- wärls, wo die Arbeit individualisirt, erwähnte Schreckengespenster nicht auftauchen(?) Hierbei schien aber Redner die Rechnung ohne— Geographie jc. gemacht zu haben. Indem derselbe Watdenburg(Schle- sie») mir seinen„Schreckengespenstern" erwähnte, weil daselbst die Arbeit zentralisirt sei, fand er das Gegeittheil im Riejengebirge, weil dort die Arbeit individualisirt sei. Weshalb nur Redner das schles. Eulengebirge ganz unerwähnt ließ, wo zum übergroßen Theile individuallsirte Arbeit, und trotzdem das Proletariat und mit ihm *) Kolb's obiger Brief ist vom 29. Nov. datirt. Seitdem heißt es beständig in de» Kriegstelegrammen: Die„Reste" der Loirearmee, nachdem die Loire-Armee selbst schon längst und sogar zu wiederhotten Malen„vollständig geschlagen" sein soll. Und menwürdigerweise werden diese„Reste" gar nicht alle! der SozaliSmuS in herbster Form?— Redner, der den winzigsten industriellen Ort Deutschlands nicht außer Acht ließ, bewies dadurch, daß er sich selbst an dem Punkte angelangt sah, wo er die Logik hätte aus den Kops stellen müssen. Dieser Vortrag charakterisirte, wider Willen und Absicht des Vortragenden, wieder einmal osfenbar die Dis- Harmonie zwischen Kapital und Arbeit. Drum Arbeiter, die ganze weite Erde ist unser Vaterland, wir kennen keinen nationalen Grenz- psahl mehr. Das internationale Banner mächtig entfaltet und mulhig vorwärts!_ Aus«chwabcn. Der niannhafte Widerstand, wie ihn Frankreich bis jetzt, trotz der »ahllosen Riederlageu, geleistet, ist ein Ausfluß des nationalen Ge- bankens, der in Frankreich von jeher energisch und kraftvoller lebte, als irgendwo. Es lohnt sich der Mühe, diesen Gedanken und seine Stimmung zur Kulturen'wicklung Europas überhaupt näher kennen zu lerne», um von der Höhe dieser Erlenntniß aus eine» tieferen Ein- blick in die jetzt so sehr komprimirten politischen Verhältnisse zu gewin- »e». Die itatürlichste und einfachste Gewandung, in welcher der natio- nale Gedanke im Völkerleben auftritt, ist die Vaterlandsliebe oder der Patriotismus. Es ist ein altes Gesetz der Geschichte, daß dieser um so mächtiger und kraftvoller blüht, je selbständiger und freier das Volk ist, in dessen Seele er wohnt; ein Satz, nach dem beiläufig bemerkt, auch der Patriotismus der deutschen Bourgeoisie zu bemessen utid zu würdigen ist. Der nationale Gedanke ist daher in gewissem Sinne immerhin eine der Formen, in welcher sich der revolutionäre Gebaute überhauHt äußert. Italien, der vstreichische Dualismus, die iichechische Bewegung». s. w. zeugen hicsür. Aber der ungeheure Jrrthum der inodernen Politiker von Sizilien hinaus bis an die Ostsee liegt darin, daß man wähnt, der nationale Gedanke sei füh sich allein im Stande, dem revolulioitären Fteiheiisdrange der Völker Genüge zu leisten. In Deutschland zumal, wo die Hindernisse, um zur»atioiia- len Ex steuz durchzudringen, größer sind als irgendwo, Hai dieser pas- sive Dtuck der Veroreilung jenes Zrrthums nur zu sehr Vorschub geleistet. Ma» legrt uns in den Schule», daß wir im Jahre 18l3 durch den Palriolisinus die Franzosen aus dem Lande hinausgeworsen und uniere Geschichischreiber mühen sich ab, diese Thorheit in tausend Re- dewetiduugen zu»ntschreiben. Bei uns Hai man den painotische» und revolutionären Gedaiiken ideniifizirt, und diese Jdenttfizirung ist die Quelle unsäglichen Elends und jammervoller Zustände für unser armes Vaterland geworden. Eben diese Jdeniifizirung ist es, welche dem staiken Preuße» die Möglichkeit gab, sich zur„Führung Deutschlands" emporzulügen, und ebeti sie ist es, welche die armselige sentimenlale, engherzige, bortiirte Deuischthümelei großgezogen, in der der ungebildete Theil der Gesellschaft, die Bourgeoisie, seine Orgien feiert. Der wahre Patriotismus tritt, wie jede Wahrheit, einfach»nd schmucktos aus, es braucht keine Zeitungsschreiber, ihn großzuziehen, keine Regierungen, ihn auszublühen, keinen Gott ihn zu segnen; er ist die bestimmte, nämliche Form, in welcher sich das Freiheitsbewußtsein eines Volkes anderen Völkern gegenüber äußert, er ist im Leben der Völker, was im Leben des Einzeltien würdevolle Haltung, Männlichkeit, virtus ist. Kraft dieses wahren Palriolismus standen am Ende des vorigen Jahrhunderts die französischen Revolutionsheere da, aus dem Boden gezaubert, die männliche Antwort des Volkes fremder Auma- ßut>g gegenüber. Frankreich war revolutionärl Aehnlich während der Besreiungskriege bei uns, nur in viel kleinerem Maßstabe. Wir hatten durch die Slein-Hardetiderg'sche Gesetzgebung den sozialen Inhalt der französischen Revolution wenigstens lheilweise zu dem unscren gemacht, ei» anderer Theil war uns versprochen worden, wir waren jegt revo- lutionär und darum patriotisch und darum siegreich. Wahrhast patriotisch sein, d. h. de»»ationalen Gedanken zum männli- che»«usoruck bringen, tan» ein Boll nur, wen» eS revoln- tlvnär ist. Palrioliilv ihun, d. h. scheinbaren Patriotismus treiben, lanil auch ei» gelnechietes Volk und es thut es sogar, wie die Geschichte der Vergangenheit und Gegenwart lehrt, mit ganz besonderer Vorliebe. Dieser Patriotismus aber ist nur eine der verschiedene» Arten, in denen sich der immer revolutionäre aber unbewußte und deshalb irregeleitete Instinkt des Volkes Lust macht, und kluge Regierungen kennen dieses Sicherheitsventil zur Genüge. Der echte Patriotismus hat also na- menilich niemals auch nur eine Spur aggressiven(angreifenden) Charakters, bewahrt feine geschlossene Ruhe i» sich und für sich selbst, er ruft seine Träger nur zujamnien, wenn das Glück und die Wohl- sahn des Volkes t» Gefahr ist. Er schreit nicht, er prahlt nicht. Er keuul nur die Würde jernes Volkes und läßt sich in ihr genügen, er hat nichts gemeui mit der Sprache jenes Asterpatriotismu», der von National-Ehre, Größensein-wollcn, Heldenthum und tausend anderen gleich unnützen Dingen überfließt. Wenn, was wir oben sagten, wahr ist, daß nur ein revolutionäres Volk wahrhaft parrioiisch scm lönne, so stellt sich von selbst die Frage, wie das gegenwärtige Frankreich de», gegenüber dasteht. Die Autwoit lautet lurz, Wie», weil Frankreich iinr erst drn nationalen und noch nicht den rcvvlmtonäre» Gedanken vertritt, eben deshalb ssl bis jetzt noch teut seper Punll gewonnen, der vie Garantie kommeii- der Rettung iit sich lrüge. Auf der Grenzlinie„national, noch nicht revolmionar', ln wegen sich die großartige» Anstrengungen, welche Frank reich vis jetzt zu seuier Rettung gemacht. Die emincnie Widerstands- kraft, welche es seldst von diesem verhältnißmäßig schwachen Stützpunkt au» entfallet, ist nur ein Beweis inehr, was erst ein Volk leisten kann, wenn seine K«asl rein uud unverfälscht zur Wiikung kommt. Wir ichuebe» im Volkssiaat vom 3 Sept. 18,0:„Eine einheitliche und z-niraltstische Republik, gemacht aus den Trümmern des Kaiserreichs, ist nur das endemisch und lonstitutionell gewordene Kai- seueich. Von Fall zu Fall, wohm würde es mit Frankreich kommen?" Diese Thaljache, damals noch verhüllt nud verschleiert, liegt heute klar und osseu vor jedem Auge, das sehen will. Und weiter:„Die Gewalt in andere Haude— reicht das hin— wenn die Ration bleibt was sie ist? Fraulrelch, noch einmal seine Rettung von der Regierung er- wai tend?" Die„anderen Hände"— Garnvelta; die Ration blieb was sie l|l jamnil den Trümmern des Kaiserreichs. Fast scheint es, daß die jängnen Rachrtchten vom Kriegsschauplatz auch das„von Fall zu Fall" illustrirenl Roch ist nicht abzusehen, welches Maß von Anstrengung die Re- gierung der»ationalen Verlheidigung noch zu leisten im Stande ist; noch wäre es virllelcht möglich, daß die immensen Hilfsquelle» Frank- reichs auch unter dieser Regierung absolut nicht zu erschöpfen oder wenigstens so lange nutzbar zu machen sind, bis auch im deutschen He«le Rothzuständc auftlelen. Wir glauben es nicht, aber wir glau- den, daß vom Durchbruch des revolunonären Gedankens für Krankreich uud Europa Alles abhängt. Die Schwierigkelten, diesen Durchbruch zu ooUeudeii, sind allerdil.gs ungeheuer, aber Frankreich hat schon gleich Große» geletslet. Sprengt den Baun gegenseitiger Abhängigkeit der etlizelnen Glteder und der edelste und kühnste Freiheilsdrang wird d>e Adern de« Volkes bis in seine äußersten Enden durchströmen. Paris vertraut auf seine Mauer» und die Provinz, die Provinz vertraut aus Paris, Niemand vertlaut auf sich selbst. Muß Paris untergehe», da- niti Fraukreich aiiferstehe» kann? Ja, die Mauern von Paris— wie sie' seiner Zeil nicht sür, sondern gegen das Volk errichtet wurden, so dleiien sie in Uppen, so laug« vor der Weltstadt liegen zu müssen, was ist er gegen den ungeheuren Vortheil, den Geist Frankreichs in eiseme» Kesseln zu halten. Nie, so lange die Well sieht, waren die Festungen da, um ein freies Volk zu schützen, sie dienten immer nur, es zu umerdrücken, und der Fall von Paris wird den komiiienden Jahrhunderlen die surchlbarste Lehre sein. M. ah. Berlin, 24. Januar. Herr Franz Duncker antwortet aus da»„Etngesaitdl' in der„Zukunft," daß eine Anordnung des Vorstan- des d-s Handwerkervereins, den Saal desselben zu sozialdemokraltschen Versammlungen zu verweigern, nicht erlassen worden sei. Run steht aber die Thatsache fest, daß der Saal, wie in Nr. 7 derichtet, dem demokratischen Ardeiterverein zu einer Versammlung von deni Oeko- nomen des Verems unter obiger Angabe verweigert wurde. Man muß also annehmen, daß der Oekonom, man weiß nicht aus welchem Grunde, die Unwahrheit gesagt hat. Herrn Franz Duncker scheint daran zu lregen, nicht in den Verdacht zu lommen, daß er mit nicht ehreniverthe» Mitteln Kundgebungen einer feindlichen Partei zu unterdrücken suche; auf der anderen Seile steht eS fest, daß der Haiidwerler-Vereinssaal dem demokrallscheu Ardeiterverein verweigert wurde. Da sich nun nicht annehmen läßt, daß Herr Duncker aus diesem Umstände Nutze» ziehen wolle, insofern als der Gegner nun doch nicht zum Worte kommt, während die Welt nur von seiner ein solches Verfahren ausschließenden liberalen Gesinnung weiß, so laßt er sich vielleicht dadurch bestimmen, sich um eine Aiifklärung dieser dtitiklen Geschichte zu bemühen, weil er dazu im Besten im Stande ist, besonders also zu erforschen, aus wel- chkm Grunde der Saal dem genannte» Verein verweigert wird. Herr Duncker erinnert mich an die„Voiksztg." Sie reproduzirt heute aus dem Berichte eines englischen Gesandschafts-Sekretärs enie Stelle, in welcher die Hirsch-Dunckerschen Genossenschaften, die von allen weiteren politischen, religiösen und geistigen Bestrebungen absehend, wirklich materielle Vortheile ihren Mitgliedern zu bieten suchten, gegenüber den sozialdemokratischen Genossenschasten, zu deren Paralysirung(Außer- kraslsetzung) jene gegründet seien, gebührend hervorgehoben wer- den. Nachdem sie den Jrrthum beseitigt hat, als ob die Genossenschaften nichts für die geistige Weiterbildung ihrer Mitglieder thäten, indeni doch recht viel schöne Bilduiigsvoriräge gehalten würden, knüpft die „Voiksztg" die rührende Bitte daran, die Zeitungen, besonders die lieberalen, möchten sich doch an diesem Engländer ein Beispiel nehmen. und die Hirsch-Dunckerschen Genossenschaflen mit günstigeren Augei betrachte», als bisher. Aber trotzdem diese Genossenschaften die sozial- demokratischen„paralysiren" sollen,— in den liberalen Zeitungen, denen man doch sonst nicht eine große Einsicht in das Wesen der Zeitgeschichte nachzusagen braucht herrscht ein gewisser Instinkt, der sie auch die zahmere Bewegung mit schielen Augen anblicke» läßt." Verstoßen nicht— so urtheiite der konsequent liberale Manchestermann— schon gegen das Haupldogma der„Freiheit," der freien Uebereinkunft zwischen Arbeitgeber unv Arbeitnehmer, welche ja allein ein gesundes volks wirthschastliches Leben verbürgt!" Dieser Jnstinkl sagt ihnen eben, daß sich einmal im Laus der Zeiten, allen naturwissenschaftlichen Ersahrun gen zum Trotz, aus dem Lamm der frommen Denkart ein Löwe ent- wickeln könnte. Muß es nicht heute schon Kopfschütteln erregen, wenn man hört. daß die Maschinenbauer Berlins de» Arbeiter Andreack, unab- bängig von der Fortschrittspartei, aber auch in Gegnerschaft gegen die Sozialdemokratie hier zum Kandidaten für den Reichstag aufstellen wollen? Es scheint, als ob die Emanzipation jetzt schon beginne. Magdeburg, 26. Januar. In der össenilichen Versammlung deS hiesigen sozialdemokratischen Arbeitervereins vom 24. d. M. stand auf der Tagesordnung: 1) Die Stellung der Handwerker und Arbeiter zur Wahl zum deutschen Reichstag. 2) Ausstellung eines Kandidaten für Magdeburg. Referent Bremer sprach ungefähr Folgendes:„Der Norddeutsche Reichstag hat sich in ein Deutsches Reich und der Prä sident in einen Deutschen Kaiser verwandelt, der Reichstag des neuen deutschen Reichs,— welches in seiner vielgepriesenen Einigkeit nur drei Viertel der deutschen Nation eint und umfaßt,— tritt Ansang März zusammen. Da müssen auch wir Stellung nehmen, um zu retten, was zu retten möglich ist. Nun haben die Konservativen Herrn Moltke, die Liberalen Herrn von Unruh, die Schweitzerianer Herrn Zielowski als Kandidaten aufgestellt. Trotzdem nun uiisere Partei durch Einberufung der großen Mehrzahl ibrer Mitglieder zu den Fahnen hier sehr ge- lichtet ist, ist eS unsere Pflicht, mit Aufstellung eines Kandidaten vor- zugehen, um Allen, und vorzüglich den Handwerkern und Arbeitern, welchen über dem vielen Jubel der Sinn für Freiheit und Gerechligkeil und Menschlichkeit nicht abhanden gekommen, einen Stützpunkt zu die- len. Mit den Konservativen zu stimnien, davon kann keine Rede sein sie sind unsere ossenen Gegner. Nationale aller Schattirnngen sind verkappte Gegner und deshalb giebt es bei diesem Wahlkampic nur zwei Parteien, Reaktion und Demokratie. Ter frühcr so oft bewährte demokratische Geist der Magdeburger ist durch ein« Komödie betrogen worden: 1) durch K»errn v. Unruh, 2) durch die Magdeburger Zettung. ■E-rr v. Unruh, 1848 von hier gewählt, war damals in der National Versammlung Präsident und Steuerverweigerer, erklärte alle Akte der Regierung sür null und nichtig; 1861 wieder gewählt, erklärte er. sei noch immer der Alte, wurde Abgeordneter und erkannte Alles für zu Recht bestehend an, und trat der sich damals neugrllndenden Fort- schrittspartei bei, welche sich nicht getraute, das allgemeine, direkte Wahlrecht ins Programni aufzunehmen uud dadurch das Prinzip der Demokratie verrieth. 1866 rief er:„Nieder mit diesem Ministerium (Bismarck): keinen Pfennig I" AlS aber durch den Sieg bei König- grätz das innere Düppel erstürmt, da vergötterte Unruh Hrn. Bismarck. Um nun den Magdeburger Wählern den Umschwung nicht merken zu lassen, erfand er die Zweiseelentheorie. Bei der Neukoiistltuirun der Parteien trat er zur nationalen Partei über. AIS er im Jahre 1867 hier von mir zur Rede gestellt wurde, leugnete er alle oben angcführ- len Thatsachcn in össenilicher Volksversammlung ab uud erklärte seinen Wählern, er sei noch Demokrat, gehöre noch der Fortschrittspartei an, er sei noch der Alte. Darauf wurde er wiedergewählt. Sein Verhal ten in den letzten Jahren hat wohl Manchem die Augen geöffnet, und die Entwicklung seines Programnis in der Kreisordnungsfrage ist der vollständig konservative Standpunkt. Die„Magdeburger Zeitung", seit Entfernung des Redakteur Hoppe, unter der jetzigen Leiiung des Re- dakteurs Wandel, ist vollständig»ational, vertritt die besitzende Partei, die hier unter dem Naiiien„Hatbseidne" existirt. Dieselbe wirkt um so stärker auf die hiesige» Bürger ein, weil kein sreisiuniges Blatt hier besteht. Außer der Verherrlichung der Franzosenfresserei, lügt und tchimpst der Redakteur, die Lügen slnd ossenbar, über all- Vorgänge der Arbeiterbewegung. Das Verleumden und Schimpfen dolumentirt sich in den Ausdrücken über unsere Partei:„Landesverräther",„Ge- lichter" u. s w. Wer aber derartiger Gemeinheiten sich schuldig macht, darf auf Gesittung und Bildung keinen Anspruch erheben. Wir können den Redakteur der„Magdeburger Zeitung" nicht verhindern, sich gemein zu zeigen, und ich übergebe denselb n dem Urlheil aller anständigen Leute.— Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist. Wenden Sie dies aus Herrn von Unruh an, dessen Organ die „Magdeburger Zeitung" ist, wenigst« ns vertritt und kämpst sie selbst mit oben angeführten schmutzigen Waffen für ihn, und daraus müssen Magdeburgs'Wähler ersehen, daß v. Unruh ein„Halbseidener" ist, dann kann kein demokratischer Mann ihn wählen. Hätte aber v. Unruh den Muth gehabt und ehrlich den Magdeburgern gesagt: Ich war Demo-- krat, sah meinen Jrrthum ein, wurde Fortschrittler und dann Ratio- naler, und sehe jetzt ein, daß der konservative Standpunkt das Richtige ist,— kein Magdeburger würde für ihn stimmen können, selbst die Konseroatioeii nicht, weil auch Die Charaktere, aber leine Rene- gaten, die zu allem sähig, haben wollen. „Der Verein schlägt Ihnen einen Mann zum Kandidaten vor, der in seiner langen politischen Laufbahn nie gewankt, der Muth auch vor Königsthronen gezeigt und der heute, trotz Lotzen, dem Volke die Wahrheit sagt. Dieser Mann ist Dr. Johann Jakoby in Königsberg."(Allgemeiner Applaus.) Darauf wurde durch Abstimmung Dr. Jakoby als Wahlkandidat bestimmt, und oer Vorstand beaustragt, denselben um Annahme zu bitten, und dann eine große Volksversammlung zu berufen, in der die Antwort mitgetheilt wird. Zielowsky, welcher anwesend war, wollt« an den Ausführungen Bremer's verdrehen, wurde aber von der Versammlung gezwungen, zu erklären, daß er sich geirrt und was er gesagt, wieder zurücknehme. So hat der Wablkamps auch hier de- gönnen, und wenn er auch schwer, hoffen wir voch zu siegen. Essen, 24. Januar. Daß die Schweitzerianer hiesigen OrtS im Sozial-Demokrat sich groß thun, eine Parteiversammlung gesprengt zu haben, beruht aus Eiubilduiig. Jene Herrn hatten vor, sie zu sprengen, was ihnen jedoch nicht gelungen ist. Der reine Sachverhalt ist folgen- der. Die hiesigen Parteigenossen beriefen eine Parteiversammlung. Da wir unseren Bevollmächtigten haben, resp. Vertrauensmann, der die Parleiversammlunge» leitet, habe» wir nicht nöthig, einen Prästdenten in Parteiversammtungen zu wählen. Die Schweitzeriinge, welche sich in einer Vetsammlung besprochen hatten die»nserige zu sprengen, er- schienen pünktlich, an ihrer Spitze Herrn Dresbach auS Düsseldorf, verla iigleu Präsidenten-Wahl indem sie auch Soziai-Demokraten wären, und Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeiter-Partei seien. Ich er- klärte ihnen den Unterschied zwischen uns und dem A.-D.-A.-Verein, lind so verging eine Stunde über die Geschäflsordnungs-Debaltc bis sie endlich abzogen, ohne ihren Zweck erreicht zu haben. In verschiedenen Volksversamnilungen(einberufen von Schweitzerianern), nahm ich Ge- legenheil zu spreche»; da die Herrn mich nicht kannten und nicht wußten, welcher Partei ich angehörte, so konnte ich ruhig aussprechen, was jedoch, als sie in Erfahrung gebracht hatten, daß ich ein„EHrli- cher" sei, nicht mehr der Fall war. Daraushin erging man sich in Rohheit, namentlich von Seiten de» Herr» Zeisig und Eonsorten. In den folgenden Versammlungen war man parteilich gegen mich und gab mir statt der Widerlegung, die man mir schuldig blieb, Schimpfreden und Drohungen, selbst vom Präfideutentisch. So in der Versammlung in der auf Betreiben Fricks Herr von Schweitzer als Reichstagskandidat aufgestellt wurde, die aber nicht 4(X), wie Herr von Schweitzer lügt, sonder» höchsten? 150— 200 Mann zählte. Hohenstein, 6. Januar. Die Stadtverordneten-Wahl ist hier glänzend ausgefallen. Auf iliiserer Seite vollständiger Sieg zum Aerger und Verdruß aller Nationalliberalen. In Ernst- thal war dieselbe auch nicht ganz schlecht, aber wie ich höre, soll sie ungültig sein, da nicht alle Wahlberechtigte Stimmzettel bekommen haben. Nun so wird eben wiedergewählt und dann noch besser I Mültchenbernsdorf, 15. Januar. Am 8. Januar wurde hier eine Milglieder-Veriammluiig abgehalle», in welcher beschlossen wurde, 2 Rthlr. für den Volksstaat einzuschicken. Da es Pflicht eines jeden Parteimiigliedes sein muß, daraus zu sehen, daß unser Parteiorgan fort- besteht, so steht unser Verein von Schuldscheinen ab. Parteigenossen, wir dürfen in keinem Falle zugeben, daß unsere Partei mit Schulden belastet wird. Nur muthig vorwärts,— wir werden nöthigen Falls noch mehr aufbringen. Thue jeder Verein seine Schuldigkeit. Allgemeiner deutscher Schuetderverein. Nürnberg, 18. Januar. Collegeiii Ein neues Jahr hat begon- neu, und mit ihm tritt an uns mit erneuter Macht die dringende Mahnung, immer eiftiger an dem großen Werke der Befreiung des Arbelierstaiides zu arbeiten. Die Aufgabe ist eine große und schwierige, das Ziel noch weit entfernt, die uns feindlichen Mächte besitzen alle Hilfsmittel, um unS entgegen zu arbeiten, und sie wenden auch dieselben im vollen Maaße an, um die Arbeiterbewegung zu vernichten, um jede freie Regung zu lödten, um die Arbeiter, die den Muth haben, sich und ihre Brüder vom Hungertode loszuriiigen, unschädlich zu machen; aber gerade dadurch müssen wir uns angestachelt fühlen, mit vollem Mannes- muth, mit uiierschütterlicher Ausdauer und Energie den Kampf um Recht und Freiheit, um die Emanzipation des Arbeiter standes von den drückenden Stlavenfesselii fottziisetzen und zu vollenden. Brüder, das neue Jahr bringt neue Kraft und neue Hoffnung, keine Anstren- gung, keine Roth, noch Gefahr soll uns verhindern, unsere Pflicht zu erfüllen, unerschrocken wollen wir allen Uebetständeii entgegentreten, allen Stürmen trotzen, und wir werden und müssen als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen. Tausende von Kämpfern für die gerechte Sache sind schon gefallen, durch alle möglichen Mittel kampfunsähig gemacht worden, alleln je mehr vernichtet werden, desto mehr treten ein in die Reihen des Proletariats und nehmen den Kamps immer von Neuem wieder aus. Es ist deshalb auch unsere heilig« Pflicht, überall und zu aller Zeit sür unsere Genossenschaft zu agitiren, immer ein regeS Leben in den Mitgliedschasten zu erhalten, die fernstehenden an uns heran zu ziehen, denn die Genossenschaflen sind eine Schule, in welcher dem Arbeiter seine wahre Lage als Spiegel vorgehalten wird, damit die großen Massen endlich erkennen lernen, wo der Hebel anzusetzen ist, um das Elend aus der Welt zu verbannen. In unserer Hand liegt unser Schicksal und nur dem Muthigen gehört die Welt. Durch Beschluß der letzten Generalversainmluiig sind u»s ja jetzt einige Mittel zur Agitation zur Verfügung gestellt,'und wir erwarten von allen Mitgliedern, daß jeder seine Schuldigkeit thue, um de» Verein zu heben, um uns groß und stark zu macheu. Arbeile jeder nach Kräften, der Ausschuß wird seine Pflicht ersüllen. In die CoillroUkommisslon sind gewählt: Karl Barbehenn, PH. Wolf, LouiS Wicks, Eh. Weber, PH. Stcueriiagel. Briefe an die Controllkommission sind zu richten an: Karl Barbehen», Steingass« Nr. 26. Wiesbade».— Als Bevollmächtigte sind augemeldet: sürBerliu' A. Reiman, alte Jakobsstraße Nr. 6. für Mainz: G. Richter bei Herrn Hornick, Mastandsgasse Sir. 3, für Wiesbaden: K. Barbehemi, -wteingasse Sir. 26.— Wir fordern alle Mitgliedschasten auf, niil den Abrechnungen nicht zu säumen, insbesondere diejenigen, welche mit den Abrechiluiigen für das III. Quartal 1870 noch rUckstäiidig sind, außerdem würden wir uns genöthigt sehen, dieselben im„Volksstaat" zu verösfemlichen. Mit sozialdemokratischen Gruß und Handschlag. Für den Ausschuß: I. Bau mann, Geschäftsführer Karlsstraße Nr. 155. p. Au die Parteigenossen. Für den BolkSstaat sind ferner eingegangen: 1 Durch F. Pcrtus, Kahnsdorf b. Kieritsch: Invalid E. Mierisch 1 Ngr., O. Klingst 2'/, Ngr., F. Pertus seu. 21/, Ngr., F. PertuS zu». 5 Ngr.— Naumann, Neundorf b. Staßsurt 1 Thlr. 15 Rar. A.-B. Hohenstein d. Oedemann 2 Thlr., Gr. London 1 Thlr. Für die Familien der Jnhastirten. Durch F. Pertus, Ka.insdorf b. Kieritsch: 0. Klingst 21/, Rar. F. Pertus aen. 2'/, Ngr., F. PertuS zun. 5 Ngr., A.-Bi Hohenstein durch Oedemann 1 Thlr., E. Augsburg 1 Th-r., Sozialdemokr. A.-V. eipzig, d. K. 1 Thlr. 26 Ngr., von mehreren Mitg iedern d. Asso- ziatio» I. Glauchau 2 Thlr. 3 Ngr. 5 Pf., von mehreren Lesern des Voltsstaati" d. Frieß, Motto: Den Vorkämpfern der Arbeitersache Thlr. 5 Ngr., Sch. aus Cr. 1 Thlr., L. M. aus Cr. 1 Thlr. Brieftasten. Gr. London: Wenn Sie durch die Post beziehen, so müssen Sie die veränderte Adresse dort aufgeben.— E. Augsburg: Wir haben nach Dresden in der betr. Angelegenheit berichtet._ Für Leipzig. Geschlossene Parteiversammlung Mittwo�, den 1. Febr., Abends 8 Uhr, ini Saale des Arbeiter- bildungsvereins. Tagesordnung: Wahl des ParteiausichusseS.— Kassenbericht. Das Erscheinen der Parteigenossen ist dringend nothwendig.— Nur gegen Vorzeigung der Mitgliedskarten kann der Zutritt gestattet werden. Für Leipzig. Sozialdemokratischer Arbeiterverein. Donnerstag, ven 2. Februar, Abends 8 Uhr: Versammlung im„Pantheon". Taqesordnung: Sozialpolitischer Wochenbericht(Ref. Käseberg.) — Bericht des Delegirten über die Landesversammlung. Gäste sind willkommen.__ Zur gcsäUigeu Beachtung. Papierkragen in bester Qualität, Kuopslöcher mit Leinwand unterlegt und 12 Stück in einer eleganten Schachtel verpackt, empsehte a Dtzad. 4 Ngr. Bei Abnahme von 12 Dtznd., gleichviel ob vertchie- den« Nummern bestellt werden, 1'/, Thlr. Verpackung nach auswärt? wird nicht berechnet. Robert Schäfer, Papierhandlung, Brühl 67. Durch die»1?»„VolIiNstiut», Petersstraße 18 ist gegen Einsendung des Betrags zu beziehen: Unsere Vertreter im„Reichstag". (Liebknechts und Bebet's Reden über die neue„Reichsverfassung", und Bebel's Rede über die Maßregelung der Sozialdemokraten.)— l'rela: a Stück 5 Pfge., in Partie«» billiger.— Der Reinertrag ist zum Besten des Wahlsonds bestimmt. Autrag und Reden der Reichstagsabgeordueten Bebel und Liebknecht, gehalten über die 100-Millionenanleihe im norddeutschen Reichstag. Preis: proEremplar 1 Ngr., parthienweise(mindestens 12 Erpl.) '/» Ngr. Der Hochverrathsprozetz gegen Oberwinder, A. Scheu, Most, Papst w.. verhandelt vor dem Landesgerichte zu Wien. Nach stenographischen Berichten bearbeitet von Heinr. Scheu. Vollständig in 9 Heften. Preis komplet 18 Ngr. Der Staat und das Genossenschastöwescn. 20 Stück 10 Gr. — 35 Kr. Unsere Ziele. Von A. Bebel. Eine Streitschrift gegen die„demo kratische Correspondenz", 2'/, Bogen. Ein Eremplar k - 7 fr. in Partien bezogen 1'/, Gr. 5'/, kr. kostet 2 Gr. Leipzig: Veranlw. Redakteurin Vertretung: Eart Hirsch(Redaktion: Smilienstr.S.) Druck u. Verlag: F. Thiele sEppedition: Peterstr. 18.)