�5. 31 S«»»abcr», Sc« 15. April. 1871. Srschnnl wöchentlich 2 mal i» Leipzig. Lestellungen nehmen alle Postanstalten und Buchhand- lungen des In- und Aui- landei an. Für Leipzig nehmen Bestellungen ani A. Bebel, Peteristraße 16, F.Thiele, Emilienstraße 2, AbonnementSvreiS Für Prcugen incl. Stempel- steuer lLNgr.,fllr die iibriqen deutschen Staaten 12 Ngr. ver Quartal AgenliürLondon A Duenstng Foreign koolcssller. l,ibra- riao anil Nevaaxent. 8, Little Newport Street, Lei- reRter Square. W C Filialerpedition fürdie Berein Staaten:?.�.Sorge. Lax 101 Hodosteo �1.3. via tlevxorll Orgllll der soMl-demokratischkn Ä.rdeiterparttl und der Jlltermtiolmlen GkwerKsgenosseilschllften. Politische Uebcrsicht. Der Kampf zwischen der Kommune von Paris und der Versailler Regierung dauert mic abwechselndem Erfolg fort, jedoch neigte sich nach den letzten Berichten(Donnerstag Stach- mittag eingetroffen) der Bortheil entschieden auf Seite der Kommune. Man spricht von Vermittlungsversuchen des schweizerischen und des amerikanischen Gesandten; unbegründet scheint das betreffende Gerücht nicht zu sein, da gleichzeitig ver- lautet, daß aus Paris von einer eigens dazu gegründeten Ligue eine Deputation nach Versailles geschickt worden ist, um dort wegen-eines Kompromiffes zu unterhandeln. Ohne eine solche auswar-ige und befreundete Vermittlung würde dieser Schritt der Pariser nicht gut zu erklären sein. Äls Grundlage des vorgeschlagenen Kompromisses wird angegeben: Garantien für die Erhaltung der Republik; Selbständigkeit der Verwaltung für Paris und ausschließliche Verwendung der Rationalgarde für den Sicherheitsdienst in Paris.— Preußendeutschland brennt vor Begierde, seine internatio- nale Polizeimission an der Pariser Kommune zu vollbringen. Auf Anfrage des englischen Kabinets über Deutschlands„Nicht- einmischung" hat Bismarck nämlich geantwortet, daß er„erst dann" interveniren werde,„wenn er von der gesetzlich konstitu- irtcn Regierung formell um Unterstützung angegangen werden sollte." Nach einer andern Version soll Bismarck sogar in drohender Weise seine Intervention in Paris in Aussicht gestellt haben, falls bis zum 15. April die Kommune nicht unterdrückt sei, und Moltte soll Pläne entworfen haben,„welche die unwiderrufliche Entschließung Deutschlands zeigen, das Pfand des Friedensvertrags, d. h. die occupirten Provinzen, zu be- halten, solange die Entschädigung nicht gezahlt sei und kein fest begründetes Gouvernement die Ausführung der Conventio- neu verbürge"(Wind!) Eine indirekte Einmischung liegt aber in derErlaubniß, welcheFavre vonBismarck erhallen hat, dieAngriffS- armee gegen Paris von 80,000(ursprünglich war sie nur 40,000) auf 150,000 Mann zu erhöhen; sowie die deutscherseits be- liebte Maßnahme, nur gefangene französische Liniensoldaten, nicht aber Franktireurs und Nationalgarden nach Hause zu entlasten, als ein Beweis dafür gelten muß, daß man dieVer- sailler Regierung wohl in der Unterdrückung der Kommune unter- stützen, aber trotzdem diejenigen Elemente noch von Frankreich fernhalten will, welche am ehesten für die Kommune und gegen Deutschland das Schwert ergreifen würden, nämlich National- garden und Franktireurs.— Die Beamten der Kommune sind größtentheils Arbeiter: Varlin ist Buchbinder, Pindy Tischler, Amourour Hut- macher, Theiß Ciseleur, De reure Schuhmacher, QudetPor- zellanmaler, Ran vier Porzellanmaler u. s. w. Kurz es ist eine Arbeiterregierung in dem eigentlichsten Sinne des Worts; die Mitglieder der Regierung beziehen einsache Ar- beitslöhne— 25 Thlr. wöchentlich, d. h. was die Betreffen- den ungefähr in ihrem Geschäft verdienten— und machen sich schon dadurch allein einer Todsünde in den Augen der Ord- nungsmänner schuldig, die sich keine Regierung denken können, welche das Volk nicht aufs Schaamloseste ausbeutelt und aus- beutet. Ja, hätten sich die Männer der Kommune in die 50 Millionen Franken Civilliste und sonstige Spesen getheilt, welche Bonaparte einsa tte, und, gleich ihren Vorgängern, die Staatsplünderung zum System erHobe», dann hätte sich mit ihnen unteihanbeln lasten und eine Verständigung mit obligatem Kompagniegeschäst wäre zu erzielen gewesen. Aber das Re- gieren als eine gewöhnliche Arbeit aufzufaffen und wie jede andre Arbeit mit Wochenlohn zu bezahlen— das ist ein so unge- heuerlicher Verstoß gegen die hergebrachte Ordnung, ein solches Ver- brechen an der bürgerlichen und monarchischen Moral, daß alle Die- jenigen, welche jetzt direkt oder indirekt vom Regieren leben, sich in ihrem sehr einträglichen Gewerbe bedroht fühlen. DarumzumTheil das Geschrei über„Terrorismus" in Paris— während die Guillotine verbrannt wird, über„Plünderung"— während daSthazardspiel verboten wird, über„Vernichtung aller Eultur"— während die Kirche vom Staat getrennt wird. Nach allem bis jetzt aus Paris und Versailles vorliegenden Material unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß auf Seite der Versailler barbarisch gewüthet wird, während die Kommune sich der möglichsten Humanität befleißigt,— wer weiß, ob nicht aus Humanität einer zu großen Mäßigung!— Das Pariser„Petit Journal" vom 5. April schreibt zur Jllu- sttirung d« unter den deutschen„Siegern" grassirenden Eigen- „Ein Prinz von königlichem Geblüt bemächtigte sich einer Kutsche, welche durch den Generaladjutanten requirirt worden war und fährt darin drei Monate lang vor den Augen der Eigenthümerin spazieren. „Prinzen und Generale bieten sich gegenseitig die Vasen von Sövres und die aus dem Schloß von St. Cloud geplün- derten Kunstgegenstände als Weihnachtsgeschenk an. „Man kann Herrn Stieber, den Chef der deutschen Polizei fragen, in welchem Wägen die Wanduhren, die Vasen und die Statuen der Wohnung, welche er auf dem Königs- Boulevard innehatte, nach Preußen abgegangen sind. „Man könnte auch Herrn von Bismarck selbst fragen, warum die Wanduhr seines Salons der Provencestraße nicht wehr dm Gegenstand, welcher den eigentlichen Werth der llhr ihm ab- Er würde wahrscheinlich die Frage sehr schlug, an sich hat. indiskret finden." Wir behalten uns vor, auf das delikate Thema zurückzu- kommen. Trochu hatte in der Nationalversammlung den Antrag gestellt, den gestandrechtelten Generalen Thomas und Lecomte ein Trauermonument zu setzen. Der Antrag wurde gegen wenige'Stimmen— darunter die des Pariser Abgeordneten Milliöre— angenommen. Letzterer wurde nun wegen seines Votums von Herrn Sarcey im„Gaulois" angegriffen und richtete deßhalb folgendes Schreiben an ihn: Paris, 29. März. „Mein Herr! Ich lese in dem„Gaulois" von gestern unter der Aufschrift„Herr Milliöre" einen Artikel, in welchem Sie mich über die Motive meines veieinzelten Votums gegen das die Generale Clement Thomas und Lecomte betreffende Gesetz interpellire». Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie ohne Zweifel begreifen, das), wenn Sie mich um Etwas befragen wollten, wo. auf Sie eine Antwort erwarten, es passend gewesen wäre, mir Ihre Fragen persönlich zukommen zu lassen. Trotzdem danke ich Jhneit, mein Heir, für die Gelegenheit, die Sie mir geboten haben, meinem V»tum eine Rechtfertigung zu geben, was ich aus der Tribüne destwegen nicht gethan habe, weil, wenn ich versucht hätte, geaeti diese Gesetze des Hasses zu prolestiren, die Leidenschaftlich- keil der Rechten mir gewist nicht gestattet hätte, mich zu äußern und mit ihrer gewöhnlichen Ehrlichkeit hätten die Feinde der Republik sicher nicht verfehlt, mir die schwärzesten Absichten zuzuschreiben. Sie fragen mich, ob die Hinrichtung der beiden Generale in meinen Augen gesetzlich sej? Während Mernes ganzen Lebens habe ich die Uttverletzlichkeit des me n schlichen Lebens vertheidigt. Nach meiner Ansicht ist die Todesstrafe, auf welche Weise immer sie ausgeübt werde,«in Verbrechen, und jede willkürliche Tödtung, selbst dann, wenn sie mit dem Zugehör gerichtlicher Formalitäten vollzogen wird. ein Mord. Umsowemger kann ich summarischen Hinrichtttiigen bristimmen. Mein Mitleid beschränkt sich nicht nur aus die berühmten Qpter, ich gedenke auch der traurigen Resultate unserer Uneinigkeit und bedaure die eu masse Getödteien, die durch Leute, welche sich Freunde der Oed- innig nanndcn, seit 20 Jahren zu verschiedenen Ge egenheiten, kalten Blutes und ohne Erbarmen gemordet wurden. Ich gedenke der Tau sende unbekannter ungenannter Märtyrer, die den Streichen der Reacti n unterlagen, ich gedenke jener, deren Leben erst vor Kurzem den teufitschen Combinationen jener Verräther zum Opfer fiel, die Frankreich dem Interesse ihrer Partei oder ihrem persönlichen Ehrgeize hiugeopfert haben. Und Sie, mein Herr, fragen noch, ob ich an der öffentlichen Trauer theilnehme? Das Schicksal des Vaterlandes hat mich tief ergriffen, denn sicher- lich leidet Niemand mehr an den Schmerzen desselben, beklagt Niemand bitterer jenen Unstern, den meine Bemühungen nicht beschwören konnten, und welcher, indem er den zivilijatonschen Einfluß Franlreichs zerstörte, auch für die ganze Welt die Quelle des Fortschrittes verstopfte. Aber ich protestire gegen die Errichinng von Trauermonumenten, welch- die Zwietracht schüren könnten, ich weise jene Ceremonicn zurück, welche religiöse Secten in politische umwandeln. Das, mein Herr, sind die Motive meiner Meinung. Und um auf Ihre letzte Frage zu antworten, ei kläre ich, daß ich, in irf» tniP pß(nntPti Spw tnpinoä ßlpmtffoitS'' frtf/ifp nirfk dem ich, wie Sie es sagten, dem ,.Rnse meines Gewissens" folgte, nicht tiur die Gewißheit habe, meinem Mandate, das ich. wie Sie dasselbe ironisch nennen, von meinen„Brüdern und Freunden" erhalten, treu geblieben zu sei»; sondern, daß mir noch die Hoffnung bleibt, von jedem aufrichtigen Menschen die Zustimmung zu erhalten, von allen Jenen, die Zeit gen sind der nnbegründeteu Freude, welche die Schmeichler gelegentlich eines Ereignisses fühlen, das vor Allem für die Republik ein Unglück ist. Genehmigeil Sie k. jc. Mi>liöre." Milliöre ist ein eheinalisier Redakteur der„Marseillaise", also auch einer der„Blulmenschen",— welche die Todesstrafe in jeder Form verabscheuen. Dafür aber suchen wir diesen Brief in den deutschen Blättern fast vergebens; nur die österreichischen drucken ihn ab.— Die Kommune veröffentlicht folgendes Dekret über die Trennung der Kirche vom Staate: „Die Kommune von Paris: in Erwägung, daß das erste der Prinzipien der französischen Republik die Freiheit ist; in Erwägung, daß die Gewissensfreiheit die erste der Freiheiten ist; in Erwägung, daß das Kullusbudget diesem Prinzip zuwider ist. weil es die Bürger gegen ihren eigenen Glauben init Steuern belegt; in Erwägung, daß die Geistlichkeit in Wirk- lichkeit der Mitschuldige der Monarchie gegen die Freiheit war; — bekretirt: Art. 1. Die Kirche wird vom Staate getrennt. Art. 2. Das Kullusbudget wird unlerdrückl. Art. 3. Die Güter, die der Tobten Hand genannt, welche den religiösen Körperschaften augehören, Mobilien und Immobilien, werde» als Nalionaleigenlhum erklärt. Art. 4. Eine Untersuchung über diese Güter wird sofort angestellt, um ihre Statur zu kon- statiren und sie zur Verfügung der Station zu stellen." Unterm 25. März machten der Pariser Civil-Delegirte Raoul Rtgaull und der(seitdem aber von den Verlheidigern der„Ordnung" infam gemordete) Militär-Kommandant General E. Duval ein Dekret bezüglich der Hazardspiele bekannt, welches also lautet:„In Erwägung, daß von den Jndustrie- rittern, welche den öffentlichen Weg versperren und die Patrio- ten zum Glücksspiel jeder Art verlocken, der Bevölkerung ein verderbliches Beispiel geben wird; in Erwägung, daß es un- sittlich ist und gegen alle Gerechtigkeit verstößt, wenn die Leute durch einen einzigen Würfelwurf ohne Weiteres das geringe Vermögen, welches der Sold in die Häuslichkeit der Familie bringt, vergeuden können und in fernerer Erwägung, daß das Spiel zu allen Lastern, selbst zum Verbrechen, führt, wird ver- ordnet— Artikel L: Die Hazardspiele sind förmlich untersagt. Jeder Würfel-, Roulette-, Lotio- w. Spieler wird auf der Stelle arrctirt und auf die Ep-Präfektur abgeführt. Die Einsätze werden zum Besten der Republik konfiszirl. Artikel 1l.: Die Nationalgarde ist mit der Vollziehung der gegenwärtigen Ver- ordnunq beaustragt." Dem„Reich der Gottesfurcht und edlen Sitte", wo das Hazardspiel in Form von Lotterien, ja sogar noch von Spielbanken amtlich gefördert wird, sehr zur Nachahmung zu empfehlen!— Man lese mit einiger Aufmerksamkeit nachfolgenden Artikel der„Kölnischen Zeitung", um aus den zahllosen Beispielen eins zu haben für die Verläumdungen— zumal tölpelhaft ungeschickten—, welche gegen die Kommune geschleudert werden: „Die aus Paris in Brüssel einqetroffenen Nachrichten sind sehr ernst. Die Mitglieder der Kommune sind in Paris vollständig Herren der Lage und treten mit äußers er Energie auf. Die Maßregel betreffs des Eintritts aller Leute bis zu 35 Jahren in die Marschregimenler wird mit Eifer befolgt und Nationalgarden ziehen von Haus zu Haus, um die Widerspensligen einzureihen. Eine Unzahl Leute hat infolge dessen seit dem 5. April Paris wieder verlassen. Diese Auswanderung aus Paris hat jedenfalls den Nachtheil, daß die Zahl der Ordnungs- männer in Paris tagtäglich geringer und eine Reaction im Innern der Stadt also immer weniger wahrschemlich wird. Es wird also leider wohl in Paris zu einem Schreckenssystem kommen. Schon jetzt spricht ein Journal der Kommune, die„Montagne", davon, daß man das Messer der Guillotine wetzen müsse. Nerhaslungen und Hans- suchungen finden fortwährend in Masse statt. Auch Todesurtheile wer- den erlassen, doch wurde bis jetzt Niemand erschossen. Die Gendarmen und Polizeileut« der Versailler Regierung haben die Gefangenen, welche sie gemacht, erschossen. Die StadtHausmänner drohen mit Repressalie», wie zu erwarten war." In einem Athemzuge faselt also die Kölnerin vom Pariser „Schrrckenssystem" und erzählt sie, daß in Paris„noch Nie- maud erschossen worden ist", während sie aus Versailles gerade das volle Gegenlheil zu melden hat. Daß die Guilloline uiiler dem Jubelruse:„Es lebe die Republik!" ain 6. d M. vor der Slatue Voltaire's im Beisein des 137. Bataillons der Ratio- nalgarde und einer großen Volksmenge feierlichst verbrannt wurde— als Symbol der Abschaffung der Todesstrafe— dürfte gewiß hinreichend sein, uin das alberne Märchen vom „Schreckenssystem der Kommunalisteu"*) all absurdum zu führen.— „Es war", lesen wir in der„Deutschen Allg. Zeitung", die es ohne Zweifel— denn sie hat keinen Korrespondenten in Paris oder Versailles— einein anderen gutgesinnten Blatt ohne Quellenangabe nachgedruckt hat,„es war der General Vinoy, welcher den General Duval und zwei Bataillonsfüh- rer der Nalionalgarde erschießen ließ. Derselbe begegnete nämlich den Truppen, welche dieselben mit den übrigen Ge- fangenen nach Versailles abführten. Er ließ die drei vortreten. „Ihr seid scheußliche Canaillen," so rief ihnen der General zu, „ihr habt den General Thomas und Lecomte erschießen lassen. Ihr wißt, was euch erwartet." Er ließ hierauf zehn Jäger vortreten und befahl den Offizieren der Kommune, seldeinwärts zu gehen. Dieselben stellten sich an einem Hause auf, das zu- fälligerweise die Inschrift trug: Duval, Kunstgärtner. Zwei Minuten später stürzten sie unter dem Rute:'„Es lebe die Kommune!" todt nieder. Vinoy und sein Stab wohnten dem Schauspiel an. Die Gensv'armen erschossen am 6. April h Courbevoie einen Mann, seine Frau und zwei Töchter, weil sich zu diesen zwei Nationalgarden geflüchtet hatten. Die beiden letzteren wurden natürlich auch erschossen. Von Repressalien in Paris hat man bis jetzt noch Nichts gehört." Natürlich auch erschollen! Natürlich! Die Bestialität der Ordnungs- und Eigenthumsmänner natürlich!„Dank, Jude, daß Du mich das Wort gelehrt!"— Aus Naumburg vom 3. April wird der„Magdeburzi- scheu Zeitung" berichtet: , Der Nationalhaß zwischen Deutschen und Franzosen, die böse Frucht des kaum beendeten Kriegs, hat auch in unserer, im Ginzen ruhigen.Stadt ein Menschenleben gekostet. Ein in die Heimath zu- rückgekehrter Landwebrmann begegnete aus der Straße einem gefan- gcncn französischm Soldaten, erkannte in ihm denjenigen Feind, wel- iher auf dein Schlachifelde seinen verwundeten Freund aus dem Kn- gelregen getragen, begrüßte ihn kameradschaftlich und begab sich mit ihm in ein Wirlhshaus, wo be de in Freundschaft einige Gläser Bier miteinander verz-hrlen Diese Art des Verkehrs war indessen mcht nach dem Geschmacke einiger der hier westende i Gäste; ste machten dem Wehrmanne darüber Vorwürfe, welcher ihre Bemerkungen ernst zurückwies. Als dies erfolglos blieb, zogen der Wehrmann und der Franzose es vor, das Schanklokal zu verlassen. Einige angetrunkene Gäste folgten ihnen auf die wegen des Topimarktes belebte Straße; es blieb nicht bei dem Streite mit Worten, man ging zu Tbäilichkei- ten über, be> denen Fäuste, Stöcke und Messer gegen den unschuldigen Fr nzosen zur Anwendung kamen Fünf oder sechs Messerstiche, welche derselbe empsi ig, streckten, de» Unglücklichen nieder. Im Lazareth zeigte es sich bei der Unte.suchnng, daß derselbe so lebensgefährlich verwim- det war, daß sein Tod erwartet wird. Der wahnwitzige Schuldige ist verhaftet worden. Die ganze Nanmbnrger Einwohnerschaft ist außer sich über den Schimpf, welchen der Elende der Stadt angethan hat. Das V rhalten der biet internirten Franzosen hat nämlich zu keinen Klagen Veranlassung gegeben." Die„Magdeburger Zeitung" ist eine derjenigen, welche zur Erzeugung dieses Nationalhasses, zu dcsscn drastischer Schil- derung sie jetzt ihre Spalten öffnet, in vorderster Reihe beige- tragen hat. Jetzt erkennt sie ihn als„die bose Frucht des kaum beendeten Krieges"; noch vor 4 Wochen ließ sie lich von einem wegen dringenden Verdachts des Betrugs abgesetzten Leipziger Postsekretair Korrespondenzen schreiben, in denen Die- j enigcn als„Landesoerräther" gemalt waren, welche jener„bö- sen Frucht" vorbeugen wollten.— •) Um den Spießbürger ins Bockshorn zu jagen, nennt die Presse gewöhnlich die Komnlunatisteit— b. i. Anhänger der Kommune— „Kommunisten". Gustav Flourens. Ueber den feig gemmdelen Bayard*) der französischen Sozialdemokratie schreibt uns unter dem frischen Eindruck sei- nes Todes eine hochherzige Frau, die im geistigen Mittelpunkte der Ereignisse steht: „Ich kann Ihnen nicht aussprechen, in welchem Zustanbe der Ausregung, Angst und Berzweiflung wir uns alle hier im Hause befinden. Seit der Junischlacht haben wir nicht Aehn- liches durchgemacht. Ich fürchte sehr, die kommunistische Bewegung, der erste Silberblick in der Dunkelheit, ist verloren(?), und mit ihr alle unsre besten treuesten Freunde. Vor Allem hat uns der Tod von Gustav Flourens aufs Tiefste er- schüllert. Wir waren persönlich mit ihm befreundet. „Sie werden sich erinnern, daß vor einem Jahr um diese Zeit Artikel in der„Marseillaise" über die niederträchtige Be- Handlung der Fenier erschienen. Sie machten in Frankreich und England das größte Aufsehen. Durch diese Artikel, welche von uns ausgingen, kamen wir mit Rochefort und Flourens in Verbindung, welcher letztere sogleich als feuriger Kämpe für O'Donovan Rossa auftrat. Flourens, der nun meuchlings ge- fallen ist von der Hand eines der bonapartistischen Schergen, die jetzt die Barbarendienste für den nvortcm Thiers thun, war eine durch und durch edle Seele. Kühn bis zur Verwegen- heit, abenteuerlich, ritterlich, human, mitleidig, weich bis zur Schwäche(„nichts Menschliches war ihm fremd"), war sein Geist reicbgebildet, war er selbst gelehrt und ein Vertreter moderner Wistenschaft; jung, reich und mit feinen, gefälligen Manieren begabt, wendete sich seine warme, impulsive Natur den Armen, Unterdrückten, Enterbten zu, und nicht blos den Kämpfenden und Ringenden im eigenen Lande, nein, sein großes Herz schlug für jede Nation, jede Race, jeden Stamm. Daher seine aben- teuerlichen Züge von Land zu Land, wo es galt, zu kämpfen und zu ringen. Selbst seine Feinde konnten nichts Anderes von ihm sagen, als:„Kühn wie ein Degen, gelehrt wie ein Lexikon." Er war das rothe Gespenst der Bourgeoisie, das sie in ihm verkörpert sah und daher mit rasender Wuth ver- folgte. Daher der fanatische Jubel in Versailles, das Sieges- lächeln Pkard's, als die hohe, schlanke Gestalt als erstes Opfer vorbeigetragen wurde!" Das Folgende ist der Wiener„Tagespresie" entnoinmen: Von Geburt gehörte Gustave Flourens zu einer weit höheren Äe- sellschastsllasje, als die meisten seiner College» von der Kommunal» Regierung. Sein Vaier war ein bedeiuender Gelehrter, dessen Ruhm weit über die Mauern des College de France, in welchem er docirte. hinauSdrang. Er war Mitglied der„Academie Fran�aise." lebenslänglicher Sekretär der franzosischen Akademie der Wissenschaften, dazu noch Pair von Frankreich und Eomthur vom Orden der Ehienlegio». Der Weg, den sein Sohn von vorneherein eingeschlagen, schien eher auf ein Leben voll großer wissenschaftlicher Thätigkeit, als ans eine Lausbahn von rastlosen revolutionären Unternehmungen hinzudeuten. Im gahre 1838 geboren, gehörte er von seinem Gintritte in das Lycee LouiS-le-Graud ab zu den vorzüglichsten Schülern dieser Anstalt, und erwarb sich nach seinem Austritte sozusagen spielend alle Wissenschaft licheti und literarischen Grade. Als nun im Jahre 1863 anhaltende Kränklichkeit seinen Vater verhiuderte, seinen Pflichten als Prosessor fernerhin zu genügen, erhielt er dessen Stelle und machte sich bei seinen jugendlichen Hörern durch die aihetstischen Ansichten, die er in seinen Vorlesungen zur Geltung brachte, beliebt. Weniger Anziehungskraft üble die Tendenz dieser Vorträge auf das französische Ministerium, welches dem jungen Piofessor auch deutlich zu ver.ehen gab. daß ihre Fonsetznng nicht geduldet werden würde. Gr ließ sich dieses gesagt sein, gab die hrosessur auf und trat eine Serie von Reisen an. Schon zwei Jahre vorher hatte er von seiner außerordentlichen Liebe für die Freiheit einen Beweis geliefert denn er war gelegentlich des letzten Aufiiandes nach Polen geeilt und hatte de» Insurgenten seinen Degen angeboten. Von dieser Expedition kehrte er aber wenig erbaut nach seiner Heimath zurück; die Rebellen waren für seine demo- kralischen W inzipn n zu viel Aristokraten. Hieraus besuchte er England und Velg>en. Als dann die Insurrektion in Kreta ausbrach, stieß er zu den Aufständischen und theiLe ihr Loos ein ganzes Jahr lang. Später wurde er von den Kreleiisern als Vertreter ihrer Sacke nach Athen gesendet: da den dortigen Behörde» aber seine Anwesenheit miß- liebig war, so schickten sie ihn nach Frankreich zurück. Nach einem zwei en Besuche von Athen und einer zweiten zwangsweisen Entfernung aus der Hauptstadt Griechenlands ging er nach Neapel. Hessiger Aitikel halber, die er in einem dortigen Blatte gegen das italienische Ministerium verössentlichte, wurde ihm auch da der Boden zn heiß. Wieder wurde er behördlich ausgewiese». Nun kam die Periode seiner eigentlichen Wirksamkeit. Als er neuerdings in Paris auftauchte, war eine Krise im Eitstehen, die seinen Bestrebungen einigermaßen sörder- lich war. Es war dies im Jahre 1868, gerade als der Kaiser das Versammlungsrecht wieder gewährt hätte. Augenblicklich stürzte sich Flourens mit Herz und Seele in die regierungsseindliche Bewegung. welche dieser Conmsion auf dem Fuße folgte. Er sprach häufig öffent- lich und immer trugen seine Reden einen gewaltsamen Charakter. Mehr als einmal stellte er sich den Einmischungen der Polizeikommissäre bei den Versammlungen, in denen er anwesend war, entgegen, und diese Vergehen wider das Gesetz hattet, seine viermonatliche Emiperrnng zur Folge. Als seine Strafzeit abgelaufen war, feierte er seine Frei- lassung mit einer Heraussorderung an den berüchtigten Paul de Cas- sag», c zu einem Duelle. Die Heraussorderung wurde accepiirt; die Gegner fanben sich aus dem terrain ein und fochten eine halbe Stunde lang erb ttert gegen einander. Flourens trug aus diesem Zwelkampte eine gefährliche Wunde davon, so gefährlich, daß eine Zeit lang sein Leben in Gisahr schwebte. Nach seiner Genesung idenlifirirte sich Flourens mit der Partei, die uuter Rochcforr's Banner svchr, und stand dem geistreichen poli- tischen Pamphletisten in seinem politischen Wirken treu zur Seite. Das Leich.»begängniß von Victor Noir— der bekanntlich von dem Ptinzen Peier Bonaparte in Auteutl e schössen wurde— lenkte wieder die ösientliche Ausnirrtsamkeil aus ihn. Er that sein Möglichstes, um diese Demonstration zu einer politischen E meute zu machen, aber sein diesbezügliches Austreten mißlang, besonders aus dem Grunde, weil Rvchefori anderer Ansicht war. Er rettete sich vor der polizeilichen Verfolgung, die ihn aus diesem Anlasse bedrohte, nach Belgien. Von dort ging er nach London und machte i» der Hauptstadl Großbritanniens kräftige politische Propaganda. Die Ereignisse vom 4. September riefen ihn darauf wilder nach seinem Vaterlande zurück. Während der Be- lagerung von Paris war er die hauptsächlichste Triebfeder aller Un- ruhen, welche im Verlaufe der denkwürdigen Einschließung daselbst stattsanden. Er war die Seele der Erhebung vom 31. Oktober, und einer der ersten Schritte der Meuterer bei der nächsten Gelegenheit war, ihn im Triumphe aus seinem Gefängniß zu holen. Vor einigen Wochen noch wurde er nebst Blanqui zum Tode ver- urlheilt. Die Ausrichtung der Kommune machte diesen Spruch einst- weilig zu nichie und verhals ihm zu einer sehr bedeutenden Stellung. Nun haben es die Geschicke so gewollt, daß er dem gewaltsamen Tode in Einer Gestalt nur entging, um ihm in einer anderen zum Opfer zu fallen. In deutschen Blättern finden wir über Flourens' Ende fol- gendtn Bericht der Pariser„Berits": „Am Morgen des 3. kamen die söderirten Bataillone in Rueil an. Es besand sich zu der Zeit in diesem Städtchen seitens der Ver- *) So hieß ein berühmter französischer Ritter, der sich den Beinamen„le cdevalier sans peur et sans reproche"(Ritter ohne Furcht und Ta- sailler Armee nur ein kleiner Eavallerieposten, der sich vor der Ueber- macht schleunigst zurückzog. Flourens besetzte darauf mit seinen Leuten den Ort. Tausend Nationalgardisten quartierten sich in der Kaserne ein, deren Thore sie de»IEo»cierge(Psörtner)zu öffnen zwangen; andere zer- streuten sich— in die Schänken, Weinhäuser und Privatwohnungen; bei den Fleischern und Bäckern wurden Requisitionen vorgenommen, und als Bezahlung für die fortgenommenen Eßwaaren erhielten sie von der Kommune ausgestellte Bons. „Gleichzeitig ließ Fiourens Barrikaden errichten, um die breite und schöne Allee ab,usperren. Zu diesem BeHufe wurde an verschiedenen Punkten das Pflaster aufgerissen, und die Straße nach St. Germain wurde damit abgeschnitten. Längs der Seine wurde ein starker Tirailleurcordon ausgestellt und der General(Flourens) schlug sein Hauptquartier im Bahnhofe auf. Hier hat er auch nach Augenzeugen, die Rueil bewohnen, seinen Tod gesunden. Eine Abtheilung Gendarmen soll nämlich, auf einem Recogrioscirungsiitte begriffen, trotz der von den Tirailleurs beobachteten Aufmerksamkeit, die Seine in Kähnen übersetzt haben und unvermuthet auf dem Bahnhos« erschienen sein, wo Flourens mit einer Escorte von einigen Offizieren, von einem In- spektionsritte zurückkehrend, eben angelangt war. Als er die feindliche Truppe herannahen sah, zog er seinen Revolver und brachte einem der Gendarmen eine ziemlich bedeutende Wunde bei. Er wurde aber sammt seinen Adjutanten alsbald umringt, ein Kampf mit blanker Waffe entspann sich und der unglückliche General der Kommune fiel. von zwei Säbelhieben tödtlich a»i Nacken getroffen. Der Führer der kleinen Abtheilung soll ihn persönlich geiödtet haben." Diese Nachricht der„Veritö" über die Ar t des Todes von Flourens ist wohl nicht zutreffend. Andere Berichte, sowie Pri- valkorrespondenzen aus Paris scheinen die im obigen Briefe ausgesprochene Behauptung, Flaurens sei durch Meuchelmord gefallen, zu bestätigen. Die Proklamirung der sozialrepublikanischen Commune in Paris.») Paris, 29. März. Die Republik, die Republik I Wer redet von Entzweien? Was Völkerhaß! Die Republik! Als Freie, jochlos das Genick, So treten wir zu Freien! Die Republik, die Republik. Vive la Röpubüque! Freiligrath. Unter dem Einflüsse der gewaltigen Ereignisse stehend, die sich in diesen Tagen vollzogen haben, bin ich leider nicht in der Lage, Ihnen eine ausführliche Schilderung des gestri- gen so freudevollen und glückverheißenden Tages zu geben. Ich habe mich, wie Sie sich denken können, nicht von einer Bewegung ausschließen können, die zum Endziel die Verwirk- lichung unserer Prinzipien hat und meine jetzige Stellung ist eine solche, daß jeden Augenblick die Pflicht an mich herantre- ten kann, gegen den Feind zu marschiren. Noch vor einer Stunde befand ich mich im Kriegsinini- sterium, wo mir mitgelheilt wurde, daß die Zuaven und fanalisch- katholischen Bretonen des Bauernparlaments einen baldigen Ueberfall beabsichtigen.— Hier herrscht jedoch die furchtbarste Entschlossenheit, und man hofft auf einen endlichen Sieg, wenn auch bei dem Mangel an militärischen Führern im Anfange keine günstigen Resultate erzielt werden sollten. — Möglich ist es auch, daß es unseren Deputirten dennoch gelingt, iin entscheidenden Momente der Versailler Regierung Concessionen abzuringen. Ich habe in der letzten Zeit oft daran gedacht, welchen Eindruck unsere Revolution aus die Philister meiner deutschen Heimath gemacht haben möge, und da ich wußte, daß die Versailler Lllgenfabrik die Zeitungen mit Nachrichten in Fülle versorgt, so habe ich mir lebhaft vorgestellt, wie die Philister in den Kaffee- und Wirthshäusern über uns schimpfen werden Deshalb wünschte ich gestern nichts sehnlicher, als daß Diejenigen, die aus Unwissenheit Gegner unserer Sache sind, der Proklamirung der Commune hätten beiwohnen können. Sie würden Achtung bekommen haben vor der majestätischen, Ehrfurcht gebietenden Haltung des Pariser Volkes und sie würden vielleicht im Zorne darüber, daß man ehrliche Männer der Arbeit Plünderer und Gütervertheiler geschimpft, einige Zeitungsschreiber gelyncht(d. h. Volksjustiz an ihnen geübt) haben. Gegen drei Uhr Nachmittags begann gestern der Auf- marsch der Nationalgarden- Bataillone. Festlich geschmückt, unter dem Gesänge der Marseillaise und anderer revolutio- närer Lieder rückten sie heran und nahmen Stellung auf dem Stadthausplatz, in der Rivolistraße und auf dem Boulevard Sebastopol. Außer ihren Bataillonsabzeichen führten sie auch rothe Fahnen mit sich. In den Straßen wogte das Volk, sogar die rechts vom Stadthausplatze befindlichen Barrikaden waren dicht von Menschen besetzt. Vor dem Stadthause war eine rothausgescklagene, drei Stufen hohe Estrade errichtet, die mit rothen Fahnen, phrygischen Mützen und sozialistischen Emblemen entsprechend geschmückt war. Auf derselben fanden sich allmälig die Mitglieder des Ceniralkomitee's ein. Sie trugen theils bürgerliche Kleidung, theils die Uniform der Liationalgarde- Offiziere. Um vier Uhr kündigten Kanonensalven, die sich von Zeit zu Zeil wiederholten, die Eröffnung der Feier au. Die Freude und die Begeisterung, die sich bis dahin nur auf den strahlenden Gesichtern gezeigt hatte, machte sich nun jn einem ungeheuren Jubelgeschrei Luft. Das Volk schwenkte die Mützen, die Nationalgarden steckten ihre Käppis auf die Gewehre und aus der Volksmenge und dem unabsehbaren Wald von Bajon- neten— es waren ungefähr 160, OVO Mann Nationalgarden anwesend— ertönten die donnernden Rufe: „Es lebe die Commune! Es lebe die Republik!" Gleichzeitig spielten die Militärkapellen die Marseillaise. Der Horizont, der bis dah'n mit Wolken bedeckt war, heiterte sich plötzlich auf und die Sonne beleuchtete mit ihren erwärmenden Strahlen das nie gesehene Schauspiel. Es wurde nun zunächst das Resultat der Wahlen, das Ihnen bekannt sein dürfte, verkündet. Darauf hielten einzelne Mitglieder des Komitee's Ansprachen, in denen sie die Be- deulung des Tages kennzeichneten.— Der Beifall, den die Nächststehenden den Rednern zollten, theilte sich der ganzen ungeheueren Mcnschenmasse mit; die Gewählten des Volkes wurden mit stürmischen Zurufen begrüßt. Dem grenzenlosen Jubel folgten erschütternde Szenen der Rührung. Die Augen •) Originalkorrespondenz des„Volkswille", von Leo Fränkcl einem deulschenMtgliede der Internationalen, gegenwärtig Beamter vieler alten Nationalgardisten füllten sich mit Thränen Es waren ja darunter Viele, die in den Junitagen 1848 und im Dezember 1851 selbst auf den Barrikaden gestanden, die den Vater oder den Bruder im Kampf verloren hatten, die selbst die Leiden des Exils gekostet und deren Angehörige in der verpesteten Luft von Cayenne und Lambessa zu Grunde gegan- gen waren.— Sie sahen nun, daß ihr Ideal— die sozialdemokratische Republik— Aussicht habe, verwirklicht zu werden. Nach Beendigung der Feier fand ein Desiliren sämmtlicher Nationalgarden vor den Mitgliedern der Commune statt.— Die Nacht war bereits hereingebrochen und die Sterne standen schon am Himmel, als die letzten Bataillone den Stadlhaus- platz verließen. Der neue Gemeinderath ist nun installirt, eine erdrückende Arbeit lastet auf ihm und wahrscheinlich wird dieser Brief schon von Telegrammen überholt, die Ihnen von Kämpfen be- richten werden, welche die Pariser Commune für ihre Fort- existenz durchzumachen haben wird. Was aber auch kommen möge, der Same, der in diesen Tagen gepflanzt wurde, wird aufgehen und einen Stamm er- zeugen, dessen Aufschwung keine Macht der Erbe verhindern wird. Wir haben nicht vergebens gekämpft, wenn auch die Re- publik noch einmal im Blute des Bürgerkrieges erstickt werden sollte. Der Tag wird kommen, wo die leidende Menschheit sich dem Sozialismus in die Arme werfen muß. Wie nach dem Verfall des römischen Reiches das Christenlhum trotz aller Verfolgungen und Ausrottungen seine Herrschaft errichtete, so wird auch dereinst der Sozialismus über seine Feinde triumphiren. „Spottet de« Völkleins nicht! es hat ja den römischen Adler Eiire geringere Zahl solcher Apostel gestürzt." Die Belagerung von Paris. (Fortsetzung.) Werden sie wenigstens Paris vertheidigen können und wollen? Ihre Pflichten während der 14 Tage, die der Beschießung vorangegangen, waren folgende: 1) Für die Verproviantirung zu sorgen. 2) Sich Waffen zu verschaffen. 3) Die Befestigungswerke zu vervollständigen. Was den ersten Punkt betrifft, so geschah nichts. Paris lebte während der Belagerung von dem Mehlvorrath des Cle- ment Duvernoy und von dem magern Rindvieh, das die Bauern, die sich nach Paris geflüchtet, dorthin gebracht hatten. Man betrieb nicht einmal die Heimführung der Ernte aus den benachbarten Dörfern von Paris. Alles wurde dem freien Willen der Bauern überlassen, so daß die Preußen fast überall Nahrungsmittel in Masse vorfanden. Jn vierzehn Tagen hätte man Zeit gehabt, alle Scheunen und alle Ställe der Normandie zu leeren, ohne das zu rechne», was Havre vom Ausland hätte kommen lassen können. Nach dem berechnet, was die ganze Ostlinie im Anfang des Kriegs an Soldaten und Munition im Verlauf von einigen Tagen weiter befördert, was hätte da die Linie von Rouen in vierzehn Tagen leisten können? Jn Betreff der Waffen war es noch schlimmer. Die Re- gierung hätte sich nicht um die Herbeischaffung bemühen müssen, sie durfte nur die, welche ihr geboten wurden, annehmen. Diese drei Thatsachen werden beweisen, wie die Regierung für die Vertheidigung gesorgt hat. Die erste ist in ganz Paris bekannt. General Cluseret eilte auf die Nachricht von der Proklamirung der Republik her- bei. Er wollte in einigen Tagen 200,00(1 Flinten und 100 Kanonen aus Englaud kommen lassen, man warte nur auf den Befehl, um sie zu erpediien. Cluseret konnte weder eine Audienz, noch eine Antwort er- halten. Cluseret, empört hierüber, beschuldigte die Regierung des Verraths in einein heftigen Artikel, der durch die„Marseillaise", die wieder erschienen war, zur Oeffentlichkeit gelangte. Man hetzte einen Pöbelhaufen gegen die„Marseillaise", der alle Eremplare bei den Kaufleuten und in den Händen der Käufer zerriß; und Rochefort hatte die Feigheit*), an alle Jour- nale einen Brief zu schreiben, in dem er sein altes Organ ver- leugnete und den Herrn Cluseret als Friedensstörer dcnunzirte. Die„Marseillaise" erlag auf einen Stteich. 2. Thatsache. Ein Handelshaus in Bordeaux war mit dein Ministeriuin Palikao über die Lieferung von 40,000 Re- mington-Gcwehren in Verhandlung. Da kam die Proklamirung der Republik dazwischen. Am 7. September kam ein Bcvoll- mächtigler dieses Hauses nach Paris, um durch die neue Re- gierung den durch Palikao abgeschlossenen Handel ratisiziren zu lassen. Gambetta schlug es kurzweg ab, obgleich dieses Haus die nöthige Summe vorstrecken wollte. Dieses wurde mir durch den Bevollmächtigten selbst, am Tage nach seiner Unterredung mit Gambetta in Gegenwart eines meiner Freunde erzählt. Ungeachtet unserer Bitten, wollte er diese Thatsachen nicht durch die Presse bekannt machen lassen. 3. Thatsache.(Man erkundige sich bei der Redaktton des „Combat".) Ein belgischer Waffenfabrikant stellte 70,000 Chassepots zur Disposition der französischen Regierung. Man wird den Grund begreisen, der uns nöthigt, keine näheren Anzeigen zu machen; alles was wir sagen können, ist, daß alle Vorkehrungen getroffen waren, daß die belgischen Behörden kei- nen Wind davon bekamen. Auch er konnte weder eine Audienz, noch eine Antwort erhalten. Inzwischen antwortete man dein Volke, das Waffen ver- langte:„Wir haben keine." Da wir im folgendem Kapitel lange von der Nationalgarde reden werden, so sparen wir bis dahin die Erzählung von dem auf, was inan für die Volksbe- waffnung vor der Beschießung that. Als Paris zernirt war, fand sich nicht ein Gewehr, nicht eine Kanone, nicht ein Sack Mehl mehr, als Palikao und Konsorten zurückgelassen. ** ♦ Ich mache keine Ansprüche auf militärische Kenntnisse; wenn ich aber an die Fähigkeit der französischen Generale denke, so glaube ich, daß ich von dem, was sie ihre Kunst nennen, reden darf, ohne daß sie mir allzuviel Ueberhebung vorwerfen können. Ich klage die Vertheidigung an: 1) die Wälder in der >») Wir müssen ausdrücklich bemerken, daß wir in Beurtheilung der Personen und Dinge nicht durchweg mit dem Verfasser übereinstim« li, Umgebung von Paris nicht rasirt oder verbrannt zu haben: die von Meudon, Clamart, Bondy. Die Preußen setzten sich dort fest und konnten von dort aus alle ihre Bewegungen decken. Der einzige Wald, der abrasirt wurde, war der von Boulogne, der zur Vertheidigung nützlich gewesen wäre. Er bedeckte zwar den Wall von dieser Seite, aber um dahin zu gelangen, hätte» die Preußen einen solchen Hagel von Geschossen, die Kreuzfeuer des Mont Valerien, des Forts Jssy und der Bastionen d'Autcuil und Pont-au-jour passiren müssen, daß die Ueberlebenden leicht durch die im Walde von Boulogne im Hinterhalt liegenden Truppen vernichtet worden wären. Das System der Forts um Paris war an zwei Punkten mangelhaft, bei St. Cloud, das die Batterien des Mont Vale- rien nicht wirksam genug bestrichen, und da, wo das Fort d'Jssy durch die Höhe von Meudon und Clamart und St. Cloud be- herrscht war; endlich waren die Süd-Forts alle durch die Höhe von Chatillon beherrscht, die unter anderem den ganzen Süd- theil von Paris im Zaume halten. Das Ministerium Palikao, dem man alle Vorbereitungen zur Vertheidigung verdankt, hatte die Befestigungswerke am Montretout und in Chatillon begonnen. Ich habe da einen Satz gesagt, der mich zu einer Paren- these veranlaßt:„das Ministerium Palikao, dem man alle Vor- bereitungen zur Vertheidigung verdankt." In der That war es Palikao, der die Marinekanonen kommen ließ, die so lange den Feind entfernt hielten. Mit den Kanonen waren auch ge- schickte Stückrichter �pointeurs) der Flotte angekommen; auch die Mobilgarden hatte er in Paris zusammengerufen, ebenso die Douaniers, die alten Soldaten und andre Korps, die mit der Nationalgarde Paris verthcidigten. So ließ er auch die oben- erwähnte Lücke durch die Festungsarbeiten von Montretout und Chatillon ausbessern. Alles, was Trochu und Genossen vor der Beschießung thaten, war, daß sie die Kanonen, die noch nicht auf ihren La- fetten waren, aufpflanzen ließen. Vom militärischen Stand- punkt aus machten sie es noch schlimmer, als die Bonapartisten, wie sie auch in Betreff der Politik noch reaktionärer waren, als die kaiserlichen Minister, was wir an anderer Stelle beweisen werden. Am 4. September waren die Arbeiten auf keiner der bei- den Seiten beendigt. Die neue Regierung setzte sie fort, aber mit welcher weisen Langsamkeit! In Chatillon waren 4200 Ar- beiter beschäftigt. Ich habe mit mehreren unter ihnen gesprochen. Sie sagten mir, daß, wenn man 40,000 Mann hingestellt hätte, alles bis zur Ankunft der Preußen fertig gewesen wäre. Und es handelte sich um den Schlüssel von Paris. Ebenso verfuhr man in Montretout, so daß am 27. September, wenn ich nicht irre, die Avantgarde der preußischen?lrmee, die in Sceau auf das Korps des Generals Vinoy gestoßen und es zurückgeworfen, sich der Positionen von Chatillon und Montre- tout bemächtigt hatte; dadurch konnten sie sich trotz der Forts 4 Kilometres von Paris niederlassen. Eine unbegreifliche Panik schien im Schooß des Kriegs- raths zu herrschen. Ntan gab ohne Schwertstreich alle Dörfer vor den Forts auf. Jedes der Dörfer, das vcrbarrikadirt und durch das Feuer der Forts geschützt war, hätte dem Feinde bei einer kleinen Anzahl von Vertheidigern ungeheuren Verlust ver- ursacht. Die Preußen haben seither gezeigt, welchen Nutzen man aus Dörfern ziehen kann, selbst wenn man keine Forts hinter sich hat, die den Rücken decken. Die Panik griff nun um sich. Die Dörfer zwischen den Forts und dem Festungsumkreis wurden geräumt. So wurde Pcteaur, das den Befestigungswerken gegenüberliegt und vor sich den Mont Valerien hat, geräumt und die preußischen Plänkler schickten unverschämter Weise Kundschafter bis unter die Mauern von Paris. Dank der Dummheit, die Wälder stehen zu lassen, konnten sie sich ungesehen bis zur Marne schleichen, von da in das Gehölz von Vincennes, wo sie sich einige 100 Metres vom Fort festsetzten. Nur mit Mühe konnten sie verjagt werden. Kaum im Besitze der Dörfer vor den Forts, beeilten sich die Preußen, sie zu befestigen; sie hielten sich dort, trotz der bedeutenden Verluste, die ihnen das Feuer der Forts beibrachte, und so bildeten sie nach und nach einen großen Kreis von be- festigten Plätzen um Paris herum. Welche Gedanken leiteten denn diese unzulänglichen Män- ner, denen Paris sich zu seinem Unglück anvertraut hatte? Sie glaubten ebenso wenig an den Widerstand, als an die Revolution, diese Leute wollten um jeden Preis den Frieden. Als Männer des Worts und nicht der That, erstrebten sie eine geregelte Regierung, um ihre unerschöpfllichen Reden zu halten, unthätig wie sie waren, glaubten sie nicht an die Macht der Thäligen, in ihrem Kleinmuth glaubten sie nicht an den Muth; dem Parlamentarismus ergeben, sahen sie außer ihm nur die Anarchie. Gleich bei ihrem ersten Auftreten ließ sich ihr Spiel diirch- schaucn und nur die blinde Bevölkerung von Paris konnte sich täuschen lassen. Den 5. September, sollte man es glauben? wagten die bonapartistischen Abgeordneten, die schon in Hast hätten sein sollen, um ihren Urtheilsspruch zu empfangen, in der geheimen Sitzung des gesetzgebenden Körpers sich zu versammeln, und hier bat sie Herr Thiers, sich der provisorischen Regierung anzuschließen. Er versprach, die Regierung werde artig sein und selbst Rochcfort werde sich wohlgezogen benehmen. Diese elenden Dikta- ■f!rm 0Dcr'?n3ten von der bonapartistischen Fäulniß eine Sanktion ihrer Legitimität. Ihre Anerbictungen wurden von den Abgeord- � Vergnügen machten, im Namen des„verletz- ten Rechts" zu protestiren, verächtlich abgewiesen. Hierauf pflo- gen die Herren interessante Diskussionen, während Herr Thiers sie beschwor, an sich zu halten. Schließlich trennten sie sich, ohne etwas beschlossen zu haben. Von hier aus vertheilten sie sich in den Provinzen, um die Proklamirung der Republik zu verhindern und den Wider- stand zu paralysiren(lähmen). Da es ihnen nicht gelungen war, die Sympathien der Bonapartisten zu erlangen(sie ward ihnen später zu Theil, als sie sich ihrer würdig gezeigt), so suchten sie sich mit den Fremden 5" versöhnen. Thiers, diese alte politische Vettel, schien ihnen n passendste Mann dazu, er bot sich auch selbst dazu an. �öenn in den gemeinsten Ränken und in der Kunst, nach großen Stürmen seine kleine Persönlichkeit zur Geltung zu brin- gen, das uon plus ultra der Politik besteht, so ist Hr. Thiers eine politische Größe. Er hatte Theil am Ministerium Ollivier genommen, ohne darin zusein, indem er sich vorbehielt, je nach der Sachlage die Vaterschaft desselben anzusprechen oder zu ver- leugnen. Ebenso machte er es mit der Regierung der nationa- len Vertheidigung und Viele rühmten seine Uneigennützigkeit, weil er die Ehre ablehnte und sich doch seiner Aufgabe widmete. Er reiste an allen Höfen herum, um die französische Republik anzubringen und sich das Wohlwollen der Regierungen zu erwerben. Die Art der Angreifung ist nicht schwer zu erra- then:„Laßt euch durch das Wort Republik nicht erschrecken, wir können euch für den Augenblick nichts anderes bieten, aber es wird nicht von Dauer sein; seid uns behülflich, uns aus dem Handel herauszuziehen und wir versprechen euch in Kurzem eine Restauration. Ihr werdet begreifen, daß ein Mann wie ich, sich nicht herbeiläßt, Schritte für die Republik zu thun." Nachdem er so sein Pensum in London, Wien und Peters- bürg hergesagt, kam unser kleiner Staatsmann wieder nach Pa- ris mit einem Empfehlungsschreiben an Bismarck, und der grimme Bismarck geruhte, sich zu einer Unterredung mit einem der gro- ßen Männer herabzulassen, welche die Geschicke Frankreichs leiteten. Eine Audienz mit Bismarck, welch ein Traum! I. Favre ließ sich eine solche Gelegenheit nicht entwischen. Er eilte in aller Hast nach Ferneres, wo er nach eintägigem Antichambri- ren zugelassen wurde, um seine Knicbeugungen vorzubringen. Er kam mit einer wohleinstudirten Vertheidigungsrede an, denn bei jeder Gelegenheit meinte dieser Advokat, im Assisenhof zu sein. Er war so naiv zu glauben, daß er mit ein paar rechtzeitig vergossenen Thränen das Herz Bismarck's rühren könne, da die Deuffchen von jeher im Ruf der Sentimentalität ge- standen. Bismarck schlug diesen von Wind aufgeblasenen Staats- mann platt und schrieb ihm seine harten Bedingungen vor. Wenn er nicht das schnaubende Paris hinter sich gehabt hätte, wie freudig hätte unser Jules Favre alles unterzeichnet! Man hätte ihn nicht jene vollklingenden Worte sagen hören: „Nicht einen Fingerbreit von unsrem Gebiet, nicht einen Stein von unser» Festungen". Aber Paris war hinter ihm, er war daher gezwungen, die Verhandlungen abzubrechen und mit der ganzen Schande eines mißlungenen Versuchs zurückzukehren. Während I. Favre in Ferneres war, bemächtigten sich die Preußen Chatillon's, wie wir oben bemerkt, und zwei Tage spä- ter war die Beschießung von Paris vollständig. (Fortsetzung folgt.) Wählen. Mag man über das Prinzip der Repräsentation(Vertre- tung) denken, wie man will— so lange dasselbe herrscht, kommt es daraus an, die Repräsentation wenigstens zu einer Wahrheit zu mackien, d. h. eine solche Repräsentation zu erzielen, welckie die Wählerschaft treu und m der richtigen Proportion vertritt. Bei den jetzt in Anwendung befindlichen Wahlarten ist dies nicht möglich. Das Ticketsystem— Wahlliste gegen Wahlliste — wie es theilweise in Amerika(und auch in Deutschland bei städtischen Wahlen) besteht, ekrasirt*) die Minorität, läßt sie voll- ständig unvertreten. Das in Europa gewöhnliche System der Bezirkswahlen(Zerschneidung des Wahlkörpers in Abtheilun- gen, von denen jede einen Vertreter zu wählen hat) wirkt völlig nnberechenbar, 4) kann es wirken, wie das Ticketsystem(wenn die Parteien in den verschiedenen Bezirken gleichmäßig vertheilt sind) 2) kann es, umgekehrt, der Minorität der Wählerschaft die Majorität der Repräsentation geben. Kurz Willkühr und blinder Zufall, den eine kluge Regie- rung(durch geschickte Zurechtlegung der Bezirke) aber recht wohl zu ihren Gunsten korrigiren und lenken kann. Betrachten wir die letzten Sächsischen Reichstagswahlen: 23 Abgeordnete waren zu wählen. Gestimmt haben etwa 200.000 Wähler(bloß 40°/«!). Davon 407,000 für dieBour- geoisie(sammt Anhängseln und Abhängseln). Von den übrigen 93,000 Stimmen fallen ungefähr 48,000 auf die Bundesstaat- lich-Konstitutionellen(Partikularisten), 45,000 auf die Sozial- demokraten.**) Nach dem Ticketsystem hätte die Bourgeoisie sämmtliche 23 Abgeordnete gewählt— die 93,000 Wähler wären durch die 407,000 einfach mundtodt gemacht worden. Und wie war es jetzt? Gewählt wurden 46„Liberale" (Bourgcoisabgeordnete— Fortschrittler, Nationalliberale): 5„Bundesstaatliche" und 2 Sozialdemokraten. Von den 16„Liberalen" hat jeder durchschnittlich 6700 Stimmen; während auf die 5 Bundesstaatlichen je 9600, und die 2 Sozialdemokraten sogar je 22,500 Stimmen kommen. Eine„liberale" Stimme wog also fast um ein Drittel schwerer als eine buudesstaat iche und mehr als dreimal so schwer als eine sozialdemokratische. Oder anders ausgedrückt: zwei„liberale" Wahlzettel hatten die näm- liche, ja noch mehrWählkrgft als drei bundesstaatliche und sechs sozial- demokratische— ein flagranter Verstoß gegen die G l e i ch h e i t des Wahlrechts. Der Umstand, daß die verschiedenen siegreichen Kandidaten in ihren bezüglichen Wahlkreisen eine ziemlich gleiche Stimmenzahl(zwischen 4000 und 6000— sagen wir durchschnittlich: 5000) erhielten, berührt nicht den Kern der Sache, obgleich er ihn dem oberflächlichen Blick verhüllt. Gewählt wurden eben die 23 Kandidaten, welche in den 23 Wahlkreisen die höchste Stimmenzahl, zusammen ungefähr 445,000 Stimmen bekamen. Die übrigen abgegebenen Stimmen, 85,000 an der Zahl, zählten nicht und gingen verloren. Aus der unglei- che» Vertheilung dieser 85,000 Stimmen resultirt aber die soeben angedeutete Durchschnitts- Verschiedenheit der den abgegebenen Stimmen gehörigen Wählkraft. Das bei der letzten Wahl erzielte Resultat, so ungerecht es ist, hätte einen noch weit unrichtigeren Reflex liefern können. Es war bei gleicher Stärke der Parteien möglich: 4) daß die 407,000„Liberalen" alle 23 Sitze bekamen; sie brauchten nur, wie schon angedeutet, gleichmäßig durch das Land vertheilt zu sein. 2) war möglich, daß sie, die Majorität, umgekehrt nur eine Minorität von Vertretern durchgesetzt hätten, also von der Minorität majorisirt worden wären. Theilen wir die Ge- *) erdrückt, wirft nieder. **) Es handelt sich hier nur um Klarmachung der Sache. Darum habe ich auch die Zahlen, auf denen das Raisonnement fußt, keiner Kritik unierworfen. Bei genauere» Betrachtung würden sich die IllV.lltX) „lweralen" Stimmen qroßentbeilS in blagp' sammtzahl der abgegebenen Stimmen(200,000) durch die Zahl der Wahlbezirke(23), so ergiebt sich 8695 als Durchschnitts- zahl der in den einzelnen Wahlbezirken abgegebenen Stimmen. Die absolute Majorität per Wahlkreis ist darnach 4348. An- genominen nun, die zwei Minoritäten verbündeten sich gegen die Majorität, so konnte es geschehen, daß diese bloß zwei Kandidaten durchsetzte.(In zwei Wahlbezirken alle Stim- men— 48,390, und in den übrigen je ein paar Stimmen weniger, als die absolute Majorität.— Hatte die Majorität einige Tausend Stimmen weniger, oder die Minorität einige Tausend mehr, so war sogar möglich, daß die Majorität bloß»nit Einein Kandidaten, von 23, durchdrang!) Es ist dieß allerdings ein extremer Fall, der sich in Wirk- lichkeit kaum vollziehen kann, aber zwischen diesein erttemen Fall— Majorisirung der Majorität durch die Minorität— und dem andren extremen Fall— absolute Majorisirung der Minorität— muß das wirkliche Resultat stets mit berechneter oder unberechneter Willkühr hin- und herschwanken. Soll die Volksvertretung den Gedanken- und Gefühlsströ- inungen des Volks in Wahrheit entsprechen, so müssen die bisherigen Wablarten bei Seite geworfen und durch eine vernünf- tigere ersetzt werden. Das Heilmittel bietet sich uns so zu sagen von selbst dar, wenn wir den Wahlkörper als Ganzes bettachten, das Wahl- recht von den künstlich geschaffnen lokalen Schranken befreien und jedem Sttinmzettel, so weit es praktisch möglich, die gleiche Kraft geben, indem wir das Recht, einen Abgeordneten zu wäh- len, an eine gleichmäßige Stimmenzahl knüpfen. Für ein neues Wahlgesetz dürsten demnach folgende Punkte vorzuschlagen sein: 4) Die Wähler des Staats bilden Einen untheilbaren Wahlkörper. 2) Jede abgegebene Stimme gilt für den ganzen Staat. 3) Jeder Wähler hat das Recht, Stimmzettel abzugeben, welche so viel Namen enthalten können, als Abgeordnete zu wählen sind. 4) Die Wähler haben das Recht, gedruckte Stimmzettel abzugeben. Die Stimmzettel sind in, von den Behörden gratis zu liefernde Couverts gleicher Farbe und gleicher Forn» cinzu- schließen, und, nachdem die Identität des Wählers festgestellt, von diesein in die Wahlurne zu werfen. 5) Nach der Wahl werden die abgegebenen Stiinmen zu- saminengezählt, und mit der Zahl der zu wählenden Abgeordne- ten dividirt: das Resultat ist die zur Wahl eines Abgeordneten erforderliche Stimmenzahl. 6) Jeder Kandidat, der an den verschiedenen Abstimmungs- orten so viel Stimmen erhalten hat, daß dieselben zusammen die erforderliche Stimmenzahl erreichen, ist gewählt. 7) Auf gleichlautende, mehrere Namen enthaltende Stimmzettel sind die Stimmen derart zu repartiren, daß die auf den Stimmzetteln befindlichen Namen in der angegebenen Reihenfolge berücksichtigt werden; Fraktionen über die Hälfte der zu einer Wahl erforderlichen Stiinmenzahl werden voll, Fraktionen unter der Hälfte nicht gerechnet. Von unwesentlicheren Bestiininungen sehe ich für heute ab. Gelegentlich werde ich mehr ins Einzelne zehn. Das Gesagte reicht wohl hin, eine klare Vorstellung zu geben. Angedeeitet sei bloß, daß bei einem solchen Verfahren jede Partei mit gleichlautenden Wahlzetteln wählen wird, welche die sämmtlichen Parteikandida- ten in entsprecheirder Reihenfolge(die, auf deren Wahl die Par- tei das meiste Gewicht legt, voran) enthalten. Nach einem Wahlgesetz, wie es hier vorgeschlagen ist, wären in Sachsen bei der letzten Wahl 5 sozialdemokratische Abgeordnete(statt 2), 6 bundesstaatlich- konstitutionelle(statt 5) und 42„liberale"(statt 46) gewählt, und dainit eine dem Stimmen- verhältniß genau enssprechmde Vertretung erzielt worden. Doch das ist noch nicht Alles. Unter den oben verzeichneten Stiin- men sind viele Tausende, die»viderwillig abgegeben wurde», weil der Stimmende keinen besser geeigneten Kandidaten hatte; oder die absichtlich einem gegnerischen Kandidaten gegeben wurden, um einen zweiten, noch unangenehmeren zu Fall zu bringen. Ferner haben in vielen Bezirken Tausende von Wählern deschalb gar nicht gestimmt, weil sie von vornherein überzeugt waren, daß ihre Stimme verloren sein würde. Derlei Zwangsabstiin- mungen, Kompromisse und Enthaltungen fallen bei dem vorge- schlagenen Wahlsystem, wie auf der Hand liegt, hiniveg— ebenso die lästigen engeren Wahlen und die Nachwahlen. Außerdem haben wir noch den weiteren Vortheil, daß einer- seits inehr für Prinzipien, als für Personen gestimmt und damit der leidige Personcnkultus an der Weirzcl angepackt wird; daß anderseits aber auch zugleich die Rechte des Jndi- viduums besser gewahrt werden, als jetzt der Fall ist, da es für Jemand, der sich keiner der bestehenden Parteien anschließen will, aber einen S tz in der Volksverttetung wünscht, iveit leichter ist, im ganzen Staatsgebiet, als in einem Bruchtheil dcsset- ben die erforderliche Stimmenzahl zu bekommen.*) Lunzenau. sNachtiägliches über Wahlumtriebe.*) Viele unterer Wähler wurde» den 3. März abgewiesen, weit ihr Name in der Wäb- lerliste fehlte. Letzteres aber wurde nur dadurch ve> schuldet, dan die Bekanntmachung beireise Auslegung der Wahlerlinc nur durch vier kleine, geschriebene Plakate erfolgte.— In Fahnsheim. Langenleuba und Oberheim sind die Nachtwächter von den Wavlvor- stehern mit Zettel herumqefchickt worden, woraus der Bermert stand. v. N o Üi H-Wallwitz sei zu wählen, die fertige» Stimmzettel seien an der Wahlurne zu haben. In Rochlitj. wurden für denselben viele Stimmen durch Geld und Schnaps gekauft. Kein Wunder also daß unser Kandidat durchsiel, zumal wen» wir bedenken, daß im nördlichen Tbeil unsers Bezirks wenig agitirt wurde, in 9 Stätten sogar noch keine sozialdemokratischen Vereine sind. Bei der Stichwahl winden gedruckte Stimmzettel, unterzeichnet von ittergulSbesiper K»achte auf Neu taube»ha in und Kart Mehner! aus K lottert ein an die Wahlvorsteher geschickt. *) Diese flüchtige Skizze wurde vor 3 Wochen im Gesängniß ge- schrieben, und ich theile sie nur als Skizze mit. Der t-tegenstand be- schäftigt mich seit längerer Zeit. Schon 1349 hielt ich im Genfer Arbeiterverein einen Vortrag darüber. Der Grundgedanke ist derselbe, wie im Hare'schen System, nur daß Harc(der 1353 schrieb) durch An- lehnung an das monströse englische Wahloersahren ihn zur Un'ennt- lichkeit entstellt und jeder praktischen Bedeutung entkleidet hat. Eine Reihe von Abhandlungen über dieses Thema, die ich 1396 im„Deut- scheu Wochenblatt" zu vcrössentl che» begann, und 1867 i» der Berliner Stadtvoigtei vollendete, werde ich in Broschürensorm heraus- geben, sobald esmirgelungen, das Chaos, welchesdie im öezcmder bei mir vorgenommene Haussuchung in meinen Papieren geschassen hat, einigermaßen zu bewältigen, und der betr. Manuskripte habhasl�u werden. '*) Der erste Theil des Berichts mußte, als bereits anliquirt, weg- »TVrfsk'n nxM-Sgn AV Schluß der politifchen Uebersicht. In Berliner Blällern finden wir als Beweis für den moralisiren- den Einfluß des deulsch-französischen Kriegs die Thatsache erwähnt, daß die Zahl der Straf- und Untersuchungs-Gefangenen seit dem Beginn des Krieges weil unter dein Durchschnitt ist. Eine ähnliche Wahrnehmung hat man m Zwickau gemacht, und wird sie nun, da die Aufmerksamkeit erweckt ist, überall machen, wo es deutsche nationale Zuchthäuser giebl. Diese Erscheinung ist für den ersten Augenblick um so auffallender, als man nach den allge- meinen psychologischen Erfahrungen gerade das Gegentheil erwarten sollte, da das Beispiel der im Kriege herrschenden Zuchtlosigkeit und Gewaltthätigkeit erfahrungsmäßig zum Ver- brechen reizt.— Wie ist die obige Erscheinung also zu erklären? Auf folgende Weise: Die Zahl der Verbrecher ist allerdings während des Krieges gewachsen und wird auch in diesem Jahre ansehnlich steigen; aber die Gefängnißstatistik von 1870 ist nicht maßgebend, weil 1) sich ihr alle diejenigen Verbrechen enlzie- hen, welche in militärischer Gestalt verübt wurden und 2) viele Individuen keine Gelegenheit zur Ausübung von Verbrechen in der Heimath hatten, indem sie durch den Keld- dienst der etwa gehabten schlechten Absichten und Gewohnheiten entrückt und dazu gezwungen wurden, ihre verbrecherischen Experimente an den„verrotteten" Franzosen, also in corpore vill statt an den eigenen Landsleuten zu machen. Im nächsten Jahre— vorausgesetzt, daß die Mannschaften in die Heimath entlassen werden— dürfte das Resultat der deutschen Criininal- statistik ein anderes sein. Nicht zufällig ist es ferner, daß gleichzeitig mit obiger criminalstatistischer Wahrnehmung die aus verschiedenen Soldaten- briefen geschöpfte Notiz durch die Zeitung läuft, die deutschen Soldaten in den okkupirten Prov'iizen schrieben jetzt so häusig nach Hause behufs Geldunterstlltzung, während dies im Lauf des Krieges selten oder gar nicht vorgekommen sei.— Nun, man braucht sich bloß daran zu erinnern, daß während des Krieges sogar viele Soldaten Geld- und Werthscndungen aus dem Felde nach Hause geschickt haben, welche nicht vom Sold erspart sein können und einen Vergleich zu ziehen zwischen der gegenwärtigen regelrechten Verwaltung in den okkupirten Provinzen und der Anarchie während des Krieges— und man kann sich dann über das Ganze leicht einen Vers machen. „Herr Vogt." In den offiziell, im Auftrag der Französischen Regierung veröffentlichten„fupiers et Correspondance de la famllle imperiale"(„Papiere und Correspondenz der kaiserlichen Familie") findet sich in der Rubrik der alphabetisch aufgezählten Empfänger bonaparte'scher Gelder unter dem Buch- staben V wörtlich: „VoAt; il lui est remis en aoüt 1859 40,000 Fr." Zu Deutsch: „Vogt; empfing imAugust 1359 40,000 Francs."*) Zu den vielfachen Verleumdungen, welche gegen die Communa- listen erfunden worden sind, gehört auch die: Assy sei bei einem Frauenzimmer zweideutigen Rufs verhaftet worden. Darob große Entrüstung bei den deutschen Bordellologcn über die„Uu- sittlichkeit" der Franzosen überhaupt und der„Rothen" speziell, Entrüstung besonders darüber, daß der Ardeiter Assy, welcher „von niederer Herkunft" ist, in seiner hohen Amlsstellung gleich ausschweifend geworden sei! Die ganze Geschichte ist— wie sich leicht denken läßt — erfunden. Aber selbst wenn sie wahr ist, woher nehmen die deutschen Bourgeoisblätter den Much, den Proletarier Assy wegen Besuchs in eir.em Hause zu beschimpfen, wie deren in unseren größern Städten zahllose amtlich geduldet oder gar conzessionirt sind? Oder glauben jene Blätter etwa, daß die öffentliche» Häuser, weil von den Stadtverordneten der Bourgeoisie conzessionirt, auch darum für die jeimesse dored**) allein eingerichtet seien? Wir glauben nicht, obschon es uns keineswegs einfällt, in dem Kampf um dieses Privi- legium uns zu erhitzen. Eine gründlichere Erledigung als wir sie herbeiführen könnten, dürste diese schwierige Frage vielleicht erfahren, wenn gewisse Damen der Frauenemanzi- pationsvereine, deren Männer in den städtischen Collegien über die Ertheilung von Bordellconzessi o- nen verfügen, die Gefälligkeit haben wollten, üoer das in Rede stehende interessante Thema einen Vortrag zu halten. Ein aus Paris datirender Preußischer Polizeiagent schreibt der„Deutschen Allgem. Zig." über das Pariser Blatt„Pöre Duchesne":„Ein Straßenblatt, in welchem das Wort Schuft — gering anzuschlagen— zwanzigmal auf jeder Seite in allen Lettern zu lesen war. So weit kann ein Volt sinken, wenn es dem Abschäume desselben gelingt, das Heft in die Hand zu bekommen." Wir erlauben uns, das Gesagte auf palrio- lisch zu übersetzen und franko an die Adresse der„Deutschen �llg. Ztg." zu richten, deren„internationale Bestien" unsern Lesern noch in frischem Gedächlniß sind. Außerdem möchten wir mi die bekannte Aeußerung Varnhagens von Ense über die Vortheile, welche es hat, einen Schuft— Schuft zu nennnen, erinnern. Es ist besser verständlich, als eine parlamentarische Umschreibung und— es erspart Zeil. Der„Voltswille" ist wegen der in unserer heutigen Nummer abgedruckten Pariser Correspondenz über die Proklamirung der Commune co ns iscirc worden. Gleichzeitig wurde eine Volks- veffainmlung in Laibach(Tagesordnung: Die Lage in Oest- reich und Frankreich. Referent: Most) als„staatsgefährlich" verboten. In Sunderland in England ist ein großer Strike aus- gebrochen. Die dortigen Maschinenarbeiter, welche b.sher 10'/, •) Die Parteigenossen, welche uns wegen Nichtberücksichtigung der Vogt'schen Aussähe gegen die Annerion des Elsasses und Lothrin- qenS tadelten, und sich den Hinweis auf die bekannte Marr'sche Bro- schüre nicht genügen ließen, werden jetzt wohl befriedigt sein. Unsere Pariser Freunde bitten wir aber um Uebersendung des ganzen Re- S isters: wir sind überzeugt, manchen alten Bekannten darin zu finden, er weiland als„Mitstrolch" Vogt's in Bonapartismus machte, und jetzt, aus gleichen Beweggründen und mit gleicher Begeisterung, Bis- marck'schen Patriotismus hansirt. '") Eigentlich: Vergoldete Jugend. So nannte man vor 80 Jahren die mit Gold und aussallenden Kleidern prunkenden jungen Leute der Stunden täglich arbeiteten, beschlossen Ende des vorigen Monats, vom 3. April an nicht länger als neun Stunden täglich zu arbeiten. Der Beschluß wurde den Fabrikanten mitgetheilt, von diesen aber nicht berücksichtigt, und die Folge davon ist, daß sämmtliche Maschinenfabriken in Sunderland und der Umgegend seit dem 3. d. still stehen. Die Neunstundenbewegung scheint als Uebergang zu einer Agitation für den 8 stündigen Arbeits- tag in England allgemein werden zu wollen. Der Normal-ArbcitStag. (Schluß.) (In Folge eines bedauerlichen Versehens beim Umbrechen ist das Ende des Schlußabsatzes der Abhandlung über den„Normalarbeitstag in voriger Nummer weggeblieben. Der Schlußabsatz lautet vollständig:) Man spricht zwar auch von oben herab von Steuerreform, ver steht aber nicht Herabminderung derselben darunter. Man will die Steuern nur minder empfindlich und ihre Erhebung minder kostspielig machen. Die empfindlichste Steuer ist aber gerade die beste: wenn eine Steuer recht empsindlich ist, lehnt sich auch der Stumpfsinnigste dagegen auf. Lasset uns also gegen das Handgreifliche, die Steuer», in geschlossenen Reihen vorgehen. Da die Steuern verwendet werden zur Erhaltung Derer. die vomMärke desBolkes zehren, s.> bedeutet jede Herabsetzung derSteuern. daß man sich entschlossen hat, oder sich genöthigt sah, einige der Mark' jauger des Volkes bei Seite zu schieben. Ein solcher ist schon werth. daß die Arbeiter die Muße, die ihnen ein Normalarbeitstag gönnt. auf die Beschäftigung mit der össentlichen Angelegenheit, i>. i. au Politik verwenden. W. Bom Rhein. Dietzgen's zwei im„VolkSltaai" veröjsentlichte Reden haben mich aus einem Ideal- Sozialisten zu einem Real-Sozialisten gemacht und süble ich mich seitdem vi l sicherer in meinen sofial-politischeu Nrlheilen Ich empfehle deshalb allen Deujcnigen, die vielleicht noch Ideal-Sozia- listen sind, wie ich es bis vor Kurzem war, ein häufiges Lesen der genannten zwei Dietzgeu'schen Reden, die ja in Ihrem Verlage im Sepw rat-Äbdruck zu haben sind. Die Gleichberechligung(nicht zu verwechseln mit den Mensche»' rechten) ist dem lstenschen nicht angebore», sagt Dietzgen, sondern sie muß erworben werden. Derjenige in unserer menschlichen Gesellschaft, de: sich wohl fühlt in Schmatz und Verkommenheit, sei er Bourgeois ooer Proletarier, bat sich erst zu vervollkommnen, um würdig und be rechtial zu sein, in dieselbe ausgenommen zu werden. Derjenige aber, der sich in einer solchen emsiltlichenden Lage im- wohl süblt. herauszukommen strebt, und in seiner gesellschaftlichen Steh lung zunehmende Äufmerksamkeitundzunehmenden Fleiß verwendet, hat vernunftgemäß Anrecht aus Gleichberechtigung, inag er ein armer Teufel sein oder nicht. Betrachten wir z. B. einen Eisenbahn-Weichensteller, ein-n der uniergeordnelsten Beamten der großen Elsenbahn-Jnstitute. Zunehmende Ausmerlsamkeit, Zuverlässigkeil in seinen Verrichtungen haben ihn heutzutage von einer Taglöhirer-Natur, die ohne des Meisters Ilete Aussicht ehedem nur mit wenigen Ausiiahiiicn selbstständig seine i>rbeiteu v.rrichien konnte, zu einem verlässigeu Beamten gemacht, dem jeden Tag tausende von Meiischenlebeu und hunderttausende von Werth gegenständen anvertraut sind. Dieser cultivirte Arbeiter verd enl die Gleichberechtigung, wenn er pflichtgelreu ist, viel mehr als der Aktionär, der durch wer weiß was für Zufälle und Mittel aktionärsfähig geworden ist und persönlich zum Gewinn des Eisenbahnunternehmers gar nichts beiträgt. Aber dennoch belohnt gerade nur diesen unser aufgeklärtes Zeitalter, währenddem die Klasse der Beamten solcher und anderer capilalistjjcher Unternehmer gerade diejenigei, sind, die das Ver dienst haben, die Dividenden gemacht zu haben. Diese speist man mit kümmerlichem Lohne ab. Denken wir uns das Institut unserer Eisen- bahngesellschaiten z. B. nun aber im Interesse aller Derer betrieben, die das ganze Unternehmen ermöglichen und psiichlgerreue Weichensteller Werkiiati-Ärbeiter, Kondukteure. Lolomoiivensührer, Kajsirer und Direk- loreu tc. auch als Gleichberechtigte bei dem Gewinne desselben, denken wir uns ferner deren Kranken-, Sterbe-, Unlcrstützungs-, Alterversor- guiigs-Kassen, BekleidUiigskafsen?c. aber d mokralijch organisirt und verwüstet, zu Aller Vortheil, ebenso die Stellenbesörderung-c., so habe» wir eine Idee von dem gcnosseuschaftlichen Großbetrieb, ein Bild der Entwicktuiig unseres Staates, das„die kopflose Wirthschaft" der heutigen gesellschaftliche» Zustände leicht begreiflich macht. Glaube aber Keiner, daß an Stelle demoralisirter oder nicht demv' ralisirter Bourgeois alsdann ein jeder beliebige demoralisir e Arbeiter, einfach weil er sich Arbeiter nennt, Divide, idenbezngs berechtigt sein könnte, wenn er nicht vor Allem sich auch durch Pflichttreue der Genossenschasl gegenüber einer Gleichberechligung würdig zeigt. Ein Abschiedssegen. Nachstehend theilen wir den in voriger Nummer versprochenen Entlassungsschein mit, welchen Parteigenosse Ufert bei seiner Haftentlassung erhielt. Er ist im ersten TheU ein interessanter Beitrag zur deutschen„Freizügigkeit" und deutschen„Freiheit" überhaupt; im zweiten Theil„Kleiderverzeichniß�, findet man eine mit„echt deutscher Gründlichkeit" verfaßte Zusammenstellung alles dessen, was zu„Klei- dern" gehört, als: Bücher, Kisten u. s. w.: Demissiousschein und Patz für Friedrich Wilhelm Ufert aus Würzen. Entlassen am 4. April 1871, früh. Vorzeiger Dieses, der unten signalisirte Fnedrich Wilhelm Ufert aus Würzen, welcher von dem Königlichen Bezirksgericht Annaberg am 5. Oktober liZIO zur Verbüßung einer Landesgefängnißstras- von sechs Monaten allhier eingeliefert und nach gehörig erfolgter Aufnahme vorschriftsmäßig deiinirt worden, ist am heutigen Tage nach Ablauf der Strafzeit unter eruster Verwarnung Uiid n ichdem er auf die Folgen des Rückfalls aufmerksam gemacht, wieder von hier euilassen worden. Derselbe wird daher von hier über Luppa- Dahlen mittels Eisenbahn in seinen Heimathsort Würzen, allwo er biunen einem Tage einzu- lrissen hat, unter Mitgabe eines Reisegeldes von 7 Thlr. 5 Ngr. 7 Pf.*) mit dem B. deuten gewiesen, von dem vorgeschriebenen Wege nicht ab- zuweichen, sondern bei der ihm vorgesetzten Obrigkeit sogleich nach sei- nein Eintreffen mittels Vorzeigung Dieses sich zu melden und deren Verfügung zu erwarien, wohingegen, wenn er ohne gegründete Vera»- lasjung und legitime Ursache außerhalb des vorgeschriebenen Weges oder über die in vorstehender Marschronte beitimmie Zeit an andern Orten sich betreten lassen sollte, nach Maßgabe � 7 und 10 des Mandats vom 9. Juiii leiOZ mittels Schubes an die Behörde des Orts, wohin er gewiesen wordeil, werde abgeliefert werden, welche Letztere sodanu ihn als Vagant z» behaudeln hat. � Unter der neinlichen Verwar- nniig wird ihm zugleich die Vorschrift erlheilt, daß. wniil er unterwegs an ctnei» Orte aiis iilaubte Weise ein Unlerkonlinen findet, er Solches bei der Polizeibehörde dieses Ortes unter Vorweisung des.dahin abzu- gebenden Dimissionsscheines anzuzeigen und um ein Zeugniß über die Verwilliguiig des Anse>ithalles zu bitten, dieses aber ohne Anstand an die Polizeibehörde des Ortes, wohin er durch obsteheilde Marschroute gewiesen ist, einzusenden habe.— Zu seiner Legittination und seinem ungehiiiderlen Fortkommen ist ihm gegenwärtiger Dimissionsschein und Patz unter gewöhnlicher Vollziehung ausgestellt worden, und es werden daher alle Behörden hierdurch ersucht, obgenannie Person, ilisofern dieselbe keiner Ungebührnisse sich schulvig macht und den vorgeschriebenen Weg genau befolgt, ungehindert reisen zu lassen. Hubertusburg, den 4. April 1871. Dre Königl. Anstalts-Dtrection daselbst. (Stempel., Behrisch. Am 4/4. 7t. hier ans einige Tage Aufenthalt gemeldet. (Stempel.) K. S. Gerichis-mt Würzen. Gr. Am 6/4. 71. nach Leipzig abgemeldet. (Stempel.) K. S. Gerichisamt Würzen. Gr. Signalement: Alier: 23'/, Jahr. Größe: 72 Zoll. Statur: lang. Gesicht: *) Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei bemerkt, daß dieses Geld nicht im Gefängniß verdient worden ist; es wäre dies sehr schwierig gewesen, da der tägliche Arbeitslohn, resp. die ,. Gratifi- kation" für ein« TageSarbeil von srüh 6 bis Abends 7 Uhr 3 Pf., tae betrua! W. Ü.> Druck u. Verlag: F. Thitle.(ExpedUum: Pererstr. 18.) rund. Gesichtsfarbe: gesund. Haare: dunkelbraun. Augen: blau Auqenbraunen: blond. Nase: gewöhnlich. Bart: rasirt. Mund: qe- wöhnlich. Stint: gewölbt. Kinn: rund. Zähne: vorn vollständig. Religion: evangelisch-lutherisch. Heimathsbezirk: Würzen. Eensur: Bestraft.*) Wurde mit Cigarrenarbeit beschäftigt. Behrisch. Kleiderverzeichniß: Ein dunkelblauer Winterrock, 1 schwarzer Tuchrock, 1 Paar braune Stoffhosen, eine braune Siossweste, 1 schwarzseidner Schlips, 1 weißeS Leinwar.dbemd, 1 rothwollnes Hemd, t Paar weiße Stolpen, 1 schwarz- seidne Mütze, 1 Paar weiße baumwollene Unterbosen, 1 Paar riuds- sederne Stiefeln, 1 Paar blaue baumwollne Socken, 1 Paar hosen- träger, 1 Spiegel, 1 Messer, 1 Streichzündbüchse, 1 Portemonnaie, 1 Paar Hausschuhe, 1 wollne grüne Jacke, 1 Paar Unterhosen, 1 Hemd, 3 Taschentücher, 4 Paar wollne Socken, 1 Shawl, 1 Paar Lederba- buschen, 3 Stiefelbürsten, 1 Blechbüchse. 1 Fremdwörterbuch, 1 Band „Herr Voigt," 2 Vorhemdchen, 6 Halskragen, 1 Zahnbürste, 1 Paar Buckskinhaudschuhe, 1 kl. Spiegel. 1 Gesetz- und Berordnungs- Blatt, 1 Buch„Franz von Sicking," 1 Photographie-Album, 4 Paar wollne Socke», 1 weißer Shawl. 1 Strohhut, 1 bürgerliches Gesetzbuch, 1 Ge- Werbegesetz. 1 Cigarreilkiste mit Cigarren, 1 Paar Gummi- Schuhe, 1 Paar Filzschuhe, 1 Glasflasche, 1 hölzerne Kiste, Mehrere Briefe, 1 eiserner Topf. Internationale Metallarbeiterschaft. Augsburg. Die Arbeitseinstellung in der Uhrfederfabrik von Eberle& Co. dahier ist siegreich beendet. Aus Zwickau erhalten 2 Thlr., ausPforzheim 2Thlr. 4Ngr. 3 Pf., was hiermit dankend quittirt Für das Strike-Komite: Bernhard Thomann. Braunschwcig, 11. April. Wie die Gesinnungsgenossen aus unserer letzten Annonce ersehen haben werden, w'chselten wir in der jüngsten Zeit mit dem Versammlungslokal. Hiervon machten wir bei der hiesigen Behörde die vorschriftsmäßige Anzeige mit dem Be- merken, daß die Versammlungen wieder regelmäßig stattfinden wür- den. Darauf erhielte» wir von hiesiger Polizeidirection ein Rescript des Inhalts: „Die Polizeidirektion habe s. Z. bei Einreichung der Statuten unseres Lokalvereines die Genehmigung desselben nicht ertheilt, aber erklärt, bis auf Weiteres den Versammlungen keine Hin- dernisse in den Weg legen zu wollen; der Prozeß gegen die Ausschußmitglieder habe aber ergeben, daß der Verein staats- gefährliche Tendenzen verfolge, älso bereits durch das Gesetz vom 1. Nov. 1854 verboten sei. Demnach dürfe auch keine Versammlung desselben mehr stattfinden und mache man alle: bisherigen Mitglieder daraus aufmerksam, daß Nichtbefolgung; dieser Anordnung mit den in dem Gesetze vorgesehenen Strafen geahndet werden würde." Das angezogene Gesetz von 1854 verbietet in Folge eines Beschlusses des seligen Bundestages aus der Kraft- und Saftperiode der deut- scheu Bundes-Reaktion alle Arbeitervereine, welche politische, sozia- 1 sistische oder kommunistische Tendenzen verfolgen. Die hierdurch ange- I regte Rechts- und Coinpetenzfrage ist eine so heikelige, daß wir es- vorzogen, alle Remonstrationen zu unterlasse» und einfach zur Auf- lösung des Vereines zu schreiten. Nur wunderten wir uns sehr dar- 1 über, daß die Behörde erst jetzt hinter die Tendenz eines Vereins ge-; kommen ist, dessen Versammlungen sie zwei Jahre lang überwacht hat,! und der seine Ansichten nie unter den Scheffel stellte; was heißt über- Haupt„staatsgefährlich?" Die Staatsgefährlichkeit der Partei soll sich angeblich bei dein Prozeß gegen die Ausschußmitglieder, gegen welche man trotzdem keine Anklage erheben konnte, ergeben haben; I daraus kolgt denn auch wohl für zartfühlende Seelen die Staatsge- s fährlichkeit des Vereins. Doch trösteten wir unS, weil wir ja in einer Zeit der Zeichen und Wunder leben, was uns indeß veranlassen wird, nur mit äußerster Borsicht und Ruhe zu arbeiten. Die Auflösung wurde somit in einer am Montag Abend abge- 1 haltenen öfsentliche» Versammlung ausgesprochen. Zugleich faßte aber die Versammlung den Beschluß, nächsten Sonnabend eine zweite öf- I sentliche Volksversammlung einzuberufen mit der Tagesordnung: 4) Gründung eines billigen Volksblattes für Braunschweig; 2> Gründung eines„Volksvereines"; 3) Besprechung über Abhaltung eines Festes zu Ehren des Geburtstages Lassalle's, in Verbindung mit der Gründungsfeier des neuen Blattes und neuen Vereines. Wir werden später über diese Versammlung berichten und bitten die Paiteigenossen, welche uns besonders bei Gründung unseres Blattes nützlich sein können, dies zu thun. Alle braunschweigischen Parteige- nossen müssen dies für uns höchst wichtige Unternehmen nach Kräften fördern, besonders durch fleißige Abonnements. Immer vorwärts! Landkreis Cöln. Wie Sie sich leicht denken können, acht es Mer im Landkreise Cöln nicht besser als allenthalben, überall vieselbe Roth unter der Arbeiter-Bevölkerung. Trotzalledem wollen die Leute nichts wissen von der Verbesserung ihrer jämmerlichen Lage. Die Mehr- zahl hat ihr Schicksal dem lieben Herrgott anheim gegeben: der soll mal mit einem gehörigen Donnerkeil dazwischensahren! Zu diesem Zweck hat denn ein Seelsorger und Rektor eine Schrift vom Stapel laufen lassen:„Die christlich-soziale Frage", worin er den christlichen Arbeitern den Rath ertheilt. sich fern zu halten von der Partei, die; den Knoten gewaltsam durchhauen will; er führt dann ein ganzes Re- giment Ordens-Mönche an, die Waldungen urbar»«macht haben zum Wohl der Arbeiter, und auch mehrere Heilige, welche Arbeiter gewesen ind, unter Anderen den Heiligen Crispin üs. Vor demselben möchte ich aber doch alle Arbeiter warnen, wenn sie nicht mit der Polizei in. Konflikt gerathen wollten. Coburg. Unsere in de» letzten Monaten für die Volksstaat- Anleihe, de» Wahlfonds und die Jnhastirten veranstalteten Sammlungen haben bis jetzt 51 Thlr. ergeben. Unsere Mitgliederzahl beträgt 40\ bis 50. Wenn unsere größern Vereine verhältnißmäßig dailelbe lei- j teten, wie der hiesige kleine Verein, stünde unsele Sache ganz gut. *) Mit Kostentziehung,„Volksstaat" entzogen, isolirt, vom Umgang der Gefangenen gänzlich abgeschnitten:„um meinen soz i al-dem o- ratischesi Same» nicht ausstreuen zu können." W. ü. Briestaste« der Expedition. D. in Zivickau: 29 Thlr. 20 Nqr. erhalten, Abrechnung richtig.— Volksvereiu Werdau: 15 Tdlr. Abschlagszah- lnug erhalten.— X. Dresden: 28 Thlr. 28 Ngr. erhalten, richtig.—, Sr. Meeraue: 28 Thlr. 8 Ngr. erhalten, richtig.— I H. in Zwickau: Thlr. und 1 Thlr. erhalle»(1 Thlr. für 3 Annoncen, 2 Thlr. f. d. „Volksstaat"), besten Dank.— E. Angsdurg: Brief erh.— Bielefeld: abgesandt.— Brannichw: desgl.— I B. Heide: wird besorgt. l Tic ZilialcypcSiiioiicu werben c> sucht,„br,g gebliebene Rümmer« ves vorigen Quartals fchleunigft an uns einieuven . u wollen._._ Die EyPesitio», Petersstr. 18. j Für Ve» Wahlfon». Verein„Vorwärts" in Luuzeuau dnich Endemann 1 Thlr. Von Cigarrenarbeilern Leipzigs 1 Thlr. Sozialdem. Arb.-Ber. Leipzig d. K. 12 Thlr. 10 Ngr. Ertrag einer Sammlutig in der Westendhallt Thlr. 11 Ngr._ Ehr. Hadlich. Für Leipzig. Internationale Oervericsettatt der Holzarbeiter. Berfauimlung Sonnabend, den 15. April, Abends 3 Uhr. in Ztadt Riailanv._____ D. B.�; Coilditorci& 6nfe von A. Martin, M_ chrötergäszchen Nr. 6,___ empfiehlt eine reiche Auswahl von fj. Bäckereien, kalten und warme» Getränken, sowie Bayerisch- u. Lagerbier, Waldschlößchen, engl. Porler und engl. Ale, diverse kalte Küche. ___ Bestellungen werden prompt ausgeführt. � Leipzig: Bccautw. Keoatreur W. Liev knech t zReoattioli: Braustr. lid