Jl* 42. Mittwoch, den 24. Mai. 1871. Erscheint wöchentlich 2 mal in Leipzig. Bestellungen nehmen alle Postanstalren und Buchhand- lungen de» In- und Au»- lande» an. Für Leipzig nehmen Bestellungen an: A. Bebel, Peteristraß« IS, F. Thiele, Emilienstrahe 2, Der Bxlksstiillt «bonnemcnlSprets Für Preußen incl. Stempel- steuer 1KStAr.,für die Ubngen deutschen Staaten 12 Ngr. per Quartal. Agent sllrLondon A. Duensing Furdgo Bookseller, Libra- rian and Newsagent, 8 Littie Newport Street, Lei- cester Square, W. C. Filialerpedition für die Verein Staaten: F.A.Sorge, Box 101 Hoboken N. J. viaNewyork CÖrgim der soWl-demoKratischen Arbeiterpartei und der Internationalen GeVerKsgenojsenschasten. An die Parteigenossen. Bezugnehmend auf 3lr. 32 des„Volksstaat", betreffend die Vertagung des Parteikongresses bis nach Pfingsten, bringen wir hiermit den Parteigenossen zur Kenntniß, daß die Abhaltung des Parteikongresses zu Dresden am 15., IV. und 17. Juli, eventuell auch den 18. Juli a. e. stattfinden soll. Die Verhandlungen werden nach bisheriger Praxis in öffentliche und geschlossene getheilt. In den öffentlichen Sitzungen kommen die Prinzipienfragen, in den geschlossenen die inneren Angele- genhciten der Partei zur Verhandlung. Zu den öffentlichen Sitzungen ist der Zutritt Jedermann gestattet— vorbehaltlich des Rechts der Delegirten, jederzeit den Zutritt beschränken zu können.— An den Verhandlungen können nur die Delegirten und Parteigenossen theilnehmen, an den Abstimmungen nur die Delegirten. Zu den geschlossenen Sitzungen haben nur die Delegirten und die Parteigenossen Zutritt. Auf die vorläufige Tagesordnung für die öffentlichen Ver- sammlungen, die Sonntag, den 10. und Montag, den 17., eventuell Dienstag, den 18. von Morgens 10 resp. 9 Uhr an beginnen sollen, setzen wir: 1, Allgemeiner Bericht des provisorischen Ausschusses. 2) Der s)!ormalarbeitstag. 3) Die politische Stellung der Partei. 4) Das allgemeine Stimmrecht für die Vertretung der Einzelstaaten und Kommunen. 5) Der Reichstag und das Gesetz, betreffend die Verbind- lichkeit zum Schadenersatz für die bei dem Betriebe von Eisenbahnen, Bergwerken:c. herbeigeführten Tödtungen und Körperverletzungen. Die Referenten für diese Fragen werden wir später be- kannt geben. Die geschlossenen Sitzungen werden Sonnabend, den 15. Juli, Abends 7 Uhr(Vorversammlung) und Sonntag, Montag, eventuell Dienstag nach Schluß der öffentlichen Sitzungen statt- finden. Die Tagesordnung der Vorversammlung bilden folgende Gegenstände: 1) Abgabe der Mandate an das Lokal-Komitee. 2) Wahl des Bureaus für den Kongreß. 3) Wahl der Mandats-Prüfungs-Kommission. 4) Wahl einer Kommission zur Feststellung der Resolutio- nen zu den einzelnen Punkten der öffentlichen Sitzungen. 5) Wahl sonst noch nöthig werdender Kommissionen. K) Feststellung der Reihenfolge der Tagesordnung und Ge- schäftsordnung für den Kongreß. Die Tagesordnung der geschlossenen Sitzungen bilden: 1) Bericht des provisorischen Ausschusses. 2) Bericht der Kontrollkommission. 3) Diskussion und Anbringung von Beschwerden über Aus- schuß, Kontrollkommission, Redaktion und Expedition. 4) Bericht der Mandatprüfungskommission. 5) Beschlußfassung über das literarische Unternehmen. An- tragsteller: Die Parteigenossen in Hamburg(siehe Slutt- zarter Kongreßprotokoll). 6) Berathung einer Geschäftsordnung für die Partei und den Ausschuß. 7) Anträge der Parteimitglieder. 8) Wahl des Ortes für den Ausschuß und die Konttoll- komtnission 9) Wahl des Ortes für den nächsten Parteikongreß. Parteigenossen, welche gewillt sind, Anträge für den skon- gieß zustellen, haben dieselben bis spätestens den 22. Juni bei uns einzureichen, später eingehende Anträge können keine Berücksichtigung mehr finden, ausgenommen in dem durch 8 7 unserer Organisation vorgeschriebenen Fall, daß ein Drittel der Delegirten sich dafür erklärt. Jeder Delegirte muß mit einem Mandat versehen sein, das die Unterschriften von mindestens 3 Bureaumitgliedern der- jenigen Versammlung trägt, in welcher er gewählt wurde. Ein Mandatsormular werden wir in einer der nächsten Nummern des„Volksstaat" veröffentlichen. Sind entfernter vom Kongreßort gelegene Orte außer Stande, selbstständig einen Delegirten zu senden, so empfehlen wir gemeinschaftliche Wahl mehrerer Orte. Uebertragung der Mandate an Parteimitglieder ist gestattet. Parteigenossen! Der diesjährige Kongreß, der dritte seit Bestehen der Partei, hat vornehmlich die Aufgabe, davon Zeug- UM abzulegen, daß unsere Partei lebt, trotz Gegenströmung und Ungunst der Zeitverhältnisse nicht erlahmte, daß die sozial- demokratische Arbeiterpartei in Deutschland, verbunden durch das uns alle beseelende Prinzip fest gegliedert dasteht, gegen- über der jetzt herrschenden Zerfahrenheit aller anderen Parteien! Laßt uns durch ernste Thätigkeit am Kongreß und durch tüchtiges geistiges Schaffen unfern Prinzipien neuen Boden ge- Winnen. Leipzig, 15. Mai 1871. Der prov. Ausschuß. Freitag, den 26. d. M., Vormittags 8'/, Uhr, findet die öffentliche Verhandlung in Sachen des Expostsekretär und nationalliberalen Zeitungskorrespondenten Leonhardt contra den Redakteur des„Volksstaat" im hiesigen Bezirksgericht statt. Politische Uebersicht. Eine Versailler Depesche vom heutigen Tage(22. d.) meldet die gestern erfolgte„Einnahme von Paris". Das ist Schwindel; denn, wenn es auch den Belagerern gelungen sein sollte, den Festungsgürtel und den Wall zu forciren, so wäre damit Paris noch lange nicht„eingenommen", und stünde der Hauptkampf doch noch bevor. Die letzten directen Nachrichten, welche uns zugegangen sind, lauten der Commune durchaus günstig. Unterm 19. d., also 2 Tage vor der angeblichen Ein- nähme, schreibt man uns aus Paris: „Die militärischen Operationen verfolgen ihren regel- mäßigen Lauf. Seit 3 Tagen macht die Versailler Armee die verzweifeltsten Anstrengungen, sich deszBoulogner Wäldchens zu bemächtigen. Eine von uns auf der Muette errichtete Batterie hat ihnen empfindlichen Schaden zugefügt: über 200 Belagrer sind auf dem Platz geblieben. Die freiwilligen Jäger von Paris hielten sich im Wäldchen und haben den Angriff heldenmüthig abgeschlagen. „Die ganze Nacht Kanonendonner. Die Versailler be- schießen die Wälle, von denen kräftig geantwortet wird. Die feindlichen Kugeln verursachen nur geringen Schaden, der sofort ausgebessert wird. Oberstlieutenant Mouteret, welcher am Maillol-Thor kommandirt, schreibt dem Civil- Delegirten*) des Kriegs:„So lange ich vor dem Maillot-Thor bin, können Sie sicher sein,, daß der Feind nicht eindringt." „Herr Thiers, welcher versprochen hatte, daß Paris am vori- gen Mittwoch genominen sein würde, muß einen neuen Auf- schub erbitten. Man möchte darauf schwören, daß das Haupt der Versailler Regierung vor Alter kindisch geworden sei— was beiläufig die für ihn günstigste Erklärung wäre, denn er läßt Handlungen von wahrhaft empörender Scheußlich- keit geschehen: man begnügt sich nicht, die gefangenen Nationalgarden zu erschießen und P et roleumbomben zu werfen— ein Brandstiftungsmittel, welches der gewissen- hafte Trochu während der Belagerung niemals gegen die Preußen anwenden wollte,— man ermordet auch die das Genfer Kreuz tragenden Krankenwärterinnen, nachdem sie geschändet worden. Es erhellt dies aus einem, dem Kriegsdepartement zugegangenen Bericht des Bürger Garantie, Legionschef, und Butin, Lieutenant im Generalstab der 7. Legion. „Was halten Sie von diesen Abscheulichteiten? Und ganz Frankreich sollte sich nicht erheben, um gegen ähnliche Infamien zu protestiren? Man müßte an dem Sittlichkeitsgefühl der Nation verzweifeln. „Die Reaktion ist thätig— sie webt ihre Jntriguen. Während die Versailler Versammlung öffentliche Gebete an- ordnet, vertheilen die Agenten Bonaparte's im Namen Napo- leons IV.(Lulu's!) Manifeste an die Unteroffiziere der Ver- sailler Armee. Die Preußen nähern sich Paris auf der Nordseite und man kennt die Absichten des Herrn Bismarck nicht. Die Frage der fünf Milliarden kann schwer wiegen in der Wagschale. Die Abtretung der Umgegend von Metz erregt allgemeine Entrüstung. Nur ein Mitglied der Versailler Ver- sammlung erhob die Stimme dagegen; allein Hr. Thiers er- griff sofort das Wort und setzte die einstimmige Annahme des Frankfurter Friedensvertrags durch. Man sollte in der That meinen, die Versailler wären irrsinnig geworden: Wahnsinn oder Verbrechen, ein Drittes giebt's nicht. „Seit der Explosion der Rapp'schen Patronenfabrik(wobei 100 Personen verunglückten) ist die Commune auf der Hut. Man weiß jetzt, daß die Reaktion jedes Verbrechens fähig ist, vor keiner Niederträchtigkeit zurückschreckt. „Das Volk von Paris steht auf der Höhe seiner mensch- heitbefreienden Aufgabe: ermuthigt durch die Proteste ver Munizipalitäten(Gemeindevertretungen) so vieler Schwester- städte, glaubt es zuversichtlich an den Sieg. Wenn man die Nationalgarden unter dem Gesang ver Marseillaise, begleitet von Frau und Kind, in den Kampf ziehen sieht, dann fühlt man sich wahrhaft erhoben durch den Anblick dieses opfer- freudigen Heldenmuths. Und doch hat der„Figaro", ein bo- napartistisches Blatt,[die Frechheit, Folgendes zu schreiben: „Beim heiligen Knüttel! Einmal in Paris, muß man alles erschießen: die Commune, den Wohlfahrtsausschuß, das Cen- tralkomite, die Journalisten, die Kommissare, die Freimaurer, die Sänger patriotischer Lieber, die Obersten, Kommandanten und Offiziere der ittationalgarde, sammt Allen, von denen sie gewählt worden." Der„Figaro" hätte, das Wort des Auvergna- ten**) parodirend, sagen können: Wir sind weder ehrliche Leute noch Patrioten, sondern lauter Canaillen— wie unter dem Empire." Anschließend an obige Correspondenz theilen wir nach- stehenden Auszug aus einem Privatbriefe mit. Derselbe ist von der Mutter eines der Häupter der Commune und athmet den heroischen Geist, welcher das Pariser Volt und namentlich auch die Frauen beseelt: —— Die Bevölkerung von Paris ist großartig. *) Damit das militärische Element nicht sreiheitsgefährlich über- wuchern kann, hat die Kommune dem Kriegsminister, wie jedem höheren Militär einen bürgerlichen Delegirten, nach dem Muster der Civil- kommissäre des alten Konvents beigegeben. **) Des in der Au v e r g n e geborenen, berüchtigten Generals Ducrot, welcher in einem Tagesbefehl sagte, daß die Anhänger der Kommune ein Hausen Elender seien. Ihre Aufopferung ist würdig der heroischsten Zeiten. Sie wird siegen; alles berechtigt zur Hoffnung auf ein gutes Ende. Hoffen wir, daß endlich einmal die Gerechtigkeit vollständig zur Herrschaft gelangen wird!— Ein Freund, welcher neben mir steht und dem ich sage, daß ich von Hoffnung auf den Sieg des guten Rechts schreibe, sagt mir: Schreiben sie: Gewißheit! Nur Verräther zweifeln!---"*) Die Kommune hat folgende Proklamation„an die großen Städte" erlassen: „Nach einer zweimonatlichen Schlacht ist Paris noch unverletzt. Paris kämpft fortwährend, ohne Waffenstillstand und Ruhe, unermüd- lich, zum Aeußersteu enffchloflen. Paris hat cinenPatt mit dem Tode abge- schloffen. Hinter seinen Forts hat es seine Mauern, hinter seinen Mauern hat es. seine Barrikaden, hinter seinen Barrikaden seine Häuser, welche man ihm eins nach dem andern entreißen muß, und die es»ö- thigenfalls eher in die Luft sprengen wird, als sich aus Gnade oder Un- gnade zu ergeben. Große Städte Frankreichs! Werdet ihr unbeweg- lich und gleichgiltig diesem Kampfe aus Leben und Tod zuschauen, wel- chen die Zukunft mit der Vergangenheit, die Ätepublik mit der Monarchie kämpft? Oder werdet ihr endlich einsehen, daß Paris als Vorfechter Frankrelchs und der Welt dasteht, und ihm nicht helfen Ver- rath ist? Ihr wollt die Republik,— oder eure Abstimmung hat keinen Sinn; ihr wollt die Kommune, denn sie zurückstoßen wäre die Abdankung eines Antheils der Volks-Souveränetät; ihr wollt die politische Freiheit uno die soziale Gleichheit, weil ihr sie in eure Programme einschreibt; ihr seht deutlich, daß die Versailler Armee die Armee des Bonapartisinus, des monarchischen Centralisnrns, des Despotismus und des Privilegiums ist, denn ihr kennt ihre Führer und ihr erin- nert euch ihrer Vergangenheit. „Was erwartet ihr, um euch zu erheben? Was erwartet ihr, um aus eurer Mitte die infame Regierung der Kapitulation und der Schande zu jagen, welche zu dieser Stünde von Preußen die Mittel erbettelt und erkauft, um die Stadt Paris von allen Seiten zugleich zu bombardiren? Wartet ihr darauf, daß die Soldaten des Rechtes von vergisteten Kugeln von Versailles bis zum letzten Manne gefalle» sind? Wartet ihr, bis Paris in einen Kirchhof und jedes seiner Häuser in ein Grab umgewandelt ist? Große Städte! Ihr habt ihm eure brüderliche Zustimmung gesandt; ihr habt ihm gesagt:„Von ganzem Herzen bin ich mit dir!" Große Städte! Die Zeit gehört nicht mehr den Manifesten, sie gehört den Handlungen, wenn die Kanone das Wort hat. Genug der platonischen Sympathien. Ihr habt Ge- wehre und Munition: Zu d enWaffen! Stehtauf, ihrStädte von Frankreich! Paris blickt auf euch. Paris erwartet, daß ihr einen Kreis um seine feigen Bombardirer zieht und sie verhindert, der Züchtigung zu entgehen, die es ihnen vorbehalten hat. Paris wird seine Pflicht thun und wird sie bis zuletzt thun. Aber vergeht nicht, Lvon, Marseille, Lille, Nantes, Bordeaur und ihr anderen, wenn Paris für die Freiheit der Welt unterliegen sollte, so wird die rächende Ge- schichte das Recht haben, zu sagen, daß Paris erwürgt wurde, weil ihr die Mordthat geschehen ließet!" ' Das„Journal officiel" der Kommune vom 17. d. schreibt über die Zerstörung der B en do me-Säu le:„Das De- krct der Kommune von Paris, welches die Zerstörung der Ven- dome-Säule anbefahl, ist gestern unter den Zurufen einer zahlreichen Menge ausgeführt worden, welche ernst und nachdenklich dem Sturze eines gehässigen, dem falschen Ruhme eines Un- geheuers von Ehrgeiz errichteten Denkmals beiwohnte. Das Datum des 26. Floreal wird in der Geschichte ein ruhmvolles sein; denn es besiegelt unseren Bruch mit dem Milita» rismus, jener blutigen Verneinung aller Men- schenrechte. Der erste Napoleon hat Millionen von Kindern des Volkes seinem nie zu stillenden Durst nach Herrschaft ge- opfert; er hat die Republik umgebracht, nachdem er geschworen hatte, sie zu vcrtheidigen; ein Sohn der Revolution, hat er sich mit den Vorrechten und dem grotesken Prunk des König- thums umgeben, seine Rache verfolgte Alle, die noch denken wollten oder nach Freiheit trachteten; er wollte eine Sklaven- kette an den Hals der Völker schmieden, um allein in seiner Eitelkeit inmitten der allgemeinen Erniedrigung zu throne»: dies war sein Werk durch fünfzehn Jahre. Es begann am 18. Brumaire mit dem Meineid, behauptete sich durch das Ge- metzel und wurde von zwei Invasionen gekrönt, es ließ nichts zurück als Ruinen, eine lange moralische Demüthigung, die Erschöpfung Frankreichs und das Vermächtniß des zweiten Kaiserreichs, welches am zweiten Dezember begann, um mit der Schande von Sedan zu enden. Der Kommune von Paris lag die Pflicht ob, dieses Sinnbild des Despotismus niederzuwerfen: sie hat diese Pflicht erfüllt. Sie beweist damit, daß sie das Recht über die Gewalt stellt und die Gerechtigkeit über den Mord, auch wenn dieser siegreich ist. Davon möge man überzeugt sein: die Säulen, welche s i e je errichten sollte, werden niemals irgend einen Räuber verherrlichen, sondern die Erinnerung einer ruhmvollen Eroberung auf dem Gebiete der Wissenschaft, derArbeit und derFrei- heit verewi gen."— Bekanntlich hat der deutsche Kaiser bestimmt, daß den Offizieren bis zum Corpskommandanten aufwärts„Retablissc- mentsgelder" in der Höhe von 75 bis 5000 Thalern bewilligt werden. Ludwig der Baier, in dessen Land eine von der preußisch- deutschen getrennte Militärverwaltung besteht, nahm sich das edle Beispiel des greisen Wohlthäters— welcher jene Summe aus dem Staatssäckel dekretirte, ohne auch nur die Zustimmung •) Charakteristisch ist, in welchem Zustand dieser Brief in die Hände deS Empfängers kam: Die zweite Hälfte des Schreibens, welche eine ganz besondere Anziehungskraft gehabt haben muß, war abge- rissen, und die Adresse trug ein- fremde Handschrift. Zu be- merken ist noch, daß mehrere im Brief als abgesandt angekündigte Zeitungen nicht eingetroffen sind. Herr Stephan wird dies wohl für bloßen Zufall erklären,— sonderbar nur, daß solch-„Zufälle" sich mit wunderbarer Regelmäßigkeit wiederholen. Die Red. des„Bolksstaat." Fortsetzung aus Seite 4. Die Belagerung von Parts. Die Regierunq.(Fortsevung.) Fünft«? Punkt. Die innere Berwalmng von Paris. Das große Steckenpferd der Opposition, unter der Regierung Bonaparte's, wa'' die Krage der munizipalen Unabhängigkeit; die Opposition hatte besonders in starken Äusdrilcken gegen die politische Jsolirung protestirt, der Paris unterworfen war. Man hatte folglich alle Ursache, zu glauben, daß es eine der ersten Hand- lungen der Regierung sein werde, Paris die Leitung seiner Äe- schicke zu übergeben, indem sie die Wähler aufrief, einen Munizipal- ralh zu ernennen. Man wende uns nicht ein, daß das, was in gewöhnlichen Zeiten vonrefstich wäre, nicht auch im Falle der Belagerung angeivendel werden könne; im Äegcntheil, gerade wegen der Be- lagerung war es unumgänglich nothlvendiz, Paris die Regierung seiner selbst zu übergeben. Denn in der Thal, wir haben es hier nicht mit einem befestigten Platze zu thun, wo die Bevölkerung der Garnison in Zahl untergeordnet ist, wo nur in letzterer das Heil be- ruht und wo alle Hilfsmittel sich auf jene beschränken, welche die militärischen Magazine schon beim Beginn der Cernirung darboten. Wir haben es mit einem Staat von 2,000,000 Einwohnern zu thun, der fähig ist, selbst für seine Bertheidigung zu sorgen, und der in seinem Schooge das Material unv die nölhigen Arbeiter birgt, um alles, was zur Bertheidigung nöthig ist, her- beizuschaffen. Bon diesem Staate muß man alle Opfer für die Ber- theidigung des Vaterlandes verlangen. Die Industrie muß ausfegen, die Lebensmittel werden geschmälert, die Bürger müssen zu jeder Stunde bereit sein, ihr Leben und, was ihnen oft noch schwerer wird, ihr Vermögen aufzuopfern. Man wird also Requisitionen erheben an Menschen, an Lebensmitteln, an Material, an Arbeit, au Geld, an Geduld, an Muth, an Ruhe, an Energie und Stoicismus. Und man sollte den Bürgern von Paris das Recht streitig machen, sich über die Art und Weise zu unterrichten, wie man solche Opfer verwendet, und Solche zu erwählen, welche im Stande sind, diese Opferzu verwerthen, undSolche zurückzuweisen, die durch ihre Feig- heit oder Untüchtigkeit zu Berräthern am Laterlande werden müßten.? Je mehr der Staat, die Gesammtmasse der Bürger, von jedem Einzelnen zu fordern hat, je mehr soll auch jeder einzelne Bürger das Recht haben, die Verwalter der öffentlichen Auge- legenheiten zu überwachen. Das rührt von der Verwechslung her, die zwischen dem Staat und seinen Dienern gemacht wird. Unstreitig, je größer die Gefahr ist, je stärker muß der Staat sein, d. h. desto mehr muß vor dem Gesammtinteresse das Interesse des Einzelnen schweigen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß die Beamten des Staats, Regierung und Minister, stark sein sollen. Wunderlicher Mißbrauch der Worte, sonder- bare Verkeyrunz der Joeen, aus den Dienern Herren zu machen! Aber dann wäre eine Doppelherrschaft gewesen, wird man einwenden, was bliebe dann der Regierung der nationalen Veriheivigung zu thun übrig? Sie hatte Paris zu ver- lassen, wo es nichts für sie zu thun gab und sich in die Provinz zu begeben. Das belagerte Paris konnte der Regierung nicht zur Residenz dienen, sie war nur ein Hinderniß und eine Verlegenheit mehr. Aber natürlich Trochu& Comp, mußten hier wie überall der gesunden Vernunft zuwider handeln. Sie erklärten, die kritische Lage, in der man sich befinde, erlaube nicht, daß man eine Wahl vornehme(unv nie hat man in Paris so viel ge- wählt, als während der Belagerung.) Sie ernannten also in jedem Arrondissement einen Maire, und setzten Elienne Aragv als Maire von Paris ein. Diese Maires und Gehülfen waren bei der leisesten Widersetzlichkeit in Gefahr, abgesetzt zu werden. Hier ein kleines Beispiel, das zugleich den Liberalismus der neuen Regierung und die Abhängigkeit zeigt, in der sie ihre Maires zu hallen verstand: H. Jules Mottin, Maire des 11. Arrondissements, läßt uuter dem allgemeinen Jubel seiner Beamten den ITröres Ignorantin«*) die Leitung der Munizipalschulen abnehmen, um sie weltlichen Direktoren zu übergeben; auch wurden aus den Schulsälen die Heiligenbilder, die die Wände zierten, abge- nommen. Der Clerus von Paris entsetzte sich daran, das„Univers"**) wurde davon angesteckt, und alle frommen Seelen und gutdenkenden Journale stellten Hrn. Jules Simon zur Rede, daß er solchen Stan- dal dulde. Der christliche Philosoph entsetzte sich seinerseits, er er- innerle sich, daß der Apostelfürst auch Simon hieß, ebenso, daß der Vater der Cäsaren Julius hieß, und glaubte sich deshalb ver- pflichtet, Apostel und Despot zugleich zu sein, zwei Eigenschaf len, die sich übrigens nicht ausschließen. Herr Mottin wurde also abgesetzt, und man ernannte an seiner Statt Hrn. Arthur von Fonrnelle, der die edle Mission annahm, die Fr&rea Ignorantins wieder einzusetzen und die Heiligenbilder wieder auszuhängen. * ** Von dem Augenblick an, Js sich die Regierung vornahm, nicht einen fingerbreit von ihrer absoluten Gewalt abzugeben, von dem Augenblick an, wo sie, wie die Könige von Gottes Gnade», jede Erörterung über ihre Gewalt abschnitt, war sie gc- nöchigt, jene Polizeigewalt, die allen Regierungen so wichtig ist, ausrecht zu erhalten. Keratry/ der Held der mexikanischen Contre- Guerillas, setzte sich hier fest. Da aber das Volt von Paris die Haltung dieser liebenswürdigen Kopfabschneider, die man Stadlsergeanten nannte, nicht zu ertragen Willens war, so wurden diese braven Leute umgetauft uno man hieß sie(ZardieQS de la paix(Zriedenshüter). Man nahm ihnen ihre Schnauzbarte, ihre Claquehüte(Klapphüte) und ihre Degen, «in Regenmantel ersetzte ihren Rock, und die Umwandlung war vollbracht. Die Munizipalgarde ihrerseits hieß sich republi- kanijche Garde, und alles war aufs beste unter der besten der Präsekturen. Auf Keratry, der in die Provinz abreiste, folgte Adam. ♦) Eine Filialgesellschast der Jesuiten, die, wie ihr Name(unwis- sende Brüder) schon andeutet, sich vi« BollSverdummung als Geschäft erwählt haben. *") Organ des ultramontanen Klerus Keratry hielt es für originell, vor seiner Abreise einen Rapport zu veröffentlichen, der auf die Unterdrückung der alten Polizei- präfeklur hinauslief. Begreiflicherweise gab man demselben keine Folge. Wir werden auf die Verwaltung von Paris zurückkommen, wenn wir von der Haltung des Voltes sprechen werden. Wir haben nun einige Worte über die Beziehungen zwischen der Regierung von Paris und der Provinz zu sagen. (Fortsetzung folgt.) Der Rormalarbettstaa. Bon Ä. Geld. Im Programm der sozial- demokratischen Arbeiterpartei wird unter den in der Agitation zunächst zu erstrebenden For- derungen auch die Einführung des Rormalarbeitstages betont. ES ist dies eine Forderung, welche zugleich das Verlangen nach Einschränkung der Frauenarbeit und nach Verbot der Kinder- arbeit iu sich schließt, und welcher Ausdruck zu geben vor allem die Gewerkschaftsbewegung berufen ist. Leider aber thürmle sich bis jetzt den Gewerkschaften eine solche Unzahl vonHinder- niffen entgegen, daß es nöthig erscheint, eine neue, lebhafte Agitation zur Gewinnung einer breiteren Grundlage, einer feste- rcn Gestaltung hervorzumfen. Und zum anregenden Inhalte dieser Agitation kann wohl kaum eine leichtverständlichere, eine wichtigere Frage, als es die des Rormalarbeitstages ist, gefun- den werden. Wir ersehen dies von Monat zu Monat aus den Arbeitseinstellungen, welche mit dem Wachslhum des Groß kapitals Schritt halten, und ja auch nicht zum geringen Theile die Verkürzung der Arbeitszeit, sowie die Verbesserung der Arbeitsräume hinsichtlich ihres gesundheitsschädlichen Einflusses bezwecken. Wenn ich nun heute besonders für die Erstrcbung des Rormalarbeitstages eintrete und ihn in nächster Zeit, mehr als es in Deutschland je vorher geschehen ist, zum Gegenstand einer eingehenden Erörterung, einer kräftigen Agitation bezeichnet sehen möchte, so geschieht dies, weil ich erwarte, daß d.e durch den letzten Krieg hervorgerufene Produktionsstörung vorzüglich m Deutschland nach geschlossenem Friedea einer wüchigen Pro- duklionssuchc weichen und deshalb eine größere Rachfrage nach Arbeitskraft erfolgen wird. Einen solchen Wendepunkt dürfen die Ardeiter sich n:cht entgehen lassen, ohne für die Erleichterung ihres Looses und damit für die Kräftigung der Arbeiter- bewegung etwas gethan zu haben. Man kann sich streiten da- rüber, ob eine solche Agitation, nicht zufrieden mit dem unmit- teldaren Kampfe zwischen Lohnarbeitern uno Unternehmern, auch direkt an die Gesetzgebung des„neuen deutschen Reiches", also an den Reichstag appelliren solle. Schaden kann dies nach meiner Ansicht keineswegs, mag der Reichstag noch so machtlos, oder unser» Bestrebungen noch so feindlich sein. Denn je mehr wir die Gegner der Arbeitersache durch den Probirstein„Nor- inalarbeitstag" blosstellen, desto mehr werden die Prinzipien der Sozialdemokratie dabei gewinnen. Wir müssen die Fahne einer solchen Agitation möglichst überall entfalten, nicht etwa um unsere sozial- demokratischen Ziele damit zu verdecken, sondern um die zu ihnen hinführenden Schritte populär zu machen, kurz, um eine große und breite Stufe zu schaffen, worauf der Massentritt der Arbeiterbalaillone vor Eutkräftung geschützt, weil dem Sumpfe der Gleichgültigkeit gegen die eigene Klassen- läge, enthoben wird. Ueber den Normalarbeitstag ist seitens der deutschen Sozial-Demokraten schon viel gesprochen, weniger aber geschrie- den worden. Und fall wäre weiteres Schreiben auch überflüssig, wenn das Marx'sche Werk„Das Kapital", insbesondere die aarin enthaltene Abtheilunz„Arbeitstag", mehr gelesen würde. Allein sei dem, wie ihm wolle, eine Erörterung des Normal- arbeitstages kann auch in diesem Blatte nur von Nutzen sein, denn nur durch Meinung und Gegenmeinung wird schließ- lich Klarheit erlangt. Betreffs der Wichtigkeit der Frage ge- nügt es, darauf hinzuweisen, daß sich sowohl die inlernaciona- len Arbeilerkongresse, wie auch die Konzresse der Arbeiter in den Vereinigten Staaten Nordamerita's, in England, Deutschland u. f. w. wiederholt mit derselben beschäftigt haben. Alle diese Kongresse sprachen sich für den Normalarbeitstag, be- ziehungsweise für dessen Anwendung in immer mehr Industrie- zweigen, aus. Räch den gründlichen Untersuchungen von Karl Marx über den Begriff und die Entstehung des Kapitals liegt das Geheim- niß, welches lange Zeit über die kapitalistische Produktionsweise ausgebreitet war, offen zu Tage. Bis in seine innersten Tiefen ist dieses Geheimniß enthüllt. Aber es ist nicht einmal nöthig, die großen Resultate dieser Untersuchungen sämmtlich zur Be- sürwortung des Rormalarbeitstages ins Feld zu führen, denn ein jeder Arbeiter kann es schon an sich und seinen Mitarbei- lern ersehen, welche Verheerung die Ueberardeit, sobald sie Regel geworden ist, zur Folge hat. Und gegen die Ueberardeit, oder sagen wir die Ueberarbeitnng, richtet sich der Normalarbeitstag, welcher die Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft nur in gewissen, beschränkten Zeilräume» gestattet. Der Arbeiter muß unter denselben Unbedmgungen leben, wie andere Menschen, also auch bei ihm ist das Leben ohne Befriedigung einer An- zahl Bedürfnisse, wie�iahrung, Kleidung, Wohnung, Erziehung, Fortbildung u. s. w., nicht möglich. Diese Bedürfnisse muß er— der besitzlose Arbeiter— durch das einzige Tauschmittel, welches ihm als Mensch eigen ist, durch seine Arbeitskraft, er- schwingen. Er verkauft diese Arbeitskraft— seine Waare— gegen andere Tauschwerthe, womit er dann seine Lebensbedürf- nisse befriedigt. Run fragt es sich zunächst, ob die Arbeit eines ganzen Arbeitstages— sagen wir von 12 Stunden— nöthig ist. um den Arbeiter für den vollen Lebenstag von 24 Scun- den zu erhalten. Dies ist nicht der Fall, denn sonst würde d.w Ertrag der Arbeit immer nur so viel Werth in sich schlie- ßen, als dafür an Lohn durch den Käufer der Arbeitskraft, den Unternehmer, gezahlt wird. Es würde der Werth der Waare, welche vom Arbeiter aus einem bestimmten Quantum Rohstof- fen verfertigt wird, nur immer so groß sein, wie der Werth des Rohstoffes und der Arbeitslohn des Arbeiters zusammen betragen. Hätte der Rohstoff 1 Thlr., die Arbeitskraft, welche zur Umschaffung des Rohstoffes in andere Waaren erforderlich war, gleichfalls 1 Thlr. gekostet, so müßte dann die so erzeugte Waare dem Konsumenten(Verbraucher) für 2 Thlr. käuflich sein. Allein dem ist nicht so, der Arbeiter schafft im Produk- tionsprozeß noch all jenen Werth mit, welcher in der Form von Unternehmergewinn(Kapitalzins) den Besitzern der Produktions- mittel, deS Kapitals, zufällt. Er schafft folglich einen neuen Werth, welcher vermittels der heutigen Gesellschaftsordnung vom Konsumenten an den Käufer und Ausbeuter der ArbeuS- kraft gezahlt wird. Diesen neuen Werth, oder Werth über ihre Selbstkosten, bringt die Arbeitskraft des Arbeiters im aus- drücklichen Unterschied von anderen Waaren hervor, welchen nur Gebrauchs- oder Tauschwerth, nichts mehr und nicht weni- zer, eigen ist. Ohne diesen neuen Werth, von Marx Mehr- werth genannt, in Händen der Käufer der Arbeitskraft könnte die kapitalistische Produktionsweise, also die ganze Klasse von Kapitalisten, nicht bestehen, denn es ist Lebeuselement dieser Produktionsweise, so viel mehr aus der in ihrem Dienste stehen- den Arbeitskraft herauszupressen, als zur Erhaltung der von Gottes- und sonstigen Gnaden Besitzer der Produktionsmittel erfordert wird. Es kaun unter dem Druck dieses Systems die zur Erhaltung des Arbeiters nvthwendize Arbeit demnach immer nur einen Theil des ganzen Arbeitstags bilden, der Arbeilsmg also nie so kurz sein, als ausschließlich Zeit zu des Arbeiters nolhwendiger Arbeit(Lebensunterhalt) erforderlich ist. Vou dem Tage an, wo der Kapitalist in Folge irgend einer Krisis nichts mehr am Arbeiter verdient, wird er aufhören müssen, Arbeitskraft zu kaufen, wird er von seinem Kapital leben, so lange es geht, und endlich selbst zu arbeiten gezwungen sein. Daß diese Erscheinung— Beendigung des Systems der Lohn- arbeit— durch den Rormalarbeitstag verwirklicht werden könne, wird Niemand behaupte». Denn die kapitalistische Produkiions- weise hat die unerbittliche Logik, daß„die Zeit, während deren der Arbeiter arbeitet, zugleich diejenige Zeit ist, während deren der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitskraft konsumirt", also während deren er neue Werthe, welche nur vermittels Ar- beit möglich sind, durch das Monopol der Arbeitsmittel sich aneignet, oder, um mit Herrn Schulze-Faucher zu reden, Ent- behrungslohn,(jedoch nicht den seinigen, sondern den des Ar- beilers) aufhäuft. So lange die kapitalistische Produktionsweise herrscht, kamt sie immer nur so viel Arbeitshäude, als sie zu ihrer Existenz gebraucht, ganz nach dem ökonomischeu Gesetz von Angebot und Nachfrage. Sobald nun feststeht, daß der Arbeiter mehr produzirt, als ihm im Lohn gezahlt wird, fragt es sich hier bei Erwä- gung des Rormalarbeitstags, ob sich, so gut wie es eine Mi- nimalschranke des Arbeitstages giebt, gezogen durch die zur Selbsterhaltung des Arbeiters nothweudige Arbeitszeit, eine äußerste Grenze des Arbeitstags— Maximalschranke— finden läßt. Und dies ist der Fall. Solche äußerste Grenze liegt in der Dauer der Möglichkeit körperlicher und geistiger Thätigkeil, außer der Zeit zur Befriedigung der Bedürfnisse des Essens, Trinkens, Schlafens, Kleidens u. s. w., sowie zur Befriedigung geistiger und sozialer Bedürfnisse. Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß es schwer fällt, diese Grenze haarscharf zu ziehen. Äußer Zweifel aber steht es, daß der Kapitalist und der Lohn- arbeiter bei Verwendung der Arbeitskraft des letzter» ein völlig entgegengesetztes Interesse besitzen. Der Kapitalist sucht möglichst viel Arbeit(also lange Arbeitszeit) dem Arbeiter abzuzapfen, während der Arbeiter mit seinem Besitzthum, der Arbeitskraft, sparsam sein muß, um nicht allzu früh in dem Schlund der modernen Gesellschaftsordnung zu verschwinden. Diese Spar- sawkeit verwerfen jedoch viele Kapitalisten, so sehr sie auch sonst der unmöglichen Sparsamkeit der Arbeiter das Wort reden. Neben diesen Kapitalisten giebt es leider auch noch viele Arbeiter, welche nicht einsehen, daß die Ueberarbeit, die Arbeit über das Durchschnittszeitmaß, nur momentan mate- riellen Gewinn bringt, hinterher aber stets eine körperliche und geistige Eutkräftung und damit eine Entwcrlhung der persön- lichen Leistungsfähigkeit im Gefolge hat. Sie ahnen es nicht oder wollen es sich nicht eingestehen, daß bei immerwährender Ueberarbeit die Lebensdauer abgekürzt, die Konkurrenz im Lohne unerträglich und die eigentliche'Roth in materieller wie in sitt- licher Beziehung erst ständig wird. Veranschaulichen wir uns letzteres durch ein Beiftriel: Es arbeitel Jemand in Lohn täg- lich 15 Stunden für 30 Groschen, er drückt folglich seinen Konkurrenten, welcher nur 10 St. arbeitet, auf 20 Groschen Tageslohn herab, oder zwingt ihn, um leben zu können, für 30 Gr. gleichfalls 15 Stunden täglich thätig zu sein. Nun macht der Körper seine Rechte geltend; er beansprucht eine bessere Nahrung, um die lange Arbeitszeit ausfüllen zu können, kostet demnach mehr wie bei normaler Arbeitszeit, ohne daß damit auf die Dauer rasche Entkräftung zu vermeiden ist; oder auch, er behält die gewohnte Nahrung bei und unterliegt dann um so schneller dem Verderben, das sich in Siechlhuin oder einer sonstigen Krankheit äußert. Endlich komint noch die wichtige Erwägung hinzu, daß, wenn alle Arbeiter eines In« dustriezweiges schließlich ohne Ausnahme täglich 15r St. arbei- len, der Arbeilgeber in Folge der Thatsache, daß bei langer Arbeitszeit auf die Dauer die Bedürsnißlosigkeit des Arbeiters zunimmt, durch die Konkurrenz, welche sich die Arbeiter in der Ueberarbeit selbst bereiten, befähigt wird, den Lohn nach und nach herabzusetzen. Entsteht dann eine Ueberprodukcion und Krisis, so liegt der Arbeiter auf der Straße, verkommen an Geist und Körper und ohnmächtig zu weltbewegenden Schritten. Es kann gar nicht fraglich sein, daß der Arbeiter ein Thor wäre, wenn er gleichgiltig dem Verbrauch seiner Arbeits- kraft durch übernatürliche Anstrengung, anstatt bei normaler Thätigkeit in 30 Jahren, nun in 20 oder 15 Jahren zusehen würde. Reibt der Arbeiter sich in 30 Arbeitsjahren auf, so verschleißt derselbe täglich, das Jahr zu 365 Togen gezählt, nur'/»>»»» seiner Arbeitskraft, während er bei 15 Jahren täg- lich Vw-s seiner Arbeitskraft konsumirt, also, um die Hälfte seines einzigen Besitzes übervortheilt, frühzeitig dem Lebens- bankerott verfällt. Je mehr sich aber der Großbetrieb hebt, desto anmaßender tritt er gegen den Lohnarbeiter auf, denn auch ihm kommt der Appetit beim Essen, obgleich er wissen müßte, daß die Ueberaussaugung des Arbeiters schließlich ein arbeitsunfähiges oder ein, infolge großer Sterblichkeit theures Proletariat erzeugt, welches den Spieß selbst wider Willen gegen seinen Peiniger umdreht und den Gelüsten des Kapitals nicht zu genügen Vermag.„Dieselbe Nothwendigkeit," sagt Marx,„welche den Guano auf die englischen Felder ausgoß, diktirte die Beschränkung der Fabrikarbeit." Hier wie da war es der ins Blaue hinein wüthende Raubbau, welcher die na- türlichen Kräfte so sehr erschöpfte, daß eine neue Macht zu Hilfe genommen werden mußte, um die frühere Ertragsfähig- kcit, hier der menschlichen Arbeitskraft, dort der Ackerkrume, wieder z» erreichen. Bei der Ackerkrume hieß diese Macht künstlicher Dünger, bei dem Lohnarbeiter Normalarbeitstag. Als die Pflanzer in den verschiedenen Kolonien noch im Stande waren, neue, billige Arbeitskraft in Form der Zufuhr von Negersklaven aus Afrika zu erlangen, konnten sie, sobald die moderne Großindustrie die Erzeugnisse der unter den Tropen liegenden Plantagen freudig und gierig verschlang, nicht genug Arbeit aus den armen Negern herauspeitschen. Es hatte das einzelne Negerleben für sie nur geringen Werth, da stets Er- satz � dafür zu finden war. Sobald aber die Ersatzquelle ver- stopft worden, erkannten sie erst das Unmenschliche ihres �Treibens und betrachteten den Neger als ein erhöhetes Werthstück, das in ihrem eigenen Interesse der Schonung bedurfte. Es ergiebt sich daraus die traurige Wahrnehmung, daß die Humanität der herrschenden Klassen meistens erst da beginnt, wo sie. vom eigenen Vortheil geboten wird. Und sowie die Stellung des Pflanzers zu seinem schwarzen Arbeiter, ebenso erscheint die Stellung des Unternehmers zum weißen Arbeiter; auch letzterer ist, trotz aller Freiheitsgankelei der modernen Gesellschaft, nur frei, soweit es sein Hunger gestattet, dann aber gezwungen, seine Freiheit auf Tage, Wochen, Monate oder Jahre in Form von Lohn zu verkaufen. Dieser unfreiwillige Verkauf kann durch die Macht der Vereinigung der Arbeiter in seinen Folgen bedeutend gemildert werden, sei es in Bezug auf Lohn, sei es in Bezug auf Arbeitszeit. Die bis jetzt aufgetretenen Arbeiter- Verbindungen haben dies besonders in England, dann aber auch in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Nordamerika gezeigt. Theils entwickelten sich aus dieser Bewegung neue, für die Arbeiter günstige Gebräuche, theils durch das Einschreiten des Staates neue Gesetze. Und warum auch sollte der Staat nicht einschreiten, um sichtbare Schäden zu heben? Dasselbe Gesetz, welches die Haftpflicht der Eisen- bahnen ic. bei den durch letztere herbeigeführten Verunglückun- gen anordnet, dasselbe Gesetz, welches den Mord, den Einer am Andern verübt, sowie den versuchten Selbstmord bestraft, dasselbe Gesetz hat auch dafür zu sorgen, daß einerseits die Arbeitszeit und die Arbeitsräume, anderseits aber die einzelnen, noch belhörlen Arbeiter an der unnatürlichen Zerstörung der Arbeiterleiber verhindert werden. (Fortsetzung folgt). In Sachen Tolain's hat der Generalrath der Jnler- nationalen Arbeiter-Assoziation beschlossen: In Erwägung, daß der Generalrath ersucht worden ist, den Beschluß des Bundesraths der Pariser Sektionen(durch welchen der Bürger Tolain aus der Assoziation ausgestoßen wird, weil er, der in die Skationalversammlung gewählt worden, um dort die Arbeiterklasse zu vertreten, ihre Sache in der feigsten Weise verrathen hat) zu bestätigen; In Erwägung, daß der Platz jedes französischen Mit- gliedes der Internationalen Arbeiter-Assoziation zweifel- los zur Seite der Kommune und nicht in der nsurpa- torischen, contrerevolutionären Versammlung von Versailles ist; bestätigt der Generalrath den Beschluß des Pariser Bundes- raihs und erklärt den Bürger Tolain aus der Internationalen Arbeiter-Assoziation ausgestoßen. London, den 25. April. Die Mitglieder der internationalen Arbeiterassoziation in Genf haben eine Petition an den großen Rath beschlossen, worin unentgeltlicher und obligater Unterrricht in djMi untern Klassen, eine Unterstützungskasse für dürftige Schüler, die Abschaffung des konfessionellen Unterichts und -Trennung von Kirche und Staat begehrt wird.—(Eine ähnliche Forderung ist auch von unfern Pariser Bundesgenossen an die Kommune gestellt und durchgesetzt worden.) Am Pfingstmontag wird in Zürich eine sozialdemokratische Delegirtenversammlung tagen, um über ein gemeinsames Vorgehen gegenüber den in Aussicht stehenden neuen Gewerbe- und Schulgesetzen zu berathen. Folgende Punkte sind aus die Tagesordnung gesetzt: 1. Festsetzung der Arbeitszeit in den Fabriken auf höchstens 11 Stunde» täglich, an den Vorabenden von seonn- und Festtagen aus höchstens 10 Stunden. 2. Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken bis zur Ent- lassung ans der obligatorischen Volksschule. 3. Erklärung der Sekundärschule als obligaiorische Volksschule, d. h. obligatorischer und unentgeltlicher Sekundär- schulunterricht. 4. Unentgeltlicher Unterricht der Schweizerbürger an allen höheren Schulen und Lehranstalten des Kan- tons, eventuell materielleStaatShülfe für diejenigen Schweizerbürger, welche die Fähigkeiten, aber nicht die Mittel besitzen, solche Anstalten zu besuchen. Gelegentlich eines lügenhaften Berichts über ein angeblich mißlungnes Meeting der Internationalen in Amsterdam behauptete vor Kurzem unsere Bourgeoispreffe, unter den Hol- ländischen Arbeitern hätten die sozialistischen„Irrlehren" keinen günstigen Boden gefunden, und sei es den„Aposteln" der Internationalen Arbeiterassoziation trotz aller Anstrengun- gen nicht gelungen, Fuß zu fassen. Zur Beruhigung der Herrn Bourgeois sei hier mitgetheilt, daß die Internationale Arbeiterassoziation in Holland zahlreiche Sektionen hat, m A. eine in Amsterdam, und daß diese Sektionen während der Pfingstfeiertage in genannter Stadt einen Congreß ab- halten werden.— � Der diesjährige Verbandstag der(Hirsch-Dunckerschcn) Deutschen Gewerkvereine soll nach dem Beschluß des Central- raths am 27. und 28. August in Berlin abgehalten werden. In der Nr. 20 des„Gewerkverein" verlangt Herr Dr. Max Hirsch ein Belobigungs-Altest von uns darüber,„daß die Fortschrittspartei von Anfang bis zu Ende den Kampf für die Arbeiter-Jnteressen bei dem Hastpflicht-Gesetz mit aller Entschie- denheit geführt hat."— Obgleich es nicht unsere Art ist, zu toben, wo Jemand nichts weiter als seine Schuldigkeit thut, so wollen wir doch, namentlich in Anbetracht dessen, daß die Fortschrittspartei bereits stark bei den Hirsch-Duncker'schen Ge- Merkvereinen in Mißkredit gekommen ist und ein Anerkennungsattest von uns ihr also nützlich sein kann, dem Wunsch des Hrn. Dr. M. HMch nachkommen, indem wir bestätigen, daß der größere Theil ver Fortschrittspartei bei dem Haftgesetz sein Möglichstes gethan vut, dasselbe seinem Zweck entsprechend zu machen. Ja wir be- rennen joga� daß es uns recht angeheimelt hat, als der Abg. Dnncker den streng-sozialistischen Satz aufstellte, der„Staat als die organisirte Gesellschaft" habe die Berechtigung, sich als den Hort der Schwachen gegen die Starken zu erweisen. Da- gegen müssen wir Verwahrung einlegen, wenn Herr Dr. Max Hirsch weiter behauptet, der Abg. Bebel habe„im Wesentlichen die Worte des Mannes wiederholt, den Bebels Freunde so oft als den„mit 40,000 Thaler vom Kapital gekauften Verräther der Arbeitersache" aufs Gemeinste verläumdet haben." Herr Schulze-Delitzsch seinerseits dürfte nicht minder Verwahrung einlegen gegen eine Jdentifizirung mit den von Bebel ousge- sprochenen Ansichten. Daß zwei Männer von sonst entgegengesetz- ten Standpunkten, die in einer Frage zufällig bis zu einem gewissen Punkte übereinstimmen, auch theilweise gleiche Gründe anführen, liegt in der Natur der Sache. Zudem ist das in Frage stehende Gesetz kein sozialistisches Gesetz, es ist ein sol- ches, bei dem jeder humane Bourgeois mit den Sozialisten gehen muß, da letztere nichts weiter verlangen, als daß, so lange die heutige Produktionsweise existirt, der Unternehmer, der den Nutzen aus der Arbeitskraft zieht, auch für jeden Leibes- schaden, den er durch mangelhafte Einrichtung und eignes Ver- schulden verursacht, ganz und voll haftet. Die Fortschrittspartei war über die Grenze dieser Haft- Pflicht trotz alledem gespalten, da die Anträge von Schaffrath, Schulze w. nur von einem Theil der Partei unterstützt wurden. Dr. Becker-Dortmund(!) erkkkirte sogar, mit der Regierungs- Vorlage fürlieb nehmen zu wollen. Dem sozialistischen Stand- punkt direkt feindlich aber war die Erklärung des Abg. Schulze: auch er wünsche seinerseits, wieder Abg. Laster in seinem Antrag, die Kooperation von Arbeitern und Arbeitgebern zum Schutz gegen Unglücksfälle, nur sollten die jetzt bestehenden Kassen, wie Laster wollte, nicht zu solchen Zwecken benutzt werden. Wir denken, dieentgegengesetztenVerhältnisse zwischen Arbeitern und Arbeitgebern hat der Abg. Bebel genügend betont und es ist daher wohl nur ein Kartenkunststückchen,/ wenn Herr Dr. Max Hirsch in seinem Blatt behauptet, dieser habe im„Wesentlichem" dasselbe gesagt, wie der Abg. Schulze-Delitzsch. Das Haflgesetz gab den Beweis, daß die Sozial-Demo- kratie, wenn sie auch im„Reichstag" nur schwach vertreten ist, doch bereits auf den Bourgeois- Liberalismus einen so starken Druck ausübt, daß er heule bereitwillig zugiebt, was er vor wenig Jahren noch hartnäckig verweigert hätte. Im Prinzip hat inan zugegeben, daß es Sache des Staats ist, den Schwäche- ren gegen den Stärkeren zu schützen. Die Konsequenz dieses Prinzips führt nothwendigerweise zu sozialistischen Maßregeln und schließlich zum sozialen Staat. Heutd bekämpft der Liberalis- mus des Hrn. Dr. M. Hirsch noch den Älormalarbeitstag— wie lange wird es noch dauern, und auch diese Forderung der Arbeiterpartei wird von ihnen akzeptirt? Der„Deutsche Demokrat" vom 7. Mai schreibt: „General Vogel von Falckenstein verbot während seiner Militär- dictatur unter andern Blättern auch den„Volksstaat", in Leipzig er- scheinend. Die Postexpeditionen in den vom Belagerungszustand"be- faUenen Provinzen nahmen stets das Abonnement au, tonnten aber nachher das Blatt nicht liefern. Jetzt— zuerst freilich lehnten sie die Nachlieferung ab, da aus Leipzig die Nachricht einging, das fehlende Quartal sei nicht mehr zu beschaffen— scheint andere Nachricht eiuge- troffen zu fein und wird das l. Quartal dieses Jahrganges den Abonnenten auf Verlangen nachgeliefert. Wir veröfsent- lichcn diesen Fall, uin dem Herrn General zu beweisen, wie sehr un- nütz er sich abgequält." Chemnitz. Die„Freie Presse", die uusre natioualliberal- fortschrittlichen Bourgeois durch einen kleinen Staatsstreich zu vernichten hofften,(sämmtliche hiesige Druckereibesitzer wurden veranlaßt, das„Schandblatt" nicht zu drucken) ist in den Besitz einer eignen Druckerei gekominen und erscheint seit vorigem Donnerstag wieder. Aus Heine'S„Deutschland.— Ei» Wintermärchen".») Ein kleines Harsenmädchen sang. Sie sang mit wahrem Gesühle Und falscher Stimme, doch ward ich sehr Gerührt von ihrein Spiele. Sie sang von Liebe und Liebesgram, Ausopsrung und Wiederfinden Dort oben in jener bessern Welt, Wo alle Leiden schwinden. Sic sang vom irdischen Jammerthal, Von Freuden, die bald zerronnen, Vom Jensens, wo die Seele schwelgt Verklärt in ew'ger Wonnen. Sie sang das alte Entsagnngslied, Das Eiapopeia vom Himmel, Womit man einlullt, wenn es greint, Das Volk, den großeir Lümmel. Ick kenne die Wciie, ich kenne den Text, Ich kenne auch die Verfasser; Ich weiß, sie tranken heimlich Wcin Und predigten öffentlich Wasser. Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich Euch dickten: Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelrcich errichten. Wir wollen aus Erden glücklich sein, Und wollen nicht, mehr darben; Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, Was fleißige Hände erwarben. Es wächst hinicdeit Brod genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, Und Zuckererbsen nicht minder. Ja, Zuckererbsen für Jedermann, Sobald die Schoten platzen I Den Himmel überlassen�wir Den Engeln und den Spatzen. Und wachsen uns Flügel nach dem Tod, So wollen wir Euch besuchen •) Da uns mitgetheilt worden, daß manche Leser diese» schon wie- derholt und auch in voriger Nummer von uns erwähnte Gedicht nicht kennen, so tbeilen wir heute ein Bruchstück deS ersten„Kaput" mit und werden gelegentlich weitere Auszüge bringen. Das„Wintermärchen", wohl die beste, jedenfalls die wivigste und trefscndste Satire deutscher Zunge, ist im Januar 1844 geschrieben; der Anlaß und Rahmen dazu bot eine Reise, welche der verbannt in Paris lebende Heine kurz vorher nach Hamburg, zu seiner Mutter, gemacht halte. Im ersten„Kaput" betritt der Dichter den deutschen Boden: „Und als ich die deutsche Sprache vernahm, Da ward mir seltsam zu Mutye." Kein Wunder— es war„das alte Entsagungungslied", da» ihm zu- erst in die Ohrm klang.-- Dort oben, und wir, wir essen mit Euch Die seligsten Torten und Kuchen. Ein neues Lied, ein besseres Lied! Es klingt wie Flöten und Geigen! Das Miserere ist vorbei, Die Sterbeglocken schweigen. Die Jungser Europa ist verlobt Mit dem schönen Geniusje Der Freiheit, sie liegen einander im Arm. Und schwelgen im ersten Kusse. Und fehlt der Pfafseusegen dabei, Die Ehe wird gültig nicht minder— Es lebe Bräutigam und Braut Und ihre znkünfligen Kinderl Harburg, Wenig Neues nnd»och weniger Erfreuliches ist es, was wir diesmal von hier zu berichten haben. Um dem verderblichen Stillleben ein Ende zu machen, zu welchem die Arbeiterbewegung hier am Orte durch den Krieg und durch die unergründliche Weisheit der Anbänger Schweitzers verdammt war, boten wir letzteren an, eine große Volksversammlung gcmeinsam abzuhalten. Die beste Ge- legenheit bot uns der heldennmthige Kampf der Pariser, überhaupt die dortigen Ereignisse. Es war nothwendig, den Lügenberichten in den hiesigen Blättern entgegenzutreten. Druckte doch selbst das Organ der wclfisch- partikularistischen Partei die Artikel der„Neuen Preußischen Zeitung" über Assy u. s. w. ab. Jedenfalls eine merkwürdige Taktik. Leider war auch diesmal ein Einvernehmen mit den Anhängern Schweitzers nicht zu erzielen, und trotzdem viele vernünftiger Gesinnt« vollständig mit uns übereinstimmten und selbst gern eine Versammlung wünschten, hielt es Herr San t hoff für geboten, durch Androhung von Störungen seinerseits denJnhaber des Lokals zu be- wegen, uns dasselbe wieder zu entziehen. Es muß hier be- merkt werden, daß nur ein Lokal hier ist, welches, weil es ca. 1500 Personen faßt, zu solchen Versammlungen sich eignet, und auS nahe liegenden Gründen zu Versammlungen beider Parteien solange verweigert wird, als gegenseitige Ruhestörunge» zu befürchten sind. Wir müssen also, da ebenfalls aus Furcht vor Rlihesiörungen unsere Polizeibehörde die Abhaltung einer Versammlung unter srelem Himmel nicht genehmigt, uns in Geduld fügen und es ruhig geschehen lassen, daß durch den Einfluß der gegnerischen Presse, die Arbeiterbe- wegung immer mehr versumpft und den Zwecken der Gegner dienstbar gemacht wird. Wir dürfen uns deshalb auch gar nicht ivnndern, daß heute die Arbeiter gerade der Fabrik, die im Jahre 1866 schon die Be« theiligung an der Erinnerungsfeier der sogenannten Besreiutigskriege entschieden zurückgewiesen, bei dem uns noch bevorstehenden Fricdensseste unserer nationalliberalen Bourgeoisie in erster Reihe marschiren werden. Es geschieht uns übrigens ganz recht; warum haben wir früher für die Verbreitnng des jetzt enschlafenen„Sozialdemokrat" gesorgt; dessen Einfluß müssen wir es danken, wenn die Arbeiter sich nmt hinstellen und zum Vergnügen des höhereir Pnblikuins bei genannter Feier„Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands" programmmäßig gröhlen werden. Ach ja! Es wird ein herrliches Fest werden, dieses Friedenssest, wenn„unsere" Soldaten einziehet, und festlich bewmyet werden. Glückliche 75er, die Ihr mit heilen, wenn auch etwas gichii- schen oder rheumatischen Knochen reionr kommt, das Vaterland habt Ihr vertheidizt, obwohl Ihr Parias ur diesem Vaierlande seid, und dermaleinst, wenn Ihr vielleicht. der ausgestandenen Strapazen halber ein halb Dutzend Jahre früher als sonst Eure ausgemergelten Knocher zur ewigen Ruhe hinstreckt, ohne Gnade und Barmherzigkeil noch jeder Quadrat-Fuß Eures Vaterlandes, wo Eure Knochen liegen sollen, mit einem Thaler bezahlt werden muß, wenn nicht etwasvon den Segnungen des Friedens ein Armenbegräbniß mit obligater Nasenquctsche für Euch abfällt. Tröstet Euch, Ihr Kriegerl Dafür, daß Ihr dem Paterlande zwei neue Provinzen beigefügt, bekommt Ihr freilich Nichts, Eure Generale aber Jeder ein paar Tausend Thaler Exlra-Belohnung. Ihr Gemeinen könnt Euch an der Ehre genüge» lassen, auch mit dabei gewesen zu sein, und an der Flasche Heidelbeerenwasser, genannt Rothwcin, die wir großen nationalen Parrioten von Harburg Euch als Abstitdnngssumme für geleistete Dienste gegen den„Eibseiud" heut zum Besten geben. Zwar haben wir, als Ihr ausmarschirtet, Euch 100 Thlr. Prämie für eroberte Trophäen ausgesetzt, aber das ist schon lange her, wer denkt da noch daran? Und dann haben wir zur Feier des Ta�es und zu Eurer Ehre ja auch die Harbnrger Platt-Menage mit dem«chiller- köpfe mit Gas illumimrt, was wir freilich, wie so Manches, nicht aus unserer Tasche, sondern aus dem Steuersäckel der arme» Arbeiter bezahlen iverde». Diese und ähnliche hirnverbrannte Ideen des vaterlandslosen Ge- sindels der internationalen Sozialdemokrateil werden freilich, nicht in der Festrede Ausdruck finden, eben so wenig als unser Vorschlag, im Festznge zur Verherrlichung der Heldenthaten einen Wagen mit an Bälnnea aufgehängten Franktireurs niitzusühren, besolcjt werden dürfte. Doch warum verbittern wir uns über das Alles! Wären die Arbeiter nmer sich einig und nicht in schurkischer Weise gegen ihr eigenes Jnler» esse irregeleitet— diese ganze servile Verherrlichung ves privilegirten Massenmordes wäre unmöglich. Leider bleibt uns vor der Hand nicht? anderes übrig als mit Göthe's: „Wanderer, gegen solche Roth Wolltest Du Dich sträuben? Wirbetwind und trockner Koth— Laßt sie drehn und stäuben!" un» darüber hinwegzilsetzeii. Uorck. Effltiigcn, dm 11. Mai. Am Sonntag den 7. Mai fand auf Einladung des Reutlinger Arbeitervereins, verbunden mit einem Ansfliig. eine Versammlung der Bereine Eßlingen, Reu llin» gen, Mezingen und Göppingen in Neussen statt, welche trotz der großen Entfernung, welche einige Vereine dorthin halten, sehr zahl- reich besucht war, um, wie Freund Zirbs, Vorstand des Reutlinger Vereins, in seinem Ei.tladungsschreibe» bemerkt hatte, Schritte zu be- rathen, wie die Beschickung des nächsten Parteikotigresses, welcker jeden» falls von einem Mitglied aus Schwaben beschickt werdm müsse, ermöglicht werden kötine, und wie es mit dem würrembergischeu Verband, weicher seil Beginn des Krieges seine Verbindung ganz verloren habe, fernerhin zu halten sei. Wälde(vom Agiiationskomitee au» Eßlingen) erstattete kurzen Bericht über die Thätigkeit desselben und bedatierte, daß das Agitation»- komitee in Folge des Krieges sein« Thätigkeit einstellen mußte, weil zwei Mitglieder abreisten und ein Mitglied zum Militär einberufeii wurde und erst nach Friedensschluß eine Neuwahl vorgenommen wurde. Hier- auf wurde über die vorliegenden Punkte eine Debatte erössnet, wobei man sick schließlich dahin einigte, für die wllrtembergischeii Vereine eine Delegirte n-Versammlun g austtischreiben, da die heutige Versamm- lung doch keine bestimmten Beschlüsse fassen kötine, und wurde da» Agilationskomitee beauftragt, sich mit den Vereinen hierüber in Ver- bindung zu setzen. Die noch übrige Zeit verbrachte man in Geselligkeit, wobei man noch des„Volkstaat" gedachte, und eine Sammlung hiersür veranstaltete, welche 4 fl. 48 kr. ergab, welche mit diesem Schreiben ab- gesandt wurden. Mit sozialdemokratischem Gruß. Das AgitalionSkomitce, Wilh. Wälde. I. Egerter. A. Hemminger. NU. Zuschriften und Gelder sind an W. Wälde Ottilienplatz Nr. 8. einzusenden. Elberfeld, 12. Mai. Die nationalliberale„Elberselder Zeitung" vom 8. d. M. bringt eine Notiz aus Haan, daß sich daselbst eine Frau mit ihren drei Kindern, wooon das kleinste noch ein Säugling, die Andern fünf und sieben Jahre alt sind, zu einer daselbst befindlichen Steingrnbe begeben hätte, um aus„Lebens- Ueberdruß" in einem da- selbst befindlichen Wasser, ihrem und ihrer Kinder Leben ein E»de zu machen. Mutter und Säugling seien ertrunken, die andern zwei Kinder aus deren Geschrei gerettet woroen. Die Elberselderm verschweigt natürlich die U r s a ch e, welche diesen„Lebensüberdruß" herbeigeführt hat.— Ein Berliner Korrespondent der Elberselderm schrieb vor 14 Tagen ungefähr wörtlich Folgendes: „Meine Behauptung in Betreff des Cölner Sozial- Demokraten, daß derselbe fürNapoleon agitire, muß ich aufrlcht erhalten, da der- selbe für die Wahl SonnemannS in Frankfurt gegen Bürger» agitirt hat."»)— Was sagen die Eölner Sozial- Demokraten, was sagt Herr Sonnemann dazu? R. 3. *) Un» nicht recht verständlich. D. R. Tchlus; von Seite 1. des Reichstags nachzusuchen— zu Herzen und verfügte für die baierschen Offiziere gleichfalls„Retablissementsgelder für Instandsetzung und Ergänzung der Uniform- und Ausrüstungs- gegenstände", nur mit dem Unterschiede, daß nach seiner Ansicht die Kosten der Generalsuniform n.icht(wie der deutsche Kaiser meint) 66'/» mal soviel betragen, wie die des Sekondeleut- nants, sondern 87'/, mal so viel: die Skala der baierschen „Retablissementsgelder" geht nämlich von 100 bis 8750 st. Für die Soldaten vom Offizier abwärts aber giebt es hier gleichfalls keine Retablissementsgelder.— Nicht minder ungerecht, wie die ausschließliche Austheilung der genannten Gelder an die Offiziere, ist die in Aussicht gestellte Verwendung des (aus der erwarteten Kriegskontribution erst zu gründenden) In- validenfonds von 240 Millionen Thalern. Während nämlich das Verhältniß der gefallenen und verwundeten Offiziere zu dem der Soldaten wie 1 zu 22'/. ist(4990 zu 112,038) soll ihr Antheil am Jnvalidenfond sein wie 1 zu 3, d. h. von den 240 Millionen sollen 60 für die Offiziere und nur 180 für die Soldaten verwendet werden.— Erwägt man ferner die äußerst niedrigen Sätze, welche der Militärpensivns- Gesetz- eutwurf für die invaliden Gemeinen und die Wittwen und Waisen der Gefallenen der Unterklasse(bis zu 2 Thlr. monat- lich herab) annimmt, so muß man mehr als erstaunen über den nachfolgenden(von uns sehr abgekürzten) Erguß des Kriegs- Ministers R o o n bei der neulich stattgehabten ersten Lesung je- nes Gesetzentwurfs im Reichstag: „Meine Herren! Ein äußerlicher Anlaß, die Vorlage Ihrem Wohl- wollen zu empfehlen, liegt nicht vor, und zwar, weil ich glaube, daß das Gesetz lange und reiflich erwogen ist und in seinen ausführlichen Motiven alles das enthält, was für die Annahme des Gesetzes sprechen könnte. Es ist nur ein innerliches Bedürfniß, welches mich veranlaßt, einige Worte über die Vorlage auszusprechen. Es stnd nur innerliche Gründe, die mich leiten, für diejenigen ein Wort zu sprechen, welche mir aus sehr natürlichen Ursachen nahestehen, für die Armee, die Marine, für ihre Verwundeten und Beschädigten. Es ist ein Wort, das ich zu sprechen habe, für die tapfern Wassengesährten, welche minder glücklich als ihre gleich tapsern Wassengesährten aus dem Kampfe, welchen die Nation bestanden hat, hervorgegangen sind, mit Wunden bedeckt und durch Schmerzen gefesselt. Es ist ein Wort der Sympathie, die ich empfinde sür alle Diejenigen, die ihr« Lieben auf dem Felde der Ehre haben bluten sehen müssen und nunmehr des Trostes und der Hülse bedürfen, die ihnen das Vaterland zu gewähren hat und, wie ich hoffe, gewähren wird.(Bravo!) Ich glaube umso- mehr, daß das Gesetz einer ausführlichen Empfehlung nicht bedarf, als demselben, wie ich voraussetze, nicht nur Ihre Sympathie, die Sym- pathie einer Versammlung von hervorragenden patriotischeit Männern entgegenkommt, sondern daß dasselbe auch im gesammlen deutschen Volle einen lauten Widerhall finden wird. Es kann meine Abstcht nicht sein, durch schwache rhetorische Mittel aus Ihre Zustimmung und Sympathie einwirken zu wollen: die Sache spricht sür sich selbst. Ge- stalten Sie mir daher nur noch einige Worte über das Maß, in welchem, und über die Mittel, durch welche die Hülse des Vaterlandes in Anspruch genommen wird. Wärmere Herzen werden meinen, daß mit den Vorschlägen des Gesetzes kaum genug geschehen sei. Daß für die erfolgten Verluste der Ersatz unmöglich ist, leuchtet ein. Es kann sich immer nur handeln um eine Entschädigung, selbst bei den frei- gcbigsten Bewilligungen. Sie bleiben unsre Gläubiger, die tapsern Söhne des Vaterlandes, die für seine Freiheit und Unabhängigkeit, sür seinen Ruhm und seine Ehre gekämpft und geblutet haben, auch dann, wenn das Gesetz unverändert durchgeht. Es ist meines Erachtens in- deß dabei noch Ein Punkt zu erwägen, um dem gewissen Mitgefühl des Vaterlandes den richtigen Ausdruck zu geben. Es ist keine Frage, daß unsere Kämpfer noch etwas anderes in Rechnung stellen: das ist das Ehren kapital, das darin liegt, für Ruhm und Größe des Vater- landes gelitten zu haben. Unsere Verstümmelten, wenn sie uns begegnen, werden von Zedermann hochgehalten, weil ihre verlorenen Glieder eben kein Berlust, sondern eine Mehrung ihrer Ehre ist!(»«:!)(Bravo'.> Daß dem Baterlande jeder verlorene Bluts- tropfen, jede« erloschene Leben theuer ist und daß darin die Veran- lassung liegt, für die Hinterbliebenen der Gefallenen und sür die Be- schädigten zu sorgen, darin liegt uns das Hauptmotiv für Annahme des Gesetze«. Noch ein Wort über das Maß! Die angesetzten Sätze sind nur eine mäßige Entschädigung, kein Aequivalent. Sie sind sormultrt nach der Dienststellung, Dlenstzeit, Natur der Invaliden, Geldwerth der Gegemvart und den verschiedenen Graden der Hülfs- bedürstigkeit. Sie selbst werden das Bestreben nicht verkennen, ni all diesen Beziehungen eine gerechte(I) Vertheilung eintreten zu lassen. Die Mittel für diese Pensionen sind glücklicherweise vorhanden. Wären sie es nicht, wie etwa nach, einem unglücklichen Kriege, so würden wir einem unendlichen Elende des Landes be- gegnen. DaS Vaterland würde seinen Kämpfern und Vertheidigern schuldig bleiben müssen, wenigstens zum Theil, was es ihnen schuldet. Wenn nun aber die Mittel vorhanden sind, und wenn wir erwägen, daß diejenigen, für welche ein Antheil an diesen sür den Krieg errun- genen Mitteln beansprucht werden muß, diese Mittel durch Tapferkeit, Fefthalteu und Schmerzen haben errämpfen müssen, so kann ich an- nehmen, daß Sie ihnen diesen billigen Antheil, den das Gesetz will, nicht vorenthalten werden." Was soll man zu diesen Rührungsphrasen von„inner- lichem Bedürfniß", von„innerlichen Gründen" und „Sympathie" sagen, welche der Kriegsminister hier so salbungs- voll Denen widmet, welche doch nach seinen eigenen Worten „der Hilfe bedürfen, welche ihnen das Vaterland zu ge- währen hat" und wozu„die Mittel glücklicherweise vorhan- den sind"? Mußte man nicht nach der langathmigen Einlei- lung dieser Rede, welche letztere übrigens nicht länger als die Einleitung selber ist, vermulhen, der Redner wolle einen Ge- setzentwurf vorlegen, welcher die Unterstützung an die Invaliden mit so vollen Händen ausstreue, daß zu befürchten ist, die ganzen 5 Milliarden könnten darin aufgehen?— Doch nein! Kaum sind die Rührungsphrasen erschöpft— so kommt das Geständniß, daß„wärmere Herzen meinen werden, es sei nicht genug geschehen". Das hindert aber den Herrn Kriegsminister nicht, bald darauf die dreiste Behauptung aufzustellen, die Ver- theilung nach dem Gesetzentwurf sei„gerecht". Und diese„Ge- rechtigkeit" selber wird dann dahin definirt, daß sie„kein Aequivalent", sondern nur eine„mäßige Entschädigung" biete. Allerdings ist es wahr, daß„für die erfolgten Verluste der volle Ersatz unmöglich ist." Die Gesundheit ist eben ein un- schätzbares Gut. Allein eine Zweithaler-Pension, exclusive fünf Thaler monatlich für eine verlorene Hand, kann doch Niemand für einen auch nur annähernden Ersatz des Verlustes halten,— und einen annähernden Ersatz, den höchstmöglichen— da der volle un- möglich ist— ist der Staat zu geben v e r p f l i ch t e t.— Welch bittere Ironie aber ist sür solch einen Unglücklichen, der im Kriege Hände oder Beine verloren hat und nun von Almosen leben muß, weil er doch von der Staatspension nicht existiren kann— welche bittere Ironie ist für.s olch einenUnglücklichen derAusspruch, daß „ein verlorenes Glied eben kein Verlust ist, sondern eine Meh- rung seiner Ehre"! Kann mau das Unglück ärger verhöhnen? Kann man des Schadens grausamer spotten? Und was sollen wir gar erst von dem Brav«! sagen, welches die Abgeord- neten dem Redner zujauchzten?— Nach der Logik jenes Satzes ist der Mensch uin so ehrenwerther, je mehr Glie- der er verloren hat— nun, wir haben keinen Grund, ge- wissen Leuten abzurathen, sich auf dein vorgeschlagenen Wege der höchsten Ehre theilhaftig zu machen und müssen bloß unsre Verwunderung darüber aussprechen, daß sie sich bisher nicht eifriger um dieselbe bemüht haben. Wohl aus— Bescheidenheit?— Eine am 15. in Breslau im Wiesner'schen Saale ab- gehaltene, äußerst zahlreich besuchte Versaminlung unserer Parteigenossen, in welcher Re isser einen Vortrag über die Commune von Paris hielt, ist polizeilich aufgelöstwor- den. Den Grund zu dieser Maßregel gab eine Parallele, die der Redner zog zwischen der Versorgung der Verstümmelten und der Familien der Gefallenen in Paris und derer in Deutschland. Es ist leicht einzusehen, worin der überwachende Polizeikommissarius das Kriterium des Aufreizenden in dieser Parallele erblickte, wenn man bedenkt, wie verführerisch es für einen ehemaligen Unteroffizier oder Feldwebel klingen'muß, den Grundsatz ausgesprochen zu hören, daß, wer sein Blut der Sicherheit des Landes geopfert habe, ein Anrecht auf aus- reichende Versorgung seitens seiner Mitbürger besitze,.ohne dafür weitere Dienste(etwa Ueberwachung von unverstandenen und darum langweilenden Vorträgen) leisten zu müssen, und wie schmerzlich die Entdeckung berühren muß, daß dieser Grund- satz nicht im eigenen Lande gilt.— Der Reichstag hat in Preßsachen ein paar freisinnige Beschlüsse gefaßt*)— für den Papierkorb des Bundesraths; und in Sachen Stephans ein paar Ohrfeigen empfangen und natürlich eingesteckt. Unter den Mitgliedern herrscht große Unzufriedenheit, weil die Session„bis tief in den Juni" verlängert werden soll. Selbst die„Deutsche Allgemeine" droht mit Massenflucht der Abgeordneten und daraus resultirender Bcschlußunfähigkcit. Strikes sind an der Tagesordnung. Haben in Rom doch so- gar die Lakaien Strike gemacht. Warum nicht ein parla- mentarischer Strike im Berliner Reichstag? Die gegenwärtig in Deutschland so sehr überhandnehmen- den Strikes veranlaßten den Leipziger sozialdemokratischen Verein, in seiner letzten Sitzung über die Arbeitseinstellungen zu diskutiren, wobei man schließlich zu folgender Resolution gelangte: In Erwägung: 1) daß Arbeitseinstellungen nur eins der Palliativmittel sind, welche für die Dauer nicht helfen; 2) vaß das Ziel der Sozialdemokratie nicht blos dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt abzuschaffen; 3) daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch die erfolgreichsten Strikes über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben werden kann; 4) daß in letzter Zeit mehrere Strikes nachweisbar von den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plau- siblen Grund für die Erhöhung der Waarenpreise während der Messe zu haben, und daß solche Strikes nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabritanten zugute kommen, welche den Preis der Waaren ungleich mehr erhöhen, als den Arbeitslohn; 5) daß verunglückte Strikes die Fabrikanten er- muthigen und die Arbeiter entmuthigen,— also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6) daß die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorthcil von den Strikes haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten lassen, ihre Vorräthe mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7) daß unsere Partei augenblicklich nicht im Stande ist, so viele Strikes materiell zu unterstützen;— aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen, einen Strike nur dann zu beginnen, wenn gebieterische Nothwendigkeit vorliegt und man über die dazu erforderlichen Geldmittel verfügen kann; ferner: nicht so planlos zu verfahren, wie bisher, sondern nach einem ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg, Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege der Gewerksgenossen- schaften anempfohlen.— Unser östreichisches Parteiorgan, der„Volkswille", äußert sich in seiner neuesten Nummer in ähnlicher Weise. Er ent- hält folgenden Aufruf„an die Parteigenossen�: „Damit die Arbeitseinstellungen auch wirklich zu einem er- sprießlichen Resultate führen und nicht blos unnütze Opfer veranlassen, ersuchen wir Euch, überall dahin zu wirken, daß Strikes nur dann begonnen werden, wenn man sich überzeugt hat, daß die zur siegreiche« Durchführung derselben nothwen- digen Vorbereitungen vorhanden sind. Insbesondere müssen die Arbeiter darauf bedacht sein, daß nicht mehrere größere Strikes zu gleicher Zeit stattfinden, da sonst die gegen- seitige Unterstützung erschwert wird. Ferner muß in Betracht gezogen werden, ob das betreffende Geschäft, in welchem die Arbeit eingestellt wird, eine längere Stockung ertragen kann oder nicht. Es muß also bei einer Arbeitseinstellung der Moment abgewartet werden, wo der Kapitalist die Arbeiter am wenigsten entbehren kann. „Da dem Parteiorgane Berichte Über die meisten Strikes zugehen, so dürfte es auch anzuempfehlen sein, eine Anftage über den Stand derselben an die Redaktion zu richten, für den Fall, daß auf allseitige Unterstützung gerechnet wird. Mit wenigen Worten: Es ist nöthia, daß man mit der Gewißheit deS Sieges einen Strike beginnt und sich vorher ver nöthigen Mittel zu seiner Durchführung versichert." Internationale Gewerksgenossenschast der Manufal-, tur-, Fabrik- und Handarbeiter. Zu dem für Pfingsten d. I. bevorstehenden Webertag in Glauchau beabsichtigt der Vorort, eine Anzahl Delegirter zu ernennen, welche Auftrag haben, diejenigen Mitgliedschaften unsrer Gewerkschaft in corpore zn vertreten, welche nicht selbst direkt vertreten sein können und werden die Voror tsdelegirten sich mit den anderweitigen Delegirten unsrer Ge- werkschaftsmitgli edschaften sür den Fall in's Einvernehmen setzen, daß *) Abschanimg der Zeitungskaution, und der Eonzessionirung. nach Mitaliederzahl Stimmrecht geübt werde. Mitgliedschaften, welche ausdrückliches Mandat geben wollen, haben dasselbe ungesäumt ein- zusenden an den Bevollmächtigten des Vororts, Bürger Hermann Albert in Glauchau, Weberstraße. Für die Vorortsverwaltung Climmißschau d. 19. Mai._ Motteler 1. Vors. Briefkasten der Redakton: 1 Thlr. 24 Gr. für den„Volksstaat" erhalten von I. F. Hampe in Hildesheim. der Expedition: K. in M. 1 Thlr. erh; sandte Bestelltes ftanko. T. München 7 Thlr. 24 Ngr. 2 Pf. erh; P. in S. 16 Ngr. erh: wird besorgt. M. Glauchau: erhalten Packet. W. in St. Nicht zu beschaffen, Sie haben 3 Ngr. gut. Oe. Breslau: Brief und Packet abgegangen; habe 4 Thlr. 21 Ngr. dafür erhoben. I. H. Zwickau: Sie müssen dies dem dortigen Postamte anzeigen. Die Adr. D's. ist mir nicht bekannt. L. E. Waldheim. Annonce 3 Sgr._ Arbeitsvermittlung. Gute Cigarrenarbeiter, am liebsten unverheirathet, finden bei gutem Lohn dauernde Beschäftigung in der Fabrik von August Winkler in Colditz. Todes-Anzeige. Motto; Die Formen wechseln nur, Kraft und Stoff bleibt ewig. Heute, den(ll. April Abends 10 Uhr) trat der, mit tief innigster Ueberzeugung aus fteiester Naturanschauung stehende, für sein von der Vernunft gerechtfertigtes Ideal, den Kommunismus, strebende Repu- blikaner F. W. Moll im Alter von(36) Jahren den allgemeinen Weg der Wandlung an, dem alles Seiende(Bestehende) untevroorfm ist. Da obige Anzeige von meiner eigenen Hand geschrieben, deren unausgefiillte Stellen, Datum und Alter von meinen Freunden nach meinem Sein ausgefüllt, so ersuche ich hiermit, meinen letzten Willen zu befolgen, und obige Anzeige allen arbeitersreundlichen Blättern zum Abdrucke senden zu wollen. Ober-Höscheid bei Solingen. F. W. Moll. Der Verstorbene ist uns seit Jahren nach seiner freien Gesinnung in jeder Richtung bekannt. Durch die bei der Anwesenheit Lassalle's in der Schntzenburg hier- selbst am 23. September 1863 von den Fortschrittlem hervorgerufenen Excessc wurde er in deren Folgen zu 4monatlicher Gesängnißhaft ver- urtheilt; darauf ging er nach Nordamerika und war Mitbegründer der in New-Dork gebildeten Mitgliedschaft des„Allgemeinen Deutschen Ar- beiter-Vereins." Von dort zurückgekehtt, wurde er zu dem ersten inter- nationalen Kongreß von der hiesigen Sektion delegirt und blieb bis zum letzten Augenblick iibcrzeugungstreu. Da er unsre Achtung im höchsten Grad verdient, fühlen wir uns doppelt verpflichtet, obige An- zeige nach Ausfüllung der leeren Stellen aus den Wunsch des Verstorbenen zu veröffentlichen, nachdem sie uns von seiner Familie zugesandt worden. Solingen den 14. Mai 1871. Im Auftrage der sozialdemokratischeu Parteigenossen _ Earl von Giesen. Zur Beachtung. Um die hiesige Arbeiter- Beweguna mehr zu unterstützen, ersuche ich die Parteigenossen von Fürth, Nürnberg u. f. w., sich mit mir in Verbindung zu fetzen, und bitte besonders auf die Adresse zu achten. Mit fozial-demokratischcm Gruß Erlangen, im Mai 1871.(g. Müller, Maschinenmeister. _ Kunstmanu'sche Unioersiläts-Buchdruckerei. Anzeige. Hiermit bringe ich allen Parteigenossen zur Anzeige, daß ich seit dem 4. April ein Uast-& Lojtt'shaus für Fremde und Auswanderer «öffnet habe. Fitr gutes Logis und Bedienung ist bestens gesorgt und bitte ich daher, im vorkommenden Falle mich zu empfehlen. M. W Quick, Gast- u. Logiswirth, _ Schaar,»arkt Nr. 1, Hamburg. Für Hamburg. SozialSemokratifcher Arbeiterverein. Versammlung am Sonnabend, den 27. Mai, Abends 9 Uhr, im Lokale des Herm Eberhahn, Zeughausmarkl 31. Tagesordnung: Die Gründung von Produktivgenossenschasten in der Jetztzeit. Gäste haben Zuttitt. Die Parteigenossen werden dringend ersucht, dieser wichtigen Ver- sammlung beizuwohnen und ihre Freunde zu derselben einzuführen. Niemand fehle! August Geib. Für Köln. Die Gcwerksgeuoffruichast der Schuhmacher und ver- wandter Gcwerkc hat wieder regelmäßig Slyung jeden Montag halb 9 Uhr, im Lokale des Herm Wisdorf, Thiebotdsgasse Nr. 102. Gäste haben Zutritt.__ Im Austrage: Falk. Für Cölu. Gkffcntlichc Partei-Versammlung, Sonntag, den 28. dss., als amPfingstsonntag, Morgens halb IlUhr bei Hrn. Wis dorf, ThiebotvSgasje Nr. 102.— Freunde sind willkommen. Um recht zahlreichen Besuch wird dringend gebeten. O. E. Falk. Zum Webertag in Glauchau. Alle Corporalionen, Innungen u. f. w., die nicht in der Lage sind, einen Delegirten nach hier schicken zu können, werden auigefordert, beglaubigte Mandate unter der Adresse C. G. Binder, Martinstr. 57., einzuschicken. Das Centralkomitee zu Meerane. Alle Zeitungen werden«sucht, diese Zeilen aufzunehmen._ Für Dresden. Mittwoch, den 31. Mai, Abends 8'/, Uhr: Versammlung der sozial-demokratischen Parteigenossen in der„Eonversatton", am See 35. Tagesordnung: Vorbereitung zum Kongreß.— Wahl eines Komitee'«. Die Parteigenossen werden dringend ersucht, Alle zn erscheinen. Ich e rsnche die Parteigenossen, welche Photographien bis zu 2 Dtzd. bestellen, den Betrag in Briefmarken einzusenden, da die Sendung unter Kreuzband geschehen kann und bedeutend an Porto erspart wird. Mit sozialdemokratischem Gruß Dresden._ Heinrich Knieling Christianstr. 16, 4 Tr. Für Leipzig. Zx Volksversammlung. � Tonnerstag, den 25. Mai, Abends 8 Uhr, in der „Tonhalle". Tagesordn ung: Die hohen Kommunalsteuern und die Ausschließung des größern Theils der Steuerzahler von den städtischen Wahlen. Referent: A. Bebel. . Der Borstand de« sozialdemokratischen Arbeitervereins. Für Leipzig. Sozialdemokratischer Arbeiterverein. Die nächste Sitzung fällt wegen der Volksversammlung au«. Der Vorstand. Die Parteigenossen unserer Nachbarstädte werden andurch ausge- fordert, sich den zweiten Psingstfeiettag an einen, Spaziergang nach Kricbstei» zu betheiligen. Zusammentreffen früh von 8 Uhr au in der Schankwirthschaft zu Ehrenbcrg. Es soll diese Partie hauptsächlich dazu dienen, uns enger und fester aneinanderzuketten. Die Parteigenosse,, zu Mtttwcida und Waldhcim. Leipzig: Verantw.Redakteur A. H ep n er(Redaktion: Peteristeinweg 13). Druck u. Verlag: F. Thiele.(Expedition: PeterSstr. 18).