59. Sonnabend, den 22. Juli. 1871. Erscheint wöchentlich Z mal in Leipzig. Bestellungen nehmen all- Postanstalten und Buchhand- lungen des In- und Aus- landes an. Für Leipzig nehmen Bestellungen an: A. Bebel, Petersstraße 13, F.THicle, Emilienstraße 2. Der Volkstot Abonnementsprets: Für Preugen mcl Stempelsteuer 16!)lorlc Organ der sOial-demokratischen Arbeiterpartei und der Internationalen Gewerksgenossenschasten. Wir machen darauf aufmerksam, das; in den Mandate» zum ParteikongreK die Zahl der am Ort befindlichen Mitglieder angegeben werden mutz. An die Parteigenossen. Mit Hinweis auf unsere Bekanntmachung in Nr. 42 des „Volksstaat", die Einberufung und die vorläufige Aufstellung der Tagesordnung des diesjährigen Parteikongresses betreffend, bringen wir nachstehendes zur nochmaligen Kenntniß: Sonnabend, den 12. August 1871, Nachmittag, findet eine Borversammlung statt, Lokal: Saal der Conver- sation, behufs Abgabe der Mandate; Wahl des Bureaus für den Kongreß; Wahl der Mandat-Prüfungs-Kommisfion; Wahl einer Kommission zur Feststellung der Resolutionen zu den ein- zelncn Punkten der öffentlichen Sitzungen; Wahl sonst noch nölhig werdender Kominissionen; Feststellung der Reihenfolge der Tagesordnung und Geschäftsordnung für den Kongreß. Sonnabend, den 12., Abends, Sonntag, den 13., Bormittags: Oeffentliche Sitzungen, Lokal der Cen- tralhalle. Der Eintritt ist Jedermann gestattet, aber nur an Par- teigenossen wird das Wort ertheilt. Auf die Tagesordnung ist vorläufig gesetzt: 1) Der Nonnalarbeitstag. Referent Yorck aus Harburg. 2) Die politische Stellung der Partei. Referent Lieb- knecht aus Leipzig. 3) Das allgemeine Stimmrecht für die Vertretung der Einzelstaaten und Kommunen. Referent Bebel aus Leipzig. 4) Der Reichstag und das Gesetz, betreffend die Verbind- lichkeit zum Schadenersatz für die bei dem Betriebe von Eiseubahnen, Bergwerken u. f. w. herbeigeführten Tödtuugen und Körperverletzungen. Referent Bracke aus Braunschweig. Die geschlossenen Sitzungen werden Sonntag, nach Schluß der öffentlichen Sitzung, Montag, eventuell Dienstag, abgehalten werden. Lokal: Saal der Conver- sation. Die Tagesordnung der geschlossenen Sitzungen bilden: 1) Bericht des provisorischen Ausschusses. 2) Bericht der Kontrollkommission. 3) Bericht über die Lage des Parteiorgans. 4) Diskussion und Anbringung von Beschwerden über Ausschuß, Kontrollkommission, Redaktion und Expe- diuon. 6) Bericht der Mandatprüfungskommisfion. 5) Beschlußfassung über das literarische Unternehmen. Antragsteller: die Parteigenossen in Hamburg(siehe Stutt- garier Kongreßploiokoll). 7) Beralhung einer Geschäftsordnung für die Partei und den Ausschuß. 8) Anträge der Parteimitglieder. 9) Wahl des Ortes für den Ausschuß und die Kontroll- kommission. IE) Wahl CVä Ortes für den nächsten Parteikongreß. ___ Der provisorische Ausschus;. Politische Ueberncht. Aus Paris schreibt man der„Frankfurter Zeitung" unterm 16. Juli: „Die Kriegsgerichte werden erst nach den Munizipal- wählen ihre Thätigkeit beginnen. Alle Tage tauchen übrigens Mitglieder der kommunalistischen Bewegung, welche man in Haft oder im Grabe glaubte, lebendig, frei und in fremdem Lande vor den Henkern gesichert auf. Brunereau, dessen mit vielen Details ausgeschmückter romantischer Tod auf einer Barrikade in Aller Munde war, trinkt in der Schweiz friedlich Molken. Lissagaray, den man in Versailles hinler Schloß und Riegel glaubte, hält in England Vorlesungen �über die Kommune. Summa Summarum besteht die erste Serie der vor das Kriegsgericht Verwiesenen statt aus 1E5 aus fünfzehn Namen. Es sind dies: Assi, Josse, Paschal Grousset, Btllivray, Ferrat, Berdure, Courbet, Jourde, FerrS, Rastoul,' Pasquier, Ch. Lullier, Babick, Ororne Sohn und M illet. Bon diesen waren nur neun Mitglieder der Kommune. Berdure, der unter dieser Zahl sigurirt, ist ein ehemaliger Professor, der regen Antheil an der kooperativen Bewegung genommen hat und einer der Hauptpfeiler des "Kvedtt au travail"(„Kredit fürArbeit") war, denB eluze gründete. Berdure nahm an der kommunalistischen Be'vegung keinen aktiven An- thetl und beschäftigte sich nur mit der Jugenderziehung, ebenso wie seine Tochter Marie Berdure, welche Mitglied der Unter- richtskominiffion für Frauen war. Berlure, der seinen Ansich- ten nach zu den gemäßigten Mitgliedern der Kommune gehörte, zeigte sich nach der Katastrophe überaus energisch.— Ra stoul, ein Mediziner, war Chefarzt der Kommune und verließ seine Stelle aus verletzter Eitelkeit.— Die Gerichtsverhandlungen werben fast vierzehn Tage dauern, da nahezu 200 Zeugen ab- zuhören sind. �>ie zweite Serie von Kommunalisten wird die riantiion�.r:. ivolutionsaewalt vom 1 x„>«».->>r�n. die ich Betrau, wolutionsgewalt vom 18. März umfassen; ich die B? efort, Bermerch, HenriMaret u. s. w. wdivlduelle Ge" rin die Reihe kommen. Kapitän d'H am e- «court ist Jnstruktionsrichter, Kapitän Grimal öffentlicher läger." L. Mä Wie wir in der„Libertö" lesen, erzählt das„Brüsseler Journal'�:„Auf dem Pariser Ostbahnhof entstand neulich zwi- : scheu den aus der deutschen Gefangenschaft anlangenden Sol- daten und denen, die zur gegenwärtigen Pariser Garnison ge- hören, ein Streit. Als Letztere die Ersteren zum Trinken jeiuluden, erhielten sie zur Antwort:„Nie und nimmer werden wir mit Mördern trinken. Ihr habt auf unsere Brüder geschossen. Anstatt die Pariser zu massakriren, hättet Ihr sie vertheidigcn sollen, wie wir es gethan haben würden, die wir Pariser Kinder sind." Diese Erzählung stimmt mit der von uns neulich zemel- deten Thatsache, daß die bis nach dem Sturz der Kommune in der Gefangenschaft zurückbehaltenen Franzosen vielfach ihre Sympathien für die Kommune an den Tag gelegt haben.— Der baiersche General v. d. Tann veröffentlicht unterm .29. Juni per Cirkular eine Widerlegung der im vorigen Jahre durch die„Times" verbreiteten Nachricht, daß die Baiern und Preußen am 1. September das Dorf Bazeilles wegen Theilnahme der Bewohner am Kampfe eingeäschert, ganze Familien in die Flammen zurückgestoßen und fliehende Frauen erschossen haben, so daß von 2000 Einwohnern kaum 300 übrig geblieben. Der General sagt: „Um nicht bloße Behauptungen diesen Anklagen entgegen zu stellen und um die Unwahrheit derselben aktenmäßig beweisen zu könuen, habe ich während deS Krieges nicht geantwortet, nach Abschluß des Friedens aber durch die gesälligc Vermittlung des deutschen Civilkommissärs von den srantösischen Behörden, namentlich dem Herrn Belle inet, Maire von Bazeilles, einen erschöpfenden namentlichen Rapport über alle während des Kampfes vom 31. August und 1. September verunglückten Einwohner erholt. Nach diesem offiziellen Rapport beträgt die Gesammtzahl der Tobten, Verwundeten und Vermißten der Einwohnerschaft ncnnunddreißig. Darunter: verbrannt oder erstickt: 2 bettlägerige Frauen, 3 Männer, 3 Kinder; getödtet ver- mißt, verwundet während des zweitägigen Kampfes: 1 Frau, 30 Männer; Summa 39. Der größte Theil des Dorfes wurde ein Raub der Flammen durch die zweitägige gegenseitige Beschießung und den sechsstündigen»'örderischen Straßen- und Häuserkamps gegen das zwölfte französische Korps, namentlich gegen die Division ver Marine-Infanterie, wobei mein Korps 2«X>t1 Mann an Tobten und Verwundeten verlor. Wenn Zifsern reden, kann ich die Recht- feniaung sparen und mit dem Wunsche schließ'», daß alle Diejenigen, welche sich durch die im ersten Schrecken erklärbaren Ueberlreibungen 1» ungerechten Anllagen verleiten ließen, ihre Synrpathie den Unglück- lichen Einwohnern Hinsort durch reichliche Uuterstüpungen beweisen werden, denn der Maire BeUomet fügt dem Rapporte bei, daß seit ver Schlacht von 2t>43 Einwohnern 149—159 durch Krankheiten in Folge von Mangel und Elend verstorben seien/' Diese Widerlegung, welche allem Anschein nach auf Wahrheit beruht, hat schon darum mehr Glaubwürdigkeit als sonstige amtliche Dementi's, weil sie in einer andern Form, als der gewöhnlichen offiziellen, erschienen ist. Dem General v. d. Tann ist es eben um seine Ehre zu thun, und darum scheut er sich nicht, neben dem„Amtsblatt" auch den Weg des„Cirkulars" für feine Ehrenrettung zu benutzen.— Die obige Widerlegung aber drängt den Leser nolhwendig zu der Frage, wie es sich denn mit den anderweit gemeldeten Einäscherungen von Dörfern und Städten verhält? Der Fall von Bazeilles ist nur Einer von über Hundert.— Die Leser werden sich erinnern, daß wir vor mehreren Wochen der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" den Bericht eines französischen Blattes entnahmen, welcher besagte, daß Monate nach dem Friedensschluß französische Geißeln durch preußisches Militär erschossen worden seien. Trotz der Aufforderung der nationalliberalen „Deutschen Allgemeinen Zeitung" und anderer„wohlgesinnter" Blätter ist bis zum heutigen Tag kein Dementi erfolgt, und wir müssen es daher als feststehende Thalsache betrachten, daß die Preußen mitten im Frieden Geißeln genommen und erschossen haben.— Natürlich wächst in Elsaß-Lothringen die Erbitterung über das Stieber-Mühlersche Regiment der Gottesfurcht und frommen Sitte; natürlich kommt es in den okkupirten De- partements zu Hefligen Reibungen zwischen Einwohnern und fremden Truppen; natürlich bezeigen die preußischen Militär- behörden den besiegten Franzosen keine größere— Liebenswürdigkeit als den deutschen Landsleuten; na türlich Berhängung des Belagerungszustands über einen Theil der okkupirten Departe- ments; nat ürlich Rachegcfühle und Rachegedanken im französischen Volk; natürlich die sichere Aussicht auf einen neuen Krieg; — und natürlich nach wie vor große Bewunderung unsrer patriotischen Presse für die„geniale Politik", der wir all diese natürlichen„Resultate" verdanken.— Wie die preußischen Junker in den okkupirten Departe- ments wirthschaften, zeigt folgende Proklamation: ,,St. Ouentin 11. Juli. 1. Alle vom Major von Hohenhorst getroffenen Anordnungen bleiben in Kraft, Patrouillen werden lediglich verstärli.' 2. In einem Hause befindliche Leute haben eine Patrouille in- sultirt, indeni sie dieselben mit leeren Flaschen bewarfen. Ich habe den Patrouillenführer bestraft, weil er so nachlässig gewesen ist, das Haus nicht auf bestimmte Weise bezeichnen zu könne». 3. Die Patrouillenführer jc. haben Befehl, im Falle der Wieder- holung solcher Insulten das Haus zu kennzeich ncn, indem sie sofort auf dasjenige Stockwerk Feuer geben, aus welchem die Beleidigung kam, und falls die Patrouille nicht mit irgend einem Be- fehle beauftragt ist, welcher so schnell als möglich vollzogen sein soll, soll sie sofort zur Verhaftung einiger Bewohner des betrestenden Stockwerkes schreiten, falls der Urheber der Insulte nicht von den Bewohnern selbst festgenommen wird. 4. Ein Offizier des Regiments ist von einem Einwohner mit unerhörter Frechheit angegriffen worden. Zu meiner großen Ge- nuglhuung ist der betreffende Offizier glücklich genug gewesen, den Einwohne r so zu verwunden, daß er unschädlich gewor- ! den ist. 5. Von dem Augenblicke an. wo dergleichen Angriffe gegen die Offiziere vorfallen, ist es sehr wahrscheinlich, daß einzelne Soldaten in gleicher Weise ausgesetzt sind. Ich habe daher den Soldaten be- ' fohlen, daß sie, falls sie angegriffen werden, von ihren Säbeln den ernstesten und nachdrücklichsten Gebranch machen sollen. 6. Ich bringe meine Befehle zur Kenntniß der Bevölkerung und rechne darauf, daß alle Familienväter, Hausherren, Lehrhecren u. s. w. sich beeilen werden, sie ihren Angehörigen mitzutheilen. Der Oberst und Kommandeur des 3. Ostpreußischen Grenadier- Regiments Nr. 4 und Platzkommandant, v. Dietzen. Sankt Putzki, heiliger Schutzpatron!— Als charakteristische Bethäligung denkervolklicher Denkkraft sei hier erwähnt, daß die„stkorddeutsche Allgemeine Zeitung" an die Nachricht, in Frankreich solle„die allgemeine Wehrpflicht wie in Preußen" eingeführt werden, die verlegene Bemerkung knüpft:„Nun, die allgemeine Wehrpflicht ist die beste Bürg- schaft des Friedens."—„Die allgemeine Wehrpflicht wie in Preußen", ist allerdings die beste Bürgschaft einer friedlichen Politik—„wie in Preußen".— Es liegt in der Natur der Dinge, daß man„an maßge- bender Stelle" nicht geneigt ist, die Höhe unserer Verluste im letzten Krieg bekannt werden zu lassen. Die Listen der Gebliebenen und Verwundeten wurden, da es nicht zu un'ge- hm war, veröffentlicht, freilich sehr ungenau und unvollständig. Dagegen hat man es hartnäckig vermieden, über die durch Krankheiten angerichteten Verheerungen ziffernmäßige Anga- ben zu machen. Man begnügte sich mit vagen Redensarten und hatte zu wiederholten Malen sogar die Keckheit, den Ge- sundheilszustand der Armee als„vorzüglich", ja„besser denn in Friedenszeiten" zu schildern, obwohl die endlosen Kranken- transporte, sowie Tausende von Soldatenbriefen diesem Geflun- ker den Stempel der Lüge auf die Stirn drückten. Jetzt kommt plötzlich eine halbamtliche Bestätigung der schlimmsten Gerüchte, die seinerzeit umliefen: Das unter der Aufsicht der obersten Militär- behörden stehende Z en tralnachweisebureau in Berlin hat nem- lich einen Bericht seiner Thätigkeit, mit interessanten statistischen Ziffern, veröffentlicht. Wirersehen daraus, daß dieses Institut in Jahresfrist 633,000 Kranke und Verwundete nachgewiesen hat, und daß von diesen sechs mal h und ert vre i?nd dreißig tausend Kranken und Verwundeten nur 78,000 der französischen, die übrigen fünf hundert vier und fünfzig tausend der deutschen Armee angehört haben. Der Um» stand, daß von letzteren bloß 46,000 Süddeutsche und fast 508,000 Norddeutsche waren, zeigt durch das Mißverhältniß der Zahlen, daß das Nachweisebureau sich wesentlich mit der norddeutschen Armee beschäftigt hat. Die furchtbaren Ziffern, die ohnehin auch für Nordoeuischland nicht auf Vollstänoigkeit Anspruch erheben, sind demnach lief unter der Wirklichkeit. Und schlagen wir die Verwundeten in runder Summe auf hundert- tausend an, so werden wir sicherlich noch hinter der Wahrheit zurückbleiben, wenn wir die Zahl der unverwundetenKran- kcn auf eine halbe Million schätzen. Wie viele derselben ge- storben sind, oder einen unheilbar siechen Körper davon getra- gen haben, darüber fehlen uns vorläufig die nöthigen Anhaltspunkte. Die Ziffer muß aber eine erschreckende sein.— Warum unsre Soldaten im Feld Hunger zu lei- den hatten. Im„Anzeiger für das Havelland", dem Span- dauer Festungsorgan für Gottesfurcht und fromme Sitte, sin- den wir nach der Berliner„Gerichtszeitung" folgendes inter- essante Artikelchen: „Die Gebrüder Sobernheim solle» 2Millionen an ihren Lie- feiungen verdient haben, obwohl dieselben, da sie eines enormen Betricbs-Kapitals bedurften, wie man sagt, die ihnen geliehenen Gelder bis zu 40 Prozent verzinsten.— Ein junger Mann, welcher sich im Dienste eines Lieferanten gegen 5 ihlr. tägliche Diäten auf dem Kriegsschauplätze befand, kam bald zu der Einsicht, daß eS rentabler sei, auf eigenen Füßen zu stehen; er wußte sich auch leicht einen Lie-- sernngsauftrag zu verschaffen und hat t oy einer versehtten Kajseespe- kulat on(er h tte große Borräthe von Kaffee angekauft, um dieselben au die ausgehungerten Pariser zu verkaufen, die aber der deutschen Speknla-ion den Eingang wehrte») noch 59,999 Thlr. nach Hanse gebracht!— Die Berliner Schlächter Gebrüder Müller in der Neuen Königsslraße haben durch die Lieferung von Fleisch»ach dem Kriegi- schaup atz über eineMillion Thaler verdient, so daß sie bereits während des Kriegs und zwar zur Zeit d.-r Ansangsperiode desselben, Vj Million Schatzscheine zeichnen konnten.— Die Firma Böhm, welche als Kapitalistin hinter den Gebrüdern Müller steckte, hat vielleicht ziemlich denselben Nutzen gehabt! Einem Buchhalter der Ge- brüder Müller, welchem 1 pCt. von dem Gewinne des KriegSlieferungS- geschäfts zugesichert worden war, mußten 19,999 Thaler Tantieme aus- gezahlt werden." Selbstverständlich sind das bloß ein paar Beispiele aus vielen. Und hier ist nur von dem„ehrlichen" Verdienst die Rede. Es hat aber auch nicht an direkten Betrügereien und Unter- schleifen gefehlt, über welche die eingeleiteten Untersuchungen hoffentlich Licht verbreiten werden. So viel steht jedenfalls fest: Der B vurgeoispatrio tismus ist von denhungern- den Soldaten fett geworden.— Ueber die preußischen Preßzustände schreibt man uns aus Berlin: „Auf dem vor 2 Wochen zu Breslau abgehaltenen Jour- nalistentage erzählte Dr. Kletke, Chef-Redakieur der ,, Vossischen Zeitung", bei Gelegenheit der Debatte über die Stellung der deutschen Zeitungen und ihrer Referenten während des verflossenen Krieges, daß die„Vossische Zeitung" eine» Fortsetzung aus Seite 4. Der Bürgerkrieg in Frankreich. Ädresse des Grnrralfathg drr Intrrnationalrn Ärbeiter- Ässoziation an alle Mitglieder in Europa und den Vereinigten Staaten. (Fottsetzung.) Der erste Versuch der Sklavenhalter- Verschworung zur Unterwerfung von Paris, wonach die Preußen es besetzen soll ten, scheiterte an Vismarck's Weigerung. Ter zweite Versuch. am 18. März, endigte mit der Niederlage der Armee und der Flucht der Regierung nach Versailles, wohin ihr die gesammte Verwaltungsmaschine folgen mußte. Durch Vorspiegelung von Friedcnsuntcrhandlungcn nnt Paris gewann Thiers jetzt die Zeit, den Krieg gegen Paris vorzubereiten. Aber woher eine Armee nehmen? Die Ueberblcibsel der Linienregimenter waren schwach an Zahl und unsicher von Stimmung. Seine dringen den Aufrufe an die Provinzen, Versailles mit ihren National garden und Freiwilligen zu Hülfe zu eilen, stießen auf offene Weigerung. Nur die Bretagne sandte eine Handvoll Chouans. die unter der weißen Fahne fochten, Jeder mit dem Herzen Jesu in weißem Linnen auf der Brust, und deren Schlachtruf war: Vive le Roi!(Es lebe der König!) Thiers blieb also darauf angewiesen, in aller Eile eine buntscheckige Bande zu sammen zu trommeln, Matrosen, Scesoldaten, päpstliche Zua ven, Valentin's Gensdarmen, Pietri's Stadtscrgeanten und Mouchards(Spione). Diese Armee wäre jedoch bis zur Lächcr keit ungenügend gewesen, ohne die nach und nach eintreffenden imperialistischen Kriegsgefangenen, die Bismarck in Abschlags� sendungen losließ, hinreichend einerseits, den Bürgerkrieg im Gang, und andrerseils Versailles in kriechender Abhängigkeit von Preußen zu halten. Im Verlauf dieses Krieges selbst. hatte die Versailler Polizei der Versaillcr Armee aufzupassen während die Gensdarmen diese Armee mit sich fortreißen must ten, indem sie sich überall an den gefährlichste» Posten zuerst aussetzten. Die Forts, welche fielen, wurden nicht genommen sondern gekauft. Ter Heldcnmuth der Kommuualistcn über zeugte Thiers, daß der Widerstand von Paris nicht durch sein eigenes strategisches Genie und die ihm verfügbaren Bajonette zu brechen war. Gleichzeitig wurden seine Beziehungen zu den Provinzen immer schwieriger. Nicht eine einzige Billigungsadresie lief ein. um Thiers und seine Krautjunker aufzuheitern. Ganz im Gegentheil. Deputationen und Adresien strömten ein von allen Seiten und verlangten in einem keineswegs achtungsvollen Ton. Versöhnung mit Paris auf Grundlage der unzweideutigen An erkennung der Republik, der Bestätigung der kommunalen Freu hellen und der Auflösung der Nationalversammlung, deren Mandat erloschen sei. In solchen Mafien kamen sie an, daß Dufaure, Thiers' Justizminister, den Staatsanwälten in einem Cirkular vom 23. April befahl,„den Ruf nach Versöhnung" als ein Verbrechen zu behandeln! Im Hinblick jedoch auf die hoffnungslose Aussicht, die ihm sein Feldzug eröffnete, beschloß Thiers, seine Taktik zu ändern und schrieb für das ganze Land Gemeinderathswahlen für den 30. April aus, auf Grund der neuen, von ihm der Nationalversammlung diktirten Gemeinde Ordnung. Mit den Jntriguen seiner Präsekten hier, mit der Einschüchterung seiner Polizei dort, erwartete er ganz zuver sichtlich, durch den Wahrspruch der Provinzen der Nationalver- sammlung die moralische Macht zu geben, die sie nie besessen hatte, und von den Provinzen die materielle Kraft zu erhalten, deren er zur Besiegung von Paris bedurfte. Seinen Räuberkricg gegen Paris, gepriesen in seinen ei genen Bülletins, und die Versuche seiner Minister, in ganz Frankreich eine neue Schreckensherrschaft zu errichten, halle Thiers gleich von Anfang für nöthig gehalten durch eine kleine Versöhnungskoniödie zu ergänzen, die mehr als Einem Zwecke dienen sollte. Sie sollte die Provinzen hinters Licht führen, die Mittelklassen in Paris anlocken, und vor Allem den angeb- . lichen Republikanern der Nationalversammlung die Gelegenheit gebe», ihren Verrath gegen Paris hinter ihrem Glauben an Thiers zu verbergen. Am 21. März, als er noch keine Armee besaß, halte er der Versammlung erklärt:„Komme was da will, ich werde keine Armee nach Paris schicken." Am 27. März erhob er sich wieder:„Ich habe die Republik als vollen- dete Thatsache vorgefunden, und ich bin fest entschlofien, sie auf- recht zu erhalten." In Wirklichkeit unterdrückte er die Revolu tion in Lyon und Marseille im Namen der Republik, während das Gebrüll seiner Krautjunker die bloße Erwähnung ihres Namens in Versailles niederheulte. Nach dieser Heldenthat milderte er die vollendete Thatsache herab zu einer vorausge- setzten Thatsache. Die Orlcansprinzen, die er vorsichtig aus Bordeaux wcgbeschieden hatte, durften jetzt, in offenem Gesetzes- bruch, frei in Dreur intriguiren. Die Zugeständnisse, die Thiers in seinen endlosen Zusammenkünften mit den Delegirtcn von Paris und den Provinzen in Aussicht stellte— so sehr sie auch fortwährend in Ton und Färbung wechselten— liefen schließlich immer darauf hinaus, daß seine Rache sich vor- aussichtlich auf die„Handvoll Verbrecher, betheiligt beim Morde von Element Thomas und Lecomte" beschränken solle, unter der wohlverstandenen Bedingung, daß Paris und Frankreich den Herrn Thiers selbst rückhaltslos als die beste der Republiken anerkennen sollte, gerade wie er 1830 mit Louis Philippe ge- than. Und selbst diese Zugeständnisse— nicht nur daß er Sorge trug, sie zweifelhast zu machen durch die offiziellen Er- läuterungen, die seine Minister in der National-Bersamnilung dazu machten; nein, er hatte auch seinen Dufaure zum Handeln. Dufaure, dieser alte orlcanistische Advokat, war jederzeit der Obcrrichter des Belagerungszustandes gewesen, wie jetzt, 1871, unter Thiers, so 1839 unter Louis Philippe und 1849 unter Louis Bonaparte's Präsidentschaft. Wenn er nicht Minister war, bereicherte er sich, indem er für die Pariser Kapitalisten plaidirte und machte politisches Kapital, indem er gegen die von ihm selbst eingeführten Gesetze plaidirte. Jetzt, nicht zufrieden, eine Reihe Untcrdrückungsgcsctze durch die Nationalversammlung zu hetzen, die, nach dem Fall von Paris, die letzten Reste re- publikanischer Freiheit in Paris ausrotten sollten— deutete er selbst das Geschick von Paris iin Voraus an, indem er die, ihm noch zu langwierige, Verfahrungsweisc der Kriegsgerichte abkürzte und ein neugebackenes drakonisches Deportationsgesetz einbrachte. Die Revolution von 1848, welche die Todesstrafe für politische Verbrechen abschaffte, hatte sie durch Deportalion er- setzt. Louis Napoleon wagte nicht, die Herrschaft der Guillo- tine wiederherzustellen, wenigstens nicht offen ausgesprochen. Die Junkerversammlung, noch nicht kühn genug, selbst nur an- zudcuten, daß die Pariser nicht Rebellen, sondern Mörder seien, mußte deßhalb ihre vorgenommene Rache gegen Paris auf Du- i faure's neues Deportationsgesetz beschränken. Unter allen diesen i Umständen würde Thiers seine Vcrsöhnungskomödie unmöglich weiter gespielt haben, hätte sie nicht, was er gerade wollte, das Wuthgeschrci der Krautjunker hervorgerufen, deren wiederkäuen- der Verstand weder das Spiel verstand, noch die Nothwendig- keit seiner Heuchelei, Falschheit und Hinhaltung. Angesichts der bevorstehenden Gemeindcrathswahlen vom 30. April, führte Thiers am 29. eine seiner großen Versöhn nungssccnen auf. Mitten in einer Fluth sentimentalen Rede- ergusses, rief er von der Trübiine der Nationalversammlung aus:„Tie einzige Verschwörung gegen die Republik, die es gibt, ist die von Paris, die uns zwingt, französisches Blut zu vergießen. Ich wiederhole es aber und abermals: laßt diese ruchlosen Waffen fallen aus den Händen Derer, die sie führen, und die Strafe wird augenblicklich anfgehalten werden durch einen Friedcnsakt, der nur die kleine Zahl der Verbrecher aus- schließt." Den heftigen Unterbrechungen der Krautjunker ant- wortete er:„Sagen Sie mir, meine Herren, ich bitte Sie in- ständigst, habe ich Unrecht? Thut es Ihnen wirklich leid, daß ich in Wahrheit sagen konnte, daß der Verbrecher nur eine Handvoll sind? Ist es nicht ein Glück inmitten all unseres Unglücks, daß die Leute, die fähig waren, das Blut von Cle ment Thomas und General Lecomte zu vergießen, nur seltene Ausnahmen bilden?" Frankreich jedoch hatte nur taube Ohren für Thiers' Re- den, in denen er sich schmeichelte, einen parlamentarischen Sire- ncngesang geleistet zu haben. Aus allen den 700,000 Ge- meinderäthen, gewählt in den; 35,000 noch bei Frankreich ge bliebenen Gemeinden, setzten die vereinigten Legitimisten, Orlea- nisten und Bonapartisten nicht 8000 durch. Die nachfolgenden Ersatzwahlen fielen noch feindseliger aus. Die Nationalver- sammlung, statt von den Provinzen die so sehr benöthigte ma- terielle Macht zu erhalten, verlor selbst den letzten Anspruch auf moralische Macht: den, der Ausdruck des allgemeinen Sttmm- rechts von Frankreich zu sein. Und um die Niederlage zu voll- enden, bedrohten die neugewählten Gemeinderäthc aller sranzö- sischen Städte die usurpatorische Versammlung von Versailles mit einer Gegenversammlung in Bordeaux. Damit war der langerwartete Augenblick zum entscheiden den Auftteten für Bismarck gekommen. Er befahl Thiers im Hcrrschcrton, unverzüglich Bevollmächtigte für den endgülttgen Friedensschluß nach Frankfurt zu senden. In demüthigem Ge- horsam gegen den Ruf seines Herrn und Meisters, beeilte sich Thiers, seinen berühmten Jules Favre, unterstützt von Pouyer Quertier abzuschicken. Pouycr-Quertier, ein„hervorragender" Baumwollspinner von Rouen, ein glühender und selbst serviler Anhänger des zweiten Kaiscrthums, hatte an diesem nie etwas Unrechtes entdeckt, außer dem Handelsvertrag mit England, der seinem eignen Fabrikantcn-Jnteresse schadete. Kaum in Bor- deaux zum Finanzministcr von Thiers eingesetzt, klagte er auch schon diesen„unheiligen" Vertrag an, machte Andeutungen, daß er bald abgeschafft werde, und hatte sogar die Unverschämtheit, wenn auch umsonst(da er seine Rechnung ohne Bismarck ge- macht hatte) die sofortige Wiedereinführung der alten Schutz- zölle gegen das Elsaß zu versuchen, wo, wie er sagte, dem keine noch gültigen internationalen Verträge im Wege stünden. Die- ser Mann, der die Contrerevolution als ein Mittel ansah, um den Arbeitslohn in Rouen herunterzudrücken, und die Abtre- tung französischer Provinzen als ein Mittel, den Preis seiner Waaren in Frankreich heraufzuschrauben— war er nicht schon im Voraus angezeigt als der würdige Genosse Jules Favre's, in seinem letzten, sein ganzes Werk krönenden Verrath? Als dies fürtreffliche Paar von Bevollmächtigten nach Frankfurt kam, schnauzte Bismarck sie alsbald mit dem Kom- mando an: Entweder Wiederherstellung des Kaiserthums, oder unweigerliche Annahme meiner eigenen Friedensbedingungen! Diese Bedingungen enthielten eine Abkürzung der Zahlungs- fristen für die Kriegsentschädigung, nebst fortdauernder Bc- ctzung der Pariser Forts durch preußische Truppen, bis Bis- marck mit dem Stand der Dinge in Frankreich sich zufrieden erkläre— so daß Preußen als höchster Schiedsrichter in den inner» Angelegenheiten Frankreichs anerkannt wurde! Dagegen war er bereit, zur Ausrottung von Paris die gefangene bona- partistische Armee loszulassen und ihm die direkte Unterstützung der Truppen des Kaisers Wilhelm zu leihen. Er verbürgte eine Ehrlichkeit dadurch, daß er die Zahlung der ersten Ent- chädigungsrate von der„Pacification" von Paris abhängig machte. Solch ein Köder wurde natürlich von Thiers und einen Bevollmächtigten gierig verschlungen. Sie unterschrieben den Verttag am 10. Mai und besorgten seine Bestätigung durch die Nationalversammlung schon am 18. In der Zwischenzeit vom Friedensschluß bis zur Ankunft der bonapartistischen Gefangenen, fühlte sich Thiers um so mehr verpflichtet, seine Versöhnungskomödie wieder aufzuneh- men, als seine republikanischen Handlanger in äußerster Be- drängniß waren wegen eines Vorwands, um bei den Vorbe- rcitungen zum Pariser Blutbad ein Auge zuzudrücken. Noch am 8. Mai antwortete er einer Deputation von versöhnlichen Mittelbürgern:„Sobald die Insurgenten sich zur Kapitulation entschließen, sollen die Thore von Paris eine Woche lang weit geöffnet werden für Alle, außer den Mördern der Generale Clement Thomas und Lecomte." Einige Tage nachher, heftig von den Krautjunkern wegen dieser Zusage zur Rede gestellt, weigerte er alle Auskunft, fügte aber diesen bezeichnenden Wink hinzu:„Ich sage Ihnen, es gibt Ungeduldige unter Ihnen, die zu viel Eile haben. Sie müssen noch acbt Tage warten; am Ende dieser acht Tage wird keine Gefahr mehr sein und die Aufgabe wird dann ihrem Muth und ihren Fähigkeiten entsprechen." Sobald Mac Mohon im Stande war, zu versprechen, daß er bald in Paris einrücken könne, erklärte Thiers der Nationalversammlung, er „werde in Paris einziehen mit dem Gesetz in der Hand und wolle Sühne verlangen von den Elenden, die das Leben von Soldaten geopfert und öffentliche Denkmäler zerstört hätten." Als der Augenblick der Entscheidung heranrückte, sagte er zur National-Versammlung:„ich werde ohne Barmherzigkeit sein"; zu Paris, sein Urtheil sei gesprochen; und zu seinen bonapar- listischcn Banditen, sie hätten Staatserlaubniß, an Paris ihre Rache nach Herzenslust auszuüben. Endlich, als am 21. Mai der Verrath dem General Douai die Thore von Paris geöff- net hatte, enthüllte Thiers, am 22., seinen Krautjunkern das „Ziel" seiner Versöhnlichkeitskomödie, die sie so hartnäckig miß- verstanden hatten.„Ich habe Ihnen vor einigen Tagen ge- sagt, wir näherten uns dem Ziele; heute komme ich Ihnen zu sagen— das Ziel ist erreicht. Der Sieg der Ordnung, Ge- rechtigkeit und Civilisation ist endlich gewonnen." Und das war er. Die Civilisation und Gerechtigkeit der Bourgeois-Ordnung tritt hervor in ihrem wahren, gewitter- schwangern Licht, sobald die Sklaven in dieser Ordnung sich gegen ihre Herren empören. Dann stellt sich diese Civilisation und Gerechtigkeit dar als unverhüllle Wildheit und gesetzlose Rache. Jede neue Krisis im Klassenkampf zwischen dem An- eigner und dem Hervorbringer des Reichthums bringt diese Thatsache greller zum Vorschein. Selbst die Scheußlichkeiten der Bourgeois vom Juni 1848 verschwinden vor der unsag- baren Niedertracht von 1871. Der selbstopfernde Heldenmuth, womit das Pariser Volk— Männer, Weiber und Kinder— acht Tage lang nach dem Einrücken der Versailler, forlkämpf- ten, strahlt ebenso sehr zurück die Größe ihrer Sache, wie die höllischen Thaten der Soldateska zurückstrahlen den eingebornen Geist jener Civilisation, deren gemiethete Vorkämpfer und Rächer sie sind. Eine ruhmvolle Civilisation in der That, deren große Aufgabe es ist, wie die Haufen von Leichen los werden, die sie mordete, nachdem der Kampf vorüber war! Um ein Seitenstück zu finden für das Benehmen des Thiers' und seiner Bluthunde, müssen wir zurückgehen zu den Zeiten des Sulla und der beiden römischen Triumvirate. Die- selbe massenweise Schlächterei bei kaltem Blut; dieselbe Miß- achtung, beim Morden, von Alter und Geschlecht; dasselbe Sy- stem, Gefangne zu martern; dieselben Acchtungen, aber dies- mal gegen eine ganze Klasse; dieselbe wilde Jagd nach den versteckten Führern, damit auch nicht Einer entkomme; dieselbe Angeberei gegen politische und Privatfeinde; dieselbe Gleich- gültigkeit bei der Niedermetzelung von dem Kampf ganz frem- den Leuten. Nur der eine Unterschied ist da, daß die Römer noch keine Mitrailleusen hatten, um die Geächteten schockweise abzuthun, und daß sie nicht„in ihren Händen das Gesetz" trugen, noch auf ihren Lippen den Ruf der„Civilisation." Und nach diesen Schandlhaten, seht jetzt auf die andere, noch ekelhaftere Seite dieser Bourgcois-Civilisation, beschrieben durch ihre eigene Presse! „Während, schreibt der Pariser Correspondent eines Lon- doncr Toryblattes, während noch einige Schüsse in der Ferne ertönen und unverpflegte Verwundete zwischen den Grabsteinen des Pere la Chaise verenden, während 6000 erschreckte Jnsur- genten im Todeskampf der Verzweiflung in den Jrrgängen der Katakomben sich verloren haben, und man Unglückliche noch durch die Straßen treiben sieht, um von den Mitrailleu- sen schockweise niedergeschossen zu werden— ist es empörend, die Cafes gefüllt zu sehen mit Absinthtrinkern, Billard- und Dominospielern; zu sehen, wie weibliche Verworfenheit sich auf den Boulevards breit macht, und zu hören, wie der laute Schall der Schwelgerei aus den Privatzimmerchen vornehmer Nestau- rants die Nachtruhe stört." Herr Eduard Herv� schreibt im „Journal de Paris", einem von der Kommune unterdrückten Versaillistischen Journal:„Die Art, wie die Pariser Bevöl- kerung(!) gestern ihre Befriedigung an den Tag legte, war in der That mehr als frivol, und wir fürchten, das wird mit der Zeit schlimmer werden. Paris hat jetzt ein festliches Aus- sehen, das wahrlich nicht am Platze ist, und falls wir nicht „die Pariser des Verfalls" genannt zu werden wünschen, muß dem ein Ende gemacht werden." Und dann citirt er die Stelle des Tacitus:„Und hoch, den Morgen nach jenem schreck- lichen Kampf, und selbst, ehe er vollständig ausgefochten war, begann Rom, erniedrigt und verderbt, von Neuem sich zu wälzen in jenem Sumpf der Wollust, der seinen Leib zerstörte und seine Seele befleckte— alibi proelia et vulnera, alibi balnea popinaeque(hier Kämpfe und Wunden, dort Bäder und Restaurants)."— Herr Herve vergißt nur, daß die„Pa- riser Bevölkerung", von der er spricht, nur die Bevölkerung des Paris von Thiers ist, die Francs-Fileurs, die haufenweise von Versailles, Saint-Denis, Rueil und Saint-Germain zu- rückkehren, in der That das„Paris des Verfalls." (Schluß folgt.) Zur Erinneruug für die deutschen Mordspatrioten. 1806—1807. (Fortsetzung.) Rückzug der preußischen Armee nach der Oder. Am 21. Oktober sandte der Fürst von Hohenlohe von Mag- j deburg aus einen skizzirenden Bericht über seine Lage an den! König von Preußen. Nachdem er darauf hingewiesen, daß der] Zweck der Sendung des französischen General Beliard, Murat's' Generalstabschef, an den Gouverneur Kleist wohl gewesen, die Festung zur Uebergabe aufzufordern, sagt er unter Anderem:- „Obgleich ich dem Herzog Eugen von Würtcmberg mit allen Egards begegnet habe, so hat er mir dennoch schriftlich bekannt gemacht, daß seine Gesundheit ihm nicht erlaubt, das Kommando seines Korps beizubehalten, sondern daß er sich zurückbegeben werde. Ich habe nichts dagegen gehabt, suspendire aber mein Urtheil über dieses Benehmen"........ Er schließt:„ Ich hoffe und wünsche, daß es mir gelingt, die Armee bis an die Oder zu bringen, und betheure Ew. K. M. auf das Feierlichste,; daß ich Alles aufbieten werde, was in meinen Kräften steht, um' das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen."— Wie ihm dies gelungen, werden wir bei Prenzlau erfahren. Da die Anordnungen der vorausgegangenen Quartiermacher und Proviantbesorger Major Knesebeck, Hauptmann Gneisenau und Kricgsrath Ribbentropp dem Fürsten Hohenlohe nicht immer bchagten, diese drei Herren sich auch mit dem Generalintendan- ten Guionneau, dem sie ins Handwerk pfuschten, in den Haaren lagen, so fehlte es trotz„des besten Willens der Behörden und Einsassen mitunter gänzlich an Lebensmitteln." „Die Wagenkolonne wuchs mit jedem Tage, je nachdem die aus Magdeburg nachrückende Bagage sie ereilen konnte. Der Marsch ging zwar in ziemlicher Ordnung, aber sehr lang- sam fort, da die Gespanne entkräftet und die Lebensmittel kärg- sich zugemessen werden mußten. Der Fürst befahl, daß jeder bei den Truppen verbleibende Wagen verbrannt werden sollte, indem nur die Kommandcurchaisen, die Geldwagen, der Provi ant- und Lazarethtrain geduldet wurden; indessen dieser Befehl, Oi Kr eili Ha Di ein JÜO die wo wie so viele andere, wurde nicht streng befolgt und mußte mehr- mals wiederholt werden. „Im Allgemeinen nahm Desertion und Jndisciplin bei den Truppen überhand, und zwar nicht nur unter den Ausländern, sondern auch bei den Kantonisten. Der Fürst ergriff alle mög- lichen Mittel, um deni zu steuern, ließ sogar einen Husaren von Usedom, der sich in der Nacht zum 21. gegen seinen Rittmeister thätlich vergangen hatte, vor der Front erschießen; unmittelbar darauf gab indessen ein Auftritt bei der Parole zu Genthin zwischen dem General Hirschfeld und dem Major Graner von Würtem- berg-Husaren den Beweis, daß auch in den höheren Stellen die Subordination verschwunden war." Weder solche geschliffene Majore wie Knesebeck, noch Land- räthe wie Vülow, die man doch wohl als landeskundig bezeich- nen darf, konnten sichere Auskunst über die Bewegungen der Franzosen verschaffen. Am 24. Oktober meldete Blücher dem Fürsten Hohenlohe,„daß er Alles anwenden werde, sich mit dem Fürsten zu vereinigen," der sich über seine Fluchtmarschrichtungen in fortwährendem Schwanken befand. Wie bäurisch originell Blücher seinem Versprechen nachgekonimen, wird sich bald ergeben. Hohenlohe, Kallreuth, Blücher— ein Jeder wollte gescheuter als jeder Andere sein. Sie geriethcn alle drei in die Patsche. Kapitulation No. 2.— Spand au. Ott ob er 25. Dieser Platz war gar nicht armirt. Erst am 15. Oktober, nach dem Verluste der Schlachten von Jena und Auerstädt hatte man angefangen, einige Geschütze und In- genieure von Berlin hinzuschicken.„Der Platzingenieur war ziemlich taub und blind." Munition war nicht hingesandt worden.„Das Oberkriegskollegium hatte angeordnet, daß 100,000 Flinten- und 20,000 Karabinerpatronen nach Spandau gesendet werden sollten; indcffen, da Berlin bereits am 19. von aller Garnison geräumt wurde, so fehlte es an Arbeitern, und der Gouverneur, Minister Graf Schulenburg, schlug es ab, daß einige Infanteristen zurückblieben, um die Munition zu verladen und die Vernichtung des übrigen Pulvers in Berlin zu bemerk- stelligen." Die Garnison, kaum 900 Mann stark, zog sich am 22. in die Citadelle zurück. Am 23. versprach der Komman- dank, ein Major Benkendorf, dein Könige schriftlich,„er wolle mit der Garnison dem Feinde nur die Trümmer der Festung überlassen." Am 24. forderte ein Parlamentär des Marschall Lannes die Citadelle zur Uebergabe auf und wurde abgewiesen. Durch die Stadt ziehende preußische Truppen brachen die Brücke am Potsdamer Thore ab, um den Franzosen das Nachdrängen ju erschweren. Die patriotischen Spandauer Bürger stellten sie sofort wieder her, und in der Nacht wurde die Stadt vom fran- zösischen 17. leichten Jnsanterieregiment besetzt. Gleichzeitig er- ging die zweite und am Morgen des 25. die dritte Aufforderung air den Kommandanten der Citadelle. „Nunmehr ließ der Kommandant einen Kriegsrath zusam- menberufen, in welchem, mit Ausnahme des Jngenicurhauptnianns Meinert, alle Mitglieder sür die Uebergabe stimmten, obgleich noch kein Schuß gefallen war, und zwar mit Rücksicht auf den schlechten Zustand der Werke, auf die Unzulänglichkeit der Munition und Besatzung und den Schaden für das königliche Jntereffe und das der Einwohner bei einer Vertheidigung." Als um 4 Uhr Nachmittags ein vierter Parlamentär er- schien, war Benkendorf zur Uebergabe bereit. Tie Zugbrücke wurde niedergelassen, ehe noch die Kapitulationsbedingungen un- terzcichnet waren. Die Franzosen drangen in die Citadelle, und „die Besatzung war der Gnade des Feindes anheimgegeben, der indessen die bereits vorher angebotenen Bedingungen bewilligte." Der Kapitulard Benkcndorf„wurde 1808 zum Todschießen verurtheilt, doch vom Könige mit lebenswieriger Festungsstrafe begnadigt." Mit den Truppen Hohenlohe's„hatte noch ein sächsisches Chevaurleger- Regiment den Marsch bis zum 25. Oktober mit- gemacht; doch von da ab verschwindet es und scheint nach Sach- sen zurückmarschirt zu sein." „Dem Fürsten Hohenlohe waren von allen Seiten die kläg- lichsten Rapporte über die grenzenlose Ermattung der Truppen durch das anhaltende Warschlren zugegangen, und dennoch war vorauszusehen, daß die Anstrengungen noch viel größer werden mußten, wenn man am 29. Stettin erreichen wollte. Ueberall stieß man aus Marodeurs, die durch Marodircn ihren Hunger zu stillen suchten, da durch das theilweise Aufgeben der durch den Major Knesebeck angewiesenen Quartiere die Verpflegung an vie- Im Stellen sehlte."„Der Oberst Maisenbach hatte dem Fürsten von Hohenlohe, wenn auch fteilich nur in der Aufregung, frei- müthig erklärt, daß die Allianz mit Rußland Preußens gewisses Verderben sei; wer also dem Staate redlich dienen wolle, müsse den König daran zu verhindern suchen. Rettung für den Staat ' i sei nur in einen: Bündniß mit den Franzosen. Er wenigstens n wolle in diesem Falle einer so schlecht geführten Sache nicht län- x ger dienen, sondern deklarire hiermit, daß er in dem Augenblick, f; wo sich Preußen mit Rußland alliiren würde, die preußischen ie � Dienste verlassen und viel lieber in französische gehen wolle".... Der Schwabe Massenbach wußte nicht, daß Preußen schon n wieder einmal an die Russen verludert war. Später, als er »t l jenen mit Veröffentlichung von„Schriften" drohte, wurde er arg o gepisackt. 11.„Bei der Parole zu Neuruppiir hielt der Fürst den anwe- n senden zahlreichen Offizieren eine sehr ernste Rede, worin er die ch Herstellung der Ordnung bei Kassation und Todesstrafe für Den- ie jenigen, der sich vabei etwas zu Schulden kommen lassen würde, e,; anbefahl; er werde die Truppen wieder vor den Feind führen n müssen, und brauche dazu tüchtige Leute. Jeder Offizier, der n nicht mehr fechten könne oder wolle, möchte vortreten, er solle einen vorwurfsfreien Abschied erhalten." ■x i Das ganze Hohenlohe'sche Manövre des Rückzugs an die u s konnte schließlich«ur gelingen, wenn ein alter stockdummer ■x\ �viegsgeselle, wie der General Schimmelpfennig, geschickt und i eiligst diejenigen Aufträge ausführte, die ihm ein ungeschickter n l Hauptmann vom Generalstabe, Namens Liebhaber überbrachte. d[ Die Cchiinmelpfennig'schen Truppen waren demoralisirt; und nicht | etwa nur die Soldaten; es waren besonders die Offiziere, vor? " i züglich diejenigen des Schimmelpfennig'schen Husarcnregimcnls, e- t die sich so schnell als möglich nach Stettin in Sicherheit bringen Y wollten. Sr In der dem Hauptmann Liebhaber vom Fürsten Hohen- e. sür den General Schimmelpfennig gegebene» mündlichen / Instruktion hieß es unter Anderem:„Der General Schimmel- ilf pl�nig muß so viel Lärm als möglich machen, ohne dem scharf- j finnigen Feinde Blößen zu geben, die ihn verrathen. Aus dem Grunde muß das Detachement in beständiger Thätigkcit sein, und Sie können den Offizieren Avancement und Orden versprechen; ich werde halten, was ich kann. Was Sie anbetrifft, so ist Ihr Glück gemacht, wenn Sie Alles gut ausrichten; der Dienst, den Sie leisten, ist zu groß, als daß er nicht gut belohnt werden sollte." Der Schimmelpfennig'sche Lärm endete damit, daß ihm einige am Finowkanal und der Havel ausgestellte Posten abgefangen wurden, und zwar im Ganzen etwa 3 Offiziere, 100 Kavalle- risten, 40 Füseliere und 30 Jäger. Der Generalstäbler Lieb- haber, der mit Postpferden im Lande herumzog, wurde in Zeh- denick abgefangen, und nachdem die Kavallerie Schimmelpfennig's am 26. verklapst worden war, trollte sich der General sür seine Person nach Stettin ab, seine Truppen ihrem Schicksale überlassend. 600 Husaren und Dragoner waren verloren gegangen. Bei Schönermark hielt der Fürst wieder einige Anreden an seine Truppen, worin er ihnen versprach, jenseits der Oder für gute Quartiere, Verpflegung und Ruhe zu sorgen. Grade als ob er, beim Nachdrängen der Franzosen, noch irgend ein ähnliches Versprechen mit Sicherheit geben konnte! Den General Blücher an sich heranzuziehn, wollte durchaus nicht gelingen. Nachtmärsche konnte dieser General mit seinen Truppen nicht wa- gen. Er schrieb dem Fürsten:„Durch Nachtmärsche zer- streuen sich unsre Truppen, ich fürchte sie mehr als den Feind." Die Vlücher'schen Truppen, wenn dieser Vehaup- tung Glauben zu schenken ist, liefen eben davon, wo und wie sie am besten konnten.„Da es den Truppen an Allem fehlt, so bleibt nur nichts übrig, als sie so viel möglich alle 24 Stun- den einige Stunden unter Dach und Fach zu bringen, wo sie wenigstens einige Nahrung erhalten können....... Ew. D. ersuche ich, mein Korps lieber zu crponiren, als es durch allzu forcirte Märsche und den damit verbundenen Mangel an Kräften und Lebensunterhalt in einen Zustand zu bringen, in dem es gar nicht mehr fechten kann." Blücher wollte init dem Hohen- lohe nichts zu thun haben; er wollte sein eigenes Kunststückchen machen und darum blieb er von ihm entfernt, obgleich er ihm nahe genug war, um ihn rechtzeitig erreichen zu können, wenn er gewollt hätte. Er bemühte sich nur, den Schein der Su- bordination zu wahren, da Hohenlohe sein Vorgesetzter war. Dieser Fürst marschirtc zwar tüchtig rückwärts, aber fast ganz ohne Gehirn. War ihm hiervon noch ein wenig geblieben, so ging schließlich auch das Wenige verloren. Als er den Rath seines Obersten Massenbach hören wollte, antwortete Dieser:„Ich weiß keinen." (Fortsetzung folgt.) <*»« schweizerisches Arbeiterprogramm. (Aus der„Frankfurter Zeitung".) Vom Bodensee, 2. Juli. Die schweizerische Arbeiterbewegung hat bis jetzt in der Geschichte des modernen Sozialismus eine nur sehr bescheidene Rolle gespielt. Einzig in Gens und Lachanxdefonds hatte die sozialistische Parle! eine umfassendere Organisation ins Leben gerufen. In den letzten Jahren dehnte sich aber die Bewegung, von Deutschland unterstützt, auch über die deutsche Schweiz immer mehr aus. Die deutschen Arbeitervereine gründeten Sektionen der sozialistischen Verbände, und im Grütliverein bildeten die schweizerischen Arbeiter einen über die gesammte Schweiz sich erstreckenden rein schweizerischen Arbeiterverband. Es ist begreiflich. daß die neusten Ereignisse, welche in der Tagevliteratur die soziale Frage in den Vordergrund drängen, den Arbeitervereinen Anlast geben, der Oessentlichkcit gegenüber Stellung zu nehmen und ihre Pro- gramme neuerdings und zwar in bestimmtester Fassung darzulegen. ivtan mag über das historische Factum, welches den Impuls zu der mit einem Male von allen Seilen unterhaltenen Diskussion über die Arbeiterbewegung gegeben hat, so oder anders denken;— soviel steht fest: der furchtbare Kamps der Pariser, mit welchem die soziale Bewegung in Verbindung gebracht wird, hat für die letzte einen historischen Hintergrund geschasien, welcher die Agitation des gesammten europäischen Proletariats viel bedeutender und in seinen Folgen weittragender erscheinen läßt, als die Meisten bisher ahnten. Die unparteiische histo- rische Würdigimg des Untergangs der Kommune zwingt zu der lieber- zeugung, daß Bestrebungen, die intensiv genug sind, um an einer Stelle Europa's eine Revolution nicht weniger als drei Monate lang zu un- tei halten und ihr das Merkmal eherner Konsequenz auf die Stirne zu drücken, nicht mit absprechenden Phrasen, noch durch Massenhinrich- tungen ü In Gallifet oder polizeiliche Verfolgungen ä la. Favre-Thier« abgethan werden können, sondern vielmehr zum ernsten und vorur- iheilslosen Studium der sozialen Verhältnisse auffordern, und gebie- terisch verlangen, daß Jeder zur Lösung der sozialen Mißstände auf dem Wege energischer Reformen Hand biete. In solcher Sachlage also, sagen wir, ist es natürlich, wenn die Ar- beiterparteien vor das Publikum treten und über ihre Ziele Aus- schluß zu geben. Mit der sortschreitenden wissenschaftlichen Erforschung aller ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft bricht sich die Erkennt- mß in der Nothwendigkeit der sozialen Reform immer mehr Bahn. Der Schritt bewegt sich vorwiegend um die Mittel und Wege, welche anzuwenden und einzuschlagen sind, um der kranken Menschheit neues Leben einzuimpfen. In dieser Hinsicht ist das Verhältniß, welches die p> litische Frage zur sozialen einnimmt, fest in's Auge zu fassen. Eine Lösung der wirthschafilichen Probleme,— ein Durchhauen jenes gordischen Knotens, welchen die Gesammtheit der sozialen Fragen bildet, von der „auf den Knaus des Schwertes gestützten Monarchie" erwarten, ist ebenso thöricht als die Annahme, daß eine radikale Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse erfolgen könne, bevor die kritische Unter- suchung derselben zu befriedigenden positiven Resultaten durchgedrungen. Jedenfalls ist die politische Freiheit die nolhwendige und unentbehrliche Grundlage zur sozialen. In dem Programme, welches der schweizerischeGrüttlivereinver- öffentlicht, wird diese Wahrheit vollkommen gewürdigt und ich halte es gerade dieses Umstandes wegen für am Platze, aus die Forderungen der Arbeiter, wie sie hier formulirt werden, aufmerksam zu machen. Dieselbe» lauten: 1) Größere Unterstützung der Schule durch den Staat; 2) ein Schweizer-Bürgerrecht; 3) ein ehrlicheres Gesetz über das erste Naturrecht: die Ehe; 4) gleiche Civilgesetze; 5) gerechtere Veitheilung der Steuern; 6) größere Opfer des Staates für den Soldaten; 7) Gesetzgebung durch das Volk. Diesen einzelnen Punkten sind nähere Motivirungen beigegeben. Leider erinnert ihre mangelhafte Redaktion an einen der Hauptfehler der Arbeiteragitalion, daß nämlich an sich richtige Gedanken durch stylistisch ungeschlachtes Beiwerk nicht selten in ihrem Werthe um Vieles beeinträchtigt werden. Ich erwähne dessen im Vorbeigehen, um den Arbeitern den guten Rath zu geben, in ihren Postulaten und Resolu- tionen sich des Vortheils präciser und sprachlich gewandter Fassung theilhaftig zu machen. Wenn wir den 2. und 4. Punkt übergehen, die sür die schweizerischen Verhältnisse, auf die sie üch beziehen, jener vollständig, dieser vielleicht nicht in solcher Allgemeinheit, berechtigt sind, so bleiben in dem übrigen Theile des Programms Forderungen übrig,.welche-durchweg als billige, der rein demokratischen Aussassnng adaequate bezeichnet werden müssen. Die Wohlthat des Unterrichts muß Allen in reicherem Maße als bis jetzt zu gut kommen. Die bürgerlichen Rechte, wie das Recht der Ehe, sind als vollkommen unabhängig von jedem confessionellen Bekenntnisse zu erklären. Wenn in dem Programm nur gerade von dem Recht der Ehe die Rede ist, so wird damit wohl nur eine der verschiedenen Materien erwähnt, die von dem kirchlichen Boden auf den rein bürgerlichen herüberzunehmen sind. Der Staat muß über» Haupt confessionslos werden. Daß eine Aenderung des Steuersystems in den verschiedensten Ländernein erstes Bedingniß der sozialen Reform ist, versteht sich fast von selbst; denn gerade gegen die ungleichmäßige Besteuerung der Einen zu Gunsten der Andern richten sich die meisten Klagen der nied rn Gesellschaftsklassen. Von großer praktischer Be- deutung ist der 6. Punkt. Wenn selbst in der Schweiz, nach der •Forderung der Grütlianer, die Leistung des Staates an den Soldaten eine größere sein soll, wie viel mehr gilt dies für die Monarchice». In den letztern müßte die Formel überhaupt anders lauten und die Be- kämpfung des gesammten kostspieligen Militärweseus zu ihrem Gegen- stände haben. So lange die Hauptsumme aller Abgaben von den stehenden Heeren aufgezehrt wird, ist an eine sruchtbriugende Wirkunz besserer Sleuergesetze und überhaupt aller Schrine zur Hebung deS all- gemeinen Wohlstandes gar nicht zu denken*). Der lebte Punkt endlich enthält die weitgehendste Forderung und geht direkt ans das Ziel zu. Die Gesetzgebung durch das Volk ist das einzige Instrument, welches es ermöglicht, alle Aenderungen in Verfassung und Geietz zu treffen, welche die vorhandenen kranken Säfte aus dem Organismus des Staates auszuscheiden und das gesunde Gedeihen der Gesammiheit zu unterhalten und immer mehr zu steigern geeignet sind. So lange einzelne Stände oder Klassen auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Rechte eine bevorzugte Wirkung übe», ist und bleibt eine gleichmäßige Pflege der Wohlfahrt aller von Seite des Staates rein unmöglich. Auf der breiten Basis der Volksgesetzgebung hingegen bietet sich jedem Versuch sozialer Neugestaltung ein unbeengter Spielraum. Die ausgedehnte politische Freiheit Allep ist der sicheiste Ausgangspunltfür die Reformbestrebungen auf ökonomischem Gebiete. Das besprochene Programm steht also auf völlig demokratischem Standpunkte. Der Grlltliverein hat mit richtigem Blicke erkannt, daß die Arbeiter zunächst die politische Freiheil im weitesten Sinne des Wortes anstreben müssen, wenn ihre Agitation der realen Unterlage nicht entbehren soll. Es schließt die politische Thäligkeit keineswegs die nebenherlaufcnde Bethätigung auf sozialem Felde aus; die erstere hat aber den Schwerpunkt der Parleibestrebungen zu bilden. Nur im freien Staate, in welchem der Volkswille zum reinsten Ausdrucke ge- langt, ist die soziale Freiheit durchführbar und es muß also der Kamps der Arbeiter die Erringung der vollkommenen politischen Freiheit als seine nächste und wichtigste Ausgabe betrachlen. Befrewngs-Lied. (Von einem Soldat während seiner Entlassung gedichtet.) Es ist die Stunde gekommen, Die uns erlösen soll, Die Waffen sind uns genommen, Das Jahr es ist balv voll. Tage und Wochen sind verflossen, Herrliche Stunden sind dahin, Blut, viel Blut wurde vergossen, Nun ziehen wir dahin. Zurück nach Deutschlands-Auen, Fort von dem Wafsenthum.— Wir wollen die Freiheit schauen.— Was nützt uns Wafjeuruhm? Die Freiheit ist zertreten, Vernichtet durch den Krieg; Aus! laßt sie uns jetzt retten, Aus uns b.ruht der Siegl Auf, die ihr den Feind geschlagen, Reicht euch die Bruderhand I Tann mögen sie es wagen, Zu trennen unser Band! Potsdam. Mittwoch den 14. Juni 1871. Berlin. Trotz der Nachricht von der glücklichen Beendigung des Weber- und Schiihmacherstrike's fällt das Resultat nun zu Un- gunsten der Arbeiter ans. Die Meister und Fabrikanten bewilligten die Forderungen der Arbeiter; diese dankten dafür in der„Volkszei- tung". Jetzt ist es aber schon mehrfach passirt, daß die Fab.ukanten die Stühle stehen ließen nnter der Erklärung, sie könnten zu dem jetzige» Lohnsatze nicht weiter arbeiten lassen; zu'oem früheren hät- ten sie jedoch noch Arbeit.— Der agent provocateur Dr. L ö w e n t h a l ist von der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" an die Daubitzffche„Staatsbürgerzeitung", vulgo Schnapsbürgerzeitung, abgetreten worden, nachdem Held, welcher statt der 4kXX> Thlr. Gehalt lieber eine Tantieme an dem Nettogewinn von 3t),lXK1 Thlr. haben wollte, aber nicht erhielt, seinen Goldonkel Daubitz im Stiche gelassen. Chefredakteur der„Staatsbürgerzeitung" ist jetzt ein Regiernnasrath Dr. Beutner,— ob der frühere„Kreuzzeitungs"-Re- dakteur dieses Namens oder ein Bruder desselben, weih ich nicht. Die Regierung hat sich also zu den vielen ojfiziöscn Organen, die sie schon in Berlin hat, noch eins hinzuerworben. Die Aufgabe des Hrn. Held, der ein Blatt unter dem Titel„Staatsbürgerzeitüng, Alte Held'sche" herausgiebt, scheint es zu sein, neue Spaltungen untervie Ar- beiter zu bringen. Möglich, daß ihm Bismarck das erloschene Vtaiidat Schweitzer's Übertragen hat!— Nach einer Bekanntmachung des hiesigen Magistrats werden d'e Kosten der Einzugsfeierlichkeit zu den städtischen Steuern ge- schlagen werden und die„eingeholten Landwehrmänner" habe» also schlicszlich VaS Fest selber niit zu berappen. *) Die stehenden Heere sind aber nicht abzuschaffen, so lange die alte Gesellschaft existirt, denn die alte Gesellschaft weiß, daß sie ohne die stehenden Heere nicht existiren kann. In den Vereinigte» Staaten von Nordamerika, wo zwar eine Bourgeoisie und folglich auch ein Proletariat, aber in Folge der eigenthiimlichen Bodcnoerhältntsse, im Allgemeinen noch kein bewußter Klasiengegensatz vorbände» ist; ebenso in der Schweiz, wo vorwiegend noch kleinbürgerliche, rejp. kleinbäner- liche Zustände herrschen(die in dem Caniönliwcsen ihren enisprechetiden politifchen Ausdruck finden) bedarf die Bourgeoisie keiner stehenden Heere, und wird auch bei größerer Zuspitzung der ökonomischen Gegen- sätze wohl schwerlich je in dem Stand sein, sie einzuführen. Allein, anders ist es in den großen europäischen Kulturstaaien: England, Frankreich und Deutschland, deren heutige Gesellschaftseinrichtimgen, ganz abgesehen von den feudalen und monarchischeu Elemente», sich ausschließlich auf die Bajonnetic der Berufssoldaten stützen. D.e Bourgeoisie brummt zwar in der Theorie gegen die„stehenden Heere", die ihr„volkswirthschaftliches" Gewissen beleivigen, in der Praxi« aber bewilligt sie aus richtigem Selbsterhaltungstrieb die gefräßigsten Militär- budgeis; und die, von ihren„demokratischen" Ausläufern bekaimteLiede sür das„Schweizer Milizsystem" wird stets eine platonische sein, da es aus der Hand liegt, daß die stehenden Heere zur Erhaltung des ökonomischen, wie des politischen Status quo unumgäiigltch sind, und daß die allgenieine Volksbewaffnung in den getiannien drei Ländern identisch wäre mit dem Un'ergang der Klassenherrschaft: mit dem Sturz der Bourgeoisie als herrschender Klasse. Kein Zweifel:„so lange die Hauptsumme aller Abgaben von den stehenden Heeren ausgezehrt wird, ist an--- eine Hebung des allgemeinen Wohlstandes gar nicht zu denken"; aber keiti Zweifel auch, daß an die Abschaffung der stehenden Heere nicht zu denken ist, so lange die Bonrgemsic herrscht. Den einzigen Ausweg ans diesem cercls vicieux, die einzige Rettung aus dem ökonomischen Ruin, den die alle Gesellschaft über die Menschheit vorhängt, bietet der sozialdemo- lratischc Staat; und gerade weil er der einzige Ausweg, die einzige Rettung ist, kann keine Macht der Erde den Sieg unserer Jveen verhindern. D. Red. d. B. Fortsetzung von Seite 1. Sonntags mit 11 Beilagen ohne dm Schein eines Grundes konfiszirt worden sei. Sich darüber persönlich bei dem von diesem auf ganz willkürlicher nichts Anderes vierzehn Tage Polizeipräsideuten beschwerend, erhielt er die Bemerkung, daß die Konsiskalion ein Gewaliakt sei, zur Antwort, daß sie auch sein solle, und daß die Konfiskationen lang fortgesetzt werden würden, wenn die„Vossische Zeitung nicht ihre Hallung ändere. Höchst auffällig ist es, daß außer der Vossischen die übrigen Berliner Zeirungen, soweit sie uns zu Gesicht gekommen, von der Erklärung des Dr. Kletke keine Notiz nahmen, sondern darüber nur erwähnten derselbe habe sich über die Bedrückungen der Berliner Presse während des Krieges beklagt."— Von Königshülte nach Laurahütte! Die Zeitungen melden:„Am 14. d. M. Abends wurde das Gleiwitzer Mili- tärkominando auf telegraphischem Wege von Laurahüttc aus ersucht, ein Detachement Ulanen zur eventuellen schleunigen Absendung konsignirt zu halten, da man bei der bevorstehenden Lohnung Arbeiter-Unruhen befürchte." Das sind dieselben Ulanen, welche die Königshütter Heldenthaten vollbracht ha- ben; man muß höheren Orts sehr zufrieden mit ihnen gewe- sen sein, daß man sie schon wieder zu ei»em„Ulanenritt" abkommand'rt!— Bei dieser Gelegenheit müssen wir zu un- fern hüheren Berichten über die Königshütter Katastrophe ei- nen kleinen Nachtrag liesern: Unsere Gegner haben zu den 4 Ursachen des Königshütter Smkes— Sozialdemokraten, Hirsch-Duncker'sche Gewerkvereine, Kaiholikenhetzereien, Kontrol- marken— noch eine fünfte herausgefunden: Englisches Kapitalistengeld, welches bestimmt ist, die deutsche In- dustrie durch Provozirung von Slri'es zu schädigen. So ge schrieben von der„Schlesischen Zeitung", und nachgeplappert von der gesainmlen Bourgeois- Presse des„Volkes der Denker."— In St. Gallen hatten die Arbeitgeber an die Arbeiter die Zuiivlhung gerichtet, bis zum 15. Juli aus der Jnter- nationalen auszutreten bei Strafe des Arbeitsverlusts. Da- über läßt sich der Züricher Korrespondent der Frankfurter Zeitung unterm 15. Juli folgendermaßen aus: „Heule läuft die Frist ab, welche die St. Galler Ar- beitgeber ihren Ard eitern gesetzt haben, um entweder aus dem iiiterualionaleli Arbeiterbund auszuscheiden oder ent- lassen zu werden. Man straft den, der einen Anderen zum Sklaven macht oder ihn seiner persönlichen Freiheit beraubt; warum gibt es nicht auch ein Strafgesetz gegen den Frevler, welcher seine ökonomische Uebermacht mißbraucht, um dem Ab- häiigigen eine Verzichtteistung auf die jedem freien Bürger in der Verfassung gewährleisteten Rechte, insbesondere auf die freie Ausübung des Vereinsrechts, abzunöthigen? Wir sind in diesem Punkte völlig anderer Meinung als die St. Galler Regierung, welche das Verfahren der Arbeitgeber für correcl erklärte; verfassungsmäßige Rechte sollten unseres Erachtcns gegen Verletzungen nicht nur von Behörden, sondern auch von Privalen geschützt sein. Auch von einer Verständigung mit den Arbeitern wollen die St. Galler Fabrikanten und Hand- werks-Meisier nichts wissen; die Delegirtenconfereuz, welche die Regierung veranstaltete, um eine Ausgleichung herbeizuführe». ist von den Arbeitgebern nicht beschickt worden. Es ist schon lange her, seit Sismondi erklärte:„Eine Zeit wird kommen, wo unsere Enkel uns, weil wir die arbeitenden Klassen ohne Schutz ließen, für nicht geringere Barbaren erklären werden, als wir diejenigen Völker für Barbaren halten, welche sie zu Sklaven herabdrückteu." Aber man beherzigt diese Mahnungen noch jetzt nicht. Wenn aber die St. Galler Arbeiter zusam- menhalten und sich beharrlich weigern, eine Verbindlichkeit, dem internationalen Arbeiterbunde nie beizutreten, zu unter- zeichnen, so werden si e schließlich dasFeld behaupten." Das Endresultat in dieser Angelegenheit ist uns noch nicht bekannt.— Ein paar ehrgeizige Phantasiepolitiker, die ihre'Namen gern in der Zeitung'lesen— der gewesene Radikalreformer und gewordene Friedensrichter Beales an der Spitze, �— haben sich in London das Vergnügen gemacht,„den Umriß eines Planes für Herstellung eines internationalen Schiedsgerichts fest� zustellen." Nach längerer Erörterung kam,„nach der„Deut- schen Allgemeinen Zeitung", der wir diese'Notiz entnehmen, folgender Entwurf zur Annahme:„Da der Krieg als ein Mittel zur Ausgleichung internationaler Zwistigkeiten ein gründe liches Fiasco gemacht hat und dein Charatier und Geiste unseres Zeilallers zuwider ist, würde pennaineuler Friede und permanente Eintracht zwischen den Nationen durch Einsetzung eines hohen Gerichlsho,es der Nationen gefördert werden, und zwar auf einer Basis, wie sie die nachfolgenden Artikel auseinandersetzen: „Art. 1. Jede getrennte und unabhängige Regierung soll das Recht haben, eine gleiche Anzahl von Vertretern an einen solchen Ge- richtshof zu schicken. Art. 2. Der Gerichtshof soll einen Coder des internationalen Rechts entwerfen, um aus Grundlage desselben alle Zwistigkeiten auszugleichen, weiche sich von Zeit zu Zeit zw. schen den einzelnen vertretenen Regierungen ergeben mögen. Ari. 3. Die Juris- biciioii der Regierung, n soll sich ans alle vertretenen Regierungen er- strecken, seine Befugnitz zur Einmischung soll sich aber ans die äußern Beziehungen einer jeden Regierung beschränken, nicht al>o die inner» Angelegenheiten irgendeiner Ratioti beeinträchtiget!. Art. 4. Wenn eine der vertretenen Regierungen sich weigert, sich an die Enlschei- dung des Gerichtshofes zu binden oder ihr in einem gegebenen Zeit- räume Folge zu leisten, so soll dieselbe für völkerrechtlich geächtet er- klärt werden, und die andern Regierungen sollen darauf hin den diplomatischen Verkehr mit einer solchen Regierung einstellen und den commerziellen Verkehr mit der betressenden Ration verbieten, bis der Entscheidung des Gerichtshofes Folge geleistet wo. den ist. Art 5 und C beslimnlen schließlich über die schiedsrichterlichen und vermittelnden Schritte des Gerichtshofes in solchen Fällen, welche in dein interna tionalen Rcchtscodex nicht vorgesehen sind oder welche nichtvertretene Nationen belressen." Recht schön und gut: schade nur, daß die heutigen Regierungen den Militarismus und Krieg nicht entbehren können, und sicherlich nicht geneigt sind, einer philanthropischen Ma- rotte zu Lieb auf die Grundbedmgungen ihrer Existenz zu verzichten. So lange die Organisalton von Staat und Ge- sellschaft nicht den Prinzipien der Gerechtigkeit entspricht, mit andern Worten, so lange die Klassenherrschaft, und damit jede Form der Herrschaft nicht ausgerottet ist, bleibt ein„interna- tionales Schiedsgericht" frommer Wunsch; nach Beseitigung der Klassenherrschaft wäre es aber unnölhig, da die Ursache inttrnatioualer Sonflikce zwischen den Eulturvötkern— um t)i&, es sich zunächst allein handeln kann— dann beseitigt ist. Für die Harmonisirung der Interessen wird der interna- tionale Central-Verwaltungsausschuß, mit oder ohne „Parlament", sorgen, der an der Spitze der Vereinigten Freistaaten der Welt stehen wird.— Die Ermordung Prims, welche ein für die„Deutsche Allgemeine Zeitung" schreibender Preußischer Polizeispion seiner- zeit der Sozialdemokratie, resp. der Internationalen Arbeiter- assoziation in die Schuhe zu schieben versuchte, soll nach den neuesten Nachrichten aus Madrid das Werk Montpensier- scher, also roh alistischer Agenten gewesen sein- Die So- zialdemokratie kämpft, oberste mordet nicht. Den Mord überläßt sie ihren Gegnern, den Einzelmord und den Massenmord. Ebenso, wie sie es ihnen überläßt, zu„steh- len", zu„plündern" und zu„theilen". Gottlieb I. wird beiläufig in Bälde seineSachen packen. Die republikanische Propaganda nimmt in den großen Städten Spaniens einen erfreulichen Aufschwung. Die Früchte des„neuen deutschen Reichs" und seiner Gesetzgebung bekommt nun auch die demokratische Presse in Bayern zu schmecken. Auf Antrag der preußischen Staats- anwaltschafl in Gumbinnen ist gegen den„deutschen Demo- krat" in Kaiserslau lern eine Untersuchung eingeleitet worden wegen zweier Artikel,„Von den Segnungen des Krieges" und „Eiwas von der liebevollen Behandlung unserer armen Solba- ten", welche beide Gumbinner Vorfälle besprachen. Der Londoner Generalrath hat in einer Zuschrift an das New-Aorker Central-Komitee für die Sektionen der Jnternatio- nalen Arbeiler-Assozialion in den Vereinigten Staaten That- fachen verössentlicht, welche die Handlungsweise des Amerika- nischen Gesandten in Paris, des Herrn Washburne, der Kommune gegenüber in dem ungünstigsten Liebt erscheinen lassen und, wenn nicht widerlegt, denselben der Verachtung jedes Menschen von Ehrgefühl preisgeben müssen. Wir werden die Zuschrift, welche uns erst nach Redaktionsschluß zugegangen ist, in der nächsten Nummer mittheilen. Berlin. Die hiesigen Maurergesellen haben am Sonntag infolge der mehlfach gescheiterten Unterhandlungen mit den Nleistern den Beschluß zum Striken gefaßt und ihn am Montag Morgen in vollster Wxße zur Ausführung gebracht, so daßsämmtliche größere Bauten still daliegen, um so stärker aber eine Vcrsaminluug besucht war, in der die weiteren Schritte zur Bcrathuug gelangten. Nachdem vor Allem und von allen Seiten zur größten Ruhe und Ordnung während der Dauer des Slrikes ermairnt uno besonders vor jegliche» Ausschreittingen und Exzessen zumal bei den Bauten, auf denen noch gealbeitet würde, gewarnt war, besprach man eingehend die Verhält- nisse der Akkord-Arbeiler, welche sich trotz ihrer schriftlichen Verpflich- tnngen von der Allgemeinheit nicht ausgeschlossen hatten und beschloß, daß dieselben nur dann sofort die Arbeit wieder aufnehmen sollten, wenn die Meister sich verpflichteten, ihren nebenbei beschäsiigten Taglohn-Ar- beilern die geforderte Verkürzung der Arbeitszeit zu bewilligen. Mehrere Meiner baben bereits die Forderungen zugestanden. Das nur theilweise Zngeständniß der Herren Kork und Lauenburg, welche den Bau des Parlamentsgebäudes in der Porzellan- Manufaktur übernommen haben, und die nur den dort beschäftigten Arbeitern die Verkürzung gewähren wollen, sührie eine längere Debatte herbei, die mir dem Resultate endete, daß beschlossen wurde, lroy der Bewilligung auch am Parlanientsgebäudc nichl weirer zu arbeilen, wenn die Bewilligung»icht auch den bei anderen Bauten beschäftigten Ar- bcitern zu Theil weide.— Berlin, 17. Juli. Jnderhier neu begründeten Norddeutschen Fabrik auf Aktien für Eisenbahiienbedarf, welche cirka tOO Arbeiter beschäftigt, war von Beginn des Betriebes an das Bestreben senens der Verwaltung erkennbar, durch möglichste Lohnherabdrückung dem alten schon destebenden Uitternehnien dieser Art sPflug), welches eben salls Akliengeschäft ist und seinen Arbeitern auch keinen andern als Hungerlohn zahlt, Concurrenz zu machen. Begieiflich war also ein stets sich steigerndes DiSharmonie-Verh äli- niß vorljanden, welches vor einigen Tagen dadurch zum ossnen Aus- druch gelangte, daß der Obermeister Wirwar den übrigen Meistern ciössnele,„durchgängig eine Reduktion von 10»/° der Arbeitslöhne dutchznsnhren."— Aber wnnderbar zeigte sich hier eine Erscheinung. welche noch nicht oft vorgekonmien sein durste. Die Meister erklärtet! dein Herrn, daß sie sich dazu nicht verstehen löiiiue», da ihrer Meinung nach der Lohn schon so niedrig sei, daß sie den> selben nicht mehr herabsetzen könnten. Hierauf soll der mo Verne Lklavenznchter geäußert haben:„Man muß die Kerls mit der Knute behandeln oder ich schlage selbst mit dem Kniippeljzrem." Doch das war den Meistern zu viel, sie zogen es vor, ihre Stellen nieder- zulegen.— Nachdem nun die Arbeiter vom Vorgefallnen Kunde er- yiellcn, beschlossen dieselben sämmilich, mit Ausnahme der Stellmacher und Lackirer, ihren Meinern zu folgen. Durch den vereinien Strike der Meister und Arbeiter mußte nun der Obermeister den Rückzug antreien und seine Forderung ausgeben. ' Rheinbrohl. Unser Ort ist der erste im Kreuse Neuwied, m welchem die Sozialdemokratie— und zwar vor einem Vierteljahre— Boden gefaßt hat. Daß wir bei unserer Landbevölkerung nicht so leicht mit unserem Parteiorgan und unser» Bestrebungen Eingang finden, rührt daher, daß die Leute— objchon sie mit den materiellen Zielen unserer Partei einverstanden sind— den Untergang der Reli- gion durch den Sieg der Sozialdemokratie� befürchten. Es kostet nun viel Mühe, den Leuten klar zu machen, daß die Sozialdemokratie nicht die Religion unterdrücken, sondern vollständige Gewissenssreiheit her- stellen will, wie schon die„Trennung der Kirche von Schule und Staat", welche in unserm Programm ausgesprochen ist, besagt. Möge die Partei, wenn sie Agitalionsschrtsten herausgtebt, aus die Landbe- völkernng ganz besonders Rücksicht nehmen und sür dieselben recht populär geschriebene, leicht verständliche Broschüren anfertige» lassen' HerSfelÜ. Den 3. Juli kam der Webergeselle Engelhardt bei dein Baumwollenwaaren- Fabrikanten Weber dahier um 7 Uhr Morgens an die Arbeit. Sein Wertführer, Namens Schädlich, er- klärte dem Engelhardt, wenn er nicht präcise 5 Uhr kommen wolle, so möge er auch warten bis 8 Uhr, worauf Engelhardt den ganzen ,£ag nicht arbeitete. Folgenden Tags kam es zu Streitigkeiten, worauf Engelhardt sein Stück arbeitete und Feierabend machte. Der Fabri- kam Weber zieht bei der Auszahlung dem Engelhardt für den Tag, welchen er nicht gearb itet hat, 12 Sgr. Lo.�n ab. Engelhardt, von Ändern aufmerksam gemacht, daß dies eine Ungerechligkeit sei, geht wieder in die Fabrik und verlangt seine t2 Sgr. Der Werkführer will ihn dafür zur Thür hinauswerfen; er leistet Widerstand, wird da- für auf dem Bürgermeisteramt angezeigt und arretirt, und vom Sonnabend Nachmittag bis Montag Morgens eingekerkert. Besonders zu bemerken ist aber dabei, daß dein Engelhardt seine ganze Baar- schast, bestehend in 1 Thlr. 15 Sgr., abgenommen ward, so daß er, ..lä er den Kerker verließ, gezwungen war, Almosen in Anspruch zu nehmen. Es ist ein solcher Akt hiernach nicht vorgekoinme», und wir warnen deßhalb alle unjre Brüder vor solchen Fabrikaitten. Stzanvau. Unser neugegtllndel-r Verem macht gute Fortschritte. Bor dui Wochen hielten wir auch eine gutbesucht: öss entliche Ver- jammlung ab, in welcher Metzner(BerUn) üb-r„die kommunalen "teuer» und deren Verwendung" reserirtt und eine der Leipziger ähn- liche Resolution angenommen wurde. Kamenz(in der Laufitz). Auch hier werden jetzt einige Exemplare des„Votksstaat" gehaltin, obschon es noch nicht zur Konstituirung eines Vereins gel mmeu ist. Es ist dringend noihwendig, daß uns von aus- wärts agitatorische Kräfte beigegeben werden, damit wir hier und in der ganzen Oberlausip den Boden für die Partei bearbeiten. Den ..Volksstaat" namentlich wollen wir verbreiten und die hiesigen Be- wohner vom Einflüsse des von Herrn Kr ansche redigirten„Kamenzer Wochenblattes" zu emanzipiren suchen, welches in Schmähungen gegen die Sonaldemokratie allen andern Bourgeoisblättern nicht nachsteht. Glauchau, 1<1. Juli. Das„Glauchauer Tageblatt", ein national- serviles Organ, veröffentlichte kürzlich einen Artikel, den ja auch der „Volksstaai" brachte, in dem es sich direkt bettelnd an die Behörden wendet, diese möchten die reaktionären Maßnahmen unserer städtischen Polizeibehörde gegen die Sozialdemokratie unterstützen und gutheißen. Der Wunsch wird wahrscheinlich erfüllt. Wir wollen aber stnsern aus- wärtigen Parteigenossen wenigstens mittheilen, daß dasselbe Blatt bei den Wahlagitationen zum Reichstag, die wir in den letzten vier Jahren gehabt, doch und theuer seinen Lesern versicherte, die von ihm unterstiitzteii Kandidaten, die nach einander Herr StadtrathStauß, Herr Vezirksgerichtsdirektor Petzoldt und zuletzt Herr Schulze-De- litzsch waren, würden vor Allem sür die Erlangung eines freisin- nigen Vereins- und Versammlungsrechts eintreten. Der Woitlaut der diesbezüglichen Programme unterschieb sich an Radikalismus sasi in nichts von dem demokratischen Programm. Und jetzt schämt sich dieses„liberale" Bläitchen nicht, die Behörde um die reaktionärste Auslegung eines Gesetzes anzugehen, das zu den schlimmsten ans der Periode Beust's zählt,— einer Periode, die während zwei Jahrzehnten von den„Liberalen" Sachsens auf das leb- hasteste bekämpil wurde. Unsere„Liberalen" sind auf den Hund gekommen, der klaffende Gegensatz zwischen Proletariat and Bourgeoisie zwingt sie, die Maske fallen zu lassen. Leipzig, 1. Juli. Von dem Inhaber einer hiesigen Gastwirth- schast geht uns folgendes Schreiben zu: „Es besteht hier in Leipzig, aber sonst nirgends, das Polizei- gesetz, daß von jedem hier zureisenden Handwerksburschen die Reise- legitimation von einem Polizeidiener früh auf der Herberge ab- geholt und nach dem Fremdenbureau(aus dem Polizei- amt) gebracht wird. Die Legitimation müssen sich die Fremden früh um halb neun Uhr wieder holen, jedoch mitunter stundenlang warten, ehe sie dieselben zurück erhalten. In Hotels und Gasthäusern, wo die„feinen" Leute ein- kehren, geschieht dies nicht. „Diese Polizeimaßregel macht uns in unserm Geschäft große» Schaden, denn viele Fremde bleiben dadurch nicht hier, sondern außer- halb der Stadt auf den benachbarten Ortschaften. Abgesehen von unserm Verlust, macht es auch der Stadt viel Schaden, denn für die Handwerksburschen sind allein 2 Beamte angestellt. „Ich erlaube mir die Frage: Hat nach dem norddeutschen Paßge- setz die Polizei ein Recht zu solchen Maßnahmen? Könnte es nicht, wie in andern Städten, eingerichtet werden, daß ein Polizeimann früh oder� Abends die Wirths-Locale revidirte, um, wenn ja ein Dieb oder sonstiger Verbrecher da wäre, diesen mitzunehmen, so daß wenigstens die andern ordentlichen Reisenden ungeschoren bleiben?" So weit das Schreiben. Aus die gestellten Fragen haben wir Folgendes zu bemerken: Das Verfahren der Leipziger Polizeibehörde läuft strikte den Bestimmungen des Paßgesetzes zuwider. Nach diesem ist der Legitimationszwang ausgehoben. Die Polizei Hai zwa. das Recht, gegebenen Falles eine Legitimation abzuverlangen, dies darf aber nicht als Regel und ebenso wenig unter so lästigen Förmlich- keilen, wie es hier der Fall ist, geschehen. Wir empfehlen tei» Einsender, sich beschwerend über die Polizei- dircklion an die Kreisdirektion, resp. das Ministeriuin des Innern zu wenden, er muß unserer Ueberzengung nach Recht bekommen. Die zweite Frage anlangend, mernen wir, daß nach Dieben und Verbrechern aus den Herbergen zu suchen die Polizei doch nur dann Veranlassung hat, wenn sie glaubt, bestimmte Persönlichkeiten, auf die sie viailirt, dort zu finden. Als Regel sich einen solchen täglichen Besuch gefallen und eine genaue Kontrole der anwesenden Fremden vornehmen zu lassen, ist nicht nur höchst lästig, sondern auch ver- letzend und beleidigend sür die Wirthe. Die Polizei ist nur gar zu leicht geneigt, einen Dieb und Verbrecher in jedem Menschen zu er- blicke», wenn er nicht das Gegentheil beweist; daher kommen denn diese kleinlichen Polizeischeerereien._ Berichtigung. In der Crimmitschauer Correspondenz in Rr. 58 des Volkssiaat muß es statt„Chemnitzer Nachrichten" beiß.».Cbem- nitzer Tageblatt.", o v Brieftaste» der Redaktion:'„Zur Erinnerung sür die deutschen Mordspalriolen": Bestellung der Separatäbzüge nicht ausgeführt, weil nicht erhalten. Vermnthlich gestiebert. Schadet indeß nichts, da jedenfalls ein Separatabdruck erfolgen wird. Gruß.— der Expedition: Sch. Marburg: habe 2 gr. für unsrank rten Brief gut. E. W. Asch: Porto u. Abonn. 25 gr. Da Nr. 53 und 55 vergriffen, sende diese> ach Schluß des Quartals. B. Rochlitz: Rekla- in reu Sie beim dort. Ponamt. G. Nürnberg: Sobald„Unsere Ziele" in zweiter Auflage erschienen sind, werde ich annonciren. St. Meer ane: 20 Thlr. s. Abo», erhalten. W. Wien: Schriften sandte ich ab. F. Cöln: 5 Thlr. 20 gr. erhalten. ~~' Für Pforzheim.� Samstag den 22. JuU Abends b uyr Versammlung der Mitglieder und Freunde der sozial-denioktaiischen Atbeuerparlei im Nebenzimmer der Bierbrauerei Hos. Um zahlreichen Besuch wird dringend gebeten. Mit sozial-demokratischem Gruß Louis Scholl, Kassierer. *) Erst Dienstag Vormittags eingetroffen, also zu spät sür die schon am Dienstag Morgen fertig gedruckte Riittwochsnummer. Warum schickt man die Annoncen nicht rechtzeitig?_ R. b. V. Für Hohenstein Ernstthal Die Parteigenossen weroen zu einer tzandpartbie nach Zkabenstein Sonniag den 23. Juli hiermit eingeladen. Abgang von Wind vunkt 9 Uhr. NB. Wir wünschen, daß die Parteigenossen der nahegelegenen Orte diese Notiz beachten. **) Siehe Rote zur Pforzhciner Anzeige., R. d. V. Für Berlin. Sozial-demokratisch« Rrbcitcrpartci. Montag, den 25. Juli, Abends halb 9 Uhr, Versammlung im Restauranl Kohlweck, Älerandcrstr. 31. Tagesordnung: Der Par« tei-Congreß und die Delegirtenwahl. Alle Parteigenossen werden dringend ersucht, zu erscheinen. _ Fr. Milte. Cassel. Da die Parteigenossin hiesigen Orts gewillt sind, einen Delegirten zum Congreß zu schicken, so ersuche» wir naheliegende Orte, rejp. unsre Parteigenossen in Hessen, sich so rasch als möglich mit uns in Verbindung zu setzen. Ter Vorstand: H- G. Juch, Waisenhaiisstr. 46. Schriften-Vertrieb. Alle Freunden und Parteigenossen erbietet sich»ach wie vue die Laffalle'scheu, sowie andere Schriften sozialdeiiiokratischeii Jnhalt's zu uverniiileln(y. Seifert, Leipzig Windmühleniir. 23. Das Stuttgarter Kongrefzprotokoll, 54 Seiten stark, wird ven Parteigenossen zur Anschaffung empfohlen- 30 Stück kosten 1 Thlr. 1�)3__ Cppcdition des Volksstaat. Den geehrten Abonnenten zur Nachricht, daß Nr. 53 und 55 vollsiändig vergrissen sind und also nichl mehr nachgeliefert werden können. Expedition dcS Vollsftaat. Leipzig: Veraniw.sttedatteur A. H ep n er(Redallion: PeterSstemioegl3)- Druck u. Verlag: F. Thiele.(Expedition: Peters str. 18)