JV? 65. S««mbt«»,i>eii IS. August. 1871- Erscheint wöchentlich 2 mal in Leipzig. Bestellungen nehmen alle Postanstalten und Buchhand- lungen des In- und Aus- landes an. Für Leipzig nehmen Bestellungen an: A. Bebel. Petersstraßc 13, F. Thiele, Emilienstraße 2. Erscheint wöchentlich 2 mal in Leipzig. AbonnementSpreiS: Für Preußen incl. Stempelsteuer 16Ngr., für die übrigen deutschen Staaten 12 Ngr. per Quartal. Filialerpedition für die Vereinigten Staaten: F. A. Sorge, Box 101 Hoboken N.J. via Newyork. Organ der soMl-demokratischen Arbeiterpartei und der Internationaten Gewerksgenossenschafien. A« die Parteigenossen. Es haben in letzter Zeit wieder einige Parteigenossen eine .mehrmonatliche Haft antreten müssen, welche ihnen im Dienst für unsere Sache zuerkannt worden ist. Unsere Jnhaftirten sind sämmtlich mittellos und zum Theil verheirathet. Unser dringender Appell an die Parteigenossen wird daher hoffentlich nicht un- berücksichtigt bleiben, wenn wir ihnen mittheilen, daß der „Fond für politisch Gemaßregelte" baldiger und reichlicher Zuflüsse bedarf, wenn wir unfern Verpflichtungen gegen die Gemaßregelten einigermaßen nachkommen sollen. Leipzig. Der provisorische Ausschuß. Politische Uebersicht. Die infamen Lügen und Verläumdungen, welche der Fälscher, Ehebrecher und Erbschleicher Jules Favre, sammt seinen Bersailler Mitstrvlchen, gegen die Kommune im Umlauf gesetzt Hut, sind jetzt mit dem juristischen Stempel versehen wor- ben, der noch nie einer Niederträchtigkeit fehlte. Ein Tele- gramm aus Paris d. d. 7. August besagt: Die Anklageakte gegen die verhafte ten Jnsurgeu ten und Anhänger derKommnne ist jetzt erschienen. Dieselbe giebt zunächst einen historischen(!) Ueberblick über die Agitation der Internationalen, welche die Insurrektion vorbereiteten. So- dann bespricht sie den Aufstand vom 18. März und die Ver- brechen, welche während desselben(von den Versaillern?) verübt wurden. Hierauf folgt die eigentliche Anklageschrift. Assy wird durch dieselbe der Aufreizung zum Bürgerkrieges!) beschul- digt, sowie der Usurpation der civilen und militärischen Ge- walten(I). Derselbe wird ferner angeklagt, Regierungsakte vorgenommen(!) und Dekrete zur Ausführung gebracht zn haben, welche zur Verwüstung von öffentlichen! und privatem E gen- - sbum, sowie zur Plünderung, Brandlegung und Mord führten(!). Sämmtliche Angeklagte sind ferner beschuldigt, ein Komplott angestiftet zu haben, welches dahin zweckte, einen Umsturz der bestehenden Regierungsform Herbeizuführens!), ferner der Auf- reizung zum Bürgerkrieges!) und der Usurpation der bürgerlichen da. ib militärischen Gewalten(!). Insbesondere angeklagt wird >erner C ourbet der Mitschuld an der Zerstörung der Vendome- saulesl); gegen Lullier wird die Anklage erhoben, Verwüstung, Mord und Plünderung in Paris veranlaßts!), Mannschaften aus- gehoben und den Oberbefehl über aufrührerische Truppen über- nommen zu Habens!); außerdem hebt die Anklage gegen den- s'ben hervor, daß er sich Staatseigenthum gewaltsam ange- e�nets!) und die Regierungstrupppen aufgefordert habe, zu den Insurgenten überzugehen(!). Die Anklage gegen Pa schal Gro uss et lautet auf aktive Theilnahme an der Insurrektion(!), auf. öffentliche Aufreizung zum Ungehorsam gegen die Gesetzes!) sv'-ie auf schwere Beleidigungen gegen die Nationalversamm- lunsss!). Verdure, Billioray und FerrF sind angeklagt wegen willkührlicher Beschlagnahmes!) und eigenmächtiger Zer- stöiimg von Privathäusern und öffentlichen Monumentens!), ferner der Kirchenplünderung(!) und des Mordess!) wobei darauf hin- gewiesens!) wird, daß sie für die Erschießung der gefangenen Geiseln gestimmt hätten(!). Der ehemalige Finanzminister der Kommune, Iou rde, wird überdies verantwortlich gemacht für die Führung der Finanzen, welche die Erbrechung von Siegeln an den Staatskassen sowie die Verschleuderung der öffentlichen Gelder im Gefolge gehabt Hobes!). Ferrat wird angeklagt, als Chef eines Bataillons die Waffen gegen Frankreich ge- tragen zu Habens!). Gegen sämmtliche Mitglieder der Kommune liegtendlich noch dieKlagewegenBrand- stiftung vor. Die übrigen Anklageschriften sind noch nicht veröffentlicht." Wir werden auf dieses, die Wahrheit in schamloser Weise auf den Kopf stellende Aktenstück zurückkommen, sobald es uns vollständig vorliegt. Mittlerweile hat der Prozeß der Mörder ßegen die ihnen entronnenen Schlachtopfer vor dem Kriegs- ßericht begonnen, nachdem ein Protest der„Angeklagten" ge- gen dessen Competenz(natürlich) erfolglos geblieben war. Das Kriegsgericht wird im Namen des Gesetzes die Blutarbeit der bestialistrten Soldateska vollenden.— Beachlenswerth ist ein Zeugniß des reaktionären„Consti- tutionel" für die Verwaltung seitens der Kommune. Er schreibt: „Die„Libert6" erzählt, daß das Münzmuseum des Hotel Gonti von der Commune ganz aus Rand und Band gebracht worden wäre, und daß Herr Camelinat, der Münzdelegirte der Commune, die werthvollsten Medaillen dieses Museums, namentlich die goldenen, unter dem Vorwande, sie mit mehr Muße zu studiren, fortgetragen hätte. Wir sind ermäch- tigt, d!ese Geschichte der„Liberti" als unwahr zu bezeichnen. Die Münze ist eines der wenigen(!) von den Leuten der Commune besetzt gewesenen Institute, die unver- letzt gefunden worden sind. Die Wahrheit ist, daß die Com- Utune einen Theil des von ihr an verschiedenen Stellen requi- Nrten Silbers verwerthet hat. Sie hat in der Münze Fünffrankenstücke mit dem sogenannten Herkules-Typus in Höhe von 128,200 Francs geprägt. Diese Stücke sind sämmtlich von dem vorschriftsmäßigen Gewicht und der vor- schriftsmäßigen Legirung; man erkennt sie an jdem �izack, welchen Herr Camelinat als Unterscheidungszeichen' an- �wendet hat." Es ist wahrscheinlich, daß der„Constitutionel" nur aus Brodneid gegen sein Conkurrenzblatt obige Thatsachen veröffent- licht; wir haben davon den Gewinn, zu sehen, wie den Geg- nern die selbstgeschmiedete Waffe der Verläumdung unversehens aus den Händen fällt. Wie— nach eignem Geständniß des Direktors der Bank von Frankreich— die Bank unversehrt geblieben ist, so auch nach Obigem das Münzmuseum;— wo in aller Welt bleiben da die„Plünderungen", wenn aus der Bank und dem Münzmuseum— den beiden Hauptlagerstätten des Geldes— nichts weggekommen ist? Wenn diese„wenigen von der Commune besetzten Institute", wo das Geld(um Preußisch zu reden) zu„finden" war,„unverletzt" geblieben sind, wo hätte dann die Kommune(um wiederum Preußisch zu reden)„das Geld nehmen" sollen! Etwa da, wo es nicht zu„finden" war?— Unter dem Scheine, eine Dezentralisation anzustre- ben, hat die französische Nationalversammlung eine neue In- stitution geschaffen, welche sie die Departementalkommis- sion genannt hat, und die in Wirklichkeit ein versiebenfachtes centralistisches Regierungsmittel an Stelle der früheren Einzelperson des Präfekten sein wird. Diese Departemental- kommission, welche nächst der Regierung die Aufsicht über die Communen haben soll, besteht aus sieben, auf neun Jahre gewählten, unbesoldeten Mitgliedern, und wird— das ist das eigenste Werk des Herrn Thiers— vom ältestenGe- neralrath als Vorsitzenden geleitet. Die Länge des Mandats der Commissionsmitglieder verhindert selbstverständlich, daß die Kommission mit dem stets vorschreitenden Zeitgeifte auch nur einigermaßen Schritt halte und giebt der Regierung, wenn sie die Wahlen gut zu beeinflussen verstanden hat, eine auf neun Jahre hinaus willige Beamtenmaschine in die Hand. Dazu kommt die auch in Deutschland bereits genügend gewürdigte Diätenlosigkeit der Kommissionsmitglieder, welche eine „freie" Wahl von vornherein unmöglich inacht. Mit derselben reaktionären Halsstarrigkeit, die Herr Thiers bei Berathung des Departementalgesetzes gezeigt, widersetzt er sich einem Antrage, den durch den Krieg den 33 okkupirten Departements verursachten Schaden von 670 Millionen durch den Staat zu ersetzen. Für Frankreich entsteht dadurch die Lage, daß selbst die charakterschwache Linke der Nationalver- sammlung, darüber erbittert, ihren Plan, Thiers auf 3 Jahre die Vollmacht zu verlängern, aufzugeben bereit ist und sich mit dem Gedanken der Selbstauflösung der Nationalversammlung vertraut macht. Das Resultat hiervon dürfte vielleicht die Präsidentschaft Gambetta's sein,— ein ziemlich winziges, im Vorbeigehen bemerkt, durch welches die sozialistische Partei sehr wenig berührt würde.— Der Justizminister Dufaure hat der Nationalversamm- lung einen Gesetzentwurf vorgelegt, wodurch Strafen gegen die Anhänger der Internationale verhängt werden. Die in dem Entwürfe aufgeführten Strafen sind: 1) eine Geldbuße von 50 bis 1000 Frcs., 2) Gefängniß von 2 Monaten bis zu 2 Jahren, 3) Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, 4) Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und der Eigenschaft als Franzose.— Anknüpfend an die beabsichtigten Reaktionsmaßregeln der Thiers' und Konsorten gegen die Internationale bemerkt die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", Bismarck's Organ: „Die französische Nationalversammlung wird sich demnächst mit einer Angelegenheit beschäftigen, welche gegenwärtig auch für Deutsch- land von hohem Interesse ist und eigentlich einen internationalen Charakter hat— mit der Arbeiterfrage. Nach Niederwerfung des Pariser Aufstandes ist es wohl erklärlich, daß in Frankreich aus Mittel und Wege gesonnen wird, einer neuen sozialistischen Erhebung vorzu- beugen, und nach der Apologie der Kommune, mit welcher die Herren Bebel und Liebknecht neuerdings in Leipzig aufzutreten keinen Anstand genommen haben, dürste es für uns von Nutzen sein, den Verlaus der Gegenströmung in Frankreich genau zu beobachten. Wie der Tele- graph meldet, beabsichtigt der Justizminister einen Gesetze ntwurs gegen die Internationale einzubringen, und eine aus eigner Jni- tianve bereits früher zur Prüfung der nämlichen Frage eingesetzte Com- Mission der Nationalversammlung beantragt, wie dem„Nord" aus Versailles geschrieben wird, zuerst die Abschaffung der Koalitions- freiheit und die Wiedereinführung des Strikeverbots. In rankreich soll nun, was zuerst im Namen der Freiheit mit vielen lhrasen, Resolutionen und dergleichen erstritten worden, wiederum im Namen der Freiheit rückgängig gemacht werden/) Ein Verbot der In- ternationale dürste aber dort voraussichtlich nur den entgegengesetzten Zweck erreichen. Oeffentlich verboten wird die Internationale den na- mentlich für Franzosen so verlockenden Reiz eines Geheimbundes für sich haben und aus dem verborgenen Wege geheimer Agitation an Umfang gewinnen. Je offener sich die Agitation bewegen darf, desto ungefährlicher wird sie und desto deutlicher muß sich der Augenblick kennzeichnen, in welchem der Staat einzugreifen hätte, falls ihm überhaupt die Kraft dazu innewohnt. Die soziale Agitation scheint übrigens in neuester Zeit an verschiedenen Orten gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Legis- lative auf sich zu ziehen und den Gegnern des Sozialismus faktische Argumente zu dessen Bekämpfung an die Hand geben zu wollen. Na- mentlich wird Oesterreich jetzt häufiger von sozialistischen Zuckungen heimgesucht. In Brünn mußte am 5. neuerdings die bewajsnete Macht gegen tumultuirende Arbeiter einschreiten und gegen 26 der in Pest bei den vor Kurzem dort stattgesundenen Unruhen verhasteten Arbeiter ist, Wiener Blättern zufolge, der Hochverratysprozeß eingeleitet worden." Interessant ist uns diese Auslassung in sofern, als sie mit früheren Expektorationen des Bismarck'schen Organs in diametralem Widerspruch steht. Nicht gewaltsame Unterdrückung, ») Wie bei uns: die Berliner Maurermeister tragen sich gleichfalls mit dem Plane, für Koalitions beschränkung zu agitiren und zu peti- »ioniren sondern Gehenlassen, bis„der Staat einzugreifen hat", lautet jetzt der Arbeiterbewegung gegenüber die Parole. Aus � dieser plötzlichen Aenderung ersehen wir, daß man an maaßgcbender Stelle nicht weiß, was man thun soll. Wie lange diese Rathlosigkeit noch dauern, wozu man sich schließlich noch ent- scheiden wird— uns ist es sehr gleichgültig. Thut, was Ihr könnt! Die Internationale Arbeiterassoziation ist gleich der ganzen Sozialdemokratie so öffentlich, daß Ihr sie nich t unter drü cten könnt, ohne das ganze öffentliche Leben zu unterdrücken. Und dies liegt nicht in Eurer Macht. Ob Ihr uns frei ge- währen laßt, oder durch Polizeimaßregcln, Hochvcrrathsprozesse und sonstige Kindereien aufzuhalten sucht— für die Ar- beiterbewegung ist es dasselbe;— nicht aber für Euch, denn im ersteren Fall vermeidet Ihr wenigstens den Fluch der Lächerlichkeit.— In ihren Protestreden gegen die Annexion von Elsaß-Loth- ringen und gegen die Fortsetznng des Krieges nach dem Bona- parte'schen Staatsstreich von Sedan erklärten bekanntlich die Vertreter der Sozialdemokratie im Reichstag, der Zweck des Grafen Bismarck sei nicht, Deutschland zu nützen, sondern die französische Republik zu vernichten. Schon Monate vor diesen Protestredcn hatte das Parteiorgan ss.„Volksstaat" Nr. 79 vom 1. Oktober) geschrieben: „Graf Bismarck istJunker, und als solcher ein unversöhnlicher Feind derDemokralie. Erstinzweiter Linie isterPreußeundAnnexio- nist. Seine Richtschnur ist das Interesse des Junkerthums, und die- ses erheischt vor Allem die Niederwerfung der französischen Re- publik. Erobert Preußen, außer Elsaß und Lothringen, noch die Hälfte Frankreichs, und die andere Hälfte bleibt Repu- blik, so hat Preußen, der Militär- und Polizeistaat Preußen, den Todeskeim im Herzen und muß über kurz oder lang an der moralischen Gewalt der Republik Frankreich zu Grunde geben. Verzichtet hingegen Preußen auf jede Eroberung, zerstört aber die französische Republik, so hat es auf lange Jahre die Suprematie in Europa und das preußische Junkerthum kann sein Kasernenideal nach Herzenslust verwirklichen. Mit Einem Wort: die französische Republik zu zerstören, ist für Graf Bis- marck von tausendmal größerer Wichtigkeit als Elsaß und Loth- ringen zu annektiren. Letzleres ist eineLiebhaberei, erstereS eine Lebensbedingung. Hinter dem Eroberungs- krieg, der bloß die Maske bildet, versteckt sich derPrinzipien- krieg, der Krieg der Militärmonarchie gegen die Republik, der Krieg des Junkerthums gegen die Demokratie, gegen die deutsche Demokratie so gut wie gegen die französische." Wie richtig diese Auffassung war, ersehen wir aus einer „Enthüllung" des Bonaparte'schen Exhandelsministers Du ver- n vis, berüchtigten Angedenkens. In dem Verhöre, welches derselbe vor ein paar Tagen vor der Bersailler Kommisston de- stand, welche mit der Prüfung der Ereignisse während des letz- ten Krieges betraut ist, bestätigte er, oaß der Kaiser von Ruß- land nach den Kämpfen von Sedan wirklich Schritte gethan hätte, um die Integrität Frankreichs so ziemlich sicher zu stel- len. Duvernois zeigte nämlich eine am 3. September in Pa- ris eingegangene Depesche vor, in welcher der Czar, und zwar im Einverständnisse mit dem König von Preußen, sich erbot, den Frieden zwischen den beiden kriegführenden Par- teien herzustellen, falls Frankreich sich zu einer unbedeuten- den Grenzrektifikation verstehen wolle. Die Kaiserin hat den ihr am nächsten Tage vorgelegten Brief bis zum 12. un- beantwortet gelassen und an diesem Tage an den Kaiser voll Rußland geschrieben, um ihn an sein Anerbieten zu erinnern und ihn zu bitten, daß er Frankreich die Freundschaft und Sympathie weiter gewähren möge, welche er der gefallenen Dy- nastie bewilligt habe.„In der Kommission erregten diese Schrift- stücke großes Aufsehen". Kein Organ des Berliner Preßbureau's hat auch nur den Versuch gemacht, die Richtigkeit der Duvernois'schen Angaben zu bestreiten. Somit dürfen wir als erwiesen betrachten, daß Graf Bismarck dem Lumpen Bonaparte gegenüber an keine Annexion gedacht hat, und nur deßhalb nachträg- lich mit der Annexionsforderung hervorgetreteen ist, um der Republik den Lebensnerv abzuschneiden. Wir werden uns mit diesem Thema noch mehr zu beschäf- tigen haben. Es ist kein Faden so fein gesponnen, Er kommt doch endlich ans Licht der Sonnen, Auch die Fäden von Sedan.— Die Voruntersuchung gegen die am 13. Juni in Pest verhafteten 31 Arbeiter, wegen deren schlechter Behandlung im städtischen Gefängniß die neulich erwähnte Interpellation an den Stadthauptmann gerichtet wurde, ist beendet. Gegen 25 will jetzt die Staatsanwaltschaft einen„Hochverraths- proze ß" einleiten, da durch die vorgefundenen Schriftstücke„die Verbindung der Angeklagten mit der Internationalen zu auf- frührerischen Zwecken" konstatirt sei. Die Uebrigen 6 wurden zur polizeilichen„Abschaffung" aus Pest verurtheilt.— Das Wiener Gericht hat gegen Andreas Scheu und Genossen, welche wegen der angeblichen Demonstration für die Pariser Kommune ebenfalls verHaftel und dann über die Grenze gebracht wurden, auch einen Kriminalprozeß eingeleitet. Zur Geschichte des Preußischen Reyierungssozialismus. Der Iiedaktion des„Bolksstaat" ist Folgendes zugegangen: Geehrte Netaklion! Vielleicht scheint Ahne» eine Korrespondenz beachtenswerth, die ich im Herbste 1865, als ich noch Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins war, mit einem Manne hatte, mit welchem ich durch Hrn Hasenclever, den nunmehri- gen Nachfolger Schwei tzers, inVerbindung gesetzt wurde. Herr Hasenclever meldete mir nämlich, daß ein gewisser G. in R. die Arbeiterbewegung fördern wolle, und rieth mir an, um- gehend an ihn zu schreiben. Nachdem ich sofort an den Be- treffenden geschrieben und ihm alles nöthige Material zur Gründung einer Gemeinde des Allgemeinen deutschen Arbeiter- Vereins überschickl hatte, erhielt ich zu meinem größten Er- staunen folgende drei Briefe, deren Originale ich Ihnen nölhi- genfalls zustellen kann. (Erster Brief.) R., 9. Oktober 1865. „Hochgeehrter Herr! „So sehr ich über Ihre angenehme Zuschrift vom 6. c. erfreut bin— indem ich solcher eine längst gewünschte Anknüpfung mit Ihnen verdanke— so sehr muß ich es be- dauern, die mir darin gestellte Anforderung, das Amt eines Bevollmächtigten für unsere Gemeinde zu übernehmen, ableh- neu zu müssen. „Sie werden die Gründe, wenn ich Gelegenheit dazu habe(und ich hoffe dies!), Ihnen solche nritzutheilen, billigen „Ich bin bald 50 Jahre alt, und mein inneres Leben, welches ich für mich geführt, ist noch bewegter, als mein äu- ßcres. Ich bin Humanist, wissenschaftlich gebildet:— meine Grundsätze beruhen auf meiner Ueberzeugung. Gern will ich mich bei der guten und großen Sache der Humanität auf de» letzten Handlangerdienst beschränken— wenn ich derselben da- mit nützen kann—: allein ich bin nicht unabhängig, vielmehr sehr abhängig von dem Kapital, und ich habe 10 Kinder— dieß sagt Ihnen genug. „Doch kann ich der Sache in meiner sozialen Stellung viel nützen und habe ihr genützt. „Als die Arbeiter-Komm:ssion unserm Ministerium pro- ponirt und ihr die Basis gegeben wurde: a) Konsum-, d)Pro- duktions- und c) Kredit-Anstalten zu berathen, habe ich Seiner Exzellenz, Herrn Grafen Bismarck eine Vorlage zu- gehen lassen, welche derselbe von Gastein saus an den Han- dclsminister sandte; von diesem wurde mir die Nachricht, daß er mich nicht brauchen könnte. „Dagegen habe ich in einer Privat-Audicnz bei Herrn Gras Bismarck die Ueberzeugung gewonnen, daß derselbe meinen Vorschlag akzeptirt, und damit ist Alles erreicht. „Es wäre mir nun sehr erwünscht, wenn wir uns auf halbem Wege treffen könnten, und schlage ich Ihnen dazu Ro- landseck bei Bonn vor, wo ich sein werde, sobald Sie es mir bestimmen. „Ich werde Ihnen dann mein Wirken mittheilcn und Ihnen eine Petition siimmtlicher Arbeiter an unser Ministerium vorlegen, welche das fordert, was wir von der Arveiter-Kommisston erwarteten, und ich bin bereit, solche auf meine Kosten an betreffender Stelle zu überreichen und zu befürworten, und ich bin überzeugt, daß wir es erhalten. „Ich habe Nichts weniger gefordert, als 1) Errichtung von Konsum- Vereinen im ganzen Staat in jeder Gemeinde; 2) Errichtung von Produktiv-Vereinen, basirend auf dem sich ergebenden Konsum; 3) Errichtung einer Arbeiterbank zur Ver- mittlung der Geschäfte zwischen beiden und dieses als ein or- ganisches Ganzes zur Verbindung der Produktion und Kon- sumtion— unter Selbstverwaltung der Betheiligten— analog der Gothaer Bank für Feuer- und Lebensversicherung. „Eine solche Institution würde mehr wirken, als alle Vereine und Belehrungen. „Als Kaufmann ist mein Bestreben aufs Praktische ge- richtet und glaube ich, daß, wenn mein Gedanke ausgeführt wird, das allgemeine Stimmrecht in Preußen bald da sein wird, indem um diesen Preis das allgemeine Wahlrecht die Reorganisation des Militärs(sie!) gut- heißen würde.*) „Ein solcher Kompromiß(sie!!!) init Beiseitesetzung der gesanunten Bourgeoisie ist wohl denkbar und erreichbar. (Sic!!!) „Es soll mir sehr angenehm sein, wenn ich die Ehre ha- ben kann, Sie zu sprechen, und bleibe ich inzwischen mit aller Hochachtung und Ergebenheit Ihr E. G." (Zweiter Brief.) R., 10. Okt. 1865. „Hochgeehrter Herr! „Im Drange des Geschäfts und meiner Gefühle habe ich Ihnen gestern einige Worte geschrieben; es griff mich gewaltig an, einen Gedanken, den ich seit Jahren hege, zur Ausführung gelangen zu sehen. „Sie wollen mich daher gütigst nicht nach dem kurzen Inhalt meines Schreibens beurtheilen— w enn Sie keine Zeit zu einer Besprechung haben und auch nicht in unsere Gegend kommen(sie!): dann werde ich es einzurichten suchen, im Lauf des Herbstes nach dortcn zu kommen und Ihnen meinen Gedanken mündlich klar darzulegen. „Ich hielt es für gut, Ihnen dieß zu schreiben, um nicht in ein falsches Urtheil zu geralhui(sie!!!), und bleibe mit aller Hochachtung und Ergebenheit E. G." (Dritter Brief.) R., den 7. November 1865. „Hochgeehrter Herr Becker! „Indem ich Ihnen für Ihre gefällige Zuschrift vom 4. c. verbindlichst danke, theile ich�Lhuen mit, daß ich auch vor An- fang des Dezember nicht wohl werde nach dorten kommen können. „Nachdem Sie meinen Gedankengang durch mein Boriges •) Bekanntlich hat auch Herr v. Schweitzer im Norddeutschen Reichstage 1V68 für die preußische Militärvorlage gestimmt. Seine aus diese Abstimmung bezügliche Rede ist im„Demokratischen Wochen- blatt" und voriges Jahr noch einmal im„Volksstaat" abgedruckt worden. D. Red. haben kennen lernen, kann ich nicht anders als Sie darauf auf- mcrksam machen, daß sich die Hauptfrage zwischen uns um den Punkt drehen wird, ob die Arbeiterbewe- gnng gleichzeitig und nothwendigerweise auf Erlau- gung vo» politischer Macht gerichtet werden muß, oder ob sie davon abstrahirt, wenn sie ein Arbeiter- gesetz, wie ich es wünsche, von Pen heutigen Macht- habern(sie!!!) erhalten kann? „Daß ich letzteren Weg für den richtigen halte, werden Sie nicht auf Rechnung meiner blinden unbewußten oder be- wußten Unterwerfung unter irgend welche bestehende Autorität oder Persönlichkeiten(sie!) stellen—, vielmehr bestimmt mich zu dieser Ansicht eine wohlbegründete Einsicht in die bestehenden Berhältniffe(sie!). „Die stramme wohlorganisirte militärische und geistliche Disziplin, welche die Bewegung des Volks hemmt,— kann und wird nur auf revolutionärem Wege beseitigt wer- den; selbst wenn dieses aber wie im Jahre 1848 durch irgend ein unvorhergesehenes Ereigniß, als den Tod Napoleons, oder eine Theucrung, eintreten sollte, so bleibt es die Hauptsache, daß das Volk alsdann das Bewußtsein hat, seine Macht zu gebrau- chen— sich selbst zu bestimmen. „Bevor aber eine so allgemeine Bildung besteht, daß dieses der Fall ist, sind Jahrhunderte verronnen, und deßhalb bleibt der Punkt: die Interessen zu verbinden— der allerwichtigstc. „Nach den Anschauungen und Auslassungen des Justiz- raths Wagener*) sind die Feudalen im Hinblick aus die Bourgeoisie bereit, die von mir geforderten Kon- Zessionen zu machen:— hätten wir aber ein Gesetz für die orAanisution du travail**) in Preußen, es würde Deutsch- land rascher erobern(sie!!!) als der Zollverein, und, an- knüpfepd an die Solidarität der Interessen,'würde Bildung und Freiheit die nothwendige Konsequenz des Wohlstandes sein. „Es soll mir lieb sein, wenn Sie mit einsichtsvollen Män- nern unserer Partei über diesen Punkt sprechen, und freue mich um so mehr auf die Ehre, Sie besuchen zu dürfen, als ich hier keinen Menschen habe, mit dem ich ein Wort über solche Dinge sprechen kann. „Mit aller Hochachtung und Ergebenheit Ed. G/ In einem vierten und letzten Brief forderte der mir von Herrn Hasenclever empfohlene Herr, der mit mir im Namen Bismarcks und des Justizraths Wagener verhandelte, die mir zugesandten 3 Briefe zurück. Doch erfüllte ich nichtseinen Wunsch, weil ich dachte, ich könnte einmal in den Fall kommen, von denselben Gebranch zu machen. Dieser Fall ist jetzt ein- getreten. Diese Briefe werden am Besten zeigen, inwiefern Hr. Hasenclever, der bekanntlich schon vor seinein Eintritt in den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein, wie in Hagen jedes Kind weiß, seine Feder für die preußische Regierung gebraucht hat, sich berufen fühlen kann, mich in dein„Neuen(d. h. alten) Sozial-Demokrat" anzufeinden. Ich habe wiederholt das Bünd- niß mit den Feudalen ausgeschlagen und folglich muß ich ver- leumdet werden. Mich zu besudeln war aber gerade jetzt um so mehr seine Pflicht, als ich mir hier am Platze, wo es sich jetzt um die Annexion Braunschweigs durch die Zollern handelt, im hohen Grade das Mißfallen der Anbeter des preußischen Despotismus zugezogen habe. Weil ich zu viel käufliches und verkauftes Gesindel im Allgemeinen deutschen Arbeiterverein hatte, deßhalb gerade legte ich seiner Zeit das Präsidium freiwillig nieder. Braunschweig, den 6. August 1871. Bernhard Becker. (Fortsetzung gelegentlich.) Ueber die in vorvoriger Nummer gemeldete Konfiskation des „Braunschweiger Volksfreundes" schreibt man der Chemnitzer „Freien Presse" aus Braunschweig unterm 30. Juli: „Vorgestern Nachmittags wurde die eine Woche vorher erschienene Nr. 11 des hiesigen„Volksfreundes" mit Beschlag belegt. Nach dem Manuskripte wurde zuerst bei Bracke nachgefragt, bei dem gegen zwölf Exemplare konfiszirt wurden. Sodann begab sich die Polizei, in die Druckerei vom Limbach, wo der„Volksfreund" gedruckt wird, suchte aber hier ebenfalls vergebens nach dem Manuskript. Darauf konfiszirte sie elf Nummern in der Expedition und erfuhr hier, daß das betreffende Manuskript Bernhard Becker zur Korrektur zugeschickt wor- den sei. Ohne einen Haussuchungsbefehl zu besitzen, kehrten darauf zwei Spürnasen das Wohnzimmer Becker's um und um, suchten in und unter dem Bett, durchwühlten Becker's sämmtliche Briefe, Manuskripte und Zeitungen, holten mit den Fingern die Papierasche aus dem Ofen heraus, drangen unbefugt sogar in ein Becker gar nicht zugehöriges Zim- mer ein und durchsuchten, als sie nach dreistündiger Schnüffelei nicht zu ihrem Ziele gelangt waren, unverschämterweise die Taschen von Becker's Kleidern und befühlten ihn am Körper. Das fragliche Manuskript konnte von der Polizei nicht aufgefunden werden, weil Becker es im Ofen verbrannt hatte. Nach einiger Zeit kehrte der eine Polizist— ein Polizeisergeant, Namens Böcker, der im vorigen Jahre unserm Bonhorst vor dessen Abführung nach Lötzen die Hände auf's Grausamste mit Stricken zusammengeschnürt hat— wieder zu Becker zurück und suchte ihm durch einen Kniff das Geständniß zu entlocken, daß er der eigentliche Redakteur des„Volksfreun- des" sei. Becker erwiderte ihm jedoch:„Das geht Sie Poli- zeidiener gar Nichts an, darnach haben Sie Nichts zu fragen." — Der Zweck von dem mißglückien Kniff liegt auf der Hand: es sollte ein AnHaltepunkt gefunden werden, um außer dem verantwortlichen Redakteur Friedrich, dessen Name auf der Zeitung angegeben ist, auch Becker den Prozeß machen zu können. Der Grund, warum die Konfiskation erst eine Woche nach dem Erscheinen der'Nummer erfolgte, liegt darin, daß die hiesige Staatsanwaltschaft nichts Anstößiges in der betreffenden Nurn- mer gefunden hatte, aber durch eie hiesigen National-Servilen, deren Führer die Advokaten Aronheim und Lucius sind, zum Einschreiten genöthigt worden war. Die National-Servi- len sind nämlich auch hier preußisch gesinnte Seelen, welche den allverehrten Herren Stieber und Bismarck Denunzianten- und überhaupt Bütteldienste leisten. Sie hatten, nachdem Nummer 11 erschienen war, sich nach Berlin an die dortige ») Des Kreuzzeitungs-Wagener, des Hofsozialisten, der jetzt Geheimer nnd Vortragender Rath im Bundeskanzleramt ist. G e a e n w ä r t i q i n V a'r z i n, als— Schutzengel der„weißen Seele". Anmerk. d. Red. *•) Organisation der Arbeit. Zentralstelle der„deutschen Einheit", gewandt und von dort aus auf die Braunschweig'sche Staatsanwaltschaft einen Druck ausgeübt. Hieraus mögen die Leser ersehen, daß die„Ratio- nal-Liberalen" nicht allein in Sachsen Schergen- und Schnuffel- dienste verrichten, sondern daß sich das Gesindel überall so ziemlich gleich ist. Seitdem zu den Ohren der hier im söge- nannten„Großen Klub" verkehrenden falschen Brüder, Frei-! maurer und überhaupt der National- Servilen die Kunde ge-! drungen war, daß Bernhard Becker die Redaktion des Braun-. schweizer Volksfteundes führe, beschlossen sie, daß sie dafür sorgen wollten, daß das Blatt erst dreimal konfiszirt und dann ver- boten werden sollte. Zum Vorwand der ersten Konfiskation ist ein Artikel: betitelt:„Der Frieden und Las stehende Heer", genommen worden, weil in demselben der preußisch-deutsche Kaiser„der sagenhafte fromme Heldengreis" heißt, weil ferner darin gesagt ist, daß im Heere die Söhne des Volkes unter das Kommando von adeligen Müßiggängern erniedrigt werden, und weil endlich darin das nahe Ende des preußisch-einheitlichen Despotismus, des Kaiserwahns und des„Volkes in Waffen" j prophezeit ist. Wenigstens vermuthe ich, daß genannte Punkte den National-Servilen besonders in die Nase gestochen haben, obschon ich gern zugebe, daß ihnen der ganze Artikel ordnungs-] widrig und konfiszirlich vorgekommen sein mag. Da die Führer j der National-Servilen weit davon entfernt sind, sich für Minister- Posten zu eignen, suchen sie wenigstens der in Stieber-Bismarck j verkörperten deutschen Einheit den patriotischen Beweis zu I liefern, daß sie sich zu rnouesiards(Spitzeln) und zu gemeinen Polizeidienern bestens qualisiziren. Auf sie paßt völlig der! Ausspruch Faust's: „Jetzt kenn' ich Deine würd'gen Pflichten! Du kannst im Großen Nichts verrichten Und fängst es nun im Kleinen an!" München. Ueber den hiesigen„Siegeseinzug" ist in der gesammten gesinnungstüchtigen Presse des Rühmens viel gemacht worden, doch ebenso wie in Berlin geht man hier mit Stillschweigen über Dinge hinweg, die unangenehme Eindrücke hervorrufen. Dort waren es die traurigen Folgen der Strapazen des Einzugs, hier ist es die nichtswürdige Behandlung der zurück- kehrenden Mannschaften, welche todtzuschweigen man be- flissen ist. Hier kamen die Truppen erst um 3 Uhr Nach- mittags in die Kaserne, erhielten aber weder Menage noch Geld, so daß, wer nicht die Mittel hatte, sich selbst zu be- köstigen, hungern mußte. Erst Montags Nachmittags 1 Uhr erhielt ein Theil Quartierbillets in die Stadt und Abends wurden erst der von der Stadt für jeden Mann geschenkte Siegesthaler, sowie 30 kr. Menagezulage für die Mannschaft, welche in den Kasernen zurückbleiben mußte, ausgezahlt. Seitens der Bürgerschaft waren bereitwilligst Freiquarliere angemeldet worden und beide Tage harrten die dampfenden Schüsseln der Gäste— vergebens. Die Herren Offiziere waren entweder zu bequem, um die Billets rechtzeitig ausgeben zu lassen, oder wollten ihre Quartierwirthe nicht auf sich warten lassen. Die Mannschaften selbst(die nationalliberalen hellblauen Missionäre) sind unbewußt jdie besten Agitatoren für uns. Am meisten klagen sie über die schlechte Verpflegung der letzten Zeit und über die Vertheilung der sogenannten Liebesgaben. Was die Herrn Offiziere von Lebensmitteln nicht für sich brauchten, behielten sie zurück, bis dieselben ungenießbar waren, und dann hieß es„vergraben!— Tie Frage der lokalen Organisation. Die Frage der lokalen Parteiorganisation ist bisher auf jedem Parteikongresse oentilirt worden; auch an den diesjährigen tritt sie heran und beweist damit, daß sie keineswegs als endgültig beantwor- 1 tet betrachtet werden darf. Bei der eminenten Wichtigkeit dieser Frage muß es seltsam erscheinen, daß es bisher von maßgebender Seite nicht versucht worden ist, zu voller Klarheit für alle Parteimitglieder die Forderungen zu formuliren, welche an die Organisation einer sozialistischen Partei zii stellen sind, Organisationsfehler, wenn solche vorhanden sind, i nachzuweisen und in eingehender Detailausführung theoretisch eine Musterorganisation zu konstruiren. Wie sehr es Bedürfniß war, beweist der von Köln auf Wieder- Herstellung des sj 19 der alten Organisation gestellte Autrag. Der vorjährige Kongreß hatte nach eingehender Debatte diesen Paragraphen gestrichen; seitdem war die Frage der Organisation im Parteiorgan nicht mit einem Finger berührt worden, so daß i man berechtigt gewesen wäre zu glauben, es habe beständig allgemeine' Zufriedenbeit mit der gegebenen Organisation geherrscht. Jetzt aber' tauchte auf einmal ein Antrag auf, der dem vorjährigen Kongreßbe-» schluß ohne Motivirung„kühl bis an's Herz hinan" in's Gesicht schlägt. Ich leugne nicht, daß sich die Majorität der Delegirten bei dem Stuttgarter Kongreß leicht in einem empfindlichen Jrrthum befunden haben konnte; ich bin auch damit einverstanden, daß man unbeküm- inert um die Autorität vergangener Kongresse dieselben gegebenen Falls freimüthig des Jrrthums zeiht, sobald man damit die Partei- fache zu fördern meint, aber ich denke, man darf das nur thun, wenn man den begangenen Fehler sonnenklar nachweist und statt des Feh- lerhaften das Richtige in den Kauf giebt. Der Lakonismus der Kölner Antragsteller bei ihrem Verlangen nach Restitution des 8 19 zeigt nun zunächst auch nicht die Spur einer versuchten Beweisführung, und der Forschritt zum Bessern wäre i mit der Annahme ihres Antrags gleichfalls keineswegs geschehen. Jede Parteiorganisation hat den Zweck, die Parteiglieder zu einem! agitations- und event. aktionsfähigen Ganzen zusammenzuschweißen, i Die höchste Agitations- und Aktlonsfählgkeit muß also das einzige Ziel aller Parleiorganisatmen sein. Wollen diese keinem Feh grisje in den Mitteln zur Erreichung ihres Zieles ausgesetzt sein, so muß ihnen � stets das Wesen ihres Parteikörpers lebendig vor Augen stehen. Es! wird aber das Wesen bedingt durch die treibenden und hindernden f Kräfte der Parteibildung und durch die Be chajsenheit der Partei-Elc- j. mente. Diese veranlassen bei jeder Partei, und in höchstem Maße bei i Parteien des Proletariats, in ihrem Zusammenwirten, daß jedes Be- mühen, eine Organisation über alle mit der Partcibeweguug durch ihr i Interesse Verknnpflen auszubreiten, in Zeiten politischer Windstille! scheitern muß. Erst wenn tiefgreifende Ereignisse die Gemüther erre- gen und für die Richtigkeit der Grundsätze einer Partei in überwälli- gender Weise Zeugniß ablegen, drängt die sich sonst indifferent ver- haltende Menge auf die vorhandene Parteiorganisation ein und wirft sie, sobald sie sich nicht stark genug erweist, die herandrängende Menge aufzusaugen, sie mit sich selbst zu einem organischen Ganzen zu ver- schmelzen, schonungslos über den Haufen. Da aber nur, wenn die Wogen des politischen Lebens hoch gehen, die Möglichkeit einer Parleiaklion gegeben ist, so ist es gerade eine Lebensbedingung für jede auf die Aktion nicht völlig verzichtende Par- tei, die Fähigkeit zu erringen, die Menge eintretenden Falls blitzschnell zu durchdringen, sie in die vorhandene Organisation hineinzuziehen. Las geschieht aber noch keineswegs zur Genüge, wenn man politisch ruhige Zeiten dazu beuützt, durch öffentliche Vorträge in Vereinen und j Volksvers.mmlungen die Parteitendenzen populär zu machen, sondern man muß die Organisation von vornherein so gestalten, daß möglichst Viele von denen, die ihr in unbewegten Tagen beitreten, zu selbststän- di�er Parteithätigkeit angespornt und befähigt werden, OrganisationS- Mittelpunkte sür bewegte Tage zu werden. Dazu thut die Organisa- «ion.�wie wir sie haben, kaum das Nöthigste. Jetzt ist die Parteithätigkeit der uberwiegenden Mehrzahl aller Parteimitglieder mit dem Ende der öffentlichen Versammlungen ge- schlössen, die Meisten haben sich genug gethan, wenn sie irgend einen Vortrag überdauert haben, und auch die eifrigsten Parteigenossen gehen in ihrer privaten Thätigkeit sür die Partei selten über sehr sparsame und meist resultatlose Biertisch- oder Werkstattgejpräche hinaus. Und das ist zum guten Theile die Schuld der Lokalvereine. Diese lassen nur zu leicht vergessen, daß sie nicht Selbstzweck sind, daß in ihnen nur der Embryo zur Parteientfaltung gegeben sein soll. Sie sind darauf angewiesen, in kleinem Lokale ihre> egelmäßigen Zusammenkünfte ab- zuhalten, also schon damit ihrer Thätigkeit die engsten Grenzen zu ziehen. Statt daß sie aber wenigstens in diesen Grenzen anregend und belebend wirken, ermüden sie sehr häusig die eisrigen, stets erschei- »enden Mitglieder durch die Wiederkehr nebensächlicher Debatten, spar- neu die besähigteren Parteigenossen zu anstrengenderen Leistungen auf dem Gebiete ökonomischer und politischer Vorträge zu wenig an, und schieben dafür die Minderbegabten, deren Potenz ein unbedeutender Wirkungskreis entspricht und genügt, an Stelle der zur Förderung der Parieisache am meisten Berufenen. Aber auch die Minderbegabten werden durch die Lokalvereine zu keiner ernsten Parteithätigkeit getrie- ben, im Gegentheil werden dieselben meistens durch den Einfluß, den sie in beschränktem Kreise erlangen, veranlaßt, sich mit dem Erreichten ZU genügen und ihre weitere Ausbildung hintanzusetzen. Also ziehen die Lokalvereine, wie sie sind, weder die Menge der außerhalb stehenden Proletarier in einigermaßen genügender Weise heran, noch erfüllen sie den Zweck, die eignen Mitglieder geistig zu stählen zur Agitation im Großen. Sie haben an vielen Orten, statt zu fördern, die Rolle spanischer Stiefel gespielt, in welchen die Parteiemwicklung ver- kümmert ist. Wo scheinbar durch dieselben die Partei zu mächtiger Aus- breitung gediehen ist, ist das stets geschehen trotz derselben, über dieselben hinweg durch Volksoersammlungen, Arbeiter feste und dgl., zu deren «tnberufung schließlich jeder Einzelne genügt, sobald er es nur ver- steht, dem Jndifserentismus in den Volksmasjen durch zündende Themata oder allerlei Luilbarkeiten ein Paroli zu bieten. Genützt haben die Lokalvereine nur da, wo es sich wegen Mangels an geeigneten Kräften geboten zeigte, auf Agitation im Groß.» vorläusig ganz zu verzichten, einzig und allein den Zusammenhalr unter den einmal Gewonnenen zu wahren, und höchstens eine Art Winkelagitation,� mehr zur Bethäli- gung des guten Willens der betreffenden Parteigenossen, als wirklich Zu Nutz und Frommen der Parteisache in Scene zu setzen. Das war großentheils zum Bewußtsein der Majorität des Stuttgarter Kon- gresjes gedrungen; man verhehlte sich keineswegs den allerdings wenig ms Gewicht jallenden relativen Nutzen solcher Vereine, erkannte aber deutlich ihre Entwicklungsfähigkeit und beschloß deswegen, vorläufig dem Belieben und der Einsicht jeder Mitgliedschaft die lokale Organi- saiion anheimzustellen. Freitich schwand damit jeder positive Anhalt zur Lösung der Organisalionssrage, jedoch nur zeitweise, da man schon damals der Ueberzeuguug sich nicht verschloß, daß sich auf den Grund der zu machenden Erfahrungen und theoretischen Untersuchungen eine Reugestallung der Lokalorganisalion in allseitig maßgebender Weise ausbauen würde. Die Grundlage jeder solchen Neugestaltung wird nun die Erkennt- niß sein müssen, daß die Organisation nicht geschaffen werden darf, um sür die Tage politischer Ruhe kümmerlich zu genügen, sondern daß sie sür die Zeil des Sturms bei eiserner Utizerstörbarkeit die denkbarste Elasucität besitzen muß, zur Ausdehnung über das gesammte in wirbelnde Bewegung gerathende Proletariat. Solch' eine Organisation muß die ersorderliche Anregung diele», die von Anbeginn ihr zufallenden Kräfte zu lläreu und zu stählen, sie muß sie fest zusammenhalten, uiöglichst jeder einen enlsprechenden Wirkungskreis schaffen, sie muß nach allen Seiten Fühler in die noch indifferenten odyr gegnerisch ge- sinntcnVolksmassen hineinstrecken und jeder Zeit die Partei schlagfertig halleu zu Abwehr und Angriff. Das erreichen wir ohne allzugroße Schwierigkeit, wenn wir zunächst über jeden Arbeiterdistrikt in Stadt und Land ein ilietz von Parleiagenten ausspannen, zu denen wir alle mrt einiger Ergebung der Partei Anhängenden gebrauchen und vor- bllden können. Jede größere Stadt, jeder Jndustriediflrikt, ins dem me Agitation Frucht zu tragen beginnt, wird in mehrere nicht zu große Agilalionsbezirke eingelheill und für jeden irgend ein Parteimitglied, das in demselben seine Wohnung hat, zum Bezirksvertrauensinann ge- u J;o®'efer wi>d von Parleiwegen beauftragt, soviel ihm thunlich, durch Verbreitung von Agitationsschriften, Gewinnung von Abonnenten für das Parteiorgan, mündliche Propaganda für die sozialistischen Ideen, durch Erforschung der politischen Stimmung und Bildung der Proletarier selnes Bezirts, sür die Partei unausgesetzt thätig zu sein. Alle Bezirks- Vertrauensmänner bleiben in beständiger Verbindung mit dem einen tarteiveNraucnsmann des Ortes, und werden von ihm zu periodischen usammenkünsten berufen, in denen jeder über seine Thätigkeit und Erfolge Bericht zu erstatten hat. Die Vertrauensmänner haben ferner dafür zu sorgen, daß allmonatlich mindestens eine öffentliche Parteiver- sammlung, Uttd von Zeit zu Zeit, sobald sich die Menge angeregt oder anregungsfühig zeigt, große Volksversamnilungen mit allgememintcr- effanter Tagesordnung, Arbeiterfeste u. dgl. stallfinden.— Der Partei- vertrauensmann leitet allein, oder mit einem Kassirer und unter stetiger Konirole der Bezirksverlraueiismäiiner, die Parieigeschäfte seines Ortes und legt allvierteljährlich über die Thätigkeit seiner Mitgliedschaft und die gewonnenen Agitationsresultate dem jeweiligen Parteiausschuß ein- gehende Rechenschaft ab. 'Damit nun aber zur zweckentsprechenden Lösung der Aufgabe eines Vertrauensmanns allmählich die nöthige Anzahl von politisch und ökono- wisch klaren Köpfen herangebildet werde, werden überall, wo es die vor- handenen Kräfte gestatten, sofort bei Organisation der Partei freie Ver- einigunge» zur Förderung sozialpolitischer Bildung gegründet, in welcher U> zusammenhängenden Vorträgen üher Geschichtswissenschaft(nach der Rierhode Buckle's�, soziale Oekonomie, Tagespolitik und Arbeilervewegung vorgetragen wird. Mit diesen Vorträgen werden regelmäßige Reden, Distütirubungen für Alle, die sich dazu bequemen, verbunden. Damit ist geschehen, was eine Organisation nur irgend leisten kann. Es ist höchste Agilarionsfähigkeit erreicht, indem soviel als möglich Partei- Mitglieder zu agitatorischer Selbstthättgkcit angeregt und dazu systematisch vorgebildet werden, und indem sich den geistigen Kräften Aller ent- sprechende Wirkungskreise eröffnen. Es ist aber auch der Partei für we Tage politischer Fluth die nöthige Expansivkraft geschaffen, die ihre Ausbreuung über die herandrängende Mäste der unorganisirten Proletarier gestattet, da ihre über alle Arbeilerdistrikle verlheilten und in dieser chnlänglich bekannt gewordenen Verlrauensmänner alsdann si fort zu T'rgailisationsmulelpunkte» werden und zu selbstständigcr Organisation dejähigr sein müssen. Es ist damit auch die denkbar höchste Allions- lohigleit erzielt, die sich auch in gewöhnlichen Zeilen bewähren wird, wenn es gilt, die Partei plötzlich zu Masiendemoiistratioiien, zum Masjen besuche gegnerischer oder zur Jmprovisirung eigener Versammlungen ohtie vorheiig« Ankündiguiig in Lokalblättern zu mobilisiren. Zugleich w damit jeder Ehicane von Seiten der Polizei oder des Siaalsan- wälts die Spitze abgebrochen._ • Ich hoffe, in Vorstehendem zur endgültigen Lösung der �rgaui- stUionsslage beigetragen, oder wenigstens dazu einen Annoß gegeben zu poben. Eine gar nicht genug zu betonende Wichtigkeit hat die voru>- lheilslos richtige Lösung dieser Fiage aber sür mich, weil sich mir überall, wo ich sür die Partei gewirkt oder beobachtet habe, die Uederzeugung ausgediängl hat, daß unfere uneibitlllchsten nnd gefährlichsten Feinde, vor denen w.r mit Bortiebe beide Augen schließen, unsere eigenen Fehler sind. Die Organisation führt die Partei zu Sieg oder Niederlage, und es giebt nur eine beste Organisation. Breslau, im August 1871. Bruno Geiser. Vorwerksstraße Nr. 29. Internationale Gewerkschaft der Holzarbeiter. Abrechnnug der Hauptkasse pro u. Quartal 1871. Eingang. � Kajsenbestand am Schluß des 1. Quartals 1871: Thlr. 98. 10. 3. �tade Thlr. 6. 15.—. Altona Thlr. 14. 2. y. Magdeburg Thlr. ?• 4.—. Ersurt Thlr. 7. 21. 6. Luzern Thlr. 3. 28. 1. Braun- sihweig, I. und II. Quartal, Thlr. 3.-. 6. Dresden Thlr. 3.—.—. ■vsiinooet Thlr. 3. 12.—. Cöln: Betrag durch Sterdesall am Orte Kraucht Zwickau Thlr. 9. 12. 4. Leipzig, 1. und U. Quartal, 5$ 1704, Summa Thlr. 178' 3. 9. Ausgang. 730 Ouittungsbücher in blauen Umschlag Thlr. 4. 21. 6. Ein Buch über die Gewerkvereine in England Thlr. 1.—.—. Für einen Sterbe- fall in Altona Thlr. 12.—.—. Berwaltungs- Konto und Porto- Auslagen an Hrn. Porck Thlr. 30.—.—. Für Bries-Porto, Geld- Versendungen nnd Schreibmaterial der Hauptfasse Thlr.—. 7.—. Für Berwalrung derselben Thlr. 9.—.—." Summa Thlr. 56. 28. 6. Bilanz. Gesammteinnahme Thlr. 178. 3. 9. Gesammtausgabe 56. 28. 6. In Kasse Thlr. 121. 5. 3. Abrechnung der Untet-stiitzungskasse. Eingang. Kassenbestand am Schluß des I. Quartals 1871: Thlr. 10. 3. 3. Stade Thlr. 3. 3. 6. Ma deburg Thlr. 2. 2. 6. Erfurt Thlr. 3. 12. 6. Luzern Thlr. 2. 9. 6. Braunschweig, I und II. Quartal, Thr.—. 18.—. Dresden Thlr. 2. 26.—. Hannover Thlr.—. 19. 6. Cöln: Betrag durch Sterbeiall am Orte verbraucht. Zwickau Thlr. 4. 18.—. Summa Thlr. 29. 22. 9. Ausgang. Für einen Sterbefall in Cöln Thlr. 12. 23.—. Summa Thlr 12, 23._ Bilanz. Gesammteinnahme Thlr. 29. 22. 9. Gesammtausgabe 12. 23.—. In Kasse Thlr. 16. 29. 9. Guthaben von Altona Thlr. 3. 24. 6., von Erfurt Thlr. 6. 24. 6. Altona, 1. August 1871. H. Somann, Kassirer, Revidirt und für richtig befunden: Adolphstraße 32. H. Warncke. D. Ripp. Jutervatiottale Gewerksgenossenschaft der Schuhmacher und verwandten Gewerke. Gelder sind an die Haiiptkasse eingegangen: Fürth 4 Thlr. 23 gr. 4 Pf., Leipzig 3 Thlr. 4 Pf., Mainz 4 Thlr. Mainz sandte das Geld mit dem Bemerken, daß es den wenigen Mitgliedern immer unmög- sicher wurde, noch länger als Mitgliedschaft zu bestehen und daß die- selben einen langen Kampf bestanden haben, ehe sie zur völligen Auf- jösunq schritten. Weiter machen wir bekannt, daß am 31. v. M. die übliche Neu- wähl des Bevollmächtigten und KassirerS vorgenmomen und Aug. Backen, wohnhaft Brandweg 6, zum Bevollmächtigten gewählt wurde, während der bisherige Kassirer, H. Sporbert, wiedergewählt wurde. Nochmals erinner» wir die Mitgliedschaften, denen es möglich ist die Beiträge einzuschicken, dies zu thun, indem manche noch in großem Rückstände sind. Für die Verwaltung: Leipzig. Aug. Schäfer. Internationale Mctallarbeiterschaft. Hannover, den 6. August. Sämmtliche Orte, in denen Mitglied- schasien fich befinden, ohne ihren Verpflichtungen gegen die Hanplkasse nachgelommen zu sein,(insbesondere die Schweizer) werden nochmals aufgefordert, ihrer Pflicht zu genügen, Abrechnung und Geld zu senden, da sonst der Ausschuß in die unangenehme Lage versetzt wird, die Leitung der Geschäfte nicht zur Zufiiebenheit der Gewerkschaft führen zu können. Bedenkt, Mitglieder, daß wir ohne Geld das von uns verlangte Material zur Gründung neuer Mitgliedschaften nicht beschaffen können nnd nur durch NachläjsigkcilmehrererMitgliebschasten eine Stockung im Geschäftsgang einlritt, welche uns keineswegs zur Ehre gereichen kann. Bedenkt ferner, daß jetzt überall die Arbeiterbewegung in hohen Wogen geht, md wir auf dem Platze sein müssen, um die Leitung derselben in die Hand zu nehmen und neue Milgsiedschasten zu gründen, damit alle Arbeiter unter dem Internationalen Banner vereinigt werden. Anknüpfend daran bemerken wir, daß wieder 1000 Stück Statisten im Druck sind und die Mitgliedsbücher gebunden werden muffen; es erfordert Geld und sechs Wochen Zeit, ehe dieselben abgeschickt werden können. Wir möchten dieserhalb die Orte, in denen noch Vorrath an Mitgliedsbüchern ist, auffordern, dieselben an Ernst Grosser, Eisen- dreher, Chemnitz Brühl 18, zu senden, da die dortige Mitgliedschaft im besten Aufschwung begriffen ist. Auch fordern wir die Orte, in welchen während des Kriegs die Mitgliedschaften eingegangen und noch frühere Beamten oder Mitglieder vorhanden sind, auf, sämmlliche Uiensisien an unterzeichnelc Adresse zu senden, damit sie anderweitig verwendet werden können. Sodann werden sämmtliche Bevollmächtigten nnd Kassirer aufgefordert, behufs der Reiseunterstützung ihre Adressen dem Ausschuß brieflich zu unterbreiten, damit dieselben im„Volksstaat" zur allgemeinen Kenntniß der Mitglieder gelangen, indem viele Klagen von Relsenden erhoben werden. Wir bitten, so rasch wie möglich Vorstehendes zu berücksichtigen. Der Ausschuß. S. Franke, Geschäftsführer, -> Ballhofstraße 13. HL. Die Adresse des HauptkassirerS ist: H. Cammann in Linden vor Hannover, Rüklingerstraße 33. Halberstadt.(Zum Strike.) Einnahme seit dem 15. Juli bis 9. August. Sammlung der hiesigen Cigarrenfabriken vor Ans- bruch des Strike 9' hlr. 26 Gr. Bon Herrn Müller in Berlin 50 Thlr. Bpn der hiesigen Maurergesellschast 41 Thlr. 19 Gr 6 Ps. Sammlung in der Volksversammlung vom 21. Juli 1 Thlr. 23 Gr. 7 Ps. Von Herrn Barbier Fricke 15 Gr. Von den Berliner Kollegen durch Herrn Ecks 50 Thlr. Bon den Arbeitern der Grabo'schen Fabrik 3 Thlr. Von hier in Arbeit stehenden Kollegen 12 Thlr. 15 Gr. Vom Maurer H. Balhorn Hierselbst 5 Gr. Von Maurer H. Hurlemann 10 Gr. Von den Herrn Ziegeldeckern Hierselbst 2 Thlr. 22 Gr. 6 Pf. Von den Kollegen in Bielefeld 1 Thlr. 5 Gr. Von den Kollegen in Pr.-Minden 3 Thlr. Von den Kollegen in Hessisch-Oldendorf 1 Tblr. 19 Gr. 6 Pf. Von der hiesigen Schneidergesellschast 7 Thlr. 24 Gr. Bon Berlin durch H. Müller 75 Thlr. Sammlung in der Volks- Versammlung vom 29. Juli 2 Thlr. 29 Gr. 9 Pf. Von den Kollegen in Burgsteinsurt durch H. Reeß 3 Thlr. Aus Koburg vom Handschuhmacher H. Peiers 1 Thlr. Aus Berlin durch H. Müller 56 Thlr. Breslau Fabrit von H. Äaschke durch H. Rosenthal 1 Thlr. 4 Gr. 6 Ps. Sulingen durch H. Husmann 2 Thlr. 20 Gr. Breslau Fabrik Deter& Markus durch H. Lederhausen 3 Tblr. 13 Gr. Berlin durch H. Müller 100 Thlr. Altonaer Kollegen durch H. Becker 5 Thlr. Braunschweig durch H. Streif 6 Thlr. Vom Maurer Rüdiger Hierselbst 2 Gr 6 Pf. Von den hiesigen Tischlergesellen 2 Thlr. 15 Gr. Hamburg sozialdemokralischer Arbeiterverein 2 Thlr. 19 Gr. 6 Pf. Hamburg mehrere Kollegen 2 Thlr. 10 Gr. 6 Pf. Summa 449 Thlr. 29. Gr. 10 Ps. Indem wir für die bisher etngegangenen Unterstützungen bestens danken. ersuche» wir, uns auch ferner zu unterstütze», denn die Roth ist groß und der Kampf ist ein harter. Das Strike-Komitee. Richard Kahlenberg. Magdeburg. Die Cigarrenfirma Lindau und Winterfeld hat folgendes Cirkular unterin 17. Jnli erlassen:„..... Hier in Magdeburg ist der Strike am Freitag, dem 14., und in Halberstadt am Sonnabend, dem 15. d.M. erfolgt. In dieser Zeit dürste bei der gut geleiteten und völlig einheitlichen Agitation auch an Ihrem Platze die Arbeitseinstellung stattgcflinden haben, oder wenn dies noch nicht geschehen, wird sie in nächster Zeit erfolgen. Hier und in Halberstadt (.unsere Firma hat an diesem Platze eine Filiale) h ben wir Fabrikan- ten uns rechtzeitig zusammengethan, um einig den sich stets steigern- den Ansprüchen unserer Arbeiter endlich einmal ernst entgegenzutreten. An beiden Plätzen haben wir uns sämmtlich gegenseitig verpflichtet, keinerlei Lohnerhöhungen während derDauer desStrikes eintreten zu lassen, noch einen von hier und Halberstadt ent lassenen Arbeiter anzunehmen. Ebenso weisen wir die Leute zurück, die aus Plätzen kommen, wo eine Arbertseinstelluna schon er- folgt oder in der Organisation begriffen ist, soweit eben unsere Kennt- niß davon reicht. Die Herren Berliner Agitatoren und die aufgewie- gelten Arbeiter gelangen bei uns ebenso wenig wie in Waldheim und Hanau, wo die Fabrikanten auch völlig gemeinschaftlich handeln, aus keinen Fall zu ihrem Ziele.(!!) Gegenüber dem gemeinschaftlichen Vorgehen der Arbeiter, ihre Prätensionen durch Zwang durchzusetzen, Wirdes die höchste Zeit, daß wir Fabrikanten ganz Deutschlands endlich auch einmal zu einem gemeinsamen Handeln gelangen und geschlossen der jetzigen Agitation entgegentreten. Ein Solches anzubahnen, bezweck. dieses Schreiben, und nur bitten Sie, dasselbe unter den Herren Kon- fumntei, an Ihrem Platze zirknsiren zu lassen, da es von ho em In- teresse sür den Emzelnen ist, zu wissen, er steht als Fabrikant nicht allein, sondern in geschlossener Phalanx der jetzigen Bewegung gegen- über.— Um die jetzige Agitation, die kein Mittel der Lüge scheut, um auch den fleißigen und zufriedenen Ardeiter mit aiifzuwie- geln(!!) erfolgreich zu bekämpfen und den Strike möglichst abzukür- zen, thut es vor Allem noth, den Arbeitern gegenüber zu konstatiren, daß sämmtliche Fabrikanten Deutschlands darin einig sind, daß die von den sozialistischen Komitss aufgestellte Lohnerhöhung nicht bewilligt werden kann und der Strike nur zum Nachtheil der Arbeiter enden wird. Wir bitten, uns daher möglichst umgehend die schriftliche Bestätigung zu geben, daß an Ihrem Platze ebenso einheitlich wie bei nnS die Forderungen der Arbeiter abgelehnt sind und dieselben keine Aus- ficht haben, damit durchzudringen. Es hat bei den irregeführten Leuten Nichts bessere Wirkung, als wenn man ihnen schwarz auf weiß beweisen kann, daß die Nachrichten ihrer Aufwiegler,"an dem und dem Platze hätten die Arbeiter alle ihre Forderungen durch den Strike durchgesetzt", nur aus der Lust gegriffene Lüge» sind, womit man sie bethört. Durch unsere Korrespondenzen mit Waldheim und Hanau waren wir so im Stande, die über diese Plätze ausgesprengten Lügen zu widerlegen. Am Mittwoch den l9.Jiili haben niirFs brikanten hier Versammlung, wo wir die Listen derjenigen Arbeiter aufstellen und uns gegenseitig bekannt machen werden, welche notorische nnd unverbesserliche Aufwiegler(!) sind. Die- selben erhalten in den hiesigen Fabriken keineBeschäfti- gung wieder. Wir macken hierzu die Bemerkung, daß es in unserer AllerJnteresse läge, solchenLislen die ausgedehntesteVerbreitung zu geben und würden wir Vorschläge darüber gern(!) entgegennehmen. Ueber den weiteren Verlauf der Strikes und unsere Beschlüsse unterrichten wir Sie in einigen Tagen nnd bitten wir auch um Ihren Bericht, sobald die Arbeit an Ihrem Platze wieder aufgenommen wird. Vor- läufig ersuchen wir Sie indessen um gefällige schnellmöglichste Benach- richtigung, daß auch Sie an Ihrem Platze einheitlich die Forderungen der Arbeiter zurückgewiesen haben.— Am Ende der Woche denken wir die gesammten Ber chte, die wir uns aus allen Theilen Deutschlands hierdurch erbitten, zusammenstellen zu können und berichten dann weiter. Wir zeichnen hochachtungsvollst Lindau und Winterfeld." Einige Tage später erließ dieselbe Firma.folgendes Eircular: „An unser Rundschreiben vom 17. dss. anschließend, bringen wir Ihnen hierdurch die weiteren Beschlüsse zur Kenntniß, welche wir hie- sigen Fabrikanten in unserer heutigen zweiten Versammlung gefaßt haben. Dieselben dürften Ihr Interesse haben. Das Protokoll der ersten Fabrikantenversammlung in Halberstadt wird Ihnen im Abdruck heute von diesem Platze direkt zugehen. Aus beiden Mittheilungen ersehen Sie, daß die Wühlereien der sozialistischen Agitation uns Fabri- kanten völlig einig finden,»nd das Berliner Komitee bei uns nicht zum Ziele gelangt. Wir sind uns wohl bewußt, daß wir nicht allein in unserem Interesse sondern im Interesse des ganzen deutschen Ge- werbestandes verpflichtet sind, dieser in Hanau ausgebrüteten und von Berlin aus geleiteten Bewegung ernst und einheitlich entgegenzutreten. Unser Fabrikationszweig, in den letzten 30 Jahren in Deutschland ein- porgeblüht, hat vor Allem für die arbeitenden Klassen den Segen ge- habt, daß er schwächlichen Leuten, Krüppeln und Frauen einen Ver- dienst ermöglicht, der nicht allein dem des gesunden und kräftigen Ar- beiters, der unter der größten körperlichen Anstrengung sein Brod verdient, gleichkommt, sondern denselben bei einigem Fleiß und Ge- schicklichkeit sogar noch weit übersteigt. Setzte die jetzige Agitation die in Hanau beschlossene Lohnerhöhung durch, die den Cigarrenmacher in den Stand setzts, mit Leichtigkeit 1'/, bis 3 Thlr. die Woche noch zu seinem schon ansehnlichen Verdienst hinzuzufügen, wäre damit der sozialistischen Partei ein Hebel in die Hand gegeben, um die übrigen sämmtlichen Arbeiterklassen mit Hinweis auf die vorerwähnten Ver- häitnisse noch weiter aufzuwühlen, wie es bisher schon geschehen ist, und endlose Strikes der übrigen Gewerke würden die Folge sein. Wir bitten Sie angelegentlichst, diese Konsequenzen inS Auge zu fassen nnd ebenso energisch und einig wie wir der jetztigen Bewegung entgegenzutreten. Wir bitten auch dieses Schreiben und Beilage un- ter den Herren Fabrikanten an Ihrem Platze zirkuliren zu lassen und begrüßen Sie hochachtungsvollst Lindau u. Winterfeld." (Obige zwei Schreiben bestätigen den Erfahrungssatz, daß wir in der Angst unsere innersten Gedanken ausplaudern. Eine brutalere, grausamere und dabei! heuchlerischere Gesinnung, als uns in diesen zwei Nothschieien entgegentritt, läßt sich in der That nickt denken. Dafür, daß die Arbeiter den„Segen" haben, sür die Herren Bourgeois arbeiten resp. die Herrn Bourgeois reich machen zu dürfen, sollen sie den Herren Bourgeois gehorchen wie die Hunde, und wenn es ihnen einfällt, einmal ihre gedrückte Lage heben zu wollen, dann sind sie „Aufwiegler" oder„Aufgewiegelte", und müssen die letzteren im jeden Preis in die alte Sklaverei zurückgeführt, die letzteren zum Hunge'r- Ivb verdammt werden. Denn was heißt es anders: sie aus die Proskriptionslisten des Kapitals zusetzen? Fürwahr, da ist der elendste Polizeistaat noch tausendmal humaner, als dieses„liberale" Fabrikantenthum! R. d. V.) Berlin. Am 2. d. M. sind die hiesigen Tabak- und Cigar- ren-Fabrikanten zusammengetreten, um vereint eine weitere Er- höhung des Lohnes zu verhindern. Es haben 70 Fabrikanten eine Erklärung unterschrieben, laut welcher sie sich bei einer Konventional- strafe von 100 Thalern verpflichten, jeden Fall einer erhöhten Lohn- sorderung einem gewählten Komitee zur Anzeige zu bringen und da- raus in einer Versammlung entscheiden zu lässen, ob der Fall als Versuch eines Ciqarrenarbeiterstrikes anzusehen ist. Wird letzteres de- jaht, so müssen sämmtliche Fabrikanten schließen. In Lffenbach soll(nach den uns vorliegenden gegnerischen Berich- ten) der Eigarre narbeiterstrike theilweise mißlungen sein und ein Strike der Portefenillearbeiter(sie verlangen 10stündige Ar- beitszeit, 25 Prozent Lohnerhöhung) in Aussicht stehen. In Itetttll haben die Maurer die Arbeit eingestellt. Warnung für die Berliner Maurers Aus Düsseldorf wird uns mittgcthetlt, dortige Vau- meister wollten lv«i> strtkeude Maurer ans verlin»ach Diis- scldorf hinlocke», um den Lohn der daselbst befindliche» Mau- rer herabzudrücken. Berlin. In der am Sonntag stattgehabten Generalversammlung der Maurer wurde beschlossen, den Strike mit allen Kräften weiter fortzusetzen, da die Anzeichen sich mehrte», daß die Meister zum Nachgeben geneigt seien und die Sistirungssrist von drei Wochen für die giößeren königlichen und städtischen Bauten abgelaufen sei, so daß die Meister unter allen Umständen die Arbeiten wieder beginnen wüßten. Nach einer in der Versammlung abgegebenen Erklärung de- finden sich unter den 280 Namen von Maurermeistern-c., welche nach oer öffentlichen Bekanntmachung in keinem Falle nachgeben wollen, 167 solche, die überhaupt gar keinen Gesellen beschäftigen. Am Schluß der Versammlung wurde die Miilheikung mit großem Jubel begrüßt, daß der Strike-Verein der Tischler den Maurern 500 Thaler,'die sogleich zu erheben sind, bewilligt habe, In der Norddeutschen Wagensabrik Hierselbst haben die Ar- beiter den Strike erklärt, weil die Direktion den Vorsitzenden deS Maschinenbauer-Strikekaffenvereins plötzlich entlassen hatte. Gotha. Eine gewisse hiesige Ordnungspartei, welche nach Ver- öffenUichung des„Braunschweiger Manifestes" alles Mögliche aufbot, vie hiesigen' Sozialdemokraten zu unliebsamen Szenen zu proooziren, trotz aller Bemühungen damals aber nur Gelegenheit finden konnte, einen gebrechlichen öigarrenarbeiter derartig zu malträliren, daß er, seit jener Zeit fort und fori kränkelnd, unlängst den Folgen erlegen ist, rekrutirt sich nun zu einem Krieger-Verein. Polizei-Kommissar Mötsch mann und dessen rechte Hand hierbei, der Buchhändler Otto, baten die Bürgerschaft, die bereits verwelkten Guirlanoen, Fahnen und Ehrenpforten(vom Trnppeneinzug her) noch ei» Weilchen stehen zu lasse», um des Bluttages von Wörth bei Musik und Tanz noch feierlichst zu gedenken, und um zugleich bei dieser Gelegenheit ihre neue Fahne möglichst solenn weihen zu können. Hüben die Roth des Proleta.iats, der Kummer der armen Wei- ber, deren Männer in der Kaserne arbeilen müssen, die vor der leeren Unterstützungskasse des Senators Dö l l abgewiesen werden,— sucht man auf der andern Seite durch Kerzenfllimmer das Elend den Massen ver- gessen zu machen. Barme», 7. Juli. Die Fordelunge» der Arbeiter in Be- trefi der kürzeren Arbeitszeit sind diS heute in drei Band- sab rite» und einer Eisengarnfabrik, zusammen mit ca. 4St» Arbeitern, bewilligt. Ein kassendefizitternder Leipziger Expostsekretär, welcher einen! nicht geringen Theil der deutschen Presse unsicher macht, ver- breitet augenblicklich wieder allerhand Lügen über den Prozeß derL.eipzigerSozialdemokraten. AusAnlaßdieserLügenkorre- spondenzcn erhielt die„Volkszeitung�von der Redaktion deF„Volts- staat" folgende Berichtigung unterm 8. August: „Ihre heutige, der Magdeburger Zeitung enttehnte Leipsiger Korrespondenz, betreffend Hochverrathsprozeff von Liebknecht und Genossen, leidet, wie fast alle Leipziger Korrespoudenzen der Magdeburger Zeitung, am Defizit von Wahrheit. Besagte Korrespondenz hat offenbar die Tendenz, durch die Worte, der Prozeß sei vertagt worden, weil der Benheidiger erklärt habe,„sich bis nächsten Monat nicht zur Genüge in dein massenhasten Material insormiren zu können", im Publikum die Meinung zu erzeugen, eS handle sich um einen Prozeß, von dessen ausgedehntem, weitverzweigtem Belastungsmaterial man sich gar keine Vorstellung machen könne.— In Wirklichkeit verhält sich die Sache so: Der Äntraz der Staatsanwaltschaft muß nach sächs. Recht erst von der„Anklagekammer" gebilligt werden, ehe er vors Schwurgericht gelangt. Die Auklagekammer bildet somit eine Art erster Instanz; es kann auch gegen ihren Entscheid die Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt werden. In voriger Woche sollte nun die Sitzung der Änklagekammer, in welcher über den staatsanwaltlichen Antrag(„Anklage wegen Bor- bereitung zum Hochverrath") beschlossen werden sollte, stattfinden; sie mußte aber aussalle», weil der Vertheidiger der Angeklagten, welcher das Recht hat, in der Sitzung zu erscheinen und, gleich dem Slaatsan- walt, das Wort zu nehmen, verreist war. Inzwischen ist nun auch der Referent der Anklagekammer auf mehrere Wochen verrein, eine Sitzung der Anklagelammer vor Ende August also nicht möglich. Da nun die Schwurgerichtssitzung Anfang September beginnt und die eventuelle Nichtigketisdeschwerde gegen den Beschluß der Anklage.Kammer auch einige Wochen absorbirt, daher kommt es, daß der Prozeß vor die September- Assisen nicht mehr gebracht werden kann. Zu sagen, der Vertheidiger der Angeklagten könne sich in einem Monate„nicht genügend insormiren", ist um so lächerlicher, als der in Rede stehende Advokat, Herr Freytag, von jeher über die sozial-demo- kralische Bewegung vollständig au kait gewesen ist. Adolf Hepner." Gewerlsgenossenschaft der Holzarbeiter. Leipzig. Zn der Versammlung vom V2. �Zuli a. c. wurde zum Bevvllmachugten Oswald Stelzer wieder gewählt, ebenso wurde der- selbe zum Bevollmächugten der Krankenkasse' gewählt. Zum Kasstrer der Gewerksgeuossenschaft wurde Winter wieder gewählt. Zum Kassicer der Kranlenkasse, nachdem Dietrich definitiv abgelehnt hatte, wurde Mose mann gewählt. Der neugewählte Ausschuß besteht aus: Zetzsche, Leischke, Köhler, Botncr und Schräder. Bruno Schräder, Schriftführer. Hamburg. In Nr. Ki) d. Bl. versucht Herr Färber das„Prin- zipwiorige" und„Unzweckmäßige" von Produktiv- Assoziationen ohne Staatshirse, und von Gewerkschaften mit Krankenkassen:c. nachzuweisen, und kommt schließlich zu dem Resultat, daß nur durch die politische Agitation ein dauernder Etfolg zu erzielen sei, und daß die Ge- werkschasten, wie sie jetzt organisirt find, eigentlich ein Hinderniß für die Partei seien. Zum biisern Verständniß und zur richtiger» Beurthcilung der Stuttgarter Resolution, die nach meinem Dafürhalten, wie jede belie- bigc andere Resolution, durchaus nicht als Unfehlbarkeits-Dogma angesehen werden kann, noch daraus berechnet ist bei Leibes- und Lebens- strafe als Bundesgcsetz zu stguriren, sondern zunächst und hauptsächlich dem damals mehr als nöthig grassirenden Strikefieber einen Dämpfer aussetzen sollte, maß nothwendig darauf aufmerksam gemacht werden, daß ausdrücklich in der Motivirung gesagt war, daß der nicht beige- fügte Ausdruck„Staatshilfe" eigentlich nach dem vorausgegangeneu Referat für uns etwas Selbstoerständlches sei. Hätte ich im Entferntesten ahnen können, daß der Wortlaut der Resolution noch nach Jahr und Tag das prinzipielle Gewissen eines oder des anderuParteigenossen in so gewaltige Aufregung versetzen würde, — mit zwei Worten„Agitation, Staatsh üfe" hätte ich alles Unheil abgewendet. Die Resolution würde dann gelautet haben:„Der Kon- greß erklärt für Hauptausgabe der Gewerkschaften: die Agitation zur Forderung uud Bildung von Produktivgenossenschaften mittelst Staats- hülse u. s. w." Uebrigens hätte der ganze Streit nur dann irgendwelche Bedeu- tung, wenn in der Resolution �lnsgesprochen wäre, daß wir nur oder auch nur überhaupt aus diesem Wege eine Nmgestaltstllg der so- zialen Verhältnisse für möglich hielten. Dann würoe auch das Eitat aus Marr'„18. Brumaire" Anwendung finden können. Weder ich, noch Herr M. sind dieser Meinung, noch daß es für uns erst der ausführlichen Berechnung des Herrn Färber bedurft hätte, uns zu belehren, was nicht durch Produktiv-Assoziationen der Selbst- hülfe erreicht werden kann. � Allein ich bin nun auch nicht ein so eingefleischter Doktrinär der Staatshülse, um blind und taub zu sein gegen die, wenn auch unter- geordnete Bedeutung der Selbsthülfe, besonders in' agitatorischer Beziehung. Ja, ich bin sogar ein solcher Ketzer, daß ich es für einen ungeheuren Nachtheil halte, daß nicht wir alle Institutionen der Selbst- hülse in unser» Händen haben. Herr M. mag Unrecht haben, aus dein Kongreßbeschluß folgern zu wollen, daß die Partei nun auch verpflichtet sei, Produktiv-Assozia- tionen zu gründen. Dies ist nach ineinem Dafürhalten Sache der Gewerkschasten, und zwar nicht von Gewerkschaften, die erst im küm- merlichen Anfangsstadium begriffen sind. Ob aber die Gewerkschaften, sei es nachdem die Zahl der Mitglie- der oder die denselben zur Verfügung stehenden Mittel sie dazu be- sähigen, Produktiv- Assoziationen gründen, oder Arbeitseinstellungen regeln, oder aber ihre Macht und ihren Einfluß aus politischem Ge- biete in die Wagsch.ale werfen, wird von sehr verschiedenen Umstän- den abhängen und ich meine, daß es thöricht ist, allgemein behaupten zu wollen, daß die Gewerkschasten, weil sie heute nun gerade einmal dies, und nicht das thun, ein Hinderniß für die Partei seien. Das Allerverkehrteste ist nun wohl, zu verlangen, daß die Kran- kenkassen als„unnöthiger Ballast" deshalb über Bord geworfen wer- den sollen, weil die Zwangskassen und Fabrikkassen noch bestehen. Bis jetzt sind eben noch die Krankenkassen(Alters- und Jnvaliden-Versor- guugskassen werben die Arbeiter überhaupt nicht gründen, weil sie nicht genug verdienen, um die Beiträge bezahlen zu können) das ein- zige und beste Mittel, den festen Zusammenhalt an einem Orte zu sichern. Wohl weiß ich, daß ein beträchtlicher Theil der Mitglieder zunächst nur der Krankepkasse wegen beitritt, aber was thut das? Ein An- derer tritt bei,, um llnterstützung bei Arbeitslosigkeit zu erhalten, ein dritter aus etn«n andern Grunde; aber so lange mir nicht bewiesen werden kann, daß alle die Leute,'die, und wäre es auch aus einem noch so egoisl schen Grunde, den Gewerkschafte» beitreten, der Partei beitreten wurden, wenn die Gewerkschaften nicht eristirten, sind mir die Gewerkschasten, selbst wenn deren Organisation heute auch noch man- ches zu wüitschen läßt, doch lieber als keine. Der Grund ist sehr einfach. Mag auch der geradeste Weg am schnellsten nach Rom führen— wenn er neinlich frei ist: um sicher zugehen, muß man mitunter auch Umwege machen. Th. Porck. Rürilberg. Es war im Jahr« 1 des deutschen Reichs, am 21. Juli, als Kr. Max Hirsch aus Nürnberg's Vvlks-Tribüne einen Vortrag hielt über die Zweckmäßigkeit der zu gründenden Gewerk-Ver- eine, tind es begab sich allda, daß dieses Fortschrittslicht die sozialen Zustände der heutigen Welt denen zur Zeit Rom's gleichstellte,(!!) ja sogar de» damaligen Aufstand der Sozialisten unter Gracchus als begründet darstellte(somit stillschweigend die Pariser Kommune aner- kannte.) Aber siehe da, nach wenigen Minuten schon, als bereits ein durch Enttäuschung hervorgerufenes Gesichtsreißen sich bei den Ge- stnituitgsgenossen des Predigers einstellte, suchte er mühsam die Brück« zu bauen zu den Verläumdungen über die Internationale, um deren Wucht und Bedeutung durch seine Verdrehungen und offenbaren Lügen in Schatten zu stellen: wenigstens bei seinen Gläubigen. Der Lohn hierfür blieb nicht aus und äußerte sich in bekannten Bravo's, aber, sei es, daß er davon berauscht oder unbefriedigt war, sofort fiel er wieder in die sündhafte Art des Vortrag», indem« derBourgeoisie vorhielt, sie hätte Wenig resp. noch Nichts gethan für die Fortbildung der Arbeiter, und sie solle künftig die Bildungsbestrebungen bester unter- stützen, wenn sie nicht die bittere Erfahrung machen wolle, wie Paris. — Nach diesem, für seine Freunde recht schmeichelhaften Compliment, segelte er direkt aus sein Ziel los, indem er mit vollen Backen seine Gewerk-Vereine anpries und die Resultate derselben, nämlich der eng- lischen, in Ermangelung deutscher, vordeclamirte. Einmal im An- preisen begriffen, geschah dies auch bezüglich der Thaten der Fortschritts- partei, die sich in der Verwerfung eines— Kafseezolles konzenirirten. Nun kam er auf die noble Lebensweise des Hrn. v. Schweitzer, dessen Freundschaft mit Junker- Ultramentanen zu sprechen, hier eine ver- steckte Denunziation gegen die sozialdemokratischen Arbeitend, tschimigqelnd, als könne man sie für reaktionäre Zwecke benutzen, und verstieg sich zu der infamen Lüge, es hätte die Internationale die Königshütter Revolte angezettelt/) und that schließlich den großen Spruch:'„Eine solche Sorte von Menschen, die nach vollbrachtem Mord- Raub noch Paris in Band steckte, um sich geschwind einen Heiligenschein anzuzünden, ist nicht berufen, zu sozialen Reformen k." Dieses die Hauptpunkte jenes Vortrags, der uns circa 20 neue Partetgenossen zuführte, jener Partei vielleicht mehr verscheuchte, mindestens aber keine brachte und die Hoffnung auf Gimpelfang gründlich ver- wässerte.— Geschieht ibnen auch recht. Warum nehmen sie den Unglücks-Freitag!— Erheiternd war das Geständniß eines Fortschritt- lers H. Stark, weiland 43er Miliz-Offizier, jetzt Ritter des eisernen Kreuzes, welcher den Spruch that: Wir siilv nach diesem Gewäsche um kein Haar kliigcr als vorher! Als endlich dem Hrn. Hirsch die Sprachwerkzeuge versagten, konnte Liebert hinweisen aus die jesuitische Art, mit welcher Hirsch die zu- fällige Sympathie Ketieler's für die Prinzipien Lassalles betonte, und auch(natürlich unter Tumultoersuchen der Fortschrittler) nachweisen. daß wir weder mit politischen,»och religiösen Jesuiten Gemeinschaft machen. Als Baumann das Wott ergreift, spricht er auch über die Ungleichheit, welche sich darin äußert, daß wir bereits mit 21 Jahr die polttischeu Pflichten, die Blutsteuer zahlen und erst mit 25 Jahren po- litische Rechte, die Wählbarkeit erlangen, und erntet von der gebildeten Masse Hohn,— ein schlagender Beweis wie die Sklavennatur Jenen eigen, die Den verhöhnen, der Herz und Muth besitzt, traurige Zustände zu besprechen. Als er über die Pariser Kommune sprach, versuchte die fortschrittliche Claque, den Redner durch recht bubenhasten Skandal zu unterbrechen, allein unsre stramme Haltung in einer Zahl von circa 300 ließ ihnen nur die Wahl, den Saaläm unfreiwilligen Schnell- schritt zu verlassen, oder unsre Leute ruhig anzuhören, wie wir während Hirsch's Rede gethan. Nachdem Baumann ausgesprochen, wurde die Versammlung geschlossen und wir gingen bereichert nach unfern Lokale. Für die Fort- schrittspartei aber war: Die Moral von der Geschichl; Verschreibt den Dr. Hirsch euch nicht! Nilritberg. Den armen Fortschrittlern ist theilweise groß Leid und Unrecht widerfahren. Um sich die Arbeiterstimmen zu sichern, gründeten sie 1805 einen Arbeiterverein, der sich gar bald unter ihren Auspizien ein Haus für 31,000 fl. zulegen mußte, aber schon 1869 aufhörte, zu Zinsen und Abschlagszahlungen zu leisten. Der Verkäufer, Gasthofoesitzer. Wiesel, hat sich nun au? Zureden seines Advokaten Zeitler 39 wohlsituirte Bourgeois herausgesucht, die vor 6 Jahren Mitglieder pro forma waren, und sie setzt zur Erstattung nichtbezahlter 12,000 fl. verklagt. In seiner Anklageschrift belustigt sich Herr Zeitler damit, den rein fortschrittlichen Berein, aus dem bald die freien Elemente ausgeschieden, als einen„mit sozialdemokra- tischem Beigeschmack" zu de tuttziren. Darum groß Geschrei in Israel!— Einen würdigen Lohn erhielt der Erzdrangsalirer der politischen und sozialen Demokraten in München, Polizeidirektor v. Burchtorff, der nicht einmal der„Süddeutschen Post"- den Straßenverkauf ge- stattet: nämlich den. preußischen Kronenorden. Herr v. Stromer, unser erster Bürgermeister, wartet noch immer darauf. Jndeß will er den geduldigen Nürnbergern ein feineres Lichtlein ausstecken, indem er sammt College» das seit 25 Jahren privat betriebene Gaswerk in städtischen Betrieb vom September an übernimmt. Das Material allein wird den großen Schuldenmachern 641,000 fl. kosten, welche Summe sie natürltch aus dem Bürgerseckel bezahlen. Auch in den bairischen Städten herrscht eine hübsch napoleonische Geldverschleu- derung, so daß%„ Gemeindeumlage auf die Staatsstenern bald nicht mehr reichet! werden.— Bor Paris liegen noch an 400 ba irische Reservisten, welche ein gesetzliches Äecht zur Entlassung haben, aber gegen ihren Wil- len und trotz ihres Protestes mit kaiserlicher Freiheit zurückgehalten werden. Unsere Bourgeoispresse schweigt meistens übet die schau- derhafte Verpflegung der Landesangehöcigen im Felde. Tadel paßt ja nicht ins norddeutsche Reichsglück: Aus Cr e teil schreibt Einer vom 15. Juli, daß sie das von der Verpflegeabcheilung gelieferte Brsd als ungenießbar meist weg- werfen müßten und neulich gar zur Hälfte gcstoffciieil Zwieback fi'lr ÄroV hätte»»ehmeu mässcit, dazu ra izigeu S peck und st in- kiges Pökelfleisch. Wein und Cigarre» seien aus der Mode. Die fünf Milliarden, das sollten die dummen Teufel bedenken, reichen ge- rade blos sür die Offiziere. Also werdet klüger! Gotha, 2. August. Gestern zog die Rezerve des 95. Regiments unter großem Jubel der Bevölkerung hier ein; die Stadt war festlich geschmückt, in der Nähe des Gerichtsgebäudes war ein Triumphbogen errichtet, unter welchem die siegrelchen Truppen durchziehen mußten. Ein sehr schönes Friedensfest. Zu derselben Stunde mußten unsere Parteigenossen Bock, Augustin und Sauerteig durch dieselbe Ehren- pforte ins Gefängntß wandern, um für unsere Sache zu duff den. Das Gerichtsgebäude selbst war geschmückt und Abends illumi- nirt; ob zu Ehre» unserer Parteigenossen oder der einziehenden siegreichen Truppen war mindestens zweifelhaft; denn wenn der Einzel- mörder aufs Blutgerüst geschleppt wird, so kann doch ein Gerichtsge- bäude nicht geschmückt werden zu Ehren von----— Crimiuitschau. Ein gewisser Buschner von hier hat folgende Erklärung erlassen, welche die Runde durch die gesammte„liberale" Presse macht: „Nachdem ich seit dem Jahre 1866 den sozialistischen Bestrebungen der sogenannten Volkspartei zugestimmt und sür dieselbe agitirt habe, erkläre ich hiermit, daß ich mich von beute an von dieser Partei gänz- (ich lossage, indem ich gefunden, daß die Bestrebungen derselben sowohl gegen das Bestehen einer geregelten Regierungsform, sei sie monarchisch oder revublikanisch, als auch gegen das Bestehe: des Fainilienlebe ns gerichtet sind. Indem ich alle Arbeiter, welche ihre Familien lieb haben, warne, sich dieser Partei anzuschließen, oder noch länger zu derselben zu halten, bin ich erbötig, über die inneren Verhältnisse dieser sogenannten Volkspartei Aufschluß zu geben, erlheil« ihnen aber vorläufig den Rath, die wöchentlichen Beiträge zu besseren Zwecken zu verwenden." Der Volksverein erklärt nun, daß dieser Buschner, welcher im Gau- zen 1 Sgr. Vereinsbeitrag bislang gezahlt hat, ein von gewisser Seite bestallter Agent provocateur ist, welchem außerdem verschiedene Pump- versuche bei den Vereinsmitgliedern mißlmtgeit sind.— Die Leipziger Blätter haben zwar von vieser Gegenerkläruug Notiz genommen, sehr viele Zettungen aber, darunter die Berliner„Vtillsjeitung", nicht. (Letztere in dieser Gesellschaft zu finden, wird Manchen wohl überraschen. Doch mit Unrecht. Heut' gesinnungslüchlige Leitartikel gegen den„Zeugen Hentze" vom Stapel lassen, und morgen einen Lump protegiren, der den„Zeuge Hentze" gegen die Sozialdemokratie spielen will— das ist ooUszeitungsliche Moral und Consequenz). Aus Schwaben. Stuttgart, den 1. August l871. Endlich kommen auch wir Württemberger mit erfreulichen Nachrichten. Seit einem Jahre war die Bewegung in unserem Ländcheit beinahe im Sande verlaufen und mit Ausnahme der kleinen, aber rührigen Mezinger Mttgliedschaft bemäntelten die Parteigenossen ihre Unthätigkeir mit den Kriegs- Verhältnissen, die allerbings unserer Sache hier nicht günstig waren, keinesfalls jedoch das Verhalten der Arbeiter rechtfertigten. — Nun ist's besser geworden, überall im Lande regt sich's uno in nächster Zell wird Württemberg wieder seine Pflichten erfüllen können. In den letzten Tagen haben wir zwar einen schweren Schlag erlitten, *) Hat vielleicht einer unserer in der Versammlung anwesenden Parteigenossen Herrn Hirsch entgegengehalten, daß er selber in seinem „Gewerkverein" geschriebeit hat, in Känigshütte gebe es noch gar keine Gewerkvereine, und darum seien die dortigen Arbeiter den Hetzereien der Katholiken anheimgefallen? D. Red. den wir jedoch auch" zu verschmerzen hoffen. Unser Parteigenosse Heinrich Scheu, der sich seit dem letzten Frühling hier befindet und unserem Vereine auf die Beine half, ist— wie bereits berichtet— von der Behörde am letzten Freitag ausgewiesen worden. Er hat sich längstens bis 11 August aus Würtemberg zu entfernen. Die württembergischen Arbeiter-Vereine waren zwar auf der vor- jährigen Landesversammlung' dem Eisenacher Programm beigetreten, ohne sich jedoch, wie es scheint, über die Pflichten, welches dasselbe den Mitgliedern auferlegt, klar zu werden, und während des Krieges wurde auch dasPrinzip mißachtet oder sogar verletzt. DerEßlinger Verein z. B. hat während der Wahl zum deutschen Parlamente gar kein Lebenszeichen von sich gegeben, und die Wahl eines Nationalliberalen in der Arbeiterstadt Eßlingett ist somit vollkommen begreiflich. Der Verein ist in Folge seiner elenden Haltung— nicht wie unsere Gegner so gerne behaupten, durch Annahme des Eisenacher Programm's— ganz herabgekommen und wird es einige Zeit dauern, bis er sich wieder vollkommen erholt haben wird. Der Weg dazu ist angebahnt. Den Bemühungen der Bürger Scheu, Schwarzinger und Mai ist es im Verlaufe von zwei Versammlungen gelungen, die Mitgliedschaft zur neuerlichen Zustimmung zum Eisenacher Programm und sogar zur Aenderung des'Namens des Vereines zu bewegen. Von nun an lautet derselbe:„Sozialdemokratischer Arbeiter-Verein."— Verflossenen Donnerstag und Freitag fand hier eine vom„All- gemeinen Deutschen Arbeiterverein" einberufene, ziemlich gut- besuchte Volksversammlung statt, auf deren Tagesordnung der Strike der deutschen Cigarrenarbeiter und eine Diskussion über die Prinzipien des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins stand. Die Versammlung, in welcher unser Parteigenosse Cigarrenarbeiter Pfeiffer den Vorsitz führte, nahm sür uns etnen sehr günstigen Verlauf. Es wurde neben einer Resolution, welche die Forderungen des Hanauer Cigarrenarbeiterkongresses und den Strike der Stuttgarter Ctgarrenarbener gutheißt, beschlossen:„Die Volksoersammlung u. s. w. hält die Lösung der soztalen Frage nur möglich im freien Volksstaat, durch die Gründung von Produktiv- assoziationen." Bürger Richter- Wandsbeck, der als Gast anwesend war und unter großer Aufmerksamkeit der zahlreich versammelten Ci- garrenarbeitec über deren Arbeitseinstellung im Maingau und in Wald- yeim berichtete, verbreitete sich über die wziale Frage und hob in aner- kennenswerther Weise die Nothwendigkeit des Zusammengehens aller sozial- demokratischen Parteien in Deutschland hervor. Die Rede fand ungeiheil- ten Beifall mit Ausnahme jener Stellen, in denen das allgemeine Wahlrecht als das vollkommen ausreichende Mittel zur Lösung der sozialen Frage hinstellte. Der Widerspruch, der sich bei diesen Stellen erhob, wurde in längerer, oft von Beifall unterbrochener Rede durch Bürger Scheu begründet, welcher, nachdem er die soziale Frage erschöpfend behandelt hatte, in großen Zügen das Eisenacher Programm skizzirte und vor Allem nachwies, daß das Allgemeine Wahlrecht, ohne andere frei- heitliche Institutionen, nicht nur für uns erfolglos sei, sondern sogar unter Umständen— wie in Frankreich und Deutschland— ein Mittel in der Hand der Despotismus werde.— Die Versammlung wurde hieraus der vorgerückte» Zeit wegen auf den Freilag vertagt. Scheu konnte wegen seiner mittlerweile und in Folge der Versammlung eingetretenen Ausweisung an der Fortsetzung nicht theilnebmen, und trat an seiner� Stelle Bürger Schwarzinger energisch für unsere Sache ein. Wir haben durch die Versammlung viele Mitglieder ge- woniten. Auch in Reutlingen haben wir einen Erfolg errungen. Vor- gestern wurde daselbst unter dem Vorsitze unseres Parteigenössen Zirbs eine Volksversammlung abgehalten, durch welche der letzte Wider- stand gegen ein entschieden sozialdem akratisches Vorgehen im dortigen Bildungs-Vereine gebrochen wurde. Reutlingen wird dem Beispiele Eßlingen'» folgen und es stehen, mit Ausnahme von Göppingen, wo nun zunächst mit der Agitation begonnen wird, alle bedeutenderen Arbeiterstädte Württemberg's wieder in der Bewegung. Staatsminister Varubüler wird wohl ooec übel dem Beispiele Hohcnwarths folgen und von der Kaminer einen außerordentlichen Kredit zur Beaufsichtigung und Verfolgung der internationalen Wühler verlangen müssen. Wir werden durch die Verfolgu ng stark werden. Viel wollen wir zwar vorderhand nicht versprechen, aber der Parteikassirer soll an den aus Schwaben einlaufenden Partei steuern sehen, daß es uns ernst ist und wir uns wieder alz ein lebendiges, wenn auch untergeordnetes Glied' der Partei fühlen. Stuttgart, den 2. August. Wir haben uns nicht getäuscht. Die Ausweisung Scheu'S war nur die Einleitung einer allgemeinen Ver- folgung der Partei. Heute wurde unserem Vcreinskassirer Meier von derPolizei das Kassenbuch abverlangt. Nächstens darüber mehr. Briefkasten der Neda ktioit. F. W. Gotha: Durch den Aufruf des Aus- jchusses ist wohl der Ihrige erledigt.— L. in N.: Sie wundern sich Uber den Titel des„Neuen Sozialdemokrat" und wünschen Aufklärung darüber, warum er sich nennt„Organ des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, des Arbeiter-Unterstützungs-Berbaudes und des Allg. Deutschen Maurervereins"? Zwar ist, wie Sie ganz richtig vermu- theten, der Maurerverein nur et» Theil des vorgenannteu„Arbeiter- Unlerstützungsverbauds", also in diesem Namen bereits mit einbegriffen. Aber eben darum ist das Räthsel so leicht zu lösen, zumal wein Sie in Betracht ziehen, daß der Maurerstrike kurz nach dem Wiedererscheinen des„Sozialdemokrat" ausbrach.— Halberstadt: Versteht sich von selbst, daß Strike-Berichte und-Annoncen unentgeltlich ins Blatt kommen. der Expedition: K. Breslau: Warum senden Sie nicht per Kreuzband? Kostet uns 5 Gr. Porto. Julian Schmidt: von Lassalle ist nicht zu haben. R. Pest: 12 fl. für Abonnement ech. W. Psorz- heim: 3Thlr. 21 Gr. 4 Pf. erh. besten Dank. Sch. Hamburg: 2 Thlr. erh. Das Bestellte muß erst wieder gedruckt werden. O. W. Berlin: Sandte 2 Thlr. 24 Gr. an Sie ab. T. Hamburg: Bitte die Notiz über Nachnahme:c. in vor. No. zu beachten. I. Speyer: 7 Gr. E. Barmen: 8 Pf. erh. Bolksveretn Frohburg: 1 Thlr. für Parteizwecke erh. G. Hamburg: 2 Thlr. erh., kann nur Normalard. schicken, da das Andere noch nicht fertig. O. Breslau: 3 Thlr. erh. Br. G. Genf: 3 Thlr. 14 Gr. erh. Alles längst da, nur B. fehlt, welchen ich trotz öfterem Begehren nicht erlangen konnte. Bitte noch 8 Tage Geduld. C. S., Leipzig. Allen Anfragen zur Nachricht, daß„Julian der Literarhistoriker" noch nicht neu aufgelegt, antiquarisch aber auch nicht zu erlangen ist. „Was nun?" noch nicht fertig. Anzeige erfolgt beim Wiedererschelnen. _ Seifert. Für Cassel. Generalversammlung der Mitglieder der„Lokalen»ran- kcnkaffc der sozialdemokratischen Arbeiterpartei" aus So»»- abcnv, den 12. August d. I., 8 Uhr Abends, im Lokale des Herrn Waßmuth, oberer Pserdemarkt. Tagesordnung: 1) Erledigung verschiedener Anträge. 2) Verschiedenes aus dem Geschäftswesen der Kran- kenkasse. PH. Walz. Für Breslau. Sozial-demokrattschc Arbeiter-Partci. Montag, den 14. d. M., Abends 8 Uhr: BersammlUNg im „Gambrinus", Messergasje 24. Tagesordnung: Die Sozialdemo- kratie und die Religionen; Vortrag von I. Scheil.— Die Partei- genossen werden aufgefordert, zahlreich zu erscheinen. Gäste sind gern gesehen._____ H. Oehme. Für Frankenberg. Einladung zum Atbeitcrvcrbrüderuilgsfest, Sonntag, den 20. August, Nachmittags 3 Uhr, im Saale des Herrn Benedi r zu Frankenberg. Das Fest besteht aus Konzert, deklamatorischen Borträgen unter Mitwirkung tüchtiger Kräfte und einem darauf folgenden Ball. Für das Konzert 2 Xgp., Ballabzeichca 5 ,Vgr. Alle Arbettcrvereme und Gesinnungsgenossen der Nachbar- städte werden freundlichst um zahlreiche Theilnahme gebeten. Da» Festkomitee d. sozial-demokratischen (3)1 Arbeitervereins z. Frankenberg. Leipzig: Verantw.Redakteur A. H ep ner(Redaktion: Peterssteinweglll- Druck u. Verlag: F. Thiele.(Expedition: PeterSstr. 18.)