M 24 Sotmabeud, 23. März 1872 ?. schein wöchentlich 2 mal in Leipzi«. Bestellungen nehmen alle Postansialten und Buchhand- lungen des In- und Aus- landes an. Fir Leipzig nehmen. Bestellungen an: A. Bebel, PeterSstrahe IS. F.Thiele, Emilienstraße 2. Der Erscheint«Schentlich 2 mal in Leipzig. «bonurmcul�preiS: Kür Preußen mcl. Steuwel- steusr 16 Nqr., für die übriaen deutschen Staaten 12 Ngr. Der Quartal Filialenpedition für die er- etnigten Staaten: F. A. Sorge, Box 101 Hoboken N.J. viaNewyork Orgall der sozial-dkmokratischen Arveiteriiartei und der Internationalen Gewerkszenoffenschasten. Verhandlungen des Leipziger Hochverrathprozeffes IV. Siebente Ntzuug, Montag. 18. März. Präsident v. Mücke eröffnet gegen S Uh. Vormittags die Ver- Handlungen. Zunächst merden 3 Brief-Concepte vom Braun- �weiger Ausschuß an den General-Rath und darauf 3 Briefe von Marx an den Ausschuß verlesen. Präsident: AuS diesen Briefen geht klar und deutlich hervor, daß zwischen dem Ausschuß und dem General-Rath eine osfieielle Ver- bindung stattgefunden hat. Der Ausschuß wollte zwar die Autorität des Geueral-RathS n.cht recht anerkennen; die Briefe an den'elben sind aber offieiell gehalten. Der Ausschuß schreibt als solcher an Marx und Marr schreibt im Auftrage des General-Raths an den Partei-Ausschuß. Marr bemerkt sogar in einem Briefe: Er werde die Vorschläge de! Ausschusses der nächsten allgemeinen Sißung des Ge- neral-RathS vorlegen. Er schreibr dem Ausschuß ferner: daß alle an dem nationalen Gruppen dem General-Raih Bericht erstattet bätteu, und daß es Pflicht einer jeden nationalen Gruppe sei, alle 3 Monate einen Bericht einzusenden. Hierin liege eine Aufsolderung dazu auch an die deutsche Gruppe. Berichte pflegt man blos vorgesetzten Behörden zu machen. Die drei Briefe werden von den Angekagten für echt an erkannt.,.... Liebknecht: Er leugne nicht, daß eine Verbrndung zwischen dem Ausschuß und Marx stattgefunden. Jedoch sei von einer autoritären Gewalt des General-Raths über den Ausschuß nirgends die Rede. Es handele sich bei der ganzen verlesenen Correspondenz blos um die Ver legung, resp. Vertagung des Congresses, und nicht einmal in diesem Punkie, über den ihm die Bestimmung laut Statut zustehe, habeder Generalrath selbständig vorgeheir wollen, sich dieser sogenannten„Prä- togatioe" nicht bedient.— Daß der Ausschuß in Verbindnng mit dem Geueralrathe getreten, erkläre sich dadurch, daß, �a der Ausschuß alle Correspondenzen für die Parteimitglieder besorgte, er auch gm daran zu thun glaubte, gleichzeitig den der Mitglieder der Internationalen Arbeiter- Asioziation Deutschlands mit zu übernehmen, da die Partei aus dem Boden der Internationalen stehe. Sämmtliche Berichte beschränken sich stets aus Arbeiter--Statistiken. Wenn der Generalrath um seine„Zustimmung" ersucht wird, so ver- langt man damit nur seine„Anschauung", sei»„Urtheil" über die vor- liegende Sache. Eine so laxe Organisation wie die der iuternationalen Ärbeiter-Asioziation, kann auf keine konspiritorische Aelion berechnet sein. ES geht an» den verlesenen Briefen hervor, daß sich der General- Rath in Geld-Calamilär befand. Eine Vereinigung, die, wie ihr vorgeworfen wird, nicht nur Europa, sondern auch Amerika und Australien auS den Angeln heben will, miisie doch-um Mindesten viel Geld haben. Bebel: ES sei möglich, daß Marr aus Unkenntniß oder Nicht Beachtung die in Deutschland bestehenden Vereinsgesetze verletzte; die Correspondenzen de« Ausschusses aber müsse er als anmaßend bezeich- neu, da derselbe von den Mitgliedern keine Autorisation zu einer Correspondenz mit dem General-Rath hatte. Hepuer: Ich kann selbst aus diesen Briefen immer noch nicht ersehen, weshalb ich eigentlich augeklagt bin.(Große Heiterkeit.)— Es wird hierauf ein voni 1. Oetober 1360 datirter und an ein Mitglied des Partei-AusschusseS gerichteter Brief Laden dorf's �Präsident: Aus diesem Briese erhellt, daß der General-Rath eine sehr große, wie eS in dem Briese heißt— inguisitorlsch-dikta- torische Macht hatte. Liebknecht: Was das„Inquisitorische" anlangt, so handelt es sich dabei nur um Feststellung einer Arbeiter-Statistik, die für Dr. Ladendorf kein Interesse hatte, da er sich mit national-ökonomischen Studien wenig befaßt. m, r. Daß von einer Diktatur des General-Raths keine Rede lern konnte, geht wohl zur Genüge aus dem Umstand hervor, daß derselbe nicht einmal die Macht hatte, gegen den Willen der französischen Mitglieder aus wirklichen Opportunitätsgrunden den Kongreß nach einem anderen Orte zu verlegen. Bebel äußert sich in ähnlicher Weise. Es gelangen nun einige Bries-Concepte aus dem Copirbuche des Ausschusses zur Verlesung., Präsident: Es geht aus den eben verlesenen Aktenstücken hervor, daß der Ausschuß stets eine Anzahl Mitgliedskarten der Internationalen Arbeiter- Assoziation vorräthig halte und die Parteigenossen zum Abonnement auf das„Felleisen", Organ der Schweizer-Sektion, auf- gefordert hat.,... Die Angeklagten haben hrergegen nichts zu bemerken. Hieraus wird ein Brief von Ladendors an den Ausschuß in Braunschweig verlesen. Präsident: In dem Briese werden die Parteigenossen zu einer politischm Aktion aufgefordert. Er ist etwas dunkel gehalten, jedoch für die Parteigenossen wohl deutlich genug. Liebknecht: Der ganze Brief Ladendors'ö sei von Anfang bis zu Ende eine Jeremiade� weil die Parteigenossen sich nicht zu seinen Anschauungen bekennen. Er weise jede Solidarität mit Ladendorf Bebel' Der ganze Brief und insbesondere die dar!.: enthaltenen Kraft-Ausd..e haben einen bloß erheiternden Charakter; so wenigstens habe er es auigefaßt. Freytag(Leipzig) wünscht die Ttelle in dem Ladendorf'schen Briefe wo es heißt:„Wie lange werdet Ihr Euch mit dem fürstlichen Gesindel herumplacken? Alle Donuerivetter müßten dreinschlagen, wenn wir olympische Blitze hätten," noch einmal verlesen. Diesem Antrage wird entsprochen. �,. Es wird hierauf ein Brief von Geib an den Ausschuß, sowie cm anderer voll Joh. Philipp Becker in Genf an Bonhorst verlesen. Präsident: Der Ausschuß spricht in diesen Briefen die An- schauung aus, daß eine Bereinigung der Partei mit der Friedens- und Freiheitiliga unthunlich sei, weil ein solcher Schritt gleichdedcu- tend sein würde mit dem Austritt aus der Internationalen. Daraus ergibt sich, daß die Partei ein Bestandtheil der Internationalen war. De» Weiteren wird in diesen Briefen von der event. Anflösung des Genfer Centralcomitce'S deutscher Sprache(Sektion der Internationalen) gesproeheu, und Joh. PH. Becker antwortet, dies sei unthunlich, jenes Comitee und die deutsche Arbei>erpartei müßten neben einander bestehen Und mit dem Generalrath jedes mr sich korrcspondiren. Liebknecht: Ich bin erstaunt, Schriftstücke voillse» zu hören, welche einerseits von Keinem der Angeklagten geschiieben und eben so wenig an Einen derselben gerichtet sind, und welche andererseits nichts, gar nichts enthalten, was nach irgend einem Gesetze der Welt einen Hoch- verrath oder die Vorbereitung zu einem solchen involvirte. Wir lmben es hier sogar nicht einmal mit wirklichen Briefen, sondern mit«rief- lanzepten zu thun, von welchen keineswegs feststeht, daß sie adge- schickt worden sind und welche, wenn sie abgeschickt wurden, in der «einschrist möglichen Falls ganz anders lauteten, als im Konzept. Wenn der Herr Präsident meint, aus der Stelle:„ein Anschluß an die Friedensliga bedingt einen Austritt aus der Internationalen, ergebe sich, daß die Partei als solche ein Bestandtheil der Jnternatio- nalen sei, so ist dieser Schluß falsch. Die Friedenslig i ist eine Bour. geois-Vereinigung, die Internationale dagegen eine sozialistische und wenn unsere iuternational-sozialistische Partei sich einer Bourgeois-Ver einigung anschlösse, so würde sie die geii-ige Zugehörigkeit zur Jnter nationalen einbüßen; mehr vermag ich in dieser Stelle nicht zu finden Die Korrespondenz zwischen Bonhorst und Becker bezieht sich auf den von mir geäußerten Wunsch eines direkten Verkehrs der deutschen Einzelmitglieder der Internationalen mit dem Generalrath. Präsident: Briefkonzepte schreibt man nicht ohne die Absicht der Abschickung der Briefe. Wenn ich ferner auch zugebe, daß die vorgelesenen Beweisstücke als einzelne Stücke nichts Belastendes ent halten mögen, so sind dieselben doch in ihcär Totalität durch den Ge jammteiudruck von Bedeutung, welchen sie hervorrufen. Liebknecht: Also die Quantität soll die Qualität ersetzen. Staatsauwall Hofsmann: Es handelt sich bei diesen Schrifb stucken darum, de:' Herrn Geschworuen einen Einblick an die Verhältnisse überhaupt zu geben. Aus den heute verlesenen Schriftstücken geht hervor. daß zwischen der Partei und auswärtigen Gesellschaften nahe Beziehungen obwalteten. So z. B. wurde der Partei, wie wir gesehen haben, das Felleisen für den Fall zur Verfügung gestellt, daß dasselbe etwas brachte, was, wie es heißt, in Deutschland nicht gebracht werden konnte. Liebknecht: Jlj� sehe aber noch immer keine Möglichkeit ein, dies ini: der Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrath gegen uns Verbindnng zu bringen. Verletzungen von Vereinsgesetzen könnte man in dem Verlesenen vielleicht finden. Bebel: Die Briefe sind von Bonhorft persönlich, nicht offizielle Les Ausschusses. Im Uebrigen schließe ich mich Liebknecht an und erkläre, daß wir, mindestens ich, mit der ganzen heute vorgelesenen Korrespondenz erst durch die Voruntersuchung bekannt wurden. Präsident: Das Konzept für Briefe des Ausschusses konnte nur von einer Person gefertigt werden— Bonhorft hat's gelhan. Zu dem sind die Schriftstücke einem Buche entnommen, welches den Titel fiibrt:„Korrespondenz des Ausschusses der socialdemokratischen Arbeiter parte!." Bebel: Eben dieser Titel beweist, daß es wohl Briefkonzepte des Sekretairs, nicht aber des Ausschusses sind. Liebknecht: Ich bemerke, daß Bonhorst sich viele Ueberschreitun gen zu Schuldet» kommen ließ, jodaß offiziell vom Ausschuß erklärt wurde, ein Bonhvrst'scher Brief sei nur dann bindend für den Aus schuß. wenn derselbe von einem andern Ausschußmitgliede koutrasignirt sei. Hepncr: Ich bemerke, daß tausendmal Null immer noch Null ist— und tausend Beweisstücke, von denen jedes einzelne nichts beweift in der Gesammtheit auch nichts beweisen. Präsident: Es handelt sich aber um den Gesammteiudrnck. 'Advocat Freytag(Leipzig): Auch ich halte die verlesenen Schrift stucke nicht für beschwerend. Aus den Konzepten soll hervorgehen, daß Bonhorst im Namen des Ansschusses geschrieben habe. Aber Bonhorst jagt ja au einer Stelle:„Erst wenn er von Becker Auskunst erhalten. werde er mit dem Ausschusse über die Sache konferiren." Ich bean trage nochmalige Verlesung dieser Stelle. Es geschieht und buMtuf wird wiederum ein von Bonhorst's Hand geschriebenes Si t, welches eine Korrektur von fremder Hand eutdält, vorgelefeJF' Auch legt der P rkrsi d� n t auf das von Bonhorst gebrauchte„Wir" Gewicht. Die Angeklagten stimmen darin überein, daß die ihnen vor gezeigten Korrekturen entweder von Bracke oder von Spier herrührten. Liebknecht: Ich bemerke, daß der verlesene Brief sich ans ein Aktenstück bezieht, welches dem Stuttgarter Kongreß von den Genfern zugeschickt mordet ist. Ich beantragte damals— und der Antrag ging durch— zur Tagesordnung überzugeben und den Ausschuß mit der Erledigung der Angelegenheit zu beauftragen. Es folgt wiederum die Verlesung zweier Briese. Präsident:'Das Zentral-Komitee zu Genf gibt hiernach dem Kongreß seine Sympathien kund und äußert sei» Bedauern, daß es auf demselben nicht vertreten sein kann. Auf die Stelle in diesem ver leseuen Schriflstücke: durch den blinden Gehorsam werde im Soldat die Menschenwürde ertödtet, sei besonders Gewicht zu legen. Liebknecht: Becker's Anträge find so harmloser Natur, daß sie einer weiteren Auseinandersetzung nicht bedürfen. Eine Beeinflußung des Ansschusses Seitens Ladendorf's und Becker's ist niemals geduldet worden. Bebel: Der in dem soeben verlesenen Schriftstücke enthaltene PassuS vom„Kampf auf Leben und Tod" hat auf eine damals statt gehabte Arbeitseinstellung Bezug. Gegen 1 Uhr Mittags werden die Verhandlungen wieder aus genommen. Es werden 2 Briefe des Ausschusses in Braun schweig an Joh. Philipp Becker in Genf gerichtet verlesen. Außer- dem ein Concept des Ausschusses, das den Angeklagten vorge- legt wird, da, wie der Präsident bemerkt, dasselbe nicht von der Hand Bouhorst's geschrieven ist. Die Angeklagten erkennen die Handschrist nicht. Angekl. Liebknecht bemerkt zu dem darin vorkommende» Aus drucke von„dem bald zu errichtenden Volksstaal", es liege hierin nur der lebhaste Wunsch, den„Volksstaat" aus der Idee baldigst in Wirklich- keit eingeführt zu sehen. Es wird hierauf ein längerer Artikel aus dem„Vorbote" verlesen und constatirt der Präsident, daß der„Vorbote" ein Organ der Internationalen(Sektionsgrnppe deutscher Sprache) ist. Nach Verlesung des Artikels hebt der Präsident einzelne Stellen desselben»och besonders hervor: General Vogel von Falken- stein werde in leidenschastlicher Weise angegrisien, ferner glaube der Schreiber des Artikels, daß, so lauge noch ein Fünkcheu Religion unterden Arbeitern herrscht, diese für seine Pläne nicht zu gewinnen seien. Weiterhin heiße es: So wenig, wie man den Tiger bewegen könne, statt des erhaschten Schafes wie de, Esel Hafer zu fressen, ebenso wenig könne man auf Gewalt gegründete Staaten am Länderraub hindern. ES gebe nur Ein Hinderungsmittel, man müsse sie um- bringen. Die letzte Bemerkung soll sich aus die Annexion von Elsaß und Lothringen beziehen.„Nim, so schnell wird es wohl den Herren nicht gelingen, die Staatsgewalt zu stürzen." Liebknecht: Der Artikel ist in Genf geschrieben und hat zu den Angeklagten keinerlei Beziehung. Ich weise jede Verantwortlich- keit in Betress dieses Artikels zurück. Bebel und Hepner erklären sich in gleicher Weise. Es wird hierauf ein zweiter Artikel aus dem„Vorbote" verlesen. Präsident: Ich halte in dem Verlesenen den Scklußsatz für wichtig, worin gesagt ist:„Jede Fürsten- und Klassenherischafl ist eine Fremdherrschast." Diese Sprache ist jedoch erklärlich, wenn man be- achtet, daß die Schweiz republikanisch ist. Bedeutender ist der Satz, welcher besagt:„Es wäre erwünscht, wenn Frankreich jetzt die gesamm- ten deutschen Armeen und daS gesammte preußische Königshaus ge- fangen nähme; dann könnten wir auch in Deutschland die Republik einführen, bei Gelegenheit der Auslieferung der Gefangenen eir. allgemeines Volksverbrüderungsfest feiern und die Vereinigten Staaten von Europa proklamiren." Aus dem Satze ist ersichtlich, daß diese Partei jegliches Mittel sofort zur Einführung der Republik benützeu würde. Advokat Freytag(Leipzig): Ich konstatire, daß der Herr Präsi- dent sich nicht damit begnügt, die Schriftstücke verlesen zn lassen, son- dern daß er dieselben auch einer Kritik unterzieht. Präsident: Ich habe nur einen Schluß gezogen. Liebknecht: Ich verlange, daß der Schreiber diese» Artikels, welcher ich eben so wenig bin, wie einer von meinen Mitangeklagten, nicht mit der Partei identifizirt werde und weise jede Solidarität in dieser Beziehung zurück. Präsident: Der Vorbote ist aber ein Parteiorgan der Sektions- gruppe deutscher Sprache. Liebknecht: Ich betone, daß es in jedem Lande Arbeiteror- ganisationen gibt, daß aber die speziellen Programme dieser Verbindungen selbstverständlich verschieden sind. In monarchischen Ländern konsti- tuiren sie sich nach monarchischen, in republikanischen nach republika- nischen Gesetzen. Noch einmal, ich weise jede Solidarität zurück, zu- mal ich den in jenem Artikel-nthaltenen Anschauuilgen im„Volksftaat" seiner Zeit entgegen getreten bin. Bebel schließt sich den Erklärungen Liebknechts an. Hepner: Der Herr Präsident scheint zu glauben, Parteigenosse ist Parteigenosse und für das, was der Eme thut, ist jeder Andere verantwortlich. Wollten wir den Grundsatz:„Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist," in derselben Weise anwenden, so könnten wir zu sonderbaren Schlüssen kommen. So z. B. hat das Leipziger Tageblatt, Amtsblatt des Bezirksgerichts, am 9. Nov. 1870 in einem Artikel Plünderungen gelobt, welche von Seiten deutscher Soldaten in Frankreich verübt worden sind. Wie nun, wenn wir das Leipziger Bezirksgericht für diese Lobspendung ver- antwortlich machen wollten?!!(Bravo! aus dem Publikum. Bewe- gung. Der Präsident weist die Störung von Seiten des Publikums zurück). Man schiebe doch nicht uns in die Schuhe, was in der Schweiz geschrieben-worden ist! Präsident: Ich bemerke, daß die Angeklagten wiederholt eine enge Verbindung mit der Schweiz zugestanden haben. Bebel: Gewiß, und zwar nicht nur eiue allgemein geistige Verbindung, wenigstens was mich anbelangt. Ich habe bereits erklärt, daß ich meinerseits zu der Genfer Sektion der Internationalen gehörte, daß ich dorthin einen Beitrag entrichtete. Aber ist darum das dort, in der Republik Schweiz, Geschriebene für uns hier bindend? Advokat Frey tag(Plauen): Ich ersuche den Herrn Präsidenten, er möge die Angeklagten darüber befragen, ob sie den„Borboten" ver- breitet haben. Dies geschieht. Liebknecht antwortet verneinend. Bebel: Ich erhielt das Blatt regelmäßig, da es mit meinem regelmäßig nach der Schweiz geschickten Beitrage gleichzeitig bezahlt war. Jene Artikel habe ich damals zufällig nicht gelesen. Verbreitet habe ich den„Vorboten" eben so wenig, wie es die Expedition des „Volksstaat" getha». Hierauf folgt wieder die Vorlesung von Artikeln. Dann werden zwei Briese von RaSpe aus Zürich, einer an Liebknecht, der andere an Bracke, verlesen. Präsident: Ich habe keinen Kommentar z« diesen Briefen zu geben. . Die Angeklagten haben ebenfalls betreffs dieser Briefe nichts sii bemerken. Advokat Freytag(Plauen): Da der Herr Prästdent stets die belastenden Momente der vorgelesenen Schriftstücke herv.'rhebt, so muß ich ihn doch ersuchen, auch die entlastenden Momente hervorzuheben. Aus den soeben verlesenen Briefen ist z. B. zu ersehen, daß die Schweizer Parteigenossen mit dem„Volksstaat" sich nicht im Einver- ständniß befanden. Er war ihnen zu wissenschaftlich gehalten. Ich erluche den Herrn Präsidenten, dies hier zu konstatiren. Präsident: Dies ist ja soeben durch den Herrn Bertheidiger geschehen. Vertheidiger: Es ist das höchst komisch. BelastungSmo- m eilte werden durch den Herrn Präsidenten sofort constatirt, wahrend alle E n t lastungsmomente der Bertheidigung zur Constaiirung über- lassen werden. Präsident: Dafür ist auch den Angeklagten genügende Gelegen- heit geboten, von ihrem Vertheidigungsrecht den umfassendsten Ge- brauch zu machen. Nachdem zwei Artikel und ein Lied aus dem Schweizer Arbeiter- blatte„Das Felleisen" vorgelesen worden sind, macht der Präsident darauf aufmerksam, daß jenes Blatt auf dem Eisenacher Kongreß zum Parteiorgan für die Schweiz erhoben worden sei. Bebel: Es geschah dies jedoch in derselben Weise, wie man auch die„Volksstimme" m Wien zum Parteiorgan in Oesterreich machte, d. h., man ordnete damit nur an, daß alle offiziellen Aetenstücke der Partei außer in dem eigentlichen Parteiorgane„Bolksstaat" auch in jenen beiden Blättern zur Veröffentlichung gelangen sollten. Unter der Kontrole de« Ausschusses stand nur der„Volksstaat", nicht aber „Felleisen" und„Volksstimme". Präsident: Aber in Eisenach wurde das„Felleisen" zum Par- teiorgan ernannt. Bebel: In der Schweiz existiren Arbeitervereine seit 1848. Ob das„Felleisen" auch so lange besteht, weiß ich nicht; jedenfalls war es vorhanden und in der Schweiz gelesen, als die Partei in Eisenach sich konstituirte. Wir konnten den Schweizern den„Volksstaat" nicht aufdrängen, sie halten ihr Blatt und es handelte sich nur darum, offizielle Aktenstücke der Partei auch bekannt werden zu lassen. Diese Aktenstücke wurden in Form von ersten Bürstenabzügen, um lange Schreibereien zu vermeiden, nach der Schweiz und nach Wien versendet. Präsident: Im„Demokratischen Wochenblatt" stand aber damals zu lesen:„Neben dem gemeinschaftlichen Parteiorgan„Volksstaat" (Demokr. Wochenbl.) sind noch zu Parteiorgane» ernannt das„Felleisen" für die Schweiz, und die„Volksstimme" für Oesterreich." Bebel: Nichts mehr als dieser Zatz beweist die Richtigkeit meiner Aussage. Advokat Frey tag(Leipzig): Ist der Redacteur des„Volksstaat" von der Partei gewählt worden? Li ebkuecht: Ja.— ?rey tag: Stand er unter der Koutrole deS Ausschüsse»? iebkn echt: Ja. Frey tag: Verhält es sich auch so bei der„Volkistimme" und dem„Felleisen"? Liebknecht: Nein.— Freytag: Wollen Herr Präsident die Redaeteure de» Blatte» feststellen? Präsident� Als solche sind gezeichnet: A. Gögg und Dr. A. Laden- dorf.— In einer Nummer des„Volksstaat" voni Jahre 1869 wurde doch das„Felleisen" den Parteigenossen eindringlichst empfohlen? Liebknecht: Nicht nur das„Felleisen", sondern alle uns be- kannten deutschen und außcrdeutschen Parteiorgane und nicht e i»mal, sondern oft, wohl 2V bis 39 Mal. Präsident: In der ersten der vorgelesenen Nummern verkündet die Redaktion ihre Grundsätze. Sie erstrebt die Errichtung eines eu- ropäischen Freistaaten-Bundes, einer sozialistischen Föderativ-Republik. Es ist von möglichen Knsen und Znsammenstößen die Rede, davon, daß Gewalt nur Gewalt vertrieben werden müsse, daß durch Reformen die Freiheit nicht zu erlangen sei, daß nnr die Revolution eine Eni- scheidung bringen werde. Ferner wird die Beseitigung der stehenden Heere und Einführung der Volkswehr verlangt, woran sich die Behauptung knüpft, daß der- jenige, welcher die Erreichung der sozialistischen Ziele in der Monarchie für möglich hält, ein Verräther an der Arbeitersache sei. Wichtig ist auch besonders die Stelle, worin den Deutschen zum Neujahrsgruße gejagt wird:„Nur durch Gewalt kommen wir zum Ziele." Liebknecht: Ich muß mich ewig wiederholen. Diese Schriftstücke haben mit mir nichts zu thun und die Thaten Anderer verantworte >ch nicht. Bebel: Selbst die Partei in ihrer Gesammtheit kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden: sie hatte keinen Einfluß auf das Blatt. H epner: Ich habe die citirten Stellen erst aus der Untersuchung kennen gelernt. Es werden zwei Briefe von Becker und Ladeudors verlese». Präsident: Diese Briefe sind nicht im Original vorhandeu, da sich dasselbe beim Obergericht in Wien besiudei. Nach ihnen scheint Becker die Zeit gar nicht erwarten zu können, wo es„zum Losschlagen kommen wird." Liebknecht: Ich muß den Herrn Präsidenten daran erinnern, daß weder Becker noch Ladendorf sich hier aus der Anklagebank be- Sirdet. Ich constatire, daß die Anklage eine internationale ist. Icht nur, daß man ganz fremde, unbelheiligte Personen in dieselbe hineinzieht, nein, man verschmäht selbst nicht, hier Schriftstücke vor- zulesen, die man aus anderen Ländern reqmrirt hat. Präsident: Sie erstreben aber auch«ine Föderativ-Re- publik. Liebknecht: Ich muß dem Herrn Präsidenten bemerken, daß ich Gegner jeder Föderativ-Republik bin. Bebel bemerkt, daß das Organ Becker's, der„Vorbote", bereits eingegangen ist. Niemals hat das>, Felleisen" mehr als 59 Abonnenten in Deutschland gehabt. Hepner: Ich habe Ende 1863 und Anfang 1869, als die jetzt verlesenen Briese geschrieben wurden, noch nicht der sozial-demokratijchen Partei angehört. Hieraus wurden die Verhandlungen gegen 3'/« Uhr Nachmittags geschlossen._ Achte Sitzung, Dienstag, den IS. März Eröffnung gegen 9 Uhr. Der Präsident erklärt: Zunächst werden Artikel aus dem„Volks- staat" vorgelesen werden. Der„Volksstaat" ist Parteiorgan. Die Angeklagten haben bereits früher ihr Perhältniß zu demselben auseinandergesetzt. Liebknecht war Redakteur, Hepner sein Gehilse und also nicht selbständig, Bebel hatte die Erpedition. Der Ausschuß übte ein Aussichisrecht über das Platt. Die drei Angeklagten wurden für ihre Mühwaliung bezahlt. Herr Bebel verzichtete während des Krieges auf sein Honorar. Advokat Freytag(Leipzig) veranlaßt die Feststellung des Um- stände«, daß Bebel nur bis zur Untersuchung thatsächlich die Erpedi- tion des Volksslaat besorgte. Während der Untersuchung thal es ein Stellvertreter, nach derselben gab Bebel die Erpedition gänzlich ab. Auch wird konstalirt, daß Hepner seit einiger Zeit verantwortlicher Redakteur ist. Aus Nr. 1 vom Jahre 1869 wird zunächst ein Aufruf vom 1. Oktober 1869 an die Parteigenossen vorgelesen, welcher vom Ausschuß und der Redaktion unterzeichnet ist. Der Präsident hebt aus dem Schriftstücke den Schluß hervor, welcher lautet:„Es lebe der sozial-demolratische Volksstaat, es lebe die jozial-demokratischc Agitation." Die Angeklagten haben zu dem Vorgelesenen nichts zu be- merken. In Nr. 4 von 1869 ist eine Stelle der politischen Ueber- ficht für die Anklage wichtig und nach Vereinbarung mit der Ver- theidigung kommt nicht die ganze politische Ucbersicht, sondern nur der über Oesterreich handelnde Passus zur Verlesung. Der Präsident ist der Ansicht, aus den letzten Sätzen dieses Passus gehe hervor, daß die Arbeiter Hoffnungen auf eine Bewegung in Oesterreich gesetzt hätten, und Liebknecht stellt fest, daß das Datum des Artikels der 13. Oct. 1869 ist. Aus Nr. 5 von 1869 gelangt zur Verlesung der Aufsatz von Greulich in Zürich:„die Heulmeierei gegen den Baseler Kongreß, woraus durch den Präsidenten eine Stelle am Schluß hervorgehoben wird, worin von dem„dumpfen Massenschritt" die Rede ist, mit welchem die Arbeiter„gegen die Zwingburgen der Tyrannei" vorrücken würden. Liebknecht: Der Ausdruck„dumpfer Massenschritt" ist aus Lassalle's Schriften, wo er öfter vorkommt. Im Allgemeinen habe ich zu bemerken, daß ich mich als Redakteur zur Ausübung einer Censur, die ja auch schon staatlich abgeschafft ist, nicht für berechtigt hielt. Zusendungen von Parteigenossen mußte zudem das Partei- Organ ausnehmen. Sollte ich über Preßfreiheit andere Anschauungen haben, als man erwartet, so möge man bedenken, daß ich 15 Jahre m der Schweiz und in England lebte, also in Ländern, wo die freie Meinungsäußerung in keiner Weise gehemmt wird. Dort bildete sich mir die Ansicht— und heut noch habe ich sie — daß eben die freie Meinungsäußerung wie ein frischer Luftstrom das Leben der Staaten kräftigt. Um nur von England zu sprechen, welches ja ebenfalls Monarchie ist, so steht es unter allen Monarchien am festesten da. Es gibt dort keinen Konflikt zwischen Staat und Individuen und 1848 z. B. widerstand England allein dem Welt. stürme., ji Dies die Anschauungsweise, von welcher ich geleitet wurde. Eine Verantwortlichkeit für jeglichen Artikel des Volksstaat lehne ich ab, die juristische Verantwortlichkeit habe ich ja getragen und durch die Zahl seiner Prozesse steht dcr Volksstaat einzig da. Es konnte meine Absicht nimmer sein, mir den Kopf an der Wand der Gesetze zu zer- schellen, ich hatte im Gegcntbeil die Absicht der vollsten Gejetzinäßig- keit. Bis an die äußerste Linie des Erlaubten wollte und will ich gehen. Man hat mich jahrelang bis an eine Linie gehen lassen, welche ich für die Grenze des Erlaubten hielt. Nun erfahre ich plötzlich, daß mcht etwa jenseits dieser Linie das Vergehen oder selbst ein Ver- brechen, sondern daß schon weit diesseits derselben„Vorbereitung zum Hochverrath" liegen soll. Wissend, daß mein Thun Vorbereitung zum Hochverraty involviren könne, hat man mich jahrelang ungewarut dieses Gebiet betreten lassen. Was den letztverlesenen Artikel selbst anoelangt, so hielt ich ihn seiner Zeit für werthvoll, weil er das Odium der Bafeler Beschlüsse gegen das Grundeigenthuin minderte. Der Ausdruck„dumpfer Massenschritt" ist, ich wiederhole es, eine Lassalle'sche Phrase. Präsident: Ich bleibe dabei, daß Sie dann doch vor dem Gesetz jeden einzelnen Artikel zu verantworten haben. Wohl sind die einzelnen Artikel früher unbeanstandet geblieben; aber ihre Vor- führung war nolhwendig, um Beweismaterial sür die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrath zu sammeln. Die einzelnen Artikel mögen nichts beweisen— der Gesammteindruck derselben ist be- deuifam. Liebknecht: Ich komme aus meinen gestrigen Ausspruch von der Quantität und Qualität zurück. Die wunderbaren Konsequenzen dieser wunderbaren Anschauung, wonach 19 Lügen einen Diebstahl, 19 Diebstähle einen Niord ausmachen könnten, werde ich später entwickeln. Ich halte dafür, daß die Möglichkest dieses juristischen Wunders vor der Kritik nicht zu bestehen vermag. Bebel: Ich muß bemerken, daß der Artikel in der Schweiz gc- schrieben ist und daß der Verfasser desselben, ein alter Bürger der schweizerischen Republik, ihn von diesem seinem Standpunkte aus ge« schrieben hat. Präsident: Der Artikel hat aber in dem hier in Leipzig er- scheinenden Volksstaat gestanden und wir leben in keiner Republik. Advokat Freytag(Leipzig): Unser sächsisches Preßgesetz unter- scheidet sehr richtig zwischen polizeilicher und strafrechtlicher Verfolgung. Der Redacteur kann nicht für alle Artikel, die er in sein Blatt auf- nimmt, verantwortlich gemacht werden, wenn ihm nicht nachgewiesen werden kann, daß er den Inhalt derselben vorher ganz genau ge- kannt. Präsident: Ich einlassen. Staatsanwalt standen, daß er diesen werde mich in eine Discussion hierüber nicht zuge- ) off mann: Herr Liebknecht hat selbst ilrtikel mit Ueberlegung aufgenommen. Liebknecht erklärt auf Befragen des Vertheidigers, daß er sich nicht mehr genau zu erinnern wisse, ob er den Artikel vor seiner Aufnahme genau durchgelesen habe. Präsident: Es ist doch Pflicht eines jeden verantwortlichen Redacteurs, alle in seine Zeitung aufzunehmenden Artikel vorher durchzulesen. Liebknecht: Das ist nicht immer möglich. Es gelangt hierauf ein Artikel aus Nr. 9 des„Volksstaat" vom Jahre 1869 betitelt„Weltlage" zur Verlesung. Präsident: Dieser Artikel ist aus Amerika: es schließt sich dem selben jedoch eine redactionelle Bemerkung an, so daß nicht nur an- zunehmen ist, Herr Liebknecht habe diesen Artikel vor seiner Aufnahme gekannt, sondern er habe sich auch mit demselben im Einver- ständniß befunden/ Gewicht zu legen ist auf die Stelle:„Die Freiheit und Einheit kann sich nur mit einander vollziehen und nur in der Entthronung aller Fürsten bestehen." Liebknecht: Ich habe diesen Artikel durchgelesen und bin, als ich ihn jetzt, wo er bereits meinem Gedächtniß entschwunden war, wieder verlesen hörte, ganz erstaunt über die gute Prophezeiung des Schreibers desselben. Was nun den letzten Satz, den der Herr Präsident hervorgehoben, anbelangt, so ist zunächst hervorzuheben, daß dieser Artikel in Amerika geschrieben worden ist. Im Uebrigcn erkläre ich mich insoweit mit dicfem Passus einverstanden, als ich nur die Freiheit und Einheit Deutschlands nur in einer Republik denken kann. Bebel: Wir haben uns stets als Republikaner bekannt; es konimt bloß darauf an, w i e man die Fürsten entthront. Hepner: Es ist durchaus nicht richtig, daß eine Fürsten- Entthronung nur durch eine Revolution geschehen kann. 1866 sind mehrere deutsche Fürsten entthront worden, ohne daß man die Eni- throner des Hochverraths angeklagt hätte.(Stürmische Heiterkeit.) AdvokatFreytag(Leipzig): Er niüsse darauf aufmerksam machen, daß es in dem Artikel heißt:„Die Hauptstellen über Deutschland lauten:"— und erst, nachdem dieselben mitgetheilt sind, knüpft die Redaktion eine Bemerkung daran. Gerade die gravirenden Punkte sind in jener Korrespondenz enthalten. Es gelangt hierauf ein im Volksstaat enthaltener Artikel, ge- schrieben von Bonhorst, betitelt:„Tie Baseler Beschlüsse und die Agriculturarbciter" zur Verlesung. Präsident: Es ist aus diesem Artikel die Stelle hervorzuheben: „Erst wenn der Bauer von seiner Scholle getrieben sein wird, wird er in unser Lager kommen." Dies dürfte Ihnen nicht so leicht ge- lingen. Der Bauer ist an seine Scholle gebunden und will vom Kommunismus nichts wissen. Liebknecht: Es heißt nicht: die Bauern, die noch eine Scholle haben, werden in unser Lager kommen, sondern diejenigen, denen ihre Scholle entrissen ist. Präsident: Wer entreißt ihnen'denn ihre Scholle? Liebknecht: Die Wucht der ökonomischen Verhältnisse. Präsident: Unsere Landbewohner werden immer wohlhabender. Liebknecht: Ich werde mich später ausführlich über diesen Ge- genstand aussprechen. Ich will momentan dem Herrn Präsidenten bloß zu bedenken geben, daß es in Frankreich 3'/- Millionen Bauern gicbt, die ihre Steuern nicht zu erschwingen vermögen. Bebel: Ich halte dieses Schriftstück für entlastend. Es heißt U.A. darin: Wir, dieinternationale Partei, sagen nicht:„DerBienmuß", sondern sind Willens, durch wissenschaftliche Aufklärung die Landbevölkerung auf unseren Standpunki zu bringen. Dag die Lage der Bauern in Deutschland eine noch bedeutend schlechtere ist. als in Frankreich, ist statistisch nachgewiesen. Präsident: Wie kommt es, daß sie trotzdem unter den Bauern keinen Anhang finden? Bebel: Dies ist sehr natürlich. Jchchabe die Gründe in meiner Brochüre„Unsere Ziele", die ebenfalls beladen Akten liegt, genau ausgeführt., Hepner: Ich kann den Herrn Präsidenten versichern,� daß z. B. in ver Provinz Posen die Armuth in der ländlichen Bevölkerung sich stets vermehrt. Advokat Frey tag(Plauen): Der Herr Präsident hat früher ausgesprochen, daß die soziale Frage mir der gegenwärtigen An- klage nichts zu schassen habe, weshalb auch jede weitere Diskussion über dieselbe fern bleiben solle. Es scheint mir aber nach stem so eben Vorgekominenen, als sei der Herr Präsident nun anderer Meinung geworden. Ich ersuche den Herrn Präsidenten hierüber um einen definitiven Bescheid, da sich im letzteren Falle die Vertheidigung an- ders einrichten müßte. Präsident: Ich habe nienials Veranlassung genommen, aus die soziale Frage einzugehen. Ich bin jedoch genöthigt, jeden verlesenen Artikel zu motiviren. Es wird hierauf ein Artikel des„Volksstaat" über das Miß- lingen der spanischen Republik verlesen. Präsident: Aus diesem Artikel erhellt, daß die sozialdemokratische Arbeiterpartei sich nicht mit Erieichung einer Revublik begnügen will, sondern ein: sozialdemokratische Republik erstrebt. Liebknecht bekennt sich als Verfasser und hat sonst in Betreff dieses Artikels nichts zu erwähnen. Ferner gelangt ein Artikel aus No. 13 des„Volksstaat" betitelt: PolitischeUebersicht, zurVerlesung. Derselbe bezieht sich in seinem ersten Theil aus die Erjchießiiiig Robert Blum's. Präsident: Aus dem verlesnen Artikel geht hervor, daß die Partei in ihren Forderungen weiter geht, als man zur Zeit Robert Blum's gegangen. Er spricht ferner vom„Kampfe" und daß man für die zu erstrebenden Forderungen auch zu sterben bereit sein müsse. Liebknecht: Es ist sehr natürlich, daß wir heut weitergehende Forderungen stelle», als 1843. Wir kämpften 1848 und 1849 für die Freiheit und Einheit Deutschlands; auch jetzt kämpfen wir sür die Freiheit und jeder ehrliche Mann, gleichviel, zu welchen Ideen er sich auch bekennt, muß bereit sein, sür dieselbe zu sterben. Präsident: Sie würden sich also nicht scheuen, in einen Kampf einzutreten? Liebknecht: Ich habe im Jahre 1849 für die Verfassung, die die deutschen Fürsten umzustürzen beabsichtigten, gekämpft und würde heut, wenn ähnlich, wie zur Zeit des Frankfurter Parlaments, irgend ein Fürst oder Fürsten die rechtmäßige Verfassung umstürzen wollten, ohne Säumen die Flinte von der Wand nehme» und mich in de» Kamps begeben.(Lautes Bravo im Publikum. Bewegung.) Präsident: Ich verbiete jede Beifalls- und Mißsallsbezelgung und werde, wenn sich derartige Kundgebungen nochmals wiederholen, den Zuschauerraum sofort räumen lassen. Liebknecht: Es ist auch uns dies insofern unangenehm, als es uns an unserer freien Meinungsäußerung hindert. Präsident: Diese Bemerkung war überflüssig. Die Ausübung der Polizei in diesem Saale gehört einzig und allein mir zu. Die Angeklagten Bebel und Hepner schließen sich den Ausfüh- rungen Liebknechts an. Es gelangt hieraus ein weiterer Artikel aus dem„Volksstaat," überschrieben: Die Baseler Congreß-Bcschlüsse und die beut- scheu Agriculturarbeiter, zur Verlesung. Präsident: In diesem Artikel wird der krasseste Communismus verlangt. Liebknecht: Ich muß bemerken, daß die sozial-demokratische Partei nicht die Aufhebung des Eigenthums verlangt, sondern im Gegentheil dasselbe wahren ivill. Das in diesem Artikel vorkommende Wort„Bauernkrieg" habe ich als„Bauernbewegung" aufgefaßt, da doch die Bauernkriege des Mittelalters einen ganz conjervativen Cha- rakter hatten. Hätte ich'dasielbe anders aufgefaßt, so hätte ich auch den Artikel nicht aufgenommen. Bebel: Ich konstatire aus dem Borgelesenen, daß im„Volksstaat" häufig auch Ansichten ausgesprochen wurden, welche nicht als Ansichten der Partei aufgefaßt werden dürfen. Es wird einfach das Für und Wider entgegengesetzter Anschauungen erörtert. Hepner: Betreffs des Bauernkriegs betone ich, daß die Führer der Bauern anfangs sehr bescheiden waren. Sic erklärten, daß sie von ihren Fordcrungcit'abftehen wollten, wenn man ihnen nachzuweisen ver- möchte, daß dieselben gegen die Bibel seien. Ich vermag die Richtig- keit dieser Thatsache aus Zimmermann's Geschichte zu beweisen. Auch wird Luther, welcher anfangs den Bauern das Wort redete und später dieselben verließ, für dkesen seinen Verrath von allen Geschichtsschreibern der Neuzeit, z. B. von Johannes Scherr, verurtheilt. Präsident: Ihres Beweises können wir entbehren. Hierauf wird aus Nr. 24 eine„Ma hnu ng an tiePartei" ver- lesen, als deren Verfasser sich Bebel bekennt. Präsident: Es wird in dem Artikel vor einer Zersplitterung der Partcikräste in Lokalvereine» gewarnt und Dagegen zii gemeilljamein Wirken aufgefordert. Die Stelle am Schluß, wo es heißt, daß der heutige Staat, die heutige Gesellschaft, das„alte, faule, morsche Ding", von den Arbeitern dahin gesenvet werden müsse, wo es hingehöre, läßt wohl bei Beachtnng früherer Aeußerungen über die Revolution von S.iten des Verfassers, d.Z Herrn Bebel, keine Mißdeutung über den Sinn zu. Bebel: Ich verwahre mich mit Entschiedenheit dagegen, daß der Herr Präsident mir eine Absicht oder Ansicht imputire. Ich verweise Darauf, daß der Artikel von den Geldmitteln der Partei handelt. Ich mar früher Präsident der deutschen Arbeitervereine und es schien, als ihäten diejenigen, welche aus dem Verbände in die Partei hinüberge- arten, im Zahlen der Parleisteuern ihre Pflicht nicht. An diese wende ich wich in Folge mir zugekommener Klagen des Ausschusses. Der Ausdruck„der Staat, das alte, saule morsche Ding" ist eingeschlossen in Ansüh'iiiigszeichcn und damit schon angedeutet, daß es nicht ein eigener Ausdruck ist. Wenn ich nicht irre, ist er von Freiligrath, sogar auch von Göihe im Faust einmal in Anwendung gebracht worden. Mit dem vom Herrn Präsidenten betonten Worte:„Staat und Gesellschaft von heure hinzusenden, wohin sie gehören" habe ich, der Autor, also auch der allein berechtigte Interpret des Verlesenen, sagen wolle»: an Stelle der heuligen Gesellschaft wollen wir die genossenschaftliche Arbeit setzen. Meine frühere Aeußerung über die Revolution, welche der Herr Präsident anzog, lautete dahin: wenn legal die EiNsührung der Republik, etwa von einem Parlament, beschlossen wird und die be- stehende Regierung widersetzt sich der Aussührung des Beschlusses, so hal der Bürger die Pflicht, der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen. Präsident: Ich bemerke Dem entgegen, daß die StaatSverfassting ein Abkommen zwischen Fürst und Voll ist, welches nicht einseitig auf- gehoben werden darf. Bebel: Ich habe meine Ansicht auch über diesen Punkt schon ausgesprochen. Ich habe gesagt, nach meiner Ansicht bilde eben das Volk den Staat, welch letzteren man sich ohne Fürst sehr wohl, ohne Boll jedoch nicht möglich denken könne. Präsident: Wir haben in Deutschland Monarchien, und die sind ohne Fürsten nicht denkbar. Bebel: Das gebe ich zu. Präsidenl: Wer also die Verfassung cinseisiz aufheben will, der ist ein Rebell.* Bebel: Es ist jedoch auch schon vorgekommen, daß Verfassungen einseitig von Fürsten aufgehoben worden find. Präsident: Damit haben wir es jetzt nicht zu thun. Liebknecht: Ich möchte nur darauf hinweisen, daß von mir als Beispiel hingestellt worden ist: das konstituirende Parlament von 1849. Die deutschen Fürsten mit Ausnahme von nur Dreien oder Vieren, unterwarfen sich jenem Parlament und die preußischen Abgc- ordneten, welche nach Stuttgart gegangen waren und somit sich in den Zustand als Hochverräther versetzt hatten, wurden zwar angeNagt, aber— freigesprochen. Präsident: Das gehört nicht hierher. Liebkneck cht: Wohl gehört es hierher. Wenn der Herr Präsident meinem Mitangeklagten Bebel imputirt, wir seien Rebellen, bereit zum Losschlagen, sobald es gebt, so muß ich ihn und mich dagegen verwahren, und zu diesem Zwecke jührte ich jencs historische Beispiel an. Advocat Freytag(Plauen): Ich sehe allerdings auch nicht ein, inwiefern all diese Auseinandersetzungen aus dem vorgelesenen Artikel fließen konnten. Das Wesentlichste von dem Artikel blieb dabei un- berücksichtigt, nämlich das, wovon er allein handelt. Im Eingang ist gesagt, Verfasser wolle sich mit der materiellen Unterstützung der Partei durch regelmäßige Beiträge beschäftigen. Also es handelte sich um Geldangelegenheiten, um sonst nichts. Wenn immer wieder nur nach der Verlesung eines Beweisstückes die gravirenden Stellen vom Präsidenten hervorgehoben werden, wenn diese also allein schließlich in Betracht kommen, anstatt den Gesammteindruck des Verlesenen in Rechnung zu ziehen, so hätte die Vertheidigung eigentlich kein Interesse mehr daran, auf die Verlesung gewisser Beweismittel noch fernerhin anzutragen. Von der Geschworenenbank wird hierauf der Vertheidigung bedeutet, sie möge überzeugt sein, daß die Geschworene» Bildung genug besäßen, um auch in seiner Totalität das Vorgelesene immer noch im Auge behalten zu können. Präsident: Ich habe auch schon früher auf die Intelligenz der Herren Geschworenen hingewiesen. Was mich anbelangt, so gebe ich sa nichts als ein Resume, damit die Angeklagten Gelegenheit zu einer Entgegnung haben mögen. Advokat Freytag(Plauen): Wenn spaltenlange Artikel verlesen und hinterdrein einzelne Stellen herausgerissen werden, so kann selbst der höchstbegabte Mensch nur sehr schwer den ganzen Zusammenhang festhalten. Bebel bemerkt noch: Jener Artikel ist von mir im Gefängniß �schrieben worden und, nachdem die Gesängnißbchörde ihn gelesen ifltte, ist er erst zum Druck passirt. Warum wurde er damals nicht eanstandet? Präsident: Diesen Einwand brachten Sie schon oft. Bebel: Gerade diesen Einwand sogar noch gar nicht bisher. Liebknecht: Es ist noch kein im Gefängmß verfaßter Artikel verlesen worden. Präsident: Jnsosem haben Sie Recht; aber ich meinte den Einwand, daß die inkriminirten Artikel nicht schon vor diesem Prozeß in Strafe genommen worden sind. Es folgt die Verlesung eines von Geib. Vorsitzenden der Kon- trolkomniission in Hamburg, unterschriebenen Artikels im„Volks- staat" Nr. 2 von 1879 über die Proposition einer Verbindung zwischen der Partei und der Friedens- und Frciheitsliga. Präsident(wiederum eine Stelle betonend): Ich verstehe den Aufsatz dahin:„Die staatliche Umwälzung genügt nicht, derselben muß sosort die Vertilgung der Bourgeoisie folgen." Liebknecht: In diesem Artikel ist weiter nichts geschehen, als daß gegenüber der Friedens- und Freiheitsliga der sozialistische Standpunkt unserer Partei betont wird. Nach der Mittagspause wird aus derselben Nummer ein Ar- tikel:„Rüdt's Agitationsreise", datirt vom 16. Dez. 1869 und unterschrieben von Rüdt, verlesen. Auf den letzteren Umstand weist auch Bebel hin. Hepner: Ich bemerke, daß Rüdt in einem schon vorgelesenen Briese von Liebknecht geradezu desavouirt worden ist. Advokat Frcytag(Leipzig); Ein Brief, welcher in demselben Sinne sich ausspricht, wird auch im Entlastungsmaterial vorkommen. Man verliest ferner einen Artikel aus Nr. 3 von 1879, enthaltend einen Bericht über eine Ansprache von Scheu an die Grazer Arbeiter. Die Ansprache schließt mit einem Gedicht von vier Strophen. Staatsanwalt Hoffmann: Der ganze Artikel ist bedeutsam und einzelne Stellen ebenfalls, z. B.' die, Ivo von dem„dröhnenden Massen- schritt" die Rede ist, mit welchem die Arbeiter„aus der Eoulisse her- vortreten". Es ist weiter die Rede von dem Erkennen günsttger Ge- legenheiten, welche man dann erfassen müsse, auch von dem Schmieden des Eisens, solange es warm ist. Präsident: Der Artikel richtet sich gegen die Bourgeoisie. Was mit der rothen Fahne, der rothen Republik und diesen ähnlichen Wörtern gemeint wird, das ist ja Jedermann klar, dessen Stimme hier im saale von Werth ist. Liebknecht: In Oesterreich sind die Polizeiqesetzc nicht gerade Mist und dennoch haben die Ärbeitervereine rothc Fahnen/ Zur -Weihe einer solchen Fahne ging Scheu nach Graz und hielt jene Zln- spräche. Die rothe Farbe ist gewählt im Gegensatz zur Trikolore, als Farbe der Gleichheit. Ich weise ferner hin auf die Stelle, welche zur Gründung von Gewerkschaften auffordert: auf diese also kommt's dem Redner an. Er sagt auch:..Erwartet den Moment, Ivo das Eisen glüht." Nun, wir sind nicht auf's Erivartcn, sond>cu auf Borbereitung des Hochverraths angeklagt. Präsident: Der Artikel involvirt eine Aufreizung zur Berge- waltiaung an der Bourgeoisie. � Liebknecht: Sie ziehen, trotzdem Sie versprochen, nur von der politischen Seite handeln zu wollen, dennoch unsere soziale Stellung wieder herein. Präsident: Jene Aufreizung bezieht sich eben nicht bloß auf soziale Verhältnisse. Man weiß, was unter„rother Republik" vcr- standen wirb. Liebknecht: Die gewöhnliche Auffassung des Wortes rothe Re- publik ist nicht unsere?luffassung. Man mache uns doch nicht verant- wortlich für einen willkürlich in unsere Worte hineingelegten Sinn. Präsident: Wenn Sie die gewöhnliche Auffassung eine falsche nennen, dann wäre auch die Auffassung Ihrer Leser eine falsche und leicht möglich, daß selbst diese Sie falfch verstehen. Liebknecht: Zum Beweise, daß diese mich nicht falsch ver- standen, verweise ich auf die Thatsache, daß noch keinerlei Excesse, kein Hochverrath von unseren Parteigenossen vorgekommen sind. Mit «gewöhnliche Auffassung" nicinte ich die Auffaffung unserer Gegner, welche das Monopol der Presse haben. Präsident: Wenn von Seiten Ihrer Anhänger noch keine Ex ceffe vorgekommen sind, so legt dies eben Zeugniß ab von dem ge- suyden Sinn der Bevölkerung/ Advocat Freytag(Leipzig): Ich bemerke, daß das Vorgelesene Nichts mehr und nichts weniger ist, als ein Referat über eine Rede. Heber das Roth der Fahne" gibt der Dichter selbst eine Erklärung, wonach es die Farbe der Menschenliebe sein soll. Diese Erklärung allein ist maßgebend. Ueberhaupt ist schon darauf hingewiesen, wie wenig" Bedeutung den oft überschwänglichen Ausdrücken in solchen Arbeiterschriftstücken beizumessen ist. Außerdem heißt es hier aus- drücklich: Das Proletariat, welches hervortritt, nicht, welches her- vortreten wird— ferner: seid fest gegen den andringenden Schwärm der Feinde! Es ist also von dem sich Vollziehenden, von der da- maligen Gegenwart die Rede, wie kann man das auf Vorbereitung zum Hochverrath interpretircn? Slaaisauwalt Hoffmaun: Jib betone nock, die Stelle:„es ist die Farbe unseres Herzblutes, das wir bereit sein müssen hinzugeben für die Befreiung der Menschheit." Die Sozialdemokratie behauptet ja, die Güter, welche sie erstrebt, lägen jenseits d-r Monarchie. Advokat Freytag �Leipzig): Das Letztere steht aber nicht in diesem Aussalze. Liebknecht: Ich verwüc ausdrücklich auf liiieii Artikel von mir in der politischen Ucbcrsicht über Spanien, wo ich sagte: Die spanische Revolution ist gescheitert, weil die Arbeiter sich für eine rein politische Bewegung nicht interessiren. Dieser Satz ist speziell von der Redaktion als solcher geschrieben.— Nach Verlesung eines in Nr. 5 des„Volksstaat" von 1870 enthaltenen Aufrufs, betreffend eine Einladung zu einem Congreß in Augsburg, sowie einer daran in derselben Nummer geknüpften Be merkung, resümirt der Präsident den Inhalt dahin: Es handelt sich hier gleichzeitig um einen Kampf gegen jede Diktatur, gegen das Jun kerthum, die Säbelhcrrschast und gegen das Kapital. Bebel: Das ganze Schriftstück kann blos an der Einen Stelle etwas verfänglich erscheinen, wo es heißt:„die soziale Frage könnte vielleicht auf dem Wege der Revolution mit wildwchcndeni Lockenhaare gelöst werden." Dieser Passus ist einer Broschüre Lassalle's entnom- men, die in Tausenden von Exemplaren sich seit vielen Jahren unbc anstandet im deutschen Buchhandel befindet. Präsident: Ein aufreizender Charakter ist diesem Schriftstück keinesfalls abzusprechen. Bebel: Dies ist nur subjektive Meinung. Der Eine hält manch mal etwas für aufreizend, was dein Anderen als sehr harmlos erscheint. Präsident: Ich muß�bemerken, daß dieser Artikel für Arbeiter berechnet war und diese fassen gewöhnlich Alles so auf, wie es aus gesprochen wird. Liebknecht: Die Arbeiter haben sich aber durch dieses Schrift- stück nicht zu Gewaltthätigkeitcn„aufreizen" lassen, und dadurch be- wiesen, daß sie es richtiger" aufgefaßt haben, als der Herr Präsident. Hepner: Die Bibel, die za nicht blos für die Arbeiter, sondern für die gesammtc Menschheit bestimmt ist, enthält sehr viele so- genannte aufreizende Stelle», und ich will mir erlauben, hier emc aus den Sprüchen Salomonis vorzutragen. Präsident(den Augeklagten unterbrechend): Ties kann ich nicht zulassen, Herr Hepner. Es ist vollständig überflüssig und ge- hört keineswegs hierher. Es wird ohnedies hier sehr viel ge sprachen. m Hepner: Ich glaube, Herr Präsident, ich habe von meinem Ver theidigungsrcchte bisher noch so wenig Gebrauch gemacht, daß Sie durchaus keine Veranlassung haben, mir das Wort zu entziehen. Präsident: Ich beschränke die Vertheidiaung nicht, jedoch lieber flüssiges kann ich nicht zulassen und ich niuß bemerken, daß schon genug gesprochen worden ist. Liebknecht: Der Herr Präsident hat fveben geäußert, es sei von der Bertheidigung bereits genug gesprochen worden. Nun. wenn dem so ist, warum hält man uns noch länger hier auf? Sind wir so weit, dann resumire man und verurthcile uns! Präsident: Ich habe Ihnen noch niemals das Wort entzogen und auch nicht gesagt: die Bertheidigung habe schon genug ge- sprachen, sondern: es ist im Allgemeinen schon sehr viel gesprochen worden: auch ich habe schon sehr viel sprechen müssen. Es wird hieraus eine in Nr. 20 des„Volksstaat" vom g./1. 1870 enthalteneResoluti on verlesen, die zu dieser Zeit im Leipziger sozial- demokratischen Arbeiter-Bercin gefaßl wuvde, gerichtet an die Wiener Arbeiter, worin diese vor jeder Gelvaltthätigkeit gewarnt werden, mit der Bemerkung, der Tag werde kommen, wo das gesammte Pro- letariat sicher und mit Erfolg seine Forderungen würde stellen können., V U r J, r Oi■, Liebknecht: Ich bin ganz erstaunt, daß diese Resolution uns ebenfalls hier als Belastungsmaterial vorgelegt wird. Man müßte uns doch im Gegentheil dankbar sein, daß ivir zur Zeit die Wiener Arbeiter vm. beabsichtigten öffentlichen Gewaltthätigkeitcn fern Daß der Tag der Befreiung der arbeitenden Klassen noch kommen wird, davon bin ich überzeugt. Wäre ich das nicht, so würde ich überhaupt jede sozial-demokratische Agitation aufgeben. Für diese mir innewohnende Ueberzeugung allein� kann man nur doch aber keine Anklage wegen Vorbereitnng zum Hochverrath machen. Bebel: Ich bekenne mich als Verfasser und Antragsteller d:e,er Resolution und schließe mich den Ausführungen Liebknechts voll- ständig an... �—, Hepner erklärt auf Befragen des Präsidenten: �.a sie m ch vorhin unterbrochen, als ich mich wegen der mir imputirten Aufreizung vertheidigen wollte, so werde ich nicht eher wieder sprechen, als b.s mir Genugthuung geworden ist., Prä ident: Ich habe Ihnen die Bertheidigung nicht abgcschmt- ten; Bibel-Citatc kann ich jedoch hier nicht gestatten, dies liegt uns "fi"' gelangen hierauf 2 Artikel aus Nr. 29 und 30 des„Volks- staat" von 1870 zur Verlesung. Präsident: Nach dieser Corrcspondenz soll au, das allgeuicrue gleiche direkte Wahlrecht kein Gewicht gelegt werden, sondern die Agi- tation müsse auf ganz andere Weise geschehen und die soziale Frage könne nur auf dein Wege gewaltsamer Revolution gelöst ivcrdcu. Liebknecht- Dieser Artikel ist in Amerika und nach amerikanischer Auffassung geschrieben. Ich befinde mich mit dem Bersasser nicht voll- ständig im Einverständniß, der, nebenbei bemerkt, der republikanischen Staatssorm einen sehr geringen Werth beilegt. V Bebel: Ich stimme mit dem Ver, affer msownt uberein, als ich das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht allein, ohne Diäten, ohne Prep- und Vereinsfreiheil fast gleich Null erachte. Der Verfasser lebt in der amerikanischen Republik und sieht, wie dort trotz aller politischen Freiheit die größte soziale Ungleichheit herrscht. Advokat Frey tag sLeip-ig) bittet zu constatireu, daß diese Cor- respondenz in zwei Abschniiten, und zwar der Schluß bedeutend später als der Aufana, erschienen ist. Es ist dies ein Beweis, welch' geringe Bedeutung die Redaktion diesem Artikel beigelegt hat. Dies geschieht. Auf einen weiter verlesenen Artikel, einen Auftuf vom Central Komitee der Friedens- und Freihcitsliqa, erschienen im„Volksstaat- im September 1870, bemerkt Liebknecht: Die Friedens- und Freiheitsliga steht andern Standpunkte der Bourgeoisie und es bestehen zwischen ihr und der Internationalen Llrbeiter-Assoziation prinzipielle Differenzen. Hier aus ist abermals klar zu ersehen, daß ich Artikel in den„Volksstaat' aufgenommen habe, mit denen ich mich nicht im Einverständniß befand. Auf einen in Nr. 61 des„Volksstaat" vom 30/ Juli 1870 enthal tenen Aufruf des Ausschusses an die Parteigenossen bemerken die Angeklagten, daß in diesem Aufrufe sehr viele Phrasen enthalte» sind und sie demselben keineswegszustimmen. Dcrselb hätte ziemlich unverändert im„Staatsanzcigcr" erscheinen köunen. Es ist zur Zeit in Folge dieses Aufrufes ein Zwiespalt innerhalb der Partei ausgebrochen, der eine» erustlichcu Charakter anzunehmen drohte. Jedoch etwas Strafbares ist in demselben gewiß nicht zu finden. Wenn gesagt wird:„Nach dem Kriege werden wir den Kampf von Neuem aufnehmen," ist darunter etwas Anderes als der geistig agi' tatorische Kampf zu verstehen? Hätte mau den physischen, auf Ge- waltthätigkeiten berechneten gemeint, dann lväre gerade zur Zeit des Krieges die beste Gelegenheit gewesen. Hierauf wird ein Aufruf der Pariser Sektion der Internationalen Arbeiter- Assoziation, enthalten im„Volksstaat" vom Juli 1870, verlesen. Der Präsident hebt aus diesem die Sätze hervor: Es leben die Völker! nieder mit den Tyrannen! Liebknecht bemerkt: Man müsse den Verfassern dieses Aufrufs nur dankbar sein, daß sie den Muth hatten, gegen den damaligen Krieg zu protestiren und alle zu Gunsten des"Krieges in Paris in Sccnc gesetzten Straßcn-Demonflrationen zu verhindern suchten. Außerdem gelangt zur Verlesung eine in Nr. 61 des„Volksstaat von 1870 enthaltene Rede Liebknechts, gehalten auf dem Stutt zarter Kongreß, ferner ein in derselben Nummer enthaltener Artikel von Fr. Weyrich. Auf einen ferneren in Nummer' 69 enthaltenen Artikel, unterschrieben von Heß aus Paris, überschrieben„Die soziale Revolution", bemerkt Liebknecht: Er weiche vielfach von Heß ab. Er habe den Artikel aber aufgenoinmcn, weil Heß zur Zeit Korrespondent des „Volksstaat" ivar. Hätte er sich mit dem verlesenen Artikel im Ein- vcrständniß befunden, so hätte er den Namen Heß nicht unter dem selben_ setzen_ lassen. Der Artikel ist in Paris geschrieben zur Zeit, wo daselbst eine Revolution bereits vor der Thüre stand. Nach einigen kurzen Bemerkungen des Präsidenten wird die Verhandlung gegen 3 Uhr Nachmittags vertagt. Neunte Sitzung, Mittwoch, SO. März. Eröffnung der Sitzung gegen 9 Uhr. Zur Verlesung gelangt zunächst ein Aufruf von Seiten der französischen Arbeitergesellschaften und Sektionen der Internationalen Arbeiter-Association an das deutsche Volk und an die Socialdemo- traten Deutschlands. Präsident: Dieser Aufruf enthält die Worte:„Es lebe die allgemeine Republik! Laßt uns durch unser Bündniß die vereinigten Staaten von Europa gründen"! Das entspricht den« anerkannten Progamm der Angeklagten und da ,man unter der allgemeinen Re- publik natürlich nur eine Europäische verstehen kann, so ist die Hoff- nung der Franzosen auf die Gründung der Republik in Deutschland wohl so klar, daß die Herren Angeklagten nichts dazu zu sagen haben werden. Liebknecht: Wir haben es hier nicht mit den Hoffnungen der französischen Arbeiter, sondern mit der gegen uns erhobenen Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrath zu thun. Advokat Freytag(Leipzig): Ich bcwne, daß die Ueberschrist des Aufrufes sich in erster Linie an das deutsche Volk, in zweiter Linie erst an die Socialdcmokraten Deutschlands wendet. Ferner wird als letzte Absicht der Verfasser hingestellt:„Vertilgung des internationalen Hasses, allgemeine Entwaffnung und allaemeinc Har- monie." In dieser Absicht, meinen die französischen Sozialisten, seien gewiß die Deutschen mit ihnen einig. Hiernach wird aus der politischen Ucbcrsicht derselben(vom 11. September 1870 datirten) Nummer ein Abschnitt vorgelesen, welcher sich mit der Proklamining der Republik in Frankreich und mit der daraus sich ergebenden Veränderung der politischen Lage beschäftigt. Präsident: Es ist in diesem Artikel gesagt, die französische Demokratie habe ihre Schuldigkeit gethan, natürlich durch Erklärung der Republik, und mit Bezugnahme aus den vorhin vorgelesenen Auf- ruf ist gesagt, die französischen Arbeiter zeigten darin den deutschen, was sie" von denselben erwarteten. Es scheint sonach, als hätte der Schreiber qu. Artikels genieint, die deutschen Arbeiter müßten nun ihrerseits auch die Republik erklären. Ferner wird der deutsch-sram iösische Krieg in seinem letzten Theile als Eroberungskrieg bezeichnet. Liebknecht lwclcher sich als Verfasser des Artikels bekennt): Die von dem Herrn Präsidenten beliebte Auffassung des Artikels ist eine vollkomnicn falsche und widerspricht sowohl dem Sinne, als dem Wortlaute desselben. Wenn gesagt ist:„In dem französischen Mani- fest ist enthalten, was die Franzosen von uns erwarten"— nun, so verweise ich auf das Manifest selbst. Da steht's, da heißt es wörtlich: „Die Socialdemocratcn Frankreichs sind sicher, daß ihr mit ihnen an der Vertilgung des internationalen Hasses arbeitet, an der allgemeinen Entwaffnung und der allgemeinen Harmonie." Hiernach kann man den Satz in der politischen Ucbersicht:„Die deutschen Arbeiter werden das Vertrauen der französischen Brüder nicht täuschen!" nur dahin verstehen: sie werden für die Vertilgung des internationalen Hasses u. s. w. wirken. Wenn man aber an der Vertilgung des iiiter nationalen Hasses wirkt, so kann man dafür doch unmöglich de* Hochverraths angeklagt werden. Allgemeine Entwaffnung aber ist z. B. schon vielfach" in Parlamenten, olso höchst legal, gefordert worden. Dann hetont der Herr Präsident, daß der Krieg m seiner zweiten Hälfte ein Eroberungskrieg genannt wird. Nun, derjenige, welcher von allen deutschen Zeitungen bis Sedan als der alleinige Urheber des Krieges hingestellt worden war, Bonaparte, war seit Sedan in den Händen der Deutschen. Er hatte den Krieg hervor- gerufen, mit ihm fiel die Ursache desselben, und wenn der Krieg trotzdem von den Deutschen sortgesetzt wurde, so war es bei dem Sillen zum Frieden auf sranzösifcher Seite unzweifelhaft ein Er- obcrungskricg. Denn Erobern und Annektiren sind nur zwei ver- schiedene Bezeichnungen für ein und dieselbe Sache. Ferner nennt der Artikel die weitere Fortsetzung des Krieges einen Krieg der Mo- narchie gegen die Republik— auf der einen Seite stand ja wirklich die Monarchie, auf der andern die Republik. Ein Krieg der Contre- revolution gegen die Revolution war es auch: man sehe sich nur die einander gegenüberstehenden Parteien an! Zur Illustration der Be- hauptung, daß der Krieg hinfort der deutschen Demokratie eben so gelte, wie der französischen Republik, führe ich nur unsere alsbald erfolgte Jnhaftnahnie an. Der Satz:„Die Franzosen haben-ihre Schuldigkeit gethan, thun wir die unsrige!" will sagen: wirken auch wir für die internationale Harmonie! Durch das in derselben Nummer des„Bolksstaat".enthaltene Braunschweiger Ntanifest ist noch dazu sehr klar gesagt, wie dies geschehen soll, nämlich in gesetzlicher Weisel Präsident: Die Interpretation ist Sache der Herren Geschwo- reuen; ich werde also nichts dazu jagen. Ich verweise nur darauf, daß am Schluß des französischen Manifestes die Worte stehen:„Es lebe die allgemeine Republik!" Die allgemeine ist die Europäische, also darum auch die Deutsche. Liebkncchr: Wenn der Herr Präsident, welchen ich für einen Anhänger der Monarchie halte(Präsident: ja!) den Ruf aus- stieße:„Es lebe die allgemeine Monarchie!" so würde seiner Theorie. nach Jeder, der in der Republik Amerika diesen Ruf veröffentlich? dort des Hochverraths angeklagt werden müssen. Jener inkrimimrte Ruf aber geht von Republikanern aus. Bebel: Ich verweise auf die Stelle:„Wenn die deutschen Ar- beiter es erlauben, daß der gegenwärtige Krieg seinen streng defcn- siven Charakter verliert und in einen Krieg gegen das ftanzösische Bolk ausartet, wird Sieg oder Niederlage sich gleich verhängnißvoll erweisen. Alles Elend, das. Deutschland nach den Befreiungskriegen, zu ericiden hatte, wird mit erneuter Stärke aufleben." Diese Stelle steht in engster Verbindung mit dem Braunschweiger Manifest, aus welch letzterem hervorgeht, daß es sich um Demonstrationen zu Gunsten des Friedens handelte. Daß die sächsischen Behörden diese Auffassung theilten, geht aus einer damals vom Ministerium des Innern erlassenen Verordnung hervor, wonach socialdemokratische Versamm« lungen zu Gunsten oes Friedens verboten wurden. Hepner(auf Beftagen des Präsidenten, ob er zu dem Schrift- stücke etwas zu bemerken habe): Da mir keine Garantie gegeben ist gegen eine Wiederholung der gestern mir widerfahrenen Verkümmerung der Redefreiheit, so muß ich schweigen. Der Herr Präsident hat ein- mal gesagt, er würde unsere Redefteiheit in dem Falle beschränken, daß wir im Begriff ständen, ein neues Vergehen uns zu Schulden kommen zu lassen. Ich wüßte nicht, daß ich gestern in diesem Falle mich befunden hätte. Präsident: Dies nicht. Aber auch wenn Sie zu etwas uns vollständig fern Stehendem schreiten, darf ich Sie unterbrechen. Ihr Schjoeigeu kann ich nicht hindern, muß Sie aber darauf ausmerksam machen, daß dasselbe Ihrer Bertheidigung nachtheilig sein kann. Hepner: Der Fall von gestcm war vollständig dem ähnlich, wo Bebel Etwas über die Revolution vorlesen wollte und Sie ihn in der Voraussetzung unterbrachen, das Vorzulesende würde sehr umfangreich sein. Ich aber wollte mich gestern sehr kurz fassen. Ich bleibe dabei, mir ist schweres Unrecht geschehen. Präsident: Ich habe damals zu Herrn Bebel gesagt, daß ich eine umfängliche Vorlesung nicht dulden würde. Advokat Freytag(Leipzig) verlangt des Zusammenhangs wegen eine sofortige Verlesung des in derselben Nummer enthaltenen, unter den Beweismitteln ebenfalls aufgeführten Braunschweiger Mani- festes. Nach geschehener Verlesung sagt Liebknecht: Das Aktenstück be- tont so offen und streng wie möglich eine gesetzmäßige Agitation. Daß ich aber nicht für alles im Volksstaat Enthaltene kann verant- wortlich gemacht werden, ergibt sich auch aus diesem Manifest, mit welchem ich mich durchaus nicht völlig einverstanden erklären kann. Namentlich tadle ich das Hereinziehen eines Privatbriefes. Das ganzeTManifest ist ein gesetzlich nicht antastbarer Protest gegen die Annexion. Als Mittel zum Zwecke wird angegeben: die Arbeiter sollen ihre Stimme erheben. Was mit der Stimme gemacht wird, kann doch kein Hochverrath sein. Die Arbeiter sollen Protest erheben, Protest, wohlgemerkt, nicht etwa die Faust oder die Flinte. Wenn der republikanisch gesinnte Aus- schuß am Schluß die Worte gebraucht:„Es lebe sie Republik!" so mache man den Ausschuß dafür verantwortlich! Zudem ist das Mani- fest nicht vom Manuskript in den Volksstaat gekonmien, sondern erst vom Druck. In Tausenden von Exemplaren"war das Manifest ver- breitet und Dort z. B., Mitglied der Kontrolkommission aus Harburg, welcher darum aus Verbreitung von Haß und Verachtung angeklagt wurde(nicht auf Hochverrathsvorbereitung), wurde freigesprochen. Ebenso der Ausschuß in derselben Angelegenheit. Nochmals betone ich: es handelte sich um sonst nichts bei dem Manifest, als um ganz ge- setzmäßige Agitation zu Gunsten des Friedens. Bebel: Ich halte das Schriftstück für eminent entlastend. Hepner: Ich verharre bei meinem Protest. Advokat Freytag(Leipzig): Ich erwähne besonders, daß die Stelle:„wenn die deutsche Arbeiterklasse nicht an maose ihre Stimme erhebt" fett gedruckt ist. ES folgt die Verlesung eine» TheilS de» Aufruf» der französischen und der deutschen Sektion" der Juternationalen Arbeiter- Assoziation in New-Uork an ihre Genossen in Europa, enthalten in Nr. 89 des Volksstaat von 1870. Dieser Theil, der Schluß, lautet:„Gebietet Halt dieser Menschcnschlächterei! Halt! Und wenn alle großen Generale und Fürsten darüber--- sollten! Für die Arbeiter aller Länder gibt eZ nur ein Felda eschrei: Nieder mit der Lohnsklaverei! Nieder mit dem Militarismus!" Präsident: Die letzten beiden Rufe sollen wohl sagen, da» Militär solle abgeschafft werden. Liebknecht: Der Aufruf ist in Amerika geschrieben. Präsident: Aber in Sachsen verbreitet, kann also auch hier verfolgt werden. Liebknecht: Preßgcsetzlich gewiß, nicht aber durch eine Anklage auf Vorbereitnng deZ HochverrathS. In dem Rufe:„Nicd.r init der Lohnsklaverei!" liegt eine sozialistische Forderung, waS der Herr Präsident falsch auffaßte. Die Forderung der Aufhebung deS Milita- rismus ist auch schon höchsi legal in Parlamenten gestellt worden. Bebel: Die Ausdrücke de» Aufrufs sind drastisch, aber nicht ungesetzlich. Hepner: Ich verharre bei meinem Protest. Aus der von Bebel verfaßten Streitschnft„Unsere Ziele" will nun der Präsident den Schluß verlesen lassen, ans Antrag der Bertheidigung gelangt jedoch die ganze Schrift zur Verlesung. Nach Verlesung der Brochüre:„Unsere Ziele" von August Bebel bemerkte einer ver Herren Geschworenen, daß die Anmerkungen, die in der Brochüre enthalten und nicht verlesen worden, auf der Ge- schworenenbank nicht übersehen worden seien. Advokat Freytag zLeipzigs: Die Brochüre sei bereits in der zweiten Auflage erschienen und nur letztere enthalte die Anmer- kungen. Hierauf tritt Mittags gegen 12'/, eine bis 1 Uhr dauernde Pause ein.— Nach Wiederauknahme der Verhandlungen bemerkt Bebel auf Befragen deS Präsidenten, daß erB-rfasser der verlesenen Brochüre ist. Nachdem dieselbe zuerst in einzelnen Abschnitten im„Volksstaat" erschienen, wurde sie in Brochürenform verbreitet. Im September 1871 ist bereits die zweite Auflage erschienen. Präsident: Sie behandeln in derselben haupisächlich die soziale Frage, nur auf den letzten Seiten kommen Sie in'S politische Fahr- wasscr, indem Sie sagen: die soziale Frage könne doch schließlich bloß durch Gewalt gelöst werden. Bebel: Ich muh mich gegen diese Interpretation ganz entschieden verwahren. Grade diese Brochüre halte ich für enl lastend. Ich be- Haupte darin durchaus nicht, daß die Lösung der sozialen Frage auk dein Wege der Gewalt geschehen müsse, sondern ich sage: e» ist möglich, daß man schließlich genöthigt sein wird, zur Gewalt zu greisen. Vorher heißt eS: der Weg der Güte ist jedenfalls der bessere und nicht unsere, sondern unserer Gegner SchuldPvird es sein, wenn die Lösung der sozialen Frage nicht friedlich vor sich gehen wird. Was nützen uns alle Expectorationen über die ländllchcn Arbeiter, wenn sie nicht zur Erkenntniß gelangen? Liebknecht erklärt: Er habe diese Brochüre abdrucken und befinde sich mit ihrem Inhalte in vollem Einverständniß. Hepner: Ich glaube, daß Jemand, der einen gewaltsamen Um- 'turz beabsichtigt, sich nicht erst Mühe gibt, ein wissenschaftliches Werk darüber zu schreiben. Staatsanwalt Hoffmann: Die Angeklagten haben jede Soli- darität mit dem„Vorbote" und dem„Felleisen" in Abrede gestellt, trotzdem diese Blätter doch im„Demokratischen Wochenblatt" em- psohlen wurden. Advokat Freytag(Leipzig) bittet zu constatiren, daß diese Em- üna sich unter dem Redaktionsstrich als Annonce befindet. Bebel: Man kann eines Anderen Grundsätze billigen, ohne die Art und Weise, wie er sie verwirklichen will, zu billigen. Die ge- nannten Blätter sind uns befteundet, jedoch stehen wir nicht durch- aus auf ihrem Standpunkte. Es ist das allgemeiner journalistischer Gebrauch, daß kurz vor Ablauf eines jeden Vierteljahres die befreundeten Blätter sich gegenseitig einpsehlen. Diese Empfehlungen werden von den Inserenten gewöhnlich schon gedruckt eingesendet. Staatsanwalt Hoffmann: Die Redaktion des„Demokratischen Wochenblatt" hat zu einer Zeit geschrieben: Wir empfehlen allen unseren Parteigenossen das Abonnement auf das„Felleisen". lassen Liebknecht: Der Herr Staatsanwalt ist im Jrrthum; nicht das „Felleisen", sondern blas der„Vorbote" ist hier von uns in dieser Weise empfohlen worden. Ich glaube indcß, daß aus den vielen verlesenen Briefen Ladendorfs und Beckers Kur Genüge die zwischen mir und jenen beiden Herren bestehende Differenz zu ersehen ist, die, was Ladendorf anlangt, sich bereits bis zur offenen Feindschaft zuspitzte. Aian macht uns hier»eranlwortlich für jeden Artikel, den irgend ein auswärtiges uns befreundetes Blatt einmal enthalten. Nach dieser Theorie hatten jene katholischen Fanatiker reche, die weiland alle Pro- tefianten verantwortlich machen für die Mordthaten Traupmanns i» Paris, der ebenfalls Protestant gewesen. Ich bemerke, wenn man noch einmal versuchen sollte, uns mit Ladendorf und Becker eine Solidarität nachzuweisen, so werde ich sofort die nochmalige Verlesung aller Briefe von Ladendorf uns Becker beantragen. Hepner: Ich würde noch heute durchaus keinen Anstand nehmen, den„Vorboten" im„Volksstaat" zu empfehlen. Die Parteigenossen sind verpflichtet, sich über die Arbeiterbewegung aller Länder zu ori- entiren und dazu ist daS Lesen dieser Blätter erforderlich. Damit ist aber noch dnrchauS nicht gesagt, daß ich solchergestalt auf dem Stand- punkte des„Voiboten" stehen müsse. Ebensowenig wie Jeder Sozial- Demokrat sein muß, der aus den„Bolksstaat" abonnirt hat. Advokat Areytag(Leipzig): Ich muß bemerken, daß Hebender be- treffenden Empsehlung des j, Demokratischen Wochenblattes" außer jenen vorerwähnten Blättern die„Zukunst", der„Mainzer Anzeiger", das„Frankfurter Journal" und schließlich die„Wein- Zeitung. Organ für Weinkunde"(nebst einer daran geknüpften besonderen Ge- schäfts'Rekiame) empfohlen ist. fStürmischc Heiterkeit). Advokat Frey tag(Plauen) bemerkt gegenüber einer vom Staats- anmalt hervorgebobenen Stelle von Seite 13 der verlesenen Brochüre „Unsere Ziele", daß gerade diese Stelle so klar, wie nur irgend eine. Liebknecht: Würde nach der Ansicht des Herrn Staatsanwalt gesagt sein, die soziale Frage müsse durch Gewalt gelöst werden, so hätte man wohl die betreffeiche Nummer des„Volksstaat" sofort kon- stszirt und mich eingesperrt. Hiernach wird eine Reihe von Gedichten verlesen, und zwar aus Nr. 23 des„Volksstaat" von 1870 das Freiligrath'sche:„Die Todten an die Lehenden" mit dem Datum:„Düsseldorf, Juli 1848"— ferner aus Nr. 25 das„Arbeiterlied" von Georg Herwegh— ferner aus 3ir. 29 das aus London Februar 1847 datirte Freilig- rath'sche Gedicht:„Irland"— ferner aus Nr. 44„Schaffst— Zuchthaus" v. Herwegh— aus Nr. 47„Arm und Reich"— aus Nr. 79„Rath"— aus Nr. 86„Brot" von Freiligrath— aus Nr. 90„Blum", gedichtet von Freiligrath, datirt von Köln den 16. November 1848. Präsident: Diese Gedichte sind sämmtlich im„Volksstaat" in der Zeit vom 19. März bis zum 9. November 1870 abgedruckt. Aus welchem Grunde und warum gerade in dieser Zeit? Liebknecht: Ich wollte das Volk an eine große Zeit und an seine großen Biänner erinnern. Hepner: Das Gedicht„Schaffst— Zuchthaus" wurde ab- gedruckt, als der Reichstag die Todesstrafe annahm. Das Gedicht „Blum" am Todestage Robert Blum's. Liebknecht: Allerdings sind die Gedichte meistens an Gedenk- tagen mitgctheilt worden. Ich wollte das Volk zugleich an jene Ge- denktage erinnern. Präsident: An die Gedenktage der Revolution! Liebknecht: Allerdings wollte ich an eine Revolution erinnern, aber an eine gewesene, nicht eine zu machende,— eine Revolution sogar, welcher der heutige Staat manche Institution verdankt. Zum Beispiel fätze ohne jene Revolution der hohe SitlwurgerichtS- Hof wohl nicht hier beisammen, um in einem politischen Prozeß Urtheil zu sprechen. Advocat Freitag(Leipzig): Herr Liebknecht, sind diese, meist auS den Jahren 1847 und 1848 stammenden Gedichte schon anderwärts erschienen? Liebknecht: Ja, die von Freiligrath sogar in der bei dem Hof- buchhänler Cotta erschienene Ausgabe der Freiligrath'schcn Gedichte. Das „Bei' und Arbeit'!" zirkulirt in Preußen seit 1863 in Tausenden von Exemplaren unbeanstandet und wird häufig gesungen. Hierauf wünscht der Staatsanwalt aus dem Jahrgang 1871 des Bolksstaat noch einige Stellen der in Nr. 92 enthaltenen Be- schlüsse der Delegirten-Conferenz der Internationale verlesen zu sehen. Nachdem der Advocat Freytag(Leipzig) festgestellt, daß der Bolksstaat, außer den zur Verlesung gekommenen Gedichten noch andere veröffentlicht hat, werden unter beioerseitiger Uebereinstiininuna der Vertheidigung und der Staatsanwaltschaft die Punkte I, II, III und IX nebst dem Schluß der Londoner Konferenz-Beschlüsse verlesen. Der Präsident betont, daß dieses Schriftstück jedoch nicht als Beweisstück behandelt werden darf, da es aus der Zeit nach Ein- leitung der Untcrsuchuug stammt. Liebknecht: Der Punkt IX behandelt eine interne Angelegen- heit der Internationalen, den Streit mit Bakunin. Der Schlußsatz von den„nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Beschlüssen" zielt auf nichts das Licht Scheuendes, sondern es handelt sich wiederum um den Bakuninschen Streit, den man nicht vor der Oeffentlichkeit zum Austrag bringen wollte. Nun sollen zwei Reden Liebknechts, die eine gehalten zu Berlin am 31. Mai 1869, die andere gehalten zu Wien am 25. Juli 1869, zur Verlesung kommen. Ehe dies geschieht, bemerkt Advokat Frey tag(Plauen): Es sind zwei Tage lang bloS Artikel aus dem Volksstaat verlesen worden. Ich frage die Angeklagten, ob wegen eines einzigen der verlesenen Artikel ern Strafantrag gestellt worden ist. Liebknecht: Nein. Präsident: DieS ist wohl nicht so ganz richtig, da wir za gegenwärtig einen Strafantrag haben. Hierauf protestirt Advokat Freytag(Leipzig) gegen dieVerlesung der Berliner Red« des Angeklagten Liebknecht, da Liebknecht aus dieser Rede wegen Erregung von Haß und Verachtung schon in Preußen mit 3 Monaten Gefangniß belegt wurde. Der Requisition preußischer Behörden an die sächsischen, sie möchten diese Strafe an Liebknecht vollstrecken, wurde freilich auf Einsprache Liebknechts nicht Folge ge- geben. Ein späterer Antrag der preußischen Behörden an die säch- fischen, Liebkn. in Sachsen um der Berliner Rede willen anzuklagen, hatte eine Untersuchung wegen„Herabwürdigung bestehender Verhält- nisse" zur Folge. Röthigen Falls erklärt Fr. auf Extrahirung eines Beschlusses des hohen Gerichtshofes dringen zu müssen. Advokat Frey tag �Plauen) schließt sich dem an. Damit man nicht glaube, sagt er, wir hätten den Inhalt der Rede zu fürchten, führe ich an, daß eine Berurtheilung Liebknechts erfolgte, weil er in jener Rede sagte: Der Staat in seiner jetzigen Gestalt besteht durch einen Rechtsbruch und stützt sich auf das Schwert. Staatsanwalt Hoffmann: Nicht die Rede als solche, sondern die Flugschrist ist Gegenstand der Anklage. Dieselbe ist, wie Herr Liebknecht zugestanden, von ihm selbst geschrieben worden. Advokat Frey tag(Leipzig): Liebknecht ist wegen dieser Rede in Berlin in contuniaciam verurtheilt worden. Mittlerweile trat in Preußen Amnestie ein. Die Rede ist bloß auf Antrag der Oberstaatsanwaltschaft und der preußischen Behörden in die Untersuchung mit hineingezogen worden. Advokat Freytag(Plauen) bemerkt, daß in den Anklageakten diese Rede gar nicht erwähnt werde. Staatsanwalt Hosfmann: Wenn dieselbe in der Anklageacte unerwähnt geblieben ist, so hat dies in dem ohnehin schon so großen übrigen Anklagematerial seinen Grund. Der Präsident Mßt von einem Gerichtsdiener die betr. Flug- schrift vorlegen. Liebknechts Ich bin Verfasser dieser Flugschrift. Ich habe die- selbe unmittelbar nach meiner im Bertiner demokratischen Arbeiter- Verein gehaltenen Rede, letztere nach schriftlicher Aufzeichnung ge- schrieben. Alsdann habe ich dieselbe im„Demokratischen Wochenblatt" abdrucken lassen, und sie später als Flugschrift verbreitet. Präsident: Die Rede selbst existirt nicht mehr. Wir haben es auch bloß mit der Flugschrift zu thun, die Herr Liebknecht hier in Sachsen geschrieben und verbreitet hat. Da nun dieVertheidigung eine Entscheidung des Gerichtshofes hierüber beantragt, so werde ich, um die Verhandlungen nicht auszuhalten, dieselbe nach Schluß der Sitzung veranlassen. Der Staatsanwalt verzichtet auf die Vorlesung der Wiener Rede, wogegen die Vertheidigung nichts einzuwenden hat. Hierauf wurden die Verhandlungen gegen 3 Uhr Nachmittags vertagt. (Fortsetzung folgt.) Zur Beachtung. Den Parteigenossen und Lesern des„Voltsstaat" bringt die unterzeichnete Expedition zur Kenntnis;, das; kurz nach Beendigung des Hochverrathsprozesses die Verhandlungen desselben in einer Brochüre, redigirtvon den Angckla gte» se lbst, erscheinen. Es ist demnach nicht uöthlg, das; sich die Partei- aenosseu die im Bttchhandcl erscheinenden Brochüre« über den HochverrathSprozetz, welche boraussichtlich nicht anthcntisch sind, anschafsc». Leipzig, 20. März 1872. Die Expe ditio n de s„Vo l k s st a a t Internationale Gewerksgenossenschast der Schuh- macher. Sämmtlichen Genossenschaften zur Nachricht, daß am 12� März sämmtliches Vcrwaltuugsrathinventar mbst Kassenhefland von 87 FrcS. an den neuen provisorischen Verwaltungsralh in Nürnberg»nd Fürth abgegangen ist und von jetzt an sämmtliche Briefe uud Gelder dorthin zu adressiren sind.— Indem wir der ganzen Centralisatien und den, neuen Vorort Glück wünschen zur Förderung unserer gemein- samen Prinzipien uud Ideen, werden auch wir nicht unterlassen, wenn auch nicht mehr der Centralisation angehörend, für Kräftigungderselben und im Kampfe für unsere gerechte Sache zu wirken. Zürich, 17. März. Im Auftiage der früheren Verwaltung: Joseph Gerster. Wild. Dahl._ Dresden Hiermit Gruß und Handschlag und die Mitheilung, daß in der gestern den 9. Mär; abgehaltenen Versammlung derlFachgenofsen die Coustituirung des„Gewerkveieins für Maler, Lackirer, Vergolder, Sluccaleure und sachverwandte Gewerbe" stattgefunden hat. Gewählt wurden in den Ausschuß: Heinrich Tran tu er zum Vorsitzenden, Rudolph Büttner zum Kassirer, Heinrich Gathemann zum Schrift- führer, Julius Thierbach mid August Miller als Beisitzer. Anderseits wurde beschlossen, sofort an die Gründung einer Asso- ziation zu gehen. Zuschriften u. s».bitte an H. Gathemann, Maler, M thildenstr. Nr. 27b, 4. Etz, zu richten. Leipzig. DerStrike der hiesigen Schneiderg eh ilfcn scheint ernst- liche Dimensionen anzunehmen.— Von Seiten der Arbeitgeber wurde schon im Monat Januar d. I. das Feuer angefacht, indem sie sich schon dazumal coalirten, wo noch nicht einmal von einem Strike die Rede war.— Es hat beinahe den Anschein, als ob die Herren Prin- zipale gewillt gewesen wären, selbst einen Strike durch die Arbeiter zu provociren, um ihren eigenen, materiellen sowie finanziellen Interessen Rechnung zu tragen. Ungeachtet dessen, daß der Arbeiter der erste Faktor in jedem Grschäste ist, der, sozusagen das Kapital anhäufen muß und bei seiner Jahr ein Jahr aus anstrengenden Arbeit allen Entbehrungen unterworsen und stets auf nichts gestellt ist, wird er noch von Seiten der Meister öffentlich mit lauter ungerechtfertigten Vor- würfen überhäuft—; es werden' dem Arbeiter sogar Vorschriften ge- macht, wie er zu leben habe und sich ausbeuten lassen müsse. Von unserer Seile fiel es Niemanden ein, den Verdienst eines Meisters controliren zu wollen, noch viel weniger seinen Lebenswandel in Be- tracht zu ziehen. Ferner wurde von einem Schneivermeister, welcher, wie es scheint, von der Nalional-Oekonomie und der Statistik nicht viel zu vergessen hat, eine Tabelle aufgestellt, nach der sich seit mehreren Jahren eine„ungeheure" Steigerung der Löhne herausstellt.— Das hat aber der humane Herr veraesfen in' Betracht zuziehen, daß alle Lebens- mittel sowie auch andereBedürfnisse wenigstens um2 Drittel im Preise ge- stiegen sind; ferner auch, daß uns durch die Maschinen, f. w. eine solche Konkurrenz geschaffen worden, daß dadurch unsere sogenannte schlechte Zeit noch einmal so schlecht geworden ist. Es wird uns serner von Seiten der Meister der Vorwurf gemacht, daß wir mehr Bedüifmsse haben, als die Arbeiter vor 20—30 Jahren. Dammal hatte ein Schneidermeister auch noch keinen comsortablen mit großen Spiegelscheiben eingerichteten Laden oder Salon, sowie auch kein Pianoforte im Zimmer stehen, sondern saß ganz bescheiden, wo- möglich? Treppen hoch, wohnte und arbeitete sammmt seinen Gesellet,. Wir haben mit Widerwillen diesen Artikel veröffentlicht, waren aber durch das Benehmen der Meister gegen uns dazu veranlaßt; denn unser Feldruf ist stets: leben und leben lassen! Die hiefigen Schneidergehilfen. XL. Etwaige UnierstützungSgelder sind' an das Comiiee, Gewand- gäßchen Nr. 4,'1 Treppe zu senden. Leipzig, den 12. März._ Heinrich Hnnse. Peilig, 3. März. Hierdurch zur Nachricht, daß unser Vertrauensmann nicht mehr Robert Rottluff, sondern Gottfried Hartzendorf in Altpenig ist.__'____ In Harburg sinken seit Ende Februar 14 Former, die in Nr. 32 des„Neuen Sozialdemokraten" einen Ausruf erlassen haben, der so gehässig ist und so viele Unwahrheiten enthält, daß ivir uns der Mühe überhoben halten, auch nur ein Wort zu dessen Widerlegung zu sagen. Mehrere Metallarbeiter. Regensburg� Unsere Bewegung schreitet rüstig vorwärts und liefert den deutlichsten Beweis, daß auch hier Boden, und zwar frucht- barer Boden für unsere Ideen ist. Leider mehren sich aber auch die Maßregellingen in einem bedenklichen Grade; kaum ist die Maß- regelung des Bevollmächtigten des Fachvereins der Schneider durch einen, liberalen" Bourgeois geschehen, so wird einem unserer eiusichts- vollsten uud rührigsten Parteigenossen, ebenfalls Schneider, von seinem „liberalen" Pascha gleichfalls der Strohsack vor die Thüre geworfen. In Verlans unserer, wie gesagt stetig fortschreitenden Bewegung gründete sich vor 14 Tagen ein!Fachverein der Hafner hier, dem von 25 hier in Arbeit befindliche Gehilfen soiort 29 Mann beitraten. Kaum wird dies ruchbar, so werden zwei der eifrigsten Mitglieder von Seite ihres durch das Gegenlheil von Höflichkeit bekannten, sehr ultramoiitanen Arbeitgebers, der im katholischen Casino und Gesellen- verein einen Ehrenplatz einnimmt, gemaßregelt. Wahrscheinlich wollte dieser Gute, in Befolgung des H höchsten christlichen Gebots:„Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst", durch dieses Vorgehen blos den Beweis liefern, daß Liberale wie Ultramontane, mögen sie sich auch gegenseitig noch so sehr in den Haaren liegen, sosorl einig sind, wenn es gilt, die Arbeiter zu erdrücken. Und dabei rufen sie doch imnier:„Ja für die Arbeiter muß etwas geschehen", nur ist ihnen das wie ein Räthsel. Natürlich auch; wenn für die Arbeiter etwas gethan werden soll, so müssen die Herren Bourgeois und Zopsbürg-r dieselben sich gleichgestellt sehen, da ihnen dies aber ein Gräuel ist, so sind sie trotz aller Phrasen nicht im Stande zur Lösung dieser immer brennender werdenden Frage etwas beizutragen Jh- Arbeiter aller Orten aber, kommt Ihr auf die Wanderschaft, so meidet das seiner schlechten Löhne wegen berüchtigte Regensburg so viel Ihr könnt, besonders aber ihr Tischler, Schneider, und Hafner ballet jeden Zuzug gänzlich scr», denn für diese 3 Ge- werbe stehe» schwere Stunden des Kampfes für matei teile Besserstellung vor der Thüre. Indem wir alle arbeirerfreundlichen Blätter um gefl. Aufnahme dieses Schlußsatzes bitten, fordern wir wiederholtZraend eine tüchtige Kraft, am liebste» Tischler, Schuhmacher, oder Schauder auf, nach hier zu übersiedeln, denn es wird täglich nöthiger, unser» Gegnern auch in der Oeffentlichkeit den Text ordentlich zu lesen. Quittung. Zur Unterstützung der Jnhaftirten-c. gingen serner bei uns ein: von Neuschönefeld durch Seifert 5Thlr.; Augsburg durch Knöller 1 fl. 3. kr. von A. B. und 1 fl. 9 kr. von Endres. Hersfeld durch Wolf 2 Thlr. Pforzheim durch Scholl 1 fl. 12 kr. Mülsen St. Niklas durch Freitag 2 Thlr.(desgl. 1 Thlr. für die P.) Augs- bürg durch Eudl es 7 fl. durch denselben vouLechhausen 2 fl.30kr. Dresden, Expeditiou des Volksboteu dritte Sendung K Thlr- (Bravo!) wofür den freundlichen Gebern unser» Dank. Hamburg, den 16. März. Der Ausschuß. � H. Benneke. Quittung. Oelsnitz 1 Thlr. für bewußten Zweck. 2 Thlr. für die politisch Geniaßregelten durch Scheibe?. Penig d. L. Adling 3 Thlr. für be- wußten Zweck. Rochlitz 2 Thlr. für bewußte Zwecke. Die Erpedition der Chemnitzer Freien Presse. Zur gcfäUlgcn�iotiznatimc bemerken wir noch, daß Orte, die Abrechuungsformulare und die Kassenabrechnung der Partei nicht erhalten haben, solche unter Angabe genauer Adresse reklamire» wollen. Der Ausschuß. _____ Th. Yorck. Parteigenossen! Unter der Ueberschrift:„Zur Abrechnung des Chemnitzer Strike- Komitee" ist uns cin Bericht zugegangen, der gewiß alle Unzusriedenen beruhigen wird. Wir werden ihn veröffentlichen, sobald Zeit»nd Raum des Blattes es gestatten. Die Redaktion des„Volksstaat" und der ___ Extrablätter._ Für politisch Genmtzregeltel Von Ksch. in Lindenau 5 Gr. v. Arb.-Bild.-Ver. L. 2 Thlr. 2ö�Gr. Briefkasten. Der Erped. R. in Homburg f. Schrft 4 Gr. erh. von Schlegel in Delmenhorst 5 Gr. f. Schrft. erh. die einzelne Nummer des„Volks- staat" kostet 1 Gr.___ Für Breslau. Sozial-demokratische Arbeiter-Partei. Montag, den 25. d. M. Abends Lft, Uhr gesellige Zusam- menkilnft der Parteigenossen in Paul'S Restäurativnj Mehlgaffe No. 4. Das Erscheinen sämmtlicher Mitglieder ist nothwendig. Die Karten sind mitzubringen._______ Für Leipzig. Gewerkschaft der Holzarbeiter. Nächsie Versammlung Montag 25. März, Abends 8 Uhr in der Restauration von Götz, Nikolaistraße 51.— T a gesordnung: Natur- wissenschaftlicher Vortrag. Aufnahme neuer Mitglieder. Die Mitglieder der seliionen werden um zahlreiches Erscheiuen gebeten.__ Internationale Metallarbeiterschaft. Leipzig, den 25. März. Montag Abends 3 Uhr im Arbeiter- biidungs-Verein Ritterstraßc 43. Tagesordnung: Die Arbeiterbewegung und die Coalition der _ Fabrikanten.— Aufnahme neuer Mitglieder. Versammlung des Fach-Vereins der Kürschner und Mützenmacher von Leipzig und Umgegend. Mon.ag den 25. Vtärz I. I. Abends 8 Uhr im Vereinslokal. Roßplatz Nr. 9 bei Hascher.— Vortrag des Herrn Oertclt.— Aufnahme neuer Mitglieder. Der Vorstand. Xö.Hierdurch machen wir gleichzeitig bekannt, daß in der Ver- sammlung vom 18. März l. I. der Beschluß gesaßt wurde: Daß die Mitglieder des Vereins, weder Einstand zahlen noch solchen fordern, auch sich nicht an dem Einstandstrinken betheiligen. D. V. Für Hannover. Sozial-demokratischer Arbeiter-Verein. Sonnabend, 23. März, findet im Lokale des Herrn Bartling, Knochenhauerstraße Nr. 59 Abends Punkt 8 Uhr V e r s a m m- l u ii g statt. Tagesordnung: 1) Sozial-politischer Wochenbericht. Referent: Lohmcur. 2) Vortrag über Kapital und Arbeit. Referent: Wutke. 3) Partei-Angeiegenheiten. Zahlt; iches und pünktliches Erscheinen der Mitglieder ist noch- wendig. Freunde sind willkommen. XL. Jeden Sonnabend findet Versammlung und jeden Mittwoch Leseabend daselbst statt. Der Vorsitzende. Für Mcerane. Ich ersuche den Weoergeselleu Herrn Rehner, da er seinen Aufenthalt verändert hat, doch bald den Betrag für 1. Abonnement des„Bolksstaat«" pro IV. Quartal 1871 zu entrichten. _ H. Stolle. ~ Für Spandau. Bolksversammluug. Moniag den 25. d. M. Abend 8 Uhr im Saale des„Rothen Adlers." Tages-Ordnung: Der Aktienschwindel und die Preissteigerung der nothwendigften Lebensbedürfnisse. Referent Herr Kaiser aus Berlin. Die Parteigenossen werden zum zahlreichen und pünktlichen Er- scheinen aufgefordert. Im Auftrage _ W. Fischer._ Allen Parteigenossen diene hierdurch zur Nachricht, daß der vielbesprochene und vielerwartete sozial-poiitische Roman Am Webstuhl der Zeit von A. Ltto-Walster, nunmehr in Separat-Abdruck regelmäßig erscheint, nnd zwar wöchent- sich 1 Bogen, alle 3 Wochen 1 Heft.— Jedes Heft kostet 2 Ngr. und kann durch die Erveditton des Dresdner Bollsboteil, große Brüdergasse 12, 2 gegen Franko-Einsendung von baar oder in Brief- inarke» bezogen werden. Kolporteure und Wiederverkäufer erhalten bedeut ndeil Rabatt. Auch die einzelnen Bogen können regelmäßig Woche a au Groschen bezogen werden.___ „Herr Boot" von Karl Marx(>2 Bogen stark, groß Oktav); die einzigen noch vorhandenen sieben Exemplare sind durch die unterfertigte Erp«- dition zu beziehen. Der Erlös ist für die Kasse des„Bolksstaat" bestimmt, und ist der Preis per Expl. auf 3 Thlr. festgestellt. _ Die Expedition des Bolksstaat.(l) Soeben ist erschienen und durch die Erpedition des„Dresdner Volksboten" gr. Brüdergasse Ztr. 12 zu beziehen: Castelars llede über die Internationale gehalten in der Sitzung der spanischen Cortes zu Madrid. Sparatabdruck aus dem„Dresdner Volksboten". ä Exemplar r/� Rgr. In Partien r>. mindestens 25 Stück gegen Franko-fEinsendung ä Stuck 1 Rgr. 100 Stück 2 Tblr. 10 Gr.__ Leipzig: Verantiv. Redakteur A. Hepner(Redaktion u. Expedition Hohestr. 4.) Druck u. Verlag von F. Thiele.