M 2'i Mittwoch, 8. April. 1872 'ZtschritU wöchentlich 2 mal m Leipzt«. Bestellangen nehmen alle Postanstalten und Buchhand- langen des In- und Aus- landeS an. Für Leipzig nehmen �Bestellungen an: «. Bebel, PeterSstrahe 16, F. Thiele, Emilienstraße 2. Erscheint wöchmtlich 2 mal in Leipztg. «bonnementSvretS: Attr PrengM incl. Stempel- jietler 16 Rar., für die übrig«» deutschen Staaten 12 Ngr per Quartal. giltalecpedttion für die Ber- einigten Staaten: V. A. Sorge, Boi 101 Hoboken N.J. viaNewyork Organ der soMl-demakrattschen Arbeiterpartei and der Inttruationate» Gewerkügenossenschasten. Mr bitten unjere Parteigenossen, uns alle nicht schon im im„Pottsstaat" veröffentlichten Zettungs- artilel über den Leipziger-„Hochverrathsprozes;" z« zusenden. (Eingesandt vom Rhein:, Arbeiter'.«SefinunugSgeuoffe«! Die Autwort aus das Bourgeois- Urtheil Leipzig gegen Liebknecht und Bebel ums; sei»: 1000 Exemplare„Volksstaat" mehr in Welt!- in Die Die Schlußvcrtheidigungsrede des Adv. Frey tag(Plauen sowie den Schlusj der Prözeßverhandlung überhaupt können wir erst in nächster Nummer bringen. Die ungehalte nen Schlußvertheidigungsreden der Angeklagten, welche zu- nächst in dem bereits vorbereiteten Gesammtberichl ver Pro- zeßverhandlungen abgedruckt werden sollen, werden im„Volks- staat" demnächst auszugsweise mitgetheilt werden._' Zum Leipziger Hochverrathsprozest. DaS Urtheil in dem Prozeß gegen xiebtnecht und Bebel hat in den weitesten Kreisen das peinlichste Aussehen erregt. Ein großer Theil der halbwegs unabhängigen Presse(die„Fraukfur- ter Zeitung", der), Frankfurter Beobachter", der„Nürnberger Cor- respondent", die„Wiittelrheinische Zeitung", die Berliner„Polks- zeitung" u. s. tu.; hatte» schon vor Schluß des Prozesses ein- stimmig ihr Urtheil dahin abgegeben, daß der Prozeß ein Ten- denzprozeß sei, und daß die Geschwornen unzweiftlhaft frei- sprechen würden. Ebenso einstimmig waren alle uns zu Gesicht gekommenen Zeitungen darin, daß die Leitung der Verhandlungen durch den. Präsidenten den Schein der Partei- lichkeit und unstatthafter Beeinflussung trage. Wir wollen uns hierüber vorläufig eines Urtheils ent halten, fühlen uns aber um so mehr verpstichtct, auf eine Reihe von Vorfällen aufmerksam zu machen, welche den Prozeß und sein Endresultat in sehr eigcnthümlichem Lichte erscheinen lassen. In erster Linie ist es allgemein als höchst anstößig befunden worden, daß während der Tauer des Prozesses reget mäßig jeden Abend eine Anzahl Gesch worn er, der Staats- anwalt und Mitglieder des Gerichtshofes in der Restauration von Schatz(in der Ritterftraße) zusammenkamen, und daß dort, wie durch Zeugen nachgewiesen werden kann, der Prozeß öfters den Gegenstand der Unterhaltung bildete. An einem dieser Abende richtete der Geschworne Kauf mann B. an den Geschwornen Rittergutsbesitzer W. folgende Bemerkung:„Ich möchte wissen, ob der Präsident(des Schwurgerichtshofes), wenn man ihn aus das Gewissen fragte, ob die Angeklagten juristisch schuldigsind, dies bejaht. Für moralisch schuldig halte ich sie, aber nicht für juristisch." Wir wissen nicht ob der Gc- schworne B. dem Präsidenten diese Frage vorgelegt hat; ist es geschehen, dann schlimm genug, denn darüber herrscht in ganz Leipzig, bei Freund und Feind und bei den Angeklagten am allerwenigsten, kein Zweifel, daß der Präsident den Angeklagten entschieden feindlich gesinnt, und ihde Berurtheilung in seinen Augen eine Nothwendizkeit war.- Am Tage vor der Berurtheilung, Montag den 25. März Abend, saßen wieder eine Anzahl Geschworner und Mitglieder des Gerichtshofes bei einem Glase Bier in der Schatz'schen Restauration. Unter ihnen befand sich auch der(nicht zum Schwurgericht gehörige) Appellationsgerichtsrath Mül- l e r, der, zu den Geschwornen gewandt, u. A. folgende— Bemerkung machte:„Denken Sie sich, meine Herreu! mir träumte verflossene Nacht, Bebel*) sei freigespro- chen worden, da habe ich mich aber geärgert." Nun, deutlicher kann man sich wahrhaftig nicht aussprechen. Herr Müller ist außerordentliches Mitglied des Appel- lationsgerichtes, Meister vom Stuhl der Loge Mi- nerva u:\ wie die meisten Frei maurer, e nragirter National Liberaler.— Dienstag früh den 27. März, am Tage der Berurtheilung, traf der Geschworne Oberförster Börner ans Seidewitz bei Leisnig mit einem Mitglied des. Gerichtshofes zusammen aus dein Corridor des Gerichtsgebäudes.'Nach der üblichen Be- grüßunz entschuldigte er sich, daß er den Abend vorher nicht bei Schatz habe sein können,„wir sind gestern Abend zu Witz- leben's Bruder eingeladen worden."(Herr Forstinspektor von Witzleben war Hülfsgeschworner, sein Bruder hier ist Herr v. Witzleben, der Ches-Medakter der königl. sächsischen „Leipziger Zeitung". Letzterer„Herr von" soll, wie die meisten der höheren Regierungsbeamlen, entschieden für die Berurtheilung gewesen sein.) Den Geschwornen H. aus N. trifft ein hiesiger Rechts- anwalt auf der Straße;„Nun Herr N.", redet dieser ihn an, sagen Sie mir ein Mal offen und ehrlich: können Sie sich ein klares Bild machen über die vielen Aktenstücke, die Ihnen vorgelesen werden?" Die Antwort lautete offen und naiv: „Herr Advokat, offen gesagt, wenn ich nicht zeitwei- Die Möglichkeil, Liebknecht allein zu verurtheilen, war nämlich sehr ernstlich ins Auge gefaßt worden. lig eine Prise nahm', schliefe ich dabei ein." Der Gr schworne, der sich„kein klares Bild" über das Vorgelesene machen konnte und zeitweilig„eine Prise nehmen" mußte,' um nicht„einzuschlafen," stimmte für die Berurtheilung. Fiat justitia, pereat mundus!*) Trotz des eben hier erzählten Falles fand es der spätere Obmann der Geschwornen, Herr Rittergutspachter Steig er auf Schweta, mehrmals für angemessen, in gereiztem Tone sich gegen den Verdacht zu verwahren, als besäßen die Ge- schworenen nicht die nöthize„Intelligenz", den innern Zu- sammenhang der bei oem Resumd aus einzelnen Artikeln her- ausgerissenen Stellen zu verstehen, nachdem die Vertheidiger in Rücksicht auf die Geschworenen ein klareres Verfahren in der Beweisaufnahmr von Seiten des Herrn Präsidenten verlangt hatten. Herr Steiger war es auch, der als Obmann die denkwürdigen Worte aussprach: „Wir nehmen das Bewußtsein mit, daß wir unser Ge wissen bewahrt und unserem Eide treu geblieben sind, und erwarten ruhig, was die Welt über uns sagt." Ist es doch, als hätte er i,n Voraus geahnt, was die öffentliche Meinung, so weit sie nicht durch Fanatismus blind gemacht ist, über das Urtheil sagt. Und nicht allein die öffentliche Meinung unter den Laien hat, so weit wir bis jetzt Urtheile zu hören Gelegenheit hatten, mit seltener Einmüthigkeit das Verdikt verurtheilt, auch in den Kreisen der Fachleute, der Juristen, ist dasselbe der Fall. So- aar in den Kreisen richterlicher Beamten sind Urtheile gefallen, unendlich schärfer als dasjenige, welches der Vertheidiger Herr Advokat Freytag(Plauen) fällte, dahin lautend, daß eine et waige Berurtheilung seiner subjektiven Meinung nach„ein Flecken an der Ehre der sächsischen Rechtspflege sei". Wir haben daS Urtheil eines angesehenen richterlichen Beamten ver- nommm, der noch vor Schluß des Prozesses erklärte:„Mag der Prozeß verlaufen wie er will, er ist eine Bla- mage für die sächsische Justiz." Daß eine Berurtheilung auch in den höchsten Kr eilen der sächsischen Justizbeamten für eine juristische Unmög- lichkeit gehalten wurde, beweist eine Aeußcrung des Gene- ralstaatsanwalts Dr..Schwarze, desselben Generalstaats- anwalts, der eS sich, gleich seinem Chef, dem Justizmi- nister Abelen, nicht verdrießen ließ, mehrere Male während des Prozesses und namentlich am letzten Tage, wo die Ent- scheidung fiel, herbeizueilen, um zu hören, zu sehen und— zu helfen. Es war vor jetzt einem Jahre— wenn wir nicht irren am 23. März,— bei-der Eröffnung des„ersten" denk- schen Reichstags. Die Reichsboten, unter ihnen Herr Gene- ralstaatsanwalt Dr. Schwarze, sind, in Landsmannschaften grup- pirt, aufgestellt im weißen Saal des preußischen Königspalastes. Fürst Bismarck tritt herein, geht auf den sächsischen General- staatsanwalt zu und redet ihn ungefähr mit den Worten an: „Nun, Herr- Generalstaatsanwalt, was wird denn aus den: Prozeß Bebel und Genossen?(Die Angeklagten saßen damals noch in Untersuchungshaft.) Der Herr Gcneralstaatsanwalt Dr. Schwarze zuckt die Achseln und antwortet:„Gar nichts wird." Darauf replicirt Bismarck unwillig:„Dann hätte man auch dieLeutc nicht einstecken soll'en; jetzt fällt das Odium des Prozesses auf uns." Spricht's und läßt den verdutzten Herrn Generalstaatsanwalt stehen. Wenige Augenblicke danach nähert sich der sächsische Finanz- minister, Herrn von Friesen, dem Reichstagsabgeordncten Prof. Birnbaum aus Lindenau bei Leipzig und sagt zu ihm:„Da hat unser Schwarze wieder einmal einse gsroße Dummheit gemacht." Ist das nicht köstlich? Und doch wird der Prozeß nach Verlauf eines vollen Jahres noch in Szene gesetzt und es gelingt, die Haupt-Angeklagten, auf die es abgesehen war, zu verurtheilen. Fiat justitia, pereat muudusl Die Bewegung unter dem englischen Laudproletarmt. Die Bewegung unter den ländlichen Arbeitern Eng- lands greift immer mehr um sich. Die Taglöhner bilden überall Trades-Unions und in Warwikshire haben sie bereits, weil von den Grundbesitzern und Pächtern mit ihren Forderungen ab- gewiesen, einen Strike begonnen. Aus handgreiflichen Gründen beschäftigt sich die Bourgeoispresse sehr aufmerksam mit diesen Vorgängen; die„Englische Correspondenz" schreibt darüber: „Die Unzulänglichkeit des Lohnes in den süd- ' icheren und mittleren Grafschaften des Königreichs hat auch unter der ländlichen Bevölkerung jene Agitation wachgerufen, welche bisher fast ausschließlich die großen Mittelpunkte der Industrie heimzusuchen(!) pflegte. In Devonshire verdient der ländliche Arbeiter wöchentlich 8—9 Shilling**), in den mittleren Distrikten deren 9—10, ein Betrag, welcher allerdings schwer- lich ausreichen kann, die Existenz von fünf bis sechs Personen zu fristen. Hierzu kommt, daß die Wohnungen dieser Arbeiter oft sehr weit von dem Ort entfernt liegen, an welchem sie beschäftigt sind; und alle diese Verhältnisse mögen allerdings wenig angelhan sein, diese niedrigste Klasse der Landbewohner mit ihrer Lage zufrieden zu stimmen. Die Anschauung, daß dieselben den modernen sozialistischen Ideen absolut unzugäng- lich seien, hat sich längst, und nicht nur in England, als eine Täuschung erwiesen. Die Coalitionen, wie sie sich z. B. in Warwickshire gebildet haben, tragen allerdings noch nicht jenen revolutionären Charakter wie die Meetings des.Mr. Odger in London, es handelt sich bei ihnen noch nicht um den Umsturz des Thrones und der heutigen Gesellschaft, aber sie fordern mit seltener Einmüthigkeit eine Verminderung der Arbeitszeit und eine Lohnaufbesserung, und zwar unter Drohungen, welche vielleicht gefährlicher sind als die Gewaltthätigkeiten(??) in den Jndustriebezirken. Die Arbeiter wissen sehr wohl, daß die Löhne in den Kolonien beträchtlich höher sind, als im Mutterlande, namentlich für die Feldarbeiter, welche im Königreich bereits zu fehlen beginnen. Sie stellen daher die Pächter vor die Alternative einer Lohnaufbesserung aus sechszehn Shillinge oder einer Massenauswanderung. Diese an sich durchaus gesetzliche Pression ist für die betreffenden Kreise in hohem Grade beunruhigend. Die Pächter können, ohne sich selbst zu ruiniren, den Arbeitern nicht ein Wochcnlohn von 16 Shillingen zahlen. Sie müssen selbst ihren- Pachtkontracten genügen, und diese be- ruhen auf Berechnungen, welche eine solche Erhöhung der Ar- beitslöhne gänzlich über den Haufen werfen würde. Die Pächter sind daher auch keineswegs geneigt, sich dem Ansinnen der Arbeiter zu fügen, und der Klassenkampf droht in den Landbezirken dieselbe Erbitterung anzunehmen, wie es in den Städten bereits der Fall ist. Die Pächter haben eine Gegen- coalition gebildet und sich gegenseitig perpflichtet, alle an der Bewegung betheiligten Arbeiter zu e n t l a ss e n, sie aus dem Pacht- bezirk fortzuwerfen und ihnen nirgend wieder Arbeit zu ge- währen. Die Arbeiter andererseits machen sich im Ganzen darüber wenig Sorge. Sie kleben längst nicht mehr an der Scholle und wissen, daß es für Feldarbeit in England überall an Armen gebricht, namentlich im'Norden, wo in Folge dessen auch bessere Löhne gezahlt werden. Die englische Presse kann nicht umhin, sich mit diesem Gegenstande ernstlich zu beschäs- tigen. Sic muß der Haltung der Arbeiter und der von ihnen beliebten Organisation Gerechtigkeit widerfahren lassen, zumal dieselben nicht wie sonst(durch Mord und Brand!?) ihre Un- zufriedenheit bethätigen. Im Gegentheil. Sie thun durch Einsendungen an die Provinzialblätter dar, daß sie den Eon- flict ganz nach der Theorie der modernen Bolkswirthschafts- lehre über Angebot und Nachfrage zu lösen gedenken. Sie ver- langen keine Staatshülfe, auch keine soziale Reorganisation der Gefellschaft, es handelt sich bei ihnen nur(!) um die Existenz- frage. Bis zu diesem Angenlllick ist die Hand der Interna- tionale in dieser Bewegung allem Anschein nach noch nicht zu spüre». Unzweifelhaft wird aber bei einer weiteren Ausdeh nung.derselben die Internationale sich bemühen, nach Kräften die Erfüllung ihres Lieblingswunsches zu fördern: die soziale Frage in ihrem ganzen Umfange auch in die ländliche Bevöl kerung zu tragen". Wir bezweifeln nicht, daß die Internationale sich„be- mühen", und auch nicht, daß sie sich mit Erfolg.bemühen" wird. Die Verhältnisse„konspiriren" für sie. Aecht charakte- ristisch ist die Bemerkung des Correspondenten, daß es sich Ar die Landarbeiter„nur um die Existenzfrage handle", als ?b ein höheres Kampfobjekt denkbar wäre! Freilich, die„Exi- tenz" der Proletarier hat für die Herren Bourgeois„nur" in sofern Bedeutung, als sie zur Kapitalbildung nothwendig ist. Von vollständiger Unkenntniß der einschlägigen Verhältnisse zeugt die Bemerkung, die Pächter der südlichen und mitt- leren Grafschaften könnte», ohne sich selbst zu ruiniren, die verlangten 16 Sh. nicht zahlen. Sie können es ebenso gut, wie die Pächter des Nordens— allerdings würden sie dann nicht mehr so unverschämte Profite machen, wie jetzt. Und wäre es selbst wahr— was jedoch nicht der Fall— daß die Pächter blos bei Hungerlöhnen der Landarbeiter bestehen können, was wäre dann bewiesen? Daß die Landarbeiter ver- hungern müssen? oder: daß ein Zustand von Grund aus ge- ändert werden muß, der es erheischt, daß Hunderttausende verhungern, damit Wenige schwelgen können? Man nehme die„andere Seite der Medaille"! In den Englischen Blättern der vorigen Woche wird der Tod des Lord Lonsdale gemeldet,— dieser Musteraristokrat,„the model of a gentleraa*", hat 1 Million Pfund Sterling in baar, und Grundeigenlhum lnit einem jährlichen Einkommen von 150,000 Pfd. Sterling(1 Million Thlr.) hinterlassen, obgleich sein Leben eine ununterbrochene Orgie gewesen war. Die Arbeiter auf den Gütern des Lord Lonsdale, den Lowther Estates, beziehen einen Durchschnittswochenlohn von 8— 9 Shilling. Die Arbeiter des Lord Lonsdale haben den'Nationalreich- thum vermehrt— und sie schmachten im tiefsten Elend. Lord Lonsdale hat den„Lkacionalreichthum" nicht durch eine Minute nützlicher Arbeit vermehrt, und, nach einem Leben des Ueberflusses und der Schwelgerei, hinterläßt er seinen Erben einen„Enlbehrungslohn" von 6— 7 Millionen Thaler in Geld und Staatspapieren,„erspart" aus dem Schweiß seiner Ar- bester, und dazu ein jährliches Einkommen von 1 Million Thaler, gleichfalls ausgesogen aus dem Mark seiner verhun- den Lanolord sich zu Tode rackernden Arbeiter!- . gernden, für den Lanolord sich zu jsnd jeder Englische Landlord ist ein Lord Lonsdale.— Und Die Gerechtigkeit soll besiehe», mag auch die-Welt darüber zu � � man � wundern, wenn der getretene Wurm endlich ""/ew Shillng- 10 Sgr. Emporschnellt?!...... Urthetl der Presse über dm Leipziger Hochverraths- proze«.*) Die„Frankfurter Zeitung" vom 28. März schreibt: „DasUrtheil des Schwurgerichts in dein Leipziger Hochverrathsprozesse, das quf telegraphischem Wege ge- nielder wird, muß überall, wo man den Verhandlungen des Prozesses mit einiger Aufmerksmnkeit gefolgt ist, ein starkes Erstaunen erregen. Die Geschwornen haben über die beiden Hauptangeklagten, Bebel und Liebknecht, das Schuldig ze- sprachen, und der Gerichtshof hat dieselben zu zweijähriger Festungshaft verurtheilt. Es wird Wenige geben, die nach den Berichten über die Beweisaufnahme und das Zeugenver- hör dies Urtheil erwartet, noch Wenigere, die es für möglich gehalten hätten, daß die vom Gerichtshofe formulirten Fragen von der Jury bejaht werden könnten. Wer diese Fragen, welche den Geschworenen vorgelegt wurden, niit nur einiger- maßen kritischem Blicke betrachtet, wird das gesprochene Schul- big nicht zu begreifen vermögen. Das Verdikt der Jury er- klärt, daß die Angeklagten„Handlungen vorgenommen haben, wodurch das hochverrätherische Unternehmen, dieVerfassung des Königreichs Sachsen und die Verfassung des'Norddeutschen Bundes, jetzigen Deutschen Reichs, gewaltsam zu ändern, vor- bereitet worden ist." Aber wo ist denn die Thatsache eines hochverrätherischen„Unternehmens" im juristischen, iin strafrecht- lichen Sinne des Worts festgestellt? Das deutsche Strafge- setzbuch charakterisirt als„Unternehmen, durch welches das Verbrechen des Hochverraths vollendet wird, jede Handlung durch welche das Vorhaben unmittelbar zur Ausführung gebracht werden soll/' und wenn dasselbe auch die„vor- bereitenden Handlungen des hochverrätherischen Unternehmens" mit Strafe bedroht, so ergibt sich daraus, daß dem vorbereiteten Hvchverrath kein anderer Begriff des„Unternehmens" als dem vollendeten Hochverralh unterschoben werden kann. Diese Un- terschiebung, diese Veltauschung der Begriffe liegt aber dem Leipziger Urtheil offenbar zu Grunde. Eine vorbereitende „Handlung, durch welche dos Vorhaben des Hochverraths un- mittelbar zur Ausführung gebracht werden soll", ist keineswegs nachgewiesen. Auch nicht eine der acht den Geschworenen vor- gelegten Fragen, welche den Thatbestand der verbrecherischen Handlung constatiren sollen, enthält irgend Etwas davon. Die Fragen beziehen sich auf die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu Eisenach, auf die Redaktion des„Volksstaat", auf die revolutionäre Tendenz dieses Blattes, auf die Empfeh- lung und Verbreitung von Schriften derselben Tendenz, auf die Agitation in Versammlungen, auf den Versuch, die Land- devölkerung und das Militär aufzureizen ldie hierauf bezügliche Frage haben die Geschworenen übrigens verneinend beantwortet), endlich auf die Verbindung mit der Jntertionalen. In dem einen oder andern dieser Punkte mag das Material zu irgend einer andern Anklage stecken,— das Material, eine Handlung zu konstatiren, durch welche das hochverrätherische„Vorhaben uninittelbar zur Ausführung gebracht werden soll", steckt darin nicht. Nirgends ist behauptet und der Beweis geführt, daß die Angeklagten ein hochverrätherisches Vorhaben, das unmittel- bar zur Ausführung gebracht werden sollte, verabredet oder daß sie Handlungen, die daraus hinzielten, begangen hätten. Die Anklage hat nur die revolutionäre Tendenz der An- geklagten möglichst stark hervorgehoben, alte und neue Reden und Schriften'(die zum größten Theile ungehindert und unangefochten im Deutschen Reiche zirkuliren) hervorgeholt, Handlungen, die nicht strafbar sind, zusammengerechnet, um durch die Addition an- sich nicht mit Strafe bedrohter oder doch nicht als Hochverrath zu qualificirender Handlungen eine Vorbereitung zum Hochverrath zu folgern. So er- scheint der Prozeß— auch die eigenthümliche Haltung des Gerichtspräsidenten nicht zu vergessen— als ein Tendenzprozeß im schlimmsten Sinne des Worts. Er reiht sich jenen Proceduren an, die unter den Namen Kölner Com- munistenprozeß, Ladendorf'scher Prozeß, Rostocker Hochverraths- Prozeß bekannt und wahrlich keine Zierden unserer deutschen Geschichte sind. Die Hand Stieber's, die heute wie damals thätig war, hat dem Prozesse das charak- teristische Gepräge aufgedrückt. Nicht nur in rechtlicher, sondern auch in politischer Hinsicht ist der ganze Prozeß und sein Ausgang tief zu bedauern. Er ist leider nur zu sehr geeignet, den Haß zwischen den Klassen der Gesell- schaft zu verschärfen. In seinem tendentiösen Cha- rakter erscheint er wie ein Racheakt der Bourgeoisie, der die Bebel und Liebknecht im Namen des Proletariats den Krieg angesagt haben, erscheint er wie ein Mittel, um unbe- queme oder gefährliche Gegner mundtodt zumachen und hinter Schloß und Riegel zu bringen. Das kann nur üble Wir- kungen haben. Man macht die Bebel und Liebknecht— denen auch Gegner ihrer sozialdemokratischen und kollektivistischen Pläne wie wir die Anerkennung nicht versagen können, daß sie auf der Bank der Angeklagten eine männliche und würdige Haltung bewiesen— zu Märtyrern, und man erreicht eher alles Andere al» den Zweck, die sozialdemokratische Bewegung zu erdrücken und die sozialistischen Theorien zu bannen. Theo- rien und Tendenzen und Ideen— und die sind in der That der eigentliche Gegenstand des Prozesses gewesen— beseitigt man durch Verurtheilungen nicht. Ihre Wahrheit oder Un- Wahrheit, ihre Berechtigung oder Nichtberechtigung, ihre Aus- führbarkeit oder Nichtausführbarteit erweist sich nur in der freien Diskussion, in dem ungehemmten Flusse des öffentlichen *) Der'„Neue Sozialdemokral", der seine guten Gründe gehabt hatte, keinen Bencht der Proz-pverhandlungen zu bringen, theilt das Resultat unter„Vermischtes" nue folgt mit: „Der Leipziger Prozeß gegen dieHerren Liebknecht, Bebel und Heppuer hat nach langwieriger Verhandlung einen sür uns unerwarteten Ausgang genommen, indem die Herren Vebel und Liebknecht jeder zu zwei Jahren Festungshaft ver- - urlheilt wurden, wovon jedoch 2 Monate wegen der Haft im Winter 1870— 71 abgezogen werden; Hepner wurde frei gesprochen. Da die Vertheidiger einen Antrag auf Cassation de« Urtheils gestellt haben, so ist es übrigens leicht möglich und wünschenswerth,(ei! ei!» daß ebenso wie im Prozeß gegen Bracke und Genossen das Urtheil vernichtet wird. Uns scheinen übrigens bei dem Prozeß viele bis jetzt noch ver- schleierte Verhältnisse im Spiele zu sein. Die„oerschleierten Verhältnisse" sind wohl die in den Zeilnugs- berichten sich vorfindenden Hinweisungen auf den königl. preußischen t mä,nuf'Jie allerdings mitunter der nöthigen Klarheit entbehrten. fornt und wird aber in dem demnächst erscheinenden authentischen Bericht abgeholfen werden. Anm d. Red. Lebens. Mit strafrechtlichen Verdikten dämmt man die Woze höchstens um einen Moinent zurück, so daß sie iin nächsten Moment nur um so gewaltsamer hervorbricht."— „Ein Racheakt der Bourgeoisie"— die„Frankfurter Zeitung" ist selber ein Organ der Bourgeoisie. Der„Frankfurter Beobachter," schreibt d. d. 26. März: „In dem Leipziger Hochverrathsprozeß gegen Liebknecht, Bebel und Hepner ist gestern das Urtheil des Schwurgerichts- hoses gefällt. Zwei Jahre Festungshaft für die beiden ersten Angeklagten, und der Dritte freigesprochen— das ist das Re- snltat dieses Prozesses, der ein Denkmal unserer politischen Zustände sein wird. Da jedoch die Vertheidiger die Nichtig- keitsbeschwerde gegen die Fragestellung„und noch eine Reihe anderer� Beschwerden" bereits angemeldet haben, so ist esswahr- scheinlich, daß dieses Tableau noch einmal vor den Augen ver Zeitgenossen sich präsentiren wird. Anklage, Leitung de? Ver- handlnng durch den Präsidenten und die Auffassungsweise der Geschworenen sind gleich charakteristisch in diesem Prozesse. Nahm sich doch einer der Geschworenen, der nachmalige Ob- mann, Rittergutspachter Steiger aus'Schweta, als die An- geklagten mit dem Präsidenten in Conflikt über die Art der Leitung des Prozesses geriahen, die wunderbare Freiheit her- aus, dem Präsidenten mit der Erklärung zu sekundiren, daß nach der Meinung der Geschworenen der Gerichtshof während der Verhandlung lediglich die Belastungsmomeutt zu Veto- nen habe, währendes der Vertheidigung ja überlassen bleibe, die Entlastungsmomente hervorzuheben. Und diese seltsame Definition der Pflichten des Gerichtshofes blieb von dem Prä- sidenten unwidersprochen, der sie sich überdies im ganzen Laufe des Prozesses schon angeeignet hatte.— Wir sind aus hun- dert Gründen überzeugt, daß der gestrige Urtheilsspruch wie das ganze Verfahren von dein Cassationshofe vernichtet wer- den wird."— Der„Braunschw. Volksfreund" schreibt unterm 28. März: „Das Unerhörte ist'geschehen. Die Geschworenen, die Vetreter der besitzenden Klassen, haben im Leipziger Hochverrathsproceß das Schuldig gesprochen über die Vertreter der Arbeiter- klasse Bebel u. Liebknecht.' Letztere sind jeder zu 2 Jahren Festungshaft verurtheilt, auf welche die erlittene Untersnchungs- Haft allerdings angerechnet wird. Hepner wurde freigesprochen. Nachdem im Prozeß gegen den Braunschweiger Ausschuß, gegen den im Wesentlichen dasselbe Material vorlag wie gegen Bebel und Liebknecht, die Oberstaatsanwaltschaft in Wolfenbüttel und der Anklagesenat daselbst die Erhebung der Anklage wegen Vorbereitung des Hochverraths, unter sorgsamster ju- ristischer Motivirung dieses Schrittes, abgelehnt, das Dresd- ner Oberappellationsgericht auch die Ucbereinstimmung mit den hier aufgestellten juristischen Deduktionen ausgesprochen hat, muß das Verdikt der Geschworenen in Leipzig jeden ruhig Den- kenden befremden. Die Vertreter der besitzenden Klassen haben damit nicht allein zwei der edelsten und strebsamsten Männer verurtheilt, sie haben gleichzeitig den Stab gebrochen über die Bestrebungen der Arbeiterklasse, einen gerechteren Staats- und Gesellschaftszustand herbeigeführt zu sehen. Mag auch die Hoffnung, durch die bereits angemeldete'Nichtigkeitsbeschwerde das ergangene Urtheil schließlich kassirt zu sehen,— wie ja auch der Braunschweiger Sozialistenprozeß die Kassation jenes bekannten kreisgerichtlichen Urtheils mit sich brachte— nicht unberechtigt sein, das Verdikt der Leipziger Geschwornen ist, bei dem Mangel jeglichen Beweises dafür, daß die Angeklagten wirklich den gewaltsamen Angriff gegen irgend welche Berfas- sung vorgehabt, gleichzustellen jenen inquisitorischen Glau- bensverfolgungen aus der finstersten Zeit des Mittelalters, dasselbe erscheint in unserer Zeit der Aufklärung und des rast- losesten Umbildungs-Prozesses in Staat und Gesellschaft geradezu unerhört. Die Sozialdemokratie aber wird sich darob nur um so mächtiger entwickeln!"— Das„Würzburger Journal" vom 27. d. schreibt(eben- falls ohne Kenntniß des Urtheils):' „Die schwnrgerichtlichen Verhandlungen in dem Leipziger Hochverrathsprozesse nehmen nachgerade einen Charakter an, der jedes Rechtsgefühl empören muß, gleichviel ob man mit der Richtung von Bebel und Liebknecht einverstanden ist oder nicht. Der Präsident— Mücke ist der Name dieses Wackern— thut Sitzung für Sitzung rechtschaffen das Seine, um den Respekt vor der Justiz gründlich zu ruiniren durch die Art und Weise, wie er sich den Angeklagten gegenüber geradezu als Partei, dem Staatsanwalt gegenüber als ergebener Augendiener benimmt. Im Uebrigen ist trotz der offenbaren Voreingenominenheit der Geschworenen an eine Verurtheilung der Angeklagten wegen Hochverrath wohl kaum zu denken und ,der mit wahrhaft kind- licher Naivetät eingebrockte Prozeß dürfte ein paffendes Seiten- stück zur Affaire Westerwelle abgeben."— Die„Demokratische Zeitung" schreibt in ihrer Ztummer vom 28. März: „Das Urtheil des Leipziger Schwurgerichts wirft einen trüben Schatten in die rosigen Flitterwochen des deutschen Reichs und verkündigt den freiheitlichen Bestrebungen eine stürm- und drangvolle Zukunft. „Die Fehler der Reaktion, welche den ersten deutschen Frühling zu Grabe trug, hat unsere leitende Politik hinweg- geräumt, die schleswig-holsteinsche, die kurhessische und die deutsche Frage sind den Händen der Revolution entwunden und von der Reaktion gelöst worden, welche sich heute auf dem Gipfelpunkte befindet. Und doch kann das herrschende System nicht auf seinen Lorbeeren ruhen und sich keinem beschaulichen Stillleben überlassen, denn trotz alledem ist sein Riesenwerk unvollendet geblieben. Die Waffen der Revolution sind zwar gebrochen, den freiheitlichen Geist aber hat man nicht ersticken können. Die Revolution muß mit der Wurzel ausgerottet werden, wenn die Reaktion die Früchte ihrer Anstrengungen ungestört genießen will. Sie kennt den Todeskeim im Herzen ihrer Schöpfung, und der Hochverrathsprozeß in Leipzig ist der erste wohl be- rechnete Streich, den sie zur Vernichtung des Freihcitsge- danken s führt. Um die Illusionen des Volkes nicht zu zer- stören, hüllte man sich in den Tugeudmantel des Gesellschafts- retters, gegen die Sozial-Demokraten, welche im bürgerlichen Leben als vogelfrei gelten, war ja Alles erlaubt. Ihre Unter- drückung konnte das Ansehen der leitenden Politik nur heben und ihr den vollen Beifall des modernen Liberalismus eintragen. Das braunschweiger Vorspiel mißlang; es fanden sich Richter, welche es mit Entrüstung von sich wiesen, über„Ideen" zu richten. Das braunschweiger Erkonntniß hebt ausdrücklich hervor, es sei unzweifelhaft, daß sich die Angeklagten mit revo- lutionären Ideen beschäftigt haben. Zur Anklage wegen Hoch- verraths gehörten aber Thatsachen. Die„Ideen" unschädlich zu machen, sei Sache des Gesetzgebers, nicht die des Richters. Das Leipziger Schwurgericht ist gefügiger gewesen und hat die„Idee" verurtheilt. „Die Miktion hat einen Siez erkämpft und andere iverden sich ihm anreihen, nicht allein gegen die Sozialdemokratie, sondern auch-gegen �jede freiheitliche Regung, welche die Existenz des heutigen absoluten Baues gefährden könnte. Ob es indeß gelingen wird, den Geist der Entwickelung dauernd zu fesseln, das goldene Zeitalter der Reaktion zü begründen? Wir be- zweifeln es, die Experimente, welche man anstellt, beweisen uns nur, daß der Koloß auf thönernen Füßen steht. Er wird zu sammenbrechen, wenn der Volksgeist erwacht."— Das nationalliberale„Augsburger Anzcigeblatt" schreibt unterm 27. März Folgendes: „Leipzig. Der Hochverrathsprozeß nimmt einen immer lahmeren Verlauf. Die Eingeklagten fangen an, bereits fast übermüthig zu werden und zu versuchen, den Gerichtspräsiden- ten in die Enge zu treiben. Die öffentliche Meinung kommt mehr und mehr zu der Ansicht, daß der ganze Hochverrathsprozeß, wenn man keine stärkeren Bclastungsstücke zur Ver- fügung hatte, ein politischer Fehler ist. Bis jetzt ist derProzeß nur zum Vortheil der Angeklagten insofern ausgeschlagen, als sie die schönst- Gelegenheit haben, ihre phan- tastischen Anschauungen über Völkerbeglückung und Hoffnungen auf Lösung der sozialen Frage und wohl auch auf etwas Re publik in der dritten Generation öffentlich auszukramen. Dabei werden die von ihnen veröffentlichten und Material der Anklage bildenden Flugschriften erst recht mit Erfolg kolpor- tirt und sogar an den Pforten des Gerichtsgebäudes verkauft. Gestern»vohnte der sächsische Justizminister Äbeken den VerHand lungcn bei und konnte selbst sich überzeugen, wie das Beweis- Material durch seine Fülle und Weitschichtigkeit seine innere llnbedcutendheit nicht ersetzen kann. Wurde dochsogar eine Reihe von Gedichten Freiligrath's undHerwegh's aus den Jahren 1847 und 1848 verlesen, die der„Bolksstaat" vor zwei Jahren abgedruckt hatte. Auf einen Angriff des Präsidenten gegen die Revolution von 1348 war Liebknecht so keck zu sagen, ohne jene Revolution wäre es wohl nicht dahin ge kommen, daß der hohe Schwurgerichtshof heute beisammensäße, um in einem politischen Prozesse llrtheil zu sprechen."— Der Stuttgarter„Beobachter", Organ der auf sozialem Gebiet uns entschieden feindlichen Schwäbischen Volkspartci, schreibt in Nr. 73: „Die uns soeben zugehende telegraphische Meldung von dem Ausgange des Leipziger Hochverrathsprozesses ist selbst, wenn man die Beschaffenheit dieses Schwurgerichts ins Auge faßt, geradezu unerhört, und doppelt beklagenswerth, weil dies Excmpel geeignet ist, das Ansehen der Jury im Volke zu diskreditiren oder, wenn dies nicht derFall sein sollte, noch etwas weit Schlimmeres zu konstatiren: das Sinken des Rechtsbewußtseins im Volke! Wer dem Gange der Verhandlungen aufmerksam gefolgt ist, wird den Eindruck empfangen haben, daß die A n k l a g e a u f d e n s ch w ä ch st e n Füßen stand, daß' man die Blamage, sie aufrecht zu hatten, nur daruin nicht scheute,«eil man die Blamage, sie fallen zu lassen, nicht auf sich nehmen mochte, daß hier, wie in der Affaire Westerwelle und Kozmian, ein sichtbaresNichts vorlag. Der famose Präsident des Gerichtshofes ist während der ganzen Verhandlung rechtschaffen bemüht gewesen, auch dem blödesten Auge— sollte man meinen— die Bedeutung eines politischen Tendenzprozesses klar zu machen. Der Wahrspruch der Geschorenen thut das Seinige, um zu zeigen, was es heißt, wenn eine politische oder soziale Partei über die andere zu Gerichte sitzt. Schlimmer als der militärische Justizmord, woran uns die Ver- saillcr Kriegsgerichte gewöhnt haben, ist die Tendenzjustiz, wozu sich' ein' b ürgerlicher Gerichtshof hergibt, dessen Beisitzer aus demBolke selbst hervorgegangen sind." So der„Beobachter". Irrig ist seine Annahme, die Ge- schworenen seien„aus dem Volke hervorgegangen." Sie ge- hörten der Klasse der Höchstbesteuerten an. Die Bourgeoisie saß zu Gericht über die Sozialdemokratie.— Ju Nr. 82 der„Wiener Tagespresse" schreibt G. F. Kolb(vor Bekanntwerden des Ausgangs): „Da vorhin von der Justiz die Rede war, so führt mich dies auf den Bebel-Liebknecht'schen Hochverrathsprozeß, ver sich langsam zu Leipzig abspinnt. Ist es auch sehr schwierig, aus der Ferne den äußeren Gang eines solchen Prozesses zu beurtheilen, so muß doch nach den vorliegenden und zur Zeit wenigstens nicht bestrittenen Zeitungsberichten Eines stark aus- fallen, nämlich das Verhalten des Gerichtspacäsidenten. Den bezeichneten Mittheilungen nach hat es daS Ansehen, als hätte der Gerichtspräsident die Funktion des Staats- anwalts übernommen. Ist Dies seine richtige Stellung?� Das jetzige Gerichtsverfahren in Deutschland ist, wie so vieles' Andere, nur eine Nachbildung der in Frankreich eingeführten Prozedurweise. In Frankreich entstände wohl ein starker Auf- schrei, wenn ein Assisen-Präsident so aufträte, wie es in Leip- zig geschehen zu sein scheint(geschehen ist-(Red. d. V.) Es wäre damit wohl ein schwer zu beseitigender Kassationsgrund gegeben, ivcnn eine Verurtheilung erfolgen sollte, denn Man- ches, was die Zeitunzen berichten, übersteigt doch iveit die dis- kretionäre Gewalt, welche dem Leiter eines Schwurgerichts ein- geräumt werden soll.— Im Uebrigen kann man sich wohl kaum der Wahrnehmung verschließe»� daß die Angeklagten an Urtheilsschärfe und dialektischer Schlazfertigkeit jenem Präsiden- ten sehr merklich überlegen sind".>(Forts, folgt.) Erklärung. Ich bin vom Schwurgericht freigesprochen worden, obscho n ich inich wiederholt offen als Republikaner unv Sozialdemokrat bekannt habe. Ich bin freigesprochen worden, obscho n ich(in meinem zur Verlesung gebrachten Briefe» die republikanische Propaganda als nothwendig hingestellt habe. Ich bin freigesprochen worden, o bschon ich die Ver- breitung von Flugschriften(zum Beispiel des angeblich auf- -eizenden Herwezh'schen Arbeiterliedes„Bei' und arbeit'") be. fannt und erklärt habe, den„Vorbote'� auch in Zukunft zum Abonnement empfehlen zu wollen. Ich bin freigesprochen worden, o b s ch o n ich die Beseiti- gung der bestehenden Verfassung als meinen Wunsch be- kannt habe. Ich bin freigesprochen worden, ob schon ich die Agi- tation unter der Landbevölkerung als berechtigt erklärt habe. Ich bin freigesprochen worden, o bschon ich meine Mit- gliedschaft bei der Internationalen bekannt habe. Ich bin endlich fteigesprochen worden, ob schon ich mich durchweg zu den An- und Absichten der Hauptangeklagten Liebknecht und Bebel bekannt habe. Der Unterschied zwischen den Letzteren und mir besteht bloß darin, daß ihre agitatorische Thätigkeit eine vieljährige, die meinige bislang nur eine kurze war; daß ihr Name den Haß der gesammten deutschen Bourgeoisie wachruft, der meinige kaum einigen Dutzenden von Gegnern bisher bekannt war. Ich bin also freigesprochen worden, weil ich weder Lieb- tnecht noch Bebel heiße. Leipzig, 28. Mär; 1872. Adolf Hepuer. Preutzische Polizeiagentur in London. Am 23. März erhielt Liebknecht einen mit dem Post- stempel„London" versehenen unfrankirten Brief, welcher die Adresse trug: „Herren Liebknecht und Bebel in Berlin" und dessen Inhalt lautete: London, 20. März 1872. „Herren Liebknecht und Bebel in Leipzig." Ich gratulire Sie(!) meine Herren, es ist zwar ein Un- gliick, daß Sie arrelirt sind, aber die gute Sache der Freiheit geht an. Fahren Sie mit Ihrem guten Werte fort und noch werden die H........ Wilhelm, König und Kaiser, sowie Bismarck fallen, und dann allein wird Deutschland frei werden. Eine deutsche Republik müssen wir haben. Preußen darf nicht länger die Deutschen zu Sklaven machen..In allen Ländern wird die Sklaverei abgeschafft, nur Preußen allein behält sie bei. Ihr Freund v. Hoffmann. „Ich hoffe Sie empfangen diese Zeilen. Vielleicht wird der Brief von preuszischeu Spionen eröffnet werden. Dies Alles kann und wird in Prekißen gethan, was in an- dern Ländern nicht geschieht." Der Pseudonyme Schreiber„von Hoffmann" ist derselbe „Freund"— das bewies uns die Handschrift— der im vorigen Jahr(gelegentlich des Truppeneinzugs in Berlin) an die Adressaten des Obigen den famosen(seiner Zeit im„Volks- staat" veröffentlichten) Brief richtete, worin er anfragte, ob nun Alles vorbereitet sei, um den Kaiser Wilhelm bei jener Festlichkeit zu ermorden. Daß das vorstehende Schreiben mehr als ein schlechter Witz ist, geht daraus hervor, daß der Ver- fasser, welcher im Briefe selbst auf den in Leipzig sich ab- spielenden Prozeß Bezug nimmt und die innere Aufschrift ganz richtig mit„Leipzig" versieht, das Couvert nach„Berlin" adressirt hat.— Es ist auch das Original dieses Briefes der Leipziger Staatsanwaltschaft zur Aufbewahrungübergebenworden. Die„Gartenlaube" über die Franzofen. „Der Franzose mit seinem lebhaften Geselligkeitstrieb schließt sich vor dem Fremden nicht ab, sondern öffnet ihm gern sein Haus. Er hat eine nicht genug zu lobende Nachsicht gegen sreinde Sitte und läßt jedem Ausländer seine Eigenart.'Nirgendwo sühlt sich dieser leichter heimisch, als in Paris. Er wird Pa- riser, ohne es zu merken. Keine Stadt der Welt hat eine solche Asstmilationskraft, wie die Hauptstadt Frankreichs. Was nun die Deutschen sin Besonderen anlangt, so werden sie in allen Kreisen gern gesehen. Tausende unserer Landsleute haben in Paris einen Hausstand gcgründet und sich mit Französinnen verhei- rathet, und wenn sie nun auch ihr deutsches Wesen nicht auf- geben, so erwidern sie doch die Sympathien, die sie in Frank- reich gefunden, und hegen keinen heißeren Wunsch, als Deutsch- land und Frankreich, diese zwei großen jCulturstaaten des Eon- tinents� in Frieden und Eintracht zu sehen. Diesen Wunsch theilt auch mit ihnen das französische Volt. Ein blutiger Eon- flkt zwischen den zwei'Nationen wäre der Ruin Europa's. Niemand fühlt dies lebhafter, als der in Frankreich lebende Deutsche. Wenn je eine Allianz vernünftig und naturgemäß war, so ist es die Allianz zwischen Frankreich und Deutschland. Beide Länder sind wie geschaffen, sich gegenseitig zu ergänzen, durch ein inniges� Bündniß zu erstarken und die Freiheit und den Fortschritt in unserem Welttheil zu verbreiten und zu sichern. Der gesunde Menschenverstand sieht dies leicht ein und möchte lieber die Spinngewebe in den Ar- senalen, als in den Werkstätten sehen. Leider werden aber die Lenker der Nationen nicht immer von diesen Anschauungen geleitet. Daher die beständige Furcht, es könnten die Hinter- lader und d'.e gezogenen Kanonen am End- doch die Stimmen der Vernunft übertönen. In welche Lage würden die in Frank- reich lebenden Deutschen gerathen durch den Ausbruch eines deutsch-französtschen Krieges!'Nur wenige unserer Landslcute würden Frankreich verlassen können, und die Zurückbleibenden würden sich,; wie auch die Kriegswürsel fallen inögen, in einem beklagenswerthen Zustande befinden. Die Siege Frankreichs würden ihren Patriotismus verwunden, die Siege Deutschlands- ihren Aufenthalt in Frankreich verbittern. Wer eine unab- hängige Feder führt, sollte daher alles aufbieten, was zur Ver- söhnung, zur Verständigurg der zwei großen Nationen beizu- tragen vermag." So human ist die Gesinnung, so vernünftig das Urtheil, so verständig die Sprache der„Gartenlaube"— vom Jahre 1869 Skr. 18. S. 282. Aus Amerika. New-York, 10. März 1872. In der dritten Woche des Februar fand die Konvention*) der sogenannten NationalenArbeits-Reformpartei stall in Columbus, Ohio. Es ist in ftüheren Mittheilungen im „Volksstaat" öfters nachgewiesen worden, daß diese Vereinigung *) Zusammenkunst, Kongreß. die rein kleinbürgerliche, oder eigentlich kleinbäuerliche, Partei dieses Landes ist. Das Kleinbürgerthum und Kleinbauerthum wehrt sich hier ivie überall verzweifelt gegen das Aufgehen im Proletariat, wiewohl vergebens, und macht kolossale Anstren- gnngen, seine eignen Episteuzbedingungen als dauernde, muster- giltige Einrichtungen aufzustellen' und zu erhalten. Die ge- nannte Konvention nahm langathmige Beschlüsse als Programm an, durchaus übereinstimmend mit denjenigen der sogenannten Nationale» Arbeiter-Union, von der früher berichtet, worin sich Alles uin die Papiergeld- und Zinsen-Frage dreht. Diese Leut- chen wollen nämlich alle Schäden der Gesellschaft heilen und die Arbeiterfrage lösen mit der unbeschränkten Ausgabe von Papiergeldmassen und zwangsmäßiger Herabsetzung des Zins- fußes, stecken also in den Kinderschuhen ökonomischer Weisheit. — Sie stellten Kandidaten für die Aemter des Präsidenten und Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten auf, einen Re- publikaner und einen Demokraten, deren Keiner jemals ihrem Verband angehörte oder angehören wird, und nun kann der Stimmenschacher beginnen; denn darauf läuft zu gut»r Letzt die ganze Geschichte hinaus.— Die Forderung des„Referen- dnms" wurde mit großer Mehrheit abgelehnt und eine hitzige Debatte geführt über die Zulassung des Delegirten einer „amerikanischen" internationalen Sektion von Philadelphia. Sie gingen darum herum wie die Katze um den heißen Brei und beschlossen, den Delegirten als einen Abgeordneten von Pennsylvanien zuzulassen, aber nicht als Delegirten einer in- ternationalen Sektion. Der Delegirte ließ sich das gefallen. Ist schon Nichts an den Prinzipien und dem Programm dieser sogenannten Arbeitsresormpartei, so noch viel weniger an der Organisation und hinter den Meisten der Beamten, Delegirten, Wortführer-c. Derselben steht auch nicht ein Mann. Im Staat New-Aork besteht ein Executivkomite, er- nannt vom Präsidenten(der in Michigan wohnt), aber' keine Parteiorganisation. Es macht Nichts! Das Exekutivko- mit« tritt eines schönen Abends zusammen und wählt Dele- girte zu der Konvention, natürlich seine eigenen Mitglieder, und wenn diese nicht ausreichen, noch ein Paar andere zum gegen- feitigen Bewunderungskreis Gehörige. Die sogenannte Exekutive des Staates Illinois, ernannt wie oben, erläßt einen Aufruf zu einer„Bolks"-Reformkonvention auf Grund des Programms der Arbeits-Reformpartei, und sagt darin aus- drücklich:„Es ist nicht nöthig, daß Ihr, Abgeordnete, ge- sandt werdet. Nein! kommt nur, Ihr seb st gewählten, s e l b steingesetzten(self-constituted) Deputirtenw/' Genug!!— Der Deutsche ist doch unverwüstlich im Unterthanenthum und der Polzeischnüffelei. Man höre folgendes Stückchen: Am 2. Sonntage des Februar hielt eine deutsche internationale Sektion(Nr. 11) von New-Pork in der 36. Straße eine öffent- liche Versammlung ab, worin Vorträge über die Kommune und allgemeine Arbeiterangelegenheiten gehalten wurden, und es war ihnen gelungen, von einem Wirth das Vereinslokal des„Deutschen Fortbildungsvereins" dazu zu erlangen. Ent- setzen bemächtigte sich der Ehrbaren, Schrecken fuhr ihnen in die Glieder und die Knie schlotterten den Philistern ob dieser Entweihung. Was thalen sie? Drei Mann hoch, feist und fett, pflanzte sich ein Berichterstattungskomitä in den Saal und — um aus alle Fälle vorbereitet und geivappnet zu sein gegen die Uebelthäter— nahm es in segne Dienste und Mit.te einen Gchcimpvlizisteu! Wie wird der Stieber sich freuen! Die Expedition des„Volksstaat" wird hiermit ersucht, Herrn Stieber diese Nummmer des„Volksstaat" zuzusenden, damit er seine Pappenheimer kennen lerne.— Es hat sich kürzlich eine skandinavische Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation in Newyork gebildet, sowie eine zweite skandinavische in Chicago. Sektion I Newyork(früher Allgemeiner Deusscher Arbeiter- Verein) wird am 17. März die„Kommune" feiern. Zur Be- theiligung sind eingeladen alle im provisorischen Föderal-Rath vertretenen Newyorker Sektion, sowie die deutsche Sektionen 6 und 13, und die französische Sektion Nr. 10.— Amand Goegg von Genf ist kürzlich hier angekommen, um eine Rundreise durch das Land zur Abhaltung von Vor- trägen anzutreten. Ein Bericht über seinen ersten Vortrag in Newyork ist diesem Briefe angefügt für die Redaction des „Volksstaat". Die Acht stundenfrage ist verschiedentlich in den Gesetz- gebungen zur Sprache gekommen. Als das Achtstundengesetz in Kraft getreten war, umgingen die Vereinigtcn-Staaten-Beamten lange Zeit das Gesetz durch eine eigenthümliche Auslegung, indem sie allerdings nur 8 Stunden Arbeit verlangten, aber da- für nur(4/6) vier Fünftel des gebräuchlichen Arbeitslohns zahlten. Eine viele Monate ivährende Bewegung der Arbeiter- organisationen fübrte endlich zu einer Entscheidung des Präsiden- ten, daß 8 Stunden Arbeit in den Regierungswerkstätten einen Arbeitstag darstellten, folglich auch zu der Bezahlung für einen Arbeitstag berechtigten. Danach hatten sich nun die Behörden zu richten, verweigerten aber die Zahlung des bis dahin ein- gehaltenen einen Fünftels des Arbeitslohns. Der Vorsitzer des Ausschusses für Bewilligungen im Kongreß beantragte nun die Bewilligung von 450,000 Dollars, um diesen Ausfall zu decken und die gerechten Forderungen der Arbeiter zu decken. Nach einer ziemlich erregten Debatte wurde diese Forderung mit großer Mehrheit, verworfen. In der Gesetzgebung des Staats Newyork wurde die Un- tersuchung gegen die der Uebertretung des 8-Stunden-GesetzeS ic. angeklagten Beamten nieder g es ch lagen und der Minderheits- bericht/ welcher Tadel der Beamten und Beachtung des Gesetzes verlangte, mit 34 gegen 38 Stimmen verworfen. Das Geschrei nach„Reform" tönt noch immer fort und es werden überall Untersuchungen angeordnet— bei den Richtern, den städtischen Behörden, in der Zollhausverwaltung, bei den Einwanderungsbehörden u. s. f.— welche den gemeinsten Betrug und Schwindel in allen Zweigen des öffentlichen Lebens zu Tage fördern. Das Resultat, die Folge dieser Untersuchungen und Ent- deckungen ist von zweierlei Art: 1) Drängen sich die„Re- form"-Schreier in alle Aemter, denn von einer Aenderung des Systems ist keine Rede; und 2) wird den Arbeitern ihr. Lohn verkürzt und vorenthalten.— So zahlte z. B. der Stadt- schatzmeister letzte Woche den Beamten ihren Gehalt für Februar ieses Jahres, einer großen Zahl vou Arbeitern aber ihren Lohn für Oktober und November letzten Jahres aus. Die Arbeiter werden auch daran wieder erkenne», was das Wort„Reform' im Munde der Bourgeois aller Schattirungen bedeutet.— . Im«enat der Vereinigten Staaten hat einer wochenlange Debatte Statt gefunden über den Waffenschacher, welchen die hiesige Regierung und ihre Beamten während des preußisch- französischen Krieges betrieben haben; Sumner und Schurz wiesen schlagend nach, welche schreiende Verletzung der Neutralität sich dabei die Regierung hat zu Schulden kommen lassen. Dem Briefe eines Parteigenossen aus Kopenhagen, cl.»1. 22. März entnehmen wir Folgendes: „Ich bin eben in Hamburg gewesen; unser Blatt— der„Sozialisten"— mußte das letzte mal da gedruckt werden, weil die Buchdruckereibesitzer wieder Strike gemacht haben gegen uns— Gottlob, jetzt brauchen wir sie nicht mehr, denn vom ersten April ab haben wir eine selbstständige Druckerei.— „Wir folgen Alle mit größtem Interesse der Entwickeluug Ihres Prozesses,; wir glauben aber fest, daß Sie nickt verur theilt werden können; widrigenfalls müssen wir alle dasselbe Schicksal erleiden, denn wer von uns wünscht nicht eine Ver- änderung der bestehenden Verhältnisse? Die Dummheit unserer Gegner ist pyramidal; sie glauben den freien Gedanken er- sticken zu können, dadurch, daß sie das Wort und die Thal verhindern. Da waren doch die Bluthunde in Versailles klüger, sie wußten, daß der freie Gedanke nur mit dem Leben uns verläßt und sie schlachteten unsere französischen Brüder.—" Wohin wirgekommensind. Berliner Correspondenten entwerfen folgendes charakteristische Kulturbild: Verlin, 24. März. Gestern in der Mittagsstunde zivischeu 1l und 12 Uhr fand auf dein Königsplatz hier ein eigenthümlicher Kamp! zwischen der evangelischen und der katholischen Schuljugend Berlins statt.— Als wir zufällig den Platz passirten und die viele Hundert zählenden Vertreter unserer Schuljugend in zwei kainpfesmurhige Heere getheilt sahen, glaubten wir den Beginn eines Voltsfestes vor lins zu haben. Bald wurden wir eines Anderen belehrt, wir sahen, wie die jungen Kampfhähne mit komischer Erbitterung gegen einanver losstürmten. Eine kleine Schaar der jugendlichen Nachkommen Jacov» stand abwärts und sah init Wohlgefallen dem Kampfe außer Schußweite zu. Auf unsere Frage an die kleine neutrale Partei: was da los sei? antwortete uns eist schwarzgelockter Knabe:„Die Katholile» hauen sich mit den Christen!"— Und in demselben Augenblick sahen wir den einen Theil der Käinpfendeu mit dem Rufe:„Hurrah Bismarck!" auf die Gegenpartei eindringen und dieselbe in die Flucht schlagen! „Das sind die Christen, die da siegen!" meinte der kleine Israelit und klatschte dabei, in die Hände:„sie werden die Majunken schon zu Paaren treiben!"— Welchen Ausgang der Kampf genommen, tonnen wir nicht berichten, da ivir ihn nicht abwarten konnten, doch hosten wir, daß es durchaus zu keinen Verwundungen gekonunen." Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Wen» unsere„Staatsmänner" und Volksvertreter sich um die Reli gion zanken, kann man es der lieben Schuljugend nicht verar gen, wenn sie sich um die Religion prügelt. Und da diese Jugend allmählich heranwächst, bringen wir es vielleicht auch noch zu einer zweiten Auflage des dreißigjährigen Kriegs. Nur immer„genial"!_ London, 26. März.(Bersailler Humanität!. Ein Flüchtling der Pariser Commune gibt in der„Times" von seiner neunmonatl. Gefangenschaft eine Schilderung, deren we- sentlichen Inhalt wir wiedergeben:„'Nach meiner Verhaftung in den letzten Tagen des Mai 1870 wurde ich nach Versailles gebracht und schlief vier'Nächte zusammen mit 20,000 Män- nern, Weibern und Kindern in der Ebene von Satory. Am 27., und 29. goß der Regen in Strömen, wir waren bis aus die Haut durchnäßt, durften uns aber, bei Strafe sofortiger Hinrichtung, nicht rühren. Auf einen Mann, der sich vor schmerz erhob, wurde geschossen; die Kugel traf aber nicht ihn, sondern einen bekannten Malar. Am 29. wurden ivir unserer 600 in Viehtransportwagen gesteckt, und nie wurde ich die Todesqual der 24 Stunden vergessen, die wir ohne Essen und Trinken zubrachten, bis wir schließlich Lorient erreichten. Mehrere Frauen waren bei unserer Ankunft daselbst im Sterben. Gefesselt wurden wir durch die Stadt an Bord der„Prudence" gebracht, und am 1. Juni nahm uns der Gefängnißponton �.La Vengeance"(die Rache!) auf, in welchem ich nicht weniger als neun Monate zubringen sollte. Unsere Wächter behandelten uns ohne jede Veranlassung äußerst brutal, und eine alte faden-- scheinige Decke mit massenhaftem Ungeziefer>var alles, was wir von Bettzeug erhielten. Ich war glücklicher als meine Kameraden, da ich in einer Batterie untergebracht wurde, wo das Licht durch die Stückpforten eindringen konnte, während Viele, die nichts Schlimmeres gethan. halten als ich, ins un- tere Verdeck geworfen wurden, und ich glaube nicht, daß viele dieser unglücklichen Geschöpfe auch nur ein einziges Mal in den neun Monaten den Himmel gesehen haben. Die Ge- fangenen befanden sich gleichsam unter Wasser in einem Käsig, denir dichtes Gitterwerk umschloß jede der vier Abtheilunzen. Bei diesem elenden Leben und der schlechten'Nahrung wurde unsere Zahl täglich kleiner, nicht durch Freilassungen, sondern durch den Tod. Gegen Ende Januar war ich dem Tode nahe, als ick eines willkommenen Nachmittags auf's Deck gerufen wurde. So schnell mein Scorbut inir erlaubte, schleppte ich mich an Deck, wo mir ohne jede Erklärung meine Decke und mein Löffel abverlangt wurden. Noch immer über mein Schick- sal im Ungewissen, wurde ich nach Lorient eingeschifft, dort mit einer Anzahl Anderer vor die Präfektur gebracht, wo wir einen Paß nach Boulogne und 4 Franken Zehrgeld für den ganzen Weg erhielten. Ueber Paris kamen wir in zwei Tagen halb todt vor Hunger, nach Boulogne. Der Polizei-Com- missär nahm mir meinen Paß ab und spedirte mich auf einen Dampfer, der im Begriffe war, nach Folkestone in See zu gehen. England erreichte ich in einem bedauernswerthen Auf- zuge, geschwächt durch Krankheit, ohne einen Heller Geld und ohne einen einzigen Freund. Zu Fuß marschirte ich nach London, und nur das Mitleid gutherziger Leute, die mir hier und da ein Stück Brod reichten, rettete mich vor dem Hun qertodc."--- t- Kaffel Sö. März. Dem social-demokratischen Arbeiter- verein ist zur Versammlung seiner Mitglieder schon einigemal die Benutzung des 3tadtbau,aales unentgeltlich gestattet worden. Die königl. Regierung ist der Meinung, daß darin eine Unter- stützung der destructiven Tendenzen, welcher dieser Verein verfolge, erblickt werde» köniie und findet es deshalb ungeeignet, daß die städtische Behörde zu solchen Versaminlungen den»tadtbaujaal zur Verfügung stelle. Diese Eröffnung, welche in der letzten Stadtrathssitzung mit getheilt wurde,„ließ man sich"- wie es in dem Berichte der „Hessischen Morgen-Zeitung" heißt—„zur Nachricht dienen."(F.Z.) Die vertheidigung von Parts von B l a n q u i. i (Forsetzung.*/ Id. Septenibn 1S70. 4. Man fährt hartnäckig fort, das Publikum durch Aufschnei- vertien und Thorheiten zu täuschen. Ii» Namen des gesunden Menschenverstandes und der ernsthajieu Verlheidigung werden wir nicht müde werden, die Wahrheil auszudecken; teiu Borwurf des Alarmschreiers, welcher das Hauptarguineni des �plimih- mus i>i, halten wir den des Einschläferers entgegen. Wir alarmireu nicht, um zu entrnuthigen, sondern ganz im Gegentheil, um unheilvolle Illusionen zu zerstören. Eine Gefahr, welche unversehens in voller Sicherheit hereinbricht, ist beinahe immer eine tödtliche Gesahr. Nichts ist so gefährlich, wie der Einschläferer. Dies.war das bonapartistische System. Man weiß, wohin es uns geführt hat. Dasselbe System, trotz seiner Niederlagen, wiederholt ohn' Unterlaß den Angriff und ergreift von ilteueni die Offensive. Es stützt sich auf die Furcht, die immer so glücklich ist, sich täuschen zu lassen und verwandelt die Zitternden in Strauße. Man begreift nicht die Summe von Kindereien und Prah- lereien, welche sich aufthut, um der Schwachheit den.£)of zu machen. Es ist eines der häßlichsten Symptome des Ver falls. Man strengt sich an, uns zu Griechen zu machen, wie sie bei der Belagerung von Constantinopel waren. Man liest in einer einflußreichen„Revue": „Außerhalb der Linie der Forts ausgestellt, könnten die preußischen Batterien die Stadt nicht erreichen. Wenn sie bis an die Enceinte gerück: wären, würden sie ihre Geschosse kaum über die alte Oktroimaucr herein werfen. Das ganze alte Paris wird als» ein sicheres Obdach für die Pariser Bevölkerung sein." Die Wahrheil aber ist: Außerhalb der Linie der Süd- sorts aufgestellte preußische Batterien würden die Arrondisse- ments sBezirke) Iii, 14 und 15 bombardiren. lieber die West- sorts Aubcrvilliers und Romainvillc hinweg würden die Ku- geln einen großen Theil der Bezirke 18 und 19 erreichen. Zweifelsohne, man könnte auch auf diese Batterien schießen. Aber die Batterien sind bombenfest und bieten eine nur kleine Oderfläche, während man aus eine Stadt schießt, ohne zu zielen und jeder Schuß trifft. Es ist also ein sehr schlechter Einwand, zu sagen:„Der Feind kann uns nicht von diesem oder jenein Punkte aus bom- bardiren, weil er sich unter dem Feuer der Forts befände." Man könnte ebenso gut sagen:„Der Feind wird keine Flin- »euschüsse auf uns abfeuern könuen, weil ihn die unsrigen treffen würden." Im letzteren Fall ist die Gefahr für beide Theile gleich groß. Sie ist es nicht bei einem Bombardement. Die Geschosse fallen alle in eine belagerte Stadt, aber nur sehr wenig fallen gerade auf den Platz der belagernden Batterien. Aber was zu dieser unglaublichen Behauptung sagen: „Das ganze alte Paris wäre ein sicheres Obdach für die Be- völkerung gegen die Bomben, welche vom ganzen Umfang der Enceinte aus geworfen werden"! Wenn man die Batterien auf dem Umkreis der Befesti- guugen postirt annimmt, so würde der zwischen der Seine lie- gende Stadttheil, das große Boulevard, die Straßen Gaillon und Saint Roch und die Straße du Temple Bomben aus allen Batterien erhalten. Der Rest von Paris würde nur von drei Vierteln erreicht werden. Das genügt. Wenn diese Aussicht vor Jcdermans Augen stünde, so würde Paris nicht von 190, 090 Weibern überschwemmt sein, welche aus dem Innern der Provinzen gekommen sind, um in diesen uneinnehmbaren Befestigungen einen Zufluchtsort zu sin- den; denn die Legende vom uneinnehmbaren Paris ist jetzt überall eingewurzelt. Die armen Weiber, welche in Sicherheit waren in den Gegenden, wo der Feind niemals hindringen wird, weil sie von seinem Wege abliegen, werden von wahnsinniger Panik ergriffen, und kommen wie der Schmetterling, um in der Kerze zu ver- brennen. Das wird ein schönes Geschrei sein, wenn die Kanonen krachen! Und wenn unglücklicher Weise irgend eine Bombe in die Vorstädte niederfällt, welcher Schrecken, ivelche Verzweiflung unter diesen unglücklichen Geschöpfen! Sie werden fort, fliehen wolle»«, sie werden in ihre kleine Stadt zurück verlangen, sie wer- den fürchterlich toben. Und all das, weil man ihnen in den Kopf gesetzt hat, Paris erfreue sich der Eigenschaften des Sala- manders. Gewiß müßte sich die Vertheibigung den Zweck vorsetzen, de«» Bomben die Erreichung der Stadt unmöglich zu machen. Es ist ein wenig spät heute, um diese Gewißheit zu erringen. Mit Ernst und Thätigkeit läßt es sich aber doch erreichen. Der Kampf muß weit vor die Stadt hinaus verlegt wer- den, um die Preußen in gemessener Entfernung zu halten. Viel Menschen, viel Artillerie und die angestrengteste Arbeit, um Laufgräben zu flehen, das sind die Mittel des Erfolgs. Die Höhen von Sövres und von Meudon werden wahr- scheintich den Schlüssel der Belagerung bilden. Der Feind wird in diesen ungehkuren Wäldern in Sicherheit, und seine Be- wegungen werden unseren Augen verhüllt sein. Er findet dort die Bedingungen des Kampfes, welche er sucht: Dunkelheit, Ver- steck und Geheimniß. Wenn»vir eine große Armee hätten, so müßten sich be- Irächtliche Truppenmassen in diesen Wäldern festsetzen, welche von den beiden Eisenbahnen nach Versailles durchschnitten werden, und welche den leicht verwundbaren südwestlichen Punkt von Paris decken. „Man hat soeben, sagt ein Journal, in Stores gegenüber der Porrellanfabrik eine herrliche Position entdeckt, welche die Seine und das Terrain von Paris beherrscht. Nie sand sich daS militärische Genie bemüßigt, diesen Kapiralpunkt zu befestigen, von wo und die Preußen nach Belieben bombardiren werden, wenn man sie's thuu läßt." Das weise Zournal wendet sich überdies in einem verzwei- sellen Ausruf an alle Gutgesinnte:„3990 Mann, schreit es, 3099 Mann zur Rettung von Paris!" ') Siehe Nr. 89 vom vor Jahre Das ist wenig, in der Thal. Wenn die Regierung endlich, obgleich ein ivenig spät, einsieht, daß der Erfolg der Vertheidi- gung.in diesen äußeren Arbeiten liegt, bestimmt, den Feind fern ni halten, so spreche sie es laut und vernehmlich aus! Sie rufe durch Anschläge die Arme der Pariser auf, die Hacken und die Dpaten. Hat man nicht die Mobilen, diese träfiigen Leute, w lche in den Erdarbeiten ihre gewohnte Beschäftigung wiederfiuden und die Arbeit rasch verrichten würden? Ueberall sind diese Erdiverke weit hinaus zunächst nothmendig. Im Süden und Westen sind sie absolut unentbehrlich. Sie würden auch zwischen der Seine und der Marne auf der Höhe von Crcteuil sehr nützlich sein, um das Fort von Charenton gegen ein Bombardement zu schützen. Kurz, eine Armee von 4 bis 999,999 Mann muß den Preußen eine sortdauernde Schlacht liefern, eine Ateile weit vor der Linie der Forts. Paris wird die Kanonen hören, aber es wird die Geschosse nicbt>eheu, und bald wird die sicher gestellte Bevölkerung noch viel glühender zum Kampf, noch viel inehr zum Opfer bereit sein. Rur haben wir keine 909,999 Maim Wenn man einem enthusiastischen Journal glauben müßte, so hätte man freilich zur Stunde schon viel mehr. Sehen wir seine Rechnung:„Herr Corbon, der Maire des 19. Bezirks hat 19,999 Gewehre kommen lasten, c'me Zahl. die genügt, um die ersten zur Stunde eingeschriebenen National- Garden zu bewaffne»; 99,999 neue Einschreibungen zwingen Herrn Corbon, noch 99,990 neue Gewehre zu finden." Also 69,900 National- Garden im 19. Bezirk. Es ist um so merkwürdiger, als dieser Bezirk nur 79,000 Seelen zählt. Die Weiber müssen ein sehr gesuchter Artikel sein in die- fem Bezirk,>vo sich nur 9000 finden von 1 bis 80 Jahren für 69,000 erwachsene Männer. Wenn ganz Paris aus diese» Füßen stände, hätten sich die Preußen nur brav ferne zu halten. Die Zeitungen wimmeln von solchen Lügen. Es ist schreck- lich, so in den Wind hineinzuschwatzen in solch' kritischem Augen- blick. Der größte Theil dieses albernen Zeugs hat leine un- heilvollen Folgen, aber einige könnte man theuer bezahlen müssen; das Publikum nimmt Alles vertrauensvoll hin. Hier folgt noch ein sehr bedeutsamer Irrthum, welcher aber hoffentlich keine schlimmen Folgen haben wird. Bourges ist das große Arsenal der Artillerie: Kanonen und Munition sind dort aufgehäuft. Nu», ein Journal sagt:„Geschützt von dem Ungeheuern Gürtel der Loire ist Bourges gleichsam die zweite bewaffnete Hauptstadt Frankreichs. Seine strategische Lage schützt es vor den Angriffen res Feindes. Um nach Bourges zu kommen, müßte die preußische Armee Paris geuonuneu haben und müßte dann riskiren, im Eentrum von Frankreich die Armee aufzu- suchen, welche sich dort gebildet hätte." Immer dieser Optimismus mit seiner rosensarbigen Brille! Immer die Unbesiegbarkeit! Immer die angebliche Macht- lostgkeit des Feindes! Man vergißt, daß keine französische Ar- inee mehr im Felde steht und daß die Preußen allein die Herren sind. Wenn es ihnen beliebt,»ach Bourges zu gehen, so werden sie nach Bourges gehen, ohne Paris genommen zu haben, selbst ohne sich um dasselbe zu kümmern. Bis reguläre Truppen in achtunggebietender Zahl sich ihnen entgegenstellen, können die Preußen durch Frankreich ziehen von Nord nach Süd, von Straßburg nach Bayonnc, von Nizza bis Brfft mir 15,909 Pferden und 40 Stück leichter Artillerie. Sie können 5ie Arsenale ausheben und zerstören, die Pul- ver-, die Wafsenfabrikeu, sobald sie nicht in einen festen Platz eingeschlossen sind. Saint-Eftenne, Tülle, Chatcllerault, Bourges sind offene Städte, und keine organisirte Streitkraft scheint im Stande, den Feind in seinen Unternehmungen auf allen diesen so wichtigen Punkten aufzuhalten. In 19, in 14 Tagen vielleicht steht die Sache anders. Augenblicklich könnte allem Anschein nach nichts diesen verhäng- nißvollen Versuchen Widerstand leisten. Es ist ivohl möglich, daß der Feind während seines Marsches aus Paris rasch große Abtheilungen auf unsere Arsenale wirst und sie unwiderbringlich zu Trümmern macht. Man muß hoffen, daß das Kriegsministcrium nach Paris Besan�ou und andern Plätzen das Artilleriernatcrial, die Waffen, das Pulver bringen ließ, welche schutzlos in den offenen Plätzen liegen.(Fortsetzung folgt.) Allgemeiuer deutscher Schneidervereiu. Nürnberg, den 26. März! Wir bringen hiermit allen College» zur Kenntniß, daß unser S tr i k e s i e g r e Ich'b c e n d e t ist. Alle College», welche für uns Gelder gesanirnelt und noch nicht abgeschickt haben, ersuchen wir dringend, dieselben nach Mainz und Leipzig zu dirigiren. Ueber die eingegangenen Unterstützungen lverden wir im„Bolksstaat" Rechnung legen. Mit sozial-demokratischem Gruß. I. B anmann. velenau Am 3. März sand hier eine sehr stark besuchte Volks- Versammlung statt, in welcher Parteigenosse Uhlc referirte: Er sprach zunächst von der geschichtlichen Entwickelung des heutigen vierten Standes, wies sodann die traurige Lage desselben statlstisch nach und verbreitete sich über Mittel und Weg� welche zur Abhilfe führen. Herr Uhle hob das internationale Prinzip hervor, während die hiengen sozialistischen Arbeiter zum Theil noch an dem nationalen Prinzip hingen. Trotzdem daß dieses Thema nur kurz behandelt werden konnte, trat die Mehrzahl der jozial-demokratischen Arbeiterpartei bei; die anderen werden in einer demnächstigen Versammlung noch zutreten, jedenfalls alle Die, welche? sich überhaupt nicht durch Kurzsichtigkeit ab- halten lassen, für ihre Interessen einzutreten. Sehr bedauerlich war, daß Herr Schletter von Thalheim trotz seiner bestimmten Zusiche- rung nicht erscheinen könnte. Herzlichen Dank den Chemnitzer Parteigenossen, die uns so freundlich unterstützten. Wir ersuchen sie, uns auch in der nächsten Ver- sammlung zu unterstützen, wo das internationale Prinzip sich richtig festsetzen soll. Die Leute kennen hier dasselbe weiter nicht, als aus der Hatzfeldt'schen„Freien Zeitung." Mit sozialdemokratischem Gruß Karl Ferdinand Sonntag jr., von der Versammlung gewählter Schriftführer. Auasburg. Arbeiter und Schuhmacher Deutschlands!� ES ftriken seit vierzehn Tagen 100 Schuhmacher hier und ist noch keine Aussicht auf Verständigung mit den Meistern vorhanden, wir ersuchen Euch, jeden Zuzug von hier fern zu halten*). Die Augsburger Arbeiter standen stets in erster Linie, wenn es galt, in ähnlichem Kanips befindliche Brüder ,jU unterstützen, deshalb werdet Ihr auch uns gegenüber Eure Schuldigkeit thun. Unterstützungen sind zu senden an G. Lipoid bei I. Endres 0. 301. Augsburg. *j Die in dem Briese zugleich enthallene Aussorderung zur>na- teriellen Unterstützung mußten wir, gezwungen durch den bekannten Beschluß der Leipziger Polizei, streichen. R. d. V. Bruutiichwetg. Nachdem die hiesigen Zchneidergehülfen an ihr- Prinzipale die Forderung einer Lohnerhöhung von 25% gestellt, un» dieselbe von den Meistern nicht bewilligt wurde, st e l l t e n heute sämml- liche Betheiligte die Arbeit ein. Wir bitten mit allen Kräften etwaigen Zuzug abzuhalten, dann hoffen wir. da die Stimmung eine lehr gute ist, siegreich durchzudringen. Mit brüderlichem Gruß Karl.Kühn' Berti». Seil voriger Woche strikcn in Berlin die Schneider gesellen der größeren Werkstellen, circa 400 bis Ö00 Mann. Der Grund des Ztrrkes ist weniger eine Lohnerhöhung, denn die wenigen Prozente, welche zur Ausgleichung der Löhne in den betreffenden Werkstelle» von den Arbeitgebern gezahlt werden sollen, würden von Letzteren bewilligt werden, aber die Arbeiter fühlen sich als Menschen und verlangen Aushebung der Sonntags- und Nachtarbeit, und dies wollten die Herren Meister erst unter keinen Uinständcn bewillige«. Da die Gesellen jedoch fest aus ihrer Forderung bestehen, so ist Seiten« der Meister der Vorschlag gemacht, und von den Gesellen angenommen worden, beiderseits eine Kommission zn wählen, welche zusammentreten und ihren Wählern die etwa vereinbarten Propositionen vorlege«, worüber diese event. Beschluß fassen werden. Auch bei den Militär und Conscctionsschncidern haben einige Werkstellen entivrechende Lohnerhöhungen beantragt; sollten dieselben nicht bewilligt werde», w werden die Genannten die Arbeit nieder legen und würde in diesem, wahrscheinlich eintretenden Falle die Zahl der Strikendcn auf mindestens 1500 bis"2000 Mann sich belause«. Unter allen Umständen ist der Zuzug abzuhalten. Weiler« Bericht folgt. Saunover. Zur Schneider Bewegung. College» Deutsch lands! Unsere Lohnftage ist jetzt geregelt, der Sinke im Kleinen ist beendet, der Zuzug steht somit ivieder offen; wir machen aber uns«: College» darauf aufmerksam, sich, wenn sie nach Hannover kommen, die Liste» einzusehen, welche, mit den Rainen der Arbeitgeber, die unsere gerechten Forderungen angenommen haben, aus nachbenannte« Herbemen angeschlagen sind, und, wenn irgend möglich, nur'bei de« Betreffenden in's Geschäft zu treten. Die in Rede stehenden Herbergen sind: Schneider-Herberge, Knochenhauerstraße Nr. 5. Allgemein« deutscher Schneiderverein, Kreuzstraße Nr. 10. Christliche Verberg: zur Heiniath, Kröbelingerstraße. Mii sozial demokratischem Gruß Schriftführer Schrützer llvc. Leipzig. Der Ztrtke der Seiler ist zu«Ilde Zwei Drittel der Arbeiter haben sortgearbeitet, da die Meister ihnen 12',',— 25% inehr Lohn versvrachen. Verkürzung der Arbeitszeil un» Beseitigung der Tagewerke findet nicht statt. % der Arbeiter, welche die Arbeit eingestellt hatten, sind g: maßregelt und, von den anderen, den arbeitenden Kameraden, vn lassen, abgereist und betornmen unter einem Jahre in Leipzig kein: Apoett mchr. Hannover. Der Ttrike der Schuhmachergesellen dauert fort. Roch zeige»»vir hierdurch an, das; die Schuh* machergesclleu-Herberge von Herrn Willig, Rcueftr. Nr. 22, zu Herr« Kell ermann, Urcuzslr. Nr. 1« verlegt ist, woselbst stch das Schuhmachergeftlleu- Nachweisuugs-Vurcau bestudet. Hannover, den 29. März. ___ Das Strike-Comttee. Kür Hamburg. Sozial-demokrattscher Arbeite« verein. Versammlung an« Sonnabend, d. 0. April, Abends 9 Uhr, i« Eberhahn'S Clublokal, Zeughausmarkt 31. Tagesordnung: 1. der Leipziger Hochverralhsprozeß. 2. vi: Parteiagitation. Gäste haben Zutritt. August Geib. Kür Rochlttz.- Allen Parteigenossen zur Nachricht: die Versammlungen des hl« sigen'' Vereins finden vom 30. März an regelmäßig alle Sonnabend Abend 8 Uhr im Lokal des Herrn Hauswald, Leipziger Straß: statt. Männel. Kür München. Der Fachverein der Schlosser gibt hiermit allen reisende« Fachgenoffen bekannt, daß er im Würtemberger Hof Sendling« gaffe, sein Bercinslokal hat, woselbst alle Abend von 7—9 10" unentgeltliche Arbeitsvermitlelung stattfindet. Jeden Samstag Abends 8 Uhr ist orventliche Versammlung- Ter Verein hat eine selbstständige Krankenkasse, jedoch dieselbe nicht mit dem Kranken-Verein beim Kravfenwirth an, Färber graben zu verwechseln. Der Ausschuß. NB. Alle Arbeitersrenndlichen Blätter werden ersucht, vorstehend: Anzeige aufzunehmen.______ Für Hessen. In Betreff der Landesaaitation für das allgemeine, gleiche nnd direkte Gemeinde-Wahlrecht fordern wir nochmals dringend auf, un- Adressen, hauptsächlich von Gießen, Alsfeld, Schlitz, Friedberg- Worms, Alzei u. s. w. zukommen zu lassen. Ferner machen wff hiermit bekannt, daß in jeder Bolksversanimluna ein Delegirter ß* die Landesversammlung, welche an, besten hier, und zwar kurz vor der betreffenden Kamnier-Verhandlung, einzuberufen ist, zu wähl« ist. Angenehm wäre es zu erfahren, was die Mitglieder des Allg« nieinen dentichen Arbeiter-Vereins in Hessen für die erste und aröß>: Forderung des Volks und nnieres Meisters Ferdinand Lassalle z" thun gedenken. Darmstadt im März 1872. Ad.»animier«eorg Dönges, I. Vorsitzender� Schriftführer, Ballonplatz'• Für Auasburg. Sozial-demokratische Arbeiterpartei. Samstag den° April Abends 8 Uhr, Versammlung im Geisterhaus. Tagesord nnng: l) Parteiangelegenheiten. 2) Sozial-politischer Wochenbericht Zahlreichem Besuch sieht entgegen: Im Austrage (£.»nöller. Für Augsburg. Literarischer Verein, Montag oen 7. April Nachmittag 3 Ul" Versammlung im Geisterhaus. Zahlreichem Erscheinen� sichl entgegen: Ter Ausschuß. Für Leipzig. Zozial-demolratischer Arbeiterverein. Sitzung, Freitag den �5. April Abends 8 Uhr im Leipzig er Salo« Tagesordnung: Sozial-polittscher Wochenbericht. Fragekaste«' Gäste sind willkommen. Der Vorstand. Telegraphische Depesche. Nürnberg. 100 Schlosser ftriken. Fordernng' zehnstündige Arbeitszeit, 25% Lohnerhöhung. I. A. des Strikekomitee: Wolf. Gasthaus zur Lilie, Laufergaffe. Zur Beachtung. Die Pareeigenoffen, welche Extrablätter bezogen haben, wer den ersucht, den Betrag hiefür(a 6 Pfg.) und das betreffende Port» umgehend einzusenden, damit Rechnung gestellt werden kann- Ebenso auch den Betrag für Telegramme. Leipzig, 30. März 1872. __ Die Erpedttton des. Bolksstaat'-� Lei pjig: Berantw. Redakteur A. Hepner(Redaklion u. Expedttw" Hohestr. 4.) Druck*. Verlag u. F. Thiele.