Ur. 95. Aboimements-KedlHNingt«: vbonnemen«»-Pret» prSnumerando: vterteljährl. SM Mk., monatl. 1,10 Mk�, n-öche»tltch 28 Pfg. frei WZ HauZ. EilU-we Nummer S Psg. Sonntag»- Nummer mit muftrterier Sonntagi- Betlage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mark pro Quartal, Singetrage» in der Post- ZettungZ- PretZltfte für igoo unter fir. 7071. Unter«reuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 3 Mark, für da» übrig« vuZland S Mark pro Monat. «rlch,wil Ugllch«Ilster»»nieg«. Vevlinev VolKsblÄkt. 17. Jahrg. Kt« Anftrttons- Gebühr beträgt für die fechsgefpaltene Kolonek- zeite oder deren Raum«o Psg., für poltltsche und gewerkschaftliche Verein»- und BerfammIungZ- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anfelgeu" jede» Wort 5 Psg. (nur da» erste Wort fet». Inserate für die nächste Nummer müssen bt»» Uhr nachmittags tn derExpedition abgegeben werden. Die Srpcdttton ist an Wochen- tagen bt» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bIZSUHr vormittag» geöffuei. Fernsprecher!»«k l, iir. 150». Telegramm- Adresse: „Sortaldemostrat verlin" Centralorgan der socialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veutlz-Strafze 2. Mittwoch, den Ä5 April 1990. Expedition: SW. 19, Ventkz-Straste 3. Centruws Schwindel. Die schamlos unzuverlässige Haltung, die das Centrum in der Frage der Flottenvorlage einnimmt, erregt bei den anständigeren Anhängern der Partei selbst den größten Unmut. In Wahrheit hat noch bei keiner früheren Gelegenheit die Centrumspartei mit solcher Leidenschaft ihre höchste Auf- gäbe darin gesehen, die Wähler zu düpieren, den Reichstag an der Nase herumzuführen. Es ist verständlich, daß selbst die an blinde Gefolgschaft gewöhnten Centrumsmassen mißtrauisch zu werden beginnen. Es ist gleichfalls begreiflich, daß diese Beobachtung den Ccntrumsführern und der Centrumspresse peinlich wird, und es ist endlich nicht verwunderlich, daß man besondcrsjdenen'zürnt, deren ehrliche und unzweideutige Haltung Vertrauen genießt und die andrerseits mit Erfolg sich bemüht haben, die Centnlmsfrivolität an den Pranger zu stellen. Aber es scheint uns eine überflüssig starke Ungeschicklichkeit, daß man den Zorn in so alberner Weise austobt, wie es die„Ger- inania" in ihrem schlechtem Gewissen dem„Vorwärts" gegenüber in folgenden Artikel unternimmt, den wir als klerikales Stimmungszeichen im,. Wortlaut nnttcilen wollen: „Eine unverschämte Hetzliige des„Vorivarts" können wir nicht, migcrilgt passieren lassen. Das Ceniralorgan der socialdemo- kratucheii Partei entblödet sich nicht,. heute in seiner Nr. 04 vom 24. April in einem Artikel zur Wiederanfnahme der parlamentarischen Arbeiten bezüglich der Flottenvorlage zu schreiben: Selbst in der Dccknngsfrage betreibt das Centrnm nur ein Schenimanöver. Während es sich den Anschein giebt, als wolle dos Volk vor neuen Steuern bewahren, sucht es von der es Regierung die Zusage einer Erhöhung der Getreidezölle zu erpressen. Eine so freche und unverschämte Hcpliigc ist uns sogar im „vorwärts" in letzter Zeit doch nicht vorgekommen. Vor einiger Zeit versuchte der„Vorwärts" schon in lügucrischcr Weise das Centrum durch die Behauptung zu verdächtigen, daß es die Dccknngsfrage durch eine neue Belastung des.Volkes" zu lösen fuclie.(Vergl..Germania" Nr. 80 I.' Blatt vom 7. April.) Äcck und frech wurde da behauptet,„daß die Hauptsummen für die Flottenvermchrung doch ans den Zöllen und Verbrauchs- abgaben hergeholt werden sollen", wobei jeder socialdemokratische Leser selbstverständlich an solche Zölle und Verbrauchssteuern denken mußte, welche die breite Masse des Volks belasten würden. Wörtlich hieß es damals im„Vorwärts": Wie werben unablässig das feile Gaukelspiel. daS da zwischen Regierung. Centrum und den übrigen bürgerlichen Parteien be trieben wird, vor dem Volle dcnuüziercn, das die Zeche doch schließlich bezahlen muß. Tarauf erwiderte die„Germania": Es ist niehr als ein„feiles Gaukelspiel", was der„Vorwärts" wer betreibt, es ist eine gemeine Lüge und Verdächtigung. Der „Vorwärts" wird doch nicht etwa bchänptcn wollen, daß die Er- höhung der Zölle auf ausländischen Champagner und Liqnenrc, auf importierte Cigarrcn und Cignrettcn, oder daß eine Verbrauchs abgäbe für deutsche Schaumweine die armen Arbeiter oder die breite Masse des Volks belaste, ivcim wir auch nicht leugnen wollen, daß der eine oder andre„vornehme" Socialdcmokrat auch davon betroffen werden könnte. Wir wüßten nicht, welche von den vorgeschlagenen Steuern und Zöllen von socialdemokratischer Seite mit Rücksicht auf die Belastung des Volks bemängelt werden könnten, da dieselben sämtlich so gelvählt sind, daß nur die reicheren Klassen betroffen iverden. Der„Vorwärts" hüllte sich hierauf in Schweigen, statt zu widerlegen oder zu widerrufen. Au Stelle eines ehrlichen Widerrufs oder eines Versuchs der Widerlegung wiederholt er seine H® tz lüge in der oben mitgeteilten neuen Form. Wir haben absichtlich dem„Vorwärts" in diesem Punkte eine„unverschämte HchlÜge" zum Vorwurf gemacht, um demselben Gelegenheit zu geben, wegen dieser„Beleidtguna" vor Gericht klagbar zu werden und eine gerichtliche Klarstellung des wahren Sachver« Halts herbeizuführen. Wir haben die Klage des„Vorwärts" in dieser Beziehung nicht zu scheuen und erwarten dieselbe vielmehr als eine willkommene Gelegenheit, die Wahrheit zur Anerkennung zu bringen und den„Vorwärts" Lügen strafen zu können. Der„Vorwärts" scheint es ja nicht_ anders zu wollen, ob aber die Führer der social- demokratischen Partei, das ist eine andre Frage. Vielleicht kommen dicsesHctzlügen des„Vorwärts" auch einmal in den parlamen- tarischen Verhandlungen zur Besprechung, wie die Socialdeniokrate» ja ihrerseits mit Vorliebe die parlamentarische Redefreiheit in An- spruch nehmen. Vorläufig aber hat der Vorwärts die Pllicht. feine nnverschämte Hetzlüge gegen das Centrum vor der publizistischen Oeffentlichkeit zu vertreten und mit Beweisen zu belegen, d. h. wenn er beweisen kann, wo. wann und w i e das Centrum es überhaupt versucht,„von der Regierung die Zusage einer Erhöhung der Getreidezölle zu erpreffcn", um bannt die Deckungsfrage für die Flottenvermehrung zu lösen. Wir verlangen darauf eine Antwort. Der Ausdruck„erpressen" erinnerl allerdings lebhaft an den Fall Oertel in Rürn- b e r g, bei welchem die Ucbergabe des dortigen socialdemokratischen Parteiblatts in den Besitz der Partei in einer Art und Weise „erpreßt" worden ist, die den„Genossen" Oertel in den Wahnsinn und in� den Tod getrieben hat. Vielleicht hat der Erpressungsfall Oertel so niederdrückend und degenerierend auf den„Vorwärts" ge- wirkt, daß er denselben noch innner nicht vergessen kann und nur an „Erpressung" oder auch an das„ H e u t e ni i r, morgen dir" denkt. Die„großkapitalistische" Entwicklung innerhalb der socialdemokratischen Partei bringt das so einmal mit sich:„und folgst du nicht willig, so brauch ich G e w a l t." Wir freuen uns dieses bis zur Narrheit erregten Aus- sichhcrausgehens des„Centralorgans" der Centrumspartei. Die leidenschaftliche Wut, die die Unsauberkeit der Centrums- Politik sogar gerichtlich bescheinigt sehen möchte, ist uns ein tröstliches Zeichen dafür, daß die regierende Partei sich un- sicher fühlt, weil ihre hinterhaltige„Sammelpolitik" künst- lichen Zusammenhalts einer bunten Gefolgschaft mit wider- strebenden Interessen zu zerbröckeln strebt. Nichtsdestoweniger fügen wir uns mit Vergnügen dem Wunsche der„Germania", ihr gebührend zu antworten. Er sie Hetzlüge: Das Centrum sucht mit seinen lächer- lichen Scheinmanövern von der Regierung die Zusage einer Erhöhung der Getrcidczölle zu erpressen. Die„Germania" raset ob dieser Behauptung des„Vorwärts" und sie fordert uns auf zu beweisen, wo, wann und wie das Centrum der- artiges überhaupt versucht habe. Diese zornvolle Frage ist crstannlich. Die„Germania" kennt die Thaten ihrer eignen Partei nicht mehr— der traurige Ausdruck eines Gedächtnisschwundes, der freilich insofern eine gewisse Entschuldigung findet, als es auch einem klügeren Organ auf die Dauer schwer fallen würde, alle Etappen des klerikalen Zickzackkurses in der Flottcnfrage klar in der Erinnerung zu behalten. Wir machen also die „Germania" darauf höflichst aufmerksam, daß die vierzehnte der berühniten KonnnissionSfragen des Ccntrums lautet: „Sind die verbündeten Regierungen geneigt, im Interesse der Landwirtschaft... für eine angcincsscue Erhöhung der Schutzzölle auf landwirtschaftliche Erzeugnisse bei den bevor- stchcndcn Handelsverträgen energisch einzutreten?" Ist diese Antwort der„Germania" genügend oder trägt sie noch Verlangen, daß sie vor Gericht an die Wünsche ihrer eignen Partei erinnert wird? In welcher Seeleuverfassung muß sich das Centrum befinden, daß es die bloße Erinnerung au seine offen und formell ausgesprochene Forderung höherer Getrcidezölle als eine— socialdemokratische Hetzlüge bezeichnet Jedenfalls ist damit zugestanden, daß das Centrum selbst den von ihm betriebenen Flottenschacher um höhere Getreide zölle als Schmach enipfindet. Wird das Centrum nun die Konsequenz dieser späten Erkenntnis ziehen und die Frage 11 in der Kommission zurückziehen? Die erste Hc'tzlüge des„Vorwärts" hat sich mithin als eine— offizielle For derung des Centrums entpuppt. Zweite Hetzlüge: Wir behaupteten, daß das ganze Deckungsgeredc eitel Gaukelspiel sei. weil ja doch die Haupt kosten der Marineverniehrung aus den Zöllen auf die Lebens mittel der arbeitenden Masse auch nach dem Ratschluß des Centrums bestritten werden sollen. Die„Germania" nannte das vor- ein paar Wochen, wie wir jetzt hören, zu dem Zweck, um eine gerichtliche Entscheidung zu provozieren, in beleidigender Absicht eine unverschämte Hetzlüge. Der„Vorwärts" habe, so wird die fromme Legende jetzt weiter gesponnen, nach dieser Beleidigung sich tief geknickt in Schweigen gehüllt, statt zu widerlegen oder zu widerrufen. Wir müssen abermals unser Beileid wegen des betriibenden Gedächtnisschivunds der„Germania" aussprechen. Wir haben die Beschuldigung der„Germania" auf der Stelle widerlegt. Im„Vorwärts" vom 7. April war zu lesen: „Wir haben nicht nötig, die„Geiiuniiia" unsrerseits festzunageln, sie ist schon vernagelt genug, lveiui sie wirklich nicht einsieht, daß u n s r e Meinung vollständig den Thatsachcn entspricht. Das Centrum ivill nur die aus den lanfenden Rkittelu nicht deckbaren FlottcnanSgaben durch Steuern einbringen, welche die breiten Massen nicht belasten, anstatt— ivie cs jeder ehrliche Social Politiker vorschlagen müßte— die ganze Sunnne, unab hängig von den sonstigen RcichSeinnahmen. durch eine direkte gerechte Besteuerung zu decken. Da nnn der größte Teil der Flottenausgaben aus den laufenden Einnahmen bestritten iverden ivird, d. h. ans der Belastung der notwendigen Lebensmittel, so blcibl eS trotz des„Germania"« GeschimpsS irnd der ultramontanen„Fürsorge" für die ärmeren Bevölkerungsklassen dabei, Iva» wir behauptot: die Wafserpolitik wird dank dem Centrum in der Hauptsache genau so bezahlt, wie bisher daS Reich unterhalten worden ist: durch die Besteuerung der Massen. Der„Vorwärts" hat niemals behauptet, das Centrum wolle die über die laufenden Einnahmen hinaus etwa nötig werdenden Summen durch Ausbeutung des Massen- konsums aufbringen; wir haben nur darauf hingewiesen, daß das sociale Gethue der llltramontanen Wind ist, weil sie sich nicht zu der Forderung aufzuschwingen ver- mögen, daß die G e s a m t k o st e n der Marincvorlage, nicht bloß ein etwa sich ergebender kleiner nicht gedeckter Rest, auf dem Wege einer Besteuerung der Besitzenden aufgebraibt werden. Jetzt wird die„Gerniania" wohl begriffen haben, worum es sich handelt, und ihrer christlichen Gesinnung gemäß, daß man nicht falsches Zeugnis reden dürfe, ihre Beschuldigungen des „Vorwärts" zurücknehmen. Unterläßt sie das, so müssen wir wohl oder übel annehmen, daß sie nicht aus Dummheit geirrt, sondern mit Bewußtsein verleumdet hat." So schrieben wir. Die„Germania" aber hüllte sich in Schweigen: sie fühlte kein Bedürfnis, zu widerlegen oder zu widerrufen. Jetzt hat sie diesen Thatbestand gänzlich ver- gesscn, ja noch schlimmer: in ihrem Kopf hat sich der wirk- liche Sachverhalt ins Gegenteil verkehrt. Wer hat also ge- logen? Dritte Hetzlüge: Wenn das katholische Central- organ endlich den Mut findet, noch einmal an den Fall Oertel zu erinnern, obwohl unsre ehrlichen Gegner längst zu- geben mußten, daß nicht der Schatten eines Makels auf unsrer Partei ruht, so niag dieses jammervolle Verdächtigen darin einen mildernden Umstand finden, daß das Centrum in den Tagen des Prozesses Dasbach den lebhaften Wunsch empfindet, die Aufmerksamkeit von der geschäftlich- politischen Thätigkeit dieses streitbaren Kaplans abzulenken. Dieser Centrumsführer hat jene Praktiken angewandt, deren man uns im Fall Oertel- verleumderisch beschuldigt hat. Darum wußten die Blätter des Ceutrumsführers auch so gut in solchen Kniffen nnd Tücken Bescheid, als sie wider uns den Fall Oertel, der gar kein„Fall" war, auszubeuten suchten. Indessen auch Herr Dasbach verdient mildernde Umstände. Er hat die politische Moral und Praxis des Centrums nur auf feine persönliche geschäftliche Betriebsamkeit übertragen. Der sonderbare Wunsch der„Gerniania" nach einer gericht- lichen Beleuchtung der Centrnmspolitik hat sich in über- raschcuder Weise bereits erfüllt. Die gerichtliche Klärung ist über alles Erwarten bedeutsam gewesen: Die„Wohlthat", die das ultramontane Centralorgan vom„Vorwärts" erflehte, hat sein eigener Ccntrumsführer gewährt: die klerikale Politik i st in ihrem Wesen gerichtlich festgestellt. Denn was Herr Das- dach aus kapitalistischem Eigennutz und machtprotzigem Ehr- geiz gesündigt, das ist nur eine besondere Erscheinung der allgemeinen politischen Methode des Centrums, wie siei sich am grellsten im Flottenhandcl entblößt hat. Rolitifche Mebevficht. Berlin, den 21. April. Der Reichstag hatte gestern— Dienstag— seine erste Sitzung nach vier- wöchentlichen Ferien. Erste Sitzungen nach Ferien sind meist, sehr schlecht besucht, und wenn die Tagesordnung so wenig anziehend ist wie die gestrige, dann pflegt die große Majorität der Reichstags-Abgeordneten dem Reichstag fernzubleiben. Diesmal wurde die Sitzung in Anwesenheit von höchstens zwei Dutzend und bei fast leeren Tribünen eröffnet, und auf mehr als drei Dutzend hob sich auch später nicht die Präsenzliste. Und welche Gleichgültigkeit! Man könnte fast sagen Schläfrigkeit. Nun, bei dieser Tagesordnung war es nicht anders zu erwarten. Wenig anziehend und doch wichtig, ja, von einschneidender Wichtigkeit war der eine Gegenstand: das neue Reichs. Seuchengesetz, dem die erste und zweite Beratung des Uebereinkommens mit Oe st reich zum Schutze der Urheberrechte von Werken der Litteratur, Kunst und Photographie voraus ging. Die Debatte hierüber war kurz— das Uebereinkommen wurde einstimmig gebilligt, obgleich von dem Fortschrittler M ü ller-Meiningen der Stachweis geführt wurde, daß die Rechte der Autoren durchaus nicht genügenden Schutz gefunden haben. Der Ver- trag ist aber geschlossen, er bietet einige Vorteile gegenüber dem bisherigen Zustand und so blieb nichts andres übrig. als dem Vertrag zuzustimmen. Zu längerer-Debatte gab das Reichs-Senchengesetz Anlaß. Eine wichtigere Gesetzesvorlage läßt sich nicht denken. Oder giebt es etwas Wichtigeres als die Gesundheit des Volks? Aber was gilt dem handwerksmäßigen Politiker die Volks- gesundheit? Und die politischen Parteien haben keine Geschäfte dabei zu machen. 'Es ist nicht das erste Mal, daß der Reichstag ein Reichs- Seuchengesctz vorgelegt bekommt. Das erste erschien 1893 und zeichnete sich durch Mangelhaftigkeit aus. Damals blieb der Entwurf unerledigt, es wurde aber die Hoffnung aus- gesprochen, der zweite Versuch werde besser ausfallen. So weit der neue Entwurf in Frage steht, ist der Ver- such nicht besser ausgefallen. Er ist ebenso mangelhaft wie der erste, und zeigt, daß die Regierung auf dem Gebiet der VolksgesundheitS-Lehre und-Praxis in diesen 7 Jahren keinerlei Fortschritte gemacht hat. Nur in einer Beziehung war unS der neue Entwurf eine angenehme Ueberrafchung: er enthält nicht, wie das bei den neueren mit der Volksgesundheit in Verbindung gebrachten Gesetzen in der Regel der Fall ist, einen agrari- s ch e n Bocksfuß. Er handelt wirklich von Menschenseuchen und nur insoweit es Menschenseuchen sind. Allein es ist noch nicht aller Tage Abend und unsre junkerlichen Brot- und Fleischwucherer entdecken vielleicht noch ein Eckchen, in dem sich irgend ein Fleisch-Einfuhrverbot zur Verhütung von Menschenseuchen einschmuggeln läßt. Im übrigen läßt sich dem Gesetz nichts Gutes nachsagen. hätte ebenso wohl im vorigen Jahrhundert gemacht werden können. Die moderne Gesundheitswissenschaft und rationelle Hygiene ist an den Verfaffern spurlos vorüber- gegangen. Daß Verhütung der Seuchen die Hauptsache ist, davon haben sie keine Ahnung. Daß es gilt, gesunde Lebensbedingungen zu schaffen, daß für Boden»� drainierung, für geräumige, trockne Wohnungen gesorgt werden muß— das sind Dinge, von denen die Verfasser des Eni- Wurfs keine Ahnung haben. Der Geist desselben ist aus- gesprochen in folgendem Satz der„Begründung": „Die Vorlage beabsichtigt nicht, das weite Gebiet der Gesundheitspflege über- Haupt zu regeln und Handhaben zur Hebung des Gesundheitszustands im allgemeinen zu schaffen." Mit andren Worten, die Gesetzesvorlage beabsichtigt nicht zu thun, was vor allem gethan werden müßte, wenn das Gesetz nicht die reinste Pfuscharbeit sein soll. Die- alte Geschichte, das alte Rezept: Polizei! Polizei! Polizei! Polizei- Kontrolle, Polizei» Absperrung, Polizei-Strasen— Polizei und nichts als Polizei. Gerade wie bei der lex H e i n z e die Sittlichkeit durch die Polizei gerettet werden soll, statt daß man daran dächte, die Quellen der Unsittlich keit zu verstopfen, so läßt das Reichs-Seuchengesetz die Seuchen sich ruhig entwickeln und verlangt dann von der Polizei, daß sie den Schaden vor den Augen der Welt verberge. Es ist die Bankrotterklärung des Staats auf dem Gebiet der Gesundheitspflege, wie Genosse Wurm, unser Fraktionsrcdner. dem Grafen Posadowsky zurief, der sich bemüht hatte, den Blößen dieses Gesetzes der Unfähigkeit ein paar rhetorische Floskeln vorzuhängen. Die Gesundheitspflege wie die Pflege der Sittlichreit ist eben ein Stück Socialreform, und ohne Socialreform ist's eitel Heuchelei und Polizeipfusch- und Flickkram. Es ist wahr, der Entwurf hat auch etwas, das nicht Polizei ist. Er setzt einen Reichs-Gesundheitsrat ein. Ein hübsches, wohlklingendes Wort, das an das englische Board of Health(Gesundheitsamt) erinnert. Sobald man jedoch genauer zusieht, so findet man, daß das eine ein gesunder Baum ist. das andre ein kärgliches Topf- pflänzchen, das keine Erde hat, um gesunde Wurzeln zu schlagen. Das Board of Health ist ein Auswuchs des Selsgovernment und hat selbständige Machtbefugnisse,— das Gesundheitsamt ist Regierrmgsmachwcrk, ohne selbständige Gctvalt, ohne selbständiges Leben— ein klägliches Polizei- ornament. Unser Redner, der das Thema nach allen Richtungen hin beherrschte, brachte das prächtig zum Ausdruck. Die andren Redner: Gamp der Frcikonservative, Endcmann der National- liberale, Müller-Sagan der Fortschrittler— hatten auch Manches zu kritisieren— Ersterer namentlich. daß die Ausführung des Gesetzes zu viel Geld koste, (das den notleidenden Sekttrinkern entzogen wird)— in den Kern der Sache ging nur unser Genosse Wurm ein. Die Debatte ging nicht zu Ende. Vor Schluß der Sitzung erfüllte Präsident Ballestrem eine Pflicht, deren Erfüllung infolge irgend einer Fahrlässig- keit zu Anfang unterblieben war: er teilte das Haus den Tod unsrcs unglücklichen Genossen O e r t e l mit und ließ ihm die gebührende Ehrung durch Erheben von den Sitzen darbringen. Mittwoch Fortsetzung des Seuchengesetzcs, Nachtragsetat, Dampfcrfubvention, Afrikanisches.— AbgeordnetenhanS. Das prenhische Abgeordiictcnhans nahm am DiciiStag scinc Sitzungen niit der Beratung von Initiativanträgen wieder auf. Ein Antrag der Freisinnigen und des CentrumS betreffend die Gewährung von R e i s e k o st c n zum Besuch der Pariser Welt- a u s st e I l u» g an Landwirte, Hnndivcrkcr, gewerbliche und kunstgewerbliche Arbeiter wurde nach nnbedcutcndcr Debatte ein- st i m m i g a n g e» o in in e n.— Zu einem heftigen Zusammen- stoß zwischen dem Grafen Könitz und dem LandwirtfchaftSurinister Fnchr». v. H a m m e r st e i n kam cS bei Gelegenheit der Beratung eines Antrags ans Aendernng des Renten giiter-Ge- setzes nach der Nichtnng hin, datz bei der Ansiedelung von Reuten- gütern auch die Orlspolizcibchvrdc» und Kreisausschüsse zu cnl- scheiden haben und nicht allein nur die Generalkoimnifstoucn. Mü andren Worten: Die Herren Gutsbesitzer, die ja vielfach selbst die OrlSpolizci onsüben, wolle» in eigener Sache «ntscheidei». Einer Kommission wurde der Antrag nicht überwiesen; die zweite Lesung wird also dcinnächst im Plenum statt- finden.— Einstimmig angenommc» wurde ferner ein Antrag ans Aendenlng des Ge,etzcs über die Ablösung der Real- lasten, obwohl die Regierung Widerspruch dagegen erhob.— Endlich überwies das HanS einen Antrag des Abg. Kitt l er(frs. Bp.) betreffend Gewährung einer gerechteren Vertretung der Städte und L a n d g e in e i n d c n der Provinz Posen auf den Kreistagen einer Kommission von t4 Miiglicdcru. Erwähnenswert ist ans der Debatte nur die Rede dcS Ministers v. Rhein haben, die wieder einmal Zeugnis von seiner reaktionären Gesinnung ablegt. Ter Herr Polizcimiiiister ivill näin- lich von einer Beseitigung der ständischen Berfosinna der Provinz Posen nichts ivisscn. Für Mittwoch stehen nur Petitionen aus der Tagesordnung.— •» Aemjches Meich. Hohenlohe ans der Weltausstellung. Der deutsche Reichskanzler befindet sich augenblicklich in Paris und wird so lange dort bleiben, bis ihn der Besuch deS östreichischcn Kaisers zwingt, nach Berlin zurückzukehren. Die deutschen parla- mentarischen Geschäfte locke» ihn anscheinend nicht. Warum er in Paris wöilt, darüber sind die GeschichtSgrllbler verschiedener Meinung. Die einen versichern, er konsultiert den dortigen Arzt seiner Zähne, um sie dann den Agrariern zeigen zu können. Nach einer andren LeSart Ivill er die Borbereitungen für «inen WeltauSstellungS-Besuch Wilhelm II. treffen. Endlich vermutet man noch, daß er die seltsam beharrliche Erscheinung eine» social» demolratischen Minister» studieren ivolle. Datz eS dem verantwortlichen Verweser der deutschen Reichs- poliiil auf der WeltauSstelluiig gefallen möge!— Der RcichStagöpräsidcnt kann nach freiein Ermessen Druck- schriftc», die an den Reichstag eingesandt werden, ziirückivcisen. wemi er sie für ungeeignet zur Verteilung an die Mitglieder des HanseS hält. Diese Berechtigung deS Präsidenten bat wiederholt zu peinlichsten Unznträglichkciten geführt. Herr v. Ballestrem hat jetzt eine Schrif Adolf Damaschkes.Kamerun oder Kiantschou die sich mit Fragen der Bodenveräntzmmg in den Kolonien befatzt, znrückgeiviesen. Wie wir hören, Ivird dieics geradezu unbegreifliche Verfahren des Reichstagspräsidenten im Seniorenlonvent zur Beratung ge- langen.— Fleischbcschaulichkeit. Die„Dentsche Tageöztg." teilt an ver- steckter Stelle kleinlaut mit: „Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unS: Wie ich von zuverlässiger Seite erfahre, ist die I n t e r p c l I a t i o n der Konservativen, bctresfcnd die Fleischbeschau, vorläufig znoiickgcstcllt worden und dürfte nicht so bald zur Beratung gelangen." DaS heißt: die Interpellation ist überhaupt fallen gelösten. Der beabsichtigten lauten Abrechnung ziehen die Konservativen den ge- räuschlos-beschnulichen Abschlutz'des Kompromisses mit der Regierung vor. Damit ist das Fiasko der Führer des Bunds der Landwirte besiegelt und die Welt kommt um das schöne Schauspiel. Regierungs» konservative und Agrardemagogen mit einander im Abgeordneten- haus raufen zu sehen.— Lex Heinz«. Der bayrische Gesandte in Berlin Graf Lerchen- feld hat, ivie einem Berliner Blatt ans München geschrieben wird. dem Ministerpräsidenten Frhrn. v. Crailsheim persönlich berichtet, datz die lex Hcinzc in ihrer gegenwärtigen Fassung den' Weg in den Papierkorb angetreten habe. Wie dem„Berl. Taaebl." mitgeteilt wird, ist der künstlerisch gehaltet'« Semester» Anschlag de«.Akademischen vcreins für Kunst und Lilleratur' am Schwarzen Brett der B e r l t n e r U n iversität v e r b o t e n worden, weil sich darauf— die Gestalt eine« nackten Knaben befindet; und zwar wird versichert, datz sich die bildliche Darstellung frei von jeder Aiistötzigkeit halte. Der„Boss. Ztg." zufolge werden allerlei Gerüchte verbreitet, als habe sich auch der Kaiser gegen die lex Heinze ausgesprochen. Man erzählt, datz der Kaiser dem Fürsten Hohen- lohe zum Geburtstage am 3t. März ein Albuin mit Kopien von Gemälden, die in den königlichen Schlössern hängen, überbracht habe. Als Fürst Hohenlohe das Album ausschlug und ein Watteau- schcS Bild mit zicmlich nackten Figuren betrachtete, habe er lächelnd zum Kaiser gesagt, es sei nur gut, daß dielexHeinze noch nicht in Kraft sei, worauf der Kaiser zicmlich nimm- wunden sein Mißfallen über die„thörichten" Beschlüsse der dritten Lesung ausgesprochen habe. Es giebt Leute, die ver- sichern, dieser Vorgang sei verbürgt.— Zu der CentrumShetze gegen Prof. Lipp» wegen seiner tapferen Aeutzeruiigen über die deutsche Justiz hatten wir schon neulich auf die Acutzerung dcS Abg. Lieber im Reichstag hingewiesen. Ergänzend sei die folgende Stelle auS dem Stenograimn vom 20. Juni 1809 in die Erinnerung gerufen: „Präsident: Der Herr Abgeordnet« Dr. Lieber hat die deutschen Gerichte einer„himmelschreienden Parteilichkeit" geziehen, dies kann ich nicht zulassen; ich rufe ihn deshalb zur O r d n u n g." Herr Lieber würde allerdings nicht den Mut haben, ohne den parlamentarischen Schutz ein derartiges Urteil auszusprechen, wie eS Prof. Lipps gethan. Der Müncheuer Gelehrte selbst wehrt sich jetzt dagegen, daß er die bayrische Justiz in seinem Urteil habe anSnehmen wollen, Ivie es der bayrische Kultueniinister aiigcuoiiiinrn. Er schreibt: „Ich erwidere darauf. datz ich den bayrischen Richterstand weder ansnchmcn noch eiuschlietzen konnte. Um ihn auözu- nehmen, hätte ich wissen müssen, datz in der bayrischen Recht- sprcchung niemals Fälle, analog denjenigen, auf die sich mein Urteil gründete, vorgekommen sind. Um ihn cinznschlietzcn, hätte ich ivisseii müssen, datz solche Fälle vorgekommen sind, und die Fälle hätte» mir in jenem Moment gcgciiwärlig sein müssen. Keine dieser Voraussetzungen traf zu. Die Fälle der Recht- sprxchnng. die mir bei meiner Rede spccicll vorschivcbtcn, gehörten »Uli einmal thntsächlich nicht der bayrischen Rechtsprechimg an. Aber eine Geivitzheit, datz in der bayrischen Rechtsprechung analoge Fälle nienials vor- gekommen seien, hatte ich natürlich nicht." Professor Lipps hat, wie man sieht, keine Neigung, seine schneidende Kritik irgendwie abzuschwächen oder zu entschuldigen. Ein erfreulich aufrechter Man», dieser Gelehrte, ein ehrlicher nnd tapferer Bekenner— ivie er in nnscni Tagen dcS schwachmütigen iiiid schwachsinnige» ScrviliSmuS kaum zu erhoffen ist. Er ist ein seltener Philosoph der That.— Ein freisinniger Racheakt. Die.Freisinnige Zeitung" rächt sich in iiberan« anmutiger nnd anständiger Weise silr die freisinnigen Blamagen, die der„Vorwärts" letzthin' beleuchtete. Sie übernimmt die Beichuldiguug der„Germania", es sei eine„freche und unvcr- schämte Hctzlügc". wenn wir behaupteten, datz daS Ccntnim eine Erhöhung der Gctrcidczvlle zu erpressen suche. Da die„Freisinnige Zeitung" so gut wie wir weiß, datz diese angebliche Hetzlüge in Wahrheit die eigne offiziell bekannte Forde- rung des Ccntrnins ist. so bat sie wider besseres Wissen die völlig grilndlosc Bcschimpsnng ohne ein Wort der Kritik über- uommen. Die Emscr Legende. Die„Berliner Neuesten Nachr." wollen nnsre gestrige Konfrontiernng des Briese» Wilhelms I. und die Bis- inarcksche Tarslcllnng Über de» Ursprung de» dentsch-französischen Kriegs— als eine iocioldeuiolra tische Lüge cutlrästen. Es ist charakteristisch, datz das Blatt zu diesem Bchiife die wesentliche Feststellung iiiitcrschlagcn mutz: nnsre Berufung auf die BiSmarckschen Memoiren, die mit Stolz den„geniale»" Streich schildern, wie Bismarck seinem„königlichen Herrn" zum Trotz den Krieg z» provo- zieren verstand.— Tic rheinischen Banern lvarcn, wie man unS schreibt, in Nentz beisammeii nnd haben gegen Regierung und Grotzilidnstrie nebst Großhandel gcivettcrt. Es wurde über die Aussichten de? Fleischbeschan-GesctzciitivnrfS disknliert. Im Lauf der Debatte erklärte der Pfarrer Christ: Der Baueriivcecin hat sicli um die hygienischen G e i i ch t S- punkte deS Gesetzentwurfs nicht zu kümmern. Er habe sich nnr zu fragen: Welche Vorteile bringen die Beschlüsse der Landwirtschaft? Man müsse den Abgeordneten daö Rückgrat steifen. Ein Landwirt Briiiler sagte: Es koimne immer wieder darauf hinaus, den volle» Beutel der Großhändler nnd der Grotzilidnstrie noch weiter anzu- füllen auf Kosten der Landwirtschaft. Diesem Gcbahrcn müsse endlich mit aller Energie cntgcgengeircteii werben. Schließlich wurde ein Antrag emstinimig angenommen: Die Abgeordnete» möchten an den Beschlüssen der Kommission festhalten.—_ Prcsifrcihrit gemildert durch Polizeicensur. Wir hatten schon kürzlich von den Verfolgungen gesprochen, durch welche daS Polizeipräsidium von Berlin' das Witzblatt „Satyr" in seiner Emwickelung zu hindern versucht. ES war der Nachweis erbracht worden, datz der wiederholte AuSschlntz von Ziniiimcrn de«„Satyr" vom Stratzenverkauf erfolgte, nachdem der Berliner Polizeibehörde mit eindringlichem Vorhalten ihres im- gerechtfertigten Verfahren» wider den„Satyr" zu Leibe gegangen war. Trotz der Aiirnfling der Oeffeutlichleit ist das Polizei- Präsidium von seiner KonfiSkationSsucht nicht gekeilt worden. Ein Artikel deS Chcfrcdacteur« des„Salyr" in der„Welt am Montag" teilt mit. datz auch die Nrn. 28 und 29 de» Blatts wiederum von der Polizei im Strahenhaiidel verboten wurden,„olnvohl nichts darin cnlhaltcn war. was nicht in ähnlicher Weise in allen andren Witz- blättern abgehandelt wird". DaS Verfahren der Polizei ist um so unerhörter, als ivicdcrholt die Gerichte die Konfiskation des„Satyr" durch die Polizei als unberechtigt erllärt haben. Nachdem früher schon Zcitungs- Händler, die wegen Vertriebs der Rimimern 17, 18. 19 dcS„Satyr" auf Grund des§ öS, 12 der Gcwerbe-Ordunng auf Betreiben der Polizei angellagt waren, freigesprochen wurde», hat kürzlich das Charlottenburger Amtsgericht abgelehnt, ein Verfahren wegen Vertrieb» der Nr. 22 einzuleiten, welche Nnmmer ebenfalls geeignet geiveien sein sollte,„in sittlicher Beziehung AcrgerniS zu geben" und vom Feilbieten im Umherziehen bezw. Kolportagebiichhaiidcl durch die Polizei ansgeschlofjen worden war. Das Charloltrnburger Amts- fierickit erklärte den Inhalt der Rümmer als nicht geeignet, in ittlichcr Beziehung Aergcniis zu erregen. Der Fall zeigt, wie gefährlich es war, datz den Polizeibehörden daS Recht eingeräumt worden ist, nach ihrem Ermessen Druckschriste» vom Feilbieten in den Straßen auSznschlietze». Selbst wenn Be- schwerde bei der oberen Verwaltungsbehörde oder Herbeifühnmg eines Gerichtsbeschlusses den betroffenen ZeitungSunternehmer zu seinem Recht vcrhilft, niemand hindert die Polizeibehörde, gegenüber der nächsten Nummer der ihr unangenehin erscheinenden Druckschrift wiederum sich in demselben Irrtum hinsichtlicki ihrer Geeignetheit, AergeruiS zu erregen" zu befinden. Und w fort in lieblicher Folge. bis eine Zeitschrift, obschon sie strafgesetzlich völlig unantastbar, durch die fortdauernden Schädigungen, die ihr anS dem Ausschlutz vom Stratzcnvertrieb erwachsen, in ihrer Existenz untergraben ist. DaS ist ein völlig unhaltbarer Znstaild. Nicht genug, datz unser Pretzwesen durch die Änslegungskünste der Justiz täglich allen mög- lichen Fährnissen ausgesetzt ist, sogar da« Ermessen irgend welcher Polizeibehörden, deren litterarische Urteilskraft durch keinerlei Be- fähiginigözeuani» erprobt ist, darf über die Existenz von Zeitungen und' Zettschriften entscheiden. Der Kampf, den der„Satyr" führt, verdient die höchste Be« achtimg aller derer, welche nicht wollen, daß die winzige Preß- freiheit, die wir noch besitzen, durch Polizeimacht im heimlichen Winkel envürgt werde. Es ist auffällig, daß die„angesehenen" Organe des großstädtischen Liberaltemu» die Bcdrängung der Preß« reiheit durch die Polizeicensur wortlo» geschehen lasten.— Chronik der MasestätsbeleidigungS. Prozesse. Aus B r a u n s ch w e i g wird unS untcnn 21. d. M. geschrieben: f ente vonnittag wurde gegen den Holzarbeiter Karl Lllcr wegen sajestätsbelcidignng und Körperverletzung, gegen den Holzarbeiter Karl Stciiiincicr nur wegen Körperberletznng verhandelt. Am S. Fcbmar d. I. war eS zwischen beiden Angeklagten und dem Holz- arbcitcr Max Köhlens zu einer Schlägerei gekoinme», wobei sie den letzteren mit einem Stock bearbeiteten. Nachdem die Streitenden durch andre Arbeiter getrennt worden waren, soll Lücr nun ge- äußert haben, cS habe ihm niemand etwas zu sagen und wenn Kaiser oder König känien. In Verbindung hiermit soll er sich noch einer unanständigen Redensart bedient haben, ivie sie zutveilc» angewendet wird, wen» jcinand aus dem Volk sich eines zudringlichen Menschen erlvehrcn will. Diese Aeutzerung giebt aber Liier nicht zu, auch besinnen sich die Zeugen nicht auf dieselbe, bis auf den Geschlagenen! Das Urteil lautete niiter Annahme mildernder Umstände gegen Lüer wegen Majestälsbeleibigiing auf das zulässige Miiidest-Strafmatz von zwei Monaten und wegen Körperverletzung aus eine Woche, gegen Steinmeier lvegen Körperverletzung ans ztvei Wochen Gefängnis.— Ans Breslau wird berichtet: Im vergangenen Winter hatte sich die Tochter der von ihrem Gatten getrennt lebenden Technilerfrau Selma Kurz fortgesetzt ohne triftigen Grund von der Schule ferngehalten. Es wurde deshalb auf Vcraiilasiuiig der Schiilbchärde am S. Januar d. I. ein Schutz- mann entsandt, welcher das Wlädchcn zwangsweise zur Schule führen sollte. Diese Maßregel mitzfiel der Mutter dergestalt, datz sie erst den Schutzmann und den Polizeikomniisiar. welcher ihn geschickt halte, beschimpfte, nnd dann sich auch noch in Schmähiingen gegen den Kaiser erging, obgleich es gar nicht ersichtlich war, wie sie die Person des Monarchen mit der gegen ihre Tochter verfügten Zivangs- matzrcgel in Berbindimg bringen konnte. Sie ivurde deshalb wegen MnjcslätSbeludigiing und wegen Beleidigung der erivähnlcn Polizei- bcamten zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen Majcstätsbclcidigimg hatte sich fenier der HandelSmaini nnd Cigarreninacher Julius Kirschncr in Breslau zu vcrantivorten. Nach der Anllage sollte er am 15. Februar am Biertisch den Kaiser beleidigt haben. Der Wirt des betreffenden Lokals. Herinaiin Por- niann, der dem Angeklagten nicht besonders srcnndlich gesinnt ist, erstattete die Anzeige. Er und seine Ehefrau waren die Haupt- zeugen. Der Gerichtshof gelangte indes zn dem Resultat, datz er die beleidigende Aeutzerung durch die Aussage» der beiden BclastnngS- zeugen für nicht genügend festgestellt erachtete und sprach deshalb den Aligeklagteu frei.—_ Zur Mitwirkung an der Einbcrnfung dcS internationalen Arbcitcrschutz-Kongresscs, der von bürgerlichen Socialreforinern veranlaßt worden ist, ist auch die Gcnerallommission der Geiverk- schaften Deutschlands eingeladen worden. Die Gciierallvmmisston lehnte ab; Genosse Legion begründet die Ablehnniig im„Kor- respondeiizblatt" also: „An den Vorsitzenden der Gcnerallommission erging daS Ersuchen, seine Unterschrift für das Komitee zur Organisierung und Propngicrung des Kongresses zn geben. Auch hier lehnte die Ecncralkonn'.nn'ion die Teilnahinc ab. Die Ablehnung wurde da- mit nioti' i nt. datz ein Vorteil für die Arbeiterschaft ans dem Kongreß nicht crivachscn werde. Soweit die Propaganda für iiiternntionnlcn Arbciterschutz notivendig nnd möglich, müsse sie sich auf die Verbandlnugen des Arbeiterfchutz-KongresseS in Zürich stützen. Dieser Propaganda dienen aber die internationalen Arveitcrlongresse, deren nächster Ende September d. I. in Paris stattfinden ivird. � Die gute Absicht der Veranstalter deS für den Juli nach Paris berufene» Kongresses wollen wir keineswegs verkeiincii. Für die Arbeiterschaft kommt aber nicht in Frage, was ihre Göimcr und Freunde an Arbeiterschntz geschaffen wissen wollen, sondern was die Arbeiter selbst für not- wendig nnd durchführbar erachten. Dieses wird auf den internationalen Arbcitcrkonaresscn festgestellt. Das gesteckte Ziel wird aber nicht erreicht durch eine vcinnehrtc Zahl von Kongressen, die in ihren Forderungen von einander abiveicken. sondern durch im- ausgesetzte Agitation für das einmal Beschlossene und durch Be- teilignug an den politischen Kämpfen in den einzelnen Ländern. Gewinnen die Arbeiter Einfluß auf die gesetzgebende Körper- schaften. so ivird der Arbeiterschntz ihren Wünschen entsprechend geregelt werden."— Ausland. Ocstreich-Ungarn. Schlechte Aussichten. Man schreibt uns anS Wien, 23. April: Die Anssichteil snr die am 8. Mai neu aufzunehmende Reichsrat- taguiig verdüstern sich immer mehr. ES gilt heute schon als zweifel- los. datz die Arbeiten der im vorigen Monat in vollster Harmonie vertagten Lcrstäiidigimgskonfcrcnz nicht mehr werden aufgenommen werden. Die Regierung scheint sich auch über den kritischen Charakter der Lage llar geworden zu sein, denn Herr v. Körbcr gab vorige Woche bekannt, datz er seinen Sprachen-Gesctzentwnrf bereits fertig habe und ihn dem Abgeordnetenhause sofort vorlegen werde. Die Hanvtgruiidzüge werden heute in dem Prager jungczechischenHaupt- blatl mitgeteilt; tvcnn diese Angaben richtig sind, so wäre Herr v. Körbcr in der Ancrlennung der deutschen Forderungen recht weit gegangen. Für Mähren soll dauernd im ganzen Land die innere Amtssprache deutsch bleiben, und das deutsche Sprachgebiet in Böhmen soll nun gesetzlich anerlannt werden. Die Stimmung der Jungezechen wird auch zusehends erbitterter; während die Sturm- rede' des Abg. G r e g r, eines der ältesten der jnngczcchischen Führer, von den„Gemäßigten", denen. die Minister Ivcrden wollen, anfänglich mit großer Emphase znrückgeivicscn wurde, schlictzt nun jede Rede anS dem jnngczcchischen Lager mit der offenen Anlnndignng der Obstruktion. Nach einander haben sich in diesem Sinn die Abgg. Kaizl. Krawarsch, Pacak und Herold, also die diplontntischcstcn Elemente des un- gebcrdigcn Juiigczcchciittiins, geäntzert, und es ist nicht ivahrschcin- lich, datz der Sprachengcsctz-Enttvnrf geeignet sein werde, de» drohenden Sturm zu beschwichtigen. Wohl hat Herr v. Körber von den Deutschen nichts zn fürchten, denn die radikale Nichtnng hat nur die Wählerschaft für sich, ist aber im Parlament für sich allein zn schwach; wie die Dinge im östreichischcn Parlament liegen, reicht ja eine entschlossene Minorität wie die jnngczechische Fraktion ans, der Regierung nnd dem Parla- mcntarismus den Garaus zn machen. Die Aussichten für die lünftige ParlamciitStagung sind nach alle dem sehr trübe; es ist nicht nnivahrschcinlich, dag das Parlament ivicder einmal kraftlos zusammenbrechen werde, wohl zum letztenmal; denn ein Auferstehen ist dann für immer ausgeschlossen.— Antisemitischer Wahlschwindel. Man schreibt nnS aus Wien, 23. April: Herr Lueger hat sich nun doch entschlossen, die Wahlen zum Gemeinderal an« dem vierten Wahl- k ö r p e r noch heuer vollziehen zu lasicn. DaS ist bekanntlich der Kern der neuen Wahlrefonn: ein Wahlkörpcr dcS„allgemeinen" Stimmrechts, der zwanzig Mandate zu wählen hat. Gefährlich ist diese.Reform" de» besitzenden und dadurch herrslbendcn Klassen wirklich nicht. Erstens wird die überwiegende Zahl der Gemeinde. Mandate von den vier privilegierte» Wahlkörpern gewählt, nämlich 138; und zweiten» verringert die Bedingung der vierjährigen Seßhaftigkeit die Zahl der neuen Wähler auch im vierten Wahlkörpcr derart, daß diese neuen Mandate eine sichere Beute der alten Wähler, der so reichlich privilegierte» Schichten find. Diesem Wahlrechtsraub mittels de» Gesetze» läßt nun Herr Lueger einen administrativen von gleicher RickitSmitzigkeit folgen. E» sind nämlich bei Ziisammeiistellung der Wählerliste die Arbeiter fast ausnahmslos über- gangen worden; die Differenz zlvischcn der Wählerzahl im Jahr 1897(bei der ReichSratsivahl) und der Zahl der Wähler de« vierten jWahlkörpcrS beträgt nicht weniger als 80 000; so viel Albeiter sind in die Wählerliste nicht aufgenommen worden und sollen sich ihr Wahlrecht nun unter den ungiaublichstcn Chikancn im Wege des Reklamationsverfohrens suchen." Die Zahl stimmt auf- fallend mit der Zahl der Stimmen, die bei der letzten ReichSrats» luahl auf die socialdemokratischen Kandidaten entfallen sind; man kann ruhig sagen, daß die nLuegcrsche Nefornien den Arbeitern auch das karge Recht stehlen wollen, das ihnen noch das Gesetz gelassen hat. Daß die Regierung diese elenden Praktiken ruhig gewähren läßt, braucht nicht besonders versichert zu werden; das ist bei der dicken Freundschaft zwischen den Ehrenmännern Lueger und Körber selbst- verständlich.— England. Der Verfassungsentwurf für den Australischen Staaten- buud ist Ende voriger Woche veröffentlicht worden. Der Entwurf sieht ein australrsches Parlament vor, das, ans einem Senat und einem Repr äsentanten Hause bestehend, mindestens einmal jährlich zusammentreten muß. Die Mitglieder des Senats iverden auf sechs Jahre von den Bürgern des betreffenden Staats direkt gewählt. Das Repräsentanten- Hans besteht aus Abgeordneten, ivelche direkt von den Bürgern Arfftraliens gewählt werden, und deren Zahl soll der doppelten Zahl der Senatoren möglichst nahekommen. Das Repräsentantenhaus kann nur für drei Jahre gewählt werden und darf zu jeder Zeit vom Gcncralgouverneur aufgelöst werden. Der Entivurf führt 3!) verschiedene, alle australische Kolonien berührende Angelegen- Heitel! an. ans ivelche sich die gesetzgeberische Thätigk'eit dcS Parlaments erstrecken kann. Gleich an' zweiter Stelle wird dabei das Zoll« und Steucrivesen angeführt, aber mit der Einschränkung, daß zwischen den einzelnen australischen Staaten oder Teilen von solchen keine Zölle und Zolluntcrschicde statthaft sind. Zur gesetzgeberischen Thätigkcit des Parlaments gehören auch „Auswärtige Angelegenheiten",„Beziehungen des australischen Staatenbunds zu den Inseln des Stillen OcemiS" und „Naturalisation und Frcmdcnwescn". Die oberste ausführende Ge- walt des Australischen Staatenbunds befindet sich in den Händen der Königin, doch ivird sie von einem Gcneralgouverneur ausgeübt, ivclchcr der Bcrtretcr der Königin ist und von ihr eingesetzt ivird. Die ausführende Macht des Staatenbunds selbst ivird sich auf folgende Rcgierungsdcpartcmcnts erstrecken: Post, Telegraphen und Telephone, Land- und See-Berteidigungsivesen, Leuchttürme, Lencht- schiffe, Baken, Bojen und Qnarantnncivesc». Das Oberkommando über Militär und Marine führt aber der Gcncralgouvcrncur als Vertreter der Königin. Die oberste richterliche Gewalt des Staatenbunds übt der oberste BmideS-GerichtShof auS, welcher die Bezeichnung führt,: Ober st er Gerichtshof von Australien sHißb Cauvt of Australia). Die Richter desselben werden vom Eencralgouverncnr zusamiuen niit seine»! ausführenden Rat ernannt, und dieselben können nur auf Grund einer Adresse beider Häuser des australischen Parlaments von ihm abgesetzt werden. In gewissen außergewöhn- lichcn Fällen ist eine Berufung vom Ober st en Gerichts« Hof von Australien an den Geheimen Rat der K ö n i g i n(Privy Council) vorgesehen. Dieser Punkt hat zu einer bedeutsamen Kontroverse Anlaß gegeben, die noch immer nicht ge- schlichtet ist und deren Ausgang möglichenfalls die Annahme des Entwurfs durch das englische Parlament und die englische Regierung verhinden! kann. Der darauf bezügliche Paragraph im Entwurf lautet: „In keiner Angelegenheit, welche die Auslegung dieser Bundes- Verfassung oder der Verfassung eines einzelnen Staats betrifft, soll eine Berufung an den Geheimen Rat der Königin statthaft sein, außer wenn öffentliche Interessen irgend eines Teiles der Besitzungen Ihrer Majestät oder des Australischen Staatenbunds oder eines einzelnen australischen Staats in Betracht kommen. Ausgenommen von dem in diesem Paragraphen Bestimmten soll diese Bundes« Verfassung nicht das Recht der Königin beeinträchtigen, kraft ihrer königlichen Prärogative eine Berufung vom Obersten Gerichtshof von Australien an Ihrer Majestät Geheimen Rat besonders zu ge- statten. Aber das Parlament kann Gesetze erlas s e n, ivelche die Arten von Angelegenheiten, in betreff welcher diese Erlaubnis nachgesucht werden kann, einschränke ,i." Die englische Regierung ftirchtct offenbar, ldnß die letzte Klausel dieses Paragraphen Australien eine Selbständigkeit in ans- tvärtigen Angelegenheiten verleihen würde, die ihr unangenehm werden könnte. Einstweilen werden die Premierminister der fünf australische» Staaten, die den Entwurf angenommen haben, zwei Staaten haben sich ihren Beitritt noch vorbehalten, noch ein- mal über Aufrcchterhaltnng oder Aufgeben der anstößigen Klausel beraten. Wird der Passus aufrecht erhalten, und willigt England nicht in die durch denselben festgelegte Unabhängigkeit Australiens, so würde dadurch das Zustandekommen der Verfassung auf längere Zeit vertagt werden, da alsdann in den australischen Kolonien neuerdings Unterhandlungen zwischen den Kabinetten stattfinden und Volts- abstiinmungen vorgenommen iverden müßten. Zur obigen Frage liegt nachfolgendes Telegramm vor: L o n d o n, 24. April. In Erwiderung auf eine Aufrage der anftra- lischen Regierung bezüglich eincS Bunds der Australischen Kolonien sagt Chamberlain, daß die Regierung die Frage der Bildung eines einzigen obersten Appellhofs für das ganze britische Reich prüfe. Die autonomen Kolonien sollten in demselben vertreten fem.— Belgien. Brüssel» 24. April. Repräsentantenkammer. Die Erörtermig der Interpellation L o r a n d über die in der Provinz de» KongostaatS Mongalla begangenen Graufainkrite» gegen Eingeborene wird wieder aufgenommen. Der Minister des Aenßcrn verliest einen an ihn gerichteten Brief dcS Generalsekretärs dcS Kongo- ftaatS, in welchem gegen die Angriffe Einspruch erhoben wird, die in der Kammer gegen den Köngostaat gerrichtet worden sind, und auf die vorzüglichen Ergebnisse dcS vom Kongostaat nnternommencn CiviliiätionSwcrkS'hingewiesen wird. Der KriegSmiuister spricht den belgischen Offizieren, ivelche zu dem Erfolge des großen afrikanischen Werks beigetragen haben. seine Anerkennung ans.(Sehr gut! rechts.) C o l f s(Unabhängiger) erklärt, die Agenten hätten den Befehlen ihrer Borgefetzten gehorcht, als sie die Eingcborncn niedermetzeln ließen. Redner vcr- langt, daß den Offizieren verboten werde, nach Afrika zu gehen. Band ervelde(Soc.) brandmarkt das AuSbentungssystem, daß im Kongostaat üblich sei. Im Verlauf seiner Ansführungcn ergeht Landcrvclde sich in scharfen Aeußemiigen gegen den König und fragt schließlich. ob die Regierung die Verantwortlichkeit für die begangenen Grausamkeiten übernehme. Graf Ursel meint, die Berichte, auf ivelche sich die Reden Lornnds und Vandcrveldes gründeten, seien der eingehendsten Nnchprüfnng bedürftig. Redner rühmt die civilisatorischcn Errungenschaften in Afrika niid sagt, eS sei tadelnswert, auf alle Anklagen einzugehen, die im Auslände gegen die in Afrika thätigcn Belgier erhoben würde». Italien. Der JahreSkongrest der italienischen Socialisten war, wie wir seiner Zeit mitteilten, ans den 23. Mai anberaumt. Wie sich nachgerade herausstellt, war die Frist etwas zu kurz bemessen. Der politische Kampf— namentlich auch i» der Kaminer— nahm die Kräfte der Genossen derart in Ansprulb, daß die Vorbereitungen für den Kongreß noch sehr im Rückstände sind. Namentlich wünschen die Berichterstatter inr Interesse der zu erstattenden Venchte eine Hinaus- schiebung de» Termins. Da dies im» von einem cinflnßreicken Ge- nossen im„Avant!" direkt beantragt wird, so dürfte die Hinaus- schiebung wohl erfolgen. D r e Wa b l in Mailand vorigen Sonntag hat den vcr- einigten Socialifteii und Republikanern einen glänzenden Sieg ge- bracht. Genosse E i c c o t t r ist mit großer Mehrheit gewählt worden. Mailand, die politische Hauptstadt Italiens und die Hochburg des RadilaliSmuS und Socialismus hat sich wieder bewährt.— E i n Volks haus, ähnlich dein Uiaison du Pauple in Brüssel, besteht jetzt auch in Italien. Und zwar in M a i l a» d. Vorige Woche fand die Einweihung und feierliche Eröffnung statt. Bravo!— Asien. Neue Christenmorde in China. In T i e n t s i n sind Nach- richten eingelaufen, wonach in der Nähe von Pastin gfu eine große Anzahl katholischer Christen niedergemetzelt, ivorden sind. Die Drohung der Mächte, gemestisam gegen China vor- zugehen, wenn die chinesische Regierung nicht gewillt oder i irr st a n d e sei, den Christenverfolgriiigeii Einhalt zu thun, hat also keiiicrr Erfolg gehabt. Den Mächten wäre damit also die Möglich- keit gegeben, von dem Erlaß von Drohnoten zu der Aktion der gepanzerten Faust überzugehen. Die nach neuem Kolonialerwerb gierende Presse fordert bereits ziemlich unverblümt dazu auf. Die„National-Zeitrmg" znnr Beispiel schreibt: „Jedenfalls liegt hier ein Beweis dafür vor, wie geringe Wirkung daS kürzlich auf die Vorstellungen der Mächte ergangene Edikt der chinesischen Regierung gehabt hat! Die Gehcimgescllschaftcn kinnmern sich nicht inr geriiigsten darum, weil sie eben lvisscir, daß daS öffentlich Getadelte und mit Strafen Bedrohte die volle Billigung einer hohen Regierung in Peking findet! Die ultramontane Presse stößt natürlich in dasselbe Horn. Sofern die beteiligten Mächte unter sich handelSciiiig geworden sind, kam, es also nunmehr»ntcr dem Schein des Rechts an die weitere Aufteilung Chinas gehen. Deutschland, dein in Kiautschan noch nicht genug Marincniainischaften sterben, kann die Provinz Shantiing aniicktiereir. Daß die Mächte aber auch nur den S ch e i n des Rechis für sich haben, braucht nicht erst bciviescn werden. Die Mächte pflegen das zweifelhafte Recht, sich in die imieren Angelegen- hcitcir eines Staats einzumischen, stets erst dann in Anspruch zu nehmen, rvcnn es für sie etwas zu holen giebt. Angesichts des neuesten Massakrcs würde es unS aber nicht wundern,' wenn die internationale Flotte, die sich im Golf von Petschili befindet, dem- nächst zur Aktion übergehen würde.— Amerika. ttcbcr die Unzufriedenheit mit der amerikanische» Herr- schaft ans Kuba und Portoriko weiß die„Post" über Madrid zu berichten: Die Ursache» der Uiizrifriedenheit seien sehr nraiinigfaltig. Die Amerikaner, die sich erst als edelmütige Befreier arifgcspiclt hätten, gcricrtcn sich jetzt als rücksichtslose Eroberer. Die Nu- znfricdciihcit der einflußreichen Kreise Kubas lvachse in demselben Maße, wie die Hoffnnng auf Einfiihnnrg einer Sclbstvcnvaltnng mehr und mehr dahinschivinde. Portoriko vollends bleibe auf ewige Zeiten amcritariischcr Besitz. Die amerikanische Vcrlvaltnng nehme zudem auf die Eigenart der Bevölkerung sehr wenig Rücksichten. Sie gefalle sich in gesellschaftlichen Anstößig- keilen rmd brüskiere die ehemaligen spanischen Beamten. Hinzu komme die Schädigrmg der HaiidclSiiiteresicn. BöseS Blut errege auch der D o l l a r- T r i b rr t, der von Amerika zur Allfbefferung der elenden Schnlverhältniffe erhoben»verde. Dadurch, daß man die spanischen Lehrer mid Lchreriimen als unfähig mid faul entlasse, trage man ebenfalls zur Erbitterung bei. Das schlimmste aber sei, daß man sich mit der Geistlichkeit verfeindet habe. Die Bischöfe, die ehedem hoch über den gcwöhulichcn Sterblichen gestanden hätten, seien jetzt zum einfachen amerikanischen Bürger herabgesunken. Auch gingen die r e i cd c n P f r ü n d e n verloren, „und in keinem Punkt ist die spanische Geistlichkeit bekanntlich so c ni p f i i, d l i ch, wie wenn es sich um Verluste irdischen Guts handelt".(Da Marx dasselbe von der englischen Hoch- kirche behauptete, dürfte die materielle Enipfindlichkcit ja ivohl eine g e in e i n s a in e Eigenschaft der internationalen Geist- lichkeit sein!) Wenn die Unznfriedcuhcit der Bcvölkenmg zum Teil auch durch kulturelle Bestrebungen der Amerikancr hervorgerufen ist. so iverden darum die Schwierigkeiten nicht geringer sein, die Amerika sich durch seine Wellpolitik aufgebürdet hat.— Jntervcutio» der Vereinigten Staaten bei den Colnnibi- schc» Wirren. London, 24. April. Wie der„Morning Post" ans Washington gemeldet wird, hat die a in e r i! a n i s ch o R c- gier un g beschlossc», bei dem Aufstände i» Columbien ein zu» greifen, wenn die Anfständischen Colon angreifen. Die Kriegsschiffe der Station im Stillen Occa» babe» Befehl erhalte», sich bereit zu halten, nach Colon abzugeben. Colon ist die Panama gegenüber gelegene Hafenstadt a», östlichen AilSgangSpnnkt des P a n a ni a k a n a l S.— Auch a«S Venezuela kommt die Nachricht von einer allerdings erst bevorstehenden Ncvolution, die sich gegen den Präsidenten Castro richten soll. Die aiiSländischc Bevölkerung verlasse bereits Caracas.— Geschäftsklerikalisnms. Was waren das für liebliche Töne, namentlich in der ultra- moirtanen Presse, als vor einigen Wochen die Lügenmär über die Angelegenheit nnsrcS verstorbenen Partcigcnosscii O e r t e l von ge- schwätzigcn Buben anSposaunt wurde. Mit»vclchcnr Eifer wurden Pnrteivorftaiid und was sonst an„Führerschaft" in der Socialdcino. kratie vorhanden ist. beschuldigt, den armen Oertcl mit Vorbedacht an den Bettelstab und zum Wahnsinn gebracht zu haben; bis die mit Paulen und Trompete» begonnene Hetze glücklich mit der vor einigen Tagen verkündeten Sensationsmeldung endete, daß Oertel.— 150 000 M, im Parteidienst erworbene« Vermögen hinter- lassen habe. Am lautesten in der ultraniontaiien Press« schrien aber die Blätter und Blättchen, die unter dem Einfluß des bekannten Kaplans Dasbach stehen und deren eine» in Gestalt der „Märkischen B o l k S z e i t u n g" ja auch in Berlin erkleckliches in Socialistenbcgciferiing leistet. Während solches geschah. bereitete sich an dem Orte. von wo aus der zweifelhafte Ruhm des Kaplans sich über die Welt verbreitet hatte, in Trier, ein Ereignis vor, da« dieser Tage vor dein dortigen Schöffengericht mit nichts andrem als der moralischen Vernichtung des Herrn Dasbach endete. Herr. Landtag«- Abgeordneter Dasbach hatte den Redacteur des „ T r i c r s ch e n Kladderadatsch". Fritz H a u b r i ch, wegen Beleidigung verklagt. Wie es i» SensatioiiSprozesscn ja nicht selten»st, kam cS auch hier so. daß im Handnindrchc» ocr Kläger aus der Anklagebank saß. Der Angelegeilheit liegt folgende Vorgeschichte zu Grunde: Fritz Hanbrich war vor etwa 5 Jahren in der Redaktion der Dasbachschen„Trierischen SaiideSzeitung" beschäftigt nnd trat nach seiner Entlassimg in die Redaktion des ebenfalls CentruinSpolitik vcrtretendeil„Trierischen Tageblatts" ein. Bald darauf erschien in der Dasbachschen„Lnndcszei'tung" ein Artikel, in dem es«. a. hieß: „Vor einigen Jahren war ein Herr naincnS Fritz Hanbrich in nusrer Redaktion beschäftigt, der aber nach einiger Zeit a»s einem ge- ivichtigen Grunde ans der Stelle entlassen iviirdc. Bald danach fand er Unterkuilst bei einem hiesigen Blatte, daS kurz zuvor sei» Dasein hier begonnen hatte. Dieses Blatt sucht nun jede ihm passende Gelegenheit zu benutze», um sich an Herrn Dasbach oder der„Trierischen LaildeSzeitniig" oder dem„PanlinuSblatt" oder an diesem oder stiienr der von Herrn Dasbach ins Leben gcrlifenen Vereine, iind mögen diese auch noch so segensreich wirken, zu reiben. Bis dahin ließen wir dem Blatt fern eigentümliche« Lergiiügen, ohne auch nur je ein Wort zu seinen Aiircnipeluirgcn z» bemerken. Wenn wir diesmal eine AuLnahnre machen, so geschieht da« nur inr Interesse einer gute» Sache uslv." Heber diesen Artikel geriet Hanbrich in maßlose Ansregling. iiameutlich, da die Andeutung der plötzlichen Entlassiiiig ans gewichtigen Gründen in der Außeiiwelt eine ehrenrührige Handlniig des Entlassenen vermuten ließ. In Wirklichkeit handelte eö sich, wie die Verhandlung klar stellte, um ei» Liebes« Verhältnis mit der jetzigen Frau des Angeklagten. Hanbrich schrieb an Dasbach einen Brief, und da dieser»hm nicht anivortete, so veröffentlichte Haubrich diesen Brief in dem von ihm heraus- gegebenen„Trierischen Kladderadatsch". Der Brief lautete im wesentlichen: „Die wiederholten gehässigen Andeutungen in Ihren Blättern, als ob ich„wegen eincS gelvichtigen Grmldes auf der Stelle ent- lassen worden fei", stehe» noch weit unter dem gewöhnlichen Niveau der„Landeszeitung", der es nicht) gegeben ist, einen sachlichen Kampf sachlich zu führe». Im übrigen dürften Sie., Herr Kaplan, heute ivohl davon überzeugt sein* daß meine Entlaffnng seiner Zeit zu Unrecht erfolgt ist: ei» harmloses Gespräch, Ihnen von einen, Ihrer Aushorcher hinterbracht. Ivar die Veranlassung. Sie selbst haben den Grund meiner Entlassung nicht für. sehr gewichtig gehalten, andernfalls wäre es nicht zu verstehen, wie Sie mir den Vor- schlag machen konnten, weiterhin in Ihren, Geschäft thätig zu bleiben. Mein Gehalt von 100 M. sollte mir bleiben, nur sollte ich meine Arbeiten zu Hanse erledige». Ich habe diesen Vorschlag damals abgelehnt. Wie infam ist dieser Sachlage gegen- über das Vorgehen Ihrer„Landeszeitnng", das erst lürzlich von maß- gebender Seite als»»katholisch und celitruinsividrig bezeichnet wurde. Vielleicht veranlaßt Sie Ihr Gcrechtigkeitsgestt'hl, die zu übelwollenden Mißdeutimgcn Anlaß gebende Notiz in der„Laudeszeitung" dahin zu berichtigen, daß meine Entlassung nicht ans einem meine Ehre tangierenden Gnuide erfolgt ist. So viel von mir. Und nun zu Ihnen, Herr Kaplan l Auch mit Ihne» muß ich mich not- gedrungen beschäftigen, um mich gegen femcre Rüpeleien Ihrer Blätter zu schützen. Wenn Sie, Herr Kaplan, an der Hand des Folgenden einmal e r n st l i ch Ihr Gewisse», erforschen wolle», dann werden Sie gewiß zu der llebcrzeiiginig kommen, daß Sie gar keine Veranlassimg haben, mit der Ehre des Nächsten leichifertig nmzngehcn. was Ihnen übrigens schon Ihr Stand als Geistlicher von vornherein verbieten müßte. Sofern Sie bei dieser Gelegenheit ehrlich gegen sich selber zu Werke gehen, kann ich darauf rechnen, von ferneren Insulten verschont z» bleiben. DieS z» erreichen ist der Zivcck»iciiies Schreibens. Also zu Ihnen, Herr Kaplan! Wie steht es mit Ihrer persönlichen Ehre, der Sie so frivol mit derjenigen Ihrer Mitinenschcn umgehen? Haben Sie ganz vergessen, aiif ivelche Weise Sie, der ehemalige arme Kaplan von St. Gervasius, sich den Weg zum Rcichtum und zur Befriedigung Ihres stark ansgeprägton Ehrgeizes bahnten? Seien Sie versichert, die Affaire... ist in Trier nn- vergessen und vielen bis in die kleinsten Details bekannt. Sie haben Herrn... geschäftlich ruiniert. Vergeblich suche ich nach cinci» Parka- ineiitarischen Ausdruck, der Ihr Verhalten in dieser Angelegenheit er- schöpfend bezeichiieii könnte.--- Wie haben Sie denselben Herrn sgeinciut ist ivahrscheinlich der nachher als Zeuge anfgctrctcne Groß) in der Saargemündcr Angelegenheit behandelt? Ein reeller Kauf- mann ivürde sich schämen, so zu handeln. Und diesem Konlurrentcn, dessen Existenz Sie untergraben haben, boten Sie vor kurze»» Ihre llnterstütznng an, damit' er eine Zeitnng in Dicdenhofcii gründe. Nennen Sic das eine lohale HnndlnngSiveise, Herr Kaplan? Denken Sic ferner nach, auf Ivelche Weise sie in den Besitz der„Märkischen V o l k L z e i t u n g" in Berlin gelangt sind. Die Vorgeschichte dieses Handels ist so recht bezeichnend für Ihre geschäftlichen Machinationen, Vergessen Sie mcht Ihr Treiben bei der Landivirtschaftlicheii Bank, insbesondere erinnern Sie sich der schweren Vorivürfe, die sie lediglich und allein durch „vertrauliche" Cirkulare zu entkräften suchten. Denken Sie einmal nach, Herr Kaplan: Man wirft u, a. einem Mainic, einem katholischen Priester, vor, er habe unbefugt Gelder einer fremden Kasse entnommen nnd i» seinem Geschäft verwandt, und dieser Priester reinigt sich von dem Vorwurf durch ein Cirlnlar, ohne die Verleumder vor Gericht zu fordern. Erst vor wenigen Monaten haben Sie den wiederholten Versuch gemacht, eine» Herrn, der Ihnen Biichcrfälschung vorwarf. zu eurer Erklärung z» veranlassen. Der Herr hat daraus verzichtet, Ihne» Rede und Antivort zu stehen, und Sie haben— geschwiegen, Muß ich Sie an die Konritecsitzmra der Trierer Katholikeirvcrsammlmig erinnern, als Ihnen der Vorivnrf der Lüge ins Gesicht geschlendert ivurde, als Sie davonlaufen wollten und der Vorsitzende Sie zwang. sich zu verantworten? Sollten Sie Ihren lrmühnrlichcn Prozeß mit Herrn Dr, Görtz vergessen haben? Den Vorivnrf der Lüge nnd der in o r a l i s ch e» U li t e r b i l a» z hatte er gegen Sic erhoben. die Zeitungen haben diesem Vorwurf die weiteste Vcr- brcitung gegeben. Und wie haben Sie den Makel von Ihrem geistlichen Gcivande abgestreift? Durch einen Vcr- gleich, bei dem der Beleidiger weder eine Ehrenerklärung, abgab, noch seine Borwürfe materiell zurückzog. Kein Wort will ich darüber verlieren, wie Sie dein hochivnrdigsten Herrn Bischof gegenüber anfzntrcteu wagten und—-- Das allgemeine Urteil über Ihre geschäftliche Thätiglcit dürfte Ihnen bekannt sein; daß Ihre vornehmste Thätigkcit die priestcrliclic sein sollte, haben Sic oft vergesse». Erinner» Sie sich des erbitterten Kampfes, den die Buchhändler gegen Sie, den Kaplan, führen mußten, um sich Ihrer Konkurrenz' zu erivchren. Sie sind ein ausgezeichneter Händler, der nichts verschmäht bis zu den Stahlfedern hinab, wenn mir ein Geschäft z» machen ist. Vielleicht ist Ihnen beknimt, in welch' marktschreierischer Weise Ihre Filiale in Saarbrücken zn Weihnachten Gesangbücher zu sehr billigen Preisen anbot,„um damit zn räumen". Alle Welt fragt sich:„Ist dieser Mann Geistlicher oder Händler?" Ich habe es kaum nötig, Sie an die Rolle zu erinnern, die Sie in dem letzten Wahlkampf spielten. Sie ivissen e« selbst, wie Ihr Ehr- geiz eine tiefgehende Spaltung in der Partei hervorrief, der zu dienen Sie vorgeben. Sie wissen, wie Tausende von EentnmrS« Wählern, darunter Hochangescheue besonnene Geistliche, cS offen ab« lehnten, in irgendwelche Beziehung zn Ihne» gebracht zu werden. Sie lehnten es ab mit den Worten:„Mein Geivissen verbietet es mir." DaS alles aber ist, wie schon so vieles vorher, spurlos an Ihnen, dem Mann mit der eisernen Stirn, vorübergegangen. Wie Ihre Fraktionsgenossen in den Parlamenten über Sie dcnken. das ist privatim nnd öffentlich oft gciing gesagt worden. Ich criimcre Sie an dieser Stelle nur daran, ivelche handgreifliche Zurechtlveismig Ihnen ein hervorragender Abgeordneter der� Centruinspartei angedroht hat, wenn nicht Ihr gciftlichcS Kleid Sie schützte. Diese Rücksicht auf Ihren Stand hat eS oft genug zinvege gebracht, daß»mir bei Ihrem Treiben schwieg; aber wenn Sie selbst vergessen, was Sie Ihrem Staird schilldig sind, dann besteht schließlich auch für andre eine solche Rücksicht nicht mehr. Wie gesagt, an alle diese Dinge erinnre»ch Sie nur, weil Sie, oder mit Ihrem Einverständnis Ihre Blätter, mich fortgesetzt öffentlich angreifen. Ich bin es müde, das länger ruhig hinzu- nehmen, nnd ich bin entschloffen, mich mit allen Mitteln gegen Sie zn verteidigen. Zn diesem Zweck wollte ich Ihnen zunächst zeigen, daß ich die Person incines Angreifers keime; Sie mögen»uiliiicbr ermessen, ivie Sie künftig Ihr Verhakten gegen nnch einrichten." Wegen dieses Briefs erhob Dasbach Beleidigungsklage gegen Haubrich, der in allen Punkten einen umfaiigreichen Wahrheitsbeweis antrat. Die„Köln. Ztg." berichtet hierüber: Mathias Dahlem, Sekretär bei Dasbach, der der Entlassimgösccnc HanbrichS in einem Nebenzimmer bcigcivohnt hatte, erklärte, daß zur Entlassung HanbrichS hauptsächlich ein Brief geführt habe, den Dasbach aus Trier über ein RendezvonS HanbrichS erhalten hatte. Darauf fei die Entlaffnug tclegraphifch erfolgt. Auf einen Gerichtsbeschluß muß sich Dahlem zur NamenSnennunq des Briefschreibers bequemen. ES ist der Bibliothekar Dasbachs KaSpar Kicsgen. DaS aiebt dem Angeklagten Beranlassnng, auf ein systematische« AnShorchsystem hinzuiveffen, vas die Räume der Paulilnisdruckerei wie ei» Tvinimctz überzogen habe. Zeuge leugnet diese Einrichtuna, muß jedoch zugeben, daß Dasbach ihn gefragt, ob er über Hanbrich nichts wisse, und daß er ihn öfter zu Ermittlungen privater und persönlicher Natur verwandt habe. Zeuge Rentner Ed, G r o p p e entwarf ein Bild von der Thätigkcit Dasbachs, ihn. de» in der Partei hochaiigesehene». überzcuaungS- treuen EcittttMiSmantl, durch die Gründung deS„PaulinuSblattcS" geschäftlich zu verdrängen und unmöglich zn machen, DaS von Groppe herausgegebene EuchariuSblatt und' der EnchariuSkalender mußten aufgegeben Iverden. Groppe beklagte sich beim Bischof über die ihm von einem Geistlichen erwachsene unlautere Konkurrenz, allein dieser konnte ihm nur sein aufrichtiges Bedauern über eine Äoiiklirrenz ausdrücken, aber die Hände seien ihni gebunden, er könne nicht mehr thun.„Außerdem," fuhr der Bischof wörtlich fort, „bedauere ich es ebenso lebhaft, daß das Voll an eine solche ordinäre Sprache gewöhnt werde» soll." Dasbach: Haider Bischof nicht vielleicht gesagt:„Scharfe Sprache?" Zeuge: Nein, ich erinnere mich des Ausdrucks ganz genau, ordinär sagte er. Ver- teidiger des Klägers: Aber der Zeuge ist doch Rentner, wie kann ihn da mein Klient ruiniert haben? Zeuge: Mein Geschäft hat er ruiniert. Der Euchariuslaleudcr brachte mir jährlich allein 12 000 Marl ein, jetzt habe ich ein Einkommen von kaum 3000 Mark. Dasbachs Konkurrenz- kalender, Paulinuskalender, erschien nur ein Jahr; als mein Euchariuskalender verdrängt>var, schien sein Zweck erfüllt. Einen zweiten Strauß hatte der Z e n g e G r o p p e mit Dasbach im Jahre 1801 auszufcchten. Damals starb der Buchdruckereibesitzer Maurer in Saargeinünd. Groppe wurde das Unternehmen mit der Fortführung des Kreisblattes angetragen. Er reiste dorthin und schloß mit einer achttägigen Bedenkzeit ab. Bei seiner Zurückknnft nach Trier besuchte er den Kaplan Dasbach und sagte zu ihm:„Wir haben gar manches miteinander ausgekämpft, aber ich möchte nicht von hier scheiden, ohne Ihnen die Hand zur Versöhnung geboten zu haben." Als er »un das Saargcinllndcncr Unternehmen erivähnte, sagte Dasbach: „Ich habe dort ebenfalls etwas vor und kann nicht mehr zurück- treten." Der Zeuge hielt ihm darauf vor, daß er ihn schon einmal hier in Trier so schwer geschädigt habe, er möge ihm nicht zum zweitenmal entgegentreten. Darauf antivortete Dasbach:„Ich trete zurück nnd werde Ihrer morgen in der heiligen Messe ganz besonders gedenken." Am darauf- folgenden Morgen bekam Zeuge jedoch einen Brief von Dasbach, ivorin dieser erklärte:„Ich bedanre, nicht verzichten zu können." Der Zeuge begab sich in seiner erklärlichen Aufregung zum Bischof, der ihm versprach, Dasbach, der inzwischen nach Berlin ab- gereist ivar, sofort zu schreiben. Nach 14 Tagen ging Groppe ivieder z»in Bischof, bei ivelcher Gelegenheit ihm dieser sagte, Dasbach habe ihm a>lf sein Schreiben gar nicht geantivortct. Jnzivischen hatte Groppe ein Telegramm von Dasbach aus Berlin dcS Inhalts erhalten:„Ich»verde unternehmen, Ihr Unter- nehmen ist riskant." Nach Ablauf der achttägigen Bedenk- zeit traf denn auch ans Saargeinünd eine tclcgraphische Benachrichtiginig ein:„Kominen unnötig. Geschäft verkauft." Das- dach gründete thatsächlich in Saargcniünd nunmehr auch keine Zeitung. Snbregens Dr. Müller erklärte dein Zeugen, er halte Dasbach ihm gegenüber nach canonischcm Recht für rcstitntionS- P flichtig. Hochinteressant gestaltet sich das Verhör des Zeugen Jnstizratö Müller, dcS langjährigen Vorsitzenden des hiesigen Ccntrnms-WahlkomitccS, der über den maßlosen Ehrgeiz Dasbachs eine Reihe ein- drucksvoller Thatsachcn berichtet. Schon im Jahre 1800 stellte sich Dasbach in dem Wahlkreise Bcrncastcl eigenmächtig als Kandidat auf. Er schrieb dem Wahlkomitee:„Sie suchen cinen Kandidaten, voila, ich suche einen Wahlkreis." Als man auf seine Kandidatur nicht einging, wandte er sich dem Wahlkreis Prüm- Dann-Bitburg zu. Aber auch seine dortige Kandidatur ivar der CentrumSfraktion in Berlin nicht genehm. Man forderte Müller von dort aus auf, die Wahl Dasbachs möglichst zu hintertreiben. Als nun Dasbach auf diese Benachrichtiginig hin ofstziell seine Kandidatur zurückzog, reiste Müller auf die wiederholte Warmmg dcS Abg. Prof. MoSler hin, daß dem Dasbach nicht z» tränen fei, dennoch zur entscheidenden Wählcrvcrsammlnng nach Gerolstein. Und richtig, Dasbach hatte, trotz seines offiziellen Verzichts, am Tage vor der Wahl den Vorsitzenden tdcs dortigen Wahlkomitccs, Wall- bäum, brieflich aufgefordert, ihn als Kandidaten an erster Stelle zu nennen, was nur durch die Anlvescnhcit Müllers verhindert wurde. Einen harten Strauß hatte Zeuge mit Dasbach gelegentlich der Katholikenversammlung in Trier im Jahr 1887 auszufechtcn. Das Komitee hatte durch Mehrheitsbeschluß und auf besonderen Wunsch des Bischofs Oberbürgermeister de Nys in das Lokalkomitee gewählt. Dasbach suchte jedoch diese Wahl zu hintertreiben und' machte in einem an ein Mitglied des Geistlichen Rats gerichteten Brie allerlei nicht der Wahrheit entsprechende An gaben über die betreffende Sitzung deS Komitees. Als ihm seitens des Zeugen in einer späteren Sitzung Vorwürfe über diese Unwahr hciten gemacht wurden, wollte er ansangs leugnen, den Brie geschrieben zu haben, und niollte sich aus der Komitee- sitznng entfernen, worauf ihn der Vorsitzende zwang, zu bleiben und sich gegen den Vorwurf der Lüge zu verteidigen. Dasbach hat später über den aufregenden Vorgang ein eignes Privatprotokoll ent warfen, das er dem Abg. Jäger zur Begutachtung vorgelegt und das auch in seinen abweichenden Stellen von diesem gutgeheißen tvurde. Den zweiten Verhaudlungstag füllten die Erörterungen über die „ L a n d lv i r t s ch a s t l i ch e Bank" aus, ein Institut, das. Haupt sächlich durch das Betreiben Dasbachs zur Unterstützung des kleiir bäuerlichen Kredits gegründet, nach zeugcneidlichcr Aussage von der dem Kläger gehörigen Paulinus- Druckerei so sehr in Anspruch ge nommen wurde, daß zeitweise vollständige Kassenleere eintrat. Zeuge Kaufinann Elfen, damaliger Aufsichtsrat der Bank, ergeht sich im Ausführlichen über die vielen Unregelmäßigkeiten, die zu jener Zeit, als Dasbach Vorstandsmitglied ivar, in jener Bank vor- kamen, insbesondere habe D. häufig ohne Erlaubnis, und ohne daß ihm ein besonderer Kredit eingeräumt war, Geld aus der Kasse ent nommen, bald mit, bald ohne Quittung. Die Bank befand sich in den Geschäftsräumen der PauIinuS-Drnckerei. Die entnommene Summe sei schließlich auf 4ß 000 M. angewachsen. Die dadurch entstandene Geldleere sei einmal so zur Kalamität geworden, daß Dasbach den AufsichtSrat aufforderte, deponierte Werte zu lombardieren, eine Handlungsweise, die einem Bankdirektor einmal mehrere Jahre Gefängnis eingetragen habe. Ein zweiter AufsichtSrat, Limburg Hclenenberg, forderte Elfen auf. Dasbach abzusetzen.— Dasbach: Warum hat man mich nicht in den Anklagezustand versetzt? Zeuge: DaS würde die Bank und ihren Betrieb geschädigt haben; man hat Ihnen Ermahnungen gegeben, Sie haben sich ent schuldigt und von da ab Quittungen bei Geldentnahme ausgestellt. Außerdem Hat man Ihnen später den Zutritt zur Kasse ganz verboten; jeder Kassenbeamte, der Ihnen Geld gab, sollte sofort abgesetzt werden. Angekl.: War es nicht Rücksicht auf den geistlichen Stand des Klägers, die Sie von weitern Schritten ab- hielt? Zeuge: Allerdings, sonst würde ich mich an den Staats- anwalt geivandt haben. Dasbach erklärt das Anschwellen seiner Kontos bei der Bank mit der angeblichen Thatsache, daß die Bank zu viel Geld gehabt hätte, und damit dieselbe keine Zinsen verliere, habe er 40 000 M. in sein Privatgeschäft übernommen. Zeuge S t e i n b a ch, ehemaliger Kassierer der Bank, glaubte, daß Dasbach als Vorstandsmitglied das Recht gehabt habe, Geld aus der Bank zu entnehnien. Es geschah dieses häufig gegen Scheine, die später eingelöst wurden. Solche entnommenen Beträge wurden nicht gebucht. Rechtsanwalt Schmoller: Waren Sie häufig genötigt, Geld aus Ihrer Privatkassc der Bank vorzuschießen?— Zeuge: Es war mitunter ein Deficit bis zu 13000 M. vorhanden. Vertreter des Klägers: Ist es ivahr, daß Depots lombar- d i e r t werden sollten, uni die Kasse zu füllen? Z e u g e: Ich mußte hausieren gehen, um für die Bank Geld zu bekommen. Man schlug mir vor, ich sollte Staatspapiere als Depots zu bekommen versuchen, die man alsdann lombardieren könne. Ich machte indessen darauf aufmerksam, daß ein solches Vorgehen strafbar sei. Dasbach: Es wird mir vorgeivorfen, ich hätte Bücher verschwinden lassen und Rasuren vorgenommen, um dadurch die Ent- lassung von Beamten zu veranlassen. Zeuge: Ein geivisser Nan kam zu mir und holte Kopierbücher, die er zu Dasbach brachte. Ob die Bücher zurückkamen, weiß ich nicht. In einem Kopierbuch habe ich einmal ein Blatt vermißt, auch verschiedene Kassenbelege fehlten plötzlich im Schranke. Beklagter: ES waren die Dossiers v und E, bei denen eS sich um Bürgschaftsleistungen Dasbachs für die glatte Abwicklung von Geschäften handelte. Zeuge Stnhlfabrikant Schmitt Ivar früher Angestellter der Landwirtschaftlichen Bank. Er hatte von den Unregelmäßigkeiten der Landwirtschaftlichen Bank gehört, forschte in den früheren Büchern nach und fand Additionsfchler bis zu 1000 M. Auch wurden im Abort Bündel von Briefen gefunden. Bei seiner Entlassung sagte Zeuge zu Das- bach: Es lostet mich nur ein Wort, und Sie sind im Zuchthanse. Beklagter: Hat Dasbach Sie wegen des Ausdrucks„Reif fürs Zuchthaus" verklagt? Zeuge: Nein.' Dasbach: Da hätte ich viel zu thun, wenn ich jeden verklagen wollte, der so etwas von mir behauptet. sGelächter im Zuschauerraum.) Nach s e ch s st ü n d i g e n Reden der Rechtsanwälte deS Klägers und deS Beklagten wurden die Verhandlungen geschloffen. Das Urteil wird in acht Tagen verkündet. Wie das Urteil auch ausfallen möge, der geschäftskundige Herr Dasbach ist gerichtet und zwar von seinen eignen Partei- genossen!_ Verlin und Ilmgcgcnd. An die Arbeiterschaft Berlins und Umgegend! Seit dem 14. April befindet sich nahezu die gesamte Tabak- arbciterschaft von F i n st e r w a I d e im Ausstände. Die Tabakarbeitcr fühlte», veranlaßt durch den Druck der sich immer mehr steigernden Wohnungs- und Lcbciisiuittelpreise, das Bedürfnis, in eine Lohnbewegung einzutreten, umsomehr, da dort noch dieselben Löhne gezahlt werden, wie vor zwanzig Jahren. Ge- stützt auf den gegenwärtigen guten Geschäftsgang und den Stand der Organisation(von ca. 800 dort beschäftigten Personen, gehören 500 dem dcntschcii Tabakarbcitcr-Vcrband nnd ca. 100 dem Hirsch-Dunckcrschcn Gcwcrkvcrcin an) wurde ans Beschluß einer gemeinsamen Bcrsamm lung beider Organisationcn den Fabrikanten der in der Versammlung beschlossene Lohntarif unterbreitet. Obgleich dieser Tarif nur eine ganz geringe Aufbcffernng der bisherigen Löhne<75 Pfennig pro 1000 Stück Cigarrcn) in sich schloß, fühlten sich die Fabrikanten veranlaßt, durch Anschlag in ihren Fabriken folgende Erklärung abzugeben. „Wir erklären hiermit, daß wir auf höhere Lohiiforderungen unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht eingehen und solche» Fragen überhaupt mit einer Kommission nicht verhandeln werden. Etwaige Wünsche unsrer Arbeiter und Arbeiterinnen sind wie immer, den Arbeitgebern direkt vorzulegen. Die Vereinigung der hiesigen Cigarrcn- fabrikante n." Trotz dieser rigorosen Ablehnung versuchte» die Arbeiter es dcimoch, ihre Angelegenheit auf friedlichem Wege zu regeln; jedoch vergeblich! So erfolgte denn am Osterabcnd die Arbeitsnieder legung. Arbeiter Berlins! Die dortigen Tabakarbeitcr bestehen zu 4/5 ans weiblichen Personen; wenn trotz diesem ein so ge schlossencS Vorgehen zu verzeichnen ist, so crgiebt sich wohl schon daraus zur Genüge, in welcher menschcnnnwürdige» Lage sich die dortigen Arbeiter nnd Arbeiterinnen befanden. Die unter solchen Verhältnissen hergestellten Fabrikate werden nahezu ausschließlich in Berliner Nestanrationen, Fabriken und Konsnmvcreincn verkauft. Wir glauben im Sinne der Arbciterschaft Berlins zu handeln, wenn wir hierniit die Aufforderung an sie er- gehen lassen, beim Einkauf ihrer Cigarrcn und Tabakfabrikate darauf zu achten, daß dieselben nicht aus Finstcrwalder Fabriken herstammen. Diejenigen Fabrikanten, welche bis jetzt und nachträglich den Tarif bewilligten, werden seitens der Kommission der Berliner Tabakarbeiter im Inseratenteil des„Vorwärts" laufend veröffentlicht werden. Arbeiter Berlins! achtet auf die Veröffeutlichuiig und verhelft dadurch den streikenden Tabakarbeitern und-Arbeiterinnen zum Siege. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission. Die Arbeiterpresse der Provinz Brandenburg wird um Abdruck dieses Aufrufs gebeten._ Erhöhung der bestehenden Löhne um IS Proz. für Former, Kernmacher und Hilfsarbeiter. 3. Einftthrung einer besseren Lüftung der Gießereien durch cnt- sprechende Ventilationsvorrichtungen. 4. Anschaffung von Gardero'beschränken. 5. Strenge Äufrechterhaltung des SchiedsgcrichtsspruchS vom Jahre 1894 und Aushang desselben an sichtbarer Stelle, 6. Anschaffung von Lohn- bezw. Accordbüchern. Die Stuccatcure und Pliestcrcr Düsseldorfs befinden sich im Streik, weil die Meister einen von den Gehilfen eingereichten Lohntarif nicht bewilligt haben. Die Streikenden verlangen zehn- stündige Arbeitszeit mit je stündiger Vesper- und Frühstückspause, ferner l'/e Stunden Pause für Mittagbrot. Außerdem einen Stnnden- lohn für selbständige Stuccateure von 60 Pf., für Pliesterer von 55 Pf. Ueberstunden bis 9 Uhr abends sollen mit 10 Pf., nach 9 Uhr mit 20 Pf. pro Stunde bezahlt werden. In dem ausfllhr- lichen Lohntarif, den die Streikenden bewilligt verlangen, sind noch die Accordsätze für sämtliche Arbeiten sowie sonstige Forderungen bezüglich Material und Lohnauszahlung enthalten. Mehrere Meister haben die Forderungen der Streikenden bereits schriftlich anerkannt. Die christlichen Arbeiter gehen in diesem Lohnkampf mit der Gewerk- schaft der Stuccateure Hand in Hand. Achtung, Metallarbeiter! Die Arbeiter der Vereinigten Cammrichschen Werke. Abteilung Maschinenbau, Ncinickendorfer- straße 23 ck, befinden sich im Ansstand. Zuzug ist fernzuhalten. Die Ortsverwaltung der deutschen Metallarbeiter-Gewerkschaft. Deutsche» Reich. An die Textilarbeiter! Bereits fünf Wochen sind 800 Färber in Barmen und 400 in Elberfeld von dem dortigen Unternehmerverband ausgesperrt, weil die Färber nicht Arbeit für streikende Firmen vernichte» wollen. Die Elbcrfelder und Barmcr Kollegen haben jederzeit ihre volle Schuldige keit gethan, wenn es galt, andre Arbeiter zu unterstützen: beide Orte sind die ältesten Filialen unsres Verbands. Der Kampf ist uns auf gedrungen. Wir ersuchen nun ganz besonders die Textilarbeiter aller Orte, dafür zuf sorgen, daß unsre alten organisierten Arbeiter im Wupperthal nicht wegen Mangel an Unterstützung unterliegen müssen. Schnelle Hilfe ist dringend nötig. Alle Gelder sind an de» VerbandSkassierer Georg Treue, Berlin 0., Kronprinzenstr. 7 zu senden. Der Centraivorstand. In Luckenwalde befinden sich die Zimmerer in Lohn differenzen. Der Streik der Stemmer auf der Germania-Werft in Kiel ist beendet. Die geplante Reduzierung der Preise für das Stemmen der Stoßuähte ist durch die Werftdirektion rückgängig gemacht worden, für die Platten- und Laschennähte erhalten die Stemmer statt bisher 20— 25 Pf. jetzt 28 Pf. pro Meter. Da der entlassene Stemmer A. auf seine Wiedereinstellniig freiwillig ver- zichtete, haben unter den obigen Zusicherungen durch die Werft die Arbeiter wieder die Arbeit aufgenommen. Daß zur Zeit, wo die Schiffsbau-Jndustrie so glänzende(Be schäfte macht und insbesondere Krupp die reichsten Profite einheimst, auch auf der Kruppschen Werft eine Reduzierung der Accordpreise versucht wurde, ist typisch für die Gewiniijucht deS heutigen Unternehmertums. Bei der Gewerbegerichtswahl in Mülheim a. Rh. siegle» die Kandidaten der freien Gewerkschaften mit 1896 Stimmen über die vereinigten konfessionellen Arbeitervereine und christlichen GeWerk- fchaften, die es trotz aller Anstrengung nur auf 1264 Stimmen brachten. Die freien Gewerkschaften nahmen gegen die vorige Wahl um 120 Stimmen zu. die„christlichen" um 30 Stimmen ab. Im benachbarten Kalk wurden die christlichen Kandidaten mit 1278 gegen 1238 Stimmen der freien Gewerkschaften wiedergewählt. Die Aussperrung der Former bei der Firma RitterShauS u. Blecher in Barmen ist durch einen Vergleich beendet. Die Eiscuformcr in N ü r n b e r g sind am 21. d. M. in den Generalstreik eingetreten, an dem 300 Mann beteiligt sind. Schon eit drei Jahren verhandelten die Arbeiter mit den Unternehmern. um eine Besserung ihrer Arbeitsverhältuisie herbeizuführen, ohne daß ihr Bemühen von Erfolg begleitet wäre. Nunmehr haben sie olgende Forderungen aufgestellt: 1. 54 stündige Arbeitszeit. 2. Miuimallohn von stündlich 35 Pf. für Minderjährige nnd 40 Pf. für Großjährige. Soeinle Veifztspflrgr. Die Störche des Herrn Sauer. Der Tischlermeister Sauer wandte gegen eine Lohnentscbädigungsklage des Tischlers A. vor dem Gcwerbcgcricht ein. daß er A. ohne vorherige Kündigung hätte ent- lassen köniieli. Dieser sei angetrunken gewesen und habe ihn grob beleidigt. Ans Aerger darüber, daß er einfache Schreibtische, so- genannte Störche, habe arbeiten sollen, sei der Kläger absichtlich an ihm vorbeigegangen und hätte fortwährend gesagt: Jetzt mache ich Störche, die werden zusammengehaiien lind dann werden sie geliefert. Die Kaiiimcr IV unter dem Vorsitz deS Dr. Gerth billigte dem Kläger die verlangte Entschädigung von 7,50 M. und, seinem Antrage gemäß, außerdem eine Termins- eiitschädigung von 1 M. zu, die letztere, weil der Beklagte zu dem einen Tcimi'n nicht erschienen war. Dr. Gerth führte begründend ans, daß in den angeführten Nedensarten eine grobe Beleidigung und somit ein gesetzlicher Entlassnngsgnind nicht zu sehen sei. Was aber die angebliche Trunkenheit des Klägers angehe, so sei nicht be- hanptet worden, daß sie A. arbeitsunfähig gemacht. DeS- halb könne sie auch als EutlasiungSgrund nicht in Frage kommen. Der Krieg. An d r e i P n n k t e n ist augenblicklich der Kampf entbrannt. Zwei dieser Punkte liegen im Oraujcfreistaat, der dritte in Natal. Bei den Wasserwerken von Thabanchu hatte General R u n d l e den Versuch gemacht, die Boeren aus ihren Stellungen zu vertreiben. Seine Streitmacht erwies sich jedoch zu diesem Zweck als zu schwach. Eine Abteilung von 25 Mann geriet sogar, als sie mit einem Konvoi nach einem vorgeschobenen Posten ausgesandt wurde, in Gefangenschaft. Die Division Pole- C a r e w und 2 Brigaden unter French rückten deshalb in zwei Teilen zur Unterstiitzung Rundles ab. Die Boeren, die von verschiedenen Seiten angegriffen wurden, räumten einige Kopjes, darunter den Leeuwkop. Die Engländer er- reichten Warriefontein, ohne viel Widerstand zu finden. Die Wasserwerke selbst vermochten sie jedoch nicht in ihren Besitz zu bringen, da dieselben durch eine starke Boerenabteilung besetzt ge- halten werden. Die englischen Verluste bei dieser Operation werden— die 25 Gefangenen der Abteilung Nundles nicht gerechnet— auf 2 Tote, 19 Verwundete, darunter ein Offizier lebensgefährlich, und 11 Vor- mißte angegeben. Wenn die Telegramme, die über dies Gefecht berichten, die Ver- mutung äußern, daß de W e t die Boeren bei den Wasserwerken be- fehlige, so dürften sie sich darin in einem Irrtum befinde», da dieser Boerenkommaiidant sich nach einer Boerennachricht auS Thabanchu in I a m m e r s b e r g bei Wepcner, 60 Kilometer von Thabanchu entfernt, befindet, wo er inzwischen mit den zum Entsatz der bei Wepener eingeschlossenen englischen Abteilung heraneilenden Truppen in ein Gefecht verwickelt worden sein dürste. Eine Meldung auS Masern besagt nämlich, daß die Boeren Bushmanskop geräumt und sich am 22. April den ganzen Tag vor den nachrückenden Engländern unter den Generalen B r a b a n t und Hart zurückgezogen hätten, so daß die Engländer in derNacht vom 22. auf den 23. bereits bis auf acht englische Meilenichengesetz). Abg. Gamp sRp.): Meine politischen Freunde sind mit der Vorlage durchaus ein- verstanden: Eine einheitliche Regelung der Maßregeln zur Bc kämpfnng von Seuchen wie Cholera usw. war durchaus notwendig Ich habe aber doch einige Bedenken gegen die Fassung der cinzelneit Paragraphen. So darf die Anzeigepflicht sich nicht auf alle Laien, wie den Haushaltungsvorstaud und jede sonst mit der Behandlung oder Pflege deS Erkrankten beschäftigte Person erstrecken, die nicht im stände sind den Charakter der Ärantheit zn erkennen, sondern muß sich aus Aerzte und Beamte bcschraukcn. Am wenigsten befriedigt mich die Regelung der Eni fchiidignngöfrage. Die Regierung stellt sich hier ans einen höchst idealen Standpunkt. In den Motiven heißt es:„In dem Interesse, welches jedermann an der Wahrung des Gemeinwohls hat. werden viele Nachteile, die er durch diese Wahrung im Einzelfall erleidet, ihren Ausgleich finden." Ich glaube doch, daß diejenigen, denen durch Desinfektion und ahnliche Maßregeln empfindliche Kosten entstehe». deren ganze Existenz vielleicht gefährdet wird, sich auf diesen Stand' Punkt zu stellen nicht geneigt sein werden. Der Entivurf will die Regelung der Entschädigung den Einzelstaaten überlassen. Ich glaube, die EntschädignugSfrage muß ebenfalls vom Reich geregelt werden. Nach den Erfahrungen, die wir mit der Eni fchädigung bei Viehseuchen gemacht haben, ist es mir doch sehr zivcifclhaft, ob zum Beispiel Herr v. M i q u e l geneigt sein wird die Entschädigungskosten ans den Staat zu übernehmen. Ob eS nun möglich sein Ivird, in einer so vorgeschrittenen Session das Gesetz noch zum Abschluß zu bringen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Jedenfalls bitte ich Sie, es' einer Kommission zu überweisen, damit in dieser Klarheit und eine Grundlage geschaffen ivird, auf der dann eventuell in der nächsten Session die Regierung daS Gesetz dem Hause vorlegen kann. Abg. Dr. Endcmann(natl.): Wir freuen uns, daß wir endlich auf diesem Gebiete mit der ReichSgesetzgcbnng weiter kommen. Meine politischen Freunde stehen dem Gesetzentwurf sehr wohlwollend gegenüber und beantragen, ihn an eine Kommission von 14 Mitgliedern zu überweisen. Die ver- bündetcn Regierungen scheinen nach dem Grundsätze gehandelt zu haben:„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister," und haben sich deshalb auf ö Krankheiten beschränkt. So sind Scharlach, Kind bettficbcr und ähnliche häufig auftretende Krankheiten im Gesetz ganz übergangen. Wir hoffen, daß zu ihrer Bekämpfung später'noch geeignete Maßnahmen getroffen werden. Bei der Bekämpfung der ein- zclnen Krancheiten werden die Aerzte und auch die Tierärzte eine große Rolle spielen. Da ist cS sehr bedauerlich, daß auf die Vorbildung der Tierärzte noch zu wenig Wert gelegt lverde, man sollte voni an- gehenden Tierarzt daS Abiturientencxnmcn verlangen. Ein rcichS- gesetzliches Vorgehen auf diesem Gebiete war jedenfalls durchaus notwendig. Die Durchführung dcS Gesetzes wird freilich zunächst auf große Schwierigkeiten stoßen, aber die müssen überwunde» werden, denn der gegenwärtige Zustand kann nicht aufrecht erhalten werden.(Bravo l bei den Nationalliberalcn.) Abg. Dr. Miiller-Sagan(frs. Vp.): Auch meine politischen Freunde stehen dem Gesetzentwurf wohl wollend gegenüber. Freilich ist die Tagung soweit vorgeschritten, daß sich die Durchberatung kaum noch wird ermöglichen lassen. Den Versuch wollen wir aber machen, und darum stimmen wir der Ver- Weisung an eine Kon, Mission zu. Ein Gesetz, wie das vorliegende, läßt sich ohne erhebliche Opfer nicht durchführen. Wir sind aber um so eher geneigt, die erforderliiheii Mittel jetzt zu bewillige», als die verbündeten Regierunge» put der Neneiubringnng des(flefew eutwurfs leider zu lange gesäumt haben. Die Verabschiedung des Gesetzes ist recht eilig, denn die Pest steht vor den Thoren des Reichs. Daher dürfen wir nicht mit Hunderttausendcn zurückhalten, um vielleicht nachher Milliarden hergeben zu umsscn. Meine Freunde werden also alle? thu», um da? Gesetz zu stände zu bringen und sind daher auch bereit, aus ihre weitergehenden Wünsche zunächst zu verzichten. Wir erwarten, daß dies Gesetz nur der erste Schritt auf der Bahn der Seuchenbclämpfnng sein wird und weitere ihm bald folgen ivcrden. Ich verstehe nur nicht, weshalb das Gesetz so spät eingebracht ist. Wesentliche Aenderungcn gegen die frühere Fassung.sind doch nicht vorgenommen worden.~ Für überaus wünschenswert halte» meine Freunde eine Trichinenschau, die für das ganze Reichsgebiet vorgeschrieben wäre. Erstens um endlich zu ermöglichen, daß eme richtige Sterblich- teits-Statistit aufgenommen wird und zweitens auch, weil es für die Bevölkerung ei» beruhigender Gedanke ist, wenn sie weist man kann nicht eher begraben Ivordcn, als bis man wirklich tot ist. Die Furcht vor dem Scheintod ist heute wenn auch nicht mit Recht noch sehr verbreitet. Für wenig erfreulich halten wir den§ 27. wodurch der Bundesrat ermächtigt' stvird, über die bei der Ausführung wissen- schaftlicher Arbeiten mit Krankheitserregern zu beobachtenden VorsichtZ- maßregeln, sowie über den Verkehr mit Krankheitserregern und deren Aufbewahrung Vorschriften zu erlassen. Ich hoffe, daß der Bundes« rat niemals in die Lage komnien wird, von dieser Ermächtigung Gebrauch zu machen. In der Entschädtgungsfrage stehe ich auch auf dem Standpunkt des Herrn Gamp. daß die Allgemeinheit die Kosten tragen muff. Im übrigen schließe ich mich dem Antrag auf Einsetzung einer Komn, isston von 14 Mitgliedern an und bitte die Kommission dafür zu sorgen, daß endlich einmal etwas geschieht, sonst gewinnt man im Lande den Eindruck, daß diese Borlagen immer nur dem Reichstag gemacht werden ut aliguiä kscisso vickestur, damit es so aussieht, als ob man etwas thun wolle. Staatssekretär Graf v. Posadowsky: ES ist die Befürchtung ausgesprochen worden, daß dieser Gesetzentwurf bei der späten Tagung' voraussichtlich nicht mehr zur Ber- abschiedung gelangen würde. Ich würde das anfS äußerste be- dauern. Wir haben den Entwurf schon zweimal vorgelegt, er ist den ärztlichen Vertretern allgemein bekannt geworden, und es ist auch von allen Rednern anerkannt worden, daß sie trotz ihrer Bc- fürchtnngen dem Entwurf wohlwollend gegenüberstehen. Ich sehe also nicht ei», warum eS nicht möglich sein sollte, die Vorlage noch in dieser Tagung zu erledigen. Freilich muß man sich dann beschränken und dem Wege folge», den die verbündeten Regierungen eingeschlagen haben, den Rahmen nicht zu weit zu spannen' Daß der eigentliche Entwurf nicht früher vor- gelegt worden ist, liegt daran, daß erst die einzelnen Regierungen die ärztlichen Vertreter gehört haben. Ein zwingender Griind. hier endlich etwas zu stände zu bringen, liegt vor allem in der Judikatur des Sieichsgerichts, welches entschieden hat, daß die preußische Ver- ordnung vom Jahre 1835 Gesetzeskraft hat und daß Polizei- Verordnungen, welche diese modifizieren, ungesetzlich sind. Daher stand die preußische Regierung vor der Frage, soll sie ihrerseits ein Landosgesctz machen oder soll die Sache reichS- gesetzlich geregelt werden. Ich glaube. Sie alle werden mit mir darin übereinstimmen, daß der letzte Weg der einzig richtige ist.— ES ist nun die Ausdehnung der Anzeigepflicht bemängelt' worden. Ich meine aber, wenn eine große Seuche wie die Cholera in unser Vaterland eintritt, da kann mau nicht schnell und scharf genug vorgehen. Wenn bemängelt ist, daß der HmishaltmigS- vorstand zur Anzeige verpflichtet ist, so sage ich: Wer soll denn sonst die Anzeige erstatten, wenn ein Arzt nicht zugezogen ist.— Der beamtete Arzt soll eine zu große Machtvollkommenheit haben. Dem gegenüber mache ich darauf nufinerksam, daß bei solchen Epidemien gerade bei dem ersten Fall schleunige wirksame Maßregeln notwendig sind und daß über alle Anordnungen des beamteten Arztes endgültig erst die Polizeibehörde entscheidet.— Es ist gefragt ivordcn. wer trägt die Kosten? Ich meine, wenn wir hier ein Gesetz beschließen, das vom Bundesrat vorgelegt ist mit Zustimmung der einzelnen Staaten und in diesem Gesetz' steht, daß die EntschädignugSfrage von den einzelnen Staaten zu regeln ist, so wird sich kein einzelner Staat dieser Verpflichtung ent- ziehe».— Man hat weiter gewünscht, daß auch die Tuberkulose m das Gesetz einbegriffen worden wäre. Dies haben wir nicht thim können ans dem naheliegenden Grunde, weil diese Krankheit einen ganz andren Charakter hat. Sic ist nicht vom Auslände ein- geschleppt und ihre Bekämpfung erfordert großartige Verwaltnngs- maßregeln von feiten der einzelnen Landesregierungen. Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose und ähnlicher Krankheiten können nur wirksam durch Spccialgesetze verfügt werden. Gerade gegenüber der Tuberkulose regt sich jetzt in allen Teilen Deiiffchlands das Gefühl der Verantwortlichkeit bei den besitzenden Klaffen. Die frei« Liebesthätigkeit hat gerade' ans diesem Gebiet Wunder hervorgebracht. Die besitzenden Klassen haben die größte Freude niid das größte Interesse daran, auf diesem Gebiet Wandel zu schaffen, und iw hoffe, daß die Tuberkulose auf dem Wege der freie» Liebesthätigkeit äußerst wirksam wird bekämpft werden können.— Hu dem vom Vorredner bemängelten§ 27 haben nnL bor allem die bekannten traurige» Vorgänge in Wien veranlaßt. Der Paragraph richtet sich im wesent- lichen dagegen, daß Versuche mit Krankheitserregern von unberufenen Personen in ungenügender Forni und in ungenügenden Lokalen vor- genommen werden. Dieser Paragraph ist im Interesse der Sicherung der Volksgesundhcit durchaus notwendig. Ich bitte Sie schließlich, über Einzelheiten hinfortzugchen und in der Kommission das Gesetz recht schnell durchzuberaten, damit es noch in dieser Tagung ver- abschiedet werden kann. Abg. Wurm(Soc.): Der Herr Staatssekretär meinte, man müsse danach streben, daß daS Gesetz möglichst bald verabschiedet werde. Ich halte das nicht für richtig. Das Gesetz ist von der Oeffeutlichkeit noch bei- nahe gar nicht dislutiert worden; eS ist noch vollständig im ersten Stadium der Diskussion. Das Haus hat also alle Veranlassung den Entwurf mit seinen einschneidenden Maßregeln genau zu diskutieren. Es ist richtig, daß die Gesamtheit berechtigt ist, Eingriffe tu die Freiheit des Einzelnen vorzunehmen, und daß es Pflicht des Einzelnen ist, sich diesen Eingriffen zu unterwerfen, falls cS nach- gewiesen wird, daß diese Eingriffe im Interesse der Gesamtheit not- wendig waren; und ich gebe auch zu. der größte Eingriff in die persönliche Freiheit ist in der Kranlheit und im Tod zu erblicken. Aber ich zweifle doch sehr daran, daß die Mastregeln, wie sie hier im Entwurf vorgeschlagen werde», die erhoffte Wirkung haben werden. Die inodemc Wissenschaft steht auf dem Standpunkt, den Krankheiten muß rechtzeitig vorgebeugt werden; man darf nicht warten, bis eine Epidemie kommt, um dann Halö über Kopf einige Maßregeln zu treffen, die keinen Segen bringen. In dieser Hinsicht thut der Gesetzentwurf gegenüber dem vom Jahre 1893 nicht einen Schritt vorwärts, und das' ist um so bedauerlicher, weil ich die Ansichten über anstreckende Kraukbeitc» inzwischen sehr ge- ändert haben. Die Meinung, daß die Krankheit nur durch einen Krankheitserreger übertragen werden könne, wie sie damals Professor Koch vertrat, wird heute nicht mehr aufrecht erhalten. Die DiS- Position spielt bei jeder Krankheit eine große Rolle, und !>iese Disposition muß bekämpft werden. Da heißt eS heute in der Begründung des Gesetzentwurfs: Die Vorlage beabsichtigt nicht, das weite Gebiet der Gesundheitspflege überhaupt zu regeln. Das ist eine Bankerottcrklärung sondergleichen l Dann können auch die Krankheiten nicht genügend bekämpft werden. Dem Minister der Socialreform sollte auch nicht unbekannt sein, daß eine zweekmästige Soeialreform die beste Wehr und Waffe gegen die Verseuchung des LändeS ist. So kann auch die Tuberkulose sehr gut bekämpft werden, wenn man für gesunde Zustände in den Werkstätten sorgt und einen zureichenden Lohn für die Arbeiter schafft. Man kann das Volk vor Seuchen schützen, wenn man ihm die Nahrung nicht ver- dirbt und andrerseits die notwendigste» Lebensmittel wie das Fleisch nicht verteuert, wie das jetzt geschehen soll. Auch die Verkürzung der Arbeitszeit lvürde den Arbeiter mehr 'chützcu, als die Maßnahmen, die der Gesetzentwurf vorschlägt, obwohl ich durchaus nicht meine, daß diese Maßnahmen über- ftissig sind. Die Maßnahmen beziehen sich z. B. auf die Wohnungsfrage, aber in wie beschränkter und unzureichender Weise. Der Herr Staatssekretär hat mit Recht gesagt, die Wohnungsfrage 'ei ein Teil der socialen Frage. Welche Mißstände hier zu über- winde« sind, das zeigte sich bei den Verhandlungen über das WohnungSgesetz in Hambnrg. Der Hamburger Senat hatte die ernsthafte Absicht, eine Besserung der Wohnungsvcrhältnisse eintreten zu lassen. Da waren die.Hausagrarier diejenigen, die das Zustandekommen des Gesetzes bis zum vorigen Jahre verzögerten. Auch in der Schule wird leider gar nichts gethan. Die Schule cheint schon jetzt unter dem Einflnst der lex Heinze zn stehen; man scheut sich m der Schule offenbar schon, vom menschlichen Körper zu reden. Auch den Aerzten ist der Vorwurf nicht zu ersparen, daß sie bisher viel zu wenig gethan haben, um weiteren Volkskreisen Auftlärung zu geben. Der Entwurf, wie er uns vorliegt, beschränkt ich auf einige wenige Abwehrmaßrcgeln, und ob die den Nutzen, den wir von ihnen erwarten, haben werden, bezweifeln wir sehr. Die Tuberkulose ist im Gesetz leider nicht beachtet, obwohl ivir in Deutschland alljährlich an Tuberkulose SS(XX) TodeS- und 126 000 Krankheitsfälle zu verzeichnen haben. Der Herr Staatssekretär meint, man möge nur immer den ersten Fall zur Kenntnis bringen; dann könne man das ganze Reich vor Verseuchung schützen. Obzekttve Hygieniker warnen davor, die Hoffnung auf Verhütung einer Epidemie ersten Falls zu hoch' zu spannen. daß die Ansteckungsleime auch durch Kenntnis ES ist jetzt bei Gesunden des' fest- stets gestellt, vorhanden sind. Das Reichs- Gesundheitsamt hat seit einigen Jahren Gcstindhcitöbüchlcin herausgegeben. Ich erkenne an, daß diese Büchlein gemeinverständlich geschrieben sind und eine Reihe von vor- züglichcn Vorschriften enthalten. Aber so lange nicht durch geeigneten Sllinlnnterricht die Gesundheitspflege Gemeingut der weitesten Kreise wird, so lauge wird sich zur Vermeidung der Seuchen nur wenig thun lassen. Ich habe diese Ausführungen nur gemacht, um mich dagegen zu wenden, auf die Isolierung einen zn großen Wert zu legen.' Man hat gesehen, daß die Ilcbertragung durch den Luftzug, durch feuchte Luft, durch Tiere. durch Insekten erfolgen kann. Die Ratten erwähnt ja der Entwurf, sie sind zu groß, um übersehen zu werden(Heiterkeit), aber nicht die Fliegen, obwohl doch diese direkt mit den Menschen in Berührung kommen. Dabei ist weiter versännit, für die Isolierung Räume zu schaffe», wo die Leute hingebracht werde» können. Wo wollen Sie die Kranken unterbringen?(Sehr richtig! bei den Soc.) Eine solche Isolierung der Kraulen wird immer iiotwcndig sein bei der armen Bevölkerung, wo Mann, Frau und Kinder in derselben Stube essen, wohnen, schlafeu und vielleicht noch in der Hausindustrie, in der Kleiderkonfektion thätig sind. Wohin sollen sie gebracht ivcrden? In die Krankenhäuser? Selbst in Berlin sind die Krankenhäuser iiberfüllt. In den sieben Jahren, die seit den ersten Seuchcngesctz verflossen sind, haben weder die Reichsregierung � noch die Landesregierungen auch nur die geringste Fürsorge in dieser Hinsicht getroffen. Wenn uns die Pestgefahr erreichen sollte, dann werden diese Jsoliernngsbestimmnngen im Gesetz niiS so wenig nützen, wie die Beschwörungsformeln im Mittelalter gegen die Pest geholfen haben.(Sehr richtig! links.) lind wie sieht es in nnsren Krankenhäusern aus? Es ist ja vieles besser geworden. Die Schandflecke der Civilisatton, die ganz verrotteten Krankenhäuser, sind verschwunden, aber um die Mißstände in der Charit« zn beseitigen, mußte die organisierte Arbeiterschaft direkt durch den Boykott eingreifen. Und weiter frage ich: welche Maßregeln hat die Regierung ergriffen, um für geschultes Wärter- und Krankenpflege- Personal, für geübte und sachkundige Desinfektoren zu sorgen? Jede nicht sachkundige Desinfektion stiftet mehr Schaden als Nutzen. Noch ein andres Bedenken habe ich. Die Jsolicrungsvorschriften werden zur Vcrhcimlichnng der Krankheiten führen: man holt keinen Arzt. Und wie soll der Laie wissen, ob die Krankheit eine solche ist. zu deren Anzeige er verpflichtet ist? Was mm das zur Kontrolle nötige Personal anlangt, so haben wir ja in Deutschland einen allwissenden Mann, daß ist der Herr Polizist, der Herr Gendarm(Heiterkeit). Ein ausreichend geschultes Personal wird nie zur Verfügung stehen, ehe man dafür sorgt, daß die Aerzte. Techniker und bei der Desinfizicruug mitwirkenden Arbeiter ihre Hinterbliebenen durch eine Pension gesichert wissen. Wenn cS feststeht, daß die Gefahr der Ansteckung sich bei der direkten Berührung steigert, so müsse» diejenigen Leute, die berufsmäßig verpflichtet sind, in die engste Berührung mit den Kranken zu kommen, auch das Anrecht auf Unterstützung ihrer Hinterbliebenen haben.(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Der Entwurf sieht ein einziges Organ vor, den beamteten Arzt, der aber nicht daS leisten kann,' ivas man von ihm verlangt, da er eben mir Teilbeanitcr ist, von, Staat mir 000 Mark bekommt>md im übrigen auf Privatpraxis angewiesen ist. Ein solcher beamteter Arzt ist aber die oberste Instanz dieses Gesetzes, er allein hat zu entscheiden, ob in einem Fall Cholera vorliegt oder nicht. Aller- dings ist ja gegen seine Entscheidung die Beschwerde zulässig und cS kommt dann vielleicht nach Wochen der Bescheid, daß die Ucberfllhruiig des Kranken in daS Krankenhans in einem Fall nicht notwendig ivar.(Heiterkeit.) Dabei braucht dieser beamtete Arzt, iveil er vom Staate 000 M. bekommt, dnrchans nicht tüchtiger zu sein, als ein Privatarzt. Da aber doch das Vertrauen des Patienten zum Arzte bei der Behandlung die Hauptsache ist, so meine ich, daß man die moralische Depression vermeiden sollte, zu der der Kranke durch die Einführung des beamteten Arztes kommt. Der Kranke weiß nun nicht mehr, an wen er sich eigentlich zu Valien hat. Daß die Medizinalreform in Prensten so kläglich aus- gefallen ist, liegt daran, daß mau sich nicht entschließen kann, die nötigen Geldmittel aufzuwenden. Die«nhygienischen Verhältnisse sind verursacht durch die Not der Massen und können nur beseitigt werden durch große Gcldaufivcndungen seitens des Staats und der Gemeinden. Warum eignen Sie sich nicht die'Grund- sätze der englischen GesuiidheitS- Gesetzgebung an. die dem Volk giebt, ivas es will, die freie Fürsorge für sein eignes Wohlergehen. Diese Gesetzgebung beruht auf dem Grundsatz der Selbstverwaltung. Es bestehen dort örtliche Gesundheits-Kom- Missionen, die Beschlüsse fassen können und Exekutivgewalt besitzen, ja das Recht haben, Steuern zu erheben zur Deckung der Unkosten der sanitärcn Maßnahmen. Was den Reichs- GesundheitSrat an- laiigt, so sind ivir der Meinung, daß auch er nur dann segens? reich wirken kann, wenn er das Recht hat, selbständig seinen Beschlüssen Geltung zu verschaffen. Im andern Falle wird er ebenso wenig erreichen, wie daS Reichs- Gesundheitsamt» auf das auch meine Freunde früher große Hoffnungen setzten. Bleibt er ohne jedes Exekutivrecht, so ivird man auch ihn mir hören, wenn man ihn hören ivill. Bei uns haben ja der Herr Regierungspräsident, der Herr Landrat und der Herr Pokizist die führende Rolle und die Männer der Wissenschaft haben einfach als Hilfspersonen daneben zu stehen. Wir treten also dem Gesctzentivurf mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Eine wirksame Hilfe ist nur möglich, wenn man in Friedenszeiten sich ans die Bekämpfung der Seuche rüstet. Ich bin auch dafür, daß der Gesetz- entivurf einer Kommission überwiesen wird, aber ich glaube, daß sie schlver zu arbeiten haben wird, wenn eS noch gelingen soll, daZ Gesetz in dieser Session zu verabschieden. Gelingt' es nicht, so trifft die Verantwortung die Regierung, falls wir im Sommer einem eventuell hereinbrechende» Unglück wehrlos gegenüber stehen, weil man 7 Jahre dazu gebraucht hat. um dem' Entwurf eine andre Fassung zu geben.(Bravo I bei den Socialdemokraten.) Hierauf ivird ein VertagungSantrag angenommen. Präsident Graf Ballestrem: Ich habe Ihnen noch eine schmerz» liche Mitteilling zn machen. Der Abg. Oertel-Nürnberg ist am 4. April d. I. verstorben. Ich bitte die Herren, sich zum Gedächtnis des verstorbenen Kollegen von ihren Plätzen zu erheben.(Gc- schicht.) Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr.(Nechmiligssachen. Fort, setzung der Beratung deS ReichS-Sencheugesetzes. ErgänznngS- ctat fiir 1000; Gesetz betreffend die Postdaiiipfer-Verbindnngen mit Ostafrika.) �rbTiifc st/i Schluß 5va Uhr. Gevichks-Beifuttfl« Der verfolgte Polizeikommiffar. Einem erbitterten Ber» n i ch t u n g S k a in p f ist der Polizeikommiffar KanzliviuS aus Rheydt ausgesetzt, der gestern vor der IV. Strafkammer des Land- gerichts I gegen feine Schwägerin, die Frau KanzliviuS, als Zeuge aufzutreten hatte. Die Angeklagte Ivar der versuchten Erpressung beschuldigt. Der Anklage lag eine höchst abenteuerliche Geschichte zu Grunde. Der jetzt nach Rußland verschwundene Ehemann der An- geklagten, der früher hier in der Chanffccstraße eine Konditorei be- trieb, ist der um viele Jahre ältere Bruder des Polizeikonimissars. Schon als letzterer noch sehr jung war, ist der Bruder ins Ausland gegangen und dem Zeuge» fast ganz unbekannt geblieben. Schließlich galt er allgemein als verschollen. Durch Zufall ftif der Zeuge mit feinem Bruder und dessen Frau aus inner Orientreise zusammen und seitdem wurde' er die Leute nicht mehr los. Als der Zeuge, der früher Kaufmann ivar, die Beamten- laufbahn ergriffen hatte, tauchte das Kauzlivnis'schc Ehepaar. daS sich zuletzt in Numäuicn ausgehalten hatte, in Deutschland auf und chcftete sich an die Fersen des Zeugen. Wo der Zeuge eine An- stcllung im Polizcidicust angenommen hatte, erschien bald das Ehe- paar auf der Bildsläche und uisicte sich dort ein. Der Bruder machte an dem betreffenden Ort gewöhnlich ein Konimissionsgeschäft in Uhren, Cigarren u. dcrgl. auf und suchte sich Geld zu machen, indem er in der Geschäftswelt verbreitete, daß er der Bruder dcS Polizei- kommiffars sei und dieser fiir ihn Bürgschaft leisten würde. Der Beamte war stets in Gefahr, aufs ärgste kompromittiert zu werden und ergriff mehr als cilimnl vor dem unbequemen Bruder die Flucht, indem er selbst seine Versetzung beantragte oder sich um eine andere Dienststellung bewarb. So ging seine Flucht vor dem Bruder über Templin, Suhl, Stendal, Altona, Rhctidt— es war aber alles ver- gcbcns, denn an all' den verschiedenen Stationen erschien, das Ehe- paar wieder und die Not ging von neuem los. Schließlich gelang es ihm in Rheydt, die gleiche Absicht des Bruders zu durchkreuzen und letzterer ließ sich in Berlin nieder. Der Ehemann der Auge- klagten ist dann hier zweimal wegen Betrugs, einmal zu L Wochen, das zweite Mol zn 6 Monaten verurteilt worden und ist alsdann nach Rußland verschwunden. Der Polizei- kommissar hatte seinem Bruder, um ihn los z» werden, einen Paß nach Rußland ausgestellt, er behauptet, daß er von der Verurteilung des Bruders keine Kenntnis gehabt habe. Die An- geklagte hat darauf gegen den Zeugen eine Strafanzeige wegen Be- günstigung ihres Mannes bei der Flucht erstattet, sie hat mit der Strafanzeige aber keinen Erfolg erzielt, sondern ist auf Grund der Erhebungen der Staatsanwaltschaft abschlägig bcschieden worden. Die Angeklagte ist dann mit einer Civilklage auf Zahlung von SM M. .gegen ihren Schwager, den Zeugen, vorgegangen. Sie trat mit der »Behauptnng auf, daß der Zeuge, der sich nach ihrer Angabe stets an schlechter Vermögenslage befunden habe, von ihrem Manne .nach und nach sich 2000 M. geborgt, von dieser Summe .aber nur 1300 M. zurückgezahlt habe. Sie hatte dem Zeugen vor- for schon schriftlich angezeigt, daß sie gegen ihn klagbar vorgehen würde, falls er die 500 M. nicht bezahlen Iviirde. Der Zeuge, welcher behauptet, nie in seinem Leben auch nur einen roten- Heller von dein Bruder und seiner Frau erhalten zu haben, hat die Sache sofort feiner vorgesetzten Behörde übergeben und das Strafverfahren wcgeir versuchter Erpressung veranlaßt. Wie er im Civilverfahren die Schuld abgeschworen hat, so bestritt er auch im gestrigen Termin mit der größten Bestimmtheit alle Behauptungen der?lngeklagtcn, die diese mit ebensolcher Bestimmtheit wiederholte. Den Zeugen unterstützten zwei entfernte Verwandte der Angeklagten, junge Damen, an die sich die Angeklagte und ihr Ehemann herangedrängt und ver- sucht hatten, sie anzuborgen. Diese bekundeten gleichzeitig, daß der Ehemann sie zu' einer betrügerischen Schiebung mit der Konditorei habe überreden wollen und daß beide Eheleute ivieder- holt geäußert haben: sie würden nicht eher ruhen, als bis sie den Polizeikoinmissar aus Amt und Brot gebracht hätten. Dem gegen- über trat ein der Angeklagten gleichfalls entfernt verwandtes Ehepaar auf, das mit der größten Entschiedenheit behauptete, daß im Jahre 1801 in Wandsbeck in ihrer Gegenwart im Laden des Ehemanns ein Polizeikommissar 000 bezw. 500 M. leihweise erhalten habe. Die Frau habe ihnen diesen Polizeikommissar als ihren Schwager Emil bezeichnet und dieser habe auch so ausgesehen, wie der Zeuge. Letzterer erklärte diese Behauptungen Wort für Wort als Unwahr- heilen, die Zeugen blieben aber dabei und der Ehemann beschwor sie auch, während der Polizeikommissar und die EntlastungS- zeugen wegen des nahen verwandtschaftlichen Verhältnisses zur An- geklagten unbeeidigt blieben.— Staatsanwalt Krebs hatte gar keinen Zweifel daran, daß eS sich hier um zwei nachträglich besorgte Entlastungszeugen handle. Hätten diese wirklich gesehen, was sie behaupten, so hätte die sehr gewandte Angeklagte sie schon gleick von vornherein ausmarschieren lassen. Mit Rücksicht auf die Hartnäckig- kcit, mit welcher die Angeklagte ihren Schwager verfolgte, beantragte er s e ch s M o n a t e Gefängnis.— Rechtsanwalt Heine hielt eine Verurteilung bei so diametral sich gegenüberliegenden Zeugen- aussagen für absolut unmöglich und stellte in eveutura zur Erschütterung der Glaubwürdigkeit des PolizeiiommissarS im Aus trag der Angeklagten die Behauptung auf, daß die O r i e n t r e i s e des Zeugen seiner Zeit keine Vergnügungsreise gewesen, der Zeuge vielmehr flüchtig gewesen sei, weil er sich vor einer Strafanzeige wegen Sittlichkeitsvergehen ge- fürchtet habe.� Auch dies bestritt der Zeuge energisch. Die gleiche Behauptung sei in verschiedenen anonymen Briefen an ihn aufgestellt worden, er habe auch diese Briefe seiner vorgesetzten Behörde unter- breitet und diese Behauptungen seien gleichfalls geprüft ivorden.— Rechtsanwalt Heine stellte den Antrag, event. Beweis zu erheben. — Der Gerichtshof glaubte— wie der Vorsitzende bei der Urteils- Verkündigung hervorhob— keineswegs, daß die Behauptungen der Angeklagten wahr, neigte vielmehr der Ansicht zu, daß ihre Angaben Ersindungen seien; da er aber nicht in der Lage sei, festzustellen. welche der beiden sich diametral entgegenstehenden Zeugenaussagen die richtigen seien, so erkannte er ans Freisprechung der An- geklagten._ Ans dov FvAncnbcmegnng. Die Franc» als Wählerin»?». Die Frauen von Clebeland in Ohio(33. St.). zeigten bei den jüngsten SchulverwaltungSwahlen den Männern, wie man das Wahlrecht als eine Bürgerpflicht zn be- handeln habe. Trotz strömenden Regens kamen von 0172 einge- schriebenen Wählerinnen zur 7342 Urne, während von 70 320 stimm- berechtigten Männern 31043 zu Hause blieben. SÄlttcriinzSiibersicht vom 34. April 1900, morgen» 8 Uhr. Stationen Swineiiido Hamburg Berlin Wiesbade» Miinchcn Wie» L El %£ H S- 764.SSO 763! SO 764 OSO 766 O 760O 762 N Wetter 3 wölken! Iwolkenl 2 wölken! Aheiter 3Regen 2woltcnl £--P st Ii 5» w Siailonen Haparanda Petersburg Cork Aberdcen Paris s- 749 S 76023 765 ONO 764 WNW Wetter 2 Schnee 1 bedeckt 1, heiter 2 bedeckt Wetter-Prognose für Mittwoch, den La. April 1999. Etwas wärmer, vorwiegend heiter und trocken, zeitweise wolkig mäßigen südlichen Winden. Berliner Wetterb nrean. öS ss I» -0 0 10 10 bei , Todcs-Anzclge. Allen Freunden und Bekannten die ■traurige Nachricht, das; nach langein Leiden mein lieber Mann, Bater, 'Schwiegervater und Großvater, der Schankwirt 678b krivifoick Appel am 23. d. M. verstorben ist. Die Beerdigung findet Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, vom Tmuerhanse, Weidcnwcg 87, nach dem Pctri-Kirch- Hof in der Fricdcnstraße statt. vis traiiorncksn Ulntordllsdenon. Danksagung. Für die vielen Beweise der Teil- tiabme und schönen Kranzspenden bei d t Beerdigung meines verunglückte» g Ncn Mannes, Vaters und Schwieger- viters Flobr sage ich allen Kollegen und' Verwandten memen innigsten Dank, Besonders aber danke ich dem Herrn Zimmermeister Kulisch für sewe thatkräftigc Hilfe in meiner trostlosen Lage. 604b vis tiektrausrnck Iilntsrdlledsne Witwe Emilie Flolir, Danksasnng. Für die vielen Beweise der Teil- nähme und schöne Kranzspende und herrlichen Gesänge bei der Beerdig»iig meines lieben ManneS, unsres lieben BaterS, des BaiiuntcmehuierS Karl Griesbach sagen wir allen Verwandten, Freunden, Genossen und Bekannten unser» innigsten Dank. 67öb Die trauernden Hinterbliebenen. s o f a s t o ff- Reste auereichend zu Bezügen, Iii Wolli'lpsii, Damast, Phantasie, Hioqnct und Plüsch, sowie Sattcltaschcn, nur gute QuaUtüteii. bedeutend unter Preis. J. Adler Teppichhaiis, Könlgstr. SO, dicht; am Rathaas.[30141/ me i Natur- Htilverfahm. 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Im Reiche des Indra consaeia Tortajada Greteben Reilttei* sowie das mziigl. April-Programni. Kasseneröffnung 7 Chr. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf täglich von 10—2 Uhr Sowie beim Invalldendanh und KUnstlerdank. Thalia-Theater. fei. AmtIVa 6440. Dresdenerstr. 72/73. ScchSletzte AuffühNlNg vor der Abreise nach Hamburg. Im Himmelhof. Thomas, Thiclscher, Helmerding, Junkennanu, Paulmüver. Anfang 7r/z Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Montag, den 30. April: Letzte ivimmelliof- Aussührung in dieser «aiso». Benefiz für Cuido Ihlelscher. Im Himmelhof. Gottl. Schwärmer-. G. Thielscher. Urania Tnnbenntrasse 48/40. Im Theater abends 8 Uhr: „Vou den Alpen zum Vesuvi' Um 5 Uhr: Dasselbe.(Ermässigte Preise.) Invalidcnstr. 57/0»: Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. 'Passage-Panopticii." 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Nur noch kurze Zeit: 35 Togo-Neger Vorstellungen stündlich. Passage-Thealer: Vorstellung von 7— IG/. Uhr. " CASTANS»W PANOPTICÜM Original-italienische Sänger- n. 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Alexmiderstrafte S7v(oberer Saal). Referent<»ü«tav Kessler. Fliesenleger Englischer Garten, Alexanderstrafte 37c(unterer Saal). Referent Ernst Obst. Heizbearheituiigsmaschinen-Arbeiter Stecherts Festsäle, Zludreasstrafte Nr.'21(großer Taal>. Referent Paal John. Klsteumaeher StechertS Festsäle, AndreaSstraste Nr. 21(oberer Gaal). Referent Karl Eankow. Moiirer QuargS Festsäsc(Hotel Alexanderplak). Referent Erltz Kater. Mnfikinstrnmenten- Arbeiter Graumann, Nannynstraftc Nr. 27. M ö h I p o I i ei* ei* im Lokal Königsbauk, Groftc Franksnrtcrstraste Nr. 107. — Festvcrsanimkung. GesangSanssührung. Festrede.— Referent Dnstav Rcntcr. Nadimittags: Familie» Ausflug Nach Hirschgarten bei Köpenick. Tapezierer Paster, Jusclstraste Nr. 10.(Anfang v Uhr). Referent Hax Strasser. Nach der Versammlung: Ausflug nach Niedcr-Schöueweide. Treffpunkt„Brauerei Borussia". Zimmerer Böhmisches Brauhaus, Landsberger Allee Nr. Kl—(S. Referent Hermann S c h n b c r t. Handels-Hilfsarveiter lgemeichivt Btrsmmlilng mit Droichkett-Atscherv vvh Arminhallen, Kommandantcnstr. SO. Anfang IS Uhr mittags. Referent Viktor Frankl. Arbeiter a. Arbeiterinilev, Bilberrühmeilmilcher, Böttcher, Bäcker, Vretterschileiber, Bilchdriliker, Hol;- unb Bretter- tröger, Uolierer tlnb Rohriimhiiller, Körschner, Metiill- Rohrer, Stvlklirbeiter, Tchirmmacher, Tischler Gemeinsame Versammlung im Lokal„Bornssia-Säle", Ackerstrasie Nr. 0—7. Referent Dr. 4V«vI. F t» p t' e r AuSflug«ach dem Restaurant„Tatisfouri" in Schmargendorf. Treffpunkt: Vormittags Ostz Uhr Bahnhos Westend. „ Nachmittags B/z Uhr Bahnhof Halens«. nach dem Zinkgfiesser Nusftug Ztrand-Restaiirant» am Müggelsee bei Friedri6)shagc«. Treffpunkt: Bormittags 8»/. llhr am Schlesischen Bahnhof. Ueber die Die Gewerkschaften haben das Anmelden der Versammlnngen selbst zu besorgen. Anzahl der Versammlungsbesucher ist dem Bureau, Dragonerstr. 15, nach Schluß der Versammlung Mitteilung zu machen.__ Der Schweizer Garten Um Königsthor.— Haltestelle der Ringbahn.— 4m Friedrichshain, cnnnion. Grosses Garten-Konzert aüliutdy. von der HanSkapcllc und f44ßlb--° SpeoialiMen-Vorstellung. Volksbelnstignttgen aller Art. A n f a ii s 4 Ehr. Entree W Pf. Bon nlnjxsten ab Fm groftc» Saal Ball. tägliche lleutsoherlloharheiter-Verhanl!. Morgen, DonnerStagi abends«>/.«Hr. im Engel-Ilfer 1»: „GewerkschaftSHaus", 'Mq amüsiert man sich grossartig? Hasenheide 21 und Jahnstr. 8 in Sclinejcelsberg«| Festsälen, Jny.; Max Schindler.— Telephon: Amt IV Nr. 1132.— Heute: Drösser llull,''■&& als Specialitäi: Pfannkucheii-Rege». ocrbuiiben mit Schlangen- u. Apfelsinen-Regen u. diversen Ueberraschungen. Täglich: Specialitate» Borsielluiig. Entree frei. 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Freie Dislussion. Sämtliche in der Mrtallwarenbranche bcsdiäftigte Arbeiter find hiermit eingeladen. f664b Der Borstand der vereinigten Berliner Lrtsvereinsausschüfle Maschinenbau-«nd Metallarbeiter. Sitzung der Orts-Verwaltung. Für die streikenden«nd anSgesperrte«»ischler ginge« folgende Beitrüge ein: Tischler Feist M. 3,-. Tischlerei Wetzel, Gitschincrstrasse 63 10,—. Tischlerei E. Lehlvw 5,—. Gesangverein„Maiglöckchen 20,—. Möbelfabrik Kümmel, Frunksurter Allee 60.-. Eivil-BeriifSuinsiker 20,-. Ueberfchuss der Kranzspende von den Arbeiter-» der Firma Bergemann Divenow-Werke 12,50. Rauchklnb Feigenblatt 4,05._ 88/7 ! Maurer! Freitag, den 27. April, abends 8 Uhr: Mitgliederversaninilg.d. Zahlstelle Berlin II des Central Verbands der Maurer etc. D�- in„Cohns Fcstsülcn", Beuthsirafte Nr. 30/31."WS T a g e S- O r d n u n g: 1. Vortrag dcö ReidiStagS- Abgeordnete» Dr. Herzkelck über: „Das Nrbritcrrecht nach dem Bürgerlichen Gesebbnch". 2. Verschiedenes und VercinSangclegcuhcite». sl37/S Zahlreichen Besuch envartct_ Die Vcrhandslcltnng. WM' Sattler, TMm. MW.' Trkidriemellarveitkr.NiioIr»iillkgtr. Donnerstag, den 26. April, abends 8 Uhr: Xomdmierte Mglieäer VerLAmmIung im„Gewertschaftshaus", E«gel-Ufer IS. Tages- Ordnung: 1. Wahl deS Ecntralvorstands und des Ausschusses. 2. Verschiedenes. I. A. der Borstände der Berliner Bermaltnngsftrllen: W. Dlebler, Mariannenstr. 23, III.(157/8 Verein der Tischler Berlins u. Umgeg. Mittwoch, den 35. April er., abends 8 BfQT Versammlung"WU bei Thiel, Fruchtstrafte 36a. TageS-Ordnung: I. Bortrag des Hrn. Dr. �oSl über:„Wissen- schaft und Weltuntergang". 2. Diskussion. 3. Abrechnung der Streik- kommission. 4. Wahl eines Kongrcss-Delegierten. 5. Bcrschiedcnes. 186/1 f Der d orstnnck. LtsiiaUi' tiOk. Susi, ea. 17 Aohre bestehend, mit Knndschaft, 2 Snthersche Urehen. ca. 360 Steine w. Lithogr., in der Nähe deS Belleallianee-PlakeS gelegen. ist Umstände halber sofort billig zu verkaufen. 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Dem soeben erschienenen Jahresbericht dcS Arbeiter- bildniigsvcrcinS„Eintracht", Zürich, des Vereins der deutschen Socialdemolraten. über seine Thäligkcit im Jahre 1899 entnehmen wir folgende Einzelheiten: Die MNglicderzahl betrug am Schluh des Jahrs 918. Der Nationalität nach entfallen die im Laufe des Jahrs im Verein verkehrenden Mitglieder folgendermaßen: Deutsch- Innd 1051, Oestreich 163, Schweiz 85, Dänemark 12, Rufjland 6, Italien 4, Runiänien 2, Serbien 2, Bulgarien 1, Frankreich 1, Schivedcn 1. Die Bibliothek enthält 1339 Bände. Im Lesezimmer liegen 60 verschiedene Zeitungen auf. An Unterstützungen für Wahlen, Streiks und an durchreisende Genossen wurde die Summe von 931 Fr. 20 Cts. verausgabt. Der Verein besitzt eine Krankenkasse, wo im Berichtsjahr 202 Krankheitsfälle vorkamen und nnt 5870,50 Fr. unterstützt wurden. Der Reservefonds beträgt 8793,20 Fr. Die Spcise-Association gab durchschnittlich an 180 Mitglieder eine gesunde, nahrhafte Kost ab. Die Einnahmen betrugen 87 395,15 Fr., die Altsgaben 86 805,89 Fr. Seit dem Jahr 1860, wo unsre Sektion gegründet wurde, bis zum Schluß des Berichtsjahrs betragen die Einnahmen 2 328 486,81 Fr. Zum Schlujj spricht der Bericht allen Freunden und Gönnern des Vereins für das bewiesene Wohlwollen den Dank aus und bittet um fernere Sympathie. AuS der russischen Arbettcrbcweguug. Das„social- demokratische Koniitee" in JekaterinoSlaw hat die erste Nummer einer Zeitung herausgegeben unter dem Namen „Juschny Rabotschy", die in einer Geheimdruckerei hergestellt wird. Sie beginnt mit einer Ucbersicht über die örtlichen Ver- Hältnisse. Das Warschauer Komitee des allgemeinen jüdischen Arbeiter- bundes in Ruhland und Polen verbreitete kürzlich ein Flugblatt über die Ursachen der jetzigen wirtschaftlichen Krips in Rußland und ihre Bedeutung für die Arbeiter. Ein vom Ceniralkomitee des genannten BnndeS herausgegebenes Flugblatt richtet sich an die Arbeiterinnen in den Mazzesbäckereicn. Diese unglücklichen Arbeiterinnen, die sich meist aus den tiefsten Schichten des jüdischen Proletariats rekrutieren, arbeiten für einen unglaublich geringen Lohn 17, 18 ja 20 Stunden täglich, Donnerstags und Sonnabends die ganze Nacht hin- durch. Die mörderischen Wirlungen dieser Ueberanstrcngung zeigen sich darin, daß nach Ostern in allen Orten, Ivo Mazzes gebacken »vird, die Franen-Krankenhäuser von diesen Arbeiterinnen überfüllt sind. Es wird deshalb in dem Aufrufe eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen gefordert. Die Arbeitszeit soll nur von 6 bis 6 oder von 7 bis 7 Uhr danern unter Wegfall aller Nachtarbeit. An einigen Orten haben infolgedessen die Arbeiterinnen auch solche Forderungen gestellt und teilweise durchgesetzt. Poliieilichrs, Gerichtliches«Nv. — I» einer Protcstvcrsammlnng gegen die lex Hcinze, zu der die Straßburger Genossen die Genehmigung erlangt hatten. sollte statt des verhinderten Genossen Ouarck der Genosse Lutz aus Baden spreche». Der überwachende Beamte erklärte jedoch, er werde nur den polizeilich angemeldeten Redner sprechen lassen. Die Ver- samnilung mußte deshalb wieder auseinandergehen.— Sociales. Tie neunte Konferenz der Centralstelle für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtnngen beschäftigte sich am zweiten Verhandlnngs tage mit der Fürsorge für die schulentlassene Jugend. Irgend etwas Bemerkenswertes wurde in den Reden nicht zu Tage gefördert. Zu dem gestrigen Bericht erhalten wir mit der Bitte um Ab- druck die folgende berichtigende Zuschrift: Nach der Wiedergabe Ihres Herrn Berichterstatters soll ich nur über die Bestrebungen der„Freien Volksbühne" gesprochen haben. Hätte ich das wirklich gethan, so wäre das eine Untcrlassungssiinde sträflichster Art. Ich habe selbstverständlich auch von der„Neuen Freien Volks bühne", von dem Schiller-Thcater, von zahlreichen verwandten Be strebnngen in andren Städten Deutschlands und von den mnstcr- gültigen Volksschüler-Vorstcllnngcn in Hamburg gesprochen. Ich lege ganz besonders deshalb Wert darauf, dies festzustellen, weil ich mir erlaubt hatte, dem Herrn Referenten über Volkstiimliche Theater� Vorstellungen vorzuwerfen, daß er über alle diese Bestrebungen hinweg gegangen sei, als ob sie nicht vorhanden wären, und daß - erst Herr Dr. Reich aus Wien kommen mußte, um unsrer Arbeit in Berlin mit Anerkennung zu gedenken. Dr, R. L ö to e n f e l d. Moderne Leibeigenschaft. Die mechanische und Handweberei don Sternenberg Söhne in Schwelm(Westfalen) hat an„ihre" Arbeiter folgendes Cirkular gerichtet: „Zur Aufrechterhaltung einer Industrie ist eS erforderlich, daß ein genügender Nachwuchs von Arbeiterkräften vorhanden ist, welcher zeitig in die Arbeit eintretend, nach und nach die ver- schiedensten Teile der Fabrikation durchläuft und hierdurch die ' erforderlichen Kenntnisse erwirbt. Namentlich ist zu erwarten, daß die Kinder der verheirateten Arbeiter sich wieder dem Gewerbe zu wenden, in welchem ihre Familie seit Jahren ihre Existenz ge funden hat. Da augenblicklich der Zeitpunkt ist, wo die Kinder aus der Schule entlassen werden und zu einer Beschäftigung über- gehen, richten wir diese Worte an unsre Arbeiter und weisen darauf hin, daß wir wohl erwarten dürfen, daß namentlich diejenigen derselben, welche in unsren Häusern billige Wohnungen haben, in erster Reihe hierzu berufen sind. Wir haben keine Veranlassung, die Wohnungen zu vermieten an Personen, deren Glieder in andren . Fabriken ihren Erwerbsuchen. Wir sprechen deshalb die feste Erwartung aus. daß im gegebenen Fall zuerst bei uns um Einstellung nach- gefragt wird, ehe eine Beschäftigung an andrer Stelle gesucht wird. den 11. April 1900. Joh. Henr. Sternenberg u. Söhne." Den ehemaligen„Grundherren" mußten noch ims18. und stellen- tveise selbst bis ins 19. Jahrhundert die Kinder der„Unterthanen" zwangsweise für einige Jahre vor andern dienen. Auch die heutigen Junker sehnen sich nach diesem Zustande zurück. Durch die„Wohl- that" der Arbeiterhäuser erreicht der moderne Fabrikant dieses Ideal der billigen Arbeitskräfte ganz ohne Hilfe der Staatsgewalt. Eine Enquete über die Wohnungövcrhältnisse der Stadt München soll demnächst von dem dortigen Magistrat vorgenommen werden. Dem socialdemokratischen Stadtverordneten Schmid, der einen entsprechenden Antrag einbrachte, antwortete der Oberbürger- meister, daß der Magistrat neuerdings von der Regierung angegangen lvorden sei, die seiner Zeit vom Magistratskollegium beschlossene, aber durch das Gemeindekollegium abgelehnte Wohnungsenquete vorzunehmen. Das statistische Amt habe auch bereits einen Plan ausgearbeitet, den er demnächst der statistischen Kommission zur Be- ratung zugehen lasse» werde. MommunNlos. Der Äanipf um die Märzgefallene«. Die Vorlage des Magistrats betreffend die Berschönening des Friedhofs der Märzgefallenen im Friedrichshain hat der M a g i st r a t der Stadtverordneten- Versammlung nunmehr zur Genehmigung unterbreitet. AIS Erläuterung bemerkt der Magistrat: Es Ivird beabsichtigt, um den Friedhofs- Charakter mehr zum Ausdruck zu bringen, eine zusammenhängende An- Pflanzung immergrüner Gehölze(Lebensbäume zc.) auf dem Friedhofe, den Staketenzaun verdeckend, herzustellen; ebenso eine niedrige immergrüne Hecke(�ladooiev) und 4 Gruppen von Alpenrosen als Begrenzung der mittlere» Partie mit der Linde von der au der inneren Wegeseite liegenden Gräberfläche. In Verbindung mit diesen immergrünen Anpflanzungen sollen ausdauernde bühende Gewächse sc. zur Anwendung kommen, auch sollen eventuell amerikanische Wein stöcke zur Verwendung kommen, um entlang des Wegs Guirlandcn zu bilden.— Der Epbcu auf den Gräbern soll sorgfältig vervoll ständigt und die Böschungen derselben gegen den Weg durch s chmale Granitschwcllcn befestigt werden.— Der Weg selbst ist mit Uuterbettung von Mauersteinstiicken und einer Lage zerschlagener Feldsteine und KieS zu befestigen. Der Zugangsweg zum Friedhof ist gärtnerisch zu verschönern, wobei immergrüne Ge- Hölze(Koniferen) mit zu verwenden sind. Schließlich ersucht der Magistrat die Versammlung, sie möge sich mit der vorgeschlagene Vcrichönerung des Friedhofs der Märzgefallenen einverstanden er- klären und die Kosten im Betrage von 4000 M. bewilligen. Der vom Magistrat beanstandete Beschluß der städtischen Park deputation hat folgenden Inhalt:„Der Friedhof ist mit einer lebenden Hecke zu umgeben, die Gräber sind mit massiven Steina platten einzufassen, die Wege mit buntem Mosaikpflaster zu belegen. Von der Aufrichtmig der Gräber ist abzusehen, um so der Ruhestätte den Charakter des Massengrabs zu erhalten. Auch soll der Fricdho' mit immergrünen Bosketts würdig hergerichtet werden. Der Ein- gang soll verändert und mit einem schmiedeeisernen Thor versehen werden, vor dem Eingang wird ein freier Platz augelegt derart. daß der Besucher sofort einen Ueberblick über den Fncdhöf erhält. Den außerdem noch gefaßten Beschlutz, eine einfache Tafel mit den Namen der gefallenen Kämpfer aufzustellen, hat die Dcpw tation in ihrer letzten Sitzung in Rücksicht auf den Magistrat be kanutlich wieder aufgehoben. Wie der Vergleich lehrt, trägt die Vorlage des Magistrats der von ihin im Gegensatz zur Pnrkd'cputation verkündeten Anschauung daß der historisch gewordene Charakter der Verwahrlosung dem Fried Hof erhalten bleiben müsse, soweit als irgend angängig Rechnung. Ter Ausschuß zur Borbrratung der Gültigkeit der Stadt- verordnetenwahlen hat gestern über zwei gegen die Wahl Glockcs cingclaufcue Proteste beraten. Er hat Beweis darüber zu erheben beschlossen, ob, wie im Protest behauptet ist, noch nach 8 Uhr viele als Wähler in das Wahllokal hineingelassen sind und ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Der Stadtverordnete Schwalbe hat zu der Vorlage betreffend die Ferien an den G e m e i n d e s ch u l e n Berlins folgenden Antrag gestellt:„Die Versammlung ersucht den Magistrat um Fest- stellung der Zahl von Schülern und Lehrern, welche' im Jahre 1899 beurlaubt waren, und der Zahl, welche in diesem Jahre einen Urlaub beantragt, und wie viel Schüler und Lehrer länger als vier Wochen verreist waren. Die Versammlung ersucht den Magistrat, ihr von der Festsetzung der Ferien vor Genehmigung derselben durch die königliche Behörde Kcnntuis zu geben, damit die Wünsche der Versammlung in jener Beziehung zum Ausdruck gebracht werde» können." Ter 8E. Geburtstag des Stadtverordneteil-Borstcherö Dr. Langerhans an, 25. Mai soll im Rathause durch ein Fest be gangen werden, zu dem man jetzt die Vorbereitungen trifft. Uolrales. Dritter Wahlkreis. Die Mitglieder des Wahlvereins werden hiennit auf die heute Mittwochabend 8 Uhr bei Möhriug, Admiral- ftraße l8c, stattfindende Generalversammlung aufmerksam gemacht. Der wichtigen Tagesordnung halber erwartet pünktliches und zahl reiches Erscheinen._ Der Vorstand. Die hygienischen BortragSkursc, welche die„Ccntralkommissio» der Krankenkassen Berlins" für die Berliner Arbeiterschaft veranstaltet, finden in dieser bezw. der kommenden Woche ihr Ende. Den Ab schluß niacht ein Vortrag überdieArbeiterver sichern ugs- Gesetze. Auf den ersten Blick kau» es vielleicht merkwürdig erscheinen, daß in diesem Zusammenhang auch ein Teil unsrer sogenannten„socialpolitischcu" Gesetzgebung zur Besprechung kommen soll. Es wird dies jedoch sofort verständlich, wenn man bedenkt, welche Bedentung für die Gesundheit der Arbeiterschaft, und damit auch für die Volksgesundheit die VersichcrungSgcsetze— Kranken- Unfalls- un dJnvaliditäts-Ver sicher un gsge setz— haben. Die besondere Art de« Stoffs ermöglicht es aber, daß diesmal als Vortragende nicht nur Aerzte auftreten, sondern»eben ihnen An gehörige der Arbeiterklasse selbst, welche als„Arbcitcrvertrctcr" im Sinne der Versicherungsgesetzgebung, durch praktische Mitarbeit in der Äasscnvcrwallung, in den Schiedsgerichten und im Reichs Versicherungsanit, dieic Gesetzgebung ausgiebig kennen gelernt haben und insbesondere wissen, welche Bestimmungen der Gesetze für die Arbeiterichaft von Bedeutung sind. Es sprechen über das Thema: die Arbeitcrversicherungs-Gcsetze am Donnerstag, den 26. April. Dr. Albert Fleck in der 80. Gemeindeschule, W r a n g e I st r a ß e Nr. 128; Eduard W a r n st in der 84. Gemeindeschule, K e i b e I st r. 31/32; Karl Gntheit in der 118./127. Gemeindeschule, Paukstr. 8; »ud R u d o l f A ß m a n n in der 107. Gcmeindeschule, G e n t h i n e r- st r a ß e 4. Dann folgen am Donnerstag, den 3. Mai, die Herren A u g u st D ä h n e in der 110./174. Gcmeindeschule, Schön h a u s e r- A l l e e 166»; Dr. P a u l C a s p a r q in der 189. Ge- meindeschule, Stephan st r. 27, und Eduard Warn st in der 40. Gemeiudcschule, Gneisenaustr. 7. Auch diese Vorträge bilden ein geschlossenes Ganzes, werden also auch denen verständlich sein, welche die voraufgehenven nicht gehört haben. Eine Legitimation ist zum Eintritt nicht erforderlich. Wer andern eine Grube gräbt. Die Hauseigentümer sind unzufrieden. Und das trotzdem sie in heutiger Zeit die Miete- stcigerungs- und Chikanierungsfreiheit wie nie vorher ausnützen. Die Unzufriedenheit hat in folgendem Umstand ihre Ursache: Vor länger als einem Jahre schlössen sich zahlreiche Hausbesitzer der sogenannten Mittelstandsbewcgung an und traten besonders lebhaft gegen die Warenhäuser aus, denen sie die Schuld für die Unver- mietbarkcit vieler Läden beilegten. Unter andren wurde auch die Forderung größerer Feuersicherheit der Warenhäuser von zahlreichen Hausbesitzern und wgar von ganzen Hausbesitzer- Korporationen unterstützt. Diesen Forderungen«st bekanntlich von der Polizei statt- gegeben und diese hat nnn auch im Anschluß an die Bestimmungen für Verkaufsgeschäfte weitere Anordnungen zur Erhöhung der Fcuersicherheit in Fabriken und gewerblichen Betrieben in Aussicht genommen. Nicht weniger als 1200 Hansbesitzer sind bereits auf Grund der neuen Bestimmnngen zur Vornahme baulicher Aenderunge» in ihren Häusern aufgefordert worden. Aber damit dürfte die An- Gelegenheit nicht erledigt sein. Bei jeder neuen Vcrnüetung von Wertstatträumen entsteht die Frage, ob das von dem Mieter be- triebene Gewerbe zu den feuergefährlichen zu rechnen ist. Daß diese Vorschnften aus Anlaß der Ermittelungen über die Feuersicherheit der Warenhäuser entstanden sind, giebt die Polizei ausdrücklich zu, und die betroffenen Hausbesitzer bedauern daher recht 'ehr, so agitatorisch bei dieser Forderung aufgetreten zu sein, bei der sie schließlich— sich selbst die Finger verbrannt haben. Di« Anschauungen der VerkehrSdrputatton und der Großen Berliner Straßenbahn» Gesellschaft. Die Verkehrs- deputation hat die bohen Abonnementspreise der Straßenbahn- Gesellschaft nianiert. Die„Große" ist jedoch der Ansicht, daß die Preise sehr billig sind, da ja jeder Abonnent täglich viermal und öfter fahren darf und somit seine Karte ausnützen kann. Die Verkehrsdeputation verlangt die zehnstündige Dienstzeit für die Be- triebSbeamten. Die Straßenbahn-Gesellschaft ist der Meinung, daß die zehn Stunden nur um ein Geringes überschritten werden. Diese Ueberschreitung würde von den Beamten ganz gern gesehen, indem sie auf ihre» Wagen nach den Depots zurückkehren und somit nicht zu Fuß zu gehen brauchen. Als dienstfreie Zeit bezeichnet die Betriebs- Verwaltung der Straßenbahn, um sich gewissermaßen über die Verkchrsdeputation lustig zu machen, die Wartezeit an den Endhalte- stellen, sowie die Zeit der Abrechnung auf den Depots, sowie die erforderliche Zeit zur Anfertigung der Berichte über Vorkommnisse im Verkehr, welche zu machen die Schaffner verpflichtet sind(!). Die PensionSkasse, welche die Große Berliner Straßenbahn-Gesellschaft vertraglich schon im vergangenen Jahr zu entrichten hatte, existiert noch nicht, angeblich weil die Vorbereitungen zn viel Zeit in An- spruch nehmen. Ob zu diesen Vorbereitungen auch die Entlassung älterer Beamten, die der Pcnsionskasse bald zur Last fallen könnten, gehört, ist uns nicht bekannt. Jedenfalls haben derartige Entlassungen in letzter Zeit wiederholt stattgefunden. Eine Gesellschaft, die so skrupellos nach kapitalistischen Grund« sätzen zu wirtschaften versteht, hat im Staat der Socialreform ohne Zweifel die övjährige Konzessionierung als Prämie verdient. Die Kenntnis der Flora des FriedrichShainS wird sehr wesentlich durch eine Einrichtung gefördert werden, zu der sich die städtische Parkverwaltung jetzt endlich entschlossen hat, nachdem die wiederholt geäußerten diesbezüglichen Wünsche der Bevölkerung der benachbarten Bezirke lange Zeit keine Berücksichtigung gefunden hatten. Am Sonnabend ist im Friedrichshain eine größere Anzahl ausgewählter Bäunre mit kleinen Blechtafeln versehen lvorden, auf denen der lateinische und der deutsche Name sowie die Heimat des betreffenden Baums angegeben ist. Die Täfelchcn sind nicht, wie im Humboldtshain, wo diese Einrichtung seit Jahr- zehnten besteht, in die Erde gesteckt, sondern an den Bäumen selber befestigt. Um eine mutwillige Beschädigung. oder Entwendnng möglichst zu verhüten, sind sie in Höhe von 2Vs bis 3 Meter angebracht, doch sind bei der Auswahl der mit Namens- bezcichuung zu versehende» Bäume die dicht am Wege stehenden be- vorzugt worden, damit die Aufschriften leicht zu entziffern sind. Die Täielchcn bereiteten am Sonntag den zahlreichen Besuchern, die den im ersten Grün dcS jungen Frühlings prangenden Hain belebten. eine angenehme Ucberraschung und wurden eifrig gelesen. Eine genaue Prüfung aller Aufschriften wird auch den Nichtfachmann er« kennen lassen, daß die Flora des Friedrichshains viel reicher ist, als es auf den ersten Blick erscheint, wenn sie sich auch in dieser Hinsicht bei iveitem nicht mit derjenigen des Humboldtshains messen kann. Die Versittlichuugsscuche iu der Muckcrschaft beider Konsessioucu, die so drastisch bei den Parlamentsverhandlungen über die lex Heinze hervorgetreten ist, bleibt auch in der Amtsstiibe des Polizeicensors nicht ohne Einfluß. In früherer Zeit hat dieser Herr bekanntlich sein Augenmerk vornehmlich auf höhere Kunst- leistungcn gerichtet und in der Sorge um Rostand und Hauptmann die Variete-Bühnc verhältnismäßig liberal behandelt. Jetzt werden/ wie biesige Blätter berichten, über die Handhabung der Censur in Berlin in den Kreisen der Artisten lebhafte Klagen laut. Besonders wird davon das Personal in den ChantauS betroffen. Hier sind in»euerer Zeit gewisse Redeweudungeu in Couplets inuner wieder von der Polizei gestrichen worden. Die Ccnsur verlangt z. B., daß„Gott sei Dank"(!!),„Hallelnjah" im Couplet nicht gebraucht wird. Ebenso wird alles, was sich in irgend einer Weile auf die Religion be- zieht, gestrichen. Ein Jongleur mußte auf polizeiliche Weisung seine Produktionen mit Eiern umändern. Diese Nummer fand ihren Beschluß darin, daß der betreffende Artist zerbrochene Eierschalen aus der Hosentasche praktizierte. Man zerbricht sich in Artistenkreisen den Kopf darüber, in welcher Weise das die öffentliche Sittlichkeit gefährden könnte.(Vielleicht wendet sich der Jongleur mit einer Anfrage zur Aufklärung des Geheimnisses an Herr» Abg. Rören!?) Die Tarstellmigen von lebenden Bildern sind sehr erschwert worden, weil die Censur Bekleidung der Figuren, wie sie gar nicht angängig ist, zur Bedingung macht. Was früher anstandslos ge- sungen wurde, wird heute nicht mehr erlaubt. Die Bewachung' in den'„Variötös" soll außerdem verschärft worden sein. Besonders werden die kleinen Bühnen im Studcntenviertel, in der Elsaffer-, Oranienburger- und am nördlichen Teil der Friedrichstraße davon betroffen. In manchen Lokalen ist eine ständige polizeiliche Be- wackung eingerichtet. ES erscheinen zu diesem Zweck zwei Beamte in Uniform, die in der Nähe der Bühne an einem Tisch Platz nehmen und von Zeit zn Zeit abgelöst werden. Die Verordnung über die bauliche Anlage von Theater» hat einen Znsatz erhalten.— Da§ Polizeipräsidium teilt hierüber mit: Die Bestimmungen des tz 31 der Pvlizciverorduung von, 31. Oktober 1839 und 3. April 1891, betreffend die bauliche Änlage, und innere Einrichtung von Theatern, ZirkuSgebäuden und öffcnt- lichen Versammlungsräumen, haben laut einer neuen Polizei- Verordnung des Polizeipräsidenten vom 12. d. M. folgenden Znsatz erhalten: Enthält der Theoterraum nur eine Bühne ohne Versenkung, Schnürboden und Schnürgalerie und sind sämtliche Coulissen, Hinter- hänge, Versatzstücke, sowie der Vorhang ans unverbrennlichcn— in, Gegensatz zu schwer entflammbaren— Stoffen hergestellt, so kann auch hier das Rauchen gestattet werden. Zur KouzesfionS- Verlängerung für die Große Berliner. über die tvir gestern berichteten, bringt das„Berl. Tagebl." eine beschwichtigende Darstellung, in der es heißt: Herr v. Windheim hielt eS für angemessen, die Konzession für den elektrischen Betrieb der Straßenbahn, die nach dem Kleinbahngesetz erforderlich ist. nur ur eine Zeitdauer zu erteilen, die dem im Jahre 1920 ablaufenden Vertrag zwischen der Berliner Stadtgemeinde und der Straßenbahn entspricht. Gegen diese Entscheidung' des Berliner Polizeipräsidenten erhoben sowohl die Berliner Straßenbahngesellschast wie auch zahlreiche Vorortgemeinden Einspruch. Letztere haben ihre Verträge»,it derStraßcn- bahn zum Teil auf fünfzig, sechzig, ja siebzig Jahre abgeschlossen, sie habe, große Ausgaben für Pflasterungen, Weganlagen usw. gemacht und befürchtete» eine Störung ihrer Rechte, wenn die Straßenbahn nur eine Betriebskonzession von verhältnismäßig kurzer Dauer erhalte. Hauptsächlich von diesen Gesichtspunkte» geleitet, hat Ministe v. Thielen der Straßenbahn die Konzession für den elektrischen Betrieb bis zum Jahr 1949 erteilt, aber, wie es ausdrücklich heißt, „unbeschadet der Rechte, welche die Gemeinden sich in Privatvcrträgen gegenüber der Straßenbahngesellschaft gesichert haben. Hierunter fällt in erster Linie der Vertrag, den die Stadt Berlin bis zum Jahr 1920 mit der Straßenbahn geschlossen hat. Mit der Thatsache, daß dieser Vertrag im Jahre 1920 abläuft, hat die Konzessionserteilung bis 1949 nicht das mindeste zu thun, vielmehr ist die Straßenbahn nach wie vor genötigt, über einen neuen Vertrag mit der Stadt Berlin vor Ablauf des bis 1920 gültigen in Verhandlung zu treten, nur braucht sie bei der Staatsbehörde, wenn ein neuer Vertrag mit der Stadt zu stände gekommen ist, nicht von neuem die nach dem Kleinbahngesetz erforderliche Betriebskonzession einzuholen, iveil sie eine solche nunmehr bis 1949 besitzt. Zu den Ermittelungen wegen der Ermordung der Lehrerin Mcdenwaldt erfahren wir heute noch einige bemerkenswerte Einzel- heiten. Wie wir schon mitteilten, will Max Gluth durch Zeuge» nachweisen, daß er sich in der kritischen Zeit in der Werkstatt einen Daumen verletzt und daß die Wunde in seiner elterlichen Wohnung noch stark geblutet hat. Der junge Mann hat nnn auch das Fleisch- 'tückchen, das er sich mit dem Hobel aus dem Daumen stieß und das ihm dann ein ArbeitSgenoffe ganz abschnitt, auf der Hobelbank wiedergefunden und den Behörden zur Untersuchung daraufhin, ob «8 zu der kleinen Narbe am Daumen paßt, zur Verfügung ge» stellt. Der Verteidiger des Gluth hat ferner in der Wohnung »och einen Schlüssel gefunden. Es ist kein Korridor-, sondern ein Hausschlüssel, an dem Willh, Georg und Max Gluth alle drei geseilt haben. Er ist nicht gut gearbeitet. Der Verteidiger hat ihn zu den Akten gegeben. Ermittelt sind die Freunde des Willy Gluth, die mit diesem an dem Tage, an dein die Lehrerin ermordet wurde, abends von 8—10 Uhr bis zu seiner Heimkehr nach der elterlichen Wohnung zusammcngewcsen sind. Sie sollen bekunden, daü sie an Willy Gluth nicht die geringste Veränderung in seinem Wesen und Benehmen wahrgenommen haben,! obgleich cS sich, wenn er der Thätcr ist, um den ersten Abend handelt, an dem sein Gewissen mit einem Morde beladen war. Den Flammentod fand DicnStagnachmittag S Uhr nnter ?! r au e n b o I l e n Umstände» die 27jährige Frau des ander tädtischcn Gasanstalt in der Gitschincrstrahe beschäftigten Arbeiters M. S p e I o w i u s. der Ncichenbcrgerstrajzc 139 im zivciten Stock eine kleine aus Stube und Küche bestehende Wohnung inne hat. E">e gleich große Wohnung auf demselben Korridor hat der Klempner Knothe bezogen. Fron Spckowius war damit beschäftigt, ans einem Petroleumkocher ihrem einzigen, drei Monate alten Kinde Milch zu toärmen, als sie� die Unvorsichtigkeit beging, aus der Flasche Pc- troleum nachzugießen, bevor die Flamme im Kocher vollständig erlöscht tvar. Plötzlich hörten Frau Knothe und ihre gerade zum Besuch anwesende Mutter eine heftige Detonation und gleichzeitig drangen laute Hilfmife aus der benachbarten Küche. Als Frau K. die Thür öffnete, erblickte sie die Flurnachbari» in hellen Flammen in der Küche umherlaufen. Sie selbst ist noch sehr schwach, da sie erst vor einigen Tagen ans dem Krankenhaus entlassen ist. Trotzdem besaß sie die Kraft, die brennende Frau, die sich ihr in die Arme werfen wollte, beiseite zu schleudern und da» Kind aus dem Wagen zu reißen, um es in ihrer eignen Küche in Sicherheit zu bringen. Die brennende Mutter stürzte ihr nach. Indes war eS Frau Knothe gelungen, die Iftücheiithür von innen zu ver» riegeln und dadurch das Kind, das die Mutter im Schmerz nicht lassen wolle, in Sicherheit zu bringen. Schon begann die Küchen thiir zu brennen, als eS der Frau Knothe, nachdem sie nach der . Straße hin Hilferufe ausgestoßen hatte, gelang, nicht nur die � Korridorthür zu öffnen und die Brennende hinauszudrängen, sondern derselben auch im Verein mit ihrer Tochter ein großes Tnch über» .zuwerfen. Die vor Schmerz Wahnsinnige riß indes dieses Tuch l sofort von ihrem Körper und sank dann, als die hcrbcigckominencu Nachbarn die Flammen durch einige Eimer Wasser gelöscht hatten, bewußtlos zu Boden. Die Kleider waren ihr total vom Leibe gebrannt und am ganze» Körper hingen Fleisch- fetzen. Da das in der Küche entstandene Feuer schon gelöscht war, als die Fcucrivehr erschien, so blieb derselben nur übrig, für schleunige Ueberführuiig der Verbrannten nach dem Krankenhaus am Urban zu sorgen, wo sie indes kurz nach ihrer Ankunft verschied. Ein sehr gefährlicher Brand wütete in der Nacht zu gestern auf dem Grundstück Nr. 93 Alt- Moabit, nnniittelbar neben der Bollc'schcn Meierei. Der Eigentümer Heinrich betreibt auf dein Grundstück eine umfangreiche Holzhaudlung und lagert demzufolge dort viel Nutz- und Brennhölzer. Ein 1�/- stückiger Querbau diente � dem Fouragcgcschäft von Abt nlö Lagerschuppen. In den untrcnNänmcn lagerten Heu und Stroh, während sich im Dachgeschoß ctivn»00 CIr. Getreide befanden. Sämtliche Filttemittel sind nun eingeäschert, 'und von dem Gebäude steht nur»och eine Ruine, die jeden Augen- � blick einzustürzen droht. Als auf mündliche Meldung hin der Losch- zug ans der Turmstraße auf dem Brandplatze erschien, war die ' Sitriation recht bedrohlich, da bereit? der größte Teil" des Fonragc- schuppens in Flammen stand. In dem anstoßenden Pferdestall bc. fanden sich noch drei Pferde, die sich tvie toll gcberdcteu und nur dadurch zum Verlassen dcS bedrohten Stalles gebracht »verdcn konnten, daß man ihnen die Augen verband. Was den ersten Angriff verzögerte, war der llmstand, daß die ans der Straße sich befindenden Hydranten durch Rohrleger verschüttet waren und erst bloßgelegt werden mußten. Brand, neistcr Schubach mußte deshalb zunächst eine Dompsspritze an den Hofbrnnuc» an- legen lassen. Bald jedoch konnten drei Dompfspritzcnrohre in Thätig- kert treten, denen eS gelang, nicht nur den an den Brandherd an- stoßenden gefüllten Holzschuppen, sondern auch die Stallungen zu halten. Der Fonragefchuppcn mußte indes preisgegeben werden. Der Giftmord am Tenfelöfee. In diesen Tagen tvurde der goldene Siegelring der ermordeten Bcrgner im Walde, univeit der Fundstelle des Leichnams aufgefunden. Der Ring ist anscheinend ein altes Erbstück der Ermordeten; er trägt die Initialen L. B. Das Fundstück ist dem Gericht ausgeliefert»vorden; gegenwärtig forscht die Polizei nach andren Wcrtgcgenständcn. die die Bergne'r besessen hat und die sich bisher noch nicht angefnnden habe». ES ist sehr leicht möglich, daß Besucher des TenfelSsccs, die dort Eni- deckungsrcisen machten, sich diese Gegenstände angeeignet haben.— Das gesamte Aktenmaterial ist de», ersten Staatsanwalt vom Pots damer Landgericht, v. Ditfurth. übermittelt worden. Jänickc wird vorläufig noch in Moabit behalten, da er mit Zeuge» konfrontiert wird. Zur Zeit erstreckt sich die Untersuchung der Behörde auch darauf, ob Jänicke auch mit andren Giftmorden in Verbindung steht. Im Comptoir seiner Fabrik vergiftet hat sich in der Nacht zu gestern der 46 Jahre alte Wagenfabrikant Richard Buchholz. Dieser wohnt seit drei Jahren in der Naunhiistrahe Nr. 66. ist seit 13 Jahre» verheiratet und Vater ztveier Söhne, die jetzt 11 und IL Jahre alt sind. BesümungsloS»vurde er nach Bethanien ge bracht. Die Veranlassung zu dem Selbstmordversuch scheinen geschäftliche Sorgen zu sein. Ungewöhnlich groft ist gegenwärtig die Zahl der Kranken- transporte. Der Fnhrherr Rünzel erreichte am Montag mit 26 Transporten die höchste TagcSzahl in dem vierzehnjährigen Bestehen seines Kranken- und RettungsfnhrwesenS. In drei Fällen lagen Verletzungen durch ein Unglück vor, in den anderen Eo krankungen verschiedener Art. Theater. Im Echiller-Theater wird heute zum erstenmal.Ntobe" Schwank in 3 Akten nach Harry und E. A. Paulton von Oskar Btumenlhal und der«Diener zweier Herrn", Lustspiel von«Loldoni, gegeben. I» „Nwbe" spielen die Hauptrollen die Damen Grete Meyer, AgneS Werner, Marie Voigt und die Herren Alfred Schmasow, Georg Ptischke, Otto Remse. In«Der Diener zweier Herren" spielt den Trufsaldino Alfred Schmasow, die Beatrice Marianne Wulf.— Im Metropol-Theater wird am l. Mat zum erstenmale die Operettenburleske„Der Zauberer am Nil" gegeben. Giordano Brnno-Buud. Wir werden ersucht, folgende» mitzuteilen: Ein Giordano Bruno-Bund für einheitliche Weltanschauung ist von Männern auS verschiedene» Bernsen und Parteien gegründet worden. An jeden, 28. August, dem Geburtstage Goethes, und an jede», 17. Februar, dem Tage der Verbrennung Giordano Brunos, sollen monistische Feiern in großem Stil veranstaltet werben; außerdem soll in lltincren Zusammen'. ninften durch Vortrag und freie Aussprache das BerständntS für de» Montsmus gefördert, sein weiterer AuSban angestrebt werden.— Der Aufruf des Bundes und fem Komitee werden demnächst mitgeteilt werden. Im Berliner Aquarium sind wiederum verschieden« neue Gäste ein, gekehrt. In daS Vogelhaus sind mehrere aus Mittel- und Nordamerika stammende, etwa staargroße Vögel eingezogen, die durch ihr farbenprächtiges, orangegekb, schwarz und weiß gezeichnetes Federlleid gefallen und in ihrer Heimat ebenso wegen ihres angenehmen, flötenden Gesang« beliebt, als auch durch ihre lunstvollen, denen der Webervögel ähnlichen Nester berühmt sind. Zufolge des letztern UmstaodS nennt man diese Troupial« auch Beutelstaare. Aus der Ostsee traf«ine umfassende Sendung Fische ein. Unter ihnen bestndet sich der aus dem Transport leider schwer zu erhaltende «nd daher in einem Aquariun, dcS Binnenlands gleich dem Hering zu den beachtensweptesten Seltenheiten zählende Seestichliiig, eine Art, die nicht nur weit schöner und anmutiger als ihre das Süßwafler bewohnenden Ver- wandten, sondern auch in Körperbau und Bewegungen der zierlichste unter allen Fischen der deutschen Meere ist. Sötztzneberg. Die Stadtverordneten« Versammlung nahm in ihrer Sitzung am Montag ohne wesentliche Debatte Kennt»,« von einem Beschluß dcS Magistrats betr. die Rückzahlung samt- l i ch e r D i e u st l a„ t i o u e n der Beamte n. Lebhaften Unwillen der Versammlung rief daS eigentümliche Verhalten der Großen Berliner Straßen bahn- Ge- s e l l s ch a f t hervor. Diese Gesellschaft, welche in vielen Beziehungen Vorteile über Vorteile von den Beschlüsse» der Stadtverordneten bezogen, die Gcgenleistmigc» dagegen in Nichtachtung der Wünsche des Publikums geboten hat. war durch Vertrag gebunden. eine Linie vo», Nolle» dorfplatz bis zum Spittel markt herstellen zu lassen. Dieses ist bis heute nicht geschehen. Auf ei» Schreiben dcS Magistrats erwiderte die Gesellschaft, daß eine weitere Besetzung des SpittclmarktS als Haltestelle polizeilichcrscitS nicht gestattet werde. Diese et,va»„»klare und für die große Gesellschaft kleinliche Ausrede wurde von sämtlichen Rednern gehörig beleuchtet. indem man darauf hinwseS, daß durch die Lcaunq ivenigcr Meter Schienen die Durchfühnmg bis zur Gcnthinerstraße sehr leicht zu beiverksicNigcn sein»vürde. Ein vom Vorsteher gestellter Antrag „die D„ r ch fü h r u n g einer Linie vom Norde»»nsrer Stadt bis zum S Pitt elmarkt bis spätestens 1. Juni d. I zu verlangen,»vidrigenfalls der am 23. Oktober 1899 ge schlösse»« Vertrag als g e l ö st gilt," fand ciustimmig Annahme Recht rege gestaltete sich die Diskussion bei dem„Bericht des Ausschusses für N e ch» u n g s s a ch e n Bekanntlich hatte die Versammlung infolge der in ganz kurzer Zeit nach Aufstellung des Etats erfolgten EtatSüberschrcitunge» die Sache zur noch maliacn Prüfung an den Rechunngs- Ausschuß zurück verwiesen. Während man nun in betreff der StiftnngS Verwaltung die Angelegenheit al» erledigt anzusehen empfahl, ver- langte der Ausschuß die Verweigernng der Rachbcwillignna bis zur Priislnig der Rechnung 1899 mit der Motivierung, daß sich der Magistrat an de» aufgestellten EtatSpositionen zu halten und nur in den nllcriiotwcndigstci, Fällen eine Ueberschreitung vornehmen dürfe Dieser Standpunkt sei um so mehr geboten, als ja sonst der Mw gistrat einfach nur»virtschasten würde, ohne daß den Stadt verordneten ein Bewilligungsrecht zustände. Nachdem der Bürger- incistcr dem aus principiellci, Gründen zugestimmt hatte, wurde der Antrag angenommen. Ter Nrnban der Charlottenburger Rcforinschnle am Savignyplatz soll noch einer Mitteilung des Magistrats an die Stadlvcrordiictcii-Versannnlliiig zum Beginn des Wintersemesters am 10. Oktober bezogen»vcrdcn. VevsÄmmInnsen. AuS den Nachbarorten. t AdlerShof. Donnerstag spricht Th. M e tz n e r im Arbeiter- Bildungsverein bei Schmauser über„Gleiches Recht für alle". I» einer öffentliche» Versammlung der Vergolde?, die am Montag in den„Arn, inHalle»" tagte, hielt A. H o f s m a n n einen Vortrag über:„Ans was wir stolz sind." Eine Diskussion über den beifällig anfgeiiomincneii Vortrag wurde nickt beliebt. Als Delegierter zur GewcrksckaftSkoinmissio» wurde E b e r t gewählt und der Bericht über die Tbätigkeit der Kommission, da der bis- hörige Delegierte erkrankt, bis z» einer später» Versamniluiig ver- ragt. Nach kurzer Debatte wurde sodann beschlossen, den 1. Mai unbedingt durch Arbcitsrnhe z» feiern. Eine ganze Anzahl Firmen hat bereits wie in den Vorjahren den I. Mai frei gegeben. Außerdem wurde die Bciciligiing an den Wahlen des Echilfen-AuSschuiieS beschlossen und sind insbesondre die bei Jimiiiigsmcistcr« der Rahmenbraitche beschäftigten Arbeiter verpflichtet, an der Wahl zahl- reich tcilznnchmcit. Die Ttucratcnte hielten am Montag in BnSkes Saal eine öffciitlichc Versnumiliiiig ab. AuS den daselbst gepflogencii Debatten ging hervor, daß eS iin vorigen Jahre gellingen ivfir, die Lohn arbeit fast überall eiiizuführeii. daß aber'sotvohl wegen der Lässig keit der Stiiccateiire, als infolge des Widerstands der Unternehmer diese Erriliigcnschaft größtenteils wieder verloren gegangen ist, so daß von 32 Firmen, ivelckc im vorigen Jahr die Lohnarbeit ein- geführt hatten, nur»och 4 übrig geblieben sind, bei denen in Lohn gearbeitet wird. Da i» diesem Jahre die geschäftliche Konjnnkttir eine gute ist, so beschloß die Versainntluna:„Die anwesende» Kol lege» verpflichten sich, in denjenigen Geschäften, wo die Mehrheit für Einführiiiig der Lohnarbeit ist, diese Forderung a»f Grnnd dcS vor« jährigen Lohntarifs zn stellen»nd für die Durchfühnmg derselben energisch einzutreten." Gleichzeitig wurde die Lohitkommisfion bcanf- tragt, die Stiiccatcure bestimmtet: Finnen aufzufordern, zu diesem Beschluß Stellung zu nehmen. RIxdorf. Am 10. April fand hier in der Vcrcinöbrancrci die Gciieralvcrsaminlung des socialdcmokratischcn Vereins„Vorwärts" 'latt. Auf der Tagesordnung stand der Bericht des Kassierers, dem folgende« zu entnehmen ist: Im Berichtsjahr ivar eine Gesamt- einnähme von 2298,83 M. und eine Ausgabe von 2189,43 M.. somit bleibt ein Bestand von 109,50 M. Mitglieder zählt der Verein 617 tmd verteilen sich dieselben auf die einzelnen Branche» wie folgt: Holzindustrie 121. Metallindustrie 104, Baugewerbe 131, Leder- brauche 23. Bcklcidttiigsitidnstrie 19, graphische Gewerbe 20, Handels- und Transportgcwerbe 13, Steinindustrie 9. ver- schicdenen Bemsen gehören 20 an nnd keinem Beruf 23 Mitglieder. — Laut Bericht des Schriftführers Quitt fanden im Lauf des JahrcS zwölf Bersammlnngen statt; außerdem wurden 12 VorftaudSsitzimgeit tmd 7 außerordentliche Sitzungen abgehalten. WnrbS. Biblioihelar, berichtet, daß die Bibliothek 260 Bände zählt und dieselbe sich einer stetig zmtehntenden Leserzahl erfreut. Es wird nnnmehr zur Wahl des Gesamtvorstands geschritten, die solgendcS Resnltat ergab: Volkmann, 1. Vorsitzender; Müller. Äajsiercr; Blietschau. Schrift- führer; Beisitzer: Nimmrich. Hennig. Kramer und Graul; Revisoren: Schulz. Reischock und Hendritschke; Bibliothekar: WurbS. Wcistcnfcc. Am 18. April fand im„Prälaten" eine VolkS-Ver- fammlnng statt, in welcher ver VertratienSmaim Tanbntann seinen Halbjahrsbcricht gab. Danach wurden eingenommen 400.60 M. und ausgegeben 197 M. Hierauf wurde Stellung zum I.Mai aenounneii, Die Versammlimg kam zu dem Entschluß, die Feier so wie m früheren Jahren zu begehen. Vormittags soll die GewertschaftSversannnInng und abends die politische Feier stattfinden. Alsdann gab Karo einen längeren Bericht über die Thätigkeit der socialdemokratischcit Vertreter im Gemcinderat. Ger st en berger forderte dieAnwescnden auf, durch öffentliche Bekanntgabe von Uebelständen den Genicindevertretern Material zu beschasten._ Vevmipltzkes- Der Tiener GotteS«nd feine Dienstboten. AuS Halle a. S. schreibt man uns vom 23. April: Gründlich hinemgefalleit ist in der letzten SchöffengerichtLsitzung für Uebertretungssache» der Pfarrer ein. Haß von hier. Er hatte sein früheres Dieustniädchen. die unver- ehelichte W e i n r e i ch wegen unberechtigten VerlasseuS des Dienstes angezeigt, infolgedessen gegen die W. Anklage erhoben wurde. Das Mädchen war am 1. Januar bei dem Pfarrer angezogen und hatte, da eS die Behandlung dort nicht ertragen konnte, am 1. Februar wieder gekündigt. Der Pfarrer wollte die W. nur dann weglassen, wenn er bis zum 1. März ein andres Mädchen bekomme. Die Angeklagte ließ sich aber darauf nicht ein und zog am 1. März ab. Der Pfarrer brachte bei der Lohnzahlung alles mögliche, einen Betrag für zer- brochenes Geschirr, JnserotionSgebühr und dergl. Kosten für Be- fchaffung eiues andren Mädchens in Abrechnung, so daß die W. im ganzen nur noch 25 Pfennig Lohn bekam. Er schilderte die Angeklagte als ein faules und unzuverlässiges Mädchen und meinte, daS Gesinde hätte es glänzend bei ihm. Darauf erhob sich. waS nicht geringes Aufsehen machte, der Ankläger Amtsanwalt! Ober- Polizei- Inspektor W e y d e m a n n und ging mit dem Pfarrer so scharf ins Gericht. daß man annehmen mußte. nicht das Mädchen, sondern der Pfarrer sei angeklagt. Herr Weydemann meinte. er wisse auS den Akten ganz genau. daß Pfarrer Haß mit seinen Dienstmädchen stet« in Unfrieden lebe. Da der Wechsel bei ihm, H., sehr stark sei, habe er. Weydemann, sich bei dem jetzigen Dienstherrn der Angeklagten, dem Stadtrat Dönitz, nach dem Betragen de» Mädchen» erkundigt und dort die Auskunft erhalten. daß die Weinreich ein durchaus fleißiges, ehrliches und b r a v e S M ä d ch e n sei. Die Angeklagte sei freizusprechen, da sie nicht unberechtigt den Dienst verlassen habe. Pfarrer Haß sei derjenige, der genügend Ursache zum Verlassen des Dienstes gegeben habe.' Der Pfarrer stand wie perplex da und bat um Schutz gegen den Anitsantvalt. Nein, meinte er. so etwas kann ich nur nicht gefallen lassen. „Wenn ich h i e r k e i n Recht bekomme, dann gründe ich einen Verein z n m Schutze der Herrschaften. Der Gerichts- Vorsitzende ersuchte den Pfarrer, den Strafantrag gegen das Mädchen zurückzunehmen. Der Mann der Nächstenliebe mciiite aber, so etwas könne er vor Gott nicht verantworten. Das Resultat der Vcrhand- lung war, daß die Angeklagte kostenlos freigesprochen wurde. 'Ntm aber eist das Schönste. Als am Abend des Bcrhandliings- tags die bürgerlichen Blätter erschienen, war darin folgendes Inserat zu lesen: Schtttzverein gegen schlimmes Gesinde wird angestrebt. Interessenten wollen behufs ivcitcrcr Be- ratungen Adresse senden an Pfarrer ein. Haß, Brüderstraße 6, II. Unser Gewährsmann hielt es nicht für möglich, daß ein Pfarrer solches Inserat veröffentlichen würde und begab sich, um sich zu in- formieren, in die Wohnung des Pfarrers. Er erfuhr aber dann, daß Pfarrer Haß thatsächlich der Beranlasser deS Inserat» ist und daß er daS Bestreben hat, einen Schntzvcreitt gegen „schlimme» Gefinde" zu gründen. Auf Befragen, ivie viel Interessenten sich schon gemeldet hätten, entgegnete der Herr Pfarrer nnsretn GewährSmanne:„Sie sind bi» jetzt der einzige und dort(nach dem Schreibtisch hiniveisend) � liegt ein socialdemokratischer Schmähbrief." In der weiteren, sehr intcr- essanten Unterredung ließ der Pfarrer gegen den AmtSanwalt sehr harte Worte sallcn, die»vir aus Gesundheitsrücksichten nicht»vicder- geben können. Polizei und Gericht, meinte er, sind die Beschützer dcS Prolelariats.„Aber(lviederum auf den angebliche» Schmäh- bricf hinweisend),»visscn Sie, die Socialdcmokratcn können mich doch nicht kränken, denn dazu habe ich mir schon zu viel„Siegfrieds Hornhaut" angeschafft.— Zum Mord in Koni» ist zn berichten, daß gegen den Händler und Abdecker W o I f I s r a e I S k i das Verfahren nach ß 257 deS Stras-Gesctzbuchs eröffnet worden ist. Z 257 lautet:„Wer nach Begehung eines Verbrechens oder Vergehens dem Thäler oder Teil- »chmcr»visiciitlich Beistand leistet, um denselben der Vcstrafting zu entziehen oder um ihm die Vorteils des Verbrechens oder Ver- gehen» zu sichern, ist»vcgen Begünstigung mit Geldstrafe bis zu 600 M. oder mit Gefängnis bis zn einem Jahre nnd, tven» er diesen Beistand seines Vorteils wegen leistet, mit Gefängnis zu be- strafen." Eine große Vrandkatastrophe meldet man aus Bremen. Gestern nachmittag brach in W i l d e s h a u s e n Feuer anS,»vclcheS infolge des herrschenden starken Windes rasch um sich griff. Die Tbätigkeit der Feuerwehr war. da die Pumpen teilweise versagten, erheblich erschtvcrt. Etwa 80 Hänser»vnrden eingeäschert, ein Ver- lust an Menschenleben ist nicht zu beklagen. Wildeshausen ist eine reichlich 2000 Einwohner zählende Stadt im südlichen Teil des Herzogtums Oldenburg. Im Cirknö Zchmuann, der zur Zeit in Lüttich Vorstellungen gicbl, ereignete sich am Sonntagabend,»vie von dort gemeldet wird, ein schwerer Unfall. Der Stallmeister Paul Otto ritt die hohe Schule, stürzte aber vom Pferd nnd das Pferd stürzte gleichfalls zu Boden und bcdccklc den Reiter. Otto wurde mit zerschmetterter Brust aufgehoben. In religiöse»» Wahnsinn hat der Kirchengemcinderat Johann Finkbciner in S ch l o ß g e m ü n d lOberthal) seine zwei Söhne er- ivürgt. Die Frau und siins andre Kinder konnten rechtzeitig flüchten. Die Mutter Finkbeinerö wurde gleichfalls schwer verletzt. Der Thätcr »vurde verhaftet. An» Wien wird berichtet: Bierzchnf Eiscitbahnrangierer und eine Anzahl Hehler,»velche in den letzten Monaten D i e b st ä h l e in großem Umfange in den Waggons der östreichischen Staats- bahnen ansführten,»vnrden verhaftet. Soweit bisher festgestellt ist. bestand eine organisierte Bande,»velche sich mit Diebstählen von Lebensmitteln, Geflügel, Flcischwarcii, KleidmigSstückeii, Stoffen usw. befaßte. Der Schaden beträgt viele tausend Gulden. Erhebungen sind eingeleitet. Die Explosion ans dem türkischen Torpedoboot scheint noch gewaltiger geivescn zu sein, als ursprünglich gemeldet wurde. Räch eincin bei Lloyds eingegangenen Telegramm erfolgte der Untergang des türkischen Torpedoboots„Scham" vor dein Hafen von Beirut am 11. d. M. infolge einer Kesselexplosion. 23 Personen sind dabei nmgckommcn. Marktpreise Non Verl!» an» 23. April IVCV noch Erinittlniigeil des kgl. PolizeipriisidinniS. Weizen, gut T.-Elr. mittel„ gering Roggen, gut mittel gering erste, gut . mittel gering Haser, gm mittel. gering glichtslroh. Heu Erösen. Speisedohnen. Liuseit, Produkte»»»»« 15,00 14,98 14,06 14,50 14.48 14,46 14,99 14,07 14,05 14,49 14,47 14,45 Kartoflcl»,neuc,D-Etr. Rindslcisch. Keule 1 kx do. Bauch. Schweinefleisch„ tllalbflciich„ Hninnictfleisch. "intter Eier Karpsen Aale Zander Heckte Barsch» Schleie Bleie Krebse «0 Stück ii-e 7_ 1,60 1,20 1,60 1.60 1,60 2,60 2,20 3,- 2,60 2,- 1,80 3,- 1,20 12,- 5,- 1,20 1,- 1,— 1,- 2,- 2,40 1,20 I,- 1,- I,- 0,80 1,40 0,80 3,50 14,60 14,20 14,10 13,70 13,60 13,30 5,50 5,- 8,20 5,30 40,- 26,------ 45,— 25— Krebse per Schock 70,- 30!— vom 24. April. Im allgemeinen war die Ten- denz matter alö gestern, was wohl hanptsächltch auf die ermäßigten Schluß» »reife tu Rew-Nort und Chilago zurückzusühren ist, doch kam die schwächere Haltung des Markts in der Preisgestaltung nur für Weizen zum Ausdruck, während sich Rogge», für welchen in der Provinz große Festigkeit herrscht, und der besondets in Schlesien und Sachsen weit über Weizen bezahlt wird, bei uns gut behaupten konnte. Im Effckwngeschäft konnte Roggen infolge mangelnden Angebots nicht gehandelt werden; Weizen war etzvaS offeriert und verkehrte zu unveränderten Preisen. Lieferungen waren für Weizen vom 0,75, sonst 0,50 M. gedrückt; Roggenliefemngen anfangs gut behauptet, späterhin 0,25 M. naaigebend; Juli etwas mehr offeriert im Anschluß an de» gestern per Juni-Juli-Abladung nach hier erfolgten Abschluß einer Tampserladung südrulsischen Roggens. Mehl war im Preis« unverändert: MaiS still bei fester Grundtendenz und kleinem Angebot, Hafer ruhig behauptet.— Zuletzt griff für Brotgetreide wieder eine Erholung Platz, Weizen chloß zu gestrige» Preisen, Roggen etwas höher. Am S p i r i t u s in a r k t wurde 70er loco mU 49,30(4- 0,20) ge- handelt. Weizen per 1000 Kilo märkischer 149— 150 M. ab Bahn, Oderbrucher — M., Sächsischer— M. ab Speicher. Normalgewicht von 755 gr. 149,75-150,00 M. Abnahme im Mai, do. 154,25-154 75 Abnahme im Juli, do. 158,00—158,25 Abnahme im September niit 2 M. Mehr- oder Minder- wert. Behauptet.— Roggen per 1000 Kilo posener mittel— ,— frei an die Mühle, märkischer 145 ab Bahn, schwimmender Warthe 144 bis 144,50, Netze schwimmender 144—144,60 frachtfrei Berlin. Normalgewicht "12 Gr. 147—147,50 Abnahme im Mai, do. 145,50— 146,25 Abnahme im Juli, do. 142,75—143,25 Abnahme im September mit 1,50 M. Mehr- oder Minderwert. Tendenz fest.— Hafer: loco per 1000 Kilo, seiner pommerschcr 140—145, mittel 135—139, niecklendurgischer feiner 139—145, mittel 135—138, westpreußifchee—, westpreußischer Mit Geruch—, p offener—, mittel 133—137, schlestscher— ,—, mittel 133—137, westpreußischer feiner—, mittel 135—139 ab Bahn oder Kahn. Märkischer mit Geruch 135,— frei Wagen. Nomialgewicht 450 Gr. 131,75 auf Ab- nähme im Mai,— im Juki.— Mehl: Weizenmehl: Nr. 00: 18,60- 21,50 M. R o g g e n m e h I Nr. 0 und 1 18,80-20,10 M. Mai«: Amerik. mixed loco 128 frei Wagen, do. schwimmend 121 ftachtsrei Berlin. 112,50 Abnahme im Mai, 108 do. im Juli. Tendenz fest.— Rüböl für 100 Kilogr. mit Faß, Abnahm« im Mai 56,70, Abnahme im Oktober 56,70 M. Tendenz still.— Spiritus 49,80 frei Haus. Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck nnd Verlag von Max Bading in Berlin.