Äfo. 46 Sonnabend, 8. Juni. Erschein! wöchentlich 2 mal in Leipzig. Bestellungen nehmen alle Pistanstalten und Buchhand- langen des In- und AuS- landes an. Für Leipzig nehmen Bestellungen an: die Erpedition, Hohe Stt. 4. A. Bebel, Petcrkstr. 18, F. Thiele, Emilienstr. 2. 1872 Nbomtemmtsprets: Für Preußen incl. Stempel- steuer 17 Sgr., für die übrigen deutschen Staaten 12'/, Nzr. per Quartal, per Monat 4'/, Rgr., für Leipzig und Um- gegend per Quartal 13L!gr. Filialerpeditton für die Ber- einigten Staaten: F. A. Sorge, Box 101 Hobokcn N.J. viaNewyork Organ der sozial-lemskratischen Arbeiterpartei und der Znternationaten Gewerksgenossenschasten. Abonnements auf den„Bolksstaat" für den Monat Juni a Silbergroschen pr. Monat werden bei allen Postansblteu, für Leipzig bei der Expedition Hohestrasze 4, oie Petersstrasze Rr. 18, 1 und bei Kolporteur Mülle» für die Umgegend Leipzigs bei den KUialexpeditiona in Bolkmarsdorf, Plag- Witz entgegengenommen. Die Expedtion des„Volksstaat." Das Einkommen md seine Bertheilung. (Schluß.) Wir können das Gesannt-Einkommen jeder iliation nun in zwei Theile zerlegen; i den einen Theil, der von der Rente absorbirt, also ohne lle Arbeit erworben wird, und in den dann noch übrigblcibendn Rest, welcher als Arbeitslohn den Arbeitern— hier im weitesten Sinne des Wortes— zu Gute kommt. Je größer dr eine Theil, desto kleiner ist natur- gemäß der andere. Je mehr als» von de» Gcsammt-Eintommen eines Bolkes zur Zahlung der Renten vrwendet werden muß, desto kleiner wird der für die Arbeile übrigbleibende Theil— je größer die Summe des Arbeiler-tinkommens, desto kleiner wird der Antheil der Rente. Denken wir uns nur einen, in Bezug auf die Production stationären*) Zustand, als ein Boll, in dem die Arbeit lange Zeit hindurch in derselben Art und Weise betrieben wird. Da werden auch im Ertrage nr Arbeit keine großen Schwankungen eintreten; die einmal reiferen, einmal schlechteren Erndten wer- den an dem den Arbeiten gewohnheitsmäßig zustehenden An- theil am Einkommen k-ne große Veränderung erzeugen; auch die Rente wird stationä sein. Ein stationärer Zistand der Production erhält also die Antheile des Einkommcts, welche dem Arbeiter und der Rente zufallen, in ziemlich gdichbleibendem Verhältniß. Tritt dann durö irgend welche Ursache eine Verminderung der Production ein, wird die Gesammt-Production und also das Äesammt-Eintomnen kleiner— wie es z. B. in Folge des 30jährigen Krieges in Deutschland der Fall war— so wird, da der Antheil dr Arbeiter in Folge des ehernen Lohngesetzes nicht bedeutend vermndert werden kann, dieser Antheil einen größeren Bruchthel des Gesammt-Einkommens ausmachen, als früher; der Arthcil der Rente dagegen einen kleineren Bruchtheil. Im stationärst Zustand betrage z. B. das Gesammt-Ein- kommen 1000, de'. Antheil der Arbeiter 700, der der Rente 300. Sinkt nun das Einkommen auf 800, so bekommen die Arbeiter doch noch den gewohnheitsmäßigen Unterhalt, eher, in Folge der vermeh'ten Arbeits-Rachfrage, mehr, also denselben Betrag an Gütcri, das ist 700. Während sie also ftüher 7/i0 des Gesammt-Einkommens erhielten, bekommen sie nun '/», die Rente ist dagegen von � auf 1IS gesunken. Bei abnehnender Productivität der Arbeit steigt also der Antheil der Arbeiter am Gesammt-Einkommen, der Antheil der Rentenbesitzer und kleiner. Betrachten wir nun den Zustand, in dem sich seit ca. 100 Jahren die Gisellschaft befindet, indem von Jahr zu Jahr neue Erfindungen gemacht werden, welche die Productivität der Arbeit fortwähiend steigern. Es wird unnöthig sein, hier ein- gehender zu erörtern, welchen Einfluß die Dampftrast und alle von ihr in Bewegung gesetzten Maschinen auf die Produttion geübt haben. Wir können, ohne Widerspruch zu erwarten, be- haupten, daß die Productivität der Arbeit seit Einführung und Benutzung der Dampfkraft sich mehr als verdoppelt hat. Wie stellt sich jetzt das Verhältniß des Einkommens zwischen den arbeitenden und nichtarbeitenden Classen? Gehen wir von den vorher beispielsweise gebrauchten Zahlen aus, und nehmen wir an, die Arbeit sei doppelt productiv ge- worden, so beträgt nun das �csammt-Einkommen statt 1000 — 2000. Nach dem Ricardo schen Gesetz kann aber das Ein- kommen der Arbeiter nur unbedeutend steigen, es bleibt auf dem zur Ernährung und Fortpflanzung nothwendigen Quantum von Gütern, nicht Geld, stehen, also auf 700.**) Jetzt beträgt also das Arbeits-Einkommen 7/�, das Ren- ten-Einkommen 1S/g0 der Gesammtproduttion. Während also das Arbeits-Einkommen im Verhältniß zum Gesammt-Einkom- mcn auf die Hälfte gesunken ist, hat sich das Renten-Einkommen Mehr als verdoppelt. Bei zunehmender Productivität der Arbeit sinkt also der Antheil, den die Arbeiter am Gesammt- Einkommen haben, während der Antheil der Rentner steigt! Wir wollen zugeben, daß das Ricardo'sche Gesetz, durch allerhano Störungen gehindert, nur selten in voller Schärfe zur Wirksamkeit gelangt; wir wollen einmal annehmen, der Wohlstand der Arbeiter sei um 50°/« gestiegen— was ändert selbst solch- Annahme an dem oben aufgestellten Satze? Rechnen wir zu der Zahl 700 noch 500/0 zu, so beträgt der Antheil der Arbeiter bei dem gesteigerten Arbeits-Ertrag •) stillstehenden. *♦) Man muß bei diesen Zahlen nicht an Geld. sondern an Waaren denken; es dreht ftch beim Einkommen, also bei der Verthei- lung der produzirten.Güter, nur um diese Güter selbst, und ta bleibt das zur Ernährung der Arbeiter nöthige Quantum von Lebens- Mitteln ziemlich gleich. 1050.. r... 700 gegen die früheren �=. 2000 950 300 1400 2000 l 600 der Antheil der Rente 2Ö0Ö W-n die früheren � man sieht, der von Rodbertus aufgestellte Satz bleibt also selbst bei um 500/0 gesteigertem Wohlstand der Arbeiter unwiderleglich stehen! Ist denn aber unser Zngeständniß von dem um b00l0 gegen frühere Zustände gesteigerten Wohlstand der Arbeiter ein begründetes? Die Frage ist sehr schwer zu beantworten. Wir wollen uns daher mit einigen Andeutungen begnügen. Als nach dem Sturze des ersten Napoleon sich die socialen und staatlichen Verhältnisse wieder consolidirt hatten, war der Zinsfuß 3 1ii— 4#/0; heute steht er, augenblickliches Weichen abgerechnet, auf durchschnittlich 6"/,, d. h. ein Capital kann zu diesem Zinssatze mit ziemlicher Sicherheit angelegt werden. Danach ist die Rentabilität, trotz der unläugbaren Zunahme der Capitalien, pr das Capital um mindestens 500/0 gestiegen, d. h. während man früher erst in 2 b Jahren durch die jähr- lichen Zinsen den Betrag deS ausgeliehenen Capitals zurück- erhielt, genügm heute dazu schon 16� Jahre. Ein Rentner, der 50 Jahre lang von den Zinsen seines Capitals lebte, ver- zehrte dasselbe also bei einem Zinsfuß von 4°/, in den 50 Jahren zweimal, ohne zu arbeiten und ohne sein Capital zu verlieren; heute verzehrt er es, bei 60/0 Zinsen, in derselben Zeit dreimal. Der Antheil der Rente am Gesammt-Einkommen ist also, wie aus dem Vorstehenden ersichtlich, wirklich größer geworden. Wie sieht es dagegen mit dem Antheil der Arbeiter aus? Wir wollen, um einen treffenden Belag zu bringen, nur eine Stelle aus einem offiziellen Schriftstück hier citiren. Der Königl. Preußische General- Handels- und Fabriken- Commissarius Kunth sagt in einer, dem Staatsrath eingereichten Denkschrift vom 2b. März 1817: „Die Baumwollen- und Kattunweberei gehört zu den „allerärmlichsten Erwerbsmitteln. Jede andere Handwerks-, ja „selbst die gemeinsten Tagelöhnerarbeiten sind in Berlin ein- „träglicher. Ein Kattunweber verdient hier 6 bis 7 gute „Groschen; den Lohn eines Tischlergesellen kann man, einschließ- „lich Wohnung und Kost, auf 1 Thlr., de« Maurergesellen auf „1 Thlr. 4 bis 8 Gr. annehmen. Ein Holzhauer bringt es „wenigstens auf 1 Thlr. Bei den Chausseebauten hat man „8— 10 g. Gr. bezahlt und fast nirgends die nöthige Arbeiter- „zahl zusammen bringen können/' Aus diesem Aktenstück ersehen wir, wie damals, kurz nach dem Kriege, der Geldlohn gestanden hat; unsere Leser können die heutigen Löhne selbst damit vergleichen; es liegt unS aber ob, festzustellen, wie sich dieser Geldbetrag zu dem Einkommen an Gütern verhielt; wieviel Lebensmittel jener Geldlohn reprä- fentirte, und wie viel die heutigen Löhne einzukaufen gestatten. Die Preise der Hauptnahrungsmittel, Roggen, Kartoffeln, Rindfleisch, Schweinefleisch bieten dafür das beste Material; von Wohnungsmiethe und Heizmaterial wollen wir absehen, weil deren enorme Preissteigerung bekannt ist. Nach der offiziellen Zeitschnft des Königl. Preuß. statisti- schen Büreaus, Jahrgang 1871 betrugen die Durch chnittspreise jener Nahrungsmittel für den ganzen Staat in den Jahren pro Scheffel pro Scheffel pro Pfund pro Pfund Roggen Kartoffeln Rindfleisch Schweinefleisch Sgr. Ps. Sgr. Pf. Sgr. Pf. Sgr. Pf. 34 9 12 5 2 4 2 9 40 3 13 2 2 7 3 1 49 2 17— 2 10 3 8 66 2 23 8 3 6 4 7 61 10 22 b 4 4 5 3 1821/1830 1831/1840 1841/1850 1851/1860 1861/1870 Man sieht, daß durch die Mißerndten in den fünfziger Jahren eine vorübergehende Steigerung der Preise entstanden ist; sonst sind die Haupinahrungsmittel von 10 zu 10 Jahren gleichmäßig gestiegen und haben sich deren Preise in fünfzig Jahren nahezu verdoppelt. Bei sich gleichbleibendem Geldlohn wäre also das Ein- kommen der Arbeiter beinahe um die Hälfte gesunken, bei un- gefähr aus das Doppelte gestiegenem Geldlohn wäre es ungefähr das Gleiche geblieben; muß diesen Thatsachen gegenüber unser eventuelles Zugeständniß, daß die Arbeiter, dem Ricardo'schen Ge- setz zum Trotz, um 50°/« an Einkommen gewonnen haben soll- ten,— nicht als eine durchaus unbegründete Annahme er- scheinen? Je weiter die Menschen bei der heutigen Produktionsweise in der Erkenntniß der Naturkräfte fortschreiten, je mehr sie dadurch befähigt werden, der Natur die für Alle ausreichenden Lebensmittel mit immer weniger Arbeit abzugewinnen, je mehr Güter die Arbeit erzeugt— desto größer wird, wie wir nach- gewiesen haben, der Abstand in den materiellen Verhältnissen zwischen den besitzenden und den nichtbesitzenden Klassen; die zügellose Handelsfteiheit(Akttenschwindel) erhöht noch die Macht des Groß-Kapitals, welches in Folge deS Gesetzes der Schwere die kleineren Kapitalien aussaugt, den Mittelstand vernichtet und die Zahl der Proletarier vermehrt. Jedoch:„Es wohnt ein Geist des Guten in dem Uebel!" Grade diese Zustände brechen der Erkenntniß immer mehr Bahn, die schon Zachariä in seinen„40 Büchern vom Staat" mit den Worten ausgesprochen hat: „Alle die Leiden, mit welchen zivilisirte Völker zu kämpfen haben, lassen sich auf das Sondereigenthum an Gmmd und Boden, als auf ihre Ursache, zurückführen." Mit der wissenschaftlichen Erkenntniß der Krankheits-Ur- fache ist der erste Schritt zur Heilung der Krankheit gethan! Zum Gewerlschaftstongretz tu Erfurt. B. Der Gewerkschaftskongreß steht vor der Thür. Wenn also auch etwas spät, so doch nicht zu spät wollen wir unser Programm für den Kongreß entwickeln und es wird uns sehr angenehm sein, wenn die hier niedergelegten Anschauungen auch in Erfurt Berücksichtigung finden. ES läßt sich nicht leugnen, daß die organisirte Ge- werkSschastbewegung in Deutschland noch ziemlich im Argen liegt. Die Spaltung der Arbeiterklasse in verschiedene Fraktionen, die gegenseitige erbitterte Bekämpfung trägt dazu nicht am we- nigsten bei. Ist es schon schlimm, wenn die Arbeiter sich in den gemischten sozial-politischen Organisationen gegenüberstehen, dann ist es noch viel schlimmer, wenn wiederum— und dies ist in solchem Falle unausbleiblich— die Arbeiter jedes ein- zelnen Gewerks, ja jeder einzelnen Fabrik und Werk- statt, in zwei, drei Lager gespalten, sich befehden. Dieser unselige Streit, welcher zum nicht geringsten Theile sich nicht um Prinzipien und Theorien, sondern um bloße Formen dreht, also um Etwas, das stets veränderlich ist und ver- änderlich sein muß, weil die Form(also in diesem Falle die Organisation) stets sich den Verhältnissen anzupassen hat, ist der besondere Fluch, unter dem die deutsche Arbeiterben?e- gung leidet. Daß gewissenlose Menschen auf diesen Formstreit hin eine große Masse fanatisiren konnten und können, ist zugleich ein höchst trauriger Beweis der Beschränktheit eines TheileS der Arbeiterklasse. Man spöttelt auf das in den For- men verknöcherte Christenthum, das doch immer achtzehn Jahr- hundette hinter sich hat, also ein Alter, das zum Verknöchern angethan ist, während die neuere soziale Bewegung in Deutsch- land kaum 10 Jahre alt ist und Verknöcherungssymptome be- reits ausweist. Wir zweifeln nicht, daß die Arbeiterbewegung diese Verknöcherungsansätze überwinden wird, vorläufig aber treten sie der Entwickelung hindernd in den Weg. Auf die Ursache dieser Erscheinung hinzuweisen gegen- über den so oft gehörten Klagen über die Unvollkominenheit der GewerkSgenosscnschafts-Organisation hielten wir zunächst für nöthig. In den Gewerksgenossenschaften liegt das Mittel, die jetzt bestehende Spaltung unter den Arbeitern zu beseitigen. Sind die Arbeiter erst von der Nothwendigkeit der Gewerks- genoffenschaftS-Organisation überzeugt, so werden sie auch schnell einsehen, daß dann die Verhetzung nicht mehr fortdauern darf; das Bedürfniß nach Einigung und Verständigung wird rapid anwachsen und schließlich mit Leichtigkeit das Entgcgcnstemmen derjenigen Elemente beseitigen, die an ver Verhetzung ein per- sönliche« Interesse haben. Der deutsche Webertag in Berlin bestätigt diese Auffassung glänzend. Schon dieser eine Grund wäre genügend, Allen, die es mit der Sache ehrlich meinen, den Anrieb zu geben, für die Vervollkommnung der Gewerkszenossenschafts-Organisation Sorge zu tragen. In der Gewerksgenossenschaft beruht die Zukunft der Arbeiterklasse; sie ist es, in der die Massen zum Klassenbewußtsein kommen, den Kampf mit der Kapitalmacht führen lernen, und welche so, naturgemäß, die Arbeiter ohne äußeres Zuthun zu Sozialisten macht. Sorge also der Gewerkschaftskongreß in erster Linie für eine systematisch betriebene Agitation zu Gunsten der Ge- Werksgenossenschaften: eine Agitation— nicht von den einzel- nen Gewerksgenossenschaften ausgehend, sondern von der ver- bündttenGesammtheit. Das erspart Kraft, Zeit, Geld— drei Dinge, die wir nicht überflüssig haben. Wer für die Tischler oder die Schneider oder die Schuhmacher an einem Orte agitirt, kann es auch für alle drei zugleich thun, und namentlich, wenn es sich um Eroberung ferner, der Bewegung bisher fremd gebliebener Orte oder Provinzen handelt, wird die Zeit-, Kosten- und Kraftersparniß eine bedeutende sein. Größere Leistungen können nur durch größere Mittel, diese wiederum nur durch größere Organisation möglich ge- macht werden. Also Organisation, Verbindung der verschie- denen Gewerksgenossenschaften unter sich/— Es soll eine Union gebildet werden. Dieses Wort ist sehr mißverstanden worden, wie aus verschiedentlichen Aufsätzen im „Volksstaat" hervorgeht. Man meint, die Union sei ein kunterbuntes Zusammenwerfen aller Arbeiterbranchen, heiße also Aufhebung der einzelnen Gewerksgenossenschaften, Aufhebung der einzelnen Vermal- tungen:c. und Verschmelzung aller Gewerkschaften zu einer ein- zigen. Wenn der Kongreß das billigte, würde man in Erfurt nicht aufbauen, sondern einreißen, nicht organisiren, sondern zer- stören. Gerade darin liegt ja die Stärke der Gewerksge- nossenschaft, daß, weil sie den täglichen Bedürfnissen der Ge- werksgenossen Rechnung zu tragen bestimmt ist, sich die Massen ihr anschließen. Neben den allgemeinen Bedürfnissen hat aber jedes Gewerk seine besonderen eigenthümlichen, die in einem allgemeinen Mischmasch nie und nimmer ihre Berücksichtigung finden können. Die Masse der Menschen— und davon machen die Arbeiter keine Ausnahme— sieht zunächst das ihr Zu- nächstliegende, ihr ist das Hemd näher als der Rock. Bei einem solchen Mischmasch werden die Massen dieser Sorte von„Union" geradeso fern bleiben, wie sie es den rein sozial-poli- l rechnunz übergeben werden, welche diese an Orte, wo gemischte tischen Organisationen geblieben sind, welche nur das aktive Element enthielten und als die eigentlichen Cadres, um uns militärisch auszudrücken, für die Bewegung gelten können. Die Schuhmacher Fürths verlangen geradezu in einer der letzten„Voltsstaats�-Nummern die Aufhebung der einzelnen Ge- werkschaften,„weil die Verwaltungen die Einnahmen verschlin- gen". Wieder einmal eine Verwechselung von Ursache und Wirkung. Nicht die Gewerksgenosienschaft an sich ist schuld, daß die Verwaltung theuer ist, sondern die geringe Mit- gliederzahl. 300 Mitglieder auf 10 verschiedene Orte ver- theilt, brauchen denselben Verwaltungsapparat, wie 5- oder 10,000 in 100 Orten. Aber die Kosten vertheilen sich ganz anders. Man wirke also kür die Ausdehnung der Gc- werksgenossenschaftcn und die Verwaltunglast wird nicht nur erträglich, sie wird bei sehr großer Mitgliederzahl kaum ver- spürt werden. Gewerksgenoffenschaften. wie z. B. die der eng- tischen Kohlenarbeiter erhalten nicht nur eine gute Verwaltung, sondern bezahlen auch einen Anwalt, der ausschließlich ihre Rechtsstreiligkeiten mit den Kapitalisten führt und jährlich 1000 Pfd. Sterling— 6666 Thlr. 20 Sg. Gehalt bezieht. Man vergleiche diese eine Leistung mit den Leistungen unserer Gewerksgenoffenschaften, und man wird staunen. Freilich ist die erwähnte Gewerkschaft nicht 300, auch nicht 1000 Mit- glieder stark, sondern weit über 30,000, und da läßtjich Großes schaffen. 10,000 Schuhmacher in Deutschland für die Ge- werksgenoffenschaft zu gewinnen, ist möglich, aber vorläufig sind es wohl kaum mehr als 6— 700 und das ist ein arges Miß- verhältniß. Die Union soll und darf also nicht ein Gemengsel aller niöglichen Arbeitsbranchen sein, sondern eine gesunde Föderation(Verbindung) aller bestehenden Gewerksge- nossenschaften,'die sich eine Centralleitung geben: eine Centralleitung, welche 1) alljährlich im Einverständniß mit den einzelnen Gewerkschaftsverwaltungm den allgemeinen Kon- greß einberuft, mit dem gleichzeitig, wiederum der Kostener- sparniß halber, die Kongresse oder Generalversammlungen der einzelnen Gewerkschaften tagen; 2) das in den einzelnen Ge- werkschaften zusammenlaufende statistische Material zusammenstellt; 3) die Erfahrungen, welche die einzelnen Gewerkschaften in Bezug auf Organisation, Kassenwesen u. dergl. erlangen, Allen zugängig inacht; 4) darüber entscheidet, ob ein Strike, der in einer Gewerksgenossenschaft ausgebrochen, von den übrigen unterstützt werden soll und inwieweit; 5) die allgemeine Agi tation für die Ausbreitung der Gewerksgenoffenschaften in die Hand nimmt; 6) die gemischten Gewerksgenoffenschaften ver- waltet, welche an Orten sich zu bilden haben, wo einzelne Gewerke nicht stark genug sind, sich selbstständig zu organisiren und die Steuern derselben an die Verwaltung der einzelnen Gewerksgenoffenschaften abzuführen hat. Daß für alle diese Funktionen der Centralleitung eme Steuer gezahlt werden muß, ist selbstverständlich; diese hätten die Kassen der einzelnen Gewerksgenoffenschaften nach der Kopf- zahl ihrer Mitglieder zu leisten. Die Centralbchörde wäre zu bilden aus dem aus mehreren Personen bestehenden Präsidium und aus Delegirten der Gewerksgenoffenschaften, welche der Union angehören. In Bezug aus die gemischten Mitgliedschaften müffen wir uns etwas ausführlicher aussprechen. Eine bekannte Sache ist es, daß an sehr vielen kleinen und selbst mittleren Orten, wo keine Großindustrie cxistirt, die Gehilfenzahl in der Regel eine sehr geringe ist. Man findet da ein paar Schneider, ein paar Schuhmacher, Tischler:c., jede Branche aber zu schwach, um für sich eine Mitgliedschaft zu gründen. Dem soll durch die ge- mischte Mitgliedschaft abgeholfen werden. Schneider, Schuhmacher, Holzarbeiter, Metallarbeiter:c., alle zusammen kaum so stark, um eine mittelgroße Mitgliedschaft zu bilden, wählen aus ihrer Mitte einen gemeinschaftlichen Bevollmächtigten, Revisor ic. Nun aber sind die Beiträge verschieden und werden eS bleiben, so lange in der materiellen Lage der einzelnen Gewerke erheb liche Unterschiede bestehen. Sollen diese Verschiedenheiten in der gemischten Mitgliedschaft aufhören? Nein. Hier tritt also die Unionsverwaltung in Thätigkeit. Ihr werden die Bevoll- mächtigtm und Revisoren angezeigt und sie macht sie öffentlich bekannt. Die Unionsverwaltung liefert den gemischten Mitgliedschaften auch die Bücher, Stempel w."Diese Bücher haben nun Conti's für sämmtliche der Union ungehörige Gewerksge- nossenschaften. Handelt es sich um Einkassirung der Steuern in einer solchen gemischten Mitgliedschaft, dann ist das Ver- fahren des Steuereinnehmenden folgendes: Es meldet sich ein Schneider zum Zahlen; das Conto der Schneidergewerksge- nossenschaft wird aufgeschlagen und der Betrag eingetragen; kommt ein Schuhmacher, wird der Betrag in dem Schuh- niachergewerkskcnto vermertt u. s. w-, die Mitgliederbücher mit dem Unionsstempel abgestempelt. Vierteljährlich erfolgt der Abschluß und nach erfolgter Prüfung durch den Revisor werden an die Unionsverwallung, nach Abrechnung der Beträge für etwaige Wanderunterstützung der einzelnen Gewerke, z. B. die Steuern von 8 Schneidern, 7 Schuhmachern, 5 Holzarbeitern, 6 Me- tallarbeitern:c. abgeliefert. Solche Abrechnungen können bei der Unionsverwaltung eingehen von 40, 50 und mehr Orten. Die Unionsverwaltung stellt jetzt für jede einzelne Gewerksge- nossenschaft die Abrechnung auf, z. B.: für die Schneiverge- werksgenoffenschaft sind eingegangen von Eilmburg für 9 Mit- glieder 2 Thlr. 10 Sgr., von Bockenheim für 8 Mitglieder 2 Thlr. 5 Sgr., von Lauchstädt für 6 Mitglieder 1 Thlr. 20 Sgr. u. s. w. Die Abrechnung wird nebst der Summe nach Abzug des der Unionsverwaltung zufallenden Steuertheils den einzel- nen Gewerksgenossenschaftsverwaltungen zugesandt. Bei dieser Einrichtung braucht der Bevollmächtigte der gemischten Mitgliedschaft vierteljährlich nur eine Sendung mit so viel ausgefüllten Rechnungsformularen, als Gewerksgenoffenschaften an seinem Orte vertreten waren, an die Unionsverwaltung zu senden. Er hat also nicht mehr Arbeit, als der Bevollmäch- tigte einer größeren einfachen Mitgliedschaft. Umgekehrt ist dadurch, daß die Unionsverwaltung von einer Menge kleiner Orte die Abrechnung in 5, 6 oder 8 Rubriken, soviel als der Union Gewerksgenosienschaften angehören, zusammenstellt, die Arbeit sehr erleichtert und mit 5, 6 oder s Briefen abge- macht. Ter Unionsverwaltung müßte ferner von jeder einzelnen Gewerksgenossenschaft eine Anzahl Mitgliederbücher gegen Ver- Gewerksgenoffenschaften sich bilden, abgeben kann. Die Unions- statuten und Reglements müssen selbstverständlich in allen Mitgliederbüchern der zur Union gehörigen Gewerksgenossen- schaften beigedruckt werden. Es kann aber noch eine andere Nothwendigkeit oder Mög- lichkeit der Organisation gemischter Gewerksgenoffenschaften eintreten. An einem Orte soll eine Branche ganz besonders stark vertreten sein, z. B. die Manufakmrarbeiter, während die an- deren Gewerke unter kleinbürgerlicher Form produziren und nur wenig Arbeiter aufweisen. Dann kann die bestehende Ria- nufakturarbeiter-Mitgliedschaft die Kassirung der Beiträge ganz in der oben vorgeschriebenen Form übernehmen und, während sie ihre eigenen Geldgeschäfte mit der Verwaltung der Manu- fakturarbeiter-Gewerksgenossenschaft abmacht, die von anderen Branchen eingehenden Gelder an die Unionsverwaltung ab- liefern.> Diese hier skizzirte Einrichtung der gemischten Mitglied- schaften hat sehr große Vortheile. Erstens kann dadurch der kleinste Ortindie Bewegung hineingezogen werden, und von grö- ßeren Orten kommende Gewerksgenossmschafts-Mitglieder können überall ihren Pflichten nachkommen und ihre Rechte in An- spruch nehmen. Zweitens wird bei Steiles ein Element zur Lahmlegung derselben fern gehalten, das jetzt schon oft sehr un- bequem geworden ist. So erzählten uns kürzlich Buch- drucker, daß ihr ausgezeichnet organisirter Verband häusig dar- unter leide, daß bei Arbeitseinstellung die Gehilsen aus kleinen Städten, die der Bewegung.fern stehen, die Vorgänge nicht kennen, auf verlockende Anerbietungen anbeißen und damit den Strike vereiteln; beim Buchdruckerstrike in Stuttgart habe sich dieses Uebel sehr fühlbar gemacht, dort seien auf diese Art eine ganze Zahl Setzer ausgetrieben worden. Dem wird durch die gemischten Mitgliedschaften abge- Holsen, die organisirte Bewegung wird durch sie in die kleinsten Orte getragen. Die hier vorgezeichnete Organisation und Verwaltung ist dabei so einfach, daß es nur der praktisch eingerichteten Bücher und einer populär geschriebenen und allen Bevollmächtigten ge- druckt einzuhändigenden Instruktion bedarf, um sie einleuchtend zu machen. Wir hoffen, daß unser Vorschlag auf dem Erfurter Kon- greß nicht demselben Widerstand aus Mißverständnis begegnet, den er voriges Jahr bei der Besprechung über Gewerkschafts- angelegenheilen auf dem Dresdener Kongreß der sozialdemo- kratischen Arbeiterpartei zu überwinden hatte. Einfacheres als unseren Vorschlag giebt es nicht. Noch einen Punkt haben wir zu erwähnen. Man beab- sichtigt, in Erfurt die Gründung eines eignen, vom jetzigen Organ getrennten Gewerksgenossenschaftsorgans vorzuschlagen. Wir sind entschieden dagegen. Ein solches Blatt erheischt aufs Neue große Mittel: eine besondere Redaktion, Erpedition, und für jeden Einzelnen, der es hält, besondere Ausgaben. Es scheint, man hat auf verschiedenen Seiten keinen rechten Be- griff von der Größe der Opfer, die ein Blatt zu gründen und existenzfähig zu machen kostet; ganz abgesehen davon, daß dem be- stehenden Organ damit eine ganz unnütze Concurrenz gemacht wird. Man antwortet: das neu zu gründende Blatt soll für jede? Gewerksgenoffenschaftsmitzlied obligatorisch werden und der Betrag dafür in der Steuer bezahlt werden. Wir sagen: die meisten Gewerksgenoffenschaften haben Mühe, ihre jetzigen Steuern aufzubringen; daS Blatt kann aus den bisherigen Steuern unmöglich bestritten werden, diese müßten also er- höht werden. Die zwangsmäß)ge Erhöhung würde aber nicht nur viele alte Mitglieder verscheuchen, sondern auch Andere ab- halten, beizutreten. Das wäre Schaden, wo man Nutzen stiften will. Wir begreifen wohl das Verlangen nach einem eignen Ge- werksgenossenschaftsorgan, weil bisher die Verhältnisse es mit 'ich brachten, daß der„Volksstaat" nach dieser Seite zu wenig leistete. Die Gewerksgenossenschafts-Bewegung muß entschieden in den Vordergrund treten, fleißiger besprochen werden als bisher. Nur sehen wir nicht ein, daß dazu ein apartes Organ noch- wendig ist, das bei ein Mal wöchentlichem Erscheinen— und an öfteres ist nicht zu denken, soll die Steuerlast nicht zu groß werden— bei weitem nicht genügt. Sollen wichtige Gewerk chaftsmittheilungen volle 8— 10 Tage warten, ehe sie in die Hän.'e der Interessenten gelangen, dann dürfte es oft zu spät und die Mittheilung nutzlos sein. Man benutze also das Vor- handene zu dem größeren Zweck. Man beschließe in Erfurt immerhin die Herausgabe eines speciellen Gewerksgenoffenschafts- organs, aber man lasse es als Beilage zum„Volksstaat" erscheinen, ohne daß letzterer im Preise dadurch er- höht wird. Vom 1. Oktober an wird der„Volksstaat" eine wöchentliche Beilage recht gut ertragen können; entsteht iin ersten und zweiten Quartal ein kleines Deficit, so wird dieses durch die Gewerksgenoffenschaften gedeckt; es beträgt aber sicher nicht die Hälfte der Kosten, die die Gründung eines besonderen Organs beanspruchen würde. Wer auf den„Volksstaat" abonnirt st, erhält dann das Gewerkschaftsorgan, das einen besonderen Titel lühren kann, gratis mit. Außerdem können Diejenigen, welche nur das Gewerksgenossenschaftsorgan wünschen, sich auf das- clbe besonders abonniren und zwar zu einem viertel- jährlichen Preis von ca. 6 Sgr. Beschließt in diesem Sinne der Kongreß, dann beschließt etwas Praktisches, die Arbeiterinteressen nach jeder Seite hin Förderndes. Es wird hohe Zeit, daß wir aus dem Hin- und Herschwanken und Experimentiren herauskommen und endlich esten Fuß fassen. faßten arten, er Unsere„Erzieher". (Ein Rückblick auf die. 20. allgemeine deutsch« Lehreroerfammlunz.) Alljährlich noch»irft die geistige Bewegung der vierziger Jahre, aus dem Gebiet der Pädagogik am entschiedensten und tüchtigsten von Diesterweg vertreten, aus alter Gewohnheit eine Welle ans Ufer, geuannt die allgemeine deutsche Lehrerver- aminlung. So breit diesmal die Welle war, so matt und lach verlief sie sich. Wie tief oder wie wenig tief Diester- weg's freier und hoher Geist von den deutschen Lehrern auf- gefaßt sein mag, auf der 20. deutschen Lehrerversammlung ist er nicht zum Ausdruck gekommen. Die Verhandlungen waren m jfder Beziehung trostlos, man betrachte sie, von welchem Gesiasspunkte man wolle. illan sah ihnen wahrlich nicht, an, daß sie von Fach- mannen, herrührten, denn sie strotzten von pädagogischem Klein- kindergesswätz. Dagegen blieb die wichtigste Frage: Wie weit führt der heulige Volksschulunterricht wirklich zu allgemein menschlicher Bildung, wie weit dient er andern Zwecken?— unberührt. Sie vrriethen auch keine Spur einer höhern Auffassung von der Stelling der Schule in der großen Culturbewegung unserer Tage, keine Spur eines deutlichen Begriffs von dem bestimmten Went und eigenartigen Charakter der heutigen Ge- sellschaft. Was überhaupt von der Wechselbeziehung zwischen Schule und Leben und den Pflichten des Lehrers als Mitglied der Gesellschaft gestochen werde, hätte schon zu Olims Zeiten eine Lehrerversammleng dir Welt auftischen können, ohne sie zu verblüffen. Weita'» vor dem festen Boden der ungemüth- lichen' und kopfanstrengmdei Thatsachen schwindelten die ge- Resolutionen im blaten Dunst allgemeiner Redens- wie: „Der Lehrer hat sich volksfeindlichen Bestrebungen „mit aller Entschiedenbit entgegenzustellen. „Die Schule, di auf der Höhe der Zeit steht, „ist nicht Schuld an dc.sittlichen Verderbniß, welche „die neuere Criminalstoistik aufgedeckt hat." „Was unsere Schier zu lernen haben, soll er- „wettert oder beschränkt werden auf das, was sie in „den Stand setzen wird die Welt, in der sie einst „leben und thätig sein»erden, zu verstehen."(Sämmt- lich Resolutionen der Vrsammlung.) Dagegen ist kein Wort gefalln über die famosen preußischer» Schulregulc�tiv e und die eben? famosen preußischen Lehrer- e minore keine Thatsache angezoga worden, die belehren konnte über das, was Staat, und Geieinde für die Schule, was sie für andre Zwecke gcthan, dein solches wäre„dem Herrn ein Gräuel." Auch an die„Loensftage der Civilisalion," an welche Diejlerweg seiner Zit so entschieden herangetreten ist, an die Frage nach Dem, was vor allem dem Volke Ryth thut, ob es in seiur Mehrheit ein menschen- würdiges Dasein führt, ist die 2L allgemeine deutsche Lehrerversammlung nicht herangetreten. Man hätte sich doch billig erinnern sollen, daß Ueberarbeit, Nahrungs- und Wohnungs- Elend das Leben weit ungemüthlicer machen, als Unkenntmß der Hauptstädte und Grenzen der Länder, Unkenntniß in der Dynasten- und Kriegsgeschichte, u.'. w., und daß ferner, wo die Körper dahin siechen, die Gister gewiß nicht gesunden sollen. Hätte die Versammlung ncht stutzig werden müssen, daß trotz des Professorentrosses u.d Schulmeisterheeres die durchschnittliche Lebensdauer und Körpergröße eines großen Bruchtheiles des Volkes seit lange rlativ herabzedrückt wird? Daß die relative Unwissenheit und Arnuth desselben Bruchtheils in erschreckendem Maße zugenommen hat?(S. Liebig„die Chemie in ihrer Anwendung auf Agriultur und Physiologie," 1862, Bd. I. S. 117. Marx,„Cqntal", S. 212-230, 251, 389, 408, 463, 486, 639 u. s. v. Selbst I. St. Mill bezweifelt, daß die Einführung der Mashinen u. s. w. die Le- bensmühen nur eines einzigen Menschen vermindert, und glaubt, sie haben vielmehr nur ermöglicht, daß jetzt eine größere An- zahl von Menschen dasselbe elende Leber führen wie früher.) Man erwähnte dann und wann die häusliche Erziehung, aber die blinde Schagr konnte ja nicht seten, daß die Frauen- und Kinderarbeit in den untern Klassen der Gesellschaft ein Familienleben und eine häusliche Erziehun: zur Illusion macht. (S. v. Scheel, Theorie der sozialen Fuge S. 214:„Ein solches Verbot(der Arbeit verheirathete Frauen außerhalb ihres eignen Hauses und Geschäftes), verbunden mit der Kürzung des Arbeitstages u. s. w. erschant als das einzige Mittel, die Familie und somit die Cirilisation gegen den wirthschaftlichen Fortschritt zu schützen.") Für die„liefen, sittlichen und kulturlichenSchäden der modernen Gesellschaft" und die im„heutigen Wirthshaftssystem vorhan- dene Tendenz zu erheblicher Steigerung derselbur,"(S. Professor Wagner, d. soziale Frage S. 2), gegen welche dit Schule ja in erster Linie mitkämpfen soll, hatte die antik- Gesellschaft im Sagebiel'schen Saal, 5000 Köpfe stark, kein Auge. Sie sahen nicht, sie hörten nicht. Sogar dann noch, als Burgwardt aus Wismar das Thema besprach,„die öffentliche Schule auf ge fährlichem Irrwege," und der besondern Art der heutigen Schule den Verfall der Sitten zur Last legte,'chlich man, wie die Katze, im Bogen um die Frage, was dem eigentlich die Bemühungen der Schule vereitelt hat, herum. Auch in rein logischer Beziehung war es traurig mit den Debatten bestellt: Der eine Redner sprach von diesen Dingen, der andere von jenen. Es wurde eine ganze Rumpelkammer von pädagogischen Gemeinplätzen, allgemeinen Bemerkungen und seichten Redensarten für und wider die konfessionslose Schule, 1 die man bei jeder passenden Gelegenheit anbrachte, ausgepackt. Niemals konzentrirte sich ein Kampf, der gegenseitig zu tieferer Begründung nötbigte, auf Einen Punkt. In dieser Beziehung ging es her wie bei den Kämpfen unserer lieben Straßen jugend, Ivo auch der vorläufige Sieg, in yer Regel ohne Kampf, der- jenigen Partei zufällt, welche zuerst angreift, bis die fliehenden Gegner ihre Rolle übernehmen. An einem Tage schien die Versarnmlung aus Anhängern, am andern aus Gegnern der konfessionslosen Schule zu bestehen. Heute verwarf man den Antrag,„So weit das Wissen den aus Unwissenheit stammenden! Glauben aufhebt, muß von diesem Glauben Abstand genommen i werden", und morgen rrahm man ihn in der allgemeinern, ver- wässerten Fornr„Unzulässig ist, daß irgend ein Unterricht sich. mit den unbestrittenen Ergebnissen der Wissenschaften in Wider- pruch setzt", an. Hauptpastor Hirsche aus Hamburg fühlte sich bei der ungewohnt zahlreichen Zuhörerschaft so wohl, daß i er gar nicht aufhören wollte mit dem ÄuSkramen seiner päda- gogischen Dilettantenweisheit, bis endlich selbst diese Versamm- l lung eine leise Scham beschlich, und Viele erbost nach Schluß riefen. So geöankenlos war die Versammlung, daß den Worten| des Präsidenten„und nun bitte ich Sie, noch einen Anttag an- zunehmen, ohne Debatte, bloß geleitet von den edelsten Ihrer Gefühle", ein lebhaftes Händeklatschen folgte, obgleich der An- trag erst ausgesprochen werden sollte. Dieser Anttag, den die zahme Heerde ihrem Präsidenten- Hirten, wie immer, aus ver Hand fraß, eine ttiecherische De- pesche an Wilhelm I. und seinen Reichskanzler zu senden, wurde denn auch ausgeführt.(Er wurde jedoch nicht einstimmig ange- nommen, wie der Präsident, ohne die Gegenprobe zu machen, fälschlich behauptete.) Diese Philisterei setzte Allein die Krone auf, wenn man an die lange, noch bestehende Herrschaft der preußi- scheu Schulrcgulative, an die erbärmliche Stellung der preußischen Bolksschullchrer, an die geistliche Schulaussicht u. s. w. denkt. Da- bei muß es wahrlich wie ein Hohn auf Diesterweg erscheinen, daß man seine Büste in die Versammlung gebracht hatte. Wohl dem Mann, daß er lebend diese Kränkung nicht erfahren hat! — Lobend ist jedoch zu erwähnen, daß, mit Ausnahme der Vorver- sammlung, wenig in Nationalstolz und Franzosenfresscrei gemacht wurde, und daß man sich weniger gegen das Jnternationalitäts- Prinzip, als gegen den Partikularismus auf die nationalen Hinterbeine stellte. Mitunter besann die Versammlung sich auf sich selbst. So machte sie die Resolutionen von Wichard Lange aus Ham- bürg, zu erklärm,„daß die Elemcntar-Volksschule, die den Schüler bis zum 12. Jahre behalten soll, für Alle unentgelt- lich sein sollte, und daß die Aufnahme in d e höhern Anstalten lediglich von der Begabung des Schülers abhängen sollte", zu den ihrigen. Es sind auch Aeußerungen, wie die von Wi- chard Lange, daß für die Volksschule bislang kaum etwas Nennenswerthes gethan sei, und die eines andern Redners (Schwarz, Berlin), daß bei Erlaß des Schulaufsichtsgesetzes der Reichskanzler gewiß nicht an die Schule gedacht habe, mit all- seitigem Beifall aufgenommen worden. Die Frische, welche die Versammlung bei dem ersten Vor- trage„die deutsche Rational-Volksschule" von Vj. Lange zeigte, mußte ihr bei der darauffolgenden, furchtbar zerfahrenen De- balte wohl verloren gehen. Wen» die darauffolgenden Vor- träge: „Das Schulaufsichtsgesetz",„Tie öffentliche Schule aufge- fährlichem Irrwege", Ter Einftuß der politischen u. s. w. Bestrebungen auf die Schule unv ihr Verhallen zu den denselben",„Welche Erweiterungen und Beschränkungen des Lehrstoffes fordert unsere Zeit und eine gesunde Pädagogik?" mitunter die flauen Geister erfrischten, wie wenig Werthvolles sie auch enthielten, so mußten die Debatten sie bald wieder be- täuben. Außer dm mehr interesselosen Erklärungen forderten die noch nicht erwähnten, angenommmen Resolutionen die Beseiti- gung der lokalen Schulaufsicht und Bestellung von Elementar- lehrern als Schulinspektoren. Bei den Abstimmungen erschien die Versammlung— mehr als anständig ist— von dem Präsidium abhängig. Die Berichte der Hamburger Blätter lassen die Versamm- lung in einem schauderhaften Lichte erscheinen. Als Beispiel diene folgendes wörtliche Citat aus den„Hamburger Racd- richten." „Lehmann:(Berlin). Gegen das Schulgeld.(Wird häufig durch Schlußrufe unterbrochen. Der Präsident ersucht, Redner, die bei der Sache sind, nicht zu unterbrechen.) Toselowsky:(Berlin). Für die deutsche Sprache und natur- wissenschaftlichen Unterricht in den Seminarien. Bangest:(Ostfriesland). Gegen das Schulgeld. Will eine dcsfallsigc Petition an den Reichstag richten. Es wird Schluß der Debatte beantragt und angenommen. Weber:(Leipzig). Für Errichtung einer pädagogischen Central-Bibliothek. Hechtenberg:(Rheydt). Für eine Reform der Seminarien und eine Verbindung der Elementar- mit der höhern Schule. Backhaus:(Osnabrück). Unsere modernen Bildungsmirtel können sich nicht mit dem Latein vergleiche». Ich verkenne den Werth der Gymnasien durchaus nicht. Es giebt keine allge- meine Bildung des Geistes. Sie muß gegenständlich behandelt werden. Doctor Meyer:(Lübeck). Der deutsche Lehrer, die deutsche Lehrerin muffen Charakter- und Gemüthsbildung haben, dann haben wir das Rechte gethan. Rosenthal:(Berlin). Will, daß dem Bürger- und Ge- werbeschüler die Berechtigung zur Freiwilligen- Heranbildung zustehe." (W. Lange hatte nämlich, was wir nach seinem sonstigen Auftreten nicht erwarteten, das Institut der Einjährig-Freiwil- ligen an sich nicht angegriffen).— Im Anschluß an ihre Berichterstattung nach vorstehender Probe haben mehrere Hamburger Blätter nachträglich in län- gern Leitartikeln über die 20. Lehrerversammlung den Stab gebrochen. Weder den Orthodoxen, noch den Liberalen, noch den Radikalen konnte diese Lehrerversammlung imponiren; Schuld daran mag sein, daß sie zu sehr den Charakter der Unreife oder der Eintagsfliege trug. Sie konnte es Keinem — auch sich selbst nicht— recht machen, da sie sich ihrer Aufgabe nicht bewußt ward. Das war die Klippe, woran sie mit dem Glauben an ihren Erfolg zerschellt ist. Politische Uebersicht. Bildung eines H ohenzollers. Gelegentlich der vom preußischen Kultusminister für die nächsten Tage zusammenbe- rusenen Schulkonferenz erinnert ein Berliner Korrespondent der„Rheinischen Ztg." an eine Konferenz von Lehrern und Se- minardirettoren, die vom Ib.— 19. Januar 1849, auf Einladung des preußischen Kultusministeriums tagte, um die von der Lehrerbildung handelnden Theile eines Unterrichtsgesetzes zu berathen. Er erzählt dann wie folgt:„Friedrich Wilhelm IV. beehrte eine der Versammlungen dieser Konserenz durch seine Gegenwart und entwickelte seine Ansicht über die Sache durch eine Rede, welche jene Umkehr des preußischen Schulwesens ein- leitete, deren Folgen endlich jetzt nach 23 Jahren energisch(!) ent- gegengclreten(sonderbarer Schwärmer!)..erden soll. Die merk- würdige(bloß„merkwürdige"?) Rede lautete: „All das Elend, daS im verflossenen Jahre über Preußen herein- gebrochen, ist Ihre, einzig JhreSchuld. die Schuld der Afterbildung, der irreligiösen Massenweisheit, die Sie als echte Weisheit verbreiten, mit der Sie den Glauben und die Treue in dem Gemürhe Meiner Unterthanen ausgerottet und deren Herzen von Mir ab- gewandt haben. Diese fpfauenhaft aufgestützte Scheinbildung habe Ich schon alS Kronprinz aus innerster Seele gehaßt und als Regent Alles ausgeboten, um sie zu unterdrücken. Ich werde aus dem be- treteneu Wege fortgehen, ohne mich irren zu lassen; keine Macht der Erde soll mich davon abwendig machen. Zunächst müssen die Semi- narien sämmtlich aus den großen Städten nach kleinen ten verlegt werden, um den unheilvollen Einflüssen eines verpesteten Zeitgeistes entzogen zu werden. Sodann muß das ganze Drechen in dies« Änstalten unter die strengste Äuf- ficht kommen. Nicht den Pöbel fürchte ich, aber die unheiligen Leh- ren einer modernen, ftivolen Weltweisheit vergiften und untergra- den mir meine Burea ukralie, auf die bisher Ich stolz zu sein glauben konnte. Doch so lange Ich noch das Heft in Hän- den führe, werde Ich solchem Unwesen zu steuern nisten." So sprach ein Mann, unter d-ssen Protektion die Atade- mieen der Künste und der Wissenschaften standen und von dessen Genehmianng die Aufnahme neuer Mitglieder in jene Institut» abhing.— Alle Lobspriiche, die in den Festreden, Glückwunsch- schreiben und Toasten der Akademiker und Professoren auf jenen „erlauchten Beschützer von Kunst und Wissenschaft" gehalten worden sind, zusammengestellt und als Motto davor die obige Konfe- renzrede geseht, als Schlußkapitel aber eine Flasche gezeichnet — und man hat ein Stück deutscher„Kultur"— wie es drastischer k.um geschildert werden kann.— Zur Ki nderarbeit in den Fabriken. Beiderjüngst zu Kaiserslautern abgehaltenen protestantischen Diözesan- Synode wurde auch über die Leistungen der Schule im ver- flosscnen Jahre gesprochen. Dabei wurde berichtet, daß die Fabrik- arbeit in vielen Gemeinden das Ihrige dazu beiträgt, um die Leistungen der Schule hcrabzudrücken. So wurde beispielsweise aus Otterb erg Folgendes berichtet:„Schulkinder, sogar solche unter 10 Jahren, wurden in der Fabrik verwendet. Die- selben besuchten im Sommer, wie im Winter, von 5 bis 1ji8 die Fabrik, vott 8 bis Ii die Schule, von 11 bis 12 Uhr wieder die Fabrik, alsdann von 1 bis 3 Uhr die Schule, von 3 bis 7 oder 8,� sogar öfters bis 10 Uhr Abends wieder die Fabrik; ja sogar Sonntag Morgens mußten diese armen Kinder wieder in die Fabrik." Aus Olsbrücken wurde berichtet, daß dort unter Anderm„auch ein 12 jähriger Knabe täglich 12 bis 14 Stunden in der Fabrik auf der Lampertsmühle arbeiten und dabei noch außerdem einen Weg von 4 Stunden zurücklegen mußte. Von den zu Ostern 1871 konfirmirten, aber noch nicht aus der Schule entlassenen Kindern wurden viele sofort in den Fabriken beschäftigt; als hiegcgen Einsprache erhoben wurde, half man sich damit, daß man die Kinder Nachts in den Fabriken arbeiten ließ und am Tage zur Schule schickte."— Vor mehreren Wochen fanden bekanntlich in Bielitz (Mährisch-Lcsterreich) tagelange Arbeiterrevolten statt, an denen nur Leute betheiligt waren, die dem Sozialismus gleich fern standen, wie aller Bildung überhaupt. Gleichwohl ver- sucht es die dortige Behörde, den Bielitzer Arbeiterverein für jene Vorfälle verantwortlich zu machen und hat sie zu diesem Zwecke die 6 Vorstandsmitglieder sowie den Wirth des Arbeitervereinslokals verhaftet.. Einer der Betroffenen schreibt darüber dem Wiener„Volkswille": „Für den Frevel, verübt von rohem Gesindel und Buben, niuß der Vorstand des hierortigen Arbeitervereins büßen. Ob- inann Berenz, dessen Stellvertreter Szydlit, Kassirer Geister, Schriftführer Pollach, Kassenrevisor Peschtua, Ausschußmann Albrechl, der Wirth bei Vereinslokales Schopps, haben Zeit, hinter verschlossenen Thüren und vergitterten Fenstern darüber nachzusinnen, ivarum die Alten die„Gerechtigkeit" mit verbun- denen Augen darstellten. Durch die Arbeitgeber wurde den Männern des Gesetzes der Verein, resp. dessen Vorstand, als der alleinige Urheber des Straßenkrawalls bezeichnet, so daß das löbliche Gericht in sehr gerechtfertigter Entrüstung darüber, kategorisch zu untersuchen sich entschlossen hat, ob durch den harmlosen Arbeiterverein der Impuls zum Straßenskandal ge- geben worden ist. Sämmtliche Bücher und Schriften und die Baarschaft dieses Instituts, wurden durch die hohe Obrig- kcit in Verwahrung genommen, um aus den erster» den Be- weis zu führen, daß nur durch den Verein, resp. dessen Redner, die Geinüther erregt, cksid„demzufolge" zu Ausschreitungen hin- gerissen wurden. Durch Entziehen der baaren Kasse aber wird zu verhindern gesucht, daß irgend ein leidendes Mitglied des Bundes unterstützt werde. Als Hauptanklagepunkte werden hervorgehoben: die freiwillige Sammlung und Absendung de: Unterstützung für die sinkenden Brüder in Jägerndorf und Tannwald, die theilweise schlecht verstandene Beantwortung der Wohnungsfrage durch Hugo Schmidt, und das energische Hin- weisen der Redner bei den Versammlungen auf recht zahlreiche Theilnahme, auf festes Zusammenhalten in dem Verein. Die Schlagwörter:„die Masse imponirt",„innige Verschmelzung der Interessen Tausender gegenüber der Bedrückung könne erst das erbärmliche Loos der Arbeiter erträglich machen",— sind ja schlagende Beweise, daß der Verein„Aufruhr" gepredigt, Dem unzufriedenen Arbeiter die Waffen in die Hand gedrückt hat. Sehr gut kalkulirt, ihr Herren! Aber Euer Kalkül hat ein Loch; ihr vergeßr, daß auch im Arbeiter eine göttliche Flamme lodert, die ihm Muth und Kraft gibt, auszuharren und nachzujagen seinem Ziele, das er für schön und gut hält. Je mehr Anfeindungen eine gute Sache erleidet, desto sicherer wächst sie und kann nicht untergehen! In dieser Ueberzeu- gung, Freunde, schicken wir Euch unseren Gruß in die Freiheit!"— Speisezettel der Versailler Blutrichter: Die Verurtheilungen gegen die Theilnehmer an der Pariser Commune beziffern sich nach Angabe der„kL�ublicxue DVimtziuse" bis zum 27. Mai folgendermaßen: Verurtheilt wurden zum Tode 73, zu Zwangsarbeit 212, zur Deportation nach einem befestigten Platze 894, zur ein- fachen Deportation 2900, zur Haft 11.69, zur Einschließung 60, zu Gefängniß bis zu 3 Monaten 305, zu Gefängniß über 3 Monate 1373, zu Gefängniß über 1 Jahr 1138, zur Ver- bannung 291; Zusammen 8415. Freigesprochen wurden 2112 oder etwa 20 pCt. Unter den neulich Berurtheilten befindet sich ein löjähriger Knabe, der wegen angeblich verübter Requisition 5 Jahre Gefängniß erhielt.— Für je Einen der Bestraften und nach vielmonatlicher Untersuchungshast freigelassenen zehn Rächer großgezogen— und die Armee der nächsten Communercvolution ist unüberwindbar.— Blödsinn: Die Wiener„Tagespresse" dringt folgendes, möglichst auffallend gedruckte Telegramm:„Paris, 30. Mai. In Barcelona und Madrid soll die Behörde geheime Nieder- lagen von großen Massen Petroleums, sowie in einer Druckerei einen Ausruf der Internationale mit den Schlußworten„Durch Gewalt zum Sieg!" entdeckt haben."> Wir denken, Gottlieb wird auch ohne Petroleum„einbal- samirt"!*) *) Beim Ausbruch des Karlistenaufftandes soll er gegreint haben: Ich will Spanien nicht verlassen, außer einbalsamirt! Die Jnhaftirung der Leipziger Berurtheilten bleibt ohne allen Einfluß auf die Geschäfte der Partei und die Redaktion des Parteiorgans. Es ist Sorge getragen, daß nach keiner Seite hin eine Lücke entsteht. Alle auf die Annahme des Gegen- theils sich gründenden Berechnungen werden elend zu Schanden werden. Die Sozialdemokratie ruht nicht auf einzelnen Personen. Wird Einer von seinem Posten entfernt, so tritt ein Anderer an die Stelle. Und so weiter. Denn die Leipziger sind nicht die Letzten. Warnung. Aus Köln schreibt man uns, daß sich dort ein falscher Leo Fränkel herumtreibt, um die Leute zu be- schwindeln sucht. Der Bursche, und dessen Signalement wir bitten, spricht gut Französisch und hat möglicherweise auch die Absicht, Geschäfte iu Stieberei zu machen. Jedenfalls ist an- zunehmen, daß er auch anderswo sein Heil versuchen wird. Internationale Gewerlsgenossenschaft der Manufak- tnr-, Fabrik- und Handarbeiter. Zum Gewerkschaftskongreß in Erfurt wird die Vorortsverwaltung vertreten sein und hat dieselbe unterlassen, ihre Generalversammlung dahin einzuberufen, um der wichtigsten Aufgabe des Kongresses, Herstellung einer gesunden Hauptver- bindung unter den verschiedenen Gewerkschaften,— keinen Eintrag zu thun. Sofort nach dem Erfurter Kongreß, werden weitere Schritte unsererscitts erfolgen, um dessen Beschlüsse zur Durchführung zu bringen nnd Jdie eigenen Angelegenheiten darnach zu regeln. Die säutmtllche» Bevollmächtigten sind dringend aufgefordert, bis spätestens nach Sem Erfurter Kongreft ihre genauen Addressen, die Stationen zur Zahlung des Wandergeldes, Zahl der steuernden Genossen und rückständige Rechnungsabschlüsse unverzögert einzusenden, sonst ist keine Ordnung möglich. Säumige werden unter Angabe der Dauer ihrer Sänmigkeit im Organ genannt werden. Entbehrliche Bücher und Karten bitten wir an uns franco ein- zusenden, damit wir reine Materialverschwendung nöthig haben. Sektionen, welche die besonderen Mittel erschwingen können, mögen De legirte mit Vollmacht nach Erfurt senden. Die Vorortsverwaltung, Motteler, z. Z. l. Bors. Internationale Gewerksgenoffenschaft der Tchnh- macher u. verwandten Gewerke. Leipzig. Trotzdem wir seit Kurzem in lebhaftem Briefwechsel mit dem Verwaltungsrath gestanden haben, waren fast alle Arn warten von demselben— wenn überhaupt solche kamen— ungenügend, oder unverständlich, so daß wir uns genöthigt sehen, hiermit den Verwaltungsrath zu ersuchen, uns Folgendes zu beantworten: Einige Wochen vor Pfingsten wurde von der Mitgliedschaft Leipzig der Antrag gestellt, keinen selbstständigen Congreß einzuberufen. sondern mit dem Allgemeinen Gewerkschaftskongreß in Erfurt zu tagen, dahin ein Mitglied des AufsichtSraths zu schicken und dasselbe aus der Hauptkasse zu entschädigen. Gleichzeitig mit diesem Äntrag wurde dem VerwaltungSrath die Wahl eines zweiten Bevollmächtigte» angezeigt; noch früher, gleich nach Ostern, wurde Geld an die Hauptkasse geschickt, welches uns wohl brieflich als erhalten angezeigt, aber trotz unsrer Aussorderung nicht im„Bolksstaat" quittirl winde. Wie geht dies zu, daß, weder der Antrag von Leipzig unS brieflich beantwottet,»och Bevollmächtigter und Geldquittung öffentlich im„Bolksstaat" bekannt gemacht war- den sind? Weiter sind uns um selbige Zeit zwei Briese als unbestellbar von Nürnberg zurück gekommen; wir wußten nicht, was davon zudenken ist, bis sich herausstellte, daß der Vorsitzende deS Verwaltungiralhs abgereist war; die Neuwahl und Bekanntmachung mußte sofort ge- schehen; wacum erst nach so viel Tagen oder Wochen? Dadurch wurde Zeit und Geld verschwendet. Weiter ist cS uns auffällig, daß wir unsere Briese nicht vom Vorsitzenden beantwortet erhalten; eS ist sogar schon vorgekommen, daß wir einen Brief alS vom Verwaltungsrattz ausgehend mit einer Unlerschrist erhielten, deren Träger wir nicht in der Verwaltung finden; wenn er auch vielleicht seit Kurzem gewählt ist, so ist sein Name doch jedenfalls nicht bekannt gemacht worden. An den Vor- sitzenden sind alle Geschäsisbriese zu adressiren und ist es Pflicht desselben, diese wieder selbst zu beantworten. Weiter hat unS der Verwaltungsrath die Frage der Stuttgarter Mitgliedschaft noch nicht beantwortet. Gleichzeitig fragen wir an, da sich vor einiger Zeit, wie uns brieflich und im„Bolksstaat" angezeigt wurde, Gcnosseiiichaslen in Celle und Würzburg gegründet, wie die Adressen der Beamten daselbü lauten? Sind überhaupt keine Ver- änderungen in der Beamten liste vorgegangen, oder ist kein Geld ein- geschickt worden? Im„VolkSstaat" haben wir nichts gesunden. Weiter sragen wir Euch, ob Ihr unfern Kollegen in Mainz die gewünschte Gefälligkeit erzeugt habt in Betreff der Adressen, und wie es zuge- gangen ist mit der Nichtbeantwortung der Dresdner Briefe? Weiler richten wir an Euch eine Frage in Betreff der Agitation, die Ihr schon im vorigen Jahr betrieben habt und für die Ihr jetzt wieder die der Haupikasse zukommende» Gelder verwenden wolltet? Der Vorort, damals Leipzig, gewährte dies, verlangte aber Be richt über den Stand der in der Umgebung vorgenommenen Agitation; leider ist un« bis heute Nichts zugegangen und wir möchlen iermit, wenn möglich und eS angebracht ist, auf dem bevor- ehenden Congreß den Antrag stellen, daß, wen» Mitgliedschaften um Erlaubmß wegen Zurückbehaltting der Steuern bitten, um dieselben zur Agitation zu verwenden, auch Abrechnung über Verwendung derselben erfolgen muß. Endlich haben wir an Euch die Frage gestellt, wie es mit der Hauptlasse steht hinsichtlich Bestreiwng der Kosten nach Erfurt, und zugleich den Vorschlag unterbreitet, mit den sich jetzt in Bewegung setzenden Lederarbeitern z. B. Sattlern u. s. w. in brieflichen Verkehr zu treten und an dieselben Anfrage wegen Anschlltß zu richten. Da wir alles Vorstehende schon vor einiger Zeit dem Vorort mit- getheilt haben, jedoch keine gründliche Antwort erfolgt ist: so verlangen wir von demselben so bald als möglich genügenden brieflichen Be scheid, um die nölhigen Vorkehrungen in Betreff d s EongresseS zu treffen. Möge der VerwaltungSrath, der zu zahlreicher Betheittgung auffordert, Sorge tragen, daß der Antrag der Leipziger Mitgliedschaft in Ausführung lomnie. Der Aufsichtsrath: A. Schäfer. M. H-rtzsch. Ä. Müller. DreSde«. Der Schuhmacher-Strike dauert fort Zuzug ist fern zu halten.. �..... Alle Geldsendungen sind zu adressiren: Heinrich Zilger, Dresden, Palmstraße Nr. 29, pariere. Das Komitee der strikenden Schuhmacher, H. Zilger. Stuttgart, 3. Juni. Anfrage. Der in Nr. 42 des„Bolksstaat� ergangene Aufruf an verschiedene Gewerkschaften der Schuhmacher. darunter auch an die in Stuttgart, veranlaßt uns, dem Vorort der Internationalen Gewerksgenoffenschaft der Schuhmacher in Nürnberg- Fürth Folgendes zur Notiz zu geben: � Es wurde von uns vor kurzer Zeit ein schreiben an dem Vor- ort unter der Adresse:„Herrn Költsch, abzugeben: gr. Baum beim weißen Thurm in Nürnberg" abgesandt, in welchem>vir unsern Bei- tritt zur Gewerkschaft erklärten. Da wir aber auf dieses Schreiben keine Antwort erhielten, haben wir ein zweites in demselben Sinne nd unter gleicher Adresse abgesandt, ohne aber bis jetzt eine Ant- worr erhalten zu haben. In Folge dessen mußten wir natürlich unsre briefliche Correspondenz einstellen, indem wir ja nicht wußten, ob .diese Briese überhaupt nicht angekommen, oder ob sie unbeachtet ge- lassen und in den Pavierkorb gewandert sind. Wir konnten deshalb auch keine besondern Vorkehrungen treffen zu dem bevorstehendeu Kon- greß, obgleich wir sehr jür denselben eingenommen sind und Alles aufgeboten hätten, unsre Genoffenschaft, wie auch das Interesse des Ganzen nach besten Kräften zu vertreten. Wir bitten daher aus diesem Wege den Borort, obengenannte Verhältnisse zu prüfen, und uns nähere Auskunft auch über den be- vorstehenden Kongreß ertheilen zu wollen, damit wir, wenn es die Zeit noch erlaubt, die nöthigcn Vorkehrungen treffen können. Schriftjührer Schick, Rothestr. Nr. 29. Tobel», 26. Mai. Vereins- und Bersammlungsverbot Am 23. Mai meldete ich bei dem hiesigen Polizeiamte eine öffentliche Mitgliederversammlung der' sozial-demokratischen Arbeiterpartei an, weil wir keine Volksversammlung abhalten dürfen, bekam aber den Bescheid,„die öffentliche Ruhe, Ord- nung und Sicherheit könne gestört werden, daher wird die Ver sammlung verboten." Taraufhin betrachtete ich unsere Partei für aufgelöst(!!!) und schickte an die Mitglieder ein Zirkular, worin ich sie davon benachrichtigte und aufforderte, dem sozial-demokratischen Arbeiterverein beizutreten und sich in diesem Zirkular zu unterzeich- neu,— was auch geschah. Dann schickte ich ein anderes Zirkular herum mit den Namen, welche gezeichnet hatten, und sagte darin, daß sich die Mitglieder einen provisorischen Vorstand wählen sollten; es ergab sich darauf jolgendes Resultat: Wolke, erster Vorstand, Dittrich, zweiter Vorstand, Müller, Schriftführer, Hermsdorf und Martin, Revisoren, Kürschner, Kassirec. In der Anmeldung bezeichnete ich den Berein als einen Lokal- verein, welcher seine Sitzungen allwöchentlich Montags aus der Muldenterrasse abhalte, und reichte nebenbei noch zwei Exemplare Statu ten mit ein, woraus ich einen Bescheid bekam, welchen ich hier beigelegt habe (siehe weiter unten) und wovon ich unsere sächsischen Lokalblätter ganz besonders Notiz zu nehmen bitte; denn so etwas ist gewiß in Sachsen noch nicht dagewesen. � Heinrich Wolke, Ter obgedachte„Bescheid" lautet: . An Herrn Cigarrenarbeiter Heinrich Wolke hier! „Auf Ihre Anzeige vom 27. d. M., die Gründung eines„Lokal- vcrcms" unter dem Namen„sozial-demokratischer Arbeiterverein" be- treffend, werden Sie andurch aus Grund von§ 20 des Gesetzes, das Vereins- und Versammlungsrecht betreffend, vom 22. November 18S0, beschieden, daß das Bestehen des gedachten(.Vereins nicht gestattet werden kann und derselbe hiermit ausgelöst wird, und zwar aus nachstehenden Gründen: Die nur angezogene Gesetzesstellc verbietet unter Anderem auch Vereine, in deren Zwecke es liegt, zu Gesetzübertretungen oder unsitt lichen Handlungen geneigt zu machen. Nun bezeichnet zwar§ 1 der eingereichten Statuten nach seinem Wortlaute als Vereinszweck nur die Förderung der Würde und das materielle Interesse seiner Mitglieder wie der gesammten Arbeiter- Nasse, allein schon die Bezeichnung als„sozial-dcmvkratischer" Ardeiterverein weist sattsani nach, daß es bei dem Vereine um eine Vertretung und Agitation der Sozialdemokraten sich handelt, deren Tendenzen und grundsätzliche Bestrebungen lediglich auf eine zu Gunsten der Arbeiterklasse, nach Befinden selbst durch Gewalt oder sonstige gesetzwidrige Mittel herbeizuführende Umstürzung der bestehen- den Staatsverhältnisse gerichtet und nicht nur durch die Beröffent- lichungen der gedachten Partei im Allgemeinen, sondern namentlich auch durch die vor Kurzem gegen Bebel und Liebknecht zu Leipzig geführten Schwurgerichtsverhandlungen unzweifelhaft nachgewiesen sind. Hierzu kommt für Döbeln noch der Um- stand, daß alle von den beiden Vorstehern des fraglichen Vereins zeither in Döbeln für die sozialdemokratische Partei veranstalteten öffentlichen Arbeiterversammlungen ohne Ausnahme und so entschieden von dem Charakter der Ausreizung gegen die bestehenden staatlichen Einrichtungen durchdrungen waren, daß eine dringende Gefahr für die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit aus Anlaß von ander- weit Seitens der sozialdemokratischen Partei hiesigen Orts einzuberu- fender Versammlungen zu befürchten war und daher die Abhaltung einer solchen Versammlung nicht mehr gestattet werden konnte. Im Ucbrigen erscheint aber auch das Bestehen des angezeigten sozialdemokratischen Vereins in, Hinblick auf§ 24 des angezogenen Gesetzes vom 22. November 1850, verbunden mit§ 6 der AuSfüh- rungsvcrordnung vom 23. November 1850 deshalb unzulässig, weil die Vorsteher dieses Vereins in ihrer Anzeige vom 27. d. M. diesen selbst als hiesigen Lokalverein bezeichnen, ohne zugleich den Nach weis beigebracht zu haben, daß dieser Lokalverein aus Grund des einem entsprechenden Hauptvereine zustehenden Rechtes der Körper schast gebildet worden ist. Döbeln, den 29. Mai 1872. Die Stadtpolizeibehörde. Thiele, Bürgermeister." Es ist gegen diesen ungeheuerlichen Bescheid Rekurs erhoben worden. Effr», 4. Juni. Wir werden nächstens hier in Essen einen zwei- ten Waldenburger Strike elleben, jedoch in vergrößerter Auf- läge. Di« Bergleute Essensund der Umgegend haben sich vereinigt, um ihre Lage zu verbessern, und eine Petition entworfen; dieselbe lst gestern, den 3. Juni, sämmtlichen Grudeuvorfiänden unterbreitet wor- den. Darin verlangen die Bergleute 1) 2b Prozent Lohnerhöhung, 2) achtstündig: Schicht, 3) die Brandtohlen, die die Bergleute zu ihrem eigenen Bedarf nolhig haben, für den Preis von 2'/, Sgr. den Sä�fstl.— Die Bedenkzeit der Grubeuvorstände dauert bis zum 15. Juni, wenn bis dahin unsere Forderungen nicht bewilligt sind, so wird die Einstellung der Arbeit erfolgen. Bis zum 2. Juni hatten sich 20 Zechen, welche zusammen ungefähr 15,000 Bergleute umsasjen, dem Verbände angeschlossen und immer melden sich noch mehr Zechen an. Am vorigen Sonntag war hier in Effen große Ver sammlung der Bergleute, welche ungeheuer besucht war. Darüber hier ein Bericht der national- liberalen„Essener Zeitung": „Essen, 3. Juni. Die gestern Morgen im Städtischen Garten hierselbu abgehaltene Versammlung von Bergleuten war so außerordentlich stark besucht, daß wir der Ansicht sein dürfen, das Lokal habe noch niemals eine gleich große Menschenmenge(circa 5—6000) in sich gesaßt. Zu Vorsitzenden der Versammlung wurden die Vor- sitzende» des durch Delegirte der verschiedenen Zechen gebildeten Ko- mitecs gewählt und muß speziell dem Leiter der Versammlung für sein ruhiges und objeltives Verfahren Anerkennung gezollt werden. Um halb 11 Uhr ipuue die Versammlung eröffnet und nachdem einige Redner über die Lage der Bergleute, die niedrigen Löhne, Steigung aller Lebensbedürfnisse, Slrasversahren mancher Brubenverwaltungen bei verschiedenen Vorkommnisjen(wie Vorfinden einzelner Steine in den Kohlen, zu spätes Erfcheinen zur Schicht um wenige Minuten sc.) gesprochen, wurden von der Versammlung einhellig folgende Forde- rungen angenommen: 1) Erhöhung der Gedinge(Löhne) bei Kohlen- und Steinarbkit um 25 Prozent; Annahme eines Normalschichtlohnes von 1 Thlr. 10<£>gr. bei Ar bei en, wo sich kein anderes Gedinge ver- einbaren läßt, wie bei nasfer Arbeit, Welter-c. 2) Festsetzung der Ar- beitszeit aus 8 Stunden per Schicht, einschließlich des Ein- und Aus- sahrens. 3) Wegfall d«S Belladens(Auffülleiis der Wagen). 4. Lie- serung der Brandkohlen, w,e sie zu Tage gefördert werden, zum Preise von 2'/, Sgr. pro«cheffel. Diese Bedingungen sollen heute den Gru- benverwaltungen der fämmtlichen 20 Zechen, deren Bergleute sich zu diesem Vorgehen vereinigt haben, schriftlich zugestellt werden, und wer- den die Verwaltungen weiter aufgesorderi, sich ebenfalls zu vereinigen und aus ihrer Milte ein Komitee zu wählen, mit dem das Komite der Bergleute verhandeln will. Der Entscheid der Zechenverwaltungen muß bis zum 15. Juni d. I. getroffen sein. Nachdem diese Forde- rungen angenommen, wurce noch von mehreren Rednern sortgesahren, über die Gegenstände der TageSordunng resp. die Forderungen:c. zu sprechen und wurde von sämmtlichen Rednern auss Eindringlichste er- mahnt, zusammen zu halten und einig zu sein und vor Allem die Delegirten in ihrem Vorgehen dadurch zu unter ftützen, daß die sämmt- lichen Belegschaften wie ein Mann hinter denselben ständen, wo jenen etwa Maßregelungen-c. zu Theil werden sollten.„Alle für Einen, l.iuer für ÄUc" und„Einigkeit macht stark" war der inhattliche Kern mancher Ansprache, unter denen etliche durch Zitate, wie:„Alle Räder ___ stehen still, wenn unser starker Arm es will", den eventuell als äußer- steS Mittel einzuschlagenden Weg genügsam kennzeichneten. Weiter wurde zum Beschluß erhoben, daß das z. Z. bestehende Komitee auch dann fortfahren soll, die Interessen der Bergleute wahrzunehmen, wenn die jetzt aufgestellten Forderungen Seitens der Zechen, von denen man sich nicht mit Versprechungen will abfertigen lassen, angenommen wer- den sollten, um für die Folg« auch die Durchführung der bewilligten Forderungen zu überwachen. Mehrere Redner besprachen noch das Verfahren einzelner Zechenverwaltungeu, gedachten der durch die Zei- tungen gebrachten Durchschnittslöhne, unter Hinweisung auf mögliche Einrechnungen von Beamtengehältern darin, Außerachtlassen der Pul- verabzüge-c. Die Versammlung schloß gegen 1 Uhr und kamen wegen vorgerückter Zeit eine große Anzahl von Rednern, die nur Bergleute sein durften, nicht mehr ziem Wort. Weiteres bleibt nunmehr abzu- warten. Von allen Rednern wurde hervorgehoben, daß nur aus ge- setzlichem Wege eine Durchsührung der Forderungen erzielt werden soll. Die Versammlung verlief sehr ruhig." Ferner berichtet dasselbe Blatt: „Im Jnseralenlheiie der Nr. 120 d. Ztg. waren sämmtliche Berg- leute der Zechen Anna und Karl ln Altesjen zu einer Versammlung behuss Besprechung der Lage der Bergleute eingeladen. Nach Eröjs- nung der Versammlung ergriss ein Bergmann von Zeche Gustav das Wort, worauf der anwesende Polueikommissar von Altessen„kraft seines Amtes" die Bersammlnng auslöste, weil Redner nicht Bergmann der eingeladenen Zechen Anna und Karl sei. Den Bergleuten schien dieser Grund rnchl stichhaltig, weßhalb sie ruhig weitertagten, ohne daran auch Seitens des Polizeilommts- sars gehindert zu werde». Sehr erfreulich ist es, daß die Bergleute sich durchaus ruhig verhielten, obschon sie die Maßregel des Herrn Polizeikommissars allgemein für einen Akt der Willkür ansahen. Mögen sie ihre Verjammlun- gen auch serner von den agitatorischen Elementen rein(?) halten und mit aller Ruhe und mit»llem Anstände ihre Wünsche gehörigen Ories zur Geltung bringen: sie werden alsdann gewiß(?) gerechte Berück- sichtigung finden! Zu gleicher Zeit fand eine Versammlung von Bergleuten in Rott bei Steele statt, in welcher vier Zechen verrreien waren. Es wurde beschlossen, sich dem Essener Komitee anzuschließen und je drei Depu- tirte gewählt, welche die betressenden Zechen vertreten sollen." Würzburg. Abrechnung über den Schneiderstrike vom 3. April bis zum 17. desselben Monats: Es war uns leider unmöglich, einen Bericht früher einsenden zu lönnen, da wir mit Arbeit zu sehr überhäuft waren. Einnahme: Für Darlehen-Scheine, welche wir 5 Stück 30 kr. für unfern Strike ausgegeben haben 249 st. Für Anlehen III fl. 45 kr. An freiwilligen Beurägen, Geschenken und durch Sammlungen 64 fl. 1 kr. An Unterstützungen von auswärts 112 fl. 8 kr. Summa 536 fl. 54 kr. Ausgaben: Für Unterstützung der strikenden Arbeiter 493 fl. 33 kr. Für außerordentliche Ausgaben 38 fl. 21 kr. Summa 536 fl. 54 kr. Schuldenverzeichuiß: Es gehen ab von der Einnahme von 536 fl. 54 kr.: Als Geschenk von Würzburg und Unterstützung von außen 171 fl. 3 kr. Bleibt somit ein SVuldenbestaud von 365 fl. 51 kr. Dazu kommen noch für Rechnung an Inserate», Plakaten, Druck von Tarisen und Darlehenscheinen u. s. w. 27 fl. 48 kr. Summa 393 fl. 39 kr. Wilhelm Kreußler, Schristf. Chliitge». Berichtigung undNachtr ag. Inder Abrechnung über denStrike der Tuch mach er(„Bolksstaat" 43) wurde ein Bei- lrag einer Stuttgarter Volksversammlung von 12 fl. 42 kr. irrthüm- lich nicht angegeben, aber in der ganzen Summe verrechnet. Da nach der Abrechnung noch Beiträge cingclauicn sind, so sei bemerkt, daß gegenwärtig die ganze Summe mit Einschluß des Vorschusses der Hauplkasse Crimmitschau 617 fl. 21 kr. beträgt. An Unterstützung und sonstigen Ausgaben wurde ausbezahlt 606 fl. 29 kr. Ueberfchuß 10 fl. 52 kr. Der Ueberfchuß wurde für die stlikenden Tuchmacher nach Lambrecht abgesandt. A. Knourek. Altona. Hier ist noch immer Arbeitseinstellung, und zwar in höchst eigenihllmlicher Art. Zwar sind kein- strikenden Gesellen mehr zn unler- stutzen, aber die strikenden Meister suchen zur Unterstützung Gesellen aus Dänemark und Schweden heranzuziehen, und verschmähen auch nicht, deutsche Kneckile auf ihr Gesinde-Vermieihungs-Büreau zu locke». Wir ersuchen deshalb alle GewerkS- nnd Parteigenossen, den Zu- zug abzuhalten. Unser Verkehr ist Tischlerherberge, Norderstr. 35 bei Gastwirth Ebler. � Das Komitee d er Altonaer Tischlergesellen. Mülseu St. Niklas, den 14. Mai. Das Stift ungsfe st bei Arbeitervereint zu Mülsen St. Niklas war ein Tag der Wiedergeburt sär die hiesige Sozial-Demokratie, und wird aus lange Zeit ein Tag der Erinnerung für die ganze Umgegend sei». Mehrere hunderte von Menschen, die der Saal nicht aufzunehmen vermochte, tonn- ten an der Festseier, welche gestern ßiachmistag 4 Uhr begann und bis zum andern Morgen dauerte, nicht Theil nehmen. Ervssnet wurde der rednerische Theil von Herrn Engelhard aus Zwickau, der daran erinnerte, wie schändlich die Gegner bei der letzten Wahlagitation gegen unseren Kandidalen Liebknecht gehandelt; ihm schloß sich Herr Do hau er, ebenfalls aus Zwickau, an, der seine An- ficht über Hochverrath und Hochverrathsprozeß aussprach und u. A. äußerte, daß wohl mancher der Anwesenden nur aus Neugier da sei, um den Landes- und Hochverräther zu sehn und zu hören; daß es aber gelte, ernst sich zu belehren und ernst zu streben. Dann ergriff das Won Herr Liedknecht, der zunächst an die Worte der deiden Vor- redner anknüpft«...... Von der letzten Wahl redend, erwähnterer de« berüchtigten Flug> blatts, da» ihm weiland im Gesängniß viel Spaß gemacht habe. Nun, die Gegner hätten eben gethan, was ihre Fähigkeilen ihnen zu thun möglich gemacht. Sonderbar sei der Haß, den Predihec des Christen� thums und Schiillchrer gegen die Sozialdemokraten hegten. Es sei schändliche Heuchelei, wenn der Priester die Religion der Liebe von der Kanzel predigien, daß der Krieg eine heilige Sache sei, und die Volker zur wildesten Mordlust anzustacheln»e:suchleii. Ganz unbegreiflich aber sei e«, wie Lehrer einem Zustand zujauchzen lönnten, der die Volts schul« desjradirl habe, und Kasernen stalt Schulen aufrichte, und die Unwersttäten(Siehe Berlin) versallen ließe. Herr Liebknecht kam dann zur eigentlichen Festrede über die Rechte und Pflichten der Arbeiter. Er beleuchtete darin den Klassen- unterschied des Arbeiter» und Kapitalisten, die Armseligkeil des Arbei- ter�, die mangelhaste Wohnung, die schlechte Erziehung der Kinder und legte ein- Statistck der.Todrtsäll« vor, zwischen Armurh und Reichthuin, zeigte) den ttaurigcn Stand unserer Volksschulen, und wies das Recht des Arbeiters aus Bildung. Freiheit, und den Erlrag seiner Arbeit nach. Er entwickelte dann, wie der sozial-demolratische Arbeiter den Grund- sätzen der Sozialdemokratie gemäß leben, für sie wirken und kämpfen müsse. Die oberste Pflicht des Arbeiters sei, für seine Rechte zu ringen und, wenn es sein müsse, für die heilige Sache ür den Tod zu gehen. Erst im freien Volksstaat können die Arbeiter Menschen sein. Schließlich prach Herr Liebknecht über Kommumsmus und zeigte, wo die„Theiler" zu suchen find. Nach dcr Festrede kamen deklamatorische und Gesanflsoortrage, wobei Herr Liebt,>echt eine kleine Fabel erzählte von einer Mücke, welche ich, um den rollenden Wagen auizuhaltcn, auf«in Rad setzte, da dies aber nicht gelang, erbärmlich zcrquelfcht wurde. Die gesellige Heiterkeit dauerte bis spät-in die Nacht hinein. Unseren Freunden und Parteigenossen von nah und fern unser» herzlichsten Dank für die Unterstützung und Theilnahme! Berlin. Zur Harmo nietheor ie. Mar Hirsch schreibt in der neuesten Nummer des„Gewerlvereins", nachdem er vorher die an- geblichen Errungenschaften der„Eiaigungsämler" gepriesen: „Zu beklagen ist freilich um so mehr, daß gerade in solcher Zeit mehrere Strike s in unserer Organisation ausgebrochen sind. Aus Da nzig kommt die unerfreuliche Kunde, daß die dorttaen Tischler, soweit sie bei Tischlermeistern arbeiten, am 1. Juni die Arbeit einstellen werden. Wenn aber hierdurch bei den Arbcügebern, welche sich schon von der prinzipiellen Abneigung der Geiverk- und OrtSvereiue gegen die Strikei überführt harre», � ein rfttgegengejetzler Eindruck entstehen sollte, so wäre dies ein großer Jrrrhum. Möge Jeder die wahrheitSgelreuen Berichte über die Vorgänge vor Ausbruch des Danzig er, wie des Posener Tischler-Strikes lesen, so wird er zugestehen müssen, daß.die Arbeiter Alles aufgeboten haben, um ihre Existenz ohne Strike zu sichern, daß sie aber durch die Mehrzahl der Arbeitgeber(in Danzig sogar nur die eigentlichen JnnungS- meister) förmlich mit Hohn in den Sttike hineingetrieben wurden. Das ändert denn doch die Sache gewaltig. Einen Krieg der Roth- wehr hat noch kein Vemünftiger verdammt!" Jüngst wurde gar ein nach einer kleinen Stadt gesandter Hirsch'- scher Agitator von den Fabrikanten als„Sozialdemokrat" niedergeheult, als er in seiner Rede zur Bildung von Gewerkvereinen aufforderte. „Ob Bebel oderHirsch, ob Liebknechr oder Schweitzer— daS ist ganz egal! sie reizen alle ans." Etwas Wahres liegt darin, nämlich die Erkenntniß, daß die Anhänger Hirsch's schließlich nicht auf halbem Wege stehen bleiben können, sondern Sozialdemokraten werden müsseu. Braunschwelg. Diehiesigen Äupferschmiedegeselleir, welche vor einiger Zeit behufs Erreichung de« lOstündigen Nvrmal-Arbeits- tages einen Strike machten, sind aus dem Kampfe siegreich her- vorgegangen. Nur 7 Mann, welche in der Zuckerraffinerie beschästigt sind und sich weigerten, den Sttite mitzumachen, haben auch ferner- bin noch das Vergnügen, für den gleichen Lohn täglich eine Stund« länger zu arbeiten, als ihre Kollegen. Täglich eine Stunde mehr Arbeit, macht im Monat 3 und im Jahre 36 Tage, wofür die fort- schrittsfeindlichen Gesellen keinen rothen Heller bekommen. Leipzig. Folgenden Witz des„Neuen Sozialdemokrat" dürfen wir unseren Mainz er Parteigenossen nicht vorenchalten. Der„Neue" schreibt re daktionell: „Wir machen unseren Parteizeuossen die erfreuliche Mittheilung, daß in Mainz, wie uns Hnr«chroth benachrichtigt, gegen 200 Arbeiter dem Allg. deutsch. Arb.-Verein beigetreteu sind. DieS ist allerdings ein sehr gutes Zeichen, daß gerade in jener Stadt, wo mau soviel gegen unseren Verein gehetzt hat, sich derselbe und zwar ohne besonders starke Agitation dermaßen ausdehnt." Die 200 Mainzer gehören jedenfalls zu der Million, welche der„Neue" vor einigen Tagen so bescheiden war, dem Allg. deutsch. Arbeilerverein zu anneltiren. Tresdeil. In der Stadtverordnetcusitzung vom Mai c. wurde dcr tägliche Lohn der Gaslaternenwärter von 11 auf 13 Ngr., und der Petroleumlaternenwärter von 13 auf 15 Ngr. allergnädigst erhöht.____ Quittung. Durch Herrn Rudolph Jacabi, sen. 29 Thlr. l Neunundzwanzig) erhalten zu haben, sowie durch Herrn Metzger 1 Mark 3 Schilling und der Ertrag im Club„Lustige Brüder" 4 Mark t Schilling be- scheiuigt dankend Hamburg-Altona, den 26. Mai 1872. Das Comitee der Former. J. A.: Küsters. Berichtigung. Unter den Annoncen-Restanten für III Döbeln mit 5 Gr. irrthümlich aufgeführt. __ Die Erpeditio« des» und IV Quart. 1871 ist Bolksstaat". Für die Juhaftirten. 2 Thlr von L. C. Tic«xped. Brieslafte» der Expedition: Wolke, Döbeln s. Annonce 5 Ngr. Elena E. Stutt- gart: Ihr Abon». für Juni beträgt 8 Sgr; Naumann, Neundorf; Rechnen Sie 26 einzelne Nummern gleich einem QuartalSabonne- ment. Herpser, Fürth f. Schrft. 4 Thlr. erh.; Born, Eberfeld f. Schriften 10 Ngr. erh.; Müller Colp s. Abonn. 16 Thlr. f. Schrft. 15 Thlr. erh.; Z-b'sche Bnchhdlg., Nürnberg, f. Annonce 8 Ngr. erh. G. inEupen f. Abon,,. 9 Ngr. erh. E. K. Osserrbach: Die Adresse des Soz.-Demkr. ist: Gitschinerstr. 17. Berlin. der Redaktion: Zilger, Dresden: Absender dcr 2 Thaler heißt Dorner, Gewandgäßchen Ib. 3 Tr.— Essin: Es kann Ihnen nichts geschehen.— des Ausschusses: W. B. Setzen Sie sich mit Ludwig Scholl, bei Wim. Lutz, St. GeorgZsteige in Verbindung, und handeln Sie wie es nach lokalen Verhällirissen thunlich, in anderer Beziehung wünschenswerth und nothwendig ist. der Verwaltungskommission: Dr. M. inBerlin und Schm. in Göppingen: Beschw.-rdeir sind der Erpedition zu sofortiger Abhülfe überwiesen.____________ Arbeitsmarkt. Gesucht: Ein zuverlässiger tüchiigeriSch reiner findet bei hohem Lohn dauernde Beschäftigung. Zu erfragen bei I. Zann Warfen- hausstr. 6 in Cassel._ Für Loadon. Arbeiter bildiings-V erein. Deutsche Sektion der Znternationalen Arbeiter-Afsoziattoa. Unser Lokal befindet sich jetzt: Nr. 5 Pollen Street, Hannover Str.Hannover Square W. C. E« finden abwechselnd Borträge über soziale und politische Fragen statt.— Im Namen des Vereins der Sekretär: A. Caulaincourt. Für New- York. Sektion I der luternutionalen ArbeiteraHOOciatlOD (Allgemeiner deutscher Arbeiterverein) zu Newvork versammelt sich jede» Sonntag Abends 8 Uhr im 10. Vteru-Dotel, conrer(Ecke) of Broorne& Foreyth-Street. Für Hambarg. Sozial-demokratischer Arbeiterverein. Versammlung am Montag, 10. Juni, Abends 9 Uhr in Eder- hahn's Clublokal, Zeughausmarkt 31. Tagesordnung: Vereinsangelegenheiten. Die Mitgliedskarten sind vorzuzeigen. August Seid. Franlfart a. M. Die Parteigenossen versamineln sich jeden Samstag Abends 9 Uhr im„Gasthaus zur istadt Kreuznach", Dvminikanergaffe Nr. 10. HB. Im Gastzimmer liegt der„VollSstaat" ans. Für Leipzig. blcwerkschast der Holzarbeiter. Die SectionS-Versammlung der Tischler und Piauosortearbeiic: findet Montag den 10. Juni in Götzes Lokal, Nikolaistr. statt. Aufnahme neuer Mitglieder. D. V. Für Leipzig.. Internationale Mctallarbeiterschaft. Mitgliederversammlung, Moniag den 10. Juni Abend« 8 Uhr in der Restauration zur Milchiusel. Marienstraße Nr. 9, T agesordnung: Rechenschaftsbericht und Fortsetzung der Debatte. Aufnahm« n e uer Mitgli eder. D e r B o r st a n d. Für Reichenbach i/V. Arbeiter-Riarsch iu's Elsterthal nächsten Sonntag, früh 5 Uhr, wozu die Nachbarorte hiermit geladen werden. Zusammenttessen im sog. Lochhause gegm Mittag. Bei un- günstiger Wilterung 8 Tage später. � Einladung. Sonntag den 16. Juni Nachmittag 2'/, Uhr findet in Luga» das Stiftungsfest und die Einweihung eine« neuen Turnplatzes statt, wozu wir alle Freunde und Parteigenossen, sowie Arbeiter und Turnvereine einladen. Der Turnplatz befindet sich in Müllers Restauration irr der Nähe deL Schlägelscheu Gasthofs. Auf zahlreiche Betheiligung hofft Ter sozial-demokratische Duruervereia zu Luga». Im Auftrag: G. Krause, II. Borsteher. Leipzig: Berantw. Redakteur A. Muth; Redaktion u. Expedition� Hohestr. 4; Druck u. Verlag o. F. T h iel«.