Nr. 97. Abonnemkitts- Zedwgiingen: Vbonnemsniz-PretZ pränumerando! vierteljährig 3,30 Mt.. monatl. l.ioMk.. wöchentlich 2S Pfg. frei in» Hau«. Simelne Nummer S Pfg. Sonntag«, Nummer mit illustrierter Sonntag«, Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Singetragen tn der Post-Zeitung«, Preigltste für isoo unter Str. 7871. Unter«reuzban» für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrig« Autland S Marl pro Monat. Erscheint tiigltch autzer»ontag«. 17. Jahrs'. Verltner VolKsblstk. Die Inftrtlons- Gebühr. deträgt für dle fechSgefpallene Kolonel-z ieile oder deren Raum«0 Pfg., für" politische und gewerlschastliche Verein?- i und Bersammlung«- Anzeigen 20 Pfg.l „Kleine Kilieigeu" jede« Wort 5 Pfg.� (nur da« erste Wort fett). Inserate für! die nächste Nummer müssen bi« t Uhr nachmittag» tn derSxpeditlon abgegebe.r werden. Die Expedition ist an Wochen-' tagen bi« 7 Uhr abend», an Tonn- und Festlagen dt» S Uhr vormittag» geöfsnet. Fernsprecher:»mt I, Dr. 150S. Telegramm- Adresse: „Sorialdemokrai Berlin« Centrawrgan der socialdemokratisthen Partei Deutschlands. Redaklion: SW. 19, Veuttz-Strichr 2. Ein kleines Zuchthausgesetz. mit voi« Die gestern von uns erwähnte Polizeiverordnung des L n b e ck e Senats beleuchtet grell die unhaltbaren Zustände der Verfassung und Gesetzgebung im Deutschen Reich. Man vergegenwärtige sich die ReichSrcgierung bringt im Znchthaus-Gesetzcntwurf unter andcrni den Vorschlag,„die planmähigc Ueberwachung" von Arbeitsstätten uslv. unter Strafe zu stellen, wenn sie Verabredungen dienen solle, die eine Einwirkung auf Arbeits- oder Lohnvcrhältnisse bezwecken Keine andre Bestimmung des Zuchthausgesetzes erregt so allgemeinen entriisteten Widerspruch wie diese. Eine überwältigende Mehrheit des Reichstags lehnt das ganze Gesetz in zweiter Lesung ab, ohne es der Ehre einer Kommissionsberatung oder einer fweiteren Debatte zu würdigen. Und gerade fü» Monate nach dieser nicht mibzuverstehcnden Aeußerung des Willens der Nation kann die Polizcivcrivaltung eines Duodezstaats es wagen, im Wege einer simpeln Verordnung das Kraft zil setzen, was im Wege deS ReichSgcsetzcs nicht zu erlangen war. Die Mehrheit des Reichstags, beschäftigt wie sie mit dem agrarisch- marinistischen Handelsgeschäft und dem Aushecken von Bestimmungen zur Knebelung Kunst und Wissenschaft, wird mvglicberweise keine Zeit sinden, auf diese beleidigende Herausforderung gebührend zu antworten. Wir aber müssen sagen: Steckt der Reichstag diese Ohrfeige ei», so hat er sie verdient I Die Polizeiverordnung deS Senats von Lübeck ist Geist vom Geist deS Zuchthausgesetzes, d.h. reine Klasse ngesetzgebung deren Ergebnis sein wird, den Unteniehmern neue Vorteile für ihren Wettkainpf mit den Arbeitern in die Hand zu spielen. Darin steckt zugleich ein Ausnahmegesetz, denn ganz legale Handinngen, die jedem andern gestattet sind, sollen verboten und bestraft tverden, wenn sie im Interesse der organisierten Arbeiter- schaft gethan werden. Die Tragweite der Verordnung ist enorm; sie muß bei der AnSlegungsfähigkeit ihrer schivammigen Begriffsbestimmungen und der AnSlegungslnst der Jnristen zu einer völligen Lahmlegung der Arbeiterschaft bei jedem Streit und jeder Aussperrung führen. Nach der Verordnung sollen bestraft tverden: „Personen, welche planmäßig zum Zweck der Beobachtung oder Beeinflussung der Arbeiter einer Arbeitsstelle oder des Zuzugs von Arbeitern zu einer Arbeitsstelle an einem öffentlichen Ort sich aufhalten." Um mit dem Letzten zu beginnen, so soll zur Strafbarkeit aus- reichen das.Sichaufhalten". Also ist nicht etwa erforderlich daß Menschenansammlungen stattsindcn, die den Verkehr störten, sondern jedem Einzelnen ist der Aufenthalt verboten. Er braucht nicht etwa gedroht zu haben, es braucht nickt einmal die Gefahr einer Drohung oder sonstigen Störung der persönlichen Frei- heit und Sicherheit irgend eines Mensche» vorzuliegen. Die bloße Thatsache des„Aufenthalts" genügt, auch wenn dieser Aufenthalt in der friedlichsten, gesetzlichsten Form geübt wird. Jeder Aufenthalt an„einen: öffentlichen Orte" fällt unter die Verordnung, d, h. sie beschränkt sich nicht ctiva auf Straßen und Plätze, sondern sie verbietet auch den Aufenthalt in Bahnhöfen, Restaurationen und in öffentliche» Vcrsainmlnngs fäle»: Die Strafbarkeit tritt zunächst ei», wenn die Handlung be gangen wird zum Zlveck der„B e o b a ch t u n g". Das heißt:>vcr still und nihig dasteht, kein Glied rührt und den Mund nicht öffnet, sondern bloß die Augen gebraucht, soll bestraft werden. ES soll den Arbeiterorganisationen verboten werden, sich zn unterrichten, ivie r olc und welche Arbeiter in einer Werkstatt beschäftigt sind. Eine sonst jedem Menschen erlaubte Handlung zu einem vom Gesetz aus drücklich erlaubten Zweck soll bestraft werden. Desgleichen soll die„Beeinflussung der Arbeiter einer Arbeitsstelle" unter die Strafandrohung fallen. Nicht etwa ein« gewaltsame, dringende, ungesetzliche, sondern jede Art von Beeinflussung, auch die legalste. Es ist nicht einmal nötig, daß eS eine Beeinflussung zur Teilnahme an Streiks, zmn Wider- stand gegen Aussperningen, zur Teilnahme an der Organisation ist, nein, die Absicht der Becinflusiung macht strafbar, ganz gleich- gültig, wozu die Arbeiter beeinflußt werden sollen. Das ist der krasseste Unternehmerstandpunkt: der Arbeiter gehört mit Leib und Seele dem Arbeitgeber allein. Ihn in irgend einer Weise zu beeinflussen, sei eS in oder außer der Fabrik, steht nur dem „Herrn" zu; wer es sonst versucht, macht sich strafbar. Die Konsequenzen dieser Bestimmung sind so horrend, daß sie bis ins Lächerliche umschlagen. Wer vor einer Fabrik Zettel verteilt, worauf ein„kräftiger MittagStisch" angepriesen wird, müßte nach der Verordnung bestraft werden, denn er„hält sich planmäßig an einem öffentlichen Ort auf zum Zweck der Beeinflussung der Arbeiter einer Arbeitsstelle". Vielleicht dämmert jetzt den Juristen des lübischen Senats auf, zu welchen unsinnigen Konsequenzen eS führt, wenn man in dem Bestreben, ein reaktionäres Kautschuckgesetz zu schaffen, möglichst allgemeine und nichtssagende Ausdrücke wählt. Aber die Verordnung führt zu andren, praktisch viel gefährlicheren Folgen. Es ist durchaus unrichtig, sie nur eine Verordnung gegen Streikposten zu nennen. Diese werden zwar auch davon be- troffen, aber auch jede Flugblattverteilung auf der Straße, jede W e r k st ä t t e n v e r s a m m I u n g in einem öffentlichen Lokal, wodurch die Arbeiter einer Fabrik aufgefordert werden, die Abstellung irgend welcher Uebelstände, Verkürzung der Arbeits- zeit oder dergleichen in die Hand zu nehmen, oder sich der Organisation anzuschließen, werden gefährdet, denn der Zettelverteiler oder der Redner ist strafbar, weil er sich an einem öffentlichen Ort planmäßig aufgehalten hat zum Zweck der Beeilt-{ fluffung der Arbeiter einer Arbeitsstelle. DaS bedeutet eine völlige Lahmlegung der Agitation der Gewerkschaften! Natürlich wird auch hier wieder eingewendet werden, daß die Bestimmung sich nicht einseitig gegen Arbeiter wende, sondern gegen jeden, auck gegen Arbeitgeber. Das ist der Form nach richtig, der Sache nach falsch. Arbeitgeber brauchen, um auf andre Arbeitgeber einzuwirken nicht den Aufenthalt an öffentlichen Orten, sondern sie pressen die Widcrspänstigen in geschlossenen Konventikeln und durch briefliche Androhung geschäftlicher Nachteile. Und ihren Arbeitern gegenüber haben sie es noch bequemer: es genügt ein Anschlag in der Fabrik oder ein Wink mit dem Zaunpfahl durch den Mund des Wcrkfiihrers. Die Arbeiter aber können mit ihren Kollegen nicht anders in Zusammen hang kommen und auf sie einwirken als an öffentlichen Orten. Die einseitige Richtung gegen die Arbeiter liegt also schon in der Ver ordnnng selbst. Im übrigen wird schon die„Handhabung" dafür sorgen, daß die neuen Bestimmungen der Arbeitgeberschaft nicht unbequem werden. Soweit sie auf dem Papier stehen, müßte freilich auch der Arbeitgeber bestraft tverden, der sich auf einem Bahnho oder an einer Rrbcitsvcrmittlnngsstelle aufhält, um Streikbrecher anzuwerben oder abzuholen, denn er verfolgt den Zweck,„denZuzng zu beeinflussen", aber eS glaubt wohl niemand im Ernst an eine solche Verurteilung. Der Unternehmer würde einwenden, daß er nicht dagestanden habe, um auf den Zuzug einznwirkcn, sondern um seine zuziehenden Arbeiter vor anderer Einwirkung zu schützen, und man würde ihm dies glauben. Daß diese Polizeiverordnung vom politischen und juristischen Standpunkt ans aufs höchste zn verdammen ist, das kann nicht zweifelhaft sein, es fragt sich aber auch, ob sie überhaupt gesetzlich zulässig ist. Unsrer Meinung nach ist sie das nicht. Die Polizei darf im allgemeinen Jntereffe allgemeine Be stimmnngen treffen, sotvcit ihr die Gesetze dies Recht einräumen, aber sie darf nicht dieselbe Handlung in einem Fall gestatten, im andren unter. Strafe stellen, sie darf auch nur Handlungen verfolgen, nicht Absichten oder Zwecke, am wenigsten solche, die gesetzlich erlaubt sind. Aber nicht nur gegen diesen allgemeinen Grundsatz der Gesetz gebung verstößt die Verordnung deS Senats zu Lübeck, sondern sie verletzt auch in eklatanter Weise die Neichsgesctze. Sie bestraft den Aufenthalt an öffentlichen Orten. Nach§ 366 Nr. 10 des Strafgesetzbuchs ist strafbar, wer die zur Erhaltung der S i ch e r h e i t, Bequemlichkeit, Reinlichkeit und Ruhe auf den öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder Wasserstraße» erlassenen Polizeiverordnungcu übertritt. Damit hat die Rcichsgesctzgcbung die Regelung der Vorgänge an öffentlichen Orten in ihren Bereich gezogen und nur den Erlaß der einzelnen Anordnungen den Polizeivcrwaltnngcu übertragen, sie hat aber damit auch ausdrücklich ausgesprochen, daß solche Ver- ordnungcn nur erlassen werde» dürfen zur Erhaltung der Sicherheit. Bequemlichkeit. Reinlichkeit und Ruhe, aber nicht zum Schutze der Arbeiter vor irgend welcher„Beeinflussung". Weiter aber als die Reichsgesetzgebung sie ihr übertragen hat, darf die Polizei ihre Ver- ordnnngsbefugnis nicht ausdehnen. Derselbe Verstoß gegen die Zuständigkeit der Reichsgesetzgebung sindet sich noch in andrer Beziehung. Die lübische Verordnung wendet sich wie gesagt gegen die, B e e i n flu f s un g" von Arbeitern. Wie tvcit eine Beeinflussung fremden Willens oder Hau- dclus gestattet ist und wo sie anfängt strafbar zu werden, auch das hat die Gesetzgebung des Reichs im Strafgesetzbuch regeln wollen. Indem das Strafgesetzbuch die Nötigung und Erpressung in den ZZ L10 und 253 mit Strafe bedroht, spricht es zugleich aus, daß jede andre Art von Beeinflussung gesetzlich erlaubt sei» soll. Nur die Reichsgesetzgebung wäre berechtigt, weiter gehende Bestimmungen zu geben, der Landesgesetzgebung und gar der Polizei ist daS durch das Einführungsgesetz zum Strafgesetzbuch ausdrücklich ver- boten. Endlich hat die Reichsgesetzgebung in§ 152 der Gewerbe-Ordnung alle Verbote und Strafbestimmungen gegen die Verabredungen und Vereinigungen der Arbeiter zum Zwecke der Erlangung günstigerer Arbeitsbedingungen aufgehoben, das heißt auch die Schaffung neuer olchcr Bestimmungen auf dem Wege der Landesgesetzgebung unter- agt. Indem die Polizeivcrordnnng die Absicht der„Beeinflussung von Arbeitern" unter Strafe stellt, verletzt sie dies ReichSgcsetz. Eine Beeinflussung zum Zwecke der Erlangung günstigerer Lohn- und Arbeitsbedingungen oder der Teilnahme an Verabredungen, die sie betreffen, darf nur durch Reichsgesetzgebung für strafbar erklärt werden. Vielleicht werden wir die Ausrede zu hören bekommen, die Polizeiverordnung verletze das Reichsrecht auS dem Grunde nickt, weil sie sich nicht auf Verabredungen zum Zweck besserer Arbeits bedingungen beschränke, sondern!j e d e Beeinflussung treffe. Auch dies ist falsch. Nach allgemeinen juristischen Grundsätzen geht eine folche gesetzliche Specialbestimmung tets allgemeinen Bestimmungen. die dieselbe Materie betreffen, vor. Der Z 152 G.-O. ist ein solches Specialgesetz. daS die„Beeinflussung" in Lohn und Arbeitsangelegenheiten für straflos erklärt, soweit nicht im Z 153 G.-O. Ausnahmen festgesetzt find. Dies Specialgesetz müßte für sein Gebiet jede Bestimmung, die Be- einflussungen allgemein verböte, außer Kraft setzen. Der lübische Senat kann auch nicht einwenden, er wolle nicht die Beeinflussung bestrafen, sondern den„Aufenthalt" an öffentlichen Orten. Wenn in allen andren Fällen der Aufenthalt an solchen Orten straffrei bleiben, und er nur dann bestraft tverden soll, wenn er dem Ztvecke der„Beeinflussung von Arbeitern" dient, fo ist das, wogegen sich die Strafandrohung richtet, nicht der„Aufenthalt", sondern die„Beeinflussung". Die lübische Polizeiverordnung ist mit Geist und Wortlaut der Reichsgesetzgebung unvereinbar! Expedition: STW. 19, Venkh-Steasze 3. Die Wasser-Springprozession. Eins zwei drei Kyrielei Für den hl. Vater und für Mar«, Zurück eins zwei! Das Ecntrum führt die deutsche Politik nach dem Muster der. Echternacher Springprozession. Allerdings nicht ohne Abweichung. von jenem Brauch, den die katholischen Bewohner voir Echternach am Pfingst-Dienstag unter Absingmig des Vcrsleins r EinS zwei drei u. s. f. üben. Die Echternachcr machen drei Schritt' vortvärts. um zwei zurückzuspringen. Die Eentrumspartci thutl zwei Schritte vorwärts, um drei zurückzuspringen.! Das Eentruni bemüht sich um den Schein, als ob es die Dinge vorwärts führen wolle. Aber in Wahrheit führt es imnier weiter zurück, imnier tiefer in die Vcrderblichkeiten der Wasserpolitik, in der die deutsche Zukunft ertränkt werden soll. DaS Eentnim hat sich gegen die Abenteuerlichkeiten der Welt- machtpolitik erklärt, doch seine feige Nachgiebigkeit vor dem Flotten- wahn treibt uns mit halsbrecherischer Geschwindigkeit weiter in weltpolitische Entgleisungen. Das Centrum hat Bewahrung des arbeitenden Volks von neuen Steuerlasten versprochen, aber es be- drückt daS arbeitende Volk dreifach durch schnöden Brotzoll. Die„Germania" ist freilich entsetzt, daß wir das gemein- gefährlich gewordene Treiben ihrer Partei vor aller Welt, auch vor den katholischen Arbeiterwählern denunziert haben. Sie bemüht sich vermittelst eines drei Spalten langen Artikels die Zumutung zu stellen, daß nur ihre zwei Schritte vortvärts in Rechnung gestellt werden dürfen, nicht aber die drei Schritte rückwärts. Wir tverden die konfuse Länge der„Gerniania" sehr kurz erledigen können. Die Germania" greift zur Verdeckung ihrer früheren Umvahrheiten zu der neuen llmvahrhcit:„Der„Vorwärts" hatdiese bestimmten Steuerprojekte' (Erhöhung der Zölle auf ausländischen Champagner und auf importierte Cigarren, VerbrauchSabgabe auf deutschen Schamnwein) einen Lesern einfach unterschlage n." Der„Vorwärts" hat seinen Lesern anSführlich und wiederholt über die Steuer- vorschlüge der Centrumsmitglieder m der Budgetkommission berichtet. Dagegen verschleiert die„Germania" nach lvie vor ihren Lesern den Inhalt unsrer Kritik gegen jene Steuervorschläge. Bon Anfang an hat daS Centrnm sich nur dagegen gewendet, daß zum Flvttcnbau große Anleihen aufgenommen werden sollen, wie sie die Regierungsvorlnge forderte. Daß die übrigen gewaltigen Summen anders als auS den laufenden Rcichseinuahmen, d. h. aus Zöllen und Verbrauchssteuern aufgebracht tverden sollten, davon hat die CentrumSpresse»ienials ein Wort gesagt. Mag man den Ertrag der LuxnSsteuern, die das Centrum vorschlägt, noch so hoch veranschlagen, mag man eine ErgänzungSstcuer dazu nehmen, eS bleibt un« erfindlich, wie die kolossalen Summen, die jährlich für die Forderungen des neuen Marinegesetzes erforderlich sind, dadurch auch nur annähernd gedeckt werden sollen. Ebenso unerfindlich bleibt es. wie das Centrnm den durch eine Kornzoll-Erhöhuiig zu erlvartenden Zuwachs aus den übrigen Neicheeinnahmen loslösen will, so daß er von der Verwendung ür Militär- und Marine-Ausgaben bctvahrt ist. Nach der RegicrungS- Vorlage werden die einmaligen Ausgaben für Schiffsbau, Armiermig, Werft- und Hafenbanten 2C. für die Zeit von 1601—1920, d. h. biSznr Durchführnng des Flotten„prograinnis", S Milliarden SS? Millionen betragen, jährlich mithin circa 113 Millionen. Wir fragen die„Gennania", ob sie auch nur diese 115 Millionen hereinzubrillgen glaubt durch Champagner- und Cigarrensteuern ohne Jnanspnlchiiahme der lalifenden Zollcinnahmen und Verbrauchssteuern,' die schwer auf der unbemittelten Bevölkerung lasten? Dabei sehen wir' och ganz ab von den fortdau ernden Ausgaben des Marine-EtatS, die von SO Millionen im Jahre 1601 bis auf 18A Millionen im Jahr 1620 anwachsen sollen, sowie von den steigenden Erfordernissen deS P e n s i o n S e t a t s. Wir fragen die„Germania" ferner, ob ihre Partei gewillt ist, einer Flottenverniehrung nicht eherzuzustimmen, als biSgesetzliich festgelegt ist, daß jeder Zuwachs derReichscinnahmen auS Zöllen und VerbrauchSstcuern über daS bisherige Durchschnitts- ergebnis hinaus zu Gunsten der arbeitenden Klassen verwendet werden muß? Auch ejne Zilstimimnig zu diesen Forderungen würde noch keine Gesundung uiisrer Steuerpolitik bringen, aber immerhin würde eine iveitere Verschärfung der steuerpolitischen Ungerechtig- leiten verhütet werden. Ein ähnlich trügerisches Spiel wie in der Deckungsfrage spielt daS Centrum hinsichtlich deS U m f a n g S der Schiffs- ewilligungen. In der Donnerstagssitzung der B u d g e t k o m m i s s i o n, in der die Specialberatung deS Flottengesetze« mit§ 1(Schiffsbestand) begann, suchte dos Centrum durch Ausstellung verschiedener Anfragen an die Regierung den Anschein zu erwecken, als wolle eS mit gründlicher Sorgsamkeit prüfen, ob und wie viele neue Schiffe erforderlich seien. Jedoch ist schon jetzt mit größter Wahrscheinlichkeit vorauszusagen. daß die„gründliche Prüfung", deren die Herren Müller-Fulda und Gröber sich rühmten, ausmündet in so umfangreiche Be- willigimgen, wie die Regierung sie vielleicht selbst niemals sich hat träumen lassen. Die Fragen des CentrumS, ob nicht wenigstens ein Flaggschiff. sowie etwas an den Aiisldndskreuzern und den Materialreserven gespart tverden könne, beantwortete der Staatssekretär des Reichs-MarineamtS mit der prompten Erklärung: Alles, waS wir fordern, ist nötig. In, Herr Titpitz machte das aufrichtige Geständnis: Bei den Auslands- schiffen haben wir nur gefordert, was wir als das Minimum ansehen;. es ist das e i g e n t l i ch zuwenig; d i e A d m i r a l« verlangen mehr. Eine unztveideiittge Ankündigung baldiger weiterer Kreuzerforderungen l Run erklärte der Wasscrführer deS CentrumS in der Kommission, Müller- Fulda: Die Regierung habe die Notwendigkeit der, Vorlage im ganzen Uinfonge nicht bewiesen. Nicht»im ganzen llnifaiige" I Das Centnnn will also seine Gegnerschaft gegen die Wasserpolitik durch einige Abstriche von dem geforderten Schiffsbestand bekunden. Die Verdoppelung der Schlachtflotte, der eigentliche Inhalt der Vorlage, ihr kostspieligster und politisch ge- fährlichster Teil wurde in der Bndgetkommission von den CentnmiZ- rednern in keiner Weise bestritten. Durch ein nichtiges Frage- und Antwortspiel in lang ans- gedehnten Verhandlungen, deren scheinbarer Ernst durch zeittveilige soll das mißtrauisch Geheimhaltung mystisch erhöht wird, gewordene katholische Wählervoll in den Glauben versetzt werden, als führe seine Partei einen beschwerlichen Kampf gegen die Zu mntungen der Regierung und versuche das Marineübel durch Nachdruck liche Opposition zu mindern. In Wahrheit ist dieser Kampf ein ans Täuschung berechnetes Schcinmanöver. Nachdem Herr Müller- Fulda sich offen zum Evangelium der nationalen Weltrnstungen bekannt hat, müssen die.Belehrungen', die mit Notwendigkeit zu Indem das Centrum er sich vom Reichs-Marineamt holen will, immer steigenden Betvilligungcn führen. !ie scheinbar dem weltpolitischen Marinismus Widerstand bietet, wird es in Wahrheit immer williger, seinen unsinnigsten Launen zu dienen. »» Nachfolgend der Bericht aus der Budgetkommission: Gpccialberatmig der Flottenvorlage. Die Budgetkommission des Reichstags begann am Donnerstag Specialberatung der Flotteuvorlage mit Z'l. welcher lautet: 1. Der in dem Gesetz betreffend die deutsche Flotte, vom 10. April 18S8 festgesetzte Schiffsbestand wird vermehrt um: »> verivendungsbereitz 1 Flotteuflaggschiff, 2 Geschwader zu je 8 Linienschiffen, 2 große Kreuzer> als Anfklärungsschiffe der heimischen 8 kleine Kreuzer s Schlachtflotte; l kleine Kreuzer! � Auslandsdienst; b) als Materialreserve: 2 Linienschiffe, i arÄ?! vermindert um 2 Divisionen zu je 4 Küstenpanzerschiffen. 2. Auf diese Vermehrung kommen die 8 Küstenpanzerschiffe bis zu ihrem Ersatz als Linienschiffe in Anrechnung. Abg. Müller-Fulda(C.) hat dazu folgende Fragen an die Re- gierung gerichtet: 1. Wodurch erklärt sich die Notwendigkeit einer doppelten Schlachtflotte? Könnte die Absicht der verbündeten Regierungen nicht auch dadurch erreicht werden, daß die bestehende Schlachtflotte unter Beibehaltung der jetzigen Zahl von Anfkläruugskreuzern und eines Flottenflaggschiffs zunächst eine Vermehrung um 8 Linienschiffe er- fährt und später die 8 Küstenpanzer durch weitere 8 Linienschiffe ersetzt werden? 2. Ist die G e s ch w a d e r st ä r k e von 3 Linienschiffen mibe dingt erforderlich oder könnte auch die in der französischen Marine übliche Stärke von 6 Linienschiffen pro Geschwader, event. wenigstens für die Reserve-Schlachtflotte genügen? 3. Welche Gründe werden für die gesetzliche Festlegung der Materialreserve geltend gemacht; weshalb kann solche nicht der jährlichen Festsetzung durch den Etat vorbehalten bleiben? Der erste Teil der Beratung über Frage 1 und 2. die taktische und strategische Aufgaben der Flotte behandelte, soll g e h e i>» ge- halte» werden. Staatssekretär Tirpitz suchte darzulegen, daß die im Gesetz vorgeschlagene Formation der Schlachtflotle solvie die Ver- mehnmg der Kreuzer notwendig sei. Graf zu Stolbcrg erklärte: Wir haben keine Fachkenntnis in Marinefragen; wir müssen glauben, was der Staatssekretär uns vorträgt. Abg. Bebel bestritt die Veranlassung zur Geheimhaltung der politischen Momente, die»orgebrocht würden. Auch seien ja diese Dinge � durchgängig in bfc Oeffeutlichkeit schon bekannt. Es sei merkwürdig, wenn die Flottcnfreunde England zur Begründung der Vorlage mit in Betracht zögen, während doch Acnfferungcu des Kaisers bekannt geworden sind, die beweise», daß an ernsthaften Konflikt mit England nicht zu denken sei, da zu große gemeinsame Interessen zwischen beiden Ländern bestehen. In einem etwaigen Krieg aber gegen Frankreich und Rußland liege die Entscheidung auf dem Land und die Schlachtflotte sei dazu hinreichend stark. Abg. Miiller-Fulda sC.j: Gegenüber Frankreich und Rußland sind wir zur See nicht stark genug. Das socialdemokraiische Ministerium in Frankreich sHeiterkeitj hat große Marineforderungcn an das Parlament gestellt. Die Herren hier aber wollen nichts be- willigen. Dabei geht in Frankreich die Volksvertretung noch weiter als die Regierung. Herr Lockroh— ich glaube, er ist ein Freisinniger(Heiterkeit)— will aber noch viel mehr Schiffe bewilligen. Da sollen wir beim alten Zustand bleiben? Herr Bebel müßte doch einmal mit seinem Genossen M i l l e r a n d sprechen, wie der darüber denkt? Absolut negierend kann man sich nichts verhalten. Man muß prüfen, was nötig ist gegenüber den Rüstungen andrer Länder. Gern bewilligen wir nicht. Aber wenn die andren Länder rüsten, dann können wir uns nicht herunidrücken, sondern müssen wenigstens das nötigste bewilligen. Abg. Bebel: Wenn Frankreich große Marinelasten tragen null, so ist daS seine Sache. Ich bin allerdings der Meinung, daß die Lasten gerade auch in Frankreich so' enorm gewachsen sind, daß ein Ende mit Schrecken nicht ausbleiben kann. Wir inüssen uns nach unsren eignen Verhältnissen richten. Wenn Abg. Müller darauf hinweist, daß ein Socialdemokrat in der französischen Re- giraii'g sitzt, so können wir doch nicht verantwortlich gemacht werden für das, was Millerand thut. Hätten wir ein Urteil abgeben sollen, wir hätten ihm abgeraten, in das Ministerium einzutreten. Auch unsrs Parteigenossen in Frankreich haben dagegen Widerspruch er- hoben und sind»och heut nicht einverstanden. Es' ist aber nicht richtig, daß in Frankreich alle Parteien für die militärischen Rüstungen eintreten. Die Socialdemokratie hat dort entschiedene Opposition gegen die Militäransgaben innegehalten und auch gegen den Etat im ganzen gestimmt, wie wir hier. Abg. Müller hat mit solcher Lebhaftigkeit auf die Marinerüstungen Frankreichs hingewiesen und so eindringlich erklärt, da könnten wir nicht zurückbleiben, daß eS scheint, als sei er in seinem innersten Herzenzdurchaus für die Vorlage. Ja. wozu dann noch daS viele Fragenstellcn? (Heiterkeit). Das ist dann nur ein Frage- und Antivortspiel, das schließlich mit der Bewilligung der Regierungsforderungen endigt I Abg. Müller meint, es werde in allen Staaten gerüstet, also müßten wir auch rüsten. Das Schlimme aber ist: Wir gehen de» andren mit üblem Beispiel voran. Das Ceutrum hat sich früher bemüht, den Wettrüstnngen einigermaßen entgegenzutreten, jetzt ist es zu einer.besseren Erkenntnis" gelangt. Wir halten an unserm alten Standpunkt fest. Staatssekretär Tirpitz: Herr Bebel ist im Irrtum, nicht unser Vorgehen hat Frankreich zu seinen jetzigen Rüstungen veranlaßt; diese sind vielmehr gegen England gerichtet. Abg. Richter: Was in Frankreich irgendwelche Parteien wollen, ist ganz unsicher und unbeglaubigt. Der Gesetzentwurf der französischen Regierung ist aber bescheiden gegen die bei uns ge- ftellren Forderungen. Er reicht bis 1907 und will im ganzen die französische Schlachtflotte auf 28 Linienschiffe bringen, das sind zehn weniger als unsre Flottennovelle fordert. Abg. Müller: Wir thun doch noch viel weniger als die Fron- gosen. Denn es ist ja n u r e i n P l a n, der uns vorliegt. Eigentlich bewilligen wir gar nichts, wenn wir ihm zustimmen würden. Das Centruin ist nicht beivilligungslustiger geworden. Wir bewilligen nur. was wirklich nötig ist. Die Fragen, die»vir stellen, sind nötig, � damit wir erkennen, was wirklich nötig ist. Bisher find un» �die Beweise fürdie Notwendigkeit der Bor läge im ganzen Umfang noch nicht erbracht worden, wir werden kaum alles bewilligen. Wir sagen nicht einfach Ja oder Nein. Wir prüfen gründlich und lassen uns auch belehren. Staatssekretär Tirpitz betont, daß die 28 französischen Schiffe aber nur durchaus moderne Schiffe sind, während bei uns auch ältere Typen eingezahlt bleiben. Damit ist die Beratung der gestellten Fragen geschloffen'. Es...>_______... dritte Frage, betr. die Gründe für die gesetzliche Fe st« legung der Materialreserve. Abg. Müller-Fulda hält die gefordert« Materialreserve für den AuSIandsdienst für zu weitgehend.— Abg. Gröber(C.) ist der An- ficht, daß mau ältere Schiffe als Reserve bemitzen könne, wie es die Franzosen thun.— Abg. Graf Arnim(Rp.): Die Bedeutung der Auslandsschiffe sei eine große. Sie seien die Repräsentanten unsrer Macht, welche dem Reich Respekt verschaffen.— Abg. Müller-Fulda: ersten beiden vom Abg. Müller folgt die Diskussion über d i e Eine Berstärknng der AnSlaudsflotte sei wirtschaftliche Kriegsschiffen Absatz im ab, sondern Ausland von der hänge nicht nicht nötig. von Der den Tüchtigkeit nnsrer Fabrikanten und Käufleute. Von der Erschließung Chinas erwarte er keine großen Vorteile, er befürchte. daß der Nutzen nicht die Unkosten decken lverde. Abg. Frese(frs. Vg.) ist in der Wertschätzung Chinas andrer Ansicht. Wir haben dort eine aussichtsvolleZuknuft nnd es seien dort bedeutende Werte zu schütze». Abg. Prinz Areuberg(E.) hält im Gegensatz zu seinem Fraktions- geuosieu Müller-Fulda die Bedeutung der AuSlanvsschiffe für sehr groß. Staatssekretär Tirpitz iveist auf die zahlreichen Gesuche von Deutschen im Auslände hin, welche um die Aiiseiidung von Schiffen bitten. Abg. Müllcr-Fnlda: Er sei ganz einverstanden mit dem Bon neuer Auslandsschiffe, wenn die Deutschen im Ausland zu den Uli kosten beitragen>v o l l t e n. Bis jetzt zahlen sie aber gar nichts. In Bczilg auf die Eniwicklniig von Kiautschou sei er sehr pessimistisch. dieselbe sei durch belgische Konzessioiien bedroht. Staatssekretär Tirpitz bezweifelt, daß die belgischen Eiseiibahnkoiizcssioncn unsre Interessen bedrohen. Abg. Frese hält eine besondre Bestencrung der Deutschen im Ans- Iniide zu Gunsten der deutschen' Flotte nicht für richtig. Abg Dr. Haffe(»atl.) ist derselben Ansicht. Für die Deutschen im Ans- lande sei aber das Erscheinen cines deutschen Schiffes von hohem Wert nnd erhöhe die Aiacht der deutschen Konsuln. Abg. Müller- Fulda: Es sei ein Unrecht, daß der deutsche Bauer die Unkosten für die Kriegsschiffe zu Gunsten der wohlhabenden Deutsche» im Auslände bezahlen solle. Diese müßten durchaus zu den Koste» beitragen. Abg. v. Kardorss: Keine andre Nation bcsteure ihr> Angehörigen im AnSlande. Wegen des Eindrucks, den es im Ans land machen würde, müsse er cS aufs tiefste bedanern, wenn man auch nur einen P o st e n der Regierungsvorlage ablehnen wollte. Die Beratilng wird darauf bis Freitagvormittag vertagt. Eventuell soll die provisorische Abstimmung über§ erfolgen._ polilifche Mebevfichk. Berlin, den 26. April. Ter Reichstag erledigte in seiner ÄHititvochs-Sitzung zunächst den Urheberrechts Vertrag mit Oeslrcich-Ungarn ohne nennenswerte Debatte in dritter Lcsnng. Etwas lebhafter gestaltete sich die Beratung der Etats-Resolution Nembold, die eine Revision und den Ausbau der gesetzlichen Bestimniungen zur Abwehr der Maul- und Klauenseuche fordert. Die Maul- und Klauenseuche ist eine furchtbare Geißel für die ehrliche Land Wirtschaft, aber ein wahrer Segen für die agrarischen Ge schäftSPolitikcr. Ist es doch die Maul- und Klauenseuche, die unsren Junkern dazu verholfen hat, ihr gutes Herz für den Magen und die Gesundheit des Volks zu entdecken. und aus lauter Liebe zu den seuchen bedrohten Mitmenschen Grenzsperren zu veo anstalten, durch welche nur ganz zufällig die Flcischprcise wucherhaft in die Höhe getrieben und die Menschenfreund lichen, gutherzigen Junker um viele Millionen alljährlich be reichert worden. Natürlich entfesselte diese Resolution die ganze Gutherzigkeit der Junker, die sich allerdings, da die böse Welt es liebt das Strahlende zu schwärzen, um schwarzer Verleumdung zu entgehen, etwas mäßigen mußten.?!ach anderthalbstündigem Tirallieren wurde die Resolution, soweit sie eine agrarische Spitze zu verraten schien. Venvorfen. Von den Berichten der Pctitionskonimissions, die auf der Tagesordnung waren, wurden die ersten fülif ohne Debatte im Sinne der Anträge er ledigt. Anlaß zu einer längeren, zum Teil dramansch sich abspielenden Debatte gab aber der sechste Bericht über Petitionen betreffend die Einfühnntg eines Normal a r b e i t S t a g S in der Textil-Jndustrie. Die Kommission hatte„Ueberweisung als Material", beantragt. DaS genügte unS jedoch nicht und Genoffe Fischer, der die Debatte mit einer kräftigen Rede zu Gunsten des Normal arbeitstags eröffnete, und von den Genossen B a u d e r t und Stolle unterstützt wurde, stellte den Antrag, der Reichs� regierung die Petitionen zur Berücksichtigung zu über- weisen. Der Antrag wurde jedoch, was bezeichnend ist, von keiner andern Partei des Reichstags unterstützt. Die Wirkungen langer Arbeitszeit, der medrigen Löhne, der ungesunden Arbeitsräume: der dadurch herbeigeführte körper- liche und moralische Ruin. die Thatsache. daß unsre In- dustrie nach dem Zeugnis ihrer benifensten Vertreter den zehn- stündigen Normalarbeitstag ohne Schädigung einführen kann, die fernere statistisch feststehende Thatsache, daß die Industrie gerade in den Ländern mit kürzester Arbeitszeit und höchsten Löhnen auf der höchsten Stufe steht— das alles wurde von unseren Genossen eingehend und eindringlich dargelegt. Und Genosse Fischer namentlich benutzte die Gelegenheit, um die traurige Haltung der Reichsregierung und der kapitalistischen Parteien, insbesondre des CentrumS zu beleuchten und zu geißeln. Die Angriffe auf das Centrum bestimmten einige Mitglieder desselben, Herrn Kaplan Hitze, den patentierten Centrums° Socialisten aus dem preußischen Landtag herbeizutelephonieren. Das Rede- duell, das nun zwischen Herrn Hitze, der einmal zeigte, daß sein Name nicht allzusehr gegen seine Natur verstößt, und dem impulsiven Genoffen Fischer wurde mit großer Hartnäckigkeit auSgefochten. Beide Redner ergriffen je fünftnal, was im Reichstag wohl noch nicht da war, daS Wort; Herr Hitze, der sich, ein zweiter CurttuS Rufus, für seine Partei in den Abgrund stürzte, behielt zwar das letzte Wort, aber nicht Recht. Daß das Centrum ihn als socialen Lockvogel benutzt, den eS nach Bedarf rücksichtslos verleugnet, und daß es auf dem Gebiet der Socialresonn sich in Wider- sprüchen bewegt— worum sich der Streit drehte— daS kann und wird man dokumentarisch nachweisen. Morgen eine Wein- Interpellation und Fortsetzung der heutigen Tagesordnung, auf der auch eine Petition für den Achtstundentag der Bergarbeiter steht.— Zwangterziehung Minderjähriger. Abgeordnetenhaus beriet Donnerstag in erster Lesung die bereits vom Herrenhaus erledigte Vorlage betr. die Zwangserziehung Minderjähriger. Die Debatte überdies so wichtige socialpolitische Gesetz bewegte sich auch in diesem Hause auf dem denkbar tiefsten Niveau. Alle Redner ohne Ausnahme erklärten sich mit der Tendenz des Entwurfs ein- verstanden, nicht ein einziger hielt es für angebracht. die Ursachen der Zunahnie des jugendlichen Verbrechertums zu untersuchen und an der Hand dieser Ursachen den Nachweis zu' erbringen, daß man Schäden, die aus socialen Verhältnissen� entspringen, nicht durch Polizeigesetze beseitigen kann. Polizei- knüppel und Gebet sind nach Ansicht des Ministers dcS Innern das beste Mittel, die Jugend zu erziehen. Ein wie herrliches Geschlecht wird erst heranwachsen, wenn das Ideal des Herrn! v. Rhcinbaben erfüllt ist und die aus den An- stalten entlassenen jugendlichen Personen unmittelbar von der einen Zwangserziehung der andren, nämlich der in der Armee, überwiesen werden! Wenn die jungen Leute dann noch keine Stützen des Staats werden, dann ist die Regierung nicht schuld daran; sie wird sich daniit trösten, daß sie alles versucht hat, was in ihren Kräften steht. Das größte Bedenken, dem die Vorlage bei den National- liberalen und den Freisinnigen begegnete, besteht in dem Beschluß des Herrenhauses, daß die Zöglings auch in Korrigendenanstalten untergebracht werden können. Selbst die Freikonfervativen erklärten sich mit dieser Bestimmung nicht einverstanden. Um so leichter setzte sich der Minister des Innern darüber hinweg, indem er bemerkte, er bedauere zwar den Beschluß des Herrenhauses, andrersciis aber seien genügend Käutelen dafür gegeben, daß die Zöglinge nicht mit Korri- genden in Berührung kommen; ferner würden sich dadurch auch die Kosten erheblich verringern. Ueberhaupt spielte die Kostenfrage in der heutigen Debatte eine große Rollo. Die Konservativen drohten sogar, das ganze Gesetz scheitern zu lassen, wenn den Provinzen neue Lasten aufgebürdet würden. Wir wären die letzten, die der Vorlage eine Thräne nachweinten, aber charakteristisch ist es doch, daß dieselben Herren, die fort und fort über die Verrohung der Jugend jamniern, ein Gesetz, das ihrer Ueberzeugung nach geeignet ist, der Verrohung Einhalt zu thun. wegen der lumpigen Summe von einigen hunderttausend Mark ab- lehnen wollen. Die Bedenken des Centrums richteten sich gegen andre, Punkte der Vorlage. Vor allem liegt den frommen Herren daran, daß die Erziehung der Zöglinge eine konfessionelle� ist. Ter Minister versprach auch, die Vorlage im Sinn des Centrums umzumodeln. Warum soll er den Herren nicht in einer solchen Kleinigkeit entgegenkommen? Das Centrum wird sich dafür bei einer andern Gelegenheit, wo die Re- gierung auf sein Wohlwollen angewiesen ist, dankbar erweisen. Die Debatte endete mit der Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Am Freitag stehen kleine Vorlagen aus der Tages« ordnung.— Aemsches Fleich. Die ministerielle BerkehrSstattstik» die von der»BreSl. jüngst veröffentlicht wurde, scheint nicht überall angenehm berührt zu haben. Wenigstens fühlen sich die Offiziösen gedrungen,.auf- klärende" Erläuterungen über den Verkehr des Kaisers mit seinen Ministcrii zu verbreiten und die interessante Statistik als einen»Akt der Ungezogenheit" im Kinderfräuleinstil zu rüffeln. Unvorsichtig ist es, ivenn so ein Offizlosils schreibt: .Die politische Fühlung zwischen einem Monarchen und seinen Ministern hängt nun nnd nimmer von der Zahl der offiziellen Vorträge ab, wofür wohl der Umstand das beste Zeugnis ablegen dürfte, daß Fürst Bismarck und Kaiser Wilhelm l. sich oft monatelang nicht sahen, ohne daß darum der Fottgang der Geschäfte gehindert worden wäre." DaS ist ein gefährlicher Vergleich, weil er in der That zutteffend ist, nur daß dieser Fall umgekehrt lag: Bismarck bedurfte des Kaisers nicht, um seine politischen Geschäfte zu betreiben, der Monarch wäre ihm nur hinderlich gcivesen. Der Kanzler war nämlich— ein eigner Kaiser. Heute ist der Kaiser sein eigner Kanzler.~ Für die Verstaatlich, mg der Steinkohlen- Bergwerke tritt eine Zusckittft der— bündlenschen.Deutschen Tageszeitung" ein und die Redaktion erklärt sich im ollgemeinen mit dem Gedanken cmvcrstmiden. Man werde die Forderung socialistisch schelten, aber auf ruhig denkende Menschen machten derartige Redensarten keinen Eindruck. DaS Ganze ist eine agrarische Bosheit gegen die flottenfreund- liche Industrie, die ihrerseits vielleicht min eine Verstaatlichung des Großgrundbesitzes anregen wird.— Lex Hcinzc. Aus Düffeldorf wird unS geschrieben: Die hiesige Künstlerschaft hat>mn ebenfalls zur lex Heinz« Stellung genommen. ES sprachen die Maler Eduard Daelen. Deiters und Bolkhatt recht scharf gegen die lex; allgemein schloß man sich dann einem Aufruf an die Düsseldorfer Künstlerschaft zur Bildung eine».Goethe- Bunds" an. Die Begründung des»Goethe-Bund»", ähn« lich wie in Berlin und München, wurde»fast ein- timmig" beschlossen und als dessen Aufgabe bezeichnet, überall dort einzutreten, wo die Freiheit der Kultur, ihre Entwicklung und ihre Errungenschaften bedroht erscheinen. Die hiesige kg l. Kunstakademie ist bereits bei der vor- efctzten Behörde vorstellig geworden, um an matzgebender Stelle >er Befürchtung Ausdruck zu geben, daß durch Annahme der§§ 184a und b der lex Heinz« die freie Entwicklung der Kunst geschädigt werden könnte. Außerdem hat die freie Vereinigung Düsseldorfer Künstler sich der Protesterklärung des BereinS Berliner Presse an- geschloffen.— „Hinterwclt"-Poltttk. Die bekannte psychologisch« Erfahrung. daß der Mensch in gewissen Situationen notgedrungener Seßhaftigkeit ich mit besonderer Andacht einem intensiven Nachdenken hingiebt, hat eine Hannner Firma veranlaßt, diese allgemeine menschliche Verfassung für die Flottenpropaganda auszunützen. Sie stellt nämlich das folgende Fabrikat her: „Deutsches Flotten-Klosettpapier, desinfizierend, weich und fest. Frei von schädlichen Stoffen!" Dieses Produkt patriotischer Geschäftsgeister ist mit einem Umschlag geschmückt, auf dem in voller Farbenpracht eine« von de» neuen Kriegsschiffen stolz.an der Küste nnsrer herrlichen Kolonien liegend zu sehen ist, wie eS sich den Platz an der Sonne betrachtet. Man muß anerkennen, daß diese Papiersorte vor den sonstigen Propagandapapieren, wie sie namentlich der Flottenverein fabriziert. den Vorzug größter Zlveckdienlichkeit hat. Den Papieren dcS lottenverems kann man nicht nachrühmen, daß sie frei von schädlichen toffen seien; sie desinfizieren auch nicht, sondern zielen im Gegen- teil auf Verseuchung ab.— Ein sonderbarer Humanist. Als am 24. im bayrischen Landtag bei der Beratung des KnltusetatS das Kapitel„Hoch- 'chulen" beraten wurde, bereitete Dr. Orterer. Mitglied der- elben S e n t r u m i p a r t e i, die sich wenige Tage vorher in demselben Hanse gelegentlich der Besprechung der Isx Heinze durch daS groteske Bekenntnis ihrer antlhumanistischen Welt- anschauung nach Kräften zu blamieren verstanden hatte, der Hannenden Welt die Ueberraschung, sich als enragierten Ver- eidiger des helle nisch-humani st ischenBildungS- d e a l S vorzustellen. ES handelte sich um die Gleichstellung der Realgymnasial- Abiturienten mit den Gymnasial- Abiturienten be- züglich der Zulassung zum medizinischen Studium. Herr Dr. Cvtcret, der sich während der Heinz«- Debntte ganz als Centrumsniann gefühlt hatte, fühlte sich jetzt ganz als Gymnisialrektor. Die beabsichtigte Zulassung der Rcal- gymnasial- Abiturienten werde das ganze höhere Sibulwescn »nuvälzen. Dem ,.Los von Rom" werde das„Los von Griechen- land" folgen. Man werde die Realghmnafial-Abituricnten konfeguentcr- weife auch zum juristischen Studium zulassen müssen. Die humanistische Bildung aber sei für den Juristen durch nichts zu ersetzen.(Auch nicht, teilweise wenigstens, durch social- politische Studien?!)„Es würde ein nationales lln- glück werden, wenn die humanistischen Grundlage», so wie sie jetzt maßgebend sind, beeinträchtigt würden.'Nicht niederdrücken dürfen wir das allgemeine, auf die Humanität aufgebaute Leben, sondern' heben müssen wir es." Wir sind nichts weniger als Verächter der humanistischen Bildung— aber ein Heinze-Gardist als Lob» preiser und Verteidiger derselben, das beweist doch, wie wenig vielfach hinter den Resultaten jener Erziehungsmethode steckt, die man als humanistische bezeichnet. Der Herr Gymnasialdirektor schrumpfte vollends wieder zum Ccntrümler zusammen, indem er gegen die Z u l a s s u n g der Frauen zum medizinischen Studium'eiferte. Das schablonenhafte Hineindrängen der Mädchen und Frauen in alle möglichen Berufe tvune nur zur Niederlage der Mädchen und Frauen führen. Die Zulassung der Frauen zu den Gelehrteuberuscn würde zu der G l e i ch st c I l u n g der Frauen und der Männer m den politischen Fragen, zur Zuweisung des aktiven und passiven Wahlrechts an die Frauen führe», da seien wir bald am Ende. Er habe das Vertrauen zu den Aerzten, daß sie sich nicht unziemlich gegen die Patientinnen betragen. Man solle die E r w c r b s f ä h i g k e i t der Frauen heben, aber nicht in der Richtung der G e I e h r t e n b e r n f e, denn das würde zum Schaden der Frauen ausschlagen. Die Frauen dürfen also Tclcphonistinnen oder Hebammen werden, schlimmstenfalls auch Marlittiaden und Ambrosiaden verbrechen, ober nuter kcineir Umständen studieren. Daß Herr Dr. Orterer zum Schluß noch gegen den Kult des Atheismus an den Hochschulen eiferte und docierte, daß dein Voll, inklusive der akademischen Lehrer, die Religion er- halten werden müsse, ergänzte stilvoll das Charakterbild dieses sonder- baren Humanisten.— Eine kaiserliche Sympathiekundgebung für England. Dr. Koch, der Präsident des Rcichsbank- Direktoriums, hat am 23. d. M. die Mitglieder der ersten Bankeii und Bankinstitute zu sich gebeten, um ihnen niitzutcilen, daß der Kaiser eine Sympathie- kundgebnng zu Gunsten der Engländer zu veranstalten iviinsche, natürlich in einer sonst niemanden verletzenden Form. Koch teilte ferner mit, daß an höchster Stelle entschieden worden sei, eine» Beweis der Sympathie für die Engländer dadurch zu erbringen, daß eine Sammlung für die von der Hungersnot heimgesuchten Inder veranstaltet werde. Um ihre Mitwirkung zu sichern, habe er, so sagte Dr. Koch, die Herren zu sich gebeten. Die Banken haben sich denn auch bereits an dieser Kund- gebung beteiligt. Wer denkt noch heute an jenes kaiserliche Tele- gramm an Ohm Krüger?— Konservative tZeamtenfremidlichkcit. Man schreibt uns aus Dresden, 2S. April: In der Zweite» Kammer des Landtags wurde heute unter überaus zahlreicher Beteiligung der Beamtenschaft, die die Tribüne bis zum Erdrücken füllte, die Rcgienuigsvorlagc über die Wohnungsgeld-Zuschüsse ohne allzu große Feierlich- keit von den vereinigten Konservativen und Nationalliberalcn z» Grabe getragen. Die Konservativen verlangte», die Regierung solle ihre Vorlage einfach zurückziehen. Man könne nicht 6 Millionen Mehrausgaben bewilligen, ohne die nötige Deckung dafür zu haben. Nachdem Genoste Fräßdorf sich niit dem Wohuimgs- zuschuß an die Beamten bis zu 4000 M. Gehalt einverstanden erklärt, ihn für die höheren Gehaltsklassen aber abgelehnt und sich ins- besondere gegen die allgemeinen Zuschläge zur Eiukommcnsteuer gc- wendet hatte, nachdem er ferner aus die Bermugcusstcucr als Dcckimgs- mittel hingewiesen, den konservativen Antrag als Verschleppung'de- zeichnet und sich für Verweisung an eine Zwischcndcputaiiou erklärt hatte, erwidert« der Minister v. Watzdorf, daß die Ltegiernng ihre Vor- läge zwar nicht zurückziehen, bei Ablehnung derselben aber sie im nächsten Landtage einbringen werde. Der Antrag der Konservative» auf runde Ablehnung der Vorlage für die laufende Periode wurde zwgen die vier Stimmen der Socialdemokraten angenommen. Von den anwesenden Beamten wurde dieses Resultat mit größte». Miß- vergnügen aufgenommen.— Ausland. Schweiz. St. Galle», 24. April.(Eig. Ber.) In uusrem Kauton fände» am letzten Sonntag die K a n t o n s r a t S w a h l e n statt, wobei die vereinigten Socialisten und Demokraten z iv e i neue Sitze eroberten, während sie mit iveiteren sechs Kandidaten in der Stichwahl stehe». Die Stadt St. Gallen bewährte sich abermals r.lS die Hochburg der Liberalen, die die Vergewaltigung der Minder« hc�en weiter betreiben. Von 18 Kaiitonsratssitze» haben die Liberalen mit 2400 Stimmen 1ö. die Socialisten und Deiuvkratcn mit 1200 Stinunen drei und die Katholiken mit S00 Gtiuuuen gar keinen. Natürlich sind die St. Galler Liberalen Gegner jeder Proportional- Wahl. Hoffentlich wird auch ihre Herrschaft gebrochen werden.— Belgien. Vnudervcldc über die Kongogrcuel. Die Debatten über die furchtbaren Ausschreitungen der Offiziere und Beamten der Aut- werpener Handelsgesellschaft im belgischen R c p r ä s e n t a u t c n- hause sind dank dem energischen Eingreifen des socialistischc» Kanimemiitglieds Vaudervclde nicht so sang- und klanglos beendet worden, wie das die Rechte beabsichtigte. Ter Minister deS Auswärtigen de Fwlberean besaß zwar angesichts der entsetzlichen Schlächtcreie» noch die Stirn, sich der Kougoregicruug auzuuehmeu, und der K r i e g s m i u i st e r trieb den blutige» Hohn gar so weit, daß er den mutige» belgischen Lffizicrcu, die am Kongo das Werk der Civilisation(!) verfolgten, eine Lobeshymne sang; als aber der Herzog von Ursel, der' Vcriualter der Kongo-Eisenbahn, >u der Provokation der Linken gar soweit ging, den belgischen König als den Wohlthäter Afrikas zu feiern, da konnte die vernichtende Autivort der öffentlichen Ankläger nickit länger ans- bleiben. Genosse Landervelbe erwarb sich das Verdienst, offen auszusprechen, wie daS Volk über das afrikanische Knltnrwerk und seine Aktionäre denkt. Der„Voss. Ztg." schildert Art, Inhalt und Eindrnck der Red« ihr Brüsseler Berichterstatter wie folgt: „Die Sache nahm ein andres Aussehn, als der beredte socia- listische Abgeordnete Vandervelde maßvoll, aber doch energisch eine wahre Anklagerede gegen das ganze Kongo» unternehme n und gegen das in Kraft stchcudc Ausbeutnugs- systein am Kongo hielt". „Die nach dem Kongo gehenden Offiziere und Weißen — sagte Vandervelde— sind meist tief verschuldet, in bedrängter Lage; sie wollen sich am Kongo neue Mittel schaffen und sind schlecht zur Fortführung eines zivilisa- torischen Werkes geeignet. Alle Farbigen müssen Gummi liefern i man zwingt sie unter verwerflichen Mitteln zu dieser Arbeit. Dazu müssen sie Abgaben in Elfenbein und Gummi entrichten; auch die Handelsgesellschaften köniic» ihre Stenern an de» Staat in Naturerzcngnissen bezahlen, und zwar wird dabei das Kilogramm Gummi mit 0,22 Frank berechnet. Sicherlich, Leopold II., der große Civilisator. hat in betreff der Behandlung der Farbige» schöne Worte gesprochen, aber er ist darum nicht minder einer de, größten Elfenbein« und Gnmmihändler der Welt, und die Antwerpener Gesellschaft, die von allen Seiten jetzt angegriffen wird, ist ganz einfach der König der Belgier. Der König besitzt am Kongo eine ungeheure Privatdomäne, deren Erträgnisse nicht in die Staatskasse abgeführt werden»nd deren Siilliönen dazu dienen, um den, König die Vorschüsse, die er für . das koloniale Unternehmen geleistet hatte, wieder einzubringen. Belgien zahlt jährlich zwei Millionen Frank, der König eine Million Frank, um den Fehlbetrag des kongostaatlichen Staats- Haushalts zu decke», aber der König gewinnt Millionen aus der Privatdomäne. Alle Osfiziere und Agenten erhalten Prämien nach dem Ergebnisse der Ausbeutung; sie haben also ein Interesse daran, die Farbigen roh zu beHandel». Man hat den Kongogummi den„roten" Ginnini genannt, iveil ein belgischer Offizier, der Handelsvertreter geworden ist. gesagt hat:„Ich habe hier tSKOOt» Patrone»; sie stelle» 23 000 Kilogramm Gummi dar". Und er hat Wort gehalten I Und da schwanke» Sie noch, ob S i e eine Untersuchung a» st e l l e n s o l l e n I Selbst die Anhänger der kolonialen Politik müssen doch wünschen, daß über die schreck- lichen Anklagen Licht verbreitet wird. Kein Volk kann Belgien tadeln, denn die Deutschen, die Franzosen und Engländer haben eL nicht anders gemacht. Wir sprechen offen, denn die menschliche Solidarität verbindet uns ebenso sehr mit den farbigen wie mit de» weißen Arbeitern." Die Rede machte einen so mächtig«, Eindruck, daß die Kammer diese Verhandlungen fortzuführen beschloß." Vei der am Donnerstag fortgesetzten Erörterung der Jnter- pellation über die im Kougostaat begangenen Gränelthatc» nimmt der Minister des Auswärtigen, de Fnvereau. das Wort zur Er- widenmg ans die AnSführnngen des Deputierten Vandervelde und erklärt, der Kongostaat mische sich in keiner Weise in die Angelegenheit der Ernennung von Agenten von Privatgcscll- schalten oder in deren Leitung ein. Der Unabhängige Kougostaat habe das Recht, den„Achten" zu erheben; er habe denselben bisher jedoch nicht eingefordert. Der Minister erklärt die Behauptungen Vanderveldes für unwahr und betont mit Entschiedenheit, daß der König der Belgier nicht eine einzige Aktie von Handels- gescllschaficn, welche die Ausbeutung des Kautschuks betreiben, besitze. ES sei ferner unzutreffend. von einer privaten Kongo-Domäne zu sprechen, die de», König gehöre. Es handle sich dabei um Eigentum des KongostaatS. Der Deputierte L o r a>, d führt aus, die Autivort der Regierung sei kläglich. Loraud kommt auf die von der„Kölnischen Zeitung" gegen den Major Fieviez erhobenen Anklagen zurück, welcher zu- gegeben habe, daß schivarze Soldaten ihre» Feinde» die Hand ab- schnitten. Redner fordert entschiedene Maßnahmen und bringt ciuc Tagesordnung ein, welche besagt: Die Kammer erwartet Anfklnrungen über die im Kougostaat im Bezirk Mongalla begangeiien Scheußlich- leiten»nd geht zur TaacSordunug über. W o e st e erklärt, diese Tagesorbninig sei eine Beleidigung für den Kougostaat und verlaugt einfache Tagesordnung. Die einfache Tagesordnung wird mit 28 gegen 25 Stimmen bei einer Stimmenthaltung angenominen. Italien. Zur SonntagSwahl in Biatland haben wir noch nachzutragen. daß Genosse Ettore Ciccotti mit 1985 Stimmen zum Ab- geordneten gewählt worden ist. Die Bedentnug der Wahl wird da- durch erhöht, daß die vereinigten Reaktionäre nicht einmal dazu gelangt waren, einen Gegenkandidaten aufzustellen. Sic haben da- mit thatsächlich anerkannt, daß Mailand, die politische Hauptstadt Italiens, der Socialdemokratip gehört. lieber die Person Ciccottis wird nnS mitgeteilt, daß er. in Poteuza(Süditniicn) geboren, sich der Gclchrtc'ulaufbahn widmete und mit vieler Auszeichnung ein Lehramt au der Universität Povia bekleidete, dessen er aber von der Regierung enthoben ward. Auch an der Universität R o n, wurde ihm nicht erlaubt, Vorlesungen zu halten. Man sieht, die italicinschc Regierung bedurfte nicht erst des Falls AronS, um einzusehen, daß ein'reaktionäres Rcgicrungssystcm sich mit der freien Wissenschaft nicht verträgt.— Und daS zwei Jahre nach der infamen Metzelei, welche die Rc- giernng, um den Staat und die Gesellschaft zu retten, in Viailaud veranstaltet hatte!— Spanien. Die„begnadigten" Zluarchisten von Barcelona sind dieser Tage aus ihren Folterzelley auf der Veste Montjuich in daS Gefängnis von Barcelona gebracht tvordeu, wo sie mit Bangen ihrem iveiteren Schicksal entgegensehe». Die»»glücklichen Opfer der spani- 'chcn„Justiz" solle» bekanntlich in die Verbaurnuig gehen, aber iwcli weiß kein Mensch, wohin man sie bringen wird. Frankreich soll es entschieden abgelehnt haben, den ans Spanien ausgewiesenen Männer» gastfreie Ausnahme zu gewähre»! Der Ministerpräsid«», Silvela soll jetzt die Absicht habe», die Begnadigten so rasch als möglich nach Liverpool, Genna und Kairo einzuschiffen. ES heißt, daß selbst die sollst so vorsichtige italienische Regierung gegen die Einwanderung dieser spanischen Anarchisten nichts einzuwenden habe.— Asien. Aus der Aktion der Mächte gegen China dürste vor- läufig nichts worden. Die Nachricht von dem Blutbad unter den C h r i st c n hat sich als S ch iv i n d c I entpuppt. Die Boxers sollen allerdings eine» Angriff vorsticht, dabei selbst aber 70 Totev e i t e r e n Hungersnot entgegen. Die Hungersnöte sind unter dem cngkischen Regime häufiger»nd verheerender'geworden, da die Bevölkerung unter dem einheimischen Regiment in höherem Wohlstand lebte und über größere R e- s e r v e n verfügte. Unter der britischen Herrschaft fließt ein großer Teil des ProduktionSertragS beständig nach England ab, ohne daß ein« Rückvergütung stattfände. 1879 ivnrde zwar ein VersichermigS- önds gegründet, für den jährlich eine Extrasteuer bis zum Betrage von l'/s Millionen Pfund erhoben wurde, allein bald legte die Militärpartei Beschlag anf denselben und verbrauchte den größten Teil für G r e n z k r i c g e. Eingehend beleuchtet Hyndman die Ursache der periodisch austretenden Hungersnöte. Dieselbe besteht darin, daß England auS einer Bevölkerung von 250 Millionen, die jährlich nur einen Total- wert von 850 Millionen Pfund(7 Milliarden Mark) produziert(pro imilie also 7 Pfirnd— 140 Mark), jährlich nicht weniger alö — S2 Millionen Pfund Sterling an Staatseinnahme» heraus- preßt, die zum großen Teil— wie schon bemerkt, ohne Rückver- q ü t u n g-- nach England fließen. Die Summe, um die sich England jährlich an Indien bereichert, schätzt Hyndman anf 30 Millionen Pfd. Sterl.(800 Millionen Marl). In den letzten zwanzig Jahren seien aus Judiei, zehn M i l l i a r d e n M a r k für England herausgepreßt worden. Kein Wunder, daß durch diese Kolonialivirtschnft Indien ruiniert worden sei und immer mehr vermine. Selbst in den, Henrigen Hnngerjahr zieht man 16 Millionen Pfd. Sterl. aus Indien heraus, mn dann 300 000 Pfd. Sterl. als barmherzige Gabe ivicder zurückzuschicken! Daß das Unterhans eö kürzlich ablehnte, eine Uiiterstichung über die II rsa ch e n der indischen Hungersnot anzustellen, ist nach dieser Darstellung mir zu verständlich. Die Brutalität des moderne» Imperialismus will durch keinerlei»loralische Bedenken in der Thäligkeit des ZusamniciiraffenS gestört iverde».„Britisch-Jndien", schreibt Hyndman,„bildet eine» vortrefflichen Jagdgriind für Politiker, ein Feld für die Carriere von Söhne» der behäbigen Bourgeoisie und ein Anlagegebict für überschüssiges Kapital. Man erhält dort, wenn man einigen Einfluß hat, noch viel schönere Gehälter und Profite, als daheim in England."— Amerika. Am stesi>!« clias« der Martneriistiinge» will Amerika be- weisen, daß der W e l t m a ch t s k o l l e r keineswegs, wie man»»- zunehmen versucht sein konnte, ein kuror tsutoaicus, eine spezifisch germanische Krankheit ist. Die Marine-AuSgabe» Nord- amerikas. die 1891 etwa LS Millionen Dollar betrüge», sollen im laufenden FiScaljahr auf nicht ivcnigcr als 01 Millionen Dollar erhöht iverden. Trotz dieser enormen Steigerung der Marinelastei, hofft man in den imperialistischen Kreisen Amerikas, daß die Vorlage, über welche sich der Marine-AuSjchuß des Re- präscntantenhanseS kürzlich schlüssig geworden ist, von der Volksvertretung nach dem patriotischen Muster andrer Volks- Vertretungen angenommen werden wird, ohne daß man sich Sorgen Ivegen der Deckungsfrage machen tu i r d.s Nach der,, NeivDorkcrHandclö-Ztg." ist seitdem spanisch-amerikanischcn Krieg glorreichen Aiigedenkens dieFl'ottcnbegeistcrniig im amerikanischen Volte derartig gestiegen,„daß seit dem Tage von Manila die Kriegs- marine irgend welche Summe bewilligt e r h a I t r u könne n." Bei Licht besehen ist es zwar mit der„Auszeichiiuiig", mit der die Marine sich das Herz des amerikanische» Volks er- worben haben soll, gar nicht so iveit her, da die spanischen Schiffe ihres meist ehrwürdigen Alters und ihrer erbärmlichen Ausrüstung Ivcgcn die leichte Beute der überlegenen, modernen Flotte der Amerikaner werden mußten; allein der chauvinistische Taumel e»t- facht sich auch genügsam an den bcschkidcnsten Anlässcil, waS ja auch der jingoistische Jubel über die Gefangeunahine Cronjes bc- wiesen hat. ES ist traurig, daß auch der republikanische Staatenbund jenseits des Ozeans, der freilich einstweileii nur das Blackifcld für das Aus- toben des rüdeste» Kapitalismus darstellt, mit Bolldamps in die grauen Nebel der Wcllpolitik hinansstenert. Denn auch für die Imperialisten Amerikas gilt es als Axiom, daß die A u s b r.e i t n u g des H a n d e l S K o l o n i a l b e s i tz bedinge, welch letzterer wieder „bei der Eventualität der kriegerischen Verteidigung" eine Ausdehnimg der Sceniocht erheische. Und dann hat man ja ein so naheliegendes Argument. Die Flvlteiivermchrung„erscheint um so dringlicher, als auch andre Nationen und zivar besonders solche, deren Flotten bisher mit der unsrigen aus ziemlich derselben Stufe rangierten, ähnliche A n st r e» g» n a c n machen. So steht auch der neue Flottenpla» deö dentschc» Kaisers in intimer B e z i e h il ii g zu der amerikanischen Vorlage." Anf Deutschlands Flottenvcrmchrnug folgt also die Ruß- l a n d s, Frankreichs, Amerikas, Englands, so daß dann glücklich Ivicder,»nd zwar ganz im Handumdrehen, die Reihe an D e n t s ch l a n d gekommen ist! Bom Ausstand in Venezuela. New yorl. 25. April. Einer Depesche ans Caracas zufolge soll dort die Nachricht«in- gelaufen sei», die Revolutionäre seien Herren von Cartagena. Gcmcvltsdjaftndjes. Berlin»nd Ningcgend. Die Berliner Dachdrckcrmcister arbeiten ganz nach dem Muster berühmter Scharfmacher in andren Gewerben. Schnell entschlosien haben sie die Lohnforderung ihrer Arbeiter mit einer Aussperrung. beantivortet, von der gcgcmvärtig 300 Arbeiter betroffen wurden. Nahezu ein Drittel sämtlicher Dachdecker ist anSgesperrt. ES ist daraus ersichtlich, daß die Aussperrung keine allgemeine ist, das Beispiel der übereifrigen Herren nicht vollen Anklang bei allen Unternehmern findet. Die Entrüstung der Unter- nehmer entbehrt auch jeder Berechtigung, denn die Arbeiter dieses Berufs gehörten bisher zu den geiingsainsten und die Orga- nisation ist lauge vo» ihncii vernachlässigt worden. Deshalb ist«in so freudiger der Fortschritt zum Bessern zu begrüßen und zeige» die Arbeiter eine ähnliche Ausdauer im Kampf als ihre übrigen Kollege» im Bangewcrbe. dnini ist auch ihnen der Erfolg sicher. In ihrer letzte» Versammlung habe» die Ausständigen die Fortsetzung des Streiks beschlossen und bisher ist keiner zur Arbeit zurückgekehrt. Tic Kutscher der Slllgemeiucn Berliner OmnibnS-Aktien- Gesellschaft hatten von der Direktion eine Besserung ihrer Arbeits- Verhältnisse beansprucht. Sie verlangen 3,50 M. Taaeloh», die Entbindung vom Wageinvaschen und statt der üblichen vier freien Tage im Monat Dicnstsrcihcit an jedem sechsten Tage, soivie Bezahlung dieses freien Tags. Die Direktion hat nach längeren Verhändlungen die Forderungen bewilligt. Nunmehr wollen auch die Schaffner der Gesellschaft und die Kutscher der Großen Berliner Omnibus-Gesell- schnst Forderungen den Dircktioneu unterbreiten. Die Schaffner »nd Kutscher beschwere» sich über zu lange Arbeitszeit. Vor 1 Uhr nachts koniine» die Leute selten aus dem Dienst und müssen an den meiste» Tagen schon wieder bald»ach 6 Uhr antreten. Tie Streikklausel, die der Verband der Vangeschäfte von Berlin »nd den Vororten bei Abschluß seiner Verträge von der städiischen Berwaltmig fordert, hat dem Verband der Steinsetzer und Berufs- genossen Anlaß gegeben, an die städtische Vaudepiitation eine Eingabe zu richten, in der gebeten Ivird, ähnliche Anträge der Unternehmer im Steinsetzberuf abzulchiicn. Die Arbeiter verivciscn in ihrer Eingabe darauf, daß sie den Unternehmern, um Lohnkämpfe zu vermeiden, seit langem den Vorschlag gemacht haben, feste Vereinbarungen abzu- schließen. Dieser Vorschlag ist an sämtliche Vorstände der Innungen abgesandt und vor dem allgemeinen Verbandstag in Berlin in ihre Hände gelangt. Der Antrag ist auf dem Verbandstag der Unter- nehiner nicht verhandelt und den Arbeitern bis heute kein Bescheid zugegangen. Die Eingabe bemerkt deshalb: „Wenn die Unternehmer des Straßenban-GeiverbeS glauben, sich über nnsren Antrag glatt hinwegsetzen zu kvinien, so sind wir der Mcmnng, daß dieselben dann auch keine» Anspruch auf besondere Berücksichtigung durch Aufnahme der Streikklausel zu br- ansprnchen haben. Abgesehen davon, haben aber die Unternehmer unsrcS Erachtens erst dann einen Anspruch auf besonderen Schutz seitens der Behörden, wenn erstere den Nachweis führen können. daß sie ihr möglichstes gethan haben, um eine Verständig, mg mit der Arbeiterschaft herbeizuführen. Hier liegt aber das strikte Gegenteil vor. Und aus diesem Grunde allein schon kann»nsreS Er- achtens gar nicht die Rede davon sein, die Einführung der sogenannten Streikklausel auch auf die Verträge anSzudchiien, welche mit de» Unternehmer» städtischer Straßcnbautcn abgeschlossen werden." Deutsches Reich. Der erst« dcntsch-vstreich-nnarische Posamcntierer-Kougrest fand am ersten und zweiten Osterscicrtag in W c i p e r t in Böhmen statt. Die Abhaltung war mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden. Zunächst war e« den Unternehmern gelungen, den Wirt zu bc- stimmen, da« zuerst geplante Lokal zu Buchholz in Sachsen zurück- zuziehen, worauf sich das Komitee genötigt sah, in das nahe liegende Städtchen Geyer in Sachsen zu gehen. Der Wirt des Schützen Hauses gab auch seine Unterschrift, datz er sein Lokal zum Kougretz hergeben wolle. Aber auch hier wirkten die Unternehmer auf de» Wirt ein, so das; schließlich auch hier in letzter Stunde das Lokal zurückgezogen wurde. Darauf blieb den Delegierten nichts andres übrig, als den heimatlichen Staub von de» Füßen zu schütteln und in das Ausland zu gehen, um über ihre wirtschaftlichen Interessen zu beraten. Erschienen waren 23 Delegierte aus Deutschland, 4 aus Oestreich einer aus Ungarn. Auf der Tagesordnung standen folgende Punkte: t. Situations bericht. 2. Organisation und Taktik.' 3. Gründung eines Streik- fonds. 4� Arbeitsvermittelung. 5. Schaffung eines Sekretariats. Die Delegierteil für Weipert in Böhmen, Geyer-Sachsen, Anna berg und Buchholz, gaben ein erschreckendes Bild von dem Elend der Posamenten-Arbeiter, die in dortiger Gegend zu Hnngerlöhnen beschäftigt werden. Die Frauen müssen von früh bis spät für niedrigen Lohn arbeiten, die Kinder von 4— S Jahren für ein paar Pfennige den Tag über Posanicnten anfertigen. Kurz, daS Elend und die Ausbeutung ist noch erschreckender als bei den Webern im Eulcugebirge. Die übrigen Delegierten konnten aus ihren Orten ebenfalls wenig Gutes berichten. Die Anwesenden ersahen aus den Berichten, daß eS ihre erste Aufgabe sein müsse, mit den organisierten Posamentierern in Deutschland-Oestreich-Ungarn zusammen zu wirken, um ihre ganze Kraft einzusetzen, die wirtschaftliche Lage ihrer Berufskollegeii im � Erzgebirge zu heben. In Berlin. Wien, Budapest sollen Sekretariate eingerichtet werden, d,ie die Korrespondenz über alle die Branche be treffenden Angelegenheiten führen und die wirtschaftliche Entivicklung verfolgen. Sodann sollen lokale UntcrsiütznngSfonds gegründet werden und die Schaffung eines Arbeitsnachweises wird geplant, den die Sekretariate gleichzeitig übernehmen. Den internationalen Textilarbeiter-Kongreß zu Berlin will man durch einen Berliner Delegierten beschicken.' Zur Organisationsfrage ivurde man sich dahin einig, alles auf zubieten und die Posamenten-Arbeiter und-Arbeiterinnen zu organi sieren, um dieselben für Deutschland dem Tcxtilarbeiter-Vcrband zw zuführen. Die Lohnbewegung der Stettiner Schuhmacher hat einen günstigen Verlauf genommen. Die meisten Arbeitgeber haben die Forderungen der Arbeiter bewilligt und befinden sich nur noch wenige im Ausstand. Die Schmiede in Lübeck haben mit den Unternehmern eine Verhandlung gehabt, die leider zu keinem Ergebnis führte, trotzdem die Arbeiter ihre Forderung auf 34 Pf. Stundenlohn ennäßigten. Der Streik dürfte au Umfang zunehmen, da sich die noch beschäftigten Arbeiter iveigern, die Arbeit der Streikenden zu übernehme». Es ist mithin dringend notwendig, den Zuzug fernzuhalten. Streikvcrgehe». Vom Dresdener Schöffengericht wurde der Polierer Gladewitz wegen„Belästigung" von Arbeitswilligen zn einem Monat Gefängnis verurteilt. Der' Angeklagte soll geäußert haben:„Wenn wir die Arbeit wieder aufnehmen,' dann fliegt Ihr doch wieder heraus, auch werdet Ihr in der Zeitung bekannt gemacht/ Wegen einer solchen durchaus harmlosen Bemerkung— der An geklagte bestritt übrigens, sie in der Form gcthan zu haben— einen Monat Gefängnis! Ohue St» eik erzielten die Maurer in S t r i e g a u tu Schlesien eine sofortige Erhöhung des Stundenlohns von LS Pf. auf 31 Pf. und für den 1. Juli soll eine weitere Erhöhung des Lohns um 1 Pf. pro Stunde stattfinden. Die Errichtung von Baubuden, Aborten zc. wurde für jeden Bau zugesagt. Ferner, daß auf jedem Neubau ein Verbandskasten mit den notwendigsten Verbandsstoffen sich befindet. Der Streik der Maurer i» Wicöbade» ist ein äußerst hart- »täckiger. Von den 1030 Streikenden befinden sich nur noch 500 am Platz, die übrigen sind abgereist. Von sciten der Unternehmer sind alle Verhandlungen mit der Lohnkommission sowohl wie das Anerbieten des Geivcrbcgerichts als Vermittlungsamt in Thätigkcit zu treten, abgelehnt worden; daß es ihnen trotzdem nicht sonderlich zu Mute ist, beiveist eine Notiz in einem bürgerlichen Blatt, wonach, sofern am 1. Mai der Streik nicht beigelegt sei, sich die sämtlichen Arbeitgeber der Baubranche solidarisch erklären und ihre Arbeiter cnt- lassen. Es wird— so lautet der Schlußsatz der Ankündigung— eine vollständige Einstellung der Betriebe geplant. Zur Bergarbeiter- Bewegung. Ans Bochum wird uns ge schrieben: Man hat in den Organe» der Grubenbarone großes Auf Hebens von der Thatsache gemacht, daß einige Grnbenverlvaltungcn im Oelsnitz-Lugaucr Revier nach§ 80, 5 abgelegte Streikende wieder in Arbeit genomnien und diese dadurch ihre früheren Rechte an die KnappschaftSkasscn wahren konnten. Man hat es den Leuten aber bei der Arbeit so„heiß" gemacht, daß schon eine Anzahl wieder ihre heimatlichen Gruben verlassen und hier in Westfalen eilt Unter- konimen auf den Zechen gesucht und gefunden haben. Auch seit dem Streik Geniaßregclte, die über zivei Monate in dem„gemütlichen" Sackisen Hunger und Kummer gelitten, treffe» noch ein und können sofort anfahren. Ein OelSnitzer Bcrgdirekior hat die liebenswürdige Aeußerung gethan, er Ivolle die Gemäß- regelten bis nach Westfalen verfolgen. Auf den größten Werken des Zivickauer Reviers tritt auch ein Wechsel in der Leitung ein, der anscheinend mit dem Streik zusammen- hängt. Direktor W e i g e l von der Bürgcrgcwerkschnft, der während des Streiks anscheinend noch recht gesund ivar, ist plötzlich gestorben und schwirren allerlei Gerüchte über die Todesursache. Direktor Schmidt vom Zwickau-Oberhohndorfer Steinkohlenwerk (Wilhelmsschächto), der Vorsitzende des bergbaulichen Vereins, hat sich seit der letzten Streikwoche noch nicht lvicdcr auf den» Werk sehen lassen; man nennt bereits den Direktor eines benachbarten kleineren Werks als seinen Nachfolger. In den sächsischen Berg- arbeiterkreiscn ist jetzt die Meinung verbreitet, daß dre „berühmte" bergamtliche Bekanntmachung, welche am 26. Febniar auf den Werken augeschlage» wurde und die Meinung der Grubenverwaltungen bestätigte, daß jeder Streikende, der sich bis zum 27. Februar nicht wieder zur Arbeit meldete, nach K 80,6 des sächsischen Berggesetzes entlassen werden könne, auf recht eigentüm- liche Weise entstanden sei. Nun, die bergschicdsgerichtlichen Urteile sind aber im Sinne der Bekanntmachung ausgefallen und die Eni- lassenen sind von„Rechtswegen" um ihre sauer envorbenen Pensions- ansprllche gekommen, die sie hier in Westfalen, wenn sie bei ihrer Hierherkunft das 29. Lebensjahr überschritten haben, auch nicht wieder erwerben können. AnSland. Der Streik der graphischen Arbeiter in Eiusicdeln lSchweiz) dauert fort. Aber den frommen Millionären scheint doch allmälig das Wasser in den Hals hineinzulaufen. Denn nun haben sie sich mit einem rührenden Cirkular au die schweizerischen Buchdruckerei« besitzer um die Ausführung von Druckaufträge» für sie gewandt, ivahrscheinlich auch an ausländische Firmen. Da in Ein- siedeln schlechtere Arbeits- und Lohnbedingungen als in den übrigen schiveizerische» Bnchdruckcreien bestehen, so würde es fast eine Art geschäftlichen Selbstmords sein, wollten diese sich zur Unter slütznng der Schmutzkonknrrcnz hergeben. Bei der gute» Organi- sation'der Buchdrnckerei-Arbeiter ist aber auch gar nicht daran zu denken, daß irgendwo Streikbrecherdienste geleistet werden. Soeittlo-s. Zur K onscrenz der Centralstclle für Arbeiter-WohlfahrtS- einrichtlingen geht uns mit der Bitte um Abdruck noch folgende Zuschrift zu: Die Behauptung des Herrn Dr. Löwenfeld in Nr. 93 Ihres geschätzten Blatts, ich iväre in meinem Referat über volkstümliche Theatervorstellungen auf der Konferenz der Cenwalstelle für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtungen über die Freien Volks- bühneii, das Schiller- Theater und ähnliche Bestrebungen binweggegaugen, als ob sie nicht vorhanden wären, könnte den Eindruck erlvccken, es sei dieses aus ander» als rein sachlichen Gründen geschehen. Ich konstatiere darum: Am Anfang meines Referats hatte ich niein Thema ausdrücklich dahin beschränkt, daß ich nur auf eine Erörterung der Ziele, die solche Darstellungen an- zustreben hätten und auf die Grenzen, die ihnen zn stecken seien, eingehen könne. Die wissenschaftliche Erkenntnis in diesen Dingen kann nicht durch lückenloses Aufzählen aller Einrichtungen gefördert werden, sonder» nur durch eine Diskussion der princiepiellcn Grundlagen auf denen sie aufgebaut iverden müssen. Diese Grund- lagen hatte ich in meinem die Diskussion einleitenden Referat fest zulegen und durfte mich umsoiveniger auf weiteres verbreiten, als ja die Leiter der Berliner Einrichtungen selbst geladen waren, um aus ihrer Erfahrung vorzubringen, was etwa zur Klärang in unsrer Frage beitragen könnte. Wir haben besonders bedauert, daß Herr Dr. Conrad Schmidt, der sich zum Wort gemeldet hatte. es durch ein leider nicht aufgeklärtes Mißverständnis nicht mehr erhalten hat. Ich kann mein Erstaunen nicht unterdrücken, datz Herr Dr. Löwenfeld. dessen Vorwurf ich schon auf der Konferenz zurückgewiesen hatte, denselben zum zweitenmal und öffentlich erhebt, ohne zugleich meine Widerlegung mitzuteilen. Dr. R. v. Erdberg. »'• Da wir Herrn Löwenfeld daS Wort in der Sache gegeben, glaubten wir, eS Herrn v. Erdberg nicht verweigern zu können. Weitere Zuschriften in dieser Angelegenheit werden wir aber nicht mehr aufnehmen. Ein harmloser KinderauSbenter. Der Fabrikdirektor Thorney in Falken stein in Sachsen beschäftigte in einem besonderen Raun» der von ihm geleiteten Falkensteiner Gardiucnweberei Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren. Die Zahl der Kinder betnig oft bis zu 40 und die Beschäftigung geschah während der Zeit vom Sommer vorigen Jahres bis Weihnachten. Die Kinder wurden mit Zäckeln beschäftigt. Deswegen unter Anklage gestellt, erklärte er. er habe die Kinder nicht als Arbeiter betrachtet, ihre Beschäftigung habe er nicht als Arbeit, sondern nur als Spielerei angescben. Er glaube deshalb nicht, sich eines Vergehens gegen die Geiverbe- Ordnung schuldig gemacht zu haben. Der StaatSamvalt war minder harmlos und beantragte 2000 M. Geldstrafe. Das Gericht sah zwar auch nicht durch die' harmlose Brille der guten llnteniehmerseele, glaubte aber mit der wirklich milden Strafe von 400 M. genug gethan zu haben. Die vom Staatsanwalt beantragte Strafe ist die höchste vom Gesetz zugelassene. Arbeitszeit und Produktion in der östreichischeu Banmwofl- indnstric. Der eben erschienene Bericht der Brünncr Handels- kammer für das Jahr 1899, in da§ bekanntlich der große Streik der Textilarbeiter um den Zehnstiindentag fiel, teilt über die Wirkung der Arbeitszcitrcduktiou folgendes mit:„In einer Reihe der Baumlvoll- piniiereieir des Kammersprcngels wurde vom 1. Oktober 1899 an der Zehnstiindentag eingeführt und hat die Verkürzung der Arbeits- zeit, soweit sich dies bisher feststellen läßt, die Erzeugiuig imr un- wcsentlicht beeinflußt; iu einigen Arbeiterkatcgoricii. bei welchen 'ich infolge der Herabsetzung der Arbeitszeit kein genügender Ver- dienst ergab, mußten die Löhne um beiläufig lOProz. erhöht werden. — Ist die Produktion„nur unwesentlich" beeinflußt worden, so bat offenbar die gesteigerte ArbcitSiiircnsität die Redultion der Arbeits- zeit zum größte» Teil lvctt geinacht. Im übrige» konstatiert der Jahresbericht der Brünncr Kamincr an einer andren Stelle, daß die Löhne seit Ciiiführuiig der zehnstündigen Arbeitszeit im Mittel„nur unwescutlich gcsiuikcn sind," nämlich etwa um 20 Pf. iu der Woche."'_ VevlÄmmlnnAvtt. Der Wahlvcrcin für dcn dritten RcichStngS-WahlkrciS hielt am Mittwoch seine Geiieralveriainmlnng für das erste Quartal dieses Jahres ab. H o ch gab den Geschäftsbericht des Vorstands Jiii vciflosjclien Vierteljahr fanden 5 VercinSversammlnngen und 4 VorstandSsivungcn statt. Der Vorstand hat au alle Konimmial Wähler, die für nnsre Kandidaten stimmten mid dem Wahlvcrein noch nicht angehören. Aufforderungen ergehen kasien. dem Verein beizulretcn. Die Mitgliederzahl ist im letzten Quartal um 42 gc liegen, sie beträgt jetzt 8l7. Nach dem Bericht des Kassierers Harn dt betragen die Einnahmen 1144.67 M.. die Ausgaben 8S9.8S L)i, bleibt ein Bestand von 784,82 M. Die Versammlung erteilte dem Kassierer Et.tlaslnng und überwies dem Vorstand aus dem Ueberschuß 500 M. zur Agitation.— Hierauf standen zwei An- träge auf Ausschluß von Mitgliedern zur Debatte. Der erste, von Rein gestellte Antrag anf Ausschluß des Mitglieds S ch n m a n n bat die bekannte, schon mehrfach in Versarnmlnngen und in der Presse besprochene Angelegeiibeit der Ortslrankenkasse der Kauf- lcnte zur Grundlage.' Der Vorsitzende Hoch empfahl naiuenS des Vorstands, der die Angelegenheit eingehend untersucht hat, de» Antrag Rein abzulehnen, denn derselbe sei nicht hinreichend be- gründet, da es sich im wesentlichen um eine geiverkschaftsiche Orga- nisationsfrage handele. Nach kurzer Debatte stimmte die Vcrsanun- lung dem Beschluß des Vorstands zu.— Der zweite Antrag, von dcn Tischlern Kunz». AhrenS, Nissen rmd K l i n g n e r geteilt, verlangt dcn Ausschluß dcS MöbelbändlerS Julius A p e l t. Demselben tvird vorgeworfen, er habe während des Holzarbeiter- IreikS ein Verhalten bekundet, ivelches ihn nicht niehr als Partei- genossen erscheinen lasse. Der Vorstand hat auch diese Angelegen- heit untersucht und empfiehlt, dem Antrag auf Ausschluß ApeltS nicht zuzustimmen, da die demselben zur Last gelegte Aeußerung, die er in einer Tischlenneister-Versammlung gemacht haben soll, nicht erwiesen ist. Dagegen ist der Vorstand der Ansicht, daß sein Verholten in der Lohnbewegung der Holzarbeiter, spcciell einen Arbeitern gegenüber, nicht ganz einwandSfrei gewesen sei.— Die Vcrsanimlung beschloß nach längerer Diskussion. daß Apelt nicht ausgeschlossen werden soll und der Vorstand das Verhalten ApeltS gegenüber seinen Arbeitern nochmals untersuchen soll.— Weiter würde auf Antrag deS Vorstands beschlossen, die Broschüre„Führer durch das Alters- und JuvaliditätSgesetz" zur Gratisverteilung an die Mitglieder anzuschaffen.— Der Arbeiter-Samariterkolonne wurden 20 M. überwiesen. Der socialdemokratische Wahlvrrein für de» vierten Wahlkreis(Südost) hielt am Dienstag bei Graumann. Nauuyn- traße, seine Generalversammlung ab. Bor Eintritt in die TageS- ordnung ehrte die Versammlung das Andenken zweier verstorbener Mitglieder in der üblichen Weise. Nach dem Geschäftsbericht, dcn der Vorsitzende Weiße erstattete, hat der Vorstand im verflossenen halben Jahr eine sehr intensive Thätigkeit entfaltet und waren die einzelnen Vorstandsmitglieder außer- ordentlich stark in Anspruch genommen, so daß sich für die ukunft wohl eine Erweiterung deS Vorstands notwendig machen werde. Außer den Vorstandssitzungen haben 6 Mitglieder- und Generalversammlung stattgefunden, die sämtlich verhältnismäßig gut besucht waren. Ferner hat der Vorstand 2 gemeinsame Urania- Besuche und 2 Familien-Unterhaltungsabeude arrangiert. Im letzten halben Jahr sind dem Verein 643 Genosse» neu beigetreten, so daß derselbe, trotzdem eine sehr große Zahl lässiger Mitglieder gestrichen werden mußten, gegenwärtig 2160 Mitglieder zählt. Uebcr die Einnahmen und Ausgaben in der Zeit voin 1. Oktober vorigen JahrS bis 1. April dieses Jahrs berichtete der Kassierer T r a c z y k. Danach betrugen die Einnahmen inklusive des alte» Bestands von 696,60 M insgesamt 3362,70 M., die Ausgaben. darunter 2000 M. für die Agitation, 2865,20 M., so daß ei» Bestand von 497,50 M. verbleibt. Die Abrechnung wurde von den Revisoren als richtig bestätigt und auf deren Antrag dem Kassierer die Decharge erteilt. Die sodann vorgenommene Neuwahl des Vorstands ergab folgendes Resultat: R. W e i ß e. Forsterstr. 39, 1. Vorsitzender; G. Beer, Vorsitzender; A. Runge, 1. Schriftführer; R. Dielau, . Schriftführer; W. Traczyk, Wicnerstraße 14, 1. Kassierer; K. Salzmann, 2. Kassierer; St. Pesch el, Beisitzer. Als Revi- oren wurden Prothmann, Frehland und Z u n k e r gewählt. Hierauf hielt Genosse Hans Nachtigal einen Vortrag über: Die Arbeiterbewegung im Osten Europas." Der recht interessante Vor- trag, in dem der Referent die wirtschaftlichen und politischen Zustände insbesondere von Nutzland und Balkanstaaten schilderte und in dem er ein anschauliches Bild von dem stetigen, allerdings mit harten Kämpfen verbundenen Fortschreiten der revolutionären Arbeiter- bewegung entwickelte, wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Nachdem der Vorsitzende noch auf die am Sonntag stattfindende „Urania"- Vorstellung hingewiesen hatte, datz am' 13. Mai ein Vortrag in» Hörsal der„Urania" stattfindet, wozu Billets beim Schriftführer, Manteuffelstr. 119, zum Preise von 40 Pf. zu haben sind, erfolgte Schluß der gut besuchten Versammlung. Holzarbeiter-Verband. Die Branche der Musikinstrumenten- macher nahm am 23. April in einer Vertrauensnränner-Sitzung eine Rcsolutioil an. in der empfohlen wird, die Arbeit am 1. Mai ruhen zu lassen. Der Centralverband deutscher Maurer sFiliale II), tagte am 20. April. Auf der Tagesordnung stand: Welchen Zweck hat die politische und die gewerkschaftliche Organisation? Der Referent, Winzler, führte aus, daß beide Organisattonen, die politische wie die gewerkschaftliche, notwendig sind, sie müssen sich ergänzen. Die ge- werkschaftliche Organisation soll in erster Linie die Lebenshaltung der Arbeiter heben. Der politischen Organisation dagegen liegt die Pflicht ob, in den gesetzgebenden Körperschaften zu wirke». und freie Bahn zu schaffen, damit der wirtschaftliche Kampf zu Gunsten der Arbeiterklasse»mgestört geführt werden kann. Die bürgerlichen Parteien würden eine'ganz andre Haltung nnsre» Forderungen gegenüber einnehmen, wenn sie sähen, daß eine auf- geklärte, politisch wie gewerkschaftlich gut organisierte Arbeiterschaft vorhanden wäre. Ueber das Wachstum der Gewerkschaften in den letzten Jahren könne man sich nicht beklagen. Das gleiche könne man von der politischen Organisation nicht sagen. Es müsse jeder Arbeiter bestrebt sein, sich beiden Organisationen, weil sie unerläßlich nötig sind, anzuschließen. Die Diskussion bewegte sich im allgemeinen im Sinne des Referats. Unter Verschiedenem wurde den Mitgliedern empfohlen, von den Billets zur Sternwarte in Treptow regen Gebrauch zu machen. Im Verein deutscher Schuhmacher nahmen die Mitglieder am 22. d. Mts. in der Generalversammlung den Geschäfts- und Kassenbericht vom 1. Quartal 1900 entgegen. Nach dem vom Vor- stand erstatteten Bericht ist die Organisation in dieser Zeit außer- ordcntlicki gewachsen. Die Berliner Mitgliederzahl beträgt gegenwärtig rund 1400.' Für die Ccntralkasse wurden 2626,20 M., für den örtlichen Lokalfouds 872,85 M. vercinnahnit. Außerdem wurden auf Sammcl- listen 807,35 M. aufgebracht. Die in» Laufe des vergangenen Quartals abgehaltenen Vergnügungen lieferten ernen Ueberschuß von 257 M. Den östreichischeu Bergarbeitern wurden 100 M., dcn Schuhmachern in Straußberg 200 M. und den Tuttlinger Ausgesperrte» 800 M. aus den örtlichen Mitteln überwiesen. Die Unkosten für die Agitation iu Berlin und der Provinz Brandenburg beliefen sich inkl. des Gehalts, für den Vorsitzenden auf 663,35 M.' Erhebliche Aus- stellungeu an den Berichten fanden nicht statt und wurde dem Vor- sitzenden der Kommission sowie dem Kassierer der Zahlstelle Berlin einstimmig Decharge erteilt. An Stelle von zwei aus der»iom- Mission ausgeschiedenen Mitgliedern wurden Christcnscu und Weber gewählt._ Der Krieg. Die Engländer haben den Erfolg zu verzeichnen, Wepener entsetzt und DewetSdorp ebenfalls vom Feind gesäubert zu haben. ES hat lange genug gedauert, bis die Engländer von ihrer kolossalen lleberm'acht einen derartigen Gebrauch machen konnten, daß sich die auf den verschiedensten Seiten zu gleicher Zeit angegriffenen Bocren veranlaßt sahen, den Rückzug anzutreten. Der englische Er- folg vermag um so weniger zu imponieren, als er nicht in der Offensive errungen wurde, sondern lediglich die Zurückweisimg einer Boerenbcwegung bedeutet, die den Engländern, die den Weg auf Pretoria schon vollständig frei wähnten,' ganz überraschend kam und ihre'Aktionen für Wochen völlig lähmte. Die Boeren zogen sich aus beiden Stellungen in guter Ordnung zurück. Es ist für die Engländer kaum Aussicht vorhanden, den auf dem Rückzug Befindlichen noch ernste Verluste beizubringen oder ihnen gar den Weg nacki Norden abzuschneiden. Der Rückzug der ehemaligen Belagerer von Wepener bewegt sich in der Richtung auf Ladybrand, das ettva 60 Kilometer nordöstlich von Wepener gelegen ist. Die Boeren sollen eine Stärke von 4000 bis 6000 Mann gehabt haben. Eine Verfolgung dieser Boerenabteilung fand nach einen, Telegramm vom 25. nicht statt. Die Verluste des eingeschlossen gewesenen Obersten D a l g a t y S iverden auf 33 Tote und 132 Verwundete beziffert. Auch DewetSdorp wurde von den Bocren freiwillig während der Nacht geräumt, wahrscheinlich in der begründeten Besorgnis, sonst von englischen Truppenabteilimgen umgangen werden zu können. Die Stärke der bei Tewelsdorp befindlich gewesenen Boeren wird von General Rundle auf 7000 Mann geschätzt. General Freiich machte den augenscheinlich gescheiterten Versuch, durch einen Vorstoß im Norden der Stadt den Bocren die Rückzugslinie abzuschneiden. Letztere zogen sich indes»ach Nordosten zurück. Die Verluste der Boeren bei dem Zusammenstoß mit French sollen nach dessen Mit- tcilung schwere gewesen sein. Vor der Uuzuverlässigkeit derartiger englischer Schätzung braucht aber kaum mehr gewarnt zn werden. Vermutlich werden die räumlich nicht allzu weit getrennten Abteilungen der Boeren sich in der Gegend von Ladybrand vereinigen. Ob sie sich dann weiter nach Norden zurückziehen werden,"um dem Hauptvorstoß Roberts entgegen- zutreten, oder ob sie durch den bisher mit Erfolg versuchten Klein- krieg die Engländer auch fernerhin zu allerhand zersplitterten Ncbenopcrationen zu zwingen suchen werden, bleibt abzuwarten. Auch in der Nähe von Kimberley ist eS zu Zusammenstößen gekommen. 600 Boeren hatten am 24. bei W i n d s o r t o n, etwa 40 Kilometer nördlich von Kinibcrlcy, ein Lager errichtet. Eine DepesHe vom 25. aus Waren tot», 20 Kilometer nördlich bei Windsorton, meldet nun, daß die Bocren durch ein Bombardement aus ihren, Lager vertrieben worden seien. Vermutlich handelt es sich also um die Boerenstellung bei Windsorton. Ueber die Explosion eines Boeren-Arsenals berichtet folgendes Telegramm: Pretoria. 25. April. Gestern abend fand in der Gießerei von Begbie, welche jetzt als Arsenal von der Regierung benutzt wird, eine große Explosion statt. Das Gebäude wurde völlig zerstört. Zeh» Personen wurden getötet. 32 verletzt. Die meisten Verunglückte» sind französische und italienische Arbeiter. Die Ursache der Explosion ist noch unbekannt. Sofort nach der mit einem fürchterlichen Knall erfolgten Explosion standen sämtliche Hänser der Nachbarschaft in Flammen. Das Geschrei der Frauen und Kinder in den anstoßenden Straßen erhöhte die allgemeine Bestürzung. Die Ambulanzen der Gesellschaft vom Roten Kreuz leisteten den Verwundeten gute Dienste._ Uetzke NKrkzvirhkvn und Deprsrszen. ReichStagSwahl im Kreise Anrieh. Emden, 26. April. Bei der Reichstags- Ersatzwahl im Wahl- kreis Aurich- Wittmund(Hannover 2) wurden nach den bis 11 Uhr abends hier vorliegenden Mitteilungen für Semmler(natl.) 6438 Stimmen, für Dr. AllnierS(frs. Vp.) 2728, für Brnh»(Rp. und Bund der Landwirte) 1679 und für Hug(Soc.) 107S Stmunen gezählt._ Bern, 26. April.(B. H.) Das Washingtoner Staatsdepartement übersandte dem hiesigen Friedenskoinitee den aktenmäßigen Bericht, aus welchem hervorgeht, daß Lord SaliSbury am 13.' März dem nordamerikanische» Gesandten erklärte, Engländ könne keinerlei Per- mitrlung seitens einer fremden Macht im südafrikanischen Kriege annehmen. Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Dh.«locke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 2 Beilagen und Unterhalt«», gsblait. »■"■"■ mw ijtilaje te JomWs" Iwiräft Holblilolf. NvichskÄg. 181. Sitzung. Donnerstag, den 26. April, 1 Uhr. Am BundeSratstisch: Graf Posadolvsky. Zunächst ivird dnS ll e b e r e i n k o ni ni e n zwischen den: Reich und Oestreich- Ungarn zum Schutze der Urheberrechte an Berken der L i t t e r a t u r. Kunst und P h o t o g r a p h i e in dritter Beratung dcbattelos genehmigt. Ebenso in der G e? a m t a b st i in»i u n g. Es folgt die Beratung der zurückgestellten Etats- R e i o l n t i o n e u. Zunächst wird die Beratung der Resolution R e m b o l d und Genossen(C.) betreffend Bekämpfung der Mmil- und Klauenseuche fortgesetzt. Durch die Resolution sollen die verbünden..i Regierungen ersucht werden. „die bestehenden Borichriste» über Bekämpfung der Maul- und Älancnsenche auf Grund der gemachten Erfahrungen einer ein- gehenden Revision zu unterziehen, insbesondere darauf Bedacht zu nehmen, daß vor Anordnung der Sperre eines Orts, einer Feld- mark oder eines sonstigen Sperrgebiets und des Marktverbots die Notwendigkeit aufs sorgfältigste geprüft und jede Verzögerung bei Aufhebung dieser Schntzmatzregcln vermiede» wird." Abg. Bockel tb. k. F.) beantragt, hinter den Worten„anfS lorgsältigste" einzufügen:„Unter Zuziehung von Land- Wirte n". Abg. Vöckel(b. k. F.): .. Bei der� enormen Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche ist eine Bekämpfung derselben gewiß dringend notwendig. Ans den Reihen der kleinen Bauern hört man aber hanfig die Klage, daß bei dieser Bekämpfung viel zu rigoros vorgegangen luirb ohne Rücksicht auf die schweren Schädigungen, die den Landtvirtcn oft durch die Spernnaßregeln zugefügt werden. Daher habe ich als wertvolle Ergänzung der Resolution beantragt, vor An- ordnung von Spernnaßregeln Landwirte zu hören, insbesondere auch darüber, wie weit es nötig ist, den Rayon der Sperre auszudehnen. Wenn so die Baucni selbst gefragt werden, so wird niemals bei ihnen der Verdacht aufkominen. daß rein bureankratifch vorgegangen ivird oder etwa die Absicht vorliegt, nur den Tierärzten die Praxis zu erwciter». � o . v. Abg. Dr. Pachnicke(stf. Vg.): lieber die Bedeutung der Frage wird sich wohl bei der statistisch festgestelltei! Ausdehnung der Maul- nnd Klanenscnche niemand im nuklarm sein. Die Frage ist nur, welche Konsequenzen mau aus dieser AuSdehramg zieht: Sollen die Sperrmabregelii gemildert oder verschärft werden? Die Ausführungen des Vorredners sowie auch seiner Zeit die Siede des Antragstellers zielten wohl auf eine Milderung der Spernnaßregeln hin. UcbrigcnS enthielten die Aus- snbiuiigeii des Vorredners auf Anfhebniig der Spernnaßregeln eine blutige Kritik der Grenzsperre» die gerade auf Betreiben der Herren Landivirtc in so weitein Ilmfange durchgeführt ist._ Insoweit die Resolution Rcmbold nur eine Revision der Borschristen zur Bekämpfung der Maul- und Klancilsemiie vcr- langt, ist sie eigentlich schon erfüllt, indem eine Kommission zur Prüfnng dieser Borschriften niedergesetzt ist. lim keinen Anlaß zn Mißdcutnngen zn geben, wollen wir diesen, ersten Teil des Antrags, der nur Revision der Vorschriften verlangt, znstrmmcn, nicht dagegen dem � zweiten, der die Notwendigkeit der Spernnaßregeln aufs sorgfältigste geprüft, nid jede Verzögerung der Aufhebung derselbe» vermieden wissen will. Ich bitte den Herrn Präsidenlen, über diese beide» Absätze der Resolution getrennt abstimmen zu lassen. Abg. Graf v. Kauttz(I.): Die Resolution Rembold verlangt allerdings eine weitergehende Milderung der Spernnaßregeln. Ich für meine Person kann mich für eine solche Milderung der Spernnaßregeln nicht begeistern. Sobald die Vorsichtsmaßregel» genau beachtet werden, erfüllen sie auch ihre» Zweck. Abg. Herold iE.): Wie man die Maul- und Klauenseuche am wirksamsten zu be känipfen hat,� darüber gehen die Ansichten zur Zeit noch weit ans- einander. Die einen sind für möglichst strenge Spernnaßregeln, die andern wollen die Sperre nur im äußerste» Notfall verhängt nnffen. Der Mittelweg wird auch hier das jRichtige bieten. Ich Hatterts gleich dem Abg. Böckel für angebracht, bei der Vcrhängnng von Sperrmatzregeln erst die Landwirte anzuhören. Auch ich meine, eine Revision der bestehenden Vorschriften ist außerordentlich wünschenswert, und bitte Sie daher, die Resolution anzunehmen. Direktor im Rcichs-Gesundheitsamt Dr. Köhler: Ich kann Ihnen mitteilen, daß gcgeiiivärtig Untersuchungen im Gange sind, um die bestehenden Vorschriften zur Bekämpfung der Maul- »md Klaucnsenche einer Revision zu nnterziehcn. Allerdings kann keine Instruktion so eingehend sein, daß ihr in jedem einzelnen Fall bis in Kleinigkeiten hinein VerhalttnigSmaßregelii entnommen werden können. Im allgenleinen haben sich strenge Absperrungen immer als gNteS Mittel ertviesen. Die Verhängung der Sperre erst ab- hängig zu»lachen von der Anhörung weiterer Kreise, würde in vielen Fällen recht verhängnisvolle Folgen habe». Ist die Seuche einmal ausgebrochen, dann gilt es schnell zu handeln, selbst wenn man da- bei eine Maßregel ergreife» sollte, die sich schließlich als überflüssig erweisen könnte. Ich versichere nochmals,»vas möglich und nötig ist. wird von der Regierung zur Bckämpfnng der Seuche stets gcthnn »verde». Ein wichtiger Punkt der Verbreitung der Maul- und Klauen- seuche ist übrigens noch nicht erwähnt, das ist die Verschleppung der Seuche durch infizierte Milch. ES empfiehlt sich daher, die Milch, bevor sie in den Handel kommt, zu erivärniill. Wie hoch der Grad dieser Ertvärnmng sein mutz, ob 100 Grad oder 8ö Grad, darüber schweben zurzeit Lerhandlungen. Abg. Graf BernSdorff-Uekzen(Welfe). Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Sperniiaßregel», lveun sie überhaupt Nutzen haben sollen, aufs strengste durchgeführt»verde» müssen. Natürlich müssen sie auch dem Ausland gegenüber ebenso streng dnrchgcstihrt»Verden. Abg. Rettich(k.) schließt sich den AliSfühnmgen des Vor- redners an. Mg. Lulkc-PaterShauscn(93. d.£.): Daß die Grenzsperre zm: Fcrnhaktimg der Seuche uotlvendig ist, beiveist das Vorbild Englands. das diese Sperre auf das rücksichtsloseste seiner Zeit durchgeführt hat. Auch i»n Jnlande hat die Sperre nur einen Zivcck, weiiii sie energisch durchgeführt wird. Ucbrigeus wird die Seuche vielfach durch die herumreisenden Händler verbreitet, es wäre daher»vünschenswert, wem» eine Desinsiziening dieser Händler auf den Märkten erfolgen würde. Für das wichtigste halte auch ich die wissenschaftliche Be- lämpfung der Maul- und Klauenseuche. Abg. Scherrc(Rp.): DaS einzig wirksame Mittel zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche ist eine sofortige Jnftzierung des gesamte» Viehbestands einer Ottschaft, sobald in ihr ein Fall von Seuche konstatiert ist. Dann kann der Ott nach 2—3 Wochen für frei crklätt»verdeii, lvährend jetzt die Aiisteckuiigsgefahr ein ganzes Biettcljahr dauert. Wie wir uns bei unsen» Kmdern die Zwaitgsimpfuug gefallen lassen müsse», so sollte sie auch beim Lieh vorgenommen»Verden. «bg. Graf Klinckowström(L): Die Sperrmaßrcgeln können nicht streng genug durchgefühtt werden, wenn man der Seuche Herr werden»vill. Der Fehler liegt nicht in den strengen Maßregeln, sondern bann, daß die meisten Besitzer nicht geneigt sind, sich ihnen zu fügen. Natürlich müsse» die Spernnaßregeln aber auch dem Ausland gegenüber auf das strengste durchgeführt»verde».(Sehr richtig I rechts.) Ich bitte Sie also den ersten Teil der Resolution Rembold anzunehmen, den zweiten dagegen abzulehnen. Damit schließt die Diskussioir. In der Abstimnmng ivird der Antrag Böckel gegen die Stimmen einiger Konservativer abgelehnt und der erste Teil der Resolution einstimmig angenommen, der zweite Teil gegen das Ccutrum und die Stiuuueil einiger Kon- servativer abgelehnt. Die Resolution, betreffend Aufhebung der für die Aus- rüstungsgegenstände von Schiffen bestehenden Zollfreiheit ivird auf Antrag B r ö m c l von der Tagesordmmg abgesetzt, ebenso die Resolution, betreffend den Verkauf der künstlichen Süßstoffe. ES folgen Petitionen. lieber die Petitionen, betreffend den Transport Schwerkranker auf den Eisenbahnen, beantragt die Kommisfion zur Tagesordnung überzugehen. Das HanS beschließt so. Eine weitere Petition, betreffend die Sicherung der Banfordoruligcn, beantragt die Kommission der Regierung a l s Material zn ü b e r»v e i s e n. Abg. Werner(Autis.) bemerkt, die Petenten hätten geglaubt, dem Reichstag liege ein entsprechender Gesetzentwurf bereits vor. Das sei zwar»och nicht der Fall, er hoffe aber, die Regierung werde durch die Resolution veranlaßt»verde», einen solchen Gesetz- eiitwiirf recht bald vorzulegen. Damit schließt die Diskussion. Das Haus beschließt entsprechend dem Antrag der Kommisfion. ES folgt die Beratung der Petitionen betr. Einführung einer M a x i m a I a r b e i t s z e i t in der T e x t i l i n d u st r i e. Die Kommission beantragt Ueberlveisung als Material. Dagegen beantragt Abg. Dasbach(C.) Uebettveisung der ersten vier Punkte der Resolntioii zur Erwägung, der beiden letzten Punkte alö Material. Dieser Antrag findet keine U n t e r st ü tz n n g. Abg. Fischcr-Bcrlin(Soc.): In nahezu gleichlautender Form hat diese Petition bereits dem letzten Reichstag vorgelegen, und zwar einmal ansgchcnd vom christlich-socialen bez'.v. katholischen Arbeiterverein zu Burtscheid, zweitens von den organisierten katholischen TextilarbeiternBayerns. Das sind alles»vie gesagt christlich-soetale. katholische Arbeiter, so daß von socialdemokratischer Begehrlichkeit nicht gut die Rede sein kann. Gerade der Umstand, daß diese Petition von den katholischen Arbeitern ausgeht, beweist, wie übermäßig die Arbeitszeit auch von diesen Arbeitern cmpstindcn wird nnd man sollte meinen,»venu die Petition in so bescheidener Form von katholische» Arbeitern ausgeht, müßte das Centnini Mann für Mann für sie eintreten. Dabei' haben wir die wunderbare Erscheinung erlebt, daß, als vor Wochen diese Petition hier zum erstenmal vor das Hans kam, der Abg. Dasbach sie dem Ncichskanzler zur Berücksichtigung überweise» wollte; acht Tage später, alS die Petition abermals dem Hanse vorlag, hat er sich damit begnügt, die ersten vier Punkte dem Reichslanzler zur Er- wägnng zn überweisen, den Punkt 5 nnd 6 aber einfach als Material, auf gut deutsch: dem Papierkorb des Bundesrats z» nberantivortcn. (Sehr richtig! bei de» Socialdcmokraten.) Woher erklärt sich diese plötzliche Rnckwärtskonzentricrnng'<■ Man wird kanm fehlgehe», wenn man annimmt, daß es der Einfluß seiner Partei war, der ihn veranlaßt hat, seinen Standpunkt innerhalb acht Tagen zweimal zn wechseln, oder»venigstens einiger Elemente in seiner Partei. Vor drei Jahren hat sich der CciitnimSabgeordnete Frhr. v. Hertling gegen jede generelle gesetzliche Reduktion der Arbeitszeit erklärt, auch wenn sie ohne jede Schädigung der Interesse» der Unter- iichmcr durchführbar sei.(Hort! hört! bei den Socialdeniokratcn.) Er hat sich gegen dtz: gesetzliche Kürzung der Arbeitszeit einfach mit dem Argument gewandt, es sei eine Veimchteilignng der Landarbeiter damit ocrbnndcii. Freilich hat damals wenige Tage vorher ein andrer CcntruinSabgcordiicter, Herr Dr. Hitze, erklärt, nach seiner Ueberzeugiing sei der Zehnstundcntag ohne Schädigung der Industrie durchzuführen; er hoffe bestimmt, daß die Regiernng bald den elfstündigcn, vielleicht sogar den zehn- stnndigen Arbeitstag für alle Erwachsenen in der Industrie ein- führen ivürde. Uebcr die Notwendtykeit der in der Petition verlangten Be- schränkung der Arbeitszeit für den Textilarbeiter ans zehn Stunden sollte man bei uns gar nicht mehr reden müssen. Die Notwendig- keit und Möglichlcit einer Verkürzung der Arbeitszeit, nicht allein in der Textilindustrie, sondern generell, ivird von allen Fabrikinspcktoren bereits ganz offen zugestanden. Einer der jüngsten Arbeiterfrcnndc der»lationalliveralen Partei, Frhr. v. Heql. erklärte sich seiner Zeit gegen den zehlistündigeii Maximal- Arbeitstag, weil nach den Berichten der Fabrikinspektoren heule bereits in 80 Proz. sämtlicher Betriebe der zehnstniidige Arbeitstag erreicht sei. Das Widerstreben des Abg. Frhr. v. Hcyl' ist mir um so«/eiliger erklärlich, als dies giesultat nicht der Gesetzgebung zu verdanke» ist. sondern einzig und allein der Kampfeslust, KampfeSfrcudigkcit und Kampfcs- bereitschaft der deutschen Gcwcrkschastc». Ohne diese Kämpfe hätten die deutschen Industrie-Arbeitcr heute de» Zehnstnndelitag in dem angegebenen Umfange nicht erreicht, und sie werden ihn nicht erreichen, so lange sie auf das Wohlwollen der Regierung»varten, Ivenn nicht aus dem Hanse heraus ein gOviffer Druck auf die Regie- rung ausgeübt Ivird. Gerade für die Textilarbeiter trifft die Auf' fassnng, daß die gesetzliche Fixierung nicht notivcndig sei, iveil in andren Industrien die zehnstündige Arbeitszeit erreicht sei. nicht zu, uiid auch dafür liefern die Fabrinnspektorcii-Berichte den besten Bo lveis. Zivar ist in der Textilindustrie für die Frauen, und diese bilden in ihr einen ganz gewaltigen Prozentsatz der überhaupt beschäftigten Arbeiter, der Elsstundentag eingeführt- Aber gerade dieser E l f st u n d e n t a g zivingt natürlich die Männer zu gleich langer Arbeitszeit, so daß der Zehnstundcntag für sie viel schlverer als in andren Industrien zu erreichen sein»vird. Zudem sind in der Gewerbe-Ordnung eine ganze Reihe von Bestinnnungen gegeben, die es dem Arbeitgeber gestatten, die ArbeitSzeit-Bestimmung zu durch brechen. Deshalb spricht auch die Petition in der Vegrnndung aus drücklich davon, die Arbeitszeit schivanke zwischen 7 Stunden bei 'chlechtcm Geschäftsgang und 14 Stunden bei günstigem Geschäftsgang. Das geht auch aus den Berichten der Fabrikinspektoren hervor. So konstatiert der Fabrikinspcktor für Annabcrg, daß infolge der UeberarbeitSzeit der Textilarbeiter auch für die Komptoirarbeiler die Arbeitszeit von 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends und oft bis weit in die Nacht hinein aiiSgedchnt»verde. Der Erfnttcr Fabrikinspcktor 'agt, wo im Bezirk die neunstündige Arbeitszeit cingcsiihrt sei, habe re sich in jeder Beziehung bewährt, so daß ihre weitere Ausdehnung dringend»vünschenSlvett sei. Je kleiner aber der Betrieb— neben der Textilindustrie führt er besonders die Blumen- und die Wäschcfabrikation an—, um so länger sei die Arbeitszeit und uin so größer die Preisdrücknng. Der Fabrik- inspcktor für Baden sagt, ein großer Teil der nicht mehr ganz ugendlichen Textilarbeiterinnen, mindestens'aber vom 30. Jahre an. mache den Eindruck, als ob er das Leben im Zustande chronischer Uebermiidting zubttnge.(Hört! hört! bei den Soeialdemokraten.) Er fährt fort:„Schon das elfstündige Stehen verursacht im weiblichen Organismus ernstliche Störungen und es ist daher wohl zu verstehen, daß die Arbeiterinnen den Wegfall der mehr als 11 stündigen Arbeitszeit geradezu als Erlösung begrüßen. Daß der Zustand chronischer Ueberinüdung bei den Arbeiterinnen das sitt- liche Leben nicht fördern kann, ist ohne weiteres einleuchtend. Die Schwächung der körperlichen Widerstandsfähigkeit hat auch die Schwächung der Willenskräfte und damit die Untergrabung der Wurzel aller Sittlichkeit zur notwendigen Folge.(Hört, hött I bei den Socialdcmokraten.) Gerade die CentrumSpattei, die in den letzten Wochen ihr ganzes Gewicht uiid ihren Einfluß für die ls» Heinze angeblich im Namen der bedrohten Sittlichkeit in die Wagschale geworfen hat, hätte hier die beste Gelegenheit, ihren guten Willen zu bekunden, nicht indem sie für Verschärfung einzeliicr Strafparagraphcn eintritt, sondern mit uns wirkt für die gesetzliche Kürzung der Arbeitszeit.(Sehr richtig bei den Soeialdemokraten.) Was unsre inländischeu Fabrikinspektoren sagen, bestätigen die auswärtigen. In der Schweiz steht gegenwärtig die Ersetzung des clfstiindigen NoriualarbeitStagS durch den zehnsiiindigcn ans der Tagesordnung des politischen' Lebens. Da tritt der Fabrikinspektor Dr.>Schuler gerade im Hinblick auf die Textilindustrie lebhaft für den Zehnstundcilt'ag ein. Um die Rentabilität einiger veralteter und rück- ständiger Betriebe zu erhalten, dürfen doch nicht die Arbeiter leiden. Was aber viel mehr beiveist als alle diese theoretischen Erwägungen, die die Praxis nur bis zu einem gewissen Grad zur Seite haben, ist die Thatsache, daß die Länder, die heute bereits die zehnstündige Arbeitszeit in der Textilindustrie oder gar den Neilnstundciitag haben, an Leistnngsfähigkcitlallcu Ländern vor- aus sind, Ivo eine längere Arbeitszeit herrscht. England, das die höchsten Lohne und die' kürzeste Arbeitszeit hat, ist»ins gerade auf dem Gebiet der Textilindnstne weit überlegen. In Lacashire kommen z. B. auf 1000 Spindeln bei kürzerer Arbeitszeit nur 2,4 Mann, in Elsaß bei längerer Arbeitszeit 3,0, in Baden 0,2, in Sachsen 7,2 Mann und in Bombay, dem Dorado aller Unternehmer,»veil die Arbeitskraft dort an, billigsten nnd die AnSbentung am un- beschränktesten ist. gar 25 Mann' auf 1000 Spindeln zur Bedienung. Zudem haben die Spindeln in England eine höhere UmdrehungS- geschwindigkeit. Man schätzt den Vorsprnng gegen daö Elsaß anf 10 Proz. Dazu kommt, daß ein englischer Arbeiter 2V» mal mehr Maschinen bedient, als der clsässische. In England herrscht das bei uns verpönte tonstitntionelle Sustcn» in der Fabrik und die Arbeiter haben»venigstens bis zn� einem geivisjcn Grade in den Betrieb mit hineinzureden. Das ist allerdings ein Zustand. den Graf PosadowSky geradezu als Revolution, als socialdemo- kratischc Zukunftsmusik betrachtet. Und doch kommt dort auf 60—80 000 Spindeln nur ein Aufseher, während im Elsaß auf 15 000. in Sachsen auf 3—4000 Spindeln ein Aufscher konimt. Un- begreiflich muß es bleiben,»veShalb nicht die Unternehmer im eignen Interesse die Verliirznng der Arbeitszeit fordern. Hat doch der frühere englische ArbeitSmimster M u n d e l c» erklärt:„Es sind die langen Arbeitsstunden der fremden Arbeiter, die nnö» die Engländer, gegen ihre Konknrrenz schützen." Wir können noch ein Land zum Beweise heranziehen, das beispielsweise für die sächsische Tcxtilindnstrie als gefährlichster Kon- knrrcnt erscheint: die böhmisch-mährische Textilindustrie. Dort hat infolge der Maibcivegnng des vorigen Jahrs eine Arbeiterschaft von 00000 Köpfen den zehnstündigen Arbeitstag errungen, genau ivie bei uns gegen den Willen der Regierung nnd dci: Uiiteniehmer. Die östreichischen Scharfmacher haben damals eine Proklamation erlassen, lvorin mit Bedauern konstatiert wird, daß eiiizelne Unternehmer dem Verlangen der Arbeiter»ach Derliirziiiig der Arbeitszeit ohne größeren Widerstand nachgegeben hätten, dadurch sei für die ganze Industrie Ocstreichs ein gefährliches Präjudiz geschaffen. Ein Unternehmer in Brünn dagegen, der bereits vor' zwei Jahre» ans eigner Initiative den zehnstündigen Arbeitstag eingeführt hat. erklärt, daß die Lcistungsfähigteit seiner Arbeiter dadurch nicht im geringsten verändert sei. denn die aus-. geruhten Kräfte hätten infolge der intensiveren Arbeit dasselbe und noch mehr geleistet. Der Verein der Textilstnhlarbeiter hat anf seiner Gcneralvcr- sammlung im vorigen Jahre eine gesetzliche Verkürzung der Arbeits- zeit bis 8 Stnndcii' gefordett, und dies ist eine freisinnige Vereinigung, in der sogar jedes Mitglied einen Revers nntcrzcichneii muß.' daß er nicht socialdcmokratischc Gesinnung hat. In Krefeld hatte die Beivegnng ebenfalls die Erreichung de? Zehn- stnndentags zur Folge; in Mühlhansen Ivar eine Bewegung mit dem gleichen Ziel im Gange nnd als in den letzten Tagen der 42 000 Mann fassende Texlilarbciter-Vcrband in Gößnitz in Altenburg versammelt Ivar, Ivar einer seiner wichtigsten Beschlüsse. einzutreten für die Verkiirziing der Arbeitszeit. Die Unternehmer verkürzen ja je nach dem Stande des Geschäfts die Arbeitszeit. Der süddeutsche Baniuwollen- Jndustriellenverein faßte in Stuttgart den Beschluß, die Produktion von 15 auf 17i/s, ja anf 35 pCt. zu be- schränken. Bei flottem Geschäftsgang müssen die Arbeiter sich bis zu 14 Stinidc» ivahnsinnig abrackern, bei schwachem sich einer ProdnktionSbeschränknng' unterwerfen, die gelvöhnlich Hand in Hand geht mit Lohndrückerei. Auch der Fabrik- Inspektor in Erfurt hat gesagt: Die längste Arbeitszeit geht immer Hand in Hand niit den schlechtesten Löhnen. In England, Ivo die Unternehmer mit denselben Prakttken den Forde» run'gen der Arbeiter entgegentreten, haben die Textilarbeiter vorgeschlagen, im Fall eines schlechten Geschäftsgangs»ach Einsicht» nähme in die Geschäftsbücher der Fabrikanten die Arbeitszeit zu reduzieren, die Zahl der überflüssigen Kommissionäre zu beschränken nnd den darauf entfallenden Betrag auf den Lohn zu legen. Wiederholt hat der Reichstag bereits die Verkürz»«»g der Arbeitszeit für Ertvachseue im allgemeine» gewünscht. 186» beantragten die Konservativen für die Landarbeiter den ILstündigen NornialärbeitStag, 1877 hat das Centrum Erhebungen seitens der Regierungen beantragt, inwielveit eine Reduktion' der Arbeitszeit möglich und notwendig sei. 1890 und 1891»vnrde der llstiindige Arbeitstag für die Arbeiterinnen geschaffen und dem Bundesrat in 8 120o die Befugnis gegeben, von der llstündigen Arbeitszeit Abweichungen anzuordnen. Aber bei den, bekannten Ein» fluß, den die Unternehmer anf nnsre Regierung ausüben/ hat der Bundesrat von dieser Vollmacht keinen Gebrauch gemacht. 1894 und 1897 wurden abermals Erhebungen beschlossen. Wir wollen nun freilich nicht beim Textilgclverbe und auch nicht beim gehnstuuden-Arbcitstag stehen bleiben, aber>vir lvcrden für diesen Antrag eintreten,»veil er jedenfalls ein Schritt vorwärts ist. Die Gewerbc-Jnspektoren sind einstimmig der Meinung, daß spccicll die Hausindustrie derselben Wohlthat teilhaftig»verde» müsse und es ist sehr bedauerlich, daß die Gesetzgebung kein Mittel hat, diese» Arbeitern den für die Fabrikarbeiter festgelegten Elfstnnden-Arbcitstag zu geben.' � Daß Herr Dasbach angesichts all dieser von mir erwähnten Thatsache» nur den Antrag auf Erwägung gestellt hat, ist mir nur verständlich, iveil er der EentrumSpartei angehört, die vor drei Jahren einen ähnlichen Frontivechsel gemacht hat, als»vir den Achtstundentag zur Beratung gebracht hatten. Da hat Herr Hitze am ersten Tag den Antrag eingebracht, die 63stü»dige Arbeits- zeit pro Woche für alle Arrbeiter über 16 Jahre einzuführen und acht Tage später hat Herr Hertling im Namen der CentnimSfraktion»mr noch den Antrag auf Anstellung einer Enquete gestellt, in»velchcn Betriebe» die Gesundheit der Arbeiter durch über- mäßig lange Arbeitszeit gefährdet werde, mit dem weiteren Antrag, daß der Bundesrat in solchen Betrieben von der ihm auf Grund des 8 120o erteilten Befugnis Gebrauch machen solle. Das Centn»» hat sich seitdem um daS Schicksal dieses Antrags nicht mehr gekümmert mid der Bundesrat hat es nicht für nötig gehalten, ihm Folge zu geben, da es sich ja bloß um die Interessen der Arbeiter handelte. Wenn die Unter- nehmer mit solchen Anträgen koinmen. da ist der Bundesrat sofort bereit, dem Folge zu gebe»», wenn auch die unfähigsten Elemente mit solchen Aufgaben betraut iverden, wie bei dem Streikerlaß,»vo die Polizisten, die zur Eruierung dieser Sachen unfähigsten Elemente in Bewegung gesetzt»verde» und»vie es bei der Zuchthausvorlage war, die sich anf unbeweisbar« und erlogene Bchanptnngr» einer Tenkschrist stützte. Wenn wir uns also auch nicht der Hoffnung hingeben, daß die Regierung diesem Antrag sympathisch gegenübersteht, so muß wenigstens der Reichstag durch seinen Beschluß bekunden, daß die Zeit der Reduktion der Arbeitszeit gekommen ist. Ich stelle daher den Antrag, daß die Petition der Regiernng nicht bloß als Material, sondern zur Benicksichtigung überwiesen wird.(Beifall bei den Soeialdemokraten.) -"'»trag des Abg. Fischer findet nicht die genügende U» t c.. tz n Ii g..- ' Abg. Freiherr Von Stnmm(Rp.): Bei der schwachen Besetzung des Hauses halte ich die Erörte rung der äußerst wichtigen Frage des NormalarbritstagS nicht für angebracht und will nur ganz kurz auf die Ausführungen des Vorredners eingehen. Er wies auf die Gcsundheitsschädlichkeit her Arbeit in den Betrieben hin. Wo aber eine solche besteht, hat ja vtich jetzt schon der Buiidesrat das Recht, eine Verkürzung der Arbeits- geil anzuordnen. Der.Vorredner sprach auch von dem Schutz der Textilarbeiter in England. Von solchem gesetzlichen Schutz weiß ich nichts. Was die Arbeiter dort haben, das haben sie neben dem Gesetz niit den Arbeitgebern vereinbart. Dasselbe steht ja auch bei uns .dcinArbeiter zu. Auch von dem konstitutionellen System in den englischen Fabriken habe ich noch nichts gehört, ebenso wenig wie von der Ueberlegenheit der englischen Textilindustrie, die nach dem Vorredner auf der kürzeren Arbeitszeit beruhen soll. Für den Antrag der Kommission auf Ueberweisung dieser Petition als Material iverde ich ebenfalls stimmen, da eine Prüfung der Verhältnisse dieser Arbeiter gewiß notivendig ist. Abg. Baudert sSoc.): Ich bedaure sehr, daß unser Antrag nicht die genügende Unter- stiitzung gefunden hat, um so mehr, da der Vertreter der Regierung in der Kommission erklärt hat, daß die von der Petition angeführten Thatsachen der Regierung nicht bekannt seien. Thatsache'ist aber, daß alles, was in dieser Petition steht, vollständig zutrifft; ja, daß die Petition die schlechteste Form zur Bcgriindung ihrer Forderung gclvählt hat. Der Textilarbeiter- Verband ist dabei. eine Aufstellung über die Lohn- und Arbeits- Verhältnisse der Textilarbeiter vorzunehnien. Daraus geht hervor, daß die Arbeitszeit viel zu lang und. die Löhne sehr schlechte sind. In einer Fabrik ist festgestellt, daß von 121 Webern, die dort be- schästigt sind, ein einziger wöchentlich über 18 M. erbält. zwei über lö M-, fünf über 15 M., 17 über 11 M. und 46 über 9 M. (Hört! hört! bei den Socialdemokratcn). Von 201 Weber», die in derselben Fabrik unter denselben Bedingungen arbeiteten, erhalten gegenüber der so besser entlohnten Hälfte: unter 0 M. 40, unter 8 M. 51, unter 5 M. 19, unter 1 M. 11, unter 3 M. 2. unter 2 Mark 3. Wenn auch diejenigen Arbeiter, die 2, 3, 4 Mark erhalte», jugendliche und zum Teil gevrechliche Arbeiter sind, so erhält doch der weitaus größte Teil der Weber pro Stunde 2 Pfennig.(Hört! hört! bei den Socialdemokratcn.) .In diesen Betrieben sind auch äußerst viel weibliche und jugendliche Arbeiter beschäftigt. Die Zahl der weiblichen Arbeiter von 10 bis 21 Jahren, die im Jahre 1895 bei den Textilarbeitern 121071 betrug, ist in zwei Jahren ans 124154 gestiegen. Auch die Zahl der Arbeiter über 21 Jahre, von denen doch ein großer Teil schon verheiratet ist. ist gestiegen von ca.202000 imjJahre 1895 auf ca. 210j(XK) iin Jahre 1807. Dabei ist die Arbeit dieser Arbeiterinnen durchaus keine leichte. Wenn auch die physische Kraft der Arbeiterinnen, die in Spinnereien beschäftigt sind, nicht mehr so ausgenützt ivird wie früher, wo die Maschinen noch der thätigen Mithilfe der Arbeiterinnen bedurften, so ist doch auch heute die Arbeit der Arbeiterinnen bei den komplizierten Maschinen eine so geisttötende, daß sie jede andre Willensäußerung der Arbeiterinnen nach und nach vernichtet. Es ist daher gerade in diesen Betrieben eine Verkürzung der Arbeitszeit dringend notivendig, da heute eine 14- ja lOjtüudiqe Arbeit häufig die Regel ist. In den Färbereien und Bleichereien werden zwar weniger Frauen und Mädchen beschäftigt, aber die Arbeit ist auch für die männlichen Arbeiter ganz besonders gesundheitsschädlich, da die Arbeit häufig 15. 10. ja 17 Stnndcn dauert.(Hört! Hört! bei den Socialdemo- kratcn.) lind man muß staunen, was da für miserable Löhne ge- zahlt werden. Ein Lohn von 10—17 Pf. pro Stunde ist selbst bei männlichen Arbeitern das übliche. Dabei müssen die Arbeiter den ganzen Tag diese schädlichen Dünste, die das Färben mit sich bringt, einatmen, und sie belömmen den Winter über und auch dann, wenn das Geschäft schlecht geht, dieselben Löhne. Da muß man doch staunen, wie bescheiden die Forderungen dieser Arbeiter sind, und wie hartnäckig die Unternehmer diesen bescheidenen Forderungen Widerstand leisten. Gerade die Herstellung und Verarbeitung der Knnstwolle und der Knustgarne zieht heute die Gesundheit der Arbeiter mehr in Mitleidenschaft als das früher der Fall war. Wer einmal einen derartigen Arbeitssaal betreten hat. ivird sich zu dem eigentümlichen Geruch, den die chemischen Substanzen verbreiten, und nach dem feinen Staub, der sich in Lunge und Atmnngswcrkzenge setzt, nicht zurücksehnen. Wer einmal in die bleichen Gesichter dieser Arbeiter geblickt hat, muß mir recht geben: wir dürfen über eine solche Petition nicht im Handumdrehen hinweggehen. Der Abg. Dasbach und andre Ecntrumsabgeordnete haben im christlich-socialcn Textilarbeiter- Verband oft schöne Reden gehalten, und das ist vielleicht die An- rcgung zu dieser Petition getvesen. Wenn es sich aber darum handelt, thatsächlich Verbesserungen herbeizuführen, dann sind die Herren nicht zu haben. Und das wird hoffentlich den Arbeiter» mehr und mehr die Augen öffnen.(Bravo! bei den Social- demokratcn.) Vicepräsident Schmidt: Ich muß noch einmal auf die Rede des Abg. Fischcr-Berlin zurückkonimen. Der Herr Abgeordnete sprach so schnell, daß er nicht überall deutlich verstanden werden konnte. Der stenographische Bericht crgiebt, daß der Herr Abgeordnete gesagt hat, die sogenannte Znchthausvorlage stütze sich ans unbeweisbare und erlogene Be- hauptnnge» einer Denkschrift. Eine solche Bemerkung über eine diesein hohen Hause namens der verbündete» Rcgiernngcn vorgelegte Denkschrift ist durchaus unzulässig.(Zuruf bei den Sociaidcmo- kraten: Aber wahr!) Ich rufe den Herrn Abg. Fischer daher zur Ordnung! Abg. Stolle(Soc.): Aus den Berichten der Fabrikinspektoren geht hervor, daß die meisten Unfälle einzig und allein Folgen der langen Arbeitszeit sind. Wenn das hier durch die Beamten konstatiert Ivird, die sich niit der Sache beschäftigt haben, so ist es gewiß sehr charakteristisch, daß gegen die Beseitigung dieser Uebelstände von den übrigen Parteien Widerstand geleistet wird. Es ist recht sonderbar, daß dem An- trag Fischer nirgends auf der andren Seite des Hauses zu- gestimmt wurde. In den Berichten der Inspektoren wird z. B. dargelegt, daß, als einmal einer Fabrik von der Polizei die Er- lanbnis erteilt wurde, noch eine Stunde länger zn arbeiten als schon üblich war, sich kein Arbeiter bereit erklärte, weiter zu arbeiten. Be- tveiS genug, daß es im Interesse der Arbeiter liegt, die Arbeitszeit zu verkürzen. In dem Jnspektionsbezirk Zwickau sind bei Sontags- arbeit innerhalb eines Jahres mehr als 43 000 Stunden Ueber- arbeit geleistet. Was nützt da die SomttagSruhe, wenn zu jeder Zeit die Erlaubnis erteilt wird, am Sonntag doch zu arbeiten? Eben dort hatte ein Arbeitgeber in einer Ziegelei 19 Tage hindurch zwei Stunden länger arbeiten lassen als zulässig war. Es wurde Anzeige erstattet und das Schöffengericht verurteilte den Arbeitgeber zu einer Strafe von 22 M. Wenn derartige Verhältnisse einreißen, brauchen wir uns über die vielen Unglücksfälle nicht zu wundern. Jedenfalls wäre es durchaus gerechtfertigt, die Petition zur Berück- fichtigung zu überweisen. Ich bedauere, daß unser Antrag von den andren Parteien nicht unterstützt worden ist. Die Arbeiter werden wissen, was sie von dieser Haltung dieser Parteien zu halten haben. Die Textilarbeiter im besondren aber werden immer wieder ans ihre Forderung zurückkommen, bis endlich Wandel geschaffen ist. (Bravo! bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Hitze(C.): Die Socialdemokraten haben heute gegen meinen Freund Dasbach dieselbe Anklage erhoben, wie vor einiger Zeit der „Vorwärts". Mein Freund Dasbach hat den Antrag auf Heber- Weisung zur Berücksichtigung nur deshalb fallen lassen, iini eine recht große Majorität für seinen ersten Antrag zu gewinnen. WaS die Stellung meiner Fraktion anlangt, so haben wir schon seit 1884 immer'wieder den Versuch gemacht, die Arbeitszeit herabzusetzen. Zfiir haben vor 2 Jahren den Antrag gestellt, eine Marünal-Arbeits- Woche von 63 Stunden festznietzen. Wir haben für diesen Autrag keine Majorität' gefundeu. Aus untren. Antrag haben weiter Er- Hebungen über die Arbeitsdaner stattgesunden. Jetzt aber den Autrag auf Berücksichtigmig zu stellen, wo wir genau wissen, daß er nicht angenommen wird, halten wir nicht für angemessen. Wird der Antrag ans Ueberweisung als Material all- gemein angenommen, so wird die Berechtigimg des Grundgedankens der Petition ebenfalls zum Aiisdnick gebrächt, und die Regierung ist dann ebenfalls veranlaßt, sich mit der Sache weiter zu beschäftigen. Ich bitte Sie daher, für den Antrag der Kommission zu stimmen. (Bravo! im Centrun,.) .Abg. Fischcr-Berlin(Soc.): Der Herr Abg. Hitze meinte, der Antrag Dasbach sei nur deshalb iu seiner ursprünglich schärferen. Form gemildct worden, um eine möglichst große Majorität zu finden. Ich konstatiere dem gegenüber, daß sich die Mitglieder des Eeutninis schon in der Kommission gegen den Antrag auf'Bcrncksichtignng erklärt haben, und daß kein Mit- glied des Centrums den Antrag Dasbach unterstützt hat. Ich zweifle nicht daran, daß Herr Hitze Und ciuige andere Mitglieder des CeiitrUmS aus dem Standpuukt stehen, deii Herr Hitze vor 2 Jahren dargelegt hat. Aber das ist nicht der Standpuukt seiner Partei. Herr Hitze hat auch damals ausgeführt, daß heute schon nach den Berichten der Fabrikiiispektorcn in 80 Proz. der Betriebs der zehn- stündige Arbeitstag eingeführt sei. Damals aber nahm man erst noch die Resolution Hertling an, erst eine Enquete zn veranstalten, in welchen Betrieben eine übermäßig lange Arbeitszeit stattfindet. Die Resolution hatte also nur den Sinn, die Sache zu verschleppe». Wie gesagt, die Centrumspanei ficht nicht auf dem Standpunkt, de» Herr Hitze eingenommen hat. Die Herren sollten nur ihren ganzen Einfluß in die Wagschale werfen. Dann wären wir in Deutschland längst so weit wie Oestreich tmd die Schweiz: dann hätten wir den Zehnstiliidentag. Es fehlt nur an dem gute» Willen des CcntrumS, und es liegt an der eigenartigen Zusammensetzung dieser Partei. Diese Zusammensetzung bringt die halbe und lahme Haltung dcS CcntrumS in allen Arbeiterfrage» mit sich. Mit der Versicherung, sie sei arbeitcrfrcuiidlich und geneigt, den Arbeitern entgegenzukommen, kann es beinahe mit der Regierung konkurrieren, die seit fast t0 Jahren die Befugnis des ß 120 s hat, aber trotz der schreienden Mißstände, von denen die Fabrik- nispcktoren berichten, niemals Gebrauch gemacht hat. Wenn Herr v. Stumm erklärte, er hätte noch nichts gehört von Einrichtung koustitntioueller Verhältnisse in englischen Fabriken, so ist das noch kein Beweis dafür, daß sie nicht besteht. Ich verweise Herrn v. Stumm mir ans die gleitende Skala im Bergbau, wo nach Einsichtnahme in die Geschäftsbücher und je nach dem Stand der Preise und der Absatzverhältnisse der Lohn der Bergarbeiter fest- gesetzt ist.(Bravo! bei den Socialdemokraten.) Abg. Dr. Hitze(C.): Gegenüber dem Herrn Vorredner bemerke ich folgendes zur Richtigsiellnug. Wir haben seiner Zeit den Antrag auf Einführung 03stüi>digeu Arbeitszeit pro Woche gestellt, den auch Herr v. Hertling unterzeichnet Majorität für diesen sei. und ich stellte weiteren Antrag, daß gefordert werden mögen. hat. Wir erkannten dann, daß eine Antrag im Hause nicht zu haben daher neben diesem Antrag den die verbündeten Regierungeu auf- von ihrer Befugnis bezüglich Anordnung des sanitären Arbeitstags mehr als bisher Gebrauch zu machen und Erhebungen nach dieser Richtung hin anzustellen. Dieser Antrag war also nicht ein Evcutualantrag, sondern neben dem andern ge- stellt, und auch Herr Freiherr v. Hertling ist für denselben ein- getreten. Daß wir den Antrag auf Berücksichtigung dieser Petition in der Kommiision und im Plenum nicht unterstützt haben. trotzdem wir eigentlich für Bcriicksicküigung sind. liegt eben mir daran, daß wir aus gcschäftsordmliigsmaßigen taktischen Gründen der Ansicht sind, daß es wirksamer ist, wenn eine große Majorität deS Reichstags sich auf den Beschluß einigt, die Petition der Regierung als Material zu überweisen. Wenn uns Herr Fischer das Gc heinmis verraten könnte, wie wir den BundeSrckt mit Erfolg in Be wegung setzen können, würde ich ihm sehr dankbar sein. Abg. Fischer(Soc.): Ich kann ja dem Abg. Hitze nachfühlen, daß ihm die Gegcir iiberstellung, die ich vorgenommen habe, unangenehin ist, aber ich kann ihm zu Liebe doch nicht Thatsachen aus der Welt fälschen. Die Widersprüche zwischen ihm und Herrn v. Hert- ling sind eben Thatsache und daran ändert nichts, daß sich jetzt Herr- Hitze für Herrn v. Hertling opfert und erklärt, er stehe auf dem Bode» des abgeschwächten Hertliugschen Antrags. Wcim Herr Hitze von mir verlangt, ich solle ihm sagen, wie er den BnndeSrat veranlassen könne, seinen Wünschen Folge zu geben, so brauche ich mir doch nicht den Kopf des Centrums zn zerbrechen. Das Centruin weiß doch sonst seinen Wünsche» Geltung zu verschaffen, Innd wenn cS ihm in dieser Frage Ernst wäre, so würde es diesen Wunsch mit der Kraft seines ganzen großen parlamentarischen Schwergewichts vertrete« und die Regierung zwingen.(Sehr gut! bei den Socialdemokraten.) Unter großer Heiterkeit des Hauses nehmen die Abgg. Dr. Hitze(C.) »nd Fischer(Soc.) noch je dreimal das Wort, um bei ihren Be- hanplimgen stehen zu bleiben, Hierauf wird die Diskussion geschlossen. lieber die Petition wird dem Antrage der Kommission gemäß beschlossen. Die Petition wird der Regierung als Material überwiesen. Hierauf vertagt sich das HanS. Präsident Graf v. Vallestrcin teilt dem Hause mit. daß soeben von den Abgg. D e i n h a r d t(natl.) und Genossen die folgende Interpellation eingebracht worden sei:„Die Unterzeichneten richten an die verbündeten Regierungen die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt die Nbänderung des bestehenden Weingesetzes zu er- warten ist." Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr.(Interpellation wegen der Ab- änderung des WeingesetzeS. Petitionen.) Schluß 5'/« Uhr. Z�svlkttnvnkKvifchvs« UnfallverficherungS-Kommissto». I» der Sitzung am Donnerstag sollte der vom Abg. Tnmborn ausgearbeitete Bericht zur Besprechung kommen. Bor Eintritt in die Tagesordnung stellten die Socialdemokraten den Antrag, daß der Bericht auf die nächste Sitzung zurückgestellt werden sollte, da es unmöglich gewesen sei, das umfangreiche Aktenstück durchzusehen; den Mitgliedern war nämlich der Bericht am Morgen des vorher- gehenden Tages zugestellt worden. Da die Mitglieder der Kom- Mission soivohl durch die Verhandlungen in der Kommission als auch im Plenum des Reichstags den größten Teil deS Tags hindurch in Anspruch genommen waren, so war es ihnen auch beim besten Willen nicht möglich, sich mit dem Inhalt des Berichts auch nur oberflächlich vcr- traut zu machen. Der socialdemolratische Antrag fand lebhasten Wider- pruch. Nach längerer Beratung und nachdem die verschiedenstsn Vorschläge gemacht worden waren, verständigte sich die Kommission dahin, daß sofort in die Beratung eingetreten werden sollte, am Freitag jedoch etwaige weitere Bedenken noch zur Besprechung gebracht werden könnten. Bezeichnend war es, daß bei der nun folgenden Besprechung des Berichts zwar die Regierungsvertreter mehrere Ausstellungen zu machen hatten, daß aber den Mitgliedern der Kommission, abgesehen von dem Vorsitzenden, auch nicht eine einzige Stelle im Bericht auf- gefallen war. Schließlich machten die Socialdemokraten aufmerksam, daß eS am besten wäre, wenn zugleich mit dem Bericht über das Gewerbe-UnfallversichernngS-Gesetz der über das Mantelgesetz erschiene, weil im Plenum daS Mantelgcsetz entweder zuerst zur Beratung kommen würde oder doch wenigstens bei der Stellung« »ahme zun, Gewerbe-UnfallverficherungS-Gesetz berücksichtigt werden müßte. Diesen Ausführungen wurde von der Kommission zu- gestimmt und beschlossen, daß der Bericht über das Mantelgesetz, der heute abend noch an die Kommissionsmitgliedcr gelangt, eben- falls morgen schon zm-ucLiuumj u-iumcii Sitzung am Freitag sol.eii mm die von den gir Beratung kommen soll. In der nächsten ocialdemokraten etwa noch vdrzubriugelideli Monita erledigt werden und dann die Be- ratung des Sec-Uufallversichermigs-Gesetzes fortgesetzt werden. Die Konimission zur Beratung der Seemanus-Ordnung kam in ihrer Dounerstag-Sitzuiig über bei,)$ 4 nicht hinaus. Anlaß zn der die ganze Sitzung ausfüllenden Diskussion gab folgender socialdcmokratischer Antrag:„Die Errichtung und Verwaltung von SechnannSä, uteri, wird durch ein besonderes Reichsgesctz geregelt, das gleichzeitig ein Ober-SeeinamiSamt als Reichsbchörde einzusetzen hat. Bis zu dieser Regelung sind Scemamisämter innerhalb des Reichs die Musterungsbehörden der eiuzelileil Bundesstaaten und im Auslände die Konsulate des Deutschen Reichs. Diejenigen Konsuln jedoch, welche Mitinhaber oder Agenten der Reedereien sind oder in sonstigen geschäftlicheii Beziehlingeii zu denselben stehen, sind von der Wahrnehmung der Geschäfte eines Seemamisamts ausgeschlossen." Aus Wunsch der Äiitragstcller wurde der Antrag getrennt behandelt. Der erste Teil bezieht sich im wesentlichen auf die Seemauusämter im Inland und bezweckt die Beseitigung des bestcheuden ZnstandS, wonach die Seemannsämter den Laiidesbchörden unterftellt und des- halb in den verschiedenen Bundesstaaten verschiedenartig organisiert sind. Die Rcgierungsvcrtreter erklärten den'ersten Teil des Antrags insoweit für unannehmbar, als dadurch die Seemannsäinter in Reichs- Institutionen unigewandelt werden sollten. Soweit eine den Wünschen der Seeleute einiger- maßen entgegenkoinniende organisatorische Regelung in Frage kommt, wurden priiicipielle Einwände von der Regierungsseite nicht erhoben. In dieser Richtung bewegte sich auch die übrige Diskussion. Der erste Teil des socialdeinokratischen Antrags wurde zurückgezogen und ein vom Abg. Schräder(frs. Vg.) gestellter Antrag angenommen, wonach dem§ 4 die Bestinlnunig hinzugefügt wird, daß bei Ver- Handlungen in Strafsachen der Vertreter des SceniaimSamts zwei sachverständige Beisitzer hiiizuznziehen hat, wovon einer ein befahrener Schiffs», ann sein oder gewesen sein niuß. Der zweite Antrag der Socialdeuiokraten wurde mit allen gegen die Stimmen der drei Antragsteller abgelehnt. Gegen eine Stimme wurde ein Antrag angenommen, welcher bezweckt, kaufmännische Kon- silll, von Entscheidungen über Beschwerden der Schiffsmannschaft über die Seetüchtigkeit des Schiffs und die Beschaffenheit des Pro- viants in solchen Fällen auszuschließen. Ivo es sich um ein Schiff handelt, an dessen Reederei sie selbst beteiligt sind oder an den, sie sonst ein persönliches Interesse haben. Ans dev Frouenbemegung. Im Verein für Franc» und Mädchen der Arbeiterklasse sprach Fräulein Adele Schreiber über die Arbeiterin als Mutter. Die Reonerin legte dar, ivie die kapitalistische Produktionsweise die Arbeiterin an der Erfüllung ihrer Multerpflichten verhindere, Mütter und Kinder schwer schädige.' Sie betonte jedoch, auf den Züricher Jutcrnatioilalci, Arbeiterschutz-Kougreß von 1897 verweisend, daß das Verbot der Arbeit verheirateter Frauen in der Großindustrie mir Vernichrung der Heimarbeit, Ausdehnung des Konkubinats, Abhängigkeit der Frau vom Maini, Hemmung der geistigen und politischen Entwicklung der Frau erzielen würde'. Referentin stellte in Ergniiznng deS Züricher Programms, welches 44stündigc wöchentliche Frauenarbeit, achtwöcheutliche voll entschädigte Pause für Wöchnerinnen und Aufhebung der Gesinde-Ordnmlg' verlangt, noch nachstehende Forderungen ans: Ausgedehnte Nckoiivalcszentcn- Fürsorge für Wöchnerinnen, Subvention von Müttern, die selbst stillen, Abgabe billiger, kontrollirter, sterilisierter Milch in Porti onsfläschchen, staatliche Krippen und Horte für die Kinder während der mütterlichen Arbeitszeit, Asyle für schonungS- bedürftige Schwangere, namentlich für llnvcrheiratcte, Heime für die vorübergehende Untcrlunft von Kindern bei Erkrankung oder Not- läge der Mutter, Ucbcrwachniig der Heimarbeit und die Anstellung weiblicher Inspektoren. Die Rednerin schloß mit den Worten: Der Arbeiterin, welche allzulange ein williges Ausbeutnilgsobjekt gewesen sei, müsse man nicht das Dichterwort znrnfen:„Dienen lerne daS Weib", sondern: „Fordern lerne das Weib", fordern für sich und für ihre Kinder. Nach dein mit lebhaftem Beifall aufgclionnncncn Vortrag teilte die Vorsitzende mit, daß der nächste Vereinsabend am 7. Mai stattfinde nild Herr Rechtsanwalt Victor Fränkcl neben einem Vortrag das Vcreinsrecht der Frauen erläutern werde. Lomlllvmola'iitisclter Walilverein f. den 3. Bevlinei' Reielistags-Wahlkreis. Todes- Zluzeige. Am Mittwoch, Den 25. April, starb unser Mitglied Villielm Ragrotzki. Die Beerdigung findet Sonntag- nachmittag 3 Uhr von der Leichenhalle an- Urban nach dem Freireligiösen Friedhof, Pappel-Mee. statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Oer Vorstand. Centraiverein der Bildhauer Deutschlands. Am 25. d.M. verstarb nach langem, schweren Leiden unier langjähriges treucS Mitglied der Stcinbildhauer Max Sanpe. Ein ehrendes Andenke:', be- wahrt ihn, via Venvaltungistoll« Berlin. Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 3 Uhr, vom Städtischen Krankenhanfe Moabit, Birkcnftr. 62/03 aus nach dem Neuen«t. Johannis- Kirchhos in Plötzcnsee statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet vor Vorstand. �odes-�znzetge Hierdurch die traurige Mit- teilung, daß unser Mitglied, der Maler 1121/10 Emil Zaabel am 23. April, nachnntt. 2y2 Uhr, im Krankcnhauie„Moabit" an Lungenentzündung verstorben ist. Die Beerdigung findet Freitag- nachmittag 4 Uhr>wm Krankeithause Moabit aus auf dem Frelreligiösen Kirchhof statt. Central-Ardeltenacitvel» der Maler, Filiale II, Berlin. Unfteut wackren Kollegen und braven Mitstreiter(8818 Emil Koppen znr silbernen Hochzeit) iliisreW.A'Miitm! Wir hoffen, daß Du noch lange I 'n unsren Reihen wirken mögest! s Die Drechelerkontntfselon. CeiM-Kmlkeil- u. Sterbe- kaffe der Tischler Filiale Berlin C. MMer-BechMlW Sonntag, den 29. April, vormittags lO'/a Uhr, bei Werner, Bülvw- straße 59. Tages-Ordiiung: 1. Abrechnung vom I. Quartal. 2. Verschiedene Kai'cnangelegenheiten, Um zahlreiches und pünktliches Er- schemen ersucht 182/6) Tie Drtsverwaltung. Ceiitrul-Kraiiktil- u. Sterbe- rufe der Tischler u. andrer gewerblicher Arbeiter (E H.. Hamburg) kDrtevertvaltimg Berlin D) Sonntag, den 29. d. W., vormittags 10 Uhr, im Lokal AM- Stromstr. 28, MMer-BechlnililW. Tages-Ordnung: l. Kaffcnbericht vom 1. Quartal 1900. 2 Wähl eines Ausnahme-Arztcs 3. Kaffenniigelegen- Helten.— Mitgliedsbuch legitimiert l Um zahlreiches Erscheinen ersucht Tie Qrcsverwaltung. XL. Nächsten Dienstag findet kein« Sprechstunde statt. 182/7 Sch ii Uze, tVasserthorstr. t/2, I. Behaiidlnug aller Haut-, Harn- und Blasenleiden ohne I jegliche Bernfsstörtilig. 39731.- 1 Sprechstunden 9—2 u. 6—9. Donnerstagvormittag(eint _ Sprechstunde. Bei Borzeigmig der j VerbandSknrie 10 Proz. Kur de» Inhalt der Inserate übernimnit die Redaktion dem Publik,,«, gegenüber keinerlei VerantUiortniig. Tszenkev. Freitag, den 27. April. LpernhanS. Ter Bärenhäuter. An- fang 7lA Uhr. SchanspieliianS. Der König von Roi». Ansang 7>/z Uhr. Tentschcs. Ter Probekaudidat. An- fang 7,/z Uhr. Lessing. Der Pfarrer von Kirchfcld. Anfang 7Vz Uhr. Berliner. Der Hüttenicsitzer. An- sang 7'/z Uör. Neues. In, Exil. Vorher: Frau Sonne. Anfang?>/, Uhr. Residenz. Die Daine von Maxim. Ansang 7>/z Uhr. Westen. Fra Diavolo. Anfang 7'/z Uhr. Gchiller. Gebildete Menschen. An fang S Uhr. Thalia. Im Himinelhof. Anfang 7V, Uhr. Luisen. Wilhelm Teil. Anfang 8 Uhr. Central. Berlin nach Elf. Anfang <-/, Uhr. Velle-Zllliance.§ 184. Anfang 8 Uhr. Carl Weist. Der Minenkönig von Transvaal. Anfang 8 Uhr. Victoria. Die Eirlus-Fee. Anfang 8 Uhr. Friedrich- Wilhelmstädtisches Meyer auf der Pariser Welt-Aus slellnng. Anfang 8 Uhr. Metropol. Sveciaiitäleiivorstellung Die verkehrte Welt. Anfang 8 Uhr. Apollo. Specialitäten- Vorstellung In, Reiche des Jndra. Anfang 8 Uhr. Palast. Specialitäten- Vorstellung Eine alte Geschichte. Anfang 8 Uhr. Rcichshallen. Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage> Panaplitnni. Specialis tälen-Vorstellung. Urania. Invatidenstr. KV/KL Täglich abends von 5—10 Uhr Sternivarte. Taiibenftraste 48/40. Abends 8 Uhr(im Theatersaal):„Bon den Alpen zu», Vesuv" Urania TnubciiMtrasse.I8/ IO. Im Theater abends 8 Uhr: „Von deu Alpeu zum Vesuv; InraliilcnMtr. 57/H9: 1. Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr, SWerÄfilittt iWallner-Thealer). Freitag, abends 8 Uhr: vodllcket« Zlesnolien. volksstück in 3 Aufzügen von Victor Läon. Sonnabend, abends 8 Uhr Ziiadv. Hierauf: ldot- VIen«r»svelorllo»'!'«». S u u„tag, nachmittags 3 Uhr t«>-.Tlooi»«!, onck ckv»' Tilelbe Wellen. Sonntag, abends 8 Uhr: Die Ehre. (£ritU'n(-(£I)?nfcv T irektioy: äosa eoroncrx. Durchschlagender DW-Lacherfolg Berlin nach Elf. Graste Ausstattungsposse. Tie sensationellen Schlager: ,Vl> t'yiiif; der l'arfnins. Elsenbaliu-Qoartstt! 0 Cordula! Morgen u. folgende Tage: Berlin nach Elf. Sanntag. den 2g. April: Letzte Rachmittags- Vorstellung der Saison. Zu halb. Preise». Die Fledermaus. itropol-TIrcatGr. Behrenstr. 55/57. Direktion R. Schultz. >»»' noeh hin SO. 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Die Handlungsweise einiger Kollegen. 4. Verschiedenes. Zahlreidicir Besuch crwartcl 20/0 nie Eohnkommlswlon. I. A.: W. Noack. Arheitei* Berlins! Von den Finsterwaldcr Eigarrensabrikantcii haben die uachsolgendcu die Lohnsordcnlngcn der Arbeiter be- willigt: Ii. Sporn. Dietrich«liaiiiecli tiaehk.), Ii. IVelgol. si. Kiährs. W. Enlgk. 0. Wotsly. R. Re.'nlke. C. Ftanr. F. König. H. Müller A. Kurraa. Die Kommifsjo» der Berliner Talmkarbeiter._ ermöglichen jedermann, zu jeder Zeit eine gute sparsame Küche. Zu haben bei Witwe Antonte ScImccKc.N., ßeinickendorfer- strasse 42a. Gluten-Kakao GemUss« und Kraftsuppen Couillon-Kapseln Suppen-WUrze lillHliiiömtrkkr-Krllillieiliillsse für Berlin und Umgegend nagilvl, ttr. Wallstraße 23) 9-2, 5-9, Sonntags 0-2. P CHo vlottenbiiug. II. Sclimorberg;(40942" Wlimersdorfer-Strasse 127, ItHnnacher und Goldarbeiter. Großes Lager von llkren und Goldwarcu zu äußerst billigen Preisen. Optische Artikel. 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23 995 2*4020 338[1000} 39 402 587 606 63 859 2*5904 13 190 291 73 456 75 515, Im Wewinurade verblieben: l Gewinn j» 50000» Mb, 2 ja ÜOOOOO Mr. 2 ja 150 000 Mr.. 2 ja 100 000 so»., I i« 75000 Mb. 2 SU 40 000 Sir, 2 JU 40 000 Mr., S JU 30000 Mr., 24 ja 15009 Mf., 42 ja 10 090 Mr. 56 ,a 5090 Mr, 0015 ja 3009 Mr, 1335 zu 1009 Mb, tili zu 409 Mr. Kleine Anzeigen, staben suhlen doppelt, J/g JSn Anzeigen in den Annähmest eilen für Berlin bis 2 Uhr, für die Vororte bis 1 Uhr, ' in der Ha upfexp edition Beuthsir,3 bis 4- Uhr angenommen. rden Un m Verkäufe. 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Mai bei Unterzeichnetem einzureichen, woselbst auch nähere Auskunft über Gehalt, Arbeitszeit, Arbeitsansang erteilt wird. Darmstadt, Slpiil 1900. Die Anfstchtskommisiion für das Arbeitersekretarmt Darmftadt. I. A: Georg Kcinhard, Bictoriastraste 72. Feste Nebeneinnalune finden Angestellte oder intelligent« Slrbeiter gröberer Betriebsstätten, Fabriken jc. bei geringer Jnanipruch» nähme ihrer Freistunden. Offerte» unter v. 2308 an das Jnierateu- Bureau Berlin, Schadowstr. 8. 703h Verantwortlicher Redacteur: Pank John in Berlin. Für den Jnseraleuteil verantwortlich: Tb« Glocke in Berlin. Druck uud Verlag von Max Babing in Berlin. der auch Schmiedearbeiten verrichtet, per sofort oder später gesucht. Mel, düngen unter 1. B,(393 an fiudolf Mosa«, Berlin SW. 17/« i Jlr. 97. 17. Jahrgang. 2. KW Ks Jotmätte" Ktlintt KMIstt Ittihg, 27. April l'JOO. Patlei-jtladiKirfjfcn« Das Mandat ü« Mülhausen. Genosse Bueb hat dem Reichslage angezeigt, daß er sein Mandat fnr den Wahlkreis Mül- bansen i. Elsah niederlege.- Der Wahlkreis ist seit 1880 in unsren Händen. Mit 8749 gegen S473 Stimmen Ivurde 1888 Ge- uoise G. Hickel gewählt. Genosse Bueb wurde 1883 als sein Nach- solger mit 12158 gegen 8787 elsässische Stimmen gewühlt und bc- hanptete 1888 den Kreis mit 13 618 Stimmen gegen 8822 elsässische und 1761 uationalliberale. Demnach dürfte, wenn die Parteigenossen auf dem Posten sind, der Kreis der Partei erhalten bleiben. Tlrbcitcr-Sckrctariatc. Berichtigend wird uns noch nntgeteilt, dag die Adresse des Arbeiter- Sekretariats in Beuthen seit dem 1. d. Mts. S ch i e ß h a u s st r. 6 ist. Polltrilichrs, Gertchklichcs»Nv. Z» SO M. Geldstrafe wurde der Redactcur der„Magde- burgischen Volksstimme", Genosse Haupt, verurteilt, weil er durch Abdruck einer kleinen Skizze.„Eine anständige Frau", den§ 184 des Strafgesetzbuchs verletzt haben soll. Berliner Partei-Angelegenheiten. Arbeiter-Bilduugöschnle. Neue Nogstr. 3. heute abend 9 Uhr beginnt der Unterricht in Geschichte(Kultur- und Kunstgeschichte im neunzehnten Jahrhundert): Vortragender Schriftsteller Dr. Rudolf Steiner. Die Bibliothek ist von 8—9 Uhr geöffnet, st» zahlreichem Besuch ladet ein Der Vorstand. Britz. Der Volks-Bildnngsvcrcin hält am Freitag 8>/2 Uhr bei Dorn seine Generalversammlung ab. In derselben spricht Genosse Dr. Silberstein Über Alkoholismus. Dber-Schöuclveide. In der am Sonnabend 8>/s Uhr bei Ran, Wilhclniinenhofstr. 4, stattfindende Versamnilung des Arbeiter- Blldnngsvereins hält Genosse Adolf Hoffmann einen Vortrag:„Glaube und Vernunft". TakÄles. Die Rotundenfranen. Mit Ausnahme einer geringen Anzah bom Magistrat errichteter„Rotunden", die zumeist auch nur im Sommer geöffnet sind, befinden sich diese Bedürfiiisanstalten völlig tu privaten Händen. Ihre Inhaber sind ein Herr Protz und die Gesellschafter Hirschberg und von Asten. Nicht allzu glücklich sind die Wärterinnen in diesen Anstalten daran. Morgens Uhr sieben müssen die Frauen zur Stelle sein und abends Uhr el dürfen sie die Anstalt erst verlassen. Das ist ein sechzchnstündiqcr Arbeitstag, für den es monatlich 42 M. Lohn giebt, daS beifit nach Abzug von einer Mar! Kraukcnkaffcnbcitrag für den Arbeitstag 1 M. 36 Pf. und für die Arbeitsstunde 8V2 Pf. Nur au wenigen lebhaften Straßen, wie Spittelmarlt-c.. ist zwölfstündiger Schicht Wechsel üblich. Während Herr Protz den Frauen alle Monat IvenigstcnS einen freien Tag gewährt, bannen die Herren Hirschberg und v. Asten ihre Angestellten ununterbrochen an die Arbeit. Wenn eine Wärterin einmal unbedingt einen Tag für sich haben muß. so hat sie 1 M. und 48 Pf. für Vertretung zu entrichten. Bei diesen Herren find die Frauen ferner gehalten, jeden dritten Tag das vereinnahmte Geld an die Centrale abzuliefern, was ebenfalls eine halbe oder dreiviertel Stunde Zeit beansprucht. Herr Protz hingegen läßt das Geld abholen und überninnnt auch die Reinigung der Handtücher. während die andre Firma auch diese Arbeit den Franen aufbürdet. Air beiden Stellen können die Angestellten, trotzdem sie nur allmonatlich ihren Lohn erhalten, jeden Tag entlassen werden. Ihre Beschäftigung ist dadurch noch besonders schwierig, daß sie die hellen nicht verlassen können und gezwungen sind, sich ihre Nahrungsmittel von andren Lelltei, besorgen zu lassen. Sehr gesundheitsschädlich ist der ekle Geruch in den Notnnden, der wesentlich darin seine Ursache hat, daß in den Freizellen für Frauen keine Spülung angebracht ist. Trinkgeld in den Anstalten ist selten, eine Nebenarbeit zu betreiben unmöglich. Sacke der städtischen Ver- waltung, die den Unternehmern die öffentlichen Plätze zur Verfügung stellt, wäre es, bei nächster Gelegenheit dafür zu sorgen, daß die Lage der Wärterinnen in den Rotunden sich endlich menschenwürdiger gestalte. Uusre Mitteilmig über die ablehnende Haltung des Magistrats in der Frage, ob dem Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langer- Hans gelegentlich seines 88. Geburtstags das Ehrenbürger- recht verliehen werden soll, wird im„Berliner Tageblatt" mit komischem Eifer für unrichtig erklärt. Es habe weder eine An- regung noch eine Besprechung stattgefunden. Ein Antrag auf Er- teilung des Ehrcnbürgerrechts. würde, im Magistrat unzweifelhaft «instimmig angenommen werden. Die„Berliner Zeitung" hingegen schreibt zu unsrcr Meldung:„Die M i t t e i l u n g i st richtig. Unter der Hand wird allerdings die Richtigkeit der Meldung bestritten. Mit Unrecht. Es mag sein, daß es sich noch nicht nm eine fonnelle Beschluß fassung gehandelt hat. sondern vielleicht mehr um eine freie Ans spräche. Aber die Stimmung im Magistrat ist dieser Ehrung des hochverdienten alten Langerhans offenbar abgeneigt, trotz des Ein- tretens des Herrn Oberbürgermeisters für den naheliegenden Ge- danke», Langerhans zum Ehrenbürger zu machen. Man geht Ivohl nicht fehl in der Annahme, daß das lebhafte und erfreulicherweise erfolgreiche Eintreten des Herrn Dr. Langerhans für die Wahl des Herrn Brinkmann zum Bürgermeister ihm den Groll der Magistratsmitglieder zugezogen höbe, die bekanntlich mit einer einzigen Ausnahme die Sache des Herrn Meubrink zu der ihrigen gemacht hatten." Die ,. Volks-Zt g." begleitet unsre Meldung mit folgender Note:„Die Stadt Berlin, die schon die reaktionärsten Minister und Militärs. welche um das kommunale Leben der Hauptstadt sich nicht im geringsten bekümmert haben, zu Ehrenbürger ernannt hat, versagt die Burgerkrone einem Manne, der jahrzehnte- lang in treuer kommunaler Pflichterfüllung seinen Mitbürgern vorangeleuchtet hat! Freilich ist die Verweigerung des Ehren- .bürgerrcchts die durchaus passende Kehrseite der Medaille, auf deren andrer Seite das Wort Byzantinismus steht. Viel- leicht hat man sich auch gefürchtet, durch die Ehrung des Stadt- verordnetcn-Vorstehers in unerlaubter Weise die„Revolution zu verherrlichen". Denn Dr. Langerhans hat an dem kriti- schen Tage des Jahrs 1848 allerdings auf der Barrikade g e- st a n d e it. Und wenn ihn damals nicht die Kugeln der Soldaten erreichten, warum sollen nicht 52 Jahre später die Meubrinkiancr des Magistrats ausrufen:„S t e i n i g e t ihn!?" Bedeutsame Erfindung im Ferusprechwesen. Der Staats- sckretär v. Podbielski hat sich gestern im Versuchsamt der Rcichs-Telegraphie eine Erfindung vorführen lassen, die voraus- fichtlich berufen ist, eine erhebliche Vervollkommnung dös Fernsprechverkehrs herbeizuführen. Es handelt sich um erneu„ T e l e p h 0 n 0 g r a p h e n", eine Kombination des Telephons Mit einem neu konstruierten magnetischen Phonographen, die eS ennöglickt, Ferngespräche, auch solche, die in Äbivesen- hcit deS Empfängers aufgegeben werden, durch magnetische Einwirkungen derart festzuhalten, daß sie später beliebig oft wieder .abgehört'werden können. Die Bedeutung der ans Dänemark kormnenden Erfindung erstreckt sich indessen weit über dieses An- wcndungsgebiet hinaus. Durch die Verwendung der Magneto- phonographie wird eS möglich, die Wirkung des vorher fixierten Schallbildes zu multiplizieren, die Laute zu verstärken, sodatz bei Ein- schaltung solcher MTilliplikatoren die Fernsprechlinien weit über das bis jetzt mit Erfolg erreichbare Maß ausgedehnt werden können. Ein Hauptvorzug des neuen Systems besteht ferner darin, daß es die gleichzeitige Leitung mehrerer Ferngespräche mittels des- selben Drahtes zuläßt. Außer dem Staatssekretär des Reichs- Postamts, dem Ministeraldirektor Sydow und andren höheren Beamten der Postvenvaltung, waren Geh. Regierungsrat Professor S l a b y sowie als Repräsentant der in Bildung begriffenen Deutschen Telephonographen-Gesellschaft Direktor Genest bei der inter- cssanten Vorfühning, die Professor Dr. Strecker leitete, anwesend. In amtlichen und technischen Kreisen wird der Erfindung eine große Bedeutung beigemessen. Mit der schon vor einiger Zeit angekündigten Vertenrung der Milch für Berlin scheint eS nun Ernst werden zu wollen. In diesen Tagen ist von einem Komitee, dem der LandtagS-Abgeordncte Ring- Düppel angehört, ein Rundschreiben an die Milchwirtschaften verschickt ivorden, worin ausgeführt wurde, daß zu den bisherigen Preisen unmöglich iveiterhin nach Berlin geliefert werden könne. Infolge der Leutenot. die den Mangel an BetricbSpersonal für die Milchwirtschaft im Gefolge habe, und durch die Schädigungen infolge der Maul- und Klauenseuche sei die Milchwirtschaft das am wenigsten lohnende Geschäft ge- worden. Nach Berlin würden- täglich rund 688 888 Liter Milch von Besitzern bis auf eine Entfernung von 128 Kilometer hin im Umkreise geliefert. Diese erhielten im Durchschnitt 18'/2 bis ll'/a Pf- für das Liter frei Berlin. Nach genauer Verrechnung koste den ProdiizeiitciT die Milch 13— 15 Pf. das Liter. Um diesen Preis auch bei den Abnehmer« zu erzielen, sei eine Verbindung der M i l ch p r 0 d n z e n t e n inierläßlich. Es soll nun in den nächsten Tagen in Berlin eine Versammlung der Milchproduzcntcn zusammen- treten, um eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung zu bilden. In den Kreisen der Milchhändlcr hat diese Nachricht alarmierend gewirkt. Die Milchhändlervcrcine haben beschlossen, sofort einen Verband der Milckhändlerve reine für Berlin und Um- gegend ins Leben zu rufen, um einer Steigerung der Einkaufspreise entgegen zn wirken. Die Berliner TanitätSwachcn haben im Jahr 1887/93 ans städtischen Mitte-; im ganzen 38 221 M. als Unterstiitznngcn in Beiträgen von 458 bis 3588 M. erhalten. In den 15 SanitätS- ivacken und durch die nächtlichen Sanitätshilfcn bczw. den Acrztc- Nachweis bei Nacht sind im Berichtsjahr 6348 Fälle zur Behandlung gekommen, davon 4711 in den Wachlokalen. 1841 erforderten medizinische Hilfe, 136 geburtshilfliche, 3866 waren chirurgischer Natur. In 14 Fällen wurde nur der Tod konstatiert. 28 Fälle Tvurden als Selbstmordfälle bezeichnet. Die Gesaintkostcn der Wachen und Sanitätshilfen haben 76 418 M. betragen. Bon sechs Sanitätswachcn und dem Aerztcnachweis bei Nacht ivird angegeben, daß unter den 3258 Fällen ihrer Wirksamkeit in 1483 unentgeltliche Hilfe geleistet wurde. Drei Personen beim Abbruch eines Hauses verunglückt. Die Finna Jandorf& Co. bat das in der Großen Frankfurter- straße 113, an der Ecke der Andrcasstraße belegene große Haus an- gckanst, um dort einen Neubau zu einem Warenbailse zu errichten. Die Riederlegung des alten Gebäudes hat die Firnra Kostalitz aus der Greifsiväldcrstraße übernommen. Der Abriß ivird, wie die bei demselben beschäftigten Arbeiter bekunden, sehr beschleunigt und sind die Abbruchsarbeiten bereits bis zum ersten Stock ausgeführt. Gestern früh waren nun mehrere Arbeiter damit beschäftigt, den etwa drei Meter hohen massiven Eckpfeiler des ersten Stocks zu beseitigen. Anstatt nun solche Pfeiler vorschriftsmäßig abzutragen, werde« dieselben vielfach mittels eines Drahtseils einfach umgezogen, um da- durch Zeit zu ersparen. So war es auch am diesem Abbruch vor einigen Tagen mit dem Eckpfeiler' des zweiten Stocks geschehen, und schon damals ivar es nur einem Zufall zuzuschreiben, daß der nm- stürzende Pfeiler nicht die Balkentage durchschlug und so Menschen- leben gefährdete. Auch gestern suchten die Arbeiter den Eckpfeiler des ersten Stockiverks wieder auf diese Art zu entfernen. Er wurde unten mittels Brechstangen gelockert, durchschlug aber beim Fallen die sogenannten Wechselbalken, so daß die Balkenlage des ersten Stocks samt der Decke in die Tiefe gerissen wurde. Die Arbeiter Otto, Lemke und Hcmpich stürzten nach und wurden teilweise unter den Trümmern begraben. Da auch ein Teil der Wand nach der Straße hin fiel und hier das über dem Trottoir befindliche Schutzdach durch- schlug, so wurde unter den Straßcnpassantcn die Behauptung laut, daß hier Personen verschüttet seien, iveshalb schleunigst die Feuerwehr herbeigerufen wurde, die die Trümmer beseitigte, ohne glücklicherweise auf Verunglückte zu stoßen. SchoiT vor ihrer Ankunft ivaren die vorhin bezeichneten Arbeiter durch ihre Kameraden befreit. Alle drei waren schlimm zugerichtet. Sie bluteten ans Mund und Nase, doch vermochten Otto und Lemke selbst noch nach der Unfallstation zu gehen. Sie scheinen Iveniger schwer verletzt zu sein als Hcmpich, der zwei Armbrüche und anscheinend auch innere Verletzungen davon- trug, so daß er mittels Krankeiiwagen nach dem Krankenhaus Friedrichshain gebracht werden mußte. Ob dem Polier, der den Abriß leitete, eine Schuld an dem Unfall trifft, muß die Untersuchung erst ergeben. Gegen den Extrablatt- Schwindel, der in letzter Zeit so großen Umfang angenommen hat. geht die Polizei jetzt energisch vor. Neuerdings werden die Personalien derjenigen Händler, die durch das übermäßig laute Anpreisen ihrer„Neuesten vom Kriegsschau- platze" sich benicrkbar machen, festgestellt und mit Strafmandaten wegen groben Unfugs bedacht. Ob es gelingen wird, in dieser Weise dem Extrablatt-Schivindel entgegenzutreten, erscheint allerdings zwcifel Haft. Ani besten wäre es, das Publikum ließe sich, durch die bis- hcrigen Erfahrungen gewitzigt, auf den bekannten Schwmdcl nicht mehr ein. Ei» schwerer Fahrstnhlnnfall ereignete sich gestern mittag Köpnickerstr. 55. Auf dem umfangreichen Neiiban sind mehrere elektrisch betriebene Fahrstühle eingerichtet, deren Aufstellung die„Union" besorgte. Gestern war nun ein Monteur mit mehreren Arbeitern dabei, einen neuen Fahrstuhl, auf seine Funktionierung zu prüfen. Zweimal ivar man schon in die Höhe gefahren, als beim drittenmal ier Fahrstuhl plötzlich versagte. Durch einen unglücklichen Zufall wurde der Arbeiter Ernst Kliem auf die Seite geschleudert und zwischen Wand und Fahrstuhl festgeklemmt. In dieser Lage mußte er verharren, bis die alannierte Feuerwehr ihn befreite. Seine Ber- lctzungen erwiesen sich als so schivere, daß er nach dem Krankenhaus gebracht werden mußte. Aufsehen verursacht im Nordosten der Stadt die bor meh- reren Tagen erfolgte Verhaftung des Kaufmanns M. wegen Sittlichkeitsvergehen. Der Festgenommene, ein Mann von 68 Jahren, der verheiratet ist und erwachsene Kinder besitzt, wird beschuldigt, ich an Schulmädchen,, die in seinem Geschäft Einkäufe machten, ver- gangen zu haben. In der Eichwalder Mordsache hat man neuerdings einige dem Sohne und dem Ehemann der Ermordeten gehörige Kleidungs- 'tücke beschlagnahmt. Es sind an diesen Kleidungsstücken rote Flecke entdeckt worden, deren Beschaffenheit aus chemischem Wege geprüft werden soll. Wie bereits früher berichtet, klebten an den Strümpfen der ermordeten Frau Büschel von Haaren. Jetzt wurden dem Hof- Hund der Graßnicks Haare abgeschnitten, um diese mit den bei der Leiche gefundenen zn vergleichen. Auf den Sohn der Ermordeten, einen jungen Menschen von 15 Jahren, ist die Aufmerksamkeit der Behörden durch die Thatsache gebracht worden, daß er seiner Um- gebung zn einer Zeit,, als die Leiche feiner Mutter noch nicht auf- gefunden ivorden ivar, erzählte, er habe geträumt, daß die Mutter ermordet worden wäre. Dabei schilderte er alle Einzelheiten der blutigen Vorgänge und gab auch die Stelle an. an welcher nachher thatsächlich der Leichnam der Frau Graßnick ge-. funden wurde. Daß der kleine Graßnick bei der That zugegen war, ist ausgeschlossen, da nachgewiesen werden konnte, daß er zn der Zeit! zu der der Mord geschehen sein mutz, Kinder einer befreundeten Familie beaufsichtigte. Dagegen dürfte man ivohl nicht fehlgehen, ivenn man anmiiimt, irgend ein an dem Morde Beteiligter habe in Gegenwart des Jungen' den ganzen Hergang erzählt. Etwas Bestimmtes war jedoch au§ dem Jungen bisher nicht herauSznbekoimn'.1, Inzwischen ist eine neue Verhaftung in der Graßinckschen Mou» fache erfolgt. Gestern nachnnttag wurde in Ragow bei Mittenwälde der beschäftigungslose Schlächter E i ch m a n n verhaftet. In dem Besitz des Verhafteten fand sich ein Geldtäschchen, das angeblich der Ermordeten gehört hat. Ob die Behörden hier auf eine richtige Spur, gekommen find, oder ob wieder ein Unschuldiger in Verdacht gekommen ist, ivird die weitere Untersuchung ergeben. In der Medenwaldtschen Mordsache finden noch täglich Vernchmnngen von Zeugen durch den Untersuchungsrichter statt. Auck die Ermittelung der Kriminalpolizei über den Verkehr der bc- schuldigten Brüder Willy und Georg Gliith, sowie über die Ein- und Ausgaben der Familie Glnth. werden fortgesetzt. Zu einem Ge- ständnis hat sich noch keiner von den beiden Festgenommenen bequemt, sie bleiben beim Leugnen. Zur Aufklärung der Widersprüche in-den Aussagen der Zeugen mit den Angaben der Beschuldigten inußte» noch Ermittelungen angestellt Iverden, die bis jetzt angeblich zu Un- gunsten der Brüder Glnth ausgefallen sind. In der Mordsache hat gestern. Donnerstag, abermals eine Be- sichtigüng der Wohnungen der Ermordeten und der Familie Gluth durch die Kriminalpolizei stattgefunden. Ein sechsjähriges Mädchen Jbsch, das wiederholt für Fräulein Mcdenwaldt einholte, will eines Morgens in deren Wohnnng Hcrrenkleider gesehen haben. Das Mädchen blieb auch gestern deii Kriininalbeamten gegenüber bei dieser Behauptung und zeigte ihnen die Stelle, wo damals die Kleider ge- hangen haben solle,!. In der Gluthschen Wohnung besichtigten die Beamte n genau auch die neuen BIntspnren, die der Verteidiger dort gefunden hat. Gluth hat der Behörde mitgeteilt, daß am Montag, Dienstag und Mittwoch jedesmal kurz vor 18 Uhr abends ein älterer. nicht sehr gut gekleideter Mann sich am Thürschloß seiner Wohnung zu schaffen machte. Sein Geräusch veranlaßte die Gluths jedesmal, sich nach ihm umzusehen, er entfernte sich aber stets so eilig durch einen der Ausgänge, daß man ihn bisher nicht feststellen konnte. Regelmäßig fand man bei der Gelegenheit vor der Thür angebrannte Streichhölzchen liegen. Es scheint, daß der Man» sich das Schloß recht genau ansehen will. Was er damit bezweckt, ist nicht recht klar. Max Glnth ist gestern durch den Kriminalkommissar Dr. Groß ver- nommen ivorden. Das von seinem Daumen abgehobelte Fleisch- siückchen hat die Kriminalpolizei an sich genommen. DaS Dienst- mädche» M., mit der Georg Gluth Umgang hatte, wird heute, Freitag, unter Zuziehung dem GerichtSphysici SanitätSrat Dr. Mittenzweig und Dr. Störmer veriioinmen werden. Der grüne Anzug. In einer inerkwürdigen Sache hat sich bei der Schnlbchörde ein hiesiger EilNvohner über einen Gemeinde-� schiilrcktor im Norden der Stadt beschwert. Der Sohn des Er- wähnten ivar nämlich als Konfirmand beim Schulschluß in einem grünen Anzug erschienen, der dem Rektor nicht gut genug aussah. Nach Angabe' der Eltern hat der Rektor den Knaben nun nicht allein zur Rede gestellt, sondern ihm auf Veranlassung des Klassenlehrers auch die Prämie entzogen, die ihm ursprünglich zugedacht ivar. Die Eltern beabsichtige» nunniöhr. von der Schulbehörde die Frage ent- scheiden zu lassen, ob eS angängig ist, daß ein Schüler aus dem ge- dachten Grunde bestraft tverde. Fcnerbcricht. Zivci Brände in Tischlereien kamen Donnerstag früh Mcmelcrstr. 9 und Mnybach-IIfer 5 zum Ausbruch. In beiden Fällen war die Nanchentwicklung sehr stark, doch konnte die Gefahr in kurzer Zeit beseitigt iverden. Langestr. 51 und Krtuzberastr. 8 ivaren kleine Wohnungsbrände abzulöschen, während Oranienstr. 73 in> Keller Stühle und VerpackungSinaterial in Flammen aufgingen. Alan» nach Jfflandstr. 2 und Klostcrstr. 4 Ivaren auf bliiidcn Lärm zurückzuführen. Nene Kurse für Russisch und Gesctzcsknnde eröffnet die nciliite .städtilche Forll'ildnnMchnle für Jüilgliuge»nd Erwachsene Fmchtstraße 33 am Freitag den 27. April. Annicldnnge», auch für die verschiedensten andren Lehrfächer, wie Zeichncil, Fachzeichne», Rechnen, Buchsührung, Deutsch,- Französisch und Englisch, Physik und Chemie, Stenographie, Schreidmaichine und Gesang nimmt Herr Dirigent Paget täglich zwischen 7 und 8 Uhr abends im Amtszimmer Fruchtstrasie 38 entgegen. AnS de» Nachliarortc». Uebcr die Charlottenburger Wohnungsverhältniffe ent- nehmen wir dein ncnesteii Heft der Charlottenburger Statistik einige interessante Daten. Es ergiebt sich daraus, daß die Zahl der Icer- stchcndcn Wohnungen im Vergleich zum Vorjahr erheblich gestiegen ist, doch ist dies Steigen lediglich auf eine Znnahme der Zahl der unvernnctcte» größeren Wohninigeil von drei Zimmern an zurück- zuführen. Im November 1888 befanden sich unter je 188 leer- stcheiiden Wohiiimgen nur 3 mit einem Zimmer und 5 niit zwei Zimmern. Der Mangel an Wohnungen niit einem und zwei heizbaren Zimmern hat sich also nicht nur erhalten, er ist sogar noch fühlbarer geworden als vorher. Im Mai standen in den in Frage kommenden Stadtbezirken 23 Wohnungen vo» eine», Zimnicr leer, im November mir noch 18. Die Bau- thätigkcit hat sich eben mehr größeren Wohnunge» zugewaudt. Am meisten Wohiiiiugen stehe» im Osten der Stadt leer, und zwar handelt eS sich hier meist um große Wohnungen von 6 bis 18 Zimmern, Mehr als die Hälfte aller leerstehenden Wohmmgcn. nämlich 63 Proz., sind beim letzten allgemeinen Wohiiuiigswcchsel niivermietet geblieben. Es ergiebt sich aus der Statistik auf der ciiteit Seite ein immer zunehm euder Mangel an kloinen, auf der andern Seite ein steigender ll e b e r f l u ß an großen, u n v e r m i e t b a r e n W 0 h n u n g en. Was die Höhe der Mietspreise betrifft, so wurde für eine WohiiUiig mit»ur einem Zimmer im Vorderhause im November 1839 durchschnittlich 135 M. gezahlt, während der MietSpreiö für eine einzinimerige Hinterwohnung 176 M. betrug. Mit Recht zieht die Statistik hieraus de» Schluß, daß es die Beschaffeiiheit der Vorderwohiiuiigen war, welche dieselben minderwertig erscheinen ließ.! Der Preis für zweizimmerige Wohnimgen ist vom Mai bis November von 357 auf 372 M. gestiegen. Der Preis für daS heizbare Zimmer war um so größer, je größer die Wohmiiig ivar. Nur bezüglich der Wohiiimgen über 13 Zinmier macht sich das Gegenteil geltend. Im ganzen sind die Durchschnittspreise für ein Zimmer in allen leerstehenden Vorderwohnuiigcn gestiegen, während die eiitsprechenden Preise für Hinterwohnungcn gesunken sind. Schöneberg. Zu einem schweren Zusammenstoß kam eS vor» gestern abend zwischen Schutzleuten und Kutschern von Arbcitswagen im Restaurant von Fiedler in der Mühlenstraße. In der ziemlich engen. Straße hatten dieKutscher ihre Wagen auf den Geleisen der Straßenbahn stehen, während sie im Lokal saßen, um zu frühstücken. Der Aus»- forderung eines Schutzmanns, Platz zu machen, wurde nicht Folge gegebe». Bei der nunmehr requirierten Verstärkung kam es zu einer argen Schlägerei, bei der seitens der Beamten von der Waffe Ge- brauch gemacht wurde, während die, Kutscher mit Sputen und Stall-! ntensilien dazwischenschlugen. Ein Kutscher erhielt einen Säbelhieb über den Kopf und ivurde so schwer verletzt, daß er nach der Unfall- station geschafft wurde, wo ihm die Wunden vernäht wurde». Auö Pankow wird berichtet: Ein entsetzlicher Unfall mit töd- lichem Ausgang- hat sich gestern nachmittag um 5 Uhr hier zu- getragen. Auf dem Platze des Baumeisters Frauke in der Mühlen-- straße 72 war der Vorarbeiter Hermann Müller mit vier Arbeitern dabei, einen fünf Meter langen, schweren Balken zu transportieren.! Ms auf Müllers Kommando:„Werft ab!' die Arbeiter den Balten 'von der Schulter kanteten, konnte der Vorarbeiter nicht mehr zeitig genug zur Seite treten. Der Balken traf ihn, warf ihn um, fiel auf rhu und zerschmetterte ihm den Kopf, den Hals und den �oberen Teil der Brust. Da der Veninglückte noch Lebens- izcichcn von sich gab, so liest man einen Lückschen Rettungswagen kommen, um ihn nach Verlin in ei» Krankenhaus bringen zu lassen. Müller starb jedoch schon bald, nachdem ihn seine Mitarbeiter von der Last des schweren Balkens befreit hatten. Die Polizei sperrte den Platz und benach- richtigte die Staatsanwaltschaft von dem Unfall. Die Leiche wurde nach der Halle in Pankow gebracht. Die beteiligten Arbeiter wurden noch gestern abend vernommen. Weistcusee.„Bescheidenheit ist eine Zier.* Eine Petition, durch welche der Gemeindevertretung nahe gelegt werden soll, eine Summe zu dem geplanteu Bau einer evangelischen Kirche in Neu- Weisteniee zu� bewilligen, soll in den nächsten Tagen cirknlieren. Wegen Beschassung der Mittel zu diesem Kirchbau hatte der zu diesem Zwecke ins Leben gerufene Verein an die oberen Zehntansend in Berlin etwa 20 000 Bittgesuche losgelassen, mit dem Resultat, dost die Unkosten für Briefbogen und Kuverts sc.(ungefähr 1000 M. mit knapper Not durch die eingegangenen Spenden ge deckt wurden. Da man in diesen Kreisen nicht die notwendige Bereit Willigkeit zum Geben gefunden, soll jetzt die politische Gemeinde in Anspruch genommen iverde». Man erteilt auch gleich, selbstlos wie inimer, der Gemeinde kostenlos den Rat. das hierzu benötigte Kapital— vielleicht 80—100000 M.— zu leihen. Der Gemeinde, die zur Durchführung aller, auch der wichtigsten Aufgaben im Interesse des Gemeindewohls angeblich kein Geld hat, mutet man hier zu, eine Anstalt zu subventionieren, die nach Ansicht der Mehrzahl der Bewohner durchaus entbehrlich ist. Die graste Masse der Bevölkerung, die ihre Steuergroschen zu notwendigeren Zwecke» verwandt sehen will, hat alle Ursache, der ins Werk gesetzten Petition ihre Beachtung zu schenken. Die kleine Gruppe, welche ein solches Haus wünscht, mag es aus eigner Tasche bezahlen. Schönholz. Eine wichtige Straste wird jetzt als Fortsetzung der Bismarck- und der Kaiserin Angnstastraste angelegt. Sie beginnt bei den Jawerschen Baumschulen, führt durch die' Schönholzer Heide, dicht an dem Grundstück Schlost Schönholz vorbei und stellt zwischen Gesiindbrnniien, Reinickendorf, Schönholz und Nieder- Schönhauscu- Pankow eine direkte VerbindungSstraste dar. Der Seichcufnnd bei PichclSwerder, der die Gerichtsbehörde» feit Ostern beschäftigt, hat nunmehr seine Aufklärung gefunden. Das junge Mädchen hat ziveifelloS die in dem hinterlasse»». Schreiben zum Ausdruck gebrachte Absicht eines Selbstmords ausgeführt. Die That hat die B. vermutlich in der Dämmerstunde begangen und ist jedenfalls dicht an einer vorbeifahrenden Zille ins Wasser ge- sprungen. Bei dieser Gelegenheit Iviirde sie von einem Bootshaken getroffen, vermutlich ohne dast der Schiffer den von ihm berührten Körper wahrnahm. Die Selbstmörderin ist dann ohnmächtig geworden und im Waffer erstickt, während durch die Wunde eine'nach- trägliche Verblutung eintrat. Der Obdiiktionsbefnnd der Leiche lästi auch die Möglichkeit zu, daß die Verletzung durch einen Bootshaken herbeigeführt worden ist. Gevtifzks-Iettung. Eine Anklage wegen Mllnzvcrbrcchens bezw. Beihilfe und Verbreitung falschen Geldes führte gestern den Töpfer Franz Kaiser zu Birkholz, die Arbeiterin Witwe Emilie Strunk geb. Schramm, deren Tochter Elise Strunk und die ZinimermannSfrau Bertha K a i s e r vor daS Schwurgericht des Landgerichts I. Frau Strunk ist bereits zweimal wegen Müiizvcrbrechcns vorbestraft. Sie lernte die Angeklagte Frau Kaiser, die Mutter de-Z ersten Angeklagten, bei Vcrbüstung ihrer letzten- Strafe im Zuchthaus kennen. Nach ihrer Entlassung trafen sich beide Frauen in Berlin und traten mit einander in Fannlienverkehr. Franz Kaiser wurde dadurch mit der Angeklagten Witlve Strunk bekannt und die Tochter der letzteren, Elise Strunk, knüpfte ihrerseits mit dem Bruder des Angeklagten Kaiser ein Liebesverhältnis an. Franz Kaiser hielt sich zumeist bei seiner Grostmutter in Birkholz auf, doch weilte er häufig zum Bc- such bei seine» Elter» in der Warschaucrstraste. Eines Tages traf er daselbst die Witwe Strunk an und soll nun nach der Behauptung der Anklagebehörde sie beiseite genommen und zur Mittvirkung bei der_ von ihm betriebenen Falichinimzerci geivonnen haben. Er erklärte ihr, dast er über ihre Vorstrafe wegen Münzverbrcchcns Bescheid wisse und soll sie dann gefragt haben, ob sie bereit sei, nachgeniachte Ein- und Zweimarkstücke in Verkehr zu bringen. Sie erklärte sich dazu bereit und Kaiser soll ihr dann eine gröfecre Anzahl nachgemachter Geldstücke übergeben haben, die sie alsdann in den verschiedensten kaufmännischen Geschäften beim Einkauf von Waren an den Manu brachte. Nach de» Ennittelnngen ist anzu- nehinen, dast Kaiser diese Faljchstücke selbst angefertigt hat. Er scheint sich nach Birkholz zurückgezogen zum habe», um dort ungestörter arbeiten zu können. Bei einer daselbst abgehaltenen Haussuchung fand man im Stroh des Stalls zlvei Schmelztiegel mit Metall-Gicstrcsten und mehrere echte Ein- und Zweimarkstücke vor. an denen Spuren von Gips sich zeigten. Franz Kaiser hatte anfänglich angegeben, die Schmclztigcl seien Eigentum seines verstorbenen GrostvaterS und die Geldslücke gehörten ihm. später sagte er. die Tegel seien ihm von der Witwe Strunk zur Aufbewahrung übergeben ivorden und da« Geld habe er von der Strunk zur Tilgung einer DarlehnSschnld erhalten. Er hat sich aber durch wiederholtes Arbeiten hinter verschlossener Thür und durch allerlei bedenkliche Redensarten in» höchsten Mäste verdächtig gemacht Er sowohl wie die übrigen Angeklagten bestritten ihre Schuld. Frau Strunk hat nur zugegeben, in etwa 6 Fällen Geld, welches sie von Kaiser erhalten, ganz ordnnngsmähig verausgabt zu haben. Auch Elise Stnmk wollte von der Verbreitung falschen Gelds nichts wissen. Frau Kaiser gilt der Auklagebehörde als die eigentliche Seele des ganzen Unternehmens. In ihrem Hause fanden die Zusammenkünfte statt, sie soll auch ihrem Sohn die Schmclzticgel geliefert haben. Bei einer in ihrer Wohnung vorgenommenen Haussuchung wurden echte Zweimarkstücke mit Gipsspuren aufgefunden, austcrdcm ent- deckte man. unter dem Dache versteckt, Metallrcste. Bezeichnend ist es auch, dast Franz Kaiser eigentlich nie Arbeit hatte und doch immer mit Geld versehen war.— Die gegen die Angeklagten vom Staats- anwalt vorgebrachten und durch die Beweisaufnahme teilweise unterstützten Verdachtsmomente tvurden durch die Rechtsanivalte Gostmann.Guttmann, Dr. Gebauer und Händlh als nicht zureichend bekämpft. Das Urteil lautete gegen Kaiser auf zwei Jahre sechs Monate Gefängnis und fünfjährigen Ehrverlust, gegen Elise Strunck auf drei Jahre Zuchthaus und fünfjährigen Ehr- Verlust, gegen die K a, s e r auf neun Monate Gefängnis und dreijährigen Ehrverlust, gegen Emilie Strunck aus Freisprechung. vom Gänsemarkt in RnmmelSbnrg. Eigentümliche Zu- stände scheinen auf dem Geflügelmarkt zu RummelSburg zu herrschen, wie in einer Verhandlung zur Sprache kam, die gestern vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I stattfand. Die Handelsfrau Maria Kaczmareck hatte sich wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz zu verantworten. Di, als Zeugin auftretende Arbeiterehefrau Bethke bekundete, dast die Angeklagte ihr im September vorigen Jahres zwei anSgenommene Gänse für den Preis von insgesamt einer Mark angeboten habe. Auf ihre Verwunderung über den billige» Preis habe die Angeklagte erwidert:„Ja. es sind eben Gänse für Arbeiter.* Die Zeugin habe die beiden Tiere gekauft, sie aber nicht gebraten, sondern 'gekocht. Einen ganzen Tag und eine Nacht hindurch habe sie die Gänse kochen laffen, aber dieselben seien hart und zähe geblieben wie zuvor. Sie habe sich bei der Angeklagten darüber beschwert und zur Antwort erhalten, dast sie. die Angeklagte, da- gegen nichts machen könne. Nun habe die Zeugin von der Gans gegessen und das zähe Fleisch mit Not und Mühe hinunter- gewürgt. Ihr Man» und ihre Kinder hätten abgelehnt, von dem Fleisch zu essen, und daö sei gut gewesen, denn sie selbst habe einen argen Durchfall erhalten, welches sie auf den Genust de» Gänsefleische» habe zurückführen müffen. Die Angeklagte gak an. dast sie die beiden Gänse und eine Ente für den Gesamt� preis von W Pfennigen von einen» ihr unbeannten jungen Mädchen in Rummelsbnrg gekauft habe. Die GanS sei mit je 10 Pfennigen, die Ente mit 5 Pfennigen berechnet worden. Sie habe sich zwar gedacht, dast die Tiere tot in Rummelsburg an- gekommen wären, aber niemals sei ihr der Gedanke.gekommen, dast der Genust des Fleisches schädliche Folgen haben könnte. Der auf dem Gcflügelmarkt in RummelSburg angestellte Hof- inspcktor Lucks bekundete, dast häufig Gänse und Enten, welche aus dem Transport verendet seien, mehrfach von den Händlern a»»S Faulheit weggeworfen würde». Da könne es denn vorkommen, dast unbefugte Personen die weggeworfene» Tiere wieder aufsammelten und sich aneigneten, bevor die Aufseher dieselben beseitigen und der Abdeckerei überliefern kömitcn. Ein solcher Fall scheine hier vorzuliegen. Der Gerichtshof gelangte nicht zu der Ansicht, dast die auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stehende Angeklagte sich bcwustt gewesen sei, dast der Genust derartigen Geflügels schädlich wirken könne, sie wurde deshalb nur wegen Fahrlässigkeit zu einer Geldstrafe von S M. verurteilt. Zum Prozeß Dasbach ist folgende, von der„Tricrschen Zeitung* gebrachte Meldung noch beachtenswert. In der Sitzung am Montag erreichte die Spannnng des PublikuniS den höchste» Grad, als der Angeklagte an den Snbregens Prof. Müller die Frage richtete: Sie betonten in Ihrem Gutachten, dast ein Geifl sicher restitutionspslichtig sei, wenn er sich Vermögens- vorteile auf unmoralischem Wege verschaffte? W i e l i e g t die Sache in de in vorliegenden konkreten Falle? Ist Dasbach Hern» Groppe gegenüber restitutionspflichtig oder nicht? Aber das Gericht war der Ansicht, dast die Beantwortung dieser Frage wertlos sei und daS Publikum ist somit darauf angewiesen, sie selbst zu beantworten._ Versattttnlnngen. Die Bildhauer haben in ihrer öffentlichen Versammlung be- schlössen, überall da. Ivo eS ohne schwere wirtschaftliche Schäden möglich ist, am l. Mai die Arbeit ruhen zu lassen. Ebenso wurde der Vertrauensmann beaustragt, wie alljährlich Marlen a SO Pf auszugeben. Die Bildhauer iverden nun im Interesse einer imposanten Maifeier um strikte Jiiiiehaltnng obiger Beschlüsse und zahlreichen Besuch der im.Luisenstädtischen KoiizerthanS". Alte Jakobstraste 37, statlfindcnde» VormittagSv'ersammlnng ersucht. Ccutralverband der Zimmerer. Die Mitglieder der Zahl stellen Berlin und der Vororte vereinigte» sich am Sonntag, den 12. April, in den Arminhalle» zu einer gut besuchten Versammlnng Die Ainvcsenden ehrten zuiiächst das Andciilen au das verstorbcne Mitglied Karl Fitzner. Sodann gab der Kassierer Kube den Kassen- bericht vom I. Quartal. Danach betrug die Einnahme niit dem Bestand vom IV. Quartal 1899 S238,39M. Die Ausgabe 2S4S,60M. An die Hauptkasse wurden 500 M., an die streikenden Bergarbeiter 1011,73 M. gesandt. Der örtliche Fonds hatte an Einnahme inkl. deS Bestands vom IV. Quartal 17 038,69 M. zu verzeichnen, der mit Eiiischlust von 2000 M. für die streikenden Holzarbeiter eine Ausgabe von 3721.S8 M. gegenüber steht. Kube bemerkt sodann, dast die'Zimmcrcr immer deutlicher einznsebcn scheinen, dast eine in jeder Beziehung geslärkte Organisation sich alS eine Notivendigkcit erweise. Die Mitglicderzahl ist weiter gestiegen. Die Beiträge Iverden immer ständiger entrichtet, nur das eine müstten sich die Mitglieder ange- ivöhncn, wenn irgend angängig, zum QuartalSschlnst die Beiträge zu regeln. Auch die Leistungen z>m» örtlichen Fonds sind als gute, sich stetig noch bessernde zu bezeichnen. Dnrchscknsittlich trogen 1800 Dtit glicder bei. Weitere 300, die wegen Arbeitslosigkeit frei abgestempelt erhalten, hinzugerechnet, ergeben 2lOO regelmässig ihren Pflichte» nachkommende Mitglieder. In Verschiedenem wurde zur Kenntnis gebracht, dast die im vorigen Jahre entnommenen nicht benutzten BilletS zum Besuch der Trcptoivcr Sternwarte, bis 1. Juli noch gültig sind. Betreffs der sogenonnten Streikklausel bcanflragten die Versammelten den Vorstand, diese Angelegenheit im Auge zu behalten, um gegebenenfalls energisch dem Beginnen der lintcrnehmcr entgegen iretcn zu können. Mitgeteilt wurde, dast die Fcstversanm»lnng am t. Mai im„Fricdrichstädtischcn Kasino", Friedrichstroste 236, stattfindet. Dort wird jedem Feiernden die Maimarke ans gebändigt, die in die Sammclkarte zu kleben ist, um eine genaue Kontrolle zu ermöglichen. Hierauf sprach Rechtsanwalt Fränkl über das Thema: Ei» Strcifzng durch das Bürgerliche Gesetzbuch. Zum Schlnst wies der Vorsitzende darauf hin, dast bei den Arbcireu, die zum Empfang des Kaisers von Oeftreich nnternonmic» werden, den dort beschäftigten Arbeitern Neberstunden in Aussicht gestellt werden. Di« Kameraden mögen diese so viel wie möglich beschränken, um den Arbeitslosen Arbeitsgelegenheit zu schaffe».' Ter Centralvcrband der Handels-, Transport- und BerkehrSarbeiter Deutschlands hielt am 22. April seine ordentliche Generalversammlung ab. Bevor mau in die Tagesordnung eintrat, ehrten die Versammelten das Andenlcn der vcrstorvcncn Mitglieder Adler und Pitro in üblicher Weise. ES folgte der Bericht deS Kassierers, dem folgendes zu eni- nehmen ivar: Tie Einnahme im I. Quartal betrug 9037,13 M., die Ausgabe 7966.25 M. Unter den Ausgaben befinden sich 1370.30 M.. die au die Hanptkaffe abgeliefert sind, soivie an Krankemmterstützling 527.30 M. und an Sterbegeld 168 M. Ter Bestand der Ortsvcr- waltung beträgt augenblicklich 1071,18 M. Hierauf gab Werner den Bericht vom Arveitsnachwcis. ES wurden im l.!Qnartal 339 Stellen gemeldet. Der Branche nach wurden verlangt: 151 Hausdiener und Packer. 92 Kutscher. 70 Kohlen-, Keller- und Speicherarbeitcr, 26 Lauf« und Arbcitsburschcn. Hiervon wurden 175 Stelle» fest. 15 zur Aushilfe besetzt. Es konnten nicht besetzt werden 119 Stelle», zum Teil ivegen zu niedrigem Lohn, andrerseits wegen Fehlens paffender Kräfte. Unter Verbands- Angelegenheiten erstattet Schumann Bericht über den Verlauf des Kongresses des Lokalverbands in Braum'chiveig. Noch längerer Debatte fand folgende Resolution mit überwältigender Majorität Annohme:„Die Gcncratveriamm- lung erklärt sich mit dein Anbahnen der EinigungSverhandlimgen einverstanden und hofft, dast die ferneren Verhandlungen zur voll- tändigen Einigung führen werden.* Ferner beichlost die Versammlung, die Anstellung des Mitgliedes Panier als Burcauanqcstcllten mit einem Wochenlohn von 30 Marl bis aus weiteres gutzuhcisten. Der Verein znr Wahrung der Jutcrcsse» der Maurer BerlinS und der Nmgegrnd hielt am 22. April eine gut besuchte Generalversammlung ob.' Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde das Andenken des verstorbenen Mitglieds Wilhelm Klinbeil von den Anwesenden in der üblichen Weise geehrt. Auf der Tagesordnung stand ein Vortrag des Herr» Dr. I o ä l, der in interessanter Weise ein naturwissenschaftliches Thema erörterte. Darauf- legte der Kassierer Kanfmann der Versammlung die Abrechnung vom ersten Quartal 1900 vor, aus der folgendes zu entnehmen ist: Einnahme 2989,95 M.. Ausgabe 2915,96 M., bleibt Bestand 73,99 M. Bestand von 1899 10 950.41 M.. Bestand am Schlust des ersten Quartals»900 11021.10 M. Nach diesem wurde vom Ausschuß folgende Abrechnung vor- gelegt: Einnahme 161 M.. Ausgabe 153.42 M., bleibt Bestand 7.58 M. Zum Schlust wurde vom Vorsitzenden bekannt gegeben, dast die Maifeier in QuargS Festsälen. Grand-Hotel Alexanderplatz abgehalten wird._____ VevmipLzke-s- Ein großer Waldbr«»» wird telegraphisch au» Breslau, 26. April, gemeldet: Zwischen Schweidnitz und HermSdorf im Kreise Grünbcra brach gestern nachmittag ein Waldbrand aus. durch welchen der Waldbestand von gegen 1000 Morgen teils vernichtet, teil» stark beschädigt wurde.-- Ein weiterer Waldbrand wütete in einem großen Teile der Wälder des WiethenbmchS südwestlich von Celle in der Nichtimg von Harnbühren. Ovelgönne, Oldau. Winsen, Nixförde und Adelheidsdorf. Das vom Feuer bestrichene Areal beträgt e t w a 4000 Morgen. Der Brand begann am Soimtagmittag. Das Feuer verbreitete sich bei der Trockenheit mit rasender Gcschivindig- feit. Der Landrat in Celle erbat sofort militärische Hilfe und in kurzer Zeit war das erste Bataillon des Infanterieregiments Nr. 77, mit Werk- und Schanzzeug ausgerüstet, auf dem Weg zur Brand- statte. Hätte das Militär zehn Minuten später eingcgriffeK, dann iväre mich die schöne Besitzung Rixförde verloren geivesen. In Mitleidenschaft gezogen sind die Befitzuiige» von Rathje- Stcinfvrde und Gut Rixförde', der Staaisforst und v. Dassels Gut. Die Gemeinde Oldau legte vorsichtigerweise an der bedrohtesten Stelle ihres Forstes Gegenfener an.' Viel Wild ist in den Flammen um- gekommen. Es brennt noch in der Nähe von Adclbeidsdorf. Dort ist viel Moor und wird daS Feuer daselbst wohl noch tagelang fortglimmen. Von der Pariser Weltausstcllnng schreibt man uns: Die ersite Feuers brunst hat am Dienstagnachmittag das Publikum und vor allem die Aussteller in große Aufregung versetzt. Gegen zwei Uhr stieg eine dichte Rauchwolke ans den im Trokadcro-Park inmitten der englischen Kolonialausstellung gelegenen cnglischcu Restaurant empor. Die für das Ausstellungsgebiet bestimmte Feuer- wehr rückte denn auch bald an und die Spritzen waren gut im stände. Nur schade. dast zuerst das Wasser fehlte, so daß noch mehrere Minuten nach Eintreffen der Feuer- wehr vergingen, che der Kampf gegen das mittlerweile ziemlich stark gewordene Feuer beginnen konnte. Den vereinigten Anstrengungen der Feuerwehr und der anwesenden Arbeiter ge- lang es. dcis Feuer zu beschränken und bald gänzlich zu löschen. DaS Feuer war im ersten Stock des genannten Nestauraiits ent- standen und hat dort nicht unbeträchtlichen Schaden verursacht. Die Schuld an dem anfänglichen Wassermangel wird auf den ungenügenden Wasserdruck geschoben, über den überhaupt stark geklagt wird. Den Fachleuten ist eS bisher nicht möglich gewesen, dem Uebclstand abzuhelfen. Mit Recht wird in den Pariser Zeitungen gefragt, wie daS erst werden soll, wenn die großen Wasscrkaskadcn des Chatcau d'Ean. des WasserschlosieS. spielen und unaufhörlich kolossale Wasser- maffcu verbrauchen werden. Jedenfalls scheint die Ausstellung bis jetzt auf eine größere Feuersbrunst durchaus nicht vorbereitet zu sein. Marktpreise von Berlin am 23. April 1900 »ach Ermiltliiiigeu des tgl. Polizeiprösidiunis. Welzen, gut D.-Ctr. „ mittel„ gering„ Noggen, gut „ mittel gering Geifle, gut mittel„ gering Hafer, S»t. „ miliel. „ gering, NIchifirvh. He». Erbten„ Speiicbohnen. LlII'CII Produktemnarkt Kartotfeln.ncue.D-Ctr. Rindtlrisch. Keule 1 i-x do. Banch„ Schweiuelleisch, Kalbfleisch Hammelsielsch. Butter Eier Karpsen Aale Zander Hecht- Barsche Schleie Blei- Krebse 60 Stück 1 kg per Schock 7- 1,60 1,20 1,60 1,60 1,60 2,60 4- 2,20 3,- 2,60 2- 1,60 3,- 1,20 12,— 5,— 1,20 1,-T je 1,- 2- 2,20 1,20 1,- 1.- 1,- 0,80 1,40 0,80 3,50 vom 28. April. Erneute Nachtfröste und erhebliche Preissteigerungen in New Dort, Chikago, Paris und Oestreich-llngarn gaben dem heutigen Getreidemarkt ein sehr festes Gepräge, welches in der Preisgestaltung sowohl für Weizen, als auch für Roggen zum Ausdruck lai».li LicfcrungSbandel entwickelte sich zeitweise ei» sehr lebhaftes Ge- schüft fftr alle Sichten, wobei Weizen durchweg 1 M., Roggen per Mai l M., per Juli und September 0,75 M. besser bezahlt wurde. Auch Mehl lag fest bei sehr knappem Angebot, Haser im Lieferungshandel bis 1,50 M. besser bezahlt, Mais strammer aus Amerika, RübSl gut behauptet, ruhig. Am Spiriiusmarkt wurde 70er loco mit 40,70(unverändert) gehandelt. Weizen per 1000 Kilo märkischer 150—150,50 M. ab Bahn, Oderbrucher — M., Sächsischer— M. ab Speicher. Normalgewicht von 755 Gr. 151,25—150,75 M. Abnahme im Mai, do. 155,55— 155,50 Abnahme im Juli, do. 159—109,25 Abnahme im September mit 2 M. Mehr- oder Minder- wert. Fester,— Roggen per 1009 Kilo Oderbrucher 145,50 ab Bahn, polnischer— frei Muhle. Warthe schwimniender 116,—, Netze schwim- nicndcr— ,— frachtfrei Berlin.. Normalgewicht, 712 Gr. 149—118,75 Abnahme im Mai, do. 147,25—147 Abnahme im Juli, do. 144—144,25 bis 143,75—144 Abnahme im September mit 1,50 M. Mehr- oder Minder- wert.— Hafer: loco per 1009 Kilo, seiner pouuuerscher 140—145, mittel 135—139, uiecklenburgischer feiner 140—146, mittel 136—139, West- prenisischer—, westprelibilcher mit Geruch 136—139, posener—, mittel 135-137, schlesischer-,-, mittel 134-137, westpreuhischer feiner —, mittel— ab Bahn. Märkischer mit Geruch— ,— frei Wagen. Normalgewicht 450 Gr. 133-133,50 aus Abnahme im Mai, 133,50 im Juli. — Mais: Amerik. mixed loco 127—128 frei Wage», 112—114,75 Ab- nähme im Mai. Tendenz fest.— Mehl: Weizenmehl: Nr. 90: 19,00-21,65 M. Roggen mehl Nr. 0 und 1 19,10-20,35 M-, Abnahme im Mai 19,50, Abnahme im Juli 19,40.- R ü b ö l für 100 Kilogr. mit Fast, Abnahme im Mai 57,20, Abnahme im Oktober 57,10 M. Tendenz lest.— Spiritus 48,70 frei HauS. Briefkasten der Redaktion. Tie juristische Sprechstunde findet Montag. TteuKtag und Freitag von 7—9 Uhr abeud» statt. F. S. 217. Bitte, kommen Sie an einem Bormittag zwischen 10 und 12 Uhr aus die Rcdaltion und melden Sie sich im Sekretariat. Solch« Fragen lassen flch mündlich leichter und präciser erledigen. A. 99. UnS imbekaiuit. (f. H. Metall. Bezugsquellen für Wolframmitall und Molybdän- meiall und uns nicht bekannt: wenden Sie sich an ein Fachbtatt. 86. In Hamburg ist keine bedeutende Fabrikation. Blüthner-Leipziz, Schindmaner- Stuttgart. ' Otto Jena. Wir verzichten auf den Erwerb der Bände. <9. 900. 1. 590 M. 2. Nein, das ganze Vermögen. 3. 2— 3 Monate warten. 4. Leider möglich, daS Elftere ratsam.—(Sc. I. 1. An sich 1a, hier nein. 2. Ja, der Gerichtsvollzieher kann pfänden.— R. E. 1. Iln- verständlich. 2. Hängt von der Konstitution der Frau ab.— Steglitz. Das hängt von seinem sonstigen Eiiilommeii ab.— Zt. L. 20. Hängt davon ab, durch lvesien Schuld die Verlobung aufgelöst ist.— E. L. 100. Wiederholen Sie die Anfrage.— Hg. 9. Können wir im Brieftaften nicht beantworten. —<201. Nur im zweiten Fall.— R. K. I.— 3 Ja. 4. Nein.— 9t. S. Ohne Bermittelung Ihrer Mutter können Sie keine Abschrist erhalten.— H. S. 20. 1. Nein. 2. Ja, Reinigung dringend geboten.— P. S. 100. Kommen Sie in die Sprechstunde.— Fr. H. St. 31. Läht sich so nicht beantworten. Geben Sie den Sachverhalt ausführlich an.— Zl. 40. 1. und 2. Beantworten wir nicht. 3. Regierungspräsident, sür Berlin Ober- prästdent der Provinz Brandenburg in Potsdam.— W. L.. Weistensec. Wenn Sie Ihrer Aussichlspflicht genügt haben, nein.— O. tkh. Ja, auch jetzt noch.— F. St. 1. und 2. Die Summe ist n u r für in städtischen Betrieben beschäftigte Beamte und Arbeiter bestimmt. 3. Ja.— H7, Geburtsschein und Ausenthaltsbescheinigung.— MonUor. 1. Antrag beim Amtsgericht. 2». Nur im Wege der Anfechtung möglich. 2d. Hängt vom Inhalt des Testaments Ihres Baters ab. 3 R. o Mohl; das deutsche Reichstagswahlrecht.— Z. SO. Machen Sie ein Testament, in dem Sie den«ohu zum Erbe» einsetzen und den Mann aus den Pflichtteil bc- schränten._ «ttteenngSüberstcht vom 26. April 1900. morgen» 8 Uhr. Kvcner- Prognose für Freitag, de» 27. April 1900. NachtS sehr kühl, am Tage etwas wärmer, vielfach heiter, aber noch veränderlich mit geringen Niederschlägen und mäßigen westlichen Winden. Berliner W e t t« r d u r e a u. Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Für den Jvjeratentetl verantwortlich: Th. Glocke jn Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.