Erscheint in Leipzig Mittwvch, Freitag, Sonntag. Bestellungen nehmen an alle Postanstalten u. Buchhand- langen des In« U.Auslandes. Filial< Expeditionen sür die Bereinigten Staalen: F. A. Sorge, bor 101 Uobökcn, N. J. Pctcr Hasj, 8. W. Corner Third and coatea str. PLiladelphia. Alionnenientsprei« für ganz Deutschland IM. KV Pf. pro Quartal. Mvnats-Abonncments werden bei allen deutschen Postanstalten auf den Lten u. 3ten Monat und auf den 3ten Monat besonders a». genommen; im Kgr. Sachse � u. Hrzgth. Sachs.-Altcnbl», auch auf den tten Monat des Quartals s öd Pf. Organder sozialdemokrattschenArbeiterparteiund der mternationalenGewerksgenassenschaften. Inserate, die«bhaltuna von Partei-,«ecelns- au» vo�lsversammlange«, sowie die Filial. Expeditionen und sonstig« Partei-Angelegenheiten betreffend, werden mit 10 Pf.,— Privat- nnd Bergnügung«. Anzeigen mit 25 Pf. die dreigespaltene Petit-Zeil» berechnet. Nr. 17. Ireitag, 12. Aevruar. 1875. Mast's Petition im Reichstag. Nach Begründung de« E»mmisfion«bericht« durch den Abgeord. Fenner (Schluß.) Ein dritter Fall. Der Schauplatz ist nicht weit von Rudolstadt, in Eiseuach. Einer unsrer Parteigenossen, Giffey, verwegen einer geringfügigen Sache— Verbreitung eincS„staatSgefähilichen- Liedes— inhaftirt war, hat über feine Gefängnißerlebniffe wie folgt auf einer Volksversammlung berichtet, und mir brieflich mit seinem Ehrenwort versichert, daß der gedruckte Bericht, den ich theilweise vorlesen werde, völlig wahr sei. Drei Tage — so heißt eS in diesem Referat,— hätte er in dem hiesigen — Eisenacher— Gefängniß in einem finsteren Loche(daS einzige Fenster fei so mit Blech verschlagen gewesen, daß nur durch einige Löcher daS Tageslicht eindringen konnte) ununterbrochen verweilen mllffen, eiserne Ringe an Dielen und Wänden waren seine einzigen Gesellschafter. Ungenießbare Kost(2Vt Groschen pro Tag bekommt der Gesangenenmeister dafür) sei ihm ver- abreicht worden, die er aber, um sie dem Gesangenenmeister Breme, der so seine Gefangenen genug auszubeuten suche(er nimmt z. B. sür V» G.aS Bier 2'/, Groschen) nicht zu gute kommen zu lasten, unangerührt den Weg alles Irdischen hätte gehen heißen. Dieben und Betrügern sei ein Vorzug ge- währt worden. Ein Betrüger ersten Ranges habe täglich seinen Kaffee, Zeitungen k. bekommen, während ihm, als er 1 Stunde an die frische Lust gelaflea wurde, seine Zelle aus geräumt und sogar der letzte Bleistift genommen wurde. Weiter häuften fich die gerechten Beschwerden, als er in das hiesige LandeSgcsängniß übergeführt worden war. Der Direktor desselben, Herr Oberstlieutenant Hartlcben, trug auch hier dazu bei, dem Gefangenen seine Haft unerträglich zu maiben, u. A. habe er ihm einmal die Worte zugerufen:„Sie, Giffey, wollen sich beschweren? Ein gemeiner Dieb ist mir lieber als ein Sozialdemokrat vom reinsten Was- ser!'(Stimme recht«: Sehr richtig!)— — Ich dar ke Ihnen für diese Meinungsäußerung; sie kenuzeichnet jedenfalls den Unterbrecher! Präsident: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen. Abgeordneter Liebknecht(liest weiter): Eine Chikane sollte ihm wahrjcheinlich angethan werden, indem man ihm den Strohsack am Tage aus seiner Zelle entfernte, waS jedoch Giffey als eine Wohlthat erklärte, in- dem derselbe Flöhe enthielt„wie Sand am Meere". Die Kost war auch hier so schlecht, daß Giffey sich genöthigt sah, beim Herrn Dr. Täschner sich zu beschweren, der zweimal da« Gutachten abgab, dieselbe sei für Giffey ungenießbar, und zweimal wurde dasselbe Gutachten ignorirt. Da« Aussehen Giffey'« ist übrigen« da« beste Zeugmß von der im Gefäng- niß genossenen Behandlung. Aus der anderen Seite, meine Herren, habe ich von einem Parteigenossen au« Apolda, Herrn Dohrn, der im Gefängnisse zu Weimar war, Mittheilung erhalten, daß er sehr gut behandelt worden ist. Sie sehen, meine Herren, die reine Willkür; wie gerade die Beamten gelaunt sind, oder wie gerade die Praxis in den Gefängnissen ist, so wird gcwirthschaftet. In einem Mainzer Gefängniß— um nad) Hessen zu kommen— hat mehrere Wochen lang einer unserer Parteigenossen, ZiersaS, gesessen. Derselbe gibt folgende Schilderungen von seinen Er lebnissen im Gefängniß: Wenn ich mir bi« jetzt vorstellte, daß auch der Gefangene, und wäre er ein gemeiner Verbrecher, noch ein Anrecht auf daS Wort Mensch hat, so sollte ich sofort bei meinem Ein- tritt in daS Gefängniß ander« belehrt weiden. Schon die rohe Ansprache de« Verwalters mußte einen jeden tief ver letzen, der noch nicht aller Gefühle beraubt ist. Da« erste dessen man mich entledigen wollte, war der Bart und mein Trauring; letzterer saß jedoch so tief im Fleisch, daß mau davon Abstand nehmen mußte, ohne den Finger zu verletzen. Gegen die Abnahme de» Barte« protestirte icd, so lange man mir nicht ein Gesetz zeigte, welche« hierüber bestimmt. Meine Kleider durfte ich behalten. Nachdem nun der Herr Ver Walter, Ackermann heißt der Mann, noch einige Rohhciten— ich muß bemerken, daß ZiersaS beim Eintritt in« Gefängniß mit pöbelhaften Worten von diesem Manne empfangen worden war, — i(t wollte nicht zu viel vorlesen, nachdem aber im Bericht darauf zurückgegriffen ist, muß ich die« mittheilen— — noch einige Rohhciten gegen mich ausgelassen, wurde ich in einen Schlaffaal geführt, in welchem 25 Verbrecher aller Kategorien dicht nebeneinander lagerten. Nachdem der Saal geschlossen, und ich meinem Schicksal überlassen, traten mir zum erst-n Mal in meinem Leben Thränen in die Augen, Thräncu, die man al« Mensch vor einem Verbrecher ver- bergen muß. Ich konnte nicht glauben, daß daS Sittlichkeit«- gefühl eine« Menschen, der kein Verbrecher ist, in den Augen gebildeter Menschen, so wenig Werth haben sollte, daß man dasselbe einer Masse Veibrecher Preis giebt, die es mit ihren allnächtlichen unaussprechlichen Unterhaltungen verletzen. De« anderen Tag« wurde ich vorgeführt und gefragt, warum ich meinen Bart noch nicht habe abmachen lassen. Ich sagte, daß ich daS Gutachten des Arzte« abwarten möchte, und bat, ihm vorgeführt zu werden. Der Arzt erlaubte mir, meinen Bart flehen zu lassen, au« Gesundheiisrücksichten, die ich be- gründete. Die Wath deS Herrn Verwalter« ließ sich nicht verbergen. Nachdem ich nun 6 Tage stillschweigend meine Lage mit allen anderen Verbrechern gleich getheilt, meldete ich mich zum Rapport. Bei dieser Gelegenheit bat ich den Verwalter inständig, mir zur Verbesserung meiner Lage die Hand zu reichen. Ich stellte ihm vor, daß ich erst einige Tage von einer schweren Krartheit genesen und diese Koft bestehend nur auS Erbsen, Linsen, Bohnen, oft noch harh und Vk Pfd. Brod täglich für meinen Körper nicht zuträg- lich sei, dazu noch bei 13stündigcr schwerer Arbeit täglich (Ich arbeitete als Schreiner auf meinem Geschäft.) Außer- dem bat ich ihn, mir eine andere Schlafstelle anzuweisen denn die Unterhaltung in dem Schlaffaale Abend« sei geradezu vernichtend sür mich. Ebenso ersuchte ich ihn, von den Spaziergängen mit den übrigen Gefangenen in Reih jund Glied, die täglich dreimal a 20 Minuten lang im Hofe statt- finden, zu verschonen. Man erwiderte mir hierauf, daß man mit mir durchaus keine Ausnahme machen könnte, denn hier sei einer wie der andere.— Ich konnte mich gegen diesen Schimpf nicht vertheidigen, denn ich war ein Gefangener. Ich halte ein— die Schilderung ist noch nicht zu Ende, je doch kommt kein neue«, wesentliches Detail. Genug— Zerfa« ist, obgleich da« ihm Schuld gegebene Vergehen ein sehr gering fügige« war, so behandelt worden, wie man gewöhnlich im Zucht' Hause behandelt wird. Er mußte Zwangsarbeit verrichten und war mit gewöhnlichen Verbrechern zusammengcsperrt. In ähnlicher Weise ist verfahren worden gegen einen unserer bayerischen Parteigenossen, Wörlein von Nürnberg. Ich habe einen Privalbrief von ihm zur Hand, den zu verlesen aber mehr Zeit erfordern würde, als ein mir ebenfalls vorliegender gedruckter Bericht, der wesentlich dasselbe besagt und an den ich mich des' halb halten will. Im„Nürnberg-Fürther Sozialdemokrat" vom 14. November wird geschrieben: Vergangenen SamStag kam unser Genosse Wörlein von Amberg auS, wo er 3'/, Monate fteie« Quartier nebst„Kost" gehabt, zugereist. Die schwere„Sünde" ist nun gesühnt durch Säumen von Betttllchern, Zusammennähen von Zuchthaus- Hosen und durch den dreieinhatbmonatlichen Genuß königlich bayerischer Gefängnißkast, die so ausgezeichneter Natur ist, daß Wörlein während seiner Ferienreise— vermuthlich wegen übergroßer Appetitlichkeit des ihm Gebotenen— faktisch nur von Wasser, Brod und etwa« Kartoffeln gelebt hat. W�r haben kürzlich schon erwähnt, daß Leute, welche gemeine Ver gehen verübt, und länger als Wörlein zu sitzen hatten, ihre Strafe in der hiesigen — Nürnberger— Frohnfcste absitzen konnten, und hat sich Grillenberger, der in einer Versammtung auf diese famose„Gleichheit vor dem Gesetze" hinwies, dieferhalb sogar einen Prozeß zugezogen Demnach scheinen die bayerischen Behörden ein politisches Ver gehen für strafwürdiger zu halten, als ein gemeines, und haben diShalo Wörlein auch die ganze Härte des ZüchtlingS' leben«, nämlich die Ansprache mit„Du"(!!), da« Tragen der SträflingSmontur, da« Scheeren von Haar und Bart ,c. gründlich zu verkosten gegeben. Meine Herren, auch hier der politische Gefangene behau delt wie ein Züchtling!— Und eine andere Thatsache ist in diesem Bericht erwähnt, die überall in Deutschland vorkommt, nämlich, daß man gegen sogenannte politische Verbrecher nicht in milderer, in humanerer Weise verfährt al« gegen Solche, die ge- meine Verbrechen begangen haben, sondern häufig gerade umgc kehrt: daß die gemeinen Verbrecher, wenn sie der besitzenden Klasse angehören, etwa Bankier« gewesen sind, wie e« z. B. neuerding« in Königsberg gesebehen ist und wie e« auch in Plötzensee vor Kurzem— im Laufe de« vorigen Jahre«— vorgekommen sein soll, sich einer bevorzugten Behandlung erfreuen, luxuriös essen und trinken können, ähnlich wie vorher im Zustande der Freiheit, gute Schlafzimmer und eigene Betten haben ac., während der ge fangene Sozialdemokrat, der nicht« gethan hat, als seiner Ueber- zeugung zu folgen, und dem das Gesetz selbst die Ehrenhaftigkeit zuerkennt, behandelt wird wie ein Züchtling. Da», meine Herren, muß abgeändert weiden, und e« freut mich, daß die Petition Most'S, die in der Petitionskommission in sehr eingehender, vor- urtheilSloser Weise diSkutirt worden ist, einen Anlaß dazu bietet, den ersten Schritt zu einer Remedur, zu einer Verbesserung des Gesängnißwefen« zu thun. Ich habe noch sehr, sehr viel Material; aber ich glaube, ich würde der Sache, um die eS sich jetzt handelt, eher schaden al« nützen, wenn ich in dieser vorgerückten Zeit den massenhaften Stoff, welchen ich noch in Händen habe, ganz mittheilen wollte. Ich unterlasse e« also, weitere Berichte zu verlesen, die sich ja auch alle im Wesentlichen gleichen, und werde mich im Uebrigen ans da« Roth wendigste beschränken. Wenn ich, der Vertreter einer im Augen- blick verfolgten Partei, sür eine Reform de« GesängnißwesenS ein- trete, so ist daS in gewisser Beziehung eine oratio pro domo*); denn für ur.S Sozialdemokraten ist das Gefängniß, wie die Dinge momentan in Deutschland stehen, die eigentliche Wohnstätte, die Normalwohnung geworden. Wie die Gesetze heuzutage gehandhabt werden, ist eS unmöglich, in öffentlicher Rede oder in der Presse ich so auszudrücken, daß man vor Strafanträgen und Bestrafungen geschützt ist. Ich sprach am 21. Nov. an dieser Stätte aus— und die Aeußerung erregte damals lebhafte„Unruhe"—: das Wort: „e« giebt noch Richter in Berlin", ist nachgerade Kin- derspott geworden, und die Sozialdemokratie glaubt nicht an die Unabhängigkeit der Richter.... Meine Herren, Sie murrten, als ich da« sagte. Nun— c« war ja ei« Sozialdemokrat, der eS ausgesprochen hat.(Ruft: Zur Sache!) E« gehört vollständig zur Sache, daß ick die« hier erwähne; denn zu den G-sängnißverhältnisscn, zur Handhabung de» Gesetze» in Bezug aus die Gefängnisse und in den Gefängnissen gehört ganz wesentlich die Handhabung der Gesetze im Allgemeinen, weil e« von dieser abhängt, ob man leichter oder weniger leicht in daS Gefängniß hineinkommt(Heiterkeit); die Richter sindS, die die Gefängnisse bevö kern. Meine Herren, wa« die von mir ausgesprochene Ansicht über die Unabhängigkeit der Richter betrifft, so will ich Ihnen einige bekräfiigtnde Zeugnisse von Männern auS Ihrer eigenen Mitte verlesen.(Ras: Zur Sache!) Ich glaube, daß ich zur Sache spreche.(Widerspruch.) Ich spreche zur Sache und halte mich an mein Recht. Wenn in Deutschland Zustände wären, die eS möglich machten, daß, wer die Gesetze genan beobachtet und sich fest auf den Boden deS Gesetze« stellt, auch sicher wäre, den Gefängnissen ferne zu bleiben, so würde ich jetzt nicht hier stehen, so wäre diese Petition nicht an den Reichstag gekommen. Ich habe durch eigene Erfahrung und durch die Erfahrung meiner Freunde die Ueberzcugung gewonnen, daß eS einfach unmöglich ist, bei der heutigen Handhabung der Gesetze, wenn man von oben her gepackt werden soll, daS Gefäng- niß zu vermeiden. Meinungsäußerungen, die unter Umständen, selbst, wenn in schärfster Form gethan, straflos bleiben,— auch draußen, außerhalb der Mauern de« Reichstag«,—«erden, in der mildesten Form vorgebracht, oft dazu benutzt, um einen Mann auf Monate, ja vielleicht auf Jahre lang hinter Schloß und Rie- gel zu bringen. Hier ist ganz wesentlich die Qualität de« Rich- terstande« ins Gewicht fallend. Im preußischen Abgeordneten- hause, in der Sitzung vom S. Februar 1866,— e» handelte sich um den Fall Twesten— äußerte unter anderm unser verehrter Herr Piäsident von Forckenbeck(Heiterkeit): In der Verfassung steht—(Rufe: zur Sache!) — Sie werde» sehen, daß der Herr Präsident genau dieselbe Ansicht über die preußischen Richter äußerte, welche ich geäußert habe— In der Verfassung steht: eS soll kein Geld ohne unsere Bewilligung ausgegeben werden,— seit 4 Jahren wird da« Geld de« Lande« ohne unsere Bewilligung ausgegeben; in der Verfassung steht, daß die Minister verantwortlich sind und wegen Verletzung der Verfassung—(Ruf: Zur Sache!) — Sie werden sehen, daß eS zur Sache gehört, die betreffende Stelle über die preußischen Richter schließt sich unmittelbar an— daß die Minister verantwortlich sind, und wegen Verletzung der Verfassung, de« Verbrechen« des VcrrathS zur Anklage gezogen werden können. Wa« erklären die Minister? Ja, wir sind verantwortlich, aber nur Gott allein, wir find also Menschen. E» steht ferner in der Verfassung: Wir Abgeordnitc sind.... Präsident: Ich muß den Herrn Redner unterbrechen. Ich muß doch jetzt meine Ansicht aussprechen, daß er nicht zur Sache pricht, und daß die Ausführungen» welche er im Augenblick be» gönnen hat, überhaupt nicht zur Sache gehören. Ich bitte ihn, zur Sache zu sprechen. Abgeordneter Liebknecht: Ich will dem Herrn Präsidenten zugeben, daß ich mit der Vorbringung der soeben verlesenen Stcl- len einigermaßen von der Sache abgewichen bin; aber die Aeuße- rung, die ich zitiren will, gehört entschieden zur Sache, ich habe nur einige Zeilen zu früh zu lesen angefangen.(Liest weiter:) M. H., wir haben einfach zu konstatiren, daß der Einbruch in die Verfassung, in das letzte Bollwerk der Verfaffung ge- schehen ist, auszusprechen, daß wir ohne Geld, ohne Vcrsü- gung über Leute, ohne den Schutz unabhängiger Rich- ter, diesem Syst.-m entgegentreten wollen fort und fort, wie eS unsere Pflicht ist, die uns daS Land auferlegt. Also„ohne den Schutz unabhängiger Richter". Ich ielle mich mit meinem Urtheil über die preußischen Richter unter den Schutz de« Herrn Präsidenten(Heiterkeit), der selber erklärt, daß wir— und wa» 1866 galt, gilt heute in verstärktem Maß — nicht unter dem Schutze unabhängiger Richter stehen. Präsident: Ich muß den Herrn Redner wiederholt unter- brechen. Ich muß ihm jetzt wiederholt erklären, daß die Au«- ührung, in der er sich im Augenblicke befindet, meiner Ucberzeu- ;ung nach nicht zur Sache gehört, uud ich muß ihm gegenüber etzt die Aufforderung aussprechen, zur Sache zu sprechen, und zwar mit der Wirkung, die die Geschäftsordnung daran knüpft.*) Abgeordneter Liebknecht: Und ich werde an da» Hau» apcl- liren. Ich behaupte, daß, wenn ich den Beweis führe, daß wir nicht unter dem Schutze unabhängiger Richter flehen, da« aller- dingS in der gegenwärtigen Frage zur Sache gesprochen ist. Ich appellire an das Hau». Ich will sehen, ob und in wie weit Redefreiheit in diesem Hause besteht.(Unruhe.) Gut— ich weiß jeyt, woran ich bin; daS Standrecht der Geschäft«- ordnung ist gegen mich verkündet**).(Lebhafteste Unruhe.) Präsident: Ich muß den Herrn Redner zum zweiten Male ersuchen, zur Sache zu sprechen, und zwar mit der Wirkung, die die Geschäftsordnung daran knüpft. ') Die Titate, welche Liebknecht zu verlesen gehindert ward, folgen *) Eigentlich Rede für die Behausung, zur Erhaltung de« Hauses— als Anhang.**) Im stenographischen Bericht fehlen die 4 letzten Worte, sie gingen im Lärm verloren. Rede in eigenen Angelegenheiten. Herren, ich glaube, Recht, an da« Hau« Abgeordneter Liebknecht: Meine habe nach der Geschäftsordnung da« appelliren.(Widerspruch.) Präsident: Ich frage, ob Sie meiner Aufforderung Folge leisten, die ich auf Grund der Geschäftsordnung an Sie richte� und ich werde, wenn Sie meiner Aufforderung nicht Folge leisten� diejenigen Schritte thun, welche die Geschäftsordnung mir vor- schreibt. Abgeordneter Liebknecht: Meine Herren,''. ich hatte geglaubt, ehe mir ein Ruf zur Sache definitiv ertheilt werden kann, hätte ich das Recht, das Haus darüber abstimmen zu laffen.(Wider spruch.) Ich bescheide mich, ich sehe, daß eS ein Irrthum von mir ge- wesen ist. Meine Herren, ich muß mich also von diesem Punkte entfernen Ich glaube indeß, daß das Gelesene für meinen Zweck vollständig genügt hat. WaS nun den Bericht der Kommission betrifft, so will ich nicht de« Näheren auf denselben eingehen, bloS eine bestimmte Stelle muß ich zur Charakteristik des herrschenden Systems er- wähnen. Man hat nämlich, um zu beweisen, daß der Abge- ordnete Most menschlich behandelt worden sei, von feiten der Be- Hörde einen Brief angeführt, den Most an seine Frau geschickt hat, und in dem er sich mit der Behandlung im Gesängniß zufrieden erklärt. Meine Herren, versetzen Sie sich in die Lage eines Man- neS, der, nachdem er, aus langer Kerkerhaft entlassen, wenige Wochen der Freiheit genossen hat, plötzlich weggefangen wird, weggerissen von der Frau, die ihm neuvermählt ist, die er in den traurigsten Berhältnissen zurückgelassen hat, der der Gram da« Herz bricht und denken Sie sich nun an die Stelle des Mannes. Den Schmerz, den er selber empfindet, die Unwürdigkeiten, die er erleidet, sucht er, so wahr er ein Herz hat, seiner Frau zu verbergen. Er schil dert mit der„Heuchelei der Liebe" die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie er wünscht, daß sie seine Frau sehen möge. Ich habe häufig im Gesängniß gesessen, aber an meine Frau ist nie eine Klage über meine Behandlung gekommen, im Gegentheil habe ich ihr stet« versichert: die Behandlung sei so gut, wie sie überhaupt sein könne, und ich ganz glücklich und zufrieden. Der Mann, der in einem solchen Fall seiner Frau die volle Wahrheit mittheilte, wäre kein Mann, er wäre-in gefühlloser Feigling, und ich muß sagen, eS hat mich wahrhaft empört, das, was Most als suhlen- der Mensch seiner Frau geschrieben hat, die Wahrheit vertuschend, damit der Frau das Herz nicht breche, als BeweiSmatertal benutzt zu sehen, um die schmachvolle Behandlung, die ihm, sei eS gesetz- lich oder ungesetzlich, zu Theil geworden ist, zu beschönigen. M. H., ich muß nochmals auf die BelöstigungSfrage in Plötzensee kommen. Ich sprach vorgestern mit Most, ob die Kost ihm ge- uüge; er erwiderte mir, im allgemeinen könne man sich über die- selbe nicht beschweren, ihm persönlich aber sei sie nicht zuträglich, st- sei so würzloS, so einförmig, so monoton(Heiterkeit),— da« ist Tag für Tag ziemlich tafselbe— taß er, der doch an keine leckere Kost gewöhnt sei, sich nicht wohl dabei fühle und, bei der man- gelnden körperlichen Bewegung und der Lebensweise, die er im Gesängniß habe, in seinem System so erschlafft sei, daß er manch- mal zwei, drei Tage hintereinander nichts genießen könne. Jeder Arzt wird zugeben, daß die« eine ganz nothwendige naturgemäße Wirkung einer solchen Diät auf schwächliche Menschen mit schwacher BerdauungSkraft ist, wie eS bei Most unstreitig der Fall,— Sie kenneu ihn ja, Sie alle haben ihn jagesehen. Meine Herren, eS handelt sich hier um die Auslegung des § 16. Ich freue mich, daß die Majorität der Kommission über die Most'sche Petition einen im Wesentlichen günstigen Bericht er- stattet hat. Ich muß nun, damit das HauS mit möglichster Ein- müthigkcit in dtm Sinne der Kommission beschließe und wo möz- lich— doch die« zu bewirken, habe ich ja nicht die Macht— darüber hinaus gehe, noch daraus hinweisen, daß die Auslegung des§16, wie sie in Plötzinsee gilt, und wie sie von Seiten des Regierungskommissars Herrn Aschenborn vertheidigt worden ist, mit den Auslegungen der juristischen Autoritäten durchaus nicht übereinstimmt, daß sie im Gegentheile von dem juristischen Stand- punkte auS ebenso verurlhcilt werden muß, wie ich sie vor 9 Wochen, nach cirfacher Logik, von dem Standpunkte des Laien, der den Wortlaut und den Sinn und Geist ins Auge faßt, ver- urtheilen mußte. Ich habe hier den Kommentar eines ui ferer Herren Kollegen, de» Reichstagsabgeordneten Schwarze. Es heißt darin Seite 85 über den Z 16— in diametralem Widerspruche mit der Aus fassung in Plötzensee—: Insbesondere ist noch hervorzuheben, daß in der Gefangenen anstatt in Rücksicht auf die Beruft- und sonstigen Verhält- nisse de« Gefangenen der Gefangene mit jeder körper- liehen Arbeit verschont und ihm eine diesen Verhältnissen entsprechende Beschäftigung zugewiesen werden kann, voraus- gesetzt, daß letzterer(der Gesangeue) den bestimmten Ver- pfiegungSbeitrag gewährt und dieser auS den Mitteln de« Gefangenen beschafft wird. E« sind daher insbesondere auch literarische Arbeite», zu deren Honorirung der Verleger sich verpflichtet, zulässig. Meine Herren, wenn diese Auffassung in Plötzensce Platz ge griffen hätte, würde die Petition dem Hause nicht vorliegen. Wesentlich übereinstimmend ist die Auffassung ms Kommentars von Oppcnhosf. Da heißt eS Seite 52: Der wesentl che Unterschied der Gefärgniß- von der Zucht- hausstrafe besteht darin, daß der Zuchthaussträfling zu den in der Anstalt eingeführten Arbeiten angehalten weiden soll, während der Gesängnißsttäfling in einer seinen Fähig- leiten und Verhältnissen angemessenen Weise zu beschäs- tigen ist. Dagegen findet auch bei den Gefänznißsträflingen ein Ar- beitSzwang statt; durch die Fassung:„sie können— beschäftigt werden", sollte der Landesgesetzgebung die nähere Regelung der Sache vorbehalten werden; nur die Wahl der Beschäftigung, nicht die Frage de« ArbeitSzwangS selbst ist dadurch in das Ermessen der Gefängnißverwaltung gelegt n. s. w. ES ist hier das Wort„Arbeitszwang" gebraucht. Der Arbeits- zwang wird allerdings von Oppeiihvff festgehalten, d. h. festgehalten, daß in dem Gesängniß Keiner— und daS hat ja eine gewisse Be- rechtigung— freier Herr seiner Zeit ist, daß bei der Natur, dem Zwecke de« GesängniffeS nicht geduldet werden kann, daß der Ge- sangene müßig gehe. Ein ArbeitSzwang besteht also, und— ich wiederhole eS— in gewissem Grade mit Recht. Aber in Plötzen- see herrscht nicht ArbeitSzwang, sondern Zwangsarbeit; daS ist ein großer Unterschied. Gegen deu ArbeitSzwang in Ge- sängnissen kann und will ich mich hier nicht aussprechen. Aber daß in de» Gesängnissen Zwangsarbeit noch b-steht, das heißt den K 16 verletzen, das heißt daS Gesängniß zum Zucht- Haus machen. In ähnlicher Weise drückt sich Beruer in seinem Leh buch deS deutschen Strafrecht« au« und Dr. Theodor Reinhold in seinem Lehrbuche de« deutschen Strafrechts. Letzterer sagt: Die Gefangenen müssen nur dau», wenn fie e« selbst ver- langen, mit Arbeit beschäftigt werden, aber mit einer solchen, die ihren Fähigkeiten und Berhältnissen angemessen ist; in- wieweit diese Beschäftigung, auch davon abgesehen, stattzu- finden habe, ist zur Zeit der LandeSgesetzzebnng anheimge- geben; jedoch ist Anhalten zur Außenarbeit nur mit Zustim- muog de« Gefangenen statthaft. Sie sehen, daß Dr. Schütze sogar so weit geht, zu erklären, die Gefangenen müssen„nur dann, wenn sie e« selbst verlangen", mit Arbeit beschäftigt werden. Er erkennt also nicht einmal voll, obgleich der Ausdruck nicht ganz klar ist, den ArbeitSzwang im Gesängniß an. Die» die Auslegung des einschlägigen GesetzeSparazraphen von kompetentester Seite. Darnach, meine Herren, handelt es sich für den Reichstag einfach darum, zu erzwingen, daß die Gesetze, welche er selbst gegeben hat, respektirt werden. Ich will mich jetzt nicht auf allgemeine Fragen einlassen, weil e« sich um Erreichung eiueS bestimmten praktischen Zwecks handelt. Da« Gefängnißwefen, das ganze Strafverfahren, die Unterscheidung politischer und gemeiner Verbrecher, die sogenannte Gleichheit aller Verbrecher, die Gleich- heit in dem Regime der verschiedenen Gefängnisse, das System der Jndividualistrung, da« alle« find Fragen, die ausführlich be- handelt werden müssen, jedoch nicht hierher gehören. Sie werden uns in der nächsten Session beschäftigen. Ich begnüge mich also, eS dem Reichstag anheimzugeben, dafür zu sorgen, daß§ 16, der vom Reichstag beschlossene und zum Gesetz erhobene§ 16 respektirt werde, und daß im Einklang mit dem Geist und Wortlaut dieses§ 16 in Deutschland gemäß den Forderungen der Most'schen Petition ein einheitliches Strafvollzugsystem eingeführt und den jetzigen menschenunwürdigen— unsere Justiz- zflege mit Schimpf bedeckenden Zuständen ein Ende ge- macht werde. Schütze angeschen wird. WaS den Vorwurf der Kollusion, d. h. zu deutsch; durch Verabredung Andere zu täuschen, betrifft, so ver- langen wir vom„Dr. Journ." nähere Erklärung hierüber, da sonst eine verläumderische Beleidigung de» Petzold vorliegt. Die Schwäche diese» Borwurfs tritt aber sofort zu Tage, wen» mau sich die Bemerkung näher ansteht, Petzold habe selbst au« dem Gesängniß KolluflonSoersuche gemacht. Da« ist ganz unmöglich. Der die Untersuchung führende Herr Exner war bei allen Unter- redungen de« Petzold mit seiner Frau, von jedem anderen Mea- schen war Petzold gänzlich abgeschlossen, zugegen. Alle Briefe de» Petzold wurden von Herrn Exner mit einem Z und einem Stempel versehen. Der ganze Versuch der Kollusion beschränkt sich darauf, daß Kayser an Petzold einen Brief schrieb, ebenso, wie er Herrn Advokat Freytaz mit der Bertheidiguug beauftragte. WaS: den dritten Grund der Beschwerdeführung anlangt, so hat Petzold nur von dem ihm zustehenden Rechte Gebrauch gemacht. Bei! all' den angeführten Gründen sucht einfach„das Kind eine Aus- rede". Schon 3 Tage, nachdem die Untersuchung erhoben, war jede Verdunkelung deS ThatbestandeS unmöglich, ein Fluchtverdacht; lag nicht vor, Petzold mußte also entlassen werden. Wir sind leider nicht in der Lage, die volle Wahrheit zu sage», warum Petzold so lange in Haft sich befindet, weil wir alsdann mindesten« ein halbes Dutzend Strafanträge zu erwarten hätten, und die Herren Assessoren, Staatsanwälte ic. thuen un< zu leid, als daß � wir ihnen bei ihrer jetzigen Ueberhäufang mit Geschäften noch neue; Arbeit machen sollten." Politische Uebersicht. — Die schamlose Ausbeutung der Arbeiter wird wieder einmal grell illustrirt durch nachfolgende Mittheilungen, die unS auS der Grafschaft Bentheim(Westfalen) gemacht werden: In dem etwa 4 Meilen von unserer Grenze belegenen holläa- discheu Fabrikorte Almelo„feiern" 1500 Weber seit 14 Tagen. Sie haben zu arbeiten aufgehört, weil die Fabrikanten ihnen den doch schon sauer genug verdienten Lohn davurch noch mehr ver- kürzten, daß sie denselben in preußischem statt in holländischem Gelde ausbezahlten. DaS höllänvische Geld steht augenblicklich aber bei der Twenther Bank(Almelo liegt in dem Distrikt Twenthe) — Im preußischen Abzeordnetenhause kam am Sonnabend die um«»/la pCt. höher als das preußische, so setzten also die Fabri- Frage der Domainenparzellirung zur Besprechung. Nicht kanten den Arbeitern bei der AuSbezahlung noch etwa 5 pCt. ab. einer der Herren Volksvertreter sprach sich prinzipiell gegen die UebrigenS sind die feiernden Arbeiter unv der Exdemokrat Kapp erblickte darin sogar Parzellirung auS, ein untrügliches Mittel, nicht bloS der Auswanderung ein Ziel zu etzen, sondern auch die bereits Ausgewanderten zum Theil zurück- zulocken,„denn, meine Herren, wir müssen doch für L-ute sorgen, die das Vaterland venheidigen." Also statt deS nationalökono- mischen der Kanonenfutter- Standpunkt! Wir werden auf die in mancher Beziehung lehrreiche Debatte zurückkommen. — OsfiziöS wird geschrieben: Die im BundeSrathe einge- brachte Vorlage betreffs einer Enquete über die Verhältnisse der Gewerbe- und Fabrikarbeiter geht davon aus, daß daS Material, welches die ReichSregi rung nach der erfolglos geblie- denen Vorlegung des Gesetzes über g-werbliche Schiedsgerichte und Bestrafung des ContraktbrucheS von den Bundesregierungen über die von ihnen gemachten Ersahrungen aus dem einschlägigen Ge- biete erbeten hatte, nicht ausreichte, um die bis dahin mangelhafte llnterlage für die Gesetzgebung zu ergänzen. ES wird hervor- gehoben, daß„— zroßentheils zufolge des im Reichstage und in der Presse an den Gesetzentwurs geknüpften Erörterungen— in den gewerblichen Kreisen eine Bewegung hervorgetreten, welche über die Grenzen des Entwurfs hinaus die Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern zum Gegenstande vielseitiger Kritik und zahlreicher Wünsche gemacht hat. Nach der Ansicht deS Reichs- kanzleramts wird sich der Bundesrath einer ernsten Würdigung dieser Meinungsäußerung nicht entziehen können, bevor er sich über die endgiltige Erledigung der immer noch schwebenden Frage chlüssig macht"...„Die vereinzelten Unterlagen— heißt eS an einer anderen Stelle— werden sich nicht füglich anders als mit- telst persönlicher Vernehmung zahlreicher Gewerbtreibenden aus Grund eines einheitlichen Programms durch damit zu betrauende Beamte gewinnen lassen. Nur so werden die Ermittelungen Ob- jekrivität und Sachkunde vereinigen können." Demgemäß richtet der Reichskanzler an den Bundesrath den Antrag, daß über eine Reihe in einem Programm- zusammengestellter Fragen eine En- quete veranstaltet w? de, und zwar durch mündliche Vernehmung einer größeren Anzat l mit den Verhättnrssen de« Gewerbewesens praktisch vertrauter, vorzugsweise auS dem Stande der Ar- beitgeber(Fabrikbesitzer und Meister), sowie der Arbeit- nehmer(Fabr.karbeiter und Gesellen) unter Berücksichtigung der verschiedenen in dem gewerblichen Leben vertretenen Richtungen auszuwählenden Männer;— baß die Vernehmung unter Leitung der damit beauftragten Beamten in einzelnen gcw-lbfleißigen Orten — durch welche, was Preußen, Bayern, Königreich Sachsen, Württemberg, Baden und Hessen betrifft, sämmtlichc giößere Ver- waltungsbezirke vertreten erscheinen— staiisiaden sollen; daß die Antworten der Sachverständigen, unter Angabe des Berufes der letzteren, bei Gewerbetieibendca besonders des Standes(Fabrik- besitzer, Fabrikarbeiter, Meister, Gesellen) und deS Gewerbes in kurzen Protokollen niedergelegt und die Protokolle dem Reichs- kanzleramte eingesendet weeden sollen." DaS Programm geht von drei Vorbemerkungen auS:„1) ES handelt sich in der Unter suchung nur um Anschauungen und Wünsche, die in praktischer E sahrung gewonnen sind. Deshalb ist daraus hinzuwirken, daß alle Antworten au die konkreten Lebensverhältnisse, in w.'lchen die Gefragten steh-n, sich möglichst anschließen. 2) Auf Abänderung deS bestehende» Rechts gerichtete Wünsche sind, um unklare und undurchführbare Vorschläge s-rn zu halten, eingehend zu erörtern und nach allen Seiten in ihre praktischen Conseq uenzen zu ver- solgen. 3) Soweit die Antworten sich nur aus einzelne GewerbS zweige beziehen, sind diese ausdrücklich hervorzuheben." Das Pro gramm verbreitet sich über die Verhältnisse der Lehrlinge, Gesellen und Fabrikarbeiter in 29 Fragen. bis jetzt ganz ruhig geblie- ben, so daß die 36 Hasaren, welche die Regierung nach Almelo geschickt hat, bis jetzt keine Veranlassung zur Einmischung gefunden haben.„Die Spinner in Almelo— schreibt der„A nh. Crt."— arbeiten noch immer weiter, obschon auch sie mit preußischem Gelde bezahlt werden. Sie können den Verlust auch schon eher leiden, weil sie mehr verdienen als die Weber:r."— Also diese, weil sie einen besseren Lohn erhalten, al« die Weber, können, nach der Meinung der genannten Zeitung, so viel nicht dagegen haben, daß die Fabrikanten ihnen bei der AuSbezahlanz 5 pCt. abprellen oder sie um den zwanzigsten Theil ihres Lohnes betrügen.— Ja anderen Fabrikorten Hollands geschieht die Bezahlung halb in preußischem, halb in hollaadischem Gelde— z. B. in Oldenzaal, eine Meile von unserer Grenze. In hiesiger Gegend— Fabritorte Schüttorf, Bentheim, Gilde- Haus, Nordhorn— werden die Arbeiter auch möglichst von den Arbeitgebern ausgebeutet und geprellt. Unsere Arbeiter sind aber leider größtentheilS zu stupid, als daß sie nicht solche Mißhand- lung, wenn auch unter Murren, über sich ergehen ließen. DeS- cuezen wohnen auch die Fabrikanten in Palästen und ihre Arbeiter in Löchern, die nicht einmal gut genug zum ordeatlichea Betreiben einer Schweinezucht wären rc.— DaS Prinzip:„Was mau da« Arbeiter ab- oder entzieht, ist am sichersten und erste» verdient," gilt hier in seiner vollsten Stärke." — Berurtheilungen und Verhaftungen. Parteigenosse R. C. Wolf wurde am 26. Januar in Dülken(Kreis Kempen) verhaftet und geschlossen nach Cleve abgeführt. Wolf hatte am 25. und 26. Januar in Dülken in stark besuchten Versammlungen gesprochen. In der Versammlung am 26. Januar, die vom über- wachenden Bürgermeister aufgelöst wurde, fand die Verhaftung WolfS statt.— DaS KceiSgericht in Gotha verurtheilte die Par- teizenossen Giffey, wegen verleumderischer Beleidigung von Be- amten zu 6 Monaten Gesängniß, Müller und Fahreukamm, wegen Sergehen gegen ij 131 deS ReichSstrafgesetzbuchS zu 4 und 3 Wochen Gesängniß, und Schäfer, wegen Beleidigung eine» Beamten zu 10 Tagen Gesängniß oder 10 Thlr. Geldstrafe.— Der verantwortliche Redakteur der„Chemnitzer Freien Presse", Geilhof, wurde wegen Beleidigung deS Justizministeriums und des Leipziger Bezirksgerichts zu 5 Monaten Gesängniß verurtheilt. — In Forst i. L. wurde Parteigenosse H. Schmidt in seiner Wohnung verhaftet. Außerdem stehen Urban und Gen. unter der Anklage der Versitzung de» VereinSgesetze«. — Sächsische Justiz. Im Dresdener„Volksboten" lesen wir:„Das„Dresdener Journal" vom Dienstag brachte eine amtliche Erklärung der langen Inhafthaltung unsere» früheren Redakteurs Petzold. Hiernach liegen nicht nur simple Belei- diguugen, sondern auch ein- MajestätSbeleidizung vor. Als ob eine solche etwas Neue« wäre. Die lange Inhafthaltung soll aber darin ihren Grund gefunden haben, daß noch andere Personen der strafbaren Betheiligunz verdächtig sind und zur Vermeidung von Kollusionen, die selbst Petzold au» dem Gefängnisse heraus her- bciführeu wollte. Sodann, weil Petzold von dem Rechte der Be- schwerdeführung, trotzdem die Beschwerden gewöhnlich als unbe- gründet zurückgewiesen wurden, fortwährenden Gebrauch machte. WaS die st-afbare Betheiliguug anderer Personen anbelangt, so beschiäukt sich dieselbe darauf, daß Kayser, weil er die Korrektur la§, vom scharssinnigen Herrn Staatsanwalt als Mitangektagter — In der Schweiz ist unser braver Parteigenosse Jakob Morf gestorben. In der„Tagwacht" widmet ihm Genosse Gut«- mann folgenden Nachruf: Freitag, den 29. d. M., Morgen« 5 Uhr, starb nach vier- wöchentlichem Krankenlager unser treuer Genosse Jakob Schreiner. Die Kunde diese« bedauenSwerthen Ereignisse« traf uo« am 30. d. M. In Folge Austrage« mehrerer Arbeiter und Mitglieder deS BundeSkomiteS reiste Unterzeichneter dieses heut- nach Lausanne, um der Beerdigung diese» Geuossen beizuwohnen. Eine äußerst zahlreiche Meuschcnmeuge sammelte sich bei Ab- gang deS Leichenzuges um da« Trauerhau«. Circa 1000 Arbeiter, meistens Bundesgenossen, geleiteten die Leiche zum Grabe,— ein Beweis für die Liebe und Achtung, die Freund Morf sich durch sein Wirten bei den Arbeitern erworben hatte. Am Grabe selbst gab ich dem allgemeinen Gefühl der Trauer kurzgefaßten AnSdruck. Morf war einer unserer besten Partei- genossen! Seit langer Zeit in der Arbeiterbewegung thätig, unermüdlich die Lässige» vorwärtStteibend, Alle zu neuem Wirken begeisternd, waren die Ziele der APeiterpartei sein höchste« Iceal. Sein ganze« Leben war durchweht und bestimmt durch den Gedanken der Verwirklichung de« edlen MenschenthumS, der Emanzipation der Arbeiterklasse, und noch auf dem Todteubette forderte er die Seinen auf, der Albeitersache treu zu sein. Möge der Wunsch, den ich an seinem Grabe als Freund und Parteigenosse ausgesprochen, verwirklicht werden: Die Arbeiter der Schweiz sollen nie vergessen ihren Genossen und unermüdlichen Vorkämpfer Jakob Mors! Erklärung. Aus den Reihen unserer Parteifreunde in Amerika ergehen von den verschiedensten Seiten Aufforderungen au uns, zu dem zwischen den dortigen Parteigenossen ausgebrochen-» Zwist Stellung zu i «ehmeu und unf zu Gunsten des einen oder andern der streitenden Thcile auszusprechen. Wir erklären nun hiermit, daß e» unS unmöglich ist, in diesem Zwiste Partei zu ergreifen, weil wir wegen Mangel» genauer Kenntniß der inneru Vorgänge, welche zu dem Zerwllrsniß führten, ein Urthcil zu fällen nicht im Stande sind, und außerdem es auch nicht für wohlgethan halten, un« in einen fremden Streit einzumischen. WaS die Hereinziehung der Bourgeois-Richter zur Schlichtung des StriteS über daS Eigenthum der„New-Norker Arbeiter-Zeitung- betr fft, so müssen wir allerdings unfre Ansicht dahin aussprechen, daß ein solches Verfahren uns nicht korrekt erscheint, so lange noch die Möglichkeit vorhanden ist, durch ein von Parteigenossen zu bcrusendeS und gebildetes Schiedsgericht den Streitfall zu schlichten. Zudem wir hoffen, daß eS unser« Genossen jenseits des OceanS recht bald gelinge» möge, die streitigen Punkte zu regeln und Friede und Eintracht in den eigenen Reihen herzustellen, zeichnet Hamburg, 4. Februar 187S. Mit sozialdemokratischem Gruß Der Ausschuß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Z. 31.: Z. Auer, Brcitestraße 39. August Geib, RödingSmarkt 12. Gewerksgenossenschaftltches. MetallarbeitergewerkSgenossenschaft. Arauuschwcig, S. Februar. GewerkSgenossen! Wir hoffen, Ihr seid allerorts im Besitze der beiden ersten„Union"-Nummern sowie der Abrechnung der Hauptkasse für die Monate November und Dezember 1374. Aus letztere zurllckzukommeu, halten wir nicht für nöthig, sie spricht für sich selbst; erstere, die„Union", wurde vom Ausschuß in 530 Exemplaren bestellt, diese Summe war freilich nicht genügend, weshalb die übersandte Stückzahl wohb nirgends mit der zeitigen Mckgliederzahl übereinstimmt. Fehlende Exemplare bitten wir bei uns zu reklamiren, überhaupt die nölhigen Exemplare so schnell als möglich zu bestellen, da schon am 15. d. M. die 3. Nummer der„Union" erscheint. Abermals können wir Euch die erfreuliche Mittheilung machen, daß sowohl in Canustalt, als auch in Erfurt sich eine neue Mit- glicdschast gebildet hat; von ersterer ist unS die Adresse deS Be- vollmächtizten nicht bekannt und sind etwaige Eorrespondenzen an JuliuS Schcil, Saalbergerstr. 30 zu richten, welcher auch alles weitere veranlassen wird, In Erfurt ist als Bevollmächtigter Zoh. Rudolph, Gotthardtstr. 29, als Kassirer Julius Hoffmann, und zu Revisoren Heinrich, Müller und Kühn gewählt. Indem wir beiden Mitgliedschaften ein freudiges Willkommen zurufen, Hessen wir, daß sie sich in unserer Mitte stets wohl fühlen und nach Kräften dazu beitragen werden, die Gewerkschaft stets größer und | kräftiger zu machen. Namen und Adressen der Bevollmächtigten: Augsburg, Wilhelm Landmann, Jakober Thor � 153a. Berlin, H. Havenith, Linien- ! straße 79. Braunschweig, H. Körting, Bohlweg 57, Bremerhafen, � I. Sälz, Ellhornstr. 110 in Gcstendorf. Cannstatt, Julius Scheil, Sulbergstr. 30. Chemnitz, C. Hermann Hickerhicr, Poststr. 34. ! Constanz, Schlosser M. Maier. Augustinerstr. 620. Crimmitschau, Rudolph Habelitz, niedere Vorstadt 357. Dresden, Robert Temper, Langestraße 5. Tarmstadt, Christ. Wilhelm, Arheiligenstr. 37. Erfurt, Joh. Rudolph, Gotthardtstr. 29. Eßlingen, RochuS Wer- muth, Unter- Brutau 12. Fürth, Georg Götz, Rataitzstr. 30. ; Göppingen, Friedrich Decker, beim Kupferschmied G. Kunze. Gotha, R. B sichert, Salzengasse 30. Gießen, Karl Emden, bei Schuhmacher Best, Sandgass,. Hannover, F. Twele, Kirschenstr. 2. tarburg. August Borchardt, Langcstr. 12. Sch«. Hall, Christ. rank, pr. Adr. Mechaniker W. Erb, Blendstadt 324. Leipzig, Richard Ludwig, Bairischcstr. 9 kommen, während einem Bummler weder hier, noch anderswo sein Glück blüth.— Würden wir zur Vertretung unserer Interessen je eines Referenten bedürfen, so bedauern wir, Ihnen sagen zu tallßen, daß daS doch ein Mann sein dürfte, der nicht mit so k—-- *) lim die Arroganz de» vricsschreiberS, der ohne Zweifel ein Arbeilgeber ist, zu strajen, drucken wir sein Schreiben mit allen Fehlern ad. Biilleicht wird demselben ein zweite« Mal die Lust vergehen, einem Arbeiter mangelhaste Schulbildung vorzuwerfen, wo er doch selber der Ausbildung so bedürftig ist. D. Red. oberflächlicher Schulbildung, wie solche aus den an un» gerichteten Schreiben hervor geht, ausgerüstet wäre, und dessen Befähigung dazu anzethan der allgemeinen Sache zum Wohle, und nicht zur Schande zu dienen.— Nehmen Sie vor allen Dingen gramma- tikalischcn Unterricht, lernen Sie Selbsterkcnntniß, und kommen später aus den Voltsbeglücker zurück, wo Ihnen dann mit unfern Namen dienen, Dies die einstweiligen guten Rathschläge, mit denen wir Sie begrüßen. Weimar am 29. Januar 1375." So daS anonyme Schreiben. Daß dieser Brief nicht von einem Arbeiter oerfaßt ist, ist mir vollständig bewußt, und wenn e« doch der Fall sein sollte, so ist er dazu gekauft, was bei der sogenannten gebildeten Klasse nichts Neues ist. Jetzt ist es vor allen Dingen Pflicht der Schneidergchülfen in Weimar, offene« Bekcnntniß abzulegen, ob ihre Lage eine so glänzende ist oder nicht. Ist eS der Fall, so werden sich schon Schneider finden (nicht Bummler), die ihr Asyl in diesem Paradiese suchen werden. Aber unsere Aufgabe ist nur einzig und allein, dafür zu sorgen, daß wir einen regelmäßigen Geschäftsganz bekommen und zugleich einen Lohn erhalten für unsere verfertigte Arbeit, bei welchem wir im Stande sind, menschlich zu leben, und nicht, wie e» heute der Fall ist, wo Tausende von Familienvätern unseres Gewerbe« kaum so viel verdienen, um ihre Familie vor dem Hungertode zu schützen. lind so ist die Lage unserer College» in ganz Deutschland, so ist sie auch in andern Ländern, nur Weimar ist der einzige Ort, wo den Schneidern der Waizen blüht. Und diese traurige Lage haben wir nur der heutigen unüberlegten Produktionsweise zu verdanken, was ich auch in meinem Briefe, den ich nach Weimar geschrieben, betont habe. Eine Abschrift von meinem Briefe habe ich nicht, weil ich nicht vermuthete, daß er in die Hände eines solch ordi- näicn Subjektes gelangen würde. Ich ersuche deshalb Herrn Scholtz, meinen an ihn gerichteten Brief mir oder der Redaktion des„VolkSstaat" zu übersenden, damit er veröffentlicht wird; und zugleich fordere ich die Collegen in Weimar auf, zu erforschen, wer der Schreiber des anonymen Briefes ist. Schneidergehülfen Deutschlands! Jyr, die Ihr bis jetzt unserer Organisation fern geblieben seid trotz der mehrmaligen Auffor- derung deS Ausschusses sowie der Control-Commisston, aber auch gewiß einer Verbesserung Eurer Lage bedürstiz seid, thut Eure Pflicht und unterstützt die bis jetzt unermüdet im Kampfe stehenden Collegen durch Euren Beitritt zur Organisation. Denn vereinzelt sind wir nichts, vereinigt Alles! Herr Krüssel, Bevollmächtigter der Schuhmacher-Gewerkschaft in Magdeburg, haben Sie meinen am 13. v. MtS. abgesandten Brief erhalten? Mit Gruß Heinr. Hunse, Sidonienstr. 42, Hof 2 Tr. Gewerkschaft der Schuhmacher. JranKfnrt a. M., 7. Februar, llnterzeichneter sieht sich ge- uöthigt, im Namen der Mitglieder der Schuhmacher-Gewerkschast zu erklären, daß daS hiesige Arbeitsnachweis-Bureau, welches auf den von Hamburg versandten Plakaten verzeichnet ist, keineswegs den Arbeitgebern gehört, wie die Darmstävter College» in Nr. 14 deS„Vvlksstaat" behaupten. ES ist vielmehr daS von der früher hier bestehenden Mitgliedschaft deS Allgemeinen deutschen Schuh- machervereinS in'S Leben gerufene; dieselbe ist, wie Jedermann weiß, voriges Jahr aufgelöst, jedoch besteht der Arbeitsnachweis unter der Firma fort. Auch unsere Mitglieder machen selbftver ständlich Gebrauch davon. I. Schade. Eorrespondenzen. -Leipzig, 7. Febr.„Ich lasse mich ratzen und Pritschen." Ja, daß ist die richtigste Devise für da« intelligenteste, ruhmreichste und tapferste Volk unsreS Jahrhunderts, für die tonangebende Strömung in der zweiten Hauptstadt de»„NarrenreichS"!— Wir sehen sie prangen zu Häuptcn von Hunderten am Jubel- tage der Narrheit, und kein wahreres Wort hat je die Philosophie der heute herrschenden Narrheit in die Welt geschickt.— Gottesfurcht, Zucht und fromme Sitte— der Carneval lüftet un« den Vorhang zu ihrem eigentlichen Untergründe; Vaterlandsliebe, Weltbüegersinn, Culturgeist— wir hören sie brodeln in dem Hexen- kcssel der Narrcntüchc.— Auch uns war deshalb der Tag der lieblichen Narrenfreiheit herzlich willkommen, und wir segnen die Stunde, die ihn eingeläutet, die Muse, die ihr, vorbereitet hat.— Sitzung um Sitzung, Ball um Ball haben sich seit Wochen schon abgespielt und das„Proletariermahl" in der„Leipziger Central- halle"(stehe Volksstaat Nr. 12), bildete den vorletzten Höh.punkt aller übertroffenen E- Wartungen. Der letzte Tag des Glanzes aber sollte eine Voifeicr erhalten, die uns so lehrreich und ermurhigend erscheint, daß wir deren gedrängte Schilderung versucken wollen. Wie Diogenes ausging, beim lichten Tage mit der Laterne auf den Straßen AihenS Menschen zu suchen, so hätten wir ausgehen müssen,„Narren" auf den Straßen Leipzig« zu suchen, denn wir fanden sie nicht mit„Narren", sondern mit Menschen ersülll!— In der That, daS waren sie, die Menschen aus dem Teige der modernen Gesellschaft geknetet, aufgepäppelt zwischen Brauchen uud Nichtshaben, durchs L-ben gekirrt von dem Reize der geschlecht- lichen Geheimnisse und dem Banne einer unnatürlichen Erziehung. Eingekeilt zwischen Uebrrfluß und Gewalt, Armuth und Knecht- sinn, Ueppigkcit und Unzufriedenheit, Sorgen und Zerstreuung«- sucht, und dürftig übeltüncht von dem Firniß cin r seichte« Moral, der Unterlage jener Gesellschaftsordnung, die Alles mit der rohen Gewalt ihrer Machtmittel zum Stehen zwingt. Unsre Bourgeoisie gefällt sich darin, sich der Menge auch ein- mal in ihrer wahren Wesenheit zeigen zu können und da eS ihr eigentlich nicht so leicht ist, von ihren schwindelhasteu Höhen herabzu- steigen, ohne sich zuvor den Boden gesichert zu haben, so greift sie zu dem Mittel der Miterniedrigung Derer, die sie zu Zeugen ihrer Schwachheit ruft. Sie legt deshalb zum Narrentage da« Szepter ihrer Gewalt in die Hände der Oeffentlichkeit und prokla- mirl Humbuz und Zügellostgkeit als herrschenden Grundsatz in der Narrenfreiheit, wie sie längst in der Ausbeute florirte. Die Ideale von Freiheit, Liebe und Gleichheit sind ihr ja nur MaSken, wenn sie dem großen Haufen gelten, und warum sollte sie dieser höchsten ihrer Tugenden nicht auch einen Ehrentag bereite»? DaS sind die wahren Ulspiünge deS hiesigen CarnevalS und wir rechnen eS den Erfindern desselben als höchsten Verdienst an, daß sie dem Volke diesen Tag der Erkenntniß bereiten halfen. Denn — sagen wir zu viel, wenn wir behaupten, daß wir zwischen all dem Plunder von Kratzen und Firlefanz, Muthwillen, Prunken und Lärmen, nicht» anderes hervorlugen sahen, als die höchste Potenz der Wirklichkeit?— Angst, Bangen, Sorgen und daS wilde Tasten sie zu verleugnen. Dazwischen die liebgewordene Gewohnheit de« GeldverdienenS, Wohlthuns und Genießens so finnreich eingeflochten!— Irren wir uns!? Sind wir nicht aus- gegangen einen recht närrischen Tag zu erleben, Wahrheit zu suchen in der Narrheit und ausgerüstet mit dem Verlangen nach einer recht heiteren Anregung!?— WaS wir in Wahrheit fanden, das möge dem Leser die»achfolgende Schilderung unsrer Wahr- nehmungen zeigen, die sich un» in wenigen St-aden Zeit gc boten haben: Die„groß- Corsofahrt" ist im Gange, und wir bemühen uns durch Wagen und Menschen hindurch, um unsere Beobachtungen anzustellen. Schon gegen Mittag war allerlei Aufputz, da» Zeiche» de« herannahenden Akte». Die Ganz- und Halbwelt, verm scht mit dem Schaume deS angefaulten Kleinbürgerthums, das feine Grenzen mehr und mehr auch in da» Bereich der zweifelhafte,! Existenzen vorgeschoben hat, füllt die Straßen und Promenade« zu Fuß und zu Wagen.— Herren und Damen der verschiedenst-« Lebensstellung, überbieten sich, theil« mit, theilS ohne Narnnab zeichen, hinter dem galanten Schleier der Fastnachtsscherze, idre wahren Naturen im hellen Tageslicht spielen zu lassen.— Jnng und Alt darf sich heute zeigen, wie eS eigentlich ist: hohl, roh, vergnügungssüchtig, skandalirlustig, obenan aber geisteSöde und flach, wie es eben die Dressur der tonangebenden Sippschaft mir sich bringt. Umsonst horchen wir nach einem witzigen Wort, nach einem geistreichen Scherz, aber die frostigsteifen Gesichter der Nob- leffc zu Wagen, mit ihrem stereotypen Lachen sind ja nur der AaS- druck deS allseitigen Verlangens„zu sehen« und„sich sehen zu lassen", zu vergessen und vergessen zu lehren!— Und wa» soll dann der große Haufen zu Fuße auch Anderes wolle» und können!? —„Ich lasse mich ratzen und Pritschen", da» ist der Jnbegnff diese« armseligen Abklatsches de» Kölner CarnevalS— der wahr- Seelenzustaqd der Menge im Narrenkleide, der Narren in ver Menschenhaut. Man„amüstrt" sich in plumpen und sinnlosen Handgreiflichkeiten, man„pritscht" sich, man„ratzt" sich, man „paukt" sich mit Peitschen, an denen aufgeblasene Schweinsblasen baumeln, man fährt sich mit Haasen- oder Katzenwedeln, die an Stecken befestigt sind, unter der Nase herum,— den» heute ist „Narrenfreiheit"!— Das weibliche Geschlecht hat heute gleiche Rechte mit dem mann- lichen. Wie zart, wie nett, wie liebenswürdig!— Die Freut en- mävchcu, eine absonderliche Zierde der Stadl, sind natürlich in der Waffenführung mustergiltig, tonangebend in der Unter neh- mungslust, und es fehlt der Damenwelt keineswegs an Muth, den Priestcrinnen der bezahlten Liebe eS gleich zu thun. Sind diese doch die eigentlichen Läuterungsapparate der Mode, die Bahn- brecheriunen für die Formen eines eleganten Auftreten« und Um- gange». Damen aber, die in„Kindererziehung" sicherlich ihren Mann stellen, Eltern aller Lebensstellungen und Altersstufen, sie führen ihre Töchter und Pfleglinge auf diesen Tummelplatz der guten Sitte, Straße aus und Straße nieder, sie anspornend, anleitend uud oft mit seligem Lächeln bewundernd, wenn ein recht tölpischer Scherz gelungen ist.—„Ich lasse mich ratzen und Pritschen", so lautet der großgedruckte Zettel, den Hunderte von Herren und selbst Damen an ihren Hüten zeigen, und mit Bewunderung sehen wir eine wahre Großtantenerscheraung diese Devise tragen, die ein zehn- jähriges Mädchen, mit demselben„Ratzenschutz" geziert, an der Hand führt. Nasen, Bärte, Fratzen, Papier und Lappenplur.rer rer„billigsten" Sorte kennzeichnen die qualifizirtesie» Narren der Vorfeier, der somit auch der Wappenspruch der Bourgeoisie gebührend aufgedrückt ist:„Billig, wohlfeil, billig!"— Aber, daß auch da» Mäntelchen ter Moral nicht fehle, durchlaufen„Almo- seniere" mit Sammelbüchsen Straßen und WirthShäuser für die „hiesigen Armen": Geld, Geld, Geld! daS ist der Psalter der Bourgeoisie, den sie heute für ihre Armen singt!— Wir machen hier einen dicken Gedankenstrich, denn un« schwebt die Erinnerung an die vorjährige Abrechnung mit ihren dünnen Er- träguiffcn zum Besten der Armen vor, und wir iminen, daß so tüchtige Rechenmeister längst hätten finden können, wie die Unter- nehmerkosten in diesem Falle zur Rente stehen. Die Bourgeoisie salvirt auch in diesem Falle ihr Gewissen mit einem Almosen an die Moral— mag eS ihr wohl bekommen! Auf freiem Platze prangen die Heerde der Finanzküche:«Tanz- salon",„Hippodrom mit Pferdeoerloosung",„Nanei.bazar"-c. Institute, dem Dummen sein Geld recht angenehn verwalten zu Helsen.„Pflanzstätten anregenden Scherzes und leichtlebiger Welt- anfchauung" heißen sie in der Unternehmersprache. DaS Schlüpfrige in Wort und Manier heißt da„lieben»- würdig", da« Blödsinnige„witzig", da» sinnlos Flach- und Freche wird„drollig" genannt! Die Satyre dient als Freudenmädchen der herrschenden politischen Strömung, man drückt dem Volke die Hundspeitsche der Zügellosigkeit in die Hand, um es auf einige Tage sich selbst damit kasteien zu lassen. Zechgelage und stnnlickie Uebersättigung leiten eS um so geduldiger in den ZwangSbau der Ausbeutung zurück, müde, angeekelt, willenlos, betet eS mit um so größerer Inbrunst sein alteS:„Ich lasse mich ratzen und Pritschen" »och im Alltagsleben, rm Katze, jammer.— Zweck und Ziel de« Mummenschanzes aber, wie ein„HanS SachS" seine Zeitgenossen lehrte, um Lügen, Heuchelei, Thorheit und Schwäche zu entlarven und zu geißeln, der Wahrheit, dem Rechten, Guten und Schöne« die Bahn zu ebenen, sie sind dieser Spottgeftalt ferne in Wesen und Form, so sehr man sich auch bemüht, ihr einen Geist einzu- blasen. Sieben dem offiziellen Programm de« großen FestzugeS, figurirt als Preßerzeugniß„Der Ultstaat an derjMetzschte", ein illustrirte« CarnevalSblatt von dessen patriotischem Geist folgende« Citat au« dem„Landsturm-Gefang" Zeugnig giebt: Drum Kameraden stählt die Landsturmkraft, Vergeht daS Fernrohr nicht und gute Karten, Und wer beim Schlachtfest keinen Asien schafft, Der hat den Schasskopforden zu erwarten. Das Reiten lernen wir rm„Hippodrom" Auf frommen Stuten, nicht auf wilden Hengsten, Und reiten dann zum Jubeljahr»ach Rom»c. k. Dann schwimmen wir im Mittelländ'schen Meere, Au« Zeitvertreib zum Harem in Stambul Und machen dort dem Landsturm alle Ehre! Da« soll ein Freudenfest im Harem sein, Wa« uns zu alt ist, dort, dag lass' merr säcken, Wa« hübsch ist aber, ei daS steck' merr ein Um'S eeg'ne Weib derheeme zu erschrecken!— Auch ein„Zwangloses Album" kursirt zur Anregung te« Humors. Karrikaturen von lokalem Klatsch, besser gezeichnet, al« im Texte crläuteit, sind dessen Inhalt. DaS beste Bildchen unstreitig be- handelt die Sozialdemokratie, um die bürgerlichen Angstmeier auf zuheitern in unsrer Zeit der Lohnreduktionen, Arbeiterentlassunge» uud Gesä äftSstocknng. V. Schillings Siegesdenkmal heißt der Titel: Auf ver- trauererweckendem, solidem Fundament, reitet den feurigen unz«. sattelten Traber ein Blousenmann mit der,(wah> scheinlich blr.t rothen) Schärpe umgürtet. Recht» in der Hand hält er eine P über deren Inhalt nur die Herren Amoren des AlbumS genüge!v Bescheid wissen dürstev, mir der Linken schwingt der Reite> e..e »trf fcte Fahne mit der Aufschrift:„Allgemeine Theilung«. Di« F i ben der Fahne sind nur in schwarzweiß angedeutet. Zu Füßen res Pferde» am Vorderrand de» Fundament», ein Faß mit der Ausschrift:„Petroleum", darunter eine Kettengarnitur und da» G�nze auf kompakten Rädern, die von kräftigen Prolctarierarmen gcd eht werden, während vorn, statt de» Gespann«,„Barrikaden- käu pser" mit federgefümückten Hüten im Sturmschritt der Arbeiter- bataillone da» Denkmal vorwärts ziehen. 3m Hintergründe hüte- schwenkcnde und vachschiebende Mafien. Links die Sternwarte unc der Trotzer der Pleißenburg in Pulverdampf oder Rauchwolken gehüllt.— Tine Zeichnung voll Energie und Formenkraft! Hören wir den Kommentar de»„Zwanglosen Album" selbst: V. Schillings Siegesdenkmal. Auftuf! Proletarier, Arbeiter, Parteigen ofien! Die Anbeter der brutalen Gewalt, jene ersolgbeduselten Schlotbarone und verkümmerten Wncherprotzen, die im Schmutze ihrer Verkommenheit aus dem schwieligen Arbeiterschweiße Austern und Champagner zapfen(pfui Teufel!)— jene elenden verknöcherten Sohllederscelen, die statt der friedlichen Arbeiterparole„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus ihr Lumpenbanner die Devise geschrieben haben:„Artillerie, In- fanterie, Cavallerie" jene Ordnungsbanditen in Glacehandschuhen haben e» gewagt ihre vcrabscheuungswürdigen„Siege" über die glorreiche französische Nation in einem Denkmal(zu welchem Bour> geoi» Schilling, der berüchtigt« Niederwaldschilling, me ktS Euch! den Entwurf geliefert hat), zu verherrlichen!— Wohlan denn, Parteigenoffen, sangen wir unsere Unterdrücker in ihren eigenen Schlingen. Vernehmt, was rücksichtlich diese»„Denkmals" von der internationalen Kommission für DemolirungSsachen beschloffen worden ist: Ja Erwägung, daß daS sog. SiegeSdenkmal geeignet, im gegebenen Falle gutes Barrikadenmaterial zu liefern, so ist dafielbe unbemerkt mit Petroleum anzufüllen und mit heim- licheu Rädern zu versehen, damit c», wenn'S losgeht, so schnell alS möglich an irgend einen wichtigen Platz(PeterSlhor, Mehl- würmcrthürme, Trotzer) als Barrikade tranSportirt werden kann. Die Fahne des Reiters kann als Revolutionsbanner verwendet werden und ist deshalb die röthefie Tyrannenblut wurstfarbe bereit zu halten. Dieser Beschluß, einstimmig gefaßt, ist mit allen Mitteln durchzw s-tzm. Mit demokratischem„AlleSmußoeruiniretsein" Die internationale Kommission für DemolirungSsachen. (VolkSstaat vom 8. Februar 1875.) So die Borfeier de» deutschesten aller CarnevalS, deffen Corso- fahrt und Literatur auf den Glanz des TageS selbst genügend schließen läßt. Wir aber schließen«nsrc Betrachtungen getrost mit der Aussicht auf jenen Aschermittwoch, zudem die Carnevalisten die Früchte ihrer Thätigkeit ernten werden und die au» den Larven entpuppte Menschheit ihnen mit un» zurufen wird:„lustige Corfofahrt, gut Wetter zum Carneval!"— Zlenschönefeld- Leipzig. Der hiesige Arbeiterverein hat sich in feiner letzten Sitzung einstimmig für die Bereinigung der sozial demokratischen Fraktionen ausgesprochen und erwartet, daß dieselbe bald zur vollendeten Thatsache werde. Zkforzheim, 31. Januar. Am Sonntag, den 27. Januar wurde un» hier in Pforzheim da« Vergnügen zu Theil, den großen Drachenbezwinger, Reiseprediger Schuster au» Stuttgart sprechen zu hören über das bekannte Thema:„Was versprechen die So zialdemokrate�?" Die Herren vom Bürgervcrein hatten sich den frommen Mann frisch von Stuttgart kommen lassen, damit der selbe die Heiligkeit ihre» AuSbeutungSpnnzipe» und die„Gefährlichkeit der Sozialdemokratie" dem Pforzheimer Bürger und Ar beiter mit salbungsvollen lammfrommen Worten begreiflich mache Diese Herreu Bourgeoi», welche beim famosen„Culturkampf" stets gegen Jesuiten und Ultramontane geeifert, verschmähten e» vier nicht, sich durch einen Pfaffen und Erzmucker vertheidigen zu lassen. Eine Gesellschaft, welche sich an derartige Rettungsanker klammert, liefert den deutlichsten Beweis, daß ihre Tage gezählt sind. Der „Fortschritt", da» Organ des Bürgervereins, hatte schon acht Tage vorher aus die baldige Ankunft de»„Gesellschaftsretters" ausmerk sam gemacht, aber auch gleichzeitig in verhöhnender Weise die So zraldemokraten aufgefordert, sür diese Zeit ihre HeimleuchtungS- laternen sauber geputzt zu halten. Nach dieser kecken Hausforde- rung konnten wir nur annehmen, daß Reiseprediger Schuster ge- willt sei, irr eine ernstliche Diskussion mit uns zu treten. Zu unserem größten Bedauern und zur unsterblichen Blamage de»„Fort schritt" gestaltete sich daS Ding aber etwa» anders. Vom Bür- gervereiu wurde einfach in den Lokalblättern ein Vortrag des Schuster zu Sonntag, den 24. Januar in der Turnhalle ange- kündigt und Gäste hierzu eingeladen, jedenfalls hatte man Lunte gerochen und diese« Vorgehen sür vaS praktischste gehalten. Die Turnhalle war stark besetzt und hatten auch wir un» in recht be- deutender Anzahl mit unseren„HeimleuchtungSlaternen" einge- funden. Der Hohepriester de» goldenen Kalbes, Mucker Schuster, erschien denn auch zur richtig angegebenen Zeit, von vier„wahren' Arbeiterfteunden und gleichzeitig Vorstandsmitgliedern de« Bürger verein« begleitet; sämmtliche fünf Herren placirten sich sofort aus der Tribüne. Herr Bühler eröffnete die Versammlung mit herz- lichen Worten, welche die Berechtigung der sozialen Frage darlegen sollten, der Versammlung war„diese" Art und Weise de« Be- gründen» der sozialen Frage aber etwa» zu rührend, und zog die- selbe e« vor, ihr Verlangen nach Wahl eine« Vorsitzenden kund zu geben. Hiervon wollte jedoch Herr Bühler nicht» wissen und als Herr Lehmann diese Forderung al» eine berechtigte nachwies, weil uns vom Organ de» Bürgervereins, der„Fortschritt" eine kecke Herausforderung zu Theil geworden, erwiderte derselbe:„Was oieSbezüglich im„Fortschritt" sttht, kümmere ihn nichts; daS wäre die Ansicht eines Einzelnen".(Wer« glaubt zahlt einen Thaler.) Der stark erregten Versammlung erörterte nun Herr Bühler seinen reichSfreundlichen Standpunkt, wie« hin auf die großen Siege, wodurch wir stark und einheitlich geworden feien. Ja- zwischen ertönten die Rufe: Burcauwahl, Diskussion,„Heim- !euchtung«laternen"! Die Gegner dazwischen: Vortrag, Vortrag! keine Bureauwahl! Herr Re-seprediger Schuster versuchte zu sprechen, was ihm aber bei den immer stärkerwerdenden Rusen uicht möglich wurde. Der Pforzheimer Polizeilicutenant richtete jetzt auch einige„herzstärkende" Worte an die Versammelten; je- coch auch hierdurch konnte die Ruhe nicht hergestellt werden. Ohne Zweifel hätte die Versammlung aufgelöst werden müssen, wen» nicht die Parteigenossen Lehmann und Wankmüller mit dem Vor-- stand de« BürgervneinS einen Compromiß abgeschlossen hätten, nach welchem eine Diskussion gestattet war d. Dies brachte Frieden n die erregten Gemüther und der„Gesalbte" konnte seinen Vor-! trag beginnen. In der üblichen Weise wie aller Orten, ging er auch hier vor. Er stellte sich keiueSweg«, wie dies sonst„Künstler" in der Bekämpfung der Sozialdemokratie zu thun pflegen, auf ökonomische Seiltänzerpunkte, nein hiervon hat man bei ihm nicht« gemerkt. Den Kern der Sache, unser Programm, berührte er in keiner Weise, nicht mit einem Wort hat er zu beweisen ge- sucht, daß die sozialdemokratische Gesellschaft eine unrichtige oder unser Programm ein verwerfliche« sei. Seine ganze Helden- that bestand darin, au« Artikeln de«„VolkSstaat" und deS„Neuen Sozialdemokrat" in jesuitischer Weise einzelne Sätze herauszureißen und dieselben entstellend und verdächtigend den Anwesenden vor- zuführen. Liebknecht wolle die Ehe aufheben und die„freie" Liebe einführen; Haffelmann habe eine besondere Borliebe für uneheliche Kinder; Hasenklever sei ebenfalls ein unsittlicher Mensch rc. In dieser Hepp Hcppweise ging eS eine ziemliche Zeit fort. Dann kam an die Reihe die„Uebertreibung der Nothstände" durch die Sozial demokraten, und die 160 in einem Jahre in London am Hunger- tod Gestorbenen mußten auch hier herhalten, als nicht genügende Beweisanzahl für ein Massenelend; die soziale Frage erkenne auch er an, aber den Sozialismus nicht. Die Sozialdemo iraten wollen nur durch blutige Revolution ihre Bestrebungen verwirklichen; wenn ihre Sache zum Austrage gebracht«erden sollte, dann werde der Schwächere den Stärkeren ausbeuten; die soziale Revolution werde ihre eigenen Kinder fressen. Die bösen Gedanken kämen nicht— wie die Sozialdemokraten sagen— au« dem Magen, andern— wie die Bibel lehre— au« den Herzen. Die sta tiftischen Angaben Lassalle'« wurden von Reiseprediger Schuster als verkehrt bezeichnet und der große Agitator überhaupt in der gemeinsten, gassenbubenhaftesten Weise verdächtigt. Die Bedürf- nißlostgkeit, welche Lassalle in seiner Frankfurter Rede tadelt, sei empfehlenSwerth; der Arbeiter könne mit einem GlaS Bier und einer Wurst vollständig zufrieden sein.— Dieser letztere Ausspruch de« Herrn Schuster hat ihm in Pforzheim moralisch da« Genick gebrochen. Auch die Handwerksmeister, welche ziemlich zahlreich vertreten waren, äußerten und äußern sich noch hierüber höchst mißbilligend. Dieser Tabak war zu stark! Dem Blödesten mußten die Augen aufgehen; selbst die Herzensfreunde de« Herrn Schuster schienen von diesem Ihnen erwiesenen GefälligkeitSact nicht befou- ders erbaut zu fein, denn sie drehten sich auf ihren Stühleu um- her, als wären dieselben mit Stecknadeln gepolstert. Diese Un Vorsichtigkeit deS Lohnarbeiters der Bourgeoisie, diese« Zeichen der reinen„wahren" Arbcitersreundlichkeit hat die Blinden sehend und die Tauben hörend gemacbt, der Sozialdemokratie aber noch an selbigem Abend 37 neue Genossen zugesührt! Nach Schuster ergriff Parteigenosse Wankmüller da« Wort. Derselbe packte den frommen Mann etwas unsanft und ohne Zartgefühl a»', wie« hin aus die Versprechungen der FilialgenS varmerie, geißelte das Treiben der Fabrikanten, die kapitalistische Pioduktionsweise und ihre unsittlichen Consequcnzen. Da« Her- ausreißen einzelner Sätze aus Artikeln sei ein unehrliche« Spiel, denn auf diese Weise könne man Jeden verdächtigen, wie da« Sprüchwort sagt:„Gieb mir drei Worte eine« Manne« und ich bring: ihn an den Galgen". Wenn Schuster die ganzen Artikel vorgelesen hätte, so würden die Versammelten den Herren Leeb kaecht und Haffclmann ihre Hochachtung nicht haben versagen kön- nen; die Erkenntniß von dem sittlichen Jdeengang dieser Männer wäre bei den Anwesenden eingetreten. Nachdem Redner noch dem frommen Schuster seine ökonomische Unwissenheit nachgewiesen, ergriff Parteigenosse L.-hmann da« Wort. Dieser holte etwa« weit au«. Die Sozialdemokraten machen keine Versprechungen, sie stützen sich auf die Wissenschast und ihre praktischen Erfahrungen; ihre Hauptaufgabe bestehe darin, da» arbeitende Volk zur Erkenntniß seiner Klassenlage zu bringen, damit e« durch gesetzliche Mittel der kapitalistischen Produktionsweise und hiermit seinem Elend ein Ende mache; die Partei de« Herrn«chuster aber sei e«, welche die Gedrückten und Geknechteten auf ein bessere« Jenseits ver weist, von dessen Existenz bi« jetzt noch kein Sterblicher etwa« hat beweisen oder zum mindesten nur erzählen können. Mit Dingen, welche ein Nicht« sind und in dem ewigen Nicht« über den Sternen thronen, wolle man von Seiten dieser Partei die Mensch- heit abfüttern. Redner geißelte da» Treiben der höheren Stände, erwähnte die neuesten„ehrenhaften" Gaunereien und verwahrte sicb entschieden dagegen, daß die Arbeiter nur im Schwelgen und Prassen ihr Heil suchen wollten, wie die« von Schuster behauptet wurde. Gerade die Tagediebe, Müßiggänger und Nichtsthucr, die Prasser und Schwelger werden m der von den Sozialdcmo traten angestrebten auf Gemeinsamkeit beruhenden Gesellschaft nicht existiren können, die Sozialdemokraten verlangen von jedem Ar bcitSfähigen, daß er seine Pflichten gegen die Gesellschaft erfülle, aber hierfür auch ein menschliches Dasein ihm zu Theil werde. Einen allgemeinen Wohlstand will die Sozialdemokratie schaffen und nur aus ihm allein könne sich wahre Freiheit ergeben. Was die Entheiligung der Ehe anlangt, so wies Redner hin auf die Prostitution in den höheren Ständen, die schamlose Maitressen- wirthschaft und daß der arme Mann— selbst wenn er wolle— gar nicht so tief unsittlich sein könne als die Glieder der höheren GesellschastSschichten die« seyr oft sind. Wenn daS arbeitende Volt sich seinen gesunden Kern nicht bewahrt hätte, stände e« schlecht um die ganze Menschheit. WaS die Ansicht de« Herrn Schuster in B-.treff der 160 am Hungertode Gestorbenen betreffe, so wundere eS ihn in der That fthr, daß ein Priester die« gleich- sam al« eine Bagatelle hinstelle; jeder Mensch mit nur einigem Gc- fühl müsse betrübt sein, wenn ein derartig einzelner Fall sich auf- weisen läßt und sür die Gesellschaft sei die« wahrlich keine Ehre. Herr Schuster verdächtige die Sozialdemokraten, hetz: die Be- sitzenden gegen die Nichtbefltzenden, diese« Vorgehen sei unehrlich und unsittlich. Zum Schluß sprach jetzt noch Schuster, denn meine Wenigkeit, welche sich nach Lehmann meldete, konnte nicht mehr zum Worte gelangen. Der Borstand behauptete eine Abmachung getroffen zu haben, nach welcher nur zwei Rednern der Sozialdemokraten zu sprechen erlaubt sei. Zur allgemeinen Verwunderung bemerkte Schuster, daß hier in Pforzheim bessere Ansichten unter den Ar- beitcrn vorhanden seien, als in anderen Orten; die Herren Leh- mann und Waukmüller feien auch keine richtigen Sozialdemokraten; er müsse manche« anerkennen, wa« dieselben gesagt und soziale Nothstände läugne auch er nicht ab, die bösen Sozialdemokraten tragen aber an Allem die Schuld und möchten wir den Redaktionen de«„VolkSstaat" ur-d deS„Neuen Sozialdemokrat" unsere Miß- billigung über ihre Schreibweise zuk-mmeu lassen. Wenn er au« der sozialdemokratischen Presse, diesem Spiegel der Partei, eine Besserung der Partei wird erblicken können, dann soll auch anders von ihm geurtheilt, geschrieben und gesprochen werden über die Sozialdemokratie. Sein Schlußwort lautete:„Wir müssen bessere Menschen werden," welches die Versammlung mit einem homerischen Gelächter belohnte. In aller Eile wurde nun vom Vorsitzenden de« Bürgervereins die Versammlung geschlosseu und ließen die anwesenden Sozial- demokraten hierauf die Arbeiterwarseillaise ertönen. Herr Schuster hat uns mehr genützt als seinen Freunden; möge er recht bald wieder nach Pforzheim kommen. Mit sozialem Brudergruß R. Hackenberger. vriefkafte« der Redaktion. I. B. in Jarocin: Da» Gewünschte werden Sie am ehesten durch den Vorortsverwalwng der Gewerkschaft der Maurer n. Zimmerer erhallen. Aus die zweite Frage müssen wir mit Nein ant- Worten. der Expedition. I. Wrfl Heidelberg« Hrm. Stphn Luckenwalde: Die verlangten Bücher wollen Sie bei der Expedition der„Freien Presse" in Chemnitz bestellen, fr Gck« Feldeuendt: Wenn Ihnen eine Nr. de« Blatte» ausbleibt, reklamiren Sie persönlich oder schriftlich bei betr. Post- expedition, Hilst die» nicht«, dann beschweren Sie fih bei dem zuständigen Postamte ev. Postdirektion. Hchstn Pößneck: Der Deklamator erscheint in zwanglosen Heften, bi« jetzt nur 1 Heft vorhanden. Ldrbch Frz kosten 10 Stück 3 M. 50 Ps. Den Roman können Sie durch un« beziehen. Quittung der Expedition. Mr Rittershausen Schr. 1,40. Schlz Sprem- berg Ab. 1,05. Eck» Fekdenendt Schr. 0,70. Rshn Bern Ann. 1,00. Brbm Gotha Ab. 18,00. Rnhld Callnberg Schr 6,62. Ksr Hildesheim Ann. 0,80 Smmr Verden Schr. 1,86. Metallarbgcw. Hannover Ann. 0,60. Knrd Treuenbritzen Schr. 0,55. Ktil Apolda Schr. 3,90. Wrzl Heidelberg Schr. 0,90. Star Sonneberg Schr. 9,00. Anzeigen:e. Die rechts in s] angegebene Ziffer bedeutet den Preis der betreffenden Annonce in Reichspfennigen. «tri Sonntag, den 14. Febr., Abend» 6'/2 Uhr: General- OllllUlU versammlang de«„Arb.. Wahlverein«" im Lokale de» Hrn. Berg er._ Der Vorstand.[30] {Rrpft ffllt„Verein Geselligkeit." *[HvpIUU Sonntag, den 14 d. M., Abends von 6 Uhr ab: ü�" Gesellige Zusammenkunft mit Damen."ÜS im Saale de« Hotel» zur„Nova", Grünebaumbrücke 1 Treppe link«. Um zahlreiche Betheiligung ersubt_ Der Vorstand.[50] jOrCübCll � � �' tsnachweisund Beherbergung der (3aw.) Schuhmacher Schreibergasse 7„Zum Pirnaischen Hof."(40) (POl)ll§ Montag, 15. Febr., Abend» halb 9 Uhr: Versammlung bei Kuntzsch.— Der Fragekastcn ist aufgestellt. D. B. k3C VSntuhti Vet«llgemeiaer deutscher Arbeiterverein. Freitag, d. 12. Februar, Abend» halb 9 Ubr: Gc- schlvssenc Mitgliederversammlung in Tütge'« Salon, BalentinSkamp 41. Tagesordnung: Die Bereinigung»fraze. Die Mitglieder der soz-dem. Arbeiterpartei sind zum Besuch hier» mit eingeladen. Die Mitgliedskarten sind vorzuzeigen, I. Köster.(60} Sozialdemokratischer Arbeiterverein. <£/UIUUUI� Sonnabend, den 13. Februar: Oeffentliche ver-- sammlung im kl. Saale de» Eonventgarten«. T-O.: Die Wissenschast und der Glaube. Ref.: Herr Radenhausen au« Altona. I. H. Peter.(601 Metallarbeiter. Gewerkschaft. Sonnabend, den 13. Februar: Oeffentliche Retall- arbeiterversammlung im Lokale de» H n. Bartliug, Knochenhauer- straße 59.— T.- O: 1) Socialer Wochenbericht. 2) Die Krifi» der heutigen ProductionSweise. 3) Verschiedene« Um zahlreichen Besuch bittet Der Bevollm.[60] Gewerkschaft der Holzarbeiter. Sonnabend, d. 13. Febr.: Versammlung gr. Wind- müblenstr. 7.— Sozialer Bortrag von Winter. Gewerkschaftliche«. Ausnahme neuer Mitglieder._ D. B.(40} Leipzig Leipzig it. Umgegend Metallarbeiter GcwerkSgenvsseuschaft.H Montag, den 15. Febr., Abend« 3 Uhr: Versammlung, Nicolaistraße Nr 38 bei Fröhlich(goldner Ring).— T.-O.: 1) B.-rlesung. 2) Ge- werkschaftliche». Aufnahme neuer Mitglieder. Zahlreiche« Erscheinen wird erwartet. XL. Hauptkaffeu-Abrechnungen und Unionsnummern sind in Em- pfrng zu nehmen u v> W dl w Ü C bo Montag, den 21.— T.-O.: Wollen wir einen Kassenarzt anstellen oder nicht? Ref.: W. Fink.______[110} Nowawes Manusalturarbeiter. Sonnabend, den 13. Februar, Abend« 8 Uhr: Ber sammlung bei Müller.— Gäste sind freundlichst eingeladen. Adolph Neumann, Vertrm.[40] Volksjiliatllalender für 1875. Derselbe enthält außer dem bekannten Kalendarium(dem diesmal auch der katholische Kalender beigefügt ist), ein Berzeichniß der Messen und Märkte Dentschland«. S Literarischer Inhalt: Die Hanauer Turner im badisch-rheinpfalzischcu Aufstände 1849, nach den Papieren ihre« E-rpSadjutanten, de« verstorbenen Albert Dammerow. Bon dem noch lebenden Sigismund Borkheim, Batteriechef in der badisch-rheinpsälzischeu Rebellenarmee; Rothe Ostern, historische« Gemälde au« dem Bauernkrieg, von Robert Schwei chel. Wo liegt die Rettung? Au« dem Tagebuch etne« Sozialisten, von Ott» Walster. Zur Grund und Bodenfragt. Verschiedene«. Prei« 35 Pf. gegen baar. Bestellungen hierauf an die Buchhandlung de»„VolkSstaat" zu adresstrea- Soeben ist erschienen und durch die Expedition de«„VolkSstaat' Leipzig, Zeitzerstr. 44, oder durch A. Geib, Hamburg, Rü' diugsmarlt 12 zu beziehen: Die industrielle Arbeiterfrage und die Forderung eines Neuen Arbeitsrechts. Vortrag, gehalten auf der Volksversammlung des CongresseS d- sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu Coburg am 19. Juli 1874 von Th. Aorck. Prei« pro Exemplar 25 Ps. Gegen Einsendung de« Betrage» für die bestellten Exemplare erfolgt die Zusendung franc». Der Ertrag ist zum Besten der Hinterbliebenen Aorck'» bestimmt. Soeben ist in 2. Auslage erschienen: Liebknecht: Wissen ist Macht, Macht ist Wissen. Prei« pro Expl. 25 Pf. Buchhandlung deS„VolkSstaat." »r be toi kö. it\ E- «i «n Uli toe un kvl toe d»i dm der erti lich die! ton dvi ei, Gr beit & J»« rb lilti nr ton Verantwortlicher Redakteur: R. Seiffert. Redaktton Hobestraße 4, Expedition Zeitzerstraße 44, in Leipzig. Druck und Verlag der Genoffenschastsbuchdruckerei in Leipzig. Ichei lich tath % i