Ii j Erscheint in Leipzig m j Mittwoch, Freitag, Sonntag. Bestellungen nehmen an alle Postanstalten u. Buchhand- lungen des In- U.Auslandes. Filial- Expeditionen für die Bereinigten Staaten: F. A. Sorge, kor 101 kobnkeu, N, J. Peter Haß, 8. W, Corner Third and coates str. Pliiladelphia. Der Volksstaat Abonnementspreis für ganz Deutschland IM. 60 Pf. pro Quartal. Monats- Abonnements werden bei allen deutschen Postansialten aus den ütcn u. 3len Monat und auf den 3ten Monat besonders an genommen; im Kgr. Sachsen u. Hrzgrh. Sachs.-Altenburg auch aus den lteu Monat de- Quartals a 54 Ps. OrgandersozialdemokrattschenArvetterparteiunÄderinternationalenGeverksgenoffenschasten. Haserole, Ml«khiltnng von Partei-,»erews- uu» Oolksoersammkmgm, sowie dt« Mal- Expedittsuen und sonstig« Partei-Angelegenheiten betreffend, werden mit 10 Pf».— Privat- und Bergnügungs- Anzetge» mit 25 Pf. die dreigespalten, Pettt« Zeile berechnet. Nr. 31. Mittwoch, 17. März. 1875. B Wien, 13. März 1875. Ein schwerer Schlag hat die serbische Sozialdemokratie ge- troffen— der charakterfeste und verdienteste serbische Sozialist, Svetozar Markovic lebt nicht mehr. Vor einem Jahre wurde er zu neun Monaten Gefängniß ver- »rtheilt und, kaum aus dem Gefängniß heraus, gründete der un- ttmüdliche Kämpfer für die Rechte de« arbeitenden Volkes ein »eueS Organ:„Die Befreiung". Aber in Folge seiner Krankheit verließ er vor etwa zwei Monaten die RedactionSstcllc deS Blatte« und kam nach Wie» behufs Wiederherstellung seiner Ge- sundheit. AlS sich aber sein Gesundheitszustand statt zu ver- bessern noch mehr verschlimmerte, beschloß der Verstorbene, in ein wärmere« lllima zu gehen. Svetozar Markovic wollte nach Ra- gusa in Dalmatien reisen, aber unteiweg« starb er in Trieft am 10. März d. Z.— Sein Leben war nicht« Anderes als ein schwerer Kamps mit den Repräsentanten der heutigen„Ordnung" — darum hat er es verdient, daß man ihm zuruft: „Dich hat in'« Herz geschlossen da« Proletariat." Der Verstorbene war noch jung— er zählte erst das 28. Lebensjahr. Zur Streitfrage über das ABC des WiffeuS von A. Douai. Mein Gegner in der„Concordia" will von dem Wissenschaft- lichen Streite, den er aufgenommen hat, zurücktreten, falls ich nicht zugestehe, daß der Streitpunkt dahin formulirt werde: „Folgt aus der Unbeweisbarkeit de« Dasein«, Wesens und Willens GotteS, daß er nicht will, wir sollen ihn verehren, daß wir leben sollen, al« ob er nicht wäre, daß er für un« so gut wie nicht vorhanden ist?" Da ich meinen Gegner nicht loslassen kann, so will ich die Streitfrage in obiger Form gelten lassen. Ick habe mir erlaubt, vorher mehrere Einschiebsel wegzulassen, welche das Verständniß des Satzes erschweren, da fic durchaus unwesentlich sind. Hassent- lich kann der Kampf nun losgehen. Und hiermit würde ich die«- Mal schließe», hätte der Gegner nicht in seiner langen Einsendung (Nr. 4 der„Concordia" von 1875) mir„Mangel an Logik", „Widersinn",„Feuerbach'schcn SevsualiSmuS" ,c. schuldgegeben, also den Kamps schon begonnen, bevor er noch erössnct sein soll; und hätte er nicht andrerseits im Voraus die wichtigsten Zuge- ständnisse gemacht, von denen unsere Leser Keontniß nehmen müssen. Der Gegner sagt: „Aber macht sich Dr. Douai nicht gerade in diesen Sätzen (der Gegner führt hier meine Verwahrungen gegen seine Mißver- ständnisse an, welche ich in Nr. 149 des„Volksstaat" einfließen ließ) eines Mangels an Logik schuldig? Wenn er nämlich, wie er sagt, die bestehenden Beweise für da« Dasein GotteS widerlegt hat— nicht um da« Nichtdasein GotteS— sondern überall nur um da« Nichtvorhandensein einer Pflicht zu folgern,„an einen Gott zu glauben und ihn zu verehren", so hätte er sich diese Mühe süglich ersparen können. An eine Sache, die bewiesen ist, braucht man nicht zu glauben; und eine Sache, an die man glauben soll, braucht nicht bewiesen zu sein." Hier liegt ein ganz geringer Sophismus vor. Der Gegner beabsichtigt einen solchen gewiß nicht; e« bleibt ihm bloß verborgen, welchen Fehlschluß er macht. Wen» uämlick geübte Denker beweisen, daß Niemand, kein ungeübter Denker au Gespenster glauben sollte, weil es keine giebt, so ist diese Mühe durchaus nicht überflüssig, dielmehr unerläßlich. Und ebenso mit dem Dasein GotteS und jedem anderen Gegenstände, welcher bewiesen wird, damit die Denk- schwachen ihren Glauben darnach einrichten. Allein auch für die Denkstarkcn, wenn ander« sie gewissenhast sind, hört ein vererbter Glaube nicht eher auf, al« bi« der Beweis von seinem Ungrunde geliefert ist. Und ganz besonder« so beim religiösen Glauben, welcher zugleich ein Handeln und Leben in Gemäßheit des Glam benS einschließt.— Der Gegner fährt fort: „Nach seiner(Donar'«) jetzigen Erklärung läuft der„Nerv seine« Beweise« in folgenden offenbaren Widersinn au«: Gott hat sein Dasein(und Wesen) nicht für nnS gewiß gemacht; folglich hat er nicht gewollt, daß wir an ihn glauben sollen.— Wenn man da« zweite„nicht" wegstriche, also da« gerade Gegentheil sagte� käme noch viel eher ein erttäglicher Sinn heraus". Seine Schlußfolgerung ist aber eine ganz andere» nämlich folgende: Wenn wir einen Augenblick die Voraussetzung der Geg- »er gelten lassen, daß e« einen Gott gebe, so müssen wir einen moraliscken Gott verlangen; also einen solchen, der da will, daß alle Mcnscken zur Erkenntniß der Wahrheit kommen, damit keiner zeitlich und ewig»rßt:„Ebenso wenig würde ich ge- neigt sein, über die Frage der GlaubenSpflicht eingehend mit ihm zu verhandeln, falls er diese etwa in den Vordergrund rücken wollte. Schon darum nicht, weil ich selbst anerkenne, daß aus dem Standpunkte der Art von Beweisführung für das Dasein GotteS, die er ausschließlich im Auge hat, demjenigen also der sogenannten natürlichen Religion, eine Verbindlichkeit an Gott zu glauben und ihn zu verehren, allerdings kaum statuirt werden kann." Die« ist nun zwar eine sehr kühle Auffassung einer religiösen oder sittlichen Frage. Für den wahren Menschen kann e« gar keine höhere Pflicht geben, al« die Wahrheit, die er erkennt, auch zu bekennen und nach ihr zu leben. Und eben darum bin ich ge- spannt, wie man auf einem so verwaschenen Standpunkte noch überhaupt Religion und Sittlichkeit haben, vertheidigen und Andern al« nöthig empfehlen kann. Allein wir müssen ihn da« mit sich selbst ausmachen lassen. Da« dritte Zugeständniß lautet:„Es liegt nämlich nahe genug, daß mein Gegner einwendet: wenn Gott will, daß wir ihn verehren, so muß er doch vor Allem auch wollen, daß wir an ihn glauben, zum Mindesten an ihn glauben können— und zwar glauben können nicht etwa im Widerspruch, sondern im Einklang mit unserer„Vernunft", also au« guten Gründen(wenn auch keinen solchen, gegen die sich nicht Zweifel und Einwände vor- bringen ließen)— und die« ist richtig." Aber noch mehr, Herr H-+, Wenn nämlick ein„Gott" von un« verehrt sein wollte, so müßte eS nicht schlechterdings unmög- lich gemacht sei», daß wir auch nur das mindeste Widerspruchs- lose über ihn erkennen können. Schließlich will ich ihm einen scheinbaren Widerspruch in meinen Schlußfolgerungen aufklären. Ich und meine Denkgenossen wissen sehr wohl, daß man an dem Vorhandensein eine« Unend- lichen in Raum und Zeit, eines Absoluten(Unbedingten) wie es die Philosophen nenne», gar nicht zweifeln kann. Aber so gewiß ein solche« Dasein ist, so gewiß ist eS, daß wir Menschen, wie wir einmal organisirt sind, von diesem Absoluten nun und nimmer ein MehrereS aussagen können, ohne un« in unlösbare Wrvcr- spräche zu verwickeln; denn wir haben kein Organ für daS Un- endliche. Die Frommen nun, anstatt sich bei dieser Unmöglichkeit zu be- ruhige», vermengen mit diesem Absoluten ihren Gott, von dem sie aussagen, er sei Weltschöpser und liebevoller Vater, der sich offenbare, unsere Gebete erhöre, Wunder thue und eine moralische Weltordnung vollziehe. Im Namen diese« GotteS geben sie vor zu reden, bürden un« Pflichten auf, machen unS die Erde zur Hölle und stellen un« gegen gutes Entgelt Anweisungen auf den Himmel au«. Im Interesse der Wiffeuschaft einer- und in dem der übervortheilten Arbeiter andererseits zeigen wir nun, wie diese Lehren der Frommen durch ihre unversöhnlichen Widersprüche unter einander und gegen die untrüglichsten Thatsachen, sowie durch ihre Uomenschlickkeit sich selbst richten. Wir lassen e« also keineswegs„unentschieden, ob Gott, ob Un- stcrblichkeit, ob Willensfreiheit Wahrheit oder Einbildung feien." — Nein, Herr++, diese Begriffe, wie sie bisher gewöhnlich verstanden werden, sind Einbildung, hinter der allerding« der Keim zu richtigen Gedanken verborgen liegt, von denen man aber für da« sittliche Leben keine Verpflichtungen ableiten soll. Newark, New Jersey, 20. Februar 1375. Ad. Douai. Beamteu-Proletarier. Zu den besten Erfolgen der sozialdemokratischen Thätigkeit darf wohl der Umstand gezählt werden, daß heutzutage über die Leben« Haltung und über die Existenzbedingungen einer Reihe von Beruf« klaffen Ausklärung verbreitet worden ist, welche früher au« verschie- denen Gründen sich jeder Beurtheilung entzogen. Wir meinen diejenigen„Beamten", welche im Dienste deS Staat« und gewisser, diesem gleichzuachtcnder privilegirter Körperschaften bei aufreibender, geistlödtender Thätigkeit ein fteudelose« Dasein fristen, und zudem ihrer„festen" Stelleu wegen von den andern Arbeitern beneidet und mit scheelen Augen angeschen werden. Jetzt ist da« etwas anders geworden. Das Prinzip der Oeffent- lichkett, dem sich selbst die StaatSmaschincrie nicht mehr entziehen kann, hat einigermaßen den Schleier gelüftet, in welchen früher Alles gehüllt war, was mit der Staatsverwaltung irgendwie zu- sammcnhing; und eS zeigt sich, daß eS auch in„höheren" Regionen zugeht wie im gewöhnlichen Leben; nämlich daß dasjenige Pferd nichts von dem Hafer zu sehen bekommt, welche« denselben so reich- lich verdienen muß. Vor un« liegt ein Büchlein, betitelt:„Dienstinstruktion für daS männliche und weibliche Wärtcrpcrsonal der (sächsischen) Lande«- Irrenanstalten. Eingeführt durch Berord- nung vom 7. Mai 1865(7)." Obgleich nun laut tz 2 dieser In- struklion die Wärter und Wärterinnen die Eigenschaft als Civil- staatSdicner im Sinne des Gesetze« nicht besitzen, so kann doch dieser Umstand füglich außer Acht bleiben, und zwar schon deshalb, weil die betr. Individuen ganz wie die übrigen„StaatSdicner" nach Imonatlicher Probezeit vereidet werden und sich infolge dessen einer diSziplinellen Beurtheilung ihrer Handlungsweise unterwerfen müssen, wre eben die wirklichen StaatSdicner auch. Betrachten wir nunmehr die Verhältnisse dieser Beamteuklassi etwas näher. Nach§ 20 der Instruktion ist der Dienst jener Leute ein unausgesetzter, d. h. er kann Tag und Nacht an- dauern, so lange sie nicht ausdrücklich beurlaubt oder sonst vom Dienst befreit sind.— Zu bestimmten Zeiten wird den Wärtern freier Ausgang gewährt, dergestalt, daß ein Jeder alle 4 Wochen auf einen freien Sonntag Nachmittag in der Dauer von min- desten« 7 Stunde», und jede Woche einen 3stündigen freien Aus- gang Anspruch hat(§ 22 a. a.£).).— Dem AnstaltSdirektor sowie den Oberbeamtea sind die Wärter ein ehrerbietiges Verhalten schuldig, und haben nachdrückliche diSziplinclle Ptstrafung zu gewärtigen bei„widersetzlichem oder achtungswidrigem Betragen" gegen die Obengenannten, sowie wenn sie sich einer„öffentlichen Schmähung staatlicher Einrichtungen oder Anordnungen der Vor- gesetzten" schuldig machen.— Die Wärter sind verpflichtet, in eine PensionSkasse zu steuern, welche in 4 Klassen abgestuft ist und zu welcher der Jahresbeitrag 2, 3, 4 und 5 Thlr., da« Eintrittsgeld 12, 18, 24 und 30 Thlr., der Genuß je nach Zahl der Steuer- jal,re in der 1. Klasse 40—80 Thlr., in der 2. Klasse 60—120 Thaler, in der 3. Klasse 80—160 Thlr. und in der 4. Klasse 100—200 Thlr. pro Jahr beträgt.(Man beachte, in welcher Weise die Masse der Niedrigstbesteuerten die verhältnißmäßig hohen PensionS-Säye der Höchstbesteuerten aufbringen muß.) VUber Pen- sionSansprüchc entscheidet die Kassenverwaltung, in letzter Instanz die Aufsichtsbehörde. Verwaltet wird die Kasse von drei, ihr selbst nicht angehöiizen Staatsbeamten und einem Ausschuß, welcher durch die Therlnehmer auS der Reihe der Oberbcamten zn wählen ist. In jeder Anstalt, in der sich Theilnehmer der Kasse befinden, fun- giren die 3 ältesten al« Rechnung«1 und Wahldeputirte, welchen denn auch die JaHreSrechnung nach erfolgter rechnungsmäßiger Prüfung vorzulegen ist. Etwaige Bedenken, welche einem Rech- nungSdeputirten in irgend welcher Beziehung gegen die Richtigkeit der Rechnung beigehen, hat derselbe zur Kenntniß deS Ausschusses zu bringen, auch„Bescheidung daraus zu beanspruchen". Was die GehaltSverhältnisse dieser Beamten-Proletarier angeht, so ist hiervon in der un« vorliegenden Dienstrnstruktio» nicht« enthalten. Es lassen sich dieselben jedoch mit ziemlicher Be- fiimmtheit au« der Eintheilung ersehen, nach welcher die Beitrag«- sätzc zur PensionSkasse bemessen sind, und welcher zufolge Die- jenigen, welche einschließlich der etatmäßig zu veranschtageuden Naturalgenüsse einen IahreSgehalt bi« zu 200 Thlr. beziehen, i« die 1. Klasse der PensionSkasse gehören. Dieser Theil nun bildet jedenfalls das Gros einer Bcamtcn-Kategorie, deren Dienst der aufreibendste ist, der sich denken läßt, soll er vollbracht werden im Sinne der Dienstinstruktion, die sich im§ 25 dahin vernehmen läßt:„Der Wärter hat sich jederzeit zu erinnern, daß er seiner Pflege anvertraute Unglückliche vor sich hat und daß er berufen ist, die Lage derselben in jeder zulässigen Weise zu erleichtern und die Anstalt bei Verfolgung ihre» Zwecke« zu unterstützen." DaS ist Alle« recht schön und gut; nur möchten wir billig be- zweifeln, daß eS möglich ist, diesen Zweck zu erreichen mit Menschen, welche man unter Umständen glaubt zu ihrer Pflicht zurücksühre« zu können dadurch, daß man ihren kärglichen Berdieust durch Ge- haltSabzllge noch mehr kürzt(Z 13), und deren traurige Existenz man nur glaubt in der Weife unterbrechen zu sollen, daß man die Bestimmung von der unausgesetzten Dienstpflicht dahin ver- schärft, indem man„für besondre Geschäfte, welche etwa einzelnen Wärtern übertragen werden sollten, keinerlei Vergütung gewährt; ob ihnen solche ausnahmsweise in geeigneten Fällen dennoch zu gewähren, soll von der Genehmigung de» Ministerium« abhängen" (s 7 a. a. O.). DicS in gedrängtester Kürze die Lage einer Beamtenklasse, ge- zeichnet auf Grund ihrer Verfassung, von der anzunehmen ist, daß sie strengsten« gchandhabt wird. Stände un« da« nöthige Material zur Verfügung, so würde e« ein Leichte» fein nachzuweisen, daß die überwältigende Mehrzahl de» Beamtenstandes in gleichen oder ähn- lichen Verhättniflen sich befindet, wie der in Rede stehende Theil. Und da« kann heute nicht ander« sein. Damit eine Minderzahl die Freuden de« Dasein« bis zum Ekel genießen, muß die Mehr- zahl darben— gleichviel ob im Dienste eines Einzelnen oder de« Staat«. Politische Uebersicht. —„Es ist Nicht« so sein gesponnen, e« kommt endlich an da« Licht der Sonnen." Die« Sprichwort fiel unt unwillkürlich ei», als wir die preußischen LaudtagSverhandlungen vom 4. März lasen. ES wollte uns gleich Anfangs nicht recht einleuchten, daß Herr von Camphausen s»'n verrufenes Wort von der NothDendigkeit der Lohnreduktion so ganz ohne alle Neben- und Hmtcrgedanken der freudig aushorckendeu Bourgeoijie von der Tribüne des Ab- geordnetenhauseS sollte zugerufen haben. Die V-rhanvlungen des preußischen Landtags am 4. März litfren den Schleier. Es han- delte sich um den Etat der Berg-, Hütten- und Salinenverwal- tung, der namentlich in den letzten Jahren sehr bedeutende Ueber- schüfse der Staatskasse zugeführt. Abg. Hammacher macht darauf aufmerksam, daß die außerordentlich hohen Uebcrschüffe, welche na- mcvtlich der Steiokohlenbau deS Staats in diesem Etat in den letzten zwei Jahren erzielt, bei dem stetigen Sinken der Stein- kohlenpreise uothwendigerwcise bedeutend reduzirt werden müßten, und der Staat daher auf diese Summen für die nächsten Jahre uicht rechnen könne. Darauf erhob sich der RegierungScommissar, Oberbcrzhauptmann Krug vou Nidda, und gab die Er- klärung ab: die Regierung verschließe sich der Besorgniß nicht, daß herabgehende Conjunctureu bei diesem Etat Mindemnnahmen er- Jeben könnten. Die Verminderung der Selbkosten wird edoch da« wesentlichste Mittel sein, den Ausfall zu decken. Unter solchen Verhältnissen ist ein bedeutender Ausfall kaum zu befürchten.„Verminderung der Selbstkosten" iu der Judustrie, da» heißt in gutes, reines Deutsch übertragen: Vermin- deruog, beziehentlich Herabdrückung der Arbeitslöhne. Die Regierung kann so wenig, wie irgend ein anderer Industrieller, an deu Maschinen oder an der Zimmerung und dem Bau der Schachte oder au sonst irgend einer technischen Einrichtung sparen. Ihr kommt eS natürlich eben so wenig in den Sinn, die Gehälter der Bergbeamten zu reduziren: bleibt also kein anderes denkbares Mittel als die Herabsetzung der Arbeitslöhne. Herr von Camphausc» will seine Uebcrschüsse nicht einbüßen; er will seinen Ruf, ein guter Finanzminister zu sein, d. h. zu wissen, wie man Geld für den Staat herauspreßt, nicht auf's Spiel setzen, ein wei- tereS Umdrehen der Steuerschraube möchte bedenklich werden, da sollen und müssen die Arbeiter die Kosten tragen. AnS ihnen wird herausgeschunden, wa» sonst nirgends herauszuschinden möglich ist. Wie der gemeinste Bourgeois so handelt der Staat. Da er aber mit dem Beispiel der Lohnrcduzirungen nicht voran gehen konnte, mußte die Bourgeoisie, in feierlich offizieller Weise dazu angespornt und ermuntert werden, und darum die famose Rede de« Herrn v. Camphausen bei dem Bankgesetz. Welche Ironie! Welcher Hohn! Herr v. Camphauscn empfiehlt gerade bei dem Gesetz die Reduzirung der Arbeitslöhne, durch das, wie noch bei kemem andern, der deutschen Bourgeoisie so viele Millionen jähr- licher StaatSunterstützung geschenkt, ja geschenkt werden. Wahr- lich! da begreift sich ihre Lwbe zu einem solchen Staat, und zu solchen Ministern! — Der Staat und das Haftpflichtgesetz. Wie peinlich geuau und streng der Staat obiges Gesetz handhabt, geht auS folgendem, von verschiedeneu Zeitungen erzähltem Vorfall hervor, bei welchem der Staat, in Gestalt der Kaiserlichen Elsenbaha- direktion vou Elsaß- Loihringen, bemüht war, seinen Verpflichtun- gen durch daS Hinwerfen eines Gnadenbrockens zu entgehen: „Vor einigen Monaten verlor ein Bahnwärter, in Ausübung deS Dienstes begriffen, fein Leben; ein Essenbahnzug ohne Licht hatte ihn erfaßt und überfahren. Die Wittwe des ManneS, wel- cher 22 Jahre der Bahn treu gedient hatte, beansprucht nun von der Generaldirektion eine kleine Penston, allein vergeben»; statt derselben bot man ihr ein- für allemal als Abfindungssumme IS Thaler(!). Erst der Richter mußte der kaiserlichen Eisenbahndireklion die nöthigsten Begriffe über Rechte und Pflichten beibringen, indem er sie zur Zahlung einer jährlichen Penston von 300 Francs an die arme Wittwe ver- urtheilte." Freilich wenig genug, aber doch eine kleine Beihülfe, während „der fittliche Rechtsstaat" stch mit IS Thalern für 22jShrige treue Dienste abfinden will. Mit Bethäusern für Essenbahnbeamte ist man dagegen schneller bei der Hand und daS preußische Abgeord- netenhauS fammt den sogenannten Fortschrittlcrn stand auch nicht an, die Summe im Budget zu bewilligen. — Die Verkommenheit der oberen GesellschaftS- klaffen wird iu grellen Farben gemalt von einem Wiener Corre- spondcnten der„Frankfurter Zeitung"(s. Nr. 65 vom 6. März). ES heißt da u. A.: „Lebte Juniu«(der berühmte englische Publicist) im heutigen Oesterreich, er würde sich Jeremias nennen. Man hat eS hier nicht mit der Schlechtigkeit einzelner Individuen zu thun, das ganze Staatswesen ist durch und durch morsch und wa« da» Schlimmste dabei ist, jeder Gebildete fühlt eS instinktiv und doch will keiner den Finger rühren, um die fatale Situation zu ändern. Nicht al« ob et in Oesterreich keinen Patriotismus gäbe, man täusche stch darüber draußen im Reiche gar nicht. Käme eS noch einmal zu einem unglückseligen Bruderkriege, so würde man die unteren Schichten de« Volke« sich mit einer wahren Berserkerwuth erheben und all den künstlichen Firniß mit gewaltiger Faust zerstören sehen, den Wohlvienerei, Gewinnsucht und vermeintliche Unfehlbarkeit über da« Aeußere unsere« Gemeinwesen« gebreitet haben. Wir leben aber in einem scheinbar constitutionellen Staate und unser Parlament ist trotz der Wahlreform noch immer die Vertretung wenig homogener In- tercffen, wie der engherzige Schmerling sie geschaffen hat. Die oberen Stände sind allein darin repräsentirt, und diese sind entweder durch und durch corrumpirt oder dur» und durch blasirt*). Es fehlen die Männer und es fehlen noch mehr die Ideen und dennoch haben wir den gewaltigsten Gäh- rungSprozeß, wie nur je ein solcher die größten Männer und die größten Ideen gezeitigt hat." — Da« Arbeiterunglück in Meißen veranlaßt einen dortigen Parteigenossen, Herrn Thicme, im„Neuen Sozial- Demokrat" folgende Betrachtungen anzustellen: „Als ich mich am 9. Februar gegen Abend von der Arbeit nach Haufe begab, hörte ich unterwegs, daß in der englischen SicherheitSzünver- Fabrik deS Herrn EaleS im Goldgrunde eine Pulverexploston erfolgt sei und die Fabrik in Flammen stehe, sowie daß mehrere ArbeitSfrauen schrecklich verbrannt seien. Ich eilte sofort auf den Schauplatz der Katastrophe, um die Ursache des Unglück» zu erforschen, welche jedoch wahrscheinlich niemal« an den Tag kommen wird. Es ist viel in den Zeitungen über dieses Unglück geschrieben worden; die stch widersprechendsten Thatsachen hat man erzählt und am nächsten Tage widerrufen(so z. B., die ArbeitSfrauen hätten da« Unglück durch Chocoladekochen(!) selbst herbeigeführt, eine boshafte Erfindung); zwei Punkte hat man je- doch von Anfang an bis heute aufrecht erhalten: 1) daß die Ar- *) abgestumpft für Alles, gleichgültig. beiter schuld am Unglück gewesen sind; 2) daß Herrn Erle« durch- au» keine Schuld treffe. Weun man die diesen Unglücksfall de- gleitenden Umstände aver mit Ruhe betrachtet, so findet man, daß die Sache anders liegt, und zwar fo, daß nicht bloß Herrn EaleS, sondern auch indirect die Gesetzgebung eine Schuld trifft. „Der Industriezweig der Sicherheitszünder ist seit einigen zwanzig Jahien iu Deutschland eingeführt worden, und Herr EaleS mußte als Sachverständiger wissen, daß die Zünder- fabrikation höchst gefährlich ist. In den Maschinensälen liegt überall Pulverstaub, all- Fugen und Spalten sind damit angefüllt, und die geringste Unvorsichtigkeit mußte nothweniz eine Explosion zur Folge haben. Waren da nicht die allerumfanzreichsten Vor- stchtsmaßregeln geboten? Mußte vor allen Dingen nicht eine auf alle Fälle zuverlässige Person zur Aufsicht über die Maschiaensäle fortwährend am Platze sein? DaS ist aber nicht der Fall gewesen, denn stundinlanz sind die Franca in den Maschineasälen ohne jede Ausficht gewesen. ES durfte ferner nicht bloß nur eiae Thür au« den Gefängnißsälen hinausführen, sondern eS mußten an jeder Front der Säle mehrere Thüren und Treppen in» Freie führen. Es war aber im Augeublick de» Unglück« nicht einmal eine Leiter zur Stelle, mittelst der man die am ganzen Leibe brennenden Frauen, welche stch am Fenster zeigten, hätte herunterholen können! Bei besseren Maßregeln wären sicherlich nicht so viel Personen, wie eS der Fall war, umgekommen. „WaS nun die Gesetzgebung anbelangt, so trifft dieselbe au« dem Grunde eine indirekte Schuld, weil sie eS bis jetzt noch nicht für nöthig befunden hat, für sämmtllche Arbeitsplätze genügende Controle zu schaffen. Die Gesetzgeber Härten schon längst da« Institut der Fabrikinspektoren im umfangreichsten Maßstabe einführen sollen und zwar derart, daß die Arbeiter durch Wahlrecht auf die Ernennung derselben Einfluß ausüben; dann wäre Herr EaleS ganz sicher zu den nöthigcn Vorsichtsmaßregeln gezwungen worden, und ein solches Unglück nicht hereingebrochen." Im Anschluß hieran theilen wir auS einem Briefe, den ein hiesiger Arbeiter von seinem in Meißen beschäftigten Bruder er- halten hat, folgende Einzelheiten mit: „Lieber Bruder! Unserer Verabredung gemäß will ich Dir in folgenden Zeilen mittheilen, wa» ich über die Verhältnisse in der Zünderfabrik vom Bater, der während der Explosion in d'k Fabrik beschäftigt war, erfahren habe. Du weißt doch, daß eS Fastnacht- dienstag war, und da haben viele Leute gefehlt, trotzvem den Tag drei Fuhren Garn vom Bahnhof gefahren worden waren und die vierte noch hereingebracht werden sollte. ES sollte auch noch eine Fuhre Zünder aus die Bahn kommen, welche aber noch nicht ge- pack: waren, und noch zwei Treppen hoch lagen. Hierauf hat der Bater und einige Mädchen daS Garn herein- und die Zünder herunterttagen müssen und dabei hat der Herr stet» getrieben, da die Zünder noch fort sollten. Wie mir der Vater sagte, ist eS uicht möglich gewesen, da» noch auszuführen, da nach drei Uhr noch eine Fuhre Pulver gekommen war, zu welcher wieder Leute gebraucht wurden; der Vater ging darauf, da ihm das Tragen zu schwer wurde, auf den Biudesaal an seine gewöhnliche Arbeit. Dort angelangt, wollte er gerade seine Arbeit beginnen, al« die Explosion erfolgte. DaS Fenster, an dem er stand, wurde hinauSgeschleuvert und er selber über einen Tisch geworfen. Der Vater erholte sich von dem Schreck und sieht, wie da« Feuer zu allen Fenstern au« dem Maschincnsaal herauskommt. Schnell eilt er herunter, und nach dem anderen Gebäude zu der Treppe, die hinaufführt, wo die Schwester Elise und die anderen Mädchen arbeiteten; kaum da angekommen, schlägt die helle Flamme, soweit wie die Treppe ist, herunter, und au« den Flammen stürzt ein Mädchen, über und über brennend herunter. Der Vater fängt sie auf(sonst war von den Männern niemand zu sehen) und wirft sie in den Schnee'; er läuft dann wieder nach der Treppe, Elisen erwartend; da kommt ihm wieder eine Andere entgegen, und auch bei dieser gelingt es ihm, die Flammen mit Schnee zu löschen, dann ist er wieder hin, und jetzt ist ihm Elise, brennend am ganzen Leibe, mit dem Rufe: „Ach mein lieber Vater!" in die Arme gestürzt. Jetzt erst kam der Feucrmann dem Bater zu Hilfe und dann zwei Hausgenossen vom Vater, welche Elisen nach Hause brachten. Der Vater hat dann noch von seinen Sachen gerettet wa» zu retten war. Während der Vater die drei Mädchen rettete, stand der Herr mit seiner Frau weitab, und befahl den Leuten, sie sollten nur die Kutsche herausholen, daß die nicht mit verbrenne. Zu Hause wurde Elise von einem Militärarzt mit Leinöl einge- rieben und dann im Siechkorb nach dem Krankenhaufe geschafft. Dort frug der Vater Elisen, wie das Feuer entstanden fei, worauf Elise sagte: ich werde e» Ihnen noch sagen, ich weiß et. Jede weitere Unterredung wurde von dem Krankenwärter unmög- lich gemacht, da er den Vater hinauSwieS." Hiermit schließt da« Schreiben de« Meißener Arbeiter«. Wem die Schuld an dem Unglück beizumessen, ist bis zur Stunde noch nicht festgestellt. Hoffentlich aber ist die Arbeiterin, welcher die Entstehung der Katastrophe bekannt ist, noch am Leben; und da e» von Wichtigkeit ist zu erfahren, wen die Schuld trifft, ob den Fabrikanten oder die Arbeiter, so ersuchen wir hiermit den Brief- schreiber, Erkundigungen einzuziehen, und deu Sachverhalt zu ver- öffentlichen. — Natürlich sind die Bergleute vou Südwale« nicht auf den Leim deS arbeitersreuodlicheu Lord» gegangen. Aberdare heißt der Mann, und ist selber Besttzer vou zahlreichen Gruben in Südwale«—»in Umstand, der die Rathschläge de« edlen Lord« sehr verdächtig macht und ihm auch gebührend unter die Nase ge- rieben worden ist. Nur einige Lokal- GiwerkschaftSvorstände wür- digten dessen Epistel einer Antwort:„Ja, wir wollen die Arbeit wieder beginnen unter der Bedingung, daß die Grubenbesitzer stch verpflichten, alle künftigen Differenzen vor ein Schiedsgericht zu bringen." WaS den Herren Grubenbesitzern, die keinen Harmonie- Cursu« bei Dr. Max Hirsch gehört haben, natürlich uicht einfällt. Halliday, da« Haupt der Gewerkschaft, hat in einer Massenversammlung der Ausstehende» uud Ausgesperrten unter begeistertem Zurus die Losung auSzcgeben: No surrender! Keine Unterwerfung! Und so dauert der Kampf denn fort. Die Unterstützungen fließen sehr reichlich, und eine Gewerkschaft nach der anderen giebt HülfSgelder und legt stch regelmäßige HülfSsteuern auf. — In Berlin erscheint seit Anfang diese« Monat» ein neue» sozialistische» Blatt, der„Agitator", redigirt von H. Eck«. Ja einer Ansprache, die Herr EckS im„Neuen Sozialvemokrat" au die Parteigenossen richtet, heißt et: „Derselbe— der„Agitator"— wird in streng sozialistischem Sinne redigirt, die Uebcrschüsse aber sollen zur Agitation für daS Recht der arbeitenden Klasse verwendet werden." Bestellungen pro Quartal nehmen alle Postanstalten entgegen. Der AbonnementSpreis beträgt pr. Quartal 90 Pf.; bei direkter Bestellung von mindesten» 10 Exemplaren unter einer Aoress: direk bei der Expedition, Herrn Schnabel, Klein; Andc-assteaze 2l Berlin 0., wird der QaartalpceiS auf 60 Pf. ermäßigt. Aus Euglaud. London, 23. März 137S. Der Bericht der könizl. Commsssion zur Ualersuchuug bei Wirkung der Arbeitergesetze— Master anv S-rvaatS' Act(Contractbruchgesetz), Crimina l-Law-Amenvment-Ac! (Seschcänkung de» CoalitioaScechtes der Arbeiter), Law of Eon- spiracy(V-rschvörungSgesey),— ist nun endlich veröff.-attichl worden.— Man hatte gut- Gründe, sehr wenig Ersprießliches oo« den Arbeiten dieser Commsssion zu erwarten und ihre Ecaennunz al« einen billigen RegierungSkniff zu betrachten, um die von der Ar- beiterklasse geforderte Gesetzgebung auf unbestimmte Zeit zu ver- schieben, allein selbst d>e bescheidenen Erwartungen einiger B:r< trauenSstmpel sind kläglich zu Wasser geworden. Da« parlamen- tarische Comitö der Gewerkschaftea, welch:? bekanntlich jede Ais- sage vor der Commsssion verweigerte und stch überhaupt gegenüber der conservatioca Hänselei de« H-rra DiSraeli viel empfiaollcher zeigt, al« gegen die liberalen Fußtritt- Gladstone'S, ist gerecht- fertigt und hat stch beeilt über da« comm sssionelle Machw:rk den Stab zu brechen. Der Gnst de» Berichle« ist ein dem Arbeiter- stände entschieden feindseliger und die Schlüsse, bei denen die Commsssion anlangt, sind weder Fisch noch Fleisch. Wäprcnd der Bericht die Ungerechtigkeit der betreffenden Gesetze und eine schau- lose Willkür und Parteilichkeit der Richter durch Tqatfachm in ein grelle« Licht stellt, erheben stch die Herren zu keinem ernstpaftea Antrage auf Aendcrung der Gss-tz: oder auch nur auf Berbür- ganz einer strikten AuSsühruaz derselben. Uao daS ist sehr aatür« lich. Die Gesetzgeber machen hier wie überall im Interesse ihrer eignen Klaffe und die Thoren meinen hier wie anderswo ihre Herrschaft durch grausam: Gesetze verewigen zu können. Zu eine« entwickelten Industriestaat gehören nothwenvizerweise Contract- bruchgesctz, CoalitionSoerbote und was drum uno dran hängt, kurz die legale Peitsche zur Züchtigung und Nied:rhiltunz des Prole- tariatS. Die herrschenden Klassen wollen weder unparteiische&!' fetze, noch eine billige Durchführung derselben. Die Mitglieder der königl. Commsssion machen zwar— wenn auch nur widerstrebend und durch die Wucht ver Thatsachen g-< zwangen— da» Zugeständniß, daß die Richter in vielen Fällm Gefängnißstrafen verhängt haben, in denen sie gesetzlich nicht dazu berechtigt waren, allein eS kommt ihnen nicht in den Sinn, Ge- nuzthuung für die GssetzeSoerletzunzen zu suchen oder die A beiter vor künftigen Gewaltthaten sicher zu stellen. Nur eine Concessiou wurde den Forderungen der Arbeiter gemacht. Die Commssstou schlägt vor, Contractbcüche von Seiten der Arbeiter ebenso zu be- handeln wie andere Contraclbrüche und nicht als B:rbrech:a. Der Anfall von Billigkeit und Schwäche, in dem die Herren diesen Vorschlag machen, dauert jedoch nicht lange. Sie wünschen wei' ter, daß Coatraktbruch, von mehreren Arbeitern zu gleicher Z:it begangen, mit Gssängniß bi» zur Dauer von 2 Jahren bestraft w:cve. Mit„kardIudour"(schwererArbeit)— oerstehtsich! Alsowenn Schalst die Arbeit verläßt und dabei seinen Contrakt bricht, kann er mit einer kleinen Geldstrafe divoakommin, wenn dagegen Schulze und Müller sich verabreden, ihren Herrn gemeinsam zu verlassen, trotz eines vorliegenden Vertrage«, dann haben sie möglicherweise G> lezenheit 2 Jahre im Zuchthause über die vortrefflichen Einrich- tunzen dieser„besten der W-lten" nachzudenken.— Charakieristssch für die R-chtSzustände sowie die Scheidung der Gss-llfchaftSklassea in England ist der Ausspruch eine» R-chtSgelehrten, Professor H unter. In einem kürzlich gehaltenen Bortrage über den ersten Theil de« in Rede stehenden Commissionsberichtel(Master and servant's act) erklärte derselbe:„Der Anklage eine« Arbeiter« scheint die Verurtheiluug mit derselben Regelmäßigkeit zu folgen, mit welcher die Nacht dem Tage folgt. Hun« derte von Arbeitern sind unter dem Contraktbruchgesey angeklagt worden, allein die Zahl der Freisprechungen ist an den Fingern einer Hand abzuzählen." Hunter gab auch eine kleine Blumenlese von Lerurtheiluagea unter dem Coutraktbruchgesetze, die im Comm ssionSberichte ent- halten sind; einige davon mögen al« Master uav zur Erbauung deutscher Leser hier ihren Platz finden. Zwei Nazelschmiede(Belper in Derbhshire) waren von ihrem Arbeitgeber wegen Arbeitsverweigerung vor Gericht zitirt worden. Der Meister schätzte seinen Schaden in dem einen Fallt auf 16 Schillinge und in dem andern auf 17 Schillinge 6 P-nce. Die Arbeiter wurden, ohne die Wahl einer Gsiostrafe zu haben, zu 2 Monaten Gefängniß mit schwerer Arbeit verurchcilt, obgleich sie auf Grundlage eine« Paragraphen angeklagt waren, welcher dem Richter nicht ta» Recht gibt, auf Gefängnißstraft zu erkennen. Der Arbeitgeber wünschte augenscheinlich eine Geld' entschädiguog; allein der Richter beschloß, für da» schauderhafte Verbrechen de« NichtnägelmachenwollenS ein Exempel zu statuiren. Ein anderer Fall ist von Monmouthshire.„Ein Bauern« knecht war, nach der Aussage seine« H:rrn, auf 1 Jahr gevunzen. Bor Ablauf de« ersten Monate» jedoch kündigte er seinem H-rrl an, daß er nach einem weiteren Monat den Dienst verlassen werde, weil er zu wenig Nahrung bekomme und auf einem Baven über der Düngergrube schlafen müsse. Der Friedensrichter verurthciltt ihn zu S Pfd. Sterl. oder 2 Monate Gefängniß. Da» ist grabt genug für da« Verbrechen, nicht über dem Misthaufen schlafen zo wollen." „Pewsey in Wiltshire liefert ein besonderes Muster vo« fricdenSrichterlicher Justiz. ES ist vielleicht nicht überflüssig, z» bemerken, daß dieser Fall vor einem Geistlichen verhandelt wurde. Ein Mann war nun für die riesige Summ: von 9 Schillinge« wöchentlich als llnterschäser gedungen. Er verließ seinen Dienß ohne Kündigung und der Farmer, der ihn verwendet hatte, maßt! einem Anderen, der de» Ausgestandenen Platz ausfüllte, einen et« wa« höheren Leben gebe«. Dafür beanspruchte der Farmer eint Entschädigung von 3 Schillingen und 4 Pence. Wa» glaubt Ihr, wa» er bekam? Nicht«; aber der Unterschäfer bekam 1 Monat Gefängniß." Auch Kinder fühlen die ganze Grausamkeit der bürgerliche« „Justiz", wenn sie da» Unglück haben, arm zu sein und al« Lehr« jungen verdungen zu werden. Schamlose Ausbeutung oder ua« würdige Behandlung von Seiten seine» Herrn geben dem Bube« kein Recht, seinen Platz zu verlassen, und wenn er es troyvem thut, ist er dadurch dem Coutraktbruchgesetze verfalle». Und das heißt Verurtheilung zu Geld- oder Gefängnißstrafen. Nach dem Cour MlssionSberichte lautete in mindestens 43 Fällen da« Urtheil au! Gefängniß, und zwar in einem Falle aus 7 Tage, in 9 Fälle« auf 14 Tage, in 4 Fällen aus 3 Wochen, in 13 Fällen au! 1 Monat, in S Fällen auf 6 Wochen, in 8 Fällen auf 2 Monat! und in 8 Fällen auf 3 Monate Gefängniß. In wenigsten« � dieser Fälle waren die Knaben auf Grund eine» Paragraphen de< Ji Master- und Servants Act angeklazt, welcher die Berhängung einer Gefängnißstrafe nicht gestattet, ausgenommen bei Nichteinbringunz der Geldstrafe; allein die Richter verurrheilten sie auf Grund des Z 14 zur Gefängnißstrafe. In einem Falle war ein Sckadenersay von 5 Pfd. Sterling beansprucht. Anstatt ans diesen Anspruch zu erkennen, schufte der Richter den Knaben auf 14 Tage inS Gefängniß. In 2 Fällen wurden 2 Pfv. Sterl. gefordert; in dem einen lautete daS Urtheil auf 6 Wochen, in dem anderen auf 3 Monate Gefängniß. In einem vierten Falle war der beanspruchte Schadenersatz Z— 12 Pfd. Sterl., und der Frie- denSrichter gab 2 Monate Gefängniß. In 2 anderen Fällen, wo der Schaden auf 10 Schillinge geschätzt wurde, erhielt der eine Knabe 3 Monate, der andere 6 Wochen Gefängniß. Noch in «inem anderen Falle betrug der Schaden 4 Schillinge; allein an- statt den Lehrling zur Be,ahlung dieses Betrage» anzuhalten, brachte ihn der Richter auf 6 Wochen in Haft. In einem letzten Kalle endlich ersuchte der Meister, welcher sagte, daß sein Schaven zwei Schillinge betrage, den Richter, er möge den Knaben zu Gefängniß verurtherleu. DaS that dieser denn auch, und zwar auf die Dauer eine« MonatS.— Unter den ausgesperrten Berg- und Hüttenarbeitern in South- Wale« beginnt die Roth in schrecklicher Gestalt auszutreten. Die Zahl Derer, welche öffentliche llnterstützunn beanspruchen, wächst stetig und wird bald den größeren Theil der arbeitenden Bevöl kernng de« Bezirke« umfasse». Ja der abgelaufenen Woche waren in der Gemeinde Merthyr mehr al« 2000 Männer al« Stein- klopser beschäftigt. Einige Londoner Blätier brachten Freitags ein trockenes Telegramm, demzufolge der Hungertyphus an zweien der betroffenen Orte ausgebrochen ist, und ein gestern in den Zei- tungen abgedruckter Brief au« Merthyr bestätigt die Nachricht und gibt außerdem ein düstere« Bild von der Lage der Ausgesperrten. E« heißt in demselben u. a.: „Obwohl die Pfarre alle« Mögliche thut, die Krisi« abzuweu- den, sind, bei der riesigen Natur der letzteren, die Anstrengungen, welche wir machen können, ungenügend, allen Anforderungen zu entsprechen. Wir haben buchstäblich Taufende von Mäu- nern, Weibern und Kindern in großer Roth. Die Ein- wohner von Merthyr habe» jetzt eine Hllfskasse für Kinder von 13 Jahren und darunter gegründet. Die Unterstützung wird vor Allem auf die Kinder beschränkt bleiben; sollten jedoch genügend Fond« zufließen, so werden wir dieselbe auf die Weiber ausdehnen. ES sind thatsächlich Kinder gesehen worden, welche Abfälle(gar- bage) auS Sautrögen und von Misthaufen aßen, lver Sanitätsbeamte hat bereit« mehrere Fälle von Hunger- typhus berichtet. Subscriptionen werden dankbar angenom- wen u. s. w. Merthyr, 26. Febr. 1876. John Griffith, Rector von Merthyr, Vorsitzender de« HilfScomitöS." Die Gewerkschaften beginnen sich nun endlich in der Angelegen- heit zu regen. Die National-Union der Bergleute hat beschlösse», eine außerordentliche Steuer von 6 Pen«(5 Gr.) pr. Kops ein- zuHeben(waS bei 140000 Mitgliedern 3500 Pfd. Sterl. oder 70000 Mark wöchentlich beträgt) und die Durhamer Bergleute beabsichtigen 6000 Psd. Sterl.(100000 Mark) für die AuSgc- gesperrten zu geben. Der Schatzmeister der National-Union hat im Einverständnlsse mit den Unionsmännern in South-WaleS die betroffenen Ortschaften in drei Bezirke(Merthyr, Rhondda, Aber- dare) eingetheilt, von denen jeder mindesten« 1000 Psd. Sterl. wöchentlich erhalten soll. Ein Unterschied zwischen Unio- nisten und Nichtunionisten wird bei Bertheilung der Gelder nicht gemacht werden. Zum Schlüsse sei noch eine« Schwindelproz'sse« erwähnt, der sich in den letzten Tagen hier abgespielt hat und dessen Schluß- Verhandlung 16 volle Tage in Anspruch nahm. Hochgestellte und ehrenvolle„Gentlemen", darunter mehrere ParlamcutSmit glieder, hatten etwa« ungeschickt eine Petroleum-Quellen-Com pagnie„gegründet" und waren— da die stinkende Blase bereit» geplatzt ist— von einigen Betrogenen auf Schadenersatz verklagt worden. Bor Gericht spielten die Herren die Eiosältigen, welche von ein paar andern Gaunern in buchstäblich unglaublicher Weise dupirt worden seien. Ein formelle« Urtheil wurde nicht gefällt, da kein einstimmiger Beschluß unter deu Geschworenen zu Stande kam. Die Emen hielten die Herren für Schwindler, während die Anderen in christlicher Nächstenliebe an den vorgeschützten Blöd- sinn der Angeklagten glaubten. Die Frage steht also noch zur DiScusston: Gauner oder Idioten? Und solche Leute sind Gesetzgeber und machen im Namen der Moral und Sittlichkeit jene Gesetze, unter denen der Albeiterstand de» Lande« seufzt. II. 8. Im„Dresdener Volksboten" vom 11. d. lesen wir: „In der geschlossenen Mitglieder- Versammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei am vergangenen Dienstag kam, nach Erledigung verschiedener gefchäf licher Angelegenheiten, die VereinigungSfrage zur Bssprechung. Die Grundlage hierzu bildete da« neu vereinbarte Programm und die Organisation. DaS Programm fand allseitige Zustimmung, nur wünschten Kayser und Biedermann verschiedene Punkte klarer gestellt zu sehen. Die neue Organisation konnte jene Billigung nicht finden. Kayser sah in der neuen Organisation die Diktatur deS Vorstandes, da die Wirksamkeit der Controlcommission, welche durch den 18gliedrigen AaSschnß beschwert sei, illusorisch werde. Dadurch, daß auch diese 18 Personen über ganz Deutsch- land zerstreut sein können, sieht es der Redner für gänzlich un- möglich an, daß eine schnelle wirksame Abhilfe, wenn sich eine solche nöthig mache, geschaffen werden könne. Eben so gefiel dem Redner nicht daS Recht der Absetzbarkeit der Controlcommission. Auch hält e« der Redner für wünschenSwerth, daß eine Bestim- «nng in den Entwurf komme, wonach der Vorstand höchsten« drei Jahre an einem und demselben Orte seinen Wohnsitz haben dürfe, weil sich sonst sehr leicht eine Partei- Regentschaft, wie eine Partei- Residenz bilden könne. Redner hält eS für nöthig, auf dem Con- greß darauf hinzuwirken, um feine Wünsche zur Geltung zu brin- gen. Aber wenn selbst die Organisation gar nicht seinen(deS Redners) Wünschen entsprechen sollte, werde er doch der Vereint- gung zustimmen, da dieselbe etwaS Unabweisbares geworden und die Organisation doch nur etwaS Nebensächliches ist.— Die Herren Kossak und Biedermann hielten de» neuen Organisation«- entwurf für ganz verwerflich. Beide Redner wollen keine formelle Bereinigung, sondern eine wirkliche. Sie halten e« für nöthig, von vornherein alle Bestimmungen so zu fassen, daß nicht wieder ein Zwiespalt ausbreche. Beschlußfassungen sollen erst dann er- folgen, wenn bestimmte Anträge vorliegen." Uriheile über den Partei-Programm- und Organi- sations-Entwuf. Die„Tagwacht" vom 10. d. schreibt: „Im Allgemeinen können wir un« ganz mit dem Programm einverstanden erklären, nur im 2. Punkte de« III. Theile« findet sich eine durchaus ungenaue Definition(Feststellung) de« Begriff« der direkten Gesetzgebung durch da« Volk durch die Worte „Vorschlag«- und BerwerfungSrccht." Die direkte Gesetzgebung durch da« Volk begreift in sich zwei Rechte: 1) Die„Initiative", d. h. daS Vorschlagsrecht— da« Recht de» Volke«, resp. eine« Bruchtheil« desselben, Gesetze zur Abstimmung zu bringen, und 2. da«„Referendum", d. h. daS Abstimmungsrecht— da» Recht de« Volke« über alle Gesetze mit„Ja" oder„Nein" abzustimme». Braucht man statt AbstimmnngSrecht da« Wort„Verwerfung»- recht", dann ist damit jene traurige Verkümmerung der direkten Gesetzgebung durch da« Volk bezeichnet, die z. B. im Cauton St. Gallen nnter dem Namen„Veto" existirt. Eine solche Karri- katur werden hoffentlich die Sozialdemokraten Deutschland« nicht auf ihr Programm setzen wollen. Wir schlagen unseren deutschen Freunden deshalb vor, den 2. Punkt folgendermaßen zu fassen: „2) Direkte Gesetzgebung durch da« Volk, d. h. da« Recht de« Volke«, Gesetze vorzuschlagen und darüber abzustimmen." Auch der dritte Punkt leidet unter einem bedeutenden Mangel. Anerkennt mau einmal die direkte Gesetzgebung durch da« Volk, dann darf man wahrlich nicht da« Entscheidungsrecht über Krieg und Frieden in die Hand der„Volksvertretung" legen. Weiß man doch aus letzter Vergangenheit, daß die französische, sowie die deutsche„Volksvertretung" dem KnegSruf der Dynasten bei stimmte. Schon vor mehr al» 300 Jahren ist auf die Weisung de« großen RepublckanerS Zwingli da« Zürcher Volk zum Ent- scheid über Krieg und Frieden angerufen worden, sicherlich ist eS heute an der Zeit, daß die Sozialdemokraten Deuffchland« da« Entscheidungsrecht über Krieg und Frieden für die Volks- abstimmung reklamiren, da ja daS Volt allein und zwar mit Gut und Blut die Zeche zahlen muß."— Correspondenzen. cWpzig, 4. März. Seit der vorjährigen ReichStagSwahl hat hier wohl keine so zahlreich besachte Versammlung getagt, als die am 3. d. in der„Tonhalle" stattgefundene Wählerversammlung; e« kann mit Bestimmtheit angenommen werden, daß gegen 3000 Pe> fönen die wetten Räume genannten Lokale» füllten. Für den günstigen Verlauf der Versammlung kann der Umstand dienen, daß da« hiesige„Tageblatt", welches über die geringfügigsten Dinge oft fpaltenlanze Artikel bringt, diese Versammlung todtgeschwiegen hat, obgleich die sogenannte Jnsulanerriege, eine lustige Gesellschaft von theilwcise sehr fanatisirten ReichSfreundcn, in nicht zu ver- kennender Absicht mittelst einer witzig sein sollenden Annonce zu dieser Versammlung eingeladen hatte. Wäre die Versammlung von nur einigen hundert Personen besucht gewesen, so würde jedenfalls der Bewohnerschaft mit großem Wohlbehagen verkündet worden sein, daß die Sozialdemokratie auch in der guten Seestadt Leipzig im„Rückgang" sei. Die Herren MottelerundLiebknecht hatten eS übernommen, der Wählerschaft Leipzigs über die letzte Reichstagssession Bericht zu erstatten, Hasenklever hatte wegen audcrwetter Thäligkeit in letzter Stunde telegraphisch abgesagt. Die Herren Dr. Stephani und Heine waren zu dieser Versamm- lung brieflich eingeladen, durch den Vorsitzenden Fink wurde jedoch mitgethettt, daß Elfterer auS Gesundheitsrücksichten gegenwärtig in Meran in Tirol weile, mithin der Einladung nicht Folge leisten könne. Herr Dr. Heine war anwesend, fand eS aber trotz mehrmaliger Aufforderung nicht für angemessen, zu sprechen.— Herr Motteler begann fein Referat mit der Bemerkung, daß e« eigentlich dem Vertreter der Stadt Leipzig, gebühre, seineu Wählern persönlich Bericht über seine ReichStagSlhätigkeit zu erstatten, zumal Seitens der nationalliberalen Presse sehr oft hervorgehoben werde, daß Leipzig eine der bestnationalgesinnten deutschen Städte sei, und daß gerade jene Presse den sozialdemokratischen Abgeordneten den Vorwurf„de« ReichetagSsitzungSschwänzens" mache. Der Redner begründete daS öftere Fehlen unsrcr Abgeordneten mit der sehr eigenthümlichen GeschäfiSordnung des Reichstags und der noch eigenthümlicheren Handhabung derselben Seitens de« Hrn. Präsidenten die e« den Sozialisten sehr selten gestatte, daS Wort zur Darlegung ihrer Ansichten zu den verschiedenen Gesetzesvorlagen zu erlangen, an- drerseit« glaubten die sozialdemokratischen Abgeordneten, es ihren Wählern gegenüber verantworten zu können, an der Fabrikation gewisser Gesetze nicht theilgenommen zu haben. Der Redner kci- tistrte uun die verschiedenen in der letzten Session vom Reichstag angenommenen Gesetze, sowie den von Schulze-Delitzsch zum so und soviclteo Mal gestellten Diäteuantrag; das letzte Mal sei derselbe zwar nicht direkt auf Gewährung von Diäten gestellt worden, sondern eS sollte nur der darauf bezügliche Paragraph der ReichSverfassung aufgehoben werden. Schon dieser Umstand charakterisire unsre sogenannten liberalen Parteien, die immer den Mund von freiheitlichem Ausbau der Verfassung voll nähmen, wenn es gälte, dem Volk die Einrichtungen de« neugegründeten deutschen Reiche« plausibel zu machen; sie hätten erst die Verfassung mit zu Dem machen helfen, waS sie sei: ein Bollwerk gegen die Volksfreiheit. Wenn eS ihnen ernst gewesen wäre, hätten sie wie ein Mann gegen den Diätenparagraph der Verfassnng stimmen müssen. Ein Beweis, wie recht die Sozialdemokraten hätten, wenn sie die Einrichtungen deS neuen deutschen Reiches bekämpften, sei der ReichShauShaltplan. Dieser ergäbe für daS Jahr 1874 die Thaisache, daß fast an allen Titeln des Etats eine Mehrausgabe stattgefunden hätte, nur an dem JnvalidenpenstonSfond sei eine Ersparniß von 9,126,000 Mark gemacht worden; zu neuen Ka- fernen, FestungSbauten und sonstigen militärischen Einrichtungen würden viele Millionen verwendet, während bei den Invaliden daS Sparsystem in der Praxi« geübt werde; kurioS erscheine e« auch, daß bei den außerordentlichen Ausgaben für das Reich ein Posten in der Höhe von 20,000 Thlr. für die Bewirthung de« SchahS von Persten bei Gelegenheit feines Besuche« in Berlin figurire; eS könne dem deutschen Volk sehr gleichgültig sein, wer zum Besuch in'S Reich käme, aber nicht gleichgültig, daß e« noch dafür bezahlen müsse; ferner seien 896 Thlr. RcichSkosten bei Verleihung von Orden an die Könige von Siam angesetzt, und weitere 2000 Thlr. al« Beitrag zu den Kosten eines Ballfestes de« deutschen Botschafters in Petersburg, der doch einen Gehalt von 30 000 Thlr. jährlich beziehe. Redner erwähnt noch die fatisam bekannte ReichStagSscene, in Folge der von der Regierung geforderten und vom Abgeordneten Windthorst bekämpften geheimen Fond« in der Höhe von 42.000 Mark, deren Genehmigung dann al« Vertrauensvotum für Bismarck angesehen wurde, dieser Vor- fall kennzeichne die liberalen Parlamentarier als Drehscheibenpariei. Nachdem der Referent in bündiger Weise daS Landsturm- und Bankgesetz besprochen, schließt er mit der Versicherung, daß die sozialistischen Abgeordneten nach wie vor unerschrocken ihren seit zur Richtschnur genommen hätten.— Andauernder Beifall lohnte den Redner für s-ineu zweistündigen Vortrag. Trotz mehrmaligen AuffordernS meldete sich Niemand zum Wort; eS wurde auch nicht der leiftste Versuch Seitens der Herren R-ichSvereiuler gemacht, den AuSführungeu de» Redners entgegen zu treten. Wo waren die Herren Blum und Sparig, die bei jeder Gelegenheit die So- zialdemokratie zu bekämpfen vorgeben? Sie glänzten durch ihre Abwesenheit, obgleich ihnen die beste Gelegenheit geboten war, öffentlich zu dokumentiren, daß sie nicht bloS hinter verschlossenen Thürcn den Sozialdemokraten entgegen treten.— Ja einstüadiger Rede kcitistrte nun Herr Liebknecht da» Laadsturmgesetz, da« weiter nicht« sei, als ein um 10 Jahr verlängerte« Mckttärdienstpflicht- gesetz; bisher habe der Landwehrmann mit Ablauf des 32. Jahre« seiner Dienstpflicht genügt, nun geschehe e» aber erst im 42. Jahre, eS sei die« eine neue Blutsteuer, die dem Volk aufgelegt worden sei, bei einem ausbrechenden Krieg— und seit dem Jahr 1866 sei Deutschland in permanenter Kriegsgefahr— müsse eben die ganze waffengeübtc Mannschaft gewärtig sein, vor den Feind ge- schickt zu werden. Von nationallibcraler Seite werde un« der Vorwurf der Reichsfeindlichkeit gemacht, die Sozialdemokraten feien stolz darauf, Feinde diese« Reiche« genannt zu werdeu, eS sei eben weiter nichts als eine Bastille für jeden freien und edlen Ge- danken, und obendrein nur ein Rumpfreich, nur ein vergrößerte» Preußen. Ohne Deutsch-Oestreich habe daS Reich feinen Anspruch auf den Namen„Deutsche» Reich", e« gleiche diese« Reich einem großen Kriegslager, neue Festungen, neue Kasernen und mehr Soldaten seien da« Merkmal desselben; e« sei da« neue Landsturmgesetz keineswegs mit dem vom Jahr 1313 zu vergleichen, damals habe man in der Roth das Volk zu den Waffen gerufen, um den fremden Eroberer hinauswerfen zu helfen, jetzt wolle man aber den Volkskrieg nicht, der, wenn vorüber, da» Volk selbstbewußter und für die FreihcitSideen beseelt mache, ein waffengeübtes Volk würde auch im Nothfall feine Freiheit und Unabhängigkeit ver- theidigen. Wir erstreben eben ein Volk in Waffen nach schweizer!- schem Muster; man sage zwar, und auch der„große" Stratege Moltke habe e« bei seiner Mllitärgesetzrede im R-ichStag behauptet, daß sich die Milizen nirgends bewährt haben, und daß die französischen Revolutionsarmeen von 1792—95 im Grunde auch nichts getaugt hätten; die Freiwilligen seien erbärmliche Soldaten gewesen. Nun, wenn die Freiwilligen der französischen Revolution so erbärmliche Soldaten gewesen seien, möge er, Redner, Hrn. Moltke fragen, waS feien dann die gedrillten preußischen Soldaten auS der Schule Friedrichs des Großen gewesen, die von diesen erbärmlichen Re- volutionSsoldaten so erbärmlich geklopft wurden? Und welche» Schutz habe daS stolze stehende Hee Preußens 1806 dem Lande gewährt? In einer Schlacht habe Napoleon es zertrümmert. Wer habe wiederum Napoleon in seinem EroberungSzug in Spanien aufgehalten? Nicht die stehende Armee, sondern die Guerilla«, welche für ihr Vaterland kämpfend jede Gelegenheit wahrnahmen, um die Eindringlinge ans dem Land zu jagen; und habe nicht erst in neuerer Zeit Amerika deu Beweis geliefert, daß die Mi- lizen und Freiwilligen mindestens ebensogut in offener Schlacht, und in vieler Beziehung noch viel besser zu verwenden seien, al« gedrillte Soldaten? Unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen habe die amerikanische Regierung den SktavenbefreiungSkrieg begonnen, und unter tausendmal schwierigeren Verhältnissen al« der„heilige" Krieg, sei derselbe glücklich zu Ende ge- führt worden. Und sei nicht gerade der Krieg von 1870—1371 ein klarer Beweis für die eben ausgesprochenen Ansichten? Da« stehende Heer habe sich in Frankreich gerade so schlecht bewährt wie 1306 in Preußen. Metz-Sevan sei nur ein umgekehrte« vergrößertes Jena. Hier wie dort der komplett Bankrout des Systems der stehenden Heere. In drei Schlachten fei die große Napoleonische gut organistrte und gedrillte Armee geschlagen und in die Gefangenschaft geführt worden, allein einer verhältnißmäßig langen Zeit und großer Opfer habe e« bedurft, um die neugeschaffenen, aber für'« Baterland begeisterten Volksarmeen zu schlagen und auseinander zu sprengen. Wenn Herr Moltke militärische Autoritäten für seine gezentheiligen Behauptungen citirt, so könne Redner mit dem AuS- spruch eines anerkannt tüchtigen Militärs dienen. General Ra- detzky erkenne unbedingt an, daß zweckmäßig orgauistrte Milizen die natürlichste und beste militärische Einrichtung bilden, und daß in ihnen die zuverlässigste Stärke eine« Staate« beruhe, ja daß nur damit ein Volk unüberwindlich sei. In einem vom Jahr 1334 herrührenden Aussatz gab er rückhaltSlo« den Grund an, auS welchem da« System der Bolksbewaffaunz in gewisse« Staaten allerdings nicht anwendbar fei. Er sagt:„Da« System einer Nationalbewaffnung hat viel Verlockende« und ist auch dort, wo zwischen dem Beherrscher und dem Beherrschten ein vollkom- mener Einklang besteht, ganz durchführbar. Aber sollte da« Volk einmal schwierig werden, so ist eS um die Regierung ge- schehen, denn sie hat sich selbst die Ruthe gebunden."— Wir Sozialisten streben eben danach, daß Volk und Regierung Ein« werden, wir streben danach, daß zwischen den Völkern Friede und Freiheit herrsche» daß Kriege, wie sie bisher geführt wurden, zur Unmöglichkeit werden, sie sind civilistrter Völker unwürdig; nidft dazu feien die Völker vorhanden, um sick von Zeit zu Zeit wie wilde Bestien zu zerfleischen, sondern in friedlichem Wettkampf auf geistigem Gebiet einander zu ergänzen und zum wahren Men- schenthum zu erheben. Minutenlanger Beifall belohnte den Redner für seine treffenden Ausführungen. Da sich trotz abermaliger Aufforderung kein gegnerischer Redner zum Wort meldete, wurde die Versammlung gefragt, ob sie mit den Ausführungen der Redner einverstanden sei. Ein Wald von Händen erhob sich zum Zeichen der Zustimmung, nur eine mit Glacö bekleidete Hand erhob sich bei der Gegenprobe. Glänzender hätte da« Gefasel liberaler Blätter vom„Rück- gang" der Sozialdemokratie nicht widerlegt werden können al« durch diese Versammlung; mögen sich die Herren ReichSvereinler bei der in einigen Monaten stattfindenden Ersatzwahl zum Reichstag zur Wahlschlacht rüsten, sie werden uns Man» für Mann auf dem Plan finden. H. Weichenvach i. W. Die erwartete Entscheidung der Köaigl. Kreishauptmannschast Zwickau auf deu vom hiesigen Volksverein eingewendeten Rekurs wegen Beanstandung seiner Statuten von Seiten deS hiesigen Stadtraths ist eingegangen und dadurch daS Bestehen deS BolkSvereinS vorläufig gesichert.— Die allenthalben eingetretene GejchäftSstockung macht sich auch hier fühlbar und äußert sich zuvörderst bei den Webern durch vielseitige Berzögerun- gen im GeschästSbetrieb und theilweife Entlassungen derselben» da Arbeitslose, namentlich aus benachbarten Orten, bei hiesigen Fir- men stark nach Arbeit fragen und größtentheil« abgewiesen werden müssen. Selbstverständlich wirkt die« auch auf den Fabrikbetrieb, speziell aus die Färberei- und Appreturarbeiter. Letztere hatten da» „Vergnügen", bei flottem Geschäftsganze außer der täglichen Ar- beitSzeit von früh 6 bis AbcndS 7 Uhr noch 3—4 Ueberstunden herigen Standpunkt wahren würden und in ihrer parlamentarischen! Thäligkeit sich die Worte„Wer nicht für uns ist, ist wider unS" zu arbeiten und dadurch daS zum Leben Nöthigste zu verdienen, während sie jetzt bei Verlust der Ueberstuvden'mit einem Tagclohn von 120—180 Pf. nicht im Stande sind auszukommen und Em- fchräukungen jeglicher Art sich auferlegen miisien. Statt 6 wurden 8— 9 Aibeitstage ausgezahlt, wie aber Kö-per und Geist dabei abgerackert wurden, sahen nur die Wenigsten ein, ebenso, daß ihnen mit der Zeit derselbe Lohn von 6—7 Uhr bei Verweigerung der Ueberstunden hätte werden miisien, da die Arbeiter gebraucht wurden. Wie hart dann noch Fabrikeinrichtungen, die bei ge- ringen Fehlern große Strafen verhängen, die Arbeiter treffen, möge ein Beispiel auS dem Etabl�siement Georg Schieber, welches gegen 500 Arbeiter beschäftigt, zeigen. Seit einigen Jahren be- steht daselbst die kasernenmäßige Einrichtung, daß die Arbeiter für die Nacht mit Zeichen versehen werden, welche am Morgen in einem Kasten abzugeben sind. Höchstens 5 Minuten nach 6 Uhr wird der Kasten geschlosien und wesien Zeichen noch nicht darinnen ist, der verfällt in Strafe, welche früher im Verlust einer A-bcitSstunde bestand und seit November vorigen Jahres auf zwei Stunden er- höht wurde. Ein eminent hohes Strafmaß im Verhältniß zu dem begangenen Fehler, welcher selbst ordnungsliebenden Arbeitern leicht pasflren kann, schon mit Rücksicht auf den oft unregelmäßigen Gang der Thurmuhren. Daß diese Maßregel aber nicht geeignet fein kann, d e Ordnungsliebe und Moralität der Arbeiter zu för- dern, liegt auf der Hand, denn solche Arbeiter, welche mitunter einen Brerteltag versäumen, find besser daran, als die S Minuten zu spät gekommenen, da Letztere neben dem fast gleichen Abzüge von zwei Stunden noch als Bestrafte erscheinen; und deshalb lst es zu verzeihen, wenn solche Arbeiter unterwegs sich entschlossen, lieber einen Viertcltag zu versäumen, als sich bestrafen zu lassen, und leider diese Zeit in SchnapSlädcn verbrachten. Wohl werden diese Straferträgt der Krankenkasse zugeführt und verrechnet.(Im vorigen Jahre II Thaler 1ö Groschen.) Allein dies ändert nichts an der harten Maßregel, zumal es nach ftüherem Brauch— Bestrafung einer Stunde— sehr gut weiter gegangen wäre, ohne wie jetzt die Arbeiter so stark zu verletzen, oder den Ruin des Etablissements herbeizuführen, welches die vorigen Jahre einen Gewinn von ungefähr S0,000 Thlrn. und darüber erzielte, neben bedeutender Geschäftserweiterung. Gegen solche Maßregeln kann aber, wie dieS iu der Arbeite, presse stets betont wurde, nur die Bereinigung fämmtlicher Arbeiter der Fabrik auskommen, und da- mit sieht e« leider in dem Schleber'fchen Etablissement traurig aus. Das Arbeitspersonal, aus allen Altersklassen beiderlei Ge- schlecht« bestehend, vermag dort schwerer als an anderen Plätzen sich geistig aufzuraffen, wozu der Umstand beiträgt, daß etwas Besähigte zu Aufseherpöstchen verwendet und dadurch mundtodt gemacht werden; andere wieder sitzen derart im Familicnelend, daß sie nicht« thun können. Somit ist an Einmüthigkeit im Vorgehen gegen obenbezeichnete Maßnahmen nicht zu denken, ja selbst ein ganz harmlose« Borgehen würde im Sande verlaufen. Als z. B. vor einigen Jahren bei einer mäßigen Lohnerhöhung der HauS- mann genannter Fabrik sich tadelnd über die Arbeiter aussprach, wurde beschlossen, denselben in den hiesigen Lokalblättern gebührend abzufertigen und zu diesem Zwecke Geld gesammelt; der Arbeit geber bekam hiervon Wind, nahm da« Geld weg, entließ den In hab�r der Casse, und hat man bi« heute noch nicht erfahren können, ob da« Geld der Krankenkasse verrechnet ward oder nicht. Nun, fortgesetzte Bedrückungen werden die Arbeiter schon noch zur Besinnung bringen. Metzschka«, 12. März.(Bürgermeisterliche Logik.) Iu der am 7. d. M. hier abgehaltenen Volksversammlung referirte Parteigenosse Wremer über:„Die heutige GeschäfiSstockung und die Thätigkeit de« deutschen Reichstage«-. Als Redner im zweiten Theile seine« Vortrages auf den Antrag unserer Genossen auf Freilassung unserer inhaftirten ReichStagSabgeordneten kam, ver langte der Bürgermeister vom Vorsitzenden, er solle Wicmer zur Tagesordnung rufen, da» gehöre nicht hierher. Selbstverständlich entsprach weder der Vorsitzende noch Wwmer dem Verlangen de« Bürgermeisters. Als die Most'sche Petition und die sich daran knüpfenden Verhandlungen zur Sprache gebracht wurden, gehörte da« wieder nicht zur TageSordnuug, und als Wicmer auf seinem Richte bestand, wurde der Vorsitzende aufgefordert, die Versamm' lung zu schließen. Auch dieser Forderung wurde nicht entsprochen, und so srvg Wiemer den Bürgermeister, mit welchem Rechte er behaupten könne, daß er(Redner) uicht zur TageSorduung spreche Die Antwort lautete: die Most'sche Petition sei keine ReichSange- legenheit, sondern eine Privatsache. Schallende« Gelächter und laute Zurufe waren die Antwort der Versammlung, und Wiemer führte die Most'sche„Privatsache- und die„ReichSangelegenheiten- dann ungehindert zu Ende. Fr. B zserli«. Zum 4. März hatte ich eine Versammlung der hiesigen Bäckergesellen einberufen. Tagesordnung war das Thema „WaS haben wir zunächst zu erstreben?- Folgende Resolution wurde von der 800 Mann starken Versammlung einstimmig ange nommen. Die Versammlung erklärt:„cS ist dringend geboten, die Kost und Wohnung der Gesellen bei dem Meister so bald wie möglich abzuschaffen, indem dieselben menschenunwürdig sind; 2) um die« zu erreichen, ist eS Pflicht fämmtlicher Gesellen, dem deutschen Bäckerverein beizutreten. ES traten wieder S0 Mann dem Verein bei, so daß derselbe jetzt 600 Mitglicder hier zählt. Mit sozialdemokratischem Gruß Ernst Pfeiffer, Barnimstraße 23. Apotda. Vor Kurzem tagte hier im Saale des.Gasthofe« „Zum Löwen- eine Volksversammlung, wie wir sie hier seit längerer Zeit nicht erlebt haben; über 600 Mann füllten den Saal und die daran stoßenden Zimmer und sehr Viele mußten wieder um- kehren, da kein Platz mehr zu bekommen war. Ueber Punkt 1 der Tagesordnung:„der deutsche Reichstag und feine Bedeutung für da« Volk- sprach unser Parteisekretär Auer au» Hamburg. Der- selbe schilderte in 2-stündigem ausgezeichnetem Vortrag die verfchie- denen Parteien in demselben und geißelte vor allen die„liberale Partei- mit scharfen und treffenden Worten; er zeigte den An- wesenden, mit welch erbärmlichen Mitteln diese Partei unS bekämpfe, wie man selbst im Reichstage unsere Abgeordneten durch Schluß- anträge systematisch mundtodt mache u. s. w. Ueber den Punkt 2 „die Presse uvd die öffentliche Meinung- referirte W. Ufert aus Weimar zur Zufriedenheit der Versammlung. Die ganze Ver sammlung verlief in würdiger Weise und zeigte aus'« Neue, daß die große Mehrzahl der hiesigen Arbeiter sich im Herzen zu unserer Partei bekannte. Obgleich wir zu dieser Versammlung im hiesigen Localblatt die Mitglieder de»„ReickSvereinS- besonder« eingeladen und ihnen volle Redefreiheit zugesichert halten, so besaß doch keiner der Herren den Muth, uns da, wo die Waffen für beide Theile gleich find, entgegenzutreten! Freilich in öffentlicher Versammlung tind diese Leute zu feig, dort können fie ja nicht mehr schimpfen, lügen und verdrehen, der gesunde Sinn des Volke« würde ja sofort ihr erbärmliche« Treiben durchschauen!— Ihr Urtheil haben sich die„Herren- an dem Versammlungstage selbst gesprochen, sie feierten ihren Carneval und hatten im hiesigen„Tageblatt- mit riesigen Lettern eine„große Narreuversammlung- ausgeschrieben. Armes Reich, wieweit ist'S schon gekommen, wenn sich die Intelligenz! trefflichen Eigenschaften kennen'zu lernen/ Ein achter Sohn der Ar deiner Freunde hinter der Narrenkappe verbergen muß!— Doch halt, da empfange ich eben eine Nummer der„Weimarer Zeitung-, redigirt von dem ReichStagSabgeordneten für unseren Wahlkreis, Hofrath Paul von PojanowSky, in welcher einer dieser„Reichs- vereinler- über die Volksversammlung berichtet; er sagt:„Der Andrang zu dieser Versammlung schien unS, im Verhältniß zu dergl. früher abgehaltenen, nicht so bedeutend zu sein, zudem be- stand daS anwesende Publikum, soweit wir eS zu beurtheilen ver- mochten, zum großen Theil aus Neugierigen und jungen Leuten, während der Rest von den Anhängern der Sozialdemokratie selbst gebildet wurde, die wie allgemein bekannt, hier nicht nach Hunderten zählen u. s. w.« Nun, Apoldaer, wa« verdient wohl der Mensch, welcher in solch ächt jesuitischer Weise die Wahrheit verdreht? Also die An- Hänger der Sozialdemokratie zählen hier nicht nach Hunderten? WaS mag wohl der Reichstagsabgeordnete von PojanowSky gedacht haben, als er diesen Bericht durchlas und ihm dabei die 700 sozialdemokratischen Stimmen von Apolda gegen seine 300 bei der letzten Wahl in's Gedächtniß kamen? Dachte er wohl auch wie Bismarck:„Ehrliche Leute schreiben nicht für mich!- Zum Schluß noch Ein«, Herr von PojanowSky: Sie erdreisten sich die Anmerkung zu machen, unsere Behauptung, den Abgeord- neteu der sozialdemokratischen Partei im Reichstag werde von den Liberalen systematisch da« Wort entzogen, sei erne durchweg un- begründete und wahrheitswidrige, daS ist freilich leichter be- stritten als widerlgt, daS kann nur der Schreiber der„Weimarer Zeitung- fertig bringen!— Euch aber, Arbeiter Apolda»» rufen wir zu:„Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet zu unser Fahne steht zu Haus'!- Nicht bloS Eure Sympathien allem können helfen, tretet unserer Organi- sation bei, werdet Mitglieder der Arbeiterpartei, und bald genug wollen wir dem Treiben der Lohnschreiber der Bourgeoisie ein Ende machen!» C. F. L. ßovurg. Zu dem Bericht in Nr. 26 de«„VolkSstaat-, über den Vorfall in der hiesigen Caserne, ist noch mitzut eilen, daß der Rekrut Bauer schon einmal daS Bein gebrochen hatte, ehe er zum Militär kam, wovon da« Bein krumm geblieben war. Diese«, glaubte man, würde sich beim Exereiren bessern, jedoch da« Exer- ciren konnte den Menschen nicht heilen, sondern nur nachtherlig und schädlich auf ihn wirken, so daß er beim Exereiren uicht mit vorwärts kommen konnte. DaS nahm man als Verstellung an und der Mann wurde geplagt ganz so, wie eS in Nr. 26 de« „VolkSstaat- mitgetheilt ist. Der Unteroffizier John soll sonst ein guter und nicht zu strenger CorporalschaftSführer sein, und man vcrmuthet, daß er auf höheren Befehl den arme» Rekrut gewiß- handelt hat. Wie eS aber in allen derartigen Fällen ist, die That- fachen sollen nicht an die Öffentlichkeit kommen; aber umsonst, denn wir haben eS schon am 2. und 3. Tag nach der That er- fahren. Der Unglückliche sollte angeben, eS sei ihm da« Bein nicht mit Gewalt, sondern im Dienst gebrochen, und warum? Um Unter- suchunz und Bestrafung zu verhüten und die Wahrheit zu unter- drücken. Kamvurg. Preußen ist ein„Rechtsstaat- und ein Staat der „Humanität-, wer bisher daran noch zweefeln konnte, der lese nachstehenden Bericht, und er wird mir Recht geben. Unterzeich- neter wurde am 29. Januar in EimS in einer öffentlichen Volks- Versammlung unter dem Borwande,„ausreizende Reden gehalten zu haben-, verhaftet(ob hierzu Veranlassung war, wird sich in der am 17. d. M. stattfindenden Gerichtsverhandlung ergeben) und die betreffende Versammlung ausgelöst! Der Polizei-Sergeant Weiße au« Altona, der meine Verhaftung veranlaßte, sagte wört- lich zu den Anwesenden:„Wenn ich sage, die Versammlung ist aufgelöst, so hat ein Jeder die Nase nach der Thür zu kehren und machen, daß er fortkommt!" Daß die Leute aber nicht gleich den Geistern verschwinden oder sich unsichtbar machen können, darüber brauche ich ja wohl weiter kein Wort zu verlieren. Nachdem nun der Saal geräumt war, sollte ich gebunden werden; ich erklärte, ich wüi de auch ungebunden zur Polizei folgen. Hierauf fuhr dieser Weiße seine Untergebenen sehr barsch mit den Worten an:„WaS ich hier kommandire, dem haben Sie Folge zu leisten!-— Ich reichte hierauf beide Hände hin:„Eine ist genug-, hieß eS,„machen Sie aber, daß wir fortkommen-. Als wir über die HauSflar gingen, machte Weiße die Thür der Gaststube auf— und siehe da, eS kamen noch einige Diener der Gerechtigkeit» und so wurde ich wohl bewacht zur Polizei gebracht. Hier angelangt, wurde ich in einen Keller geführt; hier hieß man mich meine Sachen ablegen, -und nachdem dieS geschehen war, wurde ich untersucht und darauf in eine Zelle geschoben, wo schon Alle« schlief. Ich hatte weder Decke noch Strohsack. Als nun der Morgen graute»sd ich eine schlaflose Nacht verbracht hatte, wurde ich erst gewahr, wer meine Gesellschafter waren. Man denke sich mein Erstaunen, ich war unter Dieben und verkommenen Menschen, und wa« die Atmosphäre in dieser Zelle anbelangt, so würde ich, falls mir die Wahl ge- lassen würde, lieber unter den Hamburger Brücken kampiren als in dieser Zelle. Als ich mich de« Morgen« hierüber beschwerte, erhielt ick zur Antwort, man habe, fall« ich nicht ruhig wäre, noch andere Zellen für mich. Bei meinem Verhör führte ich wieder Beschwerde, auch beauspruchte ich da» SelbstbeköstigungSrecht, welche« mir denn schließlich auch gewährt wurde, und so erhielt ich denn für meine Rechnung deS Morgen« eine Tasse Kaffee uud ein Franz- brod, deS Mittags ein sogenanntes Hamburger Butterbrod, das- selbe auch deS Abend«. Die„eiserne Jungfran- und der„spanische Stiefel- sind abgeschafft, dazu ist unser Zeitalter zu human, aber man hat eine andere Folter— und die« ist der Hunger, der die Gefangenen quält. Met diesem Peiniger habe ich mich(abgesehen von dem Ungeziefer, welches ich in der StaatSwohnung bekommen hatte) vier Tage herumplagen müssen. Am 2. Februar wurde ich nach dem königl. Justizgebäude abgeführt. Nach einer gründlichen Reinigung, die ich an mir vornehmen konnte, mußte ich die Ge- fangenenkleidung anziehen. Neben vielen anderen Formalitäten, denen ich mich wie ein Gefangener unterwerfen mußte, wurde mir auch aufgetragen, täglich ein Kilo Werg zu zupfen. Auf meine Vor- stellung, daß ich mich doch nur in Untersuchung befände und über- die« eine Bestrafung gar nicht erfolgen könne, weil ich uicht« ver- brachen habe, erhielt ich zur Antwort:„hier muß ein Jeder arbeiten". Hieraus machte ich dem Beamten die Vorstellung, ob ich nicht in meinem Geschäft thätig sein könnte, die» wurde mir aber verweigert, ich mußte also wohl oder übel Werg zupfen. Soviel für heute, da» Schönste aber kommt noch. Nun sage mir noch Einer, Preußen sei kein Staat der Civilisation. L. Henke. beit hat er seiner Klasse gedient, wie kaum ein Anderer, und tu richtiger Elkenutoiß der Sachlage wirkte er auf ökonomischem wie auf politischem Gebiete für die Emancipation der Arbeit. Seine Leistungen auf gewerkschaftlichem Gebiete ganz besonders gehöre» der Geschichte des Proletariats an. Die Glanzseite seiner Thätig- keit aber war seine ernste, treue Pflichterfüllung. Möge sie Nach- ahmung finden uuter seinen übeilebenden Parteigenossen, mögen Tausende von Dorck'S erstehen an Stelle unsere» geschiedenen Wackeren und der Tag der Erlösung wird näher rücken, vielleicht schon uns daS Morgenroth desselben erscheinen. Im Auftrag deS GeneralrathS: C. Speyer, General- Sekretär. Zur Reichstagsersatzwahl in Leipzig. Auf Anordnung des Rothes werden in den näch- sten 8 Tagen die Wählerlisten ein jeder Wähler dafür, daß Liste, die bei jedem Hauswirth getragen wird. angefertigt. Sorge sein Name in diese zu haben ist, einge- de« B-iefkafteo der Redaktion: Wiemer: Geben Sie Ihre Adresse der Redaktion „B." und dem Vertrauensmann in Scollberg bekannt. der Expedition: Jh. Schwlch Wien: Wir bitten um Angabe de» Na- mens und der Zeit, von wem und wann da» Adonn. bestellt worde» sein soll. Quittung der Expedition: Vom Wahlver. Hannover Ann. 100. Mtrn Brooklyn Schr. 15.40. L. Hnsch Reutl. Schr.5.00. Wllbsn London Schr. 16.32. Bck Berlin Schr. 9.00. Thrsldr Thalbeim Schr. 0.40 Much Zittau Schr. 42 32. A. Trim Berlin Schr. 45 00. M.«ischw. Schr. 5.00. Btz Hamb. Schr. 22. Wbr hier Ab. 0.55. M«kt Darmst. Schr. 1.05. Trgr Dresden Schr. 2.00. Rhrwssr Freeburg Ab. 2.50. Zr Bielefeld 2.50. Grndmnn Großenhain Schr. 4 65. Holzarb.-Gew. Hamb. Ann. 0.50. Schdt Hanau Schr. 14 30. Grllbger Nürnb. Schr. 60.00.«rb. Ber. Markrstdt Aon. 2.00, Druck 3 00._ Fond f. pol.«emaßregelte. Vom Arbeiterverein Gr.-Zschocher Sammlung bei einem Arbeiterseft 4.20. Diverse Hutstenern 5.02. vom Aaicacion»- Eomitö d. Th. hier 24.00. E. M. Zittau 5.68. Arb.-Ver. Markstdt. 3.00.__ Für die Hinterbliebene» Dorck'». Bon Wtt hier aus Liste 4: 4.85. Berlin Anzeigen ze. Donnerstag, den 18. Mär,, Abend» halb 9 Uhr: chroße Hedenkfeier in Ftebig'S Salon, Gr. Frantfurterstr. 27,23. Prolog. Gesangsvorträge. Deklamation. Massen- Gesang. Herren und Damen werden bei freiem Zutritt um zahlreiche Be- theiligung gebeten.__ Da« Eomitö.[60] ftnutfnirrt Gewerkschaft der Holzarbeiter. �NUliiNlg Mittwoch, den 17. Mär,, Abend» halb 9 Uhr: Versammlung bei Hrn. Eckhardt, im Schoppenstehl 22. Tagesordnung: Vortrag von LütkenS über die Scellnng der Gewerkschaften zum politischen Berein.____ Der Bev.[60] ifciHlilt Donnerstag, den 18. März, Abend» halb 9 Uhr: Versammlung der Sozialdemokraten Leipzigs und der Umgegend m Jaeobi'schen Lokal(Laak), Rosenthalgasse. Tagesordnung: Programm und Organisation der deutschen Arbeiterpartei. Res S. Liebknecht. Der Zutritt ist Jedem gestattet. Der Einberufer. s80s Gewerkschaft der Holzarbeiter. Sonnabend, den 20. März: Versammlung Windmühlen« straße Nr. 7. Bortraa über Genossenschaftswesen von Ramm. Ausnahme neuer Mitglieder. D. B. NB. Mittwoch, den 17.: AuSschußsitzung. Pünktliche« Eescheinen nwauet_ D. O.[60] Expedition de»„B-lkSstaat- Soeben Leipzig, ist erschiene» Zeitzerftr. 44, und durch die zu beziehen: New �ork. Der Generalrath der Internationalen Arbeiter- assozeatlon spricht den deutschen Arbeitern im Namen der ameri- kanischen Parteigenossen sowohl, wie in seinem eignen die herzlichste Theilnahme au« an dem schweren Verluste, welchen sie durch den Tod Th. Vorck's erlitten. Ohne persönlich mit ihm in Berührung gekommen zu sein, haben wir doch Gelegenheit gehabt, seine vor- Die indltstrielle Arbeiterfrage und die Forderung eines Neue» Arbeitsrechts. Bortrag, gehalten auf der Volksversammlung des CongresseS der sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu Coburg am 19. Juli 1374 von Th. Dorck. Preis pro Exemplar 25 Pf. Segen Einsendung de« Betrage» sür die bestellten Exemplare erfolgt die Zusendung ftanco. Der Ertrag ist zum Besten der Hinterbliebenen gorck'« bestimmt. tlolksssaatkaleuder für Iü?5.� Derselbe enthält außer dem bekannten Kalendarinm(dem diesmal auch der katholische Kalender beigefügt ist), ein Verzeichniß der Messen und Märkte Deutschland». Literarischer Jnoalt: Die Hanauer Tarier im tadisch-rheiapsalzischr» Ausstände 1849, nach den Papieren ihre» Eorpsadjntauten, de« verstorbenen Albert Dammerow. Von dem noch lebenden Sigismund Borkheim, Batteriechef in der badisch-rheinpfälzischen Rebellenarmee; Rothe Oster», historische» Gemälde au« dem Bauernkrieg, von Robert Schwetchel. W» liegt die Rettang? Au» dem Tagebuch eine» Sozialisten, von Ott» Walster. Zar Grund und Lodeufrage. Verschiedene». Prei» 36 Pf. gegen baar. Bestellungen hierauf an die Buchhandlung de«„Volk«staat- zu adresfiren. Soeben ist erschienen und durch nn» zu beziehen die sechste Liefernng von pH. Lecker: Stunden der Andacht Prei» der Lieferung 20 Pf. Feraer kaan durch nn» bezogen werden: ÄCilt und Hifen Die Entstehung de« Kriege« von 1866 nach den Enthüllungen Lamarmora« von Bil|. Vlo». Prei» pro Exemplar 50 Pfennige. Die vachhaadluag de«„VolkSstaat." Berantwortlichcr Redakteur: R. Seiffert. Redaktion Hohestraß« 4, Expedition Zettzerstraße 44, m Leipzig. Druck and Verlag der Geuoffeaschasttbuchdruckertt w Leipzig.