Erschein! in Mittwoch, Freitag, Sonntag. Bestellungen nehmen an alle Pvstansralten u. Buchkiand- lungen des In-».Auslandes. Filial-Erpeditionen für die Vereinigten Staaten: F. A. Sorge, Box 101 Hoboken, N. J. Peter Haß, 8, W. Corner Third and ooates str. Philadelphia. Alwintementspreis für ganz Deutschland l M.v0.Pl. pro Quartal. Monats- AbounementS werden bei allen deutschen Postanstalten aus den Slen u. Äen Monat und auf den 3ten Monat besonders an genommen; im Kgr. Sachsen u. Hrzgth. Sachs.-Altenbur> auch auf den Ileu Monat des Quartals a 51Ps. OrgandersozialdemokrattschenArveiterjiarteiMdderinternationalenGetveMgcnoffenschasten. z»serate, dt«>th«ldwg ran Partei-,«erew«- und Dolksversammlunzen, sowie die Filial-«xpedittoue» und sonstig« Partei-Augelegeuhetteu betreffend, werden mit 10 Pf.,— Privat- und Vergnügung«- Anzeigen mit 25 Pf. die dreigespaltm« Petit-Zell» berechnet. Xr. 52. Kreitag, 7. Wai. 1875. Natioualökonomit. ill. Die Bertheilnng de« Arbeitserträge«. (Schluß.) Wie groß diese Verkürzung de» AntheilS der ehrlichen Arbeit am Arbeitsertrage ist, vermögen wir für unsere deutschen Vcr- hältniffe au« Mangel umfasseuder statistischer Nachrichten nicht zu berechnen; e« läßt sich jedoch annehmen, daß unsere Zustände in dieser Hinficht denen England« nur um Wenige« nachstehen. Ucber England« Verhältnisse giebt un« nun ein Wert de« dortigen Na- tioualökonomen und Statistiker« Dudley Baxter genaue Auskunft. (Wir citiren uach Dr. Dühring: Cursu« der National- und Sozialökonomie.) Bon den 800 Millionen Pfand Sterling, welche da« Gesammt- einkomwen der englischen Nation bilden, entfallen auf den Ar- beitcrstand 300 Millionen Pfnnd, und SOO Millionen bezieht die übrige Gesellschaft. Der Antheil der Arbeit beträgt also nur'/« de« Nationaleinkommen«, d. h. der Summe aller Bodenrente, Kapitalzewinne, Zin«einkünstc, Gehälter und Löhne. Die übrigen % vertreten hauptsächlich die Befltzrente und wa« ihr ähnlich ist. Wenn hier ein Irrthum möglich, so kann er da« Verhältuiß nur noch ungünstiger gestalten, da die höheren Einkommen leicht unter- schätzt werden können, die Löhne dagegen nach Quellen veranschlagt find, bei deuen eher eine Uebcrschätzung vorausgesetzt werden kann. Ihr volle« Gewicht erhalten diese Zahlen aber erst, wenn man fie mit der Kopfzahl der zugehörigen Bevölkerung vergleicht. Mit dem kleineren Antheil»on»/« müssen sich 23 Millionen Menschen begnügen, während der größere Antheil von»/z von 7 Millionen Menschen bezogen wird. Der Arbeiterstand beträgt also seiner Anzahl nach mehr als*/« der gesammteu Bevölkerung, und die übrigen Classen belaufen sich mit ihrer Kopfzahl noch nicht ganz auf V.. Käme e» also auf da« persönliche Element an, so wäre der Arbeiterstand den nicht arbeitenden GescllschaftSelementen drei- fach überlegen. Bei einer nach der Kopfzahl vorgenommenen Verlheiluog würde der Arbeiterstand'/«, also gerade doppelt so viel Antheil am Gcsammteinkommen haben, al« heute. Die Löhne und Gehalte aller Arbeiter sind aber unter sich noch so sehr verschieden, daß Einzelne verhältnißmäßig schon sehr reichlich bezahlt werden, andere ein eben auskömmliche« Einkom- men beziehen und nur die große Masse in ganz bedrängter Lage fich befindet. Da nun die beiden ersten Gruppen eine Verdoppe- lung de« Einkommen« nicht beanspruchen können, würde durch einen Ausgleich da« Einkommen der schlechtestgestelltcn Arbeit« nicht blo« verdoppelt, sondern sogar verdreifacht werden können, selbst wenn der arbeitslose Erwerb noch den vierten Theil de« Ge- sammteinkommen« für sich behalte» dürfte. Man sieht au« diesen Angaben ziffermäßig, wie sehr durch die heutigen Gesellschaft«-, Produktion«, und Eigenthumsverhältnisse dem materiellen und damit natürlich auch dem geistigen Aufschwung der Arbeit« entgegengearbeitet wird; jede ehrliche Prüfung dieser Zustände muß zu der Uederzeuguug führen, daß dieselben im höchsten Maße ungerecht und daher auf die Dauer unhaltbar sind. Nebenbei widerlegen die statistisch unanfechtbaren Zahlen Baxter'« die vielfach verbreitete und meist in gutem Glauben an genommene Meinung, daß ein Ausgleich de« Einkommen« den ärmeren Classen um deswillen keinen Bortheil zu bringen v« möchte,«eil die Zahl der reichen Leute und der Gefammtbetrag ihre« Einkommen« relativ viel zu gering fei, um durch Verth« theilung unt« die Millionen von armen Leuten für den Ein- zelueu eine irgendwie nenneolwerthe Verbesserung h«beizusühre» Wenn nun schon ei» einfacher Ausgleich de« Einkommen« unter den Classen d« Arbeit« und Capitalisten eine Bndoppelaog de« bisherigen Einkommen« d« Arbeit« hnbeiführen müßte, so würden die hinan« entstehenden indirekten Folgen noch eine bedeutende Erhöhung de» Wohlstände« der Albeiter verursachen. Da« Einkommen der Capitalisten würde, wenn wir die Bax ter'schen Zahlen festhalte», von'/, auf'/« de« Gesammteinkommen« «mäßigt, also'/* diese« Betrage« würden dem Arbeiterstaude zu Gute kommen, dem Capitalistenstande entzogen. Damit wäre dem Letzteren die Möglichkeit genommen, eine Anzahl von Arbeitern zu persönliche» Dienstleistungen und zur LuxuSsabrikati"« zu v«- wende»; dieselbe Geldsumme aber, welche heute znr Bezahlung de« Luxu« und d« Dienstboten aufgewendet wird, würde dann von de» Arbeiter» zum Ankauf von bessereu Lebensmitteln, Klei- der», Woh»un§ und dergleichen verwendet; durch die vermehrte Nachfrage nach diesen Eo»sum«rtikel» würde die Produktion derselben durch Beschäftigung all« Dienstboten und LoxnSarbeiter vermehrt und e« somit«möglicht werden, die auf den Einzelne« fallende Portion zu vergrößern! Diese Zustände, die wir für Sogland ziffermäßig nachzuweisen v«möge», finde» sich, mehr oder minder stark ausgebildet überall, wo die modernen Recht«- Eigenthum«, und Produktion«vnhältniffe in Gelting stehen; Abhülfe kann also nur durch Abänderung dieser Bnhältnisse herbeigeführt»«den. Die Gegner de« Sozialismus, vor allen die Spar- und Har- monieapofiel wollen dem nicht abzuleugnenden Mißstande dadurch abhelfe», daß fie die Arbeiter zum Sparen ermuntern; dieselben möchten also au« den Arbeitern kleine Capitalisten mache». So vernünftig und ewpfthlen«w«th e«»un auch für die Privatwirth- schast de« Einzelnen ist, sich durch Sparen einen Rothgroschen zu- rückzulegeu, so wenig vermag ein allgemeine« Sparen der Arbeiter die Gesammtlage derselben al« Clafle zu verbessern. Angenommen, die Redensarten de« Herrn Iuliu« Schulze, der jedem Arbeiter ein hübsche« Häuschen mit Gärtchen und netter Einrichtung, dazu noch einen erklecklichen Nothgrofchcu al» Re sultat seine« Spa«ezepteS verspricht, würden wirklich einmal zur Wahrheit;— woran natürlich Niemand glaubt, selbst Iuliu« Schulze nicht;— wäre denn in der Classenlage dadurch irgend etwa« gebessert? Die Arbeiter nehmen zwar im Kleinen Theil an der durch den Kapitalgewinu an dem Arbeitserträge der ehrlichen Arbeit vollzogenen Theilung; je größer aber dieser Capitalgewinn im Verhältniß zum GesammtarbeitSlohn ist, desto geringer wird ja, wie wir bewiesen haben, der Antheil der Arbeit« am Arbeit»«- trag. Wenn wirklich alle Arbeiter unter den heutigen Verhält- nisseu durch Sparen zn kleineu Capitalisten werde», so wird ihnen, al« Classe, da», wa« sie an Zinsen gewinnen, am Lohn wieder abgezogen; fteilich nicht immer am direkten Geldlohn, aber immer an dem, ihnen auf Grund de« Arbeitsrecht« zustehenden Antheil am Gesammtarbeitsertrag. Gründliche Abhülfe kann also nicht durch die Rezepte der Spar- und Harmonieapostel, sondern nur durch den Sozialismus geschafft werden, welcher nicht, wie die Gegner dummer und vcr- logen« Weise behaupten, eine allgemeine Theilung herbeiführen, sondern der heute auf Grund de« Kapitalzewian« bestehenden un gerechten Theiluug ein Ende macheu will. Den Utber die Schaubühae«nd ihre Zukvust. (Fortsetzung.) Der Flothandrang d« Revolution blieb nicht ohne Ebbe. gefährlichen Ruf der Völker nach Wohlfahrt und Freiheit hatte man mit KriegSgcheul und im Donner der Kanonen glücklich zu übertäuben gewußt, und ttiumphirend konnte nun den in jähr- zehntelangem uucrhörtcm Morden erschöpften Völkern die Reaktion den Fuß auf den Nacken setze». Die besser« Ideen der Menschheit waren wieder einmal in Meeren Blute« glücklich«säuft worden. Nun galt e«, die Bevölk«ungen nach den verderblichen Aufregungen der letzten Jahrzehnte zu»quieScire»"*) und ein riesiger Polizei- und Spiouirapparat war bestimmt, jede freiere Regung zu überwachen und im Keim zu ersticken. Daß da kein Raum blieb für eine freie Entwicklung de« Schauspiel«, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Da war denn die rechte Zeit gekommen für die Kotzebue, Jffland, Schröder:c., bei deren unsäglich hohlen, sich in den kleinlichsten, engbürgerlichsten Verhältnissen und Anschauungen bewegenden, für alle größeru Interessen völlig stumpfen„Rührstücken" der ehrsame Gewürzkrämer mit Frau und Töchtern Bäche von Thräneu vergießen durfte, bei deren mehr al« harmlosen, den engen Rahmen de« Familienklatsche« und der LiebeS-Jutriguc sorgfältig innehaltenden Lustspielen er fich nach Belieben amüfiren durste. Auf diesem Boden«wuchs denu auch die berüchtigte„SchicksalStragödie", so ganz entsprechend einer apathisch gewordenen Zeit, die e« ja auch für da«„Schicksal" der Völker ansah, von ihren Könige« nach Willkür in Krieg« gehetzt und dann belogen, betrogen und malträtirt zu werden, so ganz entsprechend der Zeit der Wiederaufwärmnng einer krankhaste« Romantik und eine« fanatischen MysticiSmu», der Zeit der Geister seherei und der religiösen Verzückungen, der Zeit der Vernunft- verminenden, in Wahrheit nicht« al« die»orrnptc Gesinnung ihrer Erfinder„beweisenden" Phrasengebäude der Schilling und Hegel, der Zeit der frömmelnden Deutschthümelei und-Lümmelei, der Zeit der heiligen Allianz, der Zeit der Demagogenhitzen und De- nunziationen, d« Zeit der Blut- und Schandthaten de« Mucker thum«, und wie all da« lichtscheue Nachtgevögel de« Wahn«, de« verbrechen« und der Niedertracht sonst noch heißen mag, da«, iu seine» Höhlen verborgen, so lange e« tagt, au« diesen hervorgestürzt kommt, sobald die Reaktion ihr freundlich schützende« Dunkel ver- breitet.— Diese ganze Epoche de» Schauspiel« läßt sich vielleicht nicht treffend« charakterisiren, al« indem man darauf hinweist, daß der bedeutendste Repräsentant d« Tragödie ein Metternich'scher Beamter, der bedeutendste Repräsentant de« Lustspiel» ein russischer Spion war. Eine Erkeuntniß, da« sei au dieser Stelle bemerkt, ist e« denn auch, die un» au« der gesammteu Geschichte de« Schauspiel« klar und unverkennbar entgegeuleuchtet: Wie alle« Gute und Edle, so gedeiht auch die herrliche Blume dramattsch« Dichtung nur unter'« warmen FrühlingShauch der Freiheit und im offenen Garten de« Volke«, während fie unter de« EjseSwehen der Reattion oder im Pesthauch der Höfe verkümmert und verdorrt.„Dean dort", um mit dem edle» Schiller zu sprechen, .... w» Sklaven knie'», De«poten walte», Wo fich die eitle Aftergröße bläht, Da kann die Kunst da« Edle nicht gestalte«. Nur mit der Wahrheit wird e« fich vermähleu, Und seine Gluth durchflammt nur fteie Seelen. Au« dieser Epoche datirt auch die de— kannte Verordnung de« gottseligen König« Friedrich Wilhelm III., laut welch« da« Theater, dasselbe, welche» vtele sonst auck ganz verständige Leute al«„mo- ralische Anstalt", al«.allgemeine« BilduugS-Jostitut" angesehen Jaden wollen, von welchem sie meinen, daß ihm in jedem wahr- ast„geordneten" Staatswesen eine fteie, unabhängige und geach- tele Stellung gebühre, unter die„öffentlichen Anstatten zur Bc- quemlichkeit(!) und zum Vergnügen" zu rangiren hat und al« solche der polizeilichen Conttolle untersteht(also ganz uach Art *) stille zu machen. d-r Bordelle). E« ist chiese„Verordnung" ein Denkmal aeer perennius**) für den hohen Sinn für Künste und Wissenschaft, der da« Hau« der Hohenzollern von jeher ausgezeichnet hat, und üb« welchen für etwaige Zweifler alle« Nähere bci den Herren Duboi«- Repmond, Mommsen, Treitschke und andern königlichen„Leib- gardisten" zu erftagen ist. Allerdings— da« sei gerne zugestanden— entsprach und entspricht die Tendenz jen« Verordnung durchaus den thatsächlich vorhandenen Verhältnissen. Denn da» ist ja bekannt, daß unsere modernen Schauspielhäuser für unsere„höhern" Klassen eben nicht« weiter sind, al« höhere Bordelle, gleichwie wir speziell iu unser» „Hoftheatern" bekanntlich nicht« weiter zu sehen haben, al» die SerailS uns«« allerchristlichsten Großtürken. Wehe dem jungen weiblichen Schauspielertalente, da«, in reiner Begeisterung für seinen Beruf, diesen auch ganz zu erfüllen glaubt, sobald e« sich eben sein« Kunst mit Ernst und Eifer gewidmet hat. Gar bald wird e« darüber belehrt werden, daß c« vor Allem gilt, sich eine Anzahl Hochgeborener oder reicher Wüstlinge zu„Gönnern" und „Freunden" zu„erwerben", und daß bi« dahin alle« Streben, alle« Können vergeblich ist. Nicht unerwähnt mag hier auch bleiben, daß die angesehensten Dramaturgen unserer Zeit für die Schaubühne einstimmig nicht« mehr und nicht« weniger verlangen, al«--„StaatShlllfc", d. h. Bestreitung ihrer Bedürfnisse au« den öffentlichen Budget«, «eil nur so da« Theater, gleich weit entfernt einerseits von de» fürstlichen Paschalaunen, den höfischen und politischen Rücksichten der Hostheater, sowie anderseits von den kleinlichen„Geschäft«"- Interessen de« Privatunternehmer«, unbeirrt und unbeeinflußt seine schönen Zwecke verfolgen könne. So sehen wir vielfach im Ein- zelnen Dasjenige al« nothwendig ancrkannt und vertteten, wa«, zum Ganzen vereinigt und mit Cousequenz durchgeführt, nur Heulen und Zähneklappern verursacht. Wir haben jetzt nur noch jener vorübergehenden bessern Sttö- mung Erwähnung zu thun, welche— gleichsam al« Vorahnung der Märzereigmffc— durch da« junge Deutschland» diesseits de« Rheins, durch die(mit Unrecht so genannte) romantische Schule jenseit« de« Rhein« über die Schaubühne ging, und stehen nun iu der uachmärzlichen Epoche, in der Gegenwart. Wie sieht e« nun heute auf der Schaubühne au«? Wa« vorerst da« Lustspiel betrifft, so ist e» heute ausschließlich der enge Krei« de« häuslichen Leben« und der plattesten Alltäg- lichkeit, au« dem e« seine Stoffe holt. Wenn irgend jemal«, so findet heute der Ausspruch eine« gewiegten Kenner« der Schau- bühne seine Anwendung, im schlechten Sinne seine Anwendung, daß, gleichwie die Dramatik immer dann in Blüthe stand, wenn sie sich mit den politisch-sozialen Zuständen der Zeit beschäftigte, e« immer auch da« sichere Anzeichen ihre« Verfalle« war, wenn „der beschräntte Krei« de» Familienleben«, der Geschlechtsliebe und der kleinen Listen und Ränke, mit welchen diese zu ihrem Ziele zu gelangen sucht, ihren Hauptgegenstand bildete." Und da sich auf diesem an sich so begrenzten Gebiete absolut nicht« Neue« mehr«finden läßt, so sind unsere heutige»„Lustspiele", diese mo- derne Fabrikwaare der Dichtung, regelmäßig nicht« weit« al« ver- wässerte Abklatsche längst dagewesener besser« Vorbilder, ja habe» sich gar schon förmliche Schablonen für gewisse immer wiederkeh- rende, sprüchwörtlich gewordene Lustspielfiguren und Situationen herausgebildet, nach welchen diese Dutzendartikel»un rasch und ohne viel Mühe hergestellt werden, und die denn auch in keinem dieser Stücke fehlen. Dabei geht durch diese ganze, so harmlo« und naiv thueode Darstellungsweise de« modernen Familienleben«, die in so krassem Gegensatze steht zu der thatsächlichen Fäulniß desselben gerade in jenen Schichten, mit welchen fich da« heutige Lustspiel ausschließlich beschäftigt, ein Zug anwiderndst«, vermucker- tester, echt deutscher Heuchelei. Ihr lügt, möchte man den Spielern auf d« Bühne gerne zurufen, so sind die Menschen, so ist die Welt, so ist die Gesellschaft nicht, wie ihr sie zeichnet, ihr lügt!" Im niederen Lustspiel, der heute sogenannten Posse, ebenso anziehend wie nützlich und schätzenSwerth, wenn fie unt« d« Maske de« Schalte« nur um so wirkungsvoller gegen bestehende Zu- und Mißstände loSzieht, herrschen heute König Blödsinn und Königin Zote unumschränkt. Die täppischen Grimassen und plumpen Späße de« Pvssenreißer« sind eben da« Einzige, wofür jene schwachfinnig und kindisch gewordene Debauche, wie sie heute unsere Theater füllt, ungefähr noch Verständniß hat— ausgenommen allerdiog« die ebeufall« hieih«gehörigen WeiberauSstel- lungen und-Märkte der„Feerien",„Ballette" und„Operetten", die denn auch stet» weit mehr„ziehen", al« die classischsten Stücke unserer classischsten Dichter zusammengenommen, und die in ihrer Gemeinheit in der That an da« alttömische Theater au« den schönsten Zeiten de«„Reiche»" erinnern. Fehlt e« doch i« dem von unseren„gebildeten" Ständen gleichfall« so sehr cultivirtea „CircuS" nicht an echt römischen Thier- und Meuschenhetzen.— Unter die Kategorie de« modernen Lustspiel« gehört auch«in Genre, da« auf der heutigen Schaubühne eine viel zu charatteristische Rolle einnimmt, al« daß wir e« hin unerwähnt lasse« könnten. Wir meinen da« französische„Sittendrama". Unsere beut- scheu Reich«-Kritikaster vom Schlage unsere« allbekannten und all- geschätzten Julian, voll Zucht und ftomm« Sitte, wie sie nun einmal sind, schlagen bekanntlich schamhaft«röthend die Augen nieder, sobald jeuer Name von ihnen auch nur ausgesprochen wird. Wir unsererseits erlauben un«, die Sache ein wenig ander« anzu- sehen. Wir sind einfach der Meinung, daß e« gar niemals„»n- moralisch" sein kann, die Wahrheit zu sagen! Und daß jene ') dauernder al« Srz. Sittenbilder uns nichts als die reine, lautere, schmutzige Wahrheit erzählen und damit gegen die„respectabel" thuende Heuchelei des deutschen und de» englischen Lustspiels allerdings auf's Grellste abstechen, das vermag nur die liberalste Verlogenheit zu bestreiten. (Od« will man allen Ernstes die Pharisäerlüge aufrecht erhalten, jeue Schiloerungen beträfen ausschließlich die verkommene sran� zöstsche Gesellschaft, und nicht uns sittliche Deutsche?) In Zügen, die jeder Kenner de» modernen Gesellschaftstreiben» als der Wirk- lichkeit getreulich entnommen bestätigen muß, wird un« da die stinkende Fäuluiß und fortschreitende Zersetzung de» Familien-, de» ehelichen und gesellschaftlichen Leben« unserer herrschenden Klasien geschildert, wird uns da Einblick gewährt in Leben und Leiden jener gefallenen Töchter der Armuth, jener namenlos un- glücklichen Opfer einer Gesellschaft, die alles zu„kaufen" gewohnt ist, für die alles seinen„Marktpreis" hat, jener Wesen, deren Dasein allein schon genügen muß, um jeden denkenden Proletarier mit einem einzigen Gefühle voll und ganz zu beseelen: dem Hasse, dem tödtlichsten, unauslöschlichsten Haffe nämlich gegen Alle«, waS moderne Gesellschaft heißt. JedeS einzelne dieser Stücke ist die beißendste Satire aus die sattsam bekannten Tiraden, mit welchen sich da» herrschende System voll wichtigthuender Augen- verdreherei als den alleinigen Hort und Beschirmer der bedrohten „Familie", der gefährdeten.Sittlichkeit" hinzustellen liebt. Nicht wahr, da wird es begreiflich, warum man dieses indiskrete Au«- plaudern all der kleinen geheimeu Privatvergnügungen und intimen HauSangelegenhciten höchst„unmoralisch", shocking*) findet! Nur immer zu ihr DumaS, geuillet, Sardou!„ftiva n'vst denn queleTrai".**) Reißt ihm die freche HeuchlermaSke herunter, diesem Geschlechte Tartllfse'S, und haltet ihm eueren Spiegel vor die echte Fratze hin, so sehr e« sich auch dagegen sträubt und wiudet,— wir klatschen Beifall! (Schluß folgt.) Die Behaudlnvg der politische« Gefaageae« i« Preußen' (Fortsetzung statt Schluß.) Abg. Wiudthorst-Meppen: Ich stelle keinen Antrag, son- dern lediglich eine Frage, und zwar auf Grund der Reichstag«- und LandtagSverhandlungen. Der Herr Vorredner hat sich nur recht sophistisch zurückziehen wollen, denn meine Interpellatiou schließt keineswegs au», daß bei der Instruction auch andere Ge fangene berücksichtigt werden. Ich habe nur die politischen Bcr- gehen hervorgehoben, weil diese augenblicklich sich im Vorder- gruude befinden. Daß der Ausdruck„politische Verbrechen" so unbestimmt sei, ist ein Jrrthum; wcnu der Borredner sich jemal« mit dem Abschlüsse von Auslieferungsverträgen besaßt hätte, so würde er wissen, daß politische B-rgeh-n in demselben sehr genau nach den Paragraphen de« Criminalgesetzes spezialisirt werde». Der Iustizminister hat rundweg erklärt, e« sei nicht« erlassen; der Minister de« Innern schweigt. Da« ist im höchsten Grade auf- fallend, da er bei der EtatSberathuug viel erzählt hat von den Schreibereien mit dem Justizministerium, und daß er schon Iu> structioneu ausgearbeitet habe. Da« reim- sich zusammen, wer kann. Ich kann die Herren Minister nicht zwingen, sich de« Wei- teren zu erkläre», constatiren will ich nur, daß nach allen Be- mühungen nicht« erreicht worden ist al« eine absolute Verneinung de« Justizministers. Justizminister Dr. Leonhardt: Ich bin mit dem, wa« der Abg. Götting bemerkt hat, vollkommen eiuverstanden; eiue Reform de» Strafvollzüge» ist in Vorbereitung. Dem Abg. Windthorst bemerkt ich aber, daß er sich von seiner Interpellation vollständig entfernt und mir etwas vorwirft, wozu ich nicht die allermindeste Veranlassung gegeben habe. Ist denn im Reichstage oder im Abgeordnetenhause ein Beschluß gesaßt worden, daß der Straf- Vollzug an politischen Verbrechern geregelt werden soll? E« ist beantragt worden, daß von Reich« wegen der Strafvollzug ge- regelt werden solle.. Daß da» nicht geschehen soll, Hab- ich nicht behauptet, da« ist eiu ganz anderer Gegenstand. Die Reform ist in neuester Zeit von der vierten Abtheilung de« Reichskanzler- amt«(Reichs- Justizamt) in Angriff genommen, die preußisch- Re- gieruug hat den Gegenstand vor langen Monaten schon in An- griff genommen und ist in der Ausarbeitung weit vorgeschritten; sie wird auch hier wie in anderen Dingen dem Reiche vorarbeiten. UebrigenS sollte der Vorredner wtssen, daß ich, wenn ich eiue Sache in Angriff nehme, auch den erforderlichen Fleiß darauf verwende. Abg. Eberty: Man muß dem Herrn Justizminister darin beipfilchten, daß c« keine Gesetz- giebt, welche ihn ermächtigen, Anordnunge» zu erlasseu, welche eine besondere ausnahmsweise Behandlung der politischen Gefangenen rechtfertigten. Aber in Beziehung auf die Anwendung deS Gesetzes giebt da« in unseren Gesängnissen heischende System der Cellularhaft einen Spielraum der Anwendung, der eine Berücksichtigung der Individualität ge- stattet. Hiervon abweichend ist der Satz, daß alle Gefangenen gleich behandelt werden müssen. Wenn zwei dasselbe dulden, ist e» nicht dasselbe. Genug ist e«, einen Menschen der Freiheit zu berauben, Bedenken erregt e«, diesem Nebel ein neues Gewicht hinzuzufügen. Ich gehöre zu den entschiedensten Gegnern der Partei der Interpellanten. Denn diese Partei will nicht die Freiheit, sondern die geistige Knechtschaft. Aber ein Unterschied ist doch zwischen politischen Verbrechern und zwischen solchen, welche Kassendefekte oder Betrügereien verübt haben. Daß ein solcher Unterschied, eine solche Berücksichtigung der Individualität wün- schenSwerlh sei, darin wird man wohl dem Interpellanten bei- pflichten müssen. Iustizminister Dr. Leonhardt: Ich habe ganz klar und deutlich ausgesprochen, der Strafvollzug müsse erolgeu unter Be- rückstchtigung der Individualität de« Thäter«, nicht der That. Abg. v. Schorlemer-Alst: Der Abg. Eberty hat sich we- nigsten« de« gekiänkteu Rechte« und der mißhandelten Gefangenen angenommen, er ist aber auf der linken Seite de« Haufe« ein Hmemn***), wenigstens hat er keinen großen Beifall gefunden. Der Justizminister hat fein Einverständniß mit dem Abg. Götting er- klärt; wa« ich also gegen diesen sage, kann sich auch der Justiz- minister anziehen.(Heiterkeit.) Der Abg. Götting bemerkte, daß nach seiner Meinung die Vergehen gegen die Maigesctze und Preß- vergehen nicht zu den politischen Vergehen gehörten. Die Partei de« Abg. Götting war sonst anderer Ansidft, aber heute sind Sie Hammer und Andere Amboß. Wa» da« von dem Redner ange- führte Beispiel angeht, so habe ich eine horrendere Aeußerung noch nicht gehört, daß eiu Dieb dem gleichgestellt werden soll, der eine geistliche Amtshandlung im Widerspruch mit den Maigesetzen vollzieht. Ich kann dem Redner zu seiner Beruhigung sagen, daß ») engl.: abscheulich, anstößig.") stanze Nicht» ist schön, außer wa« wahr ist. Nur das Wahre i schön.•»*) wa«»ur in Linen Exemplar vorhanden ist; höchste Seltenheit. in viele» Gefängnissen nach seiner Meinung verfahren wird. Ein Bankrotteur im Gefäagniß zu SaarlouiS oder Saarbrücken— ich weiß e» nicht genau— genießt alle mögliche» Bergünstigun- gen, besonder» die der Selbstbeköstigung, während die Geistlichen in demselben Gefängnisse Nicht« erlangen können. Der Abg. Götting meint, man sollte doch die HntersuchungSzefangeaen auch humaner behandeln; ich meine, wenn Jemand wegen Morde» oder Raube« augeklagt ist, kanu ihm in der Untersuchungshaft wohl eine strengere B-handlung zu Theil werden, als den wegen Ueber- tretung der Maigesetze Verklagten.(Widerspruch.) DaS Verfahren bei diesen Berurtheilunzen ist um so gefährlicher, als e« verschie- den ist; wegen Publikation der Encyclyca sind die liberalen Blätter auf den Wink de« Iustizminister« nicht verurtheilt, die ultramon- tauen wieder in ganz verschiedener Weise verurtheilt worden. Die Strafvollstreckung ist nun wieder verschieden, je nachdem die Ge- fangenen einem strengen oder eine« nachsichtigen Direktor in die Hände fallen. Man darf sich nicht«andern, daß die Gefangenen bei solcher Behandlung al» Märtyrer ihrer Uiberzexgunz in den Augen der Bevölkerung erscheinen, und wenn sich das Mißtrauen gegen die Rechtsprechung und die Integrität der Gerichte immer mehr geltend macht.(Lebhafter Widerspruch.) Die« Verfahren gegen die Gefangenen geht unter Ihrer Billigung vor sich; Sie sind ja jetzt Hammer; man weiß aber nicht, ob der Hammer nicht bald Amboß sein kann; ich denke nicht daran, daß unsere Partei der Amboß wäre, dabei würde e» Ihnen immer noch am besten geben. Die liberalen Parteien müßten sich zusammenraffen und einem solchen Verfahren ein Halt! entgegenstellen, dann müßte die Regierung einhalten. Sie rufen die» Halt! nicht, wundern Sie sich also nicht, daß damit die Zersetzung Ihrer Partei Hand in Hand geht.> Minister de« Innern Graf zu Eulenburg: Ich habe früher gesagt, daß ich im Begriffe sei, eine Jnstruklion zu erlassen wegen der Beschäftigung und Beköstigung von gewissen Kategorien von Gefangenen, da« war auch der Fall, ich bin zu gleicher Zeit da- mal» mit dem Justizministerium in Verbindung getreten und sah mich deshalb veranlaßt, meine schon entworfene Circalarverfügung zu ändern, und bin im Begriffe, diese geänderte Verfügung er- geheu zn lassen. Abermal« muß ich dagegen protestiren, daß im- mer wiederholt wird, e« finde eine nicht gerechtfertigte schlecht- Behandlung der Gefangeneu statt. Ich muß voraussetzen, daß, wenn irgendwo eine Behandlung stattfände, die mit den Gesetzen und der Humanität unvereinbar wäre, eine Beschwerde der Art an mich zu bringen wäre, bis jetzt ist die« aber, wie ich wieder- hole, auch nicht ein einzige« Mal geschehen. Mir macht aber die Schilderang von Leuten, die selbst im G-sängniff- gesessen haben, mehr Effect, al« die Erzählungen über da« Schicksal der armen Gefangenen hier im Hause. Ein Herr Paul Lindau(Aha! im Centrum) hat eine vierzehntägige Gesängnißstrase im Gefängnisse am Plötzensee verbüßt, er äußert sich darüber i« Briefen an einen Freund, die zur Publizität gelangten, unter Anderm: die ziemlich schwere Kost behage Einem, der nicht an dieselbe gewöhnt sei, nicht besonder«(Heiterkeit), und fährt dann fort:„Außerdem wurde mir, wie den Herreu Majunke und Most und allen an- deren Gefangenen, deren Constitution die derbe Gefängnißkost nicht verträgt, von dem vortreffliche» Gefängnißarzte Dr. Bär die sogenannte Mitteltost verschrieben, welche darin besteht, daß ich Vormittag« um 11 Uhr Bouillon mit einem Stück allerdings gründlich ausgekochtem Riudfleisch und AbendS einen Kübel Milch erhielt." Er hat, ehe er die Haft auttat, sich in dem für ihn bestimmten Lokale umgesehen. Dabei hat er Herrn Majunke be- sucht«ud sagt:„Ich traf mit Herr» Kaplan Paul Majunke zu- sammen und unterhielt mich wohl eine halbe Stunde lang mit ihm. Er sah sehr wohl und vergnügt auS(große Heiterkeit) und sprach sich über seine augeubticklichen Verhältnisse mit größter Be- sriedigunz au«.(Anhaltende Heiterkeir.) Den im Kloster Er zogenen drückt die Entziehung der Freiheit, die unglaubliche Dürf- tigkeit der äußeren Verhältnisse, die mir entsetzliche Gleichmäßig- keit und Gleichartigkeit der Verpflegung augenscheinlich sehr wenig. Abend«, wenn da« Glöcklein tönt, sagte mir Majunke, ist mir noch heute so zu Muthe, al« ob ich im Kloster wäre."(Große Heiterkeit.) Abg. Hänel: Ich habe niemals das Cenlrum prooocirt und mich selbst allen Provocationen gegenüber ruhig verhalten, aber c« giebt in Allem ein- Grenze. Ich muß e« als eine schwere Schädigung der guten Sache und einen schweren Mißbrauch des- jenigen Einflüsse», den man in gewissen Kreisen zu haben glaubt, bezeichnen, wenn man in einer Sache, in welcher in Wahrheit alle Parteien einig sind, die Uneinigkeit dadurch erzeugt, daß man dem Gegenstande-ine tendenziös- Spitze giebt, daß man durch diese tendenziöse Spitze gewisse Gefühle der Unficher- heit über die letzten Absichten einer Interpellation oder eine« An- trageS hervorruft und sich Uebertteibungen zu Schulben kommen läßt, welche andere Parteien nicht miimachen wollen, und daß man, wenn infolge davon eine Partei hinter de» Intentionen des Antrage« zurückvleibt, versucht, den Glorienschein besonderer Hu- manilät flch um die Stirn zu binden. Ein derartiges Verfahren ist nicht vollständig loyal. Die Tendenz der Interpellation hat der Abgeordnete v. Sckorlemer mit anerkennenSwerther Offenheit kundgethan. Er hat eine Verdächtigung der Unabhängigkeit unserer preußischen Gerichte darangeknüft, er hat sich nicht mehr über den verschiedenen Vollzug der erkannten Sttafe beklagt, sondern dar- über, daß die Gerichte in tendenziöser Weise verschieden urtheilcn. Diesen Verdächtigungen gegenüber muß ich constatiren, daß wir alle darin einig sind, daß da» Gefängnißwesen in Preußen und dem deutschen Reiche einer Revision bedarf, daß der Vollzug der Gesäuguißhaft sich an die Individualität des betreffenden Thäter« anschließen muß. E« ist unwahr, daß wir Jemanden, der sich Kassendefckte hat zu Schulden kommen lassen— es war da« kein ganz gut gewählte« Beispiel, an da» man sich gleich anklammert, um Kapital daraus zu schlagen—, auf gleiche Stufe mit poli- tischen Verbrechern und dem Geistlichen, der die Maigescye über- treten hat, stellen wollen. Man erzeugt einen unwahren Eindruck im Volke, wenn man an eine Art von Besprechung sich hängt, um darau« die Tendenz der Interpellation in der Weise darzu- legen, wie der Abg. v. Schorlemer e« gethan hat. E« ist u«- wahr, daß wir in Bezug auf da» Gefängnißwesen von anderen Ansichten ausgehen al« die Herren im Centrum; wir verweigern nur, ihrer offenbare» Tendenz zu folgen, um nicht die beste Sache zu ruiniren.(Schluß folgt.) Politische Uebersicht. — Soldaten-Leben und-Sterben. Am 7, März d. I. erschoß sich zu Königsberg der königlich preußische Feldwebel Gröning. Kein Hahn krähte nach dem Unglücklichen. Er war der Erste nicht und wird nicht der Letzte sein. Der Moloch braucht Opfer. Nur Ein Blatt(Berliner„Tageblatt") erwähnte mit ein paar gleichgültigen Worten der Katastrophe, die ein Menschen- j Rieben und da» Glück einer Familie vernichtet. Un« sind folgende zwei Schriftstücke von der Hand GcöaiazS zur Beröffentlichunz übergeben worden. Sie sazea mehr al« ein dickbäavige«„Bach gegen den Militarismus. Meine liebe Frau! Wenn Du dies« Zeilen liest, ist Dein Fritz nicht mehr unter den Lebenden. Berzeihe mir diesen Schritt. Du weißt, wie mich dieser Hauptmann hat g-qnält, j-yt ist-» aber zu stark; selbst der Major, welcher vom Fourier wissen muß, wa« ein Hauptmann, Sievert, einem M-nschen zu schaffen machen kann, giebt mir Unrecht, indem er etwa« bis morgen früh verlangt, wenn ich recht gelten soll, waS unmöglich ist.— Meine liebe gute Frau, ich habe alle« überlegt, habe auch daran gedacht, vaß Du mit Deinen lieben Kindern allein dastehst, aber mein- Ehre ist mir lieber als alle« Andere, ich vergesse selbst mein Höchste»; daß ich Dich geliebt habe, weißt Du, daß ich aber Ehrgefühl be- sitze, darin, meine Liebe, hast Du mich auch kennen gelernt. Denn um meine liebe Familie habe ich so lange gelitren, ich habe um meine Entlassung gebeten, sie ist mir nichr gegeben, willst Du auch wissen warum? Sie wollen mich stürzen, um nicht de» Hauptmann in schlechtes Licht zu stellen. L-ebe gute Frau, mein letztes Gebet war, der Bater im Himmel möge Dich beschützen. Lebe wohl, meine liebe gute Frau, wenn ich Dich nicht gehabt hätte, lebte ich überhaupt nicht mehr, Du hast mir da« Leben ver- süßt, und Dir verdank- ich, mein Leben so lange gefristet zu haben. Willst Du Gebrauch von Diesem machen, so thue e«. Königsberg weiß zwar, warum es geschehen ist. Nochmal», meine liebe gute Frau, verzeihe mir diesen Schritt, unter Thränea ist die« ge- schrieben. Königsberg, den 7. März 1875. Adje meiue liebe Therese. Dein Fritz. Motive zu dem Selbstmord. Am 4. März erhielt ich für die 5. Compaznie den Befehl: Die Herreu Osfizicre im Helm, ein Horuist und ein Schießpfahl zur Stelle. Ich US diesen Befehl meinem Hauptmann vor» Am 5. März früh, etwa halb 8 Uhr, bekam ich durch die Or- donnauz vom Bataillon den Befehl: Die Unteroffiziere in Man» teln. Am 4. Mittag« hatte ich bereit«, da der Hauptmann weder da« Antreten der Rekruten, noch den Anzug der Unteroffiziere und Gefreiten bestimmt hatte(Zeugen: 4 Sergeanten, 1 Lire- feldwebel und Unteroffizier JocobwSky), venEatschluß gefaßt. Ich weiß nicht genau, ob der Hauptmann angeordnet, daß die Unteroffiziere und Gemeinen in demselben Anzug zn erscheinen habea wie die Mannschaft. Nachdem schick:- ich zu Knaus und ließ fragen, um welche Zeit die Rekruten anzutreten hälteo, und e« wurde mir ge- sagt: Um halb S Uhr auf dem kleineu Platz. Am 5. Mittag» begegnete ich dem Hauptmann uud er ließ sich von mir den am gestrigen Tage gegebenen Befehl vorlesen; al» ich denselben ebenso vorla« wie am 4, fährt mich der Haupt- mann an mit folgenden Worten: Deu Befehl haben Sre mir gestern nicht vorgelesen. Al« ich erwiderte: Sehr wohl Herr Haupt- mann! wurde derselbe noch aufgebrachter und sagte: Es ist nicht wahr, ich kann Sie als Feldwebel nicht länger gebrauchen; worauf ich erwiderte: Dann bitte ich um meine Entlassung und will ich lieber al« ArbeitSmann gehen. Um mich zu beschweren ging ich zunächst zum Bataillou»-Ao- jutanten und erzählte im Vertrauen, wa« mir passirt ist und frag, ob die Beschwerde gleich eingebracht werden könne, worauf wir eine Verfügung herausfanden, wonach e« gleich geschehen kann, und ich that c«. J 4 Der Premier- Lieutenant v. Kamecke ließ mir bi» zum andern Tag Zeit. Da ich aber eine zu schlechte Behandlung Seitens meine» Hauptmannes habe, so folgte ich meinem Bewußlsei» als Mensch: entweder mit Ehren untergehn, oder e« muß sich ändern. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da; leider habe ich mir keinen dieser Fälle gemerkt und notirt, weil ich al» Soldat weiß, daß dem Herrn Hauptmann mehr geglaubt wird al« mir, denn größten- theil« ist ei stet« unter vier Ange» geschehen, daß mir gesagt wurde: Den Befehl habea Sie mir nicht vorgelesen. Ja, et ist schon so weit gekommen, daß Befehle von ihm, welche der Haupt- mann selbst 2 oder 3 Tage vorher gegebea hatte, er mir abstritt, welches sämmtliche Unterosfiziere mir bezeugen müssen, oder sie wagen es nicht, so lange der Hauptmann beim Bataillon ist. Demzufolge wollte ich einmal ein Ende machen und suchte eine andere Behandlung zu erzielen durch das Anbringen meiner Be- schwerde, aber leider ist e« dttseS Mal wieder so wie immer, dem Vorgesetzten wird geglaubt(hat recht), und wir bedaueraSwerthea Creaiuren müssen büßen. Hente Mittag wurde ich zum Herrn Major beordert, wo der- selbe mir mittheilie, daß ich mich beschweren wollt-, daß aber der Herr Hauptmann angiebt, e« durch Schreiben überhört zu habeu, und gab mir zu verstehen, daß es eiue nicht begründete Beschwerde sei, ober ich müßte einen Fall ganz genau bezeichnen, wo eS schon mehreremal vorgekommen sei. Wie ich schon Anfangs erwähnte, konnte ich mich der Fälle nicht mehr eutsinnell, wa« ich aber unter dem Hauptmann Sievert habe leiden müssen, da« weiß nur Gott und ich selbst, weil ich stet« an meine Frau und die drei Kinder dachte. Jetzt ist e« aber vorbei, Gott wird mein Weib nicht ver- lassen, so wenig wie meine Kinder. Al« ich diese« oernahm vom Herrn Major, stürzten mir natürlich die Thränea ans den A igen, ich schäm: mich dieser Thräneu nicht, denn wer mein Leiden kennt, weiß wa« ich ertragen habe; um meine Familie durchzubcingea blieb ich al« Sklave, denn weiter war ich nicht«. Der Herr Major sagte mir zwar: Weinen hilft nicht«, wir stud Männer. Ja, ein Mann will ich sein, darum scheue ich mich auch nicht, inSJea- scitS zu rücken, llnd Du lieber Leser dieser Zeilen, sorge dafür, daß meine Kinder, so sie Gott erhält, nicht beim Militär bleiben, sonder» sage ihnen, ste sollen lieber ArbeitSmann oder Knecht werden, wo sie mindesten« eine anständige Behandlung zu erwarten haben, wie eS Menschen geziemt. Meine ökonomischen Verhältnisse sind gut geregelt; sollte auch die Welt wegen meinem Selbstmord etwa« andre« denken, ich schwöre, daß meiue Familie e« dem Hauptmann Sievert zuzu- schreiben hat. Und damit Gott befohlen. Königsberg, i. d. Nm., den 7. März 1376. Fritz Gröning. Fritz Gröning ist todt. Seine Frau uud seine drei Kinder aber leben. Sollen sie hungern? Soll der Moloch die Knaben verschlingen, wie er den Bater verschlungen hat?-- Ein ander Bild: In unserer vorletzten Nummer berichteten wir von einem Soldaten, der sich in Mainz wegen entehrender Behandlung er- tränkt. Ehe er den verhäng.! ißvollen Schritt that, schrieb Theodor Hegmanu— da» ist der Name diese« neuen Blutzeugen— an seine Eltern: Mainz, den 23. April 1875. Liebe Eltern! Wen» Ihr die- sen Brief erhaltet, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, denn �mit dem heutigen Tage habe ich für diese« Leben abgeschlossen. Bis jetzt habe ich Alles mit Geduld ertragen und immer gedacht, daß nach dieser traurigen Zeit wieder eine andere folgt. Aber wa» jn toll ist, ist zu toll. Heute Mittag hatten wir Turnen und Bajonnettiren und sollte ich heute zu« ersten Mal schon pa- riren und stoßen wie ein Dreijähriger; weil daS nicht Alles klappte, wurde ich von Lieutenant Götz II. so geohrfeigt, wie e« mir während meiner Rekrutcnzeit noch nicht vorgekommen ist. Ich kann daS nicht länger übergehen und muß der Sachs ein Ende machen. Liebe Mutier, ich bitte Dich viel tausendmal um Verzeihung für das, was ich jetzt thuc, aber es ist nun uicht zu ändern. Tröste Dich und bete zu Gott, daß er meine arme Seele gnädig auf- nimmt. Du hast mich unter dem Herzen getragen, hast mich mit Schmerzen großgezogen und nun muß ich zum Dank so traurig enden. Liebe, gule Mutter, weine nickt zu viel um Deinen Sohn und denke, daß er eiueS natürlichen TodeS gestorben, sei und daß Alle» nicht« ist auf dieser Welt. Ich kann nicht mehr schreiben, denn mein Herz strömt über vor lauter Schmerz. Ich wollte auch dem Onkel und noch so Vielen schreiben, gieb ihnen tausend Küffe und Grüße von Deinem treuen Sohn Theodor.— Michel schläfst Du? Hast Du Ohren zu hören? Und Augen zu sehen? —„Ein Vogel der sein Nest beschmutzt." Herr Hans Blum, den die sächsischen Nationalliberalen in Ermangelung des- serer Dienstleute aus der Kaltstell-Ecke wieder hervorgeholt haben, u>d der mit seinem Freunde, dem Narrenkönig Sparig, die säch- fischen ReichSfeinde tobtet— par Drstance(auS der Entfernung), ?iat neulich in einer Leipziger Vorstadt— natürlich hinter„ver- chlofsenen Thüren"— folgenden unvorsichtigen Blödsinn verübt: »Wa« wolle— eS handelt sich um eine Denunziation alles dessen, was nicht kreucht und(»em Herkules de« Ig. Jahrhundert« in die Arme) fleugt, an dieser Stelle speziell der sächsischen Conservativen — Wae wolle die Partei, die einen Hrn. v. Zehmen zu ihrem Führer gähle, der die bekannte Verleumdung(?) gegen den(Leipziger, na- tionalliberalen) Bürgermeister Dr. Koch in der Kammer geschleu- dert; die einen Mann wie Gras Hohenthal(Hr. von Friesen ist gemeint— HanS hat nicht einmal da« zum Denunziren nöthige Gedächtniß) al« hervorragende« Mitglied betrachtet, der seiner Zert Herrn Bebel in seiner DrechSlerwerkflätte aufgesucht, um sich mit ihm über die Möglichkeit de« Handinhaudzehen« zu besprechen (vonHan« einfach gelogen)?"— So weit hat HanS blo« dumme« Zeug geschwatzt, denunzirt und gelogen. Nun aber wird er furch- terlich— für feine Freunde, ein Beweis, daß daS enfont terrible sich nicht gebessert hat. HanS hat nämlich die entsetzliche Naivelät hinzuzufügen:„DaS sei gewiß uicht die ehrenwerthe kon- servative Partei wie in Preußen, die treu und uncrschüt terlich sich um den Thron schaare, k. k. k." Arso, unglücklicher HanS, die ehrenwerthe konservative Partei in Preußeu treibt keine derartigen Pratiken, wie Du sie den sächsischen Coaservativen au Sieblümt hast? Z. B. sie liebäugelt nicht mit Sozialdemokraten, chlägt ihnen kein Handin handgehen vor? 0 si taeuisoe»! tan«, Han«! wir können cS Dir schwarz auf weiß zeigen, daß iitglieder der„ehrenwerthen konservativen Partei in Preußen" genau dasjenige sehr heftig erstrebt haben und erstreben, wa« Du den sächsischen Conservativen anlügst! Wir können Dir serner einen gewissen Wagen er nennen, der lange Zeit Haupt der „ehrenwerthen konservativen Partei in Preußen" war und jetzt noch(trotz moralischer Abmuckuug durch Deinen Parteichef LaSker) vornehmster Rathgcber, politische« Faktotum de« Herrn Reich«- kanzler« ist, und der sehr stark sllr ein Hardinhandgehen der Sozialdemokratie mit den Conservativen gewirkt, die Sozialdemo- kratie mit den heftigsten, an Nothzucht grenzenden LiebeSwerbungen verfolgt hat, wofür sich Beweise erbringen lassen. Wir können Dir ferner einen gewissen Junker Bismarck nennen, der doch Scwiß zu den„hervorragenden Mitgliedern" der„ehrenwerthen onfervativen Partei in Preußen" gehört, und der sehr angele- gentlich ein„Handivhandgehen" mit der Sozialdemokratie er- strebt hat— leider erfolglos, schon auS dem einfachen Grunde, weil die Sozialdemokratie nicht die Hand eine« Manne« annehmen kann, sllr den, seinem eigenen Geständniß nach,„kein anständiger Mensch schreibt." Und nun genug, Hans— Du wirst jetzt wohl «ine Ahnung davon haben, welche grenzenlose—„Geuialität" Du verübt hast! — Im„Neuen Sozialdemokrat"(No. 51) lesen wir: ES hat sich schon längst als Nothwendigkeit herausgestellt, daß die vielen tausend Thalcr, welche alljährlich an dem„Neuen Social- Demokrat" und unseren sonstigen Drucksachen seitens der Druckerei- besitzer al« Unternehmergewinn verdient werden, der Partei selbst zu Gute kommen. ES läßt sich die« auch leicht durch Begründung einer Assoziationsbuchdruckerei, wie solche für den„Volks- fiaat" schon besteht, bewcikstelligen. Selbstverständlich darf es sich dabei nicht um ein Schulze- Delitzsch'jche« Seldsthlllflermannöoer einzelner Personen zu ezolsti- scheu Zwecken handeln, sondern eS muß sämmtlicken Parteigenossen, sämmilichen Abonnenten der Parteiblätier möglrch gemacht werden, daß sie durch einen geringen Beitrag Mitglieder der Assoziation Werden und als solche über dieselbe deuiokratisch verfügen können. Die zur Begründung einer solchen Assoziation formell nötpigen juristischen Schritte beim Berliner Handelsgericht haben stalige- funden. Die damit betrauten Parteigenossen Hasenclever, Hassel- wann und Rackow haben— da da« Statut der Genehmigung de« Handelsrichter« bedarf— da« vorläufig bei der Constituirung festgestellte Assoziationsstatut demselben eingereicht. Dasselbe ist in der That jetzt genehmigt worden. Wir werden daher in einer der nächsten Nummern dies Statut vcrössentlichen, und die Parteigenossen mögen e« einer Prüfung unterziehen. Bor dem Congreß zur Bereinigung der Social-Demokratie finden keine weiteren Schritte statt; nachdem derselbe vorüber ist, mögen die Parteigenossen aber der Assoziaton zahlreich beitreten. E« wird zwischen dem I. Juli und 1. October, und zwar vorder Ei ösfnung der Druckerei, eine außerordentliche Gener alver- sammlung der Assoziation stattfinden, in welcher die Wahl de« BorstandeS und AufstchtSrathe«, sowie die uöchig erscheinenden Statutenänderungen staltfinden sollen und von welcher ab der -eigentliche Betrieb beginnen wird. — Eine Richtigstellung. Die„Berliner Pädagogische Zeitung", herausgegeben von Robert Gobr, sckrieb in ihrer No. 5 vom 30. Januar d. I.:„Uebcr den Beschluß der Königsberger Stadlverordneten vom 22. Dec. v. I., durch welchen die Volks- sckullehrer der Stadt von der ServiSentschädigung, die allen andern städtischen Beamten, insbesondere auch den„höheren" Lehrern zu- erkannt wurde, ausgeschlossen wurden, sagt ein Correspondent der „Fr. L-Hrcrztg. f. d. Pr. Pr.":„Warum konnten die Väter unserer Stadt un« diese Nichtbescheerung nicht bis nach dem Feste -ausheben?" Auch iu diesem Falle hätten wir nicht» gehabt, unfern Kindern zu bescheeren, unsere Frauen in den Stand ju setzen, den Hunger der Familie während der Weihnachtszeit rn etwa« festtazSmäßiger Weise zu stillen; aber eS hätte uns wenigsten« da« bekannte Schulmeisterzubrot, die HoffnungSseligkeit, nicht gefehlt. Der letzte Rest von W-ihnachtSfrende wäre den KönigSberger Volksschullehrern aber durch den Gedanken vergiftet worden, daß grade der entschieden liberale Dr. Joh. Jacsby derjenige gewesen sei, der daS entscheidende Wort gegen die Bedenkuag der„Ele- mentarlehrer" gesprochen hat. Nur den Gymnasiallehrern traut er die Fähigkeit und den Willen zu,„tüchtige Bürger zu erziehen." Also die Lehrer der 95 Prozent will auch dieser große BolkSmann ihrem Schicksale überlassen, sie zwingen, außerhalb der Schule nach den nothwendigsteu Existenzmitteln zu suchen. Und doch müßten grade die Lehrer der Kinder der Unbemittelten, denen im Hause genug unverschuldete Vernachlässigung und Verwahrlosung zu Theil wird, ganz besonder« tüchtig und freudig seiu und sein können, wenn sie au« ihren verkümmerten Schulen„tüchtige Bürger" er» ziehen sollen. Es thut dem Correspondenten leid, die VolkSbe- glückungSreden des Herrn„VierfragendoctorS" unter da« tönende Erz und die klingenden Schellen, ihn selber unter die Worthelden rechnen zu müssen, denen die Liberalitär nur auf der Zunge lebt. Die„Fr. L'brerztz. f. d. Pr. Pr." bittet ihren Correspondenten, dem Herrn Dr. Iacoby kein Unrecht zu thun, er sehe wahrsckein- lich die Volksschule und also auch ihre Lehrer„im Dienste gegen die Freiheit."— Wir stimmen dem bei, können aber doch unser Bedauern über die Auslassungen des Herrn Doctort so wenig alS über den Beschluß der KönigSberger Stadtverordneten unter- drücken. Es mag für einen Bürger, einen freien wohlhabenden Mann schwer sein, sich in die Lage ein-« VolkSschullehrerS zu ver- setzen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; die VolkSschul- meisterarbeit läßt sich eben nicht mit der Elle messen. Wir em- pschlen dem„BildungSverein", sich daraufhin nochmals den PassuS über die liberalen Parteien in unserem Leitartikel von No. 52 v. I. durchzusehen und an der Hand der obigen Cor- respondenz, Hand auf's Herz, zu erklären, ob wir übertrieben haben, wie er uns neulich zu verstehen gegeben hat. Leider steht der Fall mit Dr. Joh. Iacoby nicht vereinzelt da, sonst würden wir gern zu dergleichen Vorfällen im Interesse der guten Sache schweigen. D. Red." Von einem süddeutschen Lehrer auf obige Notiz aufmerksam gemacht, schickten wir dieselbe an Joh. Iacoby, und erhielten sol- gende Antwort, die ursprünglich nicht für die Oeffentlichkeit be- stimmt war, zu deren Abdruck wir aber nachträglich auf unfern Wunsch die Ermächtigung erhalten haben: „Königsberg, den 22. März 1375. Dem Berichte der„Berliner Pädagogischen Zeitung", den Sie mir mitzutheilen die Güle hatten, liegen thcilS unrichtige Angaben theil« Entstellung und Verdrehung der von mir gesprocheue» Worte zu Grunde. Der Thatbestand ist folgender: Im December v. I. hatte der Magistrat Königsberg« eine dauernd höhere Belastung de« StadthauShaltS-EtatS mit 20,002Thlr. beantragt, um sämmtlichen städtischen Beamte»— vom Oberbürgermeister bis zu den Steuereinsammleru und Boten— Woh- nungSgelbzuschüsse geben zu können. Die GelrbewilligunzS-Com- misston der Stadtverordneten erklärte sich— in Berücksichtigung der Finanzlage der Stadt und der vor Kurzem erst stattgefundenen exorbitanten Erhöhung der Communalsteuer(220 Procent Zuschlag zur Slaatestiuer)— gegen den Magistratsantrag und schlug ihrer- seits der Versammlung vor, nur allein den Lehrern an den beiden städtischen Gymnasien und der Realschule WohnungSzu- schüsse— im Gesammtbelrage von 5662 Thlr.— zu bewilllgeu. Die Nothwendigkeit dieser Ausnahme begründete sie damit, daß —„es sich hier um eine Existenzfrage handele, der gegenüber alle sonstigen Gründe hinfällig seien; denn wolle man diese Institute nicht an der Concurrenz der königlichen Anstalten zu Grunde zehn lassen, so müsse man die städtischen L-Hrer den königlichen gleichstellen."— Ich sprach mich in der Sitzung vom 22. Decbr. für den CommisstonSantrag aus und sagte u. A. mit Bezugnahme auf eine Aeußerung früherer Redner: Allerdings liege un« hier „eine Magensrage" vor, aber nicht bloS eine Mazenfrage in Be- triff der Beamten, sondern auch in Betreff der Steuerzahler; es komme darauf an, beide Fragen zu compenflren und zu er- wägen, wo größerer Nothstaod herrsche. Wenn der Herr Bürger- meister für die Beamten eintrete, so sei ihm dies nicht zu ver- denken, die Stadtverordneten aber feien Vertreter der Stadt und als solche verpstichtet, auch das Interesse ihrer Wähler, der steuer- zahlenden Mitbürger, wahrzunehmen. Wohl mag eS in mancher Beamien-Faunlie knapp genug hergehn, aber statistisch erwiesen sei, daß in unserer Stadt eine überaus große Zahl von Familien sich mit einem Einkommen behetfen müsse, da« noch bei weitem geringer ist als daS der Beamten. Wenn ein Vorredner die Be- sorgniß äußerte, daß„sich in weniges Jahren auch im Beamten thum ein Proletarial heranbilden werde", so möge man doch nicht vergessen, daß unter den Steuerzahlern ein solche« Proletariat schon längst besteye und um so mehr wachsen werbe, je stärker man die Steuerschraube anzieht. WaS die Lehrer der beiden Gymnasien und der Realschule betrifft, so müsse man— auS den von oer Commifsion angegebenen Gründen sich wohl oder übel dazu verstehen, ihnen ausnahmsweise den Wohnungszuschuß zu bewilligen, weil sonst die Fortdauer dieser Anstalten gefährdet wäre; auch sei demnächst zu erwägen, daß die Wirksamkeit der Lehrer, insofern sie der Stadt tüchtige Bürger erziehen, mittelbar wiederum dem Reichthum der Stadt zu Gut komme.— Die« ungefähr war die Rede, die ich damals hielt. Unwahr ist die Angabe der„Berliner Pädagogischen Zeitung", daß „die ServiSentschädigung— mit Ausschluß der BolkSschullehrer — allen anderen städtischen Beamten gewährt worden"; un- wahr ebenso die Behauptung, ich hätte„nur den Gymnasr.al- lehrern die Fähigkeit und den Willen zuerkannt, tüchtige Bürger zu erziehen." Wer mich kennt, wird eine so unsinnige Aeußerung mir nicht zutrauen, und wer mir dergleichen zutraut, wird durch eine öffentliche Erklärung schwerlich bekehrt werden. Inwieweit Sie von der obigen M>ttheilung Gebrauch machen wollen, stelle ich ganz Ihrem freien Ermessen anHeim. Mit herzlichem Brndergruß Jbr Dr. Joh. Iacoby. Gewerksgenossenschaftliches. Gewerkschaft der Schuhmacher. Hotha. Nachstehende Anträge stud noch zur Generalversamm- lung gestellt: Nürnberg. Zur Krankenkasse. Da« Recht auf Unterstützung erst nach 6 Monaten zu gewähren.— Mitglieder, welche an einem Ort in Aibeit stehen, wo weder eine Mitgliedschaft noch ein Spi- tal vorhanden ist, sind verpflichtet, ihre Beiträge an den Vorort einzusenden. Im Erkrankungefall hat ein solches Mitglied die QurttungSbücher nebst einem ärztliche» Attest, welche« Anfang so- wie Ende der Krankheit beglaubigt, an dea Borort einzusenden und ist dann die Unterstützung auszuzahlen. Frist er.— Die Mitgliedschaft beantragt, daß ein Mitglied in uicht mehr alS zwei Klassen der Kcaakenkasse eintreten darf. Marburg: 1) Mit der Krankenkasse eine Javalidenkasse zu verbinden. 2) Gründung eine« wöchentlich erscheinenden Organ«. Mitgliedschaft Groitzsch: Paragraph 2 de« Krankenkassen- Statute« dahin abzuändern, daß e» in Zukunft heißen würde: wenn letztere das 55. Jahr noch nicht überschritten haben ec. Mitgliedschaft Erfurt: Zu Paragraph 2 des Krankenkassen- Statuts: Statt da« 50. Lebensjahr— das 45. Lebensjahr zu setzen.— Den Paragraphen 15 des Krankenkassen- Statuts dahin abzuändern: Bei Ableben eine« Mitgliedes, sei e« durch Eintritt de« natürlichen Tode« oder durch Selbstentlcibung«.— Im Paragraph 10 der Geschäfl«- und Kasseuordnung des Gewerk- schastSstatutS da« Wort„unbedingt" zu streichen. Offenbach: 1) Wiedereinführung der Urabstimmung, wie sie Paragraph 25 der alten Statute» vorschreibt. 2) Abschaffung de» Paragraph 10 der Geschäft«- und Kasseuordnung der Statuten, denn derselbe macht Paragraph 27 der Statuten illusorisch. 3) Vereinfachung der technischen GeschästSleitunz betreffs der QuartalabrechnungSbogen, a» deren Stelle ergänzte MonatSbogen (Sind schon vorhanden, nur sollen erst die alten Formulare ver- braucht sein. D. Veno.) und ein jährlicher statistischer Bogen. 4) Die Beiträge zur Krankenkasse so zu ergänzen, daß die Unter- stützung auch für die verheiratheten Mitglieder in Erkrankung«» fälle» für deren Familien da« absolute Auskommen garantirt. 5) Persönlicher Antrag de« Unterzeichneten. Die Generalversamm- lung wolle Mittel und Wege ausfindig machen, damit in Zumnft von jeder Mitgliedschaft die Generalversammlung beschickt werden kann. HL. K. Müßig ist zum Delezirten gewählt. S. A.: H. Schäfer. MetallarbeitergewerkSgenosseaschaft. ßrimmitscha». Nachstehend bringen wir die zur Kranken- kasseu-Statuteuvorlage eingegangenen Ergänzungen, Abänderungen, Zusätze zur Kenntniß. Die Leipziger Mitgliedschaft beantragt zu tz 1 folgende» Zusatz: Einführung einer juristischen Person, zu § 4: Eintrittsgeld 75 Pf., zu§ 7: Wird Unterstützung gewährt, wenn das Mitglied ein öffentliches Krankenhau« benutzt.(Wird auch von Würzburg beantragt.)— Zur Geschäftsordnung:§ 7. Mitgliedschaften bis 25 Mann behalten einen Saldo-Betrag in der Ortskasse von 60 Mark, dann 60 Mark doppelt als erstes u. s. w. (Würzburg beantragt statt 60 Mrk. 60 Thlr.) Braunschweig beantragt: Einführung einer Sterbekasse, sowie Krankenunterstützunz auch reisenden Mitgliedern zu gewähren. Bei Sterbefällen wird die Summe von 46 Mrk. bezahlt, setzt jedoch eine Angehörigkeit von 1 Jahr voraus, ß 7. Wie Leip- zig er Antrag. Wolfenbüttel beantragt zu§ 3: Die Hälfte de« Eintritt»- geldeS zur Gründung eine« Reservefonds zu verwenden. Saalfeld beantragt zu§ 4: Der Kcanke hat während der Krankheit keine Steuern zu entrichten. Zu K 6: Die Unterstützung dauert bloS ein halbe« Jahr. Zu Z 6: Bei etwaiger Beitrags- erhöhung allgemeine Abstimmung. Bremerhafen beantragt: Bei syphilitischen Krankheiten keine Unterstützung. Genossen! Um den„BolkSstaat" uicht zu sehr in Anspruch zu nehmen, haben wir bloS die Hauptpunkte der Ergänzungen zur Borlage Euch zur Kenntniß gebracht, denn wenn wir jede Aen- derung von den-gesammten Mitgliedschaften veröffentlichen wollten, so langte der Raum de«„BolkSstaat" kaum zu, und e« bleibt dennoch die Durchberathung und Beschlußfassung der Generalver- sammlung überlassen. Jede eiugezanzene Aendecung der Borlage kommt in der Generalversammlung zur Berathung, und hoffen wir sonach, unserer Ansicht nach recht gethan zuhaben. Gmoffeal Wir ersuchen Euch, welche Anträge zur Vorlage noch nicht einge- sandt haben, dies sofort zu thun. Es werden und müsse» An- träge, welche noch später eingehen(betreffs der Krankenkasse) zur Generalversammlung berücksichtigt werden. Noch diene zur Kennt- niß, daß sämmtlicheS Material zur Einführung von Krankenkassen vergriffen ist. Man bittet selbstgeschriebene Abrechnungen ein- zusenden. Mit Gruß Die VorortSverwaltung der Krankenkasse. I. A.: R. Habelitz. Saatfekb a. d. S. In der„Union", Nr. 10, hat die vor- ort« Verwaltung die Mitgliedschaften aufmerksam gemacht, daß für die DclegationSkosten der diesjährigen Generalversammlung nicht, wie im Magdeburger Protokolle, Seite 18, bemerkt ist, Zuschüsse au« der Hauptkasse gewährt werden können! Diese Erklärung hat bei unserer Mitgliedschaft einige Entrüstung hervorgerufen, denn e« ist ohnedem keine leichte Sache, einen Mann auf eigene Kosten so weit zu senden und zu unterhalten. Die Vororts Verwaltung wird doch selbst zugeben, daß eS auch keine leichte Sache ist, bei jetzigem Geschäftsgange und ohne. besondere Agitation binnen 7 Wochen die Mitgliedschaft auf 76 Mitglieder zu bringen; daß die Mitglieder von Anfang viel zu zahlen haben, wird die Vororts- Verwaltung auch zugeben, weil wir ja auch zugleich die Kranken- lasse eingeführt haben. Durch solchen Beschluß kann e« nur so weit kommen, daß bei der nächsten Generalversammlung nur der Ausschuß und die Mannheimer Mitgliedschaft vertreten werden. Wir empfehlen die Sache der VorortS-Berwaltung und sämmtlichen Mitgliedschaften zur reiflichen Ueberlegung! Im Auftrage Ant. ZechovSky, Bevollmächtigter. F. 8. Auch machen wir diejenigen Mitgliedschaften, die keine» Delegirten abschicken können, darauf aufmerksam, daß wir geneigt sind, ein Mandat anzunehmen; weiter mögen sämmtliche Mitglied- schaften dahin wirken, daß die Generalversammlung schon de» ersten Feiertag eröffnet wird! Nürnberg(Berichtigung). Der unter Nürnberg aufgeführte Antragsteller heißt nicht Kiers, wie in Nr. 60 angegeben ist, son- dern Rierl. Allgemeiner deutscher Schneiderverein. Aerkin. Zum Bremer Schneiderstrike. An alle Schneider Deutschlands! Soeben erhalte ich von gnt unterrichteter Seite folgende Nachricht: Obgleich alle Zuschneider Bremen« auf Seite der firikenden Gesellen stehen, so hat sich doch ein Zuschneider ge- sunden, welcher stch gebrauchen lassen will. Obgleich derselbe früher auch mit der Nadel sein dürftiges Brov verdienen mußte, fo will derselbe jetzt doch den Fabrikanten Bremens Liebesdienste erweisen. ES ist dieses ein gewisser H:rr Kland, früher einmal Zuschneider bei Adam in Berlin, und ist derselbe uns sehr gut im Gedächt- niß. Derselbe will nämlich die Arbeit außerhalb Bremens fertig machen lassen, namentlich hat er sein Augenmerk aus Berlin ge- richtet, die Rvcke sind alle zur Anprobe gemacht. Deshalb College« gebt Acht und thut Eure Pflicht unfern Bremer Ccllegen gegen über. College« TevischlandS! Seht dem Bremer Strike nicht müßig zu, sondern bedenkt, daß der Arbeitgeberbund über kurz oder lang an Euch mit derselben Forderung herantreten kann. deshalb unterflützt die Bremer Collcgen materiell so viel wie möglich, damit der Arbeitgeberbund von vornherein mit seinem Kartensystem unterliegt. Ave arbeitersreundlichen Blätter ersuche ich, hiervon Notiz zu nehmen. L. Höppner. NB. Unterstützungen sind zu senden an Herrn Aug. Post, Voigtstr. 1, Bremen. k' Kalle a. d. S. 27. April. College» allerorts! Wie ihr wißt, ist es Pflicht eines jeden GewerkichaftS Mitgliedes, unsre Organi sation so viel wie möglich auszubreiten. In Folge dessen wandte ich wich brieflich an die Collcgen unsrer Nachbarstadt EtSleben Ich erfuhr die Adresse eines dortigen Schncidergehilfen von einem Mitglied unsre« Vereins, das früher dort gearbeitet hatte. Der Adressat hieß Hoitsch. Meinen Brief schickte ich am 21. März nach EiSleben ab und wirklich erhielt ich schon am 26. April Antwort. In dem Briefe, der anonym ist, werde ich ein Auf- wiegler, der nicht arbeiten und doch leben will, genannt, e« wird mir mit der Staatsanwaltschaft gedroht und Weiteres mehr. Es ist klar, der Brief ist von einem Colle�en nicht geschrieben, denn soviel Ehrlosigkeit ist einem Arbeiter nicht zuzutrauen. Nun, die Herren Meister, die jedenfalls dahinter stecken, werden uns nicht abschrecken, auch ferner mit aller Kraft für unsre Grundsätze ein zutreten. Julius Beyer. Hieße«. An die Schneider Deutschland«! Unsere Collcgen in Bremen befinden sich augenblicklich im Streite mit ihren Arbeitgebern, weil dieselben sich die reaktionäre knechtende Einführung der Entlassungsscheine nicht wollten gefallen lassen. Bedenken wir, daß auch schon in anderen Städten ei» ähnlicher Versuch gemacht worden ist, so muß sich un« die Ueberzeugung aufdrängen, daß dieses ein von der Gesammtheit entworfener Plan ist, welcher überall durchgeführt werden soll. Ist e« da nicht Pflicht eine« jeden Schneidcrgehülsen, den Kampf der Bremer Collcgen zu dem seinigen zu macheu? Bedenkt, daß unser Aller Freiheit auf dem Spiele steht und tretet ein wie ein Mann für die kämpfenden Brüder dadurch, daß Ihr opferfreudig dieselben unterstützt. 300 Mann haben die Arbeit niedergelegt und Keiner darf dieselbe wieder aufnehmen, bis diese Maßregel von den Meistern zurückgenommen ist; dafür haben wir zu sorgen. Wir wollen nicht schweifwedelnd un« an eine Kette schmieden lassen, deshalb weisen wir mit Energie eine solche Gewaltwaßregel zurück. Die Freiheit, wenn zwar sehr beschränkt, welche wir noch besitzen, sollen unsere Meister uns nicht rauben. Unsere Abhängigkeit von denselben ist doch wahrhaftig groß genug. Durch die heutige kapitalistische Produktionsweise ist unsere Selbständigkeit ganz und gar untergraben, und damit sollen sich die Herren begnügen. Mögen dieselben ihre egoistischen Pläne auf etwa« Andere« lenken, wodurch sie sich vielleicht einige Achtung vor un« erringen können, durch da« vorliegende Ansinnen wird die Kluft, welche zwischen ihnen und uns besteht, nur noch erweitert. Darum, Schneider Deutschland«, einerlei, ob an einer Vereinigung betheiligt oder nicht, thue Jeder seine Schuldigkeit. Lasse sich Niemand eine kleine Mühe verdrießen, und setzt alle Genossen von dem That- bestand in Kenntniß. Es kann Keiner so korrumpirt fein, daß er nicht die Pflicht erkennt, hier eine Beisteuer bringen zu müssen. Aber schnell! Schnelle Hülfe ist doppelte Hülfe! Die Unterstützungen sind zu senden au: A. Post in Bremen, Hankenstraße Nr. 26. Sollte der Fall in Bremen nicht geeignet sein, die Augen Derer zu öffneu, welche sich, wenigsten« anscheinend, bis jetzt so S leichgültig gegen Alle«, wa« zur Verhütung derartiger Fälle von lrbeitera schon geschaffen ist, gezeigt haben?— Sollten nicht auch Diejenigen, welche b>S jetzt einen Lokal- oder Fachverein für aus- reichend hielten, Gelegenheit nehmen, das Bessere einer allgemeinen centralistrten Verbindung anzuerkennen? Schon so oft ist diese Nothwendigkeit vor Augen geführt worden; hier habt Ihr noch ein Beispiel: Unsere Meister sind vereinigt über Deutschland, da« macht dieselben kühn, un« so etwa« zn bieten. Dieselben wissen, daß der Allgemeine deutsche Schneiderverein viel tausend Schneider- gehülfen nicht zu seinen Mitgliedern hat, das macht sie um so dreister. Zieht daher eine Lehre hieran«. Ein Drang nach Vcr- einigung durchzieht die Arbeiterbevölkerung Deutschland». Schneider, Mitarbeiter, erkennt da« Traurige Eurer Lage und erkennt da« einzige Mittel znr Besserstellung derselben: die Vereinigung Tretet massenhaft ein in dieselbe, welche schon vor Jahren ge- schaffen ist. Schon so oft ermahnten wir Euch, Euch an der Be- wegung zu betheilige». Hört diesen Mahnruf endlich wie er ge- hört werden soll und schließt Euch dem Allgemeinen deutschen Schnclderverein an, damit derselbe wird, wa« er sein soll: Eine Schutzwehr gegen die Reaktion und den EgoiSmu« de« Kapital« Mit Brudergruß Balth. Klerx, Geschäftsführer de« Allgem. deutsch. Schneidervereins. F. 8. Alle Zuschriften werden an obige Adresse erbeten, welche jede Auskunft gern ertheilt. Sämmtliche Arbeiterblätter werden um Abdruck gebeten. D. O. Hieß««. Den Mitgliedschaften zurNachricht, daß sich die Kollegen in Fürth in Baiern un« angeschlossen haben. Der Bevollm. heißt Fried. Quatember, im Gasth. zum Mohrenkopf. Der Bevollm in Mainz heißt Karl Jäger, Stallgasse Nr. 12; der Kassirer Franz Fill, Zanggafle Nr. 26. Ferner warne ich vor dem Schneider Alb. Walther au« Mett, Canton Lern(Schweiz). Derselbe hat bei seiner Abreise an« Constaoz die dortige verein«- lasse mitgenommen.— Warum bekomme ich keine Antwort auf meine Briefe von denjenigen College», welche schon längst an ihren Orten Mitgliedschaften gründen wollten? Sie wolle» wohl die günstige Zeit versäumen, um später auf um so mehr Hindernisse z« stoßen. S« ist überhaupt nicht richtig, wenn«an stet« sagt: wir wollen die Bereinigung abwarten, alsdann werden auch wir un« anschließen. Zeigt, daß Ihr Euch wirklich für die Sache interessirt, und vereinigt Euch mit un«, die Gelegenheit ist da; oder sprecht Euch au«, wenn Ihr überhaupt nicht wollt, damit von un« vorgegangen werden kann. Die Adresse de« Hauptkassirer« ist: Wilh. Lohrey, Mühlz.v.72. Mit Brudcrgruß Der Ausschuß. I. A.: B. Klerx. Are«««, 30. April.(Zum.Karten- Strike" der Schneider Bremen« f..Volksstaat", Nr. 48.) Am 28, April hatten wir hier eine öffentliche Arbeiter-Versammlung mit der TageSordnnng:.Der »Karten- Strike der Schneider Bremen«", Referent Herr Carl Kühn. Nachdem da« Bureau gewählt war, ging Referent zu seinem Vor- trag über und beleuchtete in erster Linie den Zweck und die Be- deutung der Arbeitskarten resp. Entlassungsscheine, und hob beson- derS hervor, daß e« die Arbeitgeber hauptsächlich darauf abgesehen hätten, den alten Zunftzwang wieder in verschärftem Maße einzu- führen, um ihre Arbeiter nach Belieben wieder knechten und au«- beuten zu können; erwies ferner darauf hin, daß die Arbeitskarten eine große Bedeutung hätten, da die Arbeitgeber mit Zähigkeit auf deren Einführung bestünden. Wenn> e auch sagten, es seien nur ganz harmlose Dinge, so sei daS doch nur eine leere Phrase, womit sie den unwissenden Arbeiter hinters Licht führen wollen. Wenn anck gesetzlich auf den Karten nichts bemerkt weiden dürfe, so wäre doch über Größe und Farbe deS PapierS kein Gesetz vor- handen, und wenn auch von alledem nichts wäre, so könnten sie schon dadurch eine Contrvle ausüben, weil alle Scheine von dem Bureau der Meister abgeholt werden müssen, woselbst die Namen der Arbeitnehmer gebucht werden. Darum sei e« vor allen Dingen unsere Pflicht, fest zusammenzuhalten, bi« wir den Sieg errungen hätten, und dazu hätten wir bi« jetzt noch die besten AuSsichte», weil wir in geschlossener Phalanx daständen und weil auch Alle be seelt seien von der Wichtigkeit der Sache. Zum Schluß wie« Redner noch darauf hin, daß bei Ausbruch de« Strike« die Sache erst lokaler Natur gewesen sei, jetzt aber blicke die ganze Arbeiter- welt auf un«, weil die meisten Arbeiter den Zweck und die Be- deutung der Karten kenne». Rcd»er forderte»cchmal« auf, fest zusammenzustehen, dann wäre der Sieg gewiß unser; die auswärtigen College» hätten sich auch schon erboten, un« thalkräftig zu unter- stützen. Nachdem sodann noch Hr. Fr ick in treffenden Worten zur Tagesordnung gksprochen hatte, wurde nachstehende, von Herrn Kühn eingereichte Resolution einstimmig angenommen: .Die heutige Versammlung, bestehend au« Arbeitern aller Branchen, erkennt den Strike der Schneider für einen gerechten an, und erklärt e« für Ehrensache aller Arbeiter Bremen«, denselben mit allen Mitteln zu unterstützen." Mit sozialdemofratifchem Gruß I. A. Friedr. Fellermann. Correspondenzen. Mülheim, 27. April. Endlich haben wir e« so weit gebracht, hier wieder eine Versammlung abhalten zu können, und mit Stolz können wir auf da« Resultat derselben blicken; mußten doch Hun- derie wieder umkehren, da der Saal bi« in den kleinsten Winkel besetzt war. Schuhmacher au« Cöln hatte da« Referat über die Tagesordnung:.Die StaatSgcsährl chkeit der Sozialdemokraten und der Arbetterspiegel de« Herrn Hmkort" übernommen. In einer fast Zstündigen Rede setzte Referent die angebliche StaatSgesähr- lichkeit der Sozialdemokraten in« rechte Licht, bewie« durch ojficielleS statistische« Material die Zulänglichkeit unserer Ansprüche, erläuterte dann verschiedene Punkte unsere« Programms, und unterwarf dann den Arbetterspiegel einer beißenden Kritik, wobei er nicht unterließ, ?erade durch die National-Oeconomen liberaler Schule, wie Say, kicardo und John Stuart Mill die Haltlosigtcit der Harkort'schen Sophismen darzulegen. Anschließend an die Ausführungen de« Herrn Schuhmacher geißelte Herr Ekhardt den Fabrikanten(vulxo Arbeitersreund) Harkort in recht derber, humoristischer Weise. So- dann folgte Herr Wytzka und stellte die zitirten Harkort'schen Bibelsprüche dar al« da«, wa« sie eigentlich sind: der Autfluß eine« alternden PietiSmu« und grenzenloser Heuchelei. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, stellte der Vorsitzende Billstein die Gründung eme Wahlverein« nach dem EinigungSkongreß in Aussicht und forderte die Anwesenden zum Anschluß an die Partei auf. Ioh. Moskopp, Schriftführer. Ge«offe«schaftsdr«ckerei zn Leipzig. Wie au« einer Annonce in Nr. 40 de«.VolkSstaat"(9. April d. I.) ersichtlich ist, beabsichtigt der vorstand der Genossenschaft« buchdruckerei im Interesse de« von ihm geleitete» Unternehmen« ein Grundstück zu erwerben. E« ist erfreulich, berichte» zu können, daß auf Grund jener ersten öffentlichen Anregung bereit« die größere Hülste de« zur Anzahlung erforderlichen Bettage« gesichert ist und nur»och 6000 Thaler zu beschaffen sind. Mit Rücksicht auf den, für die GenossenschaftSdruckerei bedeu tungSvollen Schritt, wie al« solcher immerhin der Ankauf eine« Grundstücks zu bezeichnen ist, wurde vom Vorstand der Genossen- schast von vornherein absichtlich der Weg der vollen Oeffentlichleit gewählt, damit eine«theil« alle Mitglieder der Genosscnscbaft von der Sache unterrichtet und anderntheil« alle Gesinnungsgenossen von dem ergangenen Appell berührt und auf« Neue an ihre Pflich ten gegen da« überaus nützliche Druckereionternehmen erinnert wür- den. Der unterzeichnete AufstchtSrath steht nicht an, nun auch sei- nerseit» ein offene» Wort für den beabsicbtigten Kauf zu sprechen überzeugt, daß nur erst ein verhältuißmäßig kleiner Krei« unserer zahlreichen Freunde sich sagen kann:„Du hast deine Pflicht er- füllt," jetzt aber um so mehr da« letztere thun sollte, al« die Ge- nossenschast au einem Punkte angelangt ist, der— wenn einmal überschritten— da« dewährte Unternehme» wirthschaftlich völlig emanzipirt und nach«ffen Seiten sicher stellt. Bezüglich de« Kaufe« selbst halten wir weitere Ausführungen� al« in der Annonce de« Borstande» mitgetheilt wurden, für ge schäftlich unprattisch und insofern für zwccklo«, al« bei der Orga- nisation unserer Genossenschaft de» Mitgliedern die besten Garan- tien strenger Controle und gewissenhafter Verwaltung gegeben sind «ir gestehen gern, daß behuf« Erlangung der noch erforderlichen 6000 Thlr. zwischen einigen Parteigenossen und dem Vorstande schon Verhandlungen schweben, allein sie ziehen sich in die Länge, Serade jetzt, wo e« gilt, rasch zu handeln, um un« die günstige taufgelcgenheit nicht entschlüpfen zu lassen. Denn je rascher der Abschluß erfolgt, desto vortheilhafter wird er für die Druckerei sein. Unsere Aufforderung zur Theilnahme ergeht au alle Gesinnungsgenossen, welche in der Lage sind, ihr In- teresse au dem Gedeihen unserer Sache durch Zeichnung von Aotheilscheinen(1 Schein— 10 Thaler) oder durch Ueberlassung zinsbarer Darlehne gegen eutfprichcnde Sicherheit zu bekunden. Bei der stetigen Erweiterung de« Geschäftskreise« der Druckerei wird die baldige Beschaffung eine« größeren Geschäftslokale«, da da« jetzige Lokal uicht mehr ausreicht, zur zwingenden Nothwcn- digkeit. Die« ist angesichts de« bevorstehenden Umzüge« der Druckerei(am 1. Oktober) entscheidend für die Frage:.ob miethen, ob kaufen". Miethen wir ein neue« Lokal, dann müssen wir uicht uur einen hohen Prei« bezahlen, welcher die ErtragSfähigteit de« Geschäft« schmälert, sonderu un« auch allen Zusällizkeiten eine» MiethSverhältnisse« aussetzen. Beide« ist wohl zu erwägen, zumal die Expedition de«.VolkSstaat" mit der GenossenschaftSbuchdrockerei verbunden bleiben muß. Gleich dem Vorstand hat sich auch der unterzeichnete Aufsicht« rath für den projektirteo Kauf entschieden. Derselbe glaubt damit da« Beste für die Genossenschaft zu treffen und wird in dieser Hinficht ermuntert durch die Gutachten unparteiischer Sachverstäu� diger, welche den Kauf als durchaus empfehlcnSwerth bezeichnen. Mö. e daher dieser Aufruf seine Wirkung thur.! Für die GenossensSaftSbuchdruckerei bestimmte Briefe und Gel» der sind an C. Hadlick, Gevo ssenschaftSbuchdruckerei, Leipzig, Zeitzerstraße 44 zu adreffiren. Statuten und vorjährige Abrechnungen sind von Hadlich gratis zu beziehen. Hamburg, 1. Mai 1876. Der AufsichtSrath. I. A.: I. Auer. August Geib. »riestaste» Quittung der Expedition. R. Mrkl Anger Ab. M. 1.20. W. Wrth« Berlin Ann. 1.40. R. Wllik hier Ab 6.00; Schr. 0.60. Nshbrgr Werdau Schr. 1.70. Rchtr Hamburg Ann. 0.50. Wtzl hier Ab. 0.55. Brth Mainz Ab. 2.70. Bttchr hier Ab. 1.80. Wbr hier Ab. 1.55.«lssg Dresden Schr. 2.00. I. Endr» Augsburg Ab. 77.53. Dr. Bekndhl Fürth Schr. 17 15.__ Für die»uSgesperrtr» Arbeiter der«ogel'schea Fabrik. Bon Augsburg durch Landmann 13 M._ Ludwig. Zam Wahlsond. Von S. in Würzen 3.00. Von Arbeitern der Schleh'schen Eigarren» fabrik d. Fischer Berlin 1.75. Bon einem GefinnungSgenosseu in Aachen 15.00. GeaosseaschastSlachdrllckerei. Autbeilscheine bez. Antheilquitwngeu erhielten serner: In Amsterdam I. B. 300.00._ Anzeigen MT Die rechts in[] angegebene Ziffer bedeutet den Preis der betreffenden Annonce in Reichspfennigen. Wltltäfeltril Literarischer Lereiu. Sonntag, den 9. Mai, Bormittag» 10 Uhr: 2So» vat«-Versammlunz, bei Bierbrauer Eisenmair, vi» i vis der Jakob i- kirche, Nebenlocal, Eingang: vom Thor link«, woselbst auch für die Folge die Versammlungen de« Verein» abgehalten wer eo, worauf die Mit. lieber hiermit aufmerksam gewacht werden. Der Ausschuß. sLO� Montag, den 10. Mai, Abend« 8 Uhr, im Lokale de« Herrn G.Scholz, Wehuerstr. und Klein-Groschm- Breslau gaffen- Ecke: Allgemeine Sozialistcnversammlung. T.-O: Die Wahl der Delegirteu zum Cougreß.— Jeder hiesige Sozialdemokrat wird ersucht zn erscheinen._ Da« Comitö.[60] Sozialisten-Bers ammlung. �UlyUUl JJ Sonntag, den 9. Mai, Nachmittag« 4 Uhr, im Locale de« Wirthe« L. Stern, Unterstraße.— Tagesordnung: 1. Berathnng de« Entwurf» znr Bereinigung sämmtlicher Sozialdemokraten Deutsch- land»; 2. Wahl eine« Delegirten zum Kongreß. Sämmtliche Sozialdemokraten der Umgegend, besonder» Ruhrort, Stockum, Meiderich, Mülheim a. d. R. und Oberhausen, werden ersucht, zahlreich zu erscheinen.______ J. A.: H. Fenuwann.[80J Sozialdemokratischer Arbeiterverein. �IIIUUUiH Sonnabend, den 8. Mai, in Klett'« Gesellschaft»-- garten, Wexstraße 8,(Anfang Abend« halb 9 Uhr): Groffrs Bokal- und Jnstrumental-Concert nebst Ball. Festrede von August Gelb. Saffenprei» 60 Pfennige,«arten im Borau» 46 Pfennige. Damen frei. «arten find ,« haben bei Burmester.Stadt Berlin", großer Neumarkt 44;— Geib, RödingSmarkt 12;— Neeser große Johanni»- straße 11; ferner in den Versammlungen. Zu zahlreichem Besuch ladet ein(2b) Da» Comite.[226] ftrintinl«*«. Alle Brief«, in Betreff der«gatation de» achten Hannoverschen Wahlkreise«, find von heute ab au da» Lomits{>. a.<>. Restaurateur Mathe», Neuestraße 45 zu adreffiren. Da« Agatatious-TomitS jftrtittflitrn Oeffentliche Cigarrenarbeiter-Berfamml»»». Sonnabend, den 8. Mai, Abend« 9 Uhr, im.Salo» zum Roland", 1. Jakobstraße.— Tagesordnung: Die Bereinigung der Arbeiter in politischer und gewerkschaftlicher Beziehung. Resereut: Herr Breuel.— Um zahlreiche Betheiltgung ersuch«. I. Richter.[50] fösptmftfmrfM»«'»emokraüscher Arbeiterverein. <3 V i 1 1 UP s UJ U U| 1 1 Die Mitglieder werten ersucht, Sonnabend, de« 8. Mai pünktlich zur Sitzung zn erscheinen. Tage« Ordnung: Der Einigung»- Eongreß.— Auch wird um dir Steuer gebeten.__ Der Borstand.[50] Leipzig Freitag, den 7. Mai, Abend» Punkt 8 Uhr, im Saale der„Tonhalle": (Einlaß in den Saal'/e8 Uhr) Allgemeine Wählerversammlung. Tagesordnung: Bortrag de» Retch»tag«kandidaten Augnst Bebel. bIL. Den Anordnungen der an rotheu Schleifen erkenntlichen Ordner» ist Folge zu geben, und wird ersucht, nicht auf Tische, Stühle und Bänke zu steigen. Da« soz.-dem. Wahl- Komitee. I. W. Fink.[90] ifolhlilt Metallarbeiter. Giwerischast. Mittwoch, den 12, Mai, Abend« 8 Uhr: Versammlung Nicola« straße Nr. 38(im goldnen Ring). Tagesordnung: 1) Wahl eine« Delegirteu zur Geueralversamwluug. 2) Diskussion über eingelaufene Anträge. Da» Erscheinen Aller ist unbedingt nothweudig.— Aufnahme ueoer Mitglieder._[7H 50 SaMer finden sofort lohnende und dauernde Arbeit. Militair- Armatur- Fabrik Fra«tf«rt»m Main, La»gestraße 23.[so» Soeben erschien in 2. Auslage Die industrielle Arbeiterfrage und die Forderung eine« Neuen Arbeitsrechts. Bortrag, gehalten auf der Volksversammlung de« Eongresse« de« sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu Coburg am 19. Juli 1874 von Th. Uorck Preis 25 Pf. pro Exemplar. Der aus dem Verkauf dieser zweiten Auf- läge sich ergebende ReiA-Gevi«« ist für die Hin- terbliebenen Jorck's bestimmt. Die Expedition des„VolkSstaat". Berautwortlichcr Redakteur: H. Rtndt. Redaktion Hohestraße 4, Expedition Zeitz erstraße 44, in Leipzig. Druck and Berlag der»enoffenschastlbachdruckeret[in Leipzig.