Erscheint in Leipzig Mittwoch, Freitag, Sonntag. Bestellungen nehmen an alle Postanstalten u. Buchhand- langen des In- u.Anslandes. Filial- Expeditionen für die Vereinigten Staaten: F. A. Sorge, Box 101 Hoboki u, N. J. Peter Haß, 8. W. Corner Third and coates etr. Philadelphia. Abonnementspre» für ganz Deutschland 19l.fiOPj. pro Quartal. Monats- Abonnement» werden bei allen deutschen Postanstalten auf den Sien u. llten Monat und auf den 3ten Monat besonders an- genommen; im Kgr. Sachten u. Hrzgth. Sachs.-Altenburg auch auf den Iten Monat des Quartals i, 54 Pf. Organ der Sozialistischen Arbeiterdartei Deutschlands. Inskrale, die Abhaltung von Partei-, Vereins- und Volksversammlungen, sowie die Filial-Expeditionen und sonstige Partei-Angelegenheiten betreffend, werden mit 10 Pf.,— Privat- und VeranuaunaS- Anzeigen mit 25 Pf. die dreigespaliene Petit-Zeile berechnet. hr. 108. Sonntag, 19. September. 1875- Politische Uebersicht. — Glückliches Deutschland! Wie„geordnet- und„vor- lrefslich- unser Militäiwesen ist, dafür«erden jetzt von einer Seite Beweise erbracht, der auch das ungenirteste Reptil nicht den Borwurf der ReichSfeindllchkeit oder tendenziöser Entstellung der Thatfachen machen kann. Bei den in München stattfindenden Verhandlungen deS„Vereins für öffentliche GesundherlSpflege", find nämlich über die bisher übliche Ernährungsweise der Armee Ersahrungen mitgetheilt worden, die von Seiten des Referenten, Dr. Voit, mit vollem Recht und in schlagender Kürze in den niederschmetternden Satz zusammengefaßt werden konnten:„Es ünrd gegenwärtig für die Pferde besser gesorgt als für die Soldaten-. Der sogenannte eiserne Bestand ist ein wahrer Hohn auf den menschlichen Organismus. Das Schlimme liegt Morgens gibt es Kartoffeln und Schwarzmehlsuppe; die Suppe wird in einer großen Schüssel auf den Tisch gestellt; um dieselbe herum«erden Kartoffeln geschüttet, alsdann werden die Kartoffeln mit Suppe hinunter gespült. Ueber die Eigenschaften des Schwarz- mchls habe ich bis jetzt noch nichts Genaues erfahren können. Wir glaubten anfangs, eS sei das letzte Mehl, welches aus den Kleien gefiebt werde. Aber ein recht strenger Winter ließ unS daran zweifeln, denn hier reichte daS Schwarzmehl nicht auS, und da man nicht wehr als einen Silbergroschen pro Pfund geben konnte, so schritt man selbst zum AuSfieben der Kleie, um davon Suppe zu machen, und merkwürdiger Weise war letztere schmackhafter als das Stwarzmehl. Von da ab glaubte man, das Schwarzmchl fei der Abgang beim Spitzen und der in der Mühle zusammen- gefegte Staub. DaS Mittagessen ist je nach der Jahreszeit ver- schieden, eS besteht aus blauer Grütze, oder Graupen und Hirse, w dem unbr streitbaren Umstände, den der frühere preußische, jetzt istrner auS Wasser-, Runkel-, Mohr- und Kohlrüben, welches mit sächfische Generalarzt Dr. Roth in der Debatte treffeud hervorhob, Schwarzmehl oder ausgesiebten Altleu mit-mer Bennischung von ts sei ohne eine Erhöhung deS MilrtäretatS, die absolut eine Auesicht aus Genehmigung von Seiten des ReidiStagS habe, einfach gar nicht möglich, die Soldaten der Armee vor dem zu bewahren, was von dem Referenten als„Zustand deS all- «äligen VerhungeruS" bezeichnet wurde. Mit andern Worten: Trotz der fast erdrückenden Last deS Militärbudgets sind die Sol- daten deS stehenden Heeres nicht vor einer ungenügenden Ernäh- rungSweise geschützt, welche die einschneidendsten Folgen für ihien Organismus mit sich bringen muß, insoweit nicht durch ander- weilige Beschaffung von Nahrung, durch daS also, waS, wie Dr. Voit in München uieinte,„auch die ärmsten Eltern ge- zwungen sind, sich am Munde abzusparen, um ihren Sohn damit in der Kaserne vor Hunger zu schützen-, eine Nachhilfe ge- schieht. Zunächst ist hiermit festgestellt, daß das Militärbudget, so hoch eS auch ist, nur einen Theil der materiellen Militärlast darstellt. Da nun ferner sehr viele, wenn nicht der weitaus größte Theil aller Soldaten von Hause gar keine Unterstützung erhallen kann, so ist außerdem laut amtlich- sachverständigem Zeugmß die Moltke'sche„beste Volksbilvungsanstalt-— daS„herrlrch- Krieg». Heer"— zugleich gekennzeichne', als die hohe Schule deS un- ausgesetzten MenfchenquäleuS und MeuschenruinirenS — auch in Friedenszeiten! — BiSmar ck'S politische Weis heit und deutsche ReichS- errungenschaften. In einer Besprechung, welcher die„Volks- zeitung- die Ursachen der wirthsckaftlichen Krise unterzieht, sagt daS Blatt:„Woran kranken wir? WcShalb ruht unsere Fabrikation? Woher die schlechte Handelsbilanz? Woher die Entlassung von Arbeitern, die Verminderung der Arbeitsstunde? Die Antwort ist schlicht genug: DaS Ausland bestellt nichts mehr bei uns! Warum nicht? Weil wrr nicht mehr so billig arbeiten wie früher. Und weshalb können wir nicht mehr so billig arbeitet? Weil bei uttS alle LebenSberürfnisse in die Höhe geschraubt sind. Brod, Fleisch, Kleidung und Obdach ist um daS Doppelte ge- stiegen. Der Ardeiter kann nicht billig arbeiten. Woher aber da«? Hier liegt der Punkt, um den unzählige Menschen, die ihn etwa» Talg eingebrannt wird. Auch Kartoffeln in Salz gestiebt oder mit Buttermilch bilden wohl das MittagSessen. Das Abend- essen bilven Kartoffeln mit Suppe aus Syrup, Buttermilch und Salz; in sehr seltenen Fällen gibt eS Butter dazu, letztere wird nur bei der VeSper, welche au« Butter und Brod besteht, ver- braucht. DaS und nichts Anderes ist die Nahrung der fchlestschen Handarbeiter. Ueber den Arbeitslohn werde ich ebenfalls aus eigener Erfahrung berichten. Mein Vater bekam im Sommer 6 Sgr., im Winter 5 Sgr. Tagelohn, die Mutter im Sommer 3'/» Sgr., im Winter 2'/a Sgr. Nur Diejenigen, welche über die Grenze gingen, erhielten einen Lohn von 7'/, Sgr. der Mann, von 5 Sgr. die Frau. Diese Leute aber erhalten aus dem ein- zigen Grunde im Winter gar keine Arbeit, weil sie im Sommer dahin gehen, wo sie am Meisten verdienen. Freilich sind eS sehr wenige, und wollte man den Durchschnittslohn danach berechnen, so würde man einen großen Jrrthum begehen. Wohl mag der Lohn in letzter Zeit etwaS gestiegen sein, aber ebevso ist, so viel ich weiß, jetzt die FrühstückSzeit von einer Stunde auf eine halbe Stunde, die Mittagszeit von zwei Stunden auf eine Stunde redozirt worden, so daß die Arbeiter ihr Essen nicht mehr in jener Zeit kochen können und lediglich auf Brod und Kartoffeln ange- wiesen sind. Diese« verschlechtert ihre Lage noch, weil selbst der erhöhte Lohn den Ausfall ui«dt deckt, der dadurch entsteht, daß sie mehr vom theuren Brod konsumiren." — Die„anständigen Leute- unter sich. Vor einigen Tagen kam wieder einmal eine Scene ungeheuren Skandals vor, deren Opfer, angeblich in Folge eine» Mißverständnisse«, der Ver- leger der Berliner„Börsenzeitung-, Hr. Killisch von Horn, gewesen ist. Die„Rationalzeitung- spielt sich als Freundin und Beschützerin de« ehrcnwerthen Killisch aus, eines Menschen, der während des Gründung; chwindel« al« Honorar für fern ganz unparteiisches Ber- theidigeu aller, auch der schmählichsten Gründungen mehrere Millionen Thaler eingestrichen hat.„Gestern-, schreibt daS Blatt,„spielte sich an der Berliner Börse eine Scene ab, welche deutlich zeigte, daß der Begriff von Anstand und Sitte vielen Börsenbe nicht fortleugnen können, alle möglichen und unmöglichen Wen. sucheru abhanden gekommen und die strengste polizeiliche lieber. düngen machen, um ihn nicht zu sehen, oder mindestens nicht zu wachnng eine dringende Nothwendigkeit geworden ift.� Es giebt zeigen. Und dieser Punkt ist: DaS Unheil der Millardeu!- Freut euch doch, ihr Nationalliberalen! — Neud eulsche Finanzpolitik und die SchnapSbren- herei. ES ist bereits mänuiglich bekannt, daß unsere unübertriff lich günstigen ReichSzustände eine gründliche Eischwerung der süßen Steuerbürde nöthlg machen. Man wählt natürlich als Objekte der neudeuljchen Finanzkunst die indirekten Steuern, weil diese ja von besonderem Vorlhelt sind für das Volk— in Glacähandschuheu. Der Punkt, an dem man diesmal Mit der so allgemem beliebten Energie den Hebel ansetzen wird, ist die Brausteuer, die man nur zu verdoppeln gedenkt. Es ist die« eine»ngemeiu ge- schickte Wahl: ersten« gelingt eS dadurch der ReichSregieruug, sich w Sübdeutschland, vorzüglich in ganz Baiern, auf dre einfachste Art von der Welt noch viel verhaßter zu machen, al« sie schon ist, zweitens wird damit die Verbreitung des unschuldigeren Bier- genusses zu Gunsten MS die Voikeroheit in der ersprießlichsten Weise fördernden SchnapSkneipenS gehindert——— die SchnapSbreuner von ganz Deutschland mögen vertrauensvoll und dankbar nach Barzin bl cken, eingedenk de« dem �nob» io»ovo pittorv!(„Auch ich bin ein Malerl- AuSrnf deS berühmten ita- lienifchea Maler« Eorreggio. R. d. V.) des Correggio nachgebil- beten eiusach-edlen Worte«:„Auch ich bin ein SchnapS- �rennerl- — Die Lage der schlesischen Laudarbeiter. Anläßlich der, von dem Engländer Smith an den Pranger gestellten, Schönfärbereien und WahrheitSverkleisterungen de« frommen Herrn Pros.fforS von der Goltz schreibt ein Arbeiter, der aus PeterSdorf im Kreise Niwbsch in Schlesien gebürtig ist, dem„Neuen Sozial- Demokrat-: «Obwohl ich seit 10 Jahren meiner Heimalh den Rücken ge- kehrt habe, müsse» sich in dieler Zeit die Verhältnisse, nach dem, was ich gehört, f-hr wenig geändert haben, und meme damaligen Erfahrungen werden auch heute noch gelten. Ich werde wich übrigens lediglich auf meme Erlebnisse im Vaterhaufe beschränken, wobei ich aber bemerke, daß mein Vater gewissermaßen zu den �tssergestellten geHörle, da er einen WohnungSzinS von 9 Thlr. jiihrlich zahlte, während die Mehrzahl der Wohnungen nur 3. 4 Teipzig, 14. Sept. Da» Benehmen de« Dr. HanS Blum in der Beisammlung der„Liberalen- am letzten Donnerstag hat Setteu» de« liberalen Wahlkomitö» selbst eine DeSavouiruug er- fahren. DaS Eomitö erklärt am Montag i«„Leipziger Tage- _____ dlatt-, paß jene Abweisung der Sozialisten und die Requisition -no kT Thl'r. kostete. Der Kücheuz'eitel aber ist solgender: DeS der Polizei nicht vom ihm»uSgegaogeu sei. Thatsache ist, daß Leute, welche kein« andere Autorität al« diejenige der Polizei an erkennen, die nur diese fürchten izud respektiren. Ein strenges Ge- richt ist uothwendig, weil die gestrige Scene zeigte, welchen Mög- lichkeiteu mau an der Börse ausgesetzt ist, und in welchem Grade eine durch Rohheit und Skandalsucht hervorgerufene Anarchie Platz gegriffen hat. Hier kann nur eine rücksichtslose Strenge helfen; eine Strenge, welche leider bisher vermißt wurde. Die Ruhestörer müssen von der Börse aus immer entfernt werden«. Die„Na- tionalzeitung« geht in ihrer Entrüstung ein wenig zu weit! Wenn der sehr ehrenhafte Herr Killisch heute aus der Börse hinausge- worfen und weniger in seiner Ruhe, als in seinem Geschäft ge- stört worden ist, so geht er morgen wieder hinein und„arbeitet- u« so fleißiger— mit den Gegnern von heute kann er ja morgen wieder gut Freund sein, er braucht ihnen oder ihren Brodherren nur etliche journalistische Gefälligkeiten zu thun— man kennt da« ja! Anständige Leute schlagen sich, anständige Leute ver- tragen sich. Gewerksgenossenschaftliches. verband der Klempner(Spengler) und Berufsgenossen. Knmbnrg.(Warnung.) Sämmtliche Klempnergesellen wer- den vor Zuzug nach Pinneberg in Holstein gewarnt, indem daselbst eine Masseumaßregelung stattgefunden hat. Unter den Gemoßregelten befinden sich mehrere Berheirathete. In Lausanne und Kopenhagen find Strike« ausgebrochen und wird auch vor Zuzug»ach dorthin gewarnt. Nähere Berichte folgen. Mit Gruß für die Verwaltung de« Verbände«. W. Metzger. Große Drehbahn 31». Correspondenzen. die Anständigen unter den Liberalen da« Verfahren in jener Ber- sammlung heftig tadelten; ebenso ist eS aber auch Thatsache, daß sich in ganz Leipzig unter der liberalen Partei kein Zweiter ge- funden hätte, der die traurige Rolle deS Dr. HanS Blum zu spielen fähig gewesen wäre. Herr Dr. HanS Blum genießt den Ruhm, mit dreister Stirne Dinge auszuführen, für die jeder seiner Parteigenossen— der Post Leonhardt im„Leipziger Tageblatt" nicht ausgenommen— sich für zu gut hält. Da« Benehmen der Leip- ziger Polizei war bei jener Gelegenheit so, wie man eS von dem Leipziger Polizeichef, von Herrn Rüder, erwarten konnte. Wenn in dem Bericht der letzten SonntagSnummer des„VolkSstaat- daS Verhalten des Polizeichefs so dargestellt ward, als habe dieser sich Anfangs geweigert mit Hinweis auf die öffentliche Einladung zur Versammlung, die polizessiche Hilfe zur Abweisung der Sozia- listen zu gewähren, so hat sich die* al« falsch erwiesen. Herrn Rüder war im Gegentheil die Gelegenheit, den verhaßten Sozia- listen Eins auswischen zu können, ein gefundenes Essen, und er stellte nicht nur ein ganz erhebliches Contingent seiner Polizeimann- schast zur Verfügung— wir zählten nicht weniger al« 12 be- Helmte und besädelte Diener der heil. Hermandad, die nach und nach in daS Lokal einrückten, ungerechnet die„Geheimen", die un- gezählt sich überall in und um da« Lokal bewegten— sondern er gab ihm auch, gewissermaßen als Adjutanten, den Polizeilieutenaut Döbler, der ständiger ZwangS-Gast in den Sozialistenversamm- langen ist und alle Gesichter kennt, bei. So oft der erwähnte Polizeimann ein bekanntes oder ihm verdächtiges Gesicht heran- kommen sah, gab er Blum einen Wink, woraus dieser den Zutritt verweigerte. Die Leipziger Polizei hat also im wahrsten Sinne des Worte« der liberalen Partei Bütttldienstc geleistet, und damit die Zärtlichkeit vergolten, womit sie Seitens der Liberalen auf Kosten de» Stadtsäckels pousstrt wird. Wir wissen jetzt wenigsten», warum die„liberale- Stadt Leipzig, die Stadt, die von sich rühmt „keinen Pöbel zu besitzen«, für ihre Polizei jährlich über ein- hunderttausend Mark verbraucht. Notabene, wa» den„Pöbelanbetrifft, den nach Ansicht der Liberalen Leipzig nicht besitzt, so hat un» daS nach Durchsicht der Wahlartikel und Wahlannoncen des„Leipziger Tageblattes« nicht recht einleuchten wollen. Darnach schien es uns in Leipzig an Pöbel nicht zu fehlen, und zwar ist dieser in den Reihen der„gebildeten und gesitteten« Liberalen Leipzig« zu suchen, die sich durch recht pöbelhafte Angrisse und die gemeinsten Denunziationen gegen ihre Gegner auSzeichneteu. Der „Sieg«, den die„Liberalen« heute freudetrunken in die Welt posaunen werden, wurde ihnen erleichtert durch die massenhafte Nichlbetheiligung der Kleinbürger und stimmberechtigten Arbeiter. Bon 5600 Wählern haben nur etwas über 1300 gewählt, wovon 1260 Stimmen auf den„liberalen" Herrn Advokat Krause fielen. Und eS würde diese Stimmenzahl nicht erreicht worden sein, wenn nicht das„Leipziger Tageblatt« in den letzten Tagen wie ein Ber- zweifelt« die Lärmtrommel gerührt und in allen Tonarten seinen Anhang zum Gang nach der Wahlurne angestachelt hätte. Die Kapacität de« stegreichen Candidaten wird am Besten durch eine A ußerung eine» hervorragenden Liberalen illustrirt, welcher sagte: „Es sei traurig, daß man einen so unbedeutenden Menschen wie Krause aufgestellt, aber nachdem seine Aufstellung erfolgt sei, müsse er als Parleimann für ihn stimmen.« Bon den 1260 Wählern, die für Herrn Krause wählten handelten sicher 1200 nur wie dieser Eine, au« ParteidiSciplin. Glückliches Leipzig! Aurgstädt, 15. September. In Nr. 106 d. Blatte» steht ein« Notiz über„Kapitalistische Ausbeutung in Süd- Rußland«, welche zeigt, daß daselbst Fabriken existiren, wo Tag und Nacht bei 12- stündigem Wechsel der Arbeiter gearbeitet wird. Gewiß werden sich beim Lesen obiger Notiz Viele sagen: die russische Bevölkerung ist doch noch gar weit zurück, bei un« in Deutschland würde man derartigen Fabrikanten bald da» Handwerk legen. Weit gefehlt l Hier in Burgstädt und Umgegend, in HartmannSdors, Frohna, Limbach u. s. w. ist die Handschuhsabrikation ein vielbetriebener ErwerbSzweig. Die meisten Handschuhfabrikanten haben 2— 3, auch noch mehr, eiserne Drehkettenstühle, woraus die Handschuh- stücke gefertigt werden. An jedem Stuhl arbeiten gewöhnlich 2 Arbeiter, die ebenfalls alle 12 Stunden wechseln, damit der Stuhl Tag für Tag seine 24 Stunden im Gange bleibt. ES giebt nun allerdings auch anständigere Fabrikanten. Einige beschästigen wohl 2 Arbeiter an einem Stuhl, lassen aber schon nach 3 Stunden wechseln, so daß der Stuhl nur 16 Stunden täglich im Gange ist. Andere, indeß die wenigsten, haben für jeden Stuhl nur einen Arbeiter, und dieser arbeitet dann gewöhnlich 12 Stunden täglich. Wenn nun die Letzteren ganz gut bestehen, und thatsächlich wohl- habend werden, so ist eS um so verbammenswerther, daß die erstgenannte Sorte Ausbeuter, welche die weitaus größte Zahl sind, ihre Arbeiter in der beschriebenen Weise schindet; aus der andern Seite ist e» höchst beklagenSwerth, daß die Arbeiter, welche bei ihrem Hungerlohn(3—4 Thlr. wöchentlich) den Arbeitgebern mit ihrer Arbeit auch ihre Gesundheit opfern, bi« jetzt noch nicht durch Vereinigung den sie bedrückenden U-belständen abzuhelfeu ge- sucht haben. DaS sind auch russische Zustände— die in Burgstädt und Umgegend, einem sozialdemokratischen Wahlbezirk im König- reich Sachsen. N. Dimbach, 7. September. Montag den 31. August hatten wir hier in HobenstrickS Gasthof eine so stark besuchte Versammlung, wie sie Limbach seit Jahren nicht gesehen. Da« geräumige Lokal war Kopf an Kops gefüllt, und unter den zahlreich Anwesenden auch da» Häuflein der Gegner, welche die Neugierde ebensall» an- gezogen. Der Vortrag Bebel'« über die Stellung der Sozialisten iur Sedanfeier wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört und unter lebhaftestem Beifall geschloffeu. Die Bersammlnag bekam aber erst ihre rechte Würze, als einer der anwesenden Gegner sich zu einer nicht eben geschickten Jaterpellation erhob, die unter lautem Gelächter der Versammlung vom Referenten beantwortet wurde. Der arme Interpellant, durch die Antwort und die Heiterkeit der Versammlung perplex gemacht, suchte dennoch mit echt bäurischer Hartnäckigkeit— der Fragesteller war ein großer Gutsbesitzer— und zur größten Berzweiflung feiner GcsiununzSgenoffen, welche die Selbstblamage begriffen, feine Opposition fortzusetzen. Dies führte zu neuen und ärgeren Niederlagen, bis ihm endlich die Selbsterkenntniß seiner Ungeschicklichkeit ausdämmerte und er das un- dankbare Geschäft des OpponirenS aufgab. Eine Resolution, welche sich gegen die Feier deS SedanfesteS erklärte, fand schließlich fast einstimmig Annahme. Koheustei«, 9. September, Die bevorstehende partielle säch fische LandtagSwahl hatte einige wahlberechtigte hiesige Parteigenossen im Verein mit solchen zu Ernstthal, Meerane und Waldenburg veranlaßt, eine Candidatur aufzustellen. ES ist das erste Mal, daß wir in die Landtagswahlagitation eintreten, denn der größte Theil der Parteigenossen ist durch den WahlgesetzcensuS, welcher einen Thaler direkter StaatSsteuer beträgt, ausgeschlossen. Die Wahl ist also nur ein Versuch, dessen Resultat zweifelhaft ist.(Bebel ist mit 69s gegen 899 Stimmen unterlegen. R. d. V.) Bebel war vorigen Sonnabens hier und legte in einer zahlreich besuchten Volksversammlung sein GlaubenSbekenntniß ab, wobei er ein wenig fchmeichelhafteS Bild von der Thätigkeit des sächsischen Landtags und namentlich der sogenannten liberalen„Volksvertreter" ent- warf. Die Versammlung erklärte sich einstimmig für die Auf stellung Bebels als Candida,. Hinge die Wahl von der Masse ab, kein Zweifel, er würde eben so sicher und mit der gleichen Majorität wie zum Reichstag gewählt, aber die Stimmung und Gesinnung der Masse gibt nicht den Ausschlag, und wie weit unser Einfluß unter die CensuSmänner reicht, und ob es hier gelingt, die Mehrzahl derselben überhaupt zur Wahlurne zu bringen, muß die Erfahrung lehren. Die früheren Laadtagswahlen fanden hier kaum Beachtung. Nächsten Sonnabend wird Bebel in Sachen seiner Candidatur in Ernstthal ebenfalls sprechen.*) Straßburg i. K., I. September. ES ist noch kein ganzes Jahr her, daß die Arbeiterbewegung am hiesigen Orte zu den be rechtigtsten Hoffnungen Anlaß gab. Aber seit dem schmählichen Rücktritt deS früheren Vertrauensmannes Jung, also seit ungefähr einem halben Jahre, ruhte die hiesige Arbeiterbewegung fast ganz, und daS Vertrauen zu unfrer Partei wäre fast gänzlich unter graben worden, wenn nicht etliche zugereiste Gesinnungsgenossen die Sache wieder in Fluß gebracht hätten. Gegenwärtig ist eS gelungen, eine Schuhmachergewerkschaft, welche vor der Hand nur aus 20 Mann besteht, ins Leben zu rufen, und es ist Aussicht vorhanden, daß sich die gewerkschaftliche Bewegung auch auf andere Branchen ausdehnen wird. Freilich thut ein zuverlässiger Agitator Roth, wenn wir weitere Fortschritte machen sollen. Ich richte daher an etwaige mit Rednertalent ausgestattete Parteigenossen der Umgegend die Bitte, ihr Domizil in Straßburg zu nehmen, falls sie ihren Wohnort zu wechseln gesonnen sein solliea. Der Boden hier ist gut, er muß nur bearbeitet werden. Etwaige Briefe in der beregten Angelegenheit sind zu richten an Gustav Dantzer, Reibeisenstraße 10 in Straßburg im Elsaß, und werden die Partei- blätter ersucht, von Obigem Notiz zu nehmen. Z>a«jig, 6. September.(Die Rohheit unserer Gegner.) Am Sonnabend hielten wir hier im„Gasthaus zur Sonne" eine gut besuchte Arbeiterversammluug mit der Tagesordnung: „Unser Programm und die verläumderische Denunziation des Redakteurs Bollmann gegen Otto Kapell", ab. Ja derselben zeigte der Referent, Parteigenosse Otto Kapell, wie der Redakteur der „Danziger BolkSzeitung", Herr Bollmann, den Allgemeinen deut- fchen Zimmererverein denunzirt hat, indem Herr Bollmann in seiner„kopflosen" Zeitung sagte, der deutsche Zimmererverein habe die Erbschaft des geschlossenen Allgemeinen deutschen Arbeitervereins angetreten. Referent wies nach, daß der Allgemeine deutsche Arbeiterverein ein politischer Verein gewesen sei; da nun laut Statut Jeder aus dem deutschen Zimmererverein ausgestoßen wird, welcher innerhalb desselben Politik treibt, so sei dies eben eine verleum- derische Denunziation den Behörden gegenüber, daß er den Zim- merervcrein zu einem politischen stempeln wollte. Hierauf erläu- terte Kapell unser Programm in ca. anderthalbstündiger Rede und setzte den Versammelten unsere Prinzipien in klarer und verstand- licher Weise auseinander. Trotzdem man von verschiedenen Seiten versuchte, den Reserenten durch Pfeifen und Rufen außer Fassung zu bringen, erntete derselbe während und am Schlüsse seines Vor- träges lebhaften Beifall. Darauf ergriff der Polizeisekretär Herr Stein daS Wort und behauptete in eleganter Redeweise(mit dem Klemmer aus der Nase!), sämmtliche Gelder, welche durch die Mitglieder der Parteikasse zuflössen, würden zu zwei Zwecken ver- wendet. Ersten» zur Ausbildung von Agitatoren, zweitens für Ingenieure, welche den Auftrag hätten, eine Brücke von hier nach dem Monde— wir tagten in der Sonne— zu bauen. Da er uach eigener Aussage nicht verstehen konnte, was der Sozialismus eigentlich bezweckt, so erklärte er, daß der Sozialismus erstens der Wissenschaft, zweiten» dem Verstand, und drittens, was das Aller- schlimmste sei, der Logik in'« Gesicht schlage; hieraus ein militäri- scheS Kehrt und— weg war er. Herr Bollmann versuchte in längerer Rede die Theorien de« Sozialismus zu widerlegen, wußte aber nichts weiter, als grobe persönliche Angriffe gegen den Refe- reuten, vorzubringen. Da Referent vorhin gesagt hatte, er sei stolz darauf, Zimmermann zu sein, so forderte Herr Bollmann die Versammelten auf, demselben die Hand zu reichen, und sie würden finden, daß die Zimmereraxt keine Schwielen zurückgelassen hat, da er in letzter Zeit nur von Arbeitergroschen gelebt und nicht mehr gearbeitet habe. Referent bewies Bollmann, daß derselbe in seiner anstreicherische»» rcsp. malerischen Laufbahn als besoldeter Agitator der Jsaak-Audreack-Hirsch-Dunckerschen Partei auch von Arbeiter- aroschen gelebt hat, bis er endlich zum Redakteur eine« winzigen Beiblatts der oben genannten„kopstosen" Zeitung avaucirte.— Serr Märiens ergriff nachher da« Wort, um eine komisch- äffische omödie aufzuführen, indem er unfern Parteigenossen Schlömp in Sprache und Haltung nachzuahmen suchte. Trotz mehrfach wieder- Holter Aufforderung von Seiten Kopell'S konnte von gegnerischer Seite nicht bewiesen werden, auf welche Weise die Ausbeutung de« Menschen durch den Menschen ander« gehoben werden könnte, als wie e« unser Programm besagt. Trotz dieser moralischen Nieder- läge der Gegner waren die anwesenden Arbeiter, welche Kapell lebhasten Beifall gespendet hatten, indifferent und unselbständig genug, nachfolgende Resolution mit Majorität anzunehmen:„Die heutige Versammlung erklärt, daß sie dem Vortrage deS Herrn Kapell wegen de« darin enthaltenen UusinnS keineswegs zustimmen kann, ebenso wie sie erklärt, niemals der Sozialdemokratie ange *) Diese Versammlung hat stattgefunden und zwar mit dem gleichen Brsolg wie in Hohenstein, wir halten darum die Veröffentlichung eine» besonderen Bericht» für überflüsstg. R. d. V. hören zu wollen." Daß die Ueberrumpelang mit dieser Resolution kein Sieg der Gegner war, beweist, daß auch in dieser Bersamm- lung Mehrere unserer Partei beitraten. Herr Bollmann hielt eS schließlich für nothwcndig, die Versammlung nochmals aufzufordern, Herrn Kapell beim HinauSgehea in freundschaftlicher(?) Weise die Hand zu drücken. Diese Aufforderung wurde besonder« dadurch ckarakteristrt, daß Herr Tischlermeister Koppen, beiläufig gesagt, der Leiter der Versammlung, und Andere mehrfach riefen, die Lampen auszulöschen, damit„er" endlich von der Tribüne herunterkäme. Wir vereitelten jede etwaige Rohheit jedoch dadurch, daß einige 40 Parteigenossen Kapell in ihre Mitte nahmen und nach Hause begleiteten._ R. Schlömp, Agent. Zn»ere Partei- Aagelegenhelte«. Der Parteikasse find seit de« 1. September d. I. sür nachbe- nannte Fonds folgende Gelder zugegangen: ». Unterstützungsfond: Berlin von F. Werthmann Mark 15,00; Potsdam durch F. Haburg 3,00; Bremen d. Rohwer v. Verbrüderungsfest 17,35; Altona d. F. v. einer Versammlung 6,25; Hamburg d. Metzger 1,50; äo. v. Lütken» 2,40; äo. v. Böhme 3,00; üo. v. Merten» 1,00; äo. v. Arbeiterfrauen- Ber. d. Frau Jaland 150,00; äo. v. Hauschiid'S Fabrik d. Gerner 1,50; äo. v. der Lustfahrt der Zim- merer d. GöSke 2,10; äo. v. Steinhagen' S Tischlerwerkstelle 5,00; Oitensen Cig.-Fabrik Bartz 18,00; äo. Stein'S Fabrik d. Hausherr 23,00; äo. v. Lassalle'S Todtenfeier d. Heerold 43,43; Hohenfelde-Burgfelde d. Schröder v. Arbeiterfest 15,80; Neu- stadt i. H. d. I. H. Haß 3,08; Leipzig d. W. Fink 6,00; No- waweß d. Bauer auf Kremserpartie 2,60; Celle d. Wichtendahl 8,20; Reutlingen d. C. Starck 6,02; Geestendorf d. Braune v. Wolfersdorf 3,00; Calau d. Bommel 0,60; Heusenstamm d. An- derheit 0,40; Augsburg d. I. Endre« 6,00; Elberfeld d. Harm 10,00; Marburg d. Klein 1,00; Constanz v. Lassalle'S Todtenfeier v. d. Schneider-G. d. Freitag 7,00; Regensburg d. MalgerSdorfer 1,40; Groß-Berkel d. Heinemann v. Arbeiterfest 1,50; Flensburg d. Lciding 18,00; Wandsbeck v. Zorn'« Cig.-Fabrik 7,50; Garten- feld d. Förster- Bruns 9,50; Braunschweig durch Ostermann 6,13; OggerSheim d. Qaeva 3,00; Pirna d. Jfaack 1,00; Husum d. Luth 2,00; Meiningeo d. Güth 0,55; Hamm d. Westphal 1,00; Langenberg d. Kühnrich 0,50; Delmenhorst d. Friedrich 7,00; Groß-Auheim d. Kronenberger 6,00; Großenhain d. Günther 0,60; Berlin d. Bäthke 1,20; Geithain Kindtaufe bei Stahl 1,20; Itzehoe 12,10; Altona Meibohm'S Cig.-Fabrik d. Bauer 3,00; do. Hähner's Cig.-Fabrik d. Ähren» 24,00; do. Fränkel'S Cig.- Fabrik d. Schröder 6,00; do. v. Bau- und Erdarbeiter B. 50,00; — ferner durch Bermittelung der Expedition de«„Neuen Social- Demokrat" zu Berlin: Berlin v. H. Z. 1,50; do. d. Sliegener v. Akkordträgern d. Dorolhecn- u. Wilhelmstr. 4,25; do. d. Ahrend v. Bau Elbingerstr. z. Geburtstage 3,00; do. d. Ahrend Land- parthie v. 4. Juli 10,40; do. v. A. K. 9.00; Elmshorn d. Masch- mann 1,00; Barmen d. Busse 20,00; Bremen d. Rohwer 2,65. b. Agitationsfond(freiwill. Beitrage): ReaenSburg d. MalgerSdorfer 1,60; Walkenried d. Kampbenkel 3,40; Freiburg i. B. 1,65; Meiningen d. Güth 0,80; Uelzen d. Praast 4,50; Glückstadt d. Doutinö 3,00; Langenbielau d. A. Kühn 5,00. v. Wahlfond: Hamburg, Hauschild's Fabrik d. C. Gerner 1,50; Berlin, d. Breul List- 1: 3.00; Liste 2: 15,25; Liste 3: 13,45; List- 4: 13,35; Liste 5: 10,30; List- 6: 3,05; Liste 7: 6,75; Liste 8: 8,15; Liste 10: 3,70, zusammen 82,00. Aus der Restantenliste vom 25. August, betreffend die Monate Juni und Juli, sind neuerdings zu streichen: Apolda, Arnstadt, Berlin(zahlt erst vom August au), Bocken- heim, Buer, Burscheid, Calau, Coburg, Eppendorf, Göppingen, Guben, Hainhausen, Halle a. d. S., Heusenstamm, HildeSheim, Langenberg, Lunden, Meiniugen, Melle, Naumburg a. d. S., Neukirchen, Neumünster, Oberrad, Oberlungwitz, OlberSdorf, Oeyen- Hausen, Pirna, Preetz, Rothenburgsort, Schwabing, Sonneberg, Stollberg, Uelzen, Waldenburg, Weißenfce, Werdau, Wilkau, Wollmarshausen. In der Juni- und Juli-Restantenliste stehen nun noch 114 Orte. Die Agenten an diesen Orten wollen schleunigst ihre Pflichten erfüllen, da nöthigensall« eine neue Restantenliste(auch für August) Enoe d. M. veröffentlicht wird. Hamburg, 15. September 1875. Mit Gruß! NamenS deS Vorstände«: August Geib, RövingSmarkt 12. anders setzen lassen, al» das Manasceipt lautet.— Art etil Bartzen, Bes. von Alte, erhalten un» wird bei Äelegeaheit auch nach Wunsch erledigt werden.— Frd. Fischer Hamborg: 200 Stck. Separatabdrnck kosten 6,00. Mark. Quittung B. 3. Adm. Frankfurt, Ann. 3,60. W. Mllr. Mannheim Ab. 25.00. Schr. 1,00. Gßlr. Warden, Schr. 1,00. Pnngr. Bremen, Schr. 22,14.