Ztr. III. Kbomirments• Sedingungea: Sbonnemcntt-Prell pränumerando: vlerleljährl. S.S0 Mb, monall. l.ioMi, wöchentlich 2S Psg. frei in» Hau«. Eimelne Nummer 6 Pf«. Sonnlag«- Nummer ml» iUuNrlerier Sonnlag«- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 8,30 Mark pro Quartal. Singelragen tn der Post- Zeitung», Preisliste für lSOV unter»r. 7971. Unier«reu, band für»eutlchland und Oesterreich-Ungarn L Marl, für da« übrige Autland 3 Marl pro Monat. Srfcheiut iiiglich»uster Zvoning«. Devliner VolKsIklÄkt. 17. Jahrg. Die Znsertlons- Gebühr beträgt für die fechtgefpaltene»olonel, zeile oder deren Raum iD Pfg., für poltttl»« und gewertfchaflliche Vereins- und PerfammlungS-AniSigen 20 Pfg. ..Kleine Anfelgen» febe» Wort 6 Pfg. (nur da« erst« Wort fett). Inserat« für die nächst« Nummer müssen bit i Uhr nachmittag» tn d-rSrpeditton abgegeben werden. Die Exprdilton ist an Wochen- läge« bit 7 Uhr abend«, an Sonn- und Festtage» bt» s Uhr vormittag» geöffnet. Fernsprecher:«int l, vr. 1508. Zelegramm- Adresse: „S-rlaidrmostrat Srrlin» Csntralorgan der so oi aldemokratischen Vartei Deutschlands. Redaktion: L�v. 19. Beuth-Strahe 2. Fernsprecher: Amt I. Nr. 1308. Dienstag, den 15. Mai 1900. Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3. Fernsprecher: Amt I, Nr. MSI. £iex Heinze. Um die Freiheit von Kunst und Wissenschaft tvird alSbald der Streit im Reichstag von neuem heiz auflodern. Die Dunkel- männer des CcntrinnS fordern als Zahlung für die wider- willige Flottenvermchrung die Ertötnng des deutschen Kunst schafsenS imb der freien Forschung. Wie die Heinzc-Partcien vor Ostern den Reichstag durch plötzliche Aufrollung ihrer lichtfeindlichen Anträge zu überrumpeln versucht hatten, so soüte die neue Campagne durch den parlamentarischen Staats st reich des Präsidenten Grafen Balle st rem listig eröffnet werden. Unter Bruch aller bisherigen Geschäftsführung haben der Präsident im Bunde mit den Vertretern der Heinze-Mehrhcitspartcien über die Abwicklung der noch zu erledigenden RcichStagSarbeiten in geheimem Konventikel so beschlossen, wie eS ihren Sonderplänen förderlich schien. Die Vertreter der Linken wurden schnöde übergangen. Erst durch die Anfrage von socialdemokratischcr Seite ward Licht in die dunklen Winkel geworfen, in denen die Heinzemänner ihre Zettclungen be- trieben. DaS Verhalten des RcichStagSpräsidenten wird vom gröhtcn Teil der unabhängigen bürgerlichen Preffe ähnlich beurteilt wie von uns. Der Rittmeisterton, den Graf Ballestrem anschlug, hat die Erregung der zu gewärtigenden Heinzcfehde lebhaft entfacht und der Widerstand gcgeu die CentrumLpläne zeigt sich erbitterter denn je zuvor. Graf Ballestrem suchte sein Verhalten durch die Ausflucht zu rechtfertigen, datz ein Scniorenkonvent geschäftsordnungsmästig gar nicht bestehe. Der Reichstag hat aber, so lange er besteht, die Ordnung seiner Geschäfte parlamentarisch und demokratisch durch den Scniorenkonvent besorgt. Jetzt herrscht man der Volksvertretung mit einem Mal im napoleonischen Bullctinstil zu:.Der Senioren- konvcnt hat aufgehört zu existieren!-„ES giebt gar keinen Senioren- konvent!- Auf dem Papier allerdings nicht. Kein Gesetz, keine Verordnung hat den Srniorenkonvent geschaffen. Allein es giebt zweierlei Recht— ein geschriebenes und ein ungeschriebenes. Giebt es doch selbst eine ungeschriebene Verfassung— und sie ist zufälliger- oder auch nicht zufälligerweise die beste von allen vorhandenen Verfassungen: die englische Verfassung. Sic ist nicht gemacht, sie ist g e w o r d e n; das Bürgertum hat sie erkämpft, es hat mit seinem Blut die Erde gedüngt, auf der sie gewachsen,— anders als mit dem Blut ist sie nicht geschrieben. Und wollte ein englischer König sich beikommcn lassen, mit der Kühn- heit des Grafen Ballestrem zu erklären: die englische Verfassung be- steht nicht, weil sie nicht geschrieben, auf keinem Papier zu lesen ist— er würde bald durch die allmächtige Logik der Thatsachen höchst unsanft von seinem Irrtum überzeugt werden. Auch der Seniorenkonvent ist nicht gemacht, er ist geworden — wie die englische Verfassung! er ist deS Reichstags ureigenstes Werk, wie die englische Verfassung des englischen Volks. Und tvollen wir auch de» Seniorenkonvent sonst nicht der englischen Verfassung an die Seite stelle», so gilt doch von ihm,'ivas von der englischen Verfassung gilt, daß das, was auS den Verhältnissen heraus organisch geworden, gewachsen ist, waS als Gebrauch besteht, fester ficht als geschriebenes Recht und Gesetz. Der Scniorenkonvent ist eine Vorbedingung für die gehörige Abwicklung der ReichstagSgeschäfte. Alle Parteien müssen Schädi- gungen erleiden, wenn er auf die Dauer— und nicht, wie jetzt. zeitweise zwecks Benachteiligung der MmderheitSparteien— beseitigt würde. Allerdings hat der Präsident die Tagesordnungen festzusetzen, sofem der Reichstag nicht in beschlußfähiger Zahl bei- sammen ist, aber die BorauSsetz nng dieser Vollniacht ist eine offene und gleichmäßig unparteiische Fühlungnahme mit allen Par- tcien, denn der Präsident soll und will der Vertrauensmann aller Parteien seilt. Entzieht er sich dieser Pflicht, so sinkt er herab zum Vertrauensmann einzeliter Parteien. Der Präsident des Reichs- tags verwandelt sich in den Präsideuten von Parteien des Reichstags. Der Präsident hat dann weiter der Obstruktion die Schuld an seinem Unrecht aufzubürden versucht. Seine erregte Feindselig- teit gegen die durch die Geschäftsordnung durchaus berechtigte Obstruktion. beweist jedoch wiederum nur, wie sehr er sich als Partei- gäuger der Heiuzc-Parteien fühlt. Denn ein Unparteiischer konnte die schamlos frechen Herausforderungen des Centnlms nicht über- sehen, durch die erst die Linke zur Obstruktion genötigt wurde. Dem machtprotzenden Centrum ist jedes Mittel recht. um daS schmähliche Gesetz der Geisterversllammg durchzudrücken.— Erst gedachte eS Ocffentlichkeit und Reichstag aus dem Hinterhalt hervorbrechend, in schnellem lieberfall nieder- zurennen. Dann versuchte es die Redefreiheit durch Schluß- macherei zu vergewaltigen. Nun erhebt«S heuchlerisches Gelärm, daß die Obstruktion die Mehrheit„terrorisiere-, während in Wahrheit die Linke nur desselben Rechtes teilhaftig fein will, welches das Centrnm ausgiebig für sich in Anspruch genommen hat. Das Centrum hat die ursprüngliche Regierungsvorlage durch umfasiende Aendenntgen und Erweiterungen zu einem Umsturzgesetz wider Kunst und Wisseuschast zugespitzt; die Linke wird unberechtigter Obstruktion gescholten, iveun sie das Heinzcgesetz der schlimmsten Bösartigkeiten zu entkleiden sich bemüht. Der Reichstag soll willenlos nach der Centrumspfeife tanzen und die Regierung soll mürbe gemacht werden durch die Losung: Ohne lo» Heinze keine Flotte! Die„Gerniania- weiß, daß am DouuerStag die lex Heinze auf die Tagesordnung gesetzt werden wird. Sie beschwört die Mit- glieder der Centrumspartci, vollzählig zu erscheine»,„da es sich bei den entscheidenden Lbstimmunge» um einige wenige Stimmen Handel» kann.- Auch die„kölnische VolkSztg.' fordert ihre Parteigänger dringlichst zum Erscheinen im Reichstag auf: sie hofft«durch Geduld und Ausharren die Obstruktion zu Lberwlnden-. Die konservativen Blätter haben keine völlig einheitliche Stellung.„Krenz- Zeitung- und„Post-, welche auf das Centrum in ihrer agrarischen Interessen- Politik angewiesen sind, stufen ihre Abgeordneten zu zahlreicher An- Wesenheit herbei. Die industriellen„Verl. N. Nachr." dagegen, die mit Regierungsstimmungen oft vertraut sind, sagen sich mit auf- fallender Schärfe von der lex Heinze und von dem Kampf gegen die Obstruktion loS; das freikonservative Organ sagt: „DaS C e n t r u m will feine Kraftprobe»mter allen Umständen voll durchführen. Nachdem acht Jahre lang der mit dem abschreckenden Namen lex Heinze belegte Gesetzentwurf trotz wiederholter eingehender und eifriger Versuche nicht zu stände gebracht nnd man auch ohne ihn fertig werden konnte, soll er jetzt dem deutschen Volke auferlegt werden in einem Momente, wo in den weite st en ge- bildeten Kreisen sich der schärfste EutriistnngSstürm gegen die geistige Reaktion geltend macht und jedenfalls in beiden Lagern bei der bis zur Leidenschaftlichkeit gespamiten Kampfesslimmimg eine nihig objektive Würdigung und Eni- scheidung, wie sie für eine gute Gesetzgebung unbedingt er- forderlich, nicht möglich ist...'. Das Centrum weiß, daß d i e Obstruktion niit erneuter Kraft einsetzen wird. Es klingt geradezu wie Hohn, wenn die„Köln. VolkSztg." sagt:„Wie die Sache liegt, ist die Ueberwindinig der Obstruktion geradezu eine Lebensfrage für eine gesunde Fort entwicklung nnsreS Parlamentarismus.- Als ob unser Parlainen tariSmiiS nicht schon ungesund und diskreditiert genug wäre, giebt daS Centrum abermals speciell der Sohialdcuto- kratie erwünschte Gelegenheit, sich unter dem Beifall zahl» reicher grundsätzlicher Gegner derselben, alS' Hort der ge- fäh:detcn Gcistcc-freiheit aufzuspielen und wirklich verdient zu machen!" Es hätte diese? ZengniffeS des schroffen Gegners nicht bedurft, um der Socialdemolratie den rechten Weg in die neueren Kämpfe um das Hcinze-Gefetz zu weisen. pottlische AvbevNchk. Berlin, den 14. Mai. Der Reichstag vollendete am Montag in fünfstündiger Sitzung die zweite Lesung des Gesetzes für Unfallversicherung in Land- und Forst Wirtschaft. Derselbe Typus und Charakter der Debatte, wie am Sonnabend. Das Junkertum bemüht, sich auf Kosten der Arbeiter möglichst zu entlasten und die Vorlage nach Möglich kcit zu verschlechtern— und die socialdemokratischen' Ab geordneten die einzigen Anwalte des Rechts und der Humanität— das ist das Schauspiel, welches sich uns bietet. Die socialdemokratischen Verbesserungsanträge wurden ins gesamt von der geschlossenen Majorität zurückgewiesen. Tie Maßnahmen zur Unfallverhütung, die zur Ver Handlung kamen, gaben den Herren Agrariern vor treffliche Gelegenheit, ihre schönen Seelen zu offenbaren. Obgleich die Statistik eine wahrhaft erschreckende Zunahme der Unglücksfälle in der Landwirtschaft aufweist, siel es doch keinem der Herrn Junker ein, für eine Verschärfung der ein- schlägigen Vorschriften einzutreten und eil.e strengere Kontrolle zu fordern. Im Gegenteil, sie beschwerten sich bitterlich über das Reichs-VersicheruiigSamt. das den armen Junkern daS Leben so sauer mache, und daS in seiner zimperlichen Philanthropie zu einem Unfall stemple, was man sonst gar nicht beachtet habe. So sei auch die Zunahme der Unfälle in der Statistik entstanden— eine rein künstliche Zunahme. Der Biedermann, der die gesunden Gliedmaßen der Landarbeiter so leichten Herzeus aufs Spiel setzte, war Herr Gamp, der vielgewandte und niemals verlegene Advokat aller junkerlichen Praktiken. Im Lauf der Debatte trat wieder die alte Animosität zwischen Reichs-P.ersichcrungLamt und dem Ministerium(Staats sekretariat) des Innern zu Tage— eine Animosität, die Graf Posadowsky zwar mit Worten in Abrede stellte, durch seinen Ton aber bestätigte. Es ist heute genau so wie zu den Zeiten des Herrn v. Bötticher und des Herrn Bödiker. Die Sache erklärt sich auf sehr naturliche Weise. Das ReichS-VersicherungSamt ist in fortwährender Berührung mit den Arbeitern, es sieht das Elend vor Augen und greift es mit Händen: und als fühlende Menschen können die Mit glieder des Amts sich den Konsequenzen dessen, was sie vor Augen haben, nicht verschließen. Die Herren am grünen Tisch des Ministeriums dagegen sind in keiner Berührung mit den Arbeitern, wohl aber in fortwährender Berührung gerade mit den Gesellschaftsschichten, deren Unterlassungs- und Begehungssünden das Reichs-Versicherungsamt beschäftigen. Ueber das eine Gesetz selbst ist nichts zu sagen— es trägt den Stempel jener Nachgiebigkeit nach Oben und jener schwächlichen Halbheit, die alle sogenannt socialreformatorischen Gesetze des neuesten Kurses so unvorteilhaft auszeichnet. Und da leugnet man noch, daß die„Socialreform" ein- gefroren sei. Man lese nur die Rede, welche der deutsche Kaiser am 11. November 1890 im königlichen Landes- Oekonomierat hielt, um auf die erschreckliche Häufigkeit von Verunglückungen in der Landwirtschaft aufmerksam zu machen und wirksamen Schutz für die Arbeiter zu verlangen— nian vergleiche diese Rede mit diesem kläglich-bettelhaften Gesetz zur Unfallversicherung in der Land- und Forstwirtschaft— und der ungeheuere Kontrast drängt sich umviderstehlich auf. Freilich damals meinte der Kaiser noch:„Die Socialdemo- kratie überlassen Sie mir!" und glaubte mit ihr fertig zu werden; und heute leben wir in der Zeit des Zuchthaus- kurses. Die Debatte, an der sich unsrerseits Hoch, Molken- b u h r und Stadthagen beteiligten, wurde von letzterem mit der Begründung einer Resolution zu Gunsten der Kranken- Versicherung für das in Land- und Forstwirtschaft beschäftigte Gesinde, eingeleitet. Für die Resolution stimmten nur die Socialdcmokraten. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr. Zweite Lesung des Militärgesetzes für Kiautschou, See-Unfallversicherung, Nach- trags-Etat.— Die Gemeinderats-Stichwahle« in Paris weitere c n t- haben in der Provinz den Republikanern Erfolge, in Paris den Nationalisten einen scheidenden Erfolg gebracht. In Paris waren noch 30 Stichwahlen zu vollziehen, von denen mau hoffte, daß sie durch geschlossenes Zusammen- gehen aller Parteien der Linken zu Gunsten der Republikaner ausfallen würden. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Es wurden 19 Nationalisten gewählt und nur 11 Mitglieder der übrigen Parteien. Republikaner und Socialisten der ver- schiedenen Schattierungen. Von den 80 Mitgliedern des Pariser Gcmeindcrats besitzen also die Nationalisten mit nun- mehr 50. oder nach andrer Rubrizierung 51 Vertretern die weitaus überwiegende Majorität. Im ersten und zweiten Wahlgang wurden zusammen 192 000 nationalistische Stimmen abgegeben. Die Republikaner, die von 80 Sitzen 66 inne- hatten, sind nunmehr aus weniger als die Hälfte, auf30resp. 31 Sitze zusammengeschmolzen. Ueber die Ursache dieser schweren Niederlage der Re- pnblikaiier aller Schattierungen wird man erst nähere Stach- richten abwarten müssen. Die Niederlage beim ersten Wahl- gang war auf den Mangel einer energischen und centralisiertcn Wahlagitation und das Kokettieren mancher Bourgeois- rcpublikaner mit der nationalistischen Strömung zurückgeführt werden. Diese„homöopathische Bekämpfung" des Ratio- nalismus hatte freilich den entgegengesetzten Zweck erreicht: statt der nationalistisch angemalten Kandidaten hatte man waschechte Nationalisten gewählt. Um die Massen zu beeinflussen und in eine erhitzte Stimmung zu versetzen, war man auf nationalistischer Seite vor den gewagtesten Mitteln nicht zurückgeschreckt. So plump diese ordinären Wahlmanöver waren, so wenig haben sie doch augenscheinlich ihren Zweck verfehlt. So hatten nationalistische Blätter behauptet, die Verhaftung CoppseL und LemaltreS stehe bevor. Eine bekannte Antisemitin, Mitarbeiterin der„Libre Parole", hatte einen schauerlichen Roman erfunden, möglicherweise ini höheren Dienste ihrer Sache, sofern sie nicht das bcnntlcidenSwcrte Opfer einer seelischen Stöning geworden ist. Diese Dame, Gräfin Marcel. bekannt unter ihrem Schriftstellernanien G y p, behauptet, daß sie Freitagnacht, als sie eine nationalistische Ver- s a m m l u n g besuchen wollte, von drei Männern in einer Droschke nach einem ihr unbekannten Schloß in der Um- gegeud von Paris entführt und dort in einem Zimmer eingeschloffen worden sei. Sic will dann durch das Fenster entkommen sein, indem sie sich an einer aus Vorhängen hergestellten Strickleiter herabließ. Tie polizeiliche Untersuchung hat bisher keinerlei Anhaltspunkte ergeben. Inwieweit auch die Socialisten an dem Stimmenrückgang participiercu, laßt sich gegenwärtig nicht feststellen. Die Grenzen zwischen Socialisten und socialistischen Radikalen sind m Frankreich zu sehr fließende, als daß sich auf Grund der bürgerlichen Nachrichten eine zuverlässige Gegenüberstellung vornehmen ließe. Bei den Gemeindewcchlcn vor vier Jahren wurden 166000 socialistischc Stimmen— 55000 mehr als bei den Wahlen zuvor— gezählt. Ein Stimmenrückgang dürfte daher immerhin zu konstatieren sein. Die Ursache dieser betrübenden Erscheinung werden unsere französischen Ge- nassen festzustellen haben. ihre Aufgabe wird es auch sein, durch straffere Organisation, rührigere Agitation und eine— leider immer noch zu vermissende— größere Geschlossenheit des Vorgehens die Scharte in vier Jahren wieder auszuwetzen. Die nationalistische Hochflut wird zerrinnen, so gut wie seiner Zeit die boulangistische Hochflut zcr- rönnen ist: Sache unsrer Genossen muß es nur sein, unsre Gefolgschaft derartig zu disciplinieren, daß kein Rückschlag wieder eintreten kann. Die nationalistische Majorität der Pariser Gemeinderäte setzt sich zusammen aus 24 reinen Nationalisten, 5 natio- nalistischcn Radikalen, 4 nationalistischen„Socialisten"(Gruppe Rochefort. 8 nationalistischen Republikanern(Melinisten) und 10 royalistischen Konservativen. Wieviel reine Socialisten noch zu den 13 im ersten Wahlgang gewählten Genossen kommen, läßt sich noch nicht feststellen. Unter den neu- gewählten Nationalisten sind in erster Linie zu nennen: Die Bannerträger Dsroulödes: Galli, Redacteur der „Libre Parole", Gaston Mcry, Redacteur des„Echo de Paris", Lepellctier, der protestantenfeindliche Redacteur der „Liberts", Maurice Spronck, Begründer der Liga„Patrie fran?aise". Tausset, der freigesprochene Mitangeklagte De« roulsdes. Barillier. der antisemitische Advokat, und Jules Auffray, der der Ratgeber des Generalstabes in der Dreyfus- Affaire war. Am charakteristischten ist der Sieg der Nation«- listen im quartier des enfanta rouges. Dieses Quartier, m dem der bisherige Präsident deS Munizipalrates, Lucipia. einer der höchsten Würdenträger der französischen Freimaurer- logen, gegen Dausset unterlegen(2113 Stimmen gegen 1764), war sogar zur Zeit des Boulangismus den Republikanern treu geblieben. Präsident dürfte jetzt Armand Grebauval werden, der zuerst 1890 als Boulangist gewählt wurde, der Mitarbeiter an Milleboyes„Patrie" ist. In der Provinz haben, wie erwähnt, die Republikaner ihre günstige Position behauptet. Nach der amtlichen Feststellung sind die Stichwahlen in den meisten großen Städten, so in Lille, Lyon, Nimes, Saint- Et renne, Montpelliers, Tours, Poi- tiers, Nantes, Rochcfort, Bourges und B e- s a n? o n zu Gunsten der Republikaner ausgefallen. In Algier siegte die Liste der Antisemiten. Bis die genaueren Ergebnisse aus der Provinz sich über- sehen lassen, werden noch einige Tage vergehen, da im ganzen in 36 170 Gemeinden 430120 Wahlen zu vollziehen waren.— Die Stimmung der nationalistischen Kreise in Paris ist begreiflicherweise eine sehr gehobene. Es versteht sich von selbst, daß sie sich in zahlreichen lärmenden Straßen- dcmonstrationen Lust macht. Auch mißt man in den nationalisti- schen Blättern dem Aussall der Pariser Wahlen eine große politische Bedeutung bei. Die Betrachtungen dieser Art gipfelten in der übertreibenden Aeußcrung, daß sich auf die D a u e r n i ch t g e g c n P a ri s werde r c g i e r c n l a s s en. So völlig sind die Nationalisten denn doch nicht die Vertreter des Volks von Paris, das werden die gcauercn Wahlziffcrn deutlich genug beweisen._ Die italienische Kauimer tritt heute— den 15. Mai— wieder zusammen. Vermutlich kömmt es sofort zu stürmischen Scenen. Die äußerste Linke ist entschlossen, sich dem parlamentarische» Knebelgesetz unter keinen Uniständen zu fügen und wird den Widerstand und die Cbstrultion auf das äußerste treiben. Man erwartet die unmittel- bare Auslösung der Kammer und Anordnung von Neuwahlen. Thatsache ist, die Regierung befindet sich in einer. «ackgasse und kann mit dieser vollständig diskreditierten Kammer nicht lveiter wirtschaften. Zu einen, Staats st reich aber scheint nian, angesichts der bedrohlichen Stimmung im Lande, nicht den Mut zu haben.— •** « Deutsches Meich. Zur Suspension des Tcniorcnkonvcnts. Schon einmal in der Geschichte des Reichstags ist der Seniorenkonvcnt durch den Präsidenten im Bunde mit den MchrheitSparteicn suspendiert worden. Damals geschah die Suspension gegen den jetzigen Reichstags- vräsidentcn und seine Partei, welche einst die Vergewaltigten, jetzt die Vergewaltiger sind. Die„Volkszeitung" frischt diese Erinnerung ans: Der ReichstagS-Präsident Graf B a l l e st r e m hat in seiner Er- öfsnnngsrede am letzten Sonnabend seinen Vorgänger v. F o r ck e n- deck citirrt. Es wurde unsrerseits sofort bemerkt, daß Forckcnbeck kein Muster von Unparteilichkeit gewesen ist. Allein noch interessanter ist eS. zu untersuchen, wie Forckenbeck denn eigenlich zu seinem„810 volo, sie jubeo"(So will ich, so befehle ich) gekommen ist. Denn auch unter ihm ereignete es sich, daß der„Senioren-Konvent" eine Weile suspendiert war. Wie kam das? Es existiert ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Vorfall vom Jahr 1574 und dem vorgestrigen, nicht sowohl in den Motiven als in den— Personen. Am 4. De- zember 1874 hatte der Reichskanzler Fürst Bismarck auf den Angriff des ultramontanen Abgeordneten Joerg jene Rede gehalten, in welcher er d e n A t t c n t ä t e r K u l l m a n n an d i e R 0 ck- schöße der C e n t r» m S p a r t c i hängte. Bei diesen Worten ertönte ein lauter Pfuiruf von der zweiten Bank des EcntnimS her. Es war der Abgeordnete G r a f B a l l e st r c m, der ihn ausgestoßen hatte. Der AuSruf wurde vom Präsidenten für u n p a r l a m e n t a r i s ch erklärt und von Bismarck selbst in einer höchst leidenschaftlichen Apostrophe bekanntlich noch besonders gerügt .und zurückgegeben. Aus Anlast dieser Sccnc war eS. daß zum ersten- und bis jetzt letztenmal seit Bestehen des Reichstags der Senioren- konvent suspendiert wurde. Die Nationalliberalen, welche damals die absolute Mehrheit im Reichstag besaßen, weigerten sich aus diesem Grund, auch rein geschäftliche Verhandlungen mit dem Eentrum zu führen. Und ihnen schlössen sich Mitglieder andrer Parteien an. In diesem Zusammenhang hat Forckenbeck die Sätze gesprochen, welche sein Nachfolger begreiflicherweise treu im Ge- tnchtniS bewahrte.— Der Staub der 1« Hcinze Beratung. Die lex Heinzc ist mitten in der dritten Lesung stecken geblieben. Die knnstseindlichc» 184a und b sind in dritter Lesung bereits angenommen. Der socialdemokratische Znsatzantrag, daß diese Paragraphen„auf Pro- duktioncn und Darstellungen, bei denen ein höheres Interesse der Kunst oder Wissenschast obwaltet, keine Anwendung finden dürfe, sind von der Heinze-Mehrheit als geschäftSordinnigsmäßig unzulässig" abgelehnt worden. Am 17. März fand die geheime Sitzung statt, in der ein Antrag über die Bestrafung der llcbcrtragnng von Geschlechtskrankheiten abgelehnt wurde. Die Verhandlung setzt dort wieder ein, wo sie am 17. März abgebrochen wurde, bei der Abstimmung über den Antrag, daß der S t r a f p a r a g r a p h vom groben Unfug k e i n e A n w e n d n n g a u f E r z e u g n i s s e der r e p r 0 d u z 1 e r e n d e n K ü n st e und d e r P r e s s e finde. Bei dieser Abstimmung stellte sich B e s ch l u ß u n f ä h i g k e i t des Hauses heraus. Weiter ist»och— nach einer Ueberstcht in der „Voss. Ztg."— zu erledigen ein Antrag, Ivonach es verboten sein soll, eine weibliche Person wider ihren Willen einer körperlichen Untersuchung zu unterwerfen, und die hiervon unberührte polizeiliche Untersiichnng solcher Personen, die der sittcnpolizcilicheu Kontrolle unterstellt sind, uicht durch einen Manu erfolgen darf. Damit in Zu- sammenhang steht ei» weiterer Autrag, lvouach 8 361 Nr. 6 des Strafgesetzbuchs folgende» Zusatz erhalten soll: „Dem Strasrichter steht die Prüfung zu, ob die Unter- stcllnng unter die sittcupolizeiliche Aufsicht mitl Recht erfolgt ist. Die Verfügung, ivodurch eine weibliche Person der sitten- polizeilichen Aussicht unterivorfcn wird, kann im Weg der Klage angefochten werden. In Bundesstaaten, wo ein BenvältungSstreitversahren besteht, ist diese Klage bei den Ver- waltnngsgerichten. in andren Bundesstaaten bei den ordentlichen Gerichten zu erheben." Zu derselben Materie beantragt der Abg. Frohme folgenden § 362a: „Weibliche Personen, welche das 18. Lebensjahr noch nicht er- reicht haben, dürfen einer sittenpolizeilichen Anfsicht nicht unter- stellt werden, sind vielmehr, falls die Voraussetzungen einer solchen Aufsicht bei ihnen vorliegen, einer ErzichtingS- oder Bcsserungs- ■ anstalt zn überweisen. Die Ileberweisnng erfolgt durch Beschluß des Vormundschafts- Gerichts. Die Eltern der betreffenden Personen sind zu hören. Die Feststellung, ob die Voraussetzungen vorliege», darf nicht durch Gutachten der Polizei- - behorde getroffen lverden.", Unerledigt ist»och 8 362 nach den Beschlüssen der zweiten Le,uiig. an den der Antrag Frohme anknüpft. Dieser§ 362 handelt von der Ueberweisimg an' die LandcSpolizcibehörde und der Unterbringung in ein Arbeitshaus. Ein Antrag auf redaktionelle Aenderung liegt zu diesem Paragraphen auch von dem freisinnigen Abg. Beckh vor. Weiter beantragt der Abg. Stadthagen folgende neuen Bestimmnngc» in das Strafgesetzbuch einzufügen: „§ 362». Jedes Arbeits- oder Dienstverhältnis darf ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist von dem Tienstverpflichteten aufgehoben werden,>venn durch das Arbeits- oder Dienstverhältnis die Sittlichkeit des Dien st verpflichteten ge- f ä h r d e t ist. 8 362b. Jedem Einwohner des Deutschen Reichs ohne Unter- schied des Geschlechts steht das Recht zu, sich zur Erringung besserer Löhne und Arbeitsbedingungen oder einer besseren Lebenslage mit andern zu vereinigen.' Wer dieses Recht verletzt. wird mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bestrast. Der Versuch ist strafbar." Zum Schluß ist noch über den Antrag Singer zu befinden, der lautet: „Schlußbestiinmung. Die§Z 184, 184a, 184b, 184 e dieses Gesetzes treten am 1. Januar 1920 in Kraft." Tie Flottenvermrhrung in dem Umfange, den sie nach den Beschlüffe» der Budgcttommission annehmen soll, wird gemäß neuen Berechnungen des Rcichs-Marinc-Anits für die nächsten fünf Jahre aus laufenden Einnahmen zu deckende M e h r kosten von 24- Millionen im Jahresdurchschnitt verursachen. Die neuen Stenern und Zölle werden anderseits auf einen JahrcScrtrag von 56 Millionen berechnet.— Dcde Renomniage. Die„Köln. Vorkszeitung" hat sich, nach- dem ihr kläglicher Versuch, ihren fchimpflichen Ilinfall in. der Flotten- frage zu beschönigen, nur allgemeines Achselzucken hervorgernsen hat. den Angriffen von links gegenüber in Schweigen gehüllt. Sie bat dagegen die bequemere Polemik gegen die Flottcnindnstricllcn auf- genommen, die dem Centrum den Vorwurf machen, daß seine Bc- Handlung der Flöttenfrage als eines SchacherobjcktS so wenig patriotische Begeisterung ätnie. Dieser Vorwurf kommt der„Köln. Volksztg." gerade zn paß, um sich in die Pose der stirnrnnzelnden Opposition zu werfen, die mit kritischer Strenge die RegicrungS- vorlagen mustert. Das rheinische Centrumsorgan bramarbasiert: „DaS fehlte allerdings gerade noch, daß nian mit dreimaligem Hurra alle möglichen Forderungen votierte, mit denen der neue KnrS hervortritt. So stürmisch wie ein neues Verlangen auftritt, soll es auch bewilligt werden; demgegenüber halten wir es aber gerade für ein patriotisches Verdienst deS CentrymS, daß es der Parole„Kaltes Blut" getreu bleibt. wenn eifrige Ucberhastung es zu schleunigen Schritten ohne Ueberlegung drängen möchte. Das Ccntrnm hat damit schon oft Uedlcs verhütet; manches, was in cuergischc» Worten als absolut notwendig bezeichnet wnrde— vgl. Umstnrzgesetz— ist den Lethe hinabgeschwominen, und kein Hahn kräh: mehr danach. Gerade einer Regierung gegenüber, die gewisse Pläne nicht schnell genug verwirklichen kann, ist eS sehr nützlich und weise, wen» der Reichstag ein wenig den F a b i u S C u n c t a t 0 r spielt; denn nichts kann im StaatSlcben so schädlich wirlcn als Uever- eilnng. Was schadet eS denn, daß die Schlachrflotte nickt durch Acclamativn bewilligt wurde? Die Sache hatte so große Eile gar nicht, und die Wühlerschaft wird auch sehr zufrieden sein, daß das Ccntrnm nicht den„fröhlichen Geber" spielte; den» zu leicht gewährte Gaben schmecken„nach mehr"; der Appetit pflegt oft beim Essen zu kommen. Es ist sehr gut, wenn die Regierung erkennt, daß sich solche Forderungen so schnell und glatt nicht verwirklichen lassen; Erfahruugen dieser Art sind für die Zukunft zur Mäßigung zu crmahnen geeignet." Es mag sein, daß die Leser des Blatts naiv genug sind, sich durch derartige schcinoppositionelle Redensarten über den Umfall des- selben hinwegtäuschen zu lassen. Die Regierung weiß dafür um so besser. wie wenig sie von diesem demagogischen Poltern zu halten hat. Daß das Eentrum willfährig auf ihre weltpolitischen Pläne ein- gehen wiiide, hätte sie sich sicher vor ein paar Monaten nicht träumen lassen. Wenn etwas den Appetit der Regiernng reizen konnte, so die erstaunliche Wandlung, die das Centrmn in seinen slottenpolitisckcn Anschauungen feit der letzten Flottenbcwillignng bc- kündet hat. Nachdem sogar die„christliche Philosophie" der uferlosen Weltmachtpolitik ihren Segen gegeben hat, kann die Regierung mit heiterer Gelassenheit dem Doppelspiel des Eentnmis zusehen. das der Regiernng schacherlnstig die Hand entgegenstreckt, um daheim vor scincn Wählern krakehiend mit der Faust auf die Bierbank zu schlagen.— Die Wertlosigkeit der bisherige» KriegöfchiffSpanzerung stände außer aller Frage, wenn die aus Washington kounnendc Nach- richt den Thatsachen entspräche, wonach ein amerikanischer Scc-Offizicr namens Joberson ein neues Geschoß erfunden habe, das eine unvergleichlich größere DurchichlagSkraft besitzen soll, als die bis- herigen Geschosse. Nach der„Freisinnigen Zeitinig" besteht die Gr» ändnng höchst einfach darin, daß man die Granaten mit einer >v c i ch c n Metallspitze versieht, statt, wie bisher, mit gehärteter S t a h l s p i tz e. Diese letztere lasse das Geschoß an der Panzerung abgleiten und vermindere dcSdalb seine DnrchschlagSkrast, wäh- reud die weiche Spitze das Geschoß befähige, zu„greisen" oder zu „kleben", wodurch die Durchschlagskraft außerordentlich crböht werde. Unter andern: habe eine scchSz'öllige Granate mit weicher Spitze. die mit rauchlosen: Pulver bei einer Fingkraft von 2586 Fuß per Sekunde verfeuert worden ivar, eine vierzehnzöltige Panzerplatte von Harvcy-Stahl durchschlagen. Das gleiche Ergebnis sei bei einer achtzölligen Kruppschen Panzerung erzielt worden. ES heißt, daß neun Zehntel dcö ganzen Bestandes der amerikanischen Flotte diesem neuen Geschosse gegenüber machtlos sein würden. Experimente mit entsprechend präparierten Geschossen würden sa leicht beweisen, ob man eS in der That mit einer revolutionären kriegStcchnischen Neuerung zu ihm: hat oder mit amerikanischem Humbug.— Personentarif- Reform in Bayer». München, 14. Mai. Kammer der Abgeordneten. Bei der Beratung dcS Eiseubahu-Etals erklärt Minister Frhr. v. Crailsheim, zwischen den süddeutschen Bahn- Verwaltungen seien Verhaudtungen»her die Reform der Personen- tarife im Gange und zwar ans Grund der Sätze von 6. 4 und 2,5 bezw. 2,3 Pfennigen für den Kilometer in den drei Wagenklassen mit 1, 6.7 und 0.3 Pfennigen Zuschlag für Schnellzüge. Diese Herabsetzung der Tarife würde bei dem Satze von 2.5 Pf. für die dritte Wagenklasse einen Ausfall von 4 240 000M., bei 2.3 Pf. einen solche» von 5 600 000 M. und bei 2 Pf. sogar 8 Millionen Mark Ausfall ergeben. Trotz dicseS Ausfalles würde Bayern einer solchen Regulierung zustimmen. Eine Schlußkonferenz in dieser Frage habe noch nicht ftattgesnnden. Es sei [ctzt wieder fraglich geworden,' ob sich alle andren süddeutschen Staaten beteiligen würden. Er(der Minister) müffe auch offen erklären, daß er der Herabsetzung der Personentarife um einige Tcmperatnrgrade k n h l e r g e g e n ü b e r stehe, wie vor 10 Jahren. Natürlich! Eher werden Span i e n und die Türke i zun: Zonentarif übergehen, als daß man sich in einem deutschen Staat zu einer durchgreifenden Reform des Personentarifs versteht. Wozu auch der'„Verkehrsdnsel", die Förderung der ohnehin jo chädlichei: Freizügigkeit!— So wollen wir nicht weiter regiert werden! llnicr der obigen Ueberschrift hat der bekannte Kieler Universitäis- Professor Lehmann-Hohcnbcrg in dem von ihn: heranSgegebencn Organ„Volksanwalt, unabhängiges Organ im Kampf um eine neue Weltanschauung und deutsches Recht" zu dem gegen ihn im Febmar diesen Jahres vor der Kieler Strafkammer wegen Beleidigung des Polizeikommissars Goitschalii» Bromberg stattgefundenen Prozeß einige Bemerkungen gebracht, die zeigen, wie sehr auch diesem Ideologen das Vertrauen in die deutsche Rechtsprechung abhanden gekommen ist. Der Prozeß Lehmann-Gottschalk wird i» den heutigen Ausführungen Lehmann- Hohenbergs nur gestreift. Eine ausführliche Darstellung desselben, wie auch einige andre Prozeßfälle ans den letzten Jahren,„die auch den Vertrauensseligsten die Augen öffnen müssen", soll später im „Volksanwalt" folge::,„da sie grell beleuchten, wie es mit der vielgerühmten staatlichen Ordmmg bestellt ist". Lchmaim-Hohenberg sagt' mm: „Es muß offen ausgesprochen werden: so wollen wir nickt weiter regiert werden! Und es muß dies laut gesagt und so oft wiederholt werden, daß man unS wird hören müssen. Wir sind auf den: Wege, ein gewissen- und ehrloses Krämervolk zu werden, und daS darf niemals geschehen! Zu lange hat der deutsche Michel in: Banne der Zuverlässigkeit seiner Regierungsorgane und besonders seines Rechtswescns gestanden und trotz aller gegenteiligen Er- fchcimnigei: an dem Glauben festgehalten, daß sein Beamtentum nicht besser sein könne. Das ist leider eine Fabel geworden. Kirche. Hochschulen und das staatlich geübte Rcchtswesen leisten nichr nur nicht, was wir von ihnen verlangen können— ihre geistige und sittliche Autorität haben sie längst bei dem Volke ein- gebüßt—, sondern sie schädigen das Volk an seinem Seelenheil und treiben eS der Socialdcmokratie in die Arme. Wir leben eben nicht mehr in einen: Rechtsstaat:... sondern eine unglaubliche Umvahrhaftigleit durckzieht unsre bnreau- kralischen Einrichtungen; unsrem Beamtentum haftet„eine unheilvolle Unwissenheit und Unfähigkeit an, die Lug und Trug nicht zu treffen vermag"... ..... Man täuscht unfern Kaiser auf daS gefährlichste, ivem: man ihm verschweigt, wie UnWahrhaftigkeit und Ungerechtig- kcit als Schwamm in die Fundamente des deutschen ReichsbaneS eingedrungen sind. Trotz aller Verzweiflungsrufe bekommt er die volle und wirkliche Wahrheit nicht zu hören." Professor Lehmann-Hohenberg ist einer jener deutschen Ge- lehrten, die am grünen Tisch ihrer Stndierstube seltsam Welt- verbessernde Pläne' anshecken und denen ihre zwiespältigen Ideen, die den:„Kapitalismus die Giftzähne ausbrechen" und das jetzige Rcickstags-Wahlreckt„so ausbauen wollen, daß die Stimmen der einsichtsvollsten und bewährtesten Männer außerhalb des jetzigen Reichstags" nicht unbeachtet bleiben", Ueberzengungssache sind, für die sie materielle Opfer zu bringen nicht scheuen. Auch Lehmann- Hohenberg ist einer; jener verhältnismäßig so wenigen deutschen Professoren, denen der Wahrheitsnmi als sittliche Pflicht erscheint, und der aus diesem Beweggründe heraus das, waS er von der deutschen Rechtspflege denkt,' auch offen ausspricht. Ausland. Belgien. WahlauSsichtcn. Geringe Hoffnungen verrät eine Wahl-- betrachtung des in Gent erscheinenden klerikalen VialtS„Biet: Public". Infolge der vielen Riffe, die durch die katholischen Reihen gegangen sind, wäre eS eine wahre Ueberraschnng,'wenn dennoch eine ausreichende Mehrheit katholischer Abgeordneten,' d. h, mindestens 77, aus der Wahl hervorgingen. Immerhin werde auf alle Fälle die katholische Partei die stärkste der drei Fraktionen sein. Tie„Köln. VollS-Ztg." betrachtet das als nur geringen Trost. In diesem Fall, schreibt das EcinrumSorgan. ist die künftige Rc- gierung. die dann auch kaum noch homogen bleiben kann, bei jeder Gesetzesvorlage ans die freundliche Unterstützung der Sociatisten oder der Liberalen angewiesen, während diese andrer- seit» es in ihrer Gewalt haben, durch gemeinsames Vorgehen in eben: beliebigen Augenblick die Regiernng zu Boden zu strecken. Und das ist thatsäcklich ihr ausgesprochener Wunsch und ihr Ziel: „Befreien wir zunächst das Land vom klerikalen Ministerium", so lautet eS in den Spalten ihrer Blätter und in ihren Vcriamm- lungen. Wem: nicht mindestens 77 katholische Abgeordnete geivählt lverden, so hält das Trostargnment des Bicn Public nicht stand, dann ist vielmehr am 28, oder 29. Mai der König gezwungen, an die Bildung eines neuen M i n i st e r i u m S z n d e n k e n.— England. lieber die indische Hungersnot schreibt nnS unser Londoner Korrespondent: Nickt minder wie die heimischen Invaliden deS Wirtschaftskampfz baden die Bewohner der von der Hungersnot befallenen Distnl:e Indiens daruiucr zu leiden, daß' der südafrikanische Krieg Millionen über Millionen verschlingt. Die gegenwärtige Hungersnot ist die größte, die Indien bisher'zu vcrzcichuc» halte. Tle allc-Z versengende Dürre erstreckt sich auf ein Gebiet, daS von 90 Millionen Menschen bewohnt ist, und daS Elend, das sie zur Folge gehabt hat. spottet aller Beschreibung. lieber 6Va Millionen Menschen sind jetzt an Notstandsarbcitcn beschäftigt, aber das ist nur gerade gcmig Hille, um die betreffenden vor dem absoluten Verhungern zn schützen. Auch ist für Notstands- arbeite» fast nur luden nmer direkter englischer Verwaltung stehenden Provinzen gesorgt. In den meisten der sog. Vasallenstaaten, deren Verwaltung von Einheimischen besorgt wird, ist von systematischer Unterstützung absolut keine Rede. Tie Sterblichkeitsrate ist dort sehr viel höher als in den Provinzen, die unter englicher Verwaltung stehen. Alles in allem ist die Zahl der wirklich UnterstützungS- bedürftigen bedeutend größer als die obige Zahl, und es ist weit ausgiebigere Hilfe nötig, als sie jetzt geleistet wird. Dem: in den Provinzen des Deccan und den an sie grenzenden Provinzen Mittelindiens, wo schon 1896/97 gräßliche Hungersnot herrschte, sind die Lauern total verarmt und außer stände, sich selbst wieder aufzuraffen. Die größten Mittel wären erforderlich, dieser Kalamität zn begegnen. Aber woher sie im Augenblick nehmm? Mit knapper Rot hat der Staatssekretär für Indien bei Beratung deS indischen StaatShaus- Halts sich dazu verstehen können, dem Vorschlag des Liberalen Fowler gemäß die Aussetzung ctlicherMillione» für Bori'chüsse an notleidende Bauern— hier gicbt es einmal wirklich notleidende Agrarier— zu versprechen. Indes lieg: auch für ihn der Knüppel beim Hunde. Die indischen Finanzen find aufs äußerste angespannt, uni� von: Reich ist jetzt nichts zu holen. Selbst die Privatsammlnngen ergaben viel wemger als m früheren Jahren, wo doch die No: bei weitem nicht so groß war wie jetzt. Die Sammlungen für die An- gehörigen der verwundeten oder gefallenen Soldaten, für freiwillige Ambulanzen nsiv. haben die Freigebigkeit eines großen Teils des Publikums erschöpft, und auch daS Jttteresse der Masse wird von den Vorgäilgen in Südafrika so stark absorbiert, daß für daS Elend in Indien wenig übrig bleibt.— Friedensbewegung. Das schnelle Vorrücken von Lord Roberts im Orange- Freistaat hat vielfach Hoffnungen auf einen baldigen entscheidenden Schlag mit anschließend« Beendigung deS" FeldzngS geweckt. Sonst ist die Friedens- beivegung noch auf den: alten Fleck, wem: es auch den Friedensfreunden jetzt uiöglich ist. Versammlimgen abzuhalten ohne von Störern belästigt zu werden. Thatsächlich haben die Heißsporne hüben ivie drüben bedeutend Wasser in ihren Wein geschüttet. Die Gegner der RegiernngSpolitik stellen Programme zur Lösung dcS südafrikanischen Problems auf, die so wenig den ursprünglichen Wünschen und Ansprüche» der Transvaalboercn entsprechen wie die der Regicrnngsanhänger. Befürworter der Wiederherstellung des vorherigen Znstandcs kann man mit der Laterne suchen. Nach allen Angriffen der Radikalen auf die Chamberlainsche Diplomatie folge» vielmehr stets Fordenmgen wie Sicherung voller Gleichberechtigung für alle Weißen, innere' Selbst« Verwaltung der Boercnstaaten unter oberer Kontrolle deS britischen Reichs usw., die praktisch so sgut die Souveränität!der Boerenstaaten verneinen, wie die weitergehenden Annexionsprogramme der in der Wolle gefärbten Imperialisten. Das soll nicht heißen. daß die Betreffenden den Boerci: gegenüber ein doppeltes Spiel getrieben haben. Aber viele Leute find nicht deshalb Gegner des Kriegs, weil sie die im vorigen Jahr von England gestellten Forde- rungen für unberechtigt hielten, sondern nur deshalb, weil sie meinen, bei etivas mehr Geduld und größerer Schonung der Einpfindlichkeiten der Boercn von feiten Englands würde die natürliche Entwicklung der Dinge ohne Blutvergießen zu ihrer Verwirklichung geführt haben. Nun der Krieg doch eingetreten, handelt es sich nicht'mehr darum. jene Forderungen von neuem zu Verlagen, sondern solche Bedingungen zn erwirken, die bei Erfüllung jener Forderungen den Boercn'staalen den höchstmöglichen Grad innerer Selbständigkeit lassen. Auf ein solches Programm hin ist vor kurzem bei einer Rachivahl in Ports- month der' Kandidat der Liberalen gewählt worden und hat sich für eine soeben ausgeschriebene Nachwahl auf der Insel Wight der liberale Kandidat verpflichtet. Ebenso hat eine am 10. Mai in Colckester abgehaltene Konferenz der Radikalen und Liberalen der tZrafschaften des südöstlichen England einstimmig eine Resolution beschlossen, die Selbstverwaltung der Boerenstaaten unter Neichs-Oberhoheit(imperial control) als daS einzige Mittel erklärt, den Frieden, Gleichheit der Rechte von Engländern und Boeren und Schutz der Eingeborenen in Südafrika sicher zn stellen. Selbst der von einer Gruppe von Liberalen als Boeren- anwalt bekämpfte radikal�liberale Kandidat für Siid-Manchester, Mr. Lees Jones, hat für eine dort notwendige Nachwahl kein andres Programm ausgestellt. So haben die Boeren. wenn sie den britischen. Waffen erliegen, soweit die großen englischen Parteien in Betracht kommen, die Alternative von verschämter und rückhaltloser Einverleibung in den britischen Neichsverband, Ivelch letztere Herr Chamberlain gestern i» Birmingham in einer großen Versammlung seiner Partei als daS Programm der Regierung offiziell bekannt ge- geben hat. Frankreich. Ucber SicgeSkundgebnngeu der Nationalisten wird be- richtet: Tie Straße, in der die„Libre Parole" sich befindet, war am Wahlabend der Platz einer lauten Demonstration der siegestrunkenen Parteigänger. Den ersten CamelotS, welche Extrablätter mit der Ueberschrift .Zerschmetterung des Ministeriums" ausschrien, riß man die Blätter aus den Händen. Bald darauf rückten die Kern- lrnppen der Manisestanteu. gebildet aus den Mitgliedern der katholisch- antisemitischen Jünglingsvereine und der Patrioten- liga, an. Man schrie im Takt:„Lampions! Demission! Panama!" Aus dem Boulevard Montmartre war das Ge- dränge bald enorm. Der Wngenverkehr stockte.— D r u m o n t erschien auf dem beleuchteten Balkon. Ein Teil der Menge begrüßt ihn mit Hochrufelt. Man ruft auch:„Es lebe Deroulede! Es lebe die Armee! Es lebe Rochefort!" Eine große Polizeimacht rückt an und säubert die Straße. Die Straße wird gesperrt. Schließlich die ganze Strecke von der Rue Bivieune bis zur Rue Montmartre.— In der Rue Montmartre, vor dem Hause Rocheforts, singen einige hundert Soeialisten: Rochefort nach Charenton Idas Pariser Dalldorf». Ihne» folgen die Nationalisten, die Nockefort eine Ovativn bereiten. An allen Straßenecken ivird das sehr populär gewordene Döroulsde-Lied„la Eharette" gesungen. Man aeclamiert auch Gyp. die zur„Libre Parole" geht und die sich mit ihrer Eni- führungSfabel eine schöne Reklame gemacht hat. Asien. Die wirtschaftliche Entwicklung JapauS wird von den deutschen Kapitalisten, seitdem ivir im fernsten Osten„Pachtland" ertvorbcn haben, mit Interesse verfolgt. Setzt man doch auf die ivirtschaftliche Erschließung Kiautjchous die überschwenglichsten Hoff- muigen. Das Reichs-Mariueamt bat vor. einiger Zeit eine Denkschrifl mit Schilderungen über de» gegenwärtigen Zustand des Pachtlandes beransgegeben. eigens zu de», Zivecke. damit man später, lvenn die Erschließung seiner Bodenschätze eS vollständig verwandelt habe, wissen solle, in ivelcher Verlvahrlosung wir es übernommen hätten. Angesichts dessen sind die Besorgnisse'über die wachsende Konkurrenz- fnhigkeit Japans nicht unbegründet. Die Kohlenförderung Japans ist von 2 Millionen Tonnen im Jahre 1888 ans 6 Millionen Tonnen im Jahre 1807 gesttegeu oder in 10 Jahren mn 300 Prozent. 189ö waren 1ö7 Kohlengruben in Betrieb, die Zahl derBerglente belrng 54000. Die Kohlenausfuhr ist von 327 000 Tonnen in 1882 all» 075 000 Tonnen in 1888 und aus 2Vj Millionen Tonnen in 18 97 gestiegen, lind diese Ausfuhr trotz dem llmsiande, daß sich der eigne Bedarf Japans an Kohle in dieser Zeit verzehnfacht bat! Auch der� modernen Eisenerzeugung wendet Japan immer größere Aufmerksamkeit zu. 1875 baute der Engländer Forbes zwei moderne Hochöfen und zwölf Puddelöfen' nebst Walz- und Hnmmeriverk, wo- mit man 20000 Tonnen Robeisen und 2 00 Tonneir Stahl erzeugte. Jetzt hat die javanische Regierung 18 Millionen Mark für den Bau eines modernen Eisen- nnd Stahlwerks bewilligt. Dasselbe soll einheimische und fremde Erze mit auS eignen Kohlen gewonnenem Koks verhütten Es werden zwei Hochöfen nach Plänen IJoon Ingenieur F. 23. Liimann in Osnabrück nnd 200 Koksöfen erbaut.' Das Stahlwerl wird zwei Eonveuier und vier Martiniösen umfassen, ferner sind Schienen-,' Grob- und Feinstrecken, Blechwalzwerke, eine Gießerei, Kesselschmiede und andre Werkstätten vorgesehen. Die Jabresleistm:g dieser von der„Gute- hoffnnitgöhütte" in Oberhcnnrn gebaute» Anlage soll rniid 90 000 Tonnen fertige Ware betrage». Wie man sieht, haben die a» der Erschließung imsreS„PachtländS" interessierte» Kapitalisten allerdings guten Grund, mit Besorgnis auf de» japanischen Konkurrenten zu blicke».— Arnika. Ein Zusammenstoß zwischen deutschen und KongostaatS- Tt»ppcn k Das„Berliner Tageblatt" veröffentlicht das Fragmeiii eines ans U d a la datierte» Briefs vom 10. März, ivouaai es am Kivusee zwischen deutschen»nd Kongo-Truppen zu», Kamps ge- komme» ist. Die Briesstelle kantet: „Tie Herren aus Tavora: Puder, Lott unv. sind mit allen ?lslaris(Sokdaleu» nach dem Kivii'ee, wo die Belgier,„Europäer", die denlschen Askaris angegriffen haben. ES ist also Krieg. Ujji. Tabora. Mwauza, Bnkoba, alle Besatztingeu sind»ach dem Kivuiee aufgebrochen. Ter von Trotha Sohn ist vorgestern hier durch- gekommen, um nach Bukoba zu gehen."»' Ter Brief ist bereits 9 Wochen alt. so daß über de» Zivischen- fall, wenn er von Belang Ware, auch bereits anderweitige Meldnngen vorliege» müßten. Weiiil das„Berliner Tageblatt" nicht versicherte, daß der Brief ihm von sebr vertrauenswürdiger Seite zugegangen wäre nnd an dem„guten Glauben" des Briefschreibers leiii Zweifel obwalten könne, würde man die Nachricht für eine Ente halten müsscit. Amerika. Deutschland und Amerika. Washington, 13. Mai. Im Senat erklärte Haie bei der Fortsetzung der Beratnng Über die Flottenvorlage, er glaube nicht, daß irgend eine N o.t iv e n d i g t e i l zur Vermehrung der Fioite' d a d n r ch gegeben sei, daß man für die unmittelbar bevor- stehende oder die spätere Ztlknnft Feind- seligkeiten mit Deutschland befürchte. Diews große Land sei mit den Vereinigten Staaten durch unlösbare Bande in Gestalt von zehn Millionen Menschen deutscher Abkunft verknüpft, welche heule zu den besten Bürgern der Vereinigten Staaten ge- hörten.—_ DKvtei-AsÄzvilszten. Partciprcsse. Nach einer uns vorliegenden Geschäftsanzeige ist die Druckerei samt Berlagsgeschäft der Firma Wörlein n. Co. in Niimberg am 11. Mai an die Firma Fränkische Verlagsanstalt und Bnchdruckerei Herm. Sydow u. Co., offene Handelsgesellschaft, über- gegangen. Zur Kcunzeichnnng. Zu unsrer unter dieser Spitzmarke er- schieneiien Notiz i» Nr. 108 schickt uns Herr L. Rexbäuser, der Nedaclenr des„Korrespondent", eine„Erwiderung". Wir haben keine Veranlassiliig. sie auszunehmen, da sie natürlich die Richtigkeit tmsrer Cilate auS dem„Korrespondent" nicht bestreiten kann, dagegen den Versuch macht, nns zn einer Diskussion über die Berechtigung des Rexhänserschen StandpunttS zu zwingen. Zu einer Diskussion mit Herrn'Rexhäuser liegt, wie wir wiederholt hervorheben, für uns gar lein Grund vor. Amsterdam, 11. Mai. Ein Zeichen des großen Fortschritts inffrer Partei lieferte die gestrige Nachwahl in Harlein. Der social- demokratische Kandidat L. Modoo erzielte 633 Stimmen, während wir bei den allgemeinen Wahlen 1397 nur 156 Stimmen bekamen. ES fehlten uns jetzt nur weniger als 100 Stimmen zur Stichwahl. GviuevfcschaflltifjVS. Berlin nnd ttmgegend. In großen Röten befindet sich die Große Berliner Straßen- bah» infolge der Lohnbewegung ihrer Angestellten. Arbeitsinspektor Stabenow, der ehemalige Schulmeister, dessen Entfernung oder Ver- setzung die Angestellten verlangen, kam am Sonntag auf den Bahn- hos Maiiteufielstrnße und erkundigte sich dort in leutseligster Weise, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, um das Befinden der An- gestellten. Er betonte verschiedenen Schaffnern gegenüber, daß die Gesellschaft gesonnen sei, eine Lohnzulage und eine bessere Regelung des Dienstes zu gewähren, nur wolle man mit dem Eentralverbande der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter nichts zu thun habe» und wenn es Millionen koste. Da mm aber Herr Stabenow denn doch noch nicht über die Millionen zu ver- fügen hat, wurde seine» Ausführungen seitens der Angestellten recht ivenig Wert beigelegt. Die Große Berliner Straßenbahn hat am Sonntag ihre Angaben, daß genügend Personal vorhanden gewesen sei, widerlegt, indem ans verschiedenen Bahnhöfen eine Anzahl Reserveschaffner eingestellt wurden. Bereits gestern hatten in Folge dessen eine größere Zahl Schaffner und Führer frei. Das Sparsystein des Herrn Stabenow hat also schon, bevor noch die Bewegung der Angestellten beendigt ist, ganz gründlich Fiasko ge- macht. Warum kann man jetzt Leute einstellen, nachdem der Stein im Rollen ist, nachdem die Erregung der Angestellten die Siedehitze erreicht hat? Die Stnccatcure bei der Firma Junkersdorf in Berlin haben lvegen Differenzen die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist fernzuhalten. Teiilsche» Reich. In Friedcbcrg(Neumarli sind die Maurer in eine Lohn- bewegung eingetreten. Da mit den Meistern keine Einigung möglich war, legte» ain Soniiabend fast sämtliche Maurer die Arbeit nieder. Gefordert wurde die zehnstiiiidige Arbeitszeit und 30 Pfg. Stundenlohn. Bisher wurde bei elfftündiger Arbeitszeit 2 bis 3 M. pro Tag gezahlt. Ter Arbeitgcber-Vcrband für Brombcrg und Umgegend hat eine Liste sämtlicher streikende» Maurer, 226 Man», versandt und die Interessenten des Baugewerbes gebeten, diese Arbeiter nicht ein- zustellen. DaS Verhalten der Unternehmer dient sehr zur Aufklärung der Arbeiter. Ans Grube Köuigsau bci AscherSleben haben die Bergleute die Arbeit»ach kaum zweitägiger Pause wieder aufgenommen. Der Beamte, welcher die Achtstundenschicht abschaffen und dafür die neun- stündige wieder einführeit wollte, wurde entlassen und die Maß- regelnngen zurückgenommen. Tic Perlninttarbeiter in Fraitkenhausen befinden sich seit 6 Wochen im Aussrand. T ie Arbeiter verlangen die Einfübnmg einer gleichmäßige» Lohnliste, die in einigen Posilionen keine Lobn- erböhnnge» gellend machte». Tie Fabrikanten habe» die vom deiit- schen Holzarbeiter-Verband eingeleiteten Vennittlimgen abgelehnt, so daß heute noch 500 Arbeiter niid Arbeiterinnen im Ausstand stehe». Die Antsländigen bedürfen dringend der Uuterstütziing. Gelder Ind an Franz Ende, Änopfmacher. Fraitkenhausen, Neninarkt, zu senden. Loffeutliche Angelegenheit. T ie Metallarbeiter in Hildes- heim hatte» im Januar und Februar zwei Werlstätten-Beiprechnnge» abgehalten, ohne dieselven polizeilich anzumelden, da keine öffent- lichen Angelegenbeite» besprochen wurde». Hierauf erhielten der Wirt, der Veranstalter und der Referent Bebte ans Hannover Straf- mandate in Höhe von 15 M. Bichic beanttagte richterliche Entscheidung. Das Schöffengericht i» Hildcslieim siuloß sich der Ansicht der Polizei an und verurteilte den Metallarbeiter Peble zu 30 M. »nd Tragtmg der Kosten. Der Amtsrichter meinte, eine Besprechung, die ivirtichastliebe Lage der Arbeiter zu verbesser», sei eine öffentliche Angelegenheit. Ferner trüge die Lersamnilimg einen öffentlichen Chöralter. weil außer den Arbeitern der betreffenden Fabrik»och zwei andre Arbeiter anwesend tyaren. Tic Firma Schcibler n. Eo. i» Monljoie bei Aachen bat ihren sämtlichen Arbeitern gekündigt, weil dieselben dem christlichen Texiil- arbeiterverband beigetreten sind. UnS icheint, als ob die Unternehmer der Tertilindunrie im Aachener Besirk beschlossen hätten, die christlich« Textilarbeiterorganjsation. welche ibnen»»bequem wird, zu zerstöre». Eine schöne Leltion für die Führer der Christlichen, tvelche stets von Harmonie zwischen Kapital und Arbeit predigen. Die gestiegene» Arbeitslöhne in den Papierfabriken sollen die Schuld an der Erböbnng der Papierpreise tragen. Wenigstens erklären dies die Fabrikanten in einem Cirkular. Bon einer Sieige- mng ibrer Lökine haben die Slrbeiter i» den Papierfabriken aber bis jetzt noch nichts gemerkt. Dieselben betragen bei 12stüiidiger Arbeits- zeit im Jülicher Bezirk für verheiratete Arbeiter 1 M. 30 Pf. bis zum Höchstlobit von 2 M. 50 Pß Nachdem die Slrbeiter von dem Cirkular ersuhren, haben sie sich endlich aufgerafft nnd eine christliche Organisation gegründet. Dieser Organisation sind aber erst 300 Arbeiter beigetreten. Die Firma Henntsieii& Jansen. Papierfabrik in München-Gladbach, hat sich nun ichon veranlaßt gesehen, zwar nicht den Lobn zu erhöhen, aber doch die Arbeitszeit»in eine halbe Ssinide zu verkürzen. Ter Bericht deS Münchener ArbcitersekretartatS von 1899 ist zugleich mit dem Geschäftsbericht des dortigen„Gewerk schafts- Vereins" erschienen. Der Bericht der AuffichtSkommiifion und der Kassenbericht zeigen, daß die Kosten für das Sekretariat von den Münchener Arbeiterorganisationen mit Leichtigkeit ausgebracht werde». so daß daS Sekretariat bereits mit einem ansehnlichen Neiervefonds rechnen kann. Erfrenlich ist auch, daß den zwei Sekretären wenigstens ein einigermaßen aliSköminlicheS Eebalt, nämlich 2400 Mark pro Jahr gezahlt wird. Der Bericht enthält die üblichen Angaben über die Penonettfrequenz des Bureaus, Stand und Beruf der Besucher, deren Zugehörigkeit zur Organisation zc. Daran fügen sich die Mitteilniigeil über den Gegenstand der mündlichen Änskiuifte und der angefertigten Schriftsätze. Der Bericht deS GewerkichaftSvereinS' giebt eine Uebersicht über die von diesem beziv. dessen Ausschliß in Gemeinschaft mit de» Sekretäre» im Berichtsjahre ausgeübte Thätigkeit. Diese erstreckt sich auf die verschiedensten Gebiete. Nicht bläß die Förderung der GewerkichaftSbewegung. die Unterstützung der Lohnbewegungen ließ sich der Ausschutz angelegen sein, er leitete auch die Gründmig einer Volksbühne in die Wege, unterstützte den Bolkshochschnlverein:c. Einen besonderen Erfolg hatte der Ausschuß durch die Konkurrenz der Banarbetterichutz-Kominission zu verzeichnen. Es gelang dieser bekanntlich, die Regierung von der Notwendigkeit der Aifftellimg von Arbeitereontroleuren zu überzeugen. Zur Fördernng der Gewerkschaften wurde eine Neuerung eingeführt, die sich sehr gut bewährte; einzelne größere Gewerkschaften stellten eigne Beitragskaffirer ein, eine Anzahl kleinerer thate» sich zu dem gleichen Zweck zusammen. Den Schluß bildet eine statistische Uebersicht über die Müiichener Gewerkschaftsbewegung. Aus ihr entuehmeit wir. daß die Zahl der organisierten Arbeiter Münchens am 1. Oktober 1899: 16 273 betrug: ein Jahr vorher waren 11517, am 1. Oktober 1897 aber erst 8563 Personen organisiert. Die»mfasseude, energische Thätigkeit der Sekretäre und des GewertschaftSverems komme» in diesen Zahlen zum Ausdruck. Ausland. Der Streit der Weber in Gent und R e n a i x(Belgien) dehnt sich weiter aus. In Gent sind 5000, in Renaix 2000 beteiligt. Die Unternehmer waren großmütig genug, eine Lohner- höhung von 20 Centimes pro Tag bei IlVz siiindiger Arbeitszeit anzubieten, wodurch der Lohn auf täglich 1,85 Frank gekommen wäre. Die Arbeiter lehnten dies aber ab, sie forderten 2 Frank pro Tag. Die HandelSaugestelltcn von Paris befinden sich in einer Bewegung zu Gunsten des Z e h n st» n d e n t a g S und einer absoluten Sonntagsruhe. Es finden in allen Stadtteilen Versammlungen statt, und Hunderte traten der Organisation bei. Die Mehrheit der Unternehmer haben auf die Forderungen geantwortet, daß sie im Princip für deren Durchführung seien. Hindernd treten i» den Weg die Gewohnheiten des Publikums und die gegenseitige Konkurrenz. Die Angestellten beauftragten ihre Vertrmteuspersonen. das Ziel mit allen Mitteln weiter zu verfolgen. Sociales. Die Allgemeine Ortskrankenkaffe gewerblicher Arbeiter unb Arbeiterinnen in Berlin hatte im Jahre 1899 durchschnittlich 31 807 männliche und 25 277 iveibliche Mitglieder. Sie iiahm au Beiträgen und Eintrittsgeldern 1 425 033 Mark ein und 26 440 Mark Nückerstattnngen von Drittverpflichteten fiir gewährte Unterstützungen. ES wurden ausgegeben für ärztliche Behandlung' 173 042 M., für Arznei und sonstige Heilnnttel 273 786 M.. für Kur- und Verpflegungskosten in Anstalten 197 751 M.. bar an erkrankte Mitglieder und Angehörige 7l9 745 M., für Ersatzleistungen an andre Kassen 15 384 M. Der Reservefonds beträgt 1 434 943 M. Die Kasse zahlt seit 13. Juli 1899 für 39 Wochen Kranken- Unterstützung. Der uits vorliegende Bericht stellt fest, daß von den mannlichen Kasieninitgliedcrn eine Einnahme von 1015 593,42 M, und eine Ausgabe von 863 270,47 M., also ein Ueberschnß von 152 322,95 M. entstand, während bei den weiblichen Mitgliedern die Einnahme 435 881,97 M. und die AnSqabe 520641,64 M. betrug, so daß von diesen ein AuSfall'.von 84 759.67 M. zu verzeichnen ist. ES erkrankten im Berichtsjahre 16 589 männliche n»d 11902 weibliche Mitglieder, darunter 2397 männliche und 1545 weibliche mit zusammen 145 411 Krankheitstagen. Unter den insgesamt 675 Todesfällen sind an Lungentuberkulose allein 214, nämlich 138 männliche nnd 76 weibliche Mitglieder. An den Folgen von Un- fällen starben 26 Mitglieder und durch Selbstmord endeten 18. MittelstanbS-Nettnng. Ein JnmmgS-Bäckermeifter in Pirschen bei Dresden fühlte sich beschwert durch die Konklirreuz. die ihm ein benachbartes„Bübchen"(Dorfkrämerci) durch den Handel mit Kommißbrot machte. In seiner Not wandte er sich an den JnnungS- vorstand und dieser griff zu einem energischen Mittel. Er zeigte die Soldaten, die dem Krämer das Kommißbrot verkauften, bei der Militärbehörde an. Die Soldaten, denen das Kommißbrotverkaufen verboten ist, werden ihrer Strafe nicht entgehen und die bäcker- meistcrliche Mittelstands-Exiftcnz ist gerettet. Aus der �rttuenbemegung. Dicnstbotcnkaffce. Im Briefkasten der„Hilfe" ist zu lesen: „Ein Bekannter von Ihnen hat in einem Frankfurter Kaffee- geschäft beobachtet, wie eine Dame„Tieustbötenkaffee" forderte lind daraufhin ohne weitere Rückfrage eine Mischung von Kaffeebohnen bekam, die ans den Schubladenecken zusammengescharrt, aus den Kaffeesäcken ausgestaubt, vom Lagerboden mit Dreck und Speck zilsammengekehrt waren. Das Pfund zu 20 Pfennig!! Sind der verständnisvoll prompten Bedienung schließen Sie, daß jene„Specialmarke' in dem betreffenden Geschäft zu de» gangbaren Sorten gehörte! Können Sie»»S nicht das Geschäft namhaft machen, damit ivir der Sache ernsthaft nachgehen? Dieser Dieustbotenkasfee ist eine treffliche Ergänzung der Wurst- sckalcusuppe für Tienstmädche». zu der kürzlich eine gemütvolle „Dame" ei» Rezept erbat. Wo diese Art Dienstbotenkaffee nicht zu habe» ist. empfehlen wir sparsamen Herrschaften, dem Dienst- »tädwe» ein Bündel Möhren zu kanfen oder ihm aufzugeben, sich zeitweilig eine Runkelrübe vom Felde zu holen. Die kann sich das Dienstmädchen dann, in Würfel geschnitten,.selbst in der Pfanne rösten; daS soll aiidi einen ganz gute» Kaffee geben. Er ist »ock> billiger und hat iianiemlich nicht die gesundheitsschädlitben auf- regenden Wirkungen des Bohnenkaffees. Köuiite sich nicht übrigens irgend eine erfahrene Hausfrau verdient machen durch Zusammen- jleliung einer ganzen Liste von Dienstboten- NahrungSiiutteln. Da kann man Tienslboteubrot machen aus Baninrinde, Kartoffeln:c., Dienstdoienbntier ans entsprechend gefärbter Schuhschmiere. Dienst» botenfleisch ans schönen Ncdensarten usw. Wir hoffen, daß diese Aiuegtwg auf guten Boden fällt. Bcrlitter Partei-Angelegenheiten. Achtung, l. Wahlkreis. In der[heutigen Generalversammlung des WnblvcrciiiS. Fisckcrstr. 25. spricht der Genosse Schrift- steller Paul Hirsch über„Das neue Äommuualgesetz". Die Genossen werden aus de» zweiten Punkt der Tagesordnung aufmerksam gemacht: Neuwahl deS gesamten Vorstands. Dritter Wahlkreis. Am Donnerstagabend 9 Uhr spricht in der Versammlimg deS WablvereinS bei Spiegelberg. Sebastian- straße 39, Reicksiogs-Abgeordneter R o s e n o w über:„Junkertum. Industrie niid Arbeiterklasse im Kampfe um die Handelsvertrags- Politik." Außerdem Diskussion und Lereinsangelegeuheiten. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Reue Mitglieder werden ans- genomine». Gäste haben Zutritt. Charlottcnbnrg. Am Donnerstag, den 17. d., findet eine Versammlung deS Socialdemokratischen WahlvereinS in derGambrinnS- Branerei, Wallstr. 94. statt. Genosse S t r ö b e l spricht über: ,.D a'S Liebäugeln der bürgerlichen Ratio nalötoiiomen mit der Arbeiterbe ivegun g". Genosse Dr. Conrad Schmidt hat das Korreferat übernommen. Der Vorstand. Treptow. Mittwoch hält im Verein„Vorwärts" bei Michler, Ernststr. 26, Genosse Nechtsamvalt Fränkl eine Vortrag„AuS der Geschichte der Justizverbrechen." Gcvtchks-Äctktmg. CineS der alltäglichen Bilder socialen Elcndö rollte eine Verhandlung auf, die gestern vor der 7. Strafkammer des Land- gerichls l stattfand. Der Bahnarbeiter Paul Riesch hatte im Seitenflügel deS Hauses Kastanienallee 55 eine kleine Wohimug inne. Am Morgen des 15. März dieses Jahres bemerkten Hausbewohner Brandgeruch und entdeckten, daß durch die Ritzen der Thür, die zu der Rieschschen Wohnung führte, Rauch hervorquoll. Da es bekannt war, daß um diese Zeit— es war bald nach 6 Uhr— die beide» 3 und 5 Jahre alten Knaben der Eheleute Riesch sich allein in der Wohnung befanden, so wurde die Thür eingeschlagen. Em erstickender Qualm drang den Männern entgegen und gleich daraus schlugen an verschiedenen Stellen in der Stube die hellen Flammen empor. Die beherzte» Männer drangen hinein und retteten die beiden Kinder, die zweifellos den Erstickungstod erlitten hätte», wenn die Hilfe etwas später gekommen wäre. Sudan« wurde die Feuerwehr gerufen, deren Anstrengungen eö gelang, ein Umsichgreifen des Feuers zn verhindern und eine über der Brandstätt« wohnende Familie auS äußerst kritischer Lage zu retten; das sämtliche Mobiliar aber verbrannte. Der ältere derbeidenKnabenhatte deinWachc» meister Ohliger erzält, daß er mit Zündhölzern gespielt habe. Die Folge war. daß der bedauernswerte Vater eine Anllage wegen fahrlässiger Brandstiftung erhielt. Im gestrigen Termiit erklärte der Angeklagte, daß sei» Verdienst nicht ausreiche, um seine ans Frau und drei Kindern bestehende Familie z» ernähren. Weimer des Morgens vor 6 Uhr auf Arbeit ging, so nnißten seine Frau und sein ältester Knabe ebenfalls auf de» Beinen sein, seine Frau um Zeittiitgen, sein Sohn um Frühstück auszutragen. Die beiden jüngsten Knaben blieben in ihrem Bette liege». Bevor er die Wohnung verließ, pflegte er die Schachtel mit schwedischen Zündhölzern ans ein so hohes Regal zu rgen, dah sie von den Kindern nicht erreicht werden konnte. DieZ kiabe er bestimmt mich an dem fraglichen Morgen gethan. Der Brand müsse also durch eine andre Ursache, vielleicht durch die Maschine, die zum Kaffcekochen geheizt worden war, entstanden fem. Er sei durch den Brand um seine ganze Habe gekommen und hause jetzt in einem leeren Raum, den man ihm im Nebenbause ein- geräumt habe. Allerdings sei er versichert, aber die Gesellschaft weigere sich, den Schaden zu ersetzen, weil eine grobe Fahrlässigkeit vorliegen sollte. Die beiden kleinen Knaben, dw ärmlich, aber'mit groszcr Sauberkeit gekleidet waren, gaben durch Kopfschütteln zu er- kennen, hast sie eine Aussage gegen ihren Vater nicht machen wollten. Da die übrigen Zeugen über die Entstchungsursache nichts anzugeben vermochten, so hielt der Gerichtshof eine Fahrlässigkeit seitens des Angeklagten nicht für erwiesen, sondern fällte ein frei sprechendes Urteil. Hoffentlich wird jetzt die Versichcrungs gesellschaft ihre� Schadensersatzpflicht anerkennen müssen. War eS aber nötig, in einem solchen Falle dem schwerbedrückten Bahnarbeiter noch durch eine Anklage neue Sorgen zu bereiten? Wege» Beleidigung eines preußischen Richters hatte sich der Ingenieur und Patentanwalt Walter R e i ch a u gestern vor der 7. Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten. In einem Prozeß, der vor der 53. Abteilung des hiesigen Amtsgerichts schivcbte, glaubte der Angeklagte, den Vorsitzenden Gerichtsassessor Schellbach wegen Befangenheit ablehnen zu müssen und be- gründete dies damit, daß der Richter ihn in einem früheren Prozeß nach seiner Meinung„vergewaltigt" und die Vorschriften der Civilprozeß- Ordnung zu seinen Ungunsten nicht beobachtet habe. Das Ablehnungs- gesuch wurde nach vorschriftöniäßiger Prüfung als unbegründet zurück- gewiesen, da das Verfahren des Richters durchaus korrekt gewesen sei und eine Vorcingenommenheit nicht erkennen lasse. In den Eingaben, die hierauf der Angeklagte an den AmtSgerichtspräsidenten Herzog richtete, erhob er die schwersten Anschuldigungen gegen den Richter. Er behauptete, � durch diesen mit List und Tücke vergewaltigt worden zu sein und beschuldigte ibn der Protokollfälschung, der Unterdrückung von Beweisaufnahmen, der mala fides, der Rechtsbeugung. Er behauptete ferner, daß der Richter den„Ring jüdischer Rechtsanwälte" zum Schaden des Privatpublikums bevorzuge, daß er durch Plinkern und Schielen� mit den Augen sich mit dem gegnerischen Rechts- auwalt verständigt habe, und er erklärte cS schließlich für einen Hohn auf jedeS RechtSbcwnßtsein, wenn der Rechtsuchende solchem_„Herrn jüdischer Herkunft" überantwortet werde. Daraufhin wurde die Anklage erhoben. Die gestrige Verhandlung ergab einerseits, daß das Verfahren des Richters zu Bedenken oder Beschwerden keinerlei Anlaß bot. andrerseits, daß der Angeklagte in falscher Auffassung der Vorschriften der Civilprozeßordnung das Ver- halten des Richters ihm gegenüber verkannt hatte. Er entschuldigte sich mit seiner großen Erregbarkeit. die auS einem in den Tropen erlittenen Hitzschlag herstamme und in diesem Fall durch seine im Termin gemachten Wahrnehmungen neue Nahrung erhalten habe.— Der Staatsanwalt hielt bei der Schwere der Beleidigungen eine Geldstrafe für ausgeschlossen und beantragte sechs WochenGefängnis, da der Angeklagte einem preußischen Richter Verfehlungen vorgeworfen habe, die das Gesetz mit Zucht haus bedrohe.— Der Gerichtshof glaubte dem Angeklagten seine nervöse Erregbarkeit zu Gute halten zu sollen und verurteilte ihn daher nur zu 300 M. Geldstrafe event. 60 Tagen Gefängnis. Herr v. Köllcr und die Religion. In Nordschleswig besteht unter dem Namen„Freie Gemeinde" eine religiöse Gc sellscdaft, die in Baulund und Haderslcbcn Bauten errichtet hat. welche in ihrer Ausführung und inneren Ausstattung Kirchen gleichen. In diesen Gebäuden sollte eine Art Gottesdienst abgehalten werden. Die zuständigen Ortspolizeibehörden untersagten dies aber im Namen und Austrag des Regierungspräsidenten, und der Ober- Präsident hielt als Beschwerde-Jnstanz das Verbot aufrecht, indem er sich auf eine Verordnung der höchsten Civilbehörde für Schleswig vom 23. April 1864 berief. Zur Benutzung eines Gc bäudes als Kirche wäre eine ministerielle Genehmigung er- forderlich, und die liege in beiden streitigen Fällen nicht vor. Die Beschwerdeführer, der Prediger Pulsen aus Baulund und der Bankdirektor Amorsen aus HaderSleben, klagten beim Ober Verwaltungsgericht auf Aufhebung jeuer Verfügung. Justizrat Munckel vertrat die Kläger. Er machte geltend,' es' könne dahin gestellt bleiben, ob die Verordnung von 1864, die von der gemein- samen preutzisch-östreichischcn höchsten Civilbehörde erlassen sei, zu jener Zeit Rechtskraft beseflen habe. Wäre cS der Fall gewesen, dann sei die RechtSgültigkeit beseitigt worden durch die AuS dehnung des preußischen Rechts auf die Nordmark. In Preußen könne sich jedermann zur Pflege seiner religiösen Interessen mit anderen vereinigen. Solche Gemeinschaften könnten sich natürlich auch geeignete Lokale erbauen. Ob sie nun dafür die Form einer Kirche wählten und ob sie es Kirche oder Klubhaus nennen, sei ganz egal. Die Benutzung eines kirchen- ähnlichen Gebäudes wäre jedenfalls angemessener' als die eines Tanzsaals.— Regierungsrat Kautz, der als Staatskommissar zur Verhandlung erschienen ivar, erklärte die ministerille Genehmigung für erforderlich, weil es sich hier um richtige Kirchen handle, m denen religiöse Uebungen nicht ohne weiteres abgehalten werden dürften, auch nicht von d i s s e n t i e r e n d e n G e ni e i u d e n. — Das Ober- VcrwaltungSgcricht gab der Klage st a t t und setzte die Verfügung der Landespolizeibehörde unter Aufhebung dcS Be- scheids des Oberpräsidenten außer Kraft. Versammlungen. Die Brettschneidrr und Bretterträger hatten am 13. Mai eine von 200 Personen besuchte Versammlung bei Obst, Grunewald- straße 110, einberufen, in der die Lohnkonunissio» Bericht über den Streik gab. Danach haben folgende Firmen den festgesetzten Lohn bewilligt: Fischer u. Collberg, Kottbuserdauun; Blumann, Wieland- straße; Seckel u. Schweitzer, Schöncberg; Sommergut u. Ascher, Schöncberg; MichalSki u. Katz. Schöneberg; Schiffer u. Sohn(nur für Bretterträger bewilligt); Gebrüder Cassirer, Wilmersdorf; Lcbbin (für Brettschncider bewilligt) und drei kleinere Geschäfte. In diesen Ge- schäften sind bis jetzt 40 Arbeiter beschäftigt, bleiben noch 60 Streikende. Gesperrt bleiben: Craeauer. Wilmersdorf; Cöhu, Wielandstraße; Lebbin(für Bretterträger); Seligsohn, Urbanstraße(für Brett- schncider); Saucrland, Lohmühlenstraße, und einige kleine Abriß- gcschäfte. Hierauf schilderte Genosse K i e l m e h e r die Lage des Streiks und beschäftigte man sich dann mit einer Resolution, die in einigen Punkten eine Äenderung der Forderungen herbeiführt. Danach sollen die Accordpreise unberührt bleiben. Für stärkere Hölzer von 7 bis 10 Zoll sollen 13 Pfg., über 10 Zoll 15 Pfg., über 14 Zoll jeder Zoll mit 2 Pfg. pro Meter bezahlt werden. Für Brettschncider blieb der Stundenlohn 65 Pfg. und 9 Stunden Arbeitszeit bestehen. Für Bretterträger wurde der Stundenlohn von 50 Pfg. auf 45 Pfg. herabgesetzt und die Accordpreise für Abladen und Austragen auf 3 Pfg. pro Kubikfuß bemessen. Die anderen Positionen bleiben die tarifmäßigen.— Ter Streik wird als partieller weitergeführt. Zur Lohubcwrguug der Stellmacher. Wie schon berichtet wurde, hat die Innung die von den Geiellen aufgestellten Forde« rungen anerkannt, aber eingeführt ist der Tarif noch nicht überall, und deshalb ist es zu einem teilweisen Ausstand gekomme». In einer Versammlung der Streikenden, die am Montagvormittag statt- fand, wurde berichtet: Der Obenneister habe an die JnnungS- Mitglieder ein Rundschreiben erlassen, des Inhalts, daß die Forde- rungen, wo sie bereits bewilligt sind, wieder zurückgezogen werden, oder, wo nenn Stunden gearbeitet wird, eine Stunde abgezogen werde.— Die besseren Werkstellen haben sich anscheinend der Auf- forderung des Obermeisters nicht gefügt, denn bisher haben sich nur 52 Streikende auS kleinere» Werkstcllen gemeldet. Der Nachdruck soll auf die Bewilligung der neunstündigen Arbeitszeit gelegt und diese unter allen Umständen durchgesetzt werden. Die Streikenden wurden verpflichtet, sich täglich von 9—11 Uhr vormittags im Restaurant Schiller, Rosenthalerstr. 57. zur Kontrolle zu melden. Am Mittivochabend findet in den Arminhallen eine öffentliche Versammlung der Stellmacher statt. Der Verband aller km Handels- und Trausportgewerbe beschäftigten Hilfsarbeiter(Bureau Kommandantenstraße 25) hielt am 8. Mai eine sehr stark besuchte außerordentliche Generalversamm- lung ab, um den Bericht der Delegietten von der Brannschweiger Konferenz entgegenzunehmen. UtheS und Straube berichteten in ausführlicher Weise über die dort gefaßten Beschlüsse. Nachdem von dem Vertreter des bestehenden Centtalverbands das Anerbieten eines gemeinsamen Zusammengehens unter Garantie guter Bedingungen gemacht wurde, hat die Konferenz nach reiflicher Erwägung eine Beendigung des seit Jahren bestehenden Bruderzwistes im Interesse der gesamten Arbeiterbewegung für notwendig gehalten und von einer Neugründung eines' zweiten Centralverbandes Abstand ge- nommen. Durch einstimmige Annahme der Resolution Schultzkc haben die Delegierten einen am 1. Juli cr. stattfindenden Zusammenschluß beider Organisationen zugestimmt. Die Redner ersuchen die Berliner Rollegen. diesen Beschlüssen ihre Zu- stimmung zu geben, da' eS ein Zurück nunmehr nicht mehr gebe, sondern nur noch ein Vorwärtsentwickeln. Bei der Beendigung giebt es keinen Sieger und keinen Besiegten. Die gegen festig gestellten Bedingungen sind für beide Teile acceptabcl mid ersuchen beide Redner, sich mit dem Beschlüsse von Braunschweig einverstanden zu erklären.(Lebhafter Beifall.) Meurer und Timm sind mit den Erfolgen nicht einverstanden, sie werden unter keinen Umständen sich dem bestehenden Centralverband unter Führung Schumann anschließen, die Wunden sind zu große, die uns geschlagen sind. eher werden sie einen neuen Lokal verein' gründen. Freude. Mohr. Steinicke, Keßlinke, Dopatka, Kettscher. Kayser sprechen für Einigung. Rein und Schulzke warnen die Kollegen Meurer und Genossen vor Neugründung eines Lokal- Verbands, es würde dieses nur ein totgebornes Kind sein, umsomehr, als sie auf Mitwirkung von Kräften nicht mehr zu rechnen haben. Im Jntereffe unsrer Berufskollegen muß eine Vergeudung des Geldes und derKräfte aufhören und wieder ein gemeinsames Arbeitsfeld geschaffen werde». Es liegt eine Resolution vor. welche sich mit der Thätigkeit der Delegietten, sowie mit den in Braunschweig gefaßten Beschlüssen ein- verstanden erklärt. Ferner die dott gewählte fiebeugliedrige Ge schäftSkommission mit der Liquidation deS Verbands beauftragt. Der Ucbertritt soll am 1. Juli dieses Jahres erfolgen. Die Geschäfts- kommission hat die Einigungsarbeiten mit dem Centtalvorstand weiter zu führen und sind deren Beschlüffe bindend. Die Abstimmung ergiebt die Annahme obiger Resolution gegen 18 Stimmen, und wird das Resultat mit stürmischem Beifall aufgenomnien. Damit ist die Einigung der zwei Organisattonen be schloffen und wird vom 1. Juli ab nur eine gemeinsame Organisation bestehen. Zwei Resolutionen, welche Urabstimmung, sowie Beide Haltung der LokalorganisatiouSfonn verlangen, sind dadurch gefallen. Straube teilt noch das Ableben der Kollegen Kaulich und Ragotzki mit und ehrt die General-Versammluug das Andenken derselben in üblicher Weise. Es wird ferner beschlossen. das Protokoll der Kon- fercuz zu drucken und den Organisationen zuin Selbstkostenpreis zu überlassen. Nach Erledigung einiger geschäftlichen Angelegenheiten schließt der Vorfitzende die Gcneral-Bersämmlung mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Einigung. Eine Versammlung der Kupferschmiede tagte am 10. Mai im Gcwerksckiaftshaus und hörte eine» Vortrag deS Herrn D ö b Ii n über Tarifgemcinschaften. Ein Schreiben des Vereins der Kupfer schmiedereien Deutschlands(Bezirksverein Brandenburg), in dem mit- geteilt wird, daß die Generalversammlung der Fabrikanten sich bereit erklätt hat. vom 1. Juni 1900 ab den Mininiallohn ans 471 3 Pf. die Stunde zu erhöhen und Ueberstunden, Montagen usw. nach den Bestimmungen der Generalversammlung vom 23. September 1895 zu bezahlen, wurde verlesen. Ebenso ein Schreiben des Herrn Obermeisters Münster, in welchem derselbe mitteilt, daß die Jnmmgsversammlung die Forderung eines Minimal' kohnS gegen 4 Stimmen abgelehnt hat und verschiedene Meister ihre Bcrwunderung ausgedrückt hätten, daß die Gesellen immer von Minimal-, niemals aber von Maxinialfordcrungen sprechen, was in der Versammlimg eine allgemeine Heiterkeit hervorrief. Ein Antrag, der besagt, daß jeder Kupferschmied, der am Sonnabend, den 9. Juni keine 47>/s Pf. Stundenlohn erhält, verpflichtet ist, die Arbeit nieder- zulege» und sich am Sonntag, den 10. Juni, früh 9 Uhr, in der Weinstr. 11 zur Kontrolle einzufinden hat, wurde angenommen Ausgenommen sind nur diejemgen, die noch nicht ein Jahr Geselle sind. Der Vorsitzende gab bekannt, daß der verunglückte Kollege Adam gestorben ist. Die Versammlung ehrte den Verstorbenen durch Erheben von den Plätzen. Die Bauarbeiter(Zahlstelle 6. Fahrstuhlarbeiter) nahmen am 13. Mai den Bericht über die Unterhandlungen mit der Finna Ritsch ii. Co. entgegen. Die Kommission teilte niit. daß sie ihre Aufgabe nicht erfüllen konnte, da die Firma jede Rücksprache ab- lehnte. Im Anschluß hieran besprach Böttcher die Arbeits- Verhältnisse bei dieser Firma. Man habe den Arbeitern versprochen, ein namhaftes Geldgeschenk zu machen, wenn sie der Organisaston den Rücken kehren' und einen besonderen Verein gründen. Der Redner bemerkte hierzu, man möge diese Gelder nur zur Auf- besserung der Löhne verwenden, damit hätte die Finna ein besseres Werk gcthan, als es durch ihre Vereinsgründung geschehen kann. Man beschloß, die Forderungen am Montag nochmals der Firma zu unterbreiten und bei Ablehnung in den Ausstand zu ttcten. Die EtuiSarbcttcr(Portefeuiller) hielten am 13. Mai eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher nach einem Referat deS Lederarbeiter W e i n sch i l d der Anschluß an den Buchbinderverband be- schloffen wurde. Der Aufforderung kamen 57 Personen nach. Im Verein der Plätterinnen wurden am 9. Mai einige Vor- kommnisse bei der Firma Fritz und Boß besprochen, besonders das Verhalten der Firma gegen die Mitglieder des Vereins kritisiert. Sodann gelangten einige Verttauensangelegenheiten zur Erledigung und ließen sich 16 Arbeitettnnen als Mitglieder aufnehmen. Mit dem Fall Kofchemann beschäftigte sich am Sonntag eine von anarchistischer Seite einberufene sehr stark besuchte Versammlung in Rixdorf. Die Angelegenheit wurde von den Parteifreunden des Verurteilten, von Dempwolf, Witzle, Hübner und W a r s ö n k e, von denen die beiden letztem in dem Prozeß ver- wickelt waren, eingehend besprochen. Alle Redner stimmten in ihrem Urteil übercw, daß sie dem Unglücklichen, zu zehn Jahren ZuchlhanS Verurteilten das Attentat auf den Polizei-Oberst Krause nicht zu- trauen. Wie mitgeteilt wurde, bcabsichstgt man in nächster Zeit in Berlin eine Versammlung einzuberufen. Der Bericht über die Delegiertensitzung deS GewerkschaftS- katteNS für Berlin und Umgegend in Nr. 110 deS„Vorwärts" legt mir so verworrene Worte in den Mund, daß ich wohl berechtigt bin, um eine Berichtigung zu bitten. Ich habe gesagt: Der„Vorwärts" habe sich gewissermaßen der Unterschlagung schuldig gemacht, denn er sei schon friiher auf das Treiben im Verbandsorgan aufmerksam gemacht, habe aber einen kennzeichnenden Artikel abgelehnt. Der Re- datteur deS„Korrespondent" sei ein vielseitiger Mann, der nach- « i n a n d e r oberbayttscher socialdemokratischer Bauemagitator. konservativer AmtSblattredacteur und Lehrer des NaturheilverfahrenS gewesen sei, welch letztere Eigenschaft ich ihm jedoch nicht zum Vor- wurf machen wolle.— Die Arbeilersekretariate seien ein Produtt der Beeinflussung, welche die Gelehrten auf die Arbeiterbewegung ausüben. Die Arbeit der Sekretäre(Statistiken) finden bei den Majontäten der Parlamente keinerlei Würdigung; wir pfeifen auf den Rat der Gelehrten, die bisher jede„Bewegung" nur verhunzt haben. R. A r e n d s e e. Werder. Am Sonntagnachmittag 4 Uhr fand hier im Saale des Herrn Martin, Kugelweg 8, eine Volksversammlung statt, in welcher Genosse Liebknecht über die politische Lage und den Reichstag sprach. Der Saal war gedrängt voll; auch aus Branden- bürg waren Genossen anwesend, und namentlich viele aus Berlin. Liebknecht besprach ausführlich die lo» Heinze, das Flotten-, Fleisch- schau- und Zuchthausgesetz, und verglich die siebentausend Millionen. die für die Flotte ins Wasser geworfen werden sollen, mit dein Bettel, den die sog. Socialreform(BersicherungSgesetze usw.) den Arbeitern bieten. Zum Schluß mahnte er zu befferen Verbreitung der Patteipresse und zu zahlreicherem Einttitt in die Organisation, eine Mahnung, die dem lebhaften Beifall nach zu urteilen, wohl nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen ist. „Centralvereiu der Bildhauer Teuischlands"(VerwaltungSitelle Berlin). Heute abend 8>/, Uhr im Geivertschaftshaus, Engel-Uier 15: Versammlung. 1. Geschäftliches. 2. Wahl eines Revisors. 3. Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Fränkl über Erbrecht. 4. Verschiedenes. Deutscher Verein für Volkshygicne(Ortsgruvpe Berlin.) Mitt- woch, den IS. d. M., abendS 8Vj Uhr, im Bürgersaal des Ralhauicö: Oeffentliche Versammlung. Herr Lehrer Franz Matthes spricht über: Ter Bolksschullehrer im Dienste der Hugieiie. Der Krieg. Die Engländer in Kroonstad, das ist die neueste Nachricht vom Kriegsschauplatze. Lord Roberts meldete die Besetzung der Stadt vom Nachmittag des 12. Mai wie folgt: Ohne Widerstand zu begegnen, zog ich heute nachmitttag Iva Uhr in Kroonstad ein; der Union Jack wurde unter Hochrufen der wenigen britischen Einwohner gehißt. Präsident Stcijn flüchtete gestern abend, nachdem cr vergebens versucht hatte, die Bürgers zu über- reden, den Widerstand fortzusetzen. Die Boercn von Transvaal crflSrtcii, sie wollten nicht länger im Freistaat kämpfen, und zogen nach dem Vaal-Flnß ab, die Freistaatler dagegen beschuldigten die Trans- vaalcr. erst hätten sie sie benutzt und ließen sie jetzt im Stich. Viele Freisiaatler haben sich nach ihren Wohnotten begeben. Bevor Steiju Kroonstad verließ, machte �cr in einer Proklamation bekannt, daß nunmehr Liudley der Sitz der Regierung des Oranjc-Frcistaats sei. Sowohl der Geiieralkommandaut Bolha wie Tewel begleiteten die Transvaalcr. Ferner liegt folgendes Telegrannn vor: London, 14. Mai. Dem„Reuterichen Bureau" wird a»S Kroonstad vom 12. d. M. gemeldet: Präsident Stcijn hat sich nach Heildron begeben, nicht nach Liudley, und hat Heilbron zur ueucu Hauptstadt erklätt Ueber 400 Burghers haben ihre Waffen auSge- liefert. In Kroonstad und in der Umgegend verlautet, die Trans- vaaler konzentrierten sich am Vaalfluß. WcShalb die Barren ohne jeden Versuch dcS Widerstands ihre angeblich gut befestigte Stellung bei Kroonstad geräumt haben, bleibt vorläufig ei» Rätsel. Hatten sie von vonihercin gar nicht die Ab« ficht eniilbaften Wiederstands, wollten sie Lord Roberts nur auf- halten? Oder fühlten sie sich zum Widerstand zu schwach. Oder sind sie thatsächlich, wie in den letzten Tagen und Wochen so oft gemeldet wurde, Demoralisiert? Abermals liegen in London Nachrichten vor, die das mit aller Bestimmtheit bebaupten. Diese Nachrichten besagen: Achttausend Boercn mit 20 Geschützen flohen auS Kroonstad. Sie raunten aus den Sch ützengräbenund ließen die Befest ig ungs-Werkzeuge im Stich. Präsident Stcijn geriet in solche Erregung, daß er die Fliehenden mit Fau st schlügen und Fußtritten zurückzuhalten suchte. Ob es wirklich so traurig um die ehedem so tapfern Kämpfer steht. muß sich ja in den uächsten Tagen erweisen. Gegen diese Lesart von der völligen Demoralisierung und der feigen Flucht spricht allerdings der Umstand, daß Lord Roberts nichts von gemachter Beute oder gar von Gefangenen zu berichten weiß. Wären die Boeren wirtlich so desperat davongelaufen, so würde doch wohl Roberts die Verfolgung sofort mir allem Nachdruck aufgenommen haben. Vom südlichen Kricgsschanplatz im Oranje-Freistaat berichtet folgendes Telegramm vom Sonntag: Die Generale Rundle und Brab'ant rücken in einer Linie vor; man nimmt an. daß sie znr Zeit am Leeuw River ein Lager bezogen haben. Der schnelle Vormarsch Lord Robetts hat ans die Frei- staatler, die in der Nachbarschaft von Clocolan und den Korannaberg Hügeln stehen, Eindruck gemacht; sie zerstreuen sich nach allen Richtungen; viele Frauen sind allein auf den Fanuen zurückgelassen. Es ist zwar möglich, daß die Engländer noch auf starken Widerstand stoßen, aber'es ist nicht wahrscheinlich, daß der Vormarsch gehemmt wird. Vereinzelte Kommandos sind noch bereit, gegen schwache Punkte der btttischcn Linien vorzustoßen. Endlich meldet noch ein Telegramm dcu Vormarsch VnllcrS. Dasselbe lautet; Pietermaritzburg, 14. Mai. General Vullcr meldet amtlich, es sei ibm gelungen, die Biggarsbergpässe zu forcieren. Die Besetzung von Dundce wird heute erwattet. Urtzko Mttchvirtzkvn und Depeschen. Budapest, 14. Mai.(W. T- B.) Oe st reichische Delegation. Nach dem Expose des Ministers des Aeußern erklärt S l a m a, daß die Delegierten der Czechen gegen das Budget dcS Aeußern stimmen würden. Dieses ablehnende Votum beruhe einer- seit? auf dem vollsten Mißtranen gegenüber dem Grafen Goluchowstt, andrerseits auf dem Mißtrauen gegen die von ihm verfolgte Richtung der auswärtigen Politik. Der Redner wirst Graf Golnchowski ein systematisches Eingreifen in die inneren Ver- hältuisse Ocstreichs vor und bezeichnet ihn als Urheber der Auf- Hebung der Sprachen- Verordnungen. Slama bespricht sodann das Verhältnis Oestteich-Ungams zu Deutschland und Rußland und sagt. die Czechen verlaugten niemals gespannte Verhältnisse oder gar Feindschaft mit Teutschland. Andrerseits erblickten sie in dem Einvernehmen mit Rußland eine Garantie für die Erhaltung deS Friedens. Redner meint, daß durch die Vorgänge der letzten Tage dieses Einvernehmen gestört werden könne. Er bespricht sodau» die Ausweisungen böhmischer und polnischerAr- beiter aus Deutschland und bemerkt, daß am Vorabend der Reise des Kaisers Franz Joseph nach Berlin hunderte dieser Arbeiter aus Deutschland vertrieben wur- d e n. Redner fragt den Minister, welche Schritte in dieser Angelegenheit unternommen seien und regt ferner R e- pressalieu für den Fall der Erhöhung des deutschen Einfuhrzolls auf böhmische Bier« an. Der polnische Delegierte Dzieduszicki spricht dem Minister des Aeußern volles Vertrauen und Anerlennung aus. K o z l o w S k i bespricht die Frage der Auswanderung aus Ocstreich, regt die Schaffung neuer Konsulate in Oppeln und Thorn au und befür- wottet die Anbahnung von Verhandlungen mit Rußland behufs einer Weichselschiffahttskouvention. Redner betont die Notwendigkeit der Einschränkung der Ausweisungen auf solche Personen, welche die innere Rübe stören. Graf GoluckowSki tritt den Ausführungen SlamaS ent- gegen, welche den Thatsachen nicht entsprächen. Er habe schon wieder- yolt die Behauptung von seinem Eingreifen in die innerpolitischen Berhältnisie Oestrcichs zurückgewiesen, trotzdem werde diese Be- hmwtung immer wieder vorgebracht. Was die angeblichen Massen- aus Weisungen czechischer Arbeiter aus Preußen betreffe, so könne er nur aus die amtlichen Erhebungen verweisen, denen zufolge die Ausweisungen ganz vereinzelte seien. Der Minister bespricht mehrere einzelne Fälle und weist nach, daß bei diesen der Grund der Ausweisung nicht die Nationalität der betreffenden Arbeiter gewesen sei. Uebrigcns habe die Auswanderung galizischer Arbeiter nach Deutschland bereits einen solchen Umfang angenommen, daß sie zu einer wahren Kalamität geworden sei. Auf Slamas Anfrage wegen der Er- höhuug des Zolls auf böhmisches Bier in Deutschland bemertt Redner, daß es sich vorläufig nur um den Beschluß eines Aus- chusses handle, und daß eine Reklamation gegen diese Maßregel auch nicht erhoben werden könne, da der Zoll aus Bier nicht zu den vertragsmäßig festgelegten Positionen gehöre. Im Laufe der Debatte besprachen siozlowski und Slama nochmals die Ausweisungen aus Deutschland. Graf Goluchowstt er- widerte. Hierauf wird die Sitzung geschloffen. Nagy-Karoly, 14. Mai. 1 Der Abg. R ö s i ck e- Dessau(wildlib.) beantragt, in diesem An- trag Richthof'en zu setzen statt„einer Woche":„zwei Wochen": ferner zum Absatz 3 dieses Paragraphen folgenden Znsatz:„Bei Mitteilung der Unterlagen ist der EntichädignngSbercchtigte auf dieses Recht und die ciiizuhaitende Frist hinzuweisen." Abg. Rösicke- Dessau(Ivildlib.): Die Frist, in der sich der EntschädignngSbercchtigtc zu erklären hat. ist im Antrag v. Nicht- Hofen zu knapp bemessen. Ich bitte zwei Wochen festzusetzen. WaS meinen Zusatzantrag betrifft, so will ich in das Uiifallversichcrnngs- Gesetz für Land- und Forstwirtschaft eine ähnliche Bestimmung bringen, wie sie in das Gcwcrbe-UnfallversicherungS-Gesetz auf Antrag Stumm aufgenommen ist. Abg. Frhr. v. R i ch t h o f e n(k.) bittet die Bcstiininung so zu lassen, wie sie beim Gewerbc-UnsallversichcrnngS-Gcsetz gefaßt ist. Der Antrag Rösicke wird mit großer Mehrheit a n g c n o m m e n. Der g 62 mit dieser Aenderung angenommen; ebenso die gg 63—66. g 67 handelt von der Berufung. Abs. 5 bestimmt:„Die Bc- nifnng hat keine aufschiebende Wirkung." Diesem Absatz wollen die Abgg. v. R i ch t h o f c n(k.) und H o f m a ii n- Dilleiibnrg hinzufügen:„ausgenommen im Fall dcS g 8a"(wenn begründete Annahme vorhanden ist, daß der Empfänger einer Rente bei DurchsührimgZIeincS Heilverfahrens eine Erhöhung seiner ErwcrbSsähigkeit erlangen werde". Abg. Frhr. v.'Richthofcn(k.): Der Antrag stellt lediglich eine Konsequenz der Beschlüsse beim Gewerbe-UnfallvcrsichcrnngSgcsctz dar. Ich bitte Sie, ihn anzunehmen. g 67 wird mit dieser Acndctimg in der Komnnssionsfassnng an- genommen. g 72 handelt von der Kapitalnbfindung und bestimmt, daß, wenn bei teilwciscr Erwerbsunfähigkeit eine Rente von 20 oder weniger Prozent der Vollrcutc festgestellt ist, dem Entschädigungsbercchtigten auf seinen Antrag eine Kapitalabfindung gegeben werden länn. Tie?lbgg. Wibrecht(Soc.) und Genossen und Frhr. v. R i ch t h o f e n(k.s, Dr. L c h r(natl.). H o f m a n n-Dillen- bürg(natl.) beantragen, dem Paragraphen hinzuzufügen: „Der Verletzte muß vor Annahme seines Antrags darüber belehrt Werde»: daß er nach der Abfindung auch in den, Fall keinerlei An- spruch ans Reute mehr habe, wenn fein Zustand sich erheblich vor- schlechtern würde." Auch dieser Antrag Ivird als Konsequenz eines Beschlusses bei dem Gewerbc-UnfallvcrsicherungSjiesetz a n g c n o m in c». Nach§ 87 sind die Gcnosscmchaftcn befugt und ans Verlangen dcS ReichS-VcrsichcrungSamtS verpflichtet, für den Umfang dcS GcnosienschaflSbczirkS Niisall-VcrhiiluiigSvorschriftcn zn erlassen. Abg. Frist, u. R i ch i h o f c n(k.) beantragt die Worte„und auf Verlangen bis verpflichtet" zu streichen. Abg. Hoch(soc.): Wir bitten Sic dringend, diesen Antrag abzulehnen. In der Land- Wirtschaft liegen die Dinge nicht so, daß eine Abschwächnng der von nnS beim Gelvcrbc-UiifallversicherniigSgcsctz angenommenen Bestimmung hier angebracht wäre. Die Zahl der llnfälle ist in der Landwirtschaft durchaus nicht geringer geworden. Im Jahre 1890 kamen in der Industrie auf 1000 versicherte Personen 5.36 Vermigliickte. im Jahre 1808 7,11 Bcruiiglückte. In der Landwirtschaft kamen im Jahre 1890 1,15 Unfälle auf 1000 Versicherte, im Jahre 1898 4,26 Unfälle. Also die Steigerung ist auch hier sehr bedeutend. Sic beweist jedenfalls, daß die UnfollvcrhütnugS- Borsckiriften ganz minimale sind. Das RcichS-VersicheriingSmnt hat ja auch seiner Zeit Veranlassung gcnommcil'. in diese Verhältnisse sich hineinzumischen, und hat einen Erlaß an die BcrufSgenossciischaften gerichtet, durch weichen diese aufgefordert würden, Unfallverhütinigsvorschriftcii einzuführen. terr Gamp hat sich damals gegen diesen Erlaß des Reichs- Ver- chcrungSamtS gewendet und der Herr Vorgänger des Grafen Posa- dowSky'nmßte eS verteidigen. Er versprach, daß er mit großer Vor- sicht gegenüber den Großgrimdbcsitzern vorgehen werde. Freilich hat dieser Erlaß des Steichs-VreficheriingsamtS wenig genutzt, denn einem rein moralischen Druck sind die Herren Junker nicht zugänglich. Nur eine ganz verschwindende Minorität von landwirtschaftlichen Berufs- genossenschaften hat sich veranlaßt gesehen. UnfallvcrhütuiigSvorschristcn zu erlassen. ES ist daher dringend erwünscht, daß das Reichs- Vcr� sicherungSämt energisch vorgehe, und ich vitie Sie, die KoinmisionS- faffung anzunehmen. Staatssekretär Graf Posadowsky: Die Verhältnisse liegen in der Landwirtschast in Bezug ans Unfallverhütung durchaus anders als in gewerblichen Betrieben. Das Reichs-VersichcriuigSamt kann seinerseits nur Anregungen geben. gegenüber bestimmten Unfällen Vorschriften zu erlassen. Die spcciclle Form dieser Vorschriften muß aber aus dringenden Gründen der Praxis von den BcrnfSgenosienschaften selbst bestimmt werden. Abg. Gamp(Rp.): Ich habe nicht die Anregung bekämpft, UnfallvcrhütnngS- Vor-. lchriften zu erlassen, sondern nur die bestimmten Vorschnftcn bc- lämpft, die seiner Zeit erlassen werden sollten. Gerade für die kleinen Landwirte waren diese ganz impraktischcii Vorschriften sehr belastend. Die Zahl der Unfälle ist auch darauf zurückzuführen, daß die Arbeiter nicht dauernd bei derselben Beschäftigung bleiben und daher die Gefahren der einzelnen Arbeiter nicht kennen. Auch die Judikatur des ÄcichS-VersicherungsamtS hat eS bewirkt, daß die Zahl der Unfälle in' der Landwirtschaft sich scheinbar vermehrt haben. In der That haben sich die Gcsahrc» der landwirtschaftlichen Arbeit nicht vergrößert. Llbg. Hoch(Soc.): Die damaligen Vorschläge enthielte» nur eine Mustcrkartc von VerhütnngSvorschriftcn. es war nicht davon die Rede, daß diese Vorschriften nun überall eingeführt werden sollten. Während in der Industrie 534 000 M. sür Üeberwachumig der Betriebe im Jahre ausgegeben werden, hat die Landwirtschaft dagegen mir 1 641.98 M. im Jahre für diese» Zweck übrig. So lange die BerufSgciiosscn- schafteu in so horrender Weise ihre Pflicht vernachlässige», ist eS sehr wenig angebracht, wie Herr Gamp dieS that. die Arbeiter für die Zahl der Unfälle verantwortlich zu machen, ganz abgesehen davon, daß gerade die Herren Junker sc. denArbeitern das fioalitionsrccht nehmen und es ihnen dadurch immöglich machen, sich gegenseitig zu belehren, wie dieS in den Fachvereiiicn der gewerblichen Llrbciter geschieht. Die Haltung der Regierung heute hat mich nicht überrascht. SillerdingS mit den kaiserlichen Erlasien von 1390 steht sie in striktem Widerspruch und der Herr Vorgänger deS Grafen Posadowsly, Herr v. Böttichcr, hat alle die Argumente widerlegt, die Graf Posadowsky heut vor- brachte. Freilich trat dieser Herr, wenn er auch nicht unsrem Ideal entsprach, doch den Junkern etwas entschiedener gegenüber, als das heutzutage geschieht.— UebrigenS steht ja gar nicht in der Kommissiousfassung. daß das Reichs-Versichcrungsömt überall Unfall- verhütungs-Vorschriften vorschreiben muß, sondern eS ist seinem Urteil überlassen, dies zu thnn, wo es notwendig ist. Staatssekretär Graf Posadowsky: Mit dem politischen Begriff„Junkertum" hat diese ganze Sache nichts zu schaffen.(Sehr richtig! rechts.) Daß auch in der Landwirtschaft Unfallvcrsicherimgs-Vorschriften notwendig sind, hat nie- wand bestritten, aber es ist bei der Vcrschiedeiiartigkcit der in Betracht kommciidcii Verhältnisse außerordentlich schwierig, wirtlich praktische Vor- schriftcn zu finden, die nicht nur auf dem Papier'stehen. Bei der Häcksel- Maschine zum Beispiel kommen sehr häufig Unfälle vor, eS ist aber bisher noch nicht gelungen, wirksame Schutzmaßrcgcln zu finden. Schelten ist sehr leicht, hier kommt es aber daraus an, praktische Ausgaben zu erledigen und nicht einen ganzen BcrufSstand zu ver- dächtigen, daß er seine Pflicht nicht thut. Ich kann Herrn Gamp bestäligen, daß die Vorschriften, welche daS ReichS-VersicherungSamt seiner Zeit erließ, in der Praxis d n r ch a n S u n a»>v c n d b a r waren.(Sehr richtig! rechts.) Abg. Molkenbuhr(Soc.): Während früher das Rcichsamt des Innern das ReichS-Vcr- sicherungsamt immer verteidigt hat, sehen wir heute daS Schauspiel, daß Graf Posadowsky' Angriffe g c g e n dieses Amt richtet, das ihm selbst unterstellt ist.(Hört! hört! bei den Socialdcino- krateit.) Der Paragraph will doch nur dem Reichs-Bersichermigsamt das Recht geben, bei den Bcrnfsgenosscnschasten dafür zu sorgen, daß sie Unfallverhütungs- Vorschriften erlassen, und dieses Recht will der Staatssekretär ihm nicht mehr geben. Er fürchtet, sein Untergebener könnte damit Mißbrauch treiben. Herr Gamp nieinte. in der Landwirtschaft komme eS vor, daß ein Arbeiter plötzlich an einer Maschine arbeiten muß, die er gar nicht kennt. Deshalb seien Unfallvcrhiitungs-Borschriften nicht angebracht. Ich meine, gerade deshalb seien sie angebracht. Wer jahraus, jahrein an derselben Maschine arbeitet, für den sind solche Vorschriften ziemlich überflüssig. Daß bei der Landwirtschaft verschiedene Verhältnisse vorliegen, ist gewiß richtig. Dasselbe trifft aber auch für das Gewerbe zu und doch hält man hier solche allgemeine Vorschriften für durchführbar. Ich bitte Sic nochmals/die Kommissionsvorlage anzunehmen. Staatssekretär Graf Posadowsky: Davon, daß eine vorgesetzte Behörde Angriffe gegen eine ihr nachgeordnete richtet, kann keine Rede sein. Daö ist ein Phantasie- bild' des Vorredners. Ich habe nur erklärt, daß die allgemeinen Vorschriften, die seiner Zeit vom Rcichs-BersicherniigSamt mit Zu- ziehung landwirtschaftlicher Sachverständiger erlassen wurden, sich im größten Teil von Deutschland als nicht durchsührbar erwiesen haben. Ich wiederhole, es muß den BcrnfSgenosscnschastcn, das heißt den Praktikern, vor allem überlassen bleiben, solche Vorschriften zu crlasicn. Abg. Rösicke(wildlibcral): Von 48 landwirtschaftlichen BcrnfSgcnossenschaftcn haben bisher sieben es überhaupt nur für nötig gehalten, UnfaUberhütungs- Vorschriften zu erlassen. Deshalb bitte ich Sic dringend, es bei den Äomyiissionsbeschlüsscii zu lassen. Der Antrag NichtHofen wird hieraus gegen die Stimmen der Konservative» abgelehnt und§ 37 in der KoinmissionSfassung an- g c n o m nt e n. Die folgenden Paragraphen werden mit einigen redaktionellen Aendcrnugen. die Konsequenzen vorhergehender' Beschlüsse sind. debattclos angenommen. Damit ist die zweite Lesung dcS Uiifällversichcnings-GesetzcS für die Land- und Forstwirtschaft beendet. Folgende Resolution der Kommission wird dcbatlcloS an- genommen:„Der Reichskanzler wird erstich!, bei den verbündeten Regierungen dahin zu wirken, daß die von den höheren BcrwaltmigS- bchördcn für die land- oder forstwirtschastlichcn Arbeiter festgesetzten DnrchschiiittS-JahrcSarbcitsvcrdienste möglichst bald einer Revision unterzogen, werden." -Weiter beantragt die Kommission folgende zweite Resolution: Die verbündeten Regierungen werden ersucht, bei der demnächstigcn Revision des KrankcnvcrsicherungS-GrsctzcS in Erwägungen darüber einzutreten, wieweit die in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter der reichSgesetzlichcn Kraukcnvcrsschening zu nnterstellrn sind." Die Abgg. A 1 Ii r e ch t und Gen.(Soc.) beantragen an Stelle dieser die folgende Resolution: „Die verbündeten Regicriingeii zu ersuchen, dem Reichstag baldigst einen Gesctzentlvurf vorzulegen, durch welche» die in land'- und forstwirtschastlichcn Betrieben sowie als Gesinde beschäftigten Arbeiter, soweit dieselben nicht der rcichsgcsetzlichen oder einer gleich« wertigcn landcSgcsetzlichen KrankeiibersichcnmgSPflicht niitcruegcn. einer'reichSgesetzlichcn RranlenversichcrungSPflicht unterworfen werden." Abg. Stadthage»(Soc.): Wir sind der Ansicht, daß die Frage, ob für ländliche Arbeiter die Kraiikciivcrsichcrnng notwendig ist, nicht erst der Erwägung bedarf, 'ondcrn spruchreif ist, ja schon gewesen ist, als im Anfang der 90 er Jahre ?ic Kraiikenversichcruiias-Nobelle kam. Schon bei der Beratung des ÄraiikcuversicheruiigS-GcsetzeS wurde die dringende Notwendigkeit der AnSdchniuig dcS VcrsichcruugSzwaiigSanfdic ländlicheiiArbcitcrbeiont. Nun wurde behauptet, daß in cinzelncnTcilen Deutschlands die ländlichen Arbeiter durch die LaiidcSgcsctzgcbung in Hinsicht auf die Kranken- Versicherung besser gestellt wären, als das Reichsgcsctz sie stellen würde, weil sie weniger Lasten zu tragen hätten und mehr Vorteile genösse». Ich will es dahingestellt sein lassen, ob diese Bchanptiuig zutrifft. Sicher war sie der einzige Grund, weshalb die reichs- icsetzliche ZwangSversichernng nichl auch für die Landarbeiter bc- chlossen wurde.' Inzwischen hat sich die Misere auf diesem Gebiet 'iir die landwirtschastlichcn Arbeiter bedeutend verstärkt. Gerade die Arbeiter und kleinen Besitzer würden durch die KrankenversicherimgS- bflicht ganz bedeutende Vorteile haben. Jetzt fällt der landwirt- schaftlichc Arbeiter häufig der Armenpflege zu. Und wenn auch in Arbeitskontrakten direkt bestimmt wird, daß der Gutsherr in Krank- heitSfällcn zu sorgen hat, so kommt es doch praktisch daraus hin- aus, daß er es nicht thut. In den Staaten, wo der Einfluß der ländlichen Großgcwcrbc- treibenden nicht so stark ist, wie in Preußen, so in Württemberg. Baden. Hessen, Sachsen sc., ist durch LandcSgesctz für die Kranken- Versicherung der ländlichen Arbeiter gesorgt, llnd der Reichstag hat wirklich nicht so günstige Erfahrungen mit den Erwägnngcn der Regierung gemacht, daß er sich darauf verlassen tönnte. Bc- sonders notwendig ist die Krankenversicherung auch sür die kleinen Besitzer. Wenn der Typhus in das Gehöft eines kleinen Bauern kommt, dann muß er sechs Wochen hindurch für die kranken Arbeiter nach den Bestinimungeii des Bürgerlichen Gesetzbuchs sorgen. Er hat 42 Tage hindurch mindestens 2 M. zu zahlen. und wie leicht kann diese Bestimmung sür ihn«Miös sein. DaS rcichSgesctzliche Eingreifen der Krankenverstchsrung könnte als Vorbeugungsmaßregcl gegen Krankheit und dauerndes Siech- tum dicncn und so die Armeiilasten zum Vorteil der kleinen Besitzer verringern. Ju'dcr Kommission tvurde uns erwidert, wir Tollten fcoiü warten, bis das Krankenversicherungs-Eesetz iäiuo. ES sei jetzt nicht die Zeit zum Drängen, Wir halten eS aber doch für notwendig, daß sofort etwas geschieht, wie unsre AesoIntion vorschlägt, Auf partikularrechtliche Aendernngen wollen wir nicht warte». Diese erfolgen vielfach im Gegensatz zum Reichsrecht. Es ist gar nicht daran zu denken, daß durch Landesgesetz irgend welche sociale Gesetze zu Gunsten der Arveiter erlassen werden,'ohne daß das Reich einen Druck ausübt,— Ein wesentlicher Grund für die dringende Notwendigkeit der Emfnhrüng der ttrankenversicherung für die Landarbeiter ist auch die statistisch feststehende Thatsache, daß während die Zahl der Land- arbeiter im allgenieinen abgenonnnen hat, gerade die Zahl der schlechtest entlohnten Landarbeiter zugenommen hat. ES hat also eine Pdoletarisierung innerhalb der ländlichen Arbeiterschaft selbst stattgefunden. Unter diesen Umständen ist es dringende Pflicht, im Interesse dieser wirklich notleidenden Arbeiter die Krankenversicherung einzuführen. Hier- ist nicht mehr zu erwägen. die Sache ist spruchreif!(Sehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Damit schließt die Diskussion. Die socialdemokratische Resolution wird gegen die Stimmen der Socialdemokraten abgelehnt, die Resolution der Kommission angenommen. ES folgt die zweite Lesung des Bau-Unfallversicherungs-GesetzeS. Abg. Rösilke-Desiau(wildlib.): Dieses Gesetz ist in der Kom- Mission, abgesehen von den durch das Gewerbe- Unfallversichcrungs- Gesetz bedingten Aendernngen, der Vorlage der Regierung entsprechend angenommen worden und ich bitte Sie deshalb, dies Gesetz en bloc anzunehmcu. Das Haus besckiließt demgemäß, Hierauf wird ein Vertagungsantrag angenommen. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr.(Zweite Lesung des Gesetzes betr. die.militärische StrafrechtSpflege in Kiautschpuz See- Unfall- versicherungs-Gesetz s Nachttagsetat für 1300. Schluß 5 Vi Uhr. Rüc de» Jnbalt der Inserate übernimmt die Ncdakiio» dein Vnblirm» gegenüber keinerlei Tterantwortung. Dszvnkvv. Dienstag, den 15. Mai. epernhaus. Figaros Hochzeit. An- fang T'/j Uhr. Vchanipielbans. Jugend von heute. Anfang?>/, Uhr. Deutsches. Die Kreuzelschreiber. Aufaua 71/2 Uhr. Seffiiig. Im weifzen Sfiöfe'L Anfang 71/2 Uhr. Verltiier. Berlin bei Nacht. An- fang 7i/ztihr. Neues. Im Exil. Anfang 71/2 Uhr. Residenz. Die Dame von Maxim. Anfang 7i/, Uhr. Westen. Die Geisha. Anfang 7'/2 Uhr. Schiller. Brand. Anfang 8 Uhr. Thalia. Wie man Mämier seiselt. Anfang 7Vj Uhr. Luisen. Ihr Pathe. Anfang 8 Uhr. Ventral. Berlin nach Elf. Ansang 8 Uhr. Bellc-RIlianee. Onkel Bräfig. Ansang 8 Uhr. virtaria. Am Rande des Abgrunds. Ansang 8 Uhr. Friedrich- Wilhelmstädtisches. JoctoS Zlbenteuer. Anfang 8 Uhr. Carl Weift. Deutschlands Er- Hebung und Ewiguiig im 13. Jahr- hundert. Anfang 7Vz Uhr. Metropal. Speeialitätenvarslellung. Der Zauberer am Nil. Aufaug 8 Uhr. tzlpolla. 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(Blendendes Ballett.) Morgen u. folgende Tage: Berlin nach Elf. Er. Fraiitfurtcritrasse t:»». Ieiltschlnnüs Erhtbmlg und kinigllilgimIg.ZilhrhilM't. Gr. Festspiel mit Gesang in 32 Bildern von E. P f 0 r t. Anfang 71/2 Uhr. Barzugsbillets haben Gültigkeit. Bei günstiger Witterung: Im Garten äW" Frei- Kon/. ort."TUä Anfang SV, Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung Sonntag: Im Garten: Specialitäten- Barstetlnn StF" Theater und Konzert. Sonntag: Im Theater: Zum erstenmal: IittiapkQnd«: Arinnt. Schauiviel v. Rämer. Bchrenstr. 55/57. Direktion R. Schultz. Telephon l 212«. UM"* Um 0 Uhr 10 Min:-WiG l>rr gr4>«»te Operetten- Erfolg der letaten% Jahre. UlisWmVÜil. Burleske Ausstattungs Operette sowje llss neue esiLllclgsLige Usi-Speoielitsten-s'l'ogi'smm Anfang täglich 8 Uhr(auch Sonntags). Rauchen Überall gestattet. l'dAljA-'rileatkr. Tel, AmtIVa 6440. Dresdenerstr. 73/73. Gastspiel Annie Dirkens, Wie tiilin Mnker sesselt. Tandeville- Posse in 4 Akten. Musik v. Victor Roger. Hauptrollen: Annie Dirkens, Elise Äramm, Job. Junker-Schatz, Ellen Roland, Rcinhold Wellhof, Hermann Haack, Albert Aichne. Anfang 7Vz Uhr. Morgen und folgende Tage: Wie man Männer fesselt. Lelle-zlljAnee-fvekler. Gastspiel: llmil Klobsrd. Onkel Bräfig. Anfang 8 Ubr. Morgen: Dieselbe Porstellung. Abonnements für die Sommer- Saison 1300. (15. Mai bis 15. September.) Im Park: Grosse niUtar- Konzerte. Eilte Variete- Vorstellung. Weltbekannle Illumination. isar Sien:-im I Elektrische Zauberbäumc.» Im Theater: Erstklassige Gastspiele. Abonnements: 5 Sit. bezw. 3 M für die ganze Saison gültig täglich an der Theaterkasse. Apollo-Theatei'. Nur noch Wenige Tage: Im Reiche des Indra. Äasseiieroffiiung 7 Uhr. Garten- Konzert 6V2 Uhr. Ansang der Borstellung 8 Uhr. Vorverlauf von 10—1 Uhr im Theater sowie im Jnvalideiidank und Künstlerdonk. Urania Taub ensf rassc 48/411. Im Theater abends 8 Uhr: „In den Alpen sonst n..jetzt". Invalldcnstr. 57/OX: . Sternwarte. Nachmittaas 5—10 Uhr,_ ■Passage-Panopticum.' 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Letzte Woche! 35 Togo-Xeger Vorstellungen stündlich. Passage-Thealer: Vorstellung von 7— lO1/« Uhr. W. Noacks Theater, Brniinenstrabe 10. Jeden Sonntag. Dienstag und Donnerstag: Dheater- Vorstellnng. Im Bengalischer Tiger. Luftspiel in 1 Akt von Otto Randolf. Us\ und Phlegma. Posse mit Gesang in I Alt von Angely. Im tviinderschönc» Monat Mai. Liederspiel in 1 Akt von Stnckenbriick SfiZ:'" CASTANS■■ PANOPTICÜM Ericdrichstr. 165. Grösste Sehenswürdigkeit der Residenz! Upilf Mr. E o b 0 r t s, der nvll. erste Zauberkünstl. und Illusionist der IVeltl Nn 11 f Die Büokeburger, ®"• humoristisches Sänger- und Konzert-Ensemble. Entree 50 Pf. Kinderu. Militär ohne Ohariye -«5 Pf.- Victoria-Theater. Alexanderplatz. Dienstag, 15. Mai, abds. 8 Uhr. ttleiue Preise: 36 Pf., 46 Pf., 56 Pf.. 75 Pf.. 1 M. Gastspiel Enieiiible Valdon-äoräan. Am Rllnde des Abgrinids. DolkSschauspiel in 4 Akten v. R. Elcho. Morgen: Dieselbe Borstellung. kislcztrstrslisu. Täglich: 8tettlncR- Silugcr Anfang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Eutree 50 Pfennig. Vorverkauf 40 Pf. „See-Terrasse", Lichtenberg, Röderstrasse 6. (Die breite Röderstrasse verbindet das Steuerhaus Landsberger Allee mit dem Dorfe Lichtenberg) Zu Fuss in 8 Min. v. den botr. RinRbahnstationen u. Haltestell. der elektr. Bahn erreichbar. Vergnugungs-Etalilissement I. Ranges 20 �gfnd8011011 Täglich; Konzert der Römer Bersaglieri, Täglich vorzügl. Elltc-Progpanim im Varl6t6-Theater. Novität:„Lichtenberg auf Stelzen" lSÄ- Tanz: Sonntag, Montag und Donnerstag.'HUE GvoKov VevgnüqungspavK. Illppaell'am, 4l Kcgcldahncn, SÄ Kmlcz'hoatc, 8tallnngen, Schntzhänscr fitr 100 Fahrräder. JtF Familien können Kaffee kochen.-MU Eintrittspreis: 10 Pf., Kinder frei. tu •Terrasse� Lichtenberg) b/Berlln Kurfürsten- Damm. Eröffnung 16. Mai. Damn ii jjail grösste Schaustellung der Erde. 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Die Versammlung wird präcise eröffnet. Gäste haben Zutritt. Beiträge werden nur vor Eröffnung der Berfammlung entgegengenommen. 242 17 Der Toratand. Grotze öffentl. Versammlung im S. Berliiiei' Reiciistegs-Vlehiiireis am Donnerstag, den 17. Mai, abends 8'/- Uhr, im„Alten Schübenhaus". Kinienstr. 5. Tages-Ordnung: 1. Wahl emes Bertrauensmanns und Lokallommisfions- Mitglieds. 2. Bortrag des Referenten der Wahlprüfungs-Kommisfion. des Reichstags- Abgeordneten Richard Tischer über:„Wie die Freisinnigen Wahlen mache».« 3. Diskussion. Wir bitten alle Wähler des Kreises um den Besuch dieser Versammlung. Mitglieder werden in der Versammlung ausgeuommen. Sotialdemoilrattscher Wahlverein lür Lichtenberg-Friedrichslierg. Mittwoch, den 16. Mai. abends i» Uhr. N» Lokal des Herrn Höflich, Frankfurter Chaussee Nr. ILO: Pf VerfÄtnnllung."HW Tages- Ordnung: i. Bortrag über: �Die Soeialdemotratie in den Parlamenten und in den Gemeinden". 2. Diskusston. 3. Die Einführung unsrer Gemeinde- verordneten imb das Verhalten der bürgerlichen Vertreter. 4. Verschiedenes. Gäste willkommen.— Mitglieder werden in der Versammlung ausgenommen. Der Torstand. 14/3 Deutscher Holzarbeiter-Verband. Morgen, Mittwoch, abends 8'/« Uhr, im GewerkschaftshauS. Engel-Ufer Nr. 1Z: Yersamlnng sämtlicher Vertrauensmänner. TageS-Ordnung: Unfre Agitation in den Branchen Die Forderungen der Bodenleger. Bericht über die Tarifverhandlungen der Einsetzer. Die Lohnbewegung der Stellmacher. Bericht von, Berbandstag. 89/12 Jede Werkstatt muß vertreten sein. BertrauenSulännerkarte nebst Der- bandsbuck legitimiert._ Die OrtSverwaltnng. Rlxdorf*. AA«n»! Deutscher Dolmbelter-Verliiinir. i Mittwoch, den 16. Mai, abendS 8 Uhr, b« Deutsches Wirtshanö"j, Bergstraße 136/4 ' Mitglieder-Versammlung. bei Ulemke, 137: Tages-Ordnung: 1. Bericht des Delegierten vom Verbandstag. 2. Verschiedenes. SO/i__ Die Ortsvcrwaltnne. DM" Die nächste Bertrauensmänner-Sitzung stildet am DienStag, den 29. Mai, abends 8 Uhr bei Preil, Rosenstraste, statt. Droschken-Kntscher! Am Mittwoch, den 16. Mat. abends 6 Uhr. tn Ahreus Brauerei. Turmstraffe SS-Ä6: Oeffeutliche Versammlung für den Siordweften Berlins. Tagesordnung: 1. Vortrag, gehalten vom Reichstags-Abgeordneten Gen. Rosenow, 2. Wie stellen sich die Kollegen zur Abschaffung des weifeeil und zur Wiedereinführung des schwarzen Huts für sämtliche Droschken-Kutscher. 3. Ver- schiedenes._[10256]_ Das Agitations-Komitee. Verband der Stock- und Scbirmarbeiter. Heute. Dienstag, den 13. Mai, abends 8 Uhr, im Lokal des Herrn Stechert, Andreasstraste Nr. AI: Mitglieder- V ersanimlun gf. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die Aussperrung. 2. Unsre Lohnftatistik. 3. Antrag der vsmdlolil'sche» Arbeiter. 4. Wahl deS Delegierten zum Gewerkschasts- Kongrefe. S. Berichiedenes. 175/8 Tie überaus wichtige Tagesordnung erfordert dringend das Erscheinen aller Kollegen.__ Der Vorstand. Ruder-Verein„Vorwärts", Berlin. Allen Freunden und Gönnern des Rudersports hiermit zur Kenntnis- nähme, dafe jetzt, bei Ansang der Rudersaifo», die günstigste Gelegenheit gekommen ist, dem Verein beizutreten, Der Ruder-Beretn„BoiwärtS- bezweckt den weniger Bemittelten unter Beruieidmig zu grofeer Ausgaben die Ausübung des schönen und gesunden Rudersports zu ermöglichen und sind deshalb die Bedingungen so mäfeig, dafe eiu jeder in der Loge ist. dem Verein beizutreten. Mänuliche Mitglieder zahlen pro Woche SO Pf., weibliche 30 Pf. Sitzungen ftuden jede» Tonnerstag. abends 0 Uhr, im Klubhaus in Stralau. Tnunelstr. 17, statt. Gäste stets willkomme». In der Berrinsversammlung am Donnerstag, de» 17. Mai, findet ein Bortrag über:„Das Rudern« statt. Damen und Herren will- iommen. Eintritt tret 287.11 Der Vorstand. Achtung: Achtung! Mufikwstrumenteu-Arvetter! _ Dienstag, deit 15. Mai, abends S'/a Uhr: f�T Oeffentliche Versammlung im Lokal des Herrn<, ran mann, Namiynstr. Tages- Ordnung: 1. Bericht über de» Streikfonds. 2. Beschlufesaffung über eine einheitliche Marke. 3. Abrechnung und Steuwahl deS Vertrauensmanns und des Stell- Vertreters. 4. Gewerkschaftliches. Die Kollegen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. "W � Berti 37. 141/16 der Bertraueusmaun: Arendt. „Wiitig! Rabihputzer. ÄMl Am Mittwoch» de» 16. Mai, abends 8 Uhr, im Lokal deS Herr» Feuerstein, Alte Jakobstraße 75: Mitglieder- Versammlung der Zahlstelle Berlin III des Eeutralverbands deutscher Maurer. Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung vom letzten Ausstand bei der Firma C. Schulze. Referent Kollege F. Kempfert. 2. Bericht des Delegierten zur Gelverk- schafiskommission, 3. Berbandsangelegenheiten. 2S2/8 Die»rtllehe Verwaltnng, -Wuiia! Stellmacher,»tu««! Am Mittwoch, den 16. Mai, abends 8 Uhr, im Lokal der „Arminhallen"» Kommandantenstraße SV: Oeffentliche Versamlnng der Stellmacher Berlins. Tages-Ordnung: 1. Der Stand unsrer Bewegung. 2, Diskussion. 89/3 1 Zimmerer. Ktuug! Cevtral-Kranken- u. Sterbekasse der Zimmerer (E. H. Nr. 2 Hamburg.) Oertliche Lerwaltung Berlin. Freitag, 18. Mai er.» abends 8'/s Uhr, in den Arminhallen, Kommandantenstraße Nr. 26: Mitglieder- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom ersten Quartal l900. 2. Kassenangelegenheiten. Mitgliedsbuch legitimiett. 259/5_ Der Vorstand. A. Gruse, Bamivistr. 41 a. Großer öffentlicher Vortrag für Damen und Herren im„Neuen Naturheilverein" Charlottenburg- Berlin (Vorsitzende Ick. Xube) in der„Victorla-Branrrri", Berlin V-, Liitzowstr. III 112 Mittwoch, de» l6. Mai, abends 8� Uhr, Vortrag über: Mt Mftiätm des Volks iider die Schäden der Riirpfufcherel. Welcher? Der medizinischen oder der nainrheilkundlichen? Darüber wird der Vortrag Ausllärung geben. Referenten: Fräulein M. Kube, Herr E. Köhler. versäume niemand, diesen interessanten Bortragzu besuchen Um zahlreichen Besuch bittet 267! 10 Der Vorstand. Geschäftsstelle des Vereins: Charlottenburg, Berlinerstr. 125, 3 Treppen._ p SctMerctM« Zalmzkbcii ohne Narkose. Orimnal-Dankschreiben höchster Herrschaften zar Einsicht. Jeder Tersach oefriedigt sicher Special.: Plattenloser Zahnersatz. Absolut festsitzend, vorzügl. beim Sprechen, Singen etc. Plomben, Nervtöten, Reinigen etc. Sprechst,: 9—6(Fernsprecher) Sonntag 9—12 Brücken sfr. 6 b.l. a.d.Jannowitzbriicke. I a Möbel Grufecs Lager MGedicgenc um! Polsterwaren. Arbeit, änfeerst billige M MizwH, n\v Preise, empfiehlt Reichcubergerstr. 5. Auch Teilzahlung!(* Kranzblnderci n. Blnmen- handlnns von s4984L» Robert Meyer, \o. K. Marlanncnstr. Vo. Ä. Widuiungs-Kräiize, Gnirlanden, Ball- stränfecheii, Bonquets:c. werden sehr geschmackvoll und preiswert geliefert Wlchtl«! Wichtig k | Am 16. Mai, abends 8 llhr beginnen Zwei neue Kurse der 46348* iElektra, Prinzenstr. 55, Ii. für Elektromanteure, 2. für Vorgeschrittene(Maschinenbau und Elektrotechnik.) 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Gefällige Bewerber beliehen sich unier Borweisimg ihrer Zeugnisse persönlich in unserm Bureau "Ait-Moabit 00 zu melden. Radcberger Sxportbier-Brauerct "Abteilung Pichelsdorf. Mbrng, Tiscliler! Anläßlich der Maifeier sind die Tischler in der Bauttfchlerei von A Kiipclicn, Ehar lottenburg. entlasten worden. Die Werkstatt ist solgedessen bis auf weiteres gesperrt. 88/1- viv Ortsvorrvaltung Oharloltenburg. � Verantwortlicher Nedakteur: Paul John in Berlin. Mir den Lnscrateiiteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag vckn Max Bading in Berlin. jr. 111. u.?..« 2, KkilU des„NmSrls" KttllM VilKsdN WII»». W I«. UoKales. KrankcnhauSbehandlung und Armenunirrstützung. Die Verpflegung in Kranken-, Siechen-, Irren a n st a I t e n usw. wird von unsrer städtischen Verwaltung als gewöhnliche Armenunterstützung angesehen und bei handelt, wenn die Stadtgemcinde die verpflegungstosten tragen oder auch nnr für längere Zeit stunden muh. Da Annenunterstützung den B e rlust des Wahlrechts nach sich zieht, so verzichte viele für sich oder für ihre Angehörigen auf di Benutzung dieser An st allen. Die Mihstönde, die sich darans ergeben, sind oft besprochen nnd beklagt worden. Im Februar dieses Jahres hat die Stadtvcrordnelen-Versammlung nm endlich eine gewisse Abhilfe zu schaffen, den Magistrat ersucht. .geeignete Vorkehrungen" zn treffen, durch die die Entziehung des Wahlrechts wegen längerer Stundung der Kranken hanskosten künftig verhütet werden könne. Hinsichtlich der Ver pflegung in der städtischen I d i o t e n a n st a l t hat aber die Depw tation für die städtische Jrrcnpflege bereits vor jenem Bcschlnh der Stadtverordneten- Versammlung ein Verfahren befolgt— ähnlich demjenigen, das damals in der Stadtvcrordncten-Versammlung vor- geschlagen wurde. Sie hat, Ivie sie jetzt in ihrem Verwaltungs- bericht pro 1893/99 mitteilt, aus ihrem Verkehr mit den Eltcni der aufzunehnicnden Kinder dieArmendirettion mit Gen eh m i g u» g des Magistrats ganz ausgeschaltet. Sind die Eltern zahlungsunfähig, so gelten sie nun nicht mehr als von der Arinendirektion, sondern von der Deputation für die Irren pflege unterstützt. Tie Unterstützung hat demnach auch nicht mehr den Verlust des Wahlrechts zur Folge. Die Deputation hat sich zn dieser Aenderung entschlossen, weil bisher viele unbemittelte Väter. um nicht das Wahlrecht zu verlieren, doranf verzichteten, ihre idiott schcn Kinder der Anstalt zu übergeben. Merkwürdig ist nnr, daß i» den oben erwähnten Verhandlungen der Stadtvcrordnctcn-Versanini lung von keiner Seite darauf hingewiesen worden ist, daß dieses Versahren bereits damals von der Deputation für die Jrrenpflege geübt wurde. Noch merkwürdiger könnte es scheinen, daß dasiellle Verfahren von derselben Tcputalion nicht auch auf die Verpflegung in den andren Abteilungen der städtischen Jrrcnpflege an gewandt wird, nnd daß nicht auch die Verwaltungen der Kranken- und Siechcnanstalten, der Heimstätten usw. längst auf diesen, wie man sieht, durchaus gangbaren Ausweg gekommen sind. Der Grund für dieses ividerspruchSvolle Verhalten «st wohl darin zn suchen, daß die G e s n n d h e i t S p s l e g e bei nnS noch nicht ebenso als öffentliche A n g e l e g e n h e i t be handelt ivird, wie das Bildungswesen. Wir haben einen Bildnngs zwang, der selbst gegen die Bilduugsunsähigen wenigstens Versuchs- lvcije in Anwendung gebracht werden niuß, aber wir haben keinen Heilungszwang, deni jeder Kranke unterworfen wäre. Wer einen solchen HeilungSzwang fordert, der darf auch mit Sicherheit daran rechnen, daß man ihm ein Attentat auf die.persönliche Freiheit" des Staatsbürgers vorwirft.— ivährend der Bildiingszwang längst aller Welt als selbstverständlich er- scheint. Daß Kinder ohne eine geregelte Unterweisung ans- wachsen, wird als gemeine Gefahr angesehen, daß Kranke ohne eine zweckmäßige Behandlung hinsiechen, halt man für unbedenklich. Bei idiotischen Kindern wird, wenn die Elten» keinen Privatlchrcr halten können, nnr dnrch Unterbringung in einer neben dem Unter- richt auch Wohnung. Beköstigung usw. gewährenden Anstalt die Er rcichung eines gewissen Maßes von Bildung gewährleistet. Aus diesem Grunde kann es kein Gemeinwesen ruhig geschehen lasse» daß idiotische Kinder nnr mit Rücksicht ans die Kosten und den eventuellen Verlust deS Wahlrechts der AnstaltSbchandlnng entzogen werden. Kranken gegenüber denkt man, wie gesagt, nicht so vernünftig. Und doch läge es auch in KrankheiiSsätlen vielfach nicht nur im Interesse derKranken, sondern noch »nehr deS Gemeinwesens, daß ihnen die A n f n a h m e in eine Anstalt erleichtert, eine zweckmäßige Behandlung gesichert und, wenn noch angängig. Heilung ermöglicht würde. Der Magistrat ist der von der Stadtverordneten- Versammlung an ihn gerichteten Aufforderung, ihr in der oben besprochenen Angelegenheit eine Vor läge zu mache», bisher noch nicht nachgekommen,(sollte er zu lange damit zögern, so wird er hoffentlich an seine Pflicht und zugleich daran erinnert»verde«, daß p r i n c i p i e l l e Bedenken nun nicht mc h r geltend gemacht werden können, nach dem er selber hinsichtlich der Aufnahme in die Jdiotcnanstalt bereits vorher die Durchbrechung d e S P r i n c i p s ge billigt hat._ Das Blutenmecr kn und um Werder ist verschwunden: die„gestrengen Herren" Eis- heilige»« haben den FrühliiigSjchmnck der Bäume, namentlich der Kirschbäume zerstört und damit die Aussicht auf eine reiche Obsternte. In der Nachr von Donnerstag auf Freitag stieg die Kälte bis auf 4 Grad nnd was vor acht Tagen noch in schneeigem Weiß prangte, zeigt heute ein trauriges»velkeS Braun. Nur Ivo die Bäume geschützt stehen, hat sich die Blüte erhalten. Und da inzwischen daS Laub sich voll ent- wickelt hat, so verdeckt daS wundervolle Maigrün der Blätter die Wunden,»velche der Frost geschlagen. So hatten denn die Tansende von Berlinern, die ani letzten Sonntag nach Werder gewallt»varen, einen»vuudervollen Anblick, der die zahlreichen Wanderer dnrch den Wildpark daS traurige Schauspiel der vom Frost grausam heimgesuchten, deS jungen Laubes vollständig beraubten Eichen— ist doch die Eiche, der kräftigste aller unserer Waldbänme, zugleich auch der zarteste und empfindlichste— vergessen ließ und ihnen zeigte, daß der Frühling doch in« Lande ist und entschlossen den Tyrannen Winter hinauszutreiden— und wehre er sich noch sehr. Trotz Winter und alledem— Werder ist ein Paradies und wer Sinn hat für die schöne Natur, der wandere hin! Genossen findet er, wenn er in die Nestanration Martin geht. Kugelweg 3, die einzige Wirtschaft im Ort, deren Saal»vir zu Versa»umlungen haben können. Ein Paradies ist Werder. Aber in jcdcin Paradies ist auch eine Schlange— in manchem sogar recht viele. Die Paradies- schlänge von Werder hat keinen Apfel im Mund, sondern eine zier- liche, in allen Farben glänzende, bald Silber« bald Gold- simdelnde, grün, rot, braun schillernde Flasche nnt Johannis- b e e r w e i n. Die Flasche ist harnilos, aber was drinnen ist, das hat den Teufel im Leibe. Wenn man cS kennt, freiliib. ist es auch ganz harnilos nnd gar lieblich und angenehm. Doch»vebe dem, der es nicht kennt! Er erfährt an sich so recht den Fluch der Un- wissenheit. Lieblich schmeichelt der Trank sich ein, süß wie der L o t o s, von dem die Gesährten des herrlichen Dulders OdysieuS genascht. Tropfen folgt dem Tropfen und der folgende ist immer süßer und lieblicher nnd scheinbar harmloser als der vorhergehende. Wenn aber der glückliche Unglückliche sich an« glücklichsten dünkt, dann ergeht eS ihm noch schlimmer, als den Gesährten des OdyssenS— er vergißt zwar nicht die Heimkehr, allein die Fähigkeit der Heimkehr ist iym plötzlich genommen. Während der Selige, nachdem er sich von dem Zanberbann losgerissen, sehnsuchtsvoll der Heimat zustrebt, zu Muttern, nicht selten m i t Muttern. der gleich Seligen. dann ver- weigern die Glieder ihm den Gehorsam, die Beine»veichen vom Wege ab. der Kopf hört auf. das Steuer zuhalten, und ein Z i ck z a ck k u r S beginnt, der Misere ReichSregierung mit Neid er- füllen könnte. Genug nnd Scherz beiseite— der Johanniöbeerwein, gleich den andern Fruchtiveinen, die in Werder gespendet»verde», ist ein ge- fährlichcs Getränk; und deshalb gefährlich, weil niemand die Ge« fährlichkeit ahnt..Frucktivein"— das klingt so«inschnldig. so vegetarisch— allein es hat den Schalk hinter sich. Der harmloie .Friichtwein" ist in Wirklichkeit weit stärker als der schwerste Rheinivein. DaS bedenke man! Und wer es bedenkt— Männlein und auch Fräulein—, dem ist die Schlange des Paradieses von Werder nicht gefährlich. Wissen ist Macht! Exxsrtus. Die Einweihung der neieen Gemrindeschulhäuser, die in» April in der W i l m s- und in der Glogauerstraße fertig ge worden und in Benutzung genommen worden sind, ist am Montag- vormittag unter zahlreicher Beteiligung von Mitgliedern des Ma gistrats und der Stadtverordneten-Versammlung. sowie der städtischen Schul- und der Bauverwaltung vollzogen worden. Der dabei ent- faltete ungewöhnliche Pomp, der auffallend abstach von der bei Gemeindeschnl- Einweihungen sonst üblichen Schlichtheit, galt dem Umstände, daß die beiden neuen Schulhäuser die erste» Scbulen und überhaupt die ersten größeren Bauten sind, die nach den Plänen des Stadtbaurats Hoffmann ausgeftihrt wurden. Die Hauptfeier fand in der Wilmsstraße statt. Sie bestand ans Gesangsvorträgen eine« festlich gekleideten Knaben- und Mädchenchors, einem Weihe gebet, einer Festrede nebst üblichein Äaiserhoch«nid„Heil Dir im Siegerkranz" usw. Stadtschulrat Bertram, der die Fest- rede hielt, gab einen Ueberblick über die Baugeschichte der Gemeindeschulen Berlins. Was er vortrug,»vor zwar kein Loblied auf die Berliner Kommunal- Verivaltung aber es»var auch kein offenes Eingeständnis der ba»l- lichen Mängel unsrer bisherige» Gemeindeschulhäuser. Dem früheren Städtbaurat Blankenstein, dem Berlin seine Schul kasernen verdankt,»vidmete der Herr Stadtschulrat Worte ehrender Anerkennung. Die Blankenstein'schen Schulbaute», sagte er, seien in ihrer Gesamtheit„die fteinfixierte, bis ans Ende geführte Evolution des Einfachen". Wenn wir diese Redeblüte voll echt Bertromschen Schwulstes richtig verstanden haben, so sollte sie besagen, daß billiger, aber auch nüchterner und dürftiger, als es Herr Blankenstein vermocht hat, beim besten Willen kein Mensch mehr hätte bauen können. Herr Bertram meinte natürlich in erster Linie die Billigkeit. Von dem neuen Stadtbaurat Hossmann rühmte er. daß die Beschaffung von Schulhäusern nachdem sie unter Blankenstein nur ein technisches Problem geivesen. unter ihm zur külislierischen Aufgabe geivorden sei. Diesem Urteil wird jeder, der die neuen Schnlbäuser gesehen hat, freudig zustimmen. Daß sie auch in schnltechnischer Hinsicht einen gewissen Fortschritt gegenüber den älteren Gemeinde- Schul bauten bedeuten. haben wir bereits in« April in längerer Ausführung gezeigt.— Nach Beendigung der Feier begaben sich die Fesiteilnehmer nach der Glogauerstraße. besichtigten das hier erbaute Schulhans samt der Turn- nnd der Lesehalle' und wohnten einem von Schülerinnen der Mädchenschule hübsch ausgeführten Turnreigen bei. Die Hoffmannsche Schöpfung fand bei der Besichtigung überall die verdiente Anerkenmnig. Im städtischen Familien- Obdach ist die F r e q u e n z im Laufe des Monats April noch weiter gestiegen, so daß sich am 1. Mai 98 Familien nnt 3ö9 Köpfen und außerdem 81 Einzel- Personen in dieser Abteilung des Obdachs befanden. So viel wir wissen, i st eine solche Frequenz bisher noch niemals auch nur annähernd in« Familien-Obdach beob a ch« e t worden. Namentlich gegenüber den letzten Jahren erscheint die Steigerung, die im Spätsommer 1899 einsetzte und seitdem ziemlich'ununterbrochen angedauert hat. sehr bedeutend. ES be 'anbei« sich in der Familien- Abteilung deS städtischen Obdachs am 1. Mai: 1897: 11 Familien mit 30 Köpfen, außerdem 48 Einzelne 1893: LI.,.. 68.... 65 1399: 30„„ 103. 69 1900: 93„„ 359 81 Tie Frequenz vom 1. Mai 1900 ist also, hinsichtlich der Zahl der Familien, weit über 3 mal so groß wie die vom 1. Mai 1899, annähernd 6 mal so groß wie die vom 1. Mai 1898 und nahezu 9 mal so groß wie die vom 1. Mai 1897. Hinsichtlich der Zahl der Köpfe ist die Stcigening, wie oben ersichtlich, noch großer. Trotz dieser enornien Zunahme der Obdachlosigkeit ganzer Familien wird von nnieni HauSaaräriern immer noch bestritten, daß für kleine Leute eine Wohnungsnot in Berlin besteht. Sie wi3en iehr wohl, daß. sie nicht nur besteht, sondern daß sie durch ihre Weigerungen. Leute>n i t wertlosen Möbeln aufzunehmen,' noch gesteigert worden ist. Zahlungsstockimgen und FafliffementS in der verliner Hcrrcnkoiifertioiisbranchc in jüngster Zeit haben wieder einnial gezeigt, wie sanl die kapitalistische Herrlichkeit in dieser Prosperitäts- Periode ist. Der flottere Geschäftsgang und die Thatsache, daß „Geld unter den Leuten ist" hat veranlaßt, daß die Produktion in einer Weise anSgedcbnt wurde, der der Konsum nicht folgen konnte. Die Folgen bleioen denn auch nicht ans, der Pleitegeier rauscht um in der Herrenkonfektionsbranche sind bereits ein paar bedeutende Firmen gefallen und man befürchtet, daß den ersten Opfern bald neue folgen werden. Man steht allerdings auch crftaniit vor der Thatsache. daß allein die in Berlin und Stettin vorhandenen Engrosbettiebe der Herrenkonfektion jetzt für eirea 60 Millionen Mark pro Jahr umsetzen. Da bedarf es denn allerdings nnr einer einzigen schlechten Saison, ivie sie dieses Jahr zum Ostergcschäft eingetreten ist, und die kapitalistische Scheinherrlich lcit mit der häßlichen Kebrieite klappt zusammen. Das größte Aufsehen unter den FallisseinentS der jüngsten Zeit hat das Ende der bekannten Herren- und Knabenkonfeklions-EngroS Finna Gebr. Behrendt in der Spandauerstraße 10 er- regt. Die Finna war gegründet in der Zeit deS„wirtschaftlichen Aufschwungs' 1895 nnd hieß znnächst A. u. I. Behrendt. Im Oktober 1898'«rat dann Herr Herm. Behrendt zn Potsdam mit größeren Kapitalien in die Firma ein. die Nim in„Gebr. Behrendt" umgewandelt wurde. Es wurden nun in Rheinland. Westfalen, Schleswig-Holstein, Berlin und Umgegend nach und nach 22 Filialen errichtet. Aber auch hier zeigte sich, daß in den Arbeiterniassen durchaus nicht die gesteigerte Kaufkraft steckt, die die Lobredner der iiidilftriellen Prosperitätsperiode ihr nachrühmen: der Konsum folgte dem Angebot nicht und seit zwei Monaten redete man bereits von dem nunmehr eingetretenen„Sturz" der Firma. Die Passiven sollen nach einem vorläufigen Status eirea 700 000 M. betragen, ferner soll eine Bank eine höhere Forderung zu beanspruchen haben. Die Entziehung dieses Bankkredits soll den iiiimittelbaren Anstoß zum Konkurse gegeben haben. An den Waren- örderungen sind rheinische und Lausitzer Fabrikanten, sowie Berliner Großiste» beteiligt. Die Aktiva sollen zwar ca. 375 000 M. betragen. da sie jedoch zumeist in Fordeningen des Hauptgeschäfts an seine Filialen bestehen, dürften wohl sehr leicht noch größere Ausfälle entstehen. Auf die Vorstellung, die sich der Kaiser von der Anteil- nähme der Bevöllening an den letzten Hoffe ftlichkeiten macht, läßt eine Zuschrift schließen, die der Monarch von Urville aus an den Oberbürgermeister von Berlin gerichtet bat: „Die begeisterte Aufnahme, welche meine Haupt- und Residenz- tadt Sr. Majestät dem Kaiser von Oestreich. Könige von Ungarn. meinem treuen Bundesgenossen und Freunde, wie ineinen übrigen erlauchten Gästen bereitet hat. und die herzliche Anteilnahme der Berliner Bürgerschaft an dem bedeutsamen Feste der Groß- ährigkeits- Erklärung Sr. kaiserlichen nnd königlichen Hoheit äcs Kronprinzen haben mich mit lebhafter Befriedigung erfüllt. Die Ausschmückung der Feststraßen wie der einzelnen Gebäude, die glänzende Illumination, die freudig bewegten Menschen- mengen in den Straßen haben ein beredtes Zeugnis dafür ab- gelegt, welch' inniges Mitgefühl die Ereignisse meines HauseS in den Herzen der Berliner Bevölkerung wecken. Hierdurch aufs freudigste bewegt, gebe ich Ihnen, den städtischen Behördest, wie der B ü r» e r- s ch a s t Berlins gen, meine volle Anerkennung und meinen warmen Dank zu erkenne«',."„ Während der Kaiser bei dieser Gelegenheit vornehmlich von der Bürgerschaft der Reichshauptstadt spricht, stattet der Kronprinz in einem an den Magistrat gerichteten Schreiben der gesamten Bevölkerung Berlins für die„freudige Teilnahiiie" s-inei, innigsten Dank ab. Die städtischen Behörden hatten, wie erinnerlich. dem' Kronprinzen zur Großjährigkeitsfeier in einem Schreiben gra- tuliert, aus dem jetzt folgende wunderlich geformte Sätze bekannt werden: „Möge es Eurer kaiserlichen und königliche» Hoheit vergönnt sein, sich noch lange Jahre der sicheren und weisen Führung des kaiserlichen Vaters zu erfreuen,«nöge ein gütiges Geschick Eurer kaiserlichen und königlichen Hoheit, ivemi Höchst derselbe der- maleinst zum Leiter und Führer des preußischen und deutschen Volks berufen werde». Weisheit und Thatlraft verleihen, daß Eurer kaiser- lichen und königlichen Hoheit Regierung, getragen nnd gestützt von der Liebe und der Verehrung eines treuen Volks, eine reich gesegnete sei zum Ruhme deS Hohenzollernhauses, zum Wohle der Vaterlands, zum Segen der Menschheit!" Ein Dnell mit dem echteste« JubelpatriotismnS«m Hintergründe hat am S o n n t a g m o r g e n gegen 7 Uhr die Spaziergänger im Grunewald ernsthaft in Gefahr gebracht. lieber das allerliebste Sittenbild aus dem Kreise der Reichs- treuen berichtet eine hiesige Korrespondenz: Anläßlich der G r o ß j ä h r i g k e i t S e r k l ä r u>« g des Krön- prinzei» Wilhel»n war mit seiner Gattin auch der F i d e i- l o m m i ß b e s i tz e r v. G.«lach Berlin gekommen und hatte in einem Hotel der Königgrätzerstraße Wohnung aenommei«. Der Gatte, ein sehr lebenslustiger früherer G a r d e- O s f i z i e r, suchte seine Freunde»nd die Berlincr Balllolale recht reichlich ans und l i e ß leine Gattin vielfach allein. Eines Abends war er in Gesellschaft mchrercr Herren in einem Ballsaal in der Zimmer- st r a ß e. Hier ereignete eS sich, daß einer der Herren, ein hier domiziliertes Mitglied einer auswärtigen Gesandtschaft, dem Ehegatten eine Bemerkiliig über seine sich jedenfalls ander- weitig Zerstreliuiig suchende Gattin machte,»vaS zu einem erregten Wortwechsel führte und die Veranlassung zu einer Herausforderung mit schweren Bedingungen gab. Alle VeraleichSversuche scheiterten an der Hartnäckigkeit deS in- zwischen wieder abgereisten RittergntsbesitzerS. Am Sonn- abend kam Herr v. G, wieder nach Berlin, und Sonntag früh fand der Zweikampf statt. Um 6 Uhr fuhren in zwei Wagen die Parteien zum Griliiewald hinaus, und zwischen Zehlendorf»nd Wannsce wurde Alifstellung genommen. Di« Bedingungen sollen „dreimaliger Kngclivcchsel und zehn Schritt Barriere" gelautet haben. Räch dem zweiten Gange brachte Herr v. G. seinem Gegner einen Schuß in die rechte Schulter bei, der diesen kampfunfähig machte. Nach diesem Gange vertrugen sich die Gegner dnrch Hand- schlag, und nachdem der zum Glück nicht lebensgefährlich Ver- wundete verbunden war, wurde er nach seiner in der Wilhelinftraße belegenen Wohnung geschafft. Herr v. G. hat sich als Offizier der Landivehr sofort seiner vorgesetzten Behörde gestellt. Wir wollen unser» Lesern an diesem Idyll nicht weiter a»S- führen, wie es um die urgermanische S« t t e n r e i n h e i t neu- rcichsdeutscher Patrioten bestellt sein muß. Mau wird sich auch ohne- dies seine» BcrS darauf machen. Wohl aber verdient die Art, wie der Zweilampf vor sich ging, cnisthast als grober Unfug gerügt zu iverden. Mm denke sich, wie leicht des SoniitagSinorgenö ein Ipazicreiigehender Arbeiter oder sonst ein für die Kultur nützlicher Mensch von einer ihr Ziel verfehlenden Kugel hätte g e r r o f f e n iverden können. ES ist ja herzlich wenig dagegen eiiizuwciideii, wenn die dem RituS des Duell- inordes ergebenen Leute sich gegenseitig niassakriere»: aber sie sollen bei solchem Unfug hübsch unter sich bleiben und sich hüten, daS Leben nützlicher lind gesitteter Menschen zu gefährden. Ans dem Tegeler StrafgcsängniS. Eine Kommission auS dem Justiziniinfteriiini hat vor einigen Tagen in Begleituim des Oberstaatsanwalts bei deni Kammergericht. Wachler, das Tegeler Gefängiiis, welches erst jetzt in allen seinen Teilen vollkommei« fertig gestellt ist. einer eingehenden Besichtig,»ig nnterzogei«. „Bewohnt"«st die Strafanstalt zwar schon seit Fcbniar 1899, aber der mangelhafte Baugrund machte noch verschiedene Nachbauten nötig. Bei feuchten« Weiler herrschte in den GefängiiiShöfeii wahre Uebcrschwemniniig, so daß die Gefangenen in der Freistunde ihren'/sstündigen Spaziergang manchmal anf einem Bretter- wegc bewerkstelligen mußten. Jetzt ist durch entsprechende Abzugs- anlagen Adbilfe geschaffen ivorden. Bei dieser Gelegenheit dürften einige Details über diese neueste und inodernstc der Berliner Straf» anstnlten von Jnteresfe sein. DaS Strafgefängnis besteht ans fünf gewaltigen, in Rohba» aufgeführten Gebäuden, die dnrch eine sechs Meter hohe Mancr von der Aiißeiiwelt abgeschlossen sind. Die kleinen, villenartigen Beamtenhäuscr liegen außerhalb dieser Um» sriedigiiiig. DaS nach der Tegeler Landstraße z» belegene Hauptgebäude enthält die Ränine derGefängnisverwaltnng. dieriestgeKüche.in dertäg» lich inr 4000 Mann Essen zubereitet wird, die Wäichcrei.Badcan lagen für 50 Mann, Vorratskammern usw. Bei allen diesen Anlagen wie überhaupt bei dein ganzen Bau deS Gefängnisses steht man die Er- zeuginsse der modernen Technik Venveiidet. Als Materialien sind nnr Steine, Eisen und GlaS gebraucht, sogar die Fußböden der Zellen und soiistigeil Räume bestehen ans Cemcnt. Hinter dem Verwaltungsgebäude liegen der 3teihe nach: GcfängnishauS Nr. 1, Nr. 2, die Anstaltskirche. GcfänguiöhauS Str. 3 und.Klein« dalldorf", das Lazarett mit der darin befindlichen, gegen« wärtig stark besetzte» Jrrciistation. JedcS der drei Gefängnis- Häuser besteht auS drei sirahlciiförmig auseinander lanfeiiden Flügeln. mit vier übereinander liegenden Stationcn, dcrci, cde 123 Zellen enthält GefängnishaiiS Nr. 1 beherbergt Strafgefangene, die weniger als drei' Monate zn verbüßen haben. Nr. 3 solche, deren Strafe drei Monate bis ein Jahr beträgt und in Nr. 2 sitzen schwere Verbrecher, deren Strafe 1—10 Jahre dauert. Zür die Vertreter der Presse ist in liebcnsivürdiger Weise gesorgt worden, indem man im A- Flügel des Gefängnishanses Nr. 1 in der III. Station die Zellen 120 bis 125 für' Preß-„Verbrecher" reservierte, die in letzter Zeit von der StaatSnmvaltschaft ans- nahmsloS noch Tegel dirigiert werden. Seit den« l'/ejährigen Be- tchen der Anstalt«st stets mindestens eine dieser Zellen belegt gewesen. Die rote, nüchterne Anstaltskirche enthält 1500 kastenförmig abgcschloffene Eitze, die vom Altar au» nach der jegcnüberlicgenden Wand z» amphithcatralisch aiifgebaut sind, so >aß man von bei« neben dem Altar befindlichen, für die dienst- thnenden Beamten bestimmten Tribünen ans alle 1500 Sitze über« ehe» koini. Das Lazarett birgt 300 Betten, die Jrrenstation Rann« ür 60 Geisteskranke. Die Hausordming ist in Tegel eine äußerst irenfie. Die Beaintcn trage», sobald sie Gefangene führen, stets Schußwaffen. Sogar in der Kirche haben sie den ge« l a g e>, e n Karabiner vor sich im Detpnlt zn stehen. Eine Militärwache besitzt Tegel, angeblich weil die Anstalt zu abgelegen ist, nicht. Ter Stadtvcrordueteu-Vorstcher Tr. LaugerhanS ist immer noch krank und muß das Bett hüten, er glaubt nicht, daß er im Stande sein ivird, in dieser Woche im Nathcmje zu erscheinen, um 'ein Amt wieder anzutreten. Die städtischen Alnß-Bade- und Schwimmanstalten werden am Mittwoch, den 16. Mai. morgens 5 Uhr eröffnet und zwar: 1. Für männliche Personen die Anstalten an der Schillings- brücke, an der Waifenbrücke, ini Werdcrschcn Mühlengrabe», an der Jungfenibrücke, an der EbertSb rücke und im Nordhafen: 2. für weibliche Personen die Anstalten an der SchillingSbrncke, an der Waiscnbrücke. an der EbcrtSbrücke und im Nordhafc»; 3, mit einem Bassin für männliche und weibliche Personen die Anstalt an der Cuvrystrasie; 4. die Anstalt unter der Schillinasbrücke zur ab wechselnden Benutzung für beide Geschlechter� Kinder unter zechn Jahren werden nur in Begleitung erwachsener Angehöriger zu gelassen. Die Eröffnung der Doppel-Badeansialten an der Moabiter brücke und hinter Mühlenstr. SV kann erst später erfolgen. Der Botanische Garten wird von jetzt ab an jedem Freitag Nächmittag bereits uni Uhr geschlossen werden, da von dieser Zeit ab der Direktor des Gartens im Freien Demonstrationen für Studenten abhält und dabei vom Publikum ungestört bleiben wifr Bon dem schweren Unglück, das durch die Mordaffäire Medenwald über die Ffamilic des Tischlermeisters Glut gebracht worden ist gießt eine Zuschrift Kunde, die wir von einem mit der Angelegenheit selbst nicht in Berührung- gekommenen Mit glied dieser Familie erhalten. In eindringlichen Worten wird uns die Schuldlosigkeit des immer noch in Untersuchungsha sitzenden Willy Glnth versichert. Keiner der Söhne des Tischler nicifters sei je init deni Strafrichter in Konflikt gekommen und nun werde durch die irrtümliche Auffassung der Behörden diese Oual über sie verhängt. Der Mord sei»ach Angabe der Sachverständigen zwischen 11 und 1 Uhr verübt worden; von Willy Gluth wäre aber nachgewiesen, das; er bis 3 Uhr mit seinem Vater zusammen gearbeitet hätte. Nicht allein, datz ein furchtbares seelisches Leiden über eine schuldlose Familie verhängt sei, auch materiell erivachse ihnen allen schwerer, zum Ruin führender Schaden. Der verhaftet gewesene, aber wieder freigelassene Georg Glnth so wird uns geschrieben, bekomme nirgendwo Arbeit; überall. wo er anklopfe, erhalte er von unverständigen Leuten den Bescheid. daß er w i c d e r k o ni m e n möge, wenn sein Bruder Willi wieder auf freiem Fuß sei. Es drücke Georg aufs schwerste, daß er, wo er alles thu» wolle, um seine hartgeprüften Eltern über Wasser zu halten, seine Tage in Arbeitslosigkeit verbringen müsse. Ein andrer Bruder sei in der glücklichen Lage, Arbeit zu haben, aber trotzdem dieser sich Tag und Nacht anstrenge, um dem infolge de Unglücks fast invalide gewordenen Vater zu helfen, gäbe es doch kaum eine Rettung, wenn seine Mitmenschen nicht aufhörten, die Familie für eine That büßen zu lassen, zu der keines ihrer Mit glieder irgendwie in Beziehung steht. Wegen Wcchselfälschungcn in großem Umfange wird der flüchtige Architekt und Hauseigentümer Karl Dolz. Elisabeth-Ilfer verfolgt. � D. hat IS falsche Wechsel in Umlauf gebracht, indem er die Uüterschrift eines Herrn Niinzel, für den er einen Bau ausgeführt hatte, ferner die Namen eines Maurermeisters und eines Dachdecker- mcisters, mit denen er früher in Verbindung stand, auch eines Zimmer- Poliers, der bei ihnen beschäftigt war, gefälscht hat. Diese Wechsel lauteir zusammen über 30000 TO. Es wird vermutet, daß noch zahl reiche falsche Wechsel von Dolz im Umlauf sind. Ter Mord in Könitz bildete vorgestern, Sonntag, im Polizei Präsidium den Gegenstand einer langen Konferenz der Kriminal- abteilung. Kriniinalkommiffar Wehn, der die Ermittelungen in Könitz geleitet hat, und der ihm beigcgcbcne Kriminalschutzmann Beyer waren, hierher gekommen, um über das Ergebnis ihrer Thätigkeit zi berichten. An die ausführliche Darlegung deS Stands■ der Ermittelungen knüpfte sich eine eingehende Besprechung und eine Bc ratung über die weiter zu treffenden Maßregeln. Die beiden Beamten kehrten dann nach Könitz' zurück. Außerdem aber reifte Kriminal inspektor Braun dorthin. Dem Vernehmen nach stehen neue Vor- Haftungen in dieser Angelegenheit bevor; etwas Bestimmtes ist indessen nach dieser Richtung hin nicht zu erfahren. Im Friedrichshain sollen laut Beschluß der GaSdeputation statt der bisherigen 18 Bogenlampen deren 80 die ganze Nacht hin durch brennen. Zeugen gesucht. Diejenigen Personen, welche gesehen haben. wie cm Manit am lt. Februar dieses Jahres, mittags zwischen 12—1 Uhr, Mctzer- und Weißcnblirgcrstraßeii-Ecke von einem Hund umge- stoßen wurde, wollen sich melden bei Walinsli, Prenzlauer Allee,'23 Qucrgcb. 2 Tr. Viel Aussehen erregte gestern die Ankunft des Cirkus B a r n u ni und Bailey auf dem Bahnhof Charlottenburg. Die Wagen mit wilden Tieren ec. ivurdcn schnell ausgeladen; der Aufbau des Cirkus erfolgt heute. Seinem Lebe» suchte am Sonnabend der 24 jährige, frühere Reunfahrcr Dickmann durch einen Schuß in den Kopf'zu machen Der junge Mann, der schon längere Zeit von den namhaften Renn- bahnen ausgeschlossen lvar, mußte infolgedessen dem Sport entsagen und fristete als Schreiber und Expedient sein Leben. In der letzten Zeit war D. beschäftigungslos und alle Versuche, sich eine halbwegs erträgliche Existenz zu verschaffen, schlugen fehl, und so beschloß der junge Manu, seinem Leben ein Ende zu machen. Nachdem D. am Sonuabendnachniittag eine Anzahl AbschiedSbriefe an seine Angehörigen geschrieben, jagte er sich gegen 8 Uhr abends in der Wohnung seiner Mutter in der Neuen Schönhauscrstratze 14 eine Kugel in den Kopf. Der Lebensmüde tvurdc schwer verletzt und in besinnungslosem Zustande dem St. Hcdwigs-Krankenhause zu- geführt. Mit schweselsaurei» Quecksilber bat sich gestern, Montag, der �32 Jahre alte Möbclpolierer Gustav Gerlach ans der Danzigcr- straße Nr. 12 zu töten versucht. Der Mann leidet viel an Krämpfen. Gestern bekam er wieder einen Anfall in der Werkstatt. Als er sich etwas erholt hatte, ging er nach Hause. Seine Frau war zuin Einkaufen ausgegangen, eins der Kinder war in der Schule, das andre spielte ans dem Hofe. In der Einsamkeit faßte der Unglückliche den Plan, seinem Leiden durch Gift ein Ende zu machen. Er legte sich zu Bett und trank schwefelsaures Quecksilber. Als seine Frau nach Hause kam, fand sie ihn schwer röchelnd daliegen. Ein Arzt ließ ihn mit einem Lückschen Rcttnngowagen schleunigst dem Krankenhaus am Friedrichshain zuführen. Hier liegt er bedenklich danieder. Eine Schwindlerin, auf welche die Polizei schon längere Zeit fahndet, ist jetzt festgenommen worden. Von verschiedenen Geschäfts- kcutcn mr Norden der �-radt liefe» Anzeigen ein, daß sie von einer Frau beim Geldwechseln beschwindelt worden seien. ES war' der alte Trick. Tie Kundin, die sich eine Zeit auswählte, in der sie junge und unerfahrene Verkäufer allein hinter dem Ladentisch sah, kaufte für einen kleinen Betrag, gab ein Zehnmarlstück oder eine andere größere Münze und strich diese ivieder mit ein, nachdem sie sie unbemerkt unter das herausgegebene kleine Geld gemischt hatte. Ein anderes Mal vcr- tauschte sie ciu Zweimarkstück, daS sie herausbekommen halte, heimlich mit einer Mark, zeigte dann dem Verkäufer alle Münzen, die sie erhalten habe, und überzeugte ihn, daß eine Mark noch fehle. Die Beschreibung wies in allen Fallen auf ein und dieselbe Person hin, diese aber war nicht zu ermitteln, bis sie am Arlonaplatz er- tappt wurde. Hier machte sie den Trick mit dem Zehnmarkstück gegen den Lehrling in einer Droguenhaiidlung. Die Ertappte ent- puppte sich als eine R-e n t n e r i n und H a u s e i g e» t ii m e r i» aus jenem nördlichen Viertel. Die Geschädigten, denen sie gegen- ubergestcllt wurde, erkannten sie alle mit Bestimmtheit wieder. Bei einer Pnlvcrexplosion verletzt wurden Montagnachmittag tzl,2 Uhr zwei Lehrlinge im Alter von 14 und 17 Fahren, die bei den» Büchsenmacher Jnlitis Götzlc in der Roßstr, 18 beschäftigt sind. In der auf dem Hof befindlichen Wertstatl sollten Jagdpatronen gefüllt werden und befand sich das zu diesem Zweck benöligle Pulver tu drei Blechbüchsen. Als die Arbeit kaum begonnen halte, wurde Herr G. nach dem Laden gerufen. Dem älteren Lehrburscheu entfiel N»n eine Patronenhülse, und um dieselbe schneller auffinden zu können, entzündete er ein Streichholz, das ihm durch seine Unvorsichtigkeit entglitt»nd zwischen Werg siel. Im Nu schlug die. Flamme empor, u»d! bevor sich die Lehrlinge von ihrem Schrecken erholt hatten, fing das.Pulver Feuer und explodierte, ivobci die Stichflammen den beiden jungen Leuten in das Gesicht trieben. Der durch die Detonation herbeigemfene Meister löschte das Feuer noch, bevor die alarmierte Feuerwehr ein- traf. Die Verletzten mußten ärztlicherseits verbunden_ werden, konnten aber in der Wohnung verbleiben. Glücklicherweise haben die Augen keinen Schaden erlitten. Der Unfall hätte unabsehbare Folgen herbeiführen können, wenn ein größeres Quantum Pulver in dcr'Werkstclle volchanden gewesen wäre. Bon einem ehrlichen Droschkenkutscher weiß ein hiesiges Moniagsblatt folgendes zu berichten:„Als gestern der Droschken kutscher Jürgens am Bahnhof Friedrichstraße seine Droschke revidierte entdeckte er eine Brieftasche im Polster mit einem Check über 50 000 M. auf die Nationalbank und 21 000 M. in Scheinen. Der Kutscher, welcher soeben einen mit Gepäck beladcnen Herrn nach dem Centralhotcl und von dort nach dem„Kaisc'rkcller" in der Friedrich straße gefahren hatte, eilte sofort mit seinem Gefährt wieder dorthin, um dem mutmaßlichen Verlierer, dem Rittergutsbesitzer Grafen Dohna, sein Eigentum wieder zuzustellen. Der Graf, welcher seinen Verlust noch nicht einmal bemerkt hatte, vielmehr ahnungslos die Zeitungen studierte, war über die Ehrlichkeit des ostprcußischei: Lands manns so überrascht, daß er ihm vor Freuden den ansehnlichen Bc trag von 3000 TO. überreichte." Das Radrennen im Sportpark Friedenau war Sonntag trotz des kalten Wetters gut besucht und gestaltete sich durch da 73 Kilometersahrcu, in dem der Londoner Walters in 1 St. 21 Min 31 Sek, mit knapper Not über den Münchener Robl siegte, auch überaus interessant. Nachsiehend die Resultate: Dreier- Dt atch. l. Lauf: Arendt. Seidl 2. Büchner II. Lauf: Arcnd 1. Büchner 2. Seidl 3, HI. Lauf: Arend Büchner 2. Seidl 3. Endresultat: Arend 1. Büchner 2. Seidl — P r ä in i e u f n h r c n.. 3000 Meter. 50, 30, 20 Dt. Dem ersten jeder Runde 10 M. Bocquillon I., Grandpicrre 2., Siebenmann 3. 75 Kilo m crerfahrcn mit Schrittmachern, 1000, 500,. 300, 100 Di. Walters 1. l! St. 21 Min. 31- Sek, Robl 2. il'/e Rund, zur,), BonhourS 3,(3Va Dtimd. zur.), Lcsna 4. Rulid zur.), Köcher 5.(11�/? Rund. zur.).— Tandcm-Hauptfahren. 2000 Meter. 200, 100, 50 M. Arcnd-Dirheimer 1.. Ääscr-Scidl 2., Wiiinemann-Krüger 3. Zeit 3,064 Fencrbericht. Mehrere kleine Brände. die am Sonntag und Montag erfolgten, konnten im 5ieime erstickt werden. Große Frankfnrterstr. 13 hatte Putzwolle Feuer gefangen, das jedoch vor Ankunft der Wehr bereits gelöscht war. Betten', Kleidungsstücke und Wäsche gingen Sonntag früh Größ-Görschenstr. 5 in Flammen auf Dasselbe war gegen' Mittag Willibald AlexiSstr. 25 der Fall VrcSlauerstr. 13. Leipzigersir. HS und Boeckhstr. 15 waren Keller- brande zu beseitigen. Spiritus und Petroleum bramiten nachmittags Swinemiinderstr. 52 in einem Laden, doch konnten die Flammen durch Auswerfen von Sand gedämpft werden. Abends 11 Uhr wurden Altonacrstr. 10 Kleider und Wäsche eingeäschert. Aus de» Nachbarorte». Charlottenburg. Für die Kanalisation deS WWWWWMWWWW�WW Stadtteils jenseits der Spree ist, wie bereits mitgeteilt, das Trenn- ystem in Aussicht genommen. Nun hat sich aber, wie Stadtbanrat Bredtschncider in der letzten Stadtverorductcn-Vcrsammlnng auf eine Anfrage erklärte, die Regierung gegen dies System bisher stets ab- Ichiiend verhalten. Es ist also höchstwohrsckieinlich— jedenfalls wird man mit der Möglichkeit rechnen müssen—, daß die Regierung auch jetzt wieder dem Projekt ihre Zuftinmmng versagen wird. Allerdings ist, wie der stadtbanrat weiter erklärt, das Projekt für das Mischsystem ebenfalls fertig ausgearbeitet, so daß der Regierung im Fall der Ablehnung des einen sofort daS andre Projekt zur(T iichmigung vorgelegt werden kann, immerhin aber bedeutet das eine nicht unerhebliche Verschleppung der ganzen Angelegenheit. Der Magistrat hätte richtiger gehandelt, wenn er sich vorher ver- gewissert hätte, wie sich die Regierung zu der Frage stellen wird, »msomehr, da eS fraglich ist, ob das Trennsystem gegenüber dem Misch 'ystem irgendwelche Vorteile bietet, wohl aber weit höhere Kosten erfordert. Die Anlagekostcn eines Trenusystems betragen nach der Berechnung deS Magistrats für das 556 Hclrar große Terrain am rechten Sprcc-Ufer 0 826 100 TO., d. h. rund 17 762 M. pro Hektar, die Anlagekosten für das Mischsystem in Berlin dagegen nur 11 815 M. pro Hektar, also erheblich weniger. Auch in gesundheitlicher Be zichung wird von Fachleuten dem Mischsystem der Vorzug gegeben. ES ist also durchaus kein Grund einzusehen, warum der Magistrat das Trennsystem vorschlägt. Jedenfalls wird die Kommission, der die Vorlage überwiesen ist, mir aller Energie auf eine schleunige EAc'digung der Angelegenheit dringen müssen, da die Zustände in dem Stadtteil jenseits er Spree allcrBcschrcibung spotten. Die Wohnungen sind da in h y g i en i s ch er B ezi e h u ng so mangelhaft, daß beim Ausbruch einer Epidemie" das Leben und die Gesundheit der gesamten Bevölkerung anfs schwerste geschädigt ist. Dazu kommt der Mangel au Wohnungen, der sich immer fühlbarer macht. je mehr die Arbeiterbevölkerung gezwungen ist. in jene Gegend zu ziehen. Die MictSstcigerungen dorr sind noch weit beträchtlicher als die in dem übrigen Teil von Charlottenbnrg. und die Hausagraricp machen gar kein Hehl daraus, daß sie, so lange infolge des Mangels der Kanalisation keine neuen Häuser gebaut werden dürfen, die Situation ausnutzen und die Mieten noch mehr in die Höhe schrauben wollen. Es liegt daher im allgemeinen Interesse, daß mit der Kanalisation sobald wie möglich vorgegangen wird. In Schönholz ivird nächstens mit umfangreichen Eisenbahn- rbeitcn begonnen. EL werden neue Geleise für den Vorort- verkehr angelegt werden, auch wird die Bahnstrecke Tegel-Krcmmen verbreitert und schließlich soll mit dem Bau der Linie Berlin-Lieben- walde nächstens begonnen werden. Der Personenbahnhof in Schönholz wird verlegt und bedeutend erweitert; eine neu anzu- legende Starion zwischen Reinickendorf und e-chö»holz ist als ein- he'itlicher Haltepunkt gedacht. Die Lokaldcsitzcr sowohl in chönholz wie in Wilhelmsruh, sind von den VcrlegungSprojelten allerdings nicht sehr erbaut. Der ZlmtStiorstehcr Otto Sncthlage in Woltersdorf ist am onnavend durch einen Revolverschuß lebensgefährlich verwundet worden. Er probierte mit seinem Bruder zusammen eine Waffe, als sich der Schuß auf unerklärliche Weise löste und den AmtSvorstcher so unglücklich in den Unterleib traf, daß der Schwerverletzte schleunigst inL Britzer KreiskrankcnhauS gebracht werden mußte. Vevmiflckzkes. Zum Konitzer Mord. Herr Winter hat folgende Depesche au den Justizminister aufgegeben:„Es ist mir bekannt geworden, daß Ueberreste meines cnnordeten Sohnes heimlich beerdigt werden sollen, ich protestiere als Vater dagegen. Bitte Eure Exce'llenz, mich in meinen Vaterrechten zu schützen und anzuordnen, daß nach Frei- gäbe durch die Staatsanwaltschaft ich meinem ermordeten Sohn ein christliches Begräbnis selbst besorge. Winter, Prechlau." Die Unter- suchuiigSaktcn sind jetzt schon zu sechs starken Bänden an- geschwollen, über 300 Verucbmmigen vor dem UiitersuchungS- lichter haben bereits stattgefunden. ohne daß es bis jetzt möglich war, irgend eine sichere Spur zu verfolgen. Noch immer soll es, wie die Zeitungen melden, allabendlich zu Ans schrei- u n g e n konimen. Daß solches möglich ist. muß im preußischen -taut rigemlich wundernehmen. Wir sind die letzten, die der niederschmetternden Gewalt", mit der der hochselige Posenr Pütt- kamer in den achtziger Jahren der Socialdemokratie gegenüber renommierte, roh das Wort reden werden. Aber wenn man in Betracht zieht, daß überall, wo Arbeiter bei Ausständen an die gesetzmäßige Wahrnehmung ihrer Rechte denken, Polizei und Land- gendarmcn in überreicher Zahl auftauchen, wenn man weiter sich vor Augen führt, daß durchaus harinlose socialdemokratische Feste oft von zahlreichen Schutzleuten„bewacht" werden, so muß es doch aufsallen. daß die viclbeliebte preußische Energie in dem sonst gerade nicht durch behördliche Sanftmut ausgezeichneten fernen Osten die Berhiudernng der nunmehr seil Wochen gemeldeten antisemitischen Ausschreitungen immer noch als ungelöstes Problem zu betrachten 'cheint. Unglücksfälle zur See. Der Hamburger Dampfer„Livorno" �Reederei Sioman); welcher am 28. Februar New Jork verließ, wird als verschollen erklärt. Das Schiff ist zweifelsohne mit 31 Mann Besatzung auf der Reise von New Jork nach Pernambnco unter- gegangen. An Bord des Schiffs befanden sich auch zwei Berliner, Heizer Otto Zantz und der zweite Assistent K. Fremberg.— Der deutsche Dampfer„Hermann Koppen" ist in der Nordsee.bei Jarmouth gesunken: 3 Mann der Besatzung gelang es. das Land zu erreichen, die übrigen 13 wurden von dem norwegischen Dampfer„Rondane" an Bord genommen und sind heute in Blyth gelandet.— Der türkische Pcrsöiiendampfer„ O s m a n i a ist ans dem Schwarzen Meer unweit Odessa nachts bei starkem.Rcbel untergegangen. Das Schiffspersonal' und die Passagiere, im ganzen gegen 80 Personen, fanden den Tod in den Finten. Der pestvcrdächtige Fall in Smyrna. Wie nicht anders zu erwarten war, wird von Smyrna aus dementiert, daß ein Pestfall dort vorgekommen sei. Es sei festgestellt, so meldet der Draht, daß es sich bei dem vor einigen Tagen vorgekommenen Krankhestssall mit pestverdächtigen Erscheinungen nicht um Pest handelt. Der Be- richt des Bakteriologen Nieolle,' der nach Smyrna zur Untersuchung des verdächtigen Kranlheitsfalls entsendet war, besagt,. daß es sich nicht um Pest handele: das Befinden des Kranken bessere sich. Die ärztliche Untersuchung der Herküiiftc ans Smyrna Ivurde daher eiy- gestellt. Aber trotz alledem ist das Dementi mir Vorsicht anfzu- nehmen._ Marktpreise von Berlin am 12. Mai 1900 nach Eriiiittliiugeii des kgl. PolizeipräsidiilinS. Weizen, gut D.-Ctr. mittel gering Roggen, gut mittel gering ,. Gerste, gut mittel gering Haser. gm mitiel gering Richtstroh Seil rbsen peisebohnen„ Lilisc» Prodiikteumarkt 15.— 14,75 14.60 13,90 13,30 15,150 14,70 14,20 5.50 7,90 40- 45,— 70.- 15,— Kartoffel», neue/ D-Ctr. Rindllcisch, Keule 1 ll» do. Brnich„ Sckiwciiieileisch„ KalbSeisch Hammelfleisch mtler Eier Karpfen Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krcdse SO Stuck 1 Ks per Schock 8,- 1.60 1,20 l.öü 1,60 1,00 2,00 3,60 2,20 2.80 2,00 2,20 1,00 3,- 1,20 •2- 6,- 1.20 1- I,— 1- 220 420 1.40 4- 1,20 0,80 1,40 0,00 3,- 14- 13,40 12,80 14,80 14,30 13,80 4,82 5,- 25,- 25,- 30,- u diu 14. Mai 1900, Getreide. Am Getreidemarkt war die Haltung fest, da die Nackistüste der„gestrengen Herren" nicht nur in Ungarn, sondern auch in Deutschland, speciell in Brandenburg viel Unficil in den Saaten angerichtet haben. Die Preise waren bereits am heutigen Frübniartte weienilich bober und stiegen mittags bis 1,50 M. über vorgestrigen Schluft. Effektive Ware ist vom Jnlande knapp zu haben; ausländische Offerten bleiben teurer. Im Lieferungsgeschäst wurde die trotz der Saatenstandsbeschädiguiigen schwächere Haltung der östreichisch-ungrifchen Märkte durch höhere Nachbörsenlursc in'Nordamerika paralysiert. Bei hiesigem Martte schloff Weizen vorn 1 M„ hinten bis 1,50 M.' Roggen vorn 0,50 M., per September 1 M. höher. Hafer kag still, ziemlich be- hanpiet. MaiS bei eher matterer Tendenz zu unveränderten Preisen an- geboten. Ri'iböl verkehrte bei animiertem Geschäft zu wesentlich höheren Preisen ans Frostschäden in den Oelsaaten in Ungarn. Spiritus fest mit 70 Di. Berbrauchsabgabx ohne Faß 49,70 frei Haus, 49,70 frei Haus Abnahme im lausenden Monat. Briefkasten der Redaklion. Die juristische Sprechstunde siudct Montag. Dienst, ig und Freitag von 7—9 Uhr abends statt. Lsnabriickcr Zllionncut. Es sind Vertreter zu wählen und diese können schon jetzt der Prüfung beiwohne». Roftlau i. stlnh. Der Bonkott gegen die Firma Tack u. Co. ist ans der Geueralversainuilung der Schuhmacher, die zu Magdeburg stailfand, aufgehoben worden. Junkerstraffe. Eine solche Auskmist vermeiden wir gruudstitzkich. Bitte, wenden Sie sich an einen tüchtigen Arzt. Gehen Sie Kuipsuschcrn und Specialitäts-Rcllameheldcii aus dem Wege, SCtttcriinzöiiberiicht vom 11. Mai ISOQ, morgens 8 Uhr. Stationen »'iiicmde Hanibiirg B Hin Frankf./M. Minicheii Wien K' 764 SO 763 NNO 763 SO 757 NO 754 O löSR Wetter .1 ill Ste 768ONO 769 NNW 754. NC Ihlb.bed. 4 wolkig öbedeckt wollig 2 wolkenl 2. wolle»! 4 bedeckt 6 Regen J.Regen Wetter Prognose für Dienstag. Ziemlich lübl und veränderlich, vielfach schlagen und frischen nordöstlichen Winden Berliner W e t t c rb n rea u, öiaiioneu ije si ifi e2 S- Haparanda Petersburg Cork Aberdecn Pari? 5 5 2 Weiter S» a~ d" de» 15. Mai 1900. wollig mit geringen Nieder, ISomItlemolirstistffler Walilverein t'. den 6. Berliner Reielistags-Walilkreis. Ten Parteigenossen zur Nachricht, daff unser Mitglied, der Schloffer ?einKoick Anders, Hnlsitetistrahe 52, am 14. Mai verstorben ist. Die Bc. crdigniig findet am Donnerstag, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Himmelsahrts Kirchhofs, Nieder- chönhausen, ans statt. Zahlreiche Beteiligung erwünscht. 247/7 Ter Vorstand. Allen Bekannten und Freunden zur Nachricht, daff mein. lieber Mann, unser guter Vater, der Schlosser keivdolü Anders ani 14. Mai nach lurzen, aber schweren Leide» enbchlicf..Die Beerdigung ündet am Donnerstag, nachin 5 Ubr, von der Leichenhalle des Hiiiimelfahrts Kirchhofs(Nieder-Schönhanseii) ans stau. Wiltaclniinc Ander» 1031b nebst Kindern. gBBBÜBMnBUHBBt Nach ruf. Am 2. Osterfeieriag verunglückte unser Spoltskollege, der Schriftsetzer 1026b Ernst Siltactimidt bei einer Bootsfahrt und fand seinen Tod in den Wellen der Havel. Die Leiche konnte erst jetzt geborgen werden. Derselbe war eines misrcr cisrigsten und thätigften Mit- gltedcr und werden wir sein An- deuten stets in Ehren halten. Berliner Ruderverein „Vorwärts". Die Beerdigung findet am Mittwoch, 16. Mai. nachmittags 6 Uhr von der Leichenhalle des Rirdorser Kirchhofes, Rudower- straffe, aus, stau.__ Trauer Sitzung nachher BootStiauie. im DeutseKer Metallarbeiter-Yerband. Todes-Anzeige. Am Montag, den 14. Mai, starb nach kurzem Krankenlager unstr lang- jäbriges Mitglied, der Schlaffer Neinhold Anders. E h r e. s e i n c m Andenken! Die Beerdigung findet am Donner?- tag, den 17. Mai. nachmiitags 5 Uhr, von der Leichcnhallc des Hmimelfahrts- Kirchhofs in Nicder-Schvnhausen aus statt. 112,-20 Tie OrtSverwaltung. Todes- A n�eixe. Asten Freiuiden und Bekannten Zur Nachricht, daff dieBeerdigung unsxcs Sohnes Ernst am Mi»- woch, 1V. Mai, nachmittags 6 Uhr. von der Leichenhalle des Rix- j dorserKirchhofeS,Rudowcrstraffe. aus, stattfindet. 1027b Die trauernden Hinterbliebenen: Familie Silberschmidt. Allen Freunden und Bekannten, sowie den Arbeitern und Arbeitermnen der A E.-G. i.Schlegelstraffe), den Rrbcitei n der Gleffcrei von Siemens u. Halste-Pankow) und dem Wahl- verein dcö 6. Wahlkreises sür die rege Beteiligung und Unterstützung bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Arbeiters Ednnrd Klage, hiermit in einen herzlichen T ank. Wwe. Allna Klage und Kinder. BnnKsngnng. Für die arotze Teilnahme an dem Begräbnis unsres. lieben Bruders imd Schwagers, des .Bergolders 10026 Robert Hager sagen wir allen Bckauntcn und Verwandten, wie den Herren Kollegen und den Herren ChefS der Finna Naumann u. Hennig, sowie dem Verband der Berliner Vergolder unlcm herzlichsten Danl, vi» OsZGdwlsksr Serautwortlicher Redaclcur: Paul Nohn in Berlin, Für den Jui'erateuteil vcraulwortUch: Dd. Glocke in Berlin. Druck mid Aertag von Max Badin« in Berlin