Nr. 4 luttr Redaktion und Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia" Fernsprecher Nr. 1081. Herausgeber; Ernst Sattler, Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn, Karlsbad. Druck:„Graphia", Karlsbad. Sozialdemokratisches Wochenblatt SONNTAG 9. Juli 1933- Bezugspreis für die CSR.: Einzel-Nummer Kc 1.40 Monatüch..„ 6.— Vierteljährlich.„ 18.— Bezugspreis für das Ausland Einzel-Nummer. Kc 2.— Monatlich...„ 8.— Vierteljährlich.„ 24.— Hitler hat Angst top der Revolution Adolf Hitler, der Alleinherrscher, hat Angst. Er hat Angst von der Revolution. In Reichenhall hat er zu seinen Unterführern gesagt: Rücksichtslos werde er sich der sogenannten„zweiten Revolution entgegenstellen, denn diese könne nur ein Chaos zur Folge haben. Die sogenannte erste Revolution bestand in der Ermordung der politischen Gegner, ihrer Gefangensetzung und im Raub ihres Eigentums. Sie bestand in der Verwandlung einer Demokratie in einen Sklavenstaat. Am 5. März stimmten— trotz Brandschwindel und Unterdrückung der Arbeiterpresse— die Mehrheit des deutschen Volkes, 56 Prozent oder 22 Millionen Männer und Frauen, nicht nationalsozialistisch. Diese 22 Milionen Deutsche sind heute ohne jede Vertretung, ohne Presse, ohne Organisation. Ihnen fehlt jede Möglichkeit, mit einander in Verbindung zu treten und ihre Meinung zu sagen. Zehntausende sind aus ihren Aemtera gejagt, jeder Existenzmöglichkeit beraubt, in Konzentrationslagern eingepfercht. Andere Zehntausende sind mit dem nationalsozialistischen Parteibuch in die leergewordenen Posten eingerückt und fühlen sich als Herren. Das war die erste Revolution. Nun warten die Massen auf die zweite, die ihnen die Erfüllung der gegebenen Versprechungen bringen soll. Und das nun ist die„zweite Revolution", der sich Adolf Hitler entgegenstellt. « Im„Reichswart" knüpft Graf R e v e n- k o w an den Sturz Hugenbergs verwegene Hoffnungen. „Der groteske Zustand", schreibt er, muß jetzt endlich ein Ende nehmen, daß die Ministerien Hugenbergs für Großgrundbesitz und Großkapital kämpften und Hochburgen des reaktionären Klassengedankens bildeten." So erfährt man aus berufenem Munde, daß es bis vor wenigen Tagen noch innerhalb der Regierung Adolf Hitlers Hochburgen des reaktionären Klassengedankens, Hochburgen des Großkapitals und der Großgrundbesitzer gegeben hat. Sind sie verschwunden, seit die Kurt Schmitt, Feder und Darre sich in Hugenbergs Erbe teilten? Ach nein! Die „Hochburgen des reaktionären Klassengedankens bestehen in der Regierung weiter, und Adolf Hitler schützt sie vor der zweiten Revolution". Wer spricht noch von Sozialisierung, von Verstaatüchung des Großgrundbesitzes? Hände weg, heilig ist das Eigentum— ausgenommen das Eigentum der Arbeiter. Den Arbeitern darf man iire Presse, ihre Kampffonds, ihre Vereinshäuser, ihre Einrichtungen stehlen. Expropriation der Expropriateure, Enteignung der Enteigner, war eine Forderung des verruchten Marxismus. Der Hitlerismus expropriiert nur die Expropriierten. Keine zweite Revolution! Der Geschäftsmann ringt die Hände, noch nie war sein Laden so leer. Der Bauer flucht, was nützen behördliche Preistreibereien, wenn kein Mensch zu erhöhten Preisen kaufen kann. Der anständige Beamte schämt sich, Verbrechern gehorchen zu müssen und ersehnt eine neue Aende- rung der Dinge. DerSA.-Mann aber murrt. Er sieht seine Führer fressen, daß ihnen das Fett rechts und links aus dem Maul rinnt, aber für ihn ist die Tafel noch nicht gedeckt und er muß den Riemen noch immer eng ziehen. Das alles aber sind die Schichten, mit denen Hitler die„erste Revolution" gemacht hat Die Meutereien reißen nicht ab. Zu den Marxisten und Stahlhelmern in den Konzentrationslagern gesellen sich immer mehr Leute von der SA. Das gibt dann explosive gefährliche Mischungen. Adolf Hitler graut es vor der zweiten Revolution. Diese zweite Revolution muß aber eine wirkliche sein und nicht bloß, wie die erste, eine in ihr Gegenteil umgelogene Konterrevolution. Die Revolution wird nur dann wirklich sein, wenn sie mit den Verbrechen der Konterrevolution und den Verbrechern selbst schonungslos aufräumt dem arbeitenden Volke die geraubten Rechte wiederbringt uftd die Hochburgen des Großkapitals wie des Großgrundbesitzes dem Erdboden gleichmacht Das ist dann keine „nationale" Revolution mehr, sondern eine sozialistische! Träger dieser Revolution kann nur die Arbeiterklasse sein. Ein Wort von Karl Marx, das zeitweilig außer Kurs war, hat heute für Deutschland wieder volle Geltung: „DieProletarierhabennichts zu verlieren als ihre Kette n." Das.ganze deutsche Volk, von dem regierenden Verbrechertum abgesehen, hat heute nichts mehr zu verlieren als seine Ketten. Das ganze deutsche Volk aber hat heute vor sich selber und der Menschheit nur die eine große Pflicht, sich von einem Regime zu befreien, das für Jahrtausende der schlimmste Schandfleck seiner Geschichte bleiben wird! Die schwarze Front muckt auf Aafteilang des Großgrundbesitzes— die härteste IVuß! Bei der Hltlerwabl sind schätzungsweise 3 bis 4 Millionen kleiner und mittlerer Bauern unter Ihrer schwarzen Fahne in der Nazllront aufmarschiert. Jetzt fordern sie die Einlösung der Ihnen tausendmal versprochenen Grundreform und es entspinnen sich an dieser Frage dl*, schwersten Kämpfe. So bat am 28. Juni der Oberpräsident der Provinz SchIesien,Brflckner, in einer Fnktlonär- Konierenz der schlesfecben Banern-Organlsatfo- nen, die sämtliche unter nationalsozialistischer Leitung stehen, gefordert, daß der gesamte Grandbesitz über eintausend Morgen und aller Boden, der nicht unter eigener Bewirtschaftung steht, zwangsweise enteignet wird. Für die Berechnung des Wertes des zu enteignenden Bodens sollte die letzte Vermögens- Steuererklärung des seitherigen Eigentümers als Grundlage dienen; dieser Wert solle jedoch IfalL* nicht In bar erstattet werden, sondern durch| des Hingabe von Stücken einer aufzulegenden unverzinslichen und mit Jährlich 1.5 Prozent zu amortisierenden Anleihe. Wegen dieser Ausführungen, die in Schlesien stärksten Widerhall fanden, haben einige Großgrundbesitzer, deren Namen vorerst unbekannt sind, eine Beschwerde an den preußischen Ministerpräsidenten Görlng, an den Reichskanzler Hitler und an den Reichs- piäsidenten von Hindenbnrg gerichtet. Herr G 5 r i n g, als die vorgesetzte Stelle des scble- sischen Oberpräsidenten, hat hierauf Herrn Brückner telegraphisch ersucht, die „Propagiening solcher bolschewistischer Pläne unverzüglich einzustellen". Ob und wieweit Herr Goerlng hierbei im Einverständnis mit Hitler oder auf Druck Hlnden- bnrgs gebandelt hat, ist unersicbtllch. Jedenfalls aber hat Herr Brückner die Befolgung an ihn ergangenen Befehls des preußischen Ministerpräsidenten abgelehnt mit der Erklärung, daß' r',..»... dieser Befehl im unlösbaren Gegensatz stehe zu dem nationalsozialistischen Parteiprogramm, dem er, Brückner, genau in demselben Umfange verpflichtet sei, wie der preußische Ministerpräsident und wie der Reichskanzler selbst. Im übrigen ersuchte Brückner um die definitive Entscheidung des Relchsstatthalters für Preußen, das beißt des Reichskanzlers Hitler, der„allein für die Regelung dieser für den Bestand der nationalsozialistischen Revolution lebenswichtigen Frage kompetent" sei. Reventlow klagt an! Gral Reventiow, der seit zehn Jahren eine führende Rolle in der nationalsozialistischen Bewegung innehat und heute zu dem oberen Ffihrerkreis der Nazibewegung gehört, hat einen aufsehen- erregenden Brief an Hitler geschrieben, in dem er zwar vorsichtig, aber in sachlich durchaus klarer Form, die Greueltaten der SA. zugibt und auf den„wahnsinnigen Haß" hinweist, der Infolge dieser Bestialitäten in der Arbeiterschaft entstanden ist Wir bringen den Brief auf der vierten Hauptblattselte. Wo ist Stelling? Verwundet und verschollen Angehörige und Freunde sind in höchster Sorge um das Schicksal Johannes Stellings. Stelling wurde am 21. Juni von SA. aus seiner Wohnung geholt und schwer verletzt. Seitdem fehlt von ihm jede Nachricht. Der 21. Juni ist bekanntlich der Tag der Massenverhaftung sozialdemokratischer Funktionäre in ganz Deutschland. Es ist auch der Tag, an dem sich in Köpenick die Tragödie Schmaus abgespielt hat. An diesem Tage wurden in Köpenick etwa 40 Personen aus ihren Wohnungen geholt und zum Teil schwer mißhandelt. Zu denen, die am schlimmsten zugerichtet wurden, gehörte Johannes Stelling. Man transportierte Ihn dann ab— angeblich in ein Krankenbaus. Aber niemand ist imstande, oder bereit, Auskunft zu geben, wo sich Stelling befindet. Ungezählte Gänge zur Polizei blieben erfolglos. Offenbar wußte die Polizei selber nichts und hatte sie auch nicht dfe Möglichkeit, sich zu unterrichten. Man entschloß sich also, zum Führer der SA zu gehen. Dieser erklärte:„Herr Stelling ist verletzt worden und wurde dann entlassen." Auf die Frage, ob Stelling noch am Leben sei, gab er keine Antwort als ein verlegenes Achselzucken. Stelling war Reichstagsabgeordneter, Mitglied des Parteivorstandes und des Exekutivkomitees der Sozialistischen Arbeiterinternationale. Er war früher zwei- mal Ministerpräsident von Mecklenburg. In seiner politischen Laufbahn hatte er sich viele Gegner, aber keine persönlichen Feinde geschaffen. Auch bei politischen Gegnern ist er wegen seiner unantastbaren Lauterkeit, seiner unbestechlichen Sachlichkeit und der Umgänglichkeit seines Wesens geschätzt. Dieser Mann ist nun— aus keinem anderen Grunde, als weil er ein„Marxist" ist— wie ein Hund niedergeschlagen und verschleppt worden— niemand weiß wohin. Wochenlang können seine Angehörigen nicht erfahren, wo er sich befindet, ob er tot ist oder ob er noch lebt. Das ist die Ordnung, die Adolf Hitler geschaffen hat! Der Fall steht nicht allein. Täglich' verschwinden Menschen, täglich werden in Wäldern und Flüssen Leichen gefunden. Bei Berlin allein in den letzten Tagen eine in der Zerpenschleuße, zwei in der Dahme bei Grünau, also in der Nähe von Köpenick! Wo ist Johannes Stelling? Johannes Stelling ermordet Während des Druckes dieser Ausgabe erfahren wir aus zuverlässiger Quelle, daß Johannes Stelling nicht mehr unter den Lebenden weilt Chaos Sn ileit Landeskirciicii Generalsuperintenden im Konzentrationslager und im Hungerstreik.— Ein Aufruf den niemand zu drucken wagt.— SA.-Patrouillen bei Gotteshäusern. „Gott und sein Werkzeug Adolf Hitler" haben nach den Worten des Staatskommissar für die evangelischen Landeskirchen Preußens, eines Herrn Jäger,„das bolschewistische Chaos von Deutschland abgewendet." Inzwischen hat hat das Werkzeug Gottes, Adolf Hitler, mitsamt seinem Staatskommissar in den evangelischen Landeskirchen selbst ein Chaos angerichtet, das mehr als bolschewistisch ist. Der Lärm wurde so groß, daß selbst der alte Reichspräsident wider alles Erwarten plötzlich erwachte und'einen rührseligen Brief an Adolf Hitler schrieb, in dem er an dessen„Staatsmännische Weisheit" appelliert. Aber auch das wird nicht helfen, wenigstens nicht für die Dauer. Schon wehen auf den Kirchtürmen die Hakenkreuzfahnen und auch hier gilt das Wort des kleinen Goebbels:„Pardon wird nicht gegeben, es kommt jeder an die Reihe!" Die reichsdeutsche Presse darf über den Krieg im evangelischen Lager nur die Berichte des nationalsozialistischen Hauptquartiers veröffentlichen. Die Veröffentlichung anderer Kundgebungen ist vom Propagandaministerium verboten. Die Bürger des Dritten Reiches können daher nicht erfahren, daß die Absetzung des Generalsuperintendenten D i b e 1 i u s der Kurmark, K a r o w s i n der Mark Brandenburg und des Bundesdirektors des Kirchenbundesamtes Dr. Hösel- m a n n nur Symptome einer allgemeinen Erscheinung sind: Alle Generalsuperintendenten und sonstigen höheren Geistlichen, soweit sie deutschnatio- naler Gesinnung verdächtig sind, sind ihres Amtes enthoben, drei von ihnen sind in das Konzentrationslager abgeschoben, wo einer von ihnen in den Hungerstreik eingetreten ist. In der Nähe bestimmter Kirchen patroullieren an den Sonntagen Schupo und SA- Hilfspolizei. Die Generalsuperintendenten der evan- gelisclien Kirche der altpreußischen Union haben.einen Aufruf erlassen, den kein einziges reichsdeutsches Blatt abzudrucken wagte. Das Schriftstück hat folgenden Wortlaut: Di« preußische Staatsregieruog bat einen Staatskommissir für die evangelischen Kirchen eingesetzt und die Umgestaltung des Kirchenwesens in eigene Hand genommen. Die Kirchenieitung bat dagegen feierlich Verwahrung eingelegt. Sie bat die Leitung des Reiches gebeten, der Kirche zu ihrem Recht zu helfen. Dieser Verwahrung schließen wir uns ausdrücklich an. Die evangelische Kirche der altpreußiscben Union ist durch diese Vorgänge in eine Lage von ungeheurem Ernst gebracht worden. Wir lassen die Rechtsfragen hier beiseite. Uns ist die geistliche Leitung unserer Sprengel anbefohlen. In der Verantwortung dieses unseres Amtes, In dem wir uns allein unserem Gott verantwortlich wissen, wenden wir uns an die Gemeinden unserer Sprengel und an ihre Gelstücben. Das innerste Leben unserer Kirche steht auf dem Spiel! Zwar ist die Versicherung abgegeben worden, daß die Souveränität des Evangeliums und seine freie Verkündung nicht angetastet werden soll. Aber Aeußeres und Inneres stehen in einer christlichen Kirche in enger Wechselwirkung. Auch uns Ist es ein ernstes Anliegen, daß Volk und Kirche sich linden. Auch wir sind entschlossen, durch die Arbeit der Kirche an der Einigung unseres Volkes mitzuarbeiten. Aber solche Ziele dürfen in einer Kirche niemals mit politischen Machtmitteln verfolgt werden. Niemals darf die Kirche dem Druck poiltisoher Gewalten ausgesetzt werden. Sonst wird die mutige Verkündigung der evangelischen Wahrheit und die offene Erörterung der großen Fragen unseres Glaubens geiährdet. In einer Kirche, die allzu eng an den Staat gebunden ist; verkümmern die tiefsten Kräfte des Glaubens. Das lehrt die Geschichte. Vor allem dar! das Evangelium der deutschen Reformation in einer politisch leidenschaftlich bewegten Zeit nicht politisch verfälscht werden. In dieser Gefahr steht unsere Kirche. Wir haben den Eindruck, daß man Im Kreise der Männer, die Jetzt vom Staat an die Spitze der Kirche gestellt werden, dieser Gefahr in Lehre und Haltung nicht selten erlegen Ist. Eine Persönlichkell, wie die dos Pfarrers H o s s e n i e I d e r, in dem höchsten geistlichen Amt unserer Kirche vermögen wir um unseres Gewissen willen nicht anzuerkennen. Unsere schwere Sorge um die innere Zukunft unserer Kirche tragen wir vor Gott. Wir tragen sie vor die uns anvertrauten Gemeinden und vor ihre Pfarrer. Wir rufen sie auf, sich mit uns zusammenzuscbließen, damit Volk und Kirche vor schweren Schaden bewahrt bleiben. Am kommenden Sonntag wollen wir diese ganze Not unserer Kirche im Gottesdienst vor das Angesicht des lebendigen Gottes bringen. Es soll ein Büß- und Betgottesdienst sein! Wir bitten unsere Amtsbriider, die Glieder unserer Gemeinden In dieser Zeit mit besonderer Treue um Gottes Wort zu sammeln. Wir bitten die Glieder der Gemeinden, den Pfarrern dabei zur Seile zu stehen. Die Zelt, die wir jetzt durchschreiten, muß eine Zeit heißer Fürbitte für die Kirche des Evangeliums sein! Das Schicksal unserer Kirche liegt in Gottes Hand. Seiner Kraft und Gnade befehlen wir unsere Gemeinden! Ihm befehlen wir nnser geliebtes deutsches Volk! Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein! Die Generalsuperintenden der evangelischen Kirche der altpreußischen Union * Der Abdruck dieses Aufrufes der Generalsuperintendenten ist, wie schon gesagt, verboten worden. Die Auffor derung, den Sonntag dem 2. Juli, als Bet und Bußtag zu begehen, ist von dem Staatskommissar mit der Weisung beant wortet worden, daß Dank- und Freu dengottesdienste zu veranstalten seien. Beide Anweisungen sind unter Berufung auf Gott erlassen. So haben Adolf Hitler und sein Werkzeug, der Staatskommissar Jäger, das bolschewistische Chaos abgewendet. „Sichtbarlich!" T orgler in Ketten! Kalter Justizmord in Deutschland. Der Prozeß um den Reichstagsbrand läßt auf sich warten. Noch wissen die großen Verbrecher nicht, ob sie sich vor der Welt die Komödie einer Gerichtsverhandlung leisten können. Noch fühlen sie sich nicht gesichert vor peinlichen Zufällen, durch die plötzlich doch die Wahrheit ans Licht kommen könnte. Einstweilen präpariert man die Opfer. Wir erfahren aus unbedingt zuverlässiger Quelle, daß der frühere Vorsitzende der kommunistischen Reichstagsfraktion Ernst T o r g 1 e r, den man wider besseres Wissens als angeblichen Komplizen des Brandstifters verhaftet hat, im Untersuchungsgefängnis Tag und Nacht in Ket- ten gehalten wird! Torgier ist infolge dieser Behandlung dem vollkömmehen seelischen Zusammenbruch nahe. Man muß sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß sich Torgier selbst gestellt hat. Als die Hitler-Göring-Regierung die Lüge verbreitete, Torgier— der am Abend der Brandnacht lange im Reichstagshaus geweilt hatte— sei ein Komplize des Van der Lübbe, wurde Torgier von Freunden geraten, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen. Im Gegensatz zu diesen Ratschlägen entschloß sich jedoch Torgier mit seiner Person der lächerlichen Lüge entgegenzutreten. Zu diesem Zweck begab er sich zusammen mit seinem Rechtsanwalt Kurt R o s e n f e 1 d in das Polizeipräsidium, wo er festgehalten wurde. Immer noch glaubte er, angesichts seiner offenbaren Unschuld an eine baldige Besserung seiner Lage. Am 23. März kündigte aber Adolf Hitler in seiner Reichstagsrede die öffentliche Hinrichtung der vorgeblichen Brandstifter an. Seitdem wird Torgier gefangengehal- ten wie ein Tier, das zur Schlachtbank geführt werden soll. Torgier ist verheiratet, er hat eine Frau und zwei Kinder in unmündigem Alter. Paul Toller Ein Jude, der ins Dritte Reich paBL Herr Paul Toller, der sich in Prag als Spion der Hitler-Regierung(in solchen Fällen ist jüdische Rasse kein Hindernis für eine Anstellung im Dritten Reich!) betätigte, ist ein Mann mit einer Vergangenheit, die zum Glück nicht allen Leuten unbekannt ist. Den Rechtsausschuß des Preuß. Landtages hat Paul Toller seit etwa 1924 bis noch 1932 mit einer Unzahl von Gnadengesuchen bombartiert, denn Paul Toller, leider muß es gesagt sein, gehörte zur Stammkundschaft des Moabiter Kriminalgerichts, weil sein Unterscheidungsvermögen für Mein und Dein nicht allzu fein entwickelt war. Er galt als gewohnheitsmäßiger Betrüger. in Briefen, mit denen er die sozialistischen Mitglieder des Ausschusses für den Erlaß seiner zahlreichen Strafen zu gewinnen suchte, protzte P. T. in aufdringlichster Weise, teils mit seiner angeblichen Verwandschaft zu dem Dichter Ernst T., teils auch mit seiner großzügigen Wohltätigkeit Als eines der sozialistischen Ausschußmitglieder über diese Wohltätigkeit Tollers nähere Auskunft erbat, stellte sich heraus; P. T. hatte tatsächlich für verarmten jüdischen Mittelstand Gelder gesammelt und— die Gelder dann für sich verwendet! Es ist immerhm interessant: Für jüdische Gelehrte wie Einstein und Prof. Borchardt, für jüdische Künstler wie Bruno Walter und Max Reinhardt, für jüdische Dichter wie Wassermann und Feuchtwanger ist in Hitler-Deutschland kein Platz. Aber für einen jüdischen Gauner hat Hitler Verwendung— als Spion gegen die Marxisten! Christ am Pranger Aus Holland schreibt man uns: Die Holländische Grenzbevölkerung hat mitunter Gelegenheit, einen Blick über den Zaun des Dritten Reiches zu tun. So waren Holländer, die die., deutsche. Grenzstadt Qxopau i. W. passierten, Zeugen eines Schauspiels, das so recht das wiedererwachte Mittelalter zeigt. Vor dem Rathaus von Gronau mußte ein Angestellter des Christi. Textilarbeiterverbandes unter Bewachung von zwei SA.-Leuten am Pranger stehen. Man hatte ihm eine Tafel mit der Aufschrift um den Hals gehängt:„Ich bin der größte Betrüger von Gronau.'". Die SA.- Leute achteten streng darauf, daß das Schild und das Gesicht des Mannes den Straßenpassanten zugekehrt blieben.— Für die Holländer war das Schauspiel unfaßbar, sie fragten sich, ob in Deutschland 1933 oder 1533 geschrieben werde. Sittliche„Erneuerung", oder vier Jahrhunderte rückwärts! Darre �egen Goebbels Er will ihn Im Sumpf ersticken. Der neue Landwirtschaftsminister Walter Darre hat ein Buch geschrieben. „Das Bauerntuni als Lebensquelle der nordischen Rasse", worin u. a. folgendes zu lesen steht: „Die nordische Rasse hat sich durchaus nicht nur mit klaren Zuchtgesetzen sowie einer scharfen Ausmerze unter ihren Neugeborenen begnügt, um ihre erreichte Leistungshöhe zu halten. Nein, das ganze Leben jedes Einzelnen stand unter dem Gesetz, daß nur durch das Ausjäten der Minderwertigen eine Kultur auf ihrer Höhe zu erhalten ist Noch die Germanen erstickten Feiglinge, Kampfuntüchtige und Leute von verachtUcbem Körper kunzertaand in den Sümpfen. Diese Maßnahmen sind deshalb recht bezeichnend, weil man Todesstrafen, die lediglich zur Abschreckung dienen sollten, durch Erhängen-der Betreifenden ausführte. Erstickt im Sumpf wurde also nur, was aus züchterischen Gründen ausgemerzt, d. h. von der Oberfläche der Welt verschwinden sollte: eine Strafe im juristischen Sinn sollte damit wohl überhaupt nicht ausgedrückt werden. Ob im übrigen die nordische Rasse sich ihrer Zuchtnieten durch Ersticken entledigte— heule hätten wir dafür die Möglichkeit der Sterilisation— oder ob der Tierzüchter seine Merztierc dem Metzger anvertraut, ist im Grunde gleichgültig." Nachdem neulich schon der Reichsinnenminister F r i c k ein ähnliches Programm entwickelt hat, kann der Reichs- propagandaminister Goebbels von Glück sagen, wenn er nicht im Sumpf erstickt, sondern nur sterilisiert wird. „In zivilisierten Ländern44 Das holländische Wochenblatt.Jtaagsche Post" teilt in seiner Nummer vom 10. Juni wörtlich und kommentarlos folgendes mit: Die Haags che Post" in Deutschland. Die.Jtaagsche Post" kann künftighin nicht mehr nach Deutschland geliefert werden, da sie dort bis aal weiteren Befehl von der Naziregierung verboten worden ist. In zivilisierten Ländern bleibt sie wie seit je erhältlich. Das imberUhrbare Deutschland Aas Straßbarg meldet die Pariser Presse: .Seit einigen Tagen stellt man ftier fest, daß die großen internationalen Züge, die in Richtung Straßburg-Paris den südlichen Teil Deutschlands durchnueren, keine Reisende mehr mit sich führen.-Diese- großen Zßgc von- solchen Bahnen beförderten gewöhnlich zweüumdert Reisende. Jetzt kommen sie mit zwei bis drei Passagieren an. Gestern hat der Laxnszug mit sieben Personen eine Höchstzahl erreicht. Die Reisenden ziehen den Umweg über Oesterreich und die Schweiz vor, um Deutschland nicht berühren zu müssen." I cberpreuH.en mit Schwert und Blitf Bei einem Gartenfest der Technischen Hochschule in Charlottenburg hielt Ministerpräsident Göring eine Ansprache, in der er sagte: .Deutschland ist heute ein Ueberpreußen geworden. In diesem Sinne habe ich befohlen. daß der alte preußische Aar wieder das Schwert und den Blitz erhält, die ihm der Novemberskandal geraubt hat and zum Zeichen. daß er gewillt ist, zur Sonne emporzusteigen und das Heiligste mit dem letzten zu verteidigen." Und Seldte sprach: hade+mchWG TBQPP Außenamt wird gleidigesdb ah et! Aus dem Schweigen über Veränderungen im Personal des Diplomatischen Korps wird irrtümlich gefolgert, da8 die Nazis diese Domäne der Feudalaristokratie unangetastet lassen wollen. Das ist aber ein Ixrtum. Bereits seit Wochen sitzt im Auswärtigen Amt ein Fürst W a 1 d e c k als Nazikommissar mit der besonderen Aufgabe. alle Personalangelegenheiten im Sinne Hitlers und Rosenbergs zu behandeln. Als eine der Früchte dieser Tätigkeit ist die Abberufung des Botschaftsrats Graf Bernstorff von London zu betrachten. Berustom wird durch einen Nazispitzel ersetzt werden, dem die besondere Aufgabe zufällig den Botschafter von Hoesch, der aiüch jetzt noch als nichtgleichgeschal- tet gflt, zu überwachen- Kann man zwar auf Hopsch wegen des unliebsamen Aufsehens, das seine Abberufung in England hervortofen würde, im Augenblick noch nicht verzichten, so will man ihn doch scharf Uberwachen. Die höheren Beamten des Auswärtigen Amtes betrachten es als ihre Aufgabe, den Blödsinn, den die Osafs machen, ein wenig zu mffdera. Wenn auch sie erst geflogen sind,-kann es besser werden! Dänemark rüstet••• Grenzsctwtz gegen das Dritte Reich. Der Kopenhagener„Social-Democra- ten", das Zantralorgan der dänischen So- zialdemokratfe, die jetzt die Regierung Dänemarks fVihrt, veröffentlicht in großer Aufmachung ÄOtteilungen über geheime militärische Vorbereitungen Deutschlands, insbesondere über die Militärausbildurg der deutschen Jugend. In diesem Zusammenhang schreibt das Blatt: Der dänische Ministerpräsident(der Führer der dänischen Sozialdemokratie, Stauning, Red.) hat wiederhol erklärt, daß die dänischen Sozialdemokraten nöt der Zeit gehen müssen. Er hat Jetzt selber" das Verteidigungsministe- rium öbernommen. Unter den heutigen Umständen ist eine Abrüstung Dänemarks nicht mehr vertretbar. Der Ministerpräsident wird vielmehr im Rahmen dea Hecresgesetzcs von 1932 die Aufgabe haben, Ihr die Verteidigung der Grenze zu sorgen, dtmlt die Bewohner der Grenzgebiete nicht Ur ständiger Furcht vor einem Einfall irregulänpr militärischer Truppen aus dem Süden leben müssen. Diese Aeußerung ,(fes dämschen Regierungsorgans ist um vo bemerkenswerter, als, wie man weiß, die dänische Sozialdemokratie, bis vor kurzem die Forderung nach weitgehender Abrüstung der dänischen Streitkräfte in den Mittelpunkt ihrer ganzen Politik gestellt hatte. Es ist also Hitler-Deutschland glück lich gelungen, dem wirklich nordischen, wiririieh demokratischen und wirklich friedlichen dänischen Volk seinen Pazifismus aaszutreiben! Yersailles«- Jester denn|e! Zum 28. Juni, dem Uatoczeichnungstag, schrieb die Londoner„Tirmss": Jener Teil der deutschen Reichsrede, der den Vertrag in Versailles als auügezwungen und nicht in Verhandlungen ausbe