Nr. 7 Redaktion und Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia" Fernsprecher Nr. 1081. Herausgeber: Ernst Sattler, Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn, Karlsbad. Druck:„Graphia-. Karlsbad. Itetr Sozialdemokratisches Wochenblatt SONNTAG 30. Juli 1933 Bezugspreis für die CSR.t Einzel-Nummer. Kc 1.40 Monatlich..„ 6.— Vierteljährlich.„ 18.— Bezugspreis für das Ausland Einzel-Nummer. K5 2.— Monatlich...» 8.— Vierteljährlich. n 24.— Aniwovt Rh Croring Mörder werden geriditet werden! Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sitz Prag, veröffentlicht folgenden Aufruf: Das Preußenkabinett G ö r 1 n g fordert vom Reich�kabinett Hitler den Erlaß eines„Gesetzes zur Gewährleistung des Rechtsfriedens". Es kündigt zugleich eine neue Amnestie an, die zweifellos die an Johannes Stelling und hundert anderen Unschuldigen verübten Morde umfassen wird. Das neue Gesetz soll jeden Angriff auf Mitglieder der Nationalsoziaiistischen Partei, ja sogar jede Einfuhr mißliebiger Druckschriften aus dem Aus- land mit dem Tode bestrafen. Der Vorschlag Görings erstrebt die Vollendung eines Systems, das den Mord zum eigenen Vorteil verherrlicht und begünstigt, jeden Angriff aber auf die eigene Machtstellung, auch den mit gästigen Waffen, mit dem Tode bedroht. Das ist nicht Gewährleistung des Rechtsfriedens, sondern Zerstörung des Rechtsstaates und BürgerkrieginPer- manenz. Hermann Görtng zittert vor der Wahrheit Er weiß warum. Aber vergeblich ruft er den Henker gegen sie zur Hilfe. Vergeblich sucht die nationalsozialistische Partei die Anklage wegen ihres hundertfachen Verrats an allen nationalen und sozialen Forderungen ihres Programms im Blut der Ankläger zu ersticken. Wir erklären hiermit: Die von Goring geforderte Tötung politisdier Gegner bleibt Hlorcl, audi wenn sie mit dem durdividitigen Mantel eines angeblichen Gesetzes umkleidet wird. Minister, die ein solches Ge- seb bescfaliefien, Richter, die es anwenden, und Vollzugsorgane, die es ausführen, machen sim des Mordes schuldig. Sie haben am Tage der Abrechnung, der kommen wird, die verdiente Strafe zu erwarten. Das Urteil eines abhängigen Gerichts in Köln hat die lex Göring vorweg genommen und über sechs Arbeiter die Todesstrafe verhängt weil sie an einem Zusammenstoß mit zweifelhaften Elementen in brauner Uniform beteiligt waren. Die Vollstreckung dieses Urteils in einem Lande, in dem der Mord zu nationalsozialistischen Parteizwecken grundsätzlich straffrei bleibt, müßte von der ganzen Welt mit einem Schrei der Empörung beantwortet werden. Ein System, das solcher Taten fähig ist, ein System, das sich nicht anders zuj helfen weiß als damit, daß es für die Verbreiter lästiger Wahrheiten das Schafott verlangt, hat sich selbst das Urteil gesprochen. Die Kulturmenschheit darf vor ihm nicht kapitulieren, wenn sie nicht untergehen will. Kirchen und bürgerliche Parteien, Wirtschaftsorganisationen und Standes. Vertretungen aller Art haben sich unterworfen. Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutsch- lands ruft zumKampf! Gegenüber einer Weit der Sklaverei ist er jetzt für Deutschland das einzig sichtbare und wirksame Zentrum des Widerstands und Angriffs. Deutsche diesseits und jenseits der Grenzen, Arbeiter, freiheitliebende Men sehen der ganzen Welt, erhebt Euch! Die Entscheidung steht zwischen Kultur und Barbare), vielleicht für Jahrhunderte! Nur der Sieg der Freiheit und des Sozia- llsmus kann die Menschheit vor dem Ua tergang bewahren. Zu uns muß stehen, wer kämpfen will! Prag, 25. Juli 1933. Der Vorstand der Sozialdemo' kratischen Partei Deutsch- lands. Arzte protestieren •. und kommen in Haft i Im Verlaufe der Aktion der SA.-Leute gegen Köpenick wurden eine Reihe von Aerzten von» den durch SA.-Leute verwundete Personen aufgesucht und um ärztliche Hilfe gebeten. Die festgestellten Verletzungen haben zu einem gemeinsamen Schritt von acht„arischen" Aerzten, davon zwei Nationalsozialisten, geführt, die sich an das preußische Innenministerium wandten mit dem Hinweis, daß sie nicht glauben könnten, die führenden Persönlichkeiten des Staates könnten derartige Mißhandlungen decken.— Die acht Aerzte wurden daraufhin selber gefangen gesetzt und geschlagen! deutschen Flugzeugen über österreichischen Städten. Und dieselbe deutsche Regierung, die selbst die Kritik an ihrer Tätigkeit mit dem Tode bestrafen will, sendet Mörder über die deutsche Grenze, um die Gegner der Gleichschaltung Oesterreichs, wie einst Rathenau und Erzberger, zu„beseitigen". Der Bursche von A 1 v e n s 1 e b e n, der ein Attentat auf den Tiroler Sicherheitsdirektor verübt hat, und die Abschießung einiger österreichischer Minister plante, hatte einen von der Münchner Polizeibehörde ausgestellten, auf den Namen Fritz Steiger lautenden, falschenPaß. Mit der Ausstellung falscher Pässe an nationalistische Mörder hat bekanntlich gleichfalls in München der derzeitige Reichsinnenminister F r i c k seine Karriere begonnen. Alvensleben hatte das Pech, in einem Bordell, in dem er mit nationalistischen Phrasen schwadronierte, verhaftet zu werden. Wäre er nach Ausführung der erteilten Aufträge glücklich nach dem Dritten Reich entkommen, ein Posten vom Polizeipräsidenten aufwärts wäre ihm sicher gewesen. Die zwei Gesichter des dritten Reichs Sprudhe von Rudolf Hess Der Stellvertreter des„Führers" Rudolf Heß hat einen Erlaß herausgegeben, in dem er die Mißhandlung politischer Gegner auf— Spitzel zurückführt Solche Mißhandlung entspringt„bolschewistischer Gesinnung" und sei„der Nationalsozialisten unwürdig." So deklamiert Heß, so hört man es seit Monaten immer wieder. Und immer wird weitergemordet und immer wird weiter amnestiert I Mörder mit deutschem Paß! Der Krieg mit Oesterreidi Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und seinem Bruderstaat Deutsch-Oesterreich verschärft sich von Woche zu Woche, von Tag zu Tag und nimmt immer mehr kriegsähnliche Formen an. Dieselbe deutsche Regie- "mg, die Flugzeuge mit feindlichen Propagandaschriften über Berlin erfunden hat, treibt echte Feindpropaganda gegen die österreichische Regierung mit relchs- Nach außen und— nach innen! Görings Blutgese� Göring schreit nach Blut. Es genügt ihm nicht, daß tausende unschuldiger Menschen zu Tode mlBbandelt, auf der Flucht erschossen oder sonst in grausamster Weise in den Tod gehetzt worden sind. Es genügt ihm nicht, daß im vierten Monat seiner glorreichen Revolution in Köpenick eine Schlächterei veranstaltet wurde, die jahrhundertelang unvergessen bleiben wird. Es genügt ihm nicht, daß Frauen des Nachts aus den Betten geholt und gepeitscht werden. Göring schreit nach mehr Blut! Jeder, der sich an einem SA.-Mann vergreift, soll des Todes sein! Ist das genug? Nein, auch das ist noch nicht genug! Auch die Einfuhr politischer Literatur aus dem Ausland, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus befaßt, soll mit dem Tode bestraft werden! Man kann sich die Sitzung der sogenannten preußischen Staatsregierung, In der diese Scheußlichkeiten beschlossen wurden, vorstellen. Da sitzt der blutgierige Morphinist, Schaum vor dem Munde. Um Ihn herum aber sitzen Männer, die nicht Irrsinnig sind, die weniger blutdürstig sind, die zum Teil sogar gelehrte Juristen sind. Sie hören das Gebrüll des Wahnsinnigen, sie nicken mit den Köpfen, sie wagen nicht zu widersprechen. Diese, nach außen hin so großmäebtigen Männer, in deren Hand das Leben von Millionen schutzloser Staatsbürger liegt, haben selber Angst um ihr Leben. Widerspruchslos stimmen sie den Forderungen des Tobsüchtigen zu. Ist es schon„Gesetz"? Oder ist es nur ein Antrag? Aus dem Geschwätz des Ministerpräsidenten vor der Presse geht das keineswegs klar hervor. Nachher aber wurde doch offiziös gemeldet, daß der Entwurf, der die Anschläge auf die SA. und die Einführung mißliebiger Literatur mit dem Tode bestrafen will, der Reichsregierung zugegangen Ist, damit diese Ihn zum Gesetz erheben soll. Einst hatte sich Adolf Hitler gebrüstet, die Relcbselnbelt hergestellt zu haben. Jetzt stellt sich der Ministerpräsident Preußens breit vor ihn hin und diktiert Ihm, was er im Reiche als Gesetz zu verkünden hat Das bedeutet staatsrechtlich die völlige Sprengung des von Hitler angeblich geschaffenen deutschen Einheitsstaates. Aber was Einheitsstaat! Was staatsrechtliche Grundsätze, wo alle Gesetze der Menschheit mit Füßen getreten werden! Was Göring in seinem Blutrausch vorgeschlagen bat, ist in der Geschichte ohne Beispiel. Im alten Preuße» vor 1848 wurde der Versuch, politische Parteien zu bilden, mit langjähriger Freiheitsstrafe geahndet. Darum galt Preußen damals nächst Rußland als das reaktionärste Land der Weit. Auf den Gedanken, einen derartigen Versuch mit der Todesstrafe zu bedrohen, ist kein preußischer Reaktionsminister und kein nissischer Zar gekommen. Im Entwurf Görings aber heißt es: „Mit dem Tode... wird bestraft, wer vorsätzlich Druckschriften politischen Inhalts aus dem Auslände einführt oder einzuführen unternimmt, wenn durch die Schrift... ein Verbrechen gegen§ 2 des Gesetzes gegen die Neubildung von Parteien begründet wird." Nach dem Wortlaut dieses Antrages wäre es also möglich, einen Menschen vom Leben zum Tode zu befördern, weil er eine Zeltung nach Deutschland gebracht hat. In der zur Wiederbelebung— der deutschnationalen Partei aufgefordert wird! Allerdings sieht der Entwurf, gutherzig, wie sein Verfasser ist, auch die Möglichkeit vor, „nur Zuchthaus bis zu 15 Jahren" zu verhängen. Wie lange die Freiheitsstrafen dauern werden, die im Dritten Reich verkündet wurden, wird von der Lebensdauer des Dritten Reiches selbst abhängen. Der Aufruf der Sozialdemokratischen Partei spricht aus, was Millionen denken, wenn er sagt, daß jedes vollzogene Todesurteil im Dritten Reich Mord ist und eines Tages auch als Mord bestraft werden wird. Die Nationalsozialisten haben jedenfalls als prinzipielle Anhänger der Todesstrafe das erreicht, daß es prinzipielle Gegner der Todesstrafe In Deutschland überhaupt nicht mehr gibt. Die Herrschaften, die jetzt Deutchland regieren, werden eines Tages nach den Grundätzen behandelt werden, die sie selber anwenden. Görings Antrag an die Reichsregierung ist aber nicht bloß Morphiumrausch, sondern auch Ausdruck der Verzweiflung und der Angst Ausdruck der Verzweiflung über die steigende Gärung in den eigenen Reihen, über die nichtabreißende Kette der Revolten in der SA„ über die Empörung des betrogenen Mitteistandes und der betrogenen Bauern! Ausbruch auch der Angst, der Angst vor der Wahrheit, die unablässig trotz alier Häscher und Spione, die zehntausendfach angesetzt sind, in das Inland hereindringt. „Die Revolution ist beendet", dekretiert Adolf Hitler, da fängt die Revolution gerade erst richtig an! Wir Sozialdemokraten verfolgen die Vorgänge, die sich jetzt im Lager der Konterrevolution abspielen, mit offenen Augen. Aber wir sind weit davon entfernt, unsere Hoffnungen auf sie zu setzen. Wer heute von der revoltierenden SA. den Umschwung erwartet, den er gestern noch vom Stahiheim erwartet hat, der beweist nur, daß er auf das Wunder wartete, well er seiner eigenen Kraft nicht mehr traut. Wir halten fest an der Ueberzeugung, daß nur der Sozialismus imstande ist, dem grausamen Spuk des Hakenkreuzes ein Ende zu bereifen. Die Kraft der deutschen Arbeiterbewegung, seit Jahren durch Spaltung geschwächt, im Augenblick durch die Konterrevolution gelähmt, ist keineswegs für immer gebrochen. Das wissen wir, das wissen auch unsere Feinde, und darum steigern sie die Wildheit ihrer terroristischen Drohungen. Sie wollen einschüchtern, aber sie können dadurch Selbstvertrauen und A n g r i f f s w i I- I e n im Lager der Arbeiterklasse nur steigern. Kein Blutgesetz wird imstande sein, ihre Herrschaft zu verlängern. Kein Blutgesetz wird den Sieg der Freiheit und des Sozialismus verhindern! Wieder Geiseln! Frau und Toditer des Bürgermeisters Wordi Die thüringische Regierung hat die Frau und die Tochter des früheren sozialdemokratischen Bürgermeisters von Langewiesen, W o r c h, in ein Konzentrationslager gesteckt, Worch, der fälschlich als früherer Kommunist bezeichnet wird, sei nach Prag geflüchtet und habe erst kürzlich erklärt, daß er seit 1923 gegen Hitler gekämpft habe und weiter gegen ihn kämpfen werde. Das ist alles, was zur Begründung für die Inhaftierung vollkommen unschuldiger Menschen angeführt wird! Als die Nachricht von der Festsetzung von Angehörigen von Scheide- raann als Geiseln bekannt wurde, da bäumte sich die ganze zivilisierte Welt gegen ein solches Barbarentum auf. Ein früher sehr deutschfreundliches holländisches Blatt schrieb:„Hier handelt es sich In der Tat um Greuel. Aber der G r e u e 1 p r o p a g a n d i s t ist die deutsche Regierung selbs t". Das gilt auch im Falle Worch! Weuer Schlag gegen Rechtsanwälte Die nationalsozialistische Vereinigung der Rechtsanwälte hat an alle arischen Anwälte ein vertrauliches Rundschreiben gerichtet, in dem sie dazu auffordert Feststellungen zu treffen darüber, welche Leute In Deutschland sich überhaupt noch von nichtarischen Anwälten vertreten ließen. Alle diese Fälle, gleichzeitig ob es sich um prozessuale Angelegenheiten, oder sonstige Rechtsgeschäfte handelt, sollen auf das Genaueste festgestellt werden. Man will auf diese Weise auch den formal zugelassenen jüdischen Rechtsanwälten, also den alten, die seit mehr als 20 Jahren tätig sind, und den Frontkämpfern, Jede Betätigung unmöglich machen. Es ist ein richtiger Aushungerungsfeldzug, in dessen Beute sich die nationalsozialistischen Rechtsanwälte teilen wollen. August Ellinger Einer der vielen tapferen Kämpfer der Arbeiterbewegung, die der Faschismus in den Tod getrieben hat, ist August Ellinger gewesen. Er war früher Hauptvorstandsmitglied des Baugewerksbundes. Als Dreiundfünfzig- jähriger ist er„freiwillig" in den Tod gegangen. Ein Nachruf der in dem gleichgeschalteten „Der Grundstein" erschien, zeigt die Gemeinheit auf einem unerreichten Höhepunkt Nachdem in dem Nachruf anerkannt worden war, daß Ellinger sein ganzes Leben in den Dienst der Arbeiterbewegung gestellt hat schließt man:„Wir werden den Kollegen August Ellln- ger immer im guten Gedenken behalten!"— Im heutigen Deutschland ehren die Mörder ihre Opfer I Görlu» amnestiert Bestien Ein Augrenzeuge der Blutnacht von Köpenick, bei der etwa 14 Menschen, darunter Stelling und van Essen, den schrecklichsten Martertod fanden, Ist Ins Ausland entkommen. Er selbst Ist grausam mißhandelt worden und hat noch entsetjlichere Dinge mit ansehen müssen. Zweimal haben die Verhafteten an der Wand gestanden, vor den angelegten Gewehren der SA-Bestien, haben alle Qualen der Hinrichtung erduldet und sind dann einzeln abgeschlachtet worden. Furchtbares hat ein junges Mädchen erduldet, dem man Gesäß und Brüste gepeitscht hat. Der Augenzeuge trägt jetzt noch schwere Spuren der erlittenen Mißhandlungen. Am Mlttwocfi, dem 21. Jnnt 1933, vormittags, bemerkte ich bei der Rückkehr vom Konsum Köpenick Autos mit SA.-Mannschaften vor den Siedlungshäusern verschiedener Genossen. Ich setzte mich darauf sofort auf ein Rad und fuhr fort, um andere Genossen zu warnen. Die Autos, die In der Siedlung hielten, trugen folgende Nummern: IA 69.876, IA 54.446, IA 9262, IA 26.564. Ich fuhr nach der Stadt. Bei der Rückkehr abends um zehn Uhr wurde Ich von einem SA.-Trupp erkannt und festgenommen. Ich wurde nach dem Sturmfokal Seidler in Uhlenhorst gebracht Dort wurde Ich mit Fußtritten, Faustscblägen und durch einen Schlag mit einem gefüllten Brotbeutel empfangen.' Dann mußte Ich mich setzen. Gegen 12 Uhr nachts wurden wir von einem BVG.-Omnlbus abgeholt und zum Dahlwitzer Platz, wo sich das Haus des Gewerkschaftssekretärs Schmaus befindet hingeschafft. Die Ursache hierfür dürfte darin gelegen haben, daß der funge Anton Schmaus, der, wie wir später erfuhren, am gleichen Tage auf SA.-Leute geschossen hatte, inzwischen geflüchtet war und mm gesucht wurde. Polizei war nicht anwesend. Wir sahen, wie die verletzten SA.-Leute auf einem Feuerauto fortgebracht wurden. Als das Auto fortgefahren war, wurden wir— 11 Männer und ein junges Mädohen, etwa 19 Jahre alt — gegen eine Hauswand gestellt und es wurde uns zweimal hintereinander mit Erschießen gedroht. Das Kommando zum Anlegen war bereits gegeben worden, aber ehe die beteiligten SA.-Leute zur Ausführung schritten, wurde der Befehl vom Sturmführer zurückgenommen. Wir wurden alsdann an den Omnibus gestellt, und es drohte uns erneut die Gefahr des Erschossenwerdens. Dann aber gab der Trupptührer Ploenzke, Uhlenhorst, Eichenalle 17, ein anderes Kommando, und wir wurden wieder in den Omnibus geladen und In das genannte Sturmlokal zurückgebracht. Gegen 2 oder'/«S Uhr nachts wurde aus dem Keller der alte Gewerkschaftssekretär Schmaus und ein zweiter Mann gebracht, der so zerschlagen war, daß Ich ihn nicht erkennen konnte. Der Mund war Ihm eingerissen, die Haare waren Ihm abgeschoren, Im Kopf befanden steh mehrere blutende Löcher. Das ganze Gesicht war blau verschwollcn. Der Truppführer trat nun vor, hielt eine Ansprache für die toten SA.-Leute tnd erklärte:„Nun wollen wir mal anfangen". „Herr Ministerpräsident Stellinz, bitte!" Darauf erhob sich neben mir der Mann, den Ich wegen seiner schweren Verletzungen nicht wieder erkennen konnte, es war der Genosse Jobannes Stelling. Der Unglückliche, der sich kaum noch bewegen konnte, wurde aulgefordert, die Hosen herunterzulassen. Dann wurde er über den Tisch gelegt und mit einer anderthalb Meter langen und 2— 3 cm breiten Latte geschlagen. Weitere Schläge wurden mit einem Schlepp- säbel, Robrstöcken und zwei dünnen Baum' ästen auf Oberschenkel, Gesäß und Rücken geführt. Während Stellings Schmerzensscbreie in ein Wimmern übergingen, wurde er mit denselben Werkzeugen über den Kopf gehauen. Dann verlor er das Bewußtsein. Vier Mann faßten Ihn an und warfen ihn In den Garten. Ich habe dann Stelling nicht mehr zu sehen bekommen. Darauf wurde der alte Gewerkschaftssekretär Schmaus vorgeführt. Er wurde genau wie Stelling geschlagen, allerdings nicht Uber den Kopf. Dann wurde er wieder hingesetzt. Dann wurden zwei unpolitische Gefangene vorgeführt. Der eine hatte von SA.-Leuten Pacht für ein Gartengrundstück zu bekommen, der andere war einem SA.- Mann 15 Mark schuldig. Sie wurden nun solange geschlagen, bis der eine sich bereit erklärte, die Schläge statt der Pachtsumme eingenommen zu haben und die anhängige Klage zurückzuziehen, der andere, bis er sich bereit erklärte, die Schuld In Raten zurückzuzahlen. Nachdem einige BVG.-Angestellte, die sich an dem seinerzeitigen Streik Im November Und Sie nennen uns Wilde? Jewlsh Daily(New York). 1932 nicht beteiligt hatten, auch geschlagen worden waren, wurde das 19jährlKe Mädchen herangeschleppt Mit den Worten:„Du manlsttscbe Hure, Dfl Sau!" wurden Ihr die Kleider vom Leibe gerissen, daß sie nur noch Schuhe und Strümpie anhatte. Dann wurde sie erst über Rücken und Gesäß, darauf umgedreht und mit Rohrstöcken über Leib und Brüste geschlagen, Nun wurde sie aufgesetzt und bis zum Zusammenbrechen über den Kopf geschlagen, wonach man sie hinaustrug. Jetzt wurde Ich auf den Tisch gesetzt und zunächst mit einem Stempel„Berlin bleibt rot, wählt SPD", den man bei mir gefunden hatte, auf Gesicht und Brust beitempaiL Ich wurde nun auch entblößt, übergelegt und mit den vorher genannten Instrumenten gcscblageo. Dann wurden der Gewerkscbaitssekretlr Schmaus und ein alter Sozialdemokrat, Relnelaldt, und sein Sohn abwechselnd geschlagen. Bei mir wiederholte sieh diese Proaednr viermal. Schmaus wurde nun auch Ober den Kopf geschlagen wie Stelling und das Junge Mädchen und wurde dann In den Garten geworfen und mit einem Auto abtransportiert. Dann wurde uns erklärt:„Freut Euch Jetst mal. Jetzt kommt der Sturmtrupp Scharstg*. Der Führer Scbarslg, wohnhaft Borgmanost raße, leitet denselben Trupp, der Fran Jan- kowskl schwer mißbandelt hat Dieser Trupp kam aber Infolge eines Autodefekts nicht mehr an. Wir wurden vielmehr nach dem Amtsge- rlchtsgeiängnls überführt, wo wir bis in die bn dritten Stockwerk gelegene Zelle einzeln durch ein dichtes Spalier von Rohrstockhieben hlnaufgepeltscht wurden. Einige brachen dabei unterwegs zusammen. Bis zum Abend blieb Ich In der Zelle. AK* zwei Stunden etwa wurden wir herausgeführt und erhielten Im Keller Jeweils 28 DoppelhloN mit dem Rohrstock. Ich war vor Vorzwellhaf dem Selbstmord nahe. Inzwischen kam meine Frau, die mich Ii* Keller sah und vor Schrecken über mein Ans* sehen in Schreien ausbrach. Dafür wurde meine Frau Selber geschlagen. Sie brach zusammen. Bei den Schlägerelen, die unter Leitung da* Sturmbannführers G e r I c k a ans Köpenick stattfanden, war Ich Augenzeuge, wie zwei Inhaftierten die Beine ausefnan- dergerissen und sie auf die Ge« s c h I e c h t s t e 1 1 e geschlagen wurden. Dann wurden wir In einen anderen Keller* räum geführt. In dem wir In einem mit bin* tlgem Wasser gefüllten Elmer gewaschen wurden. Bei dieser Gelegenheit sab ich Paul vo* Reichswehr schießt auf plündernde SA. Am letzten Samsta« sind nationalsozialistische Trupps in zahlreichen Fällen I n jüdische Prlvatwohnunten eingedrungen, haben die Einrichtungen demoliert und die Insassen verhattet. Es handelt sich ausnahmslos um Personen, d 1 e polltisch niemals hervorgetreten sind. Das Nürnberger Garnisonskom- mando der Reichswehr hat den Reichsstatthalter für Bayern, General von Epp, die Reichsregierung und den Reichspräsidenten telegraphisch von den Vorfällen unterrichtet und dringend um Abhilfe gebeten. Nach einer allerdings noch nicht bestätigten Meidung hat das Reichswehrkommando die Verhängung des militärischen Ausnahmezustandes für Nürnberg gefordert. Seit Samstag Abend durchziehen Patrouillen der Reichswehr die Hauptstraßen von Nürnberg und Fürth. Hiebe! kam es. in Fürth zu einem blutige.. Zusammenstoß zwischen einer Abteilung der Reichswehr und demonstrieren- denNazi8,bei denen das Militär in Notwehr von der Schußwaffe Gebrauch mach- te. Dabei wurden fünf Nationalsozialisten verletzt, darunter zwei schwer. Der bayrische Innenminister hat durch Polizeifunk ein Verbot an dlegesamtePres- se in Bayern erlassen, über die NürnbergerVorgängezuberich- Haussndiang...! Essen zum letzten Male. Er sah entsetzlich zerschlagen aus. Gegen lüni Uhr nachmittags erschien der Sturmbannführer G e r 1 c k e, der vorher nach Jeder Prügelei erschienen war, um von uns die Antwort aul seine Frage zu verlangen, daß es uns gut gebe. Er war aul einmal sehr bötlicb und sagte:„Sie werden jetzt nicht mehr geschlagen." Oifenbar hatte er Inzwischen erfahren, daß Ich Ausländer bin. Vorher, als Ich etwas zu trinken verlangt hatte, war mir erwidert worden:„Einen Schluck Wasser? In den Schlund werden wir Dir scheißen, Du Hundl" Jetzt, als Ausländer, war ich auch einmal ein Herr. Um sieben Uhr wurde ich entlassen mit der Bemerkung, ich dürle über das, was hier vorgefallen sei, nichts berichten. Nach meiner Kenntnis sind bei den Köpenicker Vorgängen außer den beiden Schmaus noch 12 Menschen ums Leben gekommen. Weitere 22 werden vermißt, darunter zwei Frauen. Verschiedene Leichen sind in Säcke genäht an der Grünauer Fähre herausgeilscht worden. Unter den eli geborgenen Leichen befanden sich sieben Sozialdemokraten und vier Kommunisten. Soweit mir bekannt, bandelt es sich um folgende Personen: Johannes Stelling, Paul von Essen, Pohl, von der AUgem. Ortskrankenkasse(er wurde In der Wcndenbeide erhängt und erschossen). A B m a n n, Reichsbannerführer von Friedrichshagen. Willi Pohle aus dem Elsengrund in Köpenick. Hannes Stellings le�te Fahrt Der holländischen Parteipresse entnehmen wir die folgende eindruckvolle Schilderung: Heute erschien in der„Vosslschen Zeltung" die Anzeige vom Tode Johannes Stellings In der Form, In der die Polizei sie genehmigt hatte. Es stand nichts davon da, daß Stelling Mitglied des Parteivorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war. Auch die Todesursache war nicht erwähnt. Die Einäscherung war für abends Viö Uhr im Krematorium In der Gerichtsstraße angekündigt. Zu dieser Stunde kamen in kleinen un- auflälligen Gruppen die Sozialdemokraten, die von der Zeit der Einäscherung mündlich verständigt worden waren, zum Krematorium. Viele alte treue Genossen, auch ziemlich viel Jugend und zahlreiche Frauen, etwa 800 Personen, drängten sich im Hofe vor der Halle. Es war eine schwelgende Menge, die viele Worte aul den Lippen trug, aber sie nicht aussprach. Wußte man doch nicht, wer neben einem stand! Die Halle konnte nicht alle fassen. Die draußen bleiben mußten, standen schweigend da mit entblößten Häuptern, bis es drinnen vorüber war. Die Feier war zutiefst erschütternd. In der Halle stand, beleuchtet von 10 Kerzen, der Sarg mit den geschändeten sterblichen Uebcr- resten des sozialdemokratischen Führers. Ein großer roter Blumenstrauß der sozialdemokratischen Partei schmückte Ihn. Aber die Partei- JWme., dle�u, ijAeßlnzs Satg gehört. bätte,. w�r nicht da. Sie mußte Irgendwo verborgen gehalten werden. Und es kamen die Franen. Viele kleine Sträuße roter Blumen legten sie auf den Sarg. Sie kamen nicht für sich allein „Auch iür meinen Mann!" sagte diese und Jene„er kann nicht kommen, er Ist im Gefängnis". Unterdessen dröhnte die Orgel allerhand gleichgültige Trauerlleder. Sie spielte nicht das Lied, auf das Stelling Anspruch hatte:„Das Banner steht, wenn der Mann auch fällt!" Stellings Tochter saß da gebrochen und vernichtet, war sie doch 10 Tage lang von Gefängnis zu Gefängnis gelaufen, um sich Nachricht Uber ihren Vater zu erbetteln. Stellings Frau liegt krank In Stettin, sie weiß die Wahrheit noch nicht. Ein Redner tritt an das Pult. Es war nicht das alte frühere Mitglied des Parteivorstands Hildenbrand, der gebeten hatte, sprechen zu dürfen. An seiner Stelle erschien ein Vertreter des gleichgeschalteten Feuerbestattungsvereins, der eine kalt gefühllose Berufsanspracbe hielt. Mit Protesten konnte er im Voraus rechnen, sie setzten ein, als er sagte, der Tod sei zu Stelling nicht als ein Feind gekommen. Der Mann hatte von den Tatsachen offenbar keine Ahnung, denn er schien erstaunt, als ein Ent- rüstungsruf laut wurde. Ganz verstört machte er mit dem Reden Schluß. Totenstille herrschte, man hörte nur das laute Schluchzen der Tochter. Frauen und Männer zeigten starre und verzerrte Gesichter. Nur wenige konnten Ihre Tränen verbergen. Der Sarg sank— und da konnte es einer der Jungen nicht länger aushalten, er trat mit enschledenem Schritt nach vorne und mit einem Ruck entlud sich die Spannung. 300 geballte Fäuste erhoben sich und In der Stille des Todes wurden 300 schwelgende Eide geschworen. Als der Sarg versank brauste der Ruf:„Freiheit!" empor und eine Jugendliche Stimme riet: „Rache für Stelling und die anderen 1" Sie wußten, diese Treuen, was sie gewagt battcn.upd keiner wppderte.sich, daß. dl« Tore. der Halle geschlossen und trotz wiederholten Ersuchens nicht geöffnet wurden. 10 Minuten lang standen sie da überzeugt, daß jetzt die Polizei oder die SA. kommen würde. Keiner verlor die Fassung.„Wir können warten, nicht wahr Genossen", sagte eine Frau.„Jawohl", kam die Antwort von allen Seiten. Jawohl". Inzwischen hatte die Begräbniswache mit dem Polizeipräsidium telefoniert und Instruk tlonen verlangt. Dort fand man es offenbar richtiger welter keine Schwierigkeiten zu machen, die Türen worden geöffnet. So wurde Johannes Stelling, einer der aufrechtesten und besten Männer Deutschlands, bestattet... Seht die Diätensdilnder! Die Parlamentskasse funktioniert nodi Eintausend Mark monatlich, rwölftausend Mark Im Jahre werden die Mitglieder des neuernannten preußischen Staatsrates als„Taschengeld" auf Kosten der deutschen Steuerzahler jährlich erhalten. Zum Vergleich: In den korrupten" Zelten der Republik bekamen die preußischen Staatsratsmitglieder nur für S i t z u n g s- t a g e— es waren deren vielleicht 30 bis 40 im Jahr— ein bescheidenes Sitzungsgeld 1 Ein Staatsratsmitglied neuen Stils kostet dem Staat etwa das Z w ö I f f a c h e dessen, was ein Mitglied des alten Staatsrates kostete. Dabei sind die Mitglieder des neuen Staatsrates durchweg braune Oberbonzen in den höchstbezahlten Stellungen, auch Doppelstellungen, wie Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten, Gauleiter undsoweiter. Hierbei eine Erinnerung: Immer noch gibt es einen Reichstag und einen Preußischen Landtag. Es sind nur Rumpfparlamente, aus denen die Vertreter der Arbeiterklasse, ein Drittel der Abgeordneten, gegen Recht und Verfassung ausgestoßen worden sind. Es sitzen nur noch die Mitglieder der nationalsozialistischen Fraktionen mit ihren gleichgeschalteten bürgerlichen Hospitanten-Anhängseln in diesen Nlcht-mehr-Volksver- tretungen. Was tun diese sinn- und zwecklosen Rumpfparlamente?— Nichts! Es finden weder Vollversammlungen noch Ausschußsitzungen statt. Wozu auch? Jede sachliche Funktion ist den Parlamenten ja genommen. Sie haben weder Gesetze zu machen noch eine Kontrolle auszuüben. Und doch—eine Abteilung funktioniert weiter, als wäre alles beim alten: die Kassenabteilung. Monat für Monat nehmen 280, bezw. 210 braune Oberbonzen an den Kassenschaltern der beiden Parlamente je 600 Mk. in Empfang als Entschädigung— für die Mühe des Einkassierens! Denn das ist jetzt noch der einzige Grund, aus dem ab und zu Abgeordnete das Parlamentsgebäude betreten. Für rund 500 Oberbonzen der Nazipartei Ist so eine herrliche Pfründe von je 7200 Mark pro Jahr geschaffen, für die sie auch nicht einen Schlag leisten I Was sagen die mit 8 Mk. wöchentlich abgespeisten 5 Millionen Arbeltslosen zu dieser Versorgung der Fünfhundert? Früher, als in den Parlamenten wirklich viel und sorgfältige Arbeit In hunder- ten von Sitzungen geleistet wurde, schimpften die Nazi-Agitatoren wie besessen auf die„Diätenschinder". Jetzt zeigen sie der Welt, wie man sich Diäten„verdient". Es geht wieder aufwärts I Dos Wolffbüro meldet: Der deutsche Index für Emährangskosten ist von I06J im April aal 109.6 im Mal und 110.7 Im Jmi gestiegen. Die Erhöhung der Ernährungskosten ist vorwiegend aal Preissteigerungen für Gemüse, Kartolleln und Felle zurückzufahren. Der Leser vernahm durch das„Hamburger Fremdenblatt", daß„SA und Polizeibeamte einen Häuserblock abgeriegelt und die Wohnungen gründlich nach Hetzschriften durchsucht haben. Gefunden und beschlagnahmt wurden Flugblätter. Plakate, Waffen und Munition. Drei Personen sind verhaftet worden.." Nicht viele Leser werden eine Ahnung davon haben, wieviel Unheil so eine kleine Meldung In sich bergen kann. Ich habe nicht weniger als vier solcher Haussuchungen über mich ergehen lassen müssen, und ich lebe In steter Angst vor der fünften. Und mit mir viele Tausende Im neuen Deutschland. • ... Man versucht zu schlafen. Es Ist spät am Abend. Eine Innere Unruhe, die mich nicht verlassen will, erlaubt es nicht. Seit Monaten habe ich nur noch den einen Wunsch; Laßt mich einmal gänzlich ungestört und völlig entspannt schlafen! Nehmt mir den Nervenschmerz aus dem Rücken, der mich Tag um Tag und Nacht um Nacht quält Man liegt mit wachen Augen und überlegt: Seit wann eigentlich schliefen wir nicht mehr ohne Furcht? Das war, ich rechne nach— halt! Das war die Nacht vom 4. zum 5. MärzI Was alles habe ich seit damals erlebt) Mein Mann ist seit Wochen flüchtig; mein ältester Junge auch. Meine drei schulpflichtigen Kinder sind mehr als"einmal mit der Klage nach Hause gekommen, daß man sie als „Marxisten" verprügelt habe. Ich selber bin von der Polizei einmal anständig, viermal roh und rüde gefragt worden, wo mein Mann und mein Junge sich verborgen hielten. Man glaubt mir nicht wenn ich sage, daß Ich es nicht weiß. Drei Haussuchungen haben in meiner Wohnung stattgefunden. Jedesmal ist einiges„beschlagnahmt" worden. Ich werde bald kein Buch mehr besitzen, Ich leide Not Meine Kinder wollen essen, woher soll ich das Geld nehmen? Gewiß: Ich arbeite, was ich an Arbeit erhalten kann. Viel Ist es nicht und reicht kaum für die Miete. Mehr Hauswirt ist ein Nazi und hat mir gedroht mich ohne Möbel aus der Wohnung zu werfen, wenn ich die Miete schuldig bleibe. Wenn ich allein wäre, hätte ich mit diesem Leben schon längst Schluß gemacht. Aber meine drei kleinen Kinderl Sie sind lustig, sie wissen und ahnen noch nicht was eine Mutter leiden kann... Wenn sie nur nicht immer fragen wollten, wo der Vater Istl So liegt man, so überlegt maal Der ersehnte Schlaf wül nicht kommen. Alle Nerven sind gespannt; die Sorge drückt aber auch zu sehr! Schließlich weine ich. das hat schon so oft geholfen! • Ich springe aus dem Bettl Was war das? Feueralarm oder Polizei? Ich eile zum Fenster. Unten steht Pollzell Ein, zwei, drei Autos. Welter fort noch einige Wagen! Ihre Scheinwerfer suchen die Häuserfront ab. „Licht aus! Fenster znl Weg vom Fenster! Es wird geschossen!" Laut hallen die Befehle durch die Nacht Die Kinder werden munter, sie weinen: „Mutter, tun sie uns was? Kommen die Nazi wieder zu uns? Was haben wir getan?" Ich beruhige sie und bin doch selber dem Weinen naht. • Still sitzen wir auf dem Bettraod, Im Zimmer ist es finster. Das Haus Ist voll Lärm und Aufregung. Wir hören Schimpfen, Fluchen und Geschrei. Auf den Treppen wird eilig gelaufen. Wir warten. Die Kinder flüstern; mir bohrt der Schmerz im Rücken, der mich nicht mehr verläßt seit der Stunde, in der mein Mann verhaftet werden sollte, aber noch fliehen konnte. Ich fühle: ietztl Nein, erst letzt kommen sie zu uns! Es pocht laut;„Aufmachen! Polizei!" Die Kinder schreien auf:„Mutter! Hierbleiben!" Ich öffne. Herein treten SA und Polizeibeamte. „Na, hier sind wir ia keine Unbekannten mehr!" Höhnisches Lachen folgt. „Los, wo ist der Vater!" schreit einer meinen Jungen an. Der wischt sich die Tränen, wird trotzig und— spuckt aus! Ich werde verlegen.„Marxistenbrutl" knurrt ein SA.- Mann. Die andern suchen. Unter den Papieren Im Schreibtisch finden sie einen Brief meines Mannes, der vor einem Jahre aus Bremen geschrieben wurde. Es waren Grüße und persönliche Mittellungen von einer Gewerkschaftskonferenz, „Aha! Also in Bremen ist er?" „Wer?" „Na, Ihr Mann! Hier, der Brief beweist es!" „So? Zeigen Sie." Ich lese und lache:„Bitte, beachten Sie das Datum! Der Brief ist genau ein Jahr alt!" „Verflucht!" Inzwischen haben die andern„beschlagnahmt". Einer hält Bücher in der Hand, ein andrer das Luftgewehr meines flüchtigen Jungen, das er vor acht Jahren zu Weihnachten bekam. „Hallo! Eine Waffe?" ruft der Kommissar. Ich sage ihm, sie sei ein Weihnachtsgeschenk, das nun bald zehn Jahre alt sei. „Werden wir sehen; vorläufig wird das Gewehr beschlagnahmt." Auf dem Polizeipräsidium häufen sich die „beschlagnahmten" Dinge bergehoch. Kein Beamter kümmert sich um sie; man hat auch gar keine Zelt dafür, wurde mir einmal geantwortet, als ich einige Sachen zurückforderte. • Ich muß noch den Keller öffnen und dann oben den Boden. Hier noch ein Triumph: Im Gerümpel wird eine alte schwarzrotgoldene Kinderfahne gefunden. Die haben sie bisher übersehen gehabt I Endlich verlassen sie mich. Eine andre Wohnung kommt dran. Die Spannung läßt nach; ich weine wieder. Jetzt trösten mich die Kinder:„Mutter, bitte, nicht weinen I Es wird alles wieder gut werden! Wenn nur erst Vater wieder nach Hause kommt 1" In den Straßen herrscht noch Immer Alarmstimmung. Verstohlen schaue Ich durch die Gardinen. Da— dort in dem Auto— Gefangene! Mein Gottt Auch der Möllert Wie konnte der Mann aber auch nach Hause kommen? Er wußte doch, daß er seit Wochen gesucht wird! Sein Verbrechen ist, daß er Kassierer der sozialdemokratischen Partei war. Die arme Praul Fünf Kinder hat sie; das sechste erwartet siel • Erst fn den frühen Morgenstunden tritt allmählich Ruhe ein. Die Kinder sind eingeschlafen. Mir steigt ein Schluchzen auf; irgend etwas würgt mich. Wie lange Ist es her, daß Ich mit Mann und Kind zum letztenmal ruhig schlafen konnte? Vier Monate erst? Mir scheint, es sind so viel Jähret • kh bin so mflde...oh...! Wenn ich nur nicht zu denken brauchte, daß auf diese Nacht ein Tag und auf den Tag wieder eine Nacht folgt! Nicht wieder eine Nacht mit Autohupen, Scheinwerfern, Befehlen und Haussuchungen. Mein Gott! Wann endlich kommt der Retter diesem Lande?— so heißt et doch wohl in Schillers„Teil"? Lotte Peter. Her größte Sdiidit« wedtsel IVazideutschland als Rechenexempel In allen Ländern der Welt sind es die quälenden Probleme der Industriekrise, der Arbeitslosigkeit, der Finanz- und Währungssorgen, die die öffentliche Meinung beschäftigen. Ganz anders in Nazideutschland! Dort hat man ganz andere Sorgen. Bücher werden verbrannt oder in Bann getan, andere hingegen zu heiligen Schriften erklärt, als Offenbarung übermenschlicher Fähigkeiten gepriesen. Ein allumfassendes Rassenprinzip wird mit Inbrunst zur Gottheit erhoben. Die ganze öffentliche und private Moral soll umgemodelt werden, ein Zeitalter der Tugend heranbrechen. Eine Neugeburt der Kirche wird ebenso stürmisch verlangt, wie die der Literatur, der Bühne und der Wissenschaften. Nazideutschland scheint in dieser Welt des Materialismus, wo von Stunde zu Stunde um Profit- und Lohnsätze, Zollkontingente und Zinsennachlässe gefeilscht wird, eine Insel der Seligen zu sein; wieder einmal erweist sich das Deutschtum als ein Volk der Dichter und Denker. Versuchen wir nun, diesen Ueber- schwang der Gefühle und Ideen in Sprache und Tatsachen des Alltags zu übersetzen. *»« Die Rassentheorie zeitigt Blüten, die Tollkirschen und anderen Giftpflanzen den Rang ablaufen könnten. Liest man ihre Geistesprodukte, so bekommt man den Eindruck, eine große Zahl von Menschen sei von einer Seuche befallen worden, die ein Gemisch zwischen Raserei und Blödsinn darstellt. Beim Lichte besehen, erweist sich aber diese Rassenraserei als eine nüchterne, rechnerische Betätigung. Sie richtet sich in erster Reihe gegen die Juden. Es gibt in Deutschland viele Juden, die öffentliche Stellen innehaben. Sie werden wegen Rassenunreinheit davongejagt und ihre Stellen und Arbeitsplätze unter den Parteigängern des Nationalsozialismus aufgeteilt. Noch größer ist die Anzahl der Juden, die in den freien Berufen als Aerzte, Anwälte, Schriftsteller, Journalisten, Musiker, Kinofachleute usw. tätig sind. Das Rassenprinzip wirkt wie ein Massenf allbeil. Im Nu werden Tausende und aber Tausende erledigt, die Beute kann unverzüglich aufgeteilt werden. Mas- senhaft richtet man jüdische Gewerbetreibende, Industrielle und Kaufleute zugrunde oder zwingt sie zur Verschleuderung ihres Vermögens, die rassenreine Konkurrenz bemächtigt sich wohlfeil ihrer Betriebe, ihrer Geschäftsbeziehungen, Kundschaft und Kreditquellen. Ebenso zahlreich ist die Kategorie der jüdischen Privatangestellten, auch sie werden auf das Pflaster geworfen und durch Stützen des Regimes ersetzt. Rassenforschungsämter werden errichtet, die die Abstammung selbst solcher Leute, die bisher als unverfälschte Arier galten, bis in das zehnte Glied ausforschen. Hirngespinste und Wahnsinnsanfälle? Nein, eine äußerst praktische Betätigung, den Nutzen daraus zieht der nationalsozialistische Parteigenosse, der Pg., für den auf der Suche nach einem Posten eine solche Abstammungsurkunde von unersetzlichem Wert ist, um den Mann, der gegenwärtig den Posten innehat, auszumieten. Eine jüdische Ur-Ur- ahne, die vor hundertzwanzng Jahren in eine christliche Familie eingeheiratet hat, welch ein herrlicher Fund! Dutzende und aber Dutzende ihrer Abkömmlinge können um ihre Stellen gebracht werden. Vorläufig beschränkt sich die Rassenraserei auf den Kampf gegen die Juden. Erweist sich aber dieses Mittel als nicht genügend, um alle Appetite zu stillen, dann wird man ebenso eifrig nach der slawischen Abstammung fahnden. *•• Das zweite große Schlagwort dieses Schichtwechsels ist der Kampf gegen den Marxismus. Es mutet manchmal an, als ob wir in das Mittelalter zurückgefallen wären. Ein Kreuzzug gegen den Teufel, den Antichrist, dem der Name(Marxist gegeben wurde, wird geführt, gegen die Erbsünde, das Radikalböse, das jetzt Klassenkampf genannt wird. Dieser Feldzug gegen den T e u f e 1 kann ebenso genau in Zahlen ausgedrückt werden, wie das Toben des Rassenprinzips. Durch jahrzehntelange Arbeit hat siak die deutsche Arbeiterschaft mit unendlichen Opfern ein mächtiges Netz von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Organisationen und Genossenschaften ausgebaut. Ihr Vermögen wurde geraubt; an Stelle der durch die Arbeiterschaft eingesetzten Vertrauensleute und Beamten machen sich jetzt die Nazi breit Der Angriff auf das Brot der Arbeiter beschränkt sich nicht allein auf ihre Organisationen, überall zwingt die faschistische Diktatur Privatbetriebe, ihre sozialdemokratisch oder kommunistisch gesinnten Arbeiter und Angestellten massenhaft zu entlassen und sie durch waschechte und gutgesinnte Pg. zu ersetzen. Auf diese Weise können Hunderttausende, wenn nicht Millionen um ihr Brot gebracht werden. Der Nazisirius brüstet sich, als neuer Sankt-Georgsritter dem marxistischen Drachen den Todesstoß versetzt und dadurch das ständische Ideal, den Arbeitsfrieden, verwirklicht zu haben, wo Arbeitgeber und Arbeiter sich wie Brüder lieben. Von diesem paradiesähnlichen Zustand ist vorläufig noch wenig zu sehen, die Gewerkschaftshäuser aber wurden gestohlen und in alle Funktionen Nazis eingesetzt. Hier eröffnet sich auch eine Möglichkeit, den katholischen Gewerkschaften, Genossenschaften und wirtschaftlichen Organisationen das Lebenslicht auszublasen und die frei gewordenen Stellen unter den selbstlosen Kämpfern des Dritten Reiches aufzuteilen. Der P a r t e i s t a a t ist tot— es lebe das einige, zu neuen Leben erwachte deutsche Volk! Die Angehörigen der früheren Parteien sollen aus allen öffentlichen und privaten Anstellungen verschwinden, ein glänzendes Schlagwort, um auch sämtliche Katholiken, die früher nicht der nationalsozialistischen Partei angehört haben, zu erledigen und gleichzeitig mit den früheren Bundesgenossen, mit den Deutschnationalen und mit den Stahlhelmleuten, von denen die meisten fette Pfründen besetzt halten, aufzuräumen. Die Nazidiktatur erscheint im weißen Gewände der Tugend, sie will die Korruption ausmerzen. Diese Korruptions- riecherei hat auch eine andere, sehr praktische Bedeutung: Wessen Posten du einnehmen willst, den klage wegen Korruption an, laß ihn durch die SA.-Leute verhaften und setz dich auf seinem Platz fest. Sollen wir davon sprechen, daß die völkische Erneuerung von Theater, Kino, Literatur, Presse und W i s- senschaft nicht nur die Verödung dieser Geistesgebiete, sondern einen gewaltigen Schichtwechsel bedeutet! Und die Beschlagnahme der mächtigen evangelischen Kirche? Wieviele fette Pfarrämter können da neu aufgeteilt werden! Und dieser ganze militaristische Taumel, diese unaufhörlichen Soldatenspielereien, die Militarisierung selbst der Schoßkinder entspringt nicht nur einem seelischen Bedürfnis der neuen Herrscher, sondern auch den praktischen Erwägungen, unter dem Schlagworte „wehrhafte Erziehung" eine große Reihe von Führern, Unterführern und Afterfüh- rem in wohlbesoldeten Stellen unterzubringen und die Massen der kleinen Anhänger in„schwarzen" Formationen zu beschäftigen. Nun können wir den wirklichen Sinn der Ueberschwenglichkeit und Raserei des Naziprogramms in Zahlen annähernd ausdrücken: Posten Antisemitismus und Rassenmystik........ 200.000 Ausmerzung des marxistischen Teufels und des Klassenkampfes........ 500.000 Antikatholizisraus.»... 400.000 Totalitärer Staat.•• b. 200.000 Geistige Neugeburt.... 100.000 Herrschaft der Tugend und Korruptionstötung.... 200.000 Wehrhafte Erziehung(Siegreich wollen wir Frankreich schlagen!)......... 500.000 1,900.000 Diese Zahlen können auf vielen Gebieten erheblich erhöht werden. Ideologien, Rassenphantasien und der Welt Von Paul Szende. Schlagwörter der Nazis waren schon früher bekannt, sie erschienen aber dem gesunden Verstand als wahnhafte Gebilde, als Ausgeburten krankhafter Entstellung. Seit dem Anbruch des dritten Reiches entpuppen sich diese Ideologien als Anweisungen und Schecks auf Stellen und Pfründen. Daß sie solche Massen an die nationalsozialistische Partei zu ketten vermochten, zeigt darauf hin, daß diese Leute eine bessere Spürnase hatten, als ihre Gegner, denn sie ahnten, daß eine Neuverteilung, ein Schichtwechsel bevorsteht und sie wollten sich ihre Vorrechte sichern. Man sagt oft, daß der Nationalsozialismus, da er kein Brot zu geben vermag, immer Zirkusspiele veranstaltet. Zirkusspiele schon, aber nur für das Volk! Die Präto- rianertruppen kriegen wirklich Brot, sogar Zuckerbrot! Kriegt ein Anhänger nicht sofort einen Die Konsum� genossensdiaften Der Bestand gefährdet— trotf Sdiwenkung der IVazis Wie in den Gewerkschaiten, so herrschen auch in den Konsumgenossenschaften die Nazis. Sie begnügen sich aber nicht damit, die ieiten- tfen Posten zu besetzen, überall erfolgen massenweise Kündigungen des gewerblichen und des kaufmännischen Personals, nur um Nationalsozialisten Platz zu machen. Selbstverständlich hat das zu einer schweren Erschütterung des Vertrauens der bisherigen Mitgliedschaft geführt Die Konsumgenossenschaften verwalten noch heute rund 225 Millionen Spargelder und etwa 160 MilHo- neo Geschäftsguthaben und Reserven. Die genossenschaftlichen Warenzentralen verfügen über Werte von rund 180 Millionen Mark. Diese gewaltigen Kapitalien sind so schwer gefährdet daß die Nationalsozialisten jetzt die Konsumvereine stützen, während sie sie bisher zerschlagen wollten. Der Reichswirtschaftsminister hat deshalb im Einverständnis mit Hitler in einem Rundschreiben an die Landesregierungen hingewiesen, daß es ausschließlich Aufgabe der Reichsregierung sei, Entscheidungen in den Fragen des Konsumge- nosssenschaftswesens zu treffen. Seit der Einflußnahme der Nationalsozialisten auf die Konsumvereine ständen dem Erwerb der Mitgliedschaft keine Bedenken mehr entgegen. Innerhalb der deutschen Arbeitsfront ist ein Wirtschaftsausschuß zur Regelung der Konsumgenossenschaftsfragen gebildet worden. Ihm gehören nur Nationalsozialisten an. Die bisherigen Leiter der deutschen Konsumgenossenschaftsbewegung, auch soweit sie sich noch im Amt befinden und gleichgeschaltet haben, sind von jeder Einflußnahme ausgeschaltet worden. entsprechenden Posten, so liefert Ihm das Nazikochbuch ein bewährtes und unfehlbares Rezept „Nimm eine große Dosis von Rassenphantasie, gib einige nationale Phrasen und ein großes Maß von moralischer Empörung dazu, schütte sie in die kochende Volksseele, verschlucke sie und schreie sie laut aus, eine Woche lang, wenn notwendig unter den Fenstern deiner eigenen Führer, gib noch einige Leute von der SA. oder SS. mit Handgranaten dazu und du kriegst eine glänzende Stellung, womöglich mit einer Fünfzimmerwohnung und einem Dienstautomobil." Was ist das dritte Reich? Eine riesenhafte, noch nie dagewesene Aufteilung der Beute, der Pfründen und der Futterplätze. Geht uns aus dem Wege!— sagte Herr Goebbels neulich. Ja! Gehet ihm aus dem Wege, störet nicht diese Aufteilung! Die ganze Bestialität, alle Mordtaten, Folterkammern und Konzentrationslager des Systems haben nur einen einzigen Zweck, die Leute, die diesen Verdauungsprozeß stören, aus dem Wege zu schaffen. So vollzieht sich der größte Schichtwechsel, den die Weltgeschichte je gesehen hat Ausgemeckert! Als der„Angriff des großen Reklame- fachmannes Joseph Goebbels noch ein Organ für unwissende, verärgerte Proleten war, hatte er eine großartige Spalte;„Der Meckerer." Darin konnte jeder unzufriedene SA.-Prolet über die Mängel seines Betriebes sein Herz entladen. Jetzt hat es sich ausgemeckertl In der UUstempresse lesen wir den Bericht über eine Betriebsversammlung der NSBO.-Ullstein. Hören wir, was der Zellenleiter, Herr Pg. Herter, zu sagen hatte: „Mit großem Nachdruck wandte er (Herter) sich wiederholt gegen die Kritiker um jeden Preis, erklärte er, daß fürdie„Meckerer" von Beruf in der Zelle nunmehr kein Plajz mehr sei." Hier wird nicht gemeckert, hier hat man sich unterzuordnen! So weht jetzt der Wind, nach der Machtergreifung. Und wer trotzdem noch in der Betriebszelle meckert, für den Ist Raum in einer anderen Zelle. Und so etwas hat Jahrelang gegen den„Verrat" der„roten Bonzen" gehetzt! Die ergreifende Uniform An diesem hohen Tage wurde in Essen nicht gearbeitet, die ganze Bevölkerung leierte ein Fest, nämlich das Fest des Besuches des ersten und beliebtesten Mannes in ganz Preußen. Neben Gauleiter Terboven saß er, dem heute die Herzen ganz Essens In heller Begeisterung entgegenschlagen. Hermann Göring, Preußens oberster Beamter. Und als er sich dann erhob in seiner prächtigen neuen Pour le merite geschmückten Fliegeruniform, da bemächtigte sich aller Anwesenden eine feierliche Ergriffenheit.... (Aus dem Dortmunder„Generalanzeiger" J Eine halbe Million mehr Arbeitslose „Wenn ich an der Macht bin, gibt es in 4 Wochen keine Arbeitslosigkeit mehr!" (Aus Hitlers Reden.) Im Sommer 1932 ist die Zahl der unterstützten Arbeitslosen um 1 Million zurückgegangen, im Sommer 1933 um 1.2 Millionen. So sieht— äußerlich betrachtet— das Ergebnis von 6 Monaten Hitler-Regierung aus. Von einer Verminderung um 2 Millionen Arbeitslose, wie Goebbels und andere Schwindler behaupten, ist schon gar keine Rede. Weit zutreffender aber ist ein Vergleich der Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer. Ende Juni 1932 waren 1 2.8 Millionen Arbeitnehmer beschäftigt, Ende Juni 1933 1 3.1 Millionen, also nur 3 0 0.0 0 0 m e h f als zu der gleichen Zeit der Vorjahres. Dabei sind aber alle diejenigen Arbeitnehmer mitgezählt, die durch die Arbeitsbeschaffung mit öffentlichen Mitteln untergebracht worden sind. Und zwar sind das: 300.000 Jugendliche Im Freiwilligen Arbeitsdienst, 200.000 durch öffentliche Arbeitsbeschaffung von Reich, Ländern, Gemeinden, Reichsbahn und Reichspost, 200.000 die als sogenannte Landhelfer an die Landwirtschaft abgegeben worden sind, 20.000 Hausgehilfinnen durch Steuervergünstigung und Hinauswuri aus der Arbeitslosenunterstützung. Zieht man diese 700.000 verschleierten Arbeitslosen von der Gesamtzahl der In der Privatwirtschaft Beschäftigten ab, so ergibt sich, daß in diesem Jahre mindestens 4 0 0.0 0 0 Menschen weniger beschäftigt sind, als im vergangenen Jahre. In Wirklichkeit ist die Zahl noch wesentlich größer. Inhaftierte in Gefängnissen und in Konzentrationslagern erhalten keine Unterstützung. Entlassene Arbeitnehmer müssen viele Wochen auf Unterstützung warten. Sie werden also noch nicht in der Statistik gezählt, während die in Arbeit gekommenen als Unterstützungsempfänger nicht mehr gezählt werden. Auch das sind mehr als 100.000 Menschen. Die angebliche allgemeine Verminderung der Arbeitslosigkeit für ganz Deutschland ist also ein genau so dummer Schwindel wie die Mitteilung, daß ein Landkreis nach dem andere« 1« Ostpreußen die Arbeitslosigkeit beseitigt habe. Die arbeitslosen ostpreußischen Landarbeiter werden ohne Lohn zum Großgrundbesitzer gesteckt, der für Ihre Beschäftigung sogar noch einen Zuschuß aus der Reichskasse erhält Schade, daß Hitler noch nicht auf die Idee gekommen Ist so etwas in Berlin zu versuchen. Berlin von der Arbeitslosigkeit zu befreien, das wäre doch eigentlich ein viel erstrebenswerteres Ziel. Anscheinend gibt dafür aber Herr Schacht die Notenpresse noch nicht her. tBeiCage des Tleuen Votwäds" Tic. 7 Das Porträt der„Führer44 Stimmen des Auslandes über das braune Kabinett »Stier Gormg« Wie ein Engländer Ihn sieht Unter dem Titel:„Der Stier Görlns, die sroße Kanone der Nazibande", ver- öHentlicht der„Daily Herald" einen Artikel Ton Harold Laskl, dem berühmten Staatsrechtslehrer, Professor an der Londoner Universität und Mitglied der Labour Party. Laskl schreibt; G ö r i n g schein eine wilde Freude an Grausamkeiten zu empfinden und seine Moral steht unter der eines Gangster von ChikagOi. Er hat sich mit Leuten von ähnlichem Kaliber umgeben. Seine Auffassung von„Ehre" ist die eines Duellanten: seine Idee von Politik ist, zu t6- ten, um nicht selbst getötet zu werden. Er ist die verkörperte Gewalttätigkeit, und seine Genugtuung wächst mit der Größe der Gewalttat. Für Deutschland ist es ein Unglück, daß er an eine so hohe Stelle gelangt ist; es Ist so, als wären Capone oder Jack Diamond ein Mitglied der Regierung der Vereinigten Staaten. Auch sie würden die Regierung nach der Moral der Unterweltbanden führen. Auch sie hätten ihre eigenen Braunen Häuser für die Folterung ihrer Gegner. Auch sie würden, wie er, sich der Vergewaltigung aller Gesetze und Bräuohe rühmen, die die Existenz der Zivilisation überhaupt erst möglich machen. Auch sie würden dieselbe Unwissenheit und Unfähigkeit zeigen, die Bedingungen zu begreifen, unter denen allein Wissenschaften und Künste blühen können. Sie würden mit demselben Schwulst, derselben Arroganz, derselben leidenschaftlichen Ekstase über die Agonie ihrer Gegner triumphleren. Aber das ist ein übles Ding nicht nur für Deutschland allein; es ist ein Unglück für die ganze Weit Es ist eine Bedrohung der Grundlagen des Friedens. Denn wenn Göring seine Feinde zum Schweigen verdammt haben wird, dann wird er neue Siege nötig haben, um die Wollust der Macht auszukosten, ohne Rücksicht auf den Preis. Der Bau von Flugzeugen ist nicht nur eine Renommisterei. Er ist bewußte Vorbereitung für den Krieg, an dessen Kommen er glaubt, den Krieg, den er erstrebt Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß ein Mann seiner Art nicht den geringsten Skrupel keimt. Europa aufs neue In ein blutiges Schlachthaus zu verwandeln. Krieg ist für ihn nur ein Zug in dem Spiel um die Macht. Und diesen Zug zu tun, ist für ihn nicht unmoralischer als Juden und Sozialisten zu morden, Frauen zu schlagen oder Kinder als Geiseln ihrer EJtern zu verwenden. Seine einzige Lebensregel ist die Befriedigung seiner Impulse und Leidenschaften. Stößt er dabei auf Hindernisse, so wird er dadurch über sich selbst hinaus in einen Zustand geistiger Selbstzerstörung getrieben. Scheitert er irgendwo, so gerät er in den Zustand des Morphinisten, der sich sein Gift nicht verschaffen kann. Des Rauschmittels beraubt, gibt es keine Tiefen, in die er nicht hinabsteigen würde, um seine Gier zu befriedigen. Wenn Männer solcher Art an die Macht kommen, dann sind selbst diejenigen ihrer Umgebung, die es besser wissen, gezwungen, durch ihr Stillschweigen diesen Weg des Irrsinns zu dulden, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Ich wage die Behauptung, daß es keine fünf Staatsmänner in sämtlichen europäischen Kabinetten, das italienische eingeschlossen, gibt, vor denen Dr. Schacht die Dinge, die Göring auf dem Gewissen hat, verteidigen könnte. Ich glaube, daß Baron von Neurath, wäre er noch ein freier Mann, leidenschaftlich beteuern würde, daß er die Tage von Stresemann und Brüning sehnlich zurückwünsche. Aber sie haben sich selbst an den Karren der Tollwütigen gebunden, über die ihre Aufsicht auszuüben sie gehofft hatten; und so sind sie durch ihre stillschweigende Duldung zu den verächtlichen Komplicen der Brutalität geworden. Wenn dieses schreckliche Aberteuer vorüber sein wird, dann wird in der Gesellschaft zivilisierter Menschen kein Platz sein für Leute wie Schacht und Neurath, die zu den Schandtaten geschwiegen»haben, um für eine kurze Spanne an der Macht zu bleiben. Denn dieser Irrsinn dauert nicht ewig; eine ganze Nation kann nicht auf die Dauer ihren Verstand verlieren. Wir wissen um den brennenden Haß, der in der deutschen Arbeiterklasse aufsteigt. Wir wissen, daß all die Fortschritte, die Deutschland in der Außenpolitik gemacht hatte, in den wenigen Monaten vernichtet worden sind. Wir sind sicher, ist erst diese erste Vergiftung vorüber, fragt das deutsche Volk erst nach den Erfolgen, so wird die jetzige Ruhe sehr rasch weichen. Ohne ökonomische Erholung wird in Deutschland eines Tages es entweder zum Bürgerkrieg oder zum Krieg nach außen kommen. Und in beiden Fällen werden die Hitler-Leute ernten, was sie gesät haben. Denn in der Politik wie in der Natur gilt der Satz; Aktion und Reaktion sind einander gleich; und wenn die Ernte kommt, dann wird sie so blutig sein wie nie zuvor. Unsere Aufgabe muß es unterdessen sein, Neu-Deutschland klar zu machen, daß seine Beherrscher, wenn sie wie tolle Hunde sich benehmen, vom Ausland wie Parias behandelt werden! Hitler und Cromwell Amerika ladit über den„Führer" Hitler hat vor einiger Zeit einer Dame eine Unterredung gewährt, die u. a. auch in„New York Times" veröffentlicht wurde. Die Dame hatte Hitler gefragt wer seine historische Lieblingsgestalt sei: Cäsar, Napoleon oder Friedrich der Große, worauf Hitler geantwortet hatte, er bewundere am meisten Cromwell, der das Parlament abgeschafft und das englische Volk geeinigt habe. Mit dieser Weisheit des„Führers" setzt sich nun„New York Times" in amüsanter Welse auseinander. Das amerikanische Blatt sagt: Hitler scheine vergessen zu haben, daß Crom- wells erstes und größtes Werk die Abschaffung des Königs Karl I. gewesen sei, der zuvor das Parlament abgeschafft hatte und dafür hingerichtet wurde. Wenn Hitler wirklich glaube, daß Nazisystem für alle Ewigkeit auf die Beine gestellt zu haben, so sei Cromwells Parlamentsfeindschaft ein übles Vorzeichen, denn gleich nach Cromwells Tod kam das Parlament wieder und dann kam die glorreiche Revolution von 1688, die die Souveränität des Parlaments stabilisierte und dabei sei es Jetzt seit 250 Jahren geblieben. Aber noch in einer anderen Beziehung findet „New York Times" die Berufung Hitlers auf Cromwell als Vorbild recht unglücklich. Cromwell war nämlich der Mann, der den Juder nach ihrer Vertreibung Im Jahre 1290 die Rückkehr nach England gestattete. Ja, er gestattete sie nicht bloß, sondern er hieß die Juden, von denen er Im wirtschaftlichen Wettkarapf mit Holland eine starke Förderung Englands erwartete, herzlichst willkommen. Professor Eddy In Berlin Die Wahrheit auf englisdi In der Karl-Schurz-Gesellschaft in Berlin sprach am 20. JuH, wie die„Times" berichten, vor einem zahlreichen Hörerkreis der amerkanl- sche Professor Dr. Sherwood Eddy. Der Amerikaner, der als scharfer Gegner des Vertrags von Versaille bekannt ist begann mit einer höflichen Verbeugung vor der Hitlerregierung, aber es erregte schon einige Bewegung, als er von Rußland sprach als von einem Lande, das ihm abscheulich sei wegen der Verneinung der Unparteilichkeit der Justiz sowie jeder Rede-, Presse- und Gewissensfreiheit, — Prinzipien, die für das angelsächsische Leben seit sieben Jahrhunderten maßgebend seien. Dr. Eddy steigerte die Aufregung, als er dann auf Deutschland überging und fragte, was für eine Justiz es denn jetzt für Juden, Soziallsten, Kommunisten, Liberale und Pazifisten in Deutschland gäbe.„Ihr meint," sagte Dr. Eddy weiter,„das wäre Eure eigene Angelegenheit. Sie ist es nicht, es ist eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Die Deutschen wissen nichts von dem, was in ihrem eigenen Lande vorgeht. Die Presse ist geknebelt. Sie hat versichert, daß die Verfolgung der Juden und die Rechtsverweigerung gegenüber anderen Parteien aufgehört hat. Das ist unwahr". So lange er lebe, schloß der amerikanische Gast, werde er protestieren gegen jede Ungerechtigkeit, auch dem letzten Glied der menschlichen Gesellschaft gegenüber und gegen die Verneinung der Gedanken-, Rede- und Pressefreiheit upd des freien Versammlungsrechts. Das Publikum, so berichtete„Times", das seit Monaten eine solche Sprache nicht mehr vernommen hatte, war sichtlich verstört Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" berichtetet am Morgen darauf über die Versammlung, sagte aber von der Rede Dr. Eddys weiter nichts, als daß sie„durch ihre außerordentliche Eindringlichkeit und Wärme auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck gemacht" habe. Selbstverständlich ist Dr. Eddy auch nach seiner Rede als Gast mit vollkommenster Hochachtung behandelt worden. Was ihm widerfahren wäre, wenn er das Unglück gehabt hätte, ein Deutscher zu sein, läßt sich gar nicht ausmalen. Aber das ist ja bezeichnend für den Nationalstolz des Dritten Reichs, daß man vor Ausländern kriecht, Deutsche aber behandelt, wie man selbst Hunde nicht behandeln sollte! Minister Möller Die Wahrheit auf schwedisch Bei einer großen sozialistischen Jugendkundgebung in Lund in Schweden am 10. Juli sprach der schwedische Minister für soziale Fürsorge Gustav Möller, kräftige Worte über die Rassentheorie der deutschen Nazi. Er sagte unter anderem: „Wenn das nationalsozialistische Deutschland an die waschechten nordischen Instinkte appelliert, dann ist sein gegenwärtiges System seine eigene Verurteilung. Hier in den nordischen Ländern wahren wir eifersüchtig die alten nordischen Volksfreiheiten. Die angeblichen Vertreter der nordischen Rasse, deren erste Tat darin besteht, die Freiheit des Volkes mit Füßen zu treten, sind nicht unsere Blutsverwandten, Wenn sie es für nötig erachten, daß reinrassige nordische Menschen Deutschland regieren, dann müßten sie sich sie von uns holen, aber sie werden bei uns keine Leute finden, die die Völker unterdrücken wollen. Es ist ein charakteristisches Zeichen der Zeit, daß die Völker Skandinaviens jene sind, die von Sozialdemokraten regiert werden— in den Augen der Nationalsozialisten die schlimmste Plage nach den Juden. Die Völker der Nordländer haben die Sozialdemokraten ans Ruder gebracht, um das Werk zu vollenden und die Demokratie und die Freiheiten des Volkes in diesen Ländern zu sichern." Amerika gegen Hitler New York, Ende Juli. Hitlers unermüdliches Werben um die Sympathien Amerikas hat sich bisher als Fehl- . schlag erwiesen. Alle Interviews, in denen der große Schreier mit dem kleinen Chaplinbart den zu verläßlichen Staatsmann hervorzukehren sucht, hab'en bisher nur den Erfolg gehabt, die Gegnerschaft erbitterter zu gestalten. Je schweigsamer sich die mit dringenden Wirtschaftsproblemen beschäftigte Roosevelt- regierung verhält, desto lauter werden die unoffiziellen Stimmen aus allen Bevölkerungskreisen, die den deutschen Machthabern unerbittlichen Kampf ansagen. Je deutlicher der Gegensatz zwischen der demokratischen Gesinnung Amerikas und der Schamlosigkeit der deutschen Regierenden wird, desto klarer wird auch, daß die amerikanische Protestwelle nicht durch den Zusam- menprall der beiden großen Strömungen Demokratie und Diktatur ausgelöst worden ist. Es war nicht die theoretische Fragestellung Volksherrschaft und demokratische Republik, die zu der einmütigen Erhebung des amerikanischen Volkes gegen den Naziterror führte. Maßgebend war die grausame Verfolgung des Einzelwesens, die brutale Vernichtung des politischen Gegners, die systematische Zerstörung aller in Jahrhunderten mühsam eroberten Menschenrechte, die den von tiefster demokratischer Ueberzeugung erfüllten Volksmassen Amerikas ganz unerträglich erschien. Die Hoffnung, im Deutschland der Nachkriegszelt einen festen europäischen Friedenshort zu finden, ist seit dem Machtantritt der Nazis endgültig aufgegeben worden. Sie hat zu einer Stimmung umgeschlagen, die in der Modernisierung der amerikanischen Kriegsflotte und ihrer vollen Aufrüstung warnenden Widerhall findet Natürlich ist die amerikanische Volksstimmung unverändert gegen einen Krieg oder gar gegen eine Einmischung Amerikas in die europäischen Verhältnisse. Die Zeichen von 1917 schrecken. Nichtsdestoweniger ist klar, daß Amerika bei jedem Konflikt, in den das heutige Deutschland gerät, mit seinen Sympa. thien auf der anderen Seite stehen wird. Herz und Kontobuch sind zwei Dinge, die auch die tüchtigste kapitalistische Seele noch nicht in Einklang zu bringen gewußt hat. Man tut gut, diese Tatsachen gebührend zu würdigen und sich nicht in Illusionen zu wiegen, die mit jedem Tage, den Hitler sich länger an der Macht hält, enttäuscht werden müssen. Den Sozialisten Amerikas fällt das Verdienst zu, die starken Wellen der Entrüstung in die richtigen Kanäle gelenkt zu haben. Sie haben den amerikanischen Massen klargemacht, daß der deutsche Machtwechsel nicht das Problem politischer oder Rassenminderheiten, sondern einzig das Problem der Freiheit des deutschen Volkes aufwirft, hinter das alle anderen Erwägungen zurücktreten müssen. Erst wenn sich das deutsche Volk die Freiheit wiedererobert hat, wird es möglich sein, auch dem deutschen Judentum die Rechte wiederzugeben, auf die es Anspruch hat. Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung unterstützt energisch diese Aufklärungsarbeiten. Die Botschaften, die sie vor und nach den Märzwahlen an die deutsche Arbeiterschaft sandte, sind zwar von den Hitlerterroristen unterdrückt worden— aber auch hier gilt das berühmte Wort Lincolns, daß Völker wohl auf kurze Zeit, aber nicht für immer betrogen und genasführt werden können. Noch ein Wort über das hoffnungslos im Spießbürgersumpf versunkene bürgerliche Deutschamerikanertura. Mit echt amerikanischer Fixigkeit ist sein Sprachorgan, die New Yorker Staatszeitung, in Hitlersches Fahrwasser eingeschwenkt. Es bezeichnet sich durch den Mund des Herausgebers als zu 90 Prozent nationalsozialistisch. Der zehnprozentige Vorbehalt bezieht sich— merkst du was, lieber Leser?— auf die Judenverfolgungen, einfach weil doch die aufrechten Neudeutschen auf die jüdische Kundschaft Rücksicht nehmen müssen. Immerhin hat auch hier bei den Deutschen das Nazitum festen Fuß fassen können und ist gegenwärtig munter dabei, die zahlreichen Verbände und Institutionen nach berühmtem Muster gleichzuschalten. Die Bürde des Kampfes liegt bei der deutschsprachigen klassenbewußten Arbeiterschaft Amerikas, deren Wochenblatt, die„Neue Volkszeitung",— die Nachfolgerin der weitbekannten„New Yorker Volkszeitung"— eine tapfere Klinge gegen das mit nationalsozialistischen Schlagiyorten aufgeputzte Verbrechertum hüben und drüben führt. Die verfolgten Kämpfer in Deutschland dürfen sich dessen bewußt sein, daß auch die Sozialisten Amerikas in Treue zu ihnen stehen. Turner gegen Hitler Der Kongreß des bürgerlichen Deutsch-Amerikanischen Turnerbundes in Eik- hart lake, Wis, nahm auch zu den Verhältnissen in Deutschland Stellung. Er nahm eine Resolution an, in der scharf gegen die Rede-, Gewissen- und Presseunterdrückung Stellung genommen wird. Als eines Turners unwürdiges Verhalten sah man das feige Zu-Kreuze- kriechen der deutschen Turnerschaft an. Dem aufgelösten und zerschlagenen Deutschen A rb e i t er- Tu r n- und Sportbund wurde vollste Sym» pathie ausgesprochen. Scheitern der Wirtschaflskonferenz Das amerikanische Experiment Die größte Weltkoniercnz aller Zeiten bat den größten Bankerott aller Zeiten erlebt das ist das Wort, das man der Londoner Wirtschaltskonferenz nacbruien muß. Und dieser Zusammenbruch ist von historischer Bedeutung. Stellte sie doch den Versuch der Regierungen dar, die kapitailistische Krise, die durch ihre eigene Politik immer aufs neue verschärft und verlängert worden war, mit kapitalistischen und bürgerlichen Mitteln zu lösen. Ihr völliges Scheitern verschärft die Krise aufs neue und beweist zugleich die völlige Unmöglichkeit der bürgerlichen Lösungs- versuche. Das Paradoxe, Widerspruchsvolle der Situation bestand von allem Anfang darin, daß die Aufgabe vom bürgerlichen Standpunkte aus klar und eindeutig gegeben war: Herstellung des Vertrauens, des politischen Vertrauens zunächst durch Sicherung des Friedens. Aber die resuitatlose Vertagung der Genfer Abrüstungskonferenz beweist das Utopische der Friedensbemühungen in einer Zeit, da die Diktaturen durch Uebersteigerung des Nationalismus und durch Aechtung des Pazifismus neue Kriegsgefahr hervorgerufen haben und die Lehre: Jedes Volk ist des anderen Volkes Feind! in die Gehirne ihrer Jugend hämmern. Die politische Spannung, die Furcht vor neuem Krieg war nie größer als zur Zeit, da die Londoner Konferenz begann. Die Sachverständigen In Genf hatten das wirtschaftliche Programm und die Lösung weitgehend vorbereitet. Zunächst endgültige Erledigung der politischen Schulden, durch die die Krise ohnehin bereits den Strich gemacht hatte. Aber die amerikanischen Steuerzahler, die selbst von der Krise so schwer getroffen sind, verhinderten den Präsidenten der Vereinigten Staaten, auch nur die Diskussion der Schuldenzahlungen Englands, Frankreichs, Italiens, Belgiens und der kleinen Staaten zuzulassen, obwohl diese durch die Streichung der ihnen zufallenden deutschen Reparationszahlungen bereits eine fertige Tatsache geschaffen hatten. In einem politisch wie wirtschaftlich gleich wichtigen Punkte war die Konferenz schon vor ihrem Zusammentreten lahmgelegt Entscheidend für Ihr Schicksal wurde aber das Verhalten Amerikas zu dem anderen Problem, von dessen Lösung nun In der Tat alle anderen Versuche abfalngen, der Krise Herr zu werden, zu dem Problem der Wahnmgsfrage. England war im September 1931 Im Verlaul der ungeheuren Erschütterung, die den ganzen Geld- und Kreditverkehr der kapitalistischen Welt ins Stocken zn bringen drohte, durch die panikartige Zurückziehung der kurzfristigen Guthaben zum Verlassen der Goldwährung gezwungen gewesen. Es hatte dann zwar eine dreißigprozentlge Entwertung des Goldpfundes hinnehmen müssen, aber versucht, eine Preissteigerung zu verhindern. Dies gelang in hohem Maß, da infolge der Krise die Preise der wichtigsten Rohstoffe welter sanken. Im Innern wurde durch weitgehende Sparmaßnahmen, die auch die Sozialausgaben empfindlich verringerten, das Budget Ins Gleichgewicht gebracht, während die Bank von England eine einschränkende Kreditpolitik betrieb und so ihrerseits Jede inflatorische Wirkung zu hemmen trachtete. Zugleich ging England in Ottawa zur Schutzzollpolitik Ober und schränkte die Einfuhr In sein Weltreich zugunsten der eigenen Industrien und der Agrarproduktion seiner Kolonien ein. Ais Wirkung blieb Im wesentlichen, daß die englischen Lohnkosten auf dem Weltmarkt um 30 Prozent verringert waren, während im Innern die Schuldenlasten der Produktion sich ebenfalls verringerten. Dies alles bewirkte eine gewisse Milderung der englischen Krise, natürlich auf Kosten der mit England konkurrierenden Länder, soweit sie am Goldstandard festhielten. Auf der anderen Seite erfuhren die englischen Auslandsanlagen, besonders die festverzinslichen, eine der Geldentwertung entsprechende Wertminderung und die City verlor zunächst die Stellung als Internationaler Banquier. Die Engländer blieben sich dabei der Gefahren der Inflation durchaus bewußt und schon vor Eröffnung der Konferenz hatte sich eine Politik der tatsächlichen Stabilisierung des Pfundes mit Hilfe eines großen Stützungsfonds durchgesetzt. Im schroffsten Gegensatz zur englischen stand von Anfang an die amerikanische Währungspolitik. Amerikas Preisgabe der Goldwährung war In keiner Weise durch ökonomische Gründe erzwungen, sondern ein politischer Entschluß. Wie in Deutschland so hat auch in Amerika die Krise zu einer Rebellion der Mittelschichten gegen den Kapitaiismus geführt. Stürmisch verlangten vor allem die überschuldeten Farmer, die im Westen und Mittelwesten genau so wie in Schleswig-Holstein gewaltsam die Versteigerungen zu verhindern begannen, Schuldenherabsetzung und vor allem Preissteigerung. In dem Gebiet der großen agrarischen Ueberscbtisse sind aber die protektio- nlstischen Maßnahmen, Zölle, Kontingente, Einfuhrverbote wirkungslos und die Stützungs- versuche endeten mit kolossalen Verlusten der Staatskasse. So blieb als einziges Mittel die Preisstelgerung durch Geldentwertung, die Inflation. Mit dem Interesse der Farmer verbündeten sich die Interessen der mächtigen Rohstoffproduzenten und auch das Interesse der Regierung, die einem 4-MiiliardendefIzlt gegenübersteht, dessen wenigstens teilweise Deckung durch direkte oder indirekte Inanspruchnahme der Notenpresse dep politisch bequemsten Weg darstellt. Die widerstrebenden Interessen der großen Banken und eines Teiles der Industrie wurde um so leichter überrannt, als In dem Lande ohne selbständige politische Arbeiterbewegung und ohne staatliche Sozialpolitik die mlttel- ständlerische Rebellion sich viel ausschließlicher gegen die bisherige großkapitalistische Alleinherrschaft richtete als etwa In Deutschland. Ausgesprochenes Ziel der amerikanischen Politik war Im Gegensatz zu England Preissteigerung. Da die Wirtschaftskrise als Preissturz erscheint, so wollen wir hohe Preise herstellen und die Prosperität Ist sicher da. Daß diese„hohen" Preise in Wirklichkeit durch bloße Aenderung des Preismaßstabes herbeigeführt sind und die viel tiefer liegenden Ursachen der Krise gar nicht berühren können, bleibt dabei auch den Befürwortern der Inflation nicht ganz verborgen. Daher die Ergänzung des Inflationsprogrammes durch ein planwirtschaitiiches Experiment ailergröBtea Umfangs. In dem Lande des ausgeprägtesten Manchesterliberalismus, in dem die Trustgesetz- gebung, allerdings mit geringem Erfolg, die Freiheit der Konkurrenz gegen die kapitalistische Monopoltendenzen zu schützen trachtete, In denen das bescheidenste soziale Ver- Sicherungsgesetz als verwerflicher Sozialismus, als Frevel gegen das heilige Gebot der Selbstverantwortung galt, In dem das Dogma der Nichteinmischung des Staates In die Wirtschaft unerschütterlich schien, erhält der Präsident von dem Parlament, das bis dahin am eifersüchtigsten von allen seine Rechte gegenüber der Exekution wahrgenommen hatte, Ermächtigungsgesetze, die Ihn zum unumschränkten WIrtscbaitsdiktator erheben. Es Ist In einer ganz kurzen Zeltspanne eine völlige Revolution der bisher herrschenden Ideologie durch die Veränderung der ökonomischen Verhältnisse— einer der eklatantesten Beweise der Richtigkeit der marxistischen Geschichtsauffassung. Die Krise soll also ohne Soziallsmus, aber durch weitgehendste Eingriffe der Staatsmacht überwunden werden. Der Staat will den Landwirten 8 Prozent ihres Bodens abpachten, um sie brachzulegen, und so die Ueberproduktlon beseitigen. Industrie und Elsenbahnen sollen neu organisiert werden. Zwangskartelle sollen geschaffen werden, um die Produktion zu regulieren und die Preise zu erhöhen. Aber diese Preiserhöhung soll nicht auf Kosten der Arbeiter erfolgen. In den vom Staate regulierten Industrien soll die Arbeitszelt für Arbeiter auf 40, für Angestellte auf 35 Stunden herabgesetzt, es sollen Minimallöhne eingeführt, das Lohnnlvean allgemein der Dollarentwertung, die letzt etwa 30 Prozent beträgt, angepaßt werden. Gleichzeitig sollen In größtem Maßstäbe öffentliche Arbeiten unternommen werden, für die die Notenbank bis zu drei Milliarden Dollar Kredite(d. h. Noten) zur Verfügung stellen solL Während aber die Einschränkung der Agrarproduktion auf den Widerstand der Bauern stößt In dem Moment, In dem die Preise rasch ansteigen; während dfa Indn- strlepläne erst eingeleitet werden und Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhung und Neueinstellung dem Widerstreben der Unternehmer begegnen, hat die Inflation, die Ja im Gegensatz zur englischen Währungspolitik die rasche Preissteigerung anstrebt, sofort ihre Wirkung ausgeübt. Eine fessellose Spekulation ist entstanden,(He die Preise der RohstoHe und die Aktlenkurse weit Uber die Dollarentwertung hinaus in die Höbe getrieben hat, gestützt durch die Flucht in die Sachwerte und begleitet von einer zunehmenden Kapitalflucht. Diese spekulative Preissteigerung bat aber bereits i(1 Ihren Anfängen die Londoner Konferenz geeprengt. So lange der Dollar unbekannten Schwankungen ausgesetzt Ist, ist nicht nur der internationale Kreditverkehr mit dem wichtigsten Gläubigerland unterbrochen, es ist überhaupt jede sichere Beurteilung der Konkurrenzverhältnisse auf dem Weltmarkt unmöglich. Die Gefahr des Valutadumpings erhebt sich, obwohl vermindert durch die spezifische Form der amerikanischen Inflation mit ihrer Tendenz die Preise noch über die Dollarentwertung hinaus zu erhöhen. Daher das Verlangen aller anderen Länder an die Vereinigten Staaten nach einer neuen Stabilisierung des Dollars, wenigstens einer vorläufigen, während der Dauer der Konferenz. Aber die bloße Erwägung einer Stabilisierung bewirkte sofort einen starken Rückgang der Preise und Aktienkurse. Roosevelt, der nach seinen eigenen Worten ursprünglich in der Stabilisierung der Währungen eine Hauptaufgabe der Konferenz erblickt hatte, konnte politisch diesen Standpunkt nicht mehr festhalten. In schroffster Form lehnte er Jede Stabilisierung ab. Die Engländer, schon durch ihre Dominions auf das engste mit dem amerikanischen Wirtschaftsleben verbunden, konnten angesichts dieses Verhaltens sich auf eine Bindung Ihrer Währungspolitik nicht einlassen. Statt mit der Stabilisierung, mit einer Festigung des internationalen Kredit-, Geld- und Preismechanismus endet die Konferenz mit neuer Unsicherheit und den Gefahren neuer schwerer Erschütterungen. Denn die Ablehnung der Neuordnung der Währungen bedeutete zugleich das Scheitern eines dritten entscheidenden Problems der Konferenz, der Verständigung über die Handeispolitik, über die Einschränkung der Handelshemmnisse und der Autarkietendenzen. Die Schutzzollintercssenten beriefen sich auf die Gefabren des neuen Valutadumpings nnd die Beratungen gegen die fortschreitende Zerschlagung der Weltwirtschaft kamen gar nicht erst in Gang. Aber auch die Bestrebungen über die Anpassung der Produktion der wichtigsten RohstoHe an den Bedarf zu Vereinbarungen zu kommen, litten unter der verstärkten Unsicherheit und haben nur zu unverbindlichen Empfehlungen geführt Die Konferenz wird am 27. Juli vertagt— die Fortsetzung bleibt ungewiß— ein großer Aufwand sebmäbiieb ward vertan. Die weitere Entwicklung aber hängt vom Verlauf des amerikanischen Experiments ab. Hier bat aber die Inflation bereits zur ersten Krise geführt Am 20. und 21. Juli erfolgte zunächst ein Preissturz auf dem Weizenmarkt auf dem Uber die Hälfte der Steigerung in dem letzten Vierteljahr verloren ging. Ihm folgte der Kursefnbruch auf dem Aktienmarkt auf dem Fuße. Die Panik wird als die ärgste seit 1929 bezeichnet Amerika steht eben In kürzester Zeit vor dem unausweichlichen Dilemma Jeder Inflation; solange Ihre Fortsetzung erwartet wird, eriolgt die Flucht in die Sachwerte; sie führt zu einer vorübergehenden Belebung der Produktion und treibt die Preise über die Geldentwertung hinaus; wird der weiteren Entwertung Einhalt getan, dann stürzen die überhöhten Preise zusammen, die Produktion stockt, die Stabillslerungs- und Deflatlonskrtse Ist da und in der Jetzigen Zelt— mitten In der fortdauernden Krise— kann sie diese nur verschärfen. In Amerika bedroht das Inflatlons- experiment zugleich auch die planwlrtscbait- lichen Maßnahmen, vor allem die Arbcltsb*- Schaffung, während es die Unsicherheit In der übrigen Welt des Kapitalismus aufs neue gesteigert und die Krise verschärft bat. Der Einfluß des rebellierenden Mittelstandes anl die Wlrtscbaltspolltik erweist sieb so als zerstörendes und zersetzendes Element, geeignet, die Widersprüche des Kapitalismus auf das Unerträglicbste zu steigern, obne imstande zn sein, sie zu lösen. Aber das Scbeltern aneb dieser Versuche wird die Bahn frei machen für die Ueberwindung des kapitalistischen Systems durch den Sozialismus der Arbeiterklasse. Dr. Richard Ker& Französische Parteikrise Deutschland im Hintergrund. V. Sch. Paris, 18. Juli. Französische Parteitage verlaufen fast Immer dramatisch, einmal wegen der traditionellen Richtungsgegensätze, die durch das französische Temperament oft noch schärfer in Erscheinung treten als in anderen Ländern, ferner aber auch dank der hinreißenden rhetorischen Gaben der prominenten Redner, an denen das öffentliche Leben in diesem Lande und nicht zuletzt in der sozialistischen Partei seit jeher so reich ist. Wenn aber dieser sozialistische Kongreß, der nach viertägiger Dauer einen bewegten, tragischen und doch nicht hoffnungslosen Abschluß gefunden hat, die Leidenschaften ganz besonders aufwühlte. so lag das nicht nur an dem aktuellen Gegensatz zwischen den taktischen und sogar grundsätzlichen Auffassungen der verschiedenen Richtungen, sondern weit mehr noch an der tiefen Unruhe, die die politische und wirtschaftliche Krise der Welt überall und besonders In den Reihen des Proletariats ausgelost hat. Diese Krise des französischen Sozialismus ist eine Krise des Internationalen Soziallsmus, die durch die Ereignisse in Deutschland gewaltig gesteigert worden Ist. Die Niederlage der deutschen Sozialdemokratie hat das Gespenst des Faschismus auch in solchen Ländern mit alten demokratischen Traditionen aufsteigen lassen, die sich dagegen bisher Immun fühlten. Der Sieg Hitlers und die sich häufenden Nachrichten über eine kaum mehr verborgene Aufrüstung Deutschlands haben das andere bedrückende Gefühl ausgelöst, daß Buropa einem neuen Krieg entgegengeht. Das ist die wahre, tiefe Bedeutung des Konflikts zwischen der Mehrheit der französischen Partei und der Mehrheit der Par- Itmentsfraktlon, Die Partelraebrheit warf der Fraktion Disziplinbruch vor, well sie entgegen dem Geist eines drei Monate zuvor in Avignon gefaßten Kongreßbeschlusses für die Regierung Daladier und für deren Etat gestimmt hatte. Die Fraktionsmehrheit dagegen behauptete, daß sie diese Linksregierung im Interesse des Kampfes gegen die faschistische und gegen die Kriegsgefahr hätte stützen müssen. Streitigkelten persönlicher Art hatten diesmal schon vor dem Kongreß auf allen Selten eine unerhörte Erbitterung entstehen lassen. Die absolute Mehrheit für den linken Flügel unter Führung von Paul Faure und Zyromskl, der ein kategorisches Tadelsvotum gegen die Fraktion verlangte, stand infolge des Systems der gebundenen Mandate von vornherein fest Darauf hatten Renaudel und sein* Freunde erklärt, daß sie einen solchen Tadel nicht annehmen würden, weil sie ihn für ungerecht hielten und weil sie darin den Willen zur Spaltung erblickten. Gegenüber dieser beiderseitigen Festlegung, die dieses Mal wirklich die Gefahr einer Spaltung in sich barg, versuchten Vincent Auriol und Jean Longuet mit Unterstützung von Leon Blum einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen. Einen kurzen Augenblick schien es sogar, als ob es dieser Gruppe gelingen würde, eine Versöhnung herbeizuführen. Sie wurden darin durch die große Rede unterstützt, die Vandervelde im Namen der gesamten Internationale am ersten Kongreßtag hielt, in der er zwar für die Unterordnung der Minderheit unter den Willen der Parteimehrheit plädierte, andererseits aber auch dem rechten Flügel gegenüber zugab, daß die internationale Lage so ernst sei, daß man heute die letzten Hochburgen der demokratischen Freiheit mit besonderer Wachsamkeit verteidigen müsse. Sein pathetischer Appell an die französischen Genossen, heute mehr denn Je ihre Einheit zu wahren, machte Im Augenblick auf den Kongreß einen tiefen Eindruck, vermochte sich aber auf die Dauer Insofern nicht durchzusetzen, als schon wenige Stunden danach die Gegensätze mit unerhörter Wucht aneinander* prallten. Interessant war es übrigens, wie iede Richtung aus den Ereignissen in Deutschland Lebren zugunsten des eigenen Standpunktes z« ziehen versuchte. Einmal war es Paul Faure, der meinte, daß, wenn die deutsche Sozialdemokratie sich nicht seit zehn Jahren i® Schlepptau der bürgerlichen Parteien befunden hätte, es niemals zum Siege des Nationalsozialismus gekommen wäre. Freilich mußte bald danach derselbe Paul Faure zugeben, daß Revolutionen im landläufigen Sinne nicht mehr möglich seien, denn er wisse genafl, ..was zweihundert Maschinengewehre in den Händen der Zentralgewalt bedeuten". Gerade im Munde des Führers jener Genossen, di» die Koalitionspolitik der deutschen Sozialdemokratie nachträglich am stärksten kritisiere® und ihren Mangel an gewaltsamen Widerstand nach dem 20. Juli 1932 oder nach dem 29. Jä*» ner 1933 am schärfsten zu tadeln pflegen, war diese Feststellung recht interessant Auf der anderen Seite wiederum waren es Renaudel, Georges Weill und andere, die darauf hinwiesen, daß der Sieg Hitlers eine Internationale Lage geschaffen habe, die die französische Arbeiterklasse vor eine ganz besondere Verantwortung stelle. Die Schilderung des grauenhaften Todes von Johannes Stelling durch Vander- velde, die Darstellung der entsetzlichen Leiden der deutschen Arbeiterklasse durch Grumbach haben in dem sonst so gespaltenen Kongreß einen einmütigen Ausdruck der Abscheu ausgelöst, Aber bezüglich der Lehren, die aus diesen furchtbaren Geschehnissen zu ziehen wären, blieb die Partei bis zuletzt geteilter Meinungen. Ein letzter Versöhnungsversuch von Leon Blum blieb vergeblich. Die Mehrheit bestand auf ihrem Tadelsvotum, das der rechte Flügel auf keinen Fall hinnehmen wollte. In einer Schlußerklärung hat allerdings Renaudel mit einem taktisch geschickten Schachzug angekündigt, daß er und seine Freunde gegen dieses Urteil vor der Internationale Berufung einlegen würden. Für die internationale Konferenz, die Im nächsten Monat in Paris zusammentritt, wird es keine leichte Aufgabe sein, als Schiedsrichter zwischen den verschiedenen Richtungen der französischen Partei Stellung zu nehmen. Immerhin wird dadurch Zeit gewonnen und gerade die Austragung dieser Gegensätze vor dem Forum der Internationale wird hoffentlich dazu beitragen, daß das große Unglück einer Spaltung der französischen Soziallstischen Partei in der heutigen kritischen Zeit abermals vermieden wird. llenderson bei Hitler Die„Internationale Information" schreibt: Die Arbeiter in allen Ländern werden durch die Nachricht, daß Arthur Hender- son am 20. Juli nach München gekommen ist, um Adolf Hitler zu besuchen, in tiefste Bestürzung versetzt. Wir wissen, daß Henderson nicht als Sekretär der Labour Party, sondern als Präsident der Abrüstungskonferenz seine Reise unternommen hat. Wir wissen, daß ihn in dieser Funktion nicht grausen darf vor dem Umgang mit Canaillen aller Art und daß er in diesem Pflichtbewußtsein zu Mussolini und schließlich sogar zu Hitler gereist ist. Wir kennen die persönlichen Gefühle Arthur Hendersons gegenüber den Diktaturen, wir wissen, mit welcher Energie er, zur Zeit, als er Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiter- Internationale war, gegen die Verfolgungen in Horthy-Ungarn, in Pllsud- s k i- P o 1 e n und in anderen Ländern der Knechtschaft protestiert hat, wir erinnern uns an die zahlreichen Kundgebungen gegen das Unterdrückungssystem Mussolinis und nicht zuletzt an seine eindrucksvolle Rede bei der Enthüllung des Denkmals Matteottls in Brüssel. Wir wissen, daß er noch kurz vor dem Antritt seiner Rundreise durch eine namhafte persönliche Spende an den M a 1 1 e o 1 1 i f o n d s mit der ausdrück- Ilclien Widmung für Deutschlands Arbeiterklasse seinen Gefühlen für die Opfer des Hltlertums offenen Ausdruck gegeben hat Wir wissen, daß alles, was Henderson tut, aus kristallklarem Gewissen entspringt daß er bei seiner Reise einzig und allein das Motiv hatte, der Sache des Friedens zu dienen, aber obwohl wir dies alles wissen, bleibt die tiefe, schmerzliche Erschütterung nicht nur der unmittelbaren Opfer des deutschen Faschismus, sondern aller, die sich mit ihnen solidarisch fühlen. Für uns ist es kein Trost, daß die Kommunisten als Beherrscher Sowjetrußlands noch ärgeres getan haben, daß sie sich über die Gefühle ihrer in den deutschen Kerkern schmachtenden Genossen hinweggesetzt und mit dem Hitlerregiment den Frieden- und Freundschaftsvertrag erneuert haben, daß sie im Interesse der Handelspolitik Sowjetrußlands ihre Anhänger in allen Ländern davon abhalten, sich an der Boykottbewegung gegen Hitlerdeutschland zu beteiligen. Alle Mächte der Welt sind gezwungen, es in den Kauf zu nehmen, daß Hitler heute Deutschland repräsentiert. Hitler zeichnet den Viermächte-Pakt neben Frankreich und Enlgand, Hitler schließt das Konkordat mit dem Papst, Hitler erneuert den Frieden- und Freundschaftsvertrag mit Sowjetrußland, die Gesandten aller Länder der Erde sind in Berlin und verkehren nach allen Regeln der Diplomatie mit Hitler, trotz alles Hasses und aller Verachtung, die das Schandgericht der Barbarei allen zivilisierten Menschen einflößt. Das, was die Kommunisten Im Interesse der Handelspolitik Sowjetrußlands tun, das glaubt Henderson im Interesse des Gelingens der Abrüstung tun zu müssen. Er sieht nur die eine große Aufgabe, die ihm heute als Präsident der Abrüstungskonferenz auferlegt ist, er sieht nicht den Widerspruch, in den er gerät zu den elementarsten Gefühlen der Arbeiter aller Länder. In diesem Deutschland des Grauens, wo die Barbarei auf die Spitze getrieben wird durch das System, schuldlose Anverwandte als Geiseln auszuheben, in diesem Deutschland, das durchbebt ist von den blutigen Schauem des Terrors, von den sinnlosen Massenschlächtereien, wie sie unmittelbar vor Hendersons Eintreffen in Köpenick und Braunschweig stattfanden, in diesem Deutschland gibt es für Vertre ter der Arbeiterklasse keine Hoffnung auf die Möglichkeif der Bekehrung Hitlers, sondern ist einzig wahr, was das Manl fest des Vereinigten Nationalrates der Britischen Arbeiterbewegung sagt:„Diese aller Gefühlsregungen bare Tyrannei muß mit anderen Waffen bekämpft werden." Niemand zweifelt an Hendersons gu tsm Glauben, niemand darf seine Motive, der Abrüstung und dem Frieden zu die nen, in Frage stellen. Aber jeder, der weiß, was die Arbeiterbewegung Großbritanniens und der ganzen Welt dem Lebenswerk Arthur Hendersons verdankt, wird es auf das schmerzlichste empfinden, daß er nun in den tragischen Konflikt gerät, sich mit den unmittelbarsten Gefühlen, die heute die antifaschistische Welt erfüllen, in Widerspruch zu setzen. Labour ruft zum Boykott Der Vereinigte Nationalrat, der den Gewerkschaftskongreß, die Arbeiterpartei und die parlamentarische Fraktion der Arbeiterpartei vertritt, wendet sich in einem Manifest unter dem Titel:„Aechtung deutscher Waren und deutschen Verkehrs" an die Arbeiter mit der Aufforderung, den jüngst beschlossenen Boykott wirksam zu gestalten. Das Manifest sagt: Gegenüber Hitlers Herrschalt haben die gewöhnlichen Methoden des Protestes und des Aufniles versagt. Diese unsinnige Tyrannei muß mit anderen Waffen beklmoft werden. Viele Artikel deutscher Herstellung werden In unserem Lande verkauft. Hansbalts- artlkel verschiedener Art, photographische und optische Materlallen, Uhren nsw* wollene und andere Textilwaren, Spitzen und Garnituren, Lederwaren(elnschlleBlicb Schuhe und Stiefel), Schreibmaterialien usw., Motor- und Rad- teile, elektrische Apparate, Musikinstrumente und eine Menge anderer Artikel für den gewöhnlichen Gebranch, werden weithin vertrieben. Gewisse Artikel für den häuslichen Konsum, wie Gemüse, besonders Kartoffeln, Konserven, Wein und Bier werden ebenfalls von Deutschland eingeführt Deutsche Filme werden In britischen Llcbtspielhänsern gezeigt Deutscher Schiffsdienst und deutsche Sehenswürdigkeiten werden weithin angekündigt Der Vereinigte Nationalrat ruft alle auf, die mit den englischen Arbeitern das Entsetzen und den Absehen gegenüber der Zerstörung menschlicher Freiheit und bürgerlicher Rechte in Deutschland teilen, bis zur weiteren Bekanntgabe den Kant und die Benutzung dieser Waren, sofern man Ihren deutschen Ursprang nachweisen kann, ebenso wie die Inanspracb- nähme des deutschen Verkehrs zu unterlassen. Wir fordern die Arbeiter auf, den Ladeninhabern und anderen Verkäulern beim Kaui der Waren durch Ihre Fragen Klarheit darüber zu geben, daß sie nicht von einem Lande kaufen sollen, dessen Regierung das Gewissen der Weit verletzt hat Der Grand unseres Vorgehens Ist, der deutschen Regierang und Ihren Hellern die Empörung zu zeigen, die die Menschheit wider diese Scfafindmig und Zertretung der Grundsätze der Zivilisation empfindet. Wir ersuchen die englischen Arbeiter, die Aechtung so wirksam zu gestalten, daß das deutsche Volk den„HItlerlsmus" von sich wirft und zu den Wegen der Freiheit und Demokratie zurückkehrt ••• Der Vereinigte Nationalrat erläßt einen Weiteren besonderen Aufruf zur Sammlung von Hilfsmitteln für die Arbeiter Deutschlands, die unter Hitlers Druck lei den. Sammelkarten werden an alle Organisationen, die mit dem Gewerkschaftskongreß und der Arbeiterpartei in Verbindung stehen, ausgegeben. Das NarixHexen* eSnmaleins Aus 242 Mark mache 4000 Mark— und der Bonze ist blamiert! Der sogenannte„Informationsdienst", das Mitteilungsblatt der NSBO.-Pressestelle, brachte In seiner Nr. 24 vom A Juli einen Brief Theodor Lelparts, des Vorsitzenden des A. D. G. B. mit dem Datum des Jänner 1921, worin Lelpart von Stuttgart aus an den Vor- stand des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes schreibt, daß er die Berufung als Vorsitzender des A. D. G. B. annehme. Dabei legt er auch seine materiellen Verhältnisse dar und gibt die Posten seines Einkommens In Stuttgart näher an. Darnach bezog er monatlich vom Holrarbeiterverbaml.. 2120 Mk. Ruhegehalt als Minister a. D.... 1320 Mk. Aufwandsentschädigung als Landtagsabgeordneter........ 450 Mk. Summe.. .. 3890 Mk. Leipart weist dann darauf hin, daß sich in seiner Berliner Stellung sein monatliches Einkommen von 4000 Mk. auf 2540 Mk. verringern würde. So teilt es der„Informationsdienst'* den natkmalsozlallstischen Betriebsfunktionären mit, die damit wieder neues Material Ober die korrumpierten marxistischen Bonzen in den Händen haben, mit dem sie in den Betrieben arbeiten werden.„Seht, so haben sie es getrieben! Derartige Gehälter haben sie sich aus den Ar- beltergroschen zahlen lassen. Und wenn sie eine neue Funktion übernehmen sollten, dann sicherten sie sich zuvor Ihre fetteg Bezüge I Das war die Opferbereltschsft der gefeierten FOhrerl" Der ehrenwerte Hauptschriftleiter Hans Bitllas spekuliert bei seinem Gannertrick darauf, daß seine Leser die JshresEshl des Briefes übersehen. Oder er hoftt, daß die jungen Leute nichts von der laflatton wissen, die im Jahre 1921 schon weit vorgeschritten war. Der erbärmliche Demagog rechnet damit, daß keiner der von ihm„iniormierten" Betriebszellenfunktionäre den Unterschied zwischen der Papiermark von 1921 und der heutigen Reichsmark kennt. Er erwartet sogar, daß die Leser den Betrug nicht merken und Papiermark gleich Reichsmark setzen werden. Wir stellen deshalb fest: Der Dollar stand am 3. Jänner 1921 auf 74.50 Papiermark. Nach der amtlichen Goldumrechnungs-Tabelle(die den Markwert nach dem arithmetischen Mittel von Dollarindex und Großhandelsindex beziffert), waren vom 1. bis 10. Jänner 1921 100 Papiermark gleich 6.05 Goldraark. Mitbin hatte ein monatliches Einkommen von 4000 Papiermark damals nach dieser Tabelle einen Goldwert von 242 Mark. Wir möchten an den„Informationsdienst" die interessante Frage richten, welcher von den nationalsozialistischen Bonzen sich heute mit einem Monatsgehalt von 242 Mark begnügt?! Laßt eudi nidits sdienken! Mit der ihm eignen Schleimseligkeit verkündete Dr. Ley auf der Tagung der schlesi- schen Arbeitsfront: „Um deine Seele, deutscher Arbeiter, haben wir lange gekämpft und kämpfen wir noch. Wir wollen aus dir einen stolzen Menschen machen, der sich seines Wertes Im Volk bewußt ist, und wir wollen die Minderwertigkeitsgefühle ausrotten, die man du eingepflanzt hat." Ach so! Die Minderwertigkeitsgefühle sollen ausgerottet werden— deshalb werden im dritten Reich abertausend Arbeiter gepeitscht, mißhandelt, gedemütigt?! Nur Sadisten können auf den Gedanken kommen, mit Gummiknüppel, Rhizinusöl, Stahlrute und Revolver sein hochwertige Menschen zu züchten. Nur Sadisten können glauben, durch Prügel werde ein Volk stolzer und selbstbewußter. Aber die Arbeiterschaft wird sich das Rezept merken, wird die Machthaber von heute dereinst nach ihren eigenen Methoden erziehen. Die Herren um Hitler dürfen sicher sein, daß ihnen die erwiesenen Wohltaten mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt werden: deutsche Arbeiter sind viel zu stolz, als daß sie sich etwas schenken heßen. Bei einer Kundgebung der nationalsozialistischen Betriebsorganisation Magdeburg sprach Oberbonze Dr. Ley vor Arbeitern folgendermaßen für das„freiwillige" Opfer zur Arbeitsbeschaffung: „Nicht der Reichtum, nicht das Geld oder der Genuß machen das Leben lesenswert Es ist erst dann groß und gewaltig, wenn es erfüllt ist von dem heiligen Geist des Opfers..." Das sagte Ley nicht den Herren Thyssen und Konsorten, sondern ausgepowerten Proletariern! Das sagt ein neudeutscher Staatsrat dessen Leben hn III. Reich lebenswert gemacht wird durch eine Aufwandsentschädigung von monatlich 1000 Mark! Wofür diese Arbeiterzertreter bereit sind, die Proleten den kapitalistischen Ausbeutern zu opfern. Denn Jeder Lump opfert auf seine Weise! IVor der Mund... In einer Tagung des Verbandes sächsischer Industrieller erklärte der Vorsitzende Wittke: ,J)er Reichskanzler wisse, daß von heute aal morgen zwar der Mund umlernt, aber nicht das Hers". ABONNEMENTSPREISE Tschechoslowakei Einzelnummer Kö 1.40 ab 1. Antust 1933 Quartal Kö 18.— Aasland •»• i Einzelnummer K2 2.- Ouartal Kö 24.- Preis für die einzelnen Länder— Valotaschwankungen vorbehalten—: uf gaben des»Menen Vorwärts« Ein Begrüßungsschreiben Ton Karl Kautzky Es wird in der ganzen sozialistischen Arbeiter-Internationale niemand geben, der nicht das Erscheinen des„Neuen V o r- w ä r t s" mit lebhafter Freude begrüßt hätte. Besonders frohe Erwartungen mußte er aber bei jenen alten Genossen erwecken, die noch seinen Vorgänger, den Züricher„Sozialdemokrat", gekannt oder gar an ihm gewirkt hatten, wie das dem Schreiber dieser Zeilen vergönnt war. Eine scharfe Waffe des Kampfes gegen die Bedränger unserer Partei, eine Waffe des Sieges war der„Sozialdemokrat" unter dem Sozialistengesetz von 1879 bis 1890 gewesen. Eine ebensolche Waffe wird der„Neue Vorwärts" in der Zeit des Dritten Reiches sein, die hoffentlich weniger lange dauern wird. Hitler ist kein Bismarck! Allerdings ist seit dem Beginn des Sozialistengesetzes mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen. Die Aufgaben, die dem „Neuen Vorwärts" gestellt werden, sind weit komplizierter und schwieriger. Dafür wird aber auch ihre Lösung weit gewaltigere Wirkungen nach sich ziehen, als der Sieg der Sozialdemokratie 1890 hervorbrachte. Natürlich muß der„Neue Vorwärts" ebenso wie es der alte„Sozialdemokrat" gewesen, in erster Linie ein Organ des Kampfes sein gegen alle Ausbeuter und Bedränger des arbeitenden Volkes. Aber bereits der Züricher„Sozialdemokrat" war noch mehr und dasselbe gilt für den „Neuen Vorwärts". Jede sozialistische Zeitung hat nicht bloß ein Organ der Anklage zu sein, sondern auch ein Organ der Aufklärung. Es soll die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen zeigen, wie sie sind, unverzerrt, wahrheitsgemäß. Eine herrschende Minderheit kann ein Interesse daran haben, die Volksmassen zu betrügen. Eine Partei, die das Volk befreien will, wird ihre Zwecke nie durch die Erweckung von Illusionen erreichen. Die Aufgabe genauer und richtiger Informierung ist für jedes sozialistische Blatt gegeben. Sie wird besonders wichtig, aber auch besonders schwierig für ein Blatt von Emigranten, die von einem demokratischen Lande aus auf das eigene Volk wirken wollen, in dem jedes freie Wort geächtet wird. Für einen Bewohner des Deutschen Reiches ist es heute nahezu unmöglich zu erfahren, wie es im eigenen Lande aussieht Nur aus dem Ausland kann er ein Bild der gesamten inneren und äußeren Lage erhalten. Mehr als der normalen Parteipresse des Auslandes wird der Redaktion des„Neuen Vorwärts" die Aufgabe zufallen, die deutschen Arbeiter über die Verhältnisse im Reich zu informieren. Nicht minder wichtig ist das Werk der Organisation. Schon das Sozialistengesetz schloß jede legale Organisation der Arbeiter aus. Noch weit mehr gilt das für das Dritte Reich. Die Erfahrungen des Sozialistengesetzes zeigten, daß eine illegale Organisation zunächst nur im engsten Kreise möglich war. Gerade der Erfolg gefährdet sie. Je mehr sie sich ausdehnt, desto größer ist die Gefahr der Entdek- kung. Unter dem Sozialistengesetz kamen wir über lokale geheime Organisationen nicht heraus. Aber diese bedürfen zentraler Stellen, mit denen sie in dauernder Verbindung stehen, sollen die Aktionen im ganzen Reiche einheitlich sein. Unter dem Sozialistengesetz gab es zwei solche Stellen: Eine im Reich selbst, die Reichstagsfraktion, eine jenseits der Grenze, den„Sozialdemokrat". Noch galt die Immunität der Abgeordneten. Diese bildeten von selbst einen legalen Verein, ohne sich er5t als solcher konstituieren zu müssen. Heute besteht keine Fraktion mehr, die als Parteileitung fungieren könnte. Eine solche kann bis auf weiteres nur im Auslande ihren Sitz haben. Für das zentrale Parteiorgan bestand diese Notwendigkeit schon unter dem Sozialistengesetz. Die Fraktion fühlte mitunter sich und die Partei durch die Sprache des„Sozialdemokrat" bedroht und lehnte jede Verantwortung für ihn ab. Er war kein offizielles Zentralorgan, wirkte aber als solches durch das Vertrauen, das er bei den Arbeitern gewann. Wie der„Sozialdemokrat" verfügte auch die Reichstagsfraktion nur über moralische Mittel zur Wahrung der Einheit der Partei. Trotzdem und trotz mancher Unstimmigkeiten zwischen den beiden Faktoren und trotz rühriger Zersetzungsarbeit von Anarchisten und Lockspitzeln ist es den beiden genannten Faktoren doch gelungen, die Einheit der Partei unter den schwierigsten Verhältnissen zu erhalten. Es muß auch jetzt wieder gelingen, obwohl die Bedingungen heute noch ungünstiger sind als vor einem halben Jahrhundert Die Parteileitung muß im Ausland sitzen, die Verbreitung des Parteiorgans ist weit schwerer als damals, und die Zahl der verschiedensten Bewerber um die Seele des Proletariats ist weit größer. Eng verbunden mit dem Streben nach Einheit ist das nach Klarheit. So wichtig die organisatorische Einheit ist so ist sie doch nicht ausreichend und zu wenig gefestigt, wenn sie nicht Hand in Hand geht mit geistiger Uebereinstimmung. Diese wird aber um so eher erreicht, je größer die Klarheit des Denkens ist. Im Nebel der Konfusion laufen vorwärtsmarschierende Gruppen am leichtesten auseinander. Und dieser Nebel ist augenblicklich sehr dicht. Die letzten Jahrzehnte haben das klare Denken nicht sehr begünstigt Sie haben in der heranwachsenden Jugend im allgemeinen den Tatendrang stärker entwik- kelt als den Wissensdrang. Und doch stiftet jener ohne diesen nur zu leicht Unheil Die Bourgeoisie sieht seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts keine großen Ziele mehr vor sich. Sie strebt nur noch nach Augenblicksvorteilen und kennt nur noch Sonderinteressen kleiner, allerdings mächtiger Gruppen. Die Gesetze der Gesellschaft und ihre Entwicklung interessieren sie nicht mehr. Sie überläßt deren Erforschung und Darlegung den Sozialisten. Diese fanden in der Mantschen Gesellschafts- und Geschichtsauffassung eine enorm fruchtbare Methode zur Erkenntnis des sozialen Lebens. Doch dieselbe Methode zeitigte für das kämpfende Proletariat auch reiche praktische Erfolge. Diese waren für die Arbeiter von höchstem Wert, förderten aber nicht ihre und ihrer Freunde theoretische Arbeit Eine rapide Ausdehnung der proletarischen Organisationen und ihrer Tätigkeitsgebiete zwang die Massen der Vertreter des Prolteariats in praktischer Arbeit aufzugehen und hemmte ihre Beschäftigung mit den großen allgemeinen Zusammenhängen der Gesellschaft also mit der sogenannten Theorie. Diese der theoretischen Arbeit und damit der sozialen Klarheit sehr ungünstigen Tendenzen wurden noch bedeutend verstärkt durch den Weltkrieg und seine Birkungen. Um kein klares Ziel wurde er geführt; um so mehr fühlte sich jeder bedroht, wenn er unterlag. Und als die Entente endlich ihren Sieg errungen hatte, diktierte sie in den Friedensverträgen neben ganz vernünftigen Bestimmungen auch ganz ungeheuerliche die nur schlimmster Unwissenheit und Unklarheit entsprangen und wieder nur neue Unklarheit schufen. Vor allem gilt das von den Reparationen. Inflation und Sanktionen vermehrten noch die allgemeine Verwirrung, die jede wissenschaftliche Erforschung ökonomischer und sozialer Gesetze anscheinend aussichtslos machte. Der Gedanke gesetzmäßiger Entwicklung versank immer mehr und der Kultus der Gewalt als Mittel der Formung gesellschaftlichen Produzierens nahm als Fortsetzung der Kriegswirtschaft oft höchst groteske und wüste Formen an. Unter diesen Umständen traten immer mehr gedankenlose Schlagworte an die Stelle klarer Begriffe. Die Unsicherheit der Menschen gegenüber den ungeheueren Vorgängen, die sie weder zu begreifen noch zu meistern verstanden, wuchs immer mehr. Damit wuchs aber auch das Bedürfnis nach einem selbstbewußten Mann, der den Ratlosen versprach, ihr Führer aus dem Labyrint zu werden, aus dem sie keinen Ausweg fanden und als zweiter Alexander den gordischen Knoten zu zerhauen.• Konfusion und Diktatur wachsen auf dem gleichen Holz. Die Nebelhaftigkeit des Denkens bedeutet nicht eine Verdunklung und Ab- schwächung der sozialen und politischen Gegensätze. Mit der steigenden Not der Krisenjahre verschärften sich diese vielmehr in zunehmendem Maße. Die Unklarheit fördert nur die Willkür des Denkens und Handelns, die durch keinerlei Erkenntnisse gezügelt wird und die dann den Eindrücken des Augenblicks überKefert ist Das gilt natürlich am meisten für die neue Partei, die erst nach dem Kriege entstand und die durch keinerlei Tradition mit den Erkenntnissen verbunden ist, die in der Zeit vor dem Kriege erstanden waren. Was die Nationalsozialisten von dieser Zeit übernahmen, sind nur lächerliche Fantastereien namentlich in der Rassenfrage. Diese machen sie zur Grundlage ihres ganzen Tuns, ihrer einschneidenden und grausamsten Maßregeln. Und doch käme Hitler in die größte Verlegenheit, sollte er einmal dartun, welches die Rassenmerkmale der sogenannten arischen Rasse sind. Bisher haben die Nazis bloß ein einziges, allerdings untrügliches Kennzeichen der arischen Rasse mitgeteilt: die Taufscheine der arischen Individuen, sowie die ihrer Eltern und Großeltern. Der Mißachtung klaren systematischen Denkens und seiner Ersetzung durch leere Schlagworte hatte schon vor dem Weltkriege die Verkümmerung des sozialen Denkens in der bürgerlichen Welt vorgearbeitet, aber auch die Arbeiter blieben von dieser Entwicklung nicht unberührt Wohl wird die Sozialdemokratie, geleitet von dem Drang, die gesamte Gesellschaft systematisch zu erfassen, und sie gründlich umzugestalten, und sie wird dabei unterstützt von der bisher unübertroffenen marxistischen Methode zur Aufdeckung weit umfassender gesellschaftlicher Zusammenhänge. Aber während vor dem Kriege die Sozialdemokratie aller Länder fast identisch war mit dem an den politischen und sozialen Kämpfen der Zeit teilnehmendem Teil des Proletariats, haben sich seitdem eine Menge Proletarier, teils jugendlicher Nachwuchs, teils Zustrom aus neuproletarisierten Mittelschichten, anderen Parteien zugewendet. Wenigstens in den Großstaaten ist seit dem Weltkrieg die Signatur des Proletariats seine Zersplitterung in verschiedene einander wütend bekämpfende Parteien, während es bis 1914 fast überall nur eine einzige Arbeiterpartei gegeben hatte. In Deutschland war bei Hitlers Einbruch das Proletariat in vier verschiedenen Lagern zu finden: In der Sozialdemokratie, beim Zentrum, bei den Kommunisten und den Nazis. Sonderbar, daß gerade bei diesem Zustand des Proletariats mancher unserer Parteigenossen von Kommunisten oder Nazis die Idee einer Diktatur des Proletariats übernimmt! Wie immer man dieses Wort deuten mag, es wird zu einej Phrase überall dort, wo das Proletariat nicht eine geschlossene einheitlich denkende und handelnde Masse darstellt, sondern in sich tief zerklüftet ist Diese Zerklüftung ist eine der wichtigsten Ursachen seiner augenblicklichen Schwäche. Sie aufzuheben ist eine der unerläßlichsten Bedingungen seines Sieges. Es ist schwer zu erreichen, daß verhungernde, verzweifelte Menschen die Gemütsruhe und das Interesse finden, sich Wissen anzueignen und Erkenntnissen nachzuspüren, die nicht unmittelbar mit dem täglichen Brot zusamenhängen. Es gehört aber noch eine besonders große Willenskraft dazu, in dieser Weise tätig zu sein im heutigen Hitlerdeutschland, in dem jede Aeußerung selbständigen Denkens als todeswürdiges Verbrechen aufs grausamste bestraft wird. Trotzdem müssen unsere Genossen versuchen, in dieser Hinsicht auch auf das arbeitende Volk Deutschlands zu wirken. Die Verhältnisse schaffen gerade jetzt in mancher Beziehung einen günstigen Boden dafür. Die Diktatur in Rußland hat mit ihren Methoden die Landwirtschaft ruiniert. Sie fühlt sich jetzt dem kapitalistischen Europa gegenüber schwach, bietet ihm ihre Freundschaft an, und das Ausland gewährt sie ihm gern, weil es den Bolschewismus nicht mehr fürchtet Dieser überläßt allenthalben außerhalb Rußlands die Kommunisten immer mehr ihrem Schicksal. Je mehr das zutrifft, desto leichter wird die Zusammenarbeit von Kommunisten und Sozialdemokraten, d. h„ desto eher werden jene zu der sozialdemokratischen Gedankenwelt zurückkehren, in der Lenin noch 1917 gelebt hat Andererseits nützt sich die Hitlerdiktatur in Deutschland rasch ab, ökonomisch und moralisch, was allerdings noch nicht bedeutet daß ihr Herrschaftsapparat versagt. Immerhin, die Proletarier, die an der Sozialdemokratie verzweifelnd bei Hitler Rettung suchten, müssen bald von ihm enttäuscht werden, soweit sie es nicht schon sind. Je mehr das eintritt, desto empfänglicher werden sie für sozialdemokratische Gedankengänge, namentlich, wenn sich gleichzeitig neben dem bisherigen Glauben an Hitlers Diktatur auch der Glaube an die Sowjetdiktatur als leere Illusion erweist. Und dazu gesellt sich die Erkenntnis, daß auch die katholische Kirche ihre Gläubigen nicht stützt. Das sind Bedingungen, die eine erfolgreiche sozialdemokratische Propaganda ermöglichen— nur vorausgesetzt, daß wir uns selbst treu bleiben. Die Verbreitung klaren sozialdemokratischen Denkens ist eine wichtige Aufgabe eines jeden der Organe unserer Partei. Die Verbreitung solchen Denkens innerhalb des deutschen Reichs von außen her ist wohl aber besonders eine Aufgabe'des „Neuen Vorwärts", soweit es ihm gelingt, Eingang in dieses Reich zu finden. Gewaltig sind die Aufgaben, die ihm zufallen als Organ des Kampfes, der Information, der Organisation, der theoretischen Klärung. Ungeheuer sind die Schwierigkeiten. die sich der Lösung entgegenstellen. Aber wir dürfen das festeste Vertrauen hegen, zum Enthuisiasmus der Energie, der Klugheit, dem Wissen der Herausgeber des„Neuen Vorwärts", daß es ihnen gelingen wird, alles zu leisten, was menschenmöglich ist, so daß schließlich der 1933 begründete„Neue Vorwärts" in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie ebenso ruhmvoll und ebenso erfolgreich dastehen wird wie der 1879 in Zürich begründete„Sozialdemokrat". Als der vielleicht einzige noch lebende Mitarbeiter des alten„Sozialdemokrat" wünsche ich dem„Neuen Vorwärts" besten Erfolg. Karl Kantsky. Stechschritt— Professoren Im Berliner Grunewald veranstalteten die Universitätsprofessoren, gemeinsam mit den Studenten, einen Gepäckmarsch in Uniform. • Und wenn der ganze Erdball lacht: Das Hakenkreuze durchgedrückt, Marschiert der Vollbart in die Schlacht, Und seht, wie es vortrefflich glückt! • So wird die Sehnsucht doch gestillt, Die stumm in seinem Herzen ruht, Der Untertan sitzt ungeklllt In seinem rassereinen Blut. • Was stört ihn Geist und was Kultur? Die Brust heraus, den Bauch herein, Der Stechschritt wird zur Badekur Für so ein Stubenhockerschwein! # Gepäckmarsch, durchgedrückter Schritt— Die Professoren sind„erwacht", Sie schleppen ihre Schande mit— Gepäck, das niemand Ehre macht! Feg. Im Verlage der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der CSR., Prag II, Nekazanka 18 sind erschienen; Spielbank In Baden-Baden Die Hitler-Regierung beschloß ein Gesetz über die Zulassung öffentlicher Spielbanken. Eine solche ist zunächst nur für Baden-Baden vorgesehen. Deutschland am Hakenkreuz, Dokumente des Himnenfaschismus, 64 Seiten, illustriert.... Otto Friedrich, Selbstmord einer Demokratie....... Kö Mk. 2.50 0.35 2.50 0.35 Im Verlage der Zentralestelle für das Bildungswesen, Prag II, Nekazanka 18 sind erschienen: Für die Einheit der Arbelferklasse, 40 Seiten...... Emil Strauß, SowjetruBIand und die Arbeiterklasse..... Franz Rehwald, Kapitalistische WahnwIrtschaH...... Fianz Mehring, Karl Marx(in Leinen geb.)....... Frz. Mehring, Gesammelte Schriften, 6 Bände, geb...... Jeder Band einzeln..... Anfang September erscheint: Arbeiter-Jahrbuch 1934, geb„ 200 Seiten, illustr........ io._ L.30 150.— 28.— 20.- 3.60 Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/V1I-1933.