Zlr. 114. AbsimemtM«• Kkdwgungen: «bonnementS- Preis pränumerando: Vierlsljahrl. 3Lv Ml., monatl. l,l0Mt., wöchentlich 2ö Plg. srei in» Hau«. Einzelne Nummer S Psg. Gonnlagi- Nummer mit>iiuftrlemr Sonntag«- Beilage„Die Neue Welt» 10 Pfg. Post- Abonnement: SM Mark pro Quartal. Eingelrage» in der Post- Zeitung«- Preisliste für lSOO unter Er. 7971, Unter Kreuzband fiir Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, sür da» übrige Ausland S Marl pro Monat. Erscheint täglich auster Zgeutng« Devlinev VolKsblalt. Conircilorgan der soeialdemokratischen Kartei Deutschlands. 17. Jahrg. Die Instrlions-Grbühr beträgt für die fechsgespallene kolonel« zeile oder deren Raum«0 Pfg., für politische und gewerlschaslliche Bcretns- und Versammlung«-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Knseigea" jede« Wort 5 Psg. (nur da« erste Wort fett). Inserate sur die nächste Nummer müssen bt«« Uhr nachmittag» in derExpedittonabgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen di» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bi» S Uhr vormittag« geöffnet. Fernsprecher: Smt I, Er. 1208, Telegramm-Adresse: „Sorinldenrokral Berlin" Redaktion: SW. 19, Beuth-Stratze 2. Fernsprecher: Amt R. Nr. 1S08. Expedition: SW. 19, Bruth- Strafte 3. Fernsprecher: Amt l, Nr. 5121. Die Verbesserung des Heinzegesetzes. Der Reichstag war wohl kaum je von dem Publikum so be sucht wie am Donnerstag. Eine weltgeschichtliche Sitzung wurde erwartet, und zwar eine wirklich weltgeschichtliche. Dies mal sollte ein großer Kulturkampftag sein— ein großer und ein entscheidender Tag. Eine Art parlamentarischer Hnnnenschlacht, in der eS gilt, das Heer der Barbaren, die in den Garten der Wisse» schaft und Kultur«ingebrochen, wieder hinauszuwerfen. In Massen drängte das Publikuni heran. Nicht so groß wie auf die Tribünen war der Zndrang in das Haus Als der Präsident auf seinem Stuhl Platz nahm und olle Abgeordneten in den Saal strömten, da blieben nicht wenige Plätze unbesetzt. Und die erste namentliche Abstimmung, mit der die Sitzung begann, zeigte, daß bloß L80 Abgeordnete miivesend waren, beträchtlich weniger als bei verschiedenen früheren Gelegen� heitcn. Und das Verhalten der einzelnen Parteigruppen verriet auch gar nichts Außerordentliches, ivaS auf das Nahen eines weltgcschicht lichcn Moments schließen ließ. Das einzige Symptom, das etwas Ungewöhnliches andeutete, war die gespannte Neugier, mit der die Eentrunismänner nach der socialdemokratischen Wetterccke hin schauten. W o ist die Obstruktion? W i e ist die Obstruktion? Wirft sie mit Aktenbündeln wie in Italien? Schimpft und prügelt sie wie in Oestreich? Boxt sie Ivie in England. Ivo sie zuerst von den Jrländem geübt ward? Nichts Verdächtiges war zu bemerken: die Blätter Papier, die von den Abgeordneten herumgereicht wurden konnten kein Material für Wurfgeschosse abgeben. Die kundigen Thebaner freilich fingen an zn begreifen— sie ahnten, daß Anträge auf namentliche Abstimmung vorbereitet wurden. Und so war es. Jeder Antrag auf namentliche Abstimmung mutz von öl) Abgeordneten unterzeichnet sein, und die Anträge mußten zahlreich ans Vorrat angefertigt werden. Die Ausrottung der Unsittlichkeit bedarf umfassender Bemühungen. Und die Schlacht ging los. Kein Kampf mit Reden. Das Reden ist einseitig. Die Rechte schweigt hartnäckig und überläßt das Reden der Linken, die einen Regen von Anträgen auf das Hans niedergehen läßt. Hinter jedem Antrag steht ein Redner, auch zwei. Hinter jedem Redner eine namentliche Abstinimung. ES ist kein Redekampf, sondern eine Kraftprobe deS Aushaltens. Wer hält es am längsten aus? Den Rednern, die todesniutig sich opfern, hört niemand zn— sie verlangen es auch nicht. Wenn ihr Reden nur abschreckend wirkt. Aber nicht abschreckend bloß bis zum Speisesaal— nein ans dem Hause hinaus— womöglich aus der Reichshauptstadt hinaus. Die Majorität zählt nach Ausiveis der ersten namentlichen Abstim mnng 210 Stimmen gegen 80 Obstrnktionistcn. Die Mehrheit umfaßt aber auch die Nationalliberalen, welche nicht mit obstruieren, aber Gegner des Heinzegesctzes sind. Gehen diese ab oder verlieren sich aus dem Centrum oder den Konservativen n u r z w ö l f S t i m m e n, so ist ohne die Linke keine Beschlußfähigkeit vorhanden. Nach dieser Ab stimmung begann die Debatte über einen socialdemokratischen Ver- besserungSantrag zu§ 361,6 des Strafgesetzbuchs, der die Bestrafung von weiblichen Personen behandelt, welche die polizeiliche Kontroll' Vorschriften übertreten; diesem Antrag begleiteten zwei Eventnal antrage. Zu diesem Gegenstand sprachen Bebel und Stadt. Hägen in längeren Steden. Sie brachten reiches Material und deckten schwere sittliche Schäden auf, zu deren'Beseitigung die Heinzemänner sich bereit erklären müßten, wenn ihr Sittlichkeitsgerede mehr wäre als heuchlerischer Humbng. Nachdem sodann der frei- sinnige Abg. Beckh gegen einen Teil des socialdemokratischen An trags gesprochen, beantragte die Rechte gegen"/«ö Uhr Schluß der Debatte. So wurde dem Abg. Heine, der ebenfalls eine längere Rede in Bereitschaft hatte, das Wort abgeschnitten. Nun beantragte Singer eine namentliche Abstimmung über den Schluß der Diskussion. Ferner niußten drei namentliche Abstimmungen erfolgen über die socialdemokratischen Anträge zu Z 361,6. Z lo et Stunden hindurch namentliche Abstimmungen! Es ist ermüdend— aber es soll ermüdend werden. Es ist langweilig, aber die Langeweile macht matt und malt soll gemacht werden. Es giebt Geduldsspiele. Dies ist ein parlamentarisches Geduldsspiel. Wie lange wird es sich hinziehen? Der Reichstag entwickelt eine himmlische Geduld; der Präfident entwickelt eine himmlische Geduld. Und das Publikum der Tribüne? Es hat eine arge Enttäuschung erlebt. Vergeblich wartete und wartete es auf den weltgeschichtlichen Moment. Oder doch auf irgend ein sensationelles Ereignis, irgend einen Knalleffekt, wie er sich für weltgeschichtliche Momente schickt. Doch nichts kam. Die Reden, welche sich im Stimmengewirr der- loreu; die heisere Verlesung der Namensliste. Die monotone Ab- weckselung von Ja— Nein— Nein— Ja. DaS Publikum mnüsierte sich nicht. JndeS ein Teil hielt heldenmütig Stand. Der Erste, der das Feld räumte, war Herr R e u ß. der famose Lockspitzel, der sich in den Strahlen des Pfaffen- und Muckergesetzes sonnen wollte, aber rasch entfloh, als er sich erkannt sah. Der erste Tag der Schlacht um das Mucker- und Pfaffengesetz konnte noch keinen Erfolg bringen. Das ist ein Danerkampf. Der zweite Tag wird schon eher Anhalt zu einer Schätzung des Ausganges bieten. Vielleicht besinnt sich aber das Ccntrum noch in letzter Stunde und erhebt sich zu dem socialdemokratischen Bemühen um eine ernst- hafte Ausgestaltung des Strafgesetzbuchs behufs Beseitigung sittlicher Notstände. Die„Germania" kündigt das Ausharren ihrer Partei. freunde an: „Die Mitglieder der CcntrnmSfraksion sind, wie wir mit großer Freude feststelle» können, nahezu vollzählig er- schienen und entschlossen, auszuharren; sie werden der Obstruktion in der wenn auch mißbräuchlichen Ausnutzung der Geschäftsordnung nicht entgegentreten, dagegen ihrerseits auch die geschäftsordnuiigsmäßigcn Mittel zur Abkürzung der Obstruktion zur Anwendung bringen." Schlnßmacherei hat das Centrum schon geübt, bevor die Obstruktion auftrat. Das wird ihm jetzt ebenso wenig nützen wie früher.—_ l)olikische TtebevfiLzk» Berlin, den 17. Mai. DaS AbgeordnctcnhauS hat am Donnerstag eine reichhaltige Tagesordnung in Verhältnis mäßig kurzer Zeit erledigt. Zunächst gelangten die umfangreichen H o h c n z o l l e r n s ch e n G«setze z.' T. en bloc zur Annahme. Ein konservativer Versuch, entgegen der Regierungsvorlage und den KommissionSbeschlüssen, für die Gemeidewahlen in Hohcnzollcrn an Stelle der geheimen die offene Stimmabgabe einzuführen, mißlang, da auch der Minister Frhr. v. R h e i n b ä b e n und Abg. Frhr. v. Zedlitz sfk.s. obgleich Anhänger der offenen Wahl, sich doch aus praktischen Gründen für Beibehaltung der-ge. Heimen Stimmabgabe aussprachen. Der vom Herrenhans in abgeänderter Fasiung zurückgelangte Gesetzentwurf betreffend die Gewährung von Zwischenkredit bei Rentengutsgründungen fand nicht die Zustimmnng des Hauses. Die Mehrheit behar'rt auf den in dritter Lesung ge- faßten Beschlüssen und will nichts davon wissen, daß der Kredit nur für bestimmte Zwecke gewährt werden soll. Die Borlage muß also nochmals an das Herrenhaus zurück. Eine längere Debatte entspann sich über die Vorlage betreffend die Bewilligung weiterer Staatsmittel zur Verbesserung der WohuungS Verhältnis s» von StaatSarbeitern. ES handelt sich um eine Forderung von weiteren S Millionen, da die früher bewilligten IS Millionen fast aufgebraucht sind. Im Prineip erklärten sich alle Parteien mit der Forderung ein- verstanden, doch sprach Abg. Dr. Martens(natl.) de» Wunsch aus, nicht Kaseruen, sondern womöglich Ein-Familienhäuser zu bauen. Im Gegensatz dazu warnie Abg. Schall(k.) da vor. zn luxuriös zu baue» und etwa„Villen" zu errichte», damit die Arbeiter nicht zu sehr verwöhnt werden. Auch Minister Dr. v. M i q u c l erklärte sich, hauptsächlich ans finanziellen Gründen gegen Einzcl-Wohuhäuser. Die Vorlage wurde ohne KommissionS- beratung gleich in zweiter Lesung angenommen. Auf cincui noch tieferen Niveau als die Debatte über die Wohnungsfrage bcivegte sich die über die Frauen frage. die sich dns'Hans ans Anlaß einer Petition von Helene Lange um Zulassung der Frauen zur Immatrikulation an den Universitäten und zn den Staatsprüfnngen leistete. Es lohnt nicht, über die Diskussion, deren Koste» in' der Hauptsache der Pastor Schall trug, e i n Wort zu verlieren. Unter Ablehnung eines Antrags auf Ueberweismig zur Berücksichtigung nnd eines andren Antrags auf Ueberweismig als Material ging das HanS, getreu seinem kulturfeindlichen Programm, über die Petition zur TageSordnnng über. Am Freitag beginnt die zweite Lesung deS Gesetzentwurfs betr. die W a r e n h ä u s st euer._ Ter Pökelfleisch-Krieg. Die ganzwollctien Agrarier haben nunmehr ihren Antrag zum Fleischbeschau-Gesetz im Reichstag eingebracht, der dem konservativen Kompromitzantrag der Herren Klinckowström und Mirbach entgegengesetzt ist. Der Antrag ist von 42 Abgeordneten unterschrieben,' und zwar von 9 Antisemiten, 3 Landwirtschaftsbündlern und 28 Konservativen. Der§ 14» 'oll danach folgende Fassung erhalten: „Der Bundesrat wird ermächtigt, abweichend von den Be- stimmnngen des 8 1, zur Einfuhr in' das Reichsgebiet zuzulassen: 1. Speck, Schweineschmalz und Därme; 2. geräucherte Schweine- schinken nnd frisches Fleisch, leßtereS jedoch nur in ganzen Tier- körpern. die bei Rindvieh, ausschließlich der Kälber, und bei Schweinen zcrlcgr sein können. Mit den Tierkörpeni muß Brust- nnd Bauchfell, Lunge, Herz. Nieren, bei Kühen auch das Euter in natürlichem Zusammenhange verbunden sein. Der Bundesrat ist ernuichtigt, diese Vorschriften auf weitere Organe auszu- dehnen. Für die Zeit nach dem 31. Dezember 1S03 sind etwaige AnS- »ahniebestimmnngen für die unter 2 genannten Fleischarten durch Gesetz neu zu regeln. Dieser Antrag unterscheidet sich von dem Kompromiß Mirbach dadurch, daß er die Einfuhr von Pökelfleisch ver- bietet, und von den Beschlüssen der zweiten Lesung, daß er tatt des negativen Verbots bezeichnet, was überhaupt noch eingeführt werden darf. Außerdem ist die Fristbestimmung in andrer Form fixiert worden. Nach der Fassung zweiter Lesung sollte vom Jahre 1904 ab die Einfuhr von Fleisch, ausgenonimen Schweineschmalz, Speck, reine Oleomargarine und Därme, gänzlich verboten sein. Die„Deutsche Tageszeitung" erklärt: „Die ganze Frage spitzt sich praktisch nunmehr daraufhin zu: Soll das Pökelfleisch eingelassen werden oder nicht? Und ist das Gesetz noch verständig, zweckentsprechend, wenn die Einfuhr des Pökelfleisches unter gewesen Bediiigungen zugelassen ivird? Wir stehen nicht an, beide Fragen zu verneinen... Wir sind der festen Ueberzeuguug. daß, weim>vir vor die Frage gestellt werden sollten, ov das ganze Gesetz fallen gelaffeu oder das Pökelfleisch zugelassen werden solle, das Fallenlasse» des Gesenes das geringere Uebel sei. Die Avgeordiieten aber, die darüber zu entscheiden haben, stehen vor einer bedeutsamen und schweren Entscheidung. Wie diese fallen werde, läßt sich auch jetzt noch nicht übersehen. Sollte das Gesetz scheitern, so würde die Verantwortung in erster' Linie die verbündeten Regierungen treffen, die eine Bevorzugung des Auslands anstreben, welche in keiner Weise irgendwie innerlich begründet ist oder entschuldigt werden kann." Für den extrem agrarischen Antrag werden Voraussicht- lich noch einige Reichsparteiler und Nationalliberale stimmen. Dagegen soll die große Mehrheit der beiden letztgenannten Parteien sowie das Centruin für das Kompromiß eintreten. Beharren dieAgraricr indcrThat auf ihrerradikalen Fleischsperre, so wird es von wenigen Stinimen abhängen, ob das Gesetz zu stände kommt oder scheitert. Auch das Kompromiß stellt eine agrarische Liebesgabe dar, während der extreme Antrag als Hauptzweck verfolgt, die Handelsverträge schon �jetzt zu dynaimtieren. Die einzige Partei, die sür die ursprüngliche Regierungsvorlage mit ihren zweckmäßigen hygienischen Tendenzen eintritt, ist die— Socialdemokratie.— Am Donnerstagabend ist nun auch der Kompromiß- antrag im Reichstrag eingebracht worden, der den schon be- kannten Inhalt hat. Er ist von 91 Abgeordneten unter- schrieben, Mitgliedern der Reichspartei, des Centrums, sowie von Polen. Elsässern und einer Anzahl Konservativer, unter letzteren Kropatschek, Levctzow, Klinckowström. Die National- liberalen haben den Antrag nicht mitunterzcichnet.— «* » Deutsches Hleich. DaS Erwache» des Klaffeukaiiipfs läßt sich auch unter den Arbeiten,, die bislnng dem Centrum folgten, nicht mehr aufhalten. Unter dem Druck ihrer Gefolgschaft müssen sich auch die christlichen Gewerkschaften entschließen, das Prineip des Klassenkampfs anzuerkeniien. Wie wir der„Franks. Bolkssiimme" cutnchmen, hat der Bor- sitzende der christliche» Maurer in Fulda. Joh. Letsch. im Verein mit dem Generalselretär Dr. Hille solgeudes Flugblatt heraus- gegeben: Maurer und Bauarbeiter ac»(,„,„, „ lch g" von Fulda nnd Umgegendl' Kollegen I Fast drei Monate sind vergangen, seitdem wir an die Untcriichnlcr mit dem Wunsche, geregelte Lahn- und Arbeits« bediiigungen mit uns zu vereinbaren, getreten find! Ilnsre ganzen Beninhnngen, uns eine» eiuigcrinaßcn anslönnnlichen Lohn nnd bessere Fürsorge für unsre Gesundheit und Leben zu sichern, sind an dem„ H e r r e n st a n d p n n k t" der hiesigen Unternehmer gc- scheitert. Nun liegt es an uns. Kollegen, zu zeigen, daß wir nicht gewillt sind, uiis als gefügige Werkzeuge einzelner„Geld- inänner" behandekn z» lassen, sondern daß wir über unsre ArbeitSbediiigniigeii ein Wort mitreden wollen. Durch unser Verhalten in dem zu erwartenden Kampf werden Ivir zn ciitschciden haben, ob nns, wie bisher, für nnsre mühe« volle Arbeit ein Lohn gezahlt wird, der k-rnm für eine Person zum Leheiisnnterhalt hinreichend ist, oder ob wir ein Eiiikoinme» erzielen, lvovon sich auch unsre Kinder de» Hunger stillen könne». Die Stunde der Entscheidung über unsre wirtschaftliche Zukunft wird vald schlagen. Da wird es heißen: entweder werden die schlechten Löhne und Arbeits« Verhältnisse etwas aufgebessert, oder wir werde» weiter zu einem menschenunwürdigen Dasei» verdammt. Entweder werden wir eine Arbeitszeit erlangen, lvclche es ermöglicht, uns auch eine Stunde der Familie zu widmen, oder maii wird uns durch zwölf- und mehrstündige Arbeitszeit noch tiefer herabdrücken, damit wir nicht Zeit gewinnen, über unser Elend nachzndenkcn. Kollegen! Seid Ihr gewillt. bessere Zustände herbeizuführen? Rlin, das seid Ihr Euren Kindern. Euch selbst und der menschlichen Gesellschaft schuldig. Darum haltet fest zusmNmen in den konimendeir Tagen der S t ü r»> e. Gebt den Herren, die Euch nach Willkür die Lohn-»nd ArheitSdedinguiigeir diktieren, am 13. Mai die gebührende Antwort. Nochmals ist den Arbeitgebern die Hand zum friedlichen Vergleich geboten worden; sollten sie auch da den Arbeitern keine Gerechtigkeit widerfahren lassen, mm dann zeigt, was eine f e st g e s ch l o s s e n e Arbeiterschaft zu er- reichen im stände ist. Tretet ein in den Kampf für Gerechtigkeit! Gerechtigkeit wollen wir. nicht nichr, aber auch nicht weniger!" Dieser Aufruf unterscheidet sich in nichts von der Sprache, wie ie die klassenbewußten Arbeiter anivenden. Auch die Wirkung ist die gleiche gewesen. Die christlichen Bauarbeiter von Fulda sind in den Ausstand getreten und die klerikalen Unternehmer erklären ihren Partcigeiiosscii den 5krieg. Das katholische Blatt in Fulda ver- weigerte die Aufnahme von Zuschriften im Interesse der Bauarbeiter. 'ür liest es den christlichen Arbeitern griinmig den Text: Wir sind jederzeit für daS Recht der Arbeiter, zur Hebung sie sich zu vereinigen, eingetreten und wir haben uns gefreut, als hier in Fulda! um der socialdemokratischen Agitation den Boden zu entzichen, eine Organisation der Arbeiter ans christlicher Grundlage in die Wege geleitet wurde. Ilm so mehr müssen wir es bedauern, daß jetzt in diesem Flugblatt ein Ton angeschlagen wird, wie er so»st niir in s o c i a l i st i s ch e u Blättern nnd Flugschriften üblich ist. Die maßlosen II e b e r- treibungen desFlugblatts sind geeignet, der Arbeiterschaft die Sympathien ihrer wärmsten Frennde zn entzichen. Möge der verständige Teil der Arbeiterschaft sich durch solche roten Flug- b l ä t t e r nicht zu nnbesonnenen Schritten und Beschlüssen ver- leiten lassen." Die Fnldaer Maurer werden mm einsehen, daß cS auch bei klerikalen Parteigenossen keine Hannonie zwischen Unternehmern und Arbeitern giebt. Alle Christlichkeit fliegt wie Spreu in die Luft nnd übrig bleibt der unversöhnliche Gegensatz zwischen Ansgebentetm nnd Ausbeutern.—_ Die Notwendigkeit der lex Heinze kam»nS, so schreibt nns ein Leser, gestern so recht zum Bewußtsein. Gingen wir da, nichts Schlinnncs' ahnend, die Bchrenstraße entlang, als nnS plötzlich an ihrer Krenzmig mit der Markgrafenstrahe etwas ganz Entsetzliches zeschah. An besagter Kreuzung liegt die katholische Special- Buch-»lud Kunsthandlung von Wilhelm H o m b o r g. vorm. Schoppmeyer. Unwilllürlich wandten sich, wie das auch sonst bei SpMerganjnnchnicr abgelehnt. Sscmlesj. Die Achtung der Unternehmer vor dem Gesrft. Allcr- lvärts sind die Unternehmer dabei, die gcringeil Vorteile, die das Bürgerliche Gesetzbuch den Arbeitern iii ihren, Arbeitsvcrhälinis bringe» sollte, wieder illusorisch zu machen. Der fj 616 deS Bürgerlichen Gesetzbuchs bestimmt bekanntlich, datz ein Arbeiter, der ohne sein Verschulden auf eine verhältnismätzig nicht erhebliche Zeit an der Dienstleistmig verhindert iucrde, seines Lohns nicht verlustig gehen soll. Wie die Berliner Kühneniäli»er-Verci»igilngeii, so haben sich auch andre Unternehmer-Verbände durch Aendermigen der Ver« träge gegen diesen Paragraphen gesichert. Jetzt ist es wieder der M a li ii h e i in e r und L n d w i g S h a f e n e r llnterNehiner-Verbaud. welcher' seinen Arbeitern Vetträge ausoltrohiert, durch die die Arbeiter um ihr Recht geprellt werden sollen. f Noch weiter gehen in dieser Beziehung die sächsischen Unter- nehmer. Der Z SSM des Bürgerlichen Gesetzbuchs verbietet die Auf- Rechnungen auf den Lohn: auch Geldstrafen und Schadensersatz- .inspxiiche dürfen vom Lohn nicht abgezogen werden. Nun hatte die Maximilianhütte bei Zwickau in ihrer Arbeitsordnung bisher eine Bestimmung, welche lautete: „Die Geldstrafen werden durch Lohnabzug eingezogen und fliehen in die Betriebs-Krankenkasse des Werkes." Diesen Paragraph hat nun die Verivaltung durch folgenden neuen K 34 ersetzt, welcher lautet: „Die Geldstrafen fliehen in die Betriebs-Krankenkasse des Werkes. Zur Sicherung der Geldstrafen, der Schadensersatz- ausprüche und der Ansprüche aus§ 18 unsrer Arbeirsordnung ist jeder Arbeiter verpflichtet, eine Kautionssumme in Höhe des wöchentlichen Durchschnitts-Arbeitsverdienstes bei der Wcrks- kasse zu hinterlegen." Das ist eine offenbare Verhöhnung des Geistes des Gesetzes. Das Vorgehen der Unternehmer beweist,' wie wenig überflüssig die Anträge'waren, die darauf abzielten, die Umgehung des Gesetzes durch Privatverträge für strafbar zu erklären. Zur Freiheit des ArbeitövertrageS. Der Schnhfabrikant Georg Vogel in Dettweiler(Eljah) hatte, wie f. Z. berichtet, den Arbeitern seines Etablissements den Besuch einer in dessen Nähe g� legenen Gastwirtschaft verboten, weil er den Inhaber derselben für einen Socialdemokraten hielt und sich als Arbeitgeber für verpflichtet erachtete, zu verhindern, dah, wie er meinte, seine Arbeiter von den socialistischen Ideen des Gastwirts„angesteckt" würden. Der letztere klagte wegen des ihm durch das Verbot zugefügten Schadens gegen den Fabrikanten Vogel auf Ersatz, wurde aber am 21. Dezember v. I. vom Amtsgericht Zabcrn mit seiner Klage a b gewiesen. Auf hiergegen eingelegte Berufung hat sich nunmehr auch das Zaberner Landgericht der Entscheidung des Vorderrichters angeschlossen und das abweisende ErlenutmS im wesentlichen folgendermaheu begründet. Aus den Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung ergiebt sich die Freiheit des Arbeitsvertrags, und der Arbeitgeber ist daher berechtigt, wenn er Arbeiter einstellt, diesen jede Bedingung zu setzen, die nicht verboten ist oder gegen die guten Sitten verstötzt. Den Arbeiten: andrerseits steht' es frei, sich diesen Bedingungen zu fügen oder nicht. Der Fabrikant Vogel war demnach berechtigt, feinen Arbeitern die in dem fraglichen'Wirtschaftsverbot enthaltenen Bedingungen zu stellen und hatte mithin, wenn er durch seine Hand- lung dem klägerischen Wirte Schaden zufügte, lediglich in Ausübung eines Rechts gehandelt. Nun könnte allerdings auch die Ausübung eines Rechts— entgegen dem Satz: Wer von seinen: Recht Gebrauch macht, verletzt niemandem— zu Schadensersatz verpflichten, jedoch nur dann, wenn dabei gleichzeitig ein Recht eines andern verletzt wird, ein Fall, der hier nicht in Frage kommt, da der Wirt kein Recht auf den Besuch seiner Wirtschaft habe. Aber auch nach der strengeren Ansicht verpflichtet die Ausübung eines Rechts den Berechtigten, der ein Recht eines andern nicht verletzt, nur dann zum Schadensersatz, wenn die Ausübung des Rechts ohne jedes Interesse lediglich in der Absicht geschah, dem andern zu schaden. Das trifft hier nicht zu. Der Fabrikant Vogel hatte allen Gnind gehabt, anzunehmen, daß Kläger Socialdemokrat sei, und hatte deshalb als Arbeitgeber ein Interesse daran, seine Arbeiter von der Wirtschaft des Klägers fernzuhalten._ Gevrclzks�Äeikung. „Wir habe» ja so diel Geld". Die Angelegenheit des in weiteren Kreisen bekannte» Schlächtermeisters Otto H e r i n g de- schäftigte gestern das Schwurgericht des Landgerichts I. Hering steht unter der Anklage des betrügerischen Bankrotts, neben ihm haben sich seine Ehefrau Agnes geb. Dörbandt und deren Bruder, der Schlächtereibesitzer Hermann Dörbandt wegen Beihilfe zu vcr- antworten. Den Vorsitz führt Landgerichtsrat C. S ch n I tz e. die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Hirsch feld, die Verteidigung führt Rechtsauwalt Dr. S ch w i n d t. Hering, der seit dem 24. Januar in Untersuchungshaft sitzt, ist jetzt 52 Jahre alt. Er betreibt seit 30 Jahren das Schlächtergeschäft und zwar lange Zeit mit großem Erfolge. Vor Jahren konnte er bei einer Ver'uehmug vor'Gericht das f. Z. geflügelt gewordene Wort aus- sprechen ,�Wir haben ja so viel Geld!" und seine Mittel erlaubten es ihm auch, in den ersten Entwicklnngsstadien der Weißenseer Reim- bahn sein Interesse für den Trabersport in bedeutendem Maße zu bekunden. Hering hatte zuletzt ein Ladengeschäft in der Invaliden- straße 31 mit einer Filiale in der Annenstr. 30. Seine jetzige Ehefrau war früher in seinem Geschäft Mamsell; er hat sich mit der jetzt 24jährigen im Jahre 1898 verheirathet, nachdem seine erste Ehe geschieden worden war. Die Scheidung ist auf seinen Antrag erfolgt, weil nach seiner Behauptung seine Frau ihn verleumdet hatte. Er betrieb zuletzt sein Geschäft mit 3 und 4 Gesellen, sein Beruf ließ ihm auch bis in die letzte Zeit hinein noch die genügende Zeit, un: die Rennbahn zn besuchen und auch seiner Leidenschaft zun: Spiel zu frvhnen. Nach seiner Behauptung ist ihm einmal bei solcher Gelegenheit ein Tausend- markschein abhanden gekommen und zwar hat mau ihn nach seiner Darstellung betrunken gemacht und ihm dabei das Geld weggenommen. In letzter Zeit ist sein' Geschäft durch erlittene geschäftliche Verluste und infolge der Scheidung von seiner ersten Ehefrau zurück- gegangen und Hering kam in Schwierigkeiten, so daß sich in der Zeit vom Oktober v. I.' bis zum Januar d. I. eine Schuldenlast von 17 229 M. aufsummte. Er hat von der Höhe dieser Schulden keine rechte Vorstellung gehabt, denn er führte keine Bücher und kontrollierte den Wechselverkehr, in den er sich hinein begeben mußte, durch einfache Notizen. Die Anklagebehörde behauptet nun,' daß Hering, als er merkte, daß es mit ihm immer wackliger wurde, mit seiner Ehefrau den Entschluß gefaßt habe, das Geschäft mit seinen Waren an Dörbandt zu verschieben. Letzterer ist alles Mögliche gewesen, blos nicht Schlächter. Angeblich hat er in letzter Zeit in Mecklenburg die Schlächterei erlernt, um hier in Berlin ein Schlächtergeschäft auf- machen zu können. Ihn ersah Hering als Retler in der Not, er ließ ihn von Mecklenburg nach Berlin kommen und bald war Dörbandt Eigentümer des Geschäfts. Am 20. Januar teilte Hering seinen Gläubigern mit, daß er sein Geschäft andrer Unternehmungen halber aufgebe und bat sie um Nachsicht. Am 22. Januar richtete er alsdann ein Schreiben an seine Gläubiger, in welchem er ihnen anbot. 10 Prozent auf die Forderungen„behufs Ver- meidung noch größerer Schädigung feiner Gläubiger" zahlen zu wollen, da rhu: weder am Geichäftsinventar, noch an dem Mobiliar irgendwelche Rechte zuständen. Der Anrrag eines Gläubigers auf Eröffnung des Konkursverfahrens mußte zurück- geiviesei: werden, da eine genügende Masse nicht vorhanden war. Die Anklage hält die ganze Geschäftsüberlragung an Dörbandt für ein schlaues Manöver, un: das Geschäft mit seinen Waren den: Zugriffe der Gläubiger zu entziehen. Hering hatte seiner Zeit mit seiner jetzigen Ehefrau einen Ehevertrag geschlossen, wonach sowohl die Wohnungs- wie die Laden- einrichtung Eigentum der Frau Hering war. Die Anklage behauptet, daß Dörbandt gar nickir das genügende Geld gehabt habe, um einen solchen Kauf abzuschließen und daß es auch nicht wahr sei, daß Frau Hering ihm zu seinen eigenen Ersparnissen noch aus ihren: Vermögen zugegeben habe. Die drei Angeklagten be- hauchten dagegen, daß das Geschäft thatsächlich an Dörbandt verkauft worden sei und daß letzlerer den für das Geschäft und die Waren vereinbarten Preis von 2463 M. bar bezahlt habe. Hering erklärt, das Geld sei ihm, nachdem er einen Tag in leicht- fertiger Gesellschaft zugebracht hatte, gestohlen worden. Staatsanwalt Hirschfeld beantragt das Schuldig gegen alle drei Angeklagte, gegen den Ehemann Hering unter Ausschluß mildernder Umstände. Die Geschlvorenen bejahten die Schuldfrage mit Bezug auf Hering unter Vcrsaguiig von mildernden Umständen, die beiden andren An- geklagten Ivurden für nichtschuldig erklärt und demgemäß freigesprochen. Hering wurde zu 1 Jahre 6 MonatenZuchthauS und drei- jährigem Ehrverlust verurteilt.__ unbedeutend; ferner halben Liter Urin aus hierauf den Finger so er sich erbrach. Sie Eine Auklago wegen Entführung wurde gestern vor der i zweiten Strafkammer des Landgerichts I gegen die Arbeiter-Ehcfrau j Wilhelmine Dombrowski verhandelt. Im Jahre 1891 wurde der Angeklagten von der Polizeibehörde ein unehelich geboruer Knabe zur Pflege anvertraut. Sie behielt denselben 8 Jahre bei sich und gewann ihn so lieb, als wenn er ihr eignes Kind gewesen wäre. Dam: mußte sie den Knaben aber mit schwerem Herzen fort aeben, denn dessen Mutter heiratete nach Berlin und wollte ihr Kind mitnehmen. Als die Angeklagte im vorigen Jahre bei ihrer Schwester in Charlottenbu'rg zum Besuch weilte, erstchr sie. daß ihr ehemaliger Pflegling von seinen Eltern sehr hart be handelt werde. Sie begab sich nach der Gemeiudeschule, die der Knabe besuchte, wo es' ihr gelang, ihn zu sprechen. Aus seinem eigenen Munde erfuhr sie, daß er thatsächlich viel Prügel und wenig Essen bekomme und gen: wieder zu seiner früheren Pflegemutter zurück wolle. Die Augeklagte gab seinen Bitten nach und nahm ihn ohne weiteres mit nach Jnsterb'urg. Der Gerichtshof verkannte nicht, daß die Angeklagte aus gutem Herzen gehandelt, aber doch dabei etwas List angewendet habe. Sie wurde zum niedrigsten Strafmaß — 1 Tag Gefängnis— verurteilt. Uumcnschliche Grausamkeiten, die fast daS pathologische Gebiet streifen, hat in Chemnitz eine gegen mehrere K n a b e n geführte Gerichtsverhandlung zu Tage gefördert. In Stollberg war ein Schüler der dortigen Realschule, der 13jährige Sohn des Strumpffaktors Nostiz in Drünnlos von den Mitschülern, die mit ihm in einer Pension lebten, auf abscheuliche Weise gepeinigt worden. Nostitz wohnte mit dem noch strafunmündigen Schüler Neubert aus Jahusbach, dem am 4. Juni 1883 geborenen Richard Kurt Kunzmann aus Kilchberg und dem am 15. Oktober 1887 geborenen Richard Bruno Grüner aus Erlbach bei einer Beamtenwitwe. Die Beugel hatten unzüchtige Gespräche geführt, au den sich auch Nostitz beteiligt hatte. Dies gab den andern Gelegenheit, einen gewissen Druck auf ihn auszuüben. Unter der Drohung, man werde ihn den: Superintendenten zuführen, wurde er veranlaßt, den Dreien allerhand Geschenke zu machen, und schließlich forderten die Burschen noch bares Geld. Der Junge stahl nicht, wie ihm nahegelegt war, sondern räumte bei den: Weihnachtsbesuch im Elternhaus seine Spav büchse aus und gab das Geld den drei Burschen. DicS war den Peinigern nicht' genug und nun mißhandelten sie den armen Knaben in furchtbarer Weise. So mußte er seinen Ranzen und die Bücher etwa eine Viertelstunde mit aus gestreckten Armen halten und bekam Schläge, wenn er die Arme sinken ließ. Schließlich brach der Junge vor Erschöpfung zusammen Die bestialischen„Freunde" aber, denen Nostitz zur Vermeidung von Schlägen die Titel„Baron",„Regierungsrat" und.Excellenz" bei legen mußte, frischten ihn dadurch auf. daß sie ihn zwangen, Seife und Kohle zu essen. Am Abend des 15. Januar nahmen die Mißhandlungen einen besonders grausamen Charakter an. Zu nächst mußte Nostitz auf einen in der gemeinsamen Schlafkammcr befindlichen Balken klettern und erhielt, als er von dem Balken herunterfiel, von den drei Knaben mit den Fäusten und der scharfen Seite des Lineals heftige Schläge, hierauf zwangen sie ihn, wieder Seife und Kohlen zu essen, hielten ihm brennende Stearin- lichte an die Fußsohlen und andre Körperteile und verbrannten ihn so nicht zwangen sie ihn, zweimal je einen dem Nachtgeschirr zu trinken und lange in den Hals zu stecken, bis stachen ihn mir Stecknadeln, bis Blutungen erfolgten und zwangen ihn schließlich, ihren ihn: ins' Gesicht gespieuen Auswurf zu verschlucken. Endlich mußte der arme Junge nach den scheußlichen Mißhandlungen, die sich von>/s10 bis 11 Uhr nachts hinzogen, noch zwei Stunden splitternackt in der kalten Kammer knien, bis seine Feinde eingeschlafen waren. Die scheußlichen Mißhandlungen setzten sich am nächsten Morgen fort, ja sie steigerten sich noch dadurch, daß der Knabe fch mutziges Wasch wasser trinken und verfaulte rohe Kartoffeln essen mußt e. Man warf ihm sogar Katzeukot in das Essen. Als der mißhandelte Junge infolge von Fußtritten in den Unterleib zu sammenbrach, stellte sich der große Kunzmann mit beiden Füßen auf den Rücken des armen Knaben. Auch auf den: Schulwege wurde Nostitz mißhandelt, so daß er schließlich halbtot liegen blieb und von mitleidigen Schulkameraden auf dem Haudschlitten nach der väterlichen Wohnung gebracht wurde. Der eiligst herbeigerufene Arzt fand den bedauernswerten Jungen am ganzen Körper mit blut unterlaufenen Schwielen bedeckt, während sich am Leib eine ganze Anzahl Brand- und Stiebwunden befanden. Tie Herstellung des Knaben nahm mehrere Wochen in Anspruch. Das Gericht be strafte den Kunzmaun mit 1 Jahr 6 Monaten, den Grüner mit 9 Monaten Gefängnis; ferner haben beide an den Verletzten eine Buße von 500 M. zu zahlen. Kunzmann wurde sofort in Haft gc nonunen. Arzt und Arznethandek. Ein jetzt vom Kammergericht erledigtes Strafverfahren gegen den praktischen Arzt Dr. H o e s ch ist in mehrfacher Beziehung interessant. Dr. Hoesck: betreibt neben seiner ärztlichen Praxis hier in der Karlstraße eine fturbade- a n st a l t für seine Patienten. In dem Kassenraum der Anstalt werden gewiffe Heilmittel aufbewahrt, die von der Kassiererin an die' Patienten nach Vorweisung eines von Hoesch ausgefüllten Rezepts gegen ein Entgelt verabreicht werden. Bei einer behördlichen' Revision wurden jene Mittel ge- funden. Ein Sachverständiger bezeichnete einige davon als zum Zweck der Heilung dienend, so zun: Beispiel Faulbaumrinde, Beeren- tranbenblälter und Ginster. Dr. Hoesch wurde dann wegen Ver gehens gegen den§ 367 Nr. 3 des Reichs-Strafgesetzbuchs und gegen die Apöthekerordnung vom 11. November 1801 angeklagt. Man warf ihm vor. daß er fortgesetzt Arzneien, mit denen er als Arzt nicht hätte handeln dürfen, verkauft und an andre überlasten babe. Der Angeklagte machte dagegen geltend, daß es sich hier überhaupt nicht um Heilmittel, sondern iediglich um diätetische Genußmittel handele. Tos Schöffengericht sprach H. auch frei, worauf die Staatsanwaltschaft Berufung einlegte und beantragte. H. eventuell wegen Vergebens gegen§ 147 Nr. 1 der Gewerbe-Ordnung zu ver- urteilen, weil der Arzneimittel- Verkauf als besonderes stehendes Gewerbe ohne die erforderliche polizeiliche Genehmigung begonnen worden sei. Das Landgericht verwarf die Vernfung der Staatsanwalt- schaft mit folgender Begründung: Das Gericht nahm mit dem Sach- verständigen an, daß sich unterden feilgehaltenen Mitleln auch Arznei- mittel lFaulbaumrinde ic.) befunden hätten. Die angeführten Arzneien seien aber in der kaiserlichen Verordnung vom 27. Januar 1890 unter A und B nicht aufgeführt. Daraus und aus§ 6 Abf. 2 der Gewerbe-Ordnung folge, daß diese Arzneimittel dem freien Verkehr überlassen seien, mithin von jedermann verkauft werden dürften. Der Angeklagte habe anch als Arzt nicht davon Ab- stand nehmen brauchen, denn der§ 14 der revidierten Äpothekerordnung von 1801 bestehe nicht mehr zu Recht Der§ 6 Abs. 2' der Gewerbe-Ordnuug bestnnme, daß durch kaiserliche Verordnung bestimmt werden solle, welche Apothekerwaren dem fteien Verkehr zu überlassen seien. Wenn nun in Ausführung dieser Bestimmung die kaiserliche Verordnung vom 27. Januar 1890 diejenigen Waren einzeln aufführe, welche nur in Apotheken feil- geboten werden dürfen, so sei danrit eine reichsgesetzliche umfassende Regelung des Verkehr? mit Arzneien erfolgt. Damit seien alle dem entgegen stehenden landesgesetzlichen Be- stimmungen, insbesondere der§ 14 der revidierten Apothekerordnung von 1801 cechtsunwirksam geworden. Nach Ansicht des Gerichts liege ferner der Thatbestand des§ 147 Nr. 1 der Gewerbeordnung eben- falls nicht vor. Die Verabreichung der diätischen Mittel und Arzneien in der Kur- und Badeanstalt des Arztes habe im vor- liegenden Falle � zur Ausübung der ärztlichen Berufsthätigkeit des Angeklagten gehört, sei also davon mit umfaßt worden und könne nicht als seibständiger Betrieb eines besondren stehenden Gewerbes angesehen werden. Das Kammergericht verwarf die gegen dieses Urteil von der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision und stimmte den Gründen des Landgerichts vollständig zu. VevsÄmmkimgetfe Der socialdemokratische Wahlverein für den 4, Berliner Reichstagö-WahlkrciS(Cften) biclt an: Dienstag eine Ver- sammluug im Lokal„Königsbank", Frankfurterstr. 117, ab, in der Genosse Kiesel über die Politik der herrschenden Klassen referierte. Der Redner, der eingangs seiner Ausführungen daran erinnerte, daß die zeitweilig herrschenden Klassen von jeher bestrebt waren, sich durch Unterdrückung und Vergewaltigung der übrigen Bevölkerung die Herrschaft zu sichern, wies sehr treffend nach, daß auch die gegenwärtig herrschenden Klassen von demselben Geist, von dem Geist der Gewaltchätigkeit und, der Ausbeutung beseelt sind. Er verwies hierbei auf den von einigen Kapitalisten angezettelten Krieg Englands mit den Boerenrepubliken, auf die skandalöse:: Vorgänge, insbesondere an die schmachvollen Verfolgungen der fortgeschrittenen Elemente in Italien; er verwies aus die feindliche Stellungnahme der herrschenden Klassen gegenüber den berechtigsten Wünschen der Arbeiterschaft und be- sonders auf Deutschland, wo man stets bedacht sei, die arbeitende Bevölkerung nicht nur ökonomisch und politisch zu ent- rechten, sondern auch geistig zu knechten. Der Referent er- innerte daran, daß trotz' aller schönen Friedensbeleneruugen der Regierungen die Nüstnngen zu Wasser und zu Laude beständig fortschreiten und bereits geradezu beängstigende Dimensionen angenommen haben. Nachdem der Redner noch die jetzt in Deutschland beliebte Welt- und Eroberungspolitik, die für die Arbeiterschaft keine Vorteile, sondern nur Nachteile und neue Lasten im Gefolge hat, kritisch beleuchtete, wies er darauf hin, daß die Arbeiterklasse lediglich auf sich selbst angewiesen und von den herrschenden Klassen nichts zu erwarten habe. Dem mit lebhaftem Beifall aufgenommene:: Vortrag folgte eine Diskussion, an der sich mehrere Genossen im Sinne des Referats beteiligten. Der Vorsitzende Schneider gab sodann bekannt, daß am Himmelfahrtsiag ein Familien-Ausflug nach Karlshorst und von da nach Sadowa geplant ist und an: 2. Pfiugstfeiertag in der Brauerei Friedrichshain für die Genossen des Kreises ein Frühkonzert statt- findet. Nachdem noch zur moralischen Unterstützung der Finster- walder Tabakarbeiter aufgefordert war, erfolgte der Schluß der gut besuchten Versammlung.! Deutscher Holzarbciter-Verband. Die am 14. Mai im „Märkischen Hof" abgehaltene Versaminlung für die Bezirke Süden und Süd-Ost erfreute sich einer zahlreichen Beteiligung, auch von feiten der Frauen. Dr. C u r t F r e u d e n b e r g sprach über das Thema: Die Prostitutirte als sociale Krankheitserscheinung und als Gefahr für die Volksgesuudheit. Unter Verbandsangel'egeuheiten wurden die Kollegen ermahnt, streng darauf zu achten, daß die Be- schlüsse des Eiuigungsamts hochgehalten werden, cvent. die Acht- zehner-Kommission anzurufen. Schließlich wurden noch Werner, Wolf, Köcher und Sckmeider als Koutrollkommijstolts-Mitglieder für den Bezirk Süden bestimmt. Dev Krieg. Von der Armee Lord Roberts liegen heute keine neuen Meldungen vor. Dogegen ist General B u l l e r in der Gebirgs- landschaft, in der der Krieg seinen Anfang nahm, im weiteren Vor- dringen begriffen. Er meldet unter dem' 17. Mai aus Dannhaufer: Meine vorgeschobenen Posten dürften in Newcastle eingetroffen sein. Die 5. Division steht in Staffeln auf dem Wege von Elandslaagte bis Glencoe und ist mit der Ausbessening der Eisenbahn beschäftigt Alle Berichte stinmien darin überein, daß 7000Boeren am 14. und 15. Mai in großer Eile nordwärts gezogen sind. Die Vorgänge um Mafeking. sind noch nicht völlig geklärt. Es scheint, als hätten die Boeren nach der Einnahme der Stadt zunächst heranrückende englische Entsatztrnppen zurückgeworfen. Der Kampf mit diesen Entsatztruppen dauert aber fort und ist noch unentschieden. Es liegen folgende Meldungen über diese Vorgänge vor: Pretoria, 15. Mai. Ein amtliches Kriegsbulletin besagt: Die Truppen der verbündeten Republiken erstürmten und besetzten am Sonnabend früh die Forts um Mafeking. In der Nacht darauf wurden sie jedoch umzingelt, wobei, soweit bekannt, 7 Mann ge- tötet, 17 verwundet und eine Anzahl gefangen genommen wurden. Die englischen Verluste betrugen 50 Tote und Verwundete. Wie ver- lautet, wurde die Vorhut der von Süden kommenden englischen Entsatzkoloune gestern zurückgeworfen. Kapstadt, 17. Mai. Meldung des„Reuterschen BureanS"). Dem„Cape-Argus" wird ans Lo»ren?o Marques telegraphiert: Komniaudant Eloff drang mit einer Patrouille in Mafeking ein. Mit lebhaftem Feuer der Garnison empfangen, wurden 17 Boeren getötet, Eloff und 90 Mann der Patrouille gefangen ge- nonunen. Ri» Vaalflnst aufwärts dringen auf den Gebieten beider Boerenrepubliken englische Heeres- ableilungen vor. Feldniarschall Roberts telegraphierte aus Krooustad: General Hunter ist in Transvaal ein- gedrungen uub steht jetzt 10 Meilen von C h r i st i a n a. General M e t h u e n ist 12 Meilen auf dem H o o p sta d e r Weg vorgerückt, ohne des Feinds ansichtig zu werde».' Ein späteres Telegramm des Feldmarschalls meldet: General Huuter hat C h r i st i a n a besetzt, ohne auf Widerstand zu stoßen. Letzte Meldungen. London, 17. Mai. In der Depesche, in welcher Lord Roberts meldet, daß General Hnuier Christiaua besetzt habe, wird noch be- richtet. daß der Feind. welcher bei Christiana stand, sich nach Klerksdorp zurückgezogen hat.— Lord Roberts telegraphiert ferner, eine Anzahl Boeren in den Distrikten von Ficksburg und Bethlehem haben den englischen Residenten des Basutolandes gefragt, unter welcken Bedingungen sie sich ergeben könnten. London, 17. Mai. lluterhaus. Der erste Lord des Schatzes. A. Balfonr, erklärt, er halte die Zeit noch nicht für gekommen, um uutzbrinqenderweise mit der Boereu-Regierung über den Austausch von Eesangenen in Unterhandlung zu treten. Vetzke Ttttchvichken und Depeschen. Zur KrisiS in Italien. Rom, 17. Mai.(W. T. 93.) Blättermeldungen zufolge hatte der König heute Abend Besprechungen mit de:: Präsidenten deS Senats und der Deputierteukammer und dem Ministerpräsidenten, in welchen man sich dahin geeinigt haben soll, durch königliches Dekret die Kammer aufzulösen und durch eine das Dekret begleitende Veröffentlichung diese Maßregel näher zu begrüuden. Rom, 17. Mai. lW. T. 93.) Den:„Popolo Romano" zufolge sollen die Neuwahlen für die Deputiertentauuner am 3. Juni, die Stichwahlen am 10. Juni stattfinden. Eökilstnna, 17. Mai.(W. T. 93.) Vier Polizisten verfolgten hierher eine Persönlichkeit, deren Signalement mit dem des Mörder» von: Dampfer„Prinz Carl" übereinstiminte. Rachmittags wurde im Wartesaal des Bahnhofs Skogstorp verhaftet. der Verhaftung wollte derselbe einen Revolver- Polizisten abfeuern, wurde jedoch entwaffnet. wurden 2 Revolver und 57 Patronen Verhaftete erklärte, mit einen: gewissen Johann Philipp Nordlund identisch zu sein, welcher in: April nach Verbiißnng einer Strafe wegen Brandstiftung aus dem Gefängnis entlassen worden war. Bezüglich deS MaffenmordS erklärte Nordlund, eS sei Sache der Polizei, den Thalbestand aufzuklären. Der verhaftete Nordlund hat eingestanden, daß er die Blutthat an Bord des Dampfers„Prinz Karl" verübt und dem Kapitän über 800 Kronen Geldes geraubt hat. Ueber die Mordthat selbst äußerte sich Nordlund völlig gefühllos. der Verdächtige Im Augenblick 'chuß auf die In seinem gesunden. Der Verantwortlicher Redacleur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Dnick und Verlag von Max Babing in Berlin. Hicrz» S Beilagen und llnterhaltuugsblatt. "',V--3r" V■. «t. m. n. Mmg. i. Keilllge des„Nmmrts" KerliNr Wlksblatt. � 18 � m- Veichsksg. l!)6. Sitzung. Donnerstag, den 17. Mai 1900, 1 Uhr. Am Bundcsratstisch: Nicberding. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der dritten Beratung der lex Hcinze. Präsident Graf Ballcstrem: Der vorliegende Gesetzentwurf ist bis auf den§ 362 rmd die zu demselben vorliegenden Anträge erledigt. Eine ganze Reihe anderer Anträge befinden sich noch in der Druckerei(Heiterkeit links), ich werde sie Ihnen be- kannt geben, sobald sie mir zugehen. Erledigt sind bisher in dritter Beratung die§K 160, 181, 181a, 182a, 184, 184a, 184b. I» der heutigen Sitzung wird die Beratung fortgesetzt mit einer namentlichen Abstimmung über folgenden Antrag H.e i n e(Soc.): K 360 Nr. 11(Grober U n f n g- P a r a g r a p h) des Straf- gcsetzbuchs findet keine Anwendung auf Erzeugnisse der bildenden und reproduzierenden K Ii n st e und der Presse. Die namentliche Abstimmung ergiebt die Ablehnung des Antrags Heine mit 210 gegen 80 Stimmen. Dafür stimmen nur die Socialdemokraten. die freisinnigen Gruppen und der Abgeordnete Bindewaldt(Reformp.). Der »ationalliberale Abgeordnete Hofmann- Dillenburg enthält sich der Abstimmung. Präs. Graf Vallestrcm: Soeben geht mir ein neuer Antrag zu von den Abgg. Munckel und Dr. M ü l l e r- Meiningen(stf. Vp.). (Der Präsident verliest unter Heiterkeit der Linken den Antrag.) Die weiteren Anträge werde ich verlesen, sobald sie von der Druckerei eingehen— soeben erhalte ich wieder eine Reihe neuer Anträge.(Heiterkeit links.) Zur Beratung steht nunmehr zunächst folgender Antrag Alb recht(Soc.), ein Principalantrag mit einer Reihe von Eventualanträgen(Heiterkeit), die mit zur Diskussion stehen. 1.§ 361 Rr. 6: „Mit Haft wird bestraft eine Weibsperson, welche wegen gc- wcrbsmätzigcr Unzucht einer polizeilichen Aussicht unterstellt ist, ivenn sie den polizeiliche» Vorschriften zuwiderhandelt oder welche, ohne einer solchen Aufsicht u n t c r st e l l t zu sein, gcwerbsniäszig Unzucht treibt.— des Strafgesetzbuchs ist zu streiche n. Für den Fall der Ablehnung dieses Antrags ist dem§ 361 Nr. 6 folgender Absatz beizufügen: Die Polizei ist nicht berechtigt, anzuordnen, das; Personen, welche gewerbsmästig Unzucht treiben, nur in bestimmten Stadt- teilen Wohnung nehmen. Ebensowenig ist die Polizei berechtigt, dies zu verbieten. Abg. Heine(Soc.) beantragt noch folgenden Zusatz: „Es ist verboten, eine weibliche Person wider ihren Willen einer körperlichen Untersnchnng zu unterwerfen. Das Recht der Polizeibehörde, Personen, welche der sittenpoli- zeilichc» Kontrolle unterstellt sind, auf ihren Gesundheitszustand zu untersuchen, wird hiervon nicht berührt. Die Untersuchung darf nicht durch einen Mann erfolgen." � Ferner beantragt Abg. Heine(Soc.) folgenden Zusatz zu § 361 Nr. 6: „Dem Strafrichter steht die Prüfung zu. ob die Unterstellung unter die sittenpolizciliche Aufsicht mit Recht erfolgt ist. Die Verfügung, wodurch eine weibliche Person der sittenpoli- zeilichen Aufsicht unterworfen wird, kann im Wege der Klage angefochten werden. In Bundesstaaten, wo ein Verwaltungsstreitver- fahren besteht, ist diese Klage bei den Vcrwaltungsgcrichtcn, in ruideren Bundesstaaten bei den ordentlichen Gerichten zu erheben." Abg. Bebel(Soc.): Unser Antrag ist kein neuer, er ist von unsrer Fraktion schon bei jeder Beratung des vorliegenden Gesetzentwurfs im Laufe der letzten Jahrzehnte gestellt wordeii. Allerdings ist et von der Mehrheit des Reichstags immer abgelehnt worden. Er behandelt aber ein Thema, das auch heute noch sehr aktuell ist. Von Seiten der deutschen Frauen- Vereine sind eine große Anzahl Petitionen eingegangen, die die Streichung dieses Paragraphen verlangen. Der heutige Zustand hat zu einer Reihe von Mißgriffen der Polizei gc- siihrt, die die öffentliche Meinung zeitweise außerordentlich erregt haben. Von der großen Zahl der Mißgriffe, die vorgekommen sind, ist aber sicher nur ein kleiner Teil in die Qeffeutlichkeit gelangt, da naturgemäß � viele anständige Frauen, die von der Polizei als Prostituierte sisticrt werden. sich scheuen, die Sache in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Bestimmung bedeutet ein direktes AiiSuahmcgesct; gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Jeder Polizist, der eine Frau trifft, die im Verdacht steht, daß sie eine gewerbliche Prostituierte sei, hat das Recht, ihre Sistierung zu veranlasse», und jeder Mann, der einer Frau llngelegenheiten bereiten will, braucht sich nur zum Denunzianten herzugeben, um ihre Sistierung bei der Polizei trotz aller Proteste der Frau durchzusetzen, lieber die Bchaudlnng, die anständige Frauen auf der Polizei erfahren, brauche ich Ihnen lvohl nichts näheres zu sagen. Im allergünstigsten Fall werde» sie tun nächsten Tage freigelassen, ohne auch nur die ge- riugstc Gcnugthllung für die schwere Verletzung ihrer Ehre erlangen zu können. Die Polizeibeauiten haben immer das Vorurteil für sich, sie hätten geglaubt, eine Prostituierte vor sich zu haben. Wie hänfig derartige Mißgriffe der Polizei vorkommen, .lörnien Sie aus einigen Zahlen ersehen. Im Jahre 1896 wurden 19 433 weibliche Personen sistiert, 1897 23 014.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Von diesen mußten im Jahre 1896 S40V wieder entlassen werden, weil keine Möglichkeit bestand, gegen sie gesetzlich vorzugehen, und im folgenden Jahre betrug diese Zahl sogar SOUl).(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.') Diese Zahlen beweisen, ein wie großes Unrecht zahllosen Frauen auf Grund des 8 361 Ziffer 6 zugefügt>vird, deren Streichung ivir verlangen. Ich luill nur eine kleine Zahl von Beispielen anfuhren, die sich in den letzten Jahren ereignet haben und die besonders kraff zeigen, ivie schlimm der' gegenwärtige Zustand ist. Im vorigen Jahre ivurde in Berlin ein nnständiges Mädchen, das von der Arbeit nach Hause ging, von einem Herr» angeredet. Sie gab die gebührende Antwort, und darauf ging der Strolch zu der nächsten Polizeiwache und gab an, das Mädchen habe ihn angeredet, sie sei eine Prostituierte und er verlange ihre Fest- nähme. Sie ivurde sistiert und erst am nächsten Tage stellte sich heraus, daß das Mädchen völlig unschuldig ivar. Der betreffende Denunziant wurde in diesem Falle zu drei Monaten Gefängnis ver- urteilt. Das war ja eine gewisse Genngthuung, aber die Schande, die dem Mädchen angcthan war, war' doch nicht wieder gut zu machen. In Köln am Rhein haben sich ähnliche Fälle er- eignet, die großes Aufsehen erregt haben. Redner giebt eine Darstellung des bekannten Falles Kiefer. Vom Staatsanwalt wurde in diesem Fall festgestellt, daß der Schutzmann ein für den Sitteudieust ungeeigneter Beamter sei. während ihm seine vorgesetzte Behörde ein äußerst günstiges Zeugnis ausgestellt hatte. In der gerichtlichen Verhandlung wurde auch festgestellt, daß seit 1891 eine Verordnung bestanden habe, wonach die Festnahme von Frauenspersonen den Beamten nur dann gestattet sei. wenn jene die öffentliche Ruhe und Ordnung gestört haben. Die vernommenen Beamten sagten aber aus, daß sie von dieser Verordnung überhaupt keine KeuutuiS gehabt hätten. In einem andern Falle ivurde auf eine anonyme Denunziation hin, die behauptete, daß ein Mädchen mit dem, der die Anzeige erstattete, für fünf Mark geschlechtlich verkehrt habe. das Mädchen ohne weiteres verhaftet.' Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß die Verhaftete überhaupt noch unbescholten war. Bekannt ist ja der Fall, daß in Berlin im vorigen Jahre konstatiert wurde, daß eine völlig unbescholtene Frau jahrelang in den Listen der Prostituierten geführt war. ohne daß sie eine Ahnung davon hatte. Schließlich ist noch ein intcrcsiantcrFall inHamburz vorgekommen, wo eine anständige verheiratete Frau unter Siitenkontrolle gestellt wurde. Sic weigerte sich entschieden, den an sie gestellten Anordnungen nachzukommen, erhielt darauf ein Strafmandat und beantragte gerichtliche Entscheidung. Sie wurde zunächst freigesprochen, der Oberstaatsanwalt beantragte aber Revision beim hanfeatischcn OberlandeSgcricht und dieses hob das freisprechende Urteil wieder ans unter der Begründung, es komme bei Beurteilung der ganzen Sache nur darauf an, ob die Frauensperson von der Polizei unter Sittcnkoutrolle gestellt sei oder nicht. Ob dies mit Recht geschehe» sei oder nicht, habe das Gericht nicht zn entscheiden. Diese Befugnis der Polizei gehöre zu den allgemeinen Machtbefugnissen, die ihr eingeräumt seien. lHört! hört! bei den Socialdemokraten.) Danach hat also die Polizei das Recht, die anständigste Person unter Sittcnkoutrolle zu stellen, lvie es ihr beliebt. Sie kann ihr die impertiucn- testen Zumutungen machen. ohne daß die Frau bei irgend einem Gericht Gcnugthnuug erlangen kann. Das ist doch ein ganz unerhörter, empörender Zustand. Sic iverdcn mir zu- geben, daß der Reichstag die Verpflichtung hat, hier eine Aenderung herbeizuführen. Als in England vor drei Jahren eine Reihe von ähnlichen Fällen vorkam, hatte sich in der ganzen Fraucnivclt ein Stnrm der Entrüstung erhoben. Die vornehmsten Damen der Gesellschaft gingen in Versammlungen und protestierten gegen diese Bestimmungen. Dies zu thun, müßte auch die boruchmlichste Pflicht der deutschen Reichstags-Abgeordnctcn seiii. ES entsteht höchstens die Frage, was soll die Polizei machen, wenn nach unscnn Antrag der Paragraph ausgehoben wird. Zu diesem Zwecke haben ivir nnscrn Eventualantrag gestellt. Wir lvollcn nicht, daß die Polizei daS Recht haben soll, auf den bloßen Verdacht hm eine Frauensperson wider deren Willen zur Wache zu führen und sie dort untersuchen zu lassen. Wir bestreiten der Polizei das Recht nicht, daß sie da, Ivo nachgewiesenermaßen gewerbsmäßige Unzucht getrieben ivird, die nötige sanitäre Kontrolle ausübt. Aber Ivir wollen Uebergriffe und Mißgriffe der Polizei- beamten unmöglich machen. Wein, wir weiter verlangen, daß die Untersuchung nicht durch einen Mann erfolgen soll, so fordern wir daL im Interesse des weiblichen Schamgefühls. Es ist Thatsachc, daß gerade die zwangsweise Untersuchung durch einen männlichen Arzt auch den letzten Rest weiblichen Schamgefühls ersticken kann. Darum darf eine weibliche Person, sofern sie nicht Prostituierte ist, einer zwangsweisen Untersuchung überhaupt nicht unterworfen werden. Weiter soll die Polizei nicht anordnen dürfen, daß Personen, welche gewerbsmäßig Unzucht treiben, nur in bestimmten Stadt- vierteln Wohnung nehmen. Meine Parteigenossen haben bereits nachgewiesen, daß im Widerspruch zn den gesetzlichen Bc- stimmuuncn in einer großen Anzahl deutscher Städte Bordelle vorhanden sind. Da hat uns Herr Dr. Oertel entgegengerufen, solche Zustände möge» in Hamburg und andren großen Städten zu finden(ein; kommen Sie aber in die kleineren Städte und auf das Land, da sind solche Zustände nicht vorhanden. Herr Oertel bot mir sogar an, ich solle mit ihm einen Spaziergang durch seinen Wahlkreis Freiberg machen, um mich von der Richtigkeit seiner Behauptungen zu überzeugen. Nun, inzwischen ist festgestellt, daß das kleine Frei- berg mit seinen etwa 15 000 Einwohnern nicht weniger als 4 Häuser aufzuweisen hat, die thatsächlich Bordelle sind.(Hört! hört! links.) Also, Herr Kollege Oertel, mau wirft nicht mit Steinen, wenn man im Glashaus sitzt.(Heiterkeit und Zustimmung links.) Nun, ich glaube, Ihnen durch Thatsachen ausreichend bewiesen zu habe», daß unsre Anträge zu 8 361 zur Hebung der Sittlichkeit durchaus not- wendig sind'. Wenn Sie also i» der That durch dieses Gesetz die Sittlichkeit fördern wollen, dann müsse» Sie auch unsren Anträgen Ihre Zustimmung geben.(Lebhafter Beifall links.) Präsident Graf Ballcstrem teilt mit, daß der Abg. Heine(Soc.) seinen Eventualantrag(„Dem Strafrichter steht die Prüfung zu. ob" usw.) zurückgezogen und daß der Abg. Singer(Soc.) über den socialdcmokratischen Principalantrag wie über die beiden Eventnalanträge namentliche Abstimmung bc- antragt hat.(Heiterkeit links.) Abg. Stadthagen(Soc.) wird vom Centrum mit Lachen, von der Linken mit Peifall empfangen. Gleich bei seinen ersten Worten, die auf der Tribüne unverständlich bleibe», ertönen im Centrum lebhafte Rufe: Schluß! Schluß! Die Linke erwidert diese Rufe mit lebhasten Gegenrufcn: Still! still! (Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Ballestrcm: Je zahlreicher nnfre Versammlung besucht ist, und die heutige ist ja crfrculichcnveise stark besucht(Heiterkeit), um so mehr muß auch auf Ruhe gehalten werde»(sehr richtig! links)? sonst kommt ein Ton in die Versammlung, der nicht wünschenswert ist.(Bravo! links.) Abg. Stadthagcn(Soc.): (fortfahrend) giebt einen Rückblick auf die Entstehung der auf die Prostitution bezüglichen Bestimmungen des Strafgesetzbuchs. Die heutigen skandalösen Zustände können nicht aufrecht erhalten werden. Es ist geradezu unerhört, daß heute jede anständige Frau auf einen bloßen Verdacht hin von den Polizeibcamtcn wie eine Pro- stituierte behandelt werden kann. In einer großen Ver- sammlnng, die fast nur von Arbeiterinnen besucht war. wurden lebhafte Klagen darüber geführt, welchen Gefahren die Frauen und Mädchen seitens der Polizei auf Grund des 8 361 aus- gesetzt sind. Es darf nicht länger erlaubt sein, daß die Polizei- beamten irgend einer Dame nachlaufen, ihr gegenüber behaupten, sie habe Männer angelockt, und sie deshalb auf der Polizei unter- suchen lasten. Noch schlimmer aber ist die Thatsachc. daß es dem Ermessen der Polizeibehörde überlassen ist. die strafbare Handlung der geschlechtlichen Unzucht für straflos zu erklären, wenn sich ein Mädchen bestimmten Bedingungen unterwirft, das heißt wenn sie Prostituierte wird. Sie' wollen gegen das Laster der Prostitntion ankämpfen, aber den Mut, hier die Quellen zu verstopfen, haben Sic nicht.(Sehr richtig I links.) Und weiter liegt diesem Paragraphen auch der Standpunkt der Un- ehrlichkeit und Unaufrichtigkeit zu Grunde. Das Weib wird be- trachtet nicht als die Genossin des Mannes, sondern als ein Gegen- stand, der geschaffen ist, die Lust des Mannes zu befriedigen. Gegen de» Mann fehlen ja solche Bestimmungen, obwohl er doch auch Träger von ansteckenden Krankheiten sein' kann. Darum wird gerade dieser Paragraph als eine Schmähung des weiblichen Geschlechts als solchen' empfunden. In jener von mir schon erwähnten Ver- sammlnng klang aus allen Reden der Arbeiterinnen inniges Mitleid mit denen hervor, die die sociale Not in die Arme der Prostitution getrieben hat. Zugleich aber auch die Empönmg über die Schmach, daß dieser Paragraph des Strafgesetzbuchs das Weib zum Lustobjckt des Manns erniedrige, indem er im Interesse der mann- lichen Gesundheit Kontrollmaßr'cgeln für die Prostituierten vorschreibt und deshalb Vorschriften enthält, ans Grund deren auch völlig an- ständige Franc» untersucht werden können und an Körper und Seele Schaden erleiden. Hierzu kommt ein iveiterer Gesichtspunkt: Dieser Paragraph ist auch eine Hauptquelle für das Zuhältdrtnm. Je mehr die Prostituierten drangsaliert Iverden löimen von der Polizei, desto mehr stellt sich bei ihnen das Bestreben ein, einen männlichen Bc- chützer zu haben, der sie unter Umständen auch, warnt, verbotene Straßen zu betreten, verbotene Quartiere zu beziehen, bcrbotene Lokale. Theater zu besuchen. Welch ein Widerspruch liegt darin. daß Sie auf der einen Seite eine Bestimmung ins Gesetz aufnehmen, welche das Zuhältcrtum bestraft und Sie auf der andern Seite die Hauptquelle des Zuhältertums, diesen Paragraphen aufrecht erhalten wollen. Häufig besteht in den Städten die Polizei- Verfügung, daß diese Mädchen ohne männliche Begleitung lein Cafe besuchen dürfen. Ein anständiger Mensch wird sie nicht be- gleiten, nur verkommene Subjekte werden es thun, und die Mädchen haben ein Interesse daran, damit sie nicht in polizeiliche Strafen genommen werden, eventuell ins Arbeitshaus wandern müssen. Solche jeder Kontrolle entbehrenden Polizeiverordnungen zwingen geradezu die Dirne dazu, sich Zuhälter zu suchen. Daß diese es nicht umsonst thun, ist klar. Gewiß spielt das psychologische Moment bei der Wer- breitnng des Zuhältertums eine große Rolle, aber es tvürde nicht existieren und die Mädchen ausbeuten können, wenn nicht die Polizeiverordnungen die Existenz solcher Beschützer geradezu not- wendig machten. Im Interesse des � Kampfs gegen das Zuhältertum, im Interesse der Sittlichkeit, des Anstands und der Gesundheit müssen Sie diesen Paragraphen streichen. Wie steht es denn nun mit der jVerbreitung der Prostitution hier in Berlin. Herr Stöckcr hat uns erzählt, daß er zur nächtlichen Stunde in der Friedrichstraße 40 Mädchen an sich hätte vorbeiziehen sehen. Ich habe daraufhin mich mit einem Bekannten um dieselbe Zeit auch hingestellt, habe aber mir 6 Mädchen gezählt. Persönliche Erfahrungen können hier nicht ausreichen. Ich muß deshalb auf die amtliche'Statistik eingehen, wobei ich noch auf den traurigen Znstand hinweise, daß in wachsendem Maße Gerichte und Regierungen auf den Standpunkt getreten sind, daß eine bestimmte Art Bordelle eingerichtet werde» könne. Redner giebt lange Zahlenreihen über das Wachstum der Prostitntion i» Berlin. 100000 Prostituierte giebt es in Berlin und von allen diesen weiblichen Personen stehen noch nicht 5000 unter polizeilicher Kontrolle. Daraus geht klar herbor, daß diese absolut überflüssig ist und ivciter geht daraus hervor, wie traurig die sociale Lage der weiblichen Bebölkcrinig in Berlin sein muß. Es giebt ja viele Frauen, die glauben, sich etwas zu vergeben, wenn sie sich um die traurige Lage ihrer Gcschlechtsgcnossinnen. um die Prostitntion kümmern und tiefer in sie eindringen. Die Kreise der Frauen aber, die tziigefangen haben, sich mit diesen Sachen näher zn beschäftigen, haben übereinstimmend das Verlangen gestellt, wie eS sich in zahlreichen Petitionen äußert, diesen Paragraphen zu streichen. Wenn dieser Paragraph nicht gestrichen werden sollte, so bitte ich Sie jedenfalls um Annahme nnsrcs Antrags, der die Lokalisierung der Prostitution, die Bordelle verbieten will. Dies Verbot ist notwendig, speciell im Interesse der armen, arbeitenden Bevölkerung, denn die Polizei wird nicht etwa sagen: Ihr Dirnen Berlins dürft nur unter den Linden wohnen. Nein, die jungen Mädchen der Bourgeoisie die sollen vor dem Anblick des Elends gehütet werden, die Prostitution� wird in die Arbeiterviertel verlegt, denn die Arbeiterin wird ja doch social fast der Dirne gleich geachtet. Daß die Kasernierung der Prostitution stets in dieser Weise gehand- habt wird, beweisen Ulis die Städte, wo Bordelle noch bestehen. Denn in der That giebt es in vielen Orten Bordelle, wenn die Re- gicrung dies auch bestreitet und diejenigen, welche die Wahrheit in der Preise behaupten, auch angeklagt iverden. Es ist ein großer Widerspruch, wenn man auf der einen Seite in diesem Gesetz die Kuppelei bestraft und andrerseits der Polizei das Privilegium giebt, Knpplcrdienste zu leisten. Um so weniger wird es verstanden, wie man der Polizei ein solches Recht einräumen kann, da sie schon mit andern Arbeiten so überlastet ist, daß die.eigentlich schweren Verbrecher bei uns häufig frei ausgehen. Durch dieses Gesetz habe» Sie der Polizei ja außerdem auch»och die Aufsicht über die Produktionen der bildenden und dichtenden Kunst eingeräumt. Ich will nicht darauf eingehen, ob die Polizei dieser Aufgabe besonders gewachsen ist, am allerwenigsten eignet sie sich jedenfalls zum Sittenrichter. Denken Sie doch nur aii die Unzahl von Mißgriffen der Polizeibeamten, die in den letzten Jahren konstatiert sind, die zum größten Teil durch den Uebcrcifcr der unteren Beamten veranlaßt sind, möglichst viel Anzeige» zn machen. Wer war denn Heinze, nach dem dies Gesetz seinen Namen hat? ES war ein Zuhälter, der im Dienst der Polizeibehörde stand. Diese Behörde, die sich mit der Hefe des Volks zusammenthun muß, kann man doch unmöglich zum Sittcnwächtcr machen. Ich freue mich, daß bis jetzt aus dem Hause nicht der geringste Widerspruch gegen unsren Antrag auf Streichung des Paragraphen erhoben ist (Heiterkeit), daß Sic alle mit uns einverstanden sind und einstimmig sür unfern Antrag stimme» werden.(Große Heiterkeit, lebhafter Beifall bei den Socialdemokraten.) Abg. Bcckh-Coburg(frs. Dp.)? Es tväre gewiß sehr wünschenswert, wenn wir den 8 361,6 streichen köiiiiten. unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist das aber unmöglich. Das Uebel der Prostitution ist in dieser Weise nicht aus- znrott'en. Wenn diese Bestimmung gestrichen würde, wäre die notwendige Folge eine ungeheure Vermehrung der Geschlechtskrankheiten. Ans sanitären Gründen ist also dieser Paragraph durchaus bc- rechtigt. Wenn man den Wohmmgsmieter-Paragraph nicht abgelehnt hätte, iväre über die Streichung der Ziffer 6 zu reden, so ist sie nicht möglich. Präsident Graf Ballestrcm: Die Herren Abgg. Graf v. H o m p e s ch(C) und L e v e tz o w(k.) beantragen den Schluß der Debatte. Abg. Singer(zur Geschäftsordnung): Ich beantrage über diesen Schlnßantrag namentliche Ab- stimmniig. Abg. Hauffmann(südd.Vp.)(zur Geschäftsordnung): Ich habe zum 8 361 mehrere Anträge eingebracht, sie beziehen sich alle aus 8 33l. Ich bitte Sie, dem Hanse dieselben zur Kennt- nis zu bringen. Ich nehme an, daß, auch wenn die Diskussion ge- schloffen wird, ich noch das Wort zur Begründung meiner Anträge bekomme. Präsident Graf Ballcstrem: Herr Abg. Haußmann, Ihre Anträge beziehen sich zwar auf den 8 361, aber nicht auf die Ziffer 6 dieses Paragraphen. Die Diskussion ist lediglich über Ziffer 6 des 8 361 eröffnet worden. Ihre Anträge kommen also erst später zrir Beratung.(Heiterkeit.) Die Anträge auf Schluß der Debatte und ans n a m e n t- l i ch e Ä b st r m m u n g erhalten beide ausreichende Unter« st ü tz n n g. In namentlicher Abstimmung wird der Antrag auf Schluß der Debatte mit 2l3 gegen 92 Stimme» angenommen. Präs. Graf Ballcstrem: Wir kommen nunmehr zur Abstimmung über die diskutierten Anträge. Ich werde zunächst abstimmen lassen über die Eventnalanträge A lb r e ch t(Soc.) nndHeiuc(Soc!) und hieraus über den Principalantrag Alb recht(Soc.). Sämtliche Rbstinnmmge» sind namentliche.(Heiterkeit.) Der Eventualantrag Alb recht(Soc.) wird mit 221 gegen 73 Stimme» abgelehnt. Es folgt die namentliche Abstimmung über den Eventualantrag Heine(Soc.). Dieselbe vollzieht sich unter wachsender Unruhe des Hauses. Präsident Graf Ballestrcm: Meine Herren, ich bitte, etwas ruhig zu sein, an die Stimme der Herren Schriftführer werden heute besondere Ansprüche gestellt.(Heiterkeit.) Der Eventualantrag Heine(Soc.) wird mit 213 gegen 70 Stimmen abgelehnt. Endlich wird der Principalantrag Albrecht(Soc.) und Gen. in namentlicher Abstimmung mit 237 Stimmen gegen 48 Stimmen abgelehnt. Es bleibt bei der KonnnissionSfassnng. Hierauf schlägt der Präsident dem Hanse die Vertagung bor. Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr.(3. Beratung der Ucbcrsicht der Einnahmen und Ausgaben für das Rechnungsjahr 1898. 3. Bc- ratung der N a ch t r a g s- E t a t s. 3. Beratung der lex Heinze. 3. Beratung des Fleischbesckau-GcsetzeS.) Schluß 7 Uhr. Navlsmenkavifches. J>> der Vudgctkounnission des ReichStagS iuulde am DolinerStag die Beratung der Novelle zum Reichs- Sie Mpelge setz, und zivar des Stempels für Aktien, Renten und SchnldvcrsSreibnngen fortgesetzt. Abg. v. Kardorff hat den ocstern diskutierten Antrag der staffelweisen Besteuerung der Emissionen nach dem Kurswert zurückgezogen und dafür einen ein- fächeren Antrag eingebracht, der noch nicht gedruckt vorliegt, Die Konnnission hat in erster Lesung den Aktienstempel von 1 auf 2 Prozent erhöht. Abg.' Bebel glaubt, dah noch ziemliche Unklarheit herrsche darüber. was eigentlich geschehe» solle. Eine Bestenernng � der Börse sei populär. habe jedoch ihre Bedenken, da infolge der Steuererhöhung eine Abnahme der Geschäfte zri befürchten sei, also auch kein Mehr- ertrag der Steuer eintreten würde. Zudem wurde, wie seither schon. die Folge der Steuererhöhung eine iveitere K o n z e n t r i e r n n g des Börsengeschäfts in den Händen großer Riefenbankeii feilt._ Die Berniinderuna der kleineren Bankgeschäfte sei eine Thatsache, und diese Verminderung werde auch eine Reduktion des Personals zur Folge haben. Abg. ZNiiller- Fulda bezeichnet die Behauptungen der Petition der Acltesten der Berliner Kaufmannschaft gegen die Börsensteuer als ganz unrichtig. Die Eingabe behaupte, die geplante Erhöhung der Börsen- llmsatzsteuer werde den gehofftcu Erfolg nicht haben und leinen Mchrertrng liefern. Thatsächlich habe die Börsensteuer ergeben im Jahre 1892/93: 9 180 000 M.; im Jahre 1893/94: 8 160 000 M. Dagegen nach Erhöhung der Umsatzsteuer 1894/95: 10 400000 M. und 1895/98: 19 900 000 M. Bon diesem Steigen dcS Ertrags schweige die Petition. Entlassungen dcS Personals als eine Folge der höheren Steuer befürchte er nicht. Auch werde bei der' erforderlichen Kontrolle der Ertrag der Steuer völlig ausreichen. Rodner stellt noch folgende Anträge: 1. den Stempel für Reuten- und Schuld vcrschrcibungcn ausländischer Staaten nicht zu erhöhen; 2. auch die neuen Anteilscheine der Rcichsbank zur Stempelsteuer heranzuziehen.— Der erste Antrag empfehle sich cvent. ans politischen Gründen. Abg. Graf Nrnim(Rp.): Er halte die Börse für ein not wendiges Institut, sie könne aber die Erhöhung des Stempels sehr ivohl vertragen. Die Acltesten der Berliner Kaufmannschäft hätten iu ihrer Eingabe gegen die Börsensteuer stark aufgetragen. Er habe keineswegs die Befürchtung, daß die geplante Erhöhung der Börsen steurr die AnZivanderung der Börsengeschäfte ins Ausland zur Folge haben würde. Abg. Graf Etollberg sk.) wundert sich darüber, daß die Social- dcmokratie. dir doch in der Theorie des Großkapital bekämpfe, jetzt bei der Börsensteuer auf Seiten der Börse stehe. Er hege keinen Haß gegen die Börse, die ein notwendiger Faktor im WirtschaftS- leben fei. Aber Steuern solle gerade die Börse aufbringen, wo cZ stch darum handle, starke Schultern zu belasten und die Ausgaben der... �" von flotte demjenigen Stande aufzuerlegen, der vornehmlich Vorteil der Flottenvorlngc habe. Beides treffe auf die Börse zu. Geheimer Rat Wcndelstadt nimmt die Eingabe der Bektesteu der Berliner Kaufmannschaft gegen die Angriffe des Abg. Müller- Fulda in Schutz. Abg. Richter hofft, daß die Hcranzichuug der Flotteueuthusiasteu zu den Kosten der Fllottenvorlage diese etwas abkühlen werde. Die Eingabe der Berliner Kanfuiamischaft sei durchaus sachlich gc- halten. Durch die Erhöhung der Iliusatzsteiier würde der Provinz- verkehr am meiste» leiden, der EmissiouSstempcl werde die Banken auch nicht treffen. Man brauche die Börseusiclier gar nicht zur Deckung der Flottenkostc». Abg. Miillcr-Fnlda hofft, daß eS möglich fein werde, event. im nächsten Jahre das Börfengefetz zu revidieren, behufs Beseitigung der in demselben cnthalteiicn nmiötigen Beschränkungen, Ivelche mir das Geld verteuern. Die an die Erhöhung der Börfenstcrter ac- knüpften Befürchtungen seien unbegründet, dci es doch Thatsache sei, daß sich die Berliner Börse trotz' der Börsensteuer im Laufe der Jahre in großartiger Weise entwickelt habe. Abg. Dr. Paasche(natl.) stellt den Antrag, in den Antrag Mnller-Fiilda betr. Renten- und Schuldverschreibungen ausländischer Staaten noch aufznnchnicn:„von ausländischen Staaten garantierte Renten und Schiildvcrschrcibimgcn". � Abg. Bebel bestreitet gegenüber dem Grafen Stolbcrg, daß die Socialdcmokratcn die Börse beschützen. Sie seien mir gegen Stenern, welche � die geschäftliche Entwickelnng hemmen und die Lasten ungerecht verteilen. Die Direktoren der großen Banken zahlen nichts zu den Kosten der Flottciworlagc. denn die Börse wälze die Steuer einfach ab auf die Kunden, die vielfach kleine Leute seien. Deshalb feien die Socialdcmokratcn gegen die erhöhte Börsensteuer. Abg. Frese sfrs. Vg.) begründet die Anregung des Abg. Müller- Fulda betr. Revision des BörscngesctzcS mit Freuden. Für ihn sei die Hauptsache, daß der llnisatzstcmpel bei-/io belassen werde. Abg. Biisiug inatl.) verweist darauf, daß sein Vorschlag, außer dem Lotteriestempel nnr noch einen Stempel auf Eisenbahnfahrkarten erster und zweiter Klasse zu erheben, der leider keinen Anklang ge- fnnden habe, zur Deckung vollkommen ausgereicht, niemand' un- gereckt belastet und die Börsensteuer Überflüssig gemacht hätte. Hierauf wird zur A b st i m m u n g geschritten. Es wird a n g e n o m m eti: 1. der Antrag M ü ll e r- Fulda, die Anteilscheine der Reichs dank zur Steiiipelfteiier hcranzuziehen, 2. Der Antrag v. Kardorff, betr. Einfügung dcS Betrags in den Reniiwert, lim welchen inländische Aktien über den Nennwert ausgegeben werden sA g i o der Emission). Die weitere Abstimmung über den Antrag v. Kardorff, den Stempel auf Renten und Schiildverschreibuiigen auf 1 Proz. fftatt 4 vom Tausend) festzusetzen, sowie über den Antrag Müller- Fulda. diesen Stempel ans 0 vom Tausend zu erhöhen, wird auf Freitag, wo die Beratung fortgesetzt wird, vertagt. Die WahlprüfungS-Kommissio» beschloß in ihrer gestrigen Sitzung die Wahl des Abg. Firzlaff, 8. Köslin. für güllig zu erklären. Gegen diese Wahl war seiner Zeit Protest wegen weit- gehender amtlicher Wahlbccinflnssimgcn erfolgt und der Reichstag hat dicserhalb Erhebungen bcfcklosscn. Diese haben staltgefundeii und in wesentlichen Punkten die Bestätigung der Protestbehauptimgen ergeben. Trotzdem besckloß die Kommission die Gültigkeit der Wahl zu bcantragen. Mit dieser Sitzung hat die WahIpiüsinigS-Koininissioii ihre Thätigkeit vorläufig zum Abschluß gebracht. Zwar sind die Wahle» der Abgeordneten H i l b ck sDortminid) und Henning sEalan-Lnckan) noch nicht erledigt, dies kann aber jetzt auch nicht geschehen, weil die vor ca. 3/4 Jahren vom Reichstag beschlossenen Erhebniigc» noch nicht zum Abschluß gebracht und die Akten von den zustniidigeu Behöiden noch nicht an den öteichstag zurückgesandt sind.— Wann diese Rück- sendiiiig erfolgen wird, ist natürlich nicht abzusehen. Auf alle Fälle zeigt dieser Vorgang wieder, wie sehr bei uns die Erledigung der Wahlpriifimgcn durch den bnrcankratischen Mechanismus, der bei de» amllicheii Erhebungen zur Aiiwendimg kommt, erschwert wird Warum wurde ich Soeialdemokrat? lieber dlcscS Thema sprach am Miltwolßabend Genosse Paul G ö h r e, Pfarrer a. D.. in Chemnitz in zwei Volksverfanun klingen, die sich eines solchen Zuspruchs zu erfreuen hatten, daß die isale schon lange vor Beginn polizeilich abgesperrt werden mußten. Göhre führte ungefähr folgendcs'aiiS: Ich fall Ihnen heute die Gründe miSeiuaiiderfetzen. die mich, wenn mich nach langem innerem Widerstreben, veranlaßt haben, der Socialdeniokratie beizutreten und an der Seite der organisierten Arbeiterschaft zu kämpfen. Eigentlich bedurfte eS dieser Gründe nicht, da während meines ganzen Lebens der Arbeiter im Mittel- punkte desselben gestanden hat. Schon von jung auf sah ich die oft traurigen Verbältuiffe und diese zwangen mich zum Nachdenken. Als ich die Universität absolviert hatte, wurde ich Pfarrgehilfc in einem armen Dorfe der Lausitz. Dort lernte ich dann daS Elend in seiner bittersten Art und Weise kennen. Dann ging ich auf drei Monate hierher, um als Fabrikarbeiter die Dinge nuS eigner Erfahrung keimen zu lernen. är des evangelisch-socialen Kongresses. I her yon mir angeführten Grunde fehlen sollten. Die Reaktion niacht : ich es allezeit für meine heiligste Pflicht sich in gefahrdrohender Weise breit in Deutschland, und an reaktionären s«, s...... Wolkenschicbcrn fehlt es wahrlich nicht. Hier kann nur die Social- demokratie mit Erfolg Widerstand leisten. Darum bin ich zur Partei gelommen, und ich glaube, daß Sie auch mich gebrauchen kömum. Ehrlich und niutig werde auch ich gleich Ihnen zur Partei halten, und wo es gilt, für dieselbe und unsere Ideale und Forderungen zu kämpfen, da werde ich nicht der letzte sein.(Stürmischer lang- anhaltender Beifall.) 'Die Diskussion, die sich an den Vorkrag anschloß, war kurz. Nach einem Schlußwort GöhreS erreichte die imposante Bersammluiig ihre Ende._ Aus der Fruuenbeluvgung. Berein für Frauen und Mädchen.der Arbeiterklasse. Montag, den 21. Mai. abends SVa Uhr, in den Arminhallen. Kom- inanda'ntenstratze 20: I.Vortrag des Herrn Rechtsanwalts F r ä n k l: .Aus der Geschichte der Justizmorde und Jnstizverbrechen". 2. DaS Verciusrecht der Frau. 3. Diskussion. Gäste willkommen. Der Vorstand. Der Frauen- und Mädchcn-BildnngSverein Ripdorf hielt am 10. d. M. seine Generalversammliing ab. Nach einem sehr interessanten Vortrage der Frau Dr. Weyl über das Thema:„DaS Weib" erstattete die'Vorsitzende Bericht über das dritte Vereinsjahr. Danach haben im Berichtsjahr zehn Versmiinilnngen und zwei Ausflüge stattgefunden. Tie Mitgliederzahl ist beständig gestiegen und betrug am Ende des Jahres 100. Den Kasienbericht gab Frau Harnisch wie folgt: Einnahme 161,95 M., Ausgabe 24,45 M., so daß mit Hinzurechnung des Ileberschnsses vom Stiftungsfest ein Bestand von 172,20 Vi. verbleibt. Der Kassiererin wurde Dccharge erteilt. Es wurden folgende Personen in den Vorstand gewählt: Frau Jäger. Vorsitzende: Frau Harnisch, Kassiererin; Frau Jectze, Schrift- führerin; Frau Neinnmin, Beisitzerin; Frau Netzcr, Beisitzerin; Frau Waldow und Frau Eibert, Revisorinnen. Unter Verschiedenes beantragte Frau Schulte eine kleine Druckerei zu kaufen und wurde der Antrag angenommen. Ferner wurde der Vorstand beauftragt 100 Broschüren„Die Geschlechts- krankhciten" von Dr. Blaschko zu laufen und unter Mitgliedern gratis zu verteilen. Es lvtirde dann ein Ausflug für Sonntag. 17. Juni. nach Johannisthal verabredet und Fräulein Neumann, Frau Netzcr, Fran Eibert, Frau Harnisch und Frau Zeetze mit den Anordiiuiigen dazu betraut. Wie die„Wiener Wäschermädcl" leben, davon erzählen die Wiener„Dotumente der Frauen" u.a. folgendes: Die Arbeits- zeit beträgt gewöhnlich 12—18 Stunden, in den letzten Tagen der Woche wird meist die ganze Nacht hmdnrck gearbeitet.„Es giebt Fälle, wo die Mädchen wochenlang gar nicht zu Bett kommen; da dauert die Arbeit bis 3, 4 Uhr früh, man legt sich auf die schmutzige Wäsche schlafen, ruht sich ein wenig ans. und um 6 Uhr früh ist die Fran. die natürlich die ganze Nckcht geschlafen hat, wieder da und weckt die Arbeite rinnen". An Sonntagen wird oft bis 4 Uhr gearbeitet. Der Lohn bei all diesen Frauen ist ein elender. Die Wäscherinnen an der Waschmaschine erhalten 7—9 M., in den Wäschereien, die gebrauchte Wäsche reinigen, 1�20—1,40 M. täglick, Büglerinnen bringen es auf 9—10 M. pro Woche.„In den Wäschereien— so heißt es weiter— besteht dann noch ein ganz besonderes Aiisbeiitimgsspstcni. Es werden nämlich viele Mädchen nicht als Arbeiterinnen, sondern als Dienstmädchen aufgenommen und nur zur Arbeit iu der Wäscherei verivcndct. Das sind Mädchen vom Land, ans Böhmen und Slovcnieu; sie erhalten die Kost und 8—9 M. im Monat; sie erfüllen alle Forderungen, die man an sie stellt."_ VermisMes. lieber ein ebenso seltsames wie entsellltches Attentat auf einem Dampfschiff wird aus K ö p i n g in Schweden gemeldet: Als der Dumpfer„Köping" Mittwochabend 11 Uhr auf dem Mälar- See den Dampfer„Prinz Carl" passierte, prang au Bord des letzteren eine Person hervor mit dem Ruf:.Wenn jemand sich nähert, schieße ich!" Eine Frauensperson hing, um Hilfe riifcnd, au der Außenseite des„Prinz Karl". Der Unbekannte, welcher den Ruf ausgestoßen hatte, entkam in einem Boote. An Bord des Dampfers„Prinz Karl" wurden 12 Personen durch Schüsse verwundet vorgefunden, von denen 6, darunter der Kapitän, bereits gestorben sind. Die übrigen an Bord des„Prinz Karl" befindlichen Personen waren eingesperrt. Einer der Bcrwunbeten ist heute gestorben. Der Mörder wird polizeilich verfolgt. Ans Könitz wird berichtet: Am Dienstagabend 11 Uhr wurden die Leichenteile des ermordeten Ernst Winter ans dem Gebäude der Stantsamvaltschaft wieder nach dem Krankenhniise zurückgebracht. Die ans Anordnung des Ministers hier eingetroffenen' Herren Dr. Mittenzweig und Dr. Straßmann nahmen am Mittwoch zusaiiinien mit Herrn Sanitätsrat Dr. Müller nochmals eine Srezimnig der Leickenteile vor. Attentat in einer oberfchlesischen Hütte. Ans M y S l o w i tz wird der„VolkS-Ztg." gemeldet: Ein Hüttenarbeiter versuchte, den Schinelzincister in den glühenden Hochofen zu stürzen, erstach ihn dann und verletzte mehrere Arbeiter. I» Glatz ist das Stadt- Theater gestern teilweise niedergebrannt. Bon der Torpedoboot« Flottille. Ans Köln wird der Volks-Zeitnng" berichtet: Ein DivisionSboot der Torpedoflottille ist gestern abend, nackdein es von einer Kommission feierlichst eingeholt war. Hierselbst eingetroffen und vor Anker gegangen, um später mit den übrigen Torpedobooten gemeinsam die Rückreise anzutreten. Gerüchtweise verlautet, daß bei dem gelegentlich der gestrigen Torpedobootabfahrt in Nierstein erfolgte» Brückeneinsturz eine Anzahl Personen umgekommen seien, drei Schulkinder ans Denisheim, sowie mehrere Persönen ans der Umgegend von Oppeicheini werden noch vermißt. Sie waren bis gestern abend noch nicht bei ihren An- gehörigen eingetroffen. Hoffentlich«rweist ffch das Gerücht als 'alsch. Im Hafen zn Petersburg explodierte ans einem Torpedo- boot gestern der Dampfkessel, wodurch sechs Personen getötet und eine vcnmmdet wurde. Später war ich Sekretär Auch in jener Stellung hielt und Aufgabe, jene Bewegung der der' Arbeiter näher zu bringen. Dann wurde ich Pastor und gab später das Amt auS innerer Not- wendigkeit auf, weil ich mich nicht so ungehindert bewegen konnte. wie ich wollte und mein innerer Drang eS verlangte. Im Verein mit Naumann gründete ich die national- sociale Partei, um au' eignem Wege.' nnabhängig von der Socialdeniokratie, für die Arbeiterschaft wirken zn körnten. Aber auch hier war meines BlcibenS nicht lange. Die Haltung der National- Socialen, die sich zwischen das Proletariat und das Ünternchmertum glaubten stellen zu müssen. also abseits dcS großen Ringens, veranlaßte mich, meine Wege zu gehen. Wieder stand ich allein, d. h. ich fühlte, daß ich mich nun der Socialdemokratie anschließen m u ß t e. Ich gestehe offen, jahrelang habe ich mich dagegen gesträubt und mit mir gekämpft. Es sind nun vier Gründe, die mich trotz jahrelangem Widerstreben zu dem Schritte veranlaßt haben. Zunächst der Gedanke des C h r i st e n t n m s, und auch als Socialdemokrat Iverde ich den christlichen Gedanken hochhalten Mancher von Ihnen wird bei sich denkeit, das ist noch so ein Erbe von der Pastorenzeit, wie vielleicht manchem von Ihnen in diesem Augenblick der inigliickliche Theodor von Wächter in Erinnerung kommt. Aber zwischen mir und v. Wächter ist doch ein großer Unterschied. Jener wollte auch als Genosse noch immer der Prediger sein; ich aber sehe in der Socialdemokratie die wirtschaftliche und politiscke Partei. die Partei des KainpfeS. Daran kann maii mich allerdings nicht hindern, auch innerhalb der Partei einmal über das Christeunint zu sprechen, aber nur dann, weim ich angegriffen werden sollte. Sonst aber ist das meine Privatsache. Aber gerade diese meine christlich-religiösen Aiischaumtgeit sind es mit, die mich bei der Socialdcmokraiic enden ließen. Religion war in den Augen des Naza reuerS die Liebe zum Menschen und der Menschen untereinander. Jene Lehre von der Nächstenliebe war und ist die Forderung der Solidarität aller Menschen. Wer also Christ das heißt ein wirklicher und wahrer Christ sein will, muß diese Solidarität hochhalten, und alle seine Kraft, Intelligenz, seine sociale Stellung furchtlos in den Dienst der Solidarität aller Menschen ein- setzen, damit alle Menschen Anteil nehmen können au den Gütern der Kultur.(Lebhafter Beifall.) Jenes Christentum, das in der Solidarität, also iu der Nächsten- liebe, sein höchstes Ziel sieht, ist heute in der Socialdemo- kratie verwirklicht, die den Gedanken der Solidarität nicht nur propagiert, sondern auch praktisch zur Durchführung bringt. Die christliche Wohlthätigkeit hat sicherlich manches Gute an sich, aber sie trägt den Almosencharakter, und entbehrt jenes hohen Solidaritätsgedankens, den Jesus hatte. Der Tolidaritätsgedauke des Razarenors hat in der internationalen Socialdemokratie seine moderne Attforstehiliig gefeiert. Deshalb mußte ich sckoii als Christ, um des ChrijlcntnmS willen, Socialdemokrat werden. (Großer Beifall.) Der z w e i t e G r u u d, der mich zum Eintritt in die Social- dcmokratie drängte, ist die s o c i a I i st i> ch e Wissenschaft, die den Beweis für die Notwendigkeit und Möglichkeit der Durch fühning jener.Solidarität erbracht hat. Die soeialistische Winenschast war es aber' auch, die drn Kapitalismus tödlich ins Herz gc- troffen hat. Die Arbeiter, der SocialismuS, die Socialdemokratie haben die Rolle des Angreifers übernommen, und die kapitalistische Gesellschaft in die Rolle dcS Augcgriffcuen gedrängt. Ans der Traumwelt der Utopie wurde der Gcdmike des Socialisinns heruntergeholt und durch die soeialistische Winenschafr in ein ökonomisches Princip umgewandelt. An Stelle des Privat» eigeiiiinns soll das des Gemeineigentums treten, an Stelle der Kiajsenhcrrschaft die Gleichstellung. Solidarität und Nächstenliebe anstatt Unterdrückung und Atisbeutnug. Die Socialdemokratie muß schon deshalb siegen, weil sie a l l e i n über daS geistige Rüstzeug verfügt, um die heutige Gesclischastsordnnng umzuwandelu. Aber sie verfügt nicht nur über das geistige Rüstzeug, sondern bat auch die Kämpfer dazu, uiii die Solidarität zu verwirklichen. Die Kämpfer sind in erster Linie jene, die ökonomisch Und gesellschaftlich entbchrcii. aber den Mut und die Kraft haben, für ihre Ideale, und das ivas sie als Siecht und erstrebenswert erkannt haben, zu kämpfen, ei es unter noch so schweren Opfern, ja mit Einsetzung ihrer Person. EL sind Menschen, jene Kampfer, die wohl wissen, daß sie mir in der M a s s e ctivas bedeuten, und darum auch daS energische Arbeiten daran, die Masse der schon Aufgeklärten zu vergrößern. ic aufgeklärten socialistischcn deutschen Arbeiter sind die Phalanx in diesem Kampf. Der dritte Grund ist die T a k t i k, die bei der Social- demokratie die dcS Klassenkampfs ist. Und nur der Stärkere kann da siegen. Möchte man mich der Socialdeniokratie sogenanntc „Vorteile" für die Arbeilcrklassc bieten, um sick ihrer zu erwehren. sie blieb nach wie vor, was sie ivar. Waren die„Vorteile" acceplnbel, wurden sie angciiontmen. nndernfallS aber abgelehnt. Aber meistens Ivar das Gebotene ein Danaergeschenk. Ein Zehntel boten die Gegner, unni Zchmel behielten sie für stch. Aber weder Drohniigeu, Geivalimaßicgclii, noch sogenainrte Vorlcile lenkten die Socialdemo- kratie von ihrem einzig richtigen Weg, nämlich dem des Klassenkampfs ab. Dadurch hat sie auck die bürgerliche u Parteien gczwtuigcn, Farbe zu bekenne», daß sie nichts andres sind, trotz aller Redereien, als r eine I ii t c r c s s c u V e r tret n nq e n. Infolge- dessen ivmde die Socialdemokratie der Mittelpinikt des geistigen, politischen, überhaupt des öffentlichen Lebens. Mit der scharfen Betonung des Klassenkampfs erreichte sie es, daß daS soeialistische Endziel ein politisches Princip geworden ist. Ich sah und lernte begreifen die mühselige Arbeit der klaffen- bewußten Arbeiterschaft auf allen Gebieten der Social- r e f o r m in Staat n n d Gemeinde. Und diese Arbeit hat nach meiner festen Uebcrzengung noch nicht im gcringsten den Klassenkampf-Charakter geschwächt, sondern nnr gestärkt und die Arbeiter weitsichtiger g c nt a ch t. Die soeialistische Partei nützt alle gesetzlich gewährleisteten Rechte anö. Wird sie aber daran vom Bnrgemmt verhindert, so bcaiebt sick dieses auf nngesetzlichen Boden, verschärft den Kamps in schliiumster Weise und sckafft Märtyrer, die einer Kampfpartei iveitere Erfolge bringen müssen. Müsse mckt jeder Mensch zum Nachdenken angeregt werden. wenn man sieht, wie eine Partei so kühn und furchtlos ein so hohes Ideal wie das des SocialismuS und der Socialiffennig der Gesell- schaft erstrebt, und das mit Anhängern, die i» der Masse nicht rnif den Höhen, sondern noch in den Niedenniaen der Kultur wandeln! Ueberall in dieser Partei ist ein mächtig pulsierendes Leben, ein furchtloses Vorwärtsdringen. Nur diese Partei hat die Eigen- sckaftcn, die Kraft und Ausdauer, die Solidarität aller Menschen zu verioirklichen. Und um dieses Endziels willen mußte ich Socialdemokrat werden.(Lebhafter Beifall.) Sodann weist Genosse Göhre darauf hin, daß er auch auS Vaterlandsliebe sich der Partei anschließen mußte. Das Vaterland lieben heiße in erster Linie das Volk glücklich, frei, geistig und physisch gesund machen. Daran hat die Socialdeniokratie von jeher mit Eifer und Sachverständnis gearbeitet und daher wahren Patriotismus gezeigt. Daher lehnt die Partei auch mit Recht die Wcltmachtspolttik ab, die dem Lande nur Opfer auferlegt, dagegen für die AilSgestaltung und Besserung im Lande wenig übrig läßt. Wer das deutsche Volk kulturell heben, die Lage der arbeitenden Klasse verbessern will, damit die Masse des Volks besser leben kann wie heute, der zeigt richtige Vaterlandsliebe, und nicht jene, die Deutschlands„Größe" darin erblicken, draußen Eroberungen an Kolonialbesitz usw. zu macheu.(Beifall.) Meine Vaterlandsliebe, und solche besitze ich, findet in der Socialdemokratie voll ihre Rechnung. Das letzte Motiv zu meinem Uebertritt liegt in all den Vor- gängen der letzten Jahre. Ich will nur au die llmsturz- vorläge, preußische Vereinsgesetznovelle, Ziichthausvorlage, die Berliner Portalgeschichte, daS Auftreten dcrBehvrden in Mecklenburg und Sachsen- Weimar— und nicht zn vergessen Löbtau— erinnern.' Solche Dinge müssen einen denkenden Menschen stutzig machen, selbst wenn ihm die vor- Marktpreise von Berlin am tfl. Mai 1000 nach Quiiiiliiiiiften des tgl. PoliztipriisidinmS. Weizen, gut D.-Ctr mittel„ gering Roggen, gut mittel gering Bnsle, gut mittel, gering, Haftr, gut mittel, gering Zllchlstroh, < ien trdsen. Speisebohnen. Linien ,. Prodnktenmnrkt obachteten die Nehmer 15 20) 14,95 14,1)0 13,00 13,30 15,20 14,60 14,- 5,66 8,90 40- 45,— 70.- vom 14.- 13,40 12,80 14,70 14,10 13,60 5,20 Üb- 25,— 30,- 17. Mai Kaitofscln, neu«, D-Ctr. Nindslcisch. Keule 1 kg do. Bauch, Schweinefleisch„ Kalbfleisch Hammelfleisch Butter vier llarpse» Aale Zander Hechle Barsche Schlei« Bleie Krebse «0 Stück 1 hg per Schock 8,- 1,60 1,20 1,60 1,60 1,60 2,80 3,60 2,20 2,80 2,60 2,20 1,60 8,— 1,20 13,- 1900, Getreide. Heut« am Frühmartt eine abwarundc Halbing und S,- 1,20 1,- {;- i- 2,- 3,20 1,20 1,40 l'2Ö 0,80 1,40 0,80 3,- be- die Preise waren bei gänzlich leblosem Handel nomineu unverändert. Mittag ; trat dann eine leichte Aufwärtöbewegmig der LiefcrungSpreise ein, da Amerika feste Kurse sandte und rnsstschc Offerten vor der Hand nur iu i geringem Umfange am Markte wann. Die Saatcnstandsklagen dauern sort, nur in Rnstland solle» die Saaten stch in befriedigender Entwicklung be- finden. Welzen und Roggen wurden ungesähr 0,50 M. htber gehalten, fanden jedoch kaum Aufnahme, Effektive Ware verkehrte bei fchivachen An- geboten zu gut behauptete» Preisen. Lieferungen blieben auch weiterhin fest und schloffen durchschnitttich 0,75 M. höher als gestern. Hafer zoz bei ruhigem Handel 0.50 M. an. Mais war auf afrikaiiische Anregung 2 M höher, Ruböl nach gestriger nachbörslicher Hauffebewegiliig heute Weiler steigend.- Spiritus loco 0,10 M. im Preise gebefferi. Nur>cu Jnbalt der Inserate kberiiiiiinit die Nedakiion dem Publik»,» gegenüber keinerlei Perli»tl»ori»ng. Cljcafcu. Freitag, den 18. Mai. Lpernhans. Tailnbüuser und der Sängerkrieg ans Wartburg. Zlin lang 7»/, Übt. Schauspielhaus. Diel Lärmen um nichts. Anfang?,/, Uhr. Deutsches. Untreu. Borher: Die Geschwister. Anfang?,/z Uhr. Lcssiug. Die Ehre. Anfang 7,/, Uhr. Berliner. Luigi Cafarelli. Toten- tanz. Anfang 7>/, Uhr. Nenes. Im Exil. Ansang 7»/, Uhr. Residenz. Die Dame von Maxim. Anfang 7'/, Uhr. Weste». Die Geisha. Anfang 7-/- Uhr. Schiller. Niobe. Hieraus: Der Diener zweier Herren. Ansang 8 Uhr. Thalia. Wie man Männer fesselt. Anfang?>/, Uhr. Snise». Ihr Pathe. Ansang 8 Uhr. Central. Berlin nach Elf. Anfang 8 Uhr. Victoria. Am Rande des Abgrunds. Ansang 8 Uhr. Friedrich< Wilhel,»städtisches. Der Trompeter von Söllingen. Anfang 8 Uhr. Carl Weist. Der Minenkönig von Transvaal. Anfang 8 Uhr. Belle- Rlliauce.(Internationale Urania.) Bis ans Ende der Welt. Anfang 7� Uhr. Metropol. Specialitätenvorstellung. Der Zauberer am Nil. Ansang 8 Uhr. Slpollo. Specialitäten- VorsteNung. In, Reiche des Jndra. Ansang 8 Uhr. Relchshallen. Stettiner Sänger. Ansang 8 Uhr. Passage> Pauoptikuiu. Specialt- Intcn-Borstelluug. Urania. Fnvalideuslr. S7/VS. Täglich abends von 5—10 Uhr: Sleriuvarte. Taubeiistraste 48/ckit. Abends 8 Uhr(im Theatersaal):„Don den Alpen zum Vesuv". WlttÄMter (Wallner-Theater). Freitag, abends 8 Uhr: ürioll»«. Schwank in 3 Auszügen nach Harry u. E. A. Panlton v. Oskar Blumenthal. Hieraus: »vr vlienvi.' zweier Herren. Lustspiel in 2 Akten v. Carlo Goldoni, deutsch von L. Schröder. Sonnabend, abends8Uhr: Brand. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Blarln lätnart. Sonntag, abends 8 Uhr: DI© Haubenlerche. (£ cn tval-diente v CechtiMer Lchersolg! 8#- Anfang 8 Uhr."ME Berlin nach Elf. Gr. Posse in glänzender Ausstattung. Die fenfattouellen Schlager: Liisobairn- Qnartett I Cordula! Lebeiislaus einer Künstlerin k Aut'xug der Parfüms. (Blendendes Ballett.) Morgen u. folgende Tage: Berlin naä, Elf. Thalia-Thealer. Tel. AmtIVa 6440. Dresdenoratr. 73/73. Gastspiel Annie Dirkens. Wie in(in Miliier fesselt. Daudcville- Posse in 4 Akten. Musik v. Victor Roger. Hauptrollen: Annie Diekens, Elise Kramm, Joh. Funker-Schay, Ellen Roland, Reinhold Wellhof, Hermann Haack, Albert Kühne. Anfang 7,/. Uhr. Morgen und folgende Tage: Wie tnan Männer fesselt. toopol-tater. Bchrenstr. 55/57. 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Mai, abends von 11 Uhr ab 2 Werfammlungei» und zwar für die Angestellten der Depots Brandenburgstrahe, Rixdorf, Treptow, Manteuffelstrahe» Jnselftrahe, frankfurter- strafte und Lichtenberg in Lonis Kellers Festsälen, Koppenstraste ÄlK Für die Angestellten der Depots Kreuzberg, Tempelhof, Schöneberg, Westliche Vorortbahn, Nürnvergerstrafte, (njarlotteilburg, Moabit, Ofenerstrafte, Uferstrafte, Brunnenstrafte, Ackerstrafte, Weinbergsweg, Schönhauser Allee, Pankow und Weiftensee im„Feenpalast", Wolfgangstraste, Ecke Burgstraße. Tages-Ordnung in beiden Versammlungen: 1. Bericht über die Verhandlungen mit der Direktion über unsre Forderungen. 2. Diskussion und Beschlußfassung. Die Kollegen, welche Mitglieder deS Verbands sind, werde» gebeten, ihr Mitgliedsbuch mit- zubringen.— IM" Täiniliche Angestellte erscheinen in Uuiform.-WK Die alte» Angestellte» sind verpflichtet, sämtliche uuninehr in den Betrieb ncueingestellten Kollegen in die Versammluiigc»»litznbringen. Nachzügler»ehinen sich am besten Äremser und fahren genieinsaui nach den betr Versammlungslolalcn. Die Beschlußfassung in den Versammlungen wird so lange ausgesetzt, bis alle Kollegen anwesend sind. DM" Da diese Versammlungen die Entscheidung bringen, müssen alle Angestellten nochmals eine Nacht opfern und Mann für Mann erscheinen! Ttrastenbahner! I» Euren Händen liegt jebt die Entscheidung, wollt Ihr eine Besserung Eurer Lage, dann fehle keiner in den Versammlungen: 67/12 Die Kiohnkoniniission. Attionäre und sonstige Interessenten lönnen Einlahkarten im Bureau Bischofstraße 13, I. in Enipfang nehmen. Vertreter der Presse legitiniieren sich durch Karten ihres Blatts. Todes-Anzeige. Allen Freunden und Genossen die traurige Nachricht, daß unser lieber Zohü Alax HeüriLv im Alter von lO'/j Jahren am 16. Mai gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabendnachviittag 6 Uhr auf dem Begräbnisplatz der Freireligiösen Gemeinde, Pappel-Allee, statt. Die trauernden Hinterbliebenen Familie Ilet-Ice, Eberswalderstraße 10. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten, sowie den Kollegen und Kolleginnen des Rudervcrcins„Vor- wärts', des Rudervereins„Eollegia". des Arbeiter-Radfahrerbunds, des Personals der Firma Reuter&. Siecke für die zahlreichen Kranzspenden am Grabe unsres Sohns unsrcn innigsten Dank. F. Silberschmidt 1076b nebst Frau und Kindern. Berichtigung. In dem Inserat l'nelesanielse Rudolph in Nr. 112 des„Vorwärts" muß es statt geb. Kotzmann geb. Zohmann heißen. UValdllutev. Unterzeichneter empfiehlt sich den geehrten Genossen, welche einen Aus- slug nach Friedrichshagen machen, sowie Vereinen, Fabriken und Gesell- schasten zur Abhaltung von Festlich- keilen, in den schön gelegenen Lokali- täten, Ausspannung, verdeckte.Kegel- bahnen, Kaffeclüche, gute Getränke. Billige Preise bei coulanter Be- dienung, im Saal jeden Sonntag Frci-Dnuz. Um gütigen Besuch bittet lOgZb Carl Frlck. Verlangen Sie gratis u.franko meinen I illustr. 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Mai, abends 8 Uhr, im Lokal des Herrn Brochnow, Webcrstraffc 17: Oesfentliche Versammlung der selbständigen Stnhlarbeiter, Weber und Wirker, Tuchmacher, Zeug- und Raschmacher Berlins u. Nmgeg. Tagesordnung: I. Welche Mittel und Wege sind einzuschlagen, um eine Aufbessrung wlsrer ArbeitslA/ne herbeizuführen? 2. Diskussion. Hierzu ladet ergebenst ein 1064b A. Külzer, Obermeister. Verein der Zimmerer Berlins und Umgegend. Sonntag, den 20. Mai, vormittags 10 Uhr, Mitglieder-Versammlung bei Colin, Beuthstr. 20. Tages- Ordnung: 1. VercinSangelegcnheiten. 2. Vortrag des Genossen P. Hirsch über: „Darf die Gewerkschaft unpolitisch' werden?" 3. Diskussion. 4. Anträge zum Kongreß. 5. Verschiedenes.' 257/6 JJM" Fn Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist eS Pflicht der Mitglieder vollzählig zu erscheinen. Der Vorstand. J. Hinrichsen, Gleditichstr. 19. YgM des technischen Bühnenpersonals, a, Sonnabend, den 19. Mai, abends 11 Uhr, Neue Rosistraste 3: V er saminlimg. 1. Gewerkschaftliches. 2. Verbands-Angelegenheiten. 3. Verschiedenes. Um zahlreichen Besuch bittet Der Borstand. sl080b Wand des Ben-, Erd- lind perbl. Hilfsarbeiter Dcntschlands. Zahlstelle Berlin V. Gruppe Rabitzspanner und Tr&ger, Sonntag, den 20. Mai, vormittags 10 Uhr: Mitglieder- Versammlung in Feuersteins Festsälen, Alte Jakobstraße 75. Tages-Ordnung: I. Wie denken die Rabitzspanner über einen Einheitslohn von 60 Pf.? 2. Verbandsangelegenheit. 3. Verschiedenes. 1071b Die Ortsvertvaltnui;. • I UI II UIIUIUII UÜI UlUfil Filiale Berlin I. Sonnabend, den 19. d. M.. abends 9 Uhr. im„Englischen Hof", Neue Roststr. 3: Mlikglievev� Vevsckmntlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kollegen Alb. Hossmann über„Lohn und Arbeits» bedingungen in unsrem Berus". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Filiale ii. Treibriemen-Sattler. Sonnabend, 19. d. M., abends 8V2 Uhr bei Baske, Grenadierftr. 33t Aaßerordentliche Mitglieder-Nersammlung. Tages-Ordnung: 1. Gründung des Unterstützungsfonds. 2. Verschiedenes. Finale iii. läZedner um! Koffermacher. Dienstag, den 38. d. M., abends 9 Uhr im„GewerkschaftshauS". Engel-Ufer IS: RegelmäHrgv Vevsammluttg. Finale iv. ffilitär-Sattier. Sonnabend, den 19. d. M., abends 9 Uhr in den„Arminhallen»» Uommandantenstr. 39: Mikgliedev-�evsammlung. Tages- Ordnung: 1. Bortrag des Kollegen Sassenbach:„Die Entstehung der Gewerk- schasten". 2. Wahl des zweite» Borsitzenden und eines Mitglieds zur Agitationskommission. 3. Verschiedenes. 157/10 Gäste sind in allen Versammlungen willkommen und wird um zahlreiches Erscheinen ersucht. Die Vorstünde. Mcher Doizliriikiter Vttbllnil. Heute, Freitag, 18. Mai, abds. 8'/, Ubr, im„Gewerkschaftshaus". Eiigel-ttfer 15: 89/6 Sitzung derörts-Verwaltung'. Tischler Verein. Sonnabend, den 19. Mai er., abends S'/a Uhr, Melchiorstraste 15 t ZM? VersammEung. Tages-Ordnung: Abrechnung vom Ostervergnügen und Vereinsangelegeicheiten. 198/12_ Der Vorstand. Apollinaris NATÜRLICH KOHLENSAURES MINERALWASSER. Versandt im Jahre 1888... 12,720,000 Gefässe „ 1899... 25,720,000„ „Sein angenehmer Geschmack und sein hoher Gehalt an reiner Kohlensäure, zeichnen es vor den andern ähnlichen Mineral-Wassern vortheilhaft aus." Gek. Med.-Rath Prof. Dr. Yirohow, Berlin. iVCWl >/> Kilo genügt(Qr 100 Tttsen M Ein Versuch oberzeugt, dass Van Heute ns Cacaa für den täglichen Gebrauch allen anderen Getränken vorzuziehen Itt. Er Ist nahrhaft, nervenstärkend, wohlschmeckend, leicht verdaulich und stets schnell bereitet. Van Houtens Cacao wird nur In den bekannten Blechbüchsen, niemals lose verkauft, da bei lose ausgewogenem Cacao nichts für die gute üualitat bürgt. Charlottenburg. Empfehle allen Freunden und Ge- nossen mein Weift- n. Bayrischbier- Lokal zur Alte» Linde, Leibnitz- straße 3. A. RUttger.[46772* KüuMche Inline? Vollständig schmerzlos. Plombieren und Zahnziehen. 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Bcrsilbercr und einen Vcrgolder- Lehrling verlangt Robert Biering, Kolonieftraße 5. s-f93 Tüchtige Farvigmacher verlanal Gummersbach, Langesiraße 15. s1-v6 Geübte Belegerinnen verlangt Werkmeister, Brunnenstr. 194. 110796 Schneiderinnen sowie Zuarbeite- rinne» verlangt Lanzeubergcr, Modistin für Theaterkonsektion, Rixdorf. Hobrcchtstraße 71. 1062b Karton- Slrbeileriunen verlangt Kartonsabrik Joachimstraße 11.[9286* Fi» SlrveitSmarkt durch besonderen Druck hervorgehobene «i, zeigen kosten 10 Pf. pro Zeile. ii™ Em geschickter, seW�iger tiiCih-kCUllSS-BMCl für Bronze- und Silberguß erhält lohnende und dauernde Anstelluug in einer alten bekannten Firma in Stock- holin, Schweden. Antritt 1. Juli d. I. Kenntnisse in circ-perduo bevorzugt. Offerten mit Loyubedin- gungeu unter Adresse Kunstgießer Otto Meyer sind an Budolpk Wossc, Berlin SW., abzugeben, wo ich die Briese Anfang Juni selbst abhole.. 20/10» Achtuitg, Tischler! Anläßlich der Maifeier sind dje Tiidfler in der Bautischlerei von Gtle)k»it«& Kopeken, Ehnr- lotteiibnrg. entlassen ivorden. Die Werkstatt ist folgedessen bis auf weiteres gesperrt. 88/1« Hie Ortsverwaltung Chart Ottenburg. Verantwortlicher Redaeteur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verautwortlich: Tb. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin. St. 114 17. Mtmg, 2 DtllM Znr Lohnbewegung der Straßenbahn- Angestellten. Von dem Generalstreik ist nichts zu befürchten! so ruft die „National-Zeituiift* bcnifjigcnb dem über die große Regsamkeit der Aligestellten im Straßenbahnbetrieb nervös gewordenen Bourgeois zu und damit hat sich, wie wir voraussagten, in richtiger Erkennung seiner Aufgabe in der bürgerlichen Presse bereits eine Stimme ge- fluiden, die das Interesse der Aktionäre wahrnimmt. Wie kömite es anders sein! Wo das Interesse der nach Dividenden strebenden Kapitalisten in Frage kommt, haben Arbeitcrforderungen zu schweigen, diesen Grundsatz hat die Presse vom Schlage der„National-Zcitung" ge- treulich in inniger GesinmingSfreundschaft mit den in kapitalistischer Aus- beutung rücksichtslos auftretenden Aktionären und Gründern gewahrt. Aber der Konflikt ist ernster als die„National-Zeitung" annimmt. Wohl ' haben die Angestellten lange das Joch geduldig getragen und manche Deniiitigung eingesteckt, wer aber die Versammlungen gesehen hat, der weiß, daß es mit dieser Unterwürfigkeit der Angestellten vorüber ist und die Angestellten ihre Rechte mit aller Entschiedenheit ver- treten werden. lieber die Stellung der Straßenbahn« Gesellschaft zum Streik weiß die„Statioiial-Zeitung* zu berichten; „Die weitergehenden Forderungen der Streiklnstigeu zu be- willige», erklärt sich die Direktion außer stände, weil dies, wie ein einfaches Rechenexempel lehrt, die Gesellschaft finanziell ruinieren würde. Auch scheint es sich in dieser Bewegung der Straßenbahn- Angestellten weniger um die Erzielung günstigerer Arbeitsbedingungen zu bandeln, als unr die Absicht der Socialdemokratie, die Angestellten in ihre Organisation hineinzuziehen. Diese Absicht hat die Direktion der Straßenbahn längst erkannt und seit Jahr ünd Tag sür die Eventualität eines AuSstands ihre Vorbereitungen getroffen. Sic rechnet damit, daß es nur zu einem partiellen Streike kommen werde, daß die älteren und besonnenen Leute ihr treu bleiben und sich wohl bedenken werden, eine auskömmliche Lebensstellung leichtherzig an zugeben. Mit diesem Stamm und unter Heranziehung der vor- gemerkten Bewerber hofft die Direktion, den Betrieb, wenn auch unter zeitweiliger Einschränkung desselben, aufrecht erhalten zu töimeit." Daß bei solchen Lohnbcivcgungen, die das LoS einer so bedrückten Arbeiterkategorie bessern will, die Socialdemokratie als die Förderin der Bewegung hingestellt wird, kann die Partei nur ehren, obwohl die Thatsache nicht richtig. Das Verdienst gehört der Gewerkschaft. Die„Volks-Feitmig" empfindet denn auch in einer Polemik gegen die„National-Zeitung", wie sehr der Kommunal- freisinn gegen das tapfere Eintreten' der Socialdcmokratcn für die Angestellten der Straßenbahn zurücktritt. Gewiß, das kann sich die Socialdemokratie als ihr Verdienst anrechnen, daß sie den Schwachen und Bedrängten alle Zeit ein Schützer war und deshalb prallt die alberne Bemerkung, daß die Bewegung eingeleitet sei, der socialdemokratischcn Organisation neue Mitglieder zuzuführen, platt zu Boden. Bei einer Gesellschaft, die an Dividenden jährlich mehr zahlt als an Arbeitslöhnen, die Forderung der Angestellten als finanziellen Ruin der Gesellschaft zu bezeichnen, ist eine dummdreiste Behauptung. hinter der sich das nackte Interesse geivinngieriger Interessenten ver- birgt. Die Hoffnung können die Wortführer der Straßenbahn- Gesellschaft fallen lassen, daß die Streikbrecher zahlreich genug sein werden, bei einem Streik de» Betrieb aufrechtzuerhalten. Kommt e§ zum Streik, dann ruht der ganze Betrieb! Mehr noch als die„National-Zeitimg" ist Herr Schweinburg, der Kommis des Centralvcrbands der Jndüsiriellcn, als Scharfmacher thätig. Er schreibt: „Für. das Verhalten der Großen Berliner Straßenbahn- Gesellschaft giebt es hiernach nur eine richtige Direktive: sie muß erwägen, daß es sich nicht bloß um materielle Augenblicksinteresse» handelt. Ganz abgesehen davon, daß, wenn die Gesellschaft jetzt ihre Autorität um solcher Rücksichten willen preisgäbe, das dicke Ende sehr bald nachfolgen würde, handelt es sich vor allen, um die Jntcr- essen der gesamten Arbcitgcberschaft und des Staats selbst. ES handelt sich um eine schwerwiegende Entscheidung in dem Kampfe, ob der Unternehmer Herr in seinem eignen Hause bleiben oder die Herr- schnft an die Socialdemokratie abgeben soll. Es darf daher er- wartet werde», daß die Gesellschaft sich ihrer Verantwortung voll bewußt bleiben und sowohl jede Verhandlung mit andren als ihren Angestellten, namentlich mit Socialdemokrate», ablehnen, als den Kampf im übrigen mit vollster Entschiedenheit durchführen und insbesondere darüber keinen Zweifel lassen wird, daß für Kontraktbrüchige in ihren, Dienste kein Platz ist. Das Publikum aber wird sich erinnern müssen, daß eS einen Kampf im Interesse deS Gemeinwohls gegen die Herrschaftsbestrebungen der Socialdemokratie gilt und daß es in seinem eigensten Interesse hm,delt, wenn es dabei der Gesellschaft zur Seite steht." Wenn die Arbeiter anständige Behandlung verlange», bessere Löhne, Schutz gegen den Unbill der Witterung und Ruhe„ach schwerer Arbeit dann ist„ach der Auffassung kapitalistischer Soldschreibcr immer die Autorität in Gefahr. Nun wohl, gegen diese Autorität, die mit der Gesundheit der Arbeiter ein frevelhaftes Spiel treibt, die tansende von Familien in bittere Not gebracht hat, die invalide Arbeiter rücksichtslos auf die Straße geworfen hat, gegen diese Autorität soll gekämpft werden, trotz aller Scharfmaibcr, trotz aller gewerbsmäßigen Verleumder der Arbeiterbewegung. Das Pnblikmn aber kennt die Geschäflspraxis dieser humanen Gesellschaft znr Genüge, es kann in seinem Urteil nicht irre gehen. *«* • lieber den Stand der Bewegung wird uns berichtet: Die Direktion der Großen Berliner Straßenbahn hat die von den Angestellten ge- U'ählte Kommisfion zn heute sFreitag) vormittags 11 Uhr nach dem DirektionSburean geladen, nn, mit ihr über die aufgestellten Forde- riingen zu verhandeln. Wie bei früheren Gelegenheiten, so hat die Direktion auch diesmal erklärt, daß sie diese Verhandlungen nur mit Angestellten ihres Betriebs führen wolle, und alle dem Betrieb nicht Angehörende» grundsätzlich ausgeschlossen sind. Das richtet sich natürlich gegen die beiden Verbandsmitg lieber, die der Kommission angehören. Wie bis jetzt verlautet. ist die Direktion bereit, den Führern Regenniäntel zu liefer» und an den Endpunkten der Straßenbahnlinien Bedürfnisanstalten errichten zu lassen. Wie sich die Direktion zu den Hauptforderungen der Angestellten stellt, wird abzuwarten sein. Sollte» die heutigen Verhandlungen zu keinem Resultat führen, so ist der Sireil unvernieidlich. Nach der Stsmmung, ivelche unter den Angestellten herrscht, zn urteilen, kann die Direktion nicht darauf rechnen, daß ihr so viel Personal zur Verfügung bleibt, um den Betrieb auch nur notdürftig aufrecht erhalten zu können. Allerdings hat sich ja die Direktion auf den Streik vorbereitet, indem sie etwa 400 Leute neu eingestellt hat, die inzwischen für den Fahrdienst angelernt worden sind, um als Streikbrecher verwendet werden zu können. Diese Nenangeworbenen sind allerdings noch nicht so iveit ausgebildet, daß sie als Arbeitsivillige auf- treten könnten, denn eS ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob man mit den leeren elektrischen Wagen auf dein Bahn- Hof hcrumknrschicrt oder ob man einen nnt Fahrgästen besetzten Wage» durch das Gewühl der belebtesten Straßen der Großstadt zu führen hat. Uebrigens hat sich die Direktion getäuscht, wenn sie meint, in den neueiiigcstellten Leuten arbeitswillige Elemente ge- fundei, zu haben. Auch diese, obgleich von auswärts herangezogen. haben sich mit ihren Kollege» in vollem Umfange solidarisch erklärt, und werde», wenn es zum Streik kommt, sich nicht als Streikbrecher verwenden lassen._ il»„Umiirls" Doksles. Die Neuorganisation der Berliner Gemeindeschule. die seit längerer Zeit geplant wird und sich äußerlich als eine Um« Wandlung des Sechs stufen- in ein Sieben st ufen- S y st e in därstellt, ist bis zur Vollendung der nun notwendig ge- wordenen Umarbeitung des Lehrplans vorgeschritten. Der von der Schuldeputation ausgearbeitete Entwurf des neuen Lchrplans ist lürzlich den Rektoren' zugegangen und wird in den Lehrerkollegien beraten werden. Etwaige Abändcrungs-Vorschläge sollen der Schuldeputation mitgeteilt werden, doch ist kaum zu er- warten, daß solche Vorschläge an zuständiger Stelle sonderliche Be- achtung finden werden. Auf die Einzelheiten des Entwurfs, namentlich auf die Aus- wähl und Verteilung des Lehrstoffes einzugchen, i hier nicht der Ort. Rur das sei gesagt, daß, soviel bis jetzt darüber bekannt geworden ist, die Verteilung des bisherigen Pensums au die einzelnen Klaffen keine wesentlich andre als früher ist. Erweitert ist der Lehrstoff sür die obersten Klaffen, damit den rakcher fort- schreitenden Kindern in den letzten Schuljahren noch eine Ver« tiefung ihres Wiffens geboten werden kann. Hier sind bei der Auswahl des Stoffs nanientlich auch die Naturwissenschaften berücksichtigt worden. Bei dem bisher herrschenden Sechs- stufen-System pflegen gerade die besten Schüler, die schon mit Vollendung des 11. Jahrs in die 1. Klasse eintreten und nun noch volle drei Jahre hier absitzen müssen, leicht zu beibummeln. Bei dem geplanten Siebenstufen-System werden solche Schüler nur noch zwei Jahre in derjenigen Klaffe zu- bringen müssen, die künftig die oberste bilden wird. Nach dem Eni- Wurf soll, wenn eine hinreichende Zahl von Schülern die oberste Klaffe rechtzeitig durchlaufen, noch eine allcrobcrste sl 0) aufgesetzt werden können. so daß dann ein Achtstufen-System herauskäme. Voraussetzimg für die Errichtung einer lÖ ist aber, daß sie genügend voll wird. Man hält wohl bei' höheren Lehranstalten Klaffen mit weniger als 30 oder 20 und selbst mit weniger als 10 Schülern für zulässig, aber nicht bei Gcmcindeschulen. Wir werden also gut thun, bis auf weiteres nur auf ein Sicbeustufen-Systcm zu hoffen. Diejenigen Bevölkcrungskrcise, die ihre Kinder in die Gemeinde- schule zu schicken pflegen, wird vermutlich auch d i e Frage iuteressicren, welche äußeren Wirkungen sich für die Kinder aus der Ncu-Ordnung ergeben. An einer Schule, wo die Kunde von der geplanten Äenderung bereits bis zu den Ohren der Kinder gedrungen war, hat es bei vielen Kindern— und vielleicht auch bei manchen Eltern— Bestürzung hervorgerufen, daß sie „zurückversetzt" werden sollen. Das ist natürlich ein Irrtum. Wer z. B. in Klaffe kV saß, der ist. auch wenn er fortan zu Klaffe V zählt, sitzen geblieben, wo er saß, nämlich in der dritten Klasse von unten. Zählt man nicht nach Klassen, sondern nach Schuljahren(wobei eine regelmäßige Versetzung angenommen wird), so ist auch die Zahl der Lehrstnilden gegen früher nicht geändert. Wenn heute in Klaffe VI und V(1. und 2. Jahr) wöchentlich 22 Stunden, in IV(3. Jahr) 28 Stunden, in III und II(4. und 5. Jahr) für Kuabeu 30, für Mädchen 32 Stunden, in I(6.. 7.. 8. Jahr) 32 Stunden gegeben werden, während künftig in V(nun 3. Jahr) 23 Stunden, in IV und III(min 4. und 5. Jahr) sür Knabe» 30. für Mädchen 32 Stunden gegeben werden sollen usw., so ist eben nur die Numerierung der Klaffe» eine andre geworden. Auch der Zeit- Punkt, a» dem die einzelnen Lehrfächer zum erstenmal an das Kind herantreten, ist fast überall derselbe geblieben. Bei den Mädchen traten zum Beispiel die Handarbeiten bisher zuerst in Klaffe IV (3. Jahr) auf, wofür die Mädchen dann weniger Deutsch als die Knaben hatten, künftig wird dasselbe in V(nun 3. Jahr) der Fall 'ein. Die Knaben hatten Geometrie bisher zuerst in II(5. Jahr), künftig haben sie sie zuerst in III(nun 5. Jahr). Im allgemeinen werden die meisten Eltern von der Neu- o r g a n i s ä t i o n der G e m e i n d e s ch u l e nur wenig in e r k e n, wenigstens in den unteren und mittleren Klassen. Sie würde ihnen noch weniger ausfallen, wenn bei uns— wie anderwärts vielfach üblich— die unterste Klaffe stets als Klasse I be- zeichnet worden wäre, so daß auch die Verschiebung der Nummern wegfiele. Für die zahlreichen Kinder, die es unter dem Sechsstnfcn- System im letzten Schuljahr nur bis znr 2. oder im günstigsteu Fall gerade noch bis zur 1. Klasse bringen, ist durch das Siebenstnfcn- System allein auch wirklich nicht viel gewönne it. Nach wie vor muß zweierlei verlangt werden: Befreiung des Lchrplans von allem überflüssigen, das Gedächtnis u n n ii tz b e l a st e n d e n Stoff, Ballast und Herabsetzung der Frequenz. Daß die Schnldcputation das nicht gethan hat, kann man ihr billiger- weise nicht zum Vorwurf machen. Sic könnte, selbst wenn sie eS wollte, z. v. weder den Religionsunterricht ans der Schicke in die Kirche verweisen, noch den'Geschichtsunterricht Über das Niveau einer bloßen Verherrlichung deS Hohenzollcrnhauscs Hinansheben. Das hängt von andern Faktoren ab, als von einer städtischen Schick- deputation. Was aber die Frequenz anbetrifft, so ist bekannt, daß die Schuldepiitation. sobald der Geldbeutel in Frage kommt, erst recht nicht nach Belieben schalten und walten darf. Eine Taktlosigkeit sondergleichen nennt es die„Frei- innige Zeitung", daß in dem Flugblatt unsrer Genosien im V. Wah'llreiie als Referent für die gestrige Versanimlnng der Ab- geordnete R. Fischer bezeichnet ivurde mit der anSdnicklichen Bei« lügiing:„D e r Referent der W a h l p r ii f u n g s- K o m- Mission". Wir werden ersucht, demgegenüber zn konstatieren, daß Geiiost'c Fischer von dieser � allerdings wenig geschmackvollen— Form der Ankündigung selbstverständlich vorher nicht unter- eichtet tvar, daß er vielmehr sofort, nachdem er davon Kenntnis erhalten, die Anordnung getroffen hat, aus der VersaininlungS« Anzeige im„Vorwärts" die betreffende Beisiigung zu entfernen. Die Cigaretten-Fabrikatio» ist für Deutschland ein noch ziemlich junger Industriezweig. In Berlin wird sie erst seit ca. zehn Jahren fabrikmäßig betrieben. Bis dahin war Dresden die einzige Stadt Deutschlands, in der die Anfertigung von Clgaretten im großen stattfand. Berlin steht hierin auch jetzt noch gegen Dresden weit zurück. Die Berliner Fabrikation hat ichon bedeutend an Ausdehnung gewonnen und wächst seit einigen Jahren sehr viel schneller als die in Dresden. Während die größeren Firmen Dresdens den Markt mit billigen Maschinen-Cigaretten— schon von 4 M. pro Mille an zum 1 Pfeniiig-Verkauf versehen, liefern die bedeutenderen Betriebe Berlins zum größten Teil besjre Sorten Cigaretteu zum 3- und 4 Pseniiig-Verkauf. Dresden ist heute für AuSstattiingSsacheu, Berlin iir Qualitätssachen maßgebend. Obgleich die deutschen Fabrikate den ausländischen durchaus ebenbürtig sind, werden noch vielfach ausländische, besonders ägyp- tische Cigaretteu den deutschen vorgezogen. Da aber bekanntlich in Aegypten gar kein Tabak wächst, müssen ihn die dortigen Fabrikanten genau tvie die hiesigen, aus der Türkei beziehen, um ihn dann in derselben Weise zu verarbeiten, wie es in Deutschland geschieht. In Berlin bestehen etwa lOOZigarettenfabriken; jedoch fertigen noch zahlreiche Ladenbesitzcr Cigaretteu für den Detailverkauf selbst an. Auch giebt es Arbeiter, die den zubereiteten Tabak kaufen und die selbst- gefertigten Cigarrettcn teils an Private, teils an Gastwirte verkaufen. Die Berliner Fabriken beschäftigen ca. 800 Cigarettcnarbeiter und Ar- beitcrinnen(darunter etwa 40 Hansarbeiter) und 800 Hilfsarbeiter bezw. Arbeiterinnen(Tabakschneider. Cigarettenpackerinnen-c.) Acht Fabriken arbeiten mit Motoren, welche jedoch nur zur Tabakzubereitimg Verwendung finden, während die eigentliche Herstellung der Cigaretteu fast durchweg Handarbeit ist. Nur einige Fabriken benutzen zur An- fertigmig der Cigaretten teilweise kleine Handmaschinen, die sich jedoch nicht bewähren sollen. Freitag,>8. Mai litOO. Die Dresdener Fabrikanten haben zum Teil schon seit Jahren große Maschinen im Betrieb, von denen jede täglich etwa 70 000 Cigaretten liefert. Die betreffende Ware kommt aber nur für billige Preisstellungen in Betracht; deren Herstellung ist in Berlin noch nicht eingeführt. Nach Deutschland wurden im Jahre 1899 insgesamt 3214 Doppel- ccntner Cigaretten im Wert von(3 SOS 000 M. eingeführt(gegen 2603 Doppelcentner im Wert von 5 269 000 M. im Vorjahr). Die Einfuhr aus Aegypten allein stellte sich 1899 auf 1756 Doppelcentner im Wert von 4 214 000 M. Die Ausfuhr deutscher Fabrikate stellte sich 1899 auf 929 Doppelceutiicr im Wert von 766 000 M.(gegen 826 Doppelzentner im Werte von 681 000 M. im Jahre 1898). Die Hauptabnehmer deutscher Cigaretten waren Japan mit 363 und Dänemark mit 227 Doppelcentner. Einen Ausflug nach Summt veranstaltet am Sonntag die Arbeiter- Bild nngsschule. Die Abfahrt erfolgt vom Stettiner Bahnhof morgens 7 Uhr 30 Minnten, vom Bahnhof Ge- snndbriinnen 7 Uhr 36 Minuten. Billets werden bis Hohen-Neuen- dorf gelöst. Die Ankunft in Summt ist auf 12Vs Uhr berechnet; die Rückfährt von Birkenwerder wird 9 Uhr 49 Minuten angetreten. Im städtische» ArbeitShause befanden sich an Korrigenden am 31. Dezember 1899 1094 Männer, 128 Frauen. Im Vierteljahr Januar bis März d. I. wurden 261 Männer und 61 Frauen neu aufgenommen und 236 Männer und 46 Frauen entlasien, so daß am 31. März d. I. ein Bestand von 1262 Korrigenden(1119 männ- liche, 143 weibliche) verblieb. Außerdem befanden sich in der Anstalt am 31. März 540 Hospitaliten<428 männliche, 112 weibliche).— Während der Monate Januar bis März 1900 befanden sich im Arbeitshause durchschnittlich täglich von den Korrigenden 1245, von den Hospitaliten 562 Personen. Im Durchschnitt waren demnach täglich 1307 Personen von der Verivaltung des Arbeitshauses zn verpflegen. Erkrankung an schwarzen Pocken. Zu dem gestern von uns gemeldeten Fall von Erkrankung an schwarze» Pocken tvird von einem Berichtetstatter noch folgendes mitgeteilt: Am Donnerstag, dem 10. d. M., abends 8 Uhr, erschien bei der in der Linieiistr. 21- wohnenden Familie Jakobsohn, die daselbst ein Pensionat unterhält,' eine junge elegant gekleidete, dicht verschleierte Dame mit einem vierjährigen Knaben und verlangte ein Zimmer für die Nacht. Am Freitagmorgcn entfernte sich die Fremde heimlich und ließ das Kind zurück,' ohne wieder in dem Pensionat zu erscheinen. Tags darauf machte Herr I. der Polizei Mitteilung von dem spurlosen Verschtvinden seines Gastes, und die sofort aufgenommenen Recherchen ergaben, daß die Fremde in der Charitö an den schlvarzen Pocken daniederliege. Die Erkrankte ist eine Frau L i n k e l st e i n ans Kotvno in Riißland. Als der Arzt in Rußland bei Frau Linkelstein die Diagnose auf schwarze Pocken gestellt, ist die Erkrankte mit ihrem Kind eilends nach Berlin gefahren, um sich hier behandeln zu lassen. Sie ist gleich am Morgen nach ihrer Aiiknuft nach der Charitö gegangen und natürlich sofort zurückgehalten worden. Ans Anordnung der Polizei ist der Knabe der Linkclstein. der sich im übrigen wohl be- findet, von einem in der Alten Schönhanserstraße ivohnendcn Sanitätsrat mit Schutzimpfung versehen und die Jakobsohnsche Wohiinng desinfiziert worden. Bis jetzt ist daS Befinden der Frau Linlelstem ziemlich zufticdenstcllcnd. Die Sache dürfte im einzelnen wohl etwas anders liegen. Im übrigen ist das gelegentliche Auf- treten von schwarzen Pocken in Deutschland durchaus nicht so etwa? sehr Seltenes. OrdnungSstützeiideS. Eine Korrespondenz verbreitet folgende Nachricht: Eine Aufsehen erregende Affaire beschäftigt wieder einmal den Kriminalkoiniiussar Damm. Gegenwärtig schwebt ein Ernntte- lungövcrfahren gegen die Rentiere H., welche in der Schiitzeustraße eine elegante Wohnung unterhielt, von der sie Zimmer abvermietet und zu einem unsittlichen Verkehr zwischen hochgestellten Kavaliere» und jugendlichen Mädchen im Alter von 14—16 Jahren hergegeben haben soll. Da aber vishcr eine Verhaftung der Wohnungsiiihaberin nicht erfolgt ist, so ivird man abwarten müssen, wieviel Belveis- material die hiesige Kriminalpolizei herbeizuschaffen imstande ist. Nach dem jetzigen Stand der Recherchen werden fünf Herren be- schuldigt, in der Wohnuiig der genannten Dame minderjährige Mädchen verführt zu haben. Obenan steht ein NegierungSaffessor, der in einem Ministerium arbeitet, und ein Rentier, ferner ein sehr begüterter Professor, ein Fabrikant und ein Rechtsanwalt. Die Eltern der in Betracht kommenden Mädchen gehören dem ärmeren Stande ein; ein Droschkenkutscher und eine Waschfrau haben die Anzeige gegen die Genannten erstattet. Die lintcrinchuiig ist auch in diesem Fall sehr schwierig, als seitens der Beschuldigten olles aufgeboten wird, den Thatbestand zu verdunkeln. Im übrigen erfahren wir hierzu: Der Kriminalpolizei war eS schon seit längerer Zeit aufgefallen, daß in der Friedrich- strnße bezw. Unter den Linden häufig eine elegante Dame mit jungen Mädchen, die in aufgelösten Haaren einherstolzierten, proineuicrtc und leicht geneigt Ivar, sich von älteren rlcgauteu Herren ansprechen zu lassen. Da aber derartige Borgänge in einer Millionenstadt wie Berlin nur allzu häufig vorkommen, auch die an- gestellten Beobachtimgen keinen Aubalt zum Einschreiten gegen die Frau boten, so ließ die Polizei die Sache fallen. Auf die Anzeige hin wurde jetzt gegen Frau H. vorgegangen. Eine Niisallvcrsicherniig für daö Hansgesindc erstrebt der „Voss. Ztg." zufolge der Bund deutscher Fraucnvereine; er hat mit entsprechcnder Begründung an den Reichstag die Bitte gerichtet, die Regierung um baldige Vorlegung eines Gesetzentwurfs zu ersuchen, der eine derartige Versicherung ermöglicht. Auf die Beschwerde gegen den Amtsrichter Prof. Bornhak, welche der deutsche lierschntzvcrein an den Jnstizminister gerichtet hat, ist folgender Bescheid eingetroffen:„Dem denlschen Tierschutz- verein teile ich ans dos an den Herrn Justizminifter gerichtete, an mich zur Prüfimg und weiteren Veronlosimig gelangte Schreiben vom 5. April mit, daß die abfällige Kritik des AnilSrichters Bornhak in den betresfcndeii Urteilen über das Verhalten der Tierschutz- vereine von mir in keiner Weise gebilligt wird und daß ich im übrigen das Geeignete veranlaßt habe. Der Wirkliche Gehcimrat gez.(Drenkmann)". Der Amtsrichter Prof. Bornhak hatte bekanntlich bei Fällung eines gerichtlichen Ilrleils sich mißbilligend über das Treiben der söge- nannten Tierschntzvercine und ihrer Mitglieder, die sich fortgesetzt um fteinde Angelegenheiten kümmern, ausgesprochen. In dem Mordprozcst Gönczi sind gestern die Akten von der Staatsanwaltschaft au den Ober-öieichöanwalt zur Vorlegung an daS Reichsgericht behufs Anberaumung des Verhandlungstermins in der Nevisionsiiistanz abgesandt worden. Der Oberstaatsanwalt Jsenbicl hat auf die von dem Rechtsanwalt Dr. Herbert Fränkel einge« reichte Rebisionsschrift eine umfassende Entgegnung zu den Akten ge- bracht. Der Termin vor dem Reichsgericht dürfte nicht vor Ende Juni cr. anberaumt«Verden. Gönczi hat seinen Verteidiger dringend gebeten, die Revision vor dem Reichsgericht persönlich zu vertreten. Die von einigen Zcitniigcn veröffentlichte Nachricht, daß Gönczi mit Düteiftlebcn beschäftigt wird, ist unrichtig; vielmehr vertreibt sich der verurteilte Raubmörder die Zeit mit dein Niederschreiben seiner reichen Erlebnisje, die er seinem Verteidiger widmet. Er hat dabei den Wunsch ausgedrückt, daß dieser sein Erzeugnis zur Veröffent- lichnng bringen möchte.— Frau Gönczi befindet sich immer noch im St. Hedivigs-Kranlcnhans, wohin ihr Gatte gestern einen sehr langen Brief gesandt hat. Durch einen Sturz auS dem Fenster versuchte sich gestern morgen das 17 Jahre alte Kindermädchen Frida Oge. die Tochter eines hiesigen Schneidermeisters, da« Leben zu nehmen. DaS Mädchen war seit drei Monaten bei dem Kanfmann Boas, Kaylerstraße 3, in Stellung und hatte zlvei Kinder zu beaufsichtigen. Nach- Barn teilten nun Frau 23. mit, daß die Hüterin ihrer Kinder diese �auf Spaziergängen häufig schlage, und infolgedessen stellte vorgestern nachmiltag Die Dicnsthcrri» das Mädchen zur Rede und kündigte ihr die Entlassung a». wen» es sein Verhalten nicht ändere. Gestern »törgen um TVi Uhr verließ die Getadelte die im zweiten Stock ge- Icgcnc Wohnung, ging ans die Hintertreppe und stürzte sich durch die oberen Flügel des Flurfensters auf den asphaltierten Hof hinab. Tie Arme wurde schwer verletzt von Hausbewohnern aufgehoben, in den Flur des Quergebäudcs getragen und darauf auf Anordnung zweier herbeigerufener Aerzte nach dem Kräukenhause am Urban transportiert, wo sie hoffnungslos daniederliegt. Zeugen gesucht. Die Personen, welche gesehen haben, wie am Dienstag, den 15. d. M., abends gegen S Uhr, ein Schutzmann an der Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße das Pferd einer Droschke erster Klasse traktierte, werden gebeten, im VerciuSburcau der Berliner Droschkenkutscher, Schützcnstr. 58, ihre Adresse abzugeben. Bei der Arbeit schwer verunglückt ist DonncrStagnüttag der 41 Jahre alte Tischler August Spielmann aus Friedenau. Dieser wolste in einer Werkstatt in der Frankfurter Allee Bretter von einem Stapel herunternehmen, fiel mit der Leiter um, stürzte aus einer Höhe voit zivei Meter auf eine Hobelbank und wurde von den nach- stürzenden Brettern am Schädel und innerlich so schwer verletzt, daß man ihn mit einem Lückschen Rettungswagen»ach dem Krankenhaus am Fricdrichshain bringen mußte. Auf dem Halteplatz vom Tod ereilt wurde in der Nacht zum Donnerstag der 46 Jahre alte Siraßenbahiischaffncr Josef Mo illarsch ans der Kaiserin Angustastr. 38 zu Tempclhof. Moullarsch, der seil 16 Jahren im Dienst war, hielt gegen ll'/a Uhr mit einem Wagen der Linie Behrcnstraße— Marieudorf an der Ecke der Friedrich- und Bchrenstraße und wurde hier plötzlich von einem Blutsturz befallen. Ein Eontroleiir ivollte ihn mit einer Droschke nach der Untallstatioii bringen, er starb jedoch schon auf dem Weg dorthin. Der Mann ivar fast niemals krank gewesen. In der Mcdcuwaldtschen Mordsache scheint die Kriminal- Polizei allmählich von dem Glanben an die Schuld des in Haft befindliche» Willy Gluth abzukommc». Sie hat in den letzten Tagen eine neue Spur aufgenommen, die möglicherweise der Untersuchung eine andre Wendung geben kann. Sie hat nämlich in der Pcrsoii eines angeblichen Nähmaschinen- Reisenden einen Verdächtigen fest- genommen. Dieser Mann soll kurz vor der Ermordung des Fräulein Medcmvaldt in dem Hause des öfteren gesehen worden sein. Dieses Eckhans hat bekanntlich einen Eingang von der Birkenstr. 42 und einen solchen von der Brcdowstr. 25. Bei einzelnen Bewohnern beider Grundsliickshälstei, hat der Betreffende mit der Ansrage vorgesprochen, ob sie nicht an den Nähmaschiiren eine Reparatur aus- , zuführen hätten. Es liegt die Möglichkeit nahe, daß er auch bei der alten Dame gewesen und von dieser in die Wohnung eingelassen ivorden ist. Doniicrstagvormittag waren zwei Hausbewohner, die sich deS Betreffenden»och genau entsinnen, nach dem Polizei- Präsidium geladen, wo ihnen der Festgenonmiene zur Rekognilion vorgeführt werden sollte. Den beiden, den Concipienten A. und der Frau W., ist.über das Ergebnis der Konfrontation strenges Still- schweigen zur Pflicht gemacht worden. Zwei Hehlernestcr sind vorgestern von der Kriminalpolizei ausgenommen ivorden. Zwei Geschäftsleute machten sich dadurch verdächtig, daß sie fortgesetzt mehr ausgaben, als ihnen der Umfang ihres Geschäfts erlaubte. Die Kriminalpolizei, der mehrere Dieb- stähle gemeldet ivorden waren, kam aus den Gedanken, daß die beiden Männer mit gestohlenen Waren unlautere Neben- geschäfte betreiben könnten, um ihren Aufwand zu bestreiten. Diese Vermutung wurde ihr zur Gewißheit, als sie bei längerer Beobachtung sah, ivie ein ihr als Dieb bekannter Mann ein Paket, das er unter dem llebcrzieher trug, in das eine Geschäft hinein- trug und nach längerem Aufenthalt dort zurückließ. Beamte nahnieu diesen Dieb bei seiner Rückkehr in Empfang und ermittelten, daß der eine Geschäftsmann mit dem andren in regem Verkehr siand. Hanssuchniigen bei beiden förderten für 2600 Mark Waren ans Tageslicht, über deren redlichen Erwerb sie sich nicht genügend answeisen können, Cigarren, Wein. Konserven und verschiedene andre Sachen, die von Haus- und Bodcndieb- stählen herrühren und von den Eigentümern als ihnen gestohlen bereits erkannt sind.. Die beiden Geschäftsinhaber, die verhaftet wnrdcn, wollen der Hehlerei nicht schuldig sein. Sic sind bisher nicht bestraft und wollen nicht gewußt haben, daß die Waren ge- stöhlen sind, müssen aber zugeben, daß sie sie weit unter dem Werte gekauft haben, und wollen nicht wissen, wer ihre Lieferanten sind. Mit den Ursache» zum Selbstmord des Arbeiters Eis vcr- hält es sich ivesentlich anders als wir vorgestern nach andren Blättern berichtete», lins wird in der Angelegenheit von der Firma Conrad n. Grübler, Moritzstr. 14— 15, geschrieben; Der Arbeiter Paul Eis lMontcur ist ein selbst zugelegter Titel; Eis wurde mehr- fach als Arbeiter bei Montagen verwendet) war bis zum 4. d. M. bei uuS beschäftigt und wurde an diesem Tage zum Einziehen mehrerer Rechnungen anSgesandt. Er tai» nickit zurück, sondern ist mir dem kassierten Geld<>vic inzivisckicn festgestellt, ca. 457 M.) schnür- stracks nach Königsberg i. Pr. gefahren und hat dasselbe in drei Tagen dort mit einer Kellnerin durchgebracht, die er kurz vorher bei einer Montage in dortiger Gegend kennen gelernt hatte. Wie aus dem Bericht der dortigen Behörden hervorgeht, fand man nur noch 20 Pf. in seinen Taschen und einen Pfandschein, welcher auswies, daß er dort auch»och die Uhr versetzt hatte. Von SlrbcitSlosigkeit war keine Rede, nicht einmal Aussicht auf eine solche stand ihm bevor. Sein Verdienst war 20— 25 M. pro Woche. ES kann höchstens die Einficht über seine thörichte Handlung bez. Furcht vor Strafe ihn zu dem Selbstmord getrieben haben. Bei Barrnim n»d Bailcy. Vor sechs Jahren mußte man die Barrisons gesehen haben. Heute muß der Kulturmensch zur Vervollständigung feiner Bildung nach den Leinwandzelten am Kurfürsten- dämm pilgern. Wir wählet» den Vergleich nur, um die Unerläßlich- keil des nuit einmal notwendigen Opfers anzudeuten; die Barrisons mit den Darbietungen der Finna Barimmii.Baileli sonstwie in Parallele stellen zu wolle», wäre nicht allein ein grober Angriff gegen die Tugend des Rieseiicirkus. sondern in den Tagen der lex Heinze auch ein sehr schädigendes Beginnen. Bei der Betrachtung und Be- urteilnng der Banmmscheu„Ricsenfchan", wie das Unternehmen von den Sprach- Anglomanisteii in geschmackvoller Adoptierung des englischen„ihow" genannt wird, ist jeder Vergleich, jeder Maßstab, der bisher an derartige Veranstaltungen angelegt worden ist. unzu- länglich. Ja selbst die Reklame verliert in der packenden Allgelvalt, mit der sie hier auftritt, an Anrüchigkeil. Es ist ivie bei der Riesen- statue des nackten Herkules, vor der.die prüde Engländerin meinte, daß bei ff'olchcn Dimensionen die Sache nickt mehr bedenklich sei und der Stimme der Znchligkeit nichts übrig bleibe, als in Staunen zu schweigen. Alles geht' bei Barnim» ins Gigantische. Kommt»nan vom Bahnhof Savignhplatz, so liegt vor einem ans dem Gelände der cheffialigci» Transvaal-SluSstellung eil» ausgedehntes Zelt, von einer stattlichen Wagenburg und mehreren kleineren Geschwistern umgeben. Das alles ist aber irnt etwas Beiläufiges, dient vielleicht zur Unterbringung von Tieren, Garderobe oder sonst etwas. Vom eigentlichen C i r k u s z e l t ist vorläufig nichts zu entdecken. Dort unten aber am südlichen Horizont zeichnet sich ein ungewohntes Bild ab. So iveit das Auge blicken kann, sieht es iveitläufige Bogciilinieu in der Lust, geschweift in der Art, wie auf Marine- bilden» die Wellen gezeichnet sind. ES»st das Leinwanddach des Hanptzcltes. Eine Strecke Weges, und der ambulante Kunsttempel »st erreicht. Die wochenlang vorher betriebene Reklame hat sich als tvirlfam erwiesen. In dichten Schaaren stehen die Neugierigen vor den Zelten; an den Wagen und Plattfonnen, von wo aus die Eintritts- karte» verkauft werden, drängt sich die Menge; im Eirkus selber aber verlieren sich die Tansend'e von Zuschauern aus dem schmalen Rande, der von der so groß Ivie das Innere einer stattlichen Rad- rennbahn angelegten Arena übrig blieb. Wir konimei» zu spät, um die zahlreichen Monstrosiiätcu. die als Pudelmensch. Skelettgigerl. Bercmtivortlicher Rcdalleur: Paul John ir Kettensprenger«sw. angepriesen werden, bewundern zu können; ingleichen bleibt für' die große Menagerie nur ein ganz flüchtiger Blick übrig. Gerade hat die Cirkus- Vorstellung begoniieu. Elefanten, Kamele, prächtig aufgeputzt, ziehen zu Dutzenden vorüber; ihnen folgt ein Teil des Personals zu Fuß und zu Pferde, andre fahren auf wunderlich gebauten Galawagen vorbei. Alles dies schimmert aufdringlich in Gold und Seide. Nachdem der Paradezng überstanden, beginnen zugleich in drei Manegen und auf zwei Podien, die der Länge nach gebildet sind, die' eigentlichen Eirknskünste. Es sollen in den 2'/s Stunden. Ivelche die Vorstellung in Anspruch nahm, ungeachtet der ans jedem freien Fleck aufgeführten Klownspätze im ganzen 80 Nummern gegeben Ivorden sein. Sie zu zählen war unmöglich; ebenso unmöglich ist eS, sie im einzelnen zu beschreiben. Mit einigen, in ihrer Art aber immerhin beachtenswerten Abwechselungen wurden in allen drei Manegen die gleichen Leistungen geboten. Die Künstler sind sämtlich Kräfte ersten Ranges, sie arbeiten gewandt und sicher und zeichnen sich dadurch aus. daß sie die landläufige Meinung, es könne in der Tierdresinr und auf artistischem Gebiet kaum noch etwas Neues und Originelles geboten werden, gründlich Lügen strafen. Sogar die Clownspätzc weichen zum Teil von den Plattheiten, die man sonst im Cirkus sieht, er- heblich ab. Bewundernswürdig ist die Sicherheit und Präcision, mit der der Scenemvechsel, das Aufbauen und Abreißen der Podien und Fangnetze vor sich geht. Den Beschluß der Vorstellung bildet ein wildes und in seiner Art Wieden:»» höchst abwechselungsrciches Weit- rennen, an dem sich sowohl Künstler als Küiistlerinnei» beteiligen. Hierbei gerät auch das Publikum in Extase, das bisher von der Fülle der Gesichte so abgelenkt war, daß es vor lauter Staunen kaum zu Beifallsklatschen kam. Eine Bariete-Vorstcllnng nach Schluß der EirkuSvorstellung, die noch gegen 50. Pf. Aufgeld stattfinden sollte, schenkten wir uns.____ Ans den Nachbarorte». Reinickendorf. Der Wahlverein hält Sonnabendabend S'/e Uhr in Böttchers„Seeparl" seine Mftgliedervcrsanmrlung ab. Der Socialdcmokratischc Vercii» für Johannisthal und Nicdcr-Schöucwcidc hält seine Versammlung am 10. Mai, abends S'/e Uhr, im Lokal von Scnftlcbeu ab. Zu eiuru» Konflikt zwischen dem Magistrat»md der Stadt- vcrordneten-Vcrsaunnlnug von Charlottcnbnrg wird allem An- schein»ach die Streitfrage führen, ob die soeben begründete Real- schule eine Lorschule erhalten soll oder nicht. Bekaiiutlich hat die Stadtverordneten- Versammlung die vom Magistrat geforderte Vor- schule nicht bewilligt. Der Magistrat ist diesen» Beschluß nicht bei- getreten, und iufölged essen ist' zur Beilegung der Differenzen eine gemischte Deputation eingesetzt worden. Tie gemischte Deputation hat sich über die Angelegenheit nicht einigen können; die Vertreter des Magistrats beharren auf der Errichtung einer Vorschule, während die in die Deputation gewählten Stadtverordneten von einer solchen nichts wissen wollen. Der Stadtverordneten- Versammlung kvird wahrscheinlich schon in ihrer nächsten Sitzung Kenntnis von der Er- gcbniölosigkcit der Beratung der gemischten Deputation gegeben werde», und wenn sich nicht noch im letzten Moment der eine' oder der andre Teil zur Nachgiebigkeit geneigt zeigt, so ist der Konflikt unvermeidlich. Der Magistrat von Spandau hat dem letzten Stadt- verordiictcii-Leschlnß betreffend die Macada misier n n g der Falkenhagenerstraße nicht zugestimmt, sondern beharrt ans seinen» Standpunkt, die Straße mil alten Berliner Steinen zu pflastern. Die Angelegenheit soll von einer gemischten Kommiision noch ein- mal beraten werden. Ob die bürgerliche Mehrheit der Stadt- verordneten hart bleiben wird? Warten wir es ab! Spandau. Zu unsren» gqtrigen Artikel„Aus den Spandauer Mnsterwerlstätten" ist nachzutragen, daß jetzt, wie von den Arbeitern verlangt,»och ein drtlter Arbeiter von der Direktion mit der nächtlichen Kontrolle der Pulver- Trockenschränke beauftragt worden ist. Ein Grostfcuer, das einen Schaden von mehreren hunderttausend Marl verursachte. wütete gestern in Schöneberg auf den» Holzplatz von Scckel u. Schweizer. Das mehrere Morgen haltende Terrain liegt zwischen der Mühlenstraße, Erfurtcrstraße und Straße 53 und grenzt an der vierten(westlichen) Seite an das noch unbebaute Feld. Die ganze Westfront war von einem sehr langen und tiefen Lager- schuppen bebaut, der vollständig mit uiibcarbeitetci» Stanimbrcttern angefüllt war. Zwei weitere Bretterschnppcn waren ihm vorgelagert, während auf dem übrigen Teil des Platzes große Mengen von Bauhölzern aufgestapelt lagen. Ans der nach der Mühlenstraße belegenen Seite waren etwa 50 Zimmerleute mit den» Zurichten von Bauhölzern beschäftigt, die kurz nach 2 Uhr nachminags Flammen von der linken Ecke des HauptschnppeirS emporlodern sahen. Sie suchten dieselben sofort zn ersticken, doch der herrschende Wind fachte sie dermaßcn an, daß binnen 10 Minuten das Feuer den ganzen Schuppen erfaßt halle. Ehe die Schöneberger Wehr er- schien, waren die Flanunen auch ans die übrigen Bretter- schuppen überqcspnmgc», so daß die Situation sehr kritisch war. Brandmeister Flöter erbat deshalb von Berlin schleunige Hilfe. woraus die Züge 0, 10 und 12 ausrückteu. Mittlerweile waren auch die Wehren von Charlottcnbnrg, Friedenau, Steglitz und Lichtcrfelde erschienen, so daß dem verheerenden Element mit etwa 20 Robrcn zu Leibe gegangen lverdei» kounte. Die Hitze war indes derart, daß die Schlauchführer häufig wechseln mußten. Die Bretterschnppcn waren nicht zu halten und wnrdcn samt Inhalt total ein- geäschert. Schon glaubte man. das Feuer abgeschnitten zu haben, als der Wind»insprang»md Flammen_ und Rauch über den iveitcn Lagerplatz trieb. Hohe Stapel von Bauhölzern wurden dadurch cntzündcl und entweder vollständig zerstört oder derart angekohlt, daß sie wertlos getvorden sind. Ter dabei entwickelte Onalm locke derart, daß die Lösch- Mannschaften schiver darunter zn leiden hatten. Zeitweise waren die Nebenstraßen in tiefes Dunkel gehüllt. Die Löscharbeiten dauerten die ganze Nacht durch. Das Feuer ist durch Spielerei von drei Knaben verursacht, die einen Strohsack angezündet hatten. Einer derselben, der 8jährige Sohn des Platzanweisers Hoffmann, wurde gestern abend»och vermißt. Auf der Karlshorster Rennbahn hat die Tochter des Trainers Siebert Brandwunden erlitten. Kurz vor Beginn der gestrigen Rennen singen ihre Kleider an einem weggeworfene» Streichholz oder einer glimmenden Eigarre Feuer. In einem Augenblick war die Unglückliche in Flanmicn gehüllt. Gäste der Bahn eilten rasch auf sie zn und erstickten den Brand. Fräulein Siebert, die schwerverletzt ist. wurde in bewußtlosem Zustande nach dem Bahnhos gebracht, Ivo ihr ärztliche Hilfe zu teil wurde. Der GntsbesiNer Buchholz aus Kossenblatt, der gestern in B e e s k o w ans vier Zeuge» geschossen hat. hat sich nach Berübnng der That durch einen Revolvcrschuß getötet. Vevpsuntnl ungen. Für die Beseitigung des tveistc» Huts treten die Berliner Droschkenknlschcr ein. In einer Vcrsamnilnng, die am Mittwoch in Ahrens Brauerei tagte, äußerte sich Hermann Schulz über diese Slngelegenheit folgendermaßen; Der weiße Hut ist mit den» 1. Januar 1894 durch Polizeiverordmmg für die Taxanielerkutscher eingeführt, um die Droschken mit Fahrpreisanzeigern, deren es damals eist wenige gab. für das Publikum deutlich erkennbar zu machen. Gegen den weißen Hut haben sich die Berliner Droschken- kutscher von Anfang an gesträubt, weil ein solcher viel eher schmutzig, unansehnlich und unbrauchbar wird. wie eine schwarze Kopfbedeckung. Die häufigere Anschaffung eines neuen HutS ist aber für den Kutscher ein pekuniärer Nachteil. Es kommt noch hinzu, daß nach ärztlichem Urteil die weiße Farbe der Hutkrämpe schädlich ans die Augen � wirkt. Da jetzt die große Mehrzahl aller Berliner Droschke» mit FahrprciS-Anzeiger Berlin. Lür den Inseratenteil verainwortlich: Th. Glocke in Benin. T versehen ist, so meinen die Kutscher, daß der für die Einführung des weißen Huts seiner Zeit geltend gemachte Grund heute nicht nrehr besteht, und daß es deshalb an der Zeit sel. die althergebrachte schwarze Kopfbedeckung wieder einzuführen, Die Versammlung erklärte sich daftir, daß eine Eingabe an das Polizei-Präsidinm gerichtet und diese Behörde ersucht werde, die Verordnung, den ivcißen Hut betreffend, aufzuheben und den Taxa- meterkutschcn, das Trage» schwarzer Hüte wieder zu gestatten.— Es sollen noch mehrere Versammlungen in verschiedenen Stadtteilen mit dieser Angelegenheit beschäftigt werden, und wenn die Mehrheit der Kutscher sich gegen den weißen Hut erklärt, dann soll die betreffende Eingabe an das Polizeipräsidium gerichtet werden. Unter anderm wurde noch gerügt, daß die Anhängewageu der Straßenbahn während des Haltens an Straßenkreuzungen oft einen Teil der Querstraße sperren, wodurch den übrigen Fuhrwerken erhebliche Ungclegenhcitcn bereitet werden. Die Stellmacher haben am Mittwoch in einer stark besuchten Versammlung beschlossen, überall dort die Arbeit einzustellen, wo die aufgestellten Forderungen, neunstündige Arbeitszeit und Festsetzung eines Lohntarifs, nicht bewilligt werden. In 46 Werkstellen mit 116 Arbeitern waren am Mittwoch die Forderungen schon anerkannt. In einer Slnzahl Wcrkstellen ist wegen Nichtbewilligimg die Arbeit eingestellt worden. Am Mittwoch haben wieder Verhandlungen des GesellenanSschnsies mit dem Jimuiigs- Vorstände und den Bezirks- Venraiiensmännen» stattgefunden, die aber ein besriedi- gcndcs Resultat für die. Arbeiter nicht gezeitigt haben. Die Forderungen der Stellmacher hat eine Jnnungs-Versammlung, die am 8. Mai stattgeftmdcn, mit nnwesentlichcr Einschränkung bereits bewilligt. Es sollten nur wenige Abänderungen im Tarif vor- genommen werden. Seitens des Obermeisters ist aber, nachdem ein Rundschreiben an sämtliche Meister versandt worden, nach welchen der Beschluß wieder aufgehoben und mit dem Hinweis, daß bezüglich des Tarifs noch Verhandlungen stattfinden sollen, aufgefordert wurde. die Bewilligung der Forderungen abzulehnen. Von den Arbeitern wird angenommen, daß die llnternehmer die Sache nur in die Länge ziehen wollen, um die notlvendigste Arbeit fertig gestellt zu bekommen oder aber, daß die llnternehmer den Streik als wünschens- wert erachten, um daraufhin ihren Knuden gegenüber die geplante Preiserhöhung zu rechtfertigen. Tie Glasschleifer hielte» am 14. Mai eine gut besuchte Vcr- sammlung ab, in der der Vorsitzende des Verbands, W e l k i s ch, die Differenzen in der hiesigen Branche besprach. Wegen des Feierus am 1. Mai ist bei der Firma Dittmaiin u. Math e s die Ans- sperrung nahezu sämtlicher Glasschleifer erfolgt. Rur einige wenige sind als Arbeitswillige stehen geblieben. Die Ausständige», 22 Mann, bekommen m andren Betrieben keine Arbeit und ist ans gelegentlichen Aenßernngen der Fabrikanten zu entnehmen, daß sie vereinbart haben, die Arbeiter bis zum 1. August auszusperren. Die mit den Unterlschmeni eingeleiteten Verhandlungen blieben erfolglos, die Unternehmer behaupteten, ihr Betrieb werde in ge- ordneter Weise fortgeführt, eS bestehen keine Differenzen init_ den Arbeitern. Diese Angabe, so bemerkt Redner, sei unrichtig, eS seien vielmehr vielfach die Glasschleifer, die von anSIvärls bei den Finnen in Beschäftigung traten, in ihre Heimat zurückgekehrt. Räch einer dem Referat zustimmenden Diskussion beschloß nunmehr die Ver- sammlung, in den Generalstreik einzutreten. Der Beschluß wurde mit 135 gegen 4 Stimmen gefaßt und werden den Fabrikanten folgende Forderungen unterbreitet werden: 1. Bedingungslose Freigabe des 1. Mai für sämtliche Mitglieder des Verbands.' 2. Aufhebung der Abgangszeugnisse für die im Streik befindlichen Arbeiter. 3. Wiedereinstellnng der im jetzigen Streik befindlichen Arbeiter. 4. Wird in einer Werkstelle gestreikt, so dürfen die Arbeiten von dieser Firma in keiner andren Werkstatt angefertigt werden. 5. Treten Differenzen irgend welcher Art ein, so müssen sich Arbeitgeber wie SIrbeitnehmer dem Schiedsspruch einer Komniisfion. welche ans Mitgliedern des Verbands der Glasschleifer sowie der GlaSschleiserei- befitzet zusammengesetzt ist.»nterwersen. 6. Arbeitnehmer dürfen nicht eigenmächtig in«trcik treten, sondern müssen erst den Vorstand davon in Kenntnis setzen. 7. Beiderseitige Kündigimg findet nicht statt. Die Arbeit wird am Donnerstag eingestellt, wo Kündigung vir- cinbart ist, trift au diesem Tage die Kündigung ein. Der Verein zur Wahrung der Jntereffcn der Maurer Berlins und der Umgegend hielt am 13. Mai eine Versammlung ab. Vor Eintritt in die' Tagesordnung wurde daS Andenken der verstorbenen Mitglieder Carl Hennig, Wilhelm Masch und Carl R o h l o s's von den Anwesenden in der üblichen Weise geehrt. Sodann beschäftigte sich die Versammlung mit der Beschickung des Kongresies der lokalorganisierten Gewerkschaften und wurden Gehl niid S ch n l z zu Delegierten. Witte zum Stellvertreter gewählt. Beantragt war, die Beiträge für den öffentlichen Fonds von 25 ans 50 Pf. zn erhöhen, den» wurde zugestimmt und weiter angeordnet, den Beitragsammlern pro Zahlabend 75 Pf. Entschädigung zu ge« währen. Kauffmann berichtete, daß die Maurer bei der Kanalisation an die städtische Ban-Jiispektioi» das Verlangen gestellt habe»», statt der bisher gezahlten Löhne von 50 Pf. bei einer lOstiindigen Arbeitszeit, de» Stundenlohn von 621'2 Pf. und die 0 stündige Arbeitszeit ciiizufübren. Natürlich sind die Arbeiter abgewiesen und ist ihn'ei» anheimgegeben, es einmal mit einer Bittschrift zu versuchen. Selbst- verständlich gingen die Arbeiter hierauf nicht ein und ruht infolge- dessen auf der ganze» Strecke in Straße 1» die Arbeit. Eine von den Arbeiten» a» die Organisation gestellte Bitte um Ilntcrsliitznng wurde bis zur nächsten Generalversammlung vertagt. Weiter kritisierte Kauffmann noch ein Vorkommnis in Rummelsburg. Dort sei bei der Bahnüberführung stellemveise die Riistnng äußerst fahrlässig gebaut. Sollte sich jedoch ein dort arbeitender Maurer oder Arbeiter erlauben, den» Herr» Bauführer ans derartige Miß- stände aufmerksam zu»nachen. so könnte er gewärtig sein, über kurz oder lang auf daS Straßeiipflastcr zu fliegen. Tie Cemcnticrer nahinen in der Versammlnng am 0. Mai den Kassenbericht von» 1. Quartal entgegen. Hierauf hielt das Mitglied Haese einen Vortrag über die Verhältnisse im Beruf. Redner empfahl PesouderS, die im Tarif festgelegten Forderungen streng zn beachten. Die Versammlung trat dieser Lluffassung allgemein bei. Die Möbclpolierer(Filiale dl.) hatten am 14. Mai eine Der- sammlung anberaumt, in der Dr. Wey! einen iuteresianten Vortrag hielt. Unter ander»»» beschäftigte sich dam» die Bersammlimg mit dem Flugblatt des Holzarbeiler-Verbauds. Von mehreren Rednern wurde die Herausgabe der Flugschrift abfällig kritisiert. Briefkasten der Redaktion. Tie juristische Zprcchsiuude siudet Montag, TienStag und Freitag Hon 7—9 Uhr abends statt. S. C. 11». Außer der in Berlin hernusgeaebenen..Deutschen Tabak- Zeitung" erscheint in Jener(Schlesien) das„Erste Offertcnblatt sstr die Tabak- und Cigarrenbranche", in Leipzig„Die Eigarre", in Mannheim die „Süddeutsche Tabak-Zeitung". in Culeulborg(Holland)„De Tabacksplant", »n London„Tabacco Trade Review". «Kttleriiugsübersicht vom 47. Mai 1999. morgens 8 Uhr. Wetter.Prognose für Freitag, den 48. Mai 4999. Ei» wenig kühler, zeitweise heiler, vielfach wolkig mit elwaS Rege» und ziemlich snkchen nordwestlichen Winden Berliner W e t t e r b« r e a>». und Verlag von Max Vading in Berlin.