Redaktion and Terlags Karlsbad, Haus.Graphia" TpL 1081 Preis der Einzelnummer t/' v j js\ Im Ausland Kd 2�) J\.C 1 oTrVf Auslandspreise Argentinien, L Belgleo..,. Bulgarien.,, Ranzig.... Deutschland.. Estl nd..., Finnland.,. Frankreich.. Großbritannien Holland.... Italien..... Jugoslawien.. Lettland.•. Ittltf iM» Nr. IS Sonntag, f 0. Sept. 1933 Bezugspreis im Quartal TZ X't Q (Im Ausland Kd 24�1 J\pC X Oo- Auslandspreise Cinzelmimm. vierteljährl Litauen.,.,. Llt 0.55 Lit. 6.60 Luxemburg,,. B. Frs. 2.— B.Fr, 24.— Norwegen..,. Kr 0.35 Kr. 4.20 Oesterreich.,. Sch. 0.40 Schill. 4,80 Palästina.... Müs 18.— Müs 216.— Polen...... Zloty OJjO Zloty 6.— Portugal,,•. Esc. 2.— Esc. 24— Rumänien.,. Lei 10.— Lei 120.— Saargebiet,•. F.Fr. 1.50 F.Fi, 18.— Schweden.,,. Kr. 0.35 Kr. 420 Schweiz.... Frs. 0.30 Frs. 3.60 Spanien•••. Pes. 0.70 Pes. 8.40 Ungarn..... Pengö 0.35 Pengö 4.2o USA...••.. Dollar 0.08 Dollar 0.96 Sozialdemokratisches Wochenblatt SVaiicmdiämlnng im 3. Reidi Frauen und Mäddien müssen Spießruten laufen Nürnberg. Die junge Nürnbergerin Betty S U B, die wegen Verkehrs mit einem Juden von Hitlerieuten unter Schmähungen und Mißhandlungen durch die Straßen geschleppt wurde, ist geistiger Umnachtung verfallen und mußte in eine Irrenanstalt gebracht werden, In Hitlerdeutschland hat man eine neue Art sadistischer„Volksbelustigung" erfunden. In Nazizeitungen werden Namen von Frauen und Mädchen„an den Pranger" gehangen, ge- een die welter nichts vorliegt, als daß ihnen Freundschaft mit einem lödischen Volksgenossen nachgesagt wird. Durch den Kot deutscher Straßen werden Mädchen geschleift, denen man das Haar abschneidet und ein Schild umhängt mit Inschriften wie:„Ich habe mich mit «nem Juden eingelassen!" An der Spitze dieser„Aktionen gegen den Rasseverrat" steht das Organ des Dbclberüch- tlgten Gauführers Julius Streicher,„Der Stür- mw in Nürnberg. Dieses DreckbLatt bringt die Adressen von Mädchen oder Jüdischen Män.- nern, die irgend etwas miteinander su tun hatten oder von denen Klatschmäuler irgend etwas ähnliches zu tratschen wußten. Andere Hakenkreuz-Reptile, wie das Blatt in Ingolstadt und das in Mannheim, fordern Adressen und Bilder solcher Mädchen oder Jüdischer Männer, die gegen das„Rassegesetz" Verstießen. Mit schamloser Genugtuung berichten Hitlers Schmöcke von den grauenhaften Folgen dieser Denunziationen und Hetzereien. in Nürnberg wurde einem Mädchen der Kopf kahl geschoren und eine Tafel umgehängt mit der Inschrift;„ich habe mich einem Juden angeboten!" So wurde die Mißhandelte durch die Straßen geführt und in mehreren Tingeltangeln auf der Bühne zur Schau gestellt itie„Times" berichtet dazu: Sturmtruppleute standen neben dem Podium, brüllten den Text der Tafel in das Publikum und beschimpften das lunge Mädchen in nicht wiederzugebenden Worten. Einige Tage vorher wurden ein Jude und eine Nichtjüdin. angeblich die Geliebte des Juden, in einem offenen Auto durch die Straßen Nürnbergs geführt Sie hatten Tafeln um den Hals, die die Inschrift trugen:„Ich habe eine deutsche Frau entehrt und„Ich habe mich einem Juden hingegebe n". Der Polizeibericht von Worms meldet, daß ein Jude In das Konzentrationslager Osthofen gebracht wurde, weil er versucht habe, sich einem christlichen Mädchen zu uähern. Das Naziblatt„Hessische Volkswacht" berichtet ohne Scham und Scheu: Durch die Straßen Kassels sei von SS-Pionieren ein Mädchen, seine Mutter und ein Jude geschleppt worden. weil das Mädchen mit dem Manne eine Freundschaft hatte und die Mutter nichts dagegen Unternahm. Dasselbe Schandblatt meldet einen ähnlichen Fall von Marburg a. L Bei alledem bildet Hakenkreuzmob auf den Straßen ein fohlendes Spalier. Faschistische Halunken drohen in den Zeitungen mit Veröffentlichung der Namen und Adressen„artvergessener Frauen", mit Enthüllungen aus ihrem Privatleben. Das Niveau dieser Presse Ist unter das der gemeinsten Revolverblätter gesunken, und man kann sich denken, welches Maß kleinlichster, dreckigster Rachsucht, Denunziantentum. Klatscherei und Niedertracht sich auf diese Welse austoben darf. Wir wollen hier nicht breit erörtern, wie viel rohe, verkorkste Sexualität sich in diesen irrsinnigen Skandalen auslebt Unter einem Regime, an dessen Spitze Perverse und erotisch Anormale wie Göring, Röhm und Heines stehen, müssen Weib und Weibesehre tief im Preise sinken. Aber man stelle sich vor, wie verheerend solche öffentliche Gemeinheiten nicht nur aufs breite Publikum, sondern vor allem auf Kinder nnd junge Menschen wirken muß! Zu den Phrasen der braunen Demagogen gehört auch der„Schutz der Jugend vor sexueller Verderbnis und Pornographie." Jetzt werden deutschen Kindern auf den Straßen lebende Bilder gezeigt die an Zotigkeit und Gemeinheit einen Rekord darstellen. Englische und französische Blätter haben diese Schandmethoden empört kritisiert und barbarischstes Mittelalter genannt Sie Irren, das gabs nicht einmal fn jenen finsteren Zeiten. Die sadistischen, dreckigen Erziehungsmethoden des 3. Reiches sind ohne Beispiel, sie bedeuten die grauenhafteste Verir- rung. die je über ein zivilisiertes Volk kommen konnte. Tanzt nidht mit Juden! ,J)ie Verwaltung des Nordseebades Norder ney hat im Gesellschaftssalon des Kurhauses ein Schild mit folgender Inschrift anbringen lassen: ,J)eutsche Frauen, tanzt nicht mit einem Jadenr Ausrotten•••! BERT „Nor so wird es getlngen, das von den Führern der nationalsozialistischen Revolution gesteckte Ziel zn erreichen, den Bolschewismus mit Stumpf und Stiel auszurotten, bis schließlich, wie Ministerpräsident Göring einmal ausführte, in Deutsch iand keine einzige Schrift mehr davon kündet, daß es überhaupt einen Marxismus gibt"„VöiklscherBeobachter." Taumel zum Abgrund! Nürnberg erzittert unter den Kanonenschlägen des größten Feuerwerks, das die Welt jemals gesehen hat. In Marienbad liegt am gleichen Tage ein deutscher Philosoph auf der Bahre. Tot, mit zerschossenem Hirn. „Ob tausend Kritiker leben, ist gleichgültig", dröhnt die Proklamation Hitlers an dem Nürnberger Parteitag. Theodor Lessing war einer von den Tausend. Daß e r nicht mehr lebt, ist gleichgültig. Daß Adolf Hitler lebt, das ist wichtig! Theodor Lessing war einer der geistvollsten Schriftsteller deutscher Sprache. Adolf Hitler ist einer der erbärmlichsten Schwätzer, die jemals von der wandelbaren Volksgunst in die Höhe getragen wurden. Adolf Hitler hat keine Beziehungen zu deutschen Philosophen, aber die Würger von Potemba hat er mit Recht seine Kameraden genannt Sie waren es, und die Schützen von Marienbad sind es auch! Deutschland ist das Land der Dichter und Denker gewesen. Es ist heute das Land der Mörder und der Henker, das Land des Blutwahnsinns, des irren Fanatismus, des Massenrausches, das Land, in dem Jedermann den letzten Rest von Besinnung verloren zu haben scheint ausgenommen diejenigen, die sich kaltblütig bereichern. * Hermann Göring prangt im Glanz seiner neuen Generalsuniform. Er hat Hindenburg etwas geschenkt, was ihm selber nicht gehörte, dafür hat Hindenburg ihn zum General ernannt. Der Reichspräsident hat jetzt auch nach anfänglichem Widerstreben zugelassen, daß die Berliner Friedrich-Ebertstraße in Her- mann-Göringstraße umgetauft wurde. So strahlt der Mann, den einige der berühmtesten Rechtsanwälte der Welt öffentlich als den eigentlichen Reichstagsbrandstifter bezeichnen, in Ehren und Würden. Doch was wären Titel, wenn die Mittel fehlten? Hermann Göring ist nicht nur seit langem Bezieher von märchenhaften Gehältern und Inhaber mehrerer Paläste, sondern neuerdings auch Besitzer eines Grundstücks von 10.000 Quadratmetern in bester Gegend, das ihm seine bayrischen Kumpane gestiftet haben. Die G e s c h e n k a n- nahme im Amt gehört zu den selbstverständlichsten Gepflogenhelten der Spitzen des Dritten Reiches. Friedrich Ebert und Hermann Müller gingen aus ihren Aemtern genau so arm, wie sie hineingegangen waren. Sie waren sauber bis in die Fingerspitzen. Aber wenn damals irgend ein sozialdemokratischer Landbürgermeister sich in nicht ganz zweifelsfreie Geschäfte eingelassen hatte, brüllte man über marxistische Korruption. Heute liegt das Volk stumm, gefesselt zu den Füßen seiner Eroberer. Die nehmen sich, was ihnen gefällt, und die gleichgeschaltete Presse lobt liebedienernd ihre Bescheidenheit und Un- eigennützigkeit Ueber die Staatsmänner der Republik tonnten die schamlosesten Lügen verbreitet werden, ohne daß die Verleumder bestraft wurden. Heute steht in Deutschland auf Wahrheit Zuchthaus, wenn nicht Folterung und Martertod. Auch im achten Monat der Regierung Hitlers ist es noch nicht besser geworden. Alle sentimentalen Hoffnungen auf das Abebben des Terrors nach der ersten Zeit oder gar auf den„Großmut der Sieger" haben getrogen. Es wird weiter gemordet, und es wird weiter gemartert. Naheliegende Gründe hindern uns heute noch, Namen zu nennen und auf Einzelheiten einzugehen. Aber die Zustände in vielen Gefängnissen und Konzentrationslagern sind noch immer so grauenerreg end, daß sie die ganze zivilisierte Menschheit zu einem einmütigen Protest herausfordern müßten. Noch immer werden Menschen, die keine andere Schuld auf sich geladen haben, als daß sie Marxisten sind oder als solche gelten, in bestialischer Weise mißhandelt. Als dem polnischen Abgeordneten Liebermann und einigen anderen polnischen Genossen ähnliches in der Festung Brest-Litowsk widerfuhr, schrie die ganze Welt vor Entsetzen auf. Heute ist in Deutschland an jedem Tage Brest-Litowsk, aber die Ohren der Welt sind beinahe taub geworden für den Schmerzensschrei der Geschlagenen, für das Stöhnen der Verwundeten, sie sind abgestumpft durch das Uebermaß. Und doch sind die privilegierten Meuchelmörder des Dritten Reichs, die ihre Opfer aus dem Hinterhalt mit einem sicheren Schuß erlegen, beinahe noch Menschenfreunde, gemessen an den uniformierten Knechten, die hinter den Stacheldrähten und Kerkerwänden ihr Schinderhandwerk ausüben! Entsetzliche Vorstellung, daß es jetzt in Deutschland zehntausende junger Menschen gibt, die systematisch zu solchem Handwerk erzogen werden und es mit Wohlgefallen betreiben! Was aber bedeutet das alles? Die alte Herrenkaste ist wieder an der Macht Sie hat in dem grausamsten aller Klassenkämpfe, in einem unerbittlich mörderischen Klassenkampf von oben das arbeitende Volk in den Staub getreten. Der Handelsattache der britischen Botschaft in Berlin, ein kapitalistisch gerichteter Mann, stellt mit kalter Objektivität fest daß das neue System darauf hinauslaufe, das Lebensniveau der Massen zu senken. Damit wird der eigentliche Sinn des„Novemberverbrechens" klar, das wir begangen haben sollen, und das durch das Hitlerregiment wieder«ut gemacht wird. Die Sanierung der kapitalistischen Wirtschaft wird versucht durch Vernichtung aller sozialen Fortschritte, die sich die Arbeiterklasse unter sozialdemokratischer Führung erkämpft hatte. • Je höher die nationalsozialistischen Raketen steigen, desto tiefer sinkt der Realwert des Lohnes. Tannenberg- und Niederwaldfeiern mit Kriegsreden und Schlachtenmusik leiten Kommendes ein. Menschenrauh und Meuchelmord, die beiden politischen Universalmittel des Nationalsozialismus, expandieren über die Grenze, Im Innern wird marschiert und exerziert. Est ist schon längst ein Unsinn, von geheimen Rüstungen zu reden, sie sind doch öffentlich geworden, und alle Welt spricht vom Krieg. Während die Hitlerregierung beteuert. ihn nicht zu wollen, tut sie alles was zu ihm führt. Blindgemacht, vom Feuerwerk geblendet, taumelt das unglückliche, mißbrauchte deutsche Volk dem Abgrund zu, von Feuerwerk zu Feuerwerk ins Höllenfeuer der Vernichtungl Vor der Gleichschaltung der „Frankfurter Zeitung** Die einstmals demokratische und freiheitliche „Frankfurter Zeitung" Ist von Monat zu Monat ein dankbareres Objekt der Gleichschaltung geworden. Aber gelegentlich werden doch Konzessionen an die zahlreichen ausländischen oder Jüdischen Leser des Blattes gemacht Als dies kürzlich durch den Abdruck eines ausländischen Urteils Ober die Judenfrage geschah, tobte Alfred R Osenberg, daß sich die maßgebenden Kreise bereits mit der Frage der Einstellung der„Frankfurter Zeitung" befassen. Da wird wohl nächstens die offene Gleichschaltung zu erwarten sein. Zu den Blättern, die Jetzt auch das Mißfallen der Nazis erregt haben, gehört die„B a s- ler Natlonalzeltung". Ihre Einfuhr wurde bis zum 10. September verboten. Lügner Göbbels Er will den Mord an Lessing rechtfertigen! Am Tage nach dem Mord in Marienbad sprach Goebbels im Rundfunk. Er versuchte, den Mord zu rechtfertigen, indem er erzählte, Lessing habe in einem Zeitungsaufsatz Hindenburg mit dem Lustmörder Haarmann auf eine Stufe gestellt. Ob ein solcher Aufsatz der NSDAP, das Recht gibt, Meuchelmörder nach der Tschechoslowakei zu schicken und den Verfasser hinterrücks zu erschießen, soll weiter nicht untersucht werden. Festzustellen ist nur, daß Goebbels"hier noch leichtfertiger gelogen hat als er es sonst tut Der Hindenburg-Haarmann-Schwindel gehört zu den ältesten Beständen der nationalsozialistischen Lügenpropaganda. In allen hakenkreuzlerischen Agitationsheften kann man lesen, daß es der„V o r w ä r t s" gewesen sei, der einmal in einem Feuilleton Hindenburg und Haarmann auf eine Stufe gestellt habe. Goebbels hat den alten Schwindel wieder aufgewärmt und hinzugesetzt, daß Lessing der Verfasser Jenes Feuilletons gewesen sei. Nun stand 1. in jenem Feuilleton etwas ganz anderes, als was behauptet wird, und 2. war es garnicht-von Lessing! Was aber den Goebbels betrifft, so war er gegen Beleidigungen vom Reichspräsidenten früher nicht so empfindlich. Hindenburg nannte er einen Liebling der Deserteure und E b e r t beschimpfte er bei den letzten Reichstagswahlen in Hannover als einen„früheren Bordellwirt". Hindenburg hatte damals noch kein Gut geschenkt bekommen und war noch nicht völlig abgestumpft Er weigerte sich damals, das Ebertbiki aus seinen Amtsräumen zu entfernen und entschuldigte sich bei der Witwe seines Aratsvorgängers, als Hakenkreuzlümmel in ihre Wohnung eingedrungen waren und sich dort unverschämt benommen hatten. Die Ernennung des Goebbels zum Minister drohte an der Rede von Hannover zu scheitern. Da erklärte Goebbels feierlich, er habe die ihm in den Mund gelegte Aeußerung nicht getan. Der Redaktion des„Vorwärts" wurde der freche Ableugnungsversuch durch eine Zuschrift aus dem Büro des Reichspräsidenten bekannt in der mitgeteilt wurde, daß Herr Goebbels entschieden bestreite, die ihm in den Mund gelegte Aeußerung getan zu haben. Gleich darauf folgte die Ernennung zum Minister. Dem„Vorwärts" stand etwa ein Dutzend einwandfreier Zeugen zur Verfügung, die bereit waren, zu beschwören, daß Goebbels mit seiner Ableugnung den Reichspräsidenten oder dessen Staatssekretär frech angelogen hatte. Ein Prozeß schien bevorzustehen, der interessant zu werden versprach und der mit der Erledigung des Burschen Goebbels enden mußte. Da brannte der Reichstag ab. der Terror setzte ein, es gab keine Zeugen mehr, die gegen Goebbels aussagen, keine Richter mehr, die unabhängig Recht sprechen konnten, und bald auch keinen Reichspräsidenten mehr, der sich um die moralischen Qualitäten seiner Minister kümmerte. So blieb dem Goebbels der öffentlich geführte Beweis erspart, daß er sich durch eine Lüge in sein Ministeramt eingeschlichen hatte. Aber bedarf es denn noch der Beweise? Gelogen hat er schon zuvor, und gelogen hat er auch danach, und mit Recht heißt er darum überall, selbst bei seinen eigenen Parteigenossen, der„Reichslügenminister". Assassüien Oder die Wledepkehp der Gleichen Zur Zeit der Kreuzzüge gab es in Vorderasien ein seltsames Reich, das Reich der As- sassinen. Entstanden aus einer fanatischen Sekte des Muhamedanismus, stand dieser Staat auf den Grundpfeiler des absoluten Gehorsams und— des Meuchelmordes. In den festen Burgen der Assassinen, die sich von Persien bis nach Syrien erstreckten, wurden Scharen von Jünglingen zu vollendeten Meuchelmördern ausgebildet, die ihre Fähigkeit in blindem Gehorsam dem religiösen Oberhaupt der Sekte, dem„Alten vom Berge" zur Verfügung stellten. Vor dem Terror dieser organisierten Mörderbanden zitterten die Reiche ringsum von Persien nach Aegypten, bis ihre Oberhäupter lernten, durch Geldsummen die Assassinen für ihr« eigenen Zwecke zu kaufen, worauf diese zv gewöhnlichen Bravos herabsanken. Bei dem ursprünglichen festen Zusammenhalt der Assassinen und dem blinden Gehorsam, mit dem sie die Mordbefehle ihres Oberhauptes ausführten, sollen übrigens Homosexualität und die Stimulation durch Rauschgifte eine große Rolle gespielt haben. Ist dieses Assassinenreich jetzt wieder auferstanden? Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eines der Nachbarländer durch die Einfälle irgendwelcher Mordbanden in Unruhe versetzt wird. Die kleineren wie größeren Grenzzwischenfälle reißen nicht mehr ab, seitdem Hitler an der Macht ist. Die Schweiz muß protestieren, weil auf schweizerischem Gebiet befindliche Personen mit Gewalt von Echo aus Deutschland Kampfbegeisterter Brief eines Arbeiters Mit dem Poststempel einer deutschen Großstadt erhalten wir dieses Schreiben: An die Redaktion des„Neuen Vorwärts"! Heute bekam Ich ganz unerwartet den „N e u e n Vorwärts" Nr. 7 in die Hand. Ich habe die Zeitung mehrere Stunden hintereinander gelesen, manche Sätze zehnmal, jeden Artikel aber mehrere Male. Ein ganz anderer Mensch bin Ich wieder, endlich mal wieder kritische, offene Worte gedruckt gelesen zu haben; endlich zu wissen, daß andere Menschen zu denselben kritischen Urteilen über die in Deutschland z. Zt. herrschende Barbarei, die Kulturschande und den Terror gelangt sind. Die Zeitung ist zwar schon sehr zerlesen, es Ist aber daraus zu ersehen, wie hungrig wir hier sind, wie völlig aus- gehungert nach richtigen Zeitungen! Meine Freude, die mir beute durch den „Neuen Vorwärts" bereitet wurde, ist so groß(auch die aller meiner Bekannten und Freunde), daß ich die Mitarbeiter des „Neuen Vorwärts" daran teilnehmen lassen will und Ihnen zuruie: Sorgt dafür, daß die Wahrheit bekannt wird und sorgt um die gefährdete Menächüchkeit in Deutschland! Obwohl ich wegen„staatsfeindlicher Einstellung" aus einem Privatbetrieb hinausflog und ich für das Porto mir ein Brot hätte kaufen können, schreibe ich an Sie, damit Sie wissen, daß Sie nicht umsonst kämpfen, daß Millionen Genossen, die jetzt gekne beit sind, nur darauf warten, tätig in den Kamp! um die Freiheit eingreifen zu kön neu, damit Sie wissen, wie sehr sich ein namenloser Arbeitsloser heute gefreut hat und wieder hofft aul eine baldige wirkliche „Freiheit"! Braune Bonzen wälzen sich ii Sekt Franzosisdier Sekt- russischer Kaviar- englischer Whisky Helgoland war in diesem Sommer Judenrein", dafür sonnten sich um so mehr braune Bonzen an seinem Strand. Da aber, wenn die gleichgeschaltete Presse nicht lügt, nur Juden zu prassen und sich den Bauch zu mästen pflegen, so war die verflossene Helgoländer Saison sicher von spartanischer Einfachheit gezeichnet Der„Berliner Herold" plaudert ein Stück Helgoländer Speisekarte, Jahrgang 1933, aus. Er erzählt: ... Und das Kurhaus verschenkt noch immer eine„Kurhaus"-Kanne für 7 Mark, bestehend aus 1 Flasche Bcmard-Massard, 1 Rasche Weißwein und„den Früchten der Saison". Vergessen Sie nicht die gute Hummer-Suppe dazu servieren zu lassen! Sonst gibt es la noch andere Dinge zum schlemmen: englischer Whisky, französischer Hen- nessy und russischer Kaviar ohne Zollaufschlag. Ein Augenblick im Eden der Weltwirtschaft ist es, wenn man den Gaumen mit einem Martell für 50 Pfg. oder einem Whisky-Soda für 80 Pfg. oder einer Moet Chandon für 4.50 Mark netzt Der Berliner bestellt sich gleich ein zweites Glas... Kaviar ist' billiger geworden: man liefert allerorten die Portion für 1.60 Mark." Na also! Wenn nur der Kaviar billiger wird— dann dürfen die Margarine-Preise ruhig weiter steigen! So haben wir uns die spartanische Einfachheit der braunen Oberschicht immer gedacht „Auf der Düne weht das Hakenkreuz" plaudert der„Herold" weiter— auf der Düne das orientalische Hakenkreuz, auf dem Teller russischer Kaviar, im Glas französischer Sekt und im Herzen römisch-faschistische Begeisterung. Da hört sich die Autarkie auf! Arisches Aussehen Bedingung Kleiner Goebbels, was nun? Die„Wandelhalle" meldet daß nach etnem Erlaß des preußischen Innenministeriums für die Einstellung bei der Polizei nicht nur arische Abstammung, sondern auch—„arisches Aussehen" Bedingung ist— Demnach würden sich Hitler und Goebbels nicht mal zu Polizisten eignen. Margarine— ein undeutsefaes Erzeugnis Die lippische Landesregierung hat allen Staatsbetrieben and Kommunaleinrichtungen, auch allen freiwilligen Arbeitslagern verboten. Margarine als Brotaufstrich zu benutzen, da Margarine ein undeutsches Erzeugnis sei. Hitlerleuten über die Grenze verschleppt werden. Das gleiche ereignete sich im S a a r g e- biet Nach Belgien fallen Hitlertrupps ein, verprügeln in den Grenzorten Andersgesinnte, um sieb beim Nahen der Gendarmerie schleunigst wieder auf deutsches Gebiet zurückzuziehen. Man kann die Zustände, wie sie sieb in einigen Grenzstrichen entwickelt baben. schon als mazedonische bezeichnen. Zu diesen täglichen Plänkeleien kommen nun aber noch Taten wie die Befreiung des wegen Mordversuches inhaftierten Gauleiters H o f e r aus dem Gefängnis In Innsbruck und die Ermordung des Prof. L e s s i n g In Marienbad. Es Ist das nicht das erstemal, daß das Hitlerreich den Mord über seine Grenzen trägt Erinnert man sich noch an das Auto, das eines Tages aus Bayern kommend, vor einem einsamen Haus Im Inntal hielt, worauf die tn- saßen, ein halb Dutzend Nazi, den Bewohner dieses Hauses erschossen und über die Grenze zurückjagten? Der Ermordete war der Dr. Bell, von dem man sagt, daß er außer so manchen Geheimnissen um Hitler auch die Urheberschaft des Reichstagsbrandes hätte aufhellen können. Nun ist dem Mord auf östereichischem Gebiet ein neuer auf dem Gebiet der Tschechoslowakei gefolgt Die Nähe der Grenze hat das Entkommen der Haupttäter erleichtert, denen man drüben voraussichtlich ebenso wie den Rathenaumördem Fischer und Kern eine Ehrentafel stiften wird. Das erste Reich der Assassinen versank in Schmach. Will das zweite diesem Schicksal entgehen, so muß es sich vom Assassinentum noch rechtzeitig befreien und wieder der Kulturstaat werden, der es seit dem Einbruch des braunen Barbarentums aufgehört hat zu sein! Otto Wels, 60 Jahre alt Otto Wels wird am 15. September 60 Jaln alt Die Hitlerregierung hat Ihn erst vor kui zera die höchste Ehre verliehen, indem sl ihn der deutschen Staatsangehörigkeit vei lustig erklärte. Es genügt hinzuzufügen, da er sie verdient hat. Wenn einmal die G( schichte dieser Zeit geschrieben wird, dan wird Otto Wels als einer von denen erkant werden, die Im Zusammenbruch nicht de Kopf verloren, sondern sofort darangingen, de Kampf wieder aufzunehmen. Wels war d( einzige, der im Reichstag dem größen wahr sinnigen Diktator mit mutigen und würdige Worten entgegentrat In allen Konfercnze vertrat er die Linie des ideologischen Wldet Standes gegen den Faschismus: er warnte vo jedem Assimilanten- und Kapitulantentum. Era als sich gezeigt hatte, daß diese Warnunge nichts halfen, verließ er Deutschland,— nich aus eigenem Antrieb, sondern in Ausführun eines Beschlusses, und nicht um des Frieden! andern um des Kamptes wülen. Es Ist unse Wunsch zu seinem 60. Geburtstag, daß es ihn bald wieder vergönnt sei. auf deutschen Bodei zu stehen als der aufrechte Kämpfer für di- Ideale des Sozialismus, für Rechi , eihelt und Menschlichkeit der« seit seiner Jugend gewesen und stets gebliebct Ist Hitlers sihledites Gewissen Eft gibt nur 20 Horde zu— in Wirklichkeit sind es mehr als ein halbes Tausend Hitler hat einem amerikanischen In terviewer gegenüber die Behauptung auf gestellt, daß bei der nationalsozialistischen Revolution„noch keine zwanzig Men sehen" ums Leben gekommen seien. Den dreisten Schwindel Hitlers enthüllt folgen de Aufstellung. Sie enthält nur einen Tei wahrscheinlich nur einen kleinen Teil der Menschen, die dem nationalsozialistischen Regierungssystem zum Opfer gefallen sind. Es sind in ihr nur die seit den Tagen unmittelbar vor dem 5. März der Oeffent lichkeit bekannt gewordenen, in de Presse veröffentlichten Fälle enthalten. Viel größer wahrscheinlich ist die Zahl der verheimlichten Todesopfer. Ihre Menge dürfte mit den massenhaften Verschleppungen in die Konzentrationslager zugenommen haben, wo die Nazihor den unbeaufsichtigt und ohne Furcht vor Strafe ihrem Sadismus frönen dürfen. Zwei Rubriken sind in Gänsefüßchen gesetzt Die Oeffentlichkeit in Deutsch land und außerhalb weiß, daß die Beherr scher des Dritten Reiches, die das deutsche Volk zur Heldenhaftigkeit erziehen wollen, zu feige sind, einzugestehen, da der Mord ihr oberstes Regierungsprinzip ist. Was in Deutschland die Bezeichnung „auf der Flucht erschossen" zu bedeuten Lat, ist der Welt seit der Ermordung Karl Liebknechts bekannt. Von den„Selbstmorden" entfällt offenbar der geringste Tei auf diejenigen, die das Glück, im Dritten Reiche zu wohnen, nicht schätzen gelern haben. Der größte Teil der Selbstmorde verdient den Namen„Freitod" nicht Ihre Opfer haben entweder das kleinere Uebe der Selbstentleibung dem qualvolleren Tod der Folterung vorgezogen oder sie sind einfach gemordet und der Mord durch eine lügenhafte Bezeichnung getarnt worden, Allein die hier aufgeführte Liste ergibt Ober 460 Blutopfer der braunen Bestialität: Einzelmorde 2 Uärx. Worms: NaziOberiaJI auf Volkshaus, dessen Wirt und ein Kommunist erschossen. G I e I w 1 1 z: Sturm der SA auf Arbeits amt, einige kommunistische Arbeiter schössen. 0 h I a u: Zwei Cewerkschaftsangestelite Im Büro des Gewerkschaftshauses schössen. 3. März, Bremen: Ein Reichsbannermann nach schweren Verletzungen gestorben. t März, Thaleschweiler: Naziüberfall auf Werbungsumzug der Eisernen Front Ein Mann der Eisernen Front tot mehrere andere schwer verletzt März, Königsberg; Kaufmann Max Neumann, Jude, im Krankenhaus den von SA zugefügten Verletzungen erlegen. *1. März, Chemnitz; Sozialdemokratischer Stadtrat Landgraf bei Besetzung des Volks- bauses von hinten erschossen. Brannscbwelg: Bei Besetzung des sozialdemokratischen„Volksfreund" Wer belelter Hans Salier von Nazis durch 17 Schüsse getötet März. Kiel: Rechtsanwalt Spiegel von Nazi-Eindringlingen erschossen. Felgeleben bei Magdeburg: Sozialdemokratischer Stadtrat Kresse getötet März, Berlin: Aus SA-Kaserne Friedrichsstraße 243 sieben Tote abtransportiert März, Berlin: Rechtsanwalt Günther Joachim, Jude, Sozialdemokrat Relchs- bannerverteidiger, den in der SA-Kaserne Ulap erlittenen Mißhandlungen erlegen. 22. März, Berlin: In Wllmersdotl ein Arbeiter von Nazis erschossen. In Spandau Führer der sozialistischen Arbeiterjugend Erich Mayer als verstümmelter Leichnam aufgefunden. 3- A p r i l: Fememord an Dr. Bell bei Knfsteln in Tirol durch deutsche Hilfspolizisten. 8- April, Berlin: Hellseher Erik Jahn Ha- nussen ermordet aufgefunden. 17- April. Berlin: Fritz Golosche aus Charlottenburg an Folgen schwerer Mißhandlung gestorben. Etwa 15. April, Chemnitz: Rechtsanwalt Dr. Weimer. Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde auf der Landstraße ermordet aufgefunden. 11 r i 1, Berlin: löjähriger kommunistischer Arbeiter Kindermann in Gegenwart seiner Mutter Schädel zerschmettert Al)r'l. Braunschweig: Postbeamter Wilhelm Crotehenn ans Langelsheim zu Tode geschleift und getreten. I er er 10. 12. 16, 18, 12. Mal, Berlin: Sozialdemokratischer Parteifunktionär Artur Müller von SA verschleppt und zu Tode mißbandelt 22 Mai, Braunschweig, Matthias Thei- Ben. Geschäftsführer der Zahlstelle Braunschweig des Baugewerksbundes nach viehischen Quälereien im katholischen Krankenhaus gestorben. 23. luni, Düsseldorf: Uhrmacher Eduard Kt- bus im Keller seiner Wohnung erschossen aufgefunden. Zwickau: In einem Teich bei Hartmannsdorf, Erzgeb, Leiche eines Jungen Mannes, seit 8. Juni in Chemnitz vermißt aufgefunden. Bis Anfang Juli von Müncbener Zeitungen 41 Ermordete gemeldet 13. Juli, Berlin: Der frühere kommunistische Landtagsabgeordnete Karl Schulz Im Gefängnis Spandau erschlagen. 17. Juli, Frankfurt a. M.: Landtagsabgeordneter Dr. Schäfer. Veröffeutllcher der Boxheimer Dokumente, erschossen. 23. Juli, Leverkusen: Erwerbsloser Jaskowiak von SS erschossen. 31. J n 1 1, Iserlohn: Kommunist Soleckl von zwei Hilfspolizisten durch Kopfschuß getötet Massenmorde Ueberfall von Köpenick In der Nacht vom 21. zum 22. Jnnl: Mehr als 20 Menschen zu Tode gefoltert. Davon sind 11 dem Namen nach bekannt Es sind: 1. Richard Aßmann, Reichsbannerführer. Ber- lin-Friedrichshagen Friedrichsstraße 114. 2. Paul von Esser, Relchsbannerführcr, Berlin-Köpenick, Dahlwitzer Platz 9. 3. Johannes Stelling. 4. Erich Janitzkl, Kommunist Berlin-Köpenick, Mittelheide 3. 5. R. Krahl. Sozialdemokrat, Berlln-Adlershof, Handlerfstraße 36. 6. Paul Pohl, Sozialdemokrat Berlin-Köpenick, Gutenbergstraße 10. 7. Karl Pokert Kommunist Berlln-Frledrichs- hagen, Müggelseedamm 177. b. Anton Schmaus, Sozialdemokrat Berlin- Köpenick, Alte Dahlwitzer Straße 2. 9. Hans Schmaus, Sozialdemokrat Berlin-Köpenick, Alte Dabiwitzer Straße 2. Paul Spitzer, Kommunist, Berlin-Köpenick, Müggelheimer Straße 4. Josef Spitzer, Kommunist Berlin-Köpenick, GUenicker Straße 59. Im ganzen sind ca. 800 Menschen nach vier Lokalen gebracht und dort stundenlang gequält worden. Ueberfall von Braunschweig in derNacbtdes4.JuIi: 20 Menschenleben vernichtet Davon sind dem Namen nach bekannt geworden: Otto Roß. Reichsbannerführcr, 22 Jahre alt, Benno Ehlers, 19 Jahre alt Karl Wolf, Kommunist Erich Schelpmann, Kommunist, Hermann Basse, Sozialdemokrat Sekretär des Eisenbabnerverbandes. 10 Mann am 4. J u 1 1 im früheren ADGB.-Haus Rieseberg erschossen. Ueberfall auf Laubenkolonie bei Leipzig am 3. Juli: 12 Arbeiter nach fürchterlichem Kampf von SA getötet Braunschweig am 2S. J n 1 1: Ein SA- Mann erschossen, darauf wahllos 10 Kommunisten. Konzentrationslager Dach au: Von den dort Gemordeten sind die folgenden mit Namen bekannt: Arthur Kahn, Provtsloosretsendar, Nflrn berg. Erwin Kata, Kaufmun. MtacfeM, Goldmann, Reisevertreter, Nürnberg, Dr. Alfred Benario, München, Poltzelmajor Hnngllnger, München, Sebastian Metzger, München, Michael Sigmann, SPD., Vorstand der Orts- krankenkaue Pasing, Johann Wiesmann. Karl Lehrtmrger, Nürnberg, Funktionär der KPD. Nordbayern, Anton Hauslader, Funktionftr RGO., Max Holy, Landessekretär Rote Hilfe, Bez. Südbayern,(verschollen), Josef Götz, KPD., Wilhelm Aron, Justizratssohn, Referendar, 22 Jahre alt 99 4uf der Flucht ersdiossen" 13. 19. 25. 28. 2. 19. 22. 10. II. 22. März, L ö b a u: Ein Kommunist von SA- Leuten bei Besetzung der sozialdemokratischen Volkszeitnng. 3. April, Bonn: Kommunist Rcnals auf dem Wege aus Wohnung zur Wache. April, Konzentrationslager Dachau: 3 Kommunisten(I Kommunist und 1 Zentrumsmann schwer verletzt). April, Königsberg: Arbeiter Toleit April: Arbeiter Paul Herda zwischen Lübben und Lübbenau von Bahnpolizei. April, Recklinghausen: Kommu nistenführer Albert Funk aus Dortmund (Wolff-Büro). Mai, Rostock: Landwirt Andreas v. Flotow, Altheide bei Ribnltz nach der Vcr haftung(Wolff-Büro). Mal, Konzentrationslager Da c h a u: Schutzhaftgefangener Hausmann, Mal. Konzentrationslager be Chemnitz: 4 kommunistische Häftlinge Anfang Mal: Reichstagsabgeordneter Biedermann, Hamburg, Sozialdemokrat, an geblich aus dem fahrenden Schnellzug gesprungen. 30. Mal, Konzentrationslager Heu- berg: 2 politische Gefangene. Juni, Essen: Karl Lottes, Kommunist, Strafgefangener. Juni, Arnswalde; Kommunist Allen bürg von SA bei Ueberfflhrung ins Gerichtsgefängnis Landsberg. J n 1 1; 3 Kommunisten bei Ueberführung nach dem Konzentrationslager Sonneberg (Wolff-Büro). 19. Juli, Konzentrationslager Wilsede: 2 Inhaftierte SA-Leute. Konzentrationslager Dachau: Dr. Alfred Strauhs, Rechtsanwalt, München. 8. August: Felix Fechenbach, auf dem We ge nach dem Konzentrationslager. 9. August: 3 SA-Leute im Konzentrationslager Dürrhelm, Baden, wo 100 SA-Leute Inhaftiert Selbstmorde 12A prll, Breslau: Bakteriologe Prof. Scheller nach Entlassung aus Schutzhaft. April, Düsseldorf: Beigeordneter Dr. Odenkirchen In der Zelle des Polizeigewahrsams. Krefeld: Beigeordneter Dr. Beyer in seiner Wohnung. A p r M: Früherer Geschäftsführer beim Hauptvefband deutscher Krankenkassen, Ebel, wegen Untersuchung der Geschäftsführung ta Untersuchungshaft genommen. 10. 21. 14. 13. 14 Ehemaliger de- Göser und der Th. Lessing spricht „Heute ist eine Prämie auf meinen Kopf gesetzt" Zwei Wochen vor seinem Tode schrieb Theodor Lessing an den„Manchester Guardian": „In einer Rundfunkrede stellt mich Minister G ö b b e 1 s als den Juden Lazarus dar, der den Reichspräsidenten von Hindenburg als Massenmörder bezeichnet und behauptet hat daß die deutschen Soldaten im Schützengraben für einen Dreck gekämpft hätten. Die ganze Anklage gegen mich war genial konstruiert und ich hörte die Massen rufen;„Hängt h n a n f I" Dann kam der letzte Schlag. Die deutschen Zeitungen brachten die Nachricht daß eine Summe von 40.000 Mark dem ausbezahlt werden sollte, der mich nach Deutschland zurückbrächte. Heute ist eine Prämie von 80.000 Mark auf meinen Kopf gesetzt Ich weiß nicht ob das ganz ernst gemeint ist oder nicht aber ob ich nun wirklich frei bin oder nicht, ob die Zeitungen die Wahrheit schreiben oder nicht das macht in meiner Lage keinen Unterschied mehr aus. Aus einem friedlichen deutschen Schriftsteller bin ich zum Flüchtling geworden. Jeder Verteidigungsver- sueb würde meine Lage noch weiter verschlechtern. Daß ich noch am Leben bin, verdanke ich wenigen Freunden, bei denen Ich mich gegenwärtig aufhalte. Nach einem Arbeitsleben, das ich für Deutschland gelebt habe, bin ich gezwungen, wie ein Corlolan zu sprechen. Ich blr deutsch und will es bleiben. Ich bin Jude und will es bleiben. Ich bin Soziallst und will es bleiben. Ich will keine Greuelpropaganda betreiben, kämpfe für Gerechtigkeit offen unter meinem eigenen Namen gegen raein eigenes Land, das ich Hebe." Oortmand: Rechtsanwalt Dr. Elias, fit Haft genommen. Direktor Emil Otte aus München bei Karlsbad erhängt aufgefunden. 16. April, Retchenbach I. V.: Albert Janke, früherer kommunistischer Reichs- tagsabgeordnetet im Gefängnis. April, Bündheim b. Braunschweig: Konsumgeschäftsführer Wilhelm Reupke. April, Seesen bei Braunschweig: Jüdischer Kaufmann Geer im Gefängnis. 19. April. Königsberg: Rechtsanwalt Gaspary jun. an Selbstmordversuch durch Aufschneiden der Pulsadern gehindert. 25. April, Im D-Zug Berlin-Beuthen: Bisherlger Generalintendant des oberschle- slschen Landestheaters Illing. Haftbefehl wegen angeblicher Korruption. 9. Mal, Berlin: Der 46jahrige Bankbeamte Emst Katz und seine 44]ährlge Ehefrau Lina, Tochter Schelderaanns, In ihrer Frlcdenauer Wohnung. Leer: Der frühere Bürgermeister von Leer(Amtsenthebung und Untersuchung). Berlin: Tennismeisterin Nelli Neppach, Jüdin, In Ihrer Wohnung. 7. und 8. Mai, Stuttgart: raokratischer Stadtrat Dr. agrarische Führer Harms. Breslau: Dr. Ernst Eckstein, Führer der Soziafistischen deutschen Arbeiterpartei, nach mißlungenem Selbstmordversuch in Heilanstalt gestorben. Berlin: Langjähriger Reicbstagsabge- ordneter und Fraktionsführer der Deutsch- nationalen Dr. Oberfohren. Staatsamtsrat Walter Sabolowskl. 9. Juni: Reichstagsabgeordnete Toni Pfülff, durch Schlafmittel vergiftet Franz Dressel, kommunistischer Landtags- abgeordneter, Konzentrationslager Dachau, „Selbstmord durch Ocffuung der Pulsadern", In Wirklichkeit totgeschlagen, dann Pulsadern geöffnet 11. J n I i, Berlin: 2 Hitlerjungen in der Nähe der Havel bei Brandenburg(Vossische Zeitung). 18. Juli, Paris: Ehemaliger Staatssekretär und Senatspräsident Freymuth mit Gattin im Hotel. 22. J u l i, H a m b u r g; Hugo Feddersen, Kommunist Todesstrafe beantragt, in der Zelle. 30. J n I i, Bochum: Der frühere Oberbürgermeister von Bochum(Conti-Büro). II. August, Leipzig: Prof. Dr. Ludwig Neubeck, früherer Intendant der Mitteldeutschen Rundfunk-Gesellschaft In der Gefängniszelle. Köln: Otto Fach, Treuhänder(Görres- haus-Prozeß) in der Gefängniszelle. Sozialdemokrat Glaser aus Ottendorf bei Sebnltz Im Konzentrationslager Burg Hohenstein. Todesurteile und Hinrlditungen 23. 27. 31. Mal, Chemnitz: Kommunisten Barll und Winkler wegen gemeinschaftlichen Mordes zum Tode verurteilt Juli, Bamberg: Dienstknecht Schrie- fer wegen Ermordung SA-Manns zum Tode verurteilt August, Darmstadt; Büchler wegen schweren Landfriedensbruches in Tateinheit mit Totschlag von Sondergericht zum Tode verurteilt Juli, Berlin: 2 SA-Leute wegen Verteilung kommunistischer Flugblätter hingerichtet(Urteil: 29. Juli). August, Altona: 4 Kommunisten, LCt- gens, Möller, Karl Wolff, Tcsch, hingerichtet In Deutschland werden jetzt bekanntlich Morde und Mordversuche a n Nationalsozialisten mit dem Tode bestraft, während Morde, die von Nationalsozialisten begangen werden, ungesühnt bleiben. Bei solcher Einseitigkeit der Justizmaschinerie sind Hinrichtungen dann auch nur gemeine Morde. Vom 23. Mal bis 1. August wurden 10 Menschen wegen angeblicher politischer Verbrechen hingerichtet Hitler hat geglaubt die amerikanische Oeffentlichkeit dadurch beruhigen zu können, daß er die Zahl der von seinen Freunden begangenen Morde auf„noch nicht 20" tierabgeschwindelt hat Wie sehr er ge- ogen hat, beweist unsere Darstellung. Wir erwarten von der Weltpresse, soweit sie Hitlers Behauptungen wiedergegeben hat, daß sie auch unsere Widerlegung zur Kenntnis ihrer Leser bringen wird. * Während wir diese grauenhafte Liste zusammenstellten, knallten fn Marienbad abermals Schüsse und ein In der ganzen Welt hochverehrter sozialistischer Gelehrter, Professor Theodor Lessing, sank zn Tode getroffen über seinen Schreibtisch. Drinnen und Draußen Zur Diskussion über die Aufgaben der Partei Ein Genosse, der vor kurzem Deutschland verlassen hat, schreibt uns: Ais im Mai d. J. im Anschluß an die Auseinandersetzungen in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion einige Wochen lang die Spannung zwischen den führenden Genossen in Berlin und im Auslande mehr und mehr zunahm, war das nicht nur der Ausdruck verschiedenartiger Bewertung der zu erwartenden Entwicklung, sondern auch Ausdruck der Tatsache, daß zwischen den aktiven Genossen im Lande und denen, die ihre Tä' tigkeit außerhalb der Grenzen des Dritten Reiches ausübten, sich eine tiefe Kluft aufgetan hatte. Aus den verschiedensten Gründen, die meistens in der Illusion wurzelten, man werde sich auch unter dem Terror Hitlers ein Minimum von Bewegungsfreiheit sichern können, bestritt man den emigrierten Genossen das Recht, im Namen der Partei zu sprechen und die Richtlinien ihrer Politik mit zu bestimmen. Das Verbot der Partei am 22. Juni hat diesen Gegensatz aus der Welt geschafft und alle Illusionen über die Möglichkeit einer Anpassung an das herr sehende System grausam zerstört Trotzdem wäre es falsch anzunehmen, daß damit auch alle jene Ursachen beseitigt sind, die heute noch vielfach zu der Unterscheidung„drinnen" und„draußen" führen und, nach Lage der Dinge, unausbleiblich führen müssen. Eine Parteipolitik, die diese Unterscheidung nicht berücksichtigen wollte, würde in die Irre gehen und sich schließlich selbst zur Wirkungslosigkeit verurteilen. Dieser Gegensatz hat seine Wurzeln in der Verschiedenartigkeit des Standortes und der psychologischen Voraussetzungen. Wer in der freien Luft eines demokratischen Staates lebt und atmet, kann sich nur schwer eine Vorstellung machen, welche Verwüstungen der legalisierte Terror und der entsetzliche geistig-moralische Druck der Hitler-Diktatur in der seelischen und geistigen Haltung der Bevölkerung angerichtet haben. Auch die klassenbewußte Arbeiterschaft kann sich naturgemäß der Einwirkung dieser Faktoren nicht entziehen, zumal sie am stärksten vom Terror betroffen ist und am härtesten unter der Diktatur leidet. Ihr Gemütszustand wird geformt von Ingrimm und Empörung, von unbändigem Haß und tiefstem Rachegefühl, er wird aber gleichzeitig stark beeinflußt durch das Gefühl der organisatorischen Zerrissenheit und der politischen Ohnmacht einem Feinde gegenüber, der es verstanden hat, sich nicht nur in den Besitz aller staatlichen Machtmittel und aller von der Arbeiterschaft in Jahrzehnten aufgebauten Organisationen zu setzen, sondern auch den blutigsten Bruderkampf in die Reihen des Proletariats selbst hineinzutragen. Ein weiterer Faktor, der den Ueber- gang vom passiven Ingrimm zum aktiven Kampf hemmt, ist das Gefühl tiefster Enttäuschung über den Zusammenbruch der Arbeiterbewegung, den niemand für möglich gehalten hatte. Das Fehlen jeder freien Presse und sonstigen Aufklärungsmöglichkeit erschwert in ungeheurem Maße die Herausarbeitung einer klaren Linie für die Beurteilung der Ursachen des Zusammenbruches wie aller mit der Faschistenherrschaft verbundenen Probleme. Nur langsam und allmählich vollzieht sich der geistige Klärungsprozeß in den Massen unserer Anhänger, nur schrittweise und unter Opfern lernen sie es, von den legalen Formen der Parteitätigkeit, die ihnen durch die Diktatur unmöglich gemacht worden sind, zu den illegalen überzugehen. Das Leben selbst zwingt unsere Genossen, sich aufzuraffen und zusammenzuschließen, wenn sie nicht der völligen Lähmung des Willens und der stumpfen Gleichgültigkeit des nur an sich selbst denkenden Philisters verfallen wollen. Mag der„totale" Staat Hitlers noch so sehr die Oeffentlichkeit beherrschen und seine Demagogie auch in die Arbeiterschaft hineintragen, unter der Decke der faschistischen Herrschaft bereitet sich doch der Gegenstoß vor, wächst der Geist des Widerstandes gegen alle Aeußerungen der Diktatur. Namentlich diejenigen, die durch die Schule der sozialistischen Arbeiterbewegung gegangen sind und in der freien Luft der Republik zu arbeiten und zu kämpfen gelernt haben, schließen sich in instinktivem Selbsterhaltungstrieb gegen die Barbarei des ihnen aufgezwungenen Sklavendaseins zusammen, um die Fundamente für den Wiederaufstieg der Arbeiterbewegung vor der Vernichtung zu retten. Hier setzt nun die Hauptarbeit derjenigen Genossen ein, die an Stelle der ausgeschiedenen die Aufgabe übernommen haben, die Idee des Sozialismus über alle Leiden und Prüfungen der Faschistenherrschaft hinweg zum Siege zu führen. Mögen noch so viele dem Terror zum Opfer gefallen sein oder mutlos den Kampfplatz verlassen haben, an ihre Stelle sind andere getreten, Unbekannte, Namenlose, einfache Soldaten aus der großen Kämpferarmee, die die sinkende Fahne fest in die Hand genommen haben. Hier zeigt sich, daß die systematische Aufklärungsarbeit der Partei nicht vergeblich gewesen ist, denn gerade diejenigen, die zur größeren geistigen Klarheit zu gelangen suchten, stellen jetzt ein Großteil der neuen Kräfte, die mutig und opferbereit auf die Schanzen treten. Es ist nur zu sehr verständlich, daß auch in diesen nach Klarheit ringenden Dreisen die Meinungen bunt durcheinander quirlen. Zu groß ist noch die Enttäuschung über das wirkliche oder angeb- iche Versagen der bisher herrschenden �ehrmeinungen, zu verlockend der Wunsch, alles Bisherige in Bausch und Bogen zu verdammen und die Gewaltideologie des Nationalsozialismus— ins Russisch-Bolschewistische umgefärbt— für die künftigen Kämpfe und Auseinandersetzungen zu übernehmen. Doch das sind Wachstumskrankheiten, die um so schneller verschwinden werden, je mehr von innen und von außen her die politische und wirtschaftliche Efkenntnis gefördert und— im Laufe der Entwicklung - die Fähigkeit der in vorderster Kampffront stehenden Genossen verstärkt wird, die chaotischen Oppositionsstimmungen bieiter Volkskreise in die Bahn eines bewußten revolutionären Kampfes gegen das Hitler-Regime zu lenken. Hier ersteht nun riesengroß die Aufgabe des Neuaufbaues einer Bewegung, die sich stützen muß auf alle lebendigen Kräfte innerhalb wie außerhalb des Landes. Wie die Dinge sich gestaltet haben, kann man weder die alten Methoden der Parteiarbeit und-Werbung anwenden, noch auf die„Selbstzersetzung" des Hitlerismus warten. Wer diesen Anschauungen anhängt, kommt für die neue Bewegung nicht in Betracht Was die Genossen im Lande zunächst brauchen, ist geistige Orientierung, ist unbarmherzige Kritik an den Taten der Regierung, ist die Herausarbeitung einer klaren Linie, die ihnen einerseits die bisherige Entwicklung mit allen ihren innen- und außenpolitischen Auswirkungen verständlich macht, und andererseits den Weg aufzeigt, der aus der Krise der Gegenwart herausführt Hierbei kommt es weniger darauf an, theoretische Betrachtungen etwa über Demokratie und Diktatur anzustellen, als konkrete Hinweise zu geben auf die Methoden des Kampfes gegen den Faschismus, auf die objektiven Kräfte, die zu seiner Zersetzung und Sprengung führen, sowie auf die Formen der politischen und wirtschaftlichen Gestaltung, die bei der proletarischen Machteroberung verwirklicht werden müssen. Nur eine solche, aus der Praxis dfer früheren und jetzigen revolutionären Bewegungen schöpfende Be- ti achtungsweise, die sorgfältig alle Wandlungen der Gegenwart verfolgt und bei der Beurteilung dessen, was war und was ist, den Mut zur Selbstkritik hat kann wegweisend sein für die jetzt kämpfende Generation. In zweiter Linie kommt der organisatorische Aufbau in Frage. Hier muß wesentlich Neues geschaffen werden, unter Ausnutzung der Erfahrungen, die bei der jahrzehntelangem illegalen Arbeit in Rußland und Italien gesammelt worden sind. Es geht nicht an, unter völlig veränderten Verhältnissen auch nur Reste der bisherigen organisatorischen Formen zu konservieren. Es ist aber andererseits eine Illusion, zu glauben, daß ohne Anwendung besonderer technischer Hilfsmittel und ohne Aneignung der besonderen Methoden der illegalen Arbeit eine machtvolle Bewegung in Gang gebracht werden kann. Bei dieser Arbeit, zu der in starkem Maße auch die zahlreichen„inneren Emigranten", die durch den Terror von ihren Heimatsorten Vertriebenen, herangezogen werden müssen, können wir noch sehr viel von den N a- tionalsozialisten lernen, die früher in Deutschland und jetzt in Oesterreich gezeigt haben, daß sie die Tee h- nik des illegalen Kampfes meisterhaft beherrschen. Die Durchführung der beiden hier skizzierten Aufgaben setzt voraus, daß der unter den obwaltenden Verhältnissen unvermeidliche Gegensatz zwischen„drinnen" und„draußen" überbrückt wird durch eine planvolle Zusammenarbeit der im Inlande wie im Auslande tätigen Genossen. Eine Arbeitsteilung zwischen ihnen ergibt sich schon aus der verschiedenen Art der von ihnen zu bewältigenden Aufgaben, und die Frage der Führung löst sich von selbst, wenn über die Kompetenzfrage das Prinzip gestellt wird, daß hier nur die Fähigkeit und der Wille, der Revolution zu dienen, ausschlaggebendsind. Der weitere Gang der Entwicklung wird notwendigerweise dahin führen, daß dieses Prinzip maßgebend sein wird bei der Führerauslese im Lande selbst Alles Untüchtige, Bequeme, Anpassungs- ünd Kompromißwillige wird fortgefegt und ersetzt werden durch harte, entschlossene Kämpfernaturen. Aber auch außerhalb Deutschlands, in der Emigration, muß dieses Prinzip sich durchsetzen. Dies gilt sowohl für diejenigen Genossen, die in enger Verbundenheit mit den im Inlande Kämpfenden die ihnen zugewiesenen literarischen, organisatorischen und sonstigen Aufgaben erfüllen, wie auch für die große Armee der aus der Heimat Vertriebenen, die in fremdem Lande eine neue Existenz, einen neuen Wirkungskreis suchen müssen. Für sie alle kann es nur e i n Ziel, nur eine Aufgabe geben: Ueberall, wo sie auch wirken mögen, die Idee der Befreiung Deutschlands über alles Persönliche zu stellen, den versklavten, gepeinigten Genossen im lande materielle und moralische Hilfe zu bringen und nicht zu ruhen und zu rasten, bis der Boden der Heimat von der Schmach der Hitler-Herrschaft befreit ist! Der neue Code Schulz hört, daß Scholz sich umgeschaltet hat und telegraphiert höhnisch:.JISDAP", was, wie ledermann weiß, bedeutet: ,Jla, suchst Du auch'n Posten?"— Scholz, ein Zyniker, depeschiert triumphierend zurück:„Pg" und Schulz versteht sofort; J'osten gefunden!" Herauszeber; Ernst Sattler, Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn, Karlsbad. Druck:„Graphia". Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159J3WII-J933. „An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minderheit(des Bundes der Kommunisten) eine dogmatische, an die Steile der materialistischen eine Idealistische, Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloBe Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Vöikerkämpie durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um Euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt Ihr im Gegenteil:„Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen oder wir können uns schlafen legen." (Karl Marx gegen die Minderheit des Londoner Kommunistenbundes I. J. 1850.) Audi Gerhart Hauptmann• Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann hat zu einer Horst-Wesselfeier einen Prolog gedichtet... Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der„Die Weber", das große Drama des sozialen Elends, den„Florian Geyer", das Drama der deutschen Bauernnot und Empörung, geschrieben hat. Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der im Jahre 1913 bei der Breslauer Jahrhundertfeier zum Aerger des offiziellen wilhelminischen Deutschlands das„Festspiel in deutschen Reimen" verfaßt hat, zum Gedenken an die preußischen Freiheitskriege ein pa- clfistisches, die Segnungen des Friedens preisendes Stück und nicht, wie bestellt, ein militärisches, hurrapatriotisches. Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der in den letzten Jahren keine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich zum Staat von Weimar und seinen Führern zu bekennen. Kein Zweifel: derselbe Gerhart Hauptmann, der sich vor einem Jahr, als er seinen 70. Geburtstag feierte, von der deutschen Arbeiterschaft bejubeln ließ, offiziell und Inoffiziell: bei der Festveranstaltung in Breslau standen Gerhart Hauptmann und der Reichstagspräsident Löbe, wie Jener ein Sohn des Volkes und ein Kind Schlesiens, Arm in Arm. Löbe sitzt mit zehntausenden anderen im Gefängnis.... und Gerhart Hauptmann schwelgt dazu. Gerhart Hauptmann hat zu allem geschwiegen. Er schwieg, als man in Breslau„im Zuge der nationalen Revolution" die Cerhart- Hauptmann-Straße nach einem Fememörder umbenannte.(Die neuen Machthaber wußten Ja noch nicht, daß der Dichter sich so rasch gleichschalten lassen werde.) Er schwieg, als die sozialistische Arbeiterschaft von deren Organisationen er sich hatte preisen, von deren Zeitungen er sich hatte hundertfach analysieren und von deren Volksbühnen er sich hatte tausend- und aber- tausendmal spielen lassen, verfolgt und gepeinigt wurde. Er schwieg zu den deutschen Judenverfolgungen, obwohl jüdische Regisseure sich zuerst für ihn eingesetzt haben(Max Reinhardt und Otto Brahm), ein Jüdischer Verleger sein gesamtes dichterisches Werk publizierte(Samuel Fischer) und ein Jüdischer Kritiker sich in einem leidenschaftlichen Kampfe für ihn einsetzte(Alfred Kerr). Er schwieg als in Jener denkwürdigen Berliner Mainacht die beste deutsche Literatur auf dem Platz vor der Universität auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Er schwieg, als ihn mehrere seiner früheren Freunde in„Offenen Briefen", die in der österreichischen und tschechisch-deutschen Presse abgedruckt wurden, beschworen, nur ein einziges Mal seine Immerhin gewichtige Stimme gegen die brutale Nazibarbarel zu erheben, Er schwieg, obwohl er lange Zeit selbst im sichern Ausland saß und sich unter der Sonne des Südens wärmte. Er schwieg und— schrieb dann einen Prolog zu einer Horst-Wesselfeier! Wird es ihm nützen? Wie sprach Hitler auf der nationalsozialistischen Kulturtagung in Nürnberg: Aber das eine wissen wir, daß unter keinen Umständen die Repräsentanten des Verfalls, die hinter uns liegt, plötzlich die Fahnenträger der Zukunft sein dürfen. Entweder waren die Schöpfungen ihrer damaligen Produktion ein wirklich inneres Erlebnis, dann gehören sie als Gefahr für den gesunden Sinn unseres Volkes in ärztliche Verwahrung, oder es war dies nur eine Spekulation. dann gehörten sie wegen Betrugs in eine dafür geeignete Anstalt Es ist der einzige beinahe sympathische Zug an diesem nationalsozialistischen Großverbrechertum, daß es seine tiefe Verachtung für die geistige Prostitution der sich freiwillig Gleichschaltenden nicht verhehlt Und so endet Gerhart Hauptmann tragisch. Er war einmal ein Dichter, aber kein Held. Ego. tBeiiagz des„Thum Vocmäds 7h. 13 Die Schlacht gegen die Arbeiter „Führerprinzip"— in der Wirtschaft werden es die Nationalsozialisten bald völlig verwirklicht haben! Durch die Stillegung der Gewerkschaften, durch die Bändigung der nationalsozialistischen Betriebszellen sind die Unternehmer in einer Weise Herren im eigenen Haus geworden, wie es die reaktionärsten Scharfmacher nicht mehr zu hoffen gewagt hätten. Im größten europäischen Industriestaat gibt es für die Arbeiterschaft kein Arbeitsrecht mehr: die Arbeiterschaft ist nicht nur politisch, sondern auch sozialrechtlich etwa auf den Stand von 1830 zurückgeworfen, in die Zeiten des Frühkapitalismus zurückversetzt, Obwohl kaum mehr als ein halbes Jahr seit Hitlers Machtergreifung verflossen ist, zeigt sich schon sehr deutlich, wie diese Entrechtung die Tendenz hat, sich In Verelendung umzusetzen. Die Tarifverträge sind offiziell zunächst in Kraft geblieben- Aber <8» Verteuerung der Lebenshaltungskosten, insbesondere für wichtige Lebensmittel wie die Fette, bedeutet allgemeine Senkung des Reallohnes. Die Preissteigerung setzt aber auch auf anderen Gebieten, z. B- bei den Textilien, verstärkt ein. Denn die nationalsozialistische Wirtschaftspoli- tik ist direkt auf die Forderung der Kar- telle eingestellt, und die Preiserhöhungen �erden als Zeichen der Wirtschaftsbele- �ung begrüßt. Der gleichbleibende Geldlohn bedeutet also verringerte Kaufkraft Dazu kommt ein anderes: sollen die Tarifverträge nicht nur auf dem Papier stehen, so muß ihre Einhaltung ständig von den Gewerkschaften kontrolliert werden. Diese Ueberwachung ist jetzt fortgefallen. Der einzelne Arbeiter steht jetzt Verletzungen seines Rechts fast hilflos gegenüber. Je länger der gewerkschaftslose Zustand anhält— und die -Arbeitsfront" ist nichts anderes als die Form der Aufhebung der Gewerkschaften — desto mehr werden die Tarifverträge ausgehöhlt und umgangen werden. Eine grausame Ironie aber ist es, daß den Arbeitern augenblicklich am übelsten mitgespielt wird durch die Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit. Natürlich bedeutet die allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich für die in Arbeit Befindlichen eine Lohnsenkung, und der Rückgang der Lohnsteuer beweist, daß dadurch das Einkommen immer zahlreicherer Arbeiterschichten unter das steuerliche Existenzminimum von 100 Mark im Monat herabgedrückt wird. Was ursprünglich gedacht war als ein Akt der Solidarität der Arbeiter mit ihren arbeitslosen Brüdern wird durch einen Dund der kapitalistischen Scharfmacher mit den natio- "alsozialistischen Stellenjä- Kern zu einem teuflischen Mittel der Zer- mürbung der ganzen Arbeiterklasse. Mit tener ekelhaften Gründlichkeit, die den nationalsozialistischen Sadismus auf allen Gebieten auszeichnet, wird die berühmte "Arbeitsschlacht", der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, zu einer wahren Schlacht gegen die Arbeiter. Das System des Vorgehens wird nnmer deutlicher sichtbar, im ersten Stadium wurden marxistische Arbeiter von den verbündeten Scharfmachern und Stellenjägern in möglichst großem Umfang "Urch Nationalsozialisten und Gelbe �rsetzt Ebenso wurden die durch die Arbeitsstreckung freigewordenen Stellen �r diese Leute reserviert Nun gesellte Slcli zu Scharfmachern und Stellenjägem ®Is Dritte im Bunde die Bürokratie der Arbeitsämter und der kommunalen Wohl- , rtsfürsorge, die ja gleichfalls unter na- 'onalsozialistischer Leitung steht Jetzt begann eine neue Art von Menschenjagd. Treiberin war zunächst die kommunale Bürokratie. Die Kommunen sind bankrott und dieser Bankrott verschärft sich von Tag zu Tag. Auf dem Nürnberger Parteitag hat der Staatskommissar für Berlin, Dr. L i p p e r t, schon offen zugegeben. daß nichts übrig bleibe, als den tatsächlichen Bankrott auch ganz offen zu erklären und eine allgemeine zwangsweise Zinssenkung von Reichswegen zu statuieren. Denn die Gemeinden müßten rund zwei Drittel der arbeitsfähigen Arbeitslosen als Ortsarme nach den Grundsätzen der Armenpflege betreuen. Der immer wieder angekündigte organisatorische und finanzielle Neuaufbau der Arbeitslosenhilfe sei bisher nicht möglich gewesen. Und da sich Lippert offenbar von dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit auch für die Zukunft nicht allzuviel verspricht, fordert er eben die Entlastung der Gemeinden auf Kosten ihrer Gläubiger, Schon steht der erste Konkurs einer großen preußischen Stadt bevor. Dortmund soll unter einen Treuhänder der Gläubiger gestellt werden, der über alle finanziellen Maßnahmen zu entscheiden hat. Er soll für die gleichmäßige Befriedigung aller Gläubiger sorgen, und kann nach Sicherstellung der Gehälter und Wohlfahrtsausgaben selbständig städtisches Vermögen veräußern, was sicher allen Feinden der öffentlichen Wirtschaft zu großer Genugtuung gereichen wird. Es sind die Wohl- fahrtslasten, die Dortmund erdrücken. Auch die Zinsherabsetzung würde Industriestädten wie Dortmund nichts helfen. Denn selbst wenn alle Schulden gestrichen würden, bliebe Dortmund noch immer ein Defizit von 12 Millionen Mark. Es bleibe nur übrig Senkung der Wohl- fahrtslasten und Rückwanderung aufs Land! Unter diesem Druck hat die Wohlfahrtsbürokratie nicht nur die Arbeitslosenunterstützung in eine armselige Armenpflege umgewandelt und diese Armenpflege fortschreitend verschlechtert, sondern sie ist auch zu dem Versuch übergegangen, durch äußersten Zwang, durch Entziehung der Unterstützung, durch Drohung mit dem Konzentrationslager die städtischen, zum Teil hochqualifizierten Arbeiter und Angestellten In ländliche Zwangsarbeiter umzuwandeln oder in Arbeitsdienstlager abzuschieben. Aber diese„Arbeitsschlachten" der Kommunen haben die Bürokraten der Reichsarbeitsämter auf den Plan gerufen. Wollen die Kommunen die langfristigen Erwerbslosen, deren Betreuung ihnen zur Last fällt, loswerden, so die Arbeitsämter die von ihnen in der Versicherung und Krisenfürsorge Unterstützten. Wie dabei vorgegangen wird, zeigt folgende amtliche Mitteilung des Arbeitsamtes Osnabrück: „Im Verlauf der großen Arbeitsschlacht hat sich herausgestellt, daß eine Anzahl von Unterstützungsempfängern die ihnen zugewiesene Arbeit unter allen möglichen Vorwänden ablehnten. Das Arbeitsamt sperrt in jedem Falle den Unterstützungsbezug. Bei nachweislicher Arbeitsverweigerung oder Arbeitsunlust wird außerdem veranlaßt, daß die notorischen Faulenzer in ein Konzentrationslager übergeführt werden, damit sie sich -en Zucht und Ordnung gewöhnen. Gestern ist der erste Unterstützungsempfänger dieser Art, ein gewisser H. M. aus Osnabrück, der Regierung zur Ueberführung in ein Konzentrationslager übergeben worden." Man sieht, das Konzentrationslager erfüllt im Dritten Reich nicht nur eine politische, sondern auch eine soziale Funktion von großer Wichtigkeit Aber mit alledem ist es noch nicht genug! In immer größerem Umfange schickt man sich an, Arbeiter aus der Arbeit zu werfen, ihnen die Unterstützungsberechtigung abzuerkennen und dafür bisher Unterstützte an ihre Stelle zu bringen. Dazu dient die willkürliche Erläuterung des Begriffs der„Doppel ver- diene r". Als Doppelverdienst soll jetzt nicht nur die gleichzeitige Ausübung zweier bezahlter Tätigkeiten durch eine Person und nicht nur die gleichzeitige Berufstätigkeit eines Ehemannes und seiner Frau gelten, sondern auch die Berufstätigkeit mehrerer Familienmitglieder. Wenn also zum Beispiel mehrere Familienmitglieder erwerbstätig sind, so sollen Familienmitglieder entlassen werden, wenn keine Existenzgefährdung der gesamten Familie zu befürchten ist Diese Arbeitsmarktpolitik soll jetzt im westlichen Industriegebiet zur Durchführung kommen. Denn im Einvernehmen mit dem Präsidenten des Landesarbeitsamtes für Westfalen haben sich die Arbeitgeberverbände auf Anordnung Thyssens diese Grundsätze zu eigen gemacht Die Entlassenen erhalten keine Unterstützung. Eingestellt werden nur unterstützte Erwerbslose, wobei, wie es ausdrücklich heißt, Mitgliedern der NSDAP, mit den Nummern 1 bis lOQ.OOO und Angehörigen der SS., SA. und des Stahlhelms ein Vorzug einzuräumen ist. Und was geschieht mit den Entlassenen? Sie müssen von ihren Familien erhalten werden.• Das Ar- Wenn Sie ein Haus oder ein Geschäft irgendwo in England kaufen oder verkaufen wollen „so schnell wie möglich" schreiben Sie an Thomas& Francis Häuser- und Güteragenten, 42, Grove Road, South Woodford London, E. 18. Groß-Brittanien beitsamt spart die Unterstützung, der Sozialetat wird entlastet und Herr Thyssen hofft auf Verminderung des für ihn bekanntlich„unerträglichen" Steuerdrucks. Für die Erhaltung der Entlassenen sollen die letzten Reserven, die letzten Ersparnisse der Arbeiterschaft herangezogen werden. Denn, sagt Dr. Ordemann, der Präsident des Landesamtes Westfalen, auf die„Bildung des Sparkapitals soll verzichtet und damit sollen die jetzt aus der Arbeit herauszunehmenden Mitglieder ernährt werden". Und wenn kein Sparkapital— im vierten Jahr der Krise — vorhanden ist? Dann müssen sie eben verhungern! Denn Sozialismus ist nach Dr. Ley Opferbereitschaft. Solange die Arbeiter in der Republik im Besitze ihrer politischen und sozialen Rechte waren, war das der Bourgeoisie abgerungene und stets hart.umkämpfte System der Arbeitslosenunterstützung eine wichtige Errungenschaft, die nicht nur die Arbeitslosen selbst vor dem schlimmsten Elend bewahrte, sondern auch die Stellung der Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt und damit die erkämpften Arbeitsbedingungenen der Arbeitenden in hohem Maße sicherte. Erst die Zerstörung des Arbeitsrechtes, der Raub jedes politischen Einflusses auch auf die Kommunalverwaltungen hat es ermöglicht, daß aus einem Mittel der Sicherung der Lebenshaltung ein Mittel der Zermürbung und Versklavung der Arbeiter, daß aus der Arbeitsschlacht, dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, im Dritten Reich, eine Schlacht gegen die Arbeiter und ein Kampf gegen die Arbeitslosen geworden ist Dr. Richard Kern. Soziale Frage gelöst? Einmal In der Woche Elntopf-Gerlcbt statt Braten. Zur Bekämpfung der Not in Deutschland kündigt die Hitlerregierung offiziell die folgende Maßnahme an: Der erste Sonntag jedes Monats wird im Zeichen einer allgemeinen Winterhilfsaklion des ganzen Volkes stehen. Die Reichsregierung fordert jede deutsche Familie dazu auf, an diesem Tage den Sonntagsbraten durch ein einfaches Eintopfgericht zu ersetzen. Der dadurch eingesparte Betrag soll den notleidenden Volksgenossen zugute kommen. Die sozialdemokratischen Novemberverbrc- cher waren bekanntlich so roh, zwecks Bekämpfung der Not eine energische Besteuerung der reichen Leute zu verlangen. Nachdem sie dafür die verdiente Strafe empfangen, schlägt das Dritte Reich den richtigen Weg ein, indem es sich statt an den Steuereinnehmer an die herrschaftliche Köchin wendet. Einmal im Monat statt des Bratens„ein einfaches Eintopfgericht'", und von der Differenz, die sich daraus ergibt, werden dann„die notleidenden Volksgenossen" gesättigt Man muß fragen, in welcher Vorstellungswelt die Bürokratie des Dritten Reiches lebt, wenn sie solche geradezu als Verhöhnung der Not wirkenden Mätzchen vorzubringen wagt. 40 Millionen »fpeiwillig« erpresst Auf einer Kundgebung der NSBO. in Frankfurt a. M. erklärte der Staatssekretär Reinhardt vom Reichsfinanzministerium, daß die freiwillige Spende zur Förderung der nationalen Arbeit bis zum 20. August 35 Millionen Mark erbracht habe und bis Ende August 40 Millionen ergeben werde. Dieser Betrag ist im wesentlichen Arbeitern. Angestellten und Beamten unter dem Druck der drohenden Entlassung abgepreßt worden. Leistungen der Unternehmer sind in diesen Beträgen so gut wie nicht enthalten. Die Arbeitsspende ist also nichts anderes als eine Sondersteuer, die nur vom Arbeitseinkommen erhoben wird. Wie überhaupt im Dritten Reich die Steuerpolitik nur darin besteht, die Steuerlasten v der arbeitenden Schichten zu erhöhen — Fettsteuer, Ehestandssteuer, Arbeitsspende— und die Steuern der Be s i t- z e n d e n— Autosteuer, Steuerfreiheit für Maschinen, Abbau der Industriebelastung — zu ermäßigen. AB OKTOBER t_ SOZIALISTISCHE RCVOLL HOA! Monatsschrilt für die Probleme des Sozialismus Selbstkritik als Ausgangspunkt Von Rolf Reventlow. Genosse Stampfer hat im„Kampf" einen Beitrag zur Selbstkritik veröffentlicht, der als Ausgangspunkt der Diskussion um die Neuorientierung der sozialistischen Bewegung auf deutschem Boden dankenswerte Anregungen bietet aber auch zur Erwiderung herausfordert Eine möglichst lebendige Diskussion zu diesem Thema ist ja zudem in erster Linie für die numerisch bedeutende deutsche Emigration, in zweiter Linie für die in der Heimat verbliebenen Genossen seelisch und geistiges Bedürfnis, soll nicht unter dem Eindruck des gegenrevolutionären Triumphes Resignation und Indifferenz um sich greifen, Vorweg: Genosse Stampfer verlangt von Jenen Genossen Wahrscheinfichkeits- beweise, die schon vordem oppositionell zur taktischen Ausrichtung der Partei standen, dafür, daß es anders gekommen wäre, hätte man es eben nach Meinung jener anders gemacht Dies scheint mir abseits der Erfordernisse einer Diskussion zu liegen, wie sie jetzt erforderlich ist Wie überhaupt der Abschnitt deutscher Geschichte von Weimar bis Potsdam schwerlich unter dem Gesichtswinkel betrachtet werden kann, daß diese oder jene Stellungnahme mit soundsoviel Prozent Wahrscheinlichkeit zu diesem oder einem anderen Ergebnis führen konnte. Eine bessere Methode des Rückblicks dürfte es sein, das festzustellen, was unzweideutig feststellbar i s t, nämlich erstens die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse und zweitens die Art ihrer Niederlage. Letzleres ist, mag auch die Erörterung weniger sympathisch sein, von besonderer Bedeutung, denn aus der weichenden Taktik in den letzten Entscheidungen vom 20. Juli bis zu der verhängnisvollen Reichstagsabstimmungen resultiert die tiefe Depression, die den Auftakt zu neuer Aktion hemmt und mehr noch in Zukunft hemmen wird. Warum aber konnte die Partei seelisch und geistig nicht in die Offensive übergehen, die möglicherweise nicht die— meines Erachtens viele Jahre schon weit unterschätz. ten— Kräfte der Gegenrevolution zum Stehen gebracht, bestimmt aber historische Fakten geschaffen hätte, aus denen der Geist der Rebellion uns weit stärker entgegenströmen würde, als es jetzt der Fall ist Genosse Stampfer beginnt in seinem Rückblick richtigerweise mit den Kriegskrediten, aus der sich seiner Ansicht nach vieles weitere zwangsläufig ergab; so beispielsweise, daß man nach Aufgabe der absoluten Intransigenz gegenüber dem Staat, den Versuch der Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien machen mußte. Ja, warum denn eigentlich? Warum bedingt eine nicht absolute Intransigenz dem Staat gegenüber die Verpflichtung der„Zusammenarbeit" mit bürgerlichen Parteien? Und ist nicht überhaupt, denken wir so die vielerlei Koalitionsdiskussionen vergangener Jahre zurück, der Begriff der Zwangsläufigkeit in unseren Reihen als bequemes Auskunftsmittel bei unbequemen Erörterungen viel zu leichthin und viel zu oft gebraucht worden? Die politische Demokratie als erweiterte Rechtsordnung des deutschen Staates war unzweifelhaft ein Fortschritt für die Arbeiterklasse, sofern sie sich ihrer im Interesse ihrer Politik als Klasse bediente. Mußten wir wirklich alle Suppen des kaiserlichen Regimes auslöffeln, mußten wirklich unter unserer Verantwortung Offiziere des alten Regimes die„Ordnung" in wohl nicht immer bedenkenfreier Weise herstellen, mußten wir unbedingt immer in der vordersten Linie der politischen Verantwortlichkeit stehen? Man kann, stellt man diese Fragen, die Stellung einer sozialistischen Partei zur— bürgerlichen— Demokratie auch anders umreißen, man kann sich vorstellen, daß die Rolle der Opposition für mindestens ebenso wichtig angesehen wird, als die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien, daß man, gerade wenn man die Demokratie als politische Methode verficht, die Opposition nicht anderthalb Jahrzehnte nur denen überläßt, die den Parlamentarismus prinzipiell bekämpften. Nun wird Genosse Stampfer die Wahrscheinlichkeitsberechnung verlangen, oder zumindest auf Bayern verweisen, wo ja die Sozialdemokratie seit 1920— auch dieser Staatsstreich war kein erfreuliches Kapitel unserer Parteigeschichte— an keiner Verantwortung beteiligt war und trotzdem nicht etwa im Siegeslauf der Wahlkämpfe das gesamte, das alte und das neue Proletariat für sich gewann. Zugegeben: doch ist natürlich die deutsche Politik, trotz mancher bayrischen Sonderheit(auch innerparteilich) als Gesamtheit aufzufassen und zu bewerten. Es soll auch keineswegs behauptet werden— die sogenannte Linke verfiel mitunter in diesen Fehler— als sei Oppositionspolitik prinzipiell vorteilhaft für die Entwicklung der Partei und mit ihr schon das Problem der Taktik, der prinzipiellen Stellungnahme sowie der Tagespolitik gelöst. Das wäre reichlich simpli- zistisch. Wohl aber müssen wir heute sagen, daß ein wesentlicher Teil des Uebels, daß unsere Wählerzahl seit 1928 im Ergebnis ständig abwärts ging in jener Verdunklung des Bewußtseins des grundsätzlich anders sein als die Bürgerlichen, liegt, die auch Stampfer feststellt. Niemals konnte die KPD. mit ihrer keineswegs guten Organisation und ihrer noch schlechteren Politik zu ihren Erfolgen kommen, wenn nicht Millionen Proletarier ohne Irgendwie mit der kommunistischen Politik verbunden zu sein, ja ohne die kommunistische Presse zu lesen, nicht einfach aus dem Streben eines stärker akzentuierten Ausdrucks der Arbeiterschaft im politischen Geschehen Deutschlands heraus kommunistisch gewählt hätten. Wir sprachen und schrieben vom deutschen Volk, von Volks- freiheit, von Volk sinteressen, wir interpretierten in bürgerliche Parteien ein demokratisches, ja sogar ein soziales Bewußtsein hinein, das sie nie besessen haben, wir sind— auch Genosse Stampfer deutet das an— ein wenig, oder auch sehr verbürgerlicht So haben wir uns auch nie um den Zentrumsarbeiter bekümmert, sondern gemeint, er sei sozusagen ein proletarisches Element des klassengemeinschaftlichen Katholizismus, während das Oberhaupt der Kirche sich in seiner Enzyklika quadragesimo anno unzweideutig zum Ständefaschismus bekannte. Ist es da eigentlich so verwunderlich, wenn die Demokratie zum Tanz- boden der antidemokratischen Kräfte wurde, wenn zwischen sozialistischer Auffassung und der allezeit erduldeten „Zwangsläufigkeit" des Mißbrauchs der Partei für bürgerlich klassenmäßig bedingte politische Handlungen eine Divergenz aufbrach, der nur noch die Organisationstreue der Mitglieder, nicht jedoch die der Wähler standhielt, die vor allem den Weg verbaute, werbend über den erfaßten Kreis hinaus, der Vermehrung der proletarischen Existenzen entsprechend wirksam zu werden, proletarisches Bewußtsein zu erwecken und in den Dienst proletarischer Politik zu stellen? Mit anderen Worten, das Ergebnis der Geschichtsperiode Weimar bis Potsdam hat die Vorstellung der mehr oder minder betonten volksgemeinschaftlichen Bindung ad absurdum geführt Wir kehren zum kommunistischen Manifest, zur Erkenntnis zurück, daß die Geschichte unserer Zeit in immer stärkerem Maße und allen phraseologischen Umkleidungen unserer Geg ner zum Trotz eine Geschichte der Klassenkämpfe ist, daß wir also Klassen Politik treiben müssen, das wir uns von der Verdunklung unseres Klassenbe wnßtseins durch allzulange und allzuenge Bindungen an eine bürgerliche Politik, die in dieser Form ja nunmehr nur noch der Geschichte angehört, ebenso befreien müssen, wie den Proletarier aus seiner vielfachen Differenziertheit des Empfindens als qualifizierter, als ungelernter, als arbeitsloser Arbeiter. Warum konnten wir nicht verhindern, daß die Demokratie zur Waffe der Antidemokraten wurde, daß erstmals in Deutschland der sonst nur als gewalttätige Minderheit auftretende Fa schismus einen entscheidenden Erfolg mit dem Stimmzettel errang? Weil wir uns in der bekannten Selbstzufriedenheit des Arbeiters, der zeitenweise eine gute Stellung mit auskömmlichem Lohn innehat, selbst darüber täuschten, daß das Merkmal des proletarischen Schicksals die Instabilität ist, daß dieses proletarische Schicksal ja die weltumspannende Gemeinsamkeit des proletarischen Menschen begründet, aus der heraus wir neu zum Internationalismus des Geistes und der Tat kommen müssen. Wenn wir in diesem Sinne, die notwendige Neuorientierung des deutschen Sozialismus geistig zu umreißen. Taktik und Ziel der proletarischen Revolution in Deutschland zur aufrüttelnden Parole an alle Unterdrückten und Mißhandelten, an alle Ausgebeuteten und vom Kapitalismus zum Abfallhaufen der Ware Arbeitskraft Geworfenen zu münzen trachten, dann gilt es nicht, nun etwa dogmatische Parolen der Intransigenz in allen politischen Lebenslagen zu formen, wohl aber die gesinnungsmäßige Kompromißlosigkeit des international orientierten, von der Arbei- terklasse ausgehenden und in ihr beruhen. den Bekenntnisses zum Sozialismus obersten Leitsatz unseres neu beginnenden Kampfes werden zu lassen. Einigkeit als Endpunkt Von Friedrich Stampfer. Die Polemik des Genossen Rolf R e- v e n 1 1 o v wendet sich zunächst gegen eine Stelle meines Artikels im„Kampf", die im„Neuen Vorwärts" nicht wiedergegeben war. Die Stelle lautet: ,Au£ alle Fälle wäre eine systematische und gründliche Untersuchung viel nützlicher als es eine sich In Einzelheiten verlierende systemlose Kritik sein könnte. Eine solche Untersuchung wird dann auch nicht unkritisch sein dürfen, manchen Kritikern gegenüber, die jetzt versichern, sie hätten es schon immer gesagt und nun hätten die Ereignisse gezeigt daß sie recht gehabt hätten. Ehe man den Urteil dieser Kritiker zustimmt, wird man von ihnen zum mindesten den Wahrscheinlichkeitsbeweis dafür verlangen müssen, daß es anders gekommen wäre, wenn man ihre Ratschläge befolgt hätte." Wie man sieht, handelt es sich nicht um eine Bemerkung gegen die Kritiker überhaupt, und es wird von diesen Kritikern nicht verlangt, daß sie den Wahrscheinlichkeitsbeweis für die Richtigkeit ihrer Vorschläge führen müßten, sondern es ist von„manchen Kritikern" die Rede, die dann näher gekennzeichnet werden als diejenigen,„die jetzt versichern, sie hätten es schon immer gesagt und, nun hätten die Ereignisse gezeigt, daß sie recht gehabt hätten." Damit sollte nicht mehr gesagt sein als dies: Rechthaberei und ewige Wiederkehr zu dem schon immer Gesagten steht weder der alten Führung an, noch auch ihren Kritikern. Selbstkritik heißt nun einmal, daß man sich selber kritisiert und nicht die anderen. Ich glaube. daß die alten Führer der sozialistischen Arbeiterbewegung. Sozialdemokraten und Kommunisten, Partei- und Gewerkschaftsführer, allen Anlaß zu schärfster Selbstkritik haben. Ich glaube aber, daß diese Pflicht zur Selbstkritik auch für diejenigen besteht, die in der Vergangenheit Kritik geübt haben. Also nicht nur Selbstkritik der Führung, sondern auch Selbstkritik der Kritik! Ich glaube auch nicht, daß eine wirklich in die Tiefe gehende Kritik bei den Problemen der Koalitionspolitik halt machen kann. Die Problematik liegt tiefer, nämlich darin, daß wir uns nicht auf die Aufgabe beschränken konnten, gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu kämpfen, sondern, daß wir zu gleicher Zeit auch für die Lebensmöglichkeiten der Arbeiterklasse innerhalb der noch bestehenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung kämpfen mußten. Dieses Problem hat für die Kommunisten genau so gut bestanden wie für uns, und sie sind genau ebenso— nur von der anderen Seite her— an ihm gescheitert. An die praktischen Tagesbedürfnisse des Proletariats anzuknüpfen war auch für sie die Parole. Nur daß sie es mit dieser Anknüpfung nie sonderlich ernst nahmen, daß sie in Wirklichkeit gar keine Anstrengungen machten, die Position des Arbeiters in Staat und im Betrieb zu verbessern, sondern alles Gewicht auf die erstrebte revolutionäre Vernichtung der ka- pltalistisdien Gesellschaft legten. Diese. wenn man so sagen will ideale, von den realen Arbeiterinteressen abstrahierende Zielsetzung hat niemals eine so starke Anziehungskraft auf die Arbeiterklasse ausgeübt, daß sie die Mehrheit in ihren Bann hätte ziehen können. Die große Mehrheit forderte die Berücksichtigung ihrer unmittelbaren Interessen durch eine praktische, auf nahe Erfolge gerichtete Arbeiterpolitik. Eine solche Arbeiterpolitik hat nun die Sozialdemokratie getrieben. Und ich glaube, eine ernsthafte und gerechte Kritik wird zugeben müssen, daß sie das viele Jahre hindurch nicht ohne Erfolg getan hat. Ist der deutsche Arbeiter heute � politisch geknechteter als in der Kaiser-* zeit, so muß zugegeben werden daß er in der Weimarer Republik freier war als er es jemals zuvor oder danach gewesen ist Ebenso war das Tarifwesen in Verbindung mit der Arbeitslosenversicherung zweifellos das sinnvollste System praktischen Arbeiterschutzes, das jemals innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft bestanden hat War es notwendig, daß in der vergangenen Zeit für die Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse mit ernsthafter Absicht auf Erfolg gekämpft wurde, dann mußte man auch die Mittel wollen, ohne die der Zweck nicht zu erreichen war. Im einzelnen mögen"dabei noch so viel Fehler begangen worden sein, im großen und ganzen konnte es die Sozialdemokratie nicht ablehnen, mit bürgerlichen Parteien zusammen eine freiheitliche Verfassung zu schaffen, für ein modernes Arbeitsrecht zu sorgen, die Sozialversicherung auszubauen usw. Durchaus recht muß ich dem Genossen Reventlow darin geben, daß diese Politik mit schweren Schattenseiten und Gefahren verbunden war.„Die Verdunklung des Bewußtseins des grundsätzlich Andersseins" den Bürgerlichen gegenüber hat in der Tat die Sozialdemokratie geschwächt und die im Endeffekt nur dem Faschismus zugutekommenden Kräfte der KPD. gestärkt. Ich glaube aber nicht, daß diese„Verbürgerlichung" eine notwendige Folge der unvermeidlichen Koa- ntionspolitik war, sondern ich sehe den Grund einmal in einer ideologischen Unklarheit. zum andern in der Schwerfälligkeit und geringen Manövrierfähigkeit des aus Gewerkschaft, Angestelltenverbänden usw. umständlich zusammenr gesetzten alten Apparats. Die ideologische Unklarheit Ist, wie mir scheint, von zwei Seiten zugleich gefordert worden; sowohl von den Genossen, die über der praktischen Tagesarbeit die letzten Ziele der Partei vergaßen, als fi � vo" Jenen anderen, die In jedem taktischen Zusammengehen mit bürgerlichen Gruppen einen Verrat an den sozialistischen Grundsätze, witterten. Die geringe Manövrierfähigkeit des Apparats erwies sich aber, als monatelang zwischen der Partei, den Gewerkschaften und Angestelltenverbänden Ober ein gemeinsames sozialistisches Aktions- Programm hin und her verhandelt wurde. Längst hatte sich klar gezeigt, daß die sozialpolitischen Errungenschaften nicht mehr unversehrt zp halten waren. weil der Grund, auf dem dieses Gebäude Sr"» u{er?0den der kapitalistischen Wirtschaft selbst, wankte. Man hat den recliten Augenblick versäumt zum Absprung von einer unfruchtbar gewordenen und darum nicht mehr„praktischen" Tagespolitik zu jener„gesinnungsmäßigen Kompromißlosigkeit des sozialistischen Bekenntnisses", die Genosse Reventlow als obersten Leitsatz unseres neu beginnenden Kampfes fordert Ueber die Berechtigung dieser auf Gegenwart und Zukunft gerichteten Forderung scheint mir eine Diskusion nicht mehr notwendig. Man kann der prakti- chen Arbeiterpolitik, die die Sozialdemokratie getrieben hat und ihren beträchtlichen, leider nur zu vergänglichen Erfolgen ihr historisches Recht werden lassen, ohne zu verkennen, daß die neue Zeit schärfere Richtung auf das sozialistische Endziel und-neue härtere Methoden des Kampfes verlangt Damit soll nicht gesagt sein, daß das Problem des richtigen Verhältnisses zwischen praktischer Gegenwartsarbeit und Idealer Zielsetzung, das für die Gegenwart völlig in den Hintergrund getreten ist, für alle Zeit erledigt sein muß. Vielleicht wird es später einmal notwendig sein, sich mit ihm unter gänzlich veränderten Umständen und in gänzlich neuen Formen neu auseinanderzusetzen. Jetzt aber hat die Kapitalistenklasse durch ihren Bund mit dem Faschismus ihre politische und wirtschaftliche Niederwerfung und Entmachtung zum einzig möglichen Ziel Jeder wirklich im Sinne dieser Gegenwart praktischen Arbeiterpolitik gemacht. Bei allem unermeßlichen Elend, das die Niederlage mit sich gebracht hat. bleibt doch dies die Gunst der Stunde, daß sie alle alten Gegensätze innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung sinnlos gemacht und den Boden für eine echte, auf innere Ueber- einstimmung beruhende Einigkeit geschaffen hat Das Volksfest «Hier ist kein Parteitag— hier ist ein Volksfest", so charakterisierte die »P r a n k f u r t e r Zeitung" den Nürnberger Parteitag. Aus der Fülle der kri- tischen Urteile der Auslandspresse nur 2wei Stimmen, Der„T e m p s" schreibt; "Vv.* Die feierliche Ansprache, die der„Führer" "" Nürnberg hat verlesen lassen, ist von einer solchen Armseligkeit der Gedanken •il �* r F 0 r m. daß man sich fraitt. wie •Ich der Regierungschef eines großen Landes einer Kundgebung hat entschließen können, die für das deutsche Selbstgefßhl derart p e I n- Hch Ist... ... Es gibt eine Ueberzeugung der zivil!- »iertrn Völker, die sich Ober die Tatsachen nicht täuschen, die sich durch den Schein nicht beirren läßt. Das kaiserliche Deutschland hat das im Jahre 1914 erfahren; Hitler-Deutschland wird diese Erfahrung In naher Zukunit machen, wenn es weiterhin sich dem uneingeschränkten Rassenfanatismus hingibt. Es Ist etwas anderes als Beredsamkeit nötig, um nie Weltmeinung von den friedlichen Absichten Deutschlands zu Überzeugen. Dazu bedarf es üer Handlungen. Bis heute beweisen die Maßnahmen der deutschen Regierung vor allem neu Willen, wiederaufzurüsten und nen Krieg vorzubereiten. Vor allem in England herrscht Erregung über diesen Zustand. Die englische Presse veröffentlicht'äg- lich eindrucksvolle Tatsachenberichte über die deutschen Rüstungen. Sie stellt heute morgen fest, daß das Hitierrelch von 1936 an Uber ein Heer von 1.5 0 0.0 00 Mann verfügen wird, das noch um mehrere hunderttausend Mann aus einer versteckten Reserve vermehrt werden könnte: sie schildert die Fabriken von Krupp und die chemischen Werke in Hamburg und Dresden, die für die Wiederaufrüstung voll beschäftigt sind.,.„Hitler", so erklärte der „Sunday Expreß". Ist das kriegerische Schreckensgespenst Europas. Vor 1914 bestand Wilhelm II. darauf, dieselbe Rolle zu spielen. Man weiß, was es zur Folge hatte." Und das Urteil der Baseler„National-Z e 1 1 u n g" lautet: „In der Hitler-Rede wird man neben dem bei Diktatoren unvermeidlichen Selbstlob vergebens irgend einen schöpieri- schen Gedanken suchen. Im vorhinein werden unvermeidliche Enttäuschungen bei Neuerungen angekündigt und wird vor nörgelnder Kritik gewarnt Warum aber dann so strenge gegen angebliche und wirkliche Mißerfolge der Republik? Auch sie stand vor noch nicht dagewesenen Problemen; einem zerstörten Reich, einem zerschlagenen Heer, einer ausgesogenen Wirtschaft Inflation und Krise. Das Maß, mit dem gemessen wird, ist Im Stil der Gerechtigkeit des Dritten Reiches ungleich. Dem Gegner Ist alles verboten. den SA. und SS. alles erlaubt Als Massenentfaltung befriedigte die Schaustellung ein Kollektiv, das sich an sich selbst erquickt. Film, Radio und Berichte tragen es stolz'n Land und Welt: 180.000 Tennehmer, 12000 Fahnen und!20 Musikkapellen. Und auch sonst alles Quantitative gewiß kolossal Aber das Geistige, das Programm? Hier empfiehlt sich Bescheidenheit Terror gegen alles, was sich nicht unterwirft nicht aufs Denken verzichtet, Befriedigung, daß auf die-] sem Parteitag gar nicht gesprochen, kein Problem erörtert, sondern bloß marschiert und gelärmt wird. Die Großartigkeit der Aufmachung steht:;u der Armseligkeit des Inhalts In einem peinlichen Gegensatz. Nach sieben Monaten Herrschaft ist der deutsche Nationalsozialismus nirgends zu einer positiven Leistung gekommen; die Senkung der Arbeitslosigkeit deren er sich berühmt bestellt im wesentlichen darin, daß wenigerUnter- Stützungen ausbezahlt und Hunderttausende zu einer Arbeit genötigt wurden, d'e kaum höher bezahlt wird als die frühere Arbeitslosenrente. Und jeder Kenner der deutschen Wirtschaft weiß, daß die angeblichen Erfolge gar nicht vorhanden sind, die Notstandsarbeiten werden sich von den Gemeinden bloß durchführen lassen, wenn sie auf die Spareinlagen der Sparkassen greifen, die Inflation läßt sich dank dem Transfsr- moratorium noch ein wenig verschleiern, da die freie Mark auf dem Weltmarkt kaum verlangt wird, aber die K a u f k r a ft Ist bei gesunkenen Löhnen und erhöhten Preisen immer geringer. Die Textilindustrie kann nicht in alle Ewigkeit Uniformtucb und Fahnen erzeugen, die Einnahmen der Reichsbahnen sinken erschreckend, die Auflagen der Zeltungen. der Bucher. die Besucherzahlen in Kinos und Theatern verringern sich, obwohl der Bezug der Naziblätter und der Besuch patriotischer Vorstellungen und Filme fast obligatorisch geworden ist Einstweilen wird weiter marschiert, und dies scheint vorerst noch einen Teil der Nation zu begeistern, und der andere Teil, Jer enttäuscht Ist und klarer sieht muß schwelcen. Aber man darf wohl die Voraussage wagen, daß das vom Föhrer der Stadt Nürnberg ver- heiPene Monopol auf Parteitage von ihr kau rn sehr viele Jahre lang in Anspruch genommen werden wir d." Braune PleHe Die Theater sind tot, die Kinos leer... In den offiziellen Kunstberichten des III, Reiches herrscht eitel Sonnenschein. Wenn man ihnen glauben darf, erneuert sich die Kunst, sind die Theater überlaufen, jubelt das erwachte Publikum den gleichgeschalteten Bühnenhelden brünstig zu. Aber manchmal, wenn der Zensor schläft oder ein Redakteur unter der Hitze leidet, gerät in die Spalten der braunen Blätter plötzlich ein Stückchen Wahrheit. Und diese Wahrheit sieht so aus: „Berliner Herold", 28. August: „Sicher Ist leider, daß aus mangelnder Initiative, fehlendem Kapital und nicht vorhandenen produktiven Direktoren-Temperamenten in de« Berliner Privattheatern zu Saisonbeginn mindestens fünfzig Prozent weniger Schauspieler, Musiker, Bühnenarbeiter und Autoren beschäftigt werden als im Vorjahre," „Literarische Welt", 25. August: „Das Volk verbittet sich, sich von einer Filmindustrie ein Scheinleben vorgaukeln zu lassen. Der Mensch und das Leben sind zu• große und zu ernste Dinge, als daß wir heute noch es zulassen könnten, daß damit so frevelhaft gespielt wird." „Vossische Zeitung", 18. August: Unter der Ueberschrift„W a r u m ist der Film so schlecht?" Sind es die Schauspieler? Ist es der Regisseur? Talsache ist jedenfalls, daß die zahlreichen Ur- aullührungen der letzten Wochen dem Film keine neuen Freunde gewonnen haben... Der schlechte Kinobesuch deutet an, daß das Barometer auf Sturm steht." Nur munter so weiter! Die deutsche Kunst wird solange gleichgeschaltet, erneuert und aufgenordet werden, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Ein Erfolg nach altem ärztlichem Rezept:„Operation gelungen, Patient totl" Monardiie, Krieg: oder Bürgerkrieg Der ehemalige Botschalter der Vereinigten Staaten in Berlin, lames Girard, gab der Presse gegenüber folgende Erklärung ab: Die beste Definition, die ich über den National- sotialismus geben kann, ist, daß er einen Protest gegen die Intelllgem darstellt, Nach meiner Ansicht werden die gegenwärtigen Ereignisse in Deutschland zur Wiederherstellung der Monarchie führen oder auch zu einem allgemeinen Krieg oder zu einem Bürgerkrieg. Hitlers Sozialismus In der Berliner Handelshochschule sagte der nationalsoxlollstltehe Reichstagsabgeordnete Dr. Hanke in einer Rede laut Bericht der Vossischen Zeitung: „Wenn der Nationalsozialismus die marxistische Verstaatlichung der Produktionsmittel ab- leimt, dann deshalb, am die Persönlichkeit in der Wirtschalt nicht auszuschalten und um die natürliche Ungleichheit der Menschen zu berücksichtigen. Vor allem aber würde durch die Beseitigung des Eigentums die Grundlage jeder Kultur zerstört werden." Der Prozeß ge Der Reldistagsbrand Der Prozeß gegen die angeblichen Brandstifter des Reichstags soll am 21. September vor dem Reichsgericht teils in Leipzig, teils in Berlin stattfinden. Alle Bemühungen, den Angeklagten unabhängige ausländische Verteidiger zu stellen, sind am Widerstand des Reichsgerichts gescheitert Unter diesen Umständen ge- winnt der Gegenprozeß, der in London am 14. September beginnt erhöhte Bedeutung. Er ist den Machthabern in Deutschland ebenso unbequem, wie er für die Angeklagten, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen beste Möglichkeit der Sicherung ihrer Interessen ist Die Verlegung vom Haag, wo der Cegenprozeß ursprünglich stattfinden sollte, nach London durfte wohl mit dem starken Interesse zusammenhängen, das die angelsächsische Ocffentllchkclt den Vorgängen in Deutschland entgegenbringt Das geht auch aus der Aufnahme hervor, die das„Braunbuch" dort gefunden hat Der„Economlst", das führende Wirtschaftsblatt Englands, dessen ruhiges und abwägendes Urteil bekannt Ist, widmet dem„Braunbuch" einen Artikel, dessen Schlußsatz lautet: „Die volle und zuverlässige Bestätigung der schlimmsten Verdachtgrßnde, die Ober den Reichstagsbrand und den Hitler-Terror ge- gen Goring äußert worden sind, muß einen wahren Schock von Widerwillen und Grauen Innerbalb der zivilisierten Welt hervor- rufen. Sie muß auch die Frage auf die Tagesordnung bringen, ob das Recht der Glelchberecbtlgang unter den Völkern von einer Regierung in Anspruch genommen werden kann, welche die gewöhnlichste Regel von Gerechtigkeit nnd Menschlichkeit mißachtet, Indem sie sich selbst an den eigenen Lan. desgenossen rächt" Wie würde das Urteil der Weltöffentlichkeit lauten, wenn sie die volle Wahrheit über Deutschland kennen würde? Und wie würde das deutsche Volk handeln, wenn es die Wahrheit erfahren dürfte. Der Dekorationsmaler Wie in Buchbändlerkrelsen erzählt wird, ist das bekannte kleine„Konversationslexikon" von K n a u r(Berlin 1932) nicht vergriffen, trotzdem es der Verlag behauptet, sondern die Firma wagt das Werk nicht auszuliefern, weil unter dem Stichwort„Hitler" folgendes zu lesen steht: „Hitler, Adolf, 20. 4. 1889 In Braunau (Oberösterr.), Dekorationsmaler, Begr. der Nationalsozialist dtsch. Arbeiterpartei." Wie wär's, wenn der Verlag statt„Dekorationsmaler" das Wort„Kunstmaler" einsetzen würde? Hadfahrt durchs Dritte Reich Drei Junge Genossen. Alle nach Cleicb- achaltung des Betriebes wegen„staatsfeindlicher Einstellung" zum Feiern verurteilt Also dem letzten Wochenlohn In der Tuche aufs Fad und hinaus aus der großen braunen Hölle Derlin, aufs Landl Vierzehn Tage Flucht vor aller Schikane und Bespitzelung, vierzehn Ta- *e Flucht vor den Sorgen— und wu danach «ommt wer wül sich heute noch darum küm- Biern? Nun sind die vierzehn Tage vorbei. Sie waren für uns ein erfrischendes Erlebnis. Was w'r in diesen vierzehn Tagen im Mecklenbur- "»chen, an der Ostsee, im Hoisteinschen, in