Redaktion und Verlags Karlsbad, Haus„Graphia" Tel. IOM Preis der Einzelnommer TT' � A A f\ �Im Ausland Kd 2.-) i\-C X•4vJ Anslandspreise Argentinien.. Belgien.... Bulgarien... Dtnzlg.... Deutschland.. Estland.... Finnland... Frankreich., Großbritannien. Holland.... Italien..... Jugoslawien.. Lettland•.. f vwvw � Sozialdemokratisches Wochenblatt Nr. IS Sonntag, 24. Sept. 1933 BengspreU Im Quartal 1/ X-f Q (Im iasland Ki 24�) JVC iO." ( Im. Aiulaadspreise Litauen.... Luxemburg,. Norwegen... Oesterreich.. Palästina... Polen..... Portugal... Rumänien,. Saargebiet.. Schweden... Schweiz... Spanien... Ungarn.... USA. 00»*»i Fünf Galgen- wer wird gehängt? Torgler oder Hitler?— Was sagt der Oberreidisanwalt? Die Anklage gegen Torgler und Genossen lautet nicht nur auf Brandstiftung, sondern auch auf Hochverrat Hochverrat begeht man dadurch, daß man eine Verfassung gewaltsam umzustürzen versucht. Welche Verfassung hat Torgler umzustürzen versucht, und was ist aus dieser Verfassung seitdem geworden? Torgler wurde am* 28. Februar verhaftet, als er in das Polizeipräsidium gegangen war, um den Beamten die Unsinnigkeit der gegen ihn erhobenen Brandbeschuldigung klar zu machen. Seine umstürzlerische Tätigkeit kann sich also nur gegen d i e Verfassung gerichtet haben, die damals noch in Kraft war— und das •st die Verfassung von Weimar. Hitler war damals seit vier Wochen Reichskanzler. Er war dazu vom Reichspräsidenten— der nach den Vorschriften des Art 41 vom ganzen deutschen Volke gewählt war und der, wie Art 42 verlangt, die Verfassung beschworen hatte— auf Grund Art 53 derselben Verfassung zum Reichskanzler ernannt worden und hatte gleichfalls die Verfassung beschworen. Der Reichstag war nach Art 25 aufgelöst die Neuwahl war im Sinne desselben Verfassungsartikels Angeleitet Unter Berufung auf Art. 48 der Verfassung waren außerordentliche Maßnahmen, die angeblich dem Schutz der verfassungs- und gesetzmäßigen Ordnung dienen sollten, verfügt. Nachher wurde sogar auch noch wirklich ein Reichstag gewählt der bis zum 17. Mai funktionierte. Es kann also nicht der leiseste Zweifel daran bestehen, daß die Verfassung, ge- 8en die sich der gewaltsame Umsturzversuch Torglers gerichtet haben soll, die Verfassung des Deutschen Reiches vom fk August 1919 war, die Verfassung von Weimar. Weil Torgler diese Verfassung umzustürzen versuchte— die Brandstiftung im Reichstag soll ja nur ein Mittel dazu gewesen sein— darum steht Torgler jetzt vor dem Reichsgericht und darum hat Hitler für ihn und seine Mit- Jjeschuldigten in öffentlicher Rede den Tod am Galgen verlangt, Torgler soll gehängt werden, weil er versucht haben soll, was Hitler getan hat, weil er geplant haben soll, was H i t- lerausgeführt hat, weil er eine Verfassung zerstören wollte, die seitdem von Bitler und seinen Spießgesellen bis auf den 'stzten Rest vernichtet worden ist! * Am 15. September hat der preußische Ministerpräsident G ö r i n g, höchst feierlich auf einem Thronsessel Friedrich des Großen sitzend, den von ihm selbst erfundenen Preußischen Staatsrat eröffnet Die Sitzung wurde wieder geschlossen, ohne daß jemand anderer zu JVort gekommen wäre als Göring selbst Schweigend nahmen die preußischen Granden die Feststellung entgegen, daß ®ie nichts zu beschließen hätten, da die Autorität von oben komme und ganz oben wdren nicht, sie, sondern Er. Auch der Gewissenhafteste Erforscher des gegenwärtigen staatsrechtlichen Zustandes— �'ird keine andere Funktion der neuen Preußischen Staatsräte erblicken können ?'s die, an jedem Monatsersten 1000 Mark 111 Empfang zu nehmen, deren Genuß sie, wie ihre Ernennung selbst, einzig und allein der Gnade des Selbstherrschers aller Preußen verdanken. Göring hat dem„korrupten Parlamentarismus", dem„furchtbaren System der Vergangenheit" die Grabrede gehalten. Es gibt keinen Reichstag und es gibt keinen Preußischen Landtag mehr!(Warum sollte da van der Lübbe den Sitzungssaal des Reichstages nicht anzünden, wenn man ihn doch nicht mehr brauchte?) Aber etwas von dem korrupten Parlamentarismus und dem furchtbaren System der Vergangenheit ist doch noch übrig geblieben. Das sind die Freifahrkarten und die 600 Mark Monatsdiäten der nationalsozialistischen und gleichgeschalteten Abgeordneten. Die furchtbare Zeit, in der man für das Geld auch etwas tun mußte, ist vorbei; heute bekommt man es für das Nichtstun und die vorschriftsmäßige Gesinnung. * Nachdem Hitler schon vor Wochen die Revolution für beendet erklärt hat, müßte man eigentlich annehmen, daß an die Stelle der alten durch Gewalt, Eid- und Treubruch umgestürzten Verfassung eine neue getreten sei. Daß dies nicht der Fall ist, hörten wir jetzt von Göring selbst. Der sprach am 15. September: Wir stehen heute an diesem Wendepunkt des Staatslebens. Die nationalsozialistische Staatsverfassung, die in diesem Staatsrat zum Ausdruck kommt, gilt heute nicht nur in Preußen, sie wird hinausstrahlen in das 'ganze Reich. Sie ist der erste Versuch, zu beweisen und zu zeigen, daß dieses System der Arbelt das richtige ist. Deshalb dürfen wir vom Wendepunkt des Staatslebens sprechen, dürfen davon reden, daß hier ein Grundstein nationalsozialistischer Staatsverfassung in Preußen und damit auch im Reiche gelegt wird. Denn wir sehen die letzte und größte Bedeutung des heutigen Tages darin, daß mit der Schaffung des neuen Staatsrates in Preußen der Grundstein zu einer wahrhaft nationalsozialistischen Staatsverfassung gelegt wird, daß insbesondere an Stelle des Staatsorgans, das aus dem durchaus undeutschen Boden des westlichen Parlamentarismus gewachsen war ein Führergremium gesetzt wird, welches urgermanischem und damit rein nationalsozialistischem Denken und Fühlen entspricht. Wir sind ferner des Glaubens, daß die Auswirkung dieses Ereignisses sich nicht allein auf Preußen beschränken, sondern weit darüber hinaus den Gang der Entwicklung beeinflussen wird überall da, wo nationalsozialistisch gedacht und regiert wird. Nachdem am 27. Februar das Parlament angezündet und so mit der Vernichtung des Parlamentarismus begonnen worden war, ist das Zerstörungswerk folgerichtig fortgesetzt worden— bis zum 15. September, an dem der preußische Ministerpräsident nach seinen eigenen Worten erst den„Grundstein zu einer wahrhaft nationalsozialistischen Staatsverfassung" legte, und zwar nicht nur für Preußen, sondern großmütiger Weise auch für das Reich... * Nun aber zurück nach Leipzig! Der Oberreichsanwalt Werner hat schon so viele Hochverratsanklagen gegen Kommunisten vertreten, daß er sämtliche Schuldbeweise aus dem Schlafe hersagen kann. Und es ist ja zweifellos auch wahr Der Despot träumt «Göring! Göring! In diesem Feuer wirst du verbrennen!*6 — die Kommunisten selbst haben es nie bestritten— daß die Beseitigung der Verfassung von Weimar mit gewaltsamen Mitteln in der Richtung ihres Programms lag. Zwar haben sie nie einen ernsthaften Angriff unternommen, haben sie sich an Energie und Zielklarheit der verfassungsfeindlichen Absichten von den Nationalsozialisten hundertmal übertreffen lassen, zwar haben sie infolgedessen für ihre eigenen Absichten gar nichts erreicht und nur dem Faschismus den Sieg erleichtert — doch sind das Dinge, für die sie sich vor der Geschichte zu verantworten haben, aber nicht vor dem Reichsgericht in Leipzig. Denn die Verfassung, deren gewaltsamen Sturz sie naph der Anklage des Oberreichsanwalts geplant haben sollen, besteht nicht mehr. Alle Brandstiftungen, Morde, Festsetzungen von Geiseln und sonstigen Terrorakte, die geplant zu haben sie der Oberreichsanwalt bezichtigt, haben sie nicht mehr begehen können. Die Nationalsozialisten haben ihnen die Mühe abgenommen. S i e haben brandgestiftet, gemordet, Geiseln festgesetzt und grausamsten Terror ohne Maß und Ziel verübt. Wenn Torgler den Tod am Galgen verdient haben soll, weil er vielleicht daran dachte, später einmal das zu tun, was die Hitler, Göring, Göbbels, Röhm, Heines und Konsorten wirklich taten — welche Todesstrafe müßte dann erst für die Hitler, Göring, Göbbels, Röhm, Heines und Konsorten erfunden werden? Sie zu ersinnen, reicht selbst ihre eigene Henkerphantasie nicht aus! Ja, und was— was würden erst d i e Richter verdienen, die auf Befehl Hitlers, die Torgler, T a n e f f, D i m i- t r o w und Popow dem Henker ausliefern wollten? Mögen diese Richter wissen, daß hinter der Macht, die sie zu dem Verbrechen des Justizmordes verleiten will, eine andere steht, vor der sie sich noch einmal zu verantworten haben werden! Es kommt ein Tag des Gerichts auch über das Reichsgericht! Verurteilung oder Freispruch— am Ende des Brandstifterprozesses steht das Todesurteil über das System! Tod und Zuditham! In Lübeck verurteilte ein sogenanntes Schwurgericht die Reichsbannerkameraden K a e h d i n g und F 1 c k zum Tode. Kaehding wurde in der Zeile erhängt aufgefunden. Selbstmord? In Bonn erhielten die Sozialdemokraten Klett und Sattler je 12 Jahre Zuchthaus, Schulz 11 Jahre Zuchtbaus, Dick 10 Jahre Zuchthaus, L e m m e r und Schröder je 8 Jahre Zuchthaus. Die Verurteilten hatten sich von den braunen Mördern nicht wehrlos abschlachten lassen wollen. Dafür wurden sie mit Tod und Zuchthaus bestraft, während die braunen Mörder nicht nur frei herumlaufen, sondern die fettesten Pfründen des Dritten Reiches erhalten. Die Namen der Richter, die solche Urteile fällen, dürfen nicht vergessen werden. Es kommt der Tag des Gerichts über sie! London und Leipzig Die Ermittelungen des Internationalen Juristenaussdiusses und die Pflicht des Reidisgeridits London, 18. September 1933. Wenn diese Zeilen erscheinen, wird nicht nur der Bericht des Internationalen Jiiristenausschusses veröffentlicht sein, der hier vier Tage lang öffentlich getagt und Zeugen vernommen hat, sondern wohl auch die Leipziger Gerichtsverhandlung begonnen haben. Ueber die Zweckmäßigkeit dieser Untersuchung, insbesondere vor dem offiziellen Prozeß, waren in manchen Kreisen, auch uns nahestehenden, Zweifel vorwiegend taktischer Art geäußert worden. Heute, nach Abschluß der Londoner Verhandlungen, läßt sicli mit gutem Gewissen feststellen, daß diese Zweifel unberechtigt waren, daß der Jurlstenausschuß überaus wertvolle Arbelt geleistet und sehr wichtige Ergebnisse erzielt hat. Er hat trotz mancher Regiemängel, trotz der manchmal überflüssigen Breite gewisser Zeugenaussagen, die vom Beweisthema zuweilen abschweiften, zunächst einmal das Verdienst gehabt, die Weltöffentlichkeit in einer Weise zu interessieren und zu alarmieren, die Hitlers Propagandachef Dr. Göbbels sehr unbequem werden dürfte. Und wenn am Schluß tag der Sohn T o r g 1 e r s, die Schwester Dimi troff s und die Witwe des grauenhaft gemeuchelten kommunistischen Abgeordneten S c h ü t z-Königsberg, sowie der Dichter Ernst Toller am Zeugen tisch erschienen, ohne zur Sache selbst Wesentliches aussagen zu können, so haben gerade ihr Erscheinen und ihre Aussagen als eine furchtbare Anklage gegen die Kerkermeister, Meuchelmörder und Kulturschänder des 3. Reiches gewirkt. Aber viel wichtiger sind die tatsächlichen Feststellungen,, die die Londoner Verhandlungen zur Sache selbst ergeben haben. Die Ergebnisse der hiesigen Untersuchungen lassen sich c�hin zusammenfassen; 1. Torglers Unschuld ist hundertprozentig nachgewiesen. Nachgewiesen nicht nur durch die Bekundungen Jener Zeugen, die ein politisches Leumundszeugnis für ihn abgelegt haben, z. B. Paul Hertz and Rudolf B r e i t s c h e 1 d, sondern auch und vor allem durch die außer- ordentlkh präzisen Angaben der beiden Kommunisten Wilhelm Koenen und Otto Kühne, die den Nachmittag und den Abend des 27. Februar mit Ernst Torglcr verbracht und geradezu minutenweise eine lückenlose Darstellung seiner Tätigkeit an jenem Tage liefern konnten. 2. Ebenso hundertprozentig ist der Alibi- boweis für den Bulgaren DimitroÜ erbracht, von dem man bisher fast nichts wußte. Man erfuhr jetzt, daß er tatsächlich ein führender Kommunist gewesen ist, sogar ein Mitglied der Exekutive der III. Internationale, anscheinend fast ausschließlich zuständig für die Balkanstaaten. Esisterwiescn, daß er in den entscheidenden zwei Tagen— 26. und 27. Februar—inMünchen gewesen ist, also 600 km vom Reichstag entfernt Der kroatische Zeuge Zivitsch, der die beiden Tage mit ihm dort verbrachte, hat eine so genaue Schilderung seines dortigen Aufenthaltes gegeben und sogar zwei Zeugen benannt, einen dortigen Zahnarzt und eine Amerikanerin, die mit Dimi- troff am 27. dort zusammengekommen ist, daß es für die Behörden eigentlich ein Kinderspiel sein müßte, diese Angaben nachzuprüfen. 3. Von den zwei anderen Bulgaren Po- p o f f und T a n e f f, die gewissermaßen 4 ia suite ihres Freundes Dimitroff mitverhaftet und angeklagt worden sind, hat man bei den Londoner Verhandlungen leider nichts gehört Ich erfahre jedoch, daß die beiden Dank eines glücklichen Zufalls ebenfalls in der Lage sind, ein Alibi, und zwar einen Kinobesuch am Abend des Reichstagsbrandes nachzuweisen. Aber auch wenn das nicht der Fall sein sollte, dann ist ihre Unschuld kaum weniger erwiesen. Denn die wirkliche Schuld ergibt sich sonnenklar aus dem anderen Untersuchungskomplex, der inbezug auf den rätselhaften holländischen„Kommunisten" Van derLubbe behandelt worden ist Die Vernehmung von drei hol- ländischenZeugen überdie politischen Anschauungen, über seineSehstärke und über seine sexuellen Neigungen stellen m. E. das wichtigste' Ergebnis der hiesigen Verhandlungen dar, Aus diesen Aussagen ergibt sich einwandfrei: 1. Daß Van der Lübbe ein politischer Wirrkopf war, der in den letzten zwei Jahren vor dem Reichstagsbrand mit der kommunistischen Partei nicht nur gebrochen hatte, sondern eher faschistischen Ansichten huldigte. 2. Daß er infolge eines doppelten Arbeitsunfalls nicht nur außerordentlich kurzsichtig war, sondern nahezu als halb blind bezeichnet werden muß. Außerordentlich eindringlich und übereinstimmend Schilderten die drei Zeugen, wie Van der Lübbe nur aus nächster Nähe und von der Seite eine Zeitung lesen konnte. Einer bekundete, daß Van der Lübbe Arbeit auf einem Lastkahn gefunden hatte, nach kurzer Zeit aber entlassen werden mußte, weil er dauernd den Weg verfehlte und ins Wasser fiel! 3. Daß er, wie der Zeuge van Leeuwen sehr eingehend bekundete, ein Homosexueller war, der mit ihm selber anscheinend vergebens anzubandeln versuchte, der aber z. B. mit einem gewfs- sen Koos Vinck wie„Junge und Mädel" verkehrte, wobei Van der Lübbe notorisch das„Mädchen" war. Er steckte dauernd in Schulden und gerade wenn er nicht mehr finanziell weiterkonnte, pflegte er nach Deutschland zu reisen, um sich zu sanieren. Das genügt wohl! Man braucht nunmehr nicht einmal die wertvollen und schlüssigen Bekundungen der Zeugen Hertz und Kühne zu erwähnen, über die innere Organisation des Reichstags, über die sonderbaren Brandstellen, über die Türkontrollen, über den unterirdischen Gang der Zentralheizungsanlagen zwischen dem Reichstagsgebäude selbst und dem Präsidentenhaus, das Gö- ring seit Wochen den SA-Leuten überlassen hatte; noch ist es jetzt notwendig, auf den von Grzesinski widerlegten Schwindel über die Katakomben und das„Um- sturzmaterial" im Karl-Liebknechthaus besonders einzugehen, und auch die sonstigen Bekundigungen der Zeugen Breitscheid, Georg Bernhard, Philippsborn u. a. über die allgemeine politische Situation in der damaligen Zeit, über die erwartete „Wahlbombe" der Nazis usw. sind, so wertvoll sie an sich waren, nur in zweiter Linie zu berücksichtigen. Wenn es unter den höchsten unabsetzbaren Richtern des Reiches noch einen Funken von Anstand und Ehrgefühl gibt, dann ist es ihre heilige Pflicht, das Lügengebäude des Oberreich sanwalts und der Hitlerregierung mit einigen einfachen Fragen zu zerreißen, die sich aus der Londoner Untersuchung ganz von selbst ergeben. Sollte Van der Lübbe, aus irgend welchen Gründen, die man sich unschwer vorstellen kann, bei seinen unmöglichen idio tischen ersten Angaben bleiben, dann brauchen sie ihm nur ein Zeitungsblatt zu überreichen und ihn aufzufordern, daraus etwas vorzulesen. Dann wird sich sofort ergeben, daß dieser halbblinde Mann weder im dunklen Reichstag als Brandstifter uin herwandeln, noch erst recht als Fassaden kletterer— wie es neuerdings heißt— darin eindringen konnte. Sie müssen ihm dann Fragen über seine s e x u e 1 1 e n N e i gu n- gen stellen, über seine Beziehungen zum Kreis Röh m— H e i- n e s— B eil, und zwar solange, bis er die Wahrheit zugibt, daß er nämlich ein Werkzeug Jenerim P rä s i d e n t e n h a u s verkehren den SA-Homosexuellen war. Geht das Reichsgericht über alle diese entscheidenden Punkte hinweg, unterlas sen die Reichsrichter es, diese entscheidenden Fragen in öffentlicher Sitzung aufzuklären, dann ist für sie kein noch so verächtlicher Ausdruck zu hart Dann machen sie sich selbst nachträglich zu Komplicen des Reichstagsbrandes, den sie jetzt mit Leichtigkeit aufklären könnten. Werden sie es tun, trotz der Folgen, die die Aufklärung des Verbrechens vom 27. Februar für das ganze Verbrecherregime nach sich ziehen müßte? Die Ehre Deutschlands Kegt in der Hand der Bumke, Dünger und ihren Kollegen, den höchsten Richtern des Deutschen Reiches! Victor Schiff. Sie lügen wie die Teufel...! Zerschlagen— nicht zerschlagen? Ein völliger Widerspruch und seine Erklärung. Der Beauftragte Hitlers für Wirtschaftsfragen, dem alle wirtschaftspolitischen Organisationen der nationalsozialistischen Partei unterstehen, WilhelmKeppler hat am 6. September 1933 eine Rede gehalten, der wir folgende Sätze entneh- den(Bericht der Frankfurter Zeitung vom 7. September 1933): Die Regierung habe es sich weiterhin zum Ziel gesetzt, gegen Jede zu weitgehende Organisierung anzukämpfen. Mau habe die bestehenden Gewerkschaften zerschlagen und sei auch kein Freund der Arbeitgeberverbände, weil man es für viel zweckmäßiger halte, die Leitung eines Betriebes und seine Belegschalt wieder in engsten Kontakt zu bringen. Drei Tage darauf hielt der berüchtigte Dr. L e y, der Leiter der sogenannten „Deutschen Arbeitsfront" zu Köln eine Rede, in der er folgendes ausführte(Bericht der Germania vom 10. Sept 1933): Mau habe ihm, Dr. Loy, Vorwürfe gemacht, daß Cr die Gewerkschaften in die Arbeftsfront hineingeführt habe, anstatt dem Wunsche nach Ihrer Zertriimtnerunc stattzugeben. Aber der Nationalsozialismus habe erkannt, daß der b e s t e T e i 1 der deutschen Arbeiterschaft neben SA und SS in Gewerkschaften organisiert war. Befindet man sich im Irrenhause? Kepp- ler rühmt es als Verdienst des Natfonal- sozialisrnus, die Gewerkschaften zerschlagen zu haben, Ley dagegen beansprucht es als Verdienst des gleichen Nationalsozialismus, dem Wunsche nach Zertrümmerung der Gewerkschaften nicht nachgegeben zu haben! Dieser scheinbar unlösliche Widerspruch findet aber seine natürliche Erklärung, wenn man erfährt, wo beide Reden gehalten wurden: Keppler sprach vor dem Enquete-Ausschuß zur Untersuchung der Lage im Bankgewerbe, also vor einem reinkapitalistischenGremium, wo man einander nichts vorzumachen brauchte, Ley dagegen sprach auf dem „Großen Konvent der Arbeitsfront**, auf dem den Arbeitern vorgespiegelt werden mußte, als hätten sie noch etwas zu sagen. So konnte denn Keppler mit zynischer Offenheit zugestehen, daß die Gewerkschaften durch die Gleichschaltung de facto zerschlagen sind, während Ley so tun mußte, als ob er die Gewerkschaften durch Ueberiührung in die Arbeitsfront gerettet habe. Er mußte sogar diese angebliche Rettungstat durch das süß-saure Kompliment an die„marxistisch verseuchten"* Freigewerkschafter begründen, daß sie den b e s t e n T e i 1 der Arbeiterschaft darstellen, was in seiner Lügnerei die e i n- zig wahre Tatsachenbehauptung Ist Denn er verschweigt, was sein Parteigenosse Keppler bezeugt, daß eben mit der Ueberführung in die Arbeitsfront die Kampfkraft der Gewerkschaften zerschlagen wurde. kapitalistische Korruption endgültig beseitigt, Da wundert man sich aber doch, wenn man auf einmal im„Berliner Tagblatt" vom 5. September folgendes Inserat findet: Politiker Obering, 40 J„ ktb. derzeitige enge Beziehungen zu allerersten Kreisen sucht industrielle oder wirtschaftl. Vertrauensstellung. Off. unt. Nk. G. 47089 bef, Rudolf Mosse, Berlin-Neukölln. Berliner Straße 76, 77. Eine hübschere Verbindung von Politik und Geschäft läßt sich gar nicht vorstellen. Ein „Politiker** bietet sich mit seinen engen Beziehungen zu allerersten Kreisen öffentlich aus — durch Rudolf Mosse! War es dazu notwendig, das Dritte Reich zu gründen. Politiker zu kauien „Enge Beztefnmsen zu allerersten Kreisen" Seit Hlndenburg sein steuerfreies Gut, Hitler und G Bring ihre bayrischen Landsitze und alle bedeutenden Pg. ihre gntbesolde- fen Posten erhalten haben, ist bekanntlich die Ins Gefängnis Wer den Mund anftut. gefährdet den Staat In Deutschland erzählt man sich, daß nächstens alle Zahnärzte ihre Praxis niederlegen würden, weil im Dritten Reiche niemand mehr wagt, den Mund aufzutun. Das kann man verstehen, denn jeder Deutsche stellt, sobald er den Mund öffnet, mit einem Fuße im Gefängnis. So teilt z. B. die Pressestelle des schlesi- schen Oberpräsidiums mif: „In verschiedenen der im vorigen Herbst aufgelösten und nicht wieder hergestellten schlesischen Landkreise werden offenbar systematische Gerüchte in die Weit gesetzt, die von einer Wiederherstellung auch dieser Kreise wissen wollen... Die Verbreiter derart unverantwortlicher Gerflehte mögen sich vor Augen halten, daß sie sich der Gefahr aussetzen, zum Schutz von Volk und Staat in Polizei h a f t genommen zu werden." Kann sich der in' Freiheit— das heißt nicht in Deutschland— lebende Mensch ein harmloseres Gespräch denken als eines über die etwaige Wiederherstelh g aufgelöster Landkreise? Im Dritten Reich müssen„Volk und Staat" vor dem Unglücklichen geschützt werden, der es wagt, dieses Thema anzuschneiden! Normale Leute können hier nicht mehr mit— hier sind Spezialisten für Verfolgimgswaho zuständig. ünzulRssiges Gedidit Zulässige Schabwiebse Auf Grund des Gesetzes zum Schutz der nationalen Symbole(19. Mal 1933) werden- vom Reichspropagandaministerium ständig gewisse Kitschgegenstände beklopft und zum Teil für „unzulässig" erklärt Uebrlgens eine Sisyphusarbeit— die Einfälle hakenkreuzbegefsterter Geschäftemacher erneuern sich wie die Versprechungen der Führer mit jedem Tag. Auf der letzten Liste„unzulässiger" Fabrikate finden sich folgende Raritäten: Matratzendreil mit Hakenkreuzmuster, Hit- ler-Gruß-Doppelpostkarte mit beweglichem Arm. Tabakpfeife mit Hakenkreuz, Backformen mit Hakenkreuz und der Bezeichnung SA, bemalter Kissenbezug, der außer der Aufschrift „Der Freiheit entgegen" einen Adlef, tragend ein Hakenkreuz auf weißem Felde mit einem schwarzweißroten Rande aufweist— und Gegenstand: Gedicht.Mein Hakenkreuz im Licht", Hersteller: Frieda Giiese, Reichenau, Herstellnngsort: Reichenau Sa. Arme Frieda Giiese! Gedichte„herstellen" fcl doch keine Schande, Göbbels selber stellt sogar Romane her(and was für welche!). Außerdem wurden die schwarzweißroten Schuhputzdosen mit der Aufschrift„National" der Firma Gcbler-Werke ausdrücklich für„zulässig" erklärt— und die sind doch sicher auch nicht schöner als„Mein Hakenkreuz im Licht". Wer hat da gegen die Giiese intrigiert? Wer hat sein Geld in den Gebler-Werken stecken? Getährlicfae VerweAsIung Oie Beamten der deutschen„Wach- and Schließgesellsebafi" werden neu uniformiert, um Verwechslungen mit der SA und SS— also mit der Krach- and SchießgeseU- schaft— rn vermeiden. Das Ist höchste Zeit'- In Wohnungen, die irrtümlich der SA und SS geöffnet wurden, soll kein silberner Löffel /m Schrank, kein Pfennig in der Haushaltkasse, kein Teiler auf dem andern geblieben sein. Staat der Landsknedite *Es ist selbstverständlich, daß der National- Sozialismus als eine Bewegung herrlichster and härtester Männlichkeit zunächst für eine gewisse Durchgangszeil zu einem gewissen Gegensatz zur Frau kommen maßte. Denn d>e Bewegung, die heute der Staat ist. ist vom Soldaten, und zwar von einem besonderen TlfP des Soldaten, vom Landsknecht, getragen und gebaut worden." (Dr. Walter Groß auf dem Nürnbergs Parteitag.) Wieviel Arbeitslose? Amüldier Sdi windel mit Zahlen— Die Steuerstatistik bringt es an den Tag Das ßleicligeschaltete Statistische Amt gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Widersprüche zwischen seinen Arbeitslosenziffern und der wirtschaftlichen Wirklichkeit wenigstens auf dem Papier aus der Weit zu schaffen. Deshalb hat sich das dem Slatistischen Reichsamt unter- stellte Institut für Konjunkturforschung ent- sthlossen, die amtlichen Arbeitslosenziifern durch Zahlen über die Entwicklung des Arbeitseinkommens iü stütaen. in seinem Wochenbericht vom 6. September behauptet das Institut, daß in dem Maße, wie sich das Hitlcmsimo befestigt hat, das Arbeitseinkommen gewachsen sei. Es sei„vom 1. und 2. Vierteljahr 1S>33 um rund Vi Milliarde RM. gestiegen. Das ist erheblich mehr als iu der gleichen Zeit der letzten Jahre, bedeutet also etne über das Saisonmäßige hinausgehende Steigerung." Vom 1. zum 2. Vierteljahr hat sich nach den Angaben des Instituts das Arbeitseinkommen wie folgt erhöht; 1930 um 0.1 Milliarden Reichsmark 1931 02 1932„ 0.3„___••.. 1933„ 0,5 ,<•• Im letzten Vierteljahr 1932 betrug danach das Arbeitseinkommen 6.413 Millionen Mark, bis Ende des ersten Quartals 1933 war es auf 6000 Millionen gesunken und bis Ende Juni auf 65U0 Millionen Mark gestiegen. Seit Sommer 1929 sei das Arbeitseinkommen von einem Jahr zum andern stets gesunken. Nur im zweiten Quartal des Jahres, in dem das Dritte Reich zum Ausbruch gekommen war, sei es zum erstenmal im Verlaufe der letzten vier Jahre gestiegen. Wenn das Arbeitseinkommen zwar unverhältnismäßig gewachsen ist, aber noch nicht die Höhe von 1932 erreicht habe, so liege das an den Sünden der früheren Regierung, die es verschuldet haben,„daß in der zweiten Hälfte des Jahres 1932... die Löhne und Gehälter noch gesenkt wurden." Die vom Institut behaupteteu Ziffern des Arbeitseinkommens sollen die Besserung der Konjunktur beweisen und einen indirekten Beweis für die Richtigkeit der allseitig mit Skepsis betrachteten Arbeitslosenstatistik liefern. Die Behauptung, daß das Arbeitseinkommen gewachsen sei, stimmt aber mit der Statistik der Steuereinnahmen nicht überein, die Im zweiten Augustheft der vom Statistischen Relchsarat herausgegebenen Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik" enthalten ist. Da- Sach betrug die Einnahme an Lohnsteuer im zweiten Vierteljahr In tausend Mark: 1931: 282.2 1932: 196.7 1933: 182 4 Nach der amtlichen Statistik betrug die Zahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslosen: Ende Juni 1932: 5,475.778 Ende Juni 1933: 4356.942 Es ergibt sich also der merkwürdige Widerspruch, daß zur gleichen Zelt die Arbeitslosigkeit gesunken ist oder, was dasselbe bedeutet, die Zahl der BcschäUigtcn zugenommen und trotzdem die Lohnsteuereinnahme ab- Kenomraen hat Das Sinken des Lohnsteuer- anfkommens ist zwar kein schlössiger Beweis dafür, daß die amtliche Arbeitslosenstatistik Kfilscht und daß die Arbeitslosigkeit tatsäcli- iich gestiegen und nicht, wie amtlich behauptet Wird, gesunken Ist. Wenn aber bei zunehmender Bcschättlgung gleichzeitig der Ertrag der Lohnsteuer geringer geworden ht, dann muß eine Senkung das Lohneinkommens stattgefunden haben. Ist die Steuerstatistik richtig, dann muß entweder die Arbeitslosenstatistik oder die Lohnstatistik falsch, aber sie können nicht beide zugleich richtig sein. In der Zeit vom 1. zum 2. Vierteljahr 1933 sanken die Arbeitslosenziffern von 5398.850 ani 4356.942, also um rund 700.000. Die Lohn- Steuer beträgt nominal 10 Prozent, unter Be- tücksichtigung des steuerfreien Einkommens und der.Abzüge rund 5 Prozent. Nimmt man ein Durchschnittseinkommen von 1200 Mark im Jalire oder 300 Mark im Vierteljahr an. dann müßte in dieser Zeit die Lohnsteuereinnahme um 103 Millionen Mark zugenommen haben. tatsächlich ist sie aber in diesem Zeitraum nur vou 1822 auf 184.4 Millionen Mark gestiegen. also um ganze 200.000 Mark. Daraus ergibt "mh klar und deutlich, daß entweder die Arbeits- losigkelt zugenommen, oder daß das Arbeits- «inkommen nicht nur nicht über das saisonmäßige Maß hinaus zugenommen, sondern weit dahinter zurückgeblieben ist. Das Statistische Reichsamt hat also die Wahl, ob es zugeben will, daß die behauptete Abnahme der Arbeitslosigkeit oder die behauptete Zunahme des Arbeitseinkommens Schwindel ist Wankender Glaube — sinkende Kurse Die Herolde des Dritten Reiches hatten feierlich verkündet, daß der bloße Glaube an Hitler Wunder wirken würde, und daß dem enormen Aufschwung der Seeleu der Aufschwung der Wirtschaft folgen w ürde. Ein ziemlich zuverlässiges Barometer für die Höhe des Vertrauens der deutschen Unternehmer in die Wunder wirkende Kraft der Hitlerschen Arbeitsbeschaffung sind die Kurse d e r W e r t- papiere. Da ergibt sich denn, daß die Aktlenkurse in Deutschland ständig sinken, während auf den großen WeltbBrsen die Kurve der Aktienkurse im Steigen ist. In der Zeit vom 12. August bis zum 9. September stieg der Aktienindex in London von 67.5 auf 68, in Amsterdam von 34.7 anf 38.9, In New York von 58.8 auf 59.8, in Zürich von 473 auf 48.7, dagegen sank der Aktienindex zur gleichen Zeit in Berlin von 29.4 au! 253. Der Aktienindex insgesamt sank von rund 68 Anfang August auf rund 65 Anfang September. Einige Berliner Banken haben wegen völliger Stockung des Börsengeschäfts ihren Betrieb eingestellt. Man muß auch berücksichtigen, daß die Großbanken von der Reichsregierung gezwungen werden, auf der Börse zu intervenieren, d. b. Aktien, die vom allzu tiefen Sturz bedroht waren, aufzukaufen. Die amtlichen Börsenkurse sind irisiert: ohne die den Banken aufgezwungene Intervention, die die ohnebin spärlichen Wirtschaitskredite noch weiter verkürzt, wäre der Fall der Kurse noch heftiger. Im letzten Wochenbericht der Berliner Handelsgesellschait, einer der Berliner Großbanken, wird diese amiallende Erscheinung zu erklären versucht. Die Bank kann ihre Meinung nicht offen aussprechen und überläßt es deshalb ihren Kunden, zwischen den Zeilen zu lesen. Immerhin ist die Umschreibung deutlich genug. Es heißt in dem Bericht: 4)i« Wlrtschaftsani Stellung bat ms persönlichen oder sacklieben Anlässen das Angebot am Effektenmarkt gesteigert*'. Mit anderen Worten: anstatt angeregt durch den erhofften Wirtsdiaitsaufschwung mehr Aktien zu kaufen, haben die Kapitalisten sich nach Kräften bemüht, die Wertpapiere, die sie bereits hatten, loszuwerden. Weiter heißt es; „Nun wird vermutlich, jener Ted der Kapitalbildung, der sich über die(Jntemehiiuiat vollziebt, noch erheblich dnreh die Notwendigkeiten der Wirtscbaftsanpassaag beansprucht, auch Ist möglich, daß die organisierte Arbeitsbcschafiang dann und waan noch Reibungsverluste verursacht." Die Art der Hitlerschen Arbeitsbeschaffung wirkt also auf das Anlage suchende Kapital nicht ermunternd, sondern abschreckend. Die Unternehmer glanbon also nicht an den von Hitler versprochenen Aufstieg, weil sie den tatsächlichen Abstieg allzu deutlich vor Augen sehen. Im allgemeinen pflegt das Sinken der Aktienkurse vom Steigen der Rentenkurse begleitet zu sein. Die Kapitalisten, denen die Anlage der Aktien zu riskant erscheint, wandern zu den mit fester Verzinsung und Garantien der öffentlichen Hand ausgestatteten Anleihepapieren ab. Diesmal jedoch sind die Kurse der Rentenpapiere nicht nur nicht gestiegen, sondern gleichfalls gesunken. Das Kursniveaa der festverzinslichen seebsprozentigen Wertpapiere Hei von 79 Anfang August an! 77.9 Anfang September. Audi dafür gibt der Bericht der Berliner Handelsgesellschaft eine Erklärung: „Zuzugeben ist, daß das im Mittelpunkt der Rertenniarkterörteruugeii stellende kom- »9" PARIS-im Für IS Francs monatlich stehen Ihnen 3900 moderne, deutsche Bächer zur Verfügung. Deatsciie Uiiitiactiera EDA 10, RUE BLANCHE(TrinitO) munaie Schuldtnprobiem durch psychologische Antriebe allein nicht gelöst werden kann.,, Die hoffnungslose Pleite der Kommunal- flnanztn schreckt also die Kapitalisten vor dem Ankauf von Anleihepapleren zurück. Sit fürchten, daß sie die Leidtragenden des finanziellen Bankrotts der Kommunen sein werde, wie es die Anleihegläubiger einer Reihe deutscher Großstädte bereits geworden sind. Die Bemerkung der Berliner Handeisgesellschaft Ist aber auch eine schallende Ohrfeige für das Hitler- regimc, für die die gleichgeschaltete Leitung dieser einst„verjudeten'' Bank eigentlich mindestens das Konzentrationslager verdient hätte. Denn sie besagt, daß es anf die Dauer nicht damit getan Ist, den Mangel an wirklichen Leistungen mit Reklamcgeschrel zu tibertönen, oder mit Feiretwerk zu überblenden. Mercaton. Hitler, der Märtypep wie er Ton republikanisdien Sdiergen mißhandelt wurde Nach dem Münchener Bürgerbräuputsch im Jahre 1923 wurde Hitler in der Festung zu Landsberg a. L. gefangen gesetzt, und die braunen Byzantiner von heute dichten diese Festungszeit gern in ein Martyrium ihres Führers und Heiden um. Jetzt hat der SS.-Sturmfflhrer Otto L u r k e r im Verlag E. S. Mittler und Sohn, Berlin, ein Buch erscheinen lassen, betitelt:„Hitler hinter Festung s- mauern". Er, der damals Strafanstaltswachtmeister in Landsberg war, kennt Hitlers Festungszeit aus eigener Anschauung, und man darf ihm Wort für Wort glauben, wenn er schildert, wie hart der gewissenlose Aufwiegler, der Hunderte in das unsinnige Blutvergießen eines aussichtslosen Putschs trieb, gestraft wurde. ■•So erging es dem„Märtyrer" in der Haft: „Nach gemeinsam mit den Mitgefangenen eingenommene Frühstück, währenddessen er sich meist über Fragen der Kunst und Geschichte unterhielt, zog sich Hitler in der Regel auf seine inzwischen durch Gefängnisstrif- linge gerichtete Stube zurück und vertiefte sich in das Studium politischer, wisseoschattlichcr und belletristischer Werke. Eine reichhaltige Bibliothek mit den auserlesensten Büchern, meist Geschenken von Freunden und Verehrern, stand ihm dabei zur Verfügung. Im Laufe der Haftzeit hatte seine Bticlierei eine erhebliche Bereicherung erfahren und nahm den größten Teil seiner mit hübschen Bildern und Blumen geschmückten Stube ein. Später folgte dann ein mehr oder minder kurzer Spaziergang im Festungsgarten, wobei sich HiÜer mit seinen Freunden über die politischen Aussichten unterhielt, den Turnübungen seiner Mitgefangenen zusah oder den Fortschritt der Gartenanlage besichtigte, zuweilen auch in der Sonne sitzend in einem Buche las. Häufig war ein kleiner Kreis um ihn versammelt, mit dem er sich in seiner freundlichen Art lebhaft unterhielt. Hauptsächlich in der ersten Zeit seiner Heft wurden die Spaziergänge in der Rege) durch viele Besuche unterbrochen, die sich oft bis zur Mittagszeit und darüber hindehnten. Die Eiunahme des Mittagessens vereinigte Hitler dann wieder mit seinen Getreuen zu längerem Beisammensein im Tagesraum. Dieser hatte durch Anbringung einer Uhr und von eingerahmten Kunstblättern ein freundliches Aussehen gewonnen... Die Post brachte Briefe und Zusendungen. Das war Hitlers Martyrium! Eine Sommerfrische, um die mancher arme Teufel im Dritten Reich sonstwas geben würde. Wie würde man einen Krieger nennen, dem einst sein sieghafter Gegner großmütig Leben und Freiheit schenkte, und der zum Dank dafür, sobald er selbst im Vorteil Ist, diesen Gegner von entmenschten Knechten prügein, peinigen, foltern, in den Dreck treten und endlich erschlagen läßt? Einen feigen Lumpen, einen blutigen Schuft würde man ihn nennen, dem kein anständiger Mensch mehr die Hand geben sollte! Aber auch wir werden daraus zu lernen haben, wie man gemeingefährliche politische Verbrecher in Zukunft zu behandeln hat! So„büßte" Hitler nach dem Müchner Bürgerbräuputsch im Jahre 1923 seine Blutschuld Propaganda! Propaganda! 150.000 Versammlungen. Göbbels verordnet: Am 1. Oktober Erntedankfest als agrarisches Gegenstück zum 1. Mai. Göbbels verordnet: Ab 1. Oktober 150.000(einhundertfünf- zlgtausend) Versammlungen zur Propaganda der NSDAP. Einbundertfünfzigtausend Ansprachen der Vorsitzenden und einbundertfünfzigtausend Reden der Referenten sind zusammen drelmalhunderttausend Reden. Die Propagandawut überschlägt sich. Der Hunger des Volkes, der Mißerfolg anf allen Gebieten soll aus der Welt geredet werden! Dreihunderttausend Reden— und kein Widerspruch erlaubt! Dennoch— der Tag wird kommen, an dem die Stimme des Volkes den Göbbels mitsamt seinen 300.000 dressierten Schwätzern zum Schweigen bringen wird. Noch kreischen sie, die heute oben stehen. Aber schon grollt es In der Tiefe! »Pngeliftngt." In der von dem Abgeordneten von Lcers geschriebenen Broschüre„Juden sehen dich an" reiht sich Menschenbild an Menschenbild, und jede Unterschritt ist eine offene Mordhetzc. Die dem Mordstrahl schon zum Opfer fielen, werden noch Im Grab besplen. Rosa Luxemburg —„gerichtet", Karl Liebknecht—„erschossen", Etzberger—„endlich gerichtet". Und in der Reihe der lebenden„Lügenjuden" taucht ein Kopf anf mit gütigen Augen, mit einer hoben, klugen Stirn. Darunter steht „noch un gehängt", und wie ein blutiger Schleier Hegt es über dem Bild, über der schändlichen Unterschrift. Kugeln aus der Büchse eines gekauften Lumpen löschten das klare Licht dieses Geistes aus. Der da im Bild gezeigt wird, hieß— Theodor Lessing. Und das gleiche Wort„u n g e h ä n g t", die gleichen Zeichen der braunen Verbrecherschrift stehen auch unter dem Bild Albert Einsteins. Die Presse des Dritten Reiches höhnt aber über die Freunde, die sich um das Leben Einsteins besorgt zeigen. Die Dinte wider das Blut Vom Geheimen Staatspolizeiamt für den Bereich des Landes Preußen ist beschlaenahmt und etngezosen worden:„Artur Sünder. Die Dinte wider das Blut" von Hans Reimann. Henrath lägt für Hitler Deutschlands Rüstungen und die Welt Der Außenminister des Dritten Reichs, Herr von Neurath, hat mit seiner Rede vor der ausländischen Presse bewiesen, daß kein Mensch Mitglied der gegenwärtigen deutschen Regierung sein kann, ohne bis auf den Grund seiner Seele zu verschmutzen. Herr von Neurath hat vierzehn Jahre lang dem System, das er jetzt beschimpft, mit Ergebenheit gedient. Heute besitzt er die Unverfrorenheit, von Leuten zu sprechen,„die einem Deutschland nachtrauern, in dem sie sich auf Kosten des Volkswohles zu Einfluß bringen konnten." Herr von Neurath hat noch unter den Regierungen Papen und Schleicher im Auswärtigen Ausschuß des Reichstags gemeinsam mit uns gegen den verderblichen Wahnsinn der Habicht und Rosenberg gekämpft. Er hat sich dabei in Uebereinstimmung mit allen höheren Beamten seines Amtes befunden. Heute stellt er sich hin und erzählt den Vertretern der ausländischen Presse, daß die nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich für die„Grundsätze wahrer Demokratie" kämpfe und daß die Reichsregierung— die ihre Mörder in alle benachbarten Länder schickt — nicht daran denke, sich in die politischen Verhältnisse Oesterreichs einzumischen. Ja, er fordert das Ausland auf, „einzusehen, daß Volksbewegungen nicht durch polizeiliche Maßnahmen unterdrückt werden können". Die nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich hat kaum ein Viertel des österreichischen Volkes hinter sich, sie will drei Viertel des Volkes nach den verbrecherischen Methoden des Dritten Reiches unterdrük- ken. Und da spricht Neurath von wahrer Demokratie! Die Selbstbeherrschung der Pressevertreter, die ihm ruhig zuhörten, verdient alle Bewunderung. Neurath sprach weiter von dem„unsinnigen Gerede über die sogenannte Judenfrage", das schnell verstummen werde,„wenn man erkennt, daß die notwendige Säuberung des öffentlichen Lebens wohl vorübergehend in Einzelfällen persönliche Härten mit sich bringen konnte, daß sie aber doch nur dazu diente, um in Deutschland die Herrschaft von Recht und Gesetz um so unerschütterlicher zu festigen." Recht und Gesetz sind also jetzt in Deutschland unerschütterlich gefestigt Die Welt hat es mit Staunen gehört. Und einem Staatsmann, der ihr solche unsinnige, durch tausend Tatsachen jedes Tages widerlegte Unwahrheiten ins Gesicht schleudert soll sie noch ein einziges Wort glauben? Die Weltpresse, ganz besonders die französische, hat sich freilich weniger mit den kleineren Lügen und Unanständigkeiten dieser Ministerrede beschäftigt als mit seiner ziemlich offenherzigen Ankündigung, daß das neue Deutschland den gegenwärtigen Zustand der Rüstungsungleichheit nicht länger ertragen, also, falls die anderen nicht abrüsteten, ohne Rücksicht auf die Bestimmungen des Vertrages von Versailles aufrüsten werde. Mit dieser Erklärung des deutschen Außenministers ist eine gewisse Klarheit eingetreten, eine Klarheit, die es eigentlich unmöglich machen sollte, die Emigranten weiter zu beschuldigen, daß sie es wären, die der Welt den Aufrüstungswillen des Dritten Reiches denunzierten. Dieser Aufrüstungswille ist jetzt von der deutschen Regierung selbst in unverschleierter Form zugegeben worden. Er stellt die anderen Staaten Europas und der Welt vor schwierige Entscheidungen. Die Erkenntnis, daß die Abrüstungskonferenz auch ohne die Erklärung Neuraths eigentlich schon längst tot war, ist allgemein. Die Abrüstungskonferenz wird, wenn sie wieder eröffnet wird, nur noch das Manöverfeld sein, auf dem die Diplomaten zu ganz anderen Zwecken als denen einer allgemeinen Abrüstung manövrieren. Seit in Deutschland Hitler am Ruder ist, denkt keine Regierung der Welt daran, ihre Rüstungen herabzumindern, es geschieht vielmehr überall, besonders in den Nachbarländern Deutschlands, das gerade Gegenteil davon: es wird überall aufgerüstet. Die Frage ist nur noch, ob ein allgemeines Wettrüsten der Sieger wie der Besiegten des Weltkrieges stattfinden soll, bis als seine unvermeidliche Folge ein neuer Weltbrand ausbricht, oder ob versucht werden wird, unter Berufung auf die bestehenden Verträge diese unheilvolle Bewegung abzustoppen. Frankreich fühlt sich durch die deutschen Rüstungen am stärksten bedroht. Es bemüht sich, eine möglichst breite Basis zustande zu bringen für eine Aktion, die die deutschen Rüstungen unterbinden soll. Es versucht durch Sondierungen festzustellen, bis zu welchem Grade von Energie eine solche Aktion gesteigert werden kann, ohne daß die Einigkeit derer, die sie unternehmen, gefährdet wird. Dabei denkt es an die anderen Nachbarstaaten Deutschlands, die sich gleichfalls bedroht fühlen, dann ganz besonders an England und die V e r- einigtenStaaten, seine großen Verbündeten aus dem Weltkrieg, aber auch an Sowjetrußland und sogar an Italien. Es rechnet damit, daß das heutige Deutschland keinen einzigen Freund in der Welt hat— aber eine andere Frage ist, ob alle in Betracht kommenden Regierungen bereit sind, die Aktion gegen die deutschen Rüstungen bis zu einem Punkte zu treiben, an dem der Bestand des nationalsozialistischen Regimes selbst bedroht wäre. Dieser Punkt würde wahrscheinlich dann erreicht sein. wenn die Auflösung der SA., der SS. und des Stahlhelms gefordert werden würde. Einstweilen bemüht sich Frankreich durchzusetzen, daß die Rüstungsbeschränkungen für einige Jahre vertagt werden und zuvor schon eine allgemeine Rüstungskontrolle eingeführt wird. Diese Rüstungskontrolle hätte dann den eigentlichen Zweck, festzustellen, daß Deutschland durch seine Rüstungen den Vertrag von Versailles verletzt hat Aber es ist wiederum nicht anzunehmen, daß sich die deutsche Regierung ohne den stärksten Druck von außen verstehen könnte, eine solche Kontrolle hinzunehmen. Die deutsche Sozialdemokratie hat stets die Gleichberechtigung Deutschlands auf allen Gebieten gefordert, und sie hat stets gefordert daß kein Staat aufrüsten, sondern daß alle abrüsten sollen. Sie hat für diese Ihre Politik nicht nur die Unterstützung der Sozialistischen Internationale, sondern auch das Verständnis weitester bürgerlicher Kreise in den ehemaligen Siegerländern gefunden. Eine für Deutschland günstige Entwicklung ist durch das sinnlos herausfordernde Treiben der Hitlerregierung jäh unterbrochen worden. Deutschland befindet sich in der denkbar schwierigsten außenpolitischen Lage, und die Schuld daran trägt einzig und allein jene Verbrechergesellschaft, die jetzt vor der Welt für das geknebelte deutsche Volk das Wort führt. Was aber den Herrn von Neurath betrifft, so mag er sich vielleicht mit Tayllerand trösten, der gleichfalls als Diplomat und Außenminister den verschiedensten Regierungen in Frankreich gedient hat. Tayllerand hatte keinen Charakter, aber Geist. Herr von Neurath hat keinen Charakter und sonst nichts! Schamloser Gewissenszwang Spende oder Erpressung? Wer bisher geglaubt hat, die deutsche Sprache einigermaßen zu beherrschen, war in einem unverzeihlichen Irrtum befangen und muß sich von den braunen Reinigern eines Besseren belehren lassen. Setzten wir nicht bisher „Spende" mit Schenkung gleich? Meinten wir nicht, nur eine freiwillige Gabe sei als Spende zu bezeichnen? Der gleichgeschaltete Sprachgebrauch hat mit dieser Vorstellung aufgeräumt Eine Meldung der gleichgeschalteten Presse ist überschrieben„Spende der Gastwirte" und lautet: Die Reichsleitung des Reichseinheitsverbandes des deutschen Gaststättengewerbes hat, wie einem Schreiben des Bezirksverbandes Erfurt zu entnehmen ist, die Verfügung getroffen, daß sämtliche deutschen Gastwirte, auch die nlchtorganlsierten, ein Prozent ihres Umsatzes vom 1. bis 31. August an die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft abzuführen haben. Auf Anordnung Was fcihdezum Scheitern detsafüaÜsUschm AdeUedewegmy Ut tDeutschCand? Diese Frage entzündet seit Monaten wieder und wieder die Diskussionen in Deutschland und der Welt. Es ist keine müßige Debatte,— r— sie soll den Ausgangspunkt für den jetzigen Kampf und den künftigen Sieg bilden. Diese Frage ist auch eines der Hauptthemen der Broschüre:„Neu beginnen!", die als Heft II der sozialdemokratischen Schriftenreihe in der nächsten Woche erscheinen wird. „Neu beginnen!"-- das ist der Sinn dieser revolutionierenden Schrift, die nicht scheut, herbe Kritik am Vergangenen zu üben, und auszusprechen, was viele denken.— Die aber aus Kritik und Ablehnung zu neuen Forderungen kommt, neue Wege weist und neue Ziele aufstellt. „Neu beginnen!" ist keine Propagandaschrift im Agitationssinne, sie ist eine Streitschrift, sie faßt die tausend neu auftauchenden Probleme herzhaft an, ringt mit ihnen und tut nicht„abgeklärt". Sie wollen doch nicht abseits stehen? Sie wollen doch auch die Auffassungen anderer hören? Bitte-- dann bestellen Sie diese Diskussionsschrift Schreiben Sie, am besten jetzt gleich, eine Postkarte an„Graphia", Karlsbad, Kantstraße(das genügt), und fordern Sie„Neu beginnen" von Miles. Der Preis beträgt K5 4.—, der Umfang 64 Seiten. der Reichsleitung müssen diejenigen Gastwirte gemeldet werden, die sich weigern, die Spende zu zahlen. Waren wir nicht überzeugt, bei einer „Kundgebung" werde durch die Teilnehmer ein WUle kundgegeben? Das ist anders geworden, jetzt wird den Teilnehmern etwas kundgetan, und webe dem, der mit der Versammlungsleitung nicht einer Meinung ist! Unter der Spitzmarke„Massenkundgebung der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe" verfügt der schlesische Verbandsbezirksleiter des deutschen Arbeiterverbandes in der Prese: „Es hat jeder Arbeitnehmer bei den Gemeindebetrieben, Reichs- und Staatsbetrieben, Reichsbahn und Privateisenbahnen, Reichspost, Straßenbahnen, Verkehrs- und Handelsbetrieben sowie von der Schifl- fahrt und dem Wasserstraßenbau die Pflicht, zu erscheinen." Wenn der Rummel vorbei ist, können die Zeltungen wieder von der„ungeheuren Teilnehmer- Zahl" auf die Begeisterung der Massen schließen. Glaubten wir nicht bisher, eine Erpressung sei eine Erpressung, eine Schamlosigkeit sei eine Schamlosigkeit, wer immer sie begeht? So einfach ist die Sache nicht mehr. Deutsche Zeitungen melden: „In dem kleinen Bergmannsdorfe Maybach(Saargebiet) wird zur Zeit die Propaganda für den autonom istischen„Generalanzeiger" mit geradezu zynischer Schamlosigkeit betrieben. Wer das Autonomistenblatt nicht bestellt, erlebt binnen kurzem eine Maßregelung und wird aus der Grube entlassen. Der Gewissenszwang nahm derartige Formen an, daß sich Ende August der katholische Pfarrer des Ortes veranlaßt sah, von der Kanzel herab gegen die Zustände Stellung zu nehmen.. Darauf hat die Grubenverwaltung mitgeteilt, daß dem Pfarrer die Verfügung über die Kirche entzogen werde... Sie hat mit diesem unerhörten Vorgehen gezeigt, daß sie offen das erpresserische Vorgehen der Separatisten unterstützt." Also: bei einer saarländischen Grubenverwaltung ist's Erpressung, wenn die deutsche Regierung täglich, stündlich zu hunderten Malen das gleiche tut, Zwangsabonnenten für Zeitungen anwerben läßt und jeden, der es wagt, Kritik zu üben, nicht nur aus dem Amt. sondern auch ins Konzentrationslager jagt, so heißt das„Gleichschaltung" und„nationale Erneuerung". Wer je deutsch gekonnt hat kennt sich in diesem babylonischen Sprachwirrwarr nicht aus. Aber die gleichgeschaltete Presse hat erstaunlich schnell begriffen, worauf es anankommt die braunen Zeitungslakaicn drehen sich selber das Wort im Munde um. Es wird viel gebetet In Berlin Der.JBerliner Herold" stellt fest: „Wenn man abends durch die Straßen von Berlin geht, entdeckt man, daß in feder fünften, sechsten Seitenstraße eine fromme Gemeinde ihren Altar hat. Viel Sekten blähen, viel Laienprediger reden gehobene Worte, viel Harmoniumspiel and Choralgesang. Es wird viel gebetet in Berlin". Berlin, Berlin— wie haste dir verändert! »Blut und Geist« .Wenn man übrigens, was jetzt in Deutschland geschieht, wirklich der./irischen Rasse" ankreiden müßte, so könnte man ihr nur wünschen, daß sie sich schleimigst mit einer anderen mischt(sofern sich noch eine andere "dt ihr mischen willir'(Konrad Folke Ober ■Jllut und Geist" in der ,Jleaen Züricher Zeitung.") Herausgeber; Ernst Sattler. Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn. Karlsbad. Druck;„Graphia" Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P.D. ZI, 159.334/ VII- 1933. �Beilage des„Thum Vomäds Tic. 15 Pariser Nadiklänge Warum Erziehungsdiktatur? Von S. Auf Häuser. Der Artikel der Genossin Oda Olbers über die Pariser Tagung hat starken Widerspruch hervorgerufen und eine Anzahl Genossen zur Polemik veranlaBt. Da es unmöglich ist, alle diese Zuscbriftnn zu bringen, greifen wir die wichtigsten heraus. Die Diskussion wird fortgesetzt Genossin Oda 0 1 b e r g hat in ihrem Aufsatz„Kritik der Kritik" mancherlei ausgesprochen, worüber keine Meinungsverschiedenheit besteht Auch sie meint es hätte nicht der Zweck der Pariser Konferenz sein können,„mit der üblichen Aufforderungen Demokratie und Frieden zu verteidigen", auch sie spricht wiederholt von„ungetaner Arbeit" in der Vergangen heit Auch sie analysiert richtig die ökono mischen Kräfteverhältnisse, die den Fa schisraus begünstigt haben. Ja, meine Aeußerung,„daß man politische Macht nur behalten kann, wenn man entschlossen ist sie von Anfang an ökonomisch zu fundieren", bezeichnet sie als einen goldenen Satz, sie sagt sogar, daß unser revolutionärer Wille in der vergangenen Zeit„zu früh erlahmt sei"— und doch mündet ihre ganze Unzufriedenheit mit der Pariser Tagung in einer einzigen Anklage gegen die jenigen Genossen, die der revolutionären Situation mit revolutionären Mitteln begegnen wollen! Dabei gibt sie dem von mir gebrauchten Wort„Erziehungsdiktatur" eine Auslegung, nach der »Diktatur" nur„Disziplinierung der Massen" bedeuten könnte, und schließlich be- zeichnet sie meinen Gedanken nach dieser willkürlichen und gewaltsamen Auslegung »als die Sünde wider den heiligen Geist". Bei einer solchen Betrachtungsweise 'äge allerdings kein Grund vor, mit der Pariser Konferenz unzufrieden zu sein. EHe Pariser Konferenz hat gewiß zu wenig erklärt, aber sie hat weit mehr Klärung gebracht, als ich sie dem Artikel der Genossin Oda Olberg entnehmen kann. Diese Tagung konnte weder neuen �Vein noch neue Schläuche liefern, sondern ihre Aufgabe mußte sein, eine klare Problemstellung herauszuarbeiten, »ach der wir unser künftiges Handeln gestalten können. Die ganze Katastrophe ist nuch in Paris nicht etwa auf die Schuld yon Personen abgeladen worden, und es ist völlig überflüssig, immer wieder zu betonen, daß„auf jeden von uns ein beträchtlich Teil von Schuld käme", mag er in der Exekutive oder in der Opposition gestanden haben. Worauf wir aber in der Pariser Beratung nicht verzichten konnten, das war die historische Betrachtung, nm daraus allerdings für unser Urteil über Möglichkeiten und Grenzen der Anwendbarkeit parlamentarischer Demokratie Folgerungen zu ziehen. Meine Aeußerung über Erziehungsdiktatur ist im Zusammenhang mit diesem historischen Rückblick von 1933 bis 1918 gemacht worden. Ich habe es abgelehnt, den Faschismus lediglich als Ergebnis von Gewalt anzusehen, sondern versucht, seiner soziologischen Entstehung näher zu kommen. Meile Kritikerin schreibt:„Warum soll auf einmal die ganze Demokratie versagt haben? Weil Hitler mit demokratischen Methoden zur Macht gekommen ist?" Hitler konnte zum Nutznießer der demokra- hsclien Wahlen werden, weil die deutsche Arbeiterklasse aus einer Reihe von Gründen, nicht zuletzt wegen ihrer Uneinigkeit, Ihre im November 1918 gewonnene poli- dsche Macht f r ü h z e i t i g an das demokratische Parlament abgegeben hat Die ökonomische Fundierung unserer Macht- Positionen vom November 1918, d. h. vor allem die Sozialisierung der Schlüsselindustrien, die Aufteilung des Großgrundbesitzes usw. konnten n u r vollzogen werden, solange eine Diktatur der Volksbeauftragten an der Macht War. In dem Augenblick, in dem wir uns über das demokratische Parlament mit der Bourgeoisie in die Staatsmacht teil- ten, hatten wir selbst den Weg geebnet der zur Schwächung, statt zur Stärkung der ökonomischen Kräfte des deutschen Proletariates führen mußte. Ich habe darauf verwiesen, daß der 20. Juli 1932 jene Illusion zerstört hat, als könnten Aemter in der Staatsverwaltung den Mangel an ökonomischer Kraft ersetzen und wiederholt daß eine Arbeiterpartei nicht mehr politische Verantwortung im heutigen Staat übernehmen kann, als sie Macht in diesem Staate hat Die Hinweise auf den Ausgang des Generalstreikes gegen' den Kapp-Putsch 1920 und den Niedergang der Arbeiterbewegung nach dem großen Wahlsieg vom Mai 1928 sollten ebenfalls dazu dienen, aus der Entwicklung seit 1918 Lehren für kämpfenden Arbeiterschaft in Deutschland zu sagen: 1. Mit welchen Mitteln führen wir den Kampf zur Ueberwindung des Faschismus und wie behaupten wir einmal politisch gewonnene Macht? 2. Was haben wir wirtschaftlich nach einer Machtergreifung an die Stelle des heutigen Regimes zu setzen? Dazu gehört allerdings eine sachliche Erörterung des Diktaturproblems, denn die deutschen Arbeiter wollen wissen, ob die Diktaturerfahrungen mit Rußland, Italien und jetzt mit Deutschland zur Wiederholung von 1918 führen dürfen, oder ob Wenn Du alles tust, was in Deinen Kräften steht, und überall, bei jeder Gelegenheit unter Deinen Freunden, Kollegen und Bekannten, mündlich und schriftlich Für den IVeuen Vorwärts wirbst, hilfst Du der deutschen Arbeiterschaft in ihrem schweren, opferreichen Kampfe gegen die Barbarei des Faschismus,— Kämpfst Du gegen Hitler, denn durch jeden neuen Bezieher werden dem Verlag neue Mittel zugeführt, die für die Finanzierung der gefahrvollen Verbreitung des„Neuen Vorwärts" in Deutschland benötigt werden. Also wirb! die Anwendung von Demokratie oder Diktatur zu ziehen. Es ist ja gar kein Streit über den Wert der Demokratie, und ich habe zu allem Ueberfluß die soziale Demokratie in Paris erneut als die vornehmste Form für das Zusammenleben der Menschen bezeichnet. Es war auch kein Zweifel, daß in den demokratischen Ländern die Demokratie zu verteidigen ist, aber die Pariser Entschließung sagt mit Recht,„daß dort, wo die Bourgeoisie den Boden der Demokratie verlassen, sich dem Faschismus in die Arme geworfen hat und der Arbeiterklasse die demokratischen Kampfmittel entrissen hat, kein anderer Weg zur Befreiung führt, als der des revolutionären Kampfe s." Wenn über diese allgemeine Deduktion hinaus einige von uns versuchen, den Begriff der Diktatur zu konkretisieren, dann ist das trotz aller Heftigkeit in der Ausdrucksweise von Oda Olberg doch etwas mehr, als „Fusel der revolutionären Geste" oder nur Papiernes". Schließlich könnte die Pariser Konferenz nur den Sinn haben, der heroisch wir den Willen zur proletarischen Diktatur haben. Wenn eine proletarische Diktatur als„Rückkehr zum Faustrecht, Zerfaserung des Rechtsgewebes und Gesetzlosigkeit" bezeichnet wird, dann ist allerdings die sachliche Diskussion erschwert. Es ist schon ungewöhnlich, die faschistische und die bolschewistische Diktatur mechanich einander gleichzusetzen. Denn für Sozialisten sollte es immerhin von Bedeutung sein, ob die Staatsgewalt von Beauftragten der kapitalistischen Wirtschaft oder der Arbeiterklasse ausgeht. Es ist aber auch gegenüber den Verfechtern revolutionärer Machtbehauptung eine reine Unterstellung, zu behaupten, daß für sie der Diktaturgedanke gar„nichts Festum- rissenes ist, sondern nur ein Tummelplatz. sich wenigstens in Gedanken auszutoben." Ja, Oda Olberg belehrt uns sogar, daß wir das meinen,„womit der Faschismus gesiegt hat". Nein, die Diktatur im Faschismus ist prinzipiell Minderheitsherrschaft, also dauernd, und für die Bourgeoisie als Minderheit ist die Gewalt ein notwendiger Bestandteil. Wenn in Rußland der Bolschewismus dazu neigt die Diktatur als Dauerzustand zu etablieren, so sollen wir dagegen ankämpfen, aber wir sollten nicht jedem Gedanken an eine sozialistische Diktatur das bolschewistische Schreckgespenst entgegensetzen. Wenn ich den Begriff Erziehungsdiktatur gebraucht habe, so liegt darin bereits eine Befristung, wobei ich allerdings vermieden habe, irgend welch bestimmte Dauer zu prophezeien, denn in einem Stadium des akuten Ringens zwischen Sozialismus und Kapitalismus lassen sich auch die verschiedenen Kampfmethoden nicht mehr kalendermäßig begrenzen. Es ist auch nicht wahr, daß Erziehungsdiktatur die„Disziplinierung" der Arbeitermassen bedeutet. Das bedeutet die faschistische Diktatur. Eine sozialistische Diktatur ist doch schließlich das Gegenteil von Unterdrückung der Arbeiter, sie dient vielmehr der Behauptung von gewonnener Macht der Arbeiterklasse. Erzieherisch wird sie auf die Bourgeoisie, nicht auf die Arbeiterklasse zu wirken haben. Es klingt sehr schön, wenn Oda Olberg sagt:„Sinn und Inhalt der Erziehung ist Selbstbestimmung". Wenn wir im Stadium eines aufs höchste zugespitzten Ringens der Klassen Schule und Presse der demokratisch-parlamentarischen Selbstbestimmung zu überlassen bereit sind, so machen wir aus lauter Scheu vor Diktatur die Demokratie zur Waffe für die Gegner, Und wenn man zugibt, daß die„geistige Anfälligkeit der von uns nicht erfaßten Masse", d. h. der Mittelschichten, von entscheidender politischer Bedeutung ist, dann scheint mir die Erziehungsdiktatur geradezu eine Voraussetzung für den sichtbar sozialistischen Anschauungsunterricht zu sein, den wir bisher versäumt haben. Die früher politisch indifferenten Mittelschichten haben in Deutschland infolge einer verfrüht Eingeführten parlamentarischen Demokratie die Sozialdemokratie überhaupt nur als Bundesgenossen des Bürgertums kennengelernt und sie für die Sünden des Kapitalismus verantwortlich gemacht. Die politische Erziehung dieser Schichten muß das Ziel haben, die materielle Unzufriedenheit, die diese rebellierenden Massen erfüllt, in sozialistischen Willen umzusetzen. Oda Olberg fragt:„Sollen die Arbeiter und die Deklassierten gar keinen Hoffnungsstrahl haben, nichts, was sie über den Alltag hinaushebt?" Jawohl, sie müssen Hoffnung haben und der Tageserfolg parlamentarisch-demokratischer Politik reicht nicht mehr aus, weil der Kapitalismus sich in einer Krise des Systems befindet und seine eigenen Heilmittel versagen. Das Ringen um den Sozialismus aus dem Stadium theoretischer Erörterung in das des Ringens um konstruktive Verwirklichung gerückt. Eintopfgericht— mehr nicht! �Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Darum wollen wir den Kaviar und das Himbeereis aus einem Topf fressen! Heil Goebbels!" Jetzt ist die große, befreiende Tat endlich vollbracht, denn einzig der Kartoffelsalat gibt dem totalen, dem neudeutschen Staat Anseh'n und Macht. Alle vier Wochen übt jeder Verzicht, das walte Gott! Selbst Thyssens essen des Mittags ganz schlicht ein gleichgeschaltetes Eintopfgericht ohne Kompott. Auch Göring hungert, der arme Tropf und spart sein Geld— Vierzig Zimmer und nur ein Topf. Ganz Deutschland steht vor Begeisterung Kopf: seht, welch ein Held! Am Abend ist alles wieder wie's war, wer hat, der hat, wer nichts hat, gilt als rote Gefahr, doch das Erlebnis war wunderbar. Herr Goebbels findet: Hunger macht satt Munin. Die Erzielmngsaufgabe an den von uns nicht erfaßten Massen besteht darin, sie aus Anhängern eines PseudoSozialismus zu Kämpfern für den echten Sozialismus zu machen. Die parlamentarische Demokratie aber hat sich als Mittel zum Hineinwachsen in den Sozialismus nicht bewährt. Wir brauchen die sichtbare Tat sozialistischer Gestaltungskraft, nur so wird das große und wachsende Neuproletariat im Sozia- Iismus die Fahne sehen, um die es sich schart. Das sozialistische Modell aber können wir nur konstruieren, wenn wir, nachdem der Faschismus den Kampf unter der Maske der Demokratie auf die Straße getragen hat, das Ringen um ökonomische Macht aufzunehmen bereit sind. Die von Oda Olberg dazu gestellte Frage:„Warum soll überhaupt die Diktatur revolutionärer sein als die Demokratie?" ist durch die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit längst beantwortet. Wenn ihr das Wort Erziehungsdiktatur nicht gefällt, will ich es erläutern als„Bereitschaft, revolutionär zu handeln, ohne das Ziel sozialer Demokratie zu vergessen; Zwangserziehung der gegenrevolutionären Kräfte, um die soziale Demokratie zu sichern." Die proletarische Diktatur ist eben mehr als ein Drahtverhau gegen Angriffe", sie ist der Ausdruck des Willens zur Macht. Warum also Erziehungsdiktatur? Weil wir gelernt haben! KritikderAntikritik Von Otto Friedrich. Was die Genossin Oda Olberg in ihrem Aufsatz..Kritik der Kritik" ausgeführt hat, fordert bei aller Achtung vor dem Mut und der Vergangenheit der Schreiberin zu «ntschiedeneai Protest heraus. Genossin Olberg macht sich lustig über das, was sie als„Erlösungsglauben" etikettiert und lediglich für einen Zustand schlechter Nerven hält. In Wahrheit besteht bei den politisch denkenden Genossen keinerlei Wunderglaube. Wenn Kritik an der Vergangenheit geübt wird, so geschieht das um der Zukunft willen. Dabei kommt man um die Feststellung nicht herum, die ßrailsford als Nachwort dem englischen Gewerkschaftskongreß nachsandte, daß die Demokratie ein Ziel ist, das es zu erringen gilt und nirgends nur ein Besitz war, den es zu verteidigen galt. Wir fangen mit der Unzufriedenheit bei uns selber an. Genossin Olberg nennt das eine Art Selbstgeißelung, Aber, weil wir in der formalen politischen Demokratie der Vergangenheit weder ein vollkommenes Werkzeug früherer Tage noch gar ein kommendes Kampfziel der Zukunft zu sehen vermögen, sind wir auch nicht gewillt zu glauben, daß unsere Aufgabe dieselbe sei wie früher,„lediglich vermehrt um all die ungetane Arbeit wie sie uns die Niederlage enthüllt." Wir sehen neue Aufgaben vor uns. Denn wir sehen, daß es einer siebzigjährigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und dem vierzehnjährigen Walten einer formalen Demokratie nicht gelungen ist, Sicherheiten gegen einen Faschismus zu schaffen, der tatsächlich nahezu die Mehrheit des Volkes für sich zu gewinnen vermochte— und das noch auf dem Höhepunkt einer kapitalistischen Krise sondergleichen! Demgegenüber lediglich sich darauf herausreden zu wollen, daß es an Menschen gefehlt habe, ist eine Erklärung, die wir nicht mitmachen. Darum werden wir uns auch nicht damit begnügen, alle Schuld der sogenannten„Führung" zuzuschieben und die Massen von Verantwortung freizusprechen. Keiner von uns greift auch die persönliche Integrität der bisherigen deutschen Parteiführung an. Keiner hat Lust, mit ihr lediglich um die Vergangenheit Diskussionen zu führen, nicht eipmal um die traurigen Zusammenbruchswochen nach dem 5. März. Aber was wir hören möchten, sind offene Worte jener Selbstkritik, wie auch wir sie üben. Denn nur, wer sein eigenes Handeln nicht in allgemeinen Redensarten, sondern mit stichhaltigen Argumenten kritisiert, zeigt, daß er sich von der Vergangenheit freigemacht hat, innerlich über sie erhebt und neuem Denken offen steht. Wir, die wir versuchen, neue Wege zu finden, haben kein Heilrezept in der Tasche. Aber wir glauben, bereits verschiedene Konturen dessen zu erblicken, was werden soll. Vor allen Dingen: eine geeinigte Arbeiterschaft! Und wenn es jenseits der alten Parteiapparate sein muß und jenseits von Dogmen, die früher als unerschütterlich galten! Der Reformismus, in manchen Ländern mit fest gegründeter demokratischer Vergangenheit vielleicht eine Möglichkeit, ist für Deutschland ein erledigtes Kapitel. Die Opfer der Gegenwart werden nicht gebracht, um bestenfalls zu einer Koalitionspolitik der formalen Demokratie zurückzukehren. Ebenso hat die kommunistische Revolutionsrednerei versagt, die ihren„Hauptfeind" nicht im Faschismus sondern in den sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen erblickte. Gemeinsame Aktionen und Zielsetzungen des deutschen Proletariates, eine gründliche Analyse der neuen deutschen Wirklichkeit und die Besinnung über die drei Fragen: Arbeitsbeschaffung, sozialistische Wirtschaftsordnung und sozialistischer Staatsaufbau, eine nicht zu trennen von der anderen, das sind die Aufgaben, die wir uns stellen. Sie erschließen uns keine„Methode" mit der wir siegen, aber sie bedeuten die Vorarbeit, ohne die wir mit keiner Methode siegen werden. Ein Sdmlniädel schreibt: Ein zehnjähriges Schulmädel schreibt diesen Briet. Wir bringen ihn mit allen orthographischen und stilistischen Unbeholfenheiten, um den starken Eindruck dieser erschütternden kindlichen Klage nicht zu verwischen. Der Vater sitzt seit Monaten im Konzentrationslager. .... 26. 8. 1933. Liebes Lottchen! Habe Deinen lieben Brief mit großer Freude erhalten, es war eine Ueberraschung. Vor allem was wir in Deinem Briefe gelesen haben das Du verlobt bist freue ich mich sehr nun wfin- . Keine politische Partei kann Erfolg haben, wenn sie In einer revolutionären Epoche aus der Legalität einen Fetisch macht. Marx' bekannter Ausspruch, daß die Defensive den Tod der Revolution bedeute, ist auch heute noch wahr. Sobald es offenbar wurde, daß Hitler entschlossen war, sich mit Gewalt des Staates zu bemächtigen, blieb den Sozialisten nur die Möglichkeit, seinen Angriff mit gleichen Waffen zu begegnen. Wenn Ideen sich bewaffnen, so müssen die entgegengesetzten Ideen das gleiche tun, sonst werden sie einfach ausgerottet... -- Das ist ein Satz aus dem. ersten Heft der Monatsschrift „Sozialistische •ft die erstmalig im Oktober erscheinen wird. Sie teilen die oben wiedergegebene Auffassung nicht?(Harold J. Laski-London ist der Verfasser!) Gut, Sie sind anderer Meinung... aber lesen, lesen müssen Sie die„Sozialistische Revolution" doch! dieses wird Dir alles Muttel schreiben. Pfffli gehe ich schon wieder iVa Woche zur Schule es ist nicht mehr so schön wie erst es dreht sich alles nur um die Nationale Regi- r u n g, früh morgens wenn wir in die Schule kommen heißt es nicht mehr guten Morgen sondern ,3 e i 1 H i 1 1 e r". In dem Singen wird nur noch das Deutschland- und Horst Wessei- lied gesungen einige Zeit habe ich es nicht mit gesungen denn venu man sich fiberlegt: sie sperren den Vater ins Scimtzhaftlager ein kann man dieses Lied nicht mit singen. eines Tages hat mich der Lehrer getragt warum ich dieses Lied nicht mit singen würd habe ich ihm zur Antwort gegeben daß ich dieses noch nicht kennen würde da hat er mich groß angesehen und hat mir zur Antwort gegeben:„Ich sollte mich in acht nehmen damit ich nicht von der Schule fliegen würde, gern hätte ich ihn eine richtige Antwort gegeben aber leider denn wenn einer was sagt wird er eingesperrt webe demienigen der noch den Mund aufmacht den gehts furchtbar schlecht, die jetzt eingesperrt sind haben nichts zu lachen diese werden gefoltert und geknechtet halb tot schlagen sie die Arbeiter berauben und noch solche Sachen. Ueberlege Dir einmal das schöne Haus haben sie einfach den Arbeitern enteignet, da trampeln sie mit schweren Zweckenschnhen herum und die Arbeiter haben es sich mühsam zusammengespart, nun kann ich auch nicht mehr Schwimmen gehen da dieser Verein auch verboten ist, alles alles ist verboten und demcliert alles schöne haben diese Verbrecher uns Arbeitern geraubt. Eine Verordnung nach der anderen wird herausgegeben wer diesen nicht volgt wehe den. Es ist nicht mehr schön wehter in der Schule nochso, am liebsten möchte ich arbeiten und Geld verdienen schön Kleider kaufen und Geld sparen damit ich Dich liebes Lottchen einmal besuchen kann dieses war schon lange mein Wunsch einmal in erfüllung, oder das Du näg- meiner großen Schwester Zusammensein denn ich bin nun auch groß da würden wir uns gut verstehen werden hoffentlich geht mein Wunsch einmal in erfüiung, oder das Du näg- stes Jahr im Sommer nach hause denn das ist ja der Muttel ihr größter Wunsch das sie da uns alle beisammen sieht, dieses ist ia auch kein großer Wunsch von einer Mutter sie hofft es immer. In der Schule habe ich mir schon fleißig Wäsche genäht dieses macht mir sehr viel Spaß jetzt habe ich mir ein Nachthemd genäht ein jeder sagt es sei wohl ein Braut- hemd! Nun weiß ich Dir nicht mehr viel zuschreiben. So verbleibe Du die herzlichste Grüße und Küsse von Deiner Schwester Gerda. sehe ich Dir alles gute und graduliere Dir hoffentlich hast Du liebe Deine Verlobung glücklich verlebt. Jetzt sind meine großen Ferien vorbei es waren für mich keine schönen Erinnerungen denn sie waren nicht so wie ich sie mir ausgemahit hatte denn es war etwas schreckliches dazwischen gekommen Kein Amen und kein Hallelnja Nach einer amtlichen Veröllentlichune der evangelischen Kirche in Sachsen sollen beim Gottesdienst die Worte.Amen" und.Ji allein la" nicht mehr gebraucht werden. Diese hebräischen Ausdrucke werden durch die deutschen Rufe: JO as walte Gott" und„G l- lobt sei der Herr" ersetzt. Der Philosoph aus Braunau Hitler erledigt Kant und Hegel. Das deutsche Volk hat den Führer in vielen Eigenschaften kennengelernt. Daß er als Denker von eigentümlicher Schärfe und Klarheit zu den großen deutscheu Staatsphilosophen gehört, wußten nur wenige. Seine beiden großen Nürnberger Reden brachten in dieser Hinsicht auch den Gebildeten eine gewaltige Ueberraschung. Mit diesen Reden ist auch gedanklich ein neues Blatt der deutschen Geistesgeschichte aufgeschlagen. „Hessische Landeszeitung"'. „Der Nationalsozialismus ist eine Philosophie, die auf alle Gebiete anwendbar ist." So verkündete Hitler in Nürnberg. Also der Stein der Weisen, oder das Allheilmittel, aber nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Weit. An deutschem Wesen soll die Welt wieder einmal genesen, und gleich auf Jahrzehnte, Jahrhundertc. nein, auf Jahrtausende. Jeder philosophische Anfänger muß über dieses Alchimistengeschrei lachen. Das Ausland, soweit es ernst denkt, berichtet von dieser Kulturtagung in Nürnberg wie von einer Orgie des Wahnsinns. Es gibt eine große und ernste philosophische Tradition in Deutschland. Wir schämen uns, daß sie schweigt und sich zum Mitschuldigen der geistigen Verwirrung macht Was Herr Hitler sagte, war die Wiederholung der alten Plattheiten von den Mysterien des Blutes und der Rasse. Dieses Mysterium hat an sich mit biologischer Rassetheorie nichts mehr zu tun, es ist die romantische Ausflucht der Verzweifelnden und der große Betrug des herrschenden Systems, das sich nur noch mit Mystik und Bajonetten halten kann. Die Hitlersche Rassemystik ist in ihrem realen Teil ganz brutalster und gemeinster Antisemitismus.„Kanaille bleibt Kanaille. Der Antisemitismus ist die Gesinnung dieser Kanaille. Es ist eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera." Diese Kanaille wagt von Kulturproduktivität zu faseln und doch würde in Deutschland nichts übrig bleiben als Bestialität, Frivolität und nationalistische und religiöse Heuchelei, wenn der Nationalsozialismus mit seiner eigenen Produktion die deutsche Gesellschaft erfüllen sollte. Wenn Hitler, Göbbels und die ganze Kumpanei das Geschwätz, das auch keineswegs originell Ist, von dem zersetzenden und unproduktiven Geist des Judentums wiederholen, dann muß doch der gewaltige Anteil* herausgestellt werden, den Juden an der Gestaltung unserer gesamten Kultur gehabt haben. Jene Burschen haben natürlich keine Ahnung von den tiefen ethischen Werten, die in der baga- distischen Literatur des Judentums sich offenbarten und deren Einfluß auf die ethische Weltliteratur bis in die jüngste Zeit nachweisbar ist. Man braucht weder Spinoza, noch Mendei- sohn, noch Husserl oder Bergson zu kennen, man braucht erst recht keine Ahnung vom Geiste eines Karl Marx zu haben, um den Pöbel mit platten Judenspässen zu belustigen. Aber man muß eben das robuste Gewissen derer um Göbbels besitzen, um Ausführungen vor der Weltöffentlichkeit zu machen wie die:„Es liegt vielleicht eine gewisse Tragik im Schicksal der Juden, aber es ist nicht unser Fehler, wenn diese Rasse einen so unheilvollen Einfluß unter den Völkern ausübt, und wenn sie eine ständige Gefahr für deren innere und äußere Sicherheit darstellt. Der Propagandaministcr Göbbels ist etwas vornehmer im Ausdruck geworden als der frühere Agitator. Aber ob er nun diese gewähltere Formulierung wählt oder jene deut- ßchere:„Ja, der Jude ist eben auch ein Mensch, wie die Wanze ein Tier", so offenbart sich doch in dieser ganzen Gesinnung der Zynismus eines Menschen, der allerdings nichts mehr mit Humanität und Sittlichkeit gemein hat. Die nationalsozialistische Bewegung ist nicht nur eine politische Gefahr, sie bedeutet tatsächlich den moralischen Untergang der gesamten europäischen Kultur. Sie ist keine Kulturrevolution. sondern sie verbirgt nur mit alten Fahnen der Reaktion und mit neueu Formen des Mystizismus die gesellschaftliche Anarchie, deren radikaler Träger sie ist Kulturmystizismus ist immer der Reflex eines realen Chaos gewesen. Die Nürnberger „Kulturtagung" mit allen Fanfaren und Militärmärschen, mit allem Bier-, Rasse- und Deutsch- tumsrumracl war der gleißnerischc Schein, der die Kulturkatastrophe nur schwach verhüllte, vor der oder besser i n der Europa steht Hitler verkündet:„Der Nationalsozialismus ist eine Philosophie" Und schon beeilt sich die Presse von Neu-Byzanz hinzuzufügen:„Seht, welch ein großer Philosoph!" Andere Bewunderer haben uns indes erzählt, daß auf seinem Bücherbrett in ObersaJzberg nur die Werke von Karl May stehen und daß neben ihnen die Nilpferdpeitsche liegt, ohne die der Führer niemals spazieren geht. Hitler zeigt der Welt wie man mit der Nilpferdpeitsche philosophiert! Gamma. Heine, der Emigrant Heine- Denkmäler waren im Kaiserreich verpönt, in der Republik erlaubt, hn Dritten Reich mußten sie wieder entfernt werden. Aas wohlerwogenen Gründen— wie jeder zugeben wird, der sich die folgenden jnarxistischen Schmähungen" ins Gedächtnis zurückratt; Aus der Vorrede zu Atta Trolls Die Verhaftsbefehle, die von der deut- sclicn Grenze an auf jeder Station die Heimkehr des Dichters mit Sehnsucht erwarten, werden gehörig renoviert jedes Jahr, um d!« heilige Weihnachtszeit, wenn an den Christ- bäumen die gemütlichen Lämpchen funkeln- Wegen solcher Unsicherheit der Wege wird mir das Reisen in den deutschen Gauen schier verleidet, ich feiere deshalb mein Weihnachten in der Fremde, und werde auch in der Fremde, im Exil, meine Tage beschließen. Die wackeren Kämpen für Licht und Wahrheit die mich der Wankelmütigkeit und des ICncchtsinns beschuldigten, gehen unterdessen im Vaterlande sehr sicher umher. als wohlbestallte Staatsdiencr. oder als Würdenträger einer Gilde, oder als Stammgäste eines Klubs, wo sie sich des abends patriotisch erquicken am Rebensafte des Vater Rhein und an meerumschlungenen schleswig-holsteinischen Austern... Damals blühte die sogenannte politisch® Dichtkunst Die Musen bekamen di® strenge Weisung, sich hinfiiro nicht mehr müßig und leichtfertig umberzutreiben, sondern in vaterländische Dienste zu treten» Sadlstensdiauspiele: Pranger und öftentlidies Auspeitschen Der preußische MedizimWeamtenvcrein tu dt in Bad Pyrmont seine erste Mitglieder- Versammlung seit der Gleichschaltung ab. Der Führer der nationalsozialistischen Medizinalbeamten. Medizinalrat Dr. Schueti. erklärte aul der Tagung im Namen der Aerzte, die vom Reich, den Ländern und den Gemeinden als verantwortliche Sachberaler angestellt sind: Was wir als Beamte and vor allem als Aerzte bcßauern, ist, daß der neue Staat gegenüber Ucbertretern der gesetzlichen Bestimmungen noch immer viel zu milde Ist. Unsere Mindestforderung Ist die sofortige Einführung der Prügelstrafe, die unter Umständen in aller Otltentlichkeit durchgeführt werden muß. Zweitens verlangen wir, daß der gute alte deutsche Braach, den Rechtsverletzer an den Pranger zu stellen, wiedereingeführt wird. Das Pfarrhaus als Zuditanstalt Die JJierarische Welt" vom 18- September 1933 berichtet in ihrer Rundfunk- rubrik:.JNach den beiden Reden über den neuen Staat, die Gottfried Denn in der Funkstunde Berlin gehalten hatte, folgte Jetzt ein Vortrag von scheinbar speziellerer Thematik J)as Pfarrhaus als Erbmilieu, ein Kapitel deutscher Famüieniorschung". Die Tatsache, daß ein ganz großer Teil der deutschen Intelligenz aus dem evangelischen Pfarrhaus hervorgegangen ist, wurde als Beispiel für die Möglichkeit von Intelligenz- and Gern' eziiehtung betrachtet und diese Züchtung als eine Forderung des neuen Staates bewertet." Die Herren Geistlichen werden gebeten, das Predigen zu unterlassen, und steh der Genie- Züchtung zuzuwenden. Nicht reden— handeln! Die Rasse madht es Entschelduns des Breslauer Landgerichts. Der Firma Landgraf, G- m. b. ist vom Breslauer Landgericht anbefohlen worden, den Vermerk„christliches Spezialschuhhaus" von sämtlichen ReklameanscbJägen zu entfernen und in Zukunft diese Bezeichnung nicht mehr zu führen. In der Begründung heiCt es wörtlich: „Der Gesellschafter Alired Sachs ist zwar evangelischen Bekenntnisses, aber jüdischer Rasse, was daraus hervorgeht, daß sein Vater noch mosaischen Bekenntnisses war. Auf die Rassenzugehörigkeit, nicht aber auf(1*3 s Bekenntnis kommt es entscheidend an. Durch die Bezeichnung„christliches Spezialschuhhaus" wird der Eindruck erweckt, als handle es sich nicht nur um ein christliches, sondern auch um ein arisches Unternehmen... Eine derartige Irreführung ist sittenwidrig." Also: ein richtiger Christ muß„nicht nur" Christ,„sondern auch" Arier sein, sonst führt er seinen Namen zu. unrecht. Und die Missionare der christlichen Kirche! Sie begehen, indem sie Nichtarier zum Christentum bekehren, eine„sittenwidrige Irreführung" nach der anderen. Das braune Berlin Die sterbende Stadt Von Franz Ulrich, Es ist weniger ein Sterben und ganz gewiß keines in Schönheit noch Würde. Es ist ein Verenden, ein Verrecken hinter geschminkter Maske. Nur. wer die Stadt durch Jahrzehnte kennt, nur der Eingeborene kann das beurteilen. Harmlose Zeitungsreisende, die der Propagandaminister nasführt, damit sie verkünden, wie Hitlers Residenz gedeihe und lache, sind unzulängliche Zeugen, schon darum, weit sie zumeist nicht vergleichen können: was ist und wie es einmal gewesen ist, noch ganz zuletzt, bevor der nationalistische Veitstanz die Stadt überfiel. Berlin wird provinzial, der Verkehr schrumpft, die Fremden sind ausgeblieben, die Hotels stehen leer. In den Vierteln der Wohlhabenden gibt es kein Haus, das nicht Wohnungen anbietet, die Geschäftsstraßen sind von verwaisten Läden gesäumt. Ganze Häuser gähnen verzweifelt aus verlassenen Fenstern. Berlin ist wie eine Stadt im Kriegsgebiet, von feindlichen Patrouillen durchzogen. Ueberau uod ständig schreckt die gelbe Hose. Die gelbe Hose Eigentlich Ist es keine Hose: es ist nur ein Gesäß, eine ekle, unanständige Aufdringlichkeit. Solche penetrante Schaustellung der Schenkel und Hinterbacken ist kein Zufall; Kleidung ist hier Enthüllung. Die gelbe Hose, dieser widerwärtige gelbe Hosenboden: das ist Hitler, ist die Brutalität seines Systems, die Uniform seiner Totalität. Die gelben Hosen, rudelweise durch die Straßen bockend, gleich den Hunden die Ecken blockierend, verfärben und verpesten Berlin. Das ist nicht mehr die Stadt der Sachlichkeit und des besonnenen Gleichmaßes; das ist eine Kaserne kriegsbemaiter Wilder. Man weicht ihnen aus, man sieht an ihnen vorbei: aber wie grinsende Lemuren und höllische Affen drängen sie sich auf, feist und frech ausgestopfte Schandzeichen der Gewalt, des Gebrülls, des Anrempeins, des feigen Meuchelmordes. Die Hensdicnjäger Es gibt Tage, da hetzen die Menscheniäger durch Berlin. Auf donnernden Lastwagen und polternden Motorrädern. Totenköpfe mit Blutaugen lechzen von schwarzen Sturmmützen nach Fraß: schwarze Stahlhelme und umfaustete Karabiner drohen. Irgendwo soll überfallen, eingebrochen, durchschnüiieit, beschlagnahmt und verhaftet werden. Nicht nur irgendwo, gleich im Großen, massenhaft"Schon machen die Söldlinge des Zeitungspapiers die qualifizierten Uebcrschriften fertig: Gigantische Razzia! Staatspolizei führt vernichtenden Schlag gegen die letzten Marxisten! Unübersehbare Beute sichergestellt! Das sind die großen Paraden der Menschenjäger, die wohl tagaus, tagein ihr schäbiges Handwerk betreiben, aber von Zeit zu Zeit, und nicht etwa selten, nach besonderen Sensationen dürsten, nach Treibjagden, nach Wagenladungen gefesselter und zerschundencr Opfer. Man sieht Fuhren gebündelter Menschen zum Triumphplatz rasen, zum Totenhaus in der Prinz-Albrechfsstraße, zur ersten Station eines hoffnungslosen Marter weges. Gegenüber, auf der anderen Seite der„Straße des organisierten Menschenraubes" hinter dem Steinhaus der ehemaligen Abgeordneten und einer frisch gemauerten, wehrhaften Zie- geipallisade versteckt, thront In seinem grotesken Luxus, angstgeschüttelt im neuen Kreml, der Jagdherr. G ö r I n g, romantischer Liebhaber brennender Kerzen. Alle Tage Sonntag Gibt es keine Menscheniagden, gibt es zum mindesten Propagandamärsche. Berlin darf nicht zur Ruhe kommen. Gruppenweise trommeln und pauken sie durch den keimenden Morgen und den fallenden Abend- Sie sperren lüec den„Tleuen Vacuxäcts" kauit, abonniert, verbreiten hilft oder In sonstiger Welse (ötded der blllt mit im Kampfe für ein neues Deutschland der Freiheit und der Menschlichkeit, dee dient den Unterdrückten und Aus. gebeuteten im Geiste dec saiiaCisüschen Jlemlution! die Straßen ab, durchbrechen den Verkehr, belästigen die Bevölkerung. Wer das marschierende Hakenkreuz nicht deutschrömisch grüßt, riskiert Faustschläge und Verhaftung. Berlin soll den Tritt der Kohorten hören und zittern. Berlin soll jubeln, soll braun sein. Berlin aber, das unverwüstliche, das verwegene, wie Goethe es genannt hat, das wahre, das wartende, das geduldige, das entschlossene, das ewige Berlin weiß, daß Braun die Farbe der Verwesung ist! Vom Arbeitersport Man schreibt uns: Ab I. Oktober dürfen die bürgerlichen Sportverbände einen kleinen Teil der früheren neudeulschen Diktatoren wohlgefäit. Folgen könnte so ein Mißgriff haben— nicht auszudenken! Vom Hinauswurf aus der Redaktion bis zum Konzentrationslager liegt jede Strafe im Bereich der Möglichkeiten. Also loben die gehorsamen Presserekruten, entschlossen, bis zum äußersten auf ihrem Pöstchen auszuharren, jedes bräunlich schillernde Machtwerk mit triefender Fedur. Schon jetzt zeigt sich der Erfolg: die Unkunst triumphiert, der Boden„nationaler Erneuerung" wird mit einem Mist gedüngt, der zum Himmel stinkt. In jedem Vorstadttbeater, auf jeder Dilettantenbühne, in jedem neuerschienenen Ge- dichtfaand riecht es nach Scholle, bäumt sich Germanenblut, blitzen blaue Augen herrisch durch blonde Wimpern. Zaghaft erheben sieb die ersten warnenden Stimmen— und verhallen ungehört in der gleichgeschalteten Zeitungswüste. schon hereingebrochen und hat das ganze braune Land überschwemmt. Adolf von G r o h ra a n n, der sich ebenfalls — in Will V c s p e r s„Neuer Literatur"— als Mahner aufspielt, liefert gleich selbst einen Beweis für die Liebedienerei des gleichgeschalteten Schreibertums. Er versucht die Kennzeichen„wahrer Volksbücher" aufzuzählen und warbt vor dem unechten„Stammeln und Kreischen" der nur Gesinnungstüchtigen. Am Schluß lobt er einige Verfasser guter Volksbücher und nennt an erster Stelle— Karl May, Hitlers Hofdicbter! In einem Atem mit Gottfried Keller, Peter Hebel, Wilhelm Raabe. Wenn Hitler morgen Courths-Maler bevorzugt — und gar so ausgeschlossen ist das gar nicht — wird übermorgen die gesarate Lakaienpresse von Hot bis Hamburg vor dieser Dame auf dem Bauche liegen. etwa als Marketenderinnen der Freiheit oder als Wäscherinnen der christlich- Rermanischen Nationalität. Es er- ünb sich im deutschen Bardenhain ganz besonders jenes vage, unfruchtbare Pathos, jener Nutzlose Enthusiasmusdunst, der sich mit Todesverachtung in einen Ozean von Allgemeinheiten stürzte... Das Talent war damals «ine sehr mißliche Begabung, denn es brachte in Verdacht der Charakterlosigkeit, Aus Atta Troll: Dort in meiner teuren Heimat ist das Lumpentum im Fortschritt, und es raachen gar zu viele Anspruch auf den schmutz'gen Lorbeer. Aus dem Vorwort zu„Deutschland. Ein Wintermärcben." Beruhigt euch, ich liebe das Vater- 'adn ebensosehr, wie ihr. Wegen dieser i-iebe habe ich dreizehn Lebensjahre Im Exil Erlebt, und wegen eben dieser Liebe gehe ich nieder zurück ins Exil, vielleicht für Immer, Jedenfalls ohne zu flennen oder eine schicf- mäulige Duldergrimmasse zu schneiden. Aus: Dentschland(Ein Traum). Schau ich jetzt von meinem Berge in das deutsche Land hinab. seh* Ich nur ein Völklein Zwerge, kriechend am der Riesen Grab. Muttersöhnchen gehn in Seide, nennen sich des Volkes Kern, Schurken tragen Ehrengeschmeide, Söldner brüsten sich als Herrn- Aus der Vorrede zum„Bürger- Königtum"(geschrieben zu Paris 18 32); ich würde lieber bei dem ärmsten Franzosen um eine Kruste Brot betteln, als daß ich Dienst nehmen möchte bei jenen vornehmen Gaunern im deutschen Vaterlande, die jede Mäßigung der Kraft für Feigheit halten oder gar für präludierenden Uebergang zum Servilismus, und die unsre beste Tugend, den Glauben an die ehrliche Gesinnung des Gegners, für plebejische Erbdummheit ansehen. Ich werde mich nie schämen, betrogen worden zu sein von jenen, die uns so schöne Hoffnungen ins Herz lächelten; „wie alles aufs friedlichste zugestanden werden sollte, wie wir hübsch gemäßigt bleiben müßten, damit die Zugeständnisse nicht erzwungen und dadurch ungedeihlich würden, wie sie wohl selbst einsähen, daß man die Freiheit uns nicht ohne Gefahr länger vorenthalten könne..." Ja, wir sind wieder Düpös geworden, und wir müssen eingestehen, daß die Lüge wieder einen großen Triumph erfochten und neue Lorbeeren eingeerntet hat... Armes, unglückliches Vaterland! Welche Schande steht dir bevor, wenn du sie erträgst, diese Schmach! Welche Schmerzen, wenn du sie nicht erträgst! Nie ist ein Volk von seinen Machthaber n grausamer verhöhnt worden! Kritik mit jVotbremse „In literarischen Bereichen herrscht Unsicherheit" Die Kunst-Kritiker im HI. Reich haben kein eignes Urteil, sie haben Angst In schweißtriefenden Nächten träumen sie davon, ein Mal-, Ton- oder Dichtwerk verrissen zu haben, das Herrn Hitler oder Göring oder Göbbels oder sonst einem der zweihwndertnemrandnetmzig Im Septemberheft der„Litcratnr"(Stuttgart) erhebt Achim v. Plötz beschwörend die Hände: „Allenthalben In literarischen Bereichen herrscht Unsicherheit... Innerhalb der Literaturkritik fehlt es an Köpfen, die aus innerer Notwendigkeit so schreiben, wie sie schreiben. Die weitaus größte Zahl hat an der„Orgie der Gleichschaltung" teilgenommen... dadurch wird die Anerkennung und damit auch der Erfolg haibwertiger Schriften ermöglicht, die Gefahr eines Oualitäts- sch wundes im zeitgenössischen Schrifttum in drohende Nähe gerückt." Der Schreiber befürchtet, daß„eine Hochflnt nationalen Kitsches in der Dichtung über uns herembrechen könnte." Könnte? Sie ist Arbeifersoortler aufnehmen. Jeder, der aufgenommen werdeu will, muß zwei Nazizeugen mitbringen, die bezeugen müssen, daß der Sportler jetzt stubenrein ist. Das Wettrennen der bürgerlichen Verbände nach den leistungsfähigen Arbeiter- sporüern hat bereits eingesetzt. Die Genossen werden sogar auf der Straße belästigt.„Kommt zu uns!" ertönt es überall. Besonders die sogenannten„Kanonen" werden heftig umworben. Anstandige Gesinnung ist noch nicht ganz ausgestorben. In einer sächsischen Stadt hatte der Arbeiterturnverein eine eigene Turnhalle. Diese Turnhalle wurde, wie alle anderen, gestohlen. Jetzt steht sie leer. Die Nazi wollten diese Turnhalle den Bürgerlichen geben. Bei einer Abstimmung in dem bürgerlichen Verein winde die Uebernahme mit Mehrheit abgelehnt, well, wie die Mitglieder sagen, die Halle nicht ihr rcchtioäßiges Eigentum sei. Jetzt zwingt man die Mitglieder, in dieser Halle zu turnen. Der Lnmp Wiebols. der sich Treuhänder des Arbeiterturn- und Sportbundes nennt, hat bis jetzt von den aufgelösten Vereinen 30.000 Mark erpreßt. Den früheren Funktionären hat er mit der Klage gedroht, wenn sie nicht zahlen. Viele Genossen haben ihre Erwerbslosenunter- stützung dem Erpresser zusenden müssen, um nicht in Haft zu kommen. Wie uns mitgeteilt wird, erhält dieser Herr 15 Prozent von der erpreßten Summe als Provision. Er hat sich bereits ein neues Auto zugelegt. Für die deutschen Arbeitersportler darf os deshalb keine Gleichschaltung mit dieser Gesellschaft und keinnen Gesinnungsverkaul geben. Kampf gegen diese Verbrecher, damit Deutschland wieder ein Kulturland wird! K. B. -;~'.T~a Wie werde Idb 100 Jahre all? Der deutsche Arzt Dr. Greeil hat 124 hnndertjährlge Männer nnd Frauen Interviewt. Die„Süddeutsche Sonntagpost" vom 17. September veröffentlicht die Quintessenz seiner Feststellungen. „Viclieicht ist das letzte Geheimnis der Hundertjährigen dies; sie alle waren im Grunde doch von einer anspruchslosen Einfachheit. Sie waren frei von Komplexen und anderen seelischen Störungen(sie wußten freilich auch noch nichts von Psycho- anal>se!), sie hatten keine Doktrinen und plagten sich nicht mit vagen Weltverbesserungsideen herum, kurz, es waren lebensbejahende und genußfrendlge Menschen, die ohne Geheimmittet rüstig ihre hundert und mehr Jahre alt geworden sind. Damit soll freilich nicht gesagt sein, daß sie keine Soigen hatten. Aber es scheint fast, als ob die Sorgen den Menschen stählen. Denn alle 124 bekunden auf den Fragebogen übereinstimmend, daß sie i m L e b e n v i e I e Sorgen hatten.- Merke; Sorgen fordern die Gesundheit. Weltverbesserungsideen führen zu einem frühen Tod— entweder automatisch oder unter Mitwirkung Je» SA. Gott grüß die Kunst! Das �Deutsche Theater" und die .Jf.ammcrspieleF in Berlin werden aller Voraussicht nach in diesem Jahr geschlossen bleiben, weil niemand die Leitung, das heißt die sichere Pleite zu übernehmen wagt. Das„Deutsche Theater" in Hannover ist infolge wirtschaftUcher Schwierigkeiten am 15. September eingegangen. Die be- kannten Berliner Konzertagenten Werner und Martin T Schacher, der soeben die Konzassion als Reichsagent erhielt, haben sich aas wirtschaftlicher Not das Leben genommen. Von 43 zugelassenen Künstleragenten haben bis Jetzt knapp 30 den Entschluß gefaßt, die Konzession anzunehmen. Keine Redite- aber mehr Lasten „Ob wir schon im Augenblick zu einem materiell glücklichen Zustand kommen, ist nicht zu erheblich"... Reichsminister Dr. G ö b b e I s (Rede im Sportpalast vom 14. Sept.) Angeblich sind 2 Millionen Arbeitslose wieder in Beschäftigung, angeblich ist der Arbeitsmarkt nicht nur saisonmäßig entlastet, angeblich gibt es in Deutschland auch einen starken konjunkturellen Aufschwung, angeblich ist durch den Abschluß der nationalen Revolution das Vertrauen wieder hergestellt und die Unternehmungslust gestiegen. In Wirklichkeit aber graut es den Machthabern vor dem bevorstehenden Winter mit seinem neuen Steigen der Arbeitslosenziffern und der unvorstellbaren Not der aller Reserven beraubten, durch die Kürzung oder Streichung der Wohlfahrtsunterstützungen verelendeten Massen. In der Republik hatten die Arbeitslosen ein Recht auf Unterstützung und so gering diese Unterstützung war, so sehr sie seit der Zurückdrängung des sozialdemokratischen Einflusses gekürzt worden war, so war es doch gelungen, die Arbeitslosen vor dem Schlimmsten zu behüten. Und als der Winter kam, konnte eine Winterbeihilfe für Nahrung und Kleidung aus öffentlichen Mitteln gesichert werden. Die Hitler-Herrschaft hat nicht nur sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitslosen im großen Umfang die Unterstützung geraubt, sie hat nicht nur tausende von Arbeitslosen zu unterbezahlter Zwangsarbeit verurteilt, sie hat vor allem die bankrotten Kommunen zu immer weiteren Kürzungen der Unterstützungssätze gezwungen. Wir wissen nicht, ob die im Auslande verbreitete Schätzung von 800 Millionen, die an den Gesamtausgaben für die Arbeitslosen erspart worden seien, zutrifft. Daß es sich aber um einen Raub von hunderten Millionen an den Aermsten dei Armen handelt, das unterliegt keinem Zweifel. Das Schlimmste aber ist, daß das Hitler-Regime gar nicht imstande ist für die erhöhten Anforderungen der Wintersnot eine ordnungsgemäße finanzielle Vorsorge zu treffen. Anstatt öffentliche Mittel zur Verfügung zu stellen, auf die die Arbeitslosen rechtlichen Anspruch hätten, wird eine allgemeine Bettelei organisiert, deren zufälliger und unbestimmtei Ertrag den Arbeitslosen als Almosen der Nationalsozialisten geschenkt wird. An jedem ersten Sonntag soll, wie Göbbels auf der Tagung„Kampf gegen Hunger und Kälte" verkündete, in allen Häusern, in Gastwirtschaften und Hotels mittags nur ein Eintopfgericht zum Preis von 50 Pfennig pro Person verzehrt werden. Die dabei ersparten Gelder würden abgesammelt werden. Die Inhaber von Bank- und Postscheckkonten würden aufgefordert, monatlich einen bestimmten Betrag von ihrem Konto abbuchen zu lassen(was wahrscheinliQh zu einem raschen Verschwinden vieler dieser Konten in der nächsten Zeit führen wird). Dann wird eine SO-Pfennig-Brieflotterie eingeführt, und es werden Lebensmittelsammlungen auf dem Lande veranstaltet. Die Vergnügungsstätten sollen den Reinertrag eines Abends abliefern und den Armen möglichst viel Freikarten zur Verfügung stellen, offenbar um den Hunger leichter vergessen zu machen. Den Machthabern selber mag es wohl scheinen, daß diese ganze Bettelei trotz des Terrors, den die nationalsozialistischen Werber auf die nichtnationalsozialistische Bevölkerung ausüben werden, nicht gar zu erfolgreich sein wird. Darum verkündet Göbbels so ganz nebenbei eine Maßnahme, die in der Tat einen gewissen Erfolg versprechen kann: Mit den Angestellten- und Beamtenverbänden werden Verhandlungen zwecks gestaffelter Abzüge zugunsten des Wfnterhfffswerks aufgenommen. Mit anderen Worten: es wiederholt sich der Schwindel mit der „Hitler-Spende zur Förderung der nationalen Arbeit". Damals wurden die Arbeiter gezwungen 1 bis 5 Prozent ihres Arbeitslohnes„freiwillig1* abzuliefern. Der Arbeitgeber behielt diese Spende zugleich mit der Lohnsteuer ein und lieferte sie an das Finanzamt ab. Kein Lohnempfänger konnte sich dieser„Freiwilligkeit" entziehen, bei Gefahr der Entlassung, und während der Reichswirtschaftsminister und andere Reichsinstanzen immer wieder Verordnungen erließen, die vor Anwendung jedes Zwanges gegenüber den Unternehmern warnten, mußten die Arbeiter, Angestellten und Beamten diese Erhöhung der Lohnsteuer über sich ergehen lassen. Auch jetzt werden es wieder die Proletarier sein, die durch eine als freiwillige Spende getarnte Steuererhöhung gezwungen werden, die Hauptlast für die Winterhilfe zu übernehmen, während sich die Besitzenden mit einigen Bettelpfennigen loskamen werden. Göbbels aber deklamiert: „Was am 1. Mai zum ersten Male demonstrativ in Erscheinung trat, das werde hier in der Tat lebendig werden: Die Schranken, die Bürger und Proletarier von einander trennen, sind niederge- risse n." Hitler selbst aber preist die nationale Solidarität, wie dieser Gelbe sie versteht: „Wenn wir den Gedanken der nationalen Solidarität richtig auffassen, dann kann es nur ein Gedanke des Opferns sein." In der Tat es sind unerhörte Opfer, die von der Masse des deutschen Volkes verlangt werden! Aber verdammt einseitig sind diese Opfer, denn sie werden ausschließlich den Besitzlosen auferlegt um die Kapitalherrschaft der Krupp und Thyssen, um die politische Herrschaft der Hitler und Göring zu stärken und zu befestigen. Der ungeheure Tamtam, mit dem die Hitler und Göbbels diese Aktion eingeleitet haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie ein Eingeständnis der völligen finanziellen Hilflosigkeit Die Hitlerregierung hat der Arbeitslosigkeit den Krieg angesagt Eine ihrer ersten Kampfhandlungen war die Einrichtung der sogenannten Ehestandsbeihilfen. Davon hat sie der Welt die Abnahme der Arbeitslosigkeit um 600.000 bis 1,000.000 versprochen. Die Hitlerregierung pflegt sonst ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aber diesmal schweigt sie sich über die Wirkung dieses Wundermittels zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aus. Die Ehestandsbeibilfe ist kein Geschenk, sondern ein Darlehen, das in Jahresraten von 12 Prozent, also innerhalb von 8 Jahren, zurückgezahlt sein muß. Die Gewährung des Darlehens ist an die Bedingung geknüpft, daß die Ehefrau vor der Verheiratung mindestens sechs Monate im Arbeitsverhältnis gestanden hat Es ist ja nicht anzunehmen, daß sich die weiblichen Heiratslustigen darum reißen, um eines Darlehens von 1000 Mark willen ihre Arbeitsstelle aufzugeben, ohne die geringste Spur einer Sicherheit daß der Ehemann, wenn er schon zur Zeit der Verheiratung Arbeit hat, nicht über kurz oder lang arbeitslos wird. Der sonst so großsprecherische Göbbels würde, wenn das Gesetz eine nennenswerte Wirkung gehabt hätte, nicht unterlassen haben, sie vernehmlich auszuposaunen. Die auffallende Schweigsamkeit über diesen Punkt allein läßt darauf schließen, daß die Ehestandsbeihilfe ein Versager ist. Ganz deutlich geht aber das Fiasko aus einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Verordnung hervor, durch die die Bedingungen, an die die Gewährung der Beihilfe geknüpft ist, fast völlig fallen gelassen werden. des Regimes darstellt. Selbst die dringendsten Pflichten des Staates können nicht mehr erfüllt werden. Und das obwohl das Regiment selbst vor der Weitererhebung der unsozialsten und verhaßtesten Steuerarten, die die Nationalsozialisten in der Opposition aufs wildeste bekämpft haben, nicht zurückschrecken. So hat das Reichskabinett beschlossen, die B ü r g e r s t e u- e r, die berüchtigte„Negersteuer" für das Kalenderjahr 1934 zu verlängern. Zugleich ist die Steuer auf einen weiteren Personenkreis ausgedehnt, so daß in Zukunft nicht nur wie bisher die bisherigen Besitzer des Wahlrechts, sondern auch Minderjährige(!) mit eigenem Einkommen, die Angehörigen der Reichswehr und Personen, denen die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt sind(!), steuerpflichtig sind. Diese unsoziale Kopfsteuer ist seinerzeit von der bürgerlichen Reaktion unter dem Vorwande durchgesetzt worden, daß auch die besitzlosen Gemeindeangehörigen zu den Gemeindelasten direkt herangezogen werden müßten, um das„Verantwortungsgefühl" zu steigern. Die Gewerbe- und Grundsteuern sollten nicht erhöht werden dürfen ohne gleichzeitige Erhöhung der Bürgersteuem. Dadurch hoffte man die Besitzenden vor Steuererhöhungen in den Gemeinden zu sichern und die kulturellen und sozialen Ausgaben niedrig halten zu können. Unter dem nationalsozialistischen Regime ist das Wahlrecht völlig bedeutungslos, der Einfluß der Arbeiter auf die Gemeindeverwaltung völlig ausgeschaltet worden. Aber die Steuer wird verlängert. Die Rechte werden beseitigt, die Pflichten werden verschärft. Es ist schon so, wie Herr Göbbels sagt: den Nationalsozialisten ist ein materiell glücklicher Zustand der Massen nicht erheblich. Dr. Richard Kern. Nach dem Gesetz mußte die Ehefrau in der Zeit vom 1. Juni 1931 bis 31. Mai 1933 sechs Monate in Arbeit gestanden haben. Jetzt können die sechs Monate Arbeitsverhältnis zwischen dem 1. Juli 1928 und 31. Mai 1933 liegen. Es braucht aber nicht einmal ein richtiges Arbeitsverhältnis zu sein, es genügt, wenn die Ehefrau bei ihren Verwandten in aufsteigender Linie gearbeitet hat. Im Gesetz wird diese Art der Beschäftigung nicht als Arbeitsverhältnis angesehen. Aber auch diese Bedingung muß nicht unbedingt erfüllt sein, denn der Reichsfinanzminister kann Jetzt Ehestandsdarlehen ausnahmsweise auch dann zubilligen, wenn nicht alle Voraussetzungen des Gesetzes gegeben sind. Neuerdings gehen auch Privatbetriebe dazu über, die Ehelust durch Geldzuwendung anzureizen. Der R e e m t s m a-Konzern, der einen großen Teil der Zigarettenindustrie beherrscht, hat sich völlig gleichgeschaltet, und von ihm wird behauptet, daß er zu einem der besten Geldgeber für die SA gehörte. Er hat vor einigen Wochen die Mitteilung durch die Presse gehen lassen, daß er in Ergänzung einer Maßnahme der Reichsregierung solchen weiblichen Arbeiterinnen einen Zuschuß gewährt, die sich bereit erklären, bis zum Jahresende zu heirate und den Betrieb zu verlassen, um den Arbeitsplatz für eine männliche Arbeitskraft freizumachen. Der Reemtsma-Konzern hat für diesen Zweck rund eine viertel Million Mark zur Verfügung gestellt und zahlt jedem Mädchen, das auf diese Weise in den Hafen der Ehe einfahren will, eine einmalige Unterstützung von 600 Mark. Es sind im ganzen 450 Meldungen eingegangen, was für diesen großen Konzern, der überwiegend weibliche Arbeitskräfte beschäftigt, nicht gerade viel ist Eine große Anzahl der Bewerberinnen stellt überdies gewisse Bedingungen, z. B. daß der spätere Ehemann die Stelle bekommt oder daß das Arbeitsverhältnis des Mädchens bis Ende des Jahres oder doch wenigstens bis Weihnachten fortgeführt wird. Ob die Direktion des Reemtsma-Konzems auf Emigranten, deutschen Flüchtlingen bietet sich Beteiligung an gutem Unternehmen der Auto-und Maschinenbranche in der ÖSR. Zuschriften erbeten unter:„Tüchtiger Fachmann" an diese Zeitung solche Bedingungen eingeht, ist nicht bekannt. Dagegen wird als sicher gemeldet, daß sie nicht alle der 450 auf diese Weise freiwerdenden Stellen mit Männern besetzen will, sondern nur die Hälfte. Die Wohltätigkeit des Reemtsma-Konzems stellt sich also als die raffinierte Bemäntelung eines Belegschaftsabbaues dar. Der Jahreslohn von 250 Arbeiterinnen dürfte ungefähr eine Viertelmillion Mark ausmachen. Der einmaligen Ausgabe von 250.000 Mark steht gegenüber, daß der Belegschaftsabbau eine dauernde Lohnersparnis ermöglicht— von der Reklaraewirkung gar nicht zu reden! Die„Wohltat" erweist sich also als ein gutes Geschäft. SA gegen Bettler In einem Runderlaß verfügt Göring: „Erfahrungsgemäß wird das Fhiblikum häufig von bettelnden Personen getäuscht. In vielen Fällen sind Bettler nicht nur jeder Unterstützung unwürdig, sondern häufig haben sie ein nicht unbeträchtliches Einkommen. Das Fhiblikura ist daher darauf hinzuweisen, daß die Unterstützung von einzelnen Straßenbettlern nicht angebracht ist, sondern daß es sich statt dessen empfiehlt, die Beträge und Gaben, die bisher Bettlern verabreicht wurden, den anerkannten Einrichtungen der öffentlichen oder privaten Wohlfahrtspflege zu überweisen. Deshalb sind nach Fühlungnahme mit der zuständigen Leitung der SA. und SS. Maßnahmen zu einer wirkungsvollen Bekämpfung des Bettelwesens vorzubereiten, damit das Winterhüfswerk einen vollen Erfolg erzielen kann." Die SA. und SS. werden also in der nächsten Zeit damit beschäftigt sein, den Bettlern ihre Pfennige abzujagen— eine würdige Aufgabe, die diesen Leuten gestellt ist. Ihr„Sozialismus66! Die„Deutsche Bergwerkzeitung", das berüchtigste Unternehmerblatt Deutschlands, schreibt:„Es war das Wort Soziallsmus, das weite Kreise des Bürgertums, namentüch auch der U n- ternehmerschaft und der Intellektuellen, veranlaßte, der Bewegung Adolf Hitlers gegenüber längere Zeit eine abwartende und zögernde Haltung einzunehmen... Heute hat sich längst herausgestellt, daß hier ein großes Mißverständnis obwaltete. Mehr als die nationalsoziaüstische Werbung haben die Taten der neuen Regierung die Einsicht geweckt, daß der Sozialismus des Dritten Reiches das gerade Gegenteil von dem ist, was der Marxismus als Soziaiismus bezeichnet..." Engelbert Graf ermordet? Von einem deutschen Sozialisten, der aus dem Konzentrationslager Oranienburg flüchten und sich über die französische Grenze retten konnte, erfährt das Züricher„Volksrecht", daß vor kurzem der im gleichen Konzentrationslager eingekerkert gewesene frühere Reichstagsabgeordnete Georg Engelbert Graf von Nazi ermordet worden ist Die Mörder haben auch in diesem Falle versucht, ihre scheußliche Bluttat mit einer Lüge zu decken, indem sie vorgaben, Graf sei an Herzschwäche gestorben. Tatsächlich ist aber Genosse Graf von seinen Kerkermeistern auf grausame Art ums Leben gebracht worden. * Eine Bestätigung dieser Nachricht steht noch aus. Wir hoffen immer noch, daß sie sich nicht bewahrheitet. Wenn Sie ein Haus oder einGeschäft irgendwo in England kaufen oder verkaufen wollen „so schnell wie möglich" schreiben Sie an Thomas& Francis Häuser-und6üteragenten)42.6roveRoad. South Woodford London, E. 18. Groß-Brittanien Ehestandshilfe Ein öffentlicher Versager und ein privates Geschäft