Redaktion und Verlag: Karlsbad, Haus.Graphia" Tel.«Kl Preis der üinzelnummer IT" v j A (Im Ausland Kd 2*) JA-C 1•4\/ Auslandspreise tinzelnuinm Argentinien.. Belgien.... Bulgarien... Danzig.... Deutschland.. Estl nd.... Finnland... Frankreich.. Großbritannien. Holland.... Italien..... Jugoslawien.,. Lettland... Ufr. 17 Sonntag, S. Oktober 1933 BezuKiprei, Im Quarta) 1/ v j q (Im Totiaad Kf 24�1 J\.C XO.- Aaslandspreise Linzelnumni vierteljährl. Litauen.... Luxemburg,. Norwegen.,. Oesterreich.. Palästina.., Polen..... Portugal... Rumänien,. Saargebiet.. Schweden... Schweiz... Spanien... , Lit 055 . B. Frs. 2.- , Ki 0,35 Sh Mus 0.40 18.- , Zloty 050 Span Unga . Esc. , Lei F.Fi. . Kr . Frs. Pes. 2.- 10.- 1.5« 0.85 0.30 0.70 Ungarn, USA... . Peng8 0.35 . Dollar 0.03 Lit. 6.60 B.Fi. 24.- Kr. 4 20 Schill. 4.80 Müs 216.— Zloty 6.— Esc. 24- Lei 120.— F. Fi 18.- Kr 4 20 Frs 3,60 Pes. 8.4« PengO 4.20 Dollar 0.90 Sozialdemokratisches Wochenblatt Göbbels, der SlrcsemaiBia Worte in Genf— Schüsse in Wien Liest man die gleichgeschaltete Presse von Berlin und München, Köln und Breslau über den Erfolg, den Göbbels in Genf bei der ausländischen Presse erzielt hat, dann kann man kaum daran zweifeln, daß dem Reich in seinem ersten„Propaganda- minister" ein neuer Stresemann entstanden ist Wie verstand er doch, seine Worte klüglich zu setzen, um den aufhorchenden Journalisten zu beweisen, daß die Regierung Hitler Tag und Nacht an nichts anderes denkt, als daran, wie der Frieden Europas am besten behütet werden kann.„Es war ein starker Eindruck", sagt der„Lokalanzeiger",„ein Kroßes Ereignis".„Ein ragendes Dokument deutschen Wollens und Fühlens" heißt es in den„Breslauer Neuesten Nachrichten". Und weiter wörtlich; Der Friedenswille des deutschen Volkes und seiner Regierung ist über jeden Zweifel erhaben. Mit dem energischen Hervorheben dieser Tatsache erklomm der Reichspropa- Kaadaminister unstreitig den Höhepunkt s einer rhetorischen Leistung. Dieser Friedenswille zeigt sich nicht nur im Verzicht aui jede aggressive militärische Haadhuig, auf leden Eroberungs willen, sondern aöch in der weisen Beschränkung auf kultur Politische Gegebenheiten. Ja selbst der berech- ügte und verständliche Wunsch, das Deutsch- him so weif als möglich in einem Vaterlande 2u wissen, findet dort seine Schranke, wo das berechtigte Interesse anderer Völker und Länder entgegensteht Das aus englischer �Peile stammende irrsinnige Ge- Tede von deutschen Ambitionen auf fremde Gebiete hat damit eine eindeutige, absolut autoritative Widerlegung erfahren. Stresemann verzichtete immerhin nur am Elsaß-Lothringen und Eupen-Malmedy. Röbbels verzichtet auf alles. Was in *7' 1 1 e r s„Kampf steht, was in hun oerltausend Reden und Artikeln gesagt Jurde über Deutschlands Anspruch auf deutsche Sprachgebiete rundum, ist heute "ur noch„irrsinniges Gerede." • Ist Göbbels also wirklich ein zweiter �fresemann? Ganz gewiß nicht! Von den fielen Unterschieden, die es zwischen bei- c'en gibt, springt einer ins Auge: Stresemann hat man geglaubt, und Göb- e's glaubt man nicht Stresemann war während des Krieges jjoch ein fanatischer Nationalist Später hat er begriffen, daß man, um seinem Vol- ke zu dienen, auch der Klugheit bedarf. Zur Klugheit gehört daß man zwischen seinem Reden und seinem Handeln keinen zu auffälligen Gegensatz bestehen 'aßt. War Stresemann vielleicht nicht für :e Gleichberechtigung Deutschlands? Er jyar es so sehr, daß er trotz der scharfen VPPosition der Sozialdemokratie auch f ü r das Aufrüsten war— nur wollte er es nicht, wie das jetzt geschieht, mit Trora- •fieln und Trompeten vor sich gehen las- Sen- Er— ein Volksparteiler und beileibe Kfc"i Pazifist— wollte in zehn Jahren und ,rn Stillen erreichen, was die Nationalso- Risten jetzt mit größtem Lärm in einem ;'r schaffen möchten. Im Ziel bestand *ein großer Unterschied, ein desto größe- in der Taktik. Hätte Stresemann ge- flaubt, Deutschlands Wiederaufrüstung in V'rzer Frist den Westmächten gegenüber ."rchsetzen zu können, dann hätte er� es stimmt getan. Aber wahrscheinlich hätte ' dazu eine bessere rhetorische Begleitmusik dazu gefunden als das schlecht nachgemachte Friedensgestöhn und Völkerverständigungsgewinsel, das Josef Göbbels vor den staunenden Auslandsjournalisten von sich gegeben hat Nicht genug, daß das Dritte Reich für den Frieden ist, es ist auch, laut Göbbels in Genf, für die Demokratie, allerdings für die„veredelte Demokratie", als welche der Reichspropagandaminister den gegenwärtigen Zustand in Deutschland betrachtet. Eine„Demokratie", die so edel ist, wie der im Dritten Reich herrschende„S o z i a 1 i s m u s", woran bekanntlich dort auch kein Mangel ist. So wie die Herrschaft der Thyssen und Krupp, die Knechtung der Arbeiter, der Abbau der Arbeitslosenfürsorge und die ganze Eintopf-Heuchelei„veredelter" Sozialismus ist, so ist das System der Konzentrationslager und des Meuchelmords an politischen Gegnern„veredelte" Demokratie und„veredelter" Pazifismus. Eine Illustration zu den Worten des Göbbels m Genf bilden die Schüsse auf Dollfuß in Wien. Im„Dortmunder Generalanzeiger" sah man am 20. September den österreichischen Bundeskanzler abgebildet mit einem klaffenden Loch in der Stirn. Es war die Photographie eines Plakats mit dem Bild des verhaßten Gegners, auf das ein Tintenfaß geworfen worden war. Der erste Eindruck aber, den das Bild hervorrief, war:„Da ist geschossen worden, da läuft Blut von der Stirne." Daß kaum zwei Wochen später auf Dollfuß wirklich geschossen wurde, ist natürlich nur ein Zufall! Es gibt so viele Zufälle im menschlichen Leben! Da erschien z. B. ein Buch des großen Nationalsozialisten Dr. von L e e r s „Juden sehen dich an" mit einem Bild Erz- bergers und der Bemerkung„Gerichtet", ferner mit einem Bild des Professors Theodor Lessing und der Bemerkung: „Noch u n g e h ä n g t". Ein paar Wochen später wurde Lessing in Marienbad zwar nicht gehängt, wohl aber erschossen. Wer da behaupten wollte, zwischen der nationalsozialistischen Literatur und den gleichfalls nationalsozialistischen Meuchelmorden bestehe ein innerer Zusammenhang, käme in Deutschland bestimmt in ein Konzentrationslager. « Außerhalb Deutschlands jedoch wird man finden, daß das Spiel der Hitlerregierung allzu plump ist. Sie läuft, sichtbar für alle Welt, mit der Brandfackel in der Hand herum und versichert, sie wolle löschen. Sie schwärmt für Frieden Demokratie und Sozialismus Jn veredelter Gestalt", sie läßt ihren Geb bels reden wie Stresemann, während ihr Göring sich in der Pose eines neuen Nero paradiert. Sie erklärt ihre Revolution für abgeschlossen, und gibt damit selber zu, daß alles, was heute noch täglich an blutigen Gewalttaten geschieht, nur noch gemeines Verbrechen ist. Mit Meuchelmorden, Sprengstoffattentaten und Brandstiftungen ist der Nationalsozialismus in Deutschland zur Macht gelangt, mit den gleichen Mitteln versucht er es in Oesterreich. Kennzeichnend für sein ganzes Wesen sind nicht die Worte von Genf, sondern die Schüsse von Wien! Frankreich amüsiert sich Gübbelsgarde in Genf „Die Hand am Revolver." Die Baseler„N a t i o n a I z e i t u n g" schreibt: „Die Nazi finden sich schon ganz gut in das Aeußerliche von Genf. Vielleicht wird nach einiger Zeit die Leibgarde, welche der Propagandaminister mit sich führte, es auch nicht mehr für notwendig halten, immerzu die Hand am Revolver in der Tasche zu halten. Auf den aufgenommenen Bildern ist dies genau zu erkennen, und es kann nachdenklich stimmen. Denn es zeigt, wie sicher die Führer sich im Dritten Reich wohl fühlen, und ein Blick auf solche Momentaufnahmen und. auf die aus Unterweltfilmen aufgestiegenen Gestalten erschwert wohl die Propaganda des Propagandaministers." Göbbels blitzt Deutsche Journalisten schwitzen. Bevor Göbbels in Genf vor ausländischen Presseleuten in der Rolle Strese- raanns paradierte, ließ er seine deutschen Pressekosaken kommen, um mit ihnen gründlich zu exerzieren. Wie es dabei zuging, schildert anschaulich Herr R. Kircher in der„Frankfurter Zeitung": Seine Augen schleuderten Blitze, als er auseinandersetzte, warum der Anspruch auf Pressefreiheit" in seinen Ohren geradezu komisch klinge, wenn er von Leuten erhoben werde, die die liberale Vergangenheit mitzuverantworten hätten. Diese gleichen Augen schienen erst verächtlich, dann beinahe etwas mitleidsvoll, als er — nicht ganz mit Unrecht— von dem geringen Eifer sprach, mit dem gerade manche jener Blätter, die früher am lautesten waren, in den letzten Monaten bemüht gewesen seien, sich eine geistige Selbständigkeit zu bewahren. Die Nationalsozialisten seien oft genug angewidert von den Lobeshymnen, mit denen sie geradezu von dieser Seite überschüttet worden seien. Dr. Göbbels verschmähte bei dieser Szene die Ironie so wenig wie einen stechenden Angriff. Deutschland befindet sich in einer Schwitzkur, so ist seine Diagnose,— das Schwitzen ist unangenehm, aber wir werden kuriert werden, prophezeit er uns. Ueber das Maß der Unannehmlichkeiten sind wir uns im klaren. Daß aber Deutschland gesunde, ist auch unser leidenschaftlicher Wunsch. Inzwischen müssen wir weiferschwitzen. Der blitzende Göbbels und die angstschwitzenden deutschen Journalisten— ein schönes Schauspiel vor den Augen der ganzen Welt! HMit* „Schau, ein Neuer! Wer Ist denn das?" „Der? Das Ist doch der Delegierte der äugigen Arier." hochgewachsenen blonden und blau- (Franz. Zeitungskarikatur.) Achtung! Gastod! Die„Bayrische Zeitung" vom 30. September enthält folgende Aufforderung: „Wer in den letzten Tagen bei der Firma Sauer-Augsburg Gastodpatro- nen gekauft hat, wird dringend aufgefordert, diese nicht abzubrennen, da eine Verwechslung vorliegt" Oh ihr alle, die ihr im Zeitalter der Maschine lebt, vom Jahrmarkt zum Kriege, vom Krieg zum Jahrmarkt hin- und her geworfen, unter dem Gesetz von Gold und Eisen, seid ihr nicht der Ansicht, man sollte den Dingen wieder ihren richtigen Platz anweisen? Henri Gh6on. Görlaigps lllaitgese%e in Kraft Wir crhalien kuri vor Redaktionsschluß folgende Berliner Meldung: Berlin. Das Reichskabinett verabschiedete ein Gesetz„zur Gewährleistung des Rechtsiriedens", wonach Richter« Staatsanwälte oder Beamte die mit politischen oder polizeilichen Aulgaben betraut sind, aber auch Angehörige der Wehrmacht, der Luftschilfsverbände, der SA, SS, des Stahlhelms und der Amtswaller der NSDAP, sowie Schöllen, Geschworene, Zeugen und Sachverständige vor Gericht unter einen besonderen Schutz gesteilt werden. Danach wird mit dem Tode, mit lebenslänglichem Zuchthaus oder mit Zuchthaus bis zu 15 Jahren bestraft, wer es unternimmt, die angeführten Personen aus politischen Beweggründen oder wegen ihrer amtlichen oder dienstlichen Tätigkeit zu töten oder w er zu einer solchen Tötung auilordert, sich erbietet, ein solches Erbieten annimmt oder eine solche Tötung mit einem anderen verabredet. Die gleichen Strafen werden festgesetzt für Hersteller und Verbreiter von hochverräterischen Druckschriften im Auslande und für die Einführung und Verbreitung solcher DruckschrMten im Inland. • AIS Göriftg plötzlich seinen Sommerurlaub auf der Osfseeinsel Wyk abbrach, dach Berlin eilte und dort Jenen barbarischen Gesetzentwurf aus dem Aermel schüttelte, der die geringfügigste Oppositionshandlung gegen den Nationalsozialismus mit der Hinrichtung ahnden wollte, da Wüßte jeder Eingeweihte, daß es sich hier um einen Schachzug des maßlos ehrgeizigen Morphinisten gegen Hitler handelte. Göring wollte mit einem großen Schlag die braunen Prätorianer hinter seiner Fahne sammeln, wollte den vor der Abrechnung zitternden Amtswaltern der NSDAP, zeigen, daß er, und nur er allein entschlossen sei, die Kreaturen des braunen Regimes mit den drakonischsten Mitteln vor dem Zorn des Volkes zu schützen, um sie dann in seinem unterirdischen Kampf gegen Hitler vor seinen Wagen spannen zu können. Viele, viele Wochen herrschte betretenes Schweigen in der Reichsregierung, man wagte offenbar nicht, der Welt das Schauspiel zu bieten, das aus Machtwahn, zitternder Angst und sadistischer Wollust entstandene Getstes- produkt Görlngs zum Gesetz zu erheben. Nun hat der Gegenspieler Hitlers doch seinen Willen durchgesetzt Mit dem Tode bedroht wird Jeder, der sich nicht willenlos von einem SA- oder SS-Banditen abschlachten läßt und in der Notwehr handelt; mit dem Tode bedroht wird der Freund, der dem Kameraden, der Sohn, der dem Vater, der Bruder, der dem Bruder zu Hilfe eilt, wenn er gefährdet ist: mit dem Tode bedroht wird sogar jeder, der einen Zettel herstellt oder verbreitet, Platz da! jUInlster Göring kommt! Heldanlegenden für die reifere Jugend. Wer wäre Anfang 1919 darauf gekommen, Lebensbilder der neuen Männer zu schreiben? Niemand) Am allerwenigsten die neuen Männer selber. Es gab zu a r b e 1 1 e n, es galt. Deutsch- land vor dem Zerfall zu bewahren— für Vorschußlorbeeren war weder die Zeit, noch bei den Führenden der Geschmack dazu vorhanden. Bei den Nazis ist das umgekehrt. Ihre Bonzeh saßen kaum vier Monate im StaaUamt. da begann bereits eine Traktätchenserie, die „Männer um Hitler" zu beweihräuchern hat. Der Kundige staunt, wie armselig diese patriotischen Märchen zusammengestoppelt sind, wie wenig Menschliches darin ist, wieviel vertuscht und verschwiegen wird. Wir greifen Heft 3 und 4 heraus: Göring, Göbbels, Rosenberg. Mit den letzteren zwei weiß Schmock zunächst nicht viel anzufangen. Man hört lediglich, daß eine Weile der patriotische Mut in Ihrer Brust seine Spannkraft übte, sonst nichts. Die Geschichte des baltischen Abenteurers Rosenbefg geht erst bei 1919 los; man erfährt in wenigen Zeilen, daß er bei Kriegsausbruch nach Moskau floh und dort studierte. Er blieb also schön im trockenen und entdeckte sein Deutschtum erst nach 1918, als die Bolschewiken mit Schmarotzern seiner Art kurzen Prozeß machten. Aber wie und wovon er in Moskau lebte, ob von dessen Inhalf das Verbrecherregime der Hitler und Göring an den Pranger stellt. Göring hat im Wettlauf um die Gunst der SA seinem Nebenbuhler auf dem Kanzlerstuhl den Rang abgelaufen— das Kabinett hat kapituliert und der Machthaber von Preußen sonnt sich im Glänze seines blutigen Patronats über die bewaffnete Garde des Nationalsozialismus. Kein Zweifel, daß er diese neue Machtstellung gegen das Kabinett ausnützen wird. Hitler wird das sehr bald zu spüren bekommen, wenn er seine„kleine Diktatur über die Diktatur- errichten Will, aus der Göring ausgeschlossen Sein soll. Kein Herumspionieren— Pflicht! In seiner Sportpalastrede am 22. September sagte Göbbels wörtlich: „Wer jetzt Sabotage treibt, der versündigt sich nicht an der Regierung, sondern *am deutschen Volk. Darüber müssen wir eifersüchtig wachen und überall herum s p i o n i e r e n, wo ein Saboteur sitzt, um ihn zu vernichten." „Ueberall herumspionieren"— das ist das richtige Wort, und das ist die richtige Aufgabe für neudeutsche Reckeu.„Sabotage" treibt schon, wer eine Mark zu wenig für die sogenannte Winterbllte oder für die Arbeitsspende abgibt:„Sabotage" treibt vor allem jeder kleine Unternehmer oder Handwerker, der dienstalte, qualifizierte Arbeiter im Betriebe hält, anstatt sie durch junge nationalsozialistische Nichtskönner zu ersetzen— die SpionagegeWem seines Bruders oder wovon sonst— selbst der Biograph erfuhr nichts von der dunklen Vergangenheit dieses dunklen Burschen. * Bei Göbbel» Ist diese Perlode offenbar geklärter, wenn auch trist und leer. Der „rachsüchtige Krüppel", wie Straßer einst den Hitierschen Propagalidachei taufte, Steht lediglich verlassen In der Gegend herum, weil er zu schwach über die Brust und verschiedenes ist Seine Kameraden von der Prima haben sich freiwillig ins Feld gemeidet, Josef bleibt allein in der Klasse. Alles wurde ausgehoben. Einäugige, Lahme, Kranke,— nur Josef nicht. Also hat er»ich entweder nie gemeldet, oder er muß von Jugend auf ein entsetzlicher Schwachmatikus gewesen sein. Sowas kann trotzdem ein wertvoller Mensch werden, aber wenn er einige Jahre später sich als Rasseveredler auftut, aus alledem ein Parteigeschäft macht und Reklamochef für Aufnordung spielt, dann wird solch Voiksbctrug ekelhaft und reif für ein Volksgericht. Bliebe noch die Frage, warum der Chronist nichts von dem— nie namhaft gemachten— belgischen Gefängnis und den Reitpeitschen zu berichten weiß, mit denen Göbbels laut eigenen Angaben für Hindenburg mißhandelt worden sein will. Selbst der braune Byzantiner wagt die Göbbels'sche Lüge nicht zu wiederholen, so notwendig er sowas auch gebraucht hätte, denn die Mißhandlung wäre Zweifel aber auch, daß es den Blutsäufem dieses asiatischen Regiments nicht gelingen wird, die Opposltiort mit solchen Mitteln niederzuhalten. Was wir schon früher sagten, das tritt jetzt ein; die zusammenschmelzende Basis ihrer Herrschaft zwingt die Machthaber zu immer schärferen Mitteln, aber je rigoroser die Mittel werden, mit denen sie regieren, um so schmäler wird Ihre Basis Im Volk werden, um so schärfer wird die Opposition sein. Man kann auf die Dauer weder auf Bajonetten hoch auf Henkerbellen sitzen. Das werden die Göring und Hitler noch erfahren, früher, als ihnen lieb Sein wird. Großunternehmen verbitten sich mit Erfolg eine allzuweitgehende Bevormundung:„Sabotage" treibt ein Beamter, der das Naziblatt seines Ortes nicht hält oder kein Theater-Abonnement erwirbt, trotzdem ihn die SA. dazu auffordert:„Sabotage" treibt eigentlich Jeder, der kein SA.-Mann ist und immer noch lebt. Göring statt Ebert! Zur Umbenennung der Friedrich-Ebert- straße in Berlin zu einer Hermann-Göring- straße schreibt die Baseler„Nationalzeitung": Friedrich Ebert! Wer erinnert sich im Tosen der gigantischen Staatsfeste und Paraden noch jenes einfachen und echten Mannes au» dem Volk, der als erster Reichspräsident im Palais an der Wilhelmstraße residierte, an jenen ehemaligen Sattlergesellen. der von persönlicher Tüchtigkeit und Göbbels' einziges nationales Opfer, das er Je gebracht hätte. Da Ist Göring für den hakenkreuzlerischen Märchenerzähler denn doch eine dankbare Figur. Er war Flieger, daran» läßt sieb mit einiger Phantasie wa» machen. Man braucht ja nicht gerade zu erzählen, wie oft ihn Alkohol- und Morphiumräusche kampfunfähig in seine Koje bannten. Die Ausreißerel nach Schweden jedoch ist zu bekannt, also muß»le geschickt frisiert werden. Das macht Schmock so: Göring sollte als AufrOhrer verhaltet werden. Die Grenzen sind gesperrt Er kommt doch hinüber. Auf nächtlichen Wegen schaffen treue Freunde den Todwunden nach Tirol... Auf weiten Umwegen fährt nun Göring mit seiner Frau über Ungarn. Tschechoslowakei, Polen. Danzie, Dänemark nach Schweden, Karins Heimat... Kurz, keinen noch so strapaziösen Umweg scheute der Tapfere, um sich der Verantwortung zu entziehen und in die schwedische Emigration zu gelangen, trotzdem er nicht, wie heule seine republikanischen Gegner, für vogelfrei erklärt wurde, sondern sehr wohlwollenden Staatsanwälten gegenübertreten sollte! Der Held des pour le merlte getraute sich erst nach der demokratischen Amnestie zurück. Daß er aber in Schweden als gemeingefährlicher Morphinist ins Irrenhaus gesperrt werden mußte, verschweigt sein Leibbyzantiner ebenfalls. Aber dannj„der Aufstieg", die Machtergreifung, der Reichstagsbrand. Wie Schmock da in die Selten stürmt, das muß zitiert werden; Ehrenhaftigkeit und namentlich aucn ven Schicksälslaune getragen an die Spitze eines Großstaates gelangte und der dann sein hohes Amt mit sO viel Geschick und persönlicher Würde verwaltete, daß er auch seine politischen Gegner, die anständigen unter seinen Gegnern, zur Anerkennung zwang? Die unanständigen freilich, die haben Ihm das Lehen nicht nur sauer, sondern schließlich auch noch kaputt gemacht. Der Unanständigkeit ist durch die Berliner Straßenumtaufe die Kröne aufgesetzt worden, nachdem Hindenburg nach anfänglichem Zögern die Zustimmung dazu erteilt hatte. Plarrer Emsl Fudis Yepurteilt Nach einer Meldung der„Frankfurter Zeitung" wurde in Weimar der frühere Führer der religiösen Sozialisten in Deutschland. Prof. Dr. F u o h», wegen Unvorsichtigkeit in Privat- gcapfächen zu einem Monat Gefängnis verurteilt Fuchs soll nämlich, so heißt es in dem Bericht wörtlich,„über angebliche Begleitumstände der Festnahme des früheren Kölner sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten S o 1 1 m a n n" gesprochen haben. Sollmanii wurde in seinem Hause von einer SA-Horde überfallen und stundenlang mißhandelt. Er und sein Schicksalsgefährte E f 1 e r o t h erlitten schwere Verletzungen, deren Heilung 1 Monate in Anspruch nahm. Die reichsdeutsche Presse durfte aber über dieses Verbrechen, wie über tausend andere, kein Wort berichten. Auch letzt darf nur die„Frankfurter Zeitung", die natürlich den Hergang genau kennt, von „angeblichen Begleitumständen" schreiben, damit sie nicht verboten wird und ihre Redakteure nicht eingesperrt werden, wie der Pfarrer, weil er die Wahrheit sagte! Die.Kölnische Zeitung" vom 19. September beglückt Ihre Leser mit dem Elnleitungs- kapitel des Buches, das der Reichspressechef> der NSDAP., Dr. Otto Dietrich, unter dem Titel.M 1 1 Hitler In die Macht" gedieh- tert hat. Man muß solche Halluzinationen im i Wortlaut genießen;„Ruhig und sicher zieht die Plugmaschine Ihre Bahn durch die Nacht i des 23. Februars. Vor mir am Fenster rechts. sitzt sinnend, den Kopf zurückgelehnt, ein Passagler und blickt über die silberglänzende Tragfläche hinaus in die sternklare Nacht. Es Ist Adolf Hitler. Seit drei Wochen Kanzler des Deutschen Reiches.... Was mag den Füh- j rer in dieser stillen und doch so traumhalt phantastischen nächtlichen Stunde bewegen? Ich suche In meinen Gedanken nach einer Perspektive, weit und umlassend genug, um diese beinahe transzendentrale Erlebniswelt, in der sich Tag für Tag A doli Hitlers Arbeit für Deutschland vollzieht, dem Bild unserer Zeit einzuordnen. Aber hier versagen alle überkommenen Begrllle. Eine bisher ungeahnte Form des Sehallens, ein neuer, ganz fundamen- 1 tat neuer Stil deutscher Lebensgeslallung& Wer Wirklichkeit geworden und hat der Entwicklung seinen Stempel aufgedrückt." Wahrhaftig: der Reichstag brennt! Platz dal Minister Göring kommt! A I s einer der Ersten dringt er in da$ brennende Gebäude ein. Zahlreiche Pollzelofflzlcre umgeben Ihn. Er nimmt Meldungen entgegen. Er gibt kurze, scharfe Befehle für Absperrungen und Verhafitungen. in dieser Stunde zeigt Göring. daß er det rechte Mann am rechten Platz Ist; Er eilt zu seinem Führer Adolf Hitler und berichtet Ihm. Auf dessen Befehl greift er eisern durch. Der Brand des Reichstages sollte das Zeichen für einen blutigen Aufstand der Kommunisten sein. Sie wollten die Macht an sich reißen. Das Bürgertum sollte in Blut erstickt werden. Rotmord wollte durch die Straßen toben. Ja, wenn Göring nicht gewese0 wäre! Bei Wotan, ja, wenn er nicht gewesen wäre!! Dann wären die Brandstifter nicht durch den unterirdischen Gang von Görings Palai» zum gegenüberliegenden Reichstag gelangt, dann wäre die Schutzwache des Reichstag5 nicht— wie Göring veranlaßte— vorzeitig entlassen worden, dann wäre, wie die internationale Untersuchungskommission mei0'- der ganze Reichstagsbrand unterblieben... • Zur Verherrlichung solcher Verbrecher, Dunkelmänner und Scharlatane werden heute in Hitlerdeutschland rührsame Lebensbilder für die Jugend erdichtet, denn Hitler hat la genügend betont, daß ein Volk nur die großen Lügen glaubt. Gregor. 8CKr „Das sind die Sdiuldlgen! Die haben ganz Deutsdiland in Brand gesiecktl1 iü Sdimuizlgep Sdimodk sdimiept Sdimus Halm frei der Inflation! Milllardendefizlt für 1934'—'Yerfassungsünderung der Reidisbank Die deutschen Finanzen sind für die nächsten Jahre stark vorbelastet Die gleichgeschaltete Presse gibt zwar die Tatsache dieser Vorbelastung zu, macht aber über ihre Höhe falsche Angaben, Einlösungsverpflichtungen für die Steuergutscheine, die auf 4 Jahre verteilt sind, die Wechsel aus den Arbeitsbeschaffungsprogrammen und die für die Bankensanie- fungen und sonstigen Subventionen emittierten Schatzanweisungen bilden eine Belastung, die vom Finanzministerium für 1034 mit rund 900 Millionen berech- zu dürfen, Warenerzeugung und Warenzirkulation. Das Verhältnis von Ware und Geld bleibt konstant, der Geldwert unverändert. Niemand anderer als Schacht hat immer wieder betont, daß deshalb die Retchsbank ihren Notenumlauf nur auf Grund der sich selbst liquidierenden Handelswechsel regulieren dürfe. Jetzt verlangt derselbe Schacht für die Reichsbank das Recht, in Zukunft langfristige, festverzinsliche Anleihen vön Reich, Ländern und Gemeinden ankaufen net wird. Davon entfallen 700 Millionen auf das Papen-Programm, das Gereke-Pro- gramm und die Steuerscheine und etwa das heißt, si« in neugedruckte Noten umzuwandeln. Mit einer ähnlichen Bestimmung hat die zOO Millionen auf das Reinhardt-Programm technische Vorbereitung zur und die zweite Entschuldungsverordnung für die Landwirtschaft. Für 1935 ergibt Inflation im Kriege angefangen, Die Reichsbank erhielt Anfang sich eine Vorausbelastung von rund 700 August 1914 die Be{ugniSi itl Zukunft nicht Millionen, für 1936 von 780- Millionen, für 1937 von 750 Millionen und für 1938 vön 715 Millionen. Aber diese Rechnung hat ein großes Loch! Denn die neuen Maßnahmen— Uebernahme kommunaler Wohlfahrtslasten auch das Reichs-Steuergeschenk an nur Handelswechsel, sondern auch Reichswechsel anzukaufen und aus dieser winzigen Aenderung des Reichsb�nkstatuts Ist die riesenhafte Inflation geworden. Schacht begründet natürlich die Maßnahme anders. Er will den Kapitalmarkt stützen. Das hat er allerdings Agrarier und Hausbesitzer— sind dabei notwendig. Bei der Reichsbank selbst be- noch gar nicht berücksichtigt worden und steht ja die Anlage kaum mehr zur Hälfte das bedeutet, daß die vom Ministerium aus echten Handelswechseln, der Rest aus genannten Summen noch um Hunderte mehr oder minder illiquiden Finanzwech- von Millionen jährlich zu erhöhen sind. jsein und mehr oder minder getarnten Wenn der kommende Etat ehrlidh aufge-, Reichswechselu. Die deutschen Großbanken müßten ihren Bankrott ofienbaren, wenn sie ehrlich bilanzierten stellt würde, müßte er zunächst Deckung suchen für rund eine Milliarde; denn So hoch wird das laufende Defizit dieses Etatlahres infolge des Zurückbleibens der*v...•,> t,-, a„s�hcton loVir««jiM un� d'6 notigen Abschretbungen wirklich IriT", M hlcl"n nl JI. vornähmen. Und der Markt der festver- , i das nu 1, mindp i zinsMchen Papier« ist fast funktionsunfähig, zugegebenen 900 Millionen, dazu minde-, v.,re.*„-„j.. stens 250 Millionen zur Abdeckung eines d,e KurSe sind riickSanSi2 und die 6pro Teils der seit dem Reinhardt-Programm neuentstandenen und bisher nur durch Wechselreiterei finanzierten Verpflichtungen. Das DeckungSbedtirfnls wird sich also für 1934 auf ca. 2150 Miliionen be- laufen, immer unter Nichtberücksichtigung der heimlichen Mehrausgaben. An die Herstellung des Gleichgewichts in den Haushalten des Reichs, der Länder und Gemeinden wird offenbar gar nicht mehr gedacht. Damit sind aber die objektiven Bedingungen der Inflation ge- geben: die Notenpresse wird zum einzigen Mittel die Staatsausgaben zu decken, und in der Tat werden ja bereits jetzt die Ausgaben für die Arbeitsbeschaffung sowohl als für die Rüstungen nur noch durch üle Garantie der Reichsbank finanziert Man weiß aber aus der Geschichte der Inflationen, daß zwischen der Herstellung üer objektiven Bedingungen und dem Eintreten der Wirkungen der Inflation— Flucht in die Sachwerte, Preissteigerun- «en, Sinken des Reallohns, Entwertung der festverzinslichen Papiere— ein mehr oder minder langer Zeitraum vergeht, in dem das Vertrauen in die Währung noch nicht oder wenig erschüttert ist, das neugeschaffene Geld noch nicht zum Ankauf von Waren verwendet, sondern zum Teil noch in die Banken und Sparkassen fließt, zum Teil auch zum Ankauf von Wertpapieren verwendet wird. Diesen Zeitraum zu verlängern, zugleich aber auch, um die technischen Vorbereitungen für die Inflation schon jetzt, wo es noch weniger auffällig ist, zu treffen, das ist der Sinn einer Aenderung in der Verfassung der Reichsbank, die im Zusammenhang mit den letzten Wirtschaftsmaßnahmen von der Regierung und Herrn Schacht angekündigt worden Ist. Die Reichsbank hat bisher ihre Noten gegen Handelswechsel mit einer Laufzeit von höchstens drei Monaten ausgegeben. Diese Wechsel müssen immer wieder eingelöst werden, das heißt, die zu ihrem An- zentigen Papiere stehen meistens unter 80 Prozent Und jetzt soll dieser, der äußersten Schonung bedürftige Kapitalmarkt eine neue umgehende'Belastung erfahren durch die kommunale Umschuldung. Zwangsweise werden alle schon fälligen oder bis 31. März 1935 fällig werdenden Kredite der Kommunen und wahrscheinlich auch der Länder in langfristige vier- prozentige Anleihen umgewandelt. Das heißt, es werden dem Kapitalmarkt 2—3 Milliarden neuer Werte zugeführt, während er, wie die niedrigen Kurse zeigen, nicht mal die alten verdauen kann. Dabei besteht noch folgendes arge Dilemma: Die neuen Papiere würden normaler Weise kaum einen Kurs von 60 Prozent erreichen. Würden aber die Gläubiger der Gemeinden und Länder— die Girozentralen, Versicherungsgesellschaften und Hypothekenbanken, die 40 Prozent Verlust in ihren Bilanzen ausweisen müssen, so wären sie zum Teil bankrott Also sollen sie ermächtigt werden, das neue Papier zu vollen 100 Prozent in die Bilanz einzusetzen. Aber dann kann man sie doch nicht an den Börsen notieren lassen, die Dilanzfälschung wäre zu offensichtlich! Wird aber die neue Anleihe nicht zum Börsenhandel zugelassen, dann ist sie praktisch fast unverkäuflich und die unglücklichen Besitzer sitzen auf den ille- quiden Papieren erst recht fest Also soll der„Kapitalmarkt" gestützt werden, festverzinsliche Papiere sollen endlich den Käufer finden und die Reichsbank hat's ja dazu, ihr gibt die Notenpresse die gewünschte „Kaufkraft". Daß der Ankauf von festverzinslichen Papieren also dringend nötig ist, daran ist kein Zweifel, ebensowenig daran, daß die Unterbringung der Schatzscheine des Reichs und der Arbeitsbeschaffungswechsel Immer schwieriger wird. Wenn aber Jetzt die Reichsbank darangeht, festverzinsliche Papiere anzukaufen, so tut sie damit nichts anderes, als den öffentlichen Körperschaften für Anleihen, die aus den vorhandenen Kapitalmitteln der privaten Wirtschaft nicht mehr aufgebracht werden können, ihre Noten zu geben. Es macht nicht den geringsten Unterschied, ob die Reichsbank dies auf dem Weg des Ankaufs sonst unverkäuflicher Anleihen tut oder ob sie den öffentlichen Körperschaften die gedruckten Nöten überließe. Es ist einfach Befriedigung des Finanzbedarfs statt durch Steuern oder durch echte Anleihen durch die Notenpresse— echteste, klassische Form der Inflation! Es ist dabei auch gleich, ob die angekauften Anleihen ausdrücklich als Grundlage für die Notendeckung gesetzlich bestimmt werden oder nicht. Denn da die Reichsbank sich an die alte Deckungsvorsciirift — 40 Prozent in Gold und Devisen— nicht mehr gebunden hält, besteht für die Notenausgabe ohnedies kejne Schranke. Die angekauften Anleihen als Deckung zu bezeichnen, wäre nur Schwindel der nie manden täuschen würde. Zugleich wird von Schacht offenbar darauf spekuliert, daß die Keichsbank durch ihre Ankäufe eine allgemeine K u r's erhöhung herbeiführt. Das Publikum werde die neuen Noten zu Käufen der erhöhten Wertpapiere verwenden und die Noten würden dann wieder an die Banken zurückfließen. Gelänge es gar, die Kurse bis zum Paristand heraufzutreiben, dann wären neueAnleihen der öffentlichen Körperschaften, vor allem des Reichs möglich— die Gefahr der Inflation trotz der leichtsinnigen Finanzgebarung hinausgeschoben. Also wird der Notenbankpräsident zum Haussespekulanten und die Notenpresse liefert die notwendigen Ressourcen. Schacht wird mit dieser Haussespekulation denselben Reinfall erleben wie Rapen mit den Steuergutscheinen. Denn in Wirklichkeit wird die erhoffte„Regulierung" des Kapitalmarkts gar nicht erfolgen. Dazu müßte die Reichsbank so große Mengen Noten in so schneller Folge in den Verkehr pumpen, daß die Inflation sehr schnell offenkundig würde. Die geringen Mittel aber, die sie aufwenden wird, werden höchstens dazu führen, daß das Publikum die erste Gelegenheit benutzen wird, seinen Besitz abzustoßen; das Angebot wird rascher wachsen, als die Reichsbank es wird befriedigen können. Die wahre Bedeutung wird das Ankaufsrecht der Reichsbank erst gewinnen, wenn die Not des Reiches durch die Belastung der kommenden Etats auf das Höchste gestiegen sein wird. Dann wird diese Bestimmung benutzt werden, nicht um alte Anleihen aus dem Besitz des Publikums zu kaufen, sondern dem Reich neue„Anleihen", das heißt aber neues von der Reichsbank geschaffenes Geld zu ge ben— dann werden die bereits gegebenen objektiven Voraussetzungen und die jetzt geschaffenen technischen Voraussetzungen dazu führen, daß die Inflation sichtbare und wirksame Tat. Sache wird! Dr. Richard Kern. von frülver 6 auf 75 Mark je Doppelzentner, JaU der deutsche Preis in weitem Maße von den ausländischen unabhängiR geworden sei. Infolgedessen ergebe sich in Amerika seit Mitte v. J. ein ungefähres Gleichbeilben des Schmalzpreises mit einer in der letzten Zeit sogar noch leicht abwärts neigenden Richtung, in Deutschland dagegen ein gewaltiger Preisanstieg, der sich in gleicher Weise auf deutsches Inlands- schmalz und auf amerikanisches erstreckt. Seit Mitte 1932 haben sich die Schmaizprdse im Berliner Lcbensmittelhandel genau verdoppelt und die Kurven weisen immer noch welter aufwärts. Beirlcbe wandern aus Die..Kölnische Volkszeitung" vom 27. September berichtet filier„Betriebsauswanderung'/: „Zwanzig„deutsche" Unternehmer haben vom englisclien Innenrninistcdiim die Erlaubnis erhalten, in England Betriebe zu eröffnen, deren Erzeugnisse nicht mit denen bereits bestehender englischer Firmen konkurrieren. Es handelt sich dabei um Gewerbezweige, in dcoen bisher noch halbwegs lohnende ExportmöRliebkeiten für deutsche Unternehmer bestanden". Angst vor Inflation Es steht Im Widcrstfruch zu den gleiclige- »chaltcten Berichten über die Ankurbehmgs- crfolgc der Hitlerregierung,ich den Schwankungen des Marktes stets Lohnabbau stattgefunden haben, daß die 13.4 anpassen, das echte Zlrkulationsbedürf- Millionen, die nach dem Ausweise der Kranken- nis stets befriedigen. Geld fließt in den kassen Ende Juli Beschäftigung hatten, weniger Dinlauf und aus Ihm zurück, je nach der Lohn bezogen haben müssen, als die 12.2 Mil- Erweiterung und Zusammenziehung der Honen Beschäftigten vom Ende März. Preise steigen! Die Zeitung„Soll— Haben" mahnt; „Verhütet Preissteigerungen! Gefährdet nicht die Konjunktur!"„Wenn die Preise schneller steigen als die Einkommen— und das Ist meistens der Fall—, so verringert sich insgesamt gesehen die Kaufkraft der Massen und die Hausfrau hat Anlaß zu klagen." Das hat sie allerdings! So sind die Preise für Schweine seit Jänner d. J. bis Anfang September um 30 Prozent, diejenigen Wir Kühe um 19 v. H. gestiegen. Die Preise für Butter sind seil Mai/Jtmf höher als Im Vorjahre, die für Eier liegen bereits seit Feber d. J. Ober dem Vorlahrsstande. Die„Kölnische Volkszeitung" berichtet über die Wirkung der Erhöhung des Schmalzzolles Mit der Partei in Gesdiäftsverbindung Mit der Partei in Gcachfiftsrer- btadua« stehend« Viehversicherung «iitkl« iig* alte OMellSctaeft. die auch mit ROckdecknnj; vrgrn Nachachlußvertrtndllchkelt und fecltn Prämien arbeitet, auefat gnrtndt* Generalagenten mBeMehal mit Otganlsailon: sowie Rei«t- u. O'ta.ertreter(jenen Höchstprovision und Ta-epeider Angeb. erbeten unter 2. 0 4S39 an den„V. B". Berlin SW 68. ZlmmetslraSe 88. (Anzeige im„Völkischen Beobachter".) Katholiken, sdileÜt euch! Die deutschen Führerbriele" bringen in Nr. 72 folgende Ausführungen;„Die heroische Lebensauffassung verlangt, daß man für seine Ehre mit seinem ganzen Sein einzustehen hat und sie nicht händlerischen Gesetzen unter- steilen kann. Eine Ehrverletzung kann nur durch Blut gesühnt werden. Die folgerichtige Anwendung und Durchführung dieser den Staat tragenden nationalsozialistischen Anschauung könnte dazu führen, daß die Waffe auch bei den katholischen Verbänden eingeführt würde, so daß dieser Grundsatz eine Revohitionierung unseres gan- zens Lebens hervorrufen würde." Filme, Bücher, Mode Ton Kahl zn Kerrl Pathologische JustizreSorm Von J u s t i n i a n. gestellt wird. Dann erst werden für die Julius-Streicher-Naturen vom„Stürmer" und„Hakenkreuzbanner" die wahrhaft goldenen Zeiten anbrechen. Natürlich trieft die Denkschrift auch sonst von neudeutscher Sittlichkeit und Moral. Ein weiteres nagelneues Delikt, dessen Erfindung drei Jahrtausenden menschlicher Kultur nicht gelang, bis sie jetzt den Nazis glückte, ist die„Schmähung der Ehe". Niederziehende Angriffe auf„Ehe, Mutterschaft und Familie" sollen Künftig auch einen der vielen Wege bilden, auf denen man die Bekanntschaft neudeutscher Gefängnisse machen kann. Wie viel Jahre Zuchthaus häte sich da wohl der angebliche Lieblingsphilosoph Adolf Hitlers, Friedrich Nietzsche, verdient mit seinem„Du gehst zum Weibe?— Vergiß die Peitsche nicht!", oder Arthur Schopenhauer, der Misanthrop und Weiberfeind?! Dafür aber soll— ein weiterer Kulturfortschritt— der Zweikampf in bestimmten Fällen fortan straflos sein, was er nicht einmal unter den Hohenzol- lern war. Es sei das Duellieren nämlich— so sagt die Denkschrift— ein Recht des „freien Mannes" und es entspreche altdeutscher Rechtsauffassung, sich für die verletzte Ehre im Zweikampf Genugtuung zu verschaffen. Danach läge es auch nahe, bei Mord und Totschlag die altgermanische Blutrache der Sippen wieder herzustellen, da es offenbar in den Augen der Nazis keinen Kulturfortschritt darstellt, daß inzwischen das Strafrecht des Staates die Privatrache des einzelnen abgelöst hat. Es ist immerhin pikant, daß ausgerechnet der „absolute Staat" einer privilegierten Oberschicht das Recht der Privatrache wiedergibt. Oder sollen sich im Dritten Reich auch die Proleten duellieren— etwa als Ersatz für den unterbliebenen Sozialismus?! Damit der Scharfrichter künftig noch mehr Arbeit bekommt, als er jetzt schon hat— durchschnittlich zwei Hinrichtungen pro Woche genügen scheinbar nicht— soll außer auf den Mord auch auf den Landesverrat die Todesstrafe gesetzt werden, wobei der Begriff des Landesverrats noch gewaltig ausgedehnt werden soll, namentlich auf das w i r t s c h a f 1 1 i c h e Gebiet(Verrat von Betriebsgeheimnissen u. dgl.). Es soll überhaupt der Landesverrat als das schwerste Delikt angesehen werden, wobei natürlich auch jeder Angriff auf die Herrschaft der Nazis als Verrat am Vaterlande betrachtet wird. Man denkt zurück an die Zeiten, in denen einmal für eine ernsthafte Reform des Strafrechts gestritten wurde, an jene geistigen Kämpfe, mit denen die Namen großer Rechtslehrer wie K a h 1, v. L i s z t, Radbruch und vieler anderer untrennbar verbunden sind. Von Kahl zu Kerrl welch ein Weg abwärts! Hoffnung auf Hunger Ein Nazi- Journalist über deutsche Emigranten Während der Deutsche Juristentag in Leipzig zusammentrat,— zum erstenmal in seiner Geschichte nicht als eine Elite des Geistes und des unabhängigen For- schertums, sondern als ein gleichgeschaltetes Instrument des neudeutschen Despotismus— währenddessen übergab der preußische Justizminister der Oeffentlichkeit eine Denkschrift, die seine Gedanken zur Strafrechtserneuerung enthält. Auf diese Weise erfährt die Welt wenigstens, daß Minister Kerrl sich überhaupt Gedanken auf dem Gebiet der Rechtspflege macht— falls nämlich der Inhalt der Schrift wirklich von ihm und nicht von dem ihm vorgesetzten Staatssekretär Freisler stammen sollte. Solange Kerrl als Abgeordneter dem Preußischen Landtag angehörte— immerhin 7 bis 8 Jahre— hat er seine Gedanken zur Rechtspflege sorgfältig geheimzuhalten gewußt. Jetzt aber ist für die Kerrls und ähnliche Hohlköpte das goldene Zeitalter angebrochen. Jetzt können sie jeden Wahnsinn der Oeffentlichkeit vorsetzen, ohne ein anderes Echo als das ersterbender Bewunderung für ihre allerhöchste Weisheit befürchten zu müssen. Die ehrlichen Rechtsformer sind in Deutschland aus den Lehrstühlen entfernt und verbannt, die juristische Fachpresse ist gleichgeschaltet, die Kritik mundtot—, der Charlatan hat freie Bahn! Bei der Herrischen Denkschrift wird einem zumute— etwa wie dem normal Veranlagten bei den perversen Schriften des Marquis de Sade. Diese Denkschrift will nämlich nicht mehr und nicht weniger, als die gänzlich unhaltbare und willkürliche Rassendoktrin der Nationalsozialisten zur Grundlage einer neuzuschaffenden Kategorie von Verbrechen machen. Das bisherige Strafrecht sah als die hauptsächlichsten Sexualdelikte an: die Blutschande, die Notzucht, die Verführung Minderjähriger, die widernatürliche Unzucht. Dazu soll nach der Denkschrift ein gänzlich neues Delikt treten: die Rasse- s c h ä n d u n g. Die Vermischung zwischen Deutschen und„Fremdrassigen" soll unter Strafe gestellt werden, und zwar soll dies geschehen im Interesse der „Aüfnordung" des deutschen Volkes. Wer sich— Mann oder Frau— in Verkehr mit „Angehörigen fremder Blutsgemeinschaften" einläßt(als solche werden in prachtvoller Zusammenstellung genannt: Juden, Neger und sonstige Farbige!), der ist ebenso wie sein Partner dem Gefängnis verfallen. Und zwar soll dies ebenso gelten von der ehelichen wie der außerehelichen Vereinigung, vielmehr: eine eheliche Vereinigung soll gar nicht mehr in Frage kommen, weil nach dem Reformgedanken des preußischen Justizministers das Eingehen einer Mischehe die Eheschließung künftig nichtig machen soll! . Dabei muß die Denkschrift selber den ganzen Wirrwarr der Rasseforschung zugestehen, indem sie ausdrücklich davon abrät, den Begriff der Rasse in das künftige Gesetzgebungswerk aufzunehmen, weil— nach der eigenen Ansicht des Verfassers— sowohl die Deutschen wie die Juden zur Zeit keine Rasse, sondern ein Rassengemisch darstellen! Deswegen könne im künftigen Gesetz mir von deutscher, bezw. jüdischer„Blutsgemeinschaft" gesprochen werden.„Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein!" Man vermißt nur eines; daß jedem Angeber eines solchen„Zersetzungsdelikts" an der nordischen Blutsgemeinschaft eine Belohnung aus der Staatskasse in Aussicht Die Hetze gegen die emigrierten Gegner des Faschismus ist in der Hitlerpresse ein beliebter Sport. Die„Süddeutsche Sonntagspost" läßt sich von Herrn v. Heimburg aus Paris allerhand Schmähliches über die Emigranten berichten. Vier Gruppen von Flüchtlingen müsse man unterscheiden: Sozialdemokraten, Pazifisten, Kommunisten und juden. Das Blatt unterschlägt einiges: es gibt Zentrumsleute, Demokraten, Stahlhelmer und selbst N a- z i s, die sich der hakenkreuzlerischen Barbarei durch die Flucht entzogen, und es werden ihrer täglich mehr. Die österreichischen Nazis müssen in Bayern schon in Arbeitslagern zusammen gepfercht werden, aus denen ab und zu welche entfliehen. Aber der ehrenwerte Berichterstatter vergißt noch viel mehr. Er schreibt lustig drauflos: Breitscheid und Wels, der Reichsbannerführer Stein gehen bei Löon Blum und seinen Freunden aus und ein, schreiben gelegentlich in sozialistischen Zeitungen und werden als Märtyrer ihres Glaubens gebührend gefeiert Sowohl die Redaktion des Blattes wie ihr Pariser Skribent wissen, daß Genosse Wels nicht in Paris, sondern in Prag weilt: es hat mehrfach in deutschen Blättern gestanden und die Hitlerpresse hat Wels' Tätigkeit in Prag mehrfach verleumdet. Schert diese Klopffechter nicht im geringsten, sie brauchen ihn momentan beim„Erbfeind". Aber bald werde, so hofft Herr v. Heimburg, der Hunger mit den antifaschistischen Flüchtlingen aufräumen, die Mittel gingen zu Ende: 1800 Leute sind in ehemaligen Kasernen in einem Pariser Vorort und in Fontaine- bleau untergebracht worden. Körperlich be- DaB In Deutschland das Postgeheimnis auch für Auslandsendungen trotz aller gegenteiligen Versicherungen der Amtsstellen gebrochen wird, dafür liegen uns zwei vollgültige Beweise vor. Ein Brie! mit dem Poststempel Saarbrücken, 22. September 1933, nach Prag, ist seitlich aufgeschnitten und mit einem Streifen Pergamentpapier nachträglich wieder verschlossen worden. Wenn auch nicht ersichtlich ist, wo diese Oelfnung des Briefes vor sich gegangen Ist, so ist doch aus der Art der Oeffnung des Briefes, sowie aus dem zum SchlieBen verwendeten Papier deutlich zu tehen, daß es sich um eine Amtsmaßnahme handelt. Noch beweiskräftiger ist der zweite Fall. Hier handelt es sich um ein Schreiben sonders taugliche und rüstige Männer werden zu Trupps von 300— 400 Mann zusammengestellt, in die Provinz befördert und sollen in einer Art landwirtschaftlichem Arbeitsdienst und im Straßenbau verwendet werden. In Toulouse und Marseille sind Arbeitslager eingerichtet worden, in denen es außerordentlich spartanisch zugeht. Die Behandlung ist sehr hart, und man gewinnt den Eindruck, daß die Franzosen die Absicht haben, diese Leute allmählich für den Eintritt in die Fremdenlegion würbe zu machen. Schon jetzt muß man annehmen, daß sich zahlreiche junge Männer aus diesen Lagern freiwillig zur Fremdenlegion gemeldet haben, nur um aus dem Dreck und der schlechten Verpflegung herauszukommen. Wenn dem deutschen Hurrapatrioten nichts Grusliches gegen den„Erbfeind" einfällt, so malt er prompt den Teufel der Fremdenlegion an die Wand. Der Andrang zu dieser Söldnertruppe war jedoch schon vor der Weltkrise stärker als Frankreich benötigte, durch die Arbeitslosigkeit gar ist er ungeheuerlich gestiegen. Frankreich hat nicht nötig, Emigrantenlager dafür„mürbe zu machen". Doch wenn dem so wäre: haben die braunen Soldschreiber kein Gefühl dafür, welche Schmach es für Hitlerdeutschland bedeutete, wenn tausende deutsche Männer vorzögen, im afrikanischen Sand zu verbluten, statt im Dritten Reich zu leben?! Und welche Schande es für die faschistischen„Erneuerer" bleibt, daß Abertausende deutscher Flüchtlinge die„harte Behandlung" in französischen Arbeitslagern den sadistischen Demütigungen in deutschen Konzentrationslagern vorziehen? aus dem polnischen Ort Bydgoszcz(Bromberg) nach Karlsbad. Dieser Brief ist ebenfalls geöffnet und dann mit dem üblichen Zettel;„Zur Devisenüberwachung zollamtlich geöffnet" versehen worden. Außerdem trägt er den bandschriftlichen Vermerk:„Versehentlich geöffnet, 21. 9, 33." Wie lange werden sich die anderen Staaten eine solche Frechheit gefallen lassen? Aus dem Reidisanzelger t.99 Mk. konfisziert. Eingezogen wurde in Arnsberg am 13. September an Sparkassenbuch, lautend auf Mk. 1.99. Eigentümer; Friedensbund Deutscher Katholiken. Streitzug durch den deutschen Urwald. Der Niedergang des deutschen Films wird durch„Reformatoren" ä la Göring und Göb- bels ebensowenig aufgehalten wie der Niedergang des deutschen Theaters. Es ist charakteristisch, daß die Filme, die unter dem neuen Regime produziert worden sind, im In- wie im Auslände abgelehnt werden. Weder der neue Ufa-Großfilm„Saison in Kairo" noch der mit viel Tamtam angekündigte Film„Morgen beginnt das Leben", haben sich behaupten können. Man spricht selbst in nationalsozialistischen Organen davon, daß den jüngsten deutschen Filmen die letzte Feile fehle, man gesteht, daß der Mangel an Filmtechnikern, vor allem an Filmcuttern, die Schuld daran trägt. Hören wir. was ein gleichgeschaltetes Blatt, wie die„Literarische Welt" unter der Ueberschrift „Filmische Geschmacklosigkeiten" über den Film„Kleiner Mann, was nun?" zu sagen weiß: „Es ist eine Roheit gegenüber dem Millionenheer unserer arbeitslosen Volkgenossen, wenn in diesem Film wieder die Walze abläuft: Es gehört eben ein bißchen Glück dazu und alles geht gut!— Wenn der Arbeitslose sich diesen Schmarren ansieht, dann kiampft sich ihm das Herz zusammen, weil er sich sagen muß, so betrachtet die Filmindustrie unser Dasein!... Und das ailer- geföhrlichste: daß der Film die Idee der Arbeitsbeschaffung ins T riviale umbiegt,— Wenn die Filmindustrie nicht in der Lage ist die Frage der Arbeitslosigkeit und ihrer Behebung von dem gioßen nationalen und sittlichen Gedanken der Tat zu erfassen--, dann soll sie die Finger von solchen großen Problemen lassen. Das Volk verbittet sich. sich von einer Filmindustrie ein Scheinleben vorgaukeln zu lassen."--- • Das Konfiszieren und Verbieten von Büchern geht in Deutschland lustig weiter. Ist es nicht grotesk, daß man neuerdings in Preußen die deutsche Ausgabe der Erzählungen von Balzac verboten hat! Herr Dr. Haupt der neue Kulturministerialrat, behält Recht wenn er in Harzburg vor 4000 deutschen Lehrern erklärt indem er sich mit einem Artikel eines„Emigranten" auseinandersetzt: „Jawohl, der Urwald ist das Symbol unseres Volkes, das aus Natur und Wald kommt - Unser Volk hat seme Ursprönglichkeit wiedergefunden!"--- Demnächst wird als Zeichen der deutschen Kultur das Laufen auf allen Vieren anbefohlen weiden. Das wird dann das positive Ergebnis der nationalsozialistischen Kulturpropaganda sein. O, nein, es gibt noch ein anderes Ergebnis. Frau G ö b b e I s hat zwar auf dem Gebiete der Mode Schiffbruch erlitten, aber die urdeutsche Firma Karstädt hat nunmehr den gegen sie noch neulich verhängten Judenboykott durch ihre wahre deutsche Gesinnung abgegolten. Wir lesen im„Berliner Lokalan- zeiger" vom 12. September folgende Großanzeige; Parole: Deutsche Mode. In 30 Schaufenstern und in den Spezialabteilungen zeigen wir, was die künftige deutsche Mode erstrebt Nicht Luxusmodelle, nicht Auswüchse wesensirem- d e r Kleiderkflnstler, sondern Den H u t— Den Mantel, Das Kleid für die Deutsche Frau.---- Unterzeichnet: Das deutsche Großkaufhaus Karstädt. Merkwürdig ist nur, daß diese„deutsche Mode" In den Schaufenstern aller europäischen Konfektionshäuser als„neueste Pariser Mode" ausgestellt wird. Herausgeber: Ernst Sattler. Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn, Karlsbad. Druck:„Graphia" Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P�D. ZL159.334Ani-19� Aus der GesdmftsweU Tiefenbacher radioaktives Spezial-Helibad in Schlackenwerth bei Karlsbad. An beiden Ufern der Wistritz, einem Zufluß der Eget zwischen den Weltkurorten Karlsbad u. SL Joachimsthal liegt das anmutige Städtchen Schlak- kenwerth. Tiefenbach-Schlackenwerth eilt mit Riesenschritten von Erfolg zu Erfolg und wird sich bald seinen Platz unter den in der CSR* berühmten Bädern erworben haben. Die Tiefenbacher Spezial-Kuren In Schlak- kenwerth, bei denen es sich um eine Behandlung mit reinen radioaktiven Naturprodukten 1° Form vou Erdkompressen und Heilwasser, Bädern etc. handelt, wirken geradezu sensationell in ihren Erfolgen. Fälle von chronisch-gicbti- schen Muskelleiden, chron. arthritis deformans. Phlebitis, Nervenentzündungen, chron. gichtischen Gelenksleiden etc. wurden vollkommco wieder hergestellt Ueber Kurmöglichkeiten unter ärztl. Leitung etc. berichtet ein Prospekt, der kostenlos Interessenten von der Verwaltung der Tiefenbacher Quelle in Schlackenwerth zugesendet wird,—(Siehe heutiges Inserat) Audi Durdigangspost uird erb ro di en Beweis erbracht für Brudi des Internat* Postgeheimnisses -33ei£age des Heuen Vocwücts Tit. 17 Zerrspiegel und Irrweg So urteilt die Wissenschaft über die Rassentheorie Das Kapitel der Rassenpsychologie ist bis heute ein besonders unerfreuliches. Nicht deshalb, weil die Angaben der Rassetheoretiker... durchweg unrichtig wären; sondern deshalb, weil sie fast stets so einseitig und tendenziös ausgewählt und beleuchtet werden, daß der entstehende Gesamteindruck ein völliges Zerrbild ergibt Fast stets sind diese Rassenbücher so geschrieben, daß der Autor die Verherrlichung seiner eigenen Rasse oder mindestens seiner eigenen politischen Tendenzen oder idealistischer Schwärmereien mit scheinbar wissenschaftlichen Mitteln anstrebt.... Man sucht sich, wie bei jeder chauvinistischen Psychologie, von der eigenen Rasse die besten und von der a n d e r e n die geringwertigsten Vertreter aus und stellt sie einander in starken Farben gegenüber. schildert von der eigenen Rasse nur die posi- ;iven Eigenschaften und von der anderen nur die negativen, unter flüchtiger Umgehung der Gegenprobe. So erscheint auch in dem an sich interessanten und kenntnisreichen Rassenbuch von Günther(der von den Nazis zum Professor an der Universität Jena befördert wurde, Die Red.) die nordische Rasse unter Uebergehung grundlegender statistischer Tatsachen als die im Grund allein ideale und schöpferische, während die alpine Rasse(der Hauptbestandteil der suddeutschen, französischen und italienischen Bevölkerung) sich in eine Herde von stumpfsinnigen, verspießerten, rundköpfigen, braunen Sklavenseelen verdunkelt In den begeisterten Schilderungen der Franzosen und Italiener erscheinen dagegen gerade umgekehrt diese Alpinen und Mediterraneer(Mittelmeerländler), Die goldene Harfe! Das nationalsozialistische Denken steht und fällt mit der Rassenlehre. Sie wird jetzt bereits den Schulkindern eingepaukt, nach ihren Ergebnissen soll geheiratet, sterilisiert und regiert werden. Sie gibt die ideologische Begründung der Diktatur— vergleiche die Rede Hitlers in Nürnberg— wonach die dünne Oberschicht der„Hoch rassigen" dazu berufen und auserwählt sei, die nur zum Gehorchen geborenen Massen der„Nichtrassigen" zu kommandieren. Was aber ist an dieser Rassenlehre ernsthaft daran? Tatsache ist,- daß die wissenschaftliche Erforschung der Rassen noch in ihren allerersten Anfängen steht und daß gerade diese Wissenschaft wie kaum eine zweite durch das Eindringen von Dilettanten, die auf vorbestimmte Ergebnisse lossteuern, entwertet worden ist. Es ist deshalb sehr beachtlich zu lesen, was ein ernstzunehmender Forscher wie der Marburger Psychologe Prof. Ernst Kretschmer, der selber bedeutsame Zusammenhänge zwischen körperlichen und seelischen Konstitutionstypen aufgedeckt hat, hierüber schreibt. Im fünften Kapitel seines i. J. 1927 erschienenen Buches„Geniale Menschen" setzt sich Kretschmer mit den Rassefanatikern lolgendermaßen auseinander: Unsere modernen europäischen Rassefor- scher sind öfters in Gefahr, unserer europäischen Kultur, bezw. irgendeiner Rasse, die sie iür ihren Träger halten, einen einzigartigen �Vert für die Menschheit beizulegen. Solche Forscher(und es gelingt nur ganz wenigen, sich davon freizuhalten) kommen mir vor wie iener hochgebildete chinesische Herr, der sich 'tvüber wunderte, daß die europäischen Frauen fast al he häßlich wären, während "ks bei den Chinesinnen nur selten vorkomme...- Kretschmer setzt dann weiter ausein- a!ider, daß diese Forscher ihr Vorurteil [heist von dem augenblicklichen überlegenen Stande der europäischen Kul- tur aus füllen, aber: Dieselben europäischen Stämme, die heute üie Träger dieser Kultur sind, waren v e r a c h- tete Barbaren in früheren Jahrtausenden, 'd's asiatische Kulturen von ganz anderem Dlute blühten. Ein Kulturquerschnitt, den man damals gelegt hätte, hätte vielleicht für die nordische Rasse ein Werturteil ergeben. wie wir es heute über die Neger zu fällen Pflegen. Es ist unser gutes Recht, unsere eigene �asse politisch zu propagieren und durchzusetzen. Dies hat aber mit wissenschaftlicher Wahrheit und Erkenntnis nichts zu tun. Kretschmer fährt dann fort: Begegnung Gerhardt Hauptmann und der Andere. Gerhart Hauptmann hat dieser Tage rine seltsame Begegnung erlebt. Er ging in den ünen von HJddensee spazieren und strebte bäumerisch einer Bank zu, als ein Mensch, wie ails dem seewärts treibenden Nebel gewachsen, Vor ihm stand. Ein breiter Hut saß dem anderen ef im Gesicht, die beginnende Dämmerung Whe ihn|n Grau. So ragte er stumm und schlank aus den Dünen und versperrte den _W.„Wer sind Sie? Was wollen Sie? fragte 61 Zreise Dichter verdutzt Der andere(mit unheimlichem Lachen): )" ich bin, müßtest Du eigentlich wissen. Ich derselbe wie früher. Aber Du, zu welcher '"umie bist Du vertrocknet? Einst hast Dn die •AVeber" gedichtet, hast den„Florian Geyer" beschrieben— Jetzt huldigst Du Mussolini, �reibst Prologe für faschistische Feiern, ver- �üderst Dich auf Hiddensec mit Hitlers brau- nen Sadisten, stimmt das? Hauptmann(betroffen): Wie kommen 'ie zu dieser Fragerei? Die Leute waren sehr nett zu mir— warum sollte ich ihnen feind �m? Der Dichter umfaßt alle mit der gleichen 'ehc, ob sie rechts stehen oder links. Gottes -0nne scheint ja auch über Gerechte und Un- «ßfechte... Her andere: Du salbaderst wie ein jüfe, ich aber spreche von dem. was Du einst lc'chrt Die besten Deiner Werke„stehen links". Die„Weber" fordern Menschlichkeit und Freiheit, Dein„Florian Geyer" wirft der Despotie und Unterdrückung den Fehdehandschuh ins Gesicht und stirbt dafür. 1919 hast Du in Breslau eine Rede steigen lassen — für Republik und Demokratie, für die Errungenschaft des November. Hast Du das alles vergessen? Hauptmann: Inzwischen sind 13 Jahre vergangen. Ist's meine Schuld, wenn die Demokratie nicht hielt, was sie versprach? Auch das Hakenkreuz will die Welt erlösen— warten wir ab... Der Dichter steht über den Zinnen der Partei... Der andere; Aber er steht nicht über den Zinnen der Menschlichkeit! Glatt bist Du wie ein Aal, doch jetzt habe ich Dich und keine philosophische Dialektik rettet Dich. Du warst Im Ausland, hast ausländische Zeitungen gelesen. Weißt Du nichts von den Konzentrationslagern, von den sinnlosen, sadistischen Demütigungen jener, die einer friedlichen Gesinnung lebten, von erschlagenen Männern und Frauen, von den Mädchen, die einer jüdischen Freundschaft wegen durch deutsche Straßen Spießruten laufen mußten, von dem Greuelsumpf der Hitler— Göring? Hauptmann(stammelnd):' Unseliger Blutwahn gepeinigter, leidender Kreatur... Der andere: Laß Deine abgedroschene Philosophie, alter Heuchler! Was tatest Du gegen den Blutwahn? Nichts! Hast Du nicht gelesen, wie hämisch die Nazipresse über Deinen Selbstmord berichtete? Schämst Du Dich nicht? Was tatest Du für Deine geächteten, geschundenen, verjagten Freunde? Hauptmann: Meine Freunde? D e r a n d e r e: Ah, Du weißt plötzlich auch von ihnen nichts mehr. Demokraten, Sozialisten und Juden waren Deine Freunde. Ein Konrad Hänisch hat Dir und Deinem Schaffen in Freundschaft ein Buch gewidmet Alfred Kerr hat in guten und bösen Tagen Dein Werk gefördert und verteidigt. S. Fischer hat Dir den Weg bereitet Arno Holz lehrte Dich einst literarisch laufen, schenkte Dir Geist von seinem Geiste! Er hungerte, Du aber wurdest reich und hattest nichts für ihn! Reichtum und Erfolg haben Deine Seele verödet Du hieltest, Millionär geworden, auf einen hohen Tarif; jedes Auftreten, jedes Wort ließest Du Dir buchstäblich mit Gold aufwiegen, auch von den Aermsten--- Hauptmann: Wer sind Sie, daß Sic so von meinem Leben sprechen dürfen?! Der andere; Du kennst mich nur zu gut alter Egoist und Geschäftemacher. Du bist tot, ich aber werde ewig sein und ich hätte Dich erwürgen sollen, damals— vor dreißig Jahren! Aber, da wußte ich noch nicht daß man Menschenliebe in ein Dutzend rührender Gestalten bannen und dann zum elenden Wichte werden kann!(Packt ihn, schüttelt ihn). Hauptmann(ächzend): Lassen Sie los! Ich bin der anerkannteste deutsche Dichter... Der andere: Gewesen, mein Lieber, gewesen, und ich bin Dein Richter... Ihr habt Euch das bequeme Wort erfunden, der Künst- dle„lateinische Rasse" als die Bringer aller Kultur und lebendig genialer, temperamentvoller, künstlerischer Menschlichkeit, der gegenüber diesmal die nordische Rasse, gemeint sind natürlich die Preußen und Engländer, als die schwarze Folie dienen muß. In diesem umgekehrten Zerrspiegel erscheinen die nordischen Helden Günthers nun plötzlich wie ein ungeheures Heer von langen, lang- köpfigen, semmelblonden Schafsnasen, von steifen englischen Gouvernanten. vor vermeintlichen preußischen Leutnants und Oberlehrern in Witzblattkarikatur, von steifen, brutalen, genielosen Pedanten. Dieser Weg führt nicht zu sachlichen Erkenntnissen, sondern nur zur Schürung der Vorurteile, Eitelkeiten und Gehässigkeiten zwischen den einzelnen Volksstämmen und Völkern und zu ganz verfrühten bevölkerungspolitischen Experimenten. Diesen Weg,— so haben wir der Erkenntnis eines wirklichen Gelehrten aus dem Jahre 1929 nur hinzuzufügen,— diesen Weg rast, taumelt, stürzt jetzt das verblendete deutsche Volk unter Führung Adolf Hitlers. Italien gegen Rasse« wahn Die italienischen Faschisten schämen sich ihrer braunen Spiegelaffen im Dritten Reiche immer mehr. Vor allem rücken sie bereits mit deutlichen Worten von dem Rasse-Irrsinn des Hitlerstaates ab.„Stampa" veröffentlicht einen Artikel ihres Berliner Sonderkorrespondenten, der sich scharf gegen die Identifizierung von Nation und Rasse wendet. Es heißt da: „Der Begriff der Nation ist nicht mit dem der Rasse zu indentifizieren. Die Rasse ist nichts als das Blut; aus ihr kann nur eine materialistisch-zoologische Theorie erwachsen. Die Nation, zu der sich im Lauf der Jahrhunderte die Rassen verschmolzen haben, ist dagegen Geist. Im Fundament eines modernen Staates hat Rassenpolitik keinerlei Raum." Der Artikel schließt;„Es wird Hitler nicht gelingen, einer Doktrin, die sich vollkommen auf praktische und ideelle Irrtümer stützt, eine wissenschaftliche Basis zu geben." CI4MAC für Rofi- mann Der Gefangene als Ehrenpräsident. In der letzten Septemberwoche hielt der Internationale Bund der Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer(CIAMAC) in Genf seine diesjährige Tagung ab. Der Kongreß wählte den früheren Berichterstatter des Bundes zur Friedensfrage, den sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Roßmann zu seinem Ehrenpräsidenten. Roßmann befindet sich zurzeit im württembergischen Konzentrationslager auf dem Heuberg._••' ler und sein Werk seien zweierlei. Aber uns, der Jugend, will es nicht in den Kopf, daß ein Werk groß und erhaben und sein Schöpfer klein und erbärmlich werden kann. Wir werden immer wieder richten, wenn der Künstler sein Schaffen verrät.(Drückt ihn auf eine Bank, schiebt den Hut aus dem Gesicht.) Kennst Du mich jetzt? Wie konntest Du wagen, mich so zu schänden? Hauptmann: Starrt mit aufgerissenen Augen zu dem anderen. Jungen, empor, sieht eine hohe Stirn, einen geraden, unverkniffenen Blick und schließt betroffen, verwirrt, beschämt die Lider: seine Jugend steht drohend vor Ihm... Als der alte Dichter die Augen wieder aufschlägt, ist der andere verschwunden. Nur von weither noch hört der Verstörte ein unheimliches Echo:„Du bist in Schande gestorben. ich aber werde weiter leben!" B. Brandy. Sogar Im Kabarett! Kein Programm Ist die Hauptsache. Der„Berliner Herold" schreibt anerkennend: „Als das Kabarett der Komiker einst begründet wurde, hatte sein Gründer ein Programm und Künstler, die es ausführten. Die derzeitigen Lenker des Kabaretts der Komiker haben vor allen Dingen den Pachtvertrag und zerbrechen sich nun erst den Kopf, was sie eigentlich machen wollen." Im Exil Marx, Engels und die Emigration Als die„Rheinische Zeitung" verboten und jedes weitere politische Wirken für Marx in Deutschland zunächst unmög lieh geworden war, siedelte er Ende 1843 nach Paris über. Hier traf er mit E n g e I s zusammen, der bald darauf nach Barmen ging, um dort sein Werk über die„Lage der arbeitenden Klassen in England* abzufassen. Ende September 1844 schreibt Engels an Marx: Uebrigens sehe ich wohl, daß meiner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten werden in den Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf ein halbes oder ganzes Jahr mich In Deutschland herumtreiben müssen. fch werde natürlich alles aufbieten, um dies zu vermeiden.... fm übrigen Ist es hier sehr sicher, man kümmert sich wenig um uns, solange wir stille sind. Engels blieb jedoch nicht still und genoß sehr bald die Aufmerksamkeit der Polizei. Am 20. Januar berichtete er nach Parts: Was mein Hinüberkommen betrifft, so Ist daran kein Zweifel, daß ich in etwa 2 Jahren dort sein werde, auch bin Ich darüber Im Reinen, daß ich um jeden Preis nächsten Herbst auf vier bis sechs Wochen herüberkomme. Wann die Polizei mir mein Wesen hier legt, so komme ich ohnehin, und wie dia Sachen hier stehen, kann es dem Gesindel alle Tage einfallen, unsereins zu molestieren. Und schon zwei Monate später heißt es in einem Briefe an Marx, er, Engels, lebe jetzt„ein wahres Hundeleben. E» ist nicht auszuhalten, ich muß fort und weiß kaum, wie ich die paar Wochen, die Ich hier bin, noch aushalten son.,.1* Im Januar erliegt in Paris Börnsteins �Vorwärts" den Schikanen des zweideutigen Ministeriums Guizot. Preußische fatrigueH hatten einen Erfolg errungen. Die Mitarbeiter des„Vorwärts" wurden mit Ausweisung bedroht Marx geht tfgeh Brüssel, wohin ihm Engels sehr bald nachfolgt Preußen bemüht sich vergebens, die beiden aus Belgien zu vertreiben. Zeiten gemeinsamer Arbeit folgen, das kommunistische Manifest ersteht dann folgt die 48ef Sturmzelt Die „Rheinische Zeitung* steht in Köln wieder auf, Marx wird ihr leitender Redakteur. Nach den September-Unruhen wurde sie Von der Kölner Kommandantur suspendiert die Redaktion durch Verhaftungsbefehle versprengt. Engels ging in die Schweiz. Als die Zeitung am 12. Oktober wieder erseheinen konnte, blieb Engels vorläufig in Bern, arbeitete von dort aus mit und schrieb am 28. Dezember an Marx: Wie ist's? Kann ich nach G(rüns) und A. (Annekes) Freispruob noch nicht bald zurück? ... Wie gesagt wenn genügend Grund vorhanden, daß kein Untersuchungsarrest zu be- filfchteii, komm fch sofort Nachher können sie msinetwegen mich vor zehntausend Jurys stellen, aber Im Untertuchungsarrest kann Ich nicht rauchen, und da geh ich nicht hinein. Im Frühling 1849 war er wieder In der Heimat, focht den rheinischen und badischen Aufstand bis zum bitteren Ende mit durch. Die Reaktion füsilierte und kerkerte ein. Engels blieb nur der Rückzug in die Schweiz, die sich als sehr unzuverlässiges Asyl erwies. Marx ging nach London und schrieb an Engels: Du also mußt sofort nach London. Zudem erheischt es deine Sicherheit. Die Preußen würden Dich doppelt erschießen: 1. wegen Baden, 2. wegen Elberfeld... Engels ging nach Manchester, wo er neben der wissenschaftlichen auch die kommerzielle Tätigkeil wieder aufnahm, um für sich und Marx die Mittel zum weiteren Kampfe zu erarbeiten. Am 9. Mai 1851 schreibt Engels an Marx: Die einzigen Leute, die uns In Deutschland gefährlich werden könnten, wären Meuchelmörder, und seit Gottschalk tot ist, hat keiner in Deutschland die Courage, uns dergleichen Leute auf den Hals zu schicken... Am 28. Mal 18S1 Marx an Engels: Freiligrath ist instlnktmäßlg zur rechten Zelt abgereist, um nicht gefaßt zu werden... Die Emigration wird das Selbstverständliche, und die Arbelt am„Kapital" nimmt Marx' Kräfte in Anspruch. Ab und zu müssen sie Verleumder abtun, wie jenen Verräter Vogt, über den Marx an Engels berichtet:„Der Lump sucht dem deutschen Philister weiszumachen, ich lebe hier als eine Art Doktor Kuhlemann aus den Taschen der Arbeiter...* (1860). Dann folgt die Amnestie-Komödie, zu der Marx am 18. Januar 1861 an Engels schreibt: In der Tat sind alle Flflchtllnge— also die ganze Revolution von 48/49— von der Amnestie ausgeschlossen. Den Flüchtlingen, die„von unseren Zivllgerlohten verurteilt werden möchten" und denen„ungehinderte Rückkehr gestattet Ist"(als ob es nicht jedem immer„gesetzlich" freistände, zurückzukehren), ist die Aussicht gestellt daß das Justizministerium Ihretwegen„von Amts wegen Gnadenaöträge" stellen wird. Da- mlüst in der Tat nichts garantiert Diese abgeschmackte Form ist angeblich gewählt, weil Preußen ein„Rechtsstaat" Ist, wo der König konstitutionell keine Untersuchung niederschlagen kann. Schöne Affenkomödie In einem Staate, wo nach dem Geständnis der preußischen Gerichtszeitung(Berlin) seit 10 Jahren kein Recht existiert hat. „Unser Vaterland", meint Marx Im August 1863 in einem Briefe an Engels, .sieht gottsjämmerlich aus. Ohne Keile v o n a u ß e n ist mit diesen Hunden nichts anzufangen...* Diese Keile bezog die deutsche Reaktion von den beiden, dann auch reichlich aus den Revuen der Freiheit. Inzwischen hatte L a s s a 1 1 e in Preußen seine brausende Agitation aufgenommen, mit der Marx, Engels, Liebknecht usw. nicht immer einverstanden waren. Liebknecht suchte die beiden Heroen des wissenschaftlichen Soziallsmus zu bewegen, ihre Wirksamkeit nach Deutschland zu verlegen, aber die ungehinderte, ungehemmte agitatorische und wissenschaftliche Tätigkeit im Exil erschien Marx und Engels wichtiger, als es für die mit„Hochverrat" Belasteten eine gehemmte, versteckte in Deutschland hätte sein können. Am 13. Februar schreibt Engels aus Manchester an Marx: Paßt auf, die Arbeiter werden tagen, Wat wül der Engels, was hat der die ganze Zeit getan, wie kann der In unserm Namen sprechen und sagen, was wir tun sollen, der Kerl sitzt In Manchester und exploitiert die Arbeiter usw. Das Ist mir nun zwar total Wurst, aber das kommt sicher. Und am 3. Mai desselben Jahres: Das schlimmste ist, daß die Leute jetzt in Deutschland verlangen werden, daß sich jemand an ihre Spitze stellt, und wer kenn das tun? 1864 kehrte Liebknecht aus dem englischen Exil nach Deutschland zurück. Am 20. November 1855 schreibt Marx an Engels: Liebknecht müßte dooh wissen, daß selbst wenn ich nach Berlin gehen könnte at present(zurzeit), bloß als visitor(Besucher), ich mich dort ganz still und privatim verhalten müßte und nicht Arbelterklübs adressieren dürfte... 1867 erschien der erste Band des „K a p 1 1 a 1", der„Bibel des Proletariats", wie Johann Philipp Becker das Werk mehr plastisch als richtig taufte— und Engels schreibt am 9. September 1867 an Marx: Es ist ein Glück, daß das Buch sozusagen fast nur in England„spielt", sonst würde Paragraph 100 des preußischen Strafgesetzbuches eintreten:„Wer,.. die Angehörigen des Staates zum Haß oder zur Verachtung gegeneinander aufreizt" usw. Ein Verbot des Buches in Preußen wäre Immerhin möglich, aber jedenfalls wirkungslos bei den letzigen Zuständen...' Was beweisen diese Briefstellen? Daß die Emigration für Marx, Engels und alle Führer der sozialistischen Sturm- und Drangperiode ein faktisches und ein materielles Problem bedeutete, daß sie auf dem Kampfplatz waren, wann immer es um die Entscheidung ging, daß jedoch über den Jeweiligen Aufenthaltsort die Frage entschied, wo sie ihrer Idee am zweckmäßigsten dienen konnten. Bruno Brandy. Tiefenbacher Radioaktive Spezialkuren zur Hellung von: Hals-, Magen- und Darmerkrankungen, Nieren- ktankhelt Leber-, Milz-, Gallen- und Blasen- leidan, Gelenkserkrankungen, Lymphdrüsenerkrankungen, Erschöpfungszustände, Ischias, Gicht, Rheuma und Lähmungen aller Art. Kuren ganz'Shrlg/ Volkspreise/ Pauschalkuren Prospekte durch die Verwaltung der Tiefenbacher Hellquelle in Schlackenwerth b. Karlsbad. Besudb im Lager Gefangene müssen Komödie spielen «Es steht jedem Ausländer frei, deutsche Konzentrationslager zu besuchen, um sich ein Bild zu machen, daß hier elles andere als Grausamkeit und Brutalität Obwalten." So sprach der Reichslügenminizter C ö b- b e I s in Genf. Dazu schreibt um ein Genosse, der noch heute art seinem Körper Spuren blutiger Mißhandlungen trägt, der aber Iis Ausländer aus der Gefangenschätt entlassen wurde, folgendes: „Ich wurde am 24 Mai in Leipzig von SA-- Lcuten verhaftet, well ich ein hektographler- tes Flugblatt bei mir hotte. Man brachte mich zur SA.-Wache int Voikshaua, wo ich furchtbar mit dem Gummiknüppel geschlagen wurde. Als ich dagegen protestierte, erklärte der Scharführer Richter: ,Den Hund möchte ich am liebsten erschießen)' Nach dieser Exekution im Volkshaus mußte Ich mehrere Stunden lang mit erhobenen Händen, trotz furchtbarer Schmerzen, gegen die Wand gekehrt stramm stehen. Alsdann kam ich noch dem Polizeipräsidium zur Vernehmung. Ich mußte(als Ausländerl Red, d. N. V.) den deutschen Gruß ,Heil Hitler 1' erwidern. Nach der Vernehmung kam meine Ueber- führung Iiis Lager Colditz. Dort sind außer den.politischen' auch zahlreiche kriminelle Verbrecher, da Colditz früher eine Landeskorrektionsanstalt war. Die Verpflegung war unter aller Kritik. Morgens zwei Stück trok- kenes ßrot und eine Wasserbrüho, Kaffee benannt, Mittags ein Göbbelssches.Eintopfgericht', aus harten Linsen und Bohnen bestehend. Abends wieder.Kaffee' und zwei Stück Brot Dafür müssen die zahlungsfähigen Häftlinge täglich noch 2 Mark bezahlen! Morgen» 5H Uhr Kommandoruf:.Aulstehen' von den verfaulten Strohsäckert, dann muß Jeder Lagerinsasse sich beim Lagerführer melden mit der Bitte, sich waschen zu dürfen. Von K8— a Uhr Gesangsstunde mit dem Lied:.Hakenkreuzfahnen wehen Über Deutschland.' Abends um Uhr muß sich das ganze Lager auf dem Hof aufstellen, und zwar unter einem brennenden Hakenkreuz, und dann wird gemeinsam das Lied: Deutschland, Deutschland Uber olles' gesungen. Wer nicht singt, wird mit dem Gummiknüppel bearbeitet Dann heißt es.Kehrt' und wer keine vorschriftsmäßige Kehrtwendung ausführt, wird ebenfalls schwer geschlagen. Bei Tage werden die Inhaftierten zum größten Teil mit Landarbeiten beschäftigt Eines Tages meldete sich eine ausländische Journalistengruppe zur Besichtigung des Lagers an. Am Tage vor der Besichtigung wor großes Aufräumen, Einteilung der Arbeit und Auswahl derjenigen, die Rede und Antwort stehen sollten. Alles wurde aufs beste vorbereitet und durchgesprochen und den Leuten getagt: „Web Euch, wenn einer es wagen sollte, die Dinge anders zu schlidern, wie Ihr Auftrag habt, dann könnt Ihr Eure Knochen im Lager zusammenlesen.' Die zerschlagenen Lagerinsassen wurden aufs Land abkommandiert Darunter befanden sich zwei Juden namens Meyer und Strauß, die Infolge von Schlägen auf das Ohr das Gehör vollständig verloren hatten. Zum Frage- und Antwortspiel wurden zehn Mann ausgesucht, die als Speichellecker bekannt waren und die Gewähr boten, daß nichts Ungünstiges über das Lager an die Außenwelt kommen würde. Auf die Frage einer der Journalisten, wie es den Inhaftierten im Lager gefalle, erfolgte prompt die Antwort der vorher dazu Bestimmten; Bei uns ist alles in bester Ordnung, wir haben nichts auszusetzen.' Die anderen mußten schweigen. Wehe dem, der es gewagt hätte, das zu sagen, was der Wahrheit entsprach. So sind die Verhältnisse in Colditz und Sachstnberg, in denen allein 2400 Menschen ihrer Freiheit und Ehre beraubt sind und bestialisch gemartert werden. Wenn Göbbefs die ausiättdlscban Journalisten auffordert, die deutschen Gefangenenlager zu besuchen, so tut er es In der Absicht, sie zu betrügen, wie sie in Colditz und Sachsenberg betrogen worden sind." Sieuerabbau unmöglich So wenig wie der sagenhafte Vleriahres- plan, so wenig wird auch der pomphaft angekündigte Steuerabbau im Dritten Reich Wirk- lichkeit werden. Als am 23. März Hitler in Aussicht stellte, daß„die Steuermühle fortan an der Ouelle und nicht mehr im Strome" stehen werde, da erfüllte hellster Jubel die Herzen der Kapitalisten, Agrarier und Mittelständler. Endlich sahen sie den Zeitpunkt in greifbarer Nähe, wo sie keine Steuern mehr zu bezahlen haben würden, das allein eine Aufgabe der Verbraucher und der arbeitenden Schichten sei. Mehr als ein halbes Dutzend Mal hat der kleine Handelssohullehrer. der Staatssekretär Reinhardt, der den immer noch als unzuverlässig angesehenen Reichs- fmanzmlnister Graf Schwerin-Krosigk zu kontrollieren hat. geschworen, die große Steuerreform, die das Dritte Reich zum Paradies machen würde, stehe unmittelbar bevor. Nun ist auch diese Seifenblase geplatzt. Am«. September tagte der Steueraus- schuß des Deutschen Industrie- und Handelstages. Dabei erklärte der Ministerialdirektor Dr. Hedding, daß ein festumrissenes Steuerprogramm der Regierung überhaupt nicht bestehe. Eine Verlängerung der Steuergutscheine über den 30. September hinaus sei nicht in Aussicht genommen. Eine allgemeine Steuersenkung»el zwar wünschenswert, doch seien Mittel dafür in abseilbarer Zeit nicht vorhanden. Eine ähnliche Erklärung gab der Ministerialdirektor Dr. Friellng- h a u s für Preußen ab. An Steuerreform oder Steuerabbau ist nach diesen Erklärungen nicht zu denken. Für ernsthafte Menschen ist das keine Ueberraschung. In dem ersten Halblahr Hitlerregierung ist der nachgewiesene Fehlbetrag in Reich, Ländern und Gemeinden um mehr als 500 Millionen Mark gestiegen. Er wächst zusehends weiter. Und wenn erst die Schuldverpflichtungen zur Einlösung präsentiert werden, die das Reich für die Steuergut- scheine, für die Arbeitsbeschaffung, für die Sanierung bankrotter Banken und Industrieunternehmungen, für die Subventionen an die Landwirtschaft Öbarnommen hat, dann ist der Bankrott der Reichskasse ebenso wenig aufzuhalten, wie Jetzt bereits der Bankrott großer Gemeinden fast täglich eintritt. Die Masse der gläubigen Anhänger des neuen Regimes aber hat an diese Versprechungen Hitlers geglaubt. Nun erfährt sie aus der Ankündigung des Ministerialdirektors Dr. Hedding, daß eine Verlängerung der Steuergutscheine über den 30. September 1933 hinaus nicht möglich ist, daß also in Wirklichkeit der angekündigte Steuerabbau durch eine Steu- ererhöhung ersetzt wird. Mittels der Steuergutscheine ist die Steuerlast der einzelnen Steuerpflichtigen um rund eine Milliarde Mark ermäßigt worden. Die Umsatzsteuer, die vorher 2 Prozent ausmachte, wurde um 4° Prozent, aUo auf 1.2 Prozent gesenkt Jetzt tritt vom 1. Oktober an die Erhöhtmg auf 2 Prozent ein. So ist es auch bei den Realsten- eru der Länder und Gemeinden, die ebenfalls durch das Steuergutscheinsystem ermäßig' worden waren. Zweifellos wird das die Ernüchterung i,n Lager des Mittelstandes und des Bauerntums. die teilweise bereits zu großen Enltäuschun- gen geführt hat noch verstärken. Weit wichtiger ist aber im Augenblick die wirtschaftlich# Rückwirkung der Stouererhöhuu- gon. Produktion und Verbrauch werden"ü' einer Milliarde Mark neu belastet werden. Die Preissteigerungen, bereit« seit MonaMn>[It Gang« und durch die Errichtung von Karte1' len stark gefördert, erhalten einen neuen Ao- trleb. Alle Waren werden teurer werden. Def Absatz aber wird sinken. Dann droht wiederum das Gespenst wachsender Arbel'5' loslgkelt lüec den„Tleuen Vocuyäcts" kauft, abonniert, verbreiten hilft oder In sonstiger Welse (SedeU der hilft mit Im Kampfe für ein neue# Deutschland der Freiheit und der Menschlichkeit, det dient den Unterdrückten und Ausgebeuteten Im Geiste dec soziatistiscfien JUvciution! »7ha Segimmt« Heft 2 der Sozialdemokratisdiea Schrittenreihe, Umfang 64 Seiten; mit kartoniertem Umschlag, Preis Kc 4.—, bezw. österr. Schilling—£5, Schweiz. Fr.—.60, holl. Gld.—.30, franz. Franks 3.—, Dollar—.20, L—.10, Auslieferung durch„Graphia", Druck- und Verlagsanstalt, Karlsbad soe&m jetscfuemtt: Mißhandelte Frauen Wenn die braunen Sadisten glauben, ihre Brutalitäten vor der Welt verbergen zu können, so irren sie. Die Klagelaute der Opfer dringen durch die dicksten Kerkermauern. Häufig sind es SA-Leute, die, von dem blutigen Handwerk abgeschreckt, alle Schändlichkeiten ihrer Kameraden enthüllen. Längst wurde Hitler-Deutschland aus der Liste der zivilisierten Staaten gestrichen, und ausländische Blätter empören sich immer aufs Neue gegen die Schreckenstaten in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern. Daß auch Frauen mißhandelt, geschlagen, gefoltert werden, Ist unfaßbar für jeden, der einen Funken Menschlichkeit in sich trägt. Der„Manchester Guardian** enthüllt wieder einige krasse Fälle. Er schreibt: Eine typische Haftanstalt unter braunem Terror ist das MilitärgefSngnis zu Berlin- Tempelhof. Etwa 200 bis 300 Gefangene kommen wöchentlich dort an. Viele werden in Handschellen gehalten, andere müssen viele Stunden lang aufrecht stehen. Gefangene mit schwachen Augen werden ihrer Gläser beraubt Unter ihnen sind Edith Baumann, Max Möhler und Karl Baier von der SAP„ die am August verhaftet wurden. Sie müssen auf dem blanken Boden ohne Decken schlafen, sie haben keine Seife und keine Handtücher und erhalten so wenig Nahrung, daß sie immer hungrig sind. Zum Kreuzverhör werden die Gefangenen in das Staatspollzeiamt Prinz-Aibrechtstraße gebracht Die Kreuzverhöre werden von Braunhemden und von Agenten der Geheimen Staatspolizei durchgeführt Sie dauern oft 12 oder 15 Stunden, am Ende und während dieser Zeit erhalten die Gefangenen überhaupt keine Nahrung. Das Verhör wird manchmal unterbrochen, um den Gefangenen durch grausame Methoden eiiuuschachtem. Er wird in den Keller geschleppt und dort geschlagen. Zwei der weiblichen Celangenen wurden In der Prlnz-Albrechtstraße geschlagen: Lilly Adelt die noch nicht 17 Jahre alt ist und eine andere, vermutlich eine Kommunistin, deren Namen nicht festgestellt ist(sie wurde mit einer Peitsche übers Gesicht geschlagen). Die Schläge werden hauptsächlich mit Gummiknüppeln ausgeteilt Während des Verhörs werden die Gefangenen oft durch einen Nazi, der sie von rückwärts angreift, zu Boden geworfen. Wenn sie nicht sofort wieder aufstehen, werden sie mit Fußtritten bearbeitet. Max Köhler wurde so mißhandelt, daß der Arzt Ihm Haftunfähigkeit bescheinigte. Er wurde trotzdem weiteren Kreuzverhören unterworfen, man brachte ihn auf einer Tragbahre herbei. Die Gefangenen werden fortgesetzt von Ihren Peinigern gehöhnt und beleidigt... Unter denen, die die schlechteste Behandlung zu erleiden hatten, waren Edith Baumann und Karl Baier. Aehnliche Brutalitäten werden an den Gefangenen In der Cotumbiastraße verübt" Daß in Deutschland Frauen mißhandelt werden, hat der Nationalsozialist Graf Reventlow In- seinem Brief an Hitler und den Oberl. SA-Führer Köhra In einen öffentlichen Aufruf bestätigt. Die autoritäre Staatsführung ist aber entweder nicht willens oder nicht imstande, diese Kulturschande zu beselti-i gen. zu erfassen und an seinem Aufbau mitzuwirken. Denn der Soziallsmus kann ja nicht einfach von oben her dekretiert werden. Das gegenwärtige deutsche Arbeitsrecht. besser gesagt, die gegenwärtige Rechtlosigkeit, hat die Aufgabe und den Zweck, den Kapitalismus zu erhalten. Das Arbeitsrecht aber, das die Arbeiterklasse nach der Eroberung der politischen Macht einführen wird, muß ein kollekUves sein und hat die Aufgabe und den Zweck, das Proletariat für den Sozialismus reif zu machen. .„..Die Idee neu zu beleben. das gegenwärtige staatliche und gesellschaftliche Sein mit marxistischen Erkenntnissen zu durchdringen, den Sinn der deutschen Arbeiterschaft für die geschichtliche Größe ihrer Aufgabe, den sie verloren hat, neu zu wecken, das Ist ebenso sehr unsere Aufgabe, wie die Prüfung der Frage, ob unsere Politik In der Vergangonhcit der Größe unserer Ideen und Zielsetzung angemessen gewesen Ist. Diese Arbeit muß mit längeren Zeiträumen rechnen. Reine Machtpolitik kann einen Systcmwechsel in kurzer Zelt herbeiführen, die geistige Grundhaltung der Menschheit ändert sich in längerou Fristen und erst die Veränderung der geistigen Grundhalfung verbürgt die Sicherheit des Neuen..." ——— ein Zitat aus dem ersten Halt der Monatsschrift „Sozialistische Revolution" die erstmalig Im Oktober erscheint. Teilen Sie die oben wiedergegobene Autlassung (aus dem Artikel:„Der Rück- lall In den Machtstaat)? dann müssen Sie Ihre Verbreitung fördern. Sie fördern sie, wenn Sie die„Sozialistische Revolution" lesen*—— Also, wir erwarten Ihre Bestellung. Im Deutschland von heute ist es unmöglich, im Sinne der wohlverstandenen gewerkschaftlichen Tradition tätig zu sein. In der Vergangenheit hat man vielfach geglaubt, die gewerkschaftlichen Aufgaben seien erschöpft gewesen, wenn die Lohnregulierung und Unterstützungszahlung erfolgt sei. In Wirklichkeit waren den Gewerkschaften viel größere Aufgaben gestellt. Sie waren der eine Flügel der Arbeiterbewegung, die dem Sozialismus zum Durchbruch verhelfen soll, die Partei der andere. Und da heute jede Betätigung im Sinne dieser höhen Aufgaben der Gewerkschaftsbewegung unmöglich ist, so ist es Pflicht eines jeden Gewerkschafters, mit dabei zu sein, wo der politische Kamp! gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geführt wird. Denn das Endziel aller gewerkschaftlichen Tätigkeit ist die Befreiung des Proletariats, ist der Sozialismus. Sie fahren wie verrück tl Ein AatoünfaJl des Berliner SA.-Grupptr.- tührers, Stadtrat Ernst, wurde von oppositionellen sächsischen SA.- Leuten zum Anlaß genommen, ein Flugblatt zu verteilen, in dem festgeseUt wurde, daß seit dem 1. Juli 1933 insgesamt 80 nationalsozialistische Minister, OberprOsidenten, Staatsräte, SA.- und SS.- Führer sowie Leiter der.deutschen Arbelts- Iront" and der NSBO AaiomhiUc erlitten haben. Ber Xationaldiirurg Sauerbruch als Nazipropagandist Der Geheimrat Professor Dr. E. P. Sau- crbruch, Direktor der chirurgischen Universitätsklinik in Berlin, ist ein weltberühmter Arzt. Er hätte es gewiß nicht nötig, sich zum Schleppenträger der NaziprOpaganda machen zu lassen. Aber, er läßt es geschehen. Von Sauerbrueh gezeichnet, geht ein„offener Brief1'' an die Aerztöschaft der Welt. Darin appelliert der große Chirurg an seine„zahlreichen bermlich-freundschaitlichen Beziehungen zum Ausland"; er hofft, daß seine Mitarbeit an der Abröstungsdebatte— sie und nicht etwa Fraßen der Hygiene und der Wohlfahrt sind der Inhalt des Briefes—„nicht mißdeutet öder gar abgelehnt sondern richtig gewertet wird". Nun ist es gewiß das gute Recht eines jeden Bürgers, sich um so wichtige Fragen, wie deren eine die Abrüstung ist,, zu bekümmern; immerhin hätte Sauexbrucli bedenken sollen, daß er hier nicht cJs Sachverständiger spricht und leicht als ein Düpierter sprechen könnte. Er hätte vielleicht auch sich erinnern dürfen an die blamablen Reinfälle, die schon oft genug polltische Kundgebungen deutscher Fachgelehrter kennzeichneten. Aber aüeh das mag lilngohen. Was aber Soll die Welt, die hirtlänglich wissende, dazu sagen, daß Sauerbrueh, Repräsentant der deutschen Aerzte- schaft, es fertig bekommt, Ausführungen zu decken, die gewiß Selbstverständliches enthalten, die aber, von der dautschen Aerzteschaft gesagt, schamlose Unredilohkeiten sind. In dem von Sauerbruch gezeichneten Briefe heißt es: „Es Ist eines der unwandelbaren, unantastbaren Gesetze der Menschheit, daß ihre Aerzte frei von zeitgebundenen Kräften ihr Werk tun. So sehr auch die Medizin als Wissenschaft ihr wechselndes Gepräge von einzelnen Kulturepochen empfängt, die Ideelle Haltung des Arztes bei seiner verantwortungsvollen Arbeit muß unbeeinflußt und m e n s c h 1 1 c h f r e i bleiben. In der unmittelbaren Be«Iehung Zu jedem Kranken, der sich ihm anvertraut, liegt seine königliche, ja göttliche Sendung." Herrliche Worte und großartige Wahrheiten I Man möchte meinen, daß sie der Ausgang für ein Verdammungsurtell seien gegenüber dem Hitlerdeutschland, das die Freiheit des Arztes aul ichimpfiichste Weise geschändet hat. Oder weiß Sauerbrueh nichts von der Vernichtung ungezählter deutscher Aerzte durch den Nationalsozialismus, weiß er nichts von der brutalen Anwendung des Arierparagraphen und der„politischen Unzuverlässlgkelt", diesen Infamen Drosselschlingen gegen tausende seiner Kollegen? Sauerbruch glaubt,„national" zu handeln. Aber nur der Gelsfesarbeiter, der sich gegen das Deutschland von heute empört, rettet damit vor den Augen der Weit ein Stück des deutschen Ansehens. Wer sich Ihm unterwirft, macht sich selber und seiner Nation nichts als Schande, —— j_ Tanzt deutsdi! Der Dtttseldorttr„Mitlot' eine besonders ergiebige Quelle ncudeuischer Komik, bringt am 19. September eine glorreiche Reportage über die Gleichschaltung im deutschen Taneunler rieht, Auf amtlichen Wunsch, so mitteilte der Vorsitzende des Kongresses der Tanzlehrer Im Regierungsbezirke Köln, soll die Gleichschaltung des Unterrichts für Tanz und Anstand erfolgen. Die Uneinig- foclt in den eigenen Reihen müsse aufhören. Der Tanz habe von Ither im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens gestanden und der Stil einer guten Gesellschaft hänge von der Ansführang eines guten Tanzes ab. Die nationale Regierung habe lür Disziplin gesorgt, damit sei die Dlssipllnloslgkett der letzten Jahre glücklich beseitigt worden. Nach amtlicher Aulfassung gehöre der Tanz unier die Abtetlang Volksbildung. Ein anderer Tonemefster führte aus, daß es zunächst gelle, mit den undeulschen Tänzen aufzuräumen. Es könne nicht angehen, daß von arischen Menschen Negertänze getanzt würden. Man wolle einen nationalen Tanz, der durch Maß nnd Zucht gekennzeichnet sei. Die Zukunft des Arbeiisredits V on einem deutsdien Ge werk schatter Die Sozialpolitik des demokratischen ates war eine sehr gute Unterstützung wirtschaftlichen Kampf der Arbelter- ise. Selbst der weitestgehende Abbau ►er Sozialpolitik konnte dem Unterneh- 'tum nicht genügen, well damit die npfkraft der Arbeiterklasse noch nicht ögend geschwächt gewesen wäre. Des- � ging man mit aller Energie an die HigeVernichtungdeskollek- 'en Arbeitsrechtes. Die Verordnungen und Erlässe, die vor Gewerkschaftsaktion erlassen wur- • bereiteten den Boden vor. Mit der 'emahme der Gewerkschaften durch Nazis waren die Träger und Schöpfer kollektiven Arbeitarechtes zertrüm- rt. An Stelle der freien Wahl wln- aftlicher und»ozlalpolltischer Vertre- durch die Arbeiterschaft trat die Er- nung. An Stelle des Vorschlagsrechtes Gewerkschaften trat das der N. S. B. Man hob nirgends Gesetze oder Ver* nungen über das Arbeltsrecht völlig « sondern sorgte nur dafür, daß alle etzlichen Institutionen der N. S. B. O. geliefert wurden. Nach dem Willen „Führers" Ist die N. S. B. 0. alne ine Truppe zur Durchsetzung des Na- lalsoziallsmus in den Betrieben. Es ist ? Mnz klar, daß die N. S. B. 0. nie- Is zum Schopfer und Träger kollek- Arbeitsrechtes werden kann. Dort, sie es werden könnte, sorgen die po- ichen Organe de« Faschismus daiür, 1 sie es nicht wird. Die heutigen Go- rkschafton in Deutschland sind besten- s Unterstützungsvereine. Sie sind aber einmal das, sondern sie sind der ! r r s ch a f t s a p p a r a t über die ;beiterklasse. Ohne freie und un- �gige Gewerkschaften kein kollcku- 5 Arbeitsrecht! Obwohl die arbeitsrechtlichen Gesetze formell noch bestehen, ist doch das kollektive Arbeitsrecht völlig zerstört, weil man seine Träger und Schöpfer als solche zerstört und zerschlagen hat Das Proletariat ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich vollständig entmachtet Es erscheint gewiß sehr kühn, heute, wo die deutschen Faschisten verkünden, daß der gegenwärtige Zustand in alle Ewigkeit erhalten bleiben soll, von einem künftigen Arbeitsrecht zu sprechen. Und doch ist diese Kühnheit berechtigt Es hat noch nie eine Despotie gegeben, die sich ewig erhalten hat das wird auch der deutsche Faschismus erfahren. Ein Zurück nach Weimar gibt es dann nicht mehr. Mit dem Sturze des Faschismus wird auch der Sturz der k a p i- taiiatischon Wirtschaftsordnung verbunden sein. Und da ist es durchaus zweckmäßig, die Frage anzuschneiden, welches Arbeitsrecht unmittelbar nach dem Sturze des Faschismus zur Anwendung kommen soll Die Verhältnisse haben sich gewaltig geändert Die Gewerkschaften sind Im „totalen Staate" Staatsinstitutionen geworden. Eine Generation Proletarier wächst heran, die vom kollektiven Arbeitsrecht seinen Schöpfern und Trägern, nicht« weiß. Wenn auch nun die Gewerkschaften sofort wieder unabhängig werden, so ist doch das kollektive Arbeitsrecht noch nicht wieder erstanden, weil die Gewerkschaftsmitglieder, weil die Arbeiterschaft es schließlich verlernt hat, es zu schöpfen und zu erhalten. Gerade für eine sozialistische Wirtschaftsordnung ist es notwendig, daß jeder einzelne Arbeiter geschult genug ist nicht rfur das kollektive Arbeitsrecht sondern auch den Soziaiismus in seiner Bedeutung Nationalsozialistischer Sozialismus u. kapitalistische W irklidikeit Je weniger die Nationalsozialisten an die Verwirklichung des SoziaHsmus denken, desto mehr häufen sich die Definitionen ihres einzig „wahren" Soziaiismus. Da ist zunächst Trunkenbold Ley, Führer der Arbeitsfront. Er hat einen Aufruf losgelassen, in dem es heißt: Wir wollen dem arbeitenden Menschen im Betriebe die Hand drücken. Es muß wahr werden, in diesem Winter darf kein Volksgenosse hungern und frieren. Die früheren Machthaber führten das Wort Sozialismus auf den Läppen, wir wollen es in die Tatumsetzen, Vorwärts mit Hitler gegen Hunger und Kälte! Sozialismus ist also organisierte Bettelei, sowie zwangsweiser Abzug von Lohn und Gehalt bei Arbeitern, Angestellten, Beamten und Reichswehrsoldaten, die Verwandlung der Arbeitslosen, den die früheren Machthaber das Recht auf Unterstützung gewährleistet hatten, in einen Almosenempfänger. Dafür darf der Arbeiter sich aber nach demselben Ley als nordischer Herrenmensch fühlen. Und nochmals Ley! Auf einer Massenkundgebung der Betriebsgruppe, Banken und Versicherung, auf der Reichswirtschaftsminister S c h m i 1 1 als Hauptredner sprach, sagte dieser Führer der Arbeitsfront: „Das beste Arbeitsbeschaffungsprogramm sei das Vertrauen und der Glaube. Das Beste in der Wirtschaft seien nicht Fabriken, sondern die menschliche Arbeitskraft Nicht eine neue Wirtschaftsordnung tuenot sondern eine neue Gesellschaftsordnung. Wir würden neue Menschen, wenn wir Kameraden würden, geboren aus dem gemeinsamen Kampf um das Dasein unseres Volkes, und dann würden wir alles meistern." Es sind nur wenige Worte, aber sie haben viel Unsinn in sich. Oder vielmehr, der Ley muß viel Alkohol in sich gehabt haben, denn nüchtern hätte selbst er das Kauderwelsch nicht zusammengebracht Also Nationalsozialismus ist keine neue Wirtschaftsordnung. Es bleibt bei der alten, die bekanntlich die kapitalistische ist. Aber, entdeckt Ley, er ist eine neue Gesellschaftsordnung. Dazu brauchts keine neue Wirtschaft; es genügt wenn Thyssen und der Arbeitslose Kameraden werden. Dann ist Leys Sozialismus verwirklicht Ein anderer Oberbonze! In der ersten Sitzung der Ausschüsse für Sozialpolitik und kaufmännisches sowie gewerbliches Bildungswesen, die in Berlin am 27. September stattfand, betonte der Präsident Dr. von Renteln, Sozialismus, jenes oft so falsch verstandene Wort sei nichts anderes als Gemeinschaftsbildung und in diesem Sinne sei auch die sozialpolitische Arbeit praktischer Sozialismus. Sozialisieren könne man nur die Gesinnung. Die Zurückdrängung der Menschen und des Menschlichen sei das Kennzeichen des marxistischen Sozialismus gewesen.'Demgegenüber wolle der deutsche Sozialismus wieder den Menschen in den Vordergrund stellen. Und deshalb stellen sie die Thyssen und Krupp in ihren Staatsrat und ihren Generalrat der Wirtschaft und die Arbeiter in die Konzentrationslager oder bestenfalls in die Stempelstellen und den Arbeitsdienst Aber nach der Farce kommt der Ernst nach der so jämmerlichen scheinsozialistischen Phrase die kapitalistische Wirklichkeit zu Wort. Auf der schon erwähnten Tagung in München sagte der wirklich maßgebende Wirtschaftsminister Schmitt;• „Aufgabe des Staates gegenüber der Wirtschaft sei, sie zu überwachen, aber nicht einzugreifen... Die deutsche Wirtschaft werde nur dann wieder zur Blüte kommen, wenn es gelingt die Rentabilität jedes einzelnen wirtschaftlichen Unternehmens sicherzustelle n." Das ist deutlich: Wiederherstellung des Profits, das ist das A und 0 der Wirt- schaftspoh'tik der nationalsozialistischen Diktatur. Das ist die Antwort des nüchternen Ministers auf den besoffenen Ley. Set Sinn Oes ginfopfsecWi» ®ojioIi3muS bre itot %n nödiften Sonntag, bem$eut(d)tn ffrnfe' banitog, tsirb in Stobt unb Sanb jum erftenmal bat Eintopfgericht Auch Hugenbergs„Lokalanzeiger" ist heute„sozialistisch" geworden und predigt Eintopf-Sozialismus. Patent Göbbels. Strafsache Cohn Kulturbild aus dem Dritten Reldi „F u 1 d a c r Z e i t u n g" vom 16. September: In einer Einzelrichtersitzung befaßte sich unlängst das Gericht mit der Strafsache Cohn. Herr Cohn, Inhaber des Manufakturwaren- geschäftes Becker neben der Pfarrkirche, wurde beschuldigt, sich am 21. August d. J. in seinem Geschäft einer Kundin vom Lande, die eine Mütze kaufen wollte, in zudringlicher Weise genähert und an dem Mädchen unzüchtige Berührungen vorgenommen zu haben. Die Ankage wegen tätlicher Beleidigung stützt sich auf Aussagen eines 33 Jahre alten Mädchens, das behauptet, bei einem Mützenkanf vom Geschäftsinhaber aus dem Laden in einen im ersten Stock liegenden Geschäftsraum geführt und dort von dem Angeklagten in zudringlicher Weise belästigt worden zu sein. Nach ihren Aussagen vor Gericht hat sie selbst den Wunsch geäußert, die Mütze vor einem Doppelspiegel(mit dem man sich auch von hinten sehen kann) anprobieren zu wollen. Zu diesem Zwecke hatte sie der Geschäftsinhaber in den Geschäftsraum im ersten Stock geführt. Herr C bestritt aufs entschiedenste die Angaben der Zeugin und betonte, bei der kagiiehen Gelegenheit nur die bei einer solchen Anprobe üblichen und täglich häufig vorkommenden Bewegungen ausgeführt zu haben. Die Anprobe vor dem doppelten Spiegel habe es erforderlich gemacht, daß er der Zeugin den Kopf in die richtige Lage gerückt habe. Die ganze Szene war nach seinen Aussagen harralos. Auch zwei Zeuginnen, die in dem Geschäft angestellt sind und während des Vorfalles im unteren Ladenranm wellten, der gegenüber dem in Frage kommenden Geschäftsraum keine Abschlußtür aufweist, entlasteten durch ihre Aussagen den Angeklagten. Bei den widersprechenden Aussagen des Angeklagten und der Hauptzeugin prüfte das Gericht die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen, wobei von einem hiesigen Arzt, bei dem das Mädchen gelegentlich in Behandlung stand, ein Gutachten abgegeben wurde. Es lautete dahingehend, daß die hysterische Veranlagung der Zeugin, die nachweislich schwer nervenleldend ist und sich nach ihren eigenen Angaben vor mehreren Jahren einmal sechs Wochen lang in der Universitätsnervenklinik in Marburg befand, die Vermutung zuließ, an und für sich harmlose Vorgänge würden sich in ihrer Einbildungskraft aufbauschen und sich so zur fixen Idee ausbilden, von deren Richtigkeit sie selbst überzeugt ist Nach zweistündiger Verhandlung erging folgendes Urteil; Der Angeklagte wird wegen tätlicher Beleidigung statt zu einer verwirkten Gefängnisstrafe von 20 Tagen zu 100 Mk. Geldstrafe und zu den. Kosten des Verfahrens verurteilt und zwar mit Rücksicht darauf, daß er noch nicht vorbestraft ist In der Begründung wird gesagt, das Gericht habe sich nicht davon überzeugen können, ob alle Angaben des Mädchens objektiv w a h r s e i e n. Jedoch sei es überzeugt daß die Zeugin die Vorfälle so glaube, wie sie sie geschildert habe. Es könne die Aussagen der Zeugin jedoch nicht in vollem Umfange für glaubwürdig halten. Eine tätliche Beleidigung liege immerhin insofern vor, als die Zeugin sich auch die wenn auch harmlosen oder scherzhaften Berührungen eines jüdischen Verkäufers nicht gefallen zu lassen brauche. II „Fuldaer Nachrichten" vom 18. September; Als vor wenigen Tagen der sattsam bekannte tschechische Jude Cohn, Inhaber des Manufakturwarengeschäftes Becker& Co., durch die Straßen der Stadt Fulda geführt wurde, weil er es gewagt hatte, sich an einem deutschen Mädel zu vergreifen, da war die Oef- ientlichkeit gespannt welche Strafe diesem typischen Vertreter seiner Rasse für seine Unverschämtheit wohl erreichen werde. Am Freitag Vormittag hatte sich nun Cohn — aus der Schutzhaft vorgeführt— vor Gericht zu verantworten. Sein ganzes Auftreten war das des frivolen, frechen Judengenossen. Höhnisch grinsend beantwortete er die Verlesung des Protokolls und die Aussagen der Zeugin. Vor dem Richter leugnete selbstverständlich Jud' Cohn. Ein„harmloses" Streicheln der Wange der Zeugin gab er allerdings zu. Die bestimmten und ruhigen Aussagen der Zeugin, die merklich eine seelische Erschütterung auf Grund der Vorfälle erlitten hatte, stehen in krassem Widerspruch zu den Aeußerungen des Angeklagten und stempeln ihn zum Lügner. Der Verteidiger des jüdischen Schmutzfinkens, Rechtsanwalt Dr. Büttner, versuchte mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten seinen Klienten zu entlasten. Für ihn war ausschlaggebend, daß die Zeugin vor Jahren aui 6 Wochen in einer Nervenheilanstalt war. Sie wurde aber als völlig gesund entlassen. Diese Tatsache genügt ihm allein, um ihr jetzt jedes logische Denken abzusprechen. Mit juristischen Spitzfindigkeiten gelingt es ihm, das Gericht von der „Unschuld" des Ostjuden zu überzeugen. Herr Büttner, Spitzfindigkeiten gibt es im neuen Deutschland nicht mehr. Heute gilt deutsches Recht! Was uns Nationalsozialisten an dem gesaraten Verlauf der Verhandlung ungeheuerlich und fast unglaubwürdig anmutet, was wir weiter auf das Energischste ablehnen und was eigentlich heute vor einem deutschen Gericht nicht mehr vorkommen dürfte, ist die Tatsache, daß Cohn an einer seiner Angestellten— einem deutschen Mädel— noch einmal das vorführt, was er nach seinen Angaben mit der Zeugin gemacht haben will. Damit kam der Ostjude zu doppeltem Genuß! Hier ergibt sich übrigens die Frage: Wie konnte sich die Angestellte dies gefallen lassen und wie konnte das Gericht dies überhaupt gestatten? Der Staatsanwalt nahm scharf Stellung gegen das Verhalten des Juden und beantragte wegen tätlicher Beleidigung 3 Monate Gefängnis. Das Gericht konnte sich aber von der Schuld Cohns anscheinend nicht überzeugen und„verurteilte" ihn zu der„hohen" Strafe von 100 RM.. anstatt einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von 20 Tagen. Die Hinzuziehung des Sachverständigen Dr. Rubi war völlig überflüssig, da ja seine Aussage, daß die Zeugin absichtlich die Wahrheit nicht verdreht von dem Gericht außer Betracht gelassen wurde. In dieser Angelegenheit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Nachschrift der Redaktion des„Neuen Vorwärts": Der Warenhausbesitzer Cohn aus Karlsbad. 30 Jahne iu Fulda ansässig, hatte seinerzeit gegen die Boykottierung seines Geschäftes das tschechoslowakische Konsulat mit Erfolg In Bewegung gesetzt Darum wurde das Unzuchtstheater gegen ihn aufgeführt Das„deutsche Mädel", das im Kaufhaus nicht die geringste Spur von Aufregung gezeigt hatte, ging schnurstracks zur SA. Eine Stunde später wurde der unbescholtene alte Mann mit einem Schild:„Ich Jude habe ein deutsches Mädchen geschändet" durch die Straßen gefahren. Das Warenhaus steht leer— kein Mensch wagt mehr, dort zu kaufen. Der Besitzer befindet sich ,jn Schutzhaft". Und Strafsache Weinbaum Im Kaufhaus B 1 a ß e in Brcslan waren antifaschistische Flugblätter verbreitet worden. Da der Verbrecher nicht zu finden war, wurden 22 jüdische Angestellte entlassen. Der Inhaber des Geschäftes, ein strammer Nazi, namens M e y e r, begnügte sich jedoch mit dieser Maßnahme nicht, sondern zeigte zwei der Entlassenen, die Einkäufer W e i n b a u m und H e i 1- fron, wegen angeblicher„Sabotage" der Geheimen Staatspolizei an. Weinbaura wurde verhaftet. Heüfron gelang es zu entfliehen.„Sabotage der nationalen Arbeit" ist heute ein schweres Delikt, dessen man gerne einen anderen Wenn Sie ein Haus oder einGeschäft irgendwo in England kaufen oder verkaufen wollen „so schnell wie möglich" schreiben Sie an Thomas& Francis Häuser-und6üteragenten,421GroveRoad, South Woodford London, E. 18. Groß-Brittanien beschuldigt, wenn die Geschäfte schlecht gehen. Offenbar glaubte sich Herr Meyer, der nur ein Strohmann ist, vor seinem Chef— einem Herrn, der im Mai dieses Jahres die Taufe empfing— anders nicht mehr verantworten zu können. Sdiuifhaft, weil zu billig! Aus Hameln wird berichtet: Wegen unverantwortlicher Preispolitik wurden die Stuhlfabrikanten Gebrüder Bahre in Marienau in Schutzhaft genommen. Die Firma Bahre wird beschuldigt, ihre Stühle viel zu billig in den Handel gebracht zu haben. Darüber beschwerten sich die ebenfalls Stühle erzeugenden Tischlermeister der Umgegend beim _ Deutschen Holzarbeiterverband. Zahlstelle Hameln. Die Verhaftung der Gebrüder Bäl.re erfolgte auf Anordnung(!) des Kreisleiters des Deutschen Holzarbeiterverbandes. Die deutschen Gewerkschaften haben so ihre Aufgaben! Die Großmutter des Windhunds! Leipzig sorgt für Rassenreinheit im Hundereicb Aus Sachsen wird uns geschrieben: Die Leipziger Hunde lassen ihre mehr oder minder reinrassigen Ohren hängen, keine Wurst schmeckt ihnen mehr und sie erfüllen die Straßen mit traurigem Gewinsel. Die Aerm- sten sind von der nationalen Erneuerung ergriffen worden! Der Stadtrat hat sich ihrer erinnert und hat seiner Entrüstung darüber Ausdruck verliehen, daß Mischehen unter den Vierbeinern der Stadt nicht selten sind und. daß die Unsittlichkeit in erschreckendem Maße zunimmt Um hinfort alle renitenten Tiere zu strafen, die seihst im Dritten Reiche noch nicht begriffen haben, daß der Hunde-Adel aus Blut und Boden gewachsen, nicht geschändet werden darf, hat der Stadtrat zu Leipzig in Sachsen soeben eine Verordnung, die Hundesteuer betreffend, herausgegeben, nach der in Zukunft Bastarde und Hunde minderwertiger Rasse weiter RM. 60.— im Jahre zu zahlen haben. Indes die edlen Rassehunde mit beglaubigtem Stammbaum nur RM. 20.— zu erlegen brauchen, da es gilt die deutsche Hundezucht zu beben. Nun wird die Jagd nach der Großmutter auch im Tierreich beginnen, nun wird eine Pinscherin, die sich einem Windhunde unsittlich nähert, an den Pranger gestellt werden.— Vielleicht werden auch besondere Latern'en- pfähie für die edlen Reinrassigen reserviert, um sie vor der Gesellschaft minderwertiger Unterhunde zu bewahren. Uebrigens trifft die Bestimmung, die auf die braune Tierfreundlichkeit ein seltsames Licht wirft, wieder ffl3' die ärmsten Teufel, denn wer sich für RM- 1000.— und mehr einen Stammbaum leisten kann, vermag auch die Hundesteuer spielend zu bezahlen. Es ist wirklich ungerecht, von Göbbcl5 und Hitler auf die Minderwertigkeit der Bastarde im allgemeinen zu schließen, nicht jede Hakenkreuzung muß derart mißglücken. Andererseits liefern die Hohenzollernprinzen, di® neuerdings bei allen SA-Aufmärschen als Paradepferde mitwirken, den Beweis dafür, daß auch ziemlich reine Rassen degenerieren, und der Menschheit Schande bereiten können. Wi® dem auch sei— das Leipziger Straßenbild wird zweifellos durch den Bastard-Boykott®r* heblich gesäubert werden, und wenn die LeiP" ziger Hunde nichts zu lachen haben, so wird die Welt über diese neueste Blüte an Hitler5 Rassebaum desto mehr lachen. Chemisdi-pharraazcutiscfae!« Laboratorinm sucht. erfahrenen Chemiker Bei Angeboten Criihcre Arbeitssiellen angeben.— Farvnacon Klsdilnew, Bessarablen, Rnmänle» Im Winter kommen Sie nach Paris. Si® werden die größte Wohnlichkeit in dies®0 zwei Hotels finden Hotel de Caslllle (Madelaine) 37— Rue Cambon Zim. u. Mab. von 55 fr. Fr. Restaurant— Garten Hotel Cambon (Champs-Elysöes) 3— Rue Cambon Zim. u. Mah. von 45 fr. Fr. Familienleben— Billig und behaglich Zalmotzl S. 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