Redaktion und Terlag: Karlsbad, Haus„Graphia" Tel. I0S1 Preis der Ciozclnummer I/' v j j s\ Ini Ausland Kc 2�) 1A.C 1•4'\J Auslandspreise tinzelnumm. Tierteljährl Argentinien... Pes. OJO Pcs a.60 Belgien..... Frs. 2.— Frs. 24.— Bulgarien.... Lew 8.— Lew. 96.— ganz»?..... Guld. 0.30 Guld. 3.60 Deutschland... Mk. 0.25 Mk. 3.— Bs« nd..... E.Kr 0.22 E. Kr. 2.64 Finnland..«. Fmk 4.— Fmk 48.— Frankreich... Frs. 1.50 Frs. 18.— Großbritannien.. d. 4.— sh. 4.— Holland..... Gld. 0.1« Old. 1.80 Italien...... Lir 1.10 Lir. 13.20 Jugoslawien... Hin. 4.50 Dln. 54— Utlland..,.Lat 0�0 LaU 3.60 IVr. 21 Sonntag, 5.]VoTemberl933 Bezugspreis im Quartal 17 4 Q (Im Ausland kd 24�-) i\.C 1 O«- Auslandspreise tinzelnumm vierte Ijährl. Litauen..... LH 0.55 Lit. 6.60 Luxemburg,,. B. Frs. 2.— B.Fi, 24.— Norwegen.,.. Kl 0.36 Kr. 4 20 Oesterreich... Sch 0.40 Schill. 4.80 Palästina.... Müs 18.- Müs 216.— Polen...... Zloty 0.50 Zloty 6.— Portugal.... Esc. 2.— Esc 24— Rumänien... Lei 10.— Lei 120.— Saargeblet,.. F.Fi. 1.50 F. Fi. 18.— Schweden.... Kr 0.35 Kr. 4 20 Schweiz.... Frs. 0.30 Frs 3.60 Spanien••.. Pes. 0.70 Pes. 8.40 Ungarn..... Pengö 0.35 Pengö 4.2o USA....•.. Dollar 0.08 Dollar 0.90 Sozialdemokratisches Wochenblatt Hov�mbetsQeiiihus Alles für die Revolution! Die vielen Millionen, die am 9. November 1918 der Republik zujubelten, waren gewiß nicht weniger begeistert und nicht weniger zukunftsgläubig als die nicht minder zahlreichen Scharen, die im Zuge der sogenannten„nationalen Revolution" Adolf Hitler folgten. Aber sie waren ganz anders zusammengesetzt. Was damals vor 15 Jahren auf dem Königsplatz, der später Platz der Republik hieß und jetzt wieder Königs- Platz heißt, unter roten Fahnen hin u. her Wogte, war die graue Masse des großstädtischen Fabrikarbeiterproletariats. Angehörige der sogenannten„höheren Stände" war darin selten fielen auf, wie bunte Vögel unter Sperlingen. Wenn heute zu den großen Tagen der„nationalen Revolution" die glänzend lackierten Autos von allen Seiten herbeisaußen, Prinzen und Prinzessinnen, Generäle nnd Inhaber phantasievoller Privatuni- tormen ihnen entsteigen und hurrarufen- des„Volk" aus respektvoller Entfernung die ganz Pracht bestaunen darf, so ist das gewiß ein ganz anderes Bild. Dieses Volk von 1933 ist auch ganz anders zusammengesetzt als das von 1918; es überwiegt der sogenannte ;.Mittelstand", der Akademiker, es ist in Kern und Stern Kleinbürgertum und nur im Schweif, den es hinter sich hergeht, Proletariat. Schon der äußere Vergleich der beiden„Revolutionen" zeigt, daß hier eine Schlacht im Klassenkampf geschlagen wurde und daß die Arbeiterklasse die Besiegte ist. • Man kann über die Ursachen dieser Niederlage Abhandlungen, Broschüren nnd dicke Bücher schreiben, und kann in Hunderten von Fällen nachprüfen, ob die Entscheidungen, die getroffen worden sind, richtig oder falsch waren— �iche Arbeit ist nützlich und notwendig, gewiß! Aber es bedarf in keiner Weise knifflicher Untersuchungen, um zu erkennen, daß sich die Niederlage der Arbeiterklasse zunächst einmal aus ihrer Uneinigkeit erklärt. Unsere Siegeszuversicht beruhte stets auf der Tatsche, daß das Proletariat eine einheit- Üche Masse mit einheitlichen Interessen darstellte, der eine buntzusammenge- Würfelte Menge von sozialen Minderhei- ien mit den allerverschiedensten Internen und Zielsetzungen entgegenstand. Jene Menge— vom pensionierten Feld- Marschall oder kapitalistischen Großverdiener bis zum kleinsten Ladenbesitzer— vorübergehend zusammenzu- Mssen, das war das Kunststück der nationalsozialistischen Krisenspekulation. Aber was hätte schon dieser große, Hau- M bedeutet gegenüber einer Arbeiterklasse, die einig gewesen wäre! Sie J�ar es nicht, und so hatte der Feind Gelegenheit, beide Teile gegeneinander Miszuspielen. Seine— nur vorübergehend mögliche r- Geschlossenheit Wurde für ihn ein entscheidender Vorteil. • . So kam der Feind zur Macht, und seine Macht ist heute unbeschränkt. Sie so groß, daß er im inneren Sprachgebrauch sogar den Worten befehlen kann, welchen Sinn sie haben sollen, und er kann die Kette seiner Schandtaten als eine„Revolution" bezeichnen, ohne auf Widerspruch zu stoßen. Auch Nicht-Nationalsozialisten, sagar im Ausland, sind diesem Druck erlegen ausgenutzt gebliebene Möglichkeit, durch kluge und einheitliche Ausnutzung seiner politischen Rechte zur politischen Macht zu gelangen und zum sozialistischen Generalangriff auf das kapitalistische System überzugehen. Das alles waren Revolutionen, große Des Reldies Ehre ist wieder hergestellt Die NoTcmbcrTerbredier sind besiegt! oder von dieser Seuche angesteckt worden, und sie reden von einer„nationalen Revolution". Wie denn? Gehört es nicht zum Wesen einer Revolution, daß durch sie etwas, was dem Volke und der Menschheit wertvoll ist, vorwärts gebracht wird? Und was hat die Hitlerei sonst vorwärts gebracht als die Dummheit, den Stumpfsinn, den Aberglauben, die Gewalttätigkeit, die Barbarei in jeglicher Gestalt? Die englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts waren Durchbruchsschlachten des Bürgerrechts und des Parlaments. Die große französische Revolution proklamierte die Menschenrechte, die von 1848 das allgemeine gleiche Wahlrecht und die Souveränität des Volkes. Die November-Revolution von 1918 schuf aus zwei Dutzend Gottesgnadentümern die demokratische Republik, das moderne Arbeitsrecht, die Demokratie in der Gemeinde, sie gab dem Proletariat die un- und kleine, heroische und unblutige, aber allen ist ein gemeinsamer Zug eigen, sie alle weisen und reissen nach vorne. Solange in Deutschland Worte noch einen Sinn hatten, war es unmöglich, Bewegungen, die nach dem Mittelalter, dem Absolutismus, den brutalsten Formen der Klassenherrschaft tendierten, als„Revolutionen" zu bezeichnen. Erst seit durch den totalen Staat der totale Unsinn regiert, konnte befohlen werden, von einer nationalen Revolution zu reden. Eine exzellente Revolution, fürwahr! Revolution der Exzellenzen! * Wir anderen sehen dieses schmutzige Schauspiel mit Hohn auf den Lippen, Haß und Wut im Herzen, denken an die verspielte Novemberrevolution, die verlorene Freiheit, wissen, daß Streit um Worte und Haarspalterei zwecklos ist, daß überhaupt alles Gerede und Geschreibe zwecklos bleibt, wenn es nicht die Einigkeit und die Tat vorbereitet, und wir haben nur einen brennenden Wunsch auf der Seele: Nicht durch Worte, sondern durch Handlungen dem Feinde zu zeigen, was eine wirkliche Revolution ist. Alles für diese Revolution— das ist unser Gelöbnis zum neunten November! Keine Wahl Nur Kontrollyersammlung der Untertanen Eine amtliche Veröffentlichung der Reichsregierung teilt triumphierend mit, daß außer dem Reichswahlvorschlag der NSDAP keine weitere Liste eingereicht worden ist. Die Wahl werde($Jch also zu einer gewaltigen Kundgebung des gesamten Volkswillens gestalten. Ist das schon eine in jeder Beziehung unberechtigte Schlußfolgerung, so ist eine weitere Bemerkung eine bewußte Irreführung der öffentlichen Meinung. So wird gesagt: „Von keiner Seite ist jedoch der Versuch unternommen worden, die Einheitsfront des deutschen Volkes zu durchbrechen und eine Gegenliste aufzustellen." Von einer Einheitsfront des deutschen Volkes kann gar keine Rede sein. Durch Terror und Gewalt läßt sich zwar jede andere Meinung als die des herrschenden Regimes unterdrücken. Niemals aber wird dadurch eine Einheitsfront des Volkes hergestellt. Durch Gesetz vom 14. Juli ist die Neugründung von politischen Parteien b e i Zuchthausstrafe verboten. Mit drakonischen Strafen wird jede Zuwiderhandlung, ja schon jede Zusammenkunft mehrerer Personen unterdrückt. Die Aufstellung einer Liste zur Reichstagswahl, für die 60.000 Unterschriften erforderlich sind, ist daher schon durch das Gesetz unmöglich gemacht. Daß die Nazis trotzdem über diesen Scheinerfolg triumphieren, zeigt, daß ihnen wirkliche Erfolge fehlen. Am 12. November findet in Deutschland keine Wahl statt, sondern durch ein Kommando werden die Wähler zur Wahlurne befohlen und jeder, der nicht gehorcht, wird mit brutalster Verfolgung bedroht. Trotzdem werden sich aufrechte Männer und Frauen das Recht nicht nehmen lassen, bei der Reichsta'gswahl den Stimmzettel ungültig zu machen und bei der Volksabstimmung Hitler ihr „N e i n" entgegenzuschleudern. Blinde marsdileren... „Der Montag"(Berlin, 30. Oktober), läßt sich aus Essen melden: Nach der Kundgebung am Sonnabend in den Essener Ausstellungshallen begab sich Ministerpräsident Göring zum Städtischen Saalbau, wo eine Speisung von 1000 bedürftigen Volksgenossen stattfand... Erschütternd wirkte der Einmarsch einer Gruppe von Blinden. Dieser„Einmarsch" mußte In der Tat erschüttern— er war ein deutsches Symbol. JCaisecsöhfte- Verpaßte Gelegenheiten Von Friedrich Stampfer. Im Prozeß um den Reichstagsbrand hat der Kommunist Dr. Neubauer als Zeuge über Unterredungen ausgesagt, die ich im Laufe der letzten Monate vor dem Staatsstreich mit Mitgliedern der Sowjetrussischen Botschaft in Berlin geführt habe. Diese Unterredungen waren vertraulich, ich würde darum in der Oeffent- lichkeit nicht auf sie zurückgekommen sein, wenn sie nicht schon im Gerichtssaal erwähnt worden wären. Neubauer hat auch mitgeteilt, daß er und Torgier die Absicht hatten, sich am Vormittag des Dienstag, den 28. Februar, im Reichstag mit mir zu treffen, und ich kann nur bestätigen, daß diese Besprechung wirklich geplant war. Sie konnte nicht mehr stattfinden, weil in der Nacht zuvor Reichstagsbrand und Staatsstreich das vorläufige Ende der deutschen Arbeiterbewegung und damit auch unserer persönlichen Bewegungsfreiheit herbeiführten. Zweifellos hatte Torgier am Montagnachmittag die Absicht, sich mit Neubauer und mir am Dienstagvormittag im Reichstag zu treffen. Daß er zum Zweck dieser Besprechung zunächst einmal am Montagabend den Reichstag anzündete und sich dann freiwillig in das Polizeipräsidium begab, wird wahrscheinlich in den Augen des Oberreichsanwalts ein neuer Beweis seiner verbrecherischen Tücke sein. Andere Leute haben auch ohnedies schon längst bemerkt, daß die ganze Anklage ein Unsinn ist. Kann ich also die entlastende Aussage Neubauers nur bestätigen, so bleibt doch neben der prozessualen Seite der Angelegenheit noch die politische. Ich möchte auch auf diesem Gebiete nicht mit Neubauer polemisieren, weil ich seine Aussage nur aus wenig zuverlässigen Zeitungsberichten kenne und weil er gefangen sitzt und mir nicht antworten kann. Nach den Berichten scheint es, daß Neubauer über die erwähnten Unterhaltungen falsch unterrichtet war, und das Ist kein Wunder,«ia weder er, noch ein anderer deutscher'Kommunist an ihnen teilgenommen hatte. Selbstverständlich habe ich niemals verlangt, daß die sowjetrussische Regierung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands oder der deutschen Arbeiterbewegung eingreifen solle. Es ging mir um etwas anderes. Seit langem stand für mich fest, daß es nur ein Mittel gab, den Sieg des Faschismus in Deutschland zu verhindern: es mußte mit der Zerrissenheit der deutschen Arbeiterbewegung ein Ende gemacht»werden. Um eine völlige Einigung herbeizuführen, dazu waren die Gegensätze viel zu stark. Aber vielleicht genügte es schon zur Rettung, wenn die selbstmörderische Taktik des gegenseitigen Sichbekämpfens zunächst einmal aufgegeben wurde, wenn man wenigstens so weit kam, sich bei Wahrung aller prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten über die beiderseitigen Maßnahmen zur Bekämpfung der gemeinsamen Gefahren zu verständigen. Auch soweit konnte man nicht kommen, wenn Moskau dagegen war. Es war notwendig, Moskau davon zu überzeugen, daß die Deutsche Sozialdemokratie keine feindselige Politik gegen die Sowjetunion betrieb und daß eine gewisse Verständigung notwendig sei. wenn nicht1 die deutsche Arbeiterbewegung und besonders auch die SPD. dem furchtbarsten Schicksal entgegengehen sollten. Längst hatte der von mir geleitete „Vorwärts" alle Angriffe auf Sowjetrußland eingestellt. In der Polemik gegen die KPD. beschränkte er sich auf die Abwehr gegnerischer Beschuldigungen, von denen zu befürchten war, daß sie, unerwidert gelassen, auf die Arbeiter einen ungünstigen Eindruck machen müßten. Die meisten Angriffe der kommunistischen Presse nahm er stillschweigend hin. Er unterließ es aber auch nicht, den Opfermut und den Idealismus der kommunistischen Arbeiter zu rühmen und bei jeder Gelegenheit auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens gegen den gemeinsamen Feind hinzuweisen. Nach solcher publizistischer Vorarbeit nahm ich im Herbst vergangenen Jahres mit der russischen Botschaft Fühlung. Niemals habe ich— wie Neubauer zu glauben scheint— von ihr oder einem Ihrer Mitglieder verlangt, daß sie sich Sie waren immer hinter dem Graben! Weit weg von Giftgas und Pulverdampf, weit weg vom blutigen Wahnsinnskrampf des Krieges ließen.sie ihre Gaben im Kreise der Schranzen herrlich erstrahlen— nur wenn es galt, mit Siegen zu prahlen, dann waren sie nicht in Charlesville, dann waren sie nicht in Doorn, dann waren sie vorn, ganz vorn! Sie ließen andre für sich verrecken— immer feste druff für Weib und Kind— doch damals im rauhen Novemberwind verschwanden sie nach entlegensten Ecken. Nicht einer blieb an der Spitze der Truppen, sie liefen davon, die entthronten Puppen, und warfen im Fliehen die Flinten ins Korn. Da waren sie wieder vorn, ganz vom! Jetzt wird das Volk aufs neue betrogen, aufs neue ins eherne Joch gespannt, in Zuchthäuser und Kasernen gebannt, durch Blut, Verzweiflung und Dreck gezogen. Gleich sind die Ausreißer wiedergekommen und haben im Ehrenstuhl platzgenommen. Jetzt blasen sie mit ins Hakenkreuzhorn, jetzt sind sie wieder vorn, ganz vorn. Und ein neuer November wird blutrot tagen. der Wind wird wilder und schärfer wehn, dann werden sie wieder beiseitestehn und seidene Unschuldsgewänder tragen. Doch wenn die Novemberfluten schwellen, werden sie mit dem Boot zerschellen. Diesmal führt kein Weg ins Ausland, diesmal führt kein Weg nach Doorn. diesmal heißt es; mitgehangen! Wer schuldig ist, bleibt vorn! Peter Paul. weniger breit gewesen wäre und wenn es gelungen wäre, ihn rechtzeitig zu überbrücken. Niemand kann daran zweifeln, daß es bis jetzt im Kampf zwischen SPD. und KPD. nur einen Sieger gegeben hat, nämlich die kapitalistische Reaktion in ihrer konzentriertesten Form. Ich meine aber, daß man in den Ländern. in denen es noch nicht so weit ist, und auch für Deutschlands Zukunft aus den furchtbaren Erfahrungen der Vergangenheit die notwend gen Lehren entnehmen soll. Der Verlust der demokratischen Freiheitsrechte ist für die Arbeiterklasse eine Katastrophe: wo diese Rechte noch bestehen, müssen sich alle Arbeiter zu ihrer Verteidigung zusammenschließen. Was aber besonders Deutschland betrifft, so hat der alte Streit um die Rolle der Gewalt im Kampfe um die Macht unter den gegenwärtigen Umständen jede Bedeutung verloren. Der alte Hader hat nun gar keinen Sinn mehr. Ich widerstehe daher der Versuchung, ihn aus Anlaß dieser notwendig gewordenen Erinnerungen von neuem zu beginnen. irgendwie in deutsche Verhältnisse einmischen solle. Es kam mir bei diesen Gesprächen nur darauf an. unterrichtet zu werden und selber zu unterrichten. Ob der Boden für eine Annäherung geebnet werden konnte und w i e er geebnet werben konnte, das wollte ich wissen. Ich glaube nicht, daß für die deutschen Kommunisten ein Grund besteht, mir daraus einen Vorwurf zu machen. Bei jenen Unterhaltungen setzte ich immer wieder auseinander, daß das Verhältnis zwischen Sowjetrußland und den Parteien der Sozialistischen Arbeiter-Internationale ganz unsinnig sei. Während Sowjetrußland zu kapitalistischen Mächten korrekte, ja freundliche Beziehungen unterhalte, bestehe zwischen ihm und dem Großteil der Arbeiterbewegung außerhalb Rußlands Todfeindschaft. Es sei unbedingt notwendig, das Verhältnis zwischen Moskau und der europäischen Arbeiterbewegung zu normalisieren. So wenig die deutsche Sozialdemokratie auf das Recht selbständiger Stellungnahme zu den russischen Dingen verzichten könne, so weit sei sie auch davon entfernt, die Bedeutung zu verkennen, die die Tatsache Sowjetrußlands für die Arbeiterklasse und die ganze Welt des Sozialismus besitzt. Eine in diesem Sinne positiv., gerichtete, und einige Arbeiterbewegung könnte für Sowjetrußland viel nützlicher sein als eine gespaltene und zerrissene. Sowjetrußland sei also an einer ehrlichen Verständigung zwischen den sozialistischen Arbeiterparteien Europas und besonders Deutschlands interessiert. Bloße„Einheitsfrontmanöver" mit dem Ziel, den anderen öffentlich ins Unrecht zu setzen, nutzten nicht, sondern schadeten nur. Um dem Verdacht zu entgehen, ich selber hätte nur solche Manöver im Sinne, hätte ich auf alle öffentlichen Angebote und Verhandlungen mit der KPD. verzichtet. Nicht eher wollte ich an solche Verhandlungen denken, als bis die Voraussetzungen für ein Gelingen einigermaßen gesichert seien. Das war der Sinn meiner wiederholten, ausführlichen Darlegungen. Mir schien, daß sie nicht nur mit Höflichkeit, sondern auch mit Interesse aufgenommen wurden. Sonst möchte ich über die Antworten des Partners nicht weiter berichten, da ich dazu nicht legitimiert bin und keine unzeitgemäße Polemik herbeiführen möchte. Es muß aber noch erklärt werden. wie es zu dem Plan der Aussprache im Reichstag gekommen ist. Die letzte der Unterhaltungen der vorerwähnten Art hatte ich einige Tage vor dem Reichstagsbrand. In ihr wurde mir in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, daß Moskau mit dem Faschismus in Deutschland als einem unvermeidlichen Entwicklungs- und Uebergangsstadium rechne und daß ich darum von dort her — wenigstens zur Zeit— kein Verständnis für meine Gedankengänge zu erwarten hätte. Es ist selbstverständlich, daß ich einige meiner nächsten Freunde, von diesem Gespräch und seinem für mich höchst unbefriedigenden Ausgang unterrichtete. Auf einem mir unbekannten Wege erfuhren die Führer der KPD. davon. Zu meiner großen Ueberraschung ließ mir Dr. Neubauer am Vormittag des Montag, den 27. Februar, mitteilen, daß die Schlüsse, die ich aus jener Unterredung gezogen hätte, irrig seien und daß er und seine Freunde den Wunsch hätten, sich mit mir über denselben Gegenstand zu unterhalten. Zu dieser Unterhaltung erklärte ich mich bereit, und man kam dahin überein. daß sie am Dienstag, dem 28. Februar, im Reichstag stattfinden sollte. Lübbe und seine Drahtzieher haben es anders gewollt... Es hat keinen Zweck, heute darüber zu phantasieren, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn der Graben zwischen den-beiden deutschen Arbeiterparteien Die große Komödie Freies Wahlrecht! Justizminister Dr. Frank II auf einer Wahlversammlung im Löwenbräu- keller zu München: „Derjenige, der sich am 12. November nicht zu Adolf Hitler bekennt, begeht L a n- desverra t." Der sächsische Reichsstatthalter Mutschmann auf dem Kreisparteitag der NSDAP: „Wer am 12. November nicht mit Ja stimmt, der muß sich als Vaterlandsverräter betrachten." Gauleiter Wahl auf einer Kundgebung m Sonthofen: "„Wer als Verräter am deutschen Volk gelten will, der mag bei der Wahl zuhause bleiben. Der Fluch einer gepeinigten Nation aber soll ihn zeitlebens begleiten." Der hessische Reichsstatthalter S p r e n- g e r in einer Rede am 22. Oktober: „In der Nation sei geächtet, wer am 12. November seine Pflicht nicht tut, ausgestoßen soll er sein aus der Gemeinschaft des deutschen Volkes." Prinz August Wilhelm am 24. Oktober in Köln: „Kein Zweifel könne mehr darüber herrschen, daß die erdrückende Mehrzahl des Volkes ihm folgen werde, aber wir müßten uns auch bewußt sein, daß es noch Menschen in Deutschland gäbe, die vielleicht d i e verbrecherische Absicht hätten, ihre Pflicht nicht zu erfüllen. Und diesen müßte gesagt werden, daß sie ausgestoßen sein sollten aus dem Volke, wenn sie in jener Stunde fehlten, in der es um Deutschland und seine Ehre gehe. Hinter solchen Worten wittern die Hörer mit Recht Konzentrationslager und braune Verfolgung. Im juristischen Sprachgebrauch bezeichnet man diese Methoden als Erpressung und Nötigung, im Dritten Reich heißts„Propaganda". Angetreten zum Jasagen! In Schwaig, einer großen Arbeitergemeinde bei Nürnberg, wurde allen Einwohnern folgender Gestellungsbefehl ins Haus gebracht: An die Gesamt bevölkerung von Schwaig! Am Freitag dem 27. Oktober 1933, abends 8 Uhr versammelt sich die Gesamt einwohnerschaft von Schwaig im Bahnhofssaal um den Vortrag des Pg. Roth, Altdorf über: „Deutschlands Kampf um Ehre, Friede und Gleichberechtigung" anzuhören. Wir machen darauf aufmerksam, daß der Besuch der Wahlveranstaltungen als Maßstab für die politische Einstellung unserer Bevölkerung gewertet wird. Jeder Deutsche der glaubt, mit„N e I n" stimmen zu müssen, ist ein Volksverräter und erkennt sich selbst das Staatsbürgerrecht ab. Darum zeigt uns durch den Besuch der Wabl- veranstaitung an, wo die Außenseiter sich befinden. NSDAP. Ortsgruppe Schwaig Kiesel stellvertr. Ortsgruppenleiter. Wir geben dieses Schriftstück im Wortlaut wieder, nicht weil es außerordentlich, sondern weil es t y p i s c h ist. Es entspricht vollständig den von oben her gegebenen Weisungen. Engelbert Graf lebt! Die Nachricht von der Ermordung Engelbert Grafs, die wir in Nr. 15 dieses Blattes mit Vorbehalt registrierten, bestätigt sich glücklicherweise nicht Wir verbinden diese erfreuliche Mitteilung mit der dringenden Bitte an alle Freunde und Mitarbeiter, bei der Sammlung und Weitergabe von Nachrichten mit der größten kritischen Sorgfalt zu verfahren. Grundsatz des„Neuen Vorwärts" ist durch Zuverlässigkeit der Berichterstattung Vertrauen zu erwerben. Er will über das, was in Deutschland vorgeht die Wahrheit nichts als di® Wahrheit sagen. Dabei bittet er all® seine Freunde um Unterstützung. Marxisten keine Auftrage! Der Rat der Stadt Zittau I. S. hat beschlossen, daß Geschäften, deren Inhaber Mitglieder des Reichsbanners, der SPD. oder sonst staatslelndllcher Organisationen gewesen sind, städtische Aufträge nicht mehr erteilt werden. Beide Terniditet! Minislerpräsident Göring auf einer WaM- kundgebung in Kiel: Wir haben keine Brücken geschlagen zwischen Bürgertum und Proletariat,»'fr haben beide vernichtet, um ein neues Vol* entstehen zu lassen. Berlin wird niemals braun! Aus Betrieben und Stempelstellen Aus Berlin wird uns geschrieben: Wie geht es jetzt in den Berliner Betrieben zu? Wie verhält sich die Masse der Arbeiter und Angestellten zu dem neuen System? Auf diese Frage läßt sich heute nur schwer eine ausführliche Antwort geben. Daß die Hurrastimmung, die in der ersten Zeit der sogenannten Nationalen Revolution einen Teil der Bevölkerung beherrschte, jetzt so gut wie völlig verschwunden ist, ist allgemein bekannt. Auffällig ist auch das völlig veränderte Bild der Stadt und die Kirchhofsruhe, die bekonders über den Arbeitervierteln liegt. Wo sonst in den Abendstunden Kinder spielten, Männer und Frauen spazieren gingen, sich laut miteinander unterhielten, oft auch scherzten, Händler ihre Waren anboten usw., ist es jetzt still wie im Dorf zur Kirchzeit. Die Leute sind daheim in ihren Wohnungen und wagen auch dort kaum noch laut zu sprechen. Das ist der allgemeine Eindruck. Aber wie geht es in den Betrieben zu? Wie sieht es in den Organisationen aus, die sich früher die freien Gewerkschaften nannten und die jetzt als Deutsche Arbeitsfront unter dem Kommando der Unternehmersyndicl marschleren? Darüber ist schwer, genaueres zu erfahren. Aber es soll jedoch versucht werden, einigermaßen In die Dinge hineinzuleuchten. In den Betrieben ist von offenem Widerstand kaum etwas zu bemerken, dagegen macht sich eine gewisse passive Resistenz bemerkbar. So gab es neulich In einem der größten städtischen Betriebe Berlins ein ungeheures Toben der NSBO., weil man in den Sammelbüchsen der Winterhilfe In Kroßen Massen Knöpfe und eiserne Zehn- Pfennigstücke •us der Inflationszeit fand. Von der BeleK- •chaft wurden die Wutausbrüche der Enttäuschten mit stiller Schadenfreude aufgenommen. Aehnllche Zwischenfälle gibt es mehr. Mit Kriegsgeld wird geradezu ein schwunghafter Handel getrieben und dabei werden die eisernen Zehnpfennigstücke stark bevorzugt, weil sie beim Hinunterfallen In den Klingelbeutel dasselbe Geräusch machen wie gutes Geld. Man muß das als einen Protest auffassen gegen die vielen Abzüge, die eine allgemeine Mißstimmung hervorgerufen haben. In der Bewag Klingenberg Ist man dazu übergegangen, nach dem Muster der pa- triarJmlischen Scharfmacher der Kaiserzeit einen Werkverein zu gründen, der Sport, Musik, Gesang, Photokunst und sogar Literatur — man kann sich denken, was für eine— betreiben soll. Der Beitritt zum Werkverein wird •ls„selbstverständliche Pflicht" bezeichnet, das genügt, daß jeder versteht, was gemeint 'st. Monatsbeitrag 1 Mark. Trotz der unverkennbaren Drohung in der Einladung erfolgen die Anmeldungen nur äußerst schleppend. Aehnllch sieht es auch bei Siemens aus. Hier spricht man von starken Differenzen •wischen der Direktion und der NSBO. Eine große Betriebsversammlung wurde mit dem "blichen Klimbim aufgemacht, Tagesordnung; Winterhilfe. Nachdem der Referent die Notwendigkeit, einen Stundenlohn abzuführen, begründet hatte, wurde abgestimmt. Zur Ueber- raschung der Versammlungsleitung stimmten "nr ganz wenige Anwesende für den Antrag. Has hinderte natürlich nicht, daß er für angenommen erklärt wurde und letzt als Beschluß durchgeführt wird. Die Lehrlinge müssen jetzt vor Arbeitsbeginn unter dem Bilde ''es„Führers" zu einem sogenannten Fahnen- aPpeiI antreten. Nachher heißt es: „Weggetreten zur Arbeit!" Bei der A. E. G. Treptow verlangte ein SA-Belezschaftsmitglied die Herabsetzung der P'ießbandproduktion von 200 Radioapparaten auf 120 täglich. Die SA-Kolonne wandte sich, als keine Aenderung eintrat, an die Arbeits- front mit der Beschwerde, es werde zuviel �arbeitet. Die Arbeitsfront sagte eine Prü- fung der Frage zu. Als aber die SA mit 65 statt mit den versprochenen 75 Pfennigen entlohnt wurde, kam es zu Widerstandskundge- bungen. Der Betriebsrat lehnte ein Eingreifen ab. darauf streikte die SA-Bclegschalt eine halbe Stunde. Ein der NS. angehöriger Meister griff ein mit der Erklärung:„Wer nicht sofort die Arbelt aolnimmt, fliegt!" Daraufhin wurde die Arbeit aofgenommen, eine Delegation wurde zur Be- 'Hebsleitung geschickt und ihre Forderung Wurde angenommen. Viel besprochen werden die Vorgänge in e'nem großen Kaufhaus in Neukölln. Das Haus hak wie alle Unternehmungen ähnlicher Art, stark unter Boykott und Rückgang des Umsatzes zu leiden. Mit Genehmigung der zuständigen NSDAP-Instanz erließ die Firma Rundschreiben an alle früheren Kunden und unterstrich diese Werbung durch Kundschaftbesuche, die von den Angestellten freiwillig übernommen wurden. Darüber beschwerten sich die Konkurrenzhäuser bei der Arbeitsfront, die nun wiederum mit der NSDAP-Instanz in Konflikt geriet Die Arbeitsfront forderte den Betriebsrat zu energischerem Vorgehen gegen die jüdische Geschäftsleitung auf. Da die Geschäftsleitung einige christliche Angestellte entlassen will, protestiert der Betriebsrat und verlangt erst die • Entfernung der jüdischen Angestellten. Schließlich Obernehmen die Angestellten freiwillig eine Gehaltskürzung, um Entlassungen zu vermeiden. An den Arbeitsnachweisen und Stempelstellen hat die Gesprächigkeit, die früher dort herrschte, so gut wie aufgehört. Das gilt ganz besonders von Gesprächen früher der Vorstand des ADGB. sich mit dem einen Auto der Arbeiterbank behalf, verfügt jetzt allein die Spitze der Arbeitsfront über 13 neue Autos. Vor den geraubten Gewerkschaftshäusern stehen die neu angeschafften Luxuswagen der neuen Verbandsleitung. Die Unzufriedenheit über solche Erscheinungen läßt sich kaum verbergen. Angeblich reicht sie bis in die NSBO. Man spricht viel von einer Denkschrift dieser Körperschaft, in der das herrschende Regime davor gewarnt wird, die Gewaltmethoden des Staatsapparates auf die Betriebe zu übertragen und gegen die Arbeiter mit Zwangsmaßnahmen vorzugehen. Der Marxismus sei nur zum Schein überwunden und die bisherigen Methoden würden sehr bald zu seinem Wiedererstarken führen. Die NSBO. schlägt vor, die Arbeiter mit neuen Methoden zu gewinnen. Diese Methoden sollen vor allem in der Gründung von Werkvereinen und Ka- lam sichersten fühlen. Dabei kommt die Ent» ! täuschung über ihre„verlorene Revolution** nicht selten in recht drastischer Weise zum Ausdruck. In der großen Masse der Arbeitenden ist die Stimmung stark gedrückt, aber die Hoffnung auf eine rasche Wendung zum Bessern ist keineswegs erstorben. Viele tragen den entsetzlichen Druck nur deshalb mit Geduld, weil sie fest davon überzeugt sind, daß ein solcher irrsinniger Zustand nicht mehr lange dauern kann. Das Heer der sozialistischen Revolution schläft nicht. Massen sind vorhanden, in denen der alte Geist weiterlebt. Wenn die Stunde schlägt, werden sie da seinl JCücze ecscheint: VMK IN KE1TEN DEUTSCH IAH DS WEG INS CHADS VON MAX KLINGER Dies Buch enthält auf ca. 120 Seiten eine historisch-kritische Darstellung des nationalsoziaiistk. sehen Staatsstreichs in Deutschland, seiner Geschichte und seiner Technik...... Es ist In seiner sorgfältigen, objektiven Darstellung eine furchtbare Anklage gegen das System Hitler. Die offiziellen Lügen des Hitlerfaschismus werden schonungslos zerstört Die Stimme der geschichtlichen Wahrheit erhebt sich gegen das nationalsozialistische Verbrechertum, anklagend und erschütternd zugleich. „Volk in Ketten" wird in vier Ausgaben: deutsch, englisch, französisch und holländisch erscheinen. Vorausbestellungen vom Verlag Graphia, Karlsbad. über politische Themen. Nur unter ganz Vertrauten werden die Köpfe zusammengesteckt. Als unlängst die Mietsbeihilfen nicht ausgezahlt wurden, gab es an verschiedenen Aemtern heftige Auseinandersetzungen unter Führung von Nazis und SA-Leuten. Die neuen SA-Beamten warfen aber teilweise die Protestierenden eigenhändig hinaus. Häufig kommen Konflikte bei der Vermittlung von Nazis vor, die Stellen wegen zu geringer Bezahlung nicht annehmen wollen. Solche Streitigkelten enden mitunter auch mit Abschub zur Polizei oder gar ins Konzentrationslager. Ueber die Zuteilung in Arbeitslager wird sehr geschimpft:„Dort zerreißt man mehr Lumpen, als man Geld verdient, kann man vom Nazis hören, die in Uniform vor den Nachweisen stehen. In den Organisationen der sogenannten Deutschen Arbeitsfront versuchen die Nazis die Zwangsorganisierung der Arbeiter zu forcieren. Sie haben damit eine Mitgliederzunahme von etwa 40 Prozent erreicht. Aber mit welchen Mitteln? Die Propaganda erklärt, daß von der Mitgliedschaft der Deutschen Arbeitsfront vielleicht die künftige Staats* angehörigkelt abhänge, Arbeiter könne aber nur der sein, der auch Staatsbürger ist In der Leitung macht sich schrankenloses Strebertum, Gewinnsucht und Korruption bemerkbar. Ueberall wurden die Angestelltenkörper sehr verstärkt, zum Teil verdoppelt. Zum Beispiel stieg die Zahl der Angestellten bei der Baugewerkschaft von 100 auf 170, bei der Angestelltenorganisation beträgt sie 40 Prozent. Zugleich trat eine bedeutende Erhöhung der Spitzengehälter ein. Und während meradschaften dienen, die dem Italienischen Muster nachgebildet sind. Tatsächlich sind auch die Betriebsversammlungen und scheingewerkschaftlichen Veranstaltungen nur dann stark besucht, wenn der entsprechende Druck dahinter gesetzt wird. So war eine Versammlung in der Bockbrauerei, zu der alle Holzarbeiter Berlins aufgerufen wurden, nur von wenigen 100 Personen besucht. Darob gab es großes Entsetzen. Nun wurde eine Versammlung im Sportpalast angesetzt, für die in den Betrieben unter Druck Eintrittskarten verkauft wurden. Nun endlich bekam man den Sportpalast voll. Durch solche Erfahrungen gewitzigt, veranstaltete man eine Bauarbeiterversammlung, bei der ein jeder auf den Kontrollabschnitt der Einlaßkarte seinen Namen schreiben mußte. Bei diesem System muß man schon ein Selbstmörder sein, wenn man dabei bleibt, sich zu drücken. In einer Gärtnervcrsammlung verhielten sich die Teilnehmer gegen den Referenten sehr ablehnend. Bei einem Nachruf auf einen gestorbenen früheren Verbandsleiter erhob sich aber alles sofort von den Plätzen. i Eine NSBO-Versammlung des 5. Kreises wurde zur vollkommenen Pleite, weil erst um'/MO Uhr abends der angekündigte Redner erschien. Das Geschimpfe über die verbummelte Zeit war allgemein. In einer Versammlung des Holzarbeiterverbandes wurde sogar unter großem Krach die Wiedereinsetzung der alten Verbandsleitung verlangt. Solche Akte der offenen Auflehnung sind jedoch ziemlich selten. Im allgemeinen sind es eher die Nazis, die hin und wieder eine Lippe riskieren, weil sie sich verhältnismäßig noch Kommandierte Begeisterung Wer die Berichte der reichsdeutschen Presse liest, könnte glauben, daß die Millionen des Volkes begeistert hinter der Hakenkreuzfahne herlaufen. Doch wie diese„Begeisterung" gemacht wird, zeigt mit unübertrefflicher Deutlichkeit der„Befehl" des Beauftragten der NSBO. für den Deutschen Metallarbeiterverband, den Christlichen Metallarbeiterverband und den Hlrsch-Dunckerschen Gewerkverein, Egon Mathlesen in Erfurt, der die Arbeiter In den Betrieben in folgender Weise zu einer Nazimanifestation kommandierte: „Ich erwarte, daß Jeder Arbeiter, der in den genannten Gewerkschaften organisiert Ist, sich unbedingt an dem Aufmarsch beteiligt. andernfalls er gewärtig sein kann, aus dem Betrieb entfernt zu werden, weil er sich offen gegen die Massenkundgebung stellt" Es sind jedoch nicht die Arbeiter allein, die auf diese Welse unter schärfsten Drohungen zu den offiziellen Kundgebungen kommandiert werden. Selbst die stärkste Stütze der Naziherrschaft, die Studentenschaft, beginnt unzuverlässig zu werden. Man lese folgende Drohung des Leiters der Fachschaftsarbeit und des Amtes für Wissenschaft der Berliner Universität, Schumann, in Nr. 13 der Berliner Hochschulzeitung: „Von der zwangsmäßigen politischen Erziehung(lies: Nazisierung) wurden im vergangenen Semester 4000 Studenten im ersten bis dritten Semester erfaßt... Leider ist festzustellen, daß ein großer Teil derselben sich gegen unsere Weltanschauung ablehnend verhält. Sollten diese, trotz unserer eifrigen erzieherischen Tätigkeit, ihre Einstellung nicht bald ändern, so werden wir gezwungen sein, mit den schärfsten uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen sie vorzugehen." Herr Cöbbels hat seinerzeit verkündet, daß die NSDAP, es sich zur vornehmsten Aufgabe stelle, die„Seele des Volkes" für die nationalsozialistische Weltanschauung zu gewinnen. Man sieht, welche angenehmen Mittel hierbei angewendet werden. Ein Verbot Die„Sopade-Informatlone n", eine für die Presse bestimmte Korrespondenz des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Prag, sind von der Geheimen Staatspolizei verboten worden. Die Verbreitung dieser Korrespondenz in Deutschland wird damit aber nicht unterbunden. Im Kindergarten Aus Beuthen In Oberschlesien wird uns folgendes Erlebnis mitgeteilt: In einem Kindergarten singen die Kinder zu einem Reigenspiel folgendes Verschen: Kommt, und reicht die Hände Euch, ob arm oder reich, wenn das Herz nur deutsch Ist, sind wir alle gleich.(Neudeutscher Reim!) Die Kinder reichen sich die Hände, aber das Kind eines Beamten weigert sich, ihrer Spiel- kameradln die Hand zu geben mit der Begründung. daß es einem JudenkLnd die Hand nicht reichen wolle. Wenn in diesem Kindergarten Tiere personifiziert werden sollen, so müssen die Judenkinder stets das Schwein oder irgendein verächtliches Tier spielen. Was wird aus diesen seelisch vergifteten Kindern, wenn der Nazibarbarisraus noch lange anhält? Hunger, Hymnen und Gewehre % Neudeuische Jugendpflege Die alten Aejypter formten die Köpfe der Neugeborenen um, preßten und massierten sie, bis sich die Schldeidecke unnatürlich in die Höhe wölbte, die Chinesen verkrüppelten die Füße der kleinen Mädchen. Die Jugendbildner des Dritten Reiches tun Schlimmeres: sie verkrüppeln und verbiegen den Geist der heranwachsenden Jugend, sie wenden alle denkbaren Gewaltmittel an, ihn am natürlichen Wachstum zu hindern. Es ist bekannt, wie es in deutschen Schulen und Lehranstalten zugeht, es ist bekannt, daß der Geschichtsunterricht in den jungen Kopien ein schiefes, verzerrtes Weltbild erzeugt, es ist bekannt, daß nachdenkliche Fragen der Kinder teils streng geahndet, teils unter Heil-Rufen erstickt werden, daß des kriegerischen Exerzierens schon in den Hosenmatzklassen kein Ende ist. Und es gibt kein Mittel, die Kinder demokratischer und sozialistischer Eltern von diesem Prokrustesbett zu lösen, vor allem dann nicht, wenn die Eltern arm, auf Erlaß des Schulgeldes, auf Verbilligung der Lehrmittel angewiesen sind. In vielen deutschen Orten werden aus den Schulfonds bereits beträchtliche Gelder an die Hitlerjugend abgeführt, bald wird wieder dieser Brauch allgemein sein. Das heißt: Kinder, die nicht der Hitler-Jugend angehören, werden nicht nur in verletzender Art geistig zurückgesetzt, sie werden auch nach und nach von den Vergünstigungen ausgeschlossen, die minderbemittelten Schülern bisher aus dem Schulfonds gewährt wurden. Viele Ar- beitereltcm sind so vor die Wahl gestellt, ihre Kinder ohne Lehrmittel, ohne Schulspeisung zu lassen oder sie den üblen Verbildungs- methoden nationalsozialistischer„Jugendführer" preiszugeben. Daß die Schar dieser„Jugendführer" in erschreckendem Maße homosexuell verseucht ist, gilt als offenes Geheimnis. In Plön(Holstein) wurde soeben eine neugegründete nationalpolitische Erziehungsanstalt für Knaben— auf den Namen des Stabschefs Ernst Röhm getauft, auf den Namen also eines zynischen Knabenschänders. Dazu überschwemmt der Strom nationalsozialistischer Jugend-Schundliteratur den deutschen Büchermarkt so bedrohlich, daß unlängst sogar die Hakenkreuzregierung alle Jugendbibliotheken vor wahllosem Ankauf warnte. Dies„scheinnationalsozialistische Schrifttum" werde in besonderem Maße von gewissen Jugendschriftverlagen herausgegeben, die noch im vorigen Jahre fast ausschließlich mit Kriminalromanen auftraten. Was hilft die Warnung? Die Verlage werden es schon verstehen, ihr Gift an den Mann— oder vielmehr an's Kind zu bringen! Sie verlassen sich auf die Hochkonjunktur In nationalen Kitschartikeln— und haben recht. Denn die offiziell anerkannten und belobigten Nazi- Jugendbücher unterscheiden sich von den Gröschengreueln bestenfalls durch den Einband— der blutrünstige Geist ist der gleiche. Der jjeran wachsenden Jugend ergeht es nicht besser als der Schuljugend..— Auch hier eine einzige Bemühung, den jungen Geistern ihre Eigenform, ihre Eigenwilligkeit zu rauben, sie zu uniformieren und zu entstellen. Wo Widersprüche sich bemerkbar machen— Jungarbeiter, Gesellen, Studenten sind eben keine Kinder mehr— muß das Arbeitslager herhalten oder man versucht's mit Aushungern. Seit kurzem bekommen z. B. nur noch jene deutschen Studenten Unterstützungen und Stipendien, die dem nationalsozialistischen deutschen Studentenbund angehören. Dieser Erlaß verurteilt aber Hunderte begabte Arbeiterstudenten zum Heucheln und Kuschen— oder zur Aufgabe des mühsam errungenen Studiums. Um so besser, werden sich die von Hitler gehätschelten Krautjunker, Schlotbarone und Besitzbürger sagen: dann wird Platz für unsere Söhne. Die dürfen wie ehedem dumm, aber sie müssen begeisterte Nazioten sein. Und wie ist's mit der Jugendf ü r s o r g e bestellt? Nun, viele Kinder- und Erziehungsheime in verschiedenen großen Orten(u. a. in Berlin) sind längst geschlossen; dafür ist es in deutschen Fürsorgekreisen ein offenes Geheimnis, daß von den Geldern, die für Jugendfürsorge bestimmt sind, zunächst einmal— Gewehre angeschafft werden! Denn in den Arbeitsdienstlagern soll friedliche sportliche Ertüchtigung getrieben werden, und zum Friedlichsein braucht man natürlich Gewehre. Wie sehr die deutsche Jugendfürsorge im übrigen schon auf den Hund gekommen ist, darüber belehrt die folgende wahre Geschichte, deren die gleichgeschaltete„Süddeutsche Sonntagspost" in rührenden Worten gedenkt; Aus einem österreichischen Armenhaus entliefen im Juli 1933 die Jungen Hermann und Fritz Häferlin, der eine acht, der andre vier Jahre alt, sie kamen über die Grenze und marschierten in Deutschland umher, schliefen im Freien, in Scheunen, erbettelten sich Essen. In der„Sonntagspost" vom 29. Oktober heißt es wörtlich: „Drei Monate, sind die Kinder so durch Deutschland gewandert, von Landstraße zu Landstraße, von Ortschaft zu Ortschaft... Durch die Dörfer und Wälder der Oberptaiz sind sie gekommen, durch Regensburg und das Frankenland, sind nach Nürnberg gelaufen... Sie haben drei Monate die Kleider nicht gewechselt. Und so unglaubhaft es klingt; Niemals hat jemand die Burschen nach ihrem Ziel gefragt und nach ihrem Wohnort. Man hat sie laufen lassen, man hat sich höchstens gewundert, daß zwei Knirpse durch Deutschland marschieren wollen, von denen der eine kaum richtig laufen und sprechen konnte." „Man hat sich höchstens gewundert"— und „es klingt unglaubhaft", es ist aber weder verwunderlich, noch unglaubhaft. In diesem Lande der sozusagen mustergültigen Ordnung, des Drills, der Ueberkontrolle wird zwar jeder geschriebene Wisch beäugt, jeder harmlos dahergehende Arbeiter bespitzelt, jedes Wort bewacht, jede Geste vorgeschrieben— aber wer schert sich schon um ein paar hungrige, zerlumpte Buben? Mögen sie ruhig am Wegrand liegen bleiben! Für die SA. sind sie noch zu klein, wie rote Agitatoren sehen sie nicht aus, Geld ist nicht bei ihnen zu holen— wer soll sich also um sie kümmern? Fürsorger, die sich ihrer angenommen, die sie betreut hätten, gab es einmal in der„Judenrepublik" — jetzt gibt es nur noch Aufpasser und Unteroffiziere, Schinder und Pauker! Agnes Abel. Emigranten und Völkerbund Eine zeitgemäße Erinnerung Am 10. Oktober hat die zweite Kommission des Völkerbundes, die sich mit dem Schicksal der deutschen Emigranten zu beschäftigen hatte, bei Stimmenthaltung Deutschlands den einstimmigen Beschluß gefaßt, dem Völkerbund zu empfehlen, einen hohen Kommissar einzusetzen, dessen Aufgabe es ist, den Emigranten Hilfe und Arbeit zu schaffen. Die notwendigen Mittel sollen durch eine Anleihe gedeckt werden, die später durch die interessierten Staaten und private Organisationen abgelöst werden soll. Dieses Vorgehen des Völkerbundes hat einen Präzedenzfall, an den wegen seiner tatsächlichen Großzügigkeit in diesem Augenblick erinnert werden soll. Es war im Jahre 1922, Kemal Pascha hatte die griechische Armee in Kleinasien vernichtet und der Friedensvertrag von Lausanne bestimmte, daß alle in Griechenland wohnenden Türken nach der Türkei und die in der Türkei wohnenden Griechen nach Griechenland umzusiedeln seien. Das kleine Griechenland mußte damals zu seinen fünf Millionen Einwohnern P/j Millionen zumeist armer Flüchtlinge übernehmen. Die natürliche Folge war ein furchtbares Elend. Alle irgendwie zu beschaffenden Räume waren durch die Masseninvasion überbelegt. Im Stadttheater von Athen beherbergte jede Loge eine Familie. Als Folge dieser Zusammenpferchung und der schlechten Ernährung brachen bald Typhus- und Fleckfieberepidemien aus. Damals wurde Frithjof Nansen vom Völkerbund beauftragt, die Lager zu überprüfen und geeignete Hilfsmaßnahmen in Vorschlag zu bringen. Nach mancherlei Hin und Her kam im Jahre 1923 das Genfer Protokoll zustande, das erstens Griechenland eine vom Völkerbund garantierte Anleihe von 10 Millionen Pfund Sterling sicherte, und zweitens eine Völkerbundkommission unter amerikanischer Leitung zur praktischen Durchführung einsetzte. Nach kaum drei Jahren war das Werk vollbracht. Es wurden 500.000 Menschen(150.000 Familien) in 2000 Dörfern untergebracht, und 7000 weitere Emigranten fanden in den Städten Unterkunft und Arbeit. Die Gesamtkosten betrugen IS1/» Millionen Pfund, von denen acht Millionen aus der Anleihe des Völkerbundes, sechs Millionen von der griechischen Regierung und weitere IV* Millionen in Form von Siedlungsboden ebenfalls von der griechischen Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Das Hitlerregime hat ein Emigrantenelend geschaffen, dessen furchtbare Folgen gar nicht abzusehen sind, wenn nicht bald Hilfe kommt. Englische und französische Staatsmänner von hohem Ansehen haben sich für die Notwendigkeit einer internationalen Aktion eingesetzt. Der Völkerbund wird, trotz seines vielfachen Versagens gegenüber den großen Konflikten der Völker, an Ansehen wieder gewinnen, wenn ihm die Lösung dieses Problems gelingt. „Gewlsscnszimng rldilet Völker zugrunde" In der nationalsozialistischen Wochenschrift „R e i c h s w a r t", die vom Reichstagsabgeordneten Grafen E. Reventlow herausgegeben wird, steht an leitender Stelle unter der vierspaltigen Balkenüberschriit„P r o t e s t" ein heftiger Angriff des Herausgebers gegen den Oberkirchenrat T ö g e I, der in einer Mitgliederversammlung der„Deutschen Christen" in Hamburg u. a. gesagt hat: „Wenn ein Volk sich vom Christentum losgerissen hat, dann echt es zugrunde. Aus dieser Erkenntnis folgert, daß Religion nicht Privatsache sein darf, sondern Volkssache sein muß." Dazu stellt Graf Reventlow fest, daß die Geschichte dem Herrn Oberkirchenrat Unrecht gebe: „Wenn je ein Mann, so war Friedrich der Große„vom Christentum loste r i s s e n". Ist durch ihn das Volk der Preußen zugrunde gegangen? Friedrich derGroße hat im schärfsten Gegensatz zur Forderung des Oberkirchenrats Tügel„jeden nach seiner Fasson selig werden" lassen. Ist darüber programmäßig Preußen zugrunde gegangen? Die Dinge liegen umgekehrt, denn die Geschichte zeigt, daß diejenigen Völker zugrunde gingen, In denen Gewissenszwang herrschte." Die letzten Worte sind im Original fett gedruckt, wodurch noch besonders unterstrichen wird, daß der Protest sich nicht nur gegen den Oberkirchenrat Tügel richtet, sondern auch und vor allem gegen das gesamte vom Wehrkreispfarrer Müller kommandierte System der Unterjochung der evangelischen Kirche, das in den Kreisen der Geistlichen wie der Kirchenmitglieder eine ungeheure Erbitterung ausgelöst hat. Herausgeber; Ernst Saltler. Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn. Karlsbad. Druck:„Graphia" Karlsbad Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. I59.334/VII-I933. 4chlung! Verlagsanstalten! 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Die Fachgruppe„Obst und Gemüse" Magdeburg im Landesverband Sachsen-Anhalt des Reichsverbandes deutscher Kaufleute der Kolonialwaren-, Feinkost- und Lebensmittel-Einzelhandels hielt ihre Monatsversammlung ab. Nach verschiedenen geschäftlichen Mitteilungen wurde die Weihe eines Hitlerbildes vorgenommen, das ein Bekenntnis der Verbundenheit der Mitglieder der Fachgruppe„Obst und Gemüse" mit dem Führer sein soll. Gaufachberater Dr. Pohlmann nahm die Weihe des Bildes vor und erklärte;„Nicht verdienen, sondern dienen" sollte oberster Leitsatz auch des Einzelhandels sein. Die Versammlung stimmte mit einem Siegheil auf den Kanzler begeistert zu. Geschehen anfangs Oktober 1933 in Magdeburg, einer Stadt in Mitteleuropa, der Nachwelt übermittelt durch die „Magdeburgische Zeitung" • Freiwillige Spenden für das Winter- h i 1 f s w e r k werden in Oberschlesien in der Weise eingezogen, daß die Arbeiter pro Tag eine Stunde umsonst arbeiten müssen. Außerdem sind auf dem Arbeitsamt Sammelbüchsen angebracht worden, damit die Arbeitslosen wissen, wo sie„freiwillig" ihre Spende einzahlen können. Bei diesem Wetteifer im Kampf gegen Hunger und Kälte können selbstverständlich die Spitzen der Behörden nicht fehlen. Amtlich wird mitgeteilt, daß das Preußische Staatsministerium beschlossen hat, von den Bezögen der Staatsminister und Staatssekretäre allmonatlich einen namhaften Betrag als Unterstfltzungs- beitrag an das Winterhilfswerk abzuführen. Die preußischen Staatsräte haben sich diesem Vorschlag einmütig angeschlossen. Außerdem wird Ministerpräsident Göring in einer größeren Anzahl von Städten für die Winterhilfe sprechen. Wie verlautet, wird in diesen Versammlungen Göring auch die Höhe der von den Ministern abgeführten Beträge mitteilen, da sich darüber die amtliche Pressenachricht in übertriebener Bescheidenheit ausschweigt. Kein Slrcsemann anders! „Wie man sich auch innerpolitisch zum nationalsozialistischen Regime in Deutschland stellen möge, es wird immer klarer, daß Reichskanzler Hitler in außenpolitischer Hinsicht sich zu der einzigen Politik bekennt, die in der gegenwärtigen Lage für Deutschland möglich ist. Die Rede, die er im Sportpalast hielt, hätte kein Stresemann oder Curtius wesentlich anders halten können." Exporturt'kel Für einiqe Staaten wardan nochtücht. Organ sations- Fir> men oder Herren für den Vertrieb einnes meiner erst- kMsalien lei ht- vcrkäufl. Artikel für W renhäuser, Kauf- u. Möbelhiu- ser gesucht. Große Verdienst- mögl chkelt Offerte an „Me le de Luxe*1 Bruxellee-St. Qlllos Rue do la Vlctolro 77 ALLIANCE FRÄNQ/ÄISE 101, Boulevard Raspail■ Paria Sckule(ür praktische» Studium der fransösischen Sprache 1. Der Wioterkursus des vollen Studiums dei französischen Sprache»n» 3. November an. 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Alle In Berlin anwesenden Offiziere ieien bewaffnet und zu besonderen Formationen zusammengestellt worden. In München ist die Republik ausgerufen. Auch in Hannover nnd Magdeburg befindet sich die Gewalt in den Händen des Volkes. Worauf wartet man tai uns noch?— Die Lebensmittelrationen sollen noch weiter herabgesetzt werden. Dabei Sab es schon wochenlang nur noch drei Pfund Kartoffeln und 40 Gramm Margarine pro Kopf. Kin Leben ist doch dabei nicht möglich. Stundenlang haben die Frauen wieder vor den Läden nach Lebensmitteln angestanden. Mit leeren Körben gingen viele wieder heim zu firen hungernden und frierenden Kindern, Verzweiflung in den abgehärmten und vergrämten Gesichtern.— Fn den Fabriken der Rüstungsindustrie herrscht Hochspannnung. Jetzt aber Schluß! Die Oberste Heeresleitung hat den Krieg Ja selbst für verloren erklärt. Der Waffenstillstand muß abgeschlossen werden. Um Jeden Preis. Die Front halte keine 24 Stunden mehr stand. Die Regierung müsse frieden schließen, sonst sei alles verloren. Das habe die Heeresleitung gefordert, die Regierung aber versuche immer noch Zeit zu Gewinnen. Dabei komme sie doch nicht vorwärts. Das war der allgemeine Gesprächsstoff, Wo überall Menschen sich fanden. Die Entente lehnte Verhandlungen mit den bisherigen Machthabern kategorisch ab. Das sei doch deutlich genug, um zu erkennen, die Hohenzollern, Vor allem der Kaiser, sind das Hindernis für den Frieden. Diese Erkenntnis war allgemein Geworden. Im Heer, im Volk, oben und unten, seibst bei einem großen Teil der Bundesfürsten, hei ihnen sogar am stärksten, denn sie hatten ia auch die weitaus besten Informationen. Jetzt wollte alles den Frieden. Dazu aber war Vor allem eine Regierung notwendig, mit der der Gegner bereit war, den Frieden zu schließen. Die Sozialdemokratie hatte am 1. November den Rücktritt des Kaisers gefordert. Nach acht Tagen würden sie ihre Vertreter aus der Regierung zurückziehen, wenn dies Hindernis für den Frieden bis dahin nicht beseitigt wäre. Das Volk hatte Opfer genug ge- h racht, es sei am Ende seiner Kraft Jetzt seien andere an der Reihe. Die acht Tage sind um.— Am Abend des November treten die Vertrauensmänner der Partei in den Berliner Großbetrieben zusammen. Sie berichten dem Parteivorstand über die Stimmung der Massen. E b e r t und Scheidemann erklären, daß sie bis zum 9. November vormittags 9 Uhr den Entscheid des Prinzen Max von Baden erwarteten. Die Vertrauensmänner ließen keinen Zweifel, daß es in keines Menschen Macht stände, die Arbeiter von dem Verlassen der Betriebe zurückzuhalten. Sie würden aber dennoch am nächsten Tage früh noch einmal in die Betriebe gehen, um dann sofort Bericht zu erstatten. Der Morgen des 9. November dämmert herauf. Schon früh um 7 Uhr aber sind die Vertrauensleute wieder in der Lindenstraße versammelt und erklären übereinstimmend, daß die Zeit des Wartens zu Ende sei. Um 9 Uhr würden die Betriabe zum Stillstand kommen und die Arbeiter auf die Straße gehen. Ich hatte die Nacht in meinem Büro zugebracht und war In der frühen Morgenstunde das einzige Mitglied des Parteivorstandes, der alle die Meldungen entgegennahm. Zeit war nicht zu verlieren. So gab ich den Genossen den Rat, sofort in die Betriebe zurückzukehren und sich an die Spitze der Arbeiter zu stellen. Ungewiß lag der Tag vor uns. Gab es Kampf? Würde das Pflaster Berlins sich röten von dem Blut der Männer und Frauen, die in der Heimat Granaten gedreht, gehungert und gelitten, und den Väter, Söhne und Brüder im Felde zu Millionen ihr Leben und ihre Gesundheit gelassen hatten? Ein banges Gefühl herrschte, daß Furchtbares, Unheilschwangeres im Anzüge war, das unaufhaltsam wie ein Verhängnis mit der Gewalt eines Elementarereignisses sich über die Stadt wälze. Die Vertrauensleute waren noch nicht alle fort, da melden sich dringend drei Feldgraue, ein Hauptmann, ein Gefreiter und ein Mann des Naumburger Jägerbataillons und verlangen, ein Mitglied des Parteivorstandes solle sofort mit ihnen zur Kaserne fahren. Das Bataillon hätte gehört, daß es gegen die Bevölkerung marschieren solle. Jetzt wolle es wissen, wie die Partei die Dinge ansehe. Ihr Wagen stände im Hof. Mir blieb keine Wahl. Mit mir fuhren zwei Vertrauensmänner der Arbeiter in die Alexanderkaserne. Der zweite Hof war dicht mit Soldaten gefüllt. Nicht nur das Jägerbataillon, auch Angehörige anderer Truppenteile waren anwesend. Auf einem Krümperwagen stehend gab Ich eine Darstellung der politischen Situation und schilderte vor allem die Lage, wie sie sich in den nächsten Stunden in Berlin selbst entwickeln könne. Von ODo Wels Es sei Blut genug geflossen, sie könnten und dürften nicht auf Ihre Brüder und Schwestern schießen. Der Friede sei das Ziel und der Krieg dürfe nicht nach viereinhalb Jahren gegen die eigenen Volksgenossen fortgesetzt werden. Man solle in Ruhe Soldatenräte bilden und weiter in Verbindung mit der Partei bleiben. In ein Hoch auf den Frieden und einen freien Volksstaat stimmten Mannschaften und Offiziere mit ein. Indessen war im Reichstag die Fraktion zusammengetreten. Vertreter aus den Betrieben kamen hinzu. Die Straßen füllten sich mit den Massen der Arbeiter. Ebert, Braun und Vertreter der Arbeiter gingen zum Reichskanzler, um ihm klar zu mächen, welche Wendung die Dinge genommen hatten. Die militärischen Befehls haber Berlins, vor allem der Gouverneur Ge neral von L i n s i n g e n, dessen jüdische Groß mutter damals noch nicht entdeckt war, hatten indessen bereits im Einvernehmen mit dem Kriegsminister von Scheuch die Anweisung gegeben, auf keinen Fall von der Waffe Gebrauch zu machen. Um die Mittagsstunde hatten die Mannschaften in allen Kasernen Soldatenräte gewählt und sandten diese zum Teil in den Reichstag, zumeist aber in das„V o r w ä r t s"- H a u s, um sowohl Informationen zu erhalten als Vorschläge für die Sicherung der Stadt gegen Ueberraschungen zu machen, die sie angesichts der unerwarteten kampflosen Kapitulation für möglich hielten. Es ist bekannt, wie der Tag verlief. Leider machte sich aber Jetzt schon die Spaltung der Arbeiterklasse auf das schwerste bemerkbar, fü der Mittagsstunde versuchte ein Trupp Bewaffneter, die mit einem Lastauto anrückten, das„Vorwärts"- Haus und die Druckerei zu besetzen, sowie andere Gruppen es mit bürgerlichen Druckereiunternehmungen getan hatten. Nur der Umstand, daß eine starke Abteilung der Naumburger Jäger zur Sicherung des„Vorwärts"- Gebäudes abkommandiert war, veranlaßte sie, ohne Gewaltanwendung wieder umzukehren. Wichtiger aber war ein anderer Vorgang. Am Abend gegen neun Uhr versammelten sich im Sitzungssaal des Reichstags Vertreter der „revolutionären Obmänner" der Munitionsbetriebe und Männer des Spartakusbundes. Sie etablierten sich dort als vorbereitende Körperschaft für die Konstituierende Versammlung der Republik, die nach den dort gemachten Mitteilungen am Sonntag, dem 10. November, nachmittags 5 Uhr, im Zirkus Busch zusammentreten und die provisorische Regierung wählen würde. Durch Zufall kam auch ich in diese Veranstaltung. Und so hörte ich denn, daß je 1000 Arbeiter der Berliner Betriebe oder Soldaten der Berliner Garnisonen am Sonntagvormittag je einen Delegierten zu wählen hätten, die dann am Nachmittag die ihnen zugedachte historische Aufgabe der Regierungsbildung übernehmen sollten. Es war klar, daß für die Wahl von Delegierten keinerlei Vorkehrung getroffen war. Man ließ auch keine Zweifel darüber, daß die Mehrheitssozialisten überhaupt keine, und die Unabhängigen nur sehr geringe Aussicht hätten, an der Regierung beteiligt zu werden. Beim Verlassen des Reichstags traf ich mit Hermann Müller zusammen, der soeben mit Hugo Haase aus Kiel nach Berlin zurückgekehrt war. Ich unterrichtete ihn und meine in der Reichskanzlei weilenden Parteifreunde, von dem, was ich soeben gehört hatte und schrieb noch in der Nacht ein kurzes Flugblatt an„die Soldaten der Berliner Garnison, die auf dem Standpunkt der Politik stehen, wie sie der Vorwärts vertritt", d. h. die für die Wahl einer Nationalversammlung durch das Volk einzutreten bereit waren und forderte sie auf, ihrerseits Delegierte zu wählen. In den ersten Morgenstunden kam das Flugblatt zur Verteilung. Um 12 Uhr mittags traten die Abgesandten von 57.000 Angehörigen der Berliner Garnison zusammen, Eine kurze Schilderung der Situation zeigte, daß sie geschlossen bereit waren, für eine paritätische Zusammensetzung der Regierung aus Mefarheitssozialisten und Unabhängigen und für die Wahl der Nationalversammlung einzutreten. Auf keinen Fall wollten sie sich bei einer kommenden Gestaltung der Dinge ausschalten lassen. So wählten sie denn auf dem Hofe des„Vorwärts"-Grundstückes einen Soldatenrat, informierten ihre Kameraden in den Kasernen und begaben sich geschlossen zu der Versammlung im Zirkus Busch. Hier platzten die Gegensätze hart aufeinander. Was der Bruderkampf in der Arbeiterschaft an Schwerem in der Zukunft alles bringen würde, zeigte bereits diese erste Versammlung. In stundenlangen Debatten verschärften sich die Gegensätze mehr und mehr, bis die Vertreter der Soldaten, auch in diesem Falle als die eventuellen Träger der Gewalt, die kategorische Forderung an die Versammlung stellten: Einigung auf der Grundlage der Parität, wer sich nicht fügt, scheidet aus. So wurde dürftig die erste Notbrücke geschlagen, die aus dem Zusammenbruch des Kaiserreichs zur Nationalversammlung und zur demokratischen Republik führte. Die Einigung der Arbeiterbewegung brachte sie nicht. Darum triumphiert Jetzt nach 15 Jahren wieder die Gewalt, die Reaktion von damals und die von heute dazu. Wir aber sollen aus der Geschichte lernen! IVanu? Die„Bayerische. Zeitung" veröffentlicht folgende Warnung: Keine wilden Veranstaltungen. Es machen sich In den letzten Tagen von den verschiedensten Seiten Bestrebungen bemerkbar, anläßlich der Feierlichkeiten am 8. und 9. November in München private Sonderveranstaltungen aufzuziehen. Die Gauleitung München- Oberbayern weist deshalb darauf hin, daß ausschließlich die in dem von der Gauleitung herausgegebenen Programm aufgenommenen Veranstaltungen in Zusammenhang mit den offiziellen Feierlichkelten stehen. Mit allen anderen Veranstaltungen hat die Gauleitung nicht das geringste zu tun und lehnt jede Verantwortung dafür ab. Gauleitung München-Oberbayern, gez. W e n z I, Gaupropagandaleiter. Nanu? War denn der Bürgerbräuputsch, den Adolf Hitler mit dem berühmten Revolverschuß in die Kellcrdecke eröffnete und der mit einem großen Davonlaufen endete, nicht auch eine „wilde Veranstaltung"? Max, nldii Marx! „Das Vorbild. 1851—1933. Von Karl Max" — so sollte die Ueberschrilt des Artikels über Napoleon III. heißen, der in der Beilage von Nr. 20 d. Bl. erschien. Der Druckfehlerteufel hatte den„Karl Max" in einen ,J(arl Marx" verwandelt. Tli®isias Mann verteidig i sidi Millionen Sklaven— und ein Roman In der vorigen Nummer des„Vorwärts" beschäftigten wir uns mit der zweideutig-passiven Haltung der Schriftsteller Thomas Mann, Döblin und S c h i c k e 1 e, die ihre angekündigte Mitarbeit an der Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung" mit der Begründung widerriefen, die antifaschistische Tendenz dieser Zeitschrift sei ihnen nicht bekannt gewesen. Die Drei ernteten daraufhin ein Beinahe-Lob der„Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums", die ihnen attestierte, sie seien„keine geisti gen Landesverräter". Die Wiener Arbeiterzeitung, die gleich uns ihr Erstaunen über die eigenartige Vorsicht der bisher geistig freien Schriftsteller aussprach, erhält nun von Thomas Mann einen Brief, in dem es u. a. heißt: ...Sie erzählen die Geschichte meiner öffentlichen Absage und der einiger andrer Schriftsteller an die von meinem Sohn geleitete Zeitschrift„Die Sammlung" und folgern daraus die Tatsache unseres geistigen Todes. Für meine Person habe ich zu jenem Vorgang folgendes zu bemerken: So lange In Deutschland die Sprache frei war, habe ich als ein Mann, der sein Vaterland liebt und es glücklich und geachtet sehen möchte, mich mit allen meinen Kräften für das eingesetzt, was Ich für wünschenswert und richtig hielt. Sie in Wien haben Proben davon: ich habe vor Wiener Arbeitern nicht, wie Sie sagen, meinem Bekenntnis zur Demokratie„sogar" Zugeständnisse sozialen Verständnisses angefügt, sondern meine Rede von damals war ein offenes Bekenntnis zum Sozialismus, wenn auch nicht die Erklärung einer Parteizugehörigkeit. Seit acht Monaten lebe ich außerhalb der deutschen Reichsgrenzen. Der damit selbstverständlich verbundenen materiellen und ideellen Opfer will ich mich weder rühmen noch darüber klagen— genug, daß sie gebracht werden mußten. Ueber den Wert einer Polemik, die nicht nach Deutschland hineingelangt und dort tonlos bleibt, kann man verschieden urteilen. Sicher ist, daß meiner Natur die rein positive und produktive Art, dem höheren Deutschland zu dienen, in diesem Augenblick näher liegt als die polemische, und damit hängt mein dringlicher Wunsch zusammen, mich, solange es möglich ist, von meinem Innerdeutschen Publikum nicht trennen zu lassen. Das ist ein ideelles Interesse, das, wie leicht zu erweisen wäre, mit grobem Opportunismus nicht das geringste zu tun hat. Es handelt sich tatsächlich und nachweislich nicht um den„Markt", wie eine unfreundlich derbe Psychologie es gern ausdrückt, sondern um geistige und künstlerische Wirkungsmöglichkeit. Für mein gutes Recht, auch unter diesen Umständen, hielt ich es allerdings, einer außerhalb der deutschen Grenzen erscheinenden literarischen Zeitschrift europäischen Charakters, die erste Namen der Welt zu ihren Mitarbeitern zählt, auch meine gelegentliche Mitarbeit in Aussicht zu stellen. Als Ich mich aber Oberzeugen mußte, daß schon die bloße Ankündigung meines Namens, die unter normalen Umständen so unerheblich gewesen wäre, genügen würde, mir jede Wirkungsmöglichkeit in Deutschland abzuschneiden, habe Ich eine Handlung rückgängig gemacht, der ich von Anfang an wenig sachliche Bedeutung zugeschrieben hatte. Sie wissen, daß in diesen Tagen ein neues Buch von mir erschienen ist, der erste Teil eines weitläufigen epischen Werkes, das mich seit einer ganzen Reihe von Jahren beschäftigt. Es erscheint in Deutschland, im S.Fischer-Verlag, mit dem ich seit meinem Eintritt ins literarische Leben verbunden bin... Ich stand also vor der Frage, ob ich das Leben meines Werkes opfern, die Menschen, die in Deutschland auf meine Stimme hören und insbesondere seit Jahren auf diese neue Arbeit von mir mit Anteilnahme warten, enttäuschen diese verlorenen Güter. Verfolgungen wehrlos preisgegeben, der Meinungsfreiheit beraubt, vor körperlichen Mißhandlungen nicht geschützt, warten sie„mit Anteilnahme", nein, mit brennendem Verlangen— nicht auf einen Roman von Thomas Mann, sondern auf ein offenes Wort im Namen der Menschlichkeit, auf ein offenes, scharfes Wort, das aus seinem Munde kommend, im Ausland weithin gehört würde und durch tausend Kanäle auch ins deutsche Gefängnis dränge. Die deutsche Tragödie, mit Gummiknüppel, Re'tpeitsche und Schießprügel geschrieben, wird durch feingeistige Literatur weder gemildert noch abgekürzt. Darum bleibt es dabei: Thomas Mann handelt unrecht! TreugeloSmlsse im Dutzend billiger. Achtundachtzig deutsche Schriftsteller haben durch ihre Unterschrift dem Blutkanz'er Adolf Hitler das„Gelöbnis t r e u e s t e r Gefolgschaft" abgelegt. 8S deutsche £o4idon Der„Neue Vorwärts" ist in allen Verkaufsstellen der Fa. W. H. Smith Ltd. London, Strand House erhältlich, Bestellungen bitten wir direkt an diese Firma zu richten. und verlassen wollte, nur damit mein Name auf der Mitarbeiterliste einer Zeitschrift figuriere, deren erste Nummer gerade, wie ich wahrheitsgemäß erklären konnte, tatsächlich in ihrer Zusammenstellung taktische Fehler aufwies und nicht dem Bilde entsprach, das ich mir von ihr gemacht hatte. Diese Frage habe ich in der Ihnen bekannten Weise entschieden... Daß Thomas Mann für sein sozialistisches Bekenntnis in diesen Tagen deutscher Sozialistenverfolgung noch einmal ausdrücklich einsteht, gereicht ihm zur Ehre. Ueber die„Wirkungsmöglichkeit" in Deutschland dürfte er sich jedoch gründlich täuschen. So kunstlästerlich das klingen mag: ein„weitläufiges episches Werk" mehr oder minder— kommt es darauf im Dritten Reiche an? Und wenn die Veröffentlichung eines solchen Werkes durch schweigende Duldung schändlichster Barbarei erkauft werden muß— bliebe es dann nicht besser in der Schublade? Den Millionen, die im demokratischsozialistischen Lager mit Thomas Mann für Freiheit, Menschenrecht und Menschenwürde fochten, geht es heute noch und heute mehr denn je um Schriftsteller! Man zählt die Namen— aber man kennt die wenigsten. Wer weiß etwas von Gustav Kohne(wo hat er das E her?), von Richard Schneider-Ebenkoben, Schüssen (Wilhelm), Karl Heini, Ilse Hamel? Wer kennt Herrn Hofrat Rehbein, wer Herrn von Haso? Aus solchen und ähnlichen„Berühmtheiten" rekrutiert sich aber zu drei Viertelteilen die ganze Liste. Und sonst? Von den seit alters Hakenkreuzbraven, von den Blunck, Beumel- burg, Otto Flacke, Schauwecker, nicht mal von dem blutbesudelten Mordhetzer Leers sei hier gesprochen. Die Rudolf Herzog, Presber und Jungnickel seien Herrn Hitler, in Schafsleder gebunden, überlassen, und daß Bronnen ein schmutziger Lump ist, hat sich nachgerade selbst im Dritten Reich herumgesprochen. Bin- ding, der Brauereisohn, und Höcker, der Gutsbesitzer, werden sich hüten, den Ast abzusägen, der die goldenen Eier legt Aber Heinrich Lersch, der einstige Arbeiterdichter, Gottfried B e n n, der Arzt und Vordem-Sozia- Iist, Alfred Brust, der sich dereinst ohne jeden Widerspruch von jüdischen Regisseuren und linksstehenden Mäzenen emportragen ließ, B u I k e, der in den Spalten der demokratischen Vossischen Zeitung graste, Gerhard Menzel, entdeckt und gefördert von dem Juden Monty Jacobs, ungezählte Male Gast fn jüdischen Häusern, der Bohemien Alfred Richard Meyer, der sich einst als„Munke- punke" nicht radikal-sozialistisch genug gebärden konnte, Johann Schlaf, Walter von M o- 1 o, Josef Ponten— wie kommen die auf jene Schandliste der Inkompetenzen? Mit dem Treugelöbnis für Hitler unterzeichneten sie gleichzeitig ihr eigenes Urteil, das auf lebenslänglichen Ehrverlust lautet. Zum Glück faucht neben dieser Liste eine andre, ungeschriebene auf. Sie ist länger und trägt weit gewichtigere Namen, die Namen all der bedeutenden deutschen Schriftsteller, all der Vertreter wahren deutschen Geistes, die von der Hitlerbarbarei schaudernd abrücken, die ihr Kampf angesagt haben, die unter Opfern und Gefahr wider sie streiten. Hklers Gegenieüe In Hitlerdeutschland wird jetzt offiziell soviel von Heldentum geredet und gekraftmriert, daß es Leute von auch nur mittlerem Geschmack längst speiübel geworden ist. Jenen zum Trost soll eine Broschüre für„Nationale Dramaturgie" zitiert werden, die jüngst im Verlag Theater-Tageblatt(Berlin) erschien und in der ein Herr Paul Beyer demonstriert, wie der neue nationale Held auf der Bühne av'-n sollte; „Der stille Held, dem man's ansieht, wird wiederkommen... Der lächelnde Held, der seine Wunde nicht zeigt, kurz all die Gegenteile von Maulheld, die sich denken lassen." Gegenteile von Maulheld— die Ihre Wunden nicht zeigen, Mag sich der Nazi-Dramaturg darüber mit seinen Pgs. auseinandersetzen. Da hat man jüngst Röhms brauner Garde ein Denkmal errichtet. In der Hitler-Presse ist das zu sehen mit dem Text;„Im Schloßpark von Oranienburg wurde ein aus Holz geschnitztes Denkmal für die gefallenen SA.- Leute eingeweiht, welches einen verwundeten Kämpfer darstellt." Auf dem Sok- kel steht einer in SA.-Uniform mit verbundenem Kopf. Der Mann kommt uns bekannt vor. Man sah solche Leute ehedem oft an der Spitze von Naziumzügen Reklame laufen. In mehreren Fällen wurde festgestellt, daß die Verbände einen Schwindel verdeckten. Sie rochen nach Karbol, aber die Wunden fehlten. Wenn die Verteidiger des Sozialismus und der deutschen Demokratie mit Verwundeten hätten protzen wollen— zu Hunderten konnten sie damit aufwarten! Aber Hunderte fielen im Kampfe gegen die braune Pest, abef Hunderte wanderten in die Gefängnisse. Jedoch sie machten kein Theater aus alldem. Einfach, in grauen, abgetragenen Windjacken, traten die sozialistischen Formationen an, so oft sie zum Schutze der Freiheit gerufen wurden. Viele ermangelten der notdürftigsten Ausrüstung, mit durchlöcherten Stiefelsohlen marschierten sie für ihre Sache durch Eis, Schnee und Schlamm, schlecht genährt, arbeitslos die Hälfte, eine graue Masse der Not: Gegenteile von Maulhelden! t Die Geschichte wird diesen unbekannten Soldaten der Freiheit ein Denkmal setzen, und von ihrem einfachen, selbstverständlichen Opfermut werden kommende Geschlechter noch künden, wenn braune Denkmäler und verlogene faschistische Heldenbilder längst im Panoptikum als letzte Reste deutschen Mittelalters vermodern. Sdrwejk Im III. Reich Aus seinen Geiängniserlebnissen... Schwejk, der unsterbliche Held der k. k. Weltkriegsarmee feiert im III. Reich„fröhliche Urständ". Augenblicklich verbüßt er gerade eine Gefängnisstrafe. Was er dabei erlebt, läßt eine Meldung der„Vossischen Zeitung" erahnen, die wir nachstehend wörtlich wiedergeben: „Kein Hitlergruß in Gefängnissen. Ein Rundschreiben des Mecklenburgischen Justizministeriums an die zuständigen Behörden hebt hervor, daß in Gefangenenanstalten der Hitlergruß weder als Gruß der Gefangenen den Beamten gegenüber noch als Gruß der Gefangenen untereinander zugelassen werden dürfe. Der Hitlergruß, so betont diese Anweisung des Ministeriums, ist der Gruß des freien deutschen Mannes. Ueber den Gruß der Gefangenen bleiben die bisherigen Vorschriften in Kraft. Die Gefangenen haben also weiterhin die Beamten durch Abnahme der Kopfbedek- kung zu grüßen bezw. durch Vorbeigehen in straffer Haltung." Aufseher: Schwejk, vortreten! Schwejk: Herr Inspektor? Aufseher: Sie haben mich heute morgen auf dem Weg zum Kaffeefassen mit dem Hitlergruß gegrüßt... Schwejk: Indem daß wir jetzt alle eine einzige große Volksgemeinschaft sind, wie ich in der Zeltung gelesen hab. Aufseher: Gefangene, Juden und Marxisten gehören nicht zur Volksgemeinschaft Der Hitlergruß ist nur für freie Menschen bestimmt. Schwejk: Das möchte aber zu Komplikationen führen, Herr.Direktor. Wie ist denn das mit denen, die wo schon in den Gefängnissen gesessen haben? Wie ich das letztemal Knast schob, hatten wir allerhand Nazis unter uns: sogar ein richtiger Fememörder war dabei, der jetzt herich Polizeipräsident sein soll. Das muß ein sehr sauberer Posten sein, sich mit all den schlechten Charakteren abzugeben-- Aufseher:— wie mit solchen, wie du einer bist du Schwein. Mau! halten, jetzt! Schwejk: Melde gehorsamst, daß ich ein Schwein bin. Warum nicht, Herr Gefangenengeneral? Aber eigentlich ist das nicht sehr menschenfreundlich, daß Sie uns den Hitlergruß verbieten, indem daß Freiübungen sehr gesund sein sollen für den menschlichen Körper. In Poppowitz, da hatten wir einen Mann, der... Aufseher Schnauze! Drei Tage Dunkelarrest! Schwejk: Der Dunkelarrest ist keine schlechte Erfindung: da kann man seine Augen ausruhen und mit Fleiß über den Führer nachdenken, denn das Denken verstößt herich nicht gegen die Anstaltsbestimmungen Aber wirklich, Herr Gefangenenminister,.es tut mir von ganzem Herzen leid, daß Sie uns Herren Verbrechern nicht erlauben wollen unsere treue Verbundenheit mit dem Führer zu bezeugen. Von ganzem Herzen, Herr Präsident____ Aufseher Abführen! 'Schwejk; Heil Hitler, Herr Abkanzlerl Habe die Ehre... Darschan. Familie Eintopf Eine Szene, die der gleichgeschaltete Hans Reimann nicht geschrieben hat... Ort der Handlung: Eine spießbürgerlich eingerichtete Wohnung irgendwo in Sachsen. Das Eintopfgericht dampft auf dem Tisch. Der Vater:'choffe, ihr seid euch alle der Bedeidung der Schdunde bewußd: nicht alle Dache haramir das Glück, midn Oeberschden der Nadssion aus een' Dobb ze essn. Bau), schürf nich so. Die Mutter; Nu, de dusdje gerade, als ob mir an den annern Dachn aus zaehn Debbn essn dädn. Der Vater: Das is egal. Feierdach is Feierdach. Der Führer wills eso un damit basda. Baul, mach nich son Grach bein Essn. Die Mutter: Nu, wenn Feierdach is, da freßd ihr immer zeviel. Fordn Garl muß ooch noch ewas iwrich bleim. Paul: Wo issn der heide? Der Vater; Der had heide Dienst beidr. SA. Der had schon gesdm ahmd gesachd, daßr heid's E.K. kriecht. Paul: Was meendn der drmit? Der Vater: E.K., das heeßd Essenkontrollc. Der muß heide den Leidn indn Dobb guckn, obse ooch bloß alle een' Gang ham. Die Mutter: Nu, da wird der awr der- wechn hibschn Hunger ham, wenn der von der Essensgondrolle heemgommd. Und Ihr, Ihr freßdn alles weg! Der Vater: Nu, warum machsdn nich maehr von den Gelumbe? Die Mutter: Nu, warum gibsdn mir nich mehr Wirdschafdsgeld? Der Vater: Nu, wer hadmr denne's Gehald abgebaut? Die Mutter: Nu, wer wardn der greeßde Nazi indr Familche un had immer gesachd, wenndr Hidler gommd, wird alles besser? Nu mußde de Suppe ooch ausleffln. Paul:'s Is doch gar keene mehr da! Die Mutter: Nu, du maderiallsdcher BriezI, das middr Suppe, das meen'ch doch bloß simbolisch--. Ergo- UnauHälli (TT gesdiminki Die deutsche Firma Leichner erinnert 1° ihren Reklamenotizen daran, daß die braune Regierung auffällig geschminkte und gepuderte Frauen nicht verputzen kann und fü®1 hinzu:„Leichners Puder und Schminken wirken unauffällig, dezent und erfüllen dennoch ihren Zweck, nach dem bewährten Wort:„Was die Natur nicht gibt, gibt Lefchner". Also das Schminken ist in Deutschland erlaubt, nur„unauffällig" hat es zu geschehen- Tfiyssens klügster Streldh Geld für Hitler trägt Zinsen— Einer der grüßten Raubzüge des Kapitals Aus allen Poren blut- und schmutz- 1 triefend, kam das Kapital zur Welt— soi kündete das Evangelium der kapitalistischen Privatinitiative schließt K a r 1 M a r x die berühmte Schily und des Rückzugs des Staates aus der derung über die ursprüngliche Akkumula- Wirtschaft, aber Schleicher leistete noch Widerstand. Als Wehrminister wollte er die Verfügungsmacht über die Eisen- und Stahlwirtschaft, über die Rüstungsindustrie nicht aus den Händen geben. Thyssen erkannte: es sind nicht einzelne Personen und nicht einzelne Regierungen, es ist das„System", das beseitigt werden muß. Thyssen ging zu Hitler. Es war der gescheiteste Streich dieses an sich ganz unbedeutenden, ja einfältigen Mannes. Es war die erfolgreichste Spekulation in seinem Leben. Was keine bürgerliche, noch so reaktionäre Regierung gewagt hatte, das leistet jetzt der Nationalsozialist Hitler seinem Wegbereiter, Freunde und Berater: die Expropriation des Reichs zugunsten der eisenfressenden Exproprateure, der Thyssen, Otto Wolff, Haniel und Konsorten! Am 27. Oktober haben in Berlin die Aufsichtsräte der Vereinigten Stahlwerke und ihrer Gründergesellschaften, Gelsenkirchen. Phönix und von der Zypsn, getagt und den „Umbau des Stahl Vereines44 beschlossen. Ach, es handelt sich um eine tion, über die Entstehungsgeschichte des Kapitals. Aus allen Poren blut- und schmutztriefend— so erneuert sich die Kapitalherrschaft unter der Diktatur Hitlers! Im Frühjahr 1932 wurde die deutsche Oeffentlichkeit durch die Nachricht überrascht, Herr Dietrich, der Finanzminister Brünings, habe von dem Eisenindustriellen Flick dessen Gelsenkirchen-Aktien übernommen. Das Geschäft war in größter Heimlichkeit getätigt worden, nicht einmal die hohen Beamten des Finanzministeriums waren eingeweiht worden. Nach dem Sturze Brünings kündigte zwar die Regierung Rapen die Einleitung einer Untersuchung an. Aber zu d:eser ist es nie gekommen. Die Oeffentlichkeit erfuhr nur, daß der Kaufpreis der Aktien etwa 90 Prozent betrug, während gleichzeitig der Börsenkurs unter 30 Prozent lag. Herr Flick, der auf überaus großen Verpflichtungen festsaß, war wieder flüssig und konnte seine Position in Oberschlesien und in der mitteldeutschen Stahlindustrie ausbauen. Wenig kümmerte ihn der Zorn seiner Kollegen, der Kohlen- und Eisenmagnaten Rheinland-Westfalens, die ihn sozusagen des Verrats an den heiligsten Interessen des Kapitalismus, der Mitschuld an der Sozialisierung, anklagten. Der Zorn war begreiflich. Mit den Aktien Flicks, die durch einige Zukäufe ergänzt wurden, hatte das Reich rund die Hälfte des Aktienkapitals von Gelsenkirchen, das 250 Millionen beträgt, erworben. In Gelsenkirchen lag aber die Mehrheit der Vereinigten Stahlwerke, des größten deutschen Montantrusts, der 1926 durch Zusammenfassung des Montanbesitzes von Thyssen, Otto Wolff, Haniel und Rheinstahl gegründet worden war. Das Reich hatte so die Verfügungsmacht über den wichtigsten Teil der Eisen- und Stahlindustrie erlangt. Da es seit der Bankenkrise von 1931 über die Großbanken, d. h. also über die Kreditgeber der überschuldeten Montanindustrie, verfügt, und bald nach dem Erwerb von GePenkirchen maß- Itebenden Einfluß in den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken nahm und damit auch in der Kohlenwirtschaft seine Stellung ausschlaggebend wurde, war das Reich faktisch Herr über die Schweiindustrie geworden. Zu ihrer völligen Sozialisierung fehlte nur ein— der p o I i t i s c h e— Schritt. Wirtschaftlich war das entscheidende bereits Setan. Thyssen und die andern, die Schwer- Industriellen tobten. Die Krise hatte nicht wie sonst nur die Profite geschmälert, die freien Aktionäre depossediert— die lehensschulden, die die Dollarentwertung um mehr als ein Drittel verringert hat. In dem neuen Stahlverein wird die Thyssengruppe etwa 15 Proz., die Vereinigten Stahlwerke 11 Proz., Otto Wolff 9, Haniel und die früheren holländischen Phönixaktionäre etwa 6 Prozent des Aktienkapitals besitzen. Auf die freien Aktionäre, die aber wegen ihrer Unorganisiertheit ohne Einfluß sind, werden etwa 35 Prozent entfallen. Die gleichgeschaltete Presse preist das Werk des Thyssen als eine wesentliche Vereinfachung, die die Verschlachtelung, die bisher zwischen den vier Gesellschaften bestand, nunmehr beseitigt und durch Herabsetzung des Aktienkapitals sowie durch die Abschreibungen die Bilanz einigermaßen bereinigt. Nur über eines muß sie schweigen, und über die Hauptsache: die Stellung des Reichs. Das aber ist der eigentliche Sinn der sogenannten Umorga- nisation: Das Reich verliert mit einem Schlag seine Herrschaftsstellung. Aus dem entscheidenden Mehrheitsaktionär, der durch seine Verfügung über Gelsenkirchen, direkt der Herr über den größten Montantrust und indirekt über die deutsche Montanindustrie war, wird ein Minde'rheitsaktionär, der kaum mehr über ein Viertel des Aktienkapitals ganz einfache Umorganisation. Die vier d61, neuen Gesellschaft verfügt! Das Geld Gesellschaften werden fusioniert. Aufnehmende Gesellschaft wird Gelsenkirchen. Gelsenkirchen erhöht sein Kap tal von 250 Millionen Stammaktien(und 13 Mill. Vorzugsaktien, die in Stammaktien verwandelt werden) auf 560 Millionen und nimmt den Namen„Vereinigte Stahlwerke" an. Die Aktien der anderen Gesellschaften werden in einem bestimmten, für Phönix, der Domäne Otto Wolffs, übrigens auffallend günstigen Verhältnis, in die neuen Aktien umgetauscht und verschwinden damit für die Zukunft'. Während der Stahlverein zuletzt ein Kapital von 775 Millionen Mark hatte, verfügt die neue Gesellschaft über ein solches von 560 Mill'onen. Ein Teil der Ueberkapitalisation, die seit der Gründung des Stahlverems bestand, wird korrigiert. Der bei der Transaktion entstehende Buchgewinn von etwa 250 Mill. wird zu Abschreibimgen verwandt, die allerdings voraussichtlich noch immer nicht genügen. Hierzu kommen freilich bedeutende, in ihrer Höhe noch nicht bekannte Gewinne aus den sehr hohen Dar- des Reichs, das Herr Dietrich aufgewendet hat, wird jetzt von den Herren des Stahlvereins annektiert, restlos in ihre Verfügungsgewalt überführt, bildet einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Sanierung. Es ist einer der größten und erfolgrekhsten Raubzüge In der Geschichte des modernen Kapitalismus. Thyssen und die Schwerindustriellen haben ihr Ziel restlos erreicht. Die politische Unterstützung Hitlers hat tausendfältige Frucht getragen. Die drohende Sozialisierung ist beseitigt, die Reprivatisierung ist gelungen— es hat keinen Hennig gekostet, nur dem deutschen Volke die Freiheit und Tausenden von Arbeitern das Leben... Die Kapitalisten verfügen wieder uneingeschränkt über die Wirtschaft, über die toten wie über die lebenden Instrumente. Sie sind wieder Herr im eigenen Haus. Das ist Nationalsozialismus! Dr. Richard Kern. Marxist— sofort entlassen! Auch Schwerkriegsbeschädigte! Nr. 10 des Organs des Deutschen Arbeiterverbandes der öffentlichen Betriebe „Arbeit und Staat" vom 7. Oktober 1933 berichtet: Das Berliner Arbeitsgericht hat kürzlich in einer Entscheidung eindeutig ausgesprochen, Stahlvereinsaktien, die bei der Gründung � scijjCksai der deutschen Wirtschaft zu 125 Prozent angegeben waren, standen zeitweise auf 10 bis 12 Prozent— die Krise bedrohte die bisherigen Beherrscher der deutschen Wirtschaft und des deutschen Staates mit völliger Depossedierung, niit völligem Machtverlust, mit der De- klassierung, Stürmisch forderte Thyssen schon damals die„Reprivatisierung44. Das Reich sollte die Aktien an ihn und seine Stahlvereinskollegen abgeben— gegen Kredit selbstverständlich— denn Geld hatten die Ueberschuldeten. von der Krise Bedrohten natürlich nicht. Aber wozu verfügte das Reich über die Banken: die konnten doch die Kredite gewähren! Ein netter Plan, dieses Ansinnen an das Reich, sich selbst zu enteignen, würdig der deutschen Schwerindustriellen! Hatte ihnen denn nicht schon einmal eine bürgerliche Regierung in der deutschen Republik 700 Millionen Mark als Ruhrentschädigung geschenkt und sie damit vor dem ersten Bankrott gerettet, den ihre stupide„nationale" Politik mit der Rheinlandbesetzung heraufgeführt hatte? Warum sollte sich das nicht wiederholen? Da aber Brüning und Dietrich denn doch nicht auf ein solches Ansinnen eingingen, so gesellten sich die Gewohnheitserpresser zu ihren Feinden. Rriininy wurde gestürzt, Papfifl VCf- von dem Bestände der nationalsozialistischen Regierung abhängig sei. Das Arbeitsgericht mußte sich mit der Klage eines Schwerbeschädigten beschäftigen, der innerhalb des Betriebes anti- nationale, politische Agitation betrieben hatte. Obwohl Schwerbeschädigte unter besonderem Kündigungsschutz stehen, war er von der Werkführung deswegen entlassen worden. Das Berliner Arbeitsgericht hat aber das Interesse des ungestörten Ablaufes des Wirtschaftslebens in diesem Fall über den Kündigungsschutz gestellt. In seiner Entscheidung sagt das Gericht, es sei dem Arbeltgeber nicht zuzumuten, das Arbeitsverhältnis mit einem solchen Schwerbeschädigten fortzusetzen. Das Schicksal der Arbeitgeber in ihrer freien wirtschaftlichen Entfaltung sei auf Gedeih und Verderb mit der Aufrechterhaltung und dem Fortbestand der nationalen Regierung verbunden. Daher treffe Jede politische Bewegung, die auf Beseitigung der nationalen Regierung gerichtet sei, mittelbar auch den Arbeitgeber. Insbesondere könne es einem Arbeitgeber, dessen Auftragsbestand auf die Zuweisung von Aufträgen durch Behörden angewiesen Ist, nicht zugemutet werden, Arbeitnehmer weiter durch Gewährung von Arbeit und Lohn Im Betriebe zu halten, deren Ziel und Bestreben auf Beseitigung der Regierungsgewalt gerichtet ist Der gleiche Grundsatz ist für die gesamten öffentlichen Betriebe anwendbar. Zu diesem Bericht ist kaum noch etwas zu bemerken. Er spricht für sich selbst Dem Verfasser ist zugute zu halten, daß ein Rest von Scham ihn verhindert hat, das entscheidende Wort richtig auszuschreiben. Die Leute, denen man jetzt den Kündigungsschutz genommen hat, die auf Knall und Fall hinausgeworfen werden. wenn sie im Verdacht stehen, sich über die1 heutigen deutschen Zustände ihre eigenen Gedanken zu machen, sind nicht „Schwerbeschädigte", sondern Schwerkriegsbeschädigte! So stehlen sie! Der Nachtragsetat der preußischen Regierung enthält eine neue Einnahme von 31/2 Millionen Mark. Dieser Betrag stammt aus dem beschlagnahmten Vermögen der„staatsfeindlichen" Organisationen. Der preußische Staat verwendet dieses Geld, um den Fehlbetrag zu decken, der durch die Anstellung von braunen Bonzen entstanden ist. Dieses Verhalten ist schamlos. Das Geld ist pfennigweise von den Arbeitern zusammengetragen worden. Es sollte zum größten Teil für soziale und gemeinnützige Zwecke dienen. In dieser Summe befinden sich die Gelder z. B, der Arbeiter- wohlfahrt, mit denen der Hunger unterernährter Arbeiterkinder gestillt, Tuberkulose vor Siechtum und Tod bewahrt werden sollten. Man stiehlt aber nicht nur für den Staat, sondern auch für die eigene Tasche. Täglich wird im„Reichsanzeiger" berichtet, was man beschlagnahmt und enteignet. Diese Beträge sind um ein Vielfaches höher als die jetzt angegebenen 3y3 Millionen. Da bleibt keine andere Annahme übrig, als daß die wirklich ent- sche'denden Herren, die Nazigauleiter und die Reichsstatthalter alles in ihre Taschen gesteckt haben, dessen sie habhaft werden konnten. Wer das Recht zum Morden hat, der hat sicherlich auch das Recht zum Stehlen. Ein lustig Spiel Das Dritte Reich in Gefahr— Wer sich irrt, wird erschossen. Aus Essen wird uns geschrieben: In unserer Stadt ist Furchtbares geschehen. Der Polizeipräsident hat Kopf gestanden, das Dritte Reich war von Essen aus gefährdet, drei Leute sind ins Konzentrationslager geschafft, eine große gleichgeschaltete Zeitung ist für vier Tage verboten worden— und die ganze Stadt hat gelacht. So begann es: Am 17. Oktober hielten die Leser der „Essener Allgemeinen Zeitung" ihr Blatt in der Hand, starrten erstaunt auf ein Bild, rieben sich die Augen, starrten wieder und reichten dann die Zeitung schmunzelnd und heimlich weiter. Die Stimmung, sonst trüb und gedrückt, stieg um einige Grade. Der Anlaß des allgemeinen Vergnügens: ein Bild pflastertretender SA-Leute, fahnentragend, im Volksbewußtsein der Landsknechtswürde die Köpfe reckend— darüber die Ueberschrift; „Fröhliche Stunden bei fahrendem Volk— Das Schulfest des Helmholtz-Realgymnasiums". darunter der Text;„Eine Szene aus dem lustigen Komödienspiel", Am nächsten Tage erschien die Zeitung nicht, und es sprach sich rasch herum, daß der Verlagsdirektor, ein Redakteur und der schuldige Metteur ins Konzentrationslager geschafft worden waren. Ein Blatt mit dem Kopf der„Essener Allgemeinen" verkündete: Verbot Der Herr Regierungspräsident in Düsseldorf hat die Essener Allgemeine Zeitung bis 21. Oktober einschließlich verboten wegen eines in der Ausgabe vom 17. Oktober veröffentlichten Bildberichts. Dazu wimmerte die Redaktion: „In der letzten Nummer unserer Zeitung ist in dem Bericht„Fröhliche Stunden bei fahrendem Volk" durch ein technisches Versehen ein Bild veröffentlicht worden, das nicht zu diesem, sondern zu einem anderen, noch nicht erschienenen Artikel gehört. Durch eine verhängnisvolle Verkettung von unglückseligen Umständen... Wegen der dadurch herbeigeführten verheerenden Wirkung der Bildwiedergabe auf den Leser, hat der Herr Regierungspräsident auf Antrag des Herrn Polizeipräsidenten... Verlag und Schriftleitung erkennen an, daß die Staats- Polizeibehörden den bedauerlichen Vorfall nur mit dem Zeltungsverbot beantworten konnten.. „Beantworten konnten"— Jawohl! Denn ein verhobenes Bild gefährdet natürlich den Bestand des ganzen Dritten Reiches. Macht und Popularität der braunen Herren sind so gefestigt, daß ein Gelächter sie Ober den Haufen pusten könnte, wenn das Volk nicht in Furcht und Schrecken versetzt, wenn Ihm nicht das Lachen abgewöhnt würde. LIBRAIRIE STOCK 155 rue St Honor6- Paris 1er- T6I.: Central 38-70 (M6tro: Palais-Royal) Alle deutschen, französischen und engl. Bücher Lieferung nach allen Ländern „NEUER VORWÄRTS" hier zu haben Sofortige Auskünfte Uber bibliographische Fragen Abonnements-Bestellungen In Frankreich für den„Neuen Vorwärts" werden von Boris Skomorovsky- 141 rue Broca- Paris(13e) entgegengenommen. Ch. postaux(Postscheckkonto): Paris 1260 98, Abonnementspreis: Halbjahr Frs. 35, Vierteljahr Frs, 18. Hdbeilion der Gelstlidien Karl Barth und die 2000 Pastoren, die sich nicht gleichschalten lassen! Vieles erleben wir in dieser Zeit, was mit unseren altüberkommenen Vorstellungen und Erfahrungen nicht in Einklang zu bringen ist. Dazu gehören auch die Wirkungen, die der Sieg der Hakenkreuzler in denchristlichen Kirchen hervorgerufen hat. Man hatte von der katholischen Kirche erwartet, daß sie eine gewisse Widerstandskraft entfalten werde— das Gegenteil ist eingetreten. Die katholische Kirche hat kampflos ihre politische Vertretung aufgegeben und sich dem totalen Staat unterworfen. Umgekehrt galt die protestantische Kirche uns als sicherste Hochburg jeder politischen Reaktion. Gerade aber in ihr hat sich ein Widerstand geltend gemacht, der die ganze theologisch interessierte Welt innerhalb und außerhalb Deutschlands in Bewegung hält. Die Kräfte des Widerstandes gruppieren sich einerseits um den Bonner Theologieprofessor Karl Barth und seine Schrift„Theologische Existenz heute!"(Chr. Kaiser-Verlag, München), die in wenigen Wochen acht Auflagen erlebt hat, anderseits um Dr. von Bodelschwingh, der in der kirchenpolitischen Opposition gegen die Deutschen Christen die Führung hat. Schon haben nicht weniger als 2000 Pastoren eine Erklärung unterzeichnet, in der sie Dr. von Bodelschwingh als Hüter des echten Glaubensbekenntnisses feierlich anerkennen, sich selber auf dieses verpflichten, den Arierparagraphen für unvereinbar mit ihm erklären und ihre Verbundenheit betonen mit allen, die wegen dieses Glaubensbekenntnisses verfolgt werden. Noch weiter als diese Erklärung geht ein Appell, den 22 namentlich unterzeichnete Führer im Namen der 2000 an die Nationalsynode in Wittenberg gerichtet haben. Darin werden die Kirchenbehörden beschuldigt, sich einem gewalttätigen Druck gebeugt zu haben und dadurch mit den Lehren der Heiligen Schrift und der Kirche in Konflikt geraten zu sein. Das gelte besonders auch für den Arierparagraphen. Geistliche seien verfolgt worden, weil sie aus Gewissensgründen nicht imstande seien, der im Augenblick die Kirche beherrschenden Gruppe Gefolgschaft zu leisten. Von der Nationalsynode in Wittenberg wird gefordert, daß sie die Freiheit der Predigt proklamieren solle. Ohne Rücksicht auf bevorstehende Beschlüsse, wird die Fortsetzung der bisherigen zu den Deutschen Christen oppositionellen Haltung angekündigt. Geistiges Haupt der Bewegung ist, wie gesagt, Karl Barth. Der berühmte Bonner Theologe zieht mit kantischer Prägnanz den Grenzstrich, der den geistigen Inhalt der Kirche von jeder Art von Politik, selbst auch von der Kirchenpolitik scheidet. Er nimmt die politische Führerschaft Hitlers ohne Widerspruch, freilich auch ohne jede Spur von Zustimmung als vollzogene Tatsache hin, um desto schärfer gegen jedes Uebergreifen des neuen Geistes auf die Kirche Protest zu erheben. Im Gegensatz auch zu der „Jung-Reformistischen Bewegung", die trotz aller Bedenken und Vorbehalte einen„Burgfrieden" in der Kirche anstrebt, lehnt Barth jedes Kompromiß ab. Er kennt auf seinem Boden, d. h. dem der Lehre, den Deutschen Christen gegenüber nur den Kampf: „Was ich dazu zu sagen habe, ist einfach: ich sage unbedingt und vorbehaltlos Nein zum Geist und zum Buchstaben dieser Lehre. Ich halte dafür, daß diese Lehre in der evangelischen Kirche kein Heimatrecht hat. Ich halte dafür, daß das Ende der evangelischen Kirche gekommen wäre, wenn diese Lehre, wie es der Wille der„Deutschen Christen" ist, in ihr zur Alleinherrschaft kommen würde. Ich halte dafür, daß die evangelische Kirche lieber zu einem kleinsten Häuflein werden und In die Katakomben gehen sollte, als daß sie mit dieser Lehre auch nur von ferne Frieden schlösse. Ich halte dielenigen, die sich dieser Lehre angeschlossen haben, entweder für Verführer oder für Verführte und kann die Kirche in dieser„Glaubensbewegung" nur so wiedererkennen, wie Ich sie auch im römischen Papsttum wiedererkennen muß. Ich kann auch meine verschiedenen theologischen Freunde, die sich kraft irgend einer Hypnose oder mittels irgend eines Sophismus in die Lage versetzt fanden, diese Lehre zu bejahen, nur bitten, von mir aus zur Kenntnis zu nehmen, daß ich mich sofern ihnen nicht in glücklicher Inkonsequenz neben dieser Irrlehre auch noch eine anderweitige christliche, kirchliche und theologische Substanz erhalten geblieben sein sollte, schlechterdings und endgültig von ihnen geschieden weiß." Höchst interessant— weil sich Vergleiche mit ähnlichen Vorgängen auf anderen Gebieten aufdrängen— ist die Art, wie sich Barth mit den Gleichgeschalteten auseinandersetzt.„Was hat sich zugetragen? fragt er, um zu antworten: „Auf der einen Seite das Ereignis einer geradezu verblüffenden Widerstandslosigkeit, in der Pfarrer und Gemeindeglieder und Kirchenführer, Theologenprofessoren und Theologiestudenten, Gebildete und Ungebildete, Alte und Junge, Liberale, Positive, Pietisten, Lutheraner und Reformierte in Scharen dem Ansturm dieser Bewegung erlegen sind, wie man eben einer echten, rechten Psychose erliegt. Erlegen die einen im aufrichtigen Glauben, nun endlich geradezu messianische Botschaft vernommen zu haben, die anderen mit irgend einer sehr tiefen philosophischen Begründung, wie man sie gerade dann am sichersten zu finden pflegt, wenn man sich wieder einmal aufs gründlichste«von der „Wirklichkeit" hat überrennen lassen, die Dritten in der simplen Ueberlegung, was auf politischem Gebiet recht, werde gewiß auch auf kirchlichem billig sein, die Vierten in der ängstlichen Klugheit, die nur ja nicht„ausgeschaltet" sein, ihre wertvolle Kraft nicht müßig gehen lassen wollte, da nun einmal alles in dieser Richtung lief, die Fünften mit weisem Vorbehalt nur das„Gute" an der Bewegung bejahend, die Sechsten in der etwas hinterhältigen Absicht, beizutreten, um alsbald die„nötige Opposition" zu machen, die„Einseitigkeiten" der Bewegung„von innen heraus zu überwinden"— aber alle miteinander erlegen einer Sache, die den Stempel der Verkehrtheit so deutlich auf der Stirn trägt, daß in einer gesunden Kirche schon ein Konfirmand hätte merken müssen, daß er da weder mit dem lutherischen noch mit dem Heidelberger Katechismus in der Hand nur eine Stunde dabei sein und unter irgend einem Vorwand mittun könne." Nein, von Kompromissen, auch mit Klauseln und Vorbehalten kann bei Karl Barth keine Rede sein. Ihm geht es nicht darum, ob der Wehrkreispfarrer Müller oder ob Bodelschwingh Reichsbischoff ist, sondern um mehr: „Ich brauche nicht zu wiederholen, was ich gegen die„Deutschen Christen" gesagt habe. Ich kann aber an dieser Stelle hinzufügen, daß ich damit rechne(und nach den neuesten Ereignissen noch mehr als vorher): die Einheit mit einer auf irgend einem Weg doch noch Müller und den„Deutschen Christen" ausgelieferten deutschen evangelischen Kirche wird vielleicht nicht aufrecht zu erhalten sein. Den zu erwartenden evangeliumswidrigen Dogmen, Verkündigungen und MaBnabmeu des deutsch-christlichen Reichsbischofs und seiner Domherren wird Renitenz geleistet werden müssen. Es werden ihnen gegenüber im Notfall auch die letzten Konsequenzen gezogen werden müssen." Mit Erstaunen hört man von jenseits der Grenze Worte wie„Renitenz", „Widerstand",„letzte Konsequenzen" herüberschallen. Sicner bedeutet das nicht, daß Barth und seine Pastoren zu Revolver u. Dreschflegel greifen wollen, wohl aber will es besagen, daß sie sich auf einen ideologischen Widerstand versteifen, der nach ihrem Willen auch nicht durch Aushungerung oder Gefangensetzung zu brechen sein soll. Bleiben sie fest, dann verdienen sie den Respekt und die Sympathie aller, denen Mut der Ueberzeugung auf allen Gebieten als Charaktervorzug gilt. Die Herren des Dritten Reichs aber werden dann vor die Alternative gestellt sein, entweder vor einer geistigen Bewegung zurückzuweichen, oder aber ein neues Martyrium schaffen zu müssen, daß vor aller Welt gegen sie zeugen wird. Karl Barth bleibt aber auf alle Fälle das Verdienst, daß er das Hakenkreuzchristentum als einen barbarischen Schwindel entlarvt hat, der weder deutsch noch christlich ist. Grelbe Germanen Mongolische Arier Die Wissenschaft im Dritten Reich schreitet von Entdeckung zu Entdeckung. Sie hat nicht nur herausgefunden, daß Mischvölker an der Donau zur nordischen Edelrasse zählen, sondern es gibt noch ganz andere Dinge, von denen die Anthropologen sich bisher nichts träumen ließen. Der japanische Botschafter in Berlin hat energisch in Neuraths Amt hineingeleuchtet, weil in Deutschland lebende Japaner und ihre Kinder mehrfach vom braunen Mob angepöbelt und mißhandelt wurden. Darauf hat Hitlers Außenminister jetzt die Versicherung abgegeben, „daß sich die deutsche Regierung entschlossen habe, auf Grund neu er rassetheoretischer Untersuchun'gen der japanischen Rasse grundsätzlich die Gleichwertigkeit mit der nordisch-germa- schen Rasse zuzusprechen. Deutsch-japanische Mischehen sind gestattet Der nationalsozialistische Rassebonze Dr. Johann v. Leers hat schon einen entsprechenden Vortrag gehalten, in dem er den staunenden Zuhörern erklärte, daß bei den Japanern „arische Blutbeimischung" festzustellen sei. Dagegen sind sich Leers wie das deutsche Außenministerium darüber einig, daß andere asiatische Völker, vor allem die Chinesen. weiter als minderwertige Rasse zu gelten haben. Wenn es strittig sein mag, welche europäischen Nationen den indogermanischen Völkergruppen zuzurechnen sind, so ist sich die ernste Wissenschaft darüber einig, daß die Mongolen einen ausgesprochenen nicht- arischen Typus darstellen. Und wenn jetzt der braune Rassenfatzke Leers bei den Reiben Japanern plötzlich arische Blutbeimischung entdeckt, so hängt das wohl mit der völligen außenpolitischen Isolierung Deutschlands zusammen. Man sieht sich verzweifelt nach Bundesgenossen um, und sucht Hilfe bei denen, die von deutscher Nationaillc mit Vorliebe„gelbe Affen" geschimpft wurden. Da China gegenwärtig noch schwach und außerdem im Völkerbund vertreten ist, gehören seine Landeskinder zu den Minderwertigen. So verschachern die braunen Demagogen ihre Auffassung, wie es ihr jeweiliges Bedürfnis gerade verlangt. Tatsachen, Grundsätze, Treue oder Ehre sind ihnen dabei ebensowenig im Wege wie irgendwelcher Sinn für Lächerlichkeit. Aber warum bei den gelben Kindern Nip- pons Halt machen? Wenn sogar Göbbels und Hitler sich als Vertreter nordischer Edelrasse aufspielen dürfen, warum dann nicht die E s- k i m o s oder die Indianer im Gran- Chaco? Geflüstertes Interview Ein Agrarier schüttet sein Herz aus. Ein üranzösicher Korrespondent hatte jüngst Gelegenheit, einen ostpreußischen Gutsbesitzer zu interviewen, und er entdeckte, daß selbst in den junkerlichen Kreisen bereits Gegner des Hitler-Systems sich zu melden beginnen. Allerdings— sie melden sich sehr leise, denn es ist nicht ratsam, den Mund weit aufzutun, es sei denn beim„Heil-Hitler"-Rufen. Dem Interview, das im„Petit Parisien" veröffentlicht wurde, entnehmen wir einige interessante Abschnitte: „Ich habe meine Söhne in die Fremde geschickt", sagte er;„sie werden sich helfen, so gut sie können; aber ich konnte den Anblick der beiden großen, unternehmungslustigen und aller Hoffnung beraubten Burschen beinahe nicht mehr ertragen... Die Regierung hat mir ein Halbdutzend Hitlerianer geschickt, die ich während des ganzen Winters beherbergen und ernähren muß. Ich höre wohl, daß diese feiernden Arbeiter mir zur Verfügung stehen, aber, ich weiß nicht, was ich ihnen zu tun geben soll; sie werden Alleen harken, werden Blätterhaufen anbrennen: das dürfte der Arbeitslosigkeit nur in sehr geringem Ausmaße steuern. Alle meine Nachbarn und die meisten deutschen Grundbesitzer sind so mit Pensionären versorgt worden. Aber, wie meinen Sie, sollen wir diese starken Kerle unterhalten, von denen einige auch noch zu tauchen verlangen?..." „Zahlreiche Kapitalisten, angefangen bei Hugenberg, leisten Widerstand gegen die Partei, wir Cutsbesitzer nehmen dieselbe Haltung an. Was die Finanzgruppen anbelangt, aui die Sie anspielten(die Zufriedenen. D. Uebers.), so dürfen Sie nicht vergessen, daß die teilweise aus Lieferanten von Kriegsmaterial bestehen, deren Fabriken heute mit vollem Ertrag arbeiten... Hitler und seine Ratgeber sind entschlossen, gleichzeitig gegen die Großindustrie und gegen die Gewerkschaften zu kämpfen. Meiner Meinung nach hat Hitler ein Programm, dessen Verwirklichung ohne Zweifel durch alle möglichen schwierigen und notwendigen Ueberlegungen verzögert wird, aber das uns im Endeffekt alle ruinieren und in die Revolution treiben wird. Wir sind weder Italien noch Rußland, wir sind Deutschland, und die Hitlerpartei repräsentiert bei uns nur eine Minorität ohne wirklichen Wert, ohne Kultur und ohne Seele." Also rechtsstehende, stramm nationale Leute kommen sachte dahinter, daß der eingeschlagene' Weg„Deutscher Erneuerung" nicht etwa von der„bolschewistischen Gefahr" weg-, sondern in eine Revolution hineinführt, wie sie Deutschland, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Wegen der Aufnahme von Inseraten und der Annahme von Abonnements in Belgien wende man sich schriftlich an den „Tleum Vamäds" BRUXELLES XL 38, Rue d'Edimbourg Deutsche Bücher werden schnellstens zu Orlginalpreisen geliefert! Redakteur und Setzer im Konzentrationslager Der in Eddingen in Württemberg erscheinende„Neue Albbote" ist verboten worden. Das Verbot erfolgte, weil dieses Blättchen eine fehlerhafte Fassung des amtlichen Textes zum Volkbegehren veröffentlicht und eine Berichtigung unterlassen hatte. Die Redaktionsräume wurden nach einer Durchsuchung von einer SS-Abteilung besetzt. Der verantwortliche Schriftleiter und der Setzer wurden ins Konzentrationslager am HeuberR überführt. Theaterkatastrophe Der„Berliner Herold" verzeichnet in einer einzigen Nummer(42) folgende Tatsachen aus dem braunen Kunstleben: Der Dichter Forster, dessen schönes Stück„Robinson soll nicht sterben" leider im Komödienhaus abgesetzt werden mußte.. Inzwischen hat sich das„Theater am Nollendorfplatz" genötigt gesehen, die Aufführungen von Ruederers„Fahnenweihe" abzubrechen... Der Deutsche Bühnenverein wird nun endgültig in den ersten Novembertagen In Berlin zusammentreten, und das Hauptthema seiner Beratungen wird der katastrophal schlechte Theaterbesuch sein, der in allen Städten Deutschla nds und besonders in Berlind unerhört negative Dimensionen angenommen hat Man denke; Theater am Nollendorfplatz und Komödienhaus nach kurzer Spielzeit gerade als die Saison richtig beginnen sollte, wieder geschlossen. Das„Deutsche Theater", die Kammerspiele, das Große Schauspielhaus, der Admiralpalast, das „Berliner Theater" sind in dieser Spielzeit noch gar nicht eröffnet das„Theater am Schiffbauerdamm" ist ganz außer Kurs, manche In Betrieb befindliche Theater haben schwer zu kämpfen. Aus anderen Städten kommen ähnliche Berichte. Zum Beispiel aus Dresden. Dort wissen die Staatstheater nicht wie sie über den Winter kommen sollen, man denkt schon an eine Zusammenlegung von Schauspiel und Oper. Kein Wunder! Die einstigen Stammgäste, die Kunstsachverständigen, pfeifen auf den Besuch des Opernhauses, wenn es immer wieder geschieht daß vor der Ouvertüre das Deutschland- oder das Horst-Wessel-Lied erdröhnt und alle Besucher zunächst einmal Männchen machen müssen, wenn sie nicht hinausfliegen wollen. Die deutsche Theaterkultur hatte vor der „nationalem Erneuerung" Weltruf.