Hedaktion and Terlags Karlsbad, Haus„Graphia" TeL<081 Freli der Einzelnummer I/~ v j j /\ (Im Auciand 2.-( LV 0 1 ,T"\/ Auslandspreise Einzebnmm. nerteljÄhr Argentinien., Bett;: elgien.,,. Bulgerlen... Danrig..,, Deutschland.. Es« nd.... Finnland... Frankreich.. OroBbrltannlen Holland.... Italien..... Jugoslawien.. v. Lettland.., . Pe». .Fre. . Lew. Onld. Mk. E.Kr. Fmk. Fre. d. OHL LIr. Dln. LaU OJO 2.— 8.- 0.30 0�5 0.22 4.— ISO 4.— ais 1.10 4S0 ojo I Pe».»SO Pra. 24.— Lew, 96.— Ould. 3.60 Mk. 3.- E. Kr. 2.64 Fmk. 48.— Fre. 18.— sh. 4.— Cid. ISO LIr. 18.» Dln. M— UU 1.60 rnm ■f# Sozialdemokratisches Wochenblatt Nr. 25 Sonntag, 3. Dez. 1933 Benagspreia im Quartal TZ X t Q (Im Amiaad Kt 24�) ivC-1 0.~ Ansiandspreise.Linzelnumm vjertcljahrl. Litauen.... Luxemburg.. Norwegen... Oesterreich.. Palästina... Polen..... Portugal... Rumänien.. Saargebiet.. Schweden.,. Schweiz.,. Spanien... Ungarn.... USA...... Die Weltorganisation der Lüge Es ist über die Millionen berichtet worden, die dem Reichslügenminister 0 ö b b e 1 s heute für seine Propaganda zur Verfügung stehen. Aber diese Berechnungen bleiben noch hinter der Wirklichkeit zurück: Göbbels selbst— der wie alle minderwertigen Menschen nicht den Mund halten kann und oft mehr ausplaudert als seinem Brotgeber lieb ist— hat sich vor einigen Tagen im vertrautesten Kreise seiner Tat- und Gesinnungsgenossen gerühmt, er vertilge allein für die Presse-Propaganda und für den Meinungsverkauf im Ausland einen Fonds von 30 Millionen Mark! Wer die Riesensummen kennt, die Hitler-Deutschland bisher schon für die Propaganda im Ausland ausgegeben hat, wird sich nicht darüber wundem, Weich eine niederträchtige Verschwendung mit den Steuergroschen, des deutschen Volkes heute von den Nazis getrieben wird. Goebbels' Meinungskauf- Gelder rollen heute in den meisten Staaten Europas und sogar auch in den tiberseeischen Ländern, wie die erst kürzlich in Nordamerika aufgedeckte �azipropaganda-Organisation gezeigt hat. Nach zuverlässigsten Informationen die selbst durch die dickgepolsterten i üren des Propaganda-Ministeriums gedrungen sind, hat das Hitler-Deutsch- jand für seine Wühlarbeit im Ausland bisher folgende Summen ausgegeben: Oesterreich... 5,000.000 Mark Tschechoslowakei 5,000.000 Mark Schweiz.... 750.000 Mark Schweden.... 500.000 Mark Belgien.... 700.000 Mark Baltische Staaten. 500.000 Mark Dänemark... 200.000 Mark Finnland.... 200.000 Mark Rumänien... 500.000 Mark Holland.... 1,500.000 Mark Nord-Amerika.. 4,000.000 Mark Süd-Amerika.. 2,000.000 Mark Zusammen ergibt das also bereits �'cit über 20 Millionen Mark! Und dabei Rammen diese Ziffern aus der zweiten Bktoberhälfte! Man kann ungefähr den- ken, wieviel seitdem noch ausgegeben forden ist und ferner, wieviel Gelder außerdem noch auf allerlei Wegen und ClUrch allerlei Kanäle— auch aus den •chwarzen Fonds des Auswärtigen Amts l'nd des Reichswehr-Ministeriums— 1? die Hände der Nazi-Missionäre gegossen ist. Man hat es ja dazu! Die z�zis können heute mit der un- •crfrorensten Großzügigkeit ihre Par- tci-Propaganda aus der Reichskasse bad vom deutschen Volke bezahlen las- Etats-Kritik gibt es nicht mehr; es ja noch schöner, eine solche dem Qrcinial verfluchten Parlamentarismus �abstammende Kontrolle der öffentli- onen Verwaltung zu dulden! Eine„Re- �rung der Ehrenmänner" braucht sich er'ei nicht gefallen zu lassen! t Mit diesen Geldern und mit allen r-mingenschaftcn modernster Lügen- ?bd Wühl-Technik kann der Lügen- , ytiiose Göbbels im Ausland natürlich , bensiv arbeiten. Wie gesagt: Es gibt J-ate kaum noch einen Staat in Euro- Jb in dem nicht von Berlin aus Nazi- eaen verpflanzt worden wären! Die Enthüllungen des„Petit Parisien"— und mögen sie auch tausendmal von der Lügenzentrale in der Wilhelmstraße dementiert werden— haben nur einen Teil des hitlerischen Aktionsprogrammes bloßgelegt. Denn Hitlers Endziele gehen viel weiter: Er will— mögen Ewig-Naive es ungläubig belächeln— überall eine N a z i- Re v o 1 u t i- o n erreichen! Ueberall arbeiten bereits Nazi-Emissäre! Das weitverzweigte Netz der Nazi- Wühlarbeit sieht heute so aus: In Nord-Amerika: Seit zwei Jahren bereits sind die dortigen Agenturen der Hapag und des Norddeutschen Lloyds verkappte Nazi-Propaganda- Zellen. Wer einmal— wie der Schreiber dieser Zeilen— Gelegenheit hatte, beispielsweise in die Neuyorker Vertretungen dieser Schiffahrts-Gesellschaften einen Blick zu werfen, mußte entsetzt sein übet das Maß der Hetzarbeit, die dort schon seit Jahren gegen die Weimar-Republik verrichtet wurde! Mit dem Hitler-Umsturz ging es natürlich erst recht los! Nun konnte man ungenierter arbeiten. Alle unbequemen Angestellten wurden unter fadenscheinigen Vorwänden entlassen: an ihre Stelle kamen die unter dieser falscher Flagge nach USA. entsandten Göbbels-Gchil- fen. Obwohl das Passage-Geschäft der deutschen Schiffahrtsgesellschaften sich seit April dieses Jahres fast um 50 Prozent vermindert hat— es ist sogar vorgekommen, daß ein Lloyd-Dampfer wegen Mangel an Passagieren nicht fahrplanmäßig, sondern um zehn Tage spä� ter die Rückreise antrat— hat sich die Zahl der Angestellten der deutschen Schiffahrtsbüros in USA. beinahe verdoppelt. Diese Agenturen wurden nun die festen Stützpunkte der Nazi-Agitation. Jedoch nicht von diesen Büros aus allein wird intensivste Nazi-Propaganda getrieben; Göbbels hat seine Handlanger auch in alle deutschen Konsulate gesteckt, wo sie eine umfassende Tätigkeit(Spietzelei, Denunzation und Beeinflussung der öffentlichen Meinung) entfalten. Die Zahl der heute in Nord- Amerika tätigen Hitler-Emissäre wird auf dreihundert geschätzt. In S ü d- A m e r i k a hat die Nazi- Propaganda— wie nicht anders zu erwarten— ihre stärksten Stützpunkte in den seit jeher nationalistischen deutschen Vereinigungen. Selbstverständlich sind aber allen deutschen Konsulaten geeignete Göbbels- Jünger beigegeben worden. Man wird sich nicht wundern dürfen, wenn auch in Süd-Amerika bald die„Entdeckung" einer weitverzweigten Nazi-Wühl-Organisation gemeldet wird. I n E u r o p a: Wie weit die Minierarbeit in der Tschechoslowakei und in Oesterreich schon gediehen war, ist der Oeffentlichkeit zur Genüge bekannt. Ueberall bestanden bereits feste und großausgebaute Organisationen, die einen bestimmten Umsturzplan ausführen sollten. In Schweden hat man eine Verschwörung aufgedeckt, die nicht mehr und nicht weniger als die Bildung einer Nazi-Armee— ähnlich der SA— auf schwedischen Boden und einer großen Nazi-Organisation bezweckte, um Schweden eines Tages zu einer Filiale eines nationalsozialistischen Groß- Deutschland machen zu können. Gö- rings häufige Besuche in Schweden waren durchaus nicht„privaten Familienangelegenheiten" gewidmet. In Dänemark ist eine intensive Nazi-Agitation besonders unter der Bauernschaft Süd-Jütlands festzustellen. Die Nazi-Apostel arbeiten in diesem Nachbarstaat hauptsächlich auf dem flachen Lande und nützen die Absatzkrise der dänischen Landwirtschaft in der bekannten aufputschenden Weise auf. In Estland haben sich die Nazis mit dem„Verband ehemaliger Kriegs- Ilitler, der Pazifist, sucht eine Unterhaltung zu zweien „Marianne" Paris teilnehmcr" verbündet, einer faschistischen Kampf-Formation, die bereits 60.000 Mitglieder zählt. Woher die Gelder für ihre Ausrüstung fließen, kann man sich denken! In L e 1 1 1 a n d hat man eine Kampforganisation Bund„Donnerkreuz" aufgezogen, der seine enge Verwandtschaff mit dem Hakenkreuz nicht leugnen kann. In Finnland ist zwar die faschistische Lappo-Bewegung zurückgeschlagen worden, aber Injektionen mit Nazi-Geldern können auch hier wieder belebend wirken. In Ungarn ist unter dem Namen „Nationalsozialistische Volkspartei Ungarns" eine nationalsozialistische Organisation gebildet worden, die ihren „Reichsführer" und ihren„Stabschef" hat und ein Manifest erließ, das folgenden Gruß an Hitler richtet:„Wir ungarische Volksgenossen stehen nicht an, zu erklären, daß wir, wenn es eine große Stunde will, auch mit Herz und Hand an Ihrer Schildseite stehen wollen!" In Rumänien hatte die Nazi-Propaganda bisher die größten Erfolge aufzuweisen. Dort existieren— namentlich in Siebenbürgen— regelrechte Nazi- Kampforganisationen, ähnlich der SA, von der die„Eiserne Garde" des Professors Cuza die stärkste ist. Einer der dortigen Naziführer, Cotaresco, hat kürzlich auf einem nationalsozialistischen Kongreß in Kischinew erklärt, daß Heil Rumäniens sei nur im Wege einer engen Verbindung mit dem deutschen �Nationalsozialismus zu finden, „Osaf" aller rumänischen Nazis ist der Oberst Tatarescu, vor dem Kriege rumänischer Militärattachee in Berlin. Der jüngste Kabinettwechsel in Rumänien hat mit krasser Deutlichkeit enthüllt, wie weit bereits dort die Umsturzarbeit der Faschisten gediehen war! Die enge Verbindung mit Berlin wurde nachgewiesen. In Griechenland sogar gibt es neuerdings eine von einem früheren Generalstabs-Hauptmann geführten nationalsozialistischen Organisation „Ethnikos Enosta Elados". Der„Führer" hat in einer Kundgebung gar nicht geleugnet, daß er sich zu den braunen Zielen des Isar-Athen-Miinchen bekennt und in Hitler den Meister aller Meister erblickt. In der Schweiz haben sich zahlreiche Nazi-Zellen eingenistet: Die„Neue Front," Bt die Dachorganisation der verschiedenen Nazi-Bünde. Man tarnt sich dort noch, ist aber um so intensiver an der Arbeit, den deutschen Teil der Eidgenossenschaft für die Pläne Hitler- Deutschlands sturmreif zu machen. In F r a n k r e i c h hat sich eine„Französische nationalsozialistische Partei" gebildet, die zwar vorläufig kaum mehr als fünfzig Mitglieder zählt, aber immerhin für die Wühlarbeit der Nazi symptomatisch ist„Führer" ist der bekannte französische Antisemitenhäuptling Baron Robert Fabr�-Luce. Er war Ende Oktober längere Zeit in Berlin. Die in Paris in deutscher Sprache erscheinende„Neue Pari- ser Zeitung"* bezieht ihre Meinung aus dem Göbbels-Ministerium. In Spanien hat sich eine faschistische Organisation unter der Führung des jungen Primo de Rivera, eines Sohnes des ehemaligen Diktators, gebildet. Die jungen Leute bekennen sich ebenfalls zu den„Zielen des Nationalsozialismus". In Belgien mußte die Regierung ein Uniform-Verbot für politische Verbände erlassen. Die Nazi-Agitation unter dem flämischen Teil der Bevölkerung hatte einen großen und gefährlichen Umfang angenommen: Es bestand bereits eine regelrechte Kampforganisation,„Grauhemden' genannt, ihr Führer ist ein gewisser Se- veren, bei dem Schriftstücke gefunden wurden, die enge Beziehungen zwischen den belgischen Nationalsozialisten und der Nordwest-Sektion der NSDAP, aufdeck ten. Geplant war der Bau mehrerer „Grauhäuser", die einheitliche UniformiC' rung und die Schaffung einer Propaganda. Zentrale. Die belgischen Behörden haben ferner festgestellt, daß die belgischen Nazis von der deutschen Bruderpartei nicht nur mit erheblichen Geldmitteln, sondern auch mit Waffen und Sprengmitteln ver sorgt worden sind. In Holland wird von Agitations- Zentren, die sich längs der Grenze befinden, eine intensive Propaganda betrieben. Es besteht bereits eine feste Kampforganisation, deren Führer, ein Hauptmann Roselveede, kürzlich erklärte:„Vorläufig sind wir nur 8000 Mann stark, ich garantiere aber, daß wir spätestens in einem halben Jahre mindestens 50.000 Mitglieder haben werden!" Diese Nazi-Zentren in Holland sind auch die Verbindungsstationen für weiterreichende wehrpolitische Ziele. So sieht also das Netz aus, über das die Nazi-Propaganda heute bereits verfügt. Zu den vielen gefährlichen Illusionen, die man sich leider bisher immer über die Nazi-Gefahr gemacht hat, gehört auch heute noch die, daß man nicht an den Erfolg einer derartigen Propaganda glauben will. Es ist unbestrittene Tatsache, daß die Herren des Dritten Reiches ihre Agitations-Stützpunkte im Auslande immer mehr ausbauen. Göbbels, seines Obermeisters Blechmundstück, hat vor einigen Wochen in einer Wahlrede gesagt, der Nationalsozialismus wolle bewußt ein Export-Artikel sein! Ein anderer von Hitlers Paladinen, der Reichsstatthalter Dr. Meyer, schmetterte:„Die Deutsche Revolution soll der Welt ein anderes Gesicht geben. Wir wollen neue Menschen formen. Eines Tages wird die deutsche Revolution nicht auf Deutschland beschränkt bleiben. Wir haben die Brandfackeln in alle Staaten der Erde geworfen!" Der OberpräVädent der Rheinprovinz, Freiherr von Lüninck, sagte in Aachen:„Noch ist das Werk nicht vollendet, daß im Dritten Reich ein Adler seine Schwingen spannt von Aachen nach Wien, von der burgundischen Pforte bis zum deutschen Meer im Femen Osten, von den Alpen zur Küste. Aber das Werk wird vollendet!" Noch einer, der Ober- Nazi und Staatsrat Simon in Koblenz, plauderte seelenruhig über das Programm seines Führers aus;„So weit die deutsche Zunge reicht, so weit deutsches Blut in den Adem rollt, so weit reicht das große Deutschland! Wir begnügen uns nicht mit der Saar. Darüber hinaus reicht die deutsche Zunge. Bis nach Metz und herunter bis nach Mühlhausen. Die Saar, Elsaß-Lothringen, Oesterreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande sind alle einmal deutsch gewesen. Nicht eher wird der Nationalsozialismus und wird sein Führer ruhen, als das Ziel eines Groß-Deutschland von 90 Millionen erreicht ist!" Das genügt den Herrschaften aber noch nicht. In der braunen Zeitschrift „Volk im Werden" hieß es vor einigen Tagen:„Die Stunde ist nicht fern,* wo jeder Deutsche, jeder Mensch deutschen Blutes, er mag wohnen, wo er will, Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus in der gleichen Weise angehört, wie einst jeder Mohammedaner von allen Enden der Welt dem Kalifen aller Gläubigen!" Es wäre töricht, diese Dinge einfach zu belächeln und sie als Ausgeburten einer Psychose abzutun! Noch vor einem Jahr hat man es für unmöglich gehalten, daß ein Hitler eines Tages deutscher Reichskanzler, und daß em 65-Millionen-Volk Beute einer Handvoll vorbestrafter Verbrecher werden könnte! Die Maske abgeworfen! Die letzten gewerkschaftlidien Reste versthwinden Die Verbände der„Deutschen Arbeitsfront" sollen aufgelöst werden, künftig soll die„Deutsche Arbeitsfront" nur noch Einzelmitglieder haben. Damit verschwinden die letzten Spuren der Gewerkschaften aus dem Unterdrückungssystem der Despotie. Die Organisation der Leyschen Arbeitsfront war ursprünglich auf den Verbänden der freien Gewerkschaften aufgebaut worden. Es hat sich jedoch gezeigt, daß trotz der völligen Beherrschung der Verbände durch die nationalsozialistischen Leitungen der wirkliche gewerkschaftliche Geist bei den Mitgliedern unausrottbar war und auf die Beherrscher zurückwirkte. Die Herren der Wirtschaft haben deshalb die Deutsche Arbeitsfront immer mit Mißtrauen gesehen, und immer wieder hat Staatssekretär Grauert die Ansicht vertreten, daß die letzten Reste gewerkschaft- lieber Organisation verschwinden müßten. Die Deutsche Arbeitsfront ist deshalb auch schon seit langem von allem Einfluß auf die Wirtschaftspolitik und die Sozialpolitik entkleidet worden. Es ist ein lächerliches Mißverhältnis zwischen der Einflußlosig- keit dieser Organisation und dem Umfang des Apparates eingetreten. Es ist das gleiche Mißverhältnis, das zwischen den demagogischen Versprechungen der Nationalsozialisten für die Arbeiter und der wirklichen Stellung der Arbeiterschaft im Dritten Reich besteht. Die nationalsozialistischen Gewerkschaftsbürokraten aber— sie sind eine wirkliche Bürokratie, die die Mitglieder beherrscht!— haben unentwegt die Demagogie der Versprechungen, den Arbeiterfang mit Vertröstungen auf die Segnungen des Dritten Reiches betrieben. Die Diktatoren haben dies geduldet, solange sie sich der Mehrheit der Verbandsmitglieder nicht sicher fühlten. Nach der Wahl vom 12. November haben sie die Maske abgeworfen. Sie brauchen die gewerkschaftliche Maskerade nicht mehr. Sie verbieten ihren Funktionären den Arbeitern von Lohnerhöhungen zu sprechen. Sie zerschlagen die Form der Verbände, die sie von den früheren Gewerkschaften übernommen haben. Vom berufsständischen Aufbau des neuen Staates redet niemand mehr. Der Industriefeudalismus duldet die Deutsche Arbeitsfront nur noch als reine Unterdrückungsmaschine gegen die Arbeiter, er hat ihr selbst die Erzeugung gewerkschaftlicher Illusionen untersagt. Was bleibt den Mitgliedern der Arbeitsfront noch von den Gewerkschaften, denen sie einst angehört haben? Nur noch die Pflicht der Beitragszahlung! Die Arbeitsfront ist nichts anderes als die Einheberin einer zusätzlichen Steuer der Arbeiterschaft zur Lohnsteuer hinzu! Die Arbeitsfront ermöglicht es ferner der Diktatur, die Arbeiter dauernd unter Aufsicht zu halten. Jetzt sollen sie nach Feierabend auch noch mihtärisch gedrillt werden. Aus dem beruflich gegliederten Aufbau nach Gewerkschaften wird nach der Einführung der Einzelmitgliedschaft der Aufbau einer Armee. Der einzelne Arbeiter wird aus seiner organisations- mäßigen Bindung herausgenommen und vereinzelt. Vom berufsständischen Geist redet niemand mehr— der Geist des Militarismus hat alle berufsständischen Illusionen verdrängt. Denn die Zerschlagung der Verbände legt Zeugnis ab von einem Geiste, der das ganze Volk nicht für den Frieden, sondern wie ein einziges Heer organisieren will. Stresemaim und Hitler i. „Als Stresemann, klarblik- kend und verdienstvoll, ein Uebereinkommen mit Frankreich anstrebte. hatte er das Volk nicht hinter sich. Ich habe es hinter mir... Elsaß- Lothringen! Ich habe oft genug gesagt, daß wir endgültig darauf verzichten!" Gespräch mit dem„Matin", 22. November 1933. II. „Kampf dem Stresemann!... Damit(dem Uebereinkommen mit Frankreich) ist alles Maß übergelaufen. Ein Mensch, der an Stresemanns Stelle für Frankreich etwas Aehnliches unterschrieben hätte, wäre nach seiner Rückkehr nach Paris wie ein Hund erschlagen worden!" „Völkischer Beobachter", 18. Oktober 1925. Aintlictie Nadihilfe Stimmeiizähliing am 12. IVoTember Erst istzt, nach der Wahl, ist der Umfang des Terrors in- allen Teilen- des-Reiches zu übersehen, der das„Wahlresultat" am 12. November bestimmt hat Wir könnten noch Spalten füllen mit derartigen Terrormeldungen, und wir müßten neue Spalten hinzufügen, um die Repressalien zu schildern, die jetzt vielerorts an den Nichtwählern und Neinsagern verübt werden. Nur zwei Beispiele; Vor der Wahl erließen die Krusauer Kupfer- und Messin g w e r k e G. m. b. H. eine Bekanntmachung, in der zur Wahlbeteiligung nnd zur Abstimmung für die Regierung aufgefordert wurde. Die Regierung werde nur an solche Werke Aufträge vergeben, deren Arbeiterschaft national gesinnt ist. „Es würde dabei einen ungünstigen Eindruck machen, wenn am kommenden Sonntag sich unter den abgegebenen Stimmen solche befänden, die ein Mißtrauensvotum oder eine Zurückhaltung gegen die heutige Regierung erkennen ließen. Wir erinnern daher die Einwohnerschaft Kupfermuhles schon in ihrem eigenen materiellen Interesse an ihre Pflicht." Krusauer Kupier- und Messingwerke G. m. b. H., W. Becker. Nach der Wahl wurden nach einem Bericht der Nazipresse in A 1 1 e n s t c i g bei Pforzheim zwei Kommunisten, die mit Nein" abgestimmt hatten, durch die Straßen geführt. Sie trugen ein Plakat mit dem Wortlaut:„Ich bin ein Volksverräter, ich habe mit „Nein" abgestimmt!" Voran ging ein Trommler der HJ. Die Gruppe, die von der Schuljugend begleitet war, erregte überall großes Aufsehen. Was der Terror nicht erreichte, das wurde amtlich nachgeholfen bei der Auszählung der Stimmen. Die amtlichen Richtlinien für die Auszählung der Stimmzettel sehen u. a. vor: „Gültig sind Stimmzettel, m denen... 5. das Kreuz in Form des Hakenkreuzes eingetragen ist; 6. der Wahlvorschlag durch ein Loch(an Stelle des Kreuzes oder außer diesem) im Stimmzettel gekennzeichnet ist, sofern damit der Wille des Wählers unzweifelhaft zum Ausdruck gebracht wird: 7. die Kennzeichnung durch einen Hinweis in Form eines Pfeilstrichs stattgefunden hat: 8. handschriftliche Zusätze eingetragen sind, durch die der Wähler seine Begeisterung für den Volkskanzler Adolf Hitler oder sonst seine Zustimmung zur Regierungspolitik zum Ausdruck gebracht hat. Der Stimmzettel ist auch dann gültig, wenn dieser Zusatz als besonderer Zettel einem sonst zulässig gekennzeichneten Stimmzettel beigefügt ist. Wie leicht ist es doch, einen Stimmzettel, der ohne Eintragung abgegeben wurde, noch durch ein kleines Loch schnell gültig zu machen. Und in der Nähe von Leipzig hat man Stimmzettel, die mit drei Pfeilen ungültig gemacht worden waren, als gültig anerkannt, denn die Kennzeichnung hatte in„Form eines Pfeilstriches" stattgefunden. Um das Bild dieser famosen„freien" Wahl zu vervollständigen, sei noch die amtliche Mitteilung vermerkt, daß der Reichswahlausschuß, der am 23. November getagt hat, aus dem Reichswahllciter Dr. Reinhardt und sechs von der NSDAP, bestimmten Beisitzern bestand. Da muß das Resultat ja stimmen. Selbstmord im Gefängnis Erwin Günther— in den Tod getrieben! Genosse Erwin Günther, der schon im Sommer dieses Jahres einmal in Dresden verhaftet war, hat während einer weiteren Haft am 11. November im Dresdener Polizeipräsidium seinem Leben ein Ende gemacht Günther, ein etwa 30iähriger überaus tüchtiger Funktionär und liebenswerter Mensch, war Volontär beim Partei-Vorstand, hatte in Berlin in der Werbeabtdlung der Partei mitgearbeitet, war dann in der Provinz als Redakteur an sozialdemokratischen Zeitungen tätig und im vorigen Jahre in Kiel Parteisekretär. Nach den uns gewordenen Mitteilungen ist anzunehmen, daß es sich in diesem Falle nicht um einen nur vorgetäuschten Selbsmord handelt. Welche Qualen aber den jungen einst so" lebenslustigen Mann dazu gebracht haben, sein Leben mit eigener Hand zu beenden— darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen- Auch dieses kostbare Blut kommt auf das Haupt der braunen Mörder. Die neue Farbe der SA Grüne Uniform für grüne Jungens! Bekanntlich hat vor einigen Tagen Hitlers Röhm bekanntgegeben, daß die SA demnächst eine neue Uniform von neuem Schnitt und neuer Farbe erhalten soll. Wie aus Berlin berichtet wird, werden die neuen Nazi-Uniformen von grüner Farbe sein. Die neuen Uniformen der SA werden eine Kombination der englischen und russischen Militär-Uniformen sein: Ueber dem russischen Hemd wird ein Jackett getragen. Das Hemd wird wie das der russischen Soldaten meergrün sein, der Jackett-Ausschnitt wie bei der Uniform der englischen Armee. G ö r i n g hat ja kürzlich gesagt, daß die alte SA-Uniform ganz unangemessai und„auf dem Schlachtfeld ganz unbrauchbar" sei. Nun wird sie also auch„auf dem Schlachtfeld brauchbar" sein und wird ausgezeichnet zu dem Feldgrau der Reichswehr passen. Doch was wird aus dem Horst-Wessel-Lied, in dem von„Hitlers braunen Bataillonen" gesungen wird? Der Skandal von Banzig Ein Besdiwerdeführer nach Deutschland verschleppt Vor drei Wochen sind in Danzig die Chefredakteure der Danziger Landeszeitung, Kilian, und der Danziger Volksstimme, Fooken, verhaftet worden, ebenso der Redakteur der Danziger Landeszeitung, T e i p e 1. Die Redakteure hatten beim Hohen Völkerbundskommissar für Danzig schriftlich Beschwerde gegen das verfassungswidrige Verbot ihrer Zeitungen eingelegt Die Danziger Verfassung ist vom Völkerbund garantiert— aber die nationalsozialistische Regierung in Danzig pfeift auf den Völkerbund. Die Verhaftung der Redakteure war ein Schlag ins Gesicht für den Völkerbund. Eine Antwort von Genf ist auf diese Provokation nicht erfolgt geschweige denn irgendeine Maßnahme. Vielleicht beginnt Ende Januar eine akademische Erörterung der Angelegenheit in Genf. Die nationalsozialistische Regierung in Danzig hat nun die Chefredakteure Kilian und Fooken aus dem Konzentrationslager Weicbselmönde entlassen. Sie hat erreicht, was sie wollte. Sie hat die Erfahrung gemacht, daß die Völkerbundsgarantie für die Danziger Verfassung nur ein Blatt Papier ist das sie ungestraft zerreißen darf. Sie hat der Bevölkerung klar gemacht daß jeder bestraft wird, der diese Garantie in Anspruch nehmen will, und daß er auf Schutz durch den Völkerbundkommissar nicht rechnen kann. Sie hat die Völkerbundsgarantie soweit ausgehöhlt, daß davon nichts mehr übrig ist Die Naziregierung hat darüber hinaus ihren Erfolg mit einem besonders ge* meinen Streich gekrönt Der R®' dakteur T e i p e 1 von der Danziger Lau* deszeitung, der Reichsdeutscher ist, wurde nicht aus der Haft entlassen. Er wurde vielmehr auf reichsdeutsches G®' biet nach Marienburg abgescho* b e n und dort von den deutschen Behörden sofort verhaftet Der Unglückliche wird in irgendeinem Konzentrationslager enden. Er wird wahrscheinlich seiu Vertrauen zur Autorität des Völkerbünde® mit dem Leben bezahlen. Die Haltung des Völkerbundes entspricht der allgemeinen politischen Mentalität seit dem Januar 1933. Diese Mentalität läßt sich kennzeichnen durch den Satz: Verträge sind dazu da, nicht ß®' halten zu werden, Korporationen, Stände und Monopole Zünftige Verkleidung für modernste Ranbwirtschaft Die Faschisten reden gern und viel von den Korporationen, den Ständen. Freilich, in Italien sind die Faschisten im H. Jahr ihrer Herrschaft eben erst dabei, diese berühmten Korporationen endgültig zu organisieren, und trotz des großen Geschreis, in das der Duce selbst mit einstimmt, handelt es sich um verdammt wenig Wolle. Im Grunde genommen werden die bestehenden Organisationen in Zwangskörperschaften umgewandelt, deren Leitung entweder von der herrschen- btaatsmacht für sich usupiert hat, eingesetzt oder ihr unterstellt wird. Der faschistische„StiAidestaat" aber ist Lug und Trug; er ist nicht, wie die faschistischen Staatstheoretiker weiß- niachen wollen, eine Neuschöpfung des ständigen Staates des Hochmittelalters, eine Verwirklichung einer wahren, organisierten Demokratie, sondern gerade das Gegenteil: die Ergänzung des staatlichen durch den gesellschaftlichen Absolutismus, eine wahre totale Despotie. Denn Im Mittelalter waren die Stände die selbständigen Träger der Staats. macht; sie waren aus der einmal gegebenen Gesellschaftsordnung heraus organisch entstanden; die Staatsgewalt war von den herrschenden Ständen abhängig, wurde von ihnen gebildet und bis zu einem gewissen Grade kontrolliert, wobei allerdings die Massen des Volkes, die hörigen Hauern, entrechtet waren. Aber auch sie standen nicht unmittelbar unter der Staatsgewalt, sondern unter der Gewalt des Standes der Adligen, weshalb es, nebengesagt, Unsinn ist, von mittelalter- ■chen Zuständen als von demokratischen ?jf sprechen, wie es die Verherrlicher des Mittelalters neuerlich so gerne tun. Die mittelalterlichen Stände hatten auch Weitgehende selbständige hoheitliche und verwaltungsbefugnisse. Auch das Bürgertum in den mittelalterlichen Städten, in denen es zur Blütezeit kaum ein völlig besitzloses Proletariat gab, übte die Verwaltung sowohl hn politischen als na- jn entlich auch in den gewerblichen Ange- egenheiten selbständig aus. Das alles bedeutete eine außerordentliche Schwi'- h e u n d Beschränkung der mittel- iterlichen Staatsmacht, ganz das Gegen- 611 eines totalen Staates. Die kapitalistische Entwicklung hat die Stände radikal zerstört. S e �at durch die Geldwirtschaft erst die Arrlf �er modernen Bürokratie und Zf�i6 ermöglicht; dadurch hat sie im M» k er<'es �bsoldtismus die politische cht der herrschenden Stände zugunsten Sta ferSt s'c� verselbständigenden dip aeS,rnac�t Siebrochen und ökonomisch 'n Klassen verwandelt Zur ben etUn8'''irer Klasseninteressen ha- kan-* i �'e verschiedenen Schichten der apitahstischen Gesellschaft auf Grund zur raIitions- un� Versammlungsfreiheit fr«- ertrebung ihrer Klasseninteressen die fen � n Organisationen geschaf- Verk-i11� s'e aul die wirtschaftlichen ma 7*. kse sowohl wie auf die Staats- wirM/t''iren Einfluß ausübten. Diese Ent- Kiung hatte mit der Entwicklung der kan t0Il tiSchen Tendenzen im Hoch- tnen ,4 mus 50 �roß6" Umfang angenom- Zeit u man mit Recht von dem neuen konnte21" � Organisationen sprechen Dieser vorhandenen, in ihren politischen �, �bllschaftlichen Funktionen so besieh ainen Organisationen bemächtigte Die rin. die faschistische Staatsmacht. eij."'Abschaltung" bedeutet nicht etwa Or£. n.eue Staatsform, die sich auf diese n�üonen. die die Faschisten jetzt zu Staa?0rat'onen" ernennen, gründet, die tive wlrd jetzt nicht zur Exeku- kei,rt Organisationen, sondern umge- dl® früher freien Organisationen wer- zeu 10 �uslährungsorgan0 und Werk- ge der Staatsallmacht nmgewan- Das d' de,L eine p WaIlre Demokratie zu nennen, ist dem x,ropa?andalüge, die Göbbels Die nachspricht. hängt,'cunSisweise. der Organisationen Macht n 0 im totalen staat' seine Regiep, 11 unerschüttert ist, ganz von der enthfliu a�" Deren wirklicher Charakter Organ- W0'1'n dem Spielraum, den sie den Nationen läßt, und in der Auswahl der Organisationen, denen sie die Verfolgung ihrer Ziele gestattet Nun ging das Ziel der bürgerlichen wirtschaftlichen Organisationen in der letzten Phase der kapitalistischen Entwicklung nach größtmöglichster Marktbeherrschung, nach Schaffung monopolistischer Macht. Dies Ziel hatten nicht nur die Großindustriellen im Auge, sondern gerade auch die kleinbürgerlichen Schichten. Ihre Innungen, für die sie mit immer steigendem Nachdruck staatlichen Zwangscharakter forderten, waren in der Praxis trotz entgegenstehender Bestimmungen immer mehr Preis- und Könditionenkartelle geworden, zum Teil mit großem Erfolg. Und ähnliche Tendenzen verfolgten die Händlerkreise, die ebenfalls auf Ausschluß oder wenigstens Einschränkung der freien Konkurrenz auf gesetzlichem Wege oder mit organisatorischen Machtmitteln hindrängten. Es ist nun für den sozialen Charakter der nationalsozialistischen Regierung so überaus kennzeichnend, daß sie die Monopolbestrebungen der bürgerlichen Organisationen nicht nur frei gewähren läßt, sondern ihre eigene Wirtschaftspolitik ganz darauf einrichtet. Sie hat das vorgefundene Kartellgesetz, das die Ueberwachung der Kapitalmonopole durch den Staat vorsah, durch eine kleine, aber inhaltschwere Aenderung, die dem Wirtschaftsminister das Recht gibt, Zwangskartelle zu schaffen, zu einem ungeheuren wirksamen Antrieb zur Kartellierung gemacht. Dies geschah nicht nur dadurch, daß der Minister die Außenseiter zum Beitritt zwang und dadurch erst das Zusandekommen des Kartells herbeiführte(Papier, Draht, Pappe usw.); bedeutungsvoller ist noch, daß die bloße Drohung, sich an den Minister zu wenden, namentlich wenn sie von„nationalsozialistischen" Industriellen ausgesprochen wird, genügt, um den Widerstand von Außenseitern auszuschalten. So vergeht denn auch kein Tag mehr, an dem nicht der Abschluß eines neuen Kartells gemeldet wird. Diese Bewegung beschränkt sich aber durchaus nicht auf die Großindustrie. Immer wieder kann man Notizen wie die folgende lesen:, Im Zuge der Vorbereitung des ständischen Aufbaues und der damit verbundenen Vereinheitlichung der industriellen Organisationen hat sich unter Zusammenschluß der bisherigen zentralen Verbände der Wäscheindustrie, des Verbandes deutscher Herrenwäsche-Fabrikanten, des Verbandes deutscher Damenwäsche-Fabrikanten, des Verbandes deutscher Fabrikanten von Schürzen, Unterkleidern und Kinderbekleidung, des Verbandes der Fabrikanten konfektionierter Weißwaren, Rüschen, Kinderhüte und verwandter Artikel ein Einheitsverband unter dem Namen Verband der deutschen Wäscheindustrie gebildet Zu seinem Führer wurde Dr. Grolmiann 1. Fa. Schäffer & Vogel, Bielefeld, gewählt, In derselben Zeitungsnummer liest man von dem Generalabkommen, das zwischen Kohlenproduktion und Kohlenhandel abgeschlossen wird. Die Kohlenproduzenten verpflichten sich, in Zukunft nur mit den in das RegisterdesKohlen- h a n d e 1 s eingetragenen Firmen Handel zu treiben. So wird ein vollkommenes lük- kenloses Monopol nicht nur für die Produktion durch das Zwangskartell, sondern auch die monopolisierte Produktion für den Handel geschaffen. Denn das Register ist gesperrt, das Entstehen neuer Konkurrenz unmöglich. Solche„Fachschaften" und„Einheitsverbände" werden„im Zuge des ständischen Aufbaues" jetzt unaufhörlich geschaffen. Sie enthüllen den wirklichen Sinn des„Ständestaates" und die Begeisterung, die alle bürgerlichen Schichten für den„Aufbau des korporativen Staates" erfaßt hat: die ganze totale Staatsmacht organisiert das kapitalistische Monopol, sie sichert und steigert den Profit auf Kosten der Konsumenten. Zugleich enthüllen diese Vorgänge gewisse Illusionen über die„antikapitalistische" Bewegung. Gewiß hat Hitler seine Versprechungen gebrochen und den Mittelstand enttäuscht. Soweit die antikapitalistische Bewegung gegen das Großkapital in Banken und Industrie gerichtet war und sich darin mit Tendenzen der Arbeiterklasse zu berühren schien, ist sie auch unter nationalsozialistischer Herrschaft zur Kapitulation gezwungen worden. Aber die Mittelschichten erhalten eine Kompensation, indem ihnen ebenso wie dem Großkapital der Konsument ausgeliefert wird. Natürlich bedeutet diese Wirtschaftspolitik eine fortschreitende Teuerung und selbst in der gleichgeschalteten Presse häufen sich in auffallender Weise die beweglichen Klagen. Die wirkliche Macht liegt ausschließlich in den Händen der „Normalisierer", der Krupp und Thyssen und ihrer Treuhänder.„Eingriffe" in die Wirtschaft haben sie streng verboten, und sie denken ebensowenig daran, die industriellen Preissteigerungen zu hindern, wie der Darre den agrarischen Einhalt gebieten will. Und dabei ist es gar nicht mal wahr, daß auch nur die Nominallöhne gleich geblieben sind. In einer langen Schönfärberei muß sogar die„Frankfurter Zeitung" schließlich zugeben, daß die Löhne bis Februar 1933 ständig gesunken sind. Im Februar 1932 betrug das Lohnaufkommen noch 68.17 Millionen gegen 58.60 im Februar 1933. Die Tariflöhne zeigten dann aber noch weiter bis April/Mai sinkende Tendenz. Soweit das Geständnis. In Wirklichkeit besteht infolge der Ohnmacht der Gewerkschaften überhaupt nicht die geringste Kontrolle über die Einhaltung der Tarifverträge. Es ist sicher, daß das Einkommen der Arbeiterklasse von der Zange erfaßt ist; Preissteigerung der Waren, namentlich' der Lebensmittel einerseits, sinkende Löhne anderseits. Und das kann auch nicht anders sein bei einem System, dessen Inhalt die Ausdehnung der Monopol w i r t s c h a f t ist, dessen Staatsmacht rücksichtslos in dem Dienst der kapitalistischen Interessen steht, während gleichzeitig jede Gegenwirkung der Arbeiterschaft aufgehoben ist. Der Ständestaat, der politisch nur die kaum verhüllte Tarnung der nationalsozialistischen Parteidiktatur ist, enthüllt sich so ökonomisch als Versöhnung und Summierung der großkapitalistischen mit den mittelständlerischen Ausbeute r i n t e r e s s e n. Dr. Richard Kern. „Die Preise hoch!" Ley parodiert das Horst- Wessel-Lied. „Der Deutsche", das Organ der Deutschen Arbeitsfront, wendet sich In einem Artikel. der auch von einem Teil der übrigen Presse übernommen wird, gegen Preistreiberei und Lohnabbau, um dadurch die Erregung zu dämpfen, die offenbar selbst in dem gefügigsten NSBO.-Mann die Milch der frommen Den- kungsart in gärend Drachengift zu verwandeln droht. Dabei ist besonders interessant, daß Herr Ley, der als Führer der Deutschen Arbeitsfront allein das Recht in Anspruch nimmt, Abweichungen von Tarifverträgen zu gestatten, sich selbst eines schweren Verstoßes gegen den Geist der neuen Zeit durch eine Pa- redierung des Horst-Wessel-Liedes, der Nationalhymne des Dritten Reiches, schuldig macht. Er läßt energische Maßnahmen gegen die Elemente androhen, die sich außerhalb der Volksgemeinschaft stellen wollen. Geeignete Erziehungsmittel seien genügend zur Hand.„Wenn diese Herren nicht bald Vernunft annehmen, so würden Exerapel statuiert werden. Die Herren könnten dann im Konzentrationslager gemeinsam das Lied singen: „Die Preise hoch, Karteile(est geschlossen*'. Da Herr Ley und seine Beauftragten sich selbst bemühen, den neuen Text für das Horst- Wessel-Lied populär zu machen, dessen Singen in Deutschland für den gewöhnlichen Sterblichen mit schärfster Strafe bedroht Ist, wollen wir ihm bei der Verbreitung des neuen Textes behilflich sein, indem wir wenigstens den ersten Vers vollständig abdrucken: „Die Preise hoch, Kartelle(est geschlossen! Das Kapital marschiert mit leisem Schritt, Die Börsianer sind Parteigenossen, Und für den Soziallsmus sorgt Herr Schmitt lM W ar enhäuser unter Nazisdiutz Der Hauptschlager der Naziwerbung unter dem Mittelstand war die Forderung nach der Vernlcbtnug der Warenhäuser und Konsumvereine. Die Konsumvereine sind zwar gleichgeschaltet worden, aber die neuen Männer sehen letzt Ihre Hauptaufgabe darin, die Konsumvereine zu erhalten und nachdrücklich für die Erhaltung der Mitgliedschaft In den Konsumvereinen zu werben. Auch der Schlag gegen die Warenhäuser ist ausgeblieben; im Gegenteil, jetzt werden dir Warenhäuser dem besonderen Schutz der Regierungspartei unterstellt Der Treuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Mitteldeutschland hat am 30. September eine Kundgebung erlassen, in der er zwar feststellt daß die Stellung der NSDAP zur Warenhaus- frage unverändert sei, aber die Lösung werde zu geeigneter Zeit erfolgen. Ein aktive« Vorgehen zur Stillegung der Warenhäuser sei zur Zeit nicht geboten. Allen Gliederungen der Partei werde daher jede Aktion gegen die Warenhäuser verboten. Ebenso sind alle Maßnahmen, die die Warenhäuser behindern(Aufstellung von schwarzen Listen. Inseratensperre, Postenstehen vor den Warenhäusern), von federn zu unterlassen. So endet ein weiterer Traum des Mittelstandes: Warenhäuser unterstehen dem besonderen Schutz der Regierungspartei. Für Juden teurer! In einigen ostpreuBtschen Städten wurde gemäß Beschluß der städtischen Körperschaften seit I. April von Juden ein hundertprozentiger Zuschlag zu den Gas- and Strom- gebühren erhoben. Der zuständige Landrat hat nun vertagt, daß die von April bis Oktober gezahlten ZuscMäge den ländischen Einwohnern wiedererstattet werden. Die Magistrat»' beschlösse wurden annulliarU Kusdi didi „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen". Dieses Sprichwort ist gleichgeschaltet worden, jetzt heißt es:„Wer nicht kuscht, soll auch nicht arbeiten". Die Leipziger Kreishauptmannschaft ist mit einem Erlaß niedergekommen, in dem es heißt, aus den öffentlichen und lebenswichtigen Betrieben seien in letzter Zeit viele marxistische Arbeiter und Angestellte entlassen und durch arbeitslose Nationalsozialisten ersetzt worden. Die Entlassenen sollten aber nicht dauernd„als Staatsfeinde gebrandmarkt und von der Wiedereinstellung ferngehalten werden**. Wenn sie sich von der marxistischen Gedankenwelt abwenden und in absehbarer Zeit durch Ihr Verhalten nachweisen, daß sie sich in ehrlicher Ucber- zeugung hinter die nationalsozialistische Regierung stellen, dann solle und könne ihnen die Wiedereinstellung in eine andere, besonders private Arbeitsstelle nicht verwehrt werden. Arbeit als Prämie für Wohlverhalten! Freilich dürften die Privatunternehmer selbst an dieser Sinneswandlung der Behörden nicht unbeträchtlich beteiligt sein. Viele von ihnen weigern sich seit längerer Zeit, aof die mar- r verrecke! xistischen„Staatsfeinde" und Qualitätsarbeiter zu verzichten, nicht etwa weü sie dem braunen Kapitalistenstaat nicht treu ergeben wären, sondern weil sie die Entdeckung gemacht haben, daß die hakenkreuzlerischen Parteibucharbeiter allzu oft ebenso untüchtig wie hitlertreu sind. Uns interessiert aber viel mehr die Frage, wie ein„Gebrandmarkter" durch sein Verhalten nachweisen soll, daß er„in ehrlicher Ueberzeugung..." usw. Das Armeheben und Mitmarschieren genügt sicher nicht, denn wer da nicht mitmacht, wird ohnehin niedergeschlagen. Also bleiben nur— Spitzeldienste für das braune Henkersystem, Kameradenverrat, Denunziantentum. Dafür bedanken sich Millionen sozialistischer Arbeiter, Millionen Helden, die Hunger und Mißhandlungen leichter ertragen als die durch Renegatentum erkaufte Gnade beamteter Lumpen. Und diese Millionen retten den wahrhaft deutschen Geist in eine stolzere Zeit hinüber. Ginge es freilich nach dem Willen der„deutschen Erneuerer", der Führer, denen es selbst auf eine Gemeinheit, auf einen Verrat mehr oder weniger niemals angekommen ist— das ganze Volk würde in eine Herde von feigen Sklaven, Denunzianten und Kriechern verwandelt Aufgaben des FlüditUngskommlssars Pässe— Aatenthaltsbewilligimg— Arbeiismöglidikeit— Unterstützung In den nftchsten Tagen wird zum ersten Male der Verwaltungsral, der dem„Völkerbundskommissar zur Hilfe für die jüdischen und anderen Flüchtlinge aus Deutschland" beigegeben Ist und der aus Regierungsvertretern besteht, zusammentreten. Er wird erörtern, welche Aufgaben der Kommissar hat und wie sie zu lösen sind. Er wird sich auch mit der Frage beschäftigen, ob dem Kommissar ein Beirat zur Seite gestellt werden soll aus den Organisationen, die sich mit der Flüchtlingshilfe befassen, etwa ergänzt aus Vertretern der Flüchtlinge. Schon jetzt sind nach vorliegenden Schätzungen 65.000 Deutsche ausgewandert, unter Urnen etwa 5000, die Deutschland besonders deshalb verlassen mußten, weil sie Anhänger der sozialdemokra- tischen Partei, des Reichsbanners oder der Freien Gewerkschaften waren. Unter den 65.000 Flüchtlingen sind möglicher- barischen Methoden des Nationalsozialismus zu sein. Erfreulicherweise besteht In allen Kreisen, die mit der Flüchtlingsfürsorge befaßt sind, eine einheitliche Auffassung darüber, daß nur Unterstützung gewähren die schlechteste und auch die teuerste Hilfe ist, es sei denn, daß wegen Alters oder Krankheit des Flüchtlings andere Hilfsraöglichkeiten nicht gegeben sind. Nur Arbeit und Eingliederung in andere Völker kann dem Flüchtling wirklich helfen und die betroffenen Länder und Organisationen auf die Dauer von ihrer Aufgabe befreien., Bisher■ ist die Flüchtlingsfürsorge von privaten Organisationen geleistet worden. Man muß dabei unterscheiden zwischen solchen, zu denen sich die Flüchtlinge als zugehörig betrachten, auch wenn sie bisher der entsprechenden Organisation eines anderen Landes angehört haben, wie die Parteien der sozialistischen Internationale und die dem Internationalen Gewerkschaftsbund angeschlossenen freien Gewerkschaften, die Liga für Menschen- , rechte, die Rote Hilfe, die jüdischen Gemeinweise 8000 bis 10.000 Juden polnischer Staats- und Hilfsorganisationen, darunter auch die ■ zionistischen. Dazu kommen dann die Organi- j sationen, die ihre Arbeit als Fürsorge werk lei- | sten, das sind besonders die Quäker und das | Internationale Komitee für die Vermittlung von • Intellektuellen mit dem Hauptsitz in Genf und Zweigorganisationen in anderen Ländern. Zwischen beiden stehen in ihrer Art die verschie-________—______—,______ Beamten erst am 1. Jänner 1934 mittellos Irenen Akademiker- und Studentenhilfsorganisa- der kommunalen Sparkasse oder dem Konsum- angehörigkeit, die nach Polen geflohen sind. Die Zahl der Auswanderer wächst noch täglich und wird weiter wachsen. Preußen z. B. und die preußischen Gemeinden haben ja erst zum ersten Oktober die Hauptentlassungen nach dem Beamtengesetz durchgeführt, so daß| die Arbeiter und Angestellten erst jetzt, die i Bisher ist alle Arbeitsvermittlung Einzelarbeit gewesen ohne größeren Plan. Der Kommissar kann als Mittelpunkt der Flflchtlingsfür- sorge alle Arbeit planmäßig zusammenfassen. Vor allen Dingen kann er als Völkerbundskommissar mit den Regierungen über die Aufenthaltsbewilligungen und Paßfragen verhandeln. Für die Arbeitsbeschaffung muß er zunächst Zahl, Alter und Berufsfähigkeiten der Flüchtlinge möglichst genau feststellen. Gleichzeitig wird er die Aufnahmefähigkeit von Palästina, ferner die der übrigen Länder und der Kolonien für Ansiedlung und für die Aufnahme in akademische und freie Berufe ermitteln müssen. Er wird nachzuforschen haben, wo in der Welt Techniker und Facharbeiter ein Unterkommen finden. Man kann sich denken, daß der Kommissar Kolonisierung und Ansiedlung selber durchführen wird, die Palästinafrage den zionistischen Organisationen, die Arbeitsvermittlungen im einzelnen anderen Hilfsorganisationen überläßt. Er selbst wird mit der deutschen Regierung verhandeln müssen wegen Freigabe der Vermögen, die die Flüchtlinge in Deutschland zurückgelassen haben. Dabei wird der Kommissar nicht vergessen dürfen, daß das Vermögen der ausgewanderten Arbeiter nnd Angestellten nicht in Kapitalien besteht, höchstens hat der eine und der andere ein Sparkassenbuch bei den. Andere zehren ihre Ersparnisse noch in Deutschland auf, jeden Tag auf Aenderung der Zustände hoffend. Ein neuer Strom von Flüchtlingen würde sich ins Ausland ergießen, wenn die Konzentrationslager geöffnet werden sollten. Deutschland entledigt sich eines Teiles seiner Arbeitslosenkosten durch Abschiebung von Deutschen ins Ausland. Die deutschen Auswanderer sind im Gegensatz zu den griechischen und armenischen Bauern, mit deren Unterbringung der Völkerbund schon einmal befaßt war, zum größten Teil Städter, nach Können und Lebenshaltung nicht ohne weiteres für Ansiedlung und Kolonisierung geeignet Sie kommen im Gegensatz zu den russischen Emigranten in einer Zeit allgemeiner tiefster wirtschaftlicher Depression in die Fremde. Zudem werden die Juden wegen des auch Hl manchen anderen Ländern bestehenden Antisemitismus, die{ „Marxisten" wegen der mancherorts bestehen- 1 den Abneigung gegen den Sozialismus nicht überall unterzubringen sein. Nur ein Teil der| Flüchtlinge hat mit Deutschland gebrochen und zieht gern nach Palästina oder würde gern sonstwo seßhaft werden. Der andere hängt an der Heimat und will auf die Möglichkeit zur Rückkehr irgendwo warten. Ihm erscheint es unmöglich, daß Deutschland lange Im gegenwärtigen Zustand verharrt. Zu diesen gehören auch viele der sozialdemokratischen Flüchtlinge, die nichts so wünschen, als wieder auf ihrem Heimatboden für ihre Ideen kämpfen zu können. Die Lösung der dem Flüchtlingskommissar gestellten Aufgabe ist dennoch nur möglich nach den Grundsätzen, nach denen jede moderne Fürsorge zu arbeiten hat, nämlich durch Verhütung der Hilfsbedflrftigkeit, Heilung der Hilfsbedürftigkeit und Versorgung derer, die nicht mehr zu heilen sind. Es mag sonderbar klingen, wenn wir zu den Aufgaben des Kommissars auch die der Verhütung der Armut rechnen, denn er sitzt in Genf, sein Arm reicht nicht nach Berlin, wo die Politik der Ausstoßung von Volksgenossen betrieben wird. Aber er wird ohnehin mit der deutschen Regierung verhandeln müssen. Er kann sich auf den Standpunkt stellen, daß er dabei"sehr behutsam vorgehen muß, um alles zu vermeiden, was die Haltung der deutschen Regierung gegen Genf versteift. Augenblicklich ist die maßgebende Genfer Bürokratie für Leisetreten. Der Kommissar würde seinem eigenen Werk den allergrößten Dienst erweisen, wenn er vor der Welt und gegenüber der deutschen Regierung gegen ein System Stellung nimmt, das Hunderttausende wegen ihrer Rasse oder Gesinnung mittellos in die Fremde treibt. Die Auswanderung kann nur aufboren, wenn in Deutschland Boykott und Entzug des Rechts auf Arbelt oder Unterstützung, Diskriminierung, Diffamierung, blutige Verfolgungen und Drohungen mit Gefängnis und Konzentrationslager wegen Aeußennig von Gesinnung aufhören. Je geringer die Auswanderung ist, je eher kann den Ausgewanderten geholfen werden. Die Aufgabe des Kommissars ist ein Werk der Menschlichkeit. Er gibt ihm erst die wahre Würde, wenn er sich nicht darauf beschränkt, den Auswanderern zu helfen, sondern der Anwalt der Menschlichkeit gegenüber den bar- tionen. Die' bisher geleistete Arbeit bestand in Unterstützung und Arbeitsvermittlung. Die sozialistischen Parteien und die freien Gewerkschaften haben bisher etwa eine Million RM. für die deutschen Flöchtlinse ausgegeben und sie mit Barmitteln oder auch Wohnung. Beköstigung und Bekleidung unterstützt, ihnen zum Teil auch Arbeit vermittelt. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, wenn angenommen wird, der Völkerbund habe dem Kommissar Geld zur Verfügung gestellt. Das ist nicht der Fall, er ist für, die Mittelbeschaffung auf private Organisationen und Geldgeber angewiesen. Schon aus diesem Grunde wird er diese Organisationen zur Mitarbeit heranziehen müssen. Er wird mit ihnen einen Plan zur Erschließung von Geldquellen und zur systematischen Verwendung. der vorhandenen Mittel aufstellen müssen, verein. Diese kleinen Kapitalien dürfen ebenso wenig vernachlässigt werden, wie die größeren. Der Kommissar muß wissen, daß die eigentlichen Sparguthaben dieser Menschen ihre Ansprüche an die S o z i a 1 v e r s i c h e r u n g, bei den früheren Angestellten von Partei und Gewerkschaften ihre Ansprüche daneben auch an die Unterstützungsvereinigung für die Arbeiter und Angestellten der modernen Arbeiterbewegung sind. Zum Teil werden auch Ansprüche an die Konsumvereine vorliegen. Dem Koramissar ist eine Aufgabe gestellt, die Liebe zum Menschen und zur Menschheit erfordert, echte internationale und humane Gesinnung. Sind er nnd die Welt zu ihr fähig, Sann wird aus dem Flflchtlingswerk auch Hilfe entstehen können für all die Menschen, die in Deutschland körperlich und seelisch leiden, weil sie dort hungern müssen und verfolgt werden. Sie raufen um die Beute Die Geschäfte des Oberpräsidenten Kodt Aus O s t pr eu ß e n wird uns geschrieben: Die gleichgeschaltete„Frankfurter Zeitung" brachte kürzlich(am 19. Nov.) eine begeisterte Schilderung ihres Berliner Korrespondenten R. K. aus Königsberg. Da konnte man lesen, daß sich in der nationalsozialistischen Bewegung unter Führung des ostpreußischen Gauleiters Koch geradezu eine„Königsberger Richtung" herausbilde, die weitschauende Ostpolitik zu treiben beginne: Mit starker Industrialisierung der Provinz und allerdings weniger energischer Sicdlungspolitik richte sich Ostpreußen darauf ein, die deutsche Brücke nach Osteuropa zu bilden, mit dessen slavischen Völkern, Russen und Polen, die Deutschen um ihrer Zukunftsaussichten willen sich gut stellen müßten. Der Lobgesang auf Koch und„seine" Ideen hat in Ostpreußen nur stille Heiterkeit ausgelöst. Hier kennt man den„Sieger der ost- preußiseben Arbeitsschlacht" aus der Nähe besser und kennt auch seine Methoden, für sich selbst Reklame zu machen— damit hinter der Reklame seine Bereicherungsmethoden verschwinden. Hier sind die aus der Statistik fort- eskamotierten Arbeitslosen— auch die nationalsozialistischen— noch sehr sichtbar, und der Gauleiter und Oberpräsident, Staatsrat und Reicbstagsabgeordnete Erich Koch, ursprünglich ein herausgeschmissener Eisenbahnassistent aus Elberfeld, erfreut sich keineswegs großer Beliebtheit, am wenigsten bei der SA., die in offenem Gegensatz zur Gauleitung der Partei steht Die Konflikte initerhalb des Nationalsozialismus in Ostpreußen und seiner Hauptstadt sipd gerade in diesen Tagen wieder einmal an die breiteste Oeffentlichkeit gekommen, so daß die Feststellung einer„Königsberger Richtung" wie Hohn wirkt. Koch hatte einen nationalsozialistischen Assessor namens Dr. B e t h k e zum Präsidenten der ostpreußischen Landwirtschaftskammer gemacht. Als er selber Oberpräsident wurde, machte er denselben Bethke auch noch zum Vizepräsidenten des Oberpräsidiums, also zu seinem Stellvertreter in den staatlichen Beamtenfunktionen. Aber das Doppelverdienertum des so schnell avancierten Assessors dauerte nicht lange. Der Reichsbauernführer und Ernährungsminister D a r r 6(der einmal ein kleiner Angestellter der Königsberger Landwirtschaftskammer war, aber bald wegen völliger Unfähigkeit entlassen wurde), schaltete die Kammern nochmals um und ernannte den Nazi- Bauernführer Otto-Rosenau zum Führer der umgeformten Kammer. Als der Kammer Präsident Bethke seines Amtes so enthoben werden sollte, ließ er als V 1 z e Präsident Bethke den Rivalen kurzerhand verhaften, und GÖ- ring selbst mußte aus Berlin geflogen kommen, um Bethke zur Freigabe seines Gefangenen zu bewegen! Schon vorher hatte es zwischen Landwirtschaft und Gauleitung der NSDAP, schwere Konflikte gegeben. Pg. Bethke hatte die Zeitung der Landwirtschaftskammer,„Georgine", nicht mehr bei der deutschnationalen Zeitungsdruckerei drucken lassen, sondern den Druck an die der Nazis vergeben, bei der Gauleiter Koch— Teilhaber ist. Wie er Teilhaber wurde, und wie die Gründung der Nazizeitung erfolgte, ist wieder eine andere schmutzige Geschichte. Das hatte viel böses Blut gemacht, und der damals noch nicht ausgeschaltete Landwirtschaftsverband hatte als Konkurrenzuntemeh- men gegen die„Georgine" ein neues Organ, „Dahlie", aufgemacht Jetzt kam der Gegenschlag gegen Kochs Geschäftspraktiken, und er kam offenbar unerwartet: Der Landesbauernführer Otto stellte die vordem deutschnationale„O s t- preußische Zeitung", das alte Agrarierblatt, auf nationalsozialistischen Kurs um und erklärte es zur amtlichen Tageszeitung der Landesbauernschaft! Die erste Nummer unter der neuen Flagge brachte Glückwunsch- und Geleitworte von Minister Darr«, Staatssekretär Willikens, dem Bauernfflhrer Meinberg, dem obersten SA.-Führer Ostpreußens, Kob, dem höchsten SS.-Föhrer der Provinz, Lorenz, der es besonders begrüßt, daß ein eigenes Organ für die gemeinsamen Interessen der ost- preußiseben SA. und der Bauernschaft geschaffen würde! Am nächsten Tage bereits kam eine geharnischte Erklärung der wutschnaubenden Gauleitung heraus, wonach die„Ostpreußische Zeitung" „ohne die Genehmigung des für die Provinz Ostpreußen politisch allein verantwortlichen Gauleiters im nationalsozialistischen Gewand erschienen" wäre, aber durchaus kein amtliches Organ wäre. Noch energischer schrieb dann Koch in seinem— diesmal ist es wirklich sein— Blatt. „daß die als amtliches nationalsozialistisches Nachrichtenblatt getarnte„Ostpreußlsche Zeitung", die ohne mein Wissen In neuer Form erschienen ist, nichts, aber auch gar nichts mit der NSDAP„ Gau Ostpreußen, zu tun bat. Ich rücke hiermit in aller Oeffentlichkeit und für immer sowohl von diesem Presseerzeugnis als von der Art und Welse seines Kampfes auf das entschiedenste ab. Ich warne heute und für alle Zukunft jeden vor dem Versuch, die einheitliche, vom Führer angeordnete politische Linie zu durchkreuzen oder durch„Vertretung von besonderen Standpunkten abzubiegen"." Besonders war es Herrn Koch an die Nieren gegangen, daß die neue Nazizeitung betont hatte, es solle„weder blinde Unterwerfung, noch unwürdige Kriecherei" mehr vorherrschen und das Blatt werde „auch dort pflichtgemäß offene Kritik üben, wo wir den verantwortlichen Stellen Fehler und Mißgriffe zu zeigen verpflichtet sind." In diesem liebenswürdigen Kampf der neuen „Führer" untereinander ist nun Herr Koch von oben her unsanft fallen gelassen worden. D a r r 6 ist auf Seiten der Rebellen gegen Kochs Allmacht, und der Pressechef des Reichsernährungsministeriums erklärt jetzt offen gegen Koch: „Hiermit erkläre leb, daß Ich die Uebernahme der„Ostpreußischen Zeitung" durch die Landesbauernschaft begrüße..« Es ist zu begrüßen, daß nun auch in Ostpreußen eine Bauernzeitung besteht... Der Charakter einer Tageszeitung wird von den Männern bestimmt, die hinter der Zeitung stehen und die der Zeltung ihr Gepräge und ihr Gesicht geben. Die„Ost- preußische Zeitung" ist nicht das Eigentum einer Clique oder einer Einzelpersönlich- keit, sondern Eigentum des im Reichsnährstand geeinten ostpreußischen Bauerntums." Die letzten Sätze zielen ganz unmißverständlich gegen Koch persönlich, der mit zwei früheren Viehhändlern namens Kaspereit, Inhaber des nationalsozialistischen Zeitungsverlages ist und schon früher stets betont hatte: „Meine Redakteure schreiben, was ich bestimme!" Der Herr Oberpräsident fühlte sein privates Nebeneinkommen aus„seiner" Zeitung bedroht— daher der Konflikt. Man täte den Herren zu viel Ehre an, wenn man hinter ihren Gegensätzen nach marxistischer Methode wirtschaftliche und soziale Interessenkämpfe suchen wollte. Die spielen nur zum kleinsten Teil hinein. In der Hauptsache sind es die Rivalitäten der siegreichen Landsknechtführer, die sich hier zufällig einmal deutlich und öffentlich zeigen, während sie in hundert ähnlichen Fällen hinter den Kulissen ausgetragen werden. In Ostpreußen wird dieser Kampf der Nazis untereinander mit großer Aufmerksamkeit von Freund und Feind verfolgt. Wir zweifeln nicht, daß sich all das eines Tages auswirken wirü- Wir warten auf den Tag. Herausgeber: Ernst Sattler, Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn, Karlsbad. Druck:„Graphla". Karlsbad. Zeltungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. ZoiiiHirzt S. APATCHEWSKY Erstklassige Ausführung— Spricht deutsd und englisch 24, Av. Friedeland Paris(8c) hemsprether: Carnot >8-13— Metro: Etoile Zolml Erstklassige Ausführung Sprechstunde nachm. Spricht deutsch >6, nie Doudeauville Paris(18e) Metro(Untergrundbahn): Chäteau- Rouge Werbt für den Neuen Vorwärts! Jsgs Her H" (Montessori- System) Prag!I., Urania, KJi- mentskä 4. Kleinkinder- beschäitigung und französische Kindcrsprach- cercles. Anfragen 9— Ü tBeäage des Memn Vomäcts" Tit. 25 Die Scimle als Kaserne IVatlonalsozialistisdier Mifibraudi der Jugend Dem grundlezcnden Gesetz zur Neuordnung des Schulwesens im Hitler-Reiche vom 25. April 1933 wird, wie es im nationalsozialistischen Regime schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist, eine hochtrabende Begründung beigegeben. Dort heißt es:„der deutsche Schulaufbau bedarf einer Neubegründung und Neugliederung. Falsche Bildungsvorschriften haben die Schule von Ihrer Aufgabe, dem Volke zu dienen, entfernt und sie zum Selbstzweck für die reine Bildung der freien Einzelpersönlichkeit gemacht Die Schulen und Hochschulen entsprechen In der Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten nicht mehr den Forderungen, die im Interesse einer gesunden Lebensordnung und Arbeitsgliederung des Volkes zu stellen sind." Der einleitende Satz dieser Begründung könnte von einem Marxisten geschrieben sein. Wir waren längst Oberzeugt, daß die sozialpädagogische Umstellung des gesamten Schulwesens eine geschichtlich notwendige Aufgabe Ist, und wir Soziallsten haben dementsprechend auch überall den Versuch gemacht, das Bildungsprivileg der Besitzenden zu brechen und das Schul- und Erziehungswesen organisatorisch, methodisch und stofflich nach dem sachlichen und sozialen Bedürfnis der Gesellschaft umzustellen. Acht Monate wird das Schulwesen in Deutschland ausschließlich von den Nationalsozialisten beherrscht. Was ist auf sozialpädagogischem Gebiete von ihnen vollbracht worden? Das Ergebnis ist rein negativ. Nirgendwo sind soziale Aufbaumaßnahmen fortgesetzt oder eingeleitet worden. Ueberau Ist zwangsweiser Abbau, Rück- revidierung aul Zustände, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr bekannt sind. Zwar werden allerhand Einweihungsfeiem von neuen Führerschulen, von Flugschulen und ähnlichen Dingen gemeldet, aber wenn man der Sache auf den Grund geht, so sind neueingeweihte Schulgebäude meistens solche, die von Marxisten gebaut, ihren bisherigen Zwek- ken als Berufsschulen oder höhere Schulen entzogen werden, um nunmehr den engsten Parteizwecken und dem militaristischen Dri zu dienen. Denn das scheint die neue Lebensordnung zu sein, für die die Schule in Deutschland jetzt zu erziehen hat „Noch niemals ist es so schlimm gewesen wie jetzt", so klagt eine Mutter, die Inhaberin eines kleinen Papiergeschäfts. Die Kinder haben überhaupt keinen richtigen Unterricht mehr. Plötzlich kommt von Irgend einer Stelle die Verfügung, daß man zum Geländespiel abzücken soll Dann zieht die ganze Klasse, manchmal die ganze Schule, hinaus aufs Fei und denken Sie,", so fährt die Frau in wirklicher Entrüstung fort,„da müssen dann schon die ganz Kleinen Handgranaten- werien lernen oder Gasschutzübungen machen. Und wenn sie abends manchmal spät nachhause kommen, dann haben sie zwar keine Schule gehab, aber die Augenlider sind gerötet und die Gemüter sind natürlich aufgeregt durch diese andauernde Kriegs- und Kampihetzerei..'ne andere Mutter beklagt sich, daß die Kinder dauernd in sogenannte patriotische Filme geschickt werden. In einer Klasse sind In einem ganzen Halbjahr nur drei Mathematikstunden gegeben worden, denn fast regelmäßig mußte die Klasse auf höheren Befehl den Hitlerjungen Ouex, den Fridericus Rex oder ähnliche Filme sich ansehen. Natürlich fehlt es in diesen stete von außen her in Unruhe gebrachten Schulen vollkommen an Arbeite- und Lebensordnung. Die Leh- r" klagen darüber, daß sie weder einen Lehr- Plan richtig durchführen können, noch daß die Kinder irgendwelche Achtung vor ihnen haben. Alle Schulkinder müssen organisiert sein. natürlich nicht die Juden. Das Normale ist die Zugehörigkeit zum Jungvolk der Hitlerjugend, (lie äußerUch dadurch zur Schau getragen wird. daß man eine Armbinde mit dem Ha- kenkreuz auch in der Schule trägt. Die Tatkräftigsten unter ihnen, und sogar schon die Unter 10 Jahren, tragen zur besonderen Er- ziehung zur Friedfertigkeit und als Ausdruck illrer humanen Gesinnung üas Dolchmesser mit der Inschrift„B n und Ehre". u wer seine Kinder nicht in diese Hitler- uarbarei hineinschicken will, der organisiert sie in dem Verein für das Deutschtum im Auslande. Das ist zwar kein vollgültiger Ersatz, aber es ist wenigstens eine Ausflucht, wie es in diesem Lande der„echten Freiheit" ja so viele Ausflüchte gibt Aber ein echtes Hitlerkind, so klagen selbst die nationalsozialistischen Lehrer, hat kein Interesse für die Schule, gehorcht nicht dem Lehrer, sondern nur dem Führer.„Mein Führer hat mich heute um 11 Uhr bestellt, ich werde jetzt fortgehen", so hört man es lOOfach in den Schulen und es wagt kein Lehrer etwas dagegen zu tun, sonst hat er den sattsam bekannten Besuch der SA zu erwarten. Die Klassen sind überfüllt, es fehlt an Lehrern. Der Mangel ist so stark, daß man einen daß sie bei diesem Hetzbetrieb des militärischen Drills und der Paraden der Schulkinder, überhaupt keinen Einfluß mehr auf ihre Kinder haben. Wenn der Führer eine Uebung angesetzt hat, dann verschwinden die Kinder. Sie fragen nicht danach, ob sie die Hausordnung stören, oder ob die Eltern ihre Zustimmung geben, sie fragen überhaupt nicht, und die Eltern können kaum wagen, ihr Veto einzulegen, selbst wenn die Kinder, wie es oft geschieht, erst mitten in der Nacht heimkehren. Und das erstreckt sich nicht nur auf die Jungen, dieser Geist beherrscht auch die Mädchen. Neulich erzählte ein 12i5hriges Hitlermädchen seiner jüdischen Kameradin— denn trotz aller Hetze lassen sich alte, seit gang, der sich seinerzeit in Thüringen abspielte, als Herr Fr ick thüringischer Kultusminister wurde. Damals wurde in Thüringen die Berufsschulpflicht verringert und die Berufsmittelschule völlig aufgehoben. Wozu braucht man noch in Hitlerdeutschland Berufsschulen? Nationalsozialistische Jugendschulen, Hitlerkasernen und schließlich Arbeitslager, das genügt schon zum Strammstehen, Heil-Hitler-schreien und zur Arbeitssklaverei. Einstmals dachte man allerdings anders. Im i Jahre 1928 führte Kerschenste iner in j der Gesellschaft für soziale Reform folgendes aus: „Die Größe der Umwälzung im wirtschaftlichen, sozialen und staatsbürgerlichen Leben drängt zu einer Erweiterung der Schulpflicht. Je mehr die Lebensarbeit auf allen Gebieten technische, geistige wie moralische Ansprüche stellt, je mehr die politische Verfassung Verantwortung auf Jeden einzelnen Bürger legt— desto unverantwortlicher ist es, den Jugendlichen ohne jeden, oder nur mit einem kümmerlichen Schutz dem Chaos der Lebensge- meinsthaft gerade in jenen Jahren zu überlassen, in denen er im stärksten Gärungsprozeß steht, in denen die Autonomie des Charakters sich einzustellen beginnt" Die Gesellschaft für soziale Reform ist aufgelöst, Verantwortung Ist auf den einzelnen Bürger nicht mehr gelegt, er hat einfach der Autorität, die von oben kommt, zu parieren, und der große Pädagoge Kerschensteiner ist zu seinem Glücke tot. Sonst wäre er schon längst in Dachau. Der erste Tote Im Reldistaggsprozeß Teil der bereite beurlaubten marxistischen Lehrer vorläufig wieder eingestellt hat In den von verwildeter Jugend überfüllten Klassenräumen können die Lehrer natürlich keine Disziplin halten. So greifen sie, wie es Herr K u s t, der preußische Kultusminister, ihnen empfohlen hat, zum Rohrstock. „Es wird wieder furchtbar viel In den Schulen geschlagen", das ist der Ausspruch eines Lehrers, der die Schulen aus eigener Erfahrung kennt und der auch Ober die allgemeine Stimmung aus pädagogischen Konferenzen unterrichtet Ist. Und die Eltern? Die Nazis spielten sich als die Retter der Familie auf, die angeblich von den Marxisten verbrecherisch zerstört würde. Wir haben eine Reihe von Eltern gesprochen, keineswegs Marxisten, sondern Leute ans den Mittelstandskreisen. Sie klagen alle darüber, Jahren gehegte Freundschaftsgefühle nicht gänzlich unterdrücken—„es ist doch jammerschade, daß Du nicht dabei warst, es war doch gestern zu schön, wie wir den ganzen Tag eine richtige Kommunistenhetze machen konnten."— Mädchenerziehung im Hitlerdeutsch landl Wir wissen aus den Stimmungen der Lehrer, daß die große Begeisterung, mit der so viele von ihnen Nationalsozialisten geworden sind, längst verflogen ist Noch wagen die meisten das kaum zu sagen. Aber doch gelegentlich, wenn sie ganz untec sich sind, dann seufzt der eine und der andere brummt ein, „so geht es nicht weiterl" Noch eine Weile wird es gehen, aber dann wird der Zusammenbruch jedem klar werden. Kurt Falb. Abbau der Berufssdiule Der Ausbau des Berufsschulwesens gehört zu den verdienstvollsten Leistungen der sozialistischen Schulpolitik der Nachkriegszeit. Aus der dürftigen Fortbildungsschule entstand ein fachlich außerordentlich weltgehend gegliedertes System des Berufsschulwesens. Erreichten wir es doch in Berlin, daß mehr als 75 Prozent aller Schulentlassenen durch die Berufsschule erfaßt wurden. Auch diese Entwicklung findet durch die Naziregierung eine jähe Unterbrechung. Schon immer waren die Handwerkskammern Gegner der Berufsschulen, entzogen sie doch die Lehrlinge sechs Stunden der Ausbeutung durch den Meister. Es war ganz selbstverständlich, daß der Widerstand gegen die Berufsschule jetzt verstärkt einsetzen würde. Eine Reihe von Handwerkskammern haben bereits Resolutionen beschlossen und Vorstellungen erhoben. In Regierungskreisen berät man, wie man den„berechtigten" Forderungen des Mittelstandes entgegenkommen könne. Inzwischen aber setzt bereits der stille Boykott ein, und in manchen Gegenden Deutschlands schicken die Meister ihre Lehrlinge überhaupt nicht mehr in die Berufsschule. Diese reaktionären Herrschaften wissen ganz genau, daß ihnen von der Naziregierung keine Schwierigkeiten gemacht werden. Sie kennen den Vor- Erlebtes aus Berlin Aus Berlin wird uns eine Episode berichtet, die schednwerferartig den Geist des„neuen Deutschland" beleuchtet Ein Ehepaar, das sich noch nicht gleichgeschaltet hat und der Immerhin gemäßigteren Stahlhelm-Richtung treu geblieben ist, hat einen achtjährigen Sohn, der aber schon„im weltanschaulichen Gegensatz" zu seinen Eltern steht und der Hitler-Jugend angehört. Dieser hoffnungsvolle junge Deutsche pflegte bisher immer mit einem gleichaltrigen jüdischen Knaben zu spielen. Kürzlich aber kam die Mutter gerade hinzu, wie ihr heldisches Söhnchcn diesen bisherigen jüdischen Spielgefährten in der unflätigsten Weise beschimpfte und ihm zum Schluß erklärte, nicht mehr mit ihm zu spielen, weil er ein„J u d e n s c h w e 1 n" sei. Die Mutter war darüber sehr empört und machte ihrem Sprößling energisch Vorhaltungen und sagte zum Schluß;„Dieses häßliche Wort darfst Du auf keinen Fall mehr gebrauchen. Der Junge Ist genau so ein Mensch wie wir alle und außerdem ist es ein sehr anständiges Klndl" Worauf ihr der vom„neuen deutschen Geist" erfüllte achtjährige Sohn die Drohung zurief;„Mutter, wenn Du das noch einmal sagst, melde ich Dich!" »Marsch weg, Jüdin!« Gral Slorxa, Außenminister im vormusso- Untschen Italien, erzählt im Journal des Na- tions": .JElne meiner Cousinen verbrachte diesen Sommer au! einem Schlosse in Württemberg. Wegen ihres gräflichen Titels und weil sie auf dem Schlosse zu Gast war hegte man gegen sie keinen Verdacht. Sie konnte die Schulen besuchen. für die sie sich interessierte. Da erlebte sie folgendes: In der Vormittagspause zogen die Kinder an der Türe der Schulkantine vorbei, wo man ihnen eine Tasse Milch und ein Stück Brot verabreichte. Die kleinen Mädchen warteten, bis sie an die Reihe kamen. Aber immer, wenn ein jüdisches Mädchen an die Reihe kam. schrie es die Direktorin, welche In der Hand die Tasse mit Milch hielt, an: .Marsch weg, J äd in! Die nächste bitte..." Diese Szene wiederholte sich täglich. Man ersparte es den kleinen jüdischen Kindern nicht, in der Reihe zu stehen. Man ersparte es ihnen nicht, die Hand nach der Tasse auszustrecken... Die christlichen Kinder mußten täglich Zeugen dieser Szene sein, damit sie lernten. wie man ein jüdisches f(ind behandelt, das Hunger hat and essen will." Das Penken verboten Der Feierabend wird gleichgeschaltet Der totale Staat— das ist die totale Vergewaltigung des einzelnen. Es ist die Arbeiterklasse, die das Objekt des totalen Staates ist. Ihre Sklaverei ist erschütternd und unvorstellbar für alle, die in Freiheit leben, sie ist um so drückender, als die deutsche Arbeiterklasse die Erinnerung • der Freiheit hat. Man hat den Arbeitern ihre selbständige Bewegung, ihre Organisation geraubt, man hat ihnen vorgeschrieben, welche politische Ueberzeugung sie nach außen zeigen dürfen, man möchte ihnen diktieren, was sie zu denken haben. Hier hat der totale Staat eine Lücke; er kann noch nicht kontrollieren, was einer im geheimen denkt, er kann noch nicht mit Sicherheit das Denken des Unterdrückten in bestimmte Richtung lenken. Noch nicht! Aber der AnschlagaufdasDen- ken des Arbeiters ist schon im Gange. Kann man ihm das Denken nicht verbieten, so kann man ihm vielleicht die Zeit zum Denken nehmen. Dieser Anschlag gegen die Arbeiterschaft nennt sich Freizeitgestaltung, er soll durchgeführt werden mit Hilfe der sogenannten Arbeitsfront des L e y. Eine neue Organisation soll gebildet werden, die den Namen„Nach der Arbeit" tragen soll. Man will sie finanzieren aus den Mitteln der Arbeitsfront, das heißt mit Arbeitergroschen. Das Vorbild ist die faschistische Freizeitorganisation„Dopolavoro" (Nach der Arbeit), das Ziel ist die Vervollkommnung der Zähmung und Dressur der Arbeiterschaft. Für den totalen Staat und den Machtwahn der Nationalsozialisten sind die Arbeiter nicht Menschen mit Persönlichkeitsrecht, sondern intelligente dressierbare Tiere. Man hat sie in Zwangsversammlungen gepreßt, man führt sie unter terroristischem Zwang zu Demonstrationen und zur Wahlurne, man unterdrückt jede freie Zusammenkunft— aber das alles genügt den Dompteuren noch nicht Immer noch können die Arbeiter und Angestellten nach der Arbeit mit ihren Familienangehörigen und Freunden reden, immer noch haben sie Zeit und Gelegenheit, sich selbst Gedanken zu machen. Aber sie sollen nicht denken, denn Nachdenken ist schädlich für das System, Nachdenken kann revolutionäre .Wirkungen haben! Das beste Mittel, säe vom Denken abzuhalten, wäre es, sie arbeiten zu lassen vom Erwachen bis zum Einschlafen— aber die physiologische und arbeitstechnische Unmöglichkeit dieser Methode haben die Kapitalisten allmählich begriffen. Die Zeit, die der Arbeiter zum Nachdenken und zum Kampf für seine Befreiung verwenden könnte, soll deshalb mit einer Art Schlaf im Wachen ausgefüllt werden. Das ist der Sinn der kapitalistischen Freizeitgestaltung! Dieser Anschlag gegen die Denkfreiheit der Arbeiterschaft will sich eine kulturelle erzieherische Maske vorbinden. Es ist blutiger Hohn, daß dieses System der Barbarei und des Rückschritts sich stellt, als ob es der Arbeiterschaft auf kulturellem Gebiete etwas zu geben hätte! Es hat die Kunst zur Dirne des faschistischen Machtwahnes gemacht, es hat alle freien und aufrechten Künstler verjagt, es hat das deutsche Theater zerstört. Nicht um Kultur geht es dem System, sondern um die Dressur der Arbeiterschaft für faschistische Zwecke. Die Hauptsache ist— so verlautbart der Gefangenenwärter der deutschen Arbeiterschaft Ley— die„körperliche Ertüchtigung". Warum wird nicht gleich gesagt: der Wehrsport? Nach Feierabend soll aus dem arbeitenden Deutschland das Deutschland der Arbeitsdienstlager und der Konzentrationslager werden. In den Lagern hinter dem Stacheldraht sorgen die Gefangenenwärter bereits für die Freizeitgestaltung im Geiste des Systems— künftig soll ihre Praxis auf die gesamte deutsche Arbeiterschaft übertragen werden. Es sind schließlich dieselben Burschen, die die Freizeit der Gefangenen des Systems und der sogenannten freien Arbeiter„gestalten!" Was unterscheidet die sogenannten freien Arbeiter noch von ihren Kameraden in den Konzentrationslagern? Nur die Illusion, daß sie noch nicht Gefangene seien und die Tatsache, daß noch nicht die Prügelstrafe für sie eingeführt ist! Deutschland ist ein einziges großes Konzentrationslager für Arbeiter. Mancher sieht den Stacheldraht nur nicht, weil er nicht nahe, sondern an der Grenze steht. Diese neue Leysche Organisation ist nach dem Herzen der Kapitalisten. Ihr Ziel ist die Verinstrumentalisäerung der Arbeiter. Die Psychologen und Psychotechni- ker des Großkapitals werden die nationalsozialistischen Dresseure der Arbeiterschaft sachverständig beraten, welche Form von Sport, von Exerzieren, von läppischer Zerstreuung am sichersten vom Denken abhält, und dafür die Arbeitsleistung für den Profit am günstigsten beeinflußt. Sie werden es schon zuwege bringen, daß die mechanischste und geistloseste Arbeit noch als geistige Erholung nach der Dressur der Freizeitgestaltung erscheint. Um so besser dann für die Kapitalisten! Jetzt wird die freie Zeit der Arbeiter gleichgeschaltet— soweit sie es noch Kirsdiwasserfahrt Bonzenleben im 3. Reich. Vor uns liegt folgendes Dokument, für dessen Echtheit wir uns verbürgen: Verzeichnis der Spender von Kirschwasser etc. für die Tagung der Amtswalter der NSD�P. in Baden-Baden am 6. Oktober 1933 mit anschließender Rundfahrt durch den Schwarzwald. 1. Bad Rippoldsau, Akt.-Ges........ 2. Bühlertal, Gemeinderat Gegenbach... 3. Städtisches Verkehrsamt....... 4. Gernsbach Murgtal, Verkehrsverein... 5. Gutacb-Schwarzwaldbahn, Verkehrsverein. 6. Haslach-Kinzingtal, Stadtgemeinde... 7. Hornisgrihde, Rasthaus A. Springmann.. 8. Hundseck, Kurhaus, Hammer& Maushard. 9. Karlsruhe, Kammerkirsch A.-G...... 10. Karlsruhe-Grönwinkel, Sinner A.-G.... 11. Konstanz a. B., Stadtverwaltung i... 12. Mummelsee, Hotel Mummelsee, K. Bürk. 13. Nordrach, Bürgermeisteramt...... 14. Ottenhöfen, Verkehrs- u. Verschöncrungs- vereln.............. 15. Plättig, Kurhaus, K. Habich& Söhne.. 16. Rastatt, Bürgermeisteramt...... 17. Ruhestein, Hotel u. Kurhaus, Gebr. Klumpp 18. Unterstmatt, Kurhaus, Klumpp u. Reymann 19. Waldulm, Bürgermeisteramt...... 1 Flasche Kirschwasser 2 Pfund Bauemspeck 20 Fläschchen Zwetschgenwasser 10 Reiseflaschen Kirschwasser 2 Flaschen Kirschwasser 2— 3 Flaschen Kirschwasser 3 Flaschen Kirschwasser 2 Flaschen Himbeergeist 2 Flaschen Kirschwasser 3 Flaschen Kammerkirsch 550 Vol.% 4 Flaschen Kirschwasser 400 Weinproben aus der Konstanzer Spitalkellerei 2 Flaschen Kirschwasser 7/2 Flaschen Kirschwasser 5 Flaschen Kirschwasser, bezw. Himbeergeist 2 Flaschen Kirschwasser 1 Flasche Kirschwasser 4 Flaschen Kirschwasser 2 Flaschen Kirschwasser 2 Flaschen Kirschwasser 20. Zell am Harmersbach, Bürgermeisteramt. 2 Flaschen Kirschwasser Amtswalter heißen die nationalsozialistischen Parteifunktionäre, die sogenannten„braunen Bonzen". Die Sieges- und anderen Räusche, in denen sie schwelgen, lassen einen Katzen- lammer ahnen, der fürchterlich sein wird! nicht ist— außerdem sollen sie noch dafür bezahlen. Wenn das System könnte, würde es noch ihre Träume kontrollieren und gleichschalten. Wozu und für wen„Freizeitgestaltung? Nicht für die Arbeiter, sondern für die Zwecke ihrer Sklavenhalter! Das Ziel ist die Züchtung einer in ihrem Willen gebrochenen, in ihrem Denken abgelenkten und korrumpierten Arbeitermasse, die in der Hand des Systems ein willenloses Instrument sein soll— Kanonenfutter für den nächsten Krieg! Max Klinger. Der Feslanzug Wir haben in unserer letzten Nummer den Erlaß der Deutschen Arbeitsfront veröffentlicht, der es verbietet, über Lohnerhöhungen zu reden. Dieser Erlaß wird wirkungsvoll ergänzt durch eine neue Anschauung des Ley über den Festanzug des deutschen Arbeiters. Jedes Mitglied der Arbeitsfront muß sich für deren Veranstaltungen einen Festanzug anschaffen: blauer, zweireihiger Rock, blaue lange Hose, blaue Tellermütze mit Schirm mit eingestickter Kokarde der Arbeitsfront, weißes Oberhemd und Kragen, schwarzer Selbstbinder und schwarze Schuhe. Statt der versprochenen Lohnerhöhungen gibt es einen Festanzug! Natürlich nicht geschenkt: die Arbeiter müssen ihn selber bezahlen, so wie sie ihre Beiträge zur Arbeitsfront, ihre Winterhilfsspenden bezahlen müssen. Die Herren erfinden, und die Arbeiter haben zu bezahlen. Der„Festanzug" wird das Zuchthauskleid des Arbeiters im Dritten Reich werden. Er bedeutet einen schweren Angriff auf die Taschen der Arbeiter; denn die Mitglieder der Arbeitsfront werden insgesamt über eine Viertelmilliarde dafür zu zahlen haben! Ueber Lohnerhöhungen zu reden ist verboten— statt dessen müssen die Arbeiter eine Viertelmilliarde für den Festanzug ausgeben! Das ist Sozialpolitik, Modell Drittes Reich! Ley entfettet Der Sklavenhalter für die deutsche Arbeitsfront, Ley, will die deutschen Arbeiter erziehen. Er will die Vierzig- und Fünfzigjährigen exerzieren lassen: denn, so sagt er: „Wir müssen das überflüssige Fett in unserem Volke beseitigen, damit der Körper wieder die nötige Spannkraft erhält." Deutsche Arbeiter von vierzig und fünfzig Jahren pflegen nicht auszusehen wie Ley: vollgefressen und vom Alkohol aufgeschwemmt. Sie haben lange Krisenjahre hinter sich und den Hunger kennen gelernt. Für Ley sind sie noch nicht ausgeraergeß genug. Deshalb wird ihnen verboten, von Lohnerhöhungen zu reden, deshalb sollen sie nach Feierabend gedrillt werden. Sie könnten sonst unter den Segnungen des Dritten Reiches— fett werden. Heimat Von Gregor. Er aaß tn einem kleinen Cafd und starrte in den grauen Rauch einer billigen Zigarre. Um die Tische hockten Leute, die sich zu Hause fühlten. An den gleichmäßigen Mienen, mit denen alle ringsum in ihren Zeltungen versanken, merkte er, wie fremd er hier war. Schaute er in die Blätter, so suchte er Deutschland, las einige Berichte und schob das Papier wieder zur Seite. Immer kam dasselbe Gefühl von Schmerz und Sehnsucht hoch. Was sollte er hier im fremden Land? Warten auf irgend etwas, das nicht kam? Als er vor Monaten über die Grenze ging, weil ihn daheim braune Horden mißhandelt hatten, atmete er auf. Frei! Endlich einmal keine Landsknechtsuniüormen mehr ringsum, kein Abzeichenrummel— richtige normale Menschen auf der Straße... Nichts von diesem Neugefühl war geblieben, nichts als dumpfe Sehnsucht Da im Norden waren Wälder, die er kannte, Flüsse, In denen er geschwommen, Menschen, die er Hebte, die seine Sprache verstanden, Häuser, in deinen er gelebt Heimat... Er griff zum Hut und ging. Draußen umspielte ihn lautes, abendliches Großstadt- gewühle. Harte, fremde Sprache schlug an sein Ohr. Das hatte ihm einmal wohlgetan— jetzt schien es ihm ferner denn je. Was sollte er hier? Worauf wartete er? Alles schien ihm so leer, so zwecklos, so einsam, trotz des Getriebes ringsum. In der Seele, oder wir man dies unbestimmbare Stück Leben in der Brust nennt, spürte er ein feines klingendes, schmerzendes Nagen, wie er es bisher so nur zweimal in seinem Leben empfunden. Damals, In seiner Jugend, als er die Welt durchstreifte. Jahrelang. Ein deutscher Handwerksbursche. Maschinenbauer. Schweiz, die Mosel, den Rhein herauf, Norddeutschland, Dänemark... Dann war es über ihn gekommen. Er wanderte heim, fand die Wälder wieder, wie ehedem, den Strom seiner Kindheit, die Freunde. Manch Gesicht hatte sich verändert, die Heimat war geblieben. Er lernte zeichnen, wurde Techniker. Und dann im Kriege. An drei Fronten hatte er gestanden. Zweimal verwundet Zuletzt das Schwerste, in Frankredch. Immer dünner wurden Linien. Was noch stand, war grau, mfide. verfallen. Man blieb stehen, weil es wohl so sein mußte. Aber jede Nacht kehrte dieses schmerzende Nagen stärker und stärker wieder. Nach Hause. Der Friede kam wie ein dumpfes Wunder, das keiner ganz fassen konnte... Wieder nahm ihn die Heimat auf. Menschen waren gestorben, verdorben, aber man war daheim, kannte die Straßen, atmete die Luft der Kindheit Langsam fielen milde Schleier über die Schwere des Gewesenen.,. Helm! Was sollte ihn hindern? Nichts hatte er verbrochen. Er war Sozialist, wie Millionen drüben. Man konnte Ihn nicht fressen. Die braunen Aufzüge, den Hakenkreuzklamauk— daran würde man sich gewöhnen. Millionen mußten es aushalten. Dort grünten Wiesen, die er kannte, mit Teichen, in denen er als Knabe gewatet. Dort waren Kameraden von ehedem. Er hielt dieses Herumhocken im fremden Lande nicht mehr aus. Ein paar hundert Mark waren ihm geblieben— er brauchte daheim noch nicht zu betteln. Noch am selben Abend packte er seine Sachen. * Als er gen Norden fuhr, war ihm leichter, freier, das hinerc Nagen verschwand. Vor der Grenze stieg er aus, wartete die Dunkelheit ab, ging dann auf Wiesen, die er im Mai schon einmal über