Redaktion und Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia" Tel. lOSt Preis der fc'inzelnammer 1/' v 4 A f\ Ini i jsiaaJ kc 2�) l\.C i•4,\J Aaslandspreise ticzelnumm vicrieljährj Argentinien... Pcs 0J0 Pes ÄÄ) |«l?len..... Frs. 2.- Frs. 24.— Bulgarien.... Lew 8.— Lew. 96.— J>«n2i?..... Quid 0.30 Quid 3.60 Meutschland... Mk. 0.25 Mk. nd..... E.Ki 0.22 E. Ki. 2.64 nnnland.... Fmk 4-— Fmk 48.— Frankreich... Frs 1.50 Frs. 18.— OroBbrltannien.. d. 4.— sh. 4.— Holland.... Gld 0.1Ä Gld t.80 Hallen...... Llr 1.10 Llr. 13.20 Jugoslawien... Din. 4.50 Dln 54— Lettland....Ut 0.30 Lat. 3.60 Kr. 27 Sonntag, 17. Dez. 1933 Bezugspreis im Quarta. 17 v 4 Q (Im Ausland kc 24� 1\-C 1 O»- Aaslandspreise Linzclnuinm vierte Ijahri. Litauen..... Ut 0.55 Lit. 6.60 Luxemburg,.. B Frs. 2.— B.Fi. 24.— Norwegen.,,. Kl 0.3t Kr. 4 20 Oesterreich... Sch 0.40 Schill 4.80 Pallstina.... P.£i 0 018 P.£ 0 216 Polen...... Zlot\ 0.51 Zlotv 6.— Portugal.... Esc 2.— Esc 24— Rumänien... Lei 10.— Lei 120.— Saargebiet,,. F.Fi 1.50 F. Fi 18.— Schweden.... Kr 0.55 Kr 4 30 Schweiz.... Frs 0.30 Frs 3.60 Spanien.... Pes. 0.70 Pes. 8.4n Ungarn..... Pengö 0.35 Pengö 4.20 USA....••. Dollar 0.08 Dollar 0.90 Sozialdemokratisches Wochenblatt famd ia toüWtjM Ein Mahnwort an alle Friedensfreunde der Welt! Kann Hitler das außenpolitische Spiel, das er jetzt spielt, gewinnen? Unmöglich ist, über die Tatsache eines Anfangs- e.r{qlges hinwegzusehen. Indem er den Völkerbund und die Abrüstungskonferenz verlicß, hat er eine Tat gesetzt, die auf der andeiui Seite keine Gegenaktion aus- 'oste. sondern nur Entsetzen und Verwr- rung hervorrief. Unbekümmert um die Bestimmungen des Friedensvertrages rü- •tet er auf: niemand hindert ihn daran, niemand wagt auch nur die Tatsache der fortgesetzten Aufrüstung offiziell zu konstatieren Die diplomatische Aktinn zum Schutze Uesterreichs ist längst versaudet. d-c Regierung Dollfuß ist im Kampf gegen die Beriiner Gleichschalter ganz auf sich selber angewiesen, wenn ihr nictii tlalien hilft In den Gebieten, die dem Völkerhund unterstehen, in Danzig und an der Saar, macht sich der braune Terror breif: Rtonand glaubt daß der Völkerbund wii- ,ens und imstande sei, ihm wirksam enf- Segenzutreten. Hitler handelt, während die anderen he raten. * Frankreich sieht die Gefahr, in her es sich befindet. Es weiß, daß diese 9efahr nicht unmittelbar droht aber daß s'e mit jedem Tage wächst. Frankreich sucht eine möglichst breite Front der Gegner der deutschen Aufrüstung zu bilden, um entweder durch Druck und Drohung die weitere militärische Stärkung Deutschlands zu verhindern, oder doch für �e Fälle bereit zu sein. Ejne Zeitlang schien es, als ob ein Ueuer Weltbund mit Frankreich an der Spitze in Bildung begriffen sei. Heute Jfann Frankreich mit Sicherheit nur auf Belgien und die Kleine Entente Rechnen. Polen, das grollend zusah, wie her französische Bundesgenosse mit Hit- J®r, Mussolini und MacDonald den sagenhaften Viererpakt schloß, legt Wert auf h'e demonstrative Bekundung der Tatsche, daß es auch seine eigenen Wege *ehen kann. Italien, das für Judenhetzen kein Verständnis hat und in der pnschlußfrage Deutschlands Gegner ist, 'eistet in den Fragen des Völkerbundes "nd der Aufrüstung der Hitlerregierung Sekundantendienste. England drängt Frankreich zu Sonderverhandlungen mit "'tfer. Frankreich kann sich des Druckes !|n'' erwehren, indem es in London feier- hch anfragt, wie man sich dort solche Verhandlungen denkt . Es ist ein großes europäisches Durch- e'nander. Deutschland hat keinen Freund. autf den es sich verlassen kann. Frank- reich hat deren auch nicht allzuviele. Ist «as der Weg zum Frieden? Nein, es ist oerWeg in den Krieg! Alle Friedensbeteuerungen Hitlers kön- 11611 nichts daran ändern, daß die Kriegs- j�fahr wächst Sie wächst weil jene riedensbeteuerungen im Widerspruch stehen nicht nur zu allen seinen früheren Bekenntnissen, sondern auch zu seinen �tzijfen Taten. Denn schließlich fragt sich alle Weit warum man so mächtig Aufrüsten muß, wenn man doch nur den Frieden will. Tiefstes Mißtrauen vergiftet alles, und aus diesem vergifteten Boden wächst neue Kriegsgefahr. 9 Was hat Hitler erreicht? Er hat erreicht, daß er bis auf weiteres ungestört rüsten kann. Er hat erreicht, daß seine Agenten im Saargebiet, in Danzig, in Hitler sagt jetzt, daß nur ein Wahnsinniger den Krieg wollen kann. Damit hat er recht. Aber dann hat ein Wahnsinniger das Buch„Mein Kampf geschrieben, dann hat ein Wahnsinniger den vierzehnjährigen Vernichtungskampf.gegen die sozialdemokratische Friedenspolitik ge- Gorings Welhnadiis� Amnestie Oesterreich und anderwärts im Trüben fischen können, ohne daß sich der Völkerbund oder eine einzelne Macht dieses Treiben ultimativ verbittet Hat er aber damit etwas zumWohlc des deutschen Volkes erreicht? Das gerade Gegenteil ist der Fall! Er hat das deutsche Volk in eine Lage gebracht, die zwar für den Augenblick noch nicht so lebensgefährlich Ist wie sie es zeitweilig schon zu sein schien. die aber, je länger sie dauert, desto furchtbarere Gefahren in sich birgt führt, dann ist es ein Wahnsinniger, der aus dem Völkerbund und aus der Abrüstungskonferenz davonlief, der auf allen Straßen Deutschlands SA, SS, Jungstahlhelm. Arbeitsdienstler und wer weiß was noch marschieren läßt, und der die Räder der Rüstungsindustrie in der ganzen Welt in Schwung gesetzt hat Die Machtstellung dieses Wahnsinnigen ist eine Gefahr für Europa, sie ist vor allem eine ungeheure Gefahr für das deutsche Volk seihst Denn die Weit wird sich, so groß auch die Verwirrung in ihr ist von diesem Wahnsinnigen ebensowenig regieren lassen wollen, wie sie sich von Wilhelm II. regieren ließ. Wir Sozialdemokraten brauchen uns vor Menschen gesunden Verstandes nicht gegen den hirnverbrannten Vorwurf verteidigen, wir wollten den Krieg. Wir wollen den Krieg nicht wir wollen ihn verhindern um der Menschheit und um d e s deutschen Volkes willen, und darum bekämpfen wir das heutige deutsche Regime. Das deutsche Volk kann den Frieden und sich selber nur dadurch retten, daß es sich von diesem Regime befreit. Was wir in der Welt außerhalb des Dritten Reiches vorwerfen, ist nicht Mangel an militärischer Energie— mit der sie uns verschonen möge— sondern vielmehr die Verständnisiosigkeit, mit der sie dem deutschen Problem gegenübersteht. I m Kampf um die Seele des deutschen Volkes entscheidet sich das Schicksal Europas. Dieser Kampf ist darum keineswegs eine„innere Angelegenheit eines fremden Staates", er ist die Angelegenheit ganz Europas und der ganzen Menschheit. Was wir wollen, ist die Offensive nicht der Waffen, sondern der Wahrheit. Nur sie kann den Frieden retten, die feige Diplomatenlüge von den inneren Angelegenheiten fremder Staaten führt in den Krieg. Wir wünschen den Demokratien der Welt den Mut zum geistigen Kampf für ihr eigenes Lebensprinzip, der entschieden werden soll nicht gegen Deutschland, aber i n Deutschland! Rohm, die S4. und der Krieg! Was sie sagen und was sie denken. Der neue Reichsminister R ö h m, der Chef der deutschen Miliz, hat vor dem diplomatischen Korps und den Vertretern der ausländischen Presse in Berlin über „W esen und Aufgaben der S A," gesprochen- Er hat voll Stolz mitgeteilt, daß die SA. augenblicklich eine zahlenmäßige Stärke von 21/« Millionen Mann habe. Das ist eine unverkennbare Drohung, ein Stein im diplomatischen Spiel Deutschlands um die Wiederaufrüstung. Dies Spiel besteht einerseits aus Faustschlägen auf den Tisch, andererseits aus Friedensreden, einerseits aus der Beteuerung deutschen Abrüstungswillens, andererseits aus dem Pfeifen auf den Völkerbund und die Verträge. Herr Röhm hat dementsprechend einerseits„mit der Stärke der deutschen Reserven gedroht, andererseits aber den Harmlosen gespielt: Jn diesen Pamphleten verantwortunes-, gewissen- und vaterlandslosen Gesellen eine Lüge immer wieder: die politischen Kampforganisationen des nationalsozialistischen Deutschlands trügen militärischen Charakter und könnten dadurch zu einer Bedrohung des Friedens der Welt werden. Als verantwortlicher Stabschef der gesamten deutschen SA. wende ich mich im Hinblick auf die Tatsache, daß wir nichts zu verheimlichen haben, an die Weltöffentlichkeit, um darzulegen, was es mit diesen Einheiten auf sich hat Die SA. läßt sich mit keinem Heer, mit keiner Miliz, mit keinem sonstigen Heeressysfem der Welt l vergleichen. Denn sie ist keines von ihnen. Alien genannten Heeren eignet der Begriii| der bewaffneten Macht Das gerade aber, ist nach dem ausgesprochenen Willen Hitlers die SA. nicht," Herr Röhm ist jahrelang: der Verbindungsmann zwischen der SA. und der Reichswehr gewesen. Er hat immer in der SA. eine getarnte Militärorganisation gesehen. Der Aufbau der SA., die Gliederung ihrer Stäbe, ihre Zusammenfassung und ihre Ausbildung, sprechen deutlich genug. Daß die SA. und die Waffen noch getrennt sind, ist kein Argument gegen ihre Charakter als Militärorganisation. Ohne das Wohlwollen der Reichswehr wäre die SA. niemals zu dem geworden, was sie heute ist Aber warum eingehend über Dinge reden, die die ganze Welt kennt? Herr Röhm hat sich selbst charakterisiert in seiner Autobiographie, die vor wenigen Wochen im Zentralparteiverlag der NSDAP, neu aufgelegt worden ist. Dort feiert er den Krieg, der die besten Kräfte der Nation wecke und fördere, der eine innere und äußere Notwendigkeit für ein Volk sei, das in dieser Welt bestehen und sich durchsetzen wolle. „Europa, die ganze Welt mag in Flammen versinken: was kümmert uns das? Deutschland muß leben und frei sein!" So steht es in der Autobiographie des Mannes, der als Führer der SA. deutscher Reichsminister geworden ist! Das klingt etwas anders als sein Vortrag vor dem diplomatischen Korps! Grauen über Deutsdilanci Das dsutsdbe Gemüt Görlng erinnert sich an Weihnachten. Die deutschen Despoten treffen Vorbereitungen für Weihnachten. Sie schaffen Platz in den Konzentrationslagern. Göring will 5000 Gefangene aus den preußischen Konzentrationslagern entlassen. In Bayern sollen etwa 500 Gefangene in Freiheit gesetzt werden. Alles in allem sollen etwa 5 Prozent der Opfer des Terrors wieder in Freiheit gesetzt werden. Seht— so werden uns die deutschen Kleinbürger sagen — unser Göring ist ein wahrhaft deutscher Mann, sein deutsches Gemüt konnte es nicht ertragen, daß am Weihnachtsfeste Gefangene fem von ihren Familien in den Konzentrationslagern schmachten, die seiner Gnade würdig geworden sind! Das deutsche Gemüt des Herrn Göring hat eine Erläuterung zu diesen Entlassungen von sich gegeben: „Im Hinblick auf das günstige Ergebnis der Reichstagswahlen, insbesondere in den Konzentrationslagern und aus Anlaß des Weihnachtsfestes habe ich die Absicht, Entlassungen vorzunehmen...Die Entlassenen sind aber nicht im Unklaren darüber zu lassen, daß ich mit rücksichtsloser Strenge diejenigen, die die Großmut des nationalsozialistischen Staates erneut mit staatsfeindlichen Treibereien entgelten, in unnachsichtiger Weise und für immer unschädlich machen werde." Der Hinweis auf das„günstige Ergebnis der Reichstagswahl in den Konzentrationslagern" ist der blutige Hohn eines Systems, das unter Folterungen und Martern seine Opfer so zerbrochen hat, daß ein Teil von ihnen die eigene Ueberzeu- gung und das eigene Gewissen vergewaltigt hat aus Furcht vor weiterer Folterung. Wer innerlich so gänzlich zerbrochen ist— der soll Jetzt in Freiheit gesetzt werden. Wer außer der Existenz auch noch die Selbstachtung verloren hat — der ist dem System nicht mehr gefährlich. Er kann Platz machen für gefährlichere Gegner des Systems! Etwa 5 Prozent der Insassen der Konzentrationslager hält das System für ungefährlich geworden. Wir wollen nicht rechnen, wieviele SA-Leute darunter sein mögen, die rebelliert haben und nun mit Schlägen und Mißhandlungen wieder reif für die nationalsozialistische Volksgemeinschaft gemacht worden sind. Wir rechnen nur eins aus: Trotz vieler Monate langer Pein und Marterung sind noch95Pro- zent der Gefangenen in den Konzentrationslagern so un- zerbrochen, daß das System sie weiter einsperrt, well es sich vor ihnen fürchtet! Die Opfer, die zu Weihnachten entlassen werden sollen, innerlich und äußerlich gebrochen, kehren in eine Welt zurück, die für sie sinnlos geworden ist. Ihre Existenz ist vernichtet, an Arbeitfinden ist nicht zu denken. Es warten auf sie die Blutjustl z und Henkerbeil In Köln sind am 30. November sechs Kommunisten enthauptet worden. Sie wurden beschuldigt, am 24. Februar 1933 an einer Schießerei teilgenommen zu haben, bei der zwei Nationalsozialisten getötet wurden. Die Verurteilten waren alle junge Männer: einer 28 Jahre alt, zwei 25, der vierte 22, der fünfte 21, und der sechste war am Tag der Hinrichtung 20 Jahre 3 Monate alt! Diese jungen Männer sind am 30. November In einem summarischen Verfahren abge- schiaclitet worden. Ein Beamter des Küngeiputzgefängnisses in Köln hat darüber den folgenden Bericht gegeben: „In später Abendstunde des 29. November wurde den Verurteilten durch den Staatsanwalt in Gegenwart des Anstaltsleiters mitgeteilt, daß die Vollstreckung der Todesurteile für den nächsten Morgen angesetzt sei. Die Verurteilten, insbesondere Hamtnacher und Moritz, legten schärfsten Protest gegen den VoIIstrek- kungsbefehl ein und erklärten nochmals ihre Unschuld. Sie seien Opfer des Meineides der Nazizeugen, sie seien bei dem Zusammenstoß am 24. Februar 1933 die Ueberialfenen und Angegriffenen gewesen. Der ganze Tatbestand sei in der Voruntersuchung und in der Hauptverhandlung auf den Kopf gestellt worden. An der Stelle auf dem Hofe, an der früher ein Schafott mit Guillotine aufgerichtet wurde, war diesmal das Schafott nur mit Bank und R ich tb lock aufgebaut, um die Hinrichtung mit dem kurzen Handbeil zu vollziehen. An derselben Stelle, an der die sechs politischen Verurteilten mit dem Handbeil hingerichtet wurden, war 1931 der bekannte Massenmörder Kürten mit der Guillotine enthauptet worden. Während des Läutens des Sünderglöckchens wurden die Verurteilten gefesselt, einzeln vom Gefängnisbeamten heruntergeführt, unter besonders starker Bedeckung von Schupo und SA-Mannschaften. Im Hofe hatten sich versammelt: der Vorsitzende und die Mitglieder des Schwurgerichtes und die vorgeschriebenen 12 Gemeindemitglieder Der Scharfrichter und seine Gehilfen standen hinter dem Schafott, außerdem waren einige höhere Beamte von der Geheimen Staatspolizei, Aerzte, Geistliche beider Konfessionen anwesend, f e r- ner eine besondere Abordnung der SA. Schupo und SA-Leute bildeten sodann Spalier vor dem Gebäude bis zum Schafott und um das Schafott und den Tisch der Amtspersonen. Hinter einem mit schwarzem Tuche überzogenen Tische stand der Staatsanwalt und der Urkundenbeamte. Die Gefangenen, deren Kopfhaare geschoren waren und deren Hals von der Kleidung freigelassen wurde, wurden gefesselt an den Tisch des Staatsanwaltes geführt Der Staatsanwalt las ihnen mit lauter Stimme noch einmal das Urteil vor, und dann die Order:„Seine Exzellenz, der Preußische Ministerpräsident Göring, hat beschlossen, von dem ihm zustehenden Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen." Die Verurteilten, die offensichtlich unter der Haft, der Fesselung und dem Druck des Urteils sehr gelitten hatten, antworteten dem Staatsanwalt auf seine Verlesung mit einem Hoch auf die Weltrevolution. Sofort ergriffen aber die Henkersknechte den ersten der Verurteilten und rissen ihn zum Schafott Kaum war der angeschnallt, so wurde ihm auch der Kopf mit einem wuchtigen Beilhieb heruntergeschlagen. Auch der zweite und dritte Verurteilte wurden in dieser Weise mit einem Schlage enthauptet Bei dem vierten aber schlug der Scharfrichter, der ebenso wie seine Gehilfen augenscheinlich große Quantitäten von Schnaps zu sich genommen hatte, um durchhalten zu können, falsch. Das Beil blieb im Schädel des Verurteilten stecken, er führte einen zweiten Hieb, auch dieser hatte noch nicht das gewünschte Ergebnis und erst der dritte Hieb trennte den Kopf von dem Rumpf des unglücklichen Opfers. Der Vorfall rief bei den Anwesenden eine ungeheure Erregung hervor, und bei all denen, die sich noch einen Rest menschlichen Empfindens gewahrt hatten, Entsetzen und Empörung. Infolge dieser Erregung kam es auch bei der fünften Hinrichtung zuerst zu einem Fehlschlag und erst der zweite Hieb vollendete die Enthauptung. Die sechste Vollstreckung an dem Fepsterputzer Josef En-; gel wurde von dem Scharfrichter mit einem I einzigen furchtbaren Hieb durchgeführt. Dia Massenhinrichtung dieser sechs Arbeiter war das furchtbarste Erlebnis, das ich in meiner Dienstzeit gehabt habe," schloß der Beamte seinen furchtbaren Bericht. Auf dieses entsetzliche Ende warten noch 3 7 verurteilte Kommunisten und Sozialdemokraten in den Todeszellen der Nazigefängnisse! Zehn von ihnen sind in einem einzigen Prozeß in Dessau verurteilt worden, darunter befindet sich ein Vater mit seinem Sohnel Der letzte der zum Tode Verurteilten ist der Kommunist K a p t u r, der am 5. Dezember 1930 einen Nationalsozialisten in Dortmund erschossen hat. Kaptur berief sich auf Notwehr, er behauptete, daß der Erschossene mit dem Messer auf ihn losgegangen sei. Er brachte Zeugen dafür bei. Der Prozeß war jedoch eine Farce. Der Verteidiger(!) sprach: Jeder wird den gewaltigen Unterschied zwischen den Aussagen der nationalsozialistischen Zeugen, die ruhig, frei und bestimmt gemacht wurden und denen der Kommunisten und deren Hilfstruppen, die gedrückt und unsicher ausfielen, bemerkt haben." Die Urteilsbegründung zeigte ähnlichen Zynismus. Es hieß darin: „Kaptur hat bei dem Antrage des Staatsanwalts, der gegen ihn die schwerste Strafe vorsah, die das Gesetz kennt, nicht mit einer Miene gezuckt. Mit erstaunlicher Logik und einem bemerkenswerten Erinnerungsvermögen hat er alle jene Momente in seinem letzten Wort herausgeholt, die für ihn hätten sprechen können, wenn sie nicht in der eingehenden Beweisaufnahme schon restlos geklärt worden wären. Und in diesem letzten Wort hat er erst sein wahres Gesicht gezeigt.— Er war daher wegen Mordes zu verurteilen." Daß der Angeklagte sein Recht vor Gericht verteidigte— das wird ihm als belastend ausgelegt! Auch dieser Unglückliche wird den Kopf auf den Block legen. Welcher Unterschied besteht— so fragen wir die ganze Welt— zwischen solchen Richtern und dem Manne, der in Köln sechs Jungen Menschen nacheinander den Kopf abschlug? Straße der Großstadt, Kälte und Hunger. Willkür hat sie gefangen, ihre Existenz vernichtet. Willkür hat sie mißhandelt, Willkür setzt sie wieder frei. Wehe ihnen, wenn sie ihrer Idee dienen wollen! Dann, so kündigt ihnen Göring an, werden sie für immer unschädlich gemacht! Das deutsche Gemüt des Herrn Göring hat sich an das Weihnachtsfest erinnert- Das ist nicht ohne Bedeutung. Es sind 5000 Plätze frei geworden in den Konzentrationslagern. Sie warten auf die Opfer des Weihnachtsfestes und des deutdeutschem Gemüt! Er hat an alles gedacht, und so hat er rechtzeitig Fürsorge getroffen, daß der Strom der neuen politischen Gefangenen nach Weihnachten untergebracht werden kann! Kradi um die Beute Einer, der nicht nehmen durfte. Der Statssekretär im Bayrischen Wirt- schaftsministerium, Georg L u b e r, ist vom Reichsstatthalter General von E p p und dem bayrischen Ministerpräsidenten sehen Gemütes! Ist es nicht wahrschein-! s i e b e r t hinaufgeworfen worden. Die ic, daß mancher, der zur inneren und| arntiiche Begründung für den Hmauswurf lautet; „Aus äußeren Emigration gehört, der sich von Frau und Kinder und Eltern ferngehalten hat, zu Weihnachten nicht zu einer Unvorsichtigkeit, zu einem Besuch seiner Familie verleiten läßt? Ist das nicht eine herrliche Gelegenheit für die Menschenfänger des Dritten Reiches manches des von ihnen Verfolgten habhaft zu werden? Herr Göring ist ein Mann mit wahrhaft Anlaß des Geburtstages des Staatssekretärs L u b e r wurde von dem bayrischen Landesbauernobraann das bisher im Eigentum des landwirtschaftlichen Kreisausschusses von Schwaben und Neuburg stehende Hofgut Hirschschwang dem Staatssekretär als Geschenk übereignet Staatssekretär Luber hat dieses Geschenk angenommen. Da es sich Kurz, aber teuer Aufmarsch der Reichstagsab«veordnefe S Die Reichstagssitzung vom 12. Dezember wird in der Geschichte unvergessen bleiben: sie war die kürzeste und die teuerste Sitzung, die jemals ein deutsches Parlament abgehalten hat Sie dauerte 6 Minuten und war von 657 Abgeordneten besucht Da jeder von den gewählten* 661 Abgeordneten für diese Sitzung eine Monatsentschädigutig von 600 Mark erhielt— für die vier fehlenden Abgeordneten wird ein Abzug von je 20 Mark gemacht so kostete diese eine Sitzung die Steuerzahler 396.520 Mark. Der am 12. November gewählte Reichstag ist der stärkste, aber auch der einflußloseste und uberflüssigste. Aussprachen gibt es in ihm nicht Abstimmungen ebenfalls nicht Die Zustimmung wird durch.Jaute Akklamation" bekundet Ausschüsse werden auch nicht eingesetzt da an sachlicher Arbeit weder der Regierung noch dem Abgeordneten das geringste liegt Auch das Recht der Budgetbewilligung hat dieses Parlament nicht, die Kor- ruptionswirtschaft der Diktatur verträgt nicht das Licht der OeMentlichkeit Selbst das Petitionsrecht ist abgeschafft Petitionen werden der Regierung überwiesen, d. h. sie wandern in den Papierkorb. Geblieben ist also vom Reichstag nur die F r e i k a r te für das ganze Deutsche Reich und die Aufwandsentschädigung von 7200 Mark jährlich. Dieses Parlament zu nichts notwendig und zu nichts nützlich, kostet allein an Diäten 4,759.200 Mark. Es war keine Eröffnungssitzung. Es war eine Kontrollversammlung-- und Hugen- berg fehlte. In welch ungeheuren Schwierigkeiten sich das Hitlcrregime augenblicklich befinden muß, zeigt am besten die Tatsache, daß es nicht einmal mehr Feste zu feiern versteht Mit märchenhaftem Gepränge wurde der Reichstag am 21. März eröffnet Jetzt dagegen kein Aufmarsch. keine Reden, keine hellodemdc Begeisterung, sondern nur nürchterne Formalitäten in der allerkürzesten Frist bei dem Hofgut um ein im Eigentum einer Körperschaft des öffentlichen Rechts stehendes Besitztum handelt, hat die Bayrische Staatsregierung auf Grund ihrer nationalsozialistischen Weltanschauung die Auffassung, daß durch diesen Vorgang die Unabhängigkeit und Entschlußfähigkeit eines ihrer Mitglieder und damit ihre eigene Regierungstätigkeit beeinträchtigt werden könnte. Bei der gegebenen Sachlage glaubte der Ministerpräsident sich von seinem Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium trennen zu müssen!" Ein plötzlicher Anfall von Scham und Ehrlichkeit— oder eine besondere Bosheit gegen die in Berlin regierende Gruppe? Man erinnert sich. daß Adolf Hitler Grundbesitz bei Berchtesgaden zur Erweiterung seines Besitztums geschenkt erhalten hat. Was Hitler recht war, mußte Göring billig sein. Also verlangte Göring ebenfalls Grundbesitz in Bayern. Er mußte sehr energisch verlangen, bis man sich ifj Bayern dazu bequemte, ihm seinen Te» der Beute zukommen zu lassen. Der Oberpräsident von Brandenburg, K u b e, hat einen Erbhof zum Geschenk erhalten, der Herr Reichspräsident von Hindenbur* aber gleich Großgrundbesitz aus preußischen Domänen. Da handelte es sie» immer um öffentliches Eigenturr» Warum ist dem Staatssekretär nicht b»' hg, was den anderen Herren recht gewesen ist? Sollten Hindenburg, Hitler, ring und Kube in der Person des Herr» Luber getroffen werden, war es ein bewußter Stich durch die Tapete, den EpP und Siebert geführt haben? Der Reichsemährungsminister Darr« hat sich des hinausgeworfenen Staatssekretärs angenommen mit der Begründung daß ein Erbhoi kein Geldgeschenk, so»' dern eine Verpflichtung sei. Hier vviri» schon sichtbarer, um was es geht. Lubef gehört zur Berliner Clique de« Herrn Darrö, und die Münchene1" Clique hat ihm deswegen eins aucge* wischt. Die Herren vom Dritten Re�'1 markieren nach außen Einigkeit und Kameradschaft, aber beim Streit um d' e Beute fallen alle Rücksichten. Allein dies ist noch nicht der Ietzie Grund, warum Luber in Ungnade bei de" | bayrischen Großwürdenträgern des Klares Ergebnis in Leipzig Torgier und die Bulgaren sind unsdiuldig ten Reiches gefallen ist. Scham und Ehrlichkeit haben dabei keine Rolle gespielt Das Nehmen ist bei den Nationalsozialisten nicht verpönt. Es gilt bei ihnen vielmehr als zum guten Ton gehörig, daß jeder sich auf Kosten des Reiches bereichert— dem Sieger die Beute! — und Herr Göring hat mit dem riesigen Landgeschenk an Herrn von Hindenburg ein für allemal ein Alibi geschaffen für alle, die genommen haben und noch nehmen werden. Aber dieser Luber hat eine SündegegendenheiligenGeist des Führerprinzips begangen! Er hat genommen, wo sein Ministerpräsident and sein Reichsstatthalter noch nicht genommen hatten. Konnte er nicht harten, bis der Herr von Epp und der Herr Siebert ihre Rittergüter weg hatten? Daß er nicht gewartet hat, bis die Reihe an ihm war— das wurde ihm nicht verziehen! Die]\ase des Professors Dessauer Der Prozeß gegen den Zentrumsabgeord- neten Professor Dr. Dessauer in München-Gladbach gehört sicher nicht zu den grausigsten Kapiteln neudeutscher Justizgeschichte, wohl aber zu den toüsten. Dessauer sollte sich der Verleitung zur Untreue schuldig gemacht haben, indem er für eine Gesellschaft, die er vertrat, eÄgene Anteilscheine z n b 1 1 1 1 g gekauft haben sollte. Hätte er die Anteile zu 'euer gekauft, so hätte das nach derselben lurlstlschen Konstruktion Untreue, begangen an der eigenen Gesellschaft, sein müssen. Damit Ist die juristische Zwickmühle fertig: Kaufst du teuer, begehst du Untreue; kau'ist du billig, verleitest du zur Untreue. Jeder Kauf �er Verkauf von Wertpapieren durch politisch mißliebige Personen kann danach als strafbare Handlung aufgezogen werden. Wenn man glaubt, damit sei die Tollheit Anklage und des Verfahrens erschöpft. •ni man. Bei der Lektüre des Prozeßberichtes r�gen sich Zweifel, ob das ein Bericht aus einem Gerichtsaal oder aus einem Irrenhaus ist Da kommt man plötzlich auf den jüdisch billigenden Namen des Angeklagten zu spre- cben und nötigt ihn auseinanderzusetzen, daß mit seiner arischen Abstammung alles in Ord- nung ist. Dann springt die Verhandlung auf die verdächtig krumme Nase des Ange- H«lgten über, der umständlich die Geschichte dieser Nase erzählen muß. Er hat sich bei Radium-Experimenten schwere Verbrennungen zugezogen, und die Nase, so wie sie jetzt Ist, �U'de aus der Haut seines Armes geformt Man hält Dessauer vor, daß er auf dem bnken Flügel des Zentrums gestanden habe und Mitglied des Reichsbanners gewesen sei. Und besonders gravierend findet man einen Brief, aus dem hervorgeht daß er nach dem Kriege den ehemaligen Kruppdirekfor Mühlen, einen midenschaklichen Gegner des deutschen Milä- �rismus, als Mittler zwischen Deutschland "ud der Entente empfohlen hat. Verteidiger Ist ein gewisser Dr. T h o r- Auf einmal fällt dem Staatsanwalt ® 0 r e k ein, daß dieser Dr. Thormann einen �uder hat der Redakteur der von Josef ' r t h herausgegebenen„Deutschen Repu- Ük" war und jetzt in Paris lebt Also nnter- man sich über die Tätigkeit dieses Bru- ers des Verteidigers In Paris! Der Angeklagte ist offenbar völlig zermürbt Er versichert jammernd, er sei nur Im Reichsbanner gewesen, uro dieses vor dem Ab- j�tschen nach links zu bewahren, und er habe ,a auch am 23. März im Reichstag für Hitlers rmichtigungsgesetz gestimmt Kurz, er be- "'mmt sich der Lage durchaus angemessen, �'e ein Mann, der Wegelagerern in die Hände fallen Ist nicht wie einer, der das Bewußt- !e!B hat vor einem Gericht zu stehen und ecbt und Gesetz auf seiner Seite zu haben. h �Ver einmal die Geschichte der Justiz im rr!,'en Reich schreiben will, der wird den a" Dessauer nicht vergessen dürfen. hat es besser! Die Berliner Nazipropaganda ist auf einen Y en Trick verfallen. Sie läßt Juden, die er wandte im Ausland haben, an diese schrei- • tn' es ginge ihnen ausgezeichnet sie würden a Deutschland gar nicht belästigt, überhaupt d.are alles in schönster Ordnung. Einen Brief ('eser Art bekam auch eine Familie in Toronto auadien). Die Absender versicherten, daß sie Je wohlauf seien und über nichts zu klagen n tten- aber freilich der Anna ginge es � 11 b e s s e r. Und wenn sich die Dinge so a e' er entwickelten, so würde es ihnen bald so gut gehen wie der Anna! ren muß man wissen' daß AnM Seit Jah* & tot und begraben ist Der kanadische e*unk hat unlängst diese Briefgeschichte ablt. um der We,t � jdge, wie gut es Mi',, f de" in Deutschland geht und welche zu 6 S'e benutzen müssen, um die Wahrheit 211»agen. fm Refclistajrsbrandprozeß haben die Plädoyers begonnen. Das Urteil soll noch vor Weihnachten gefällt werden. Aber noch ehe der Oberreichsanwalt mit seiner Anklagerede beginnen konnte, ist ihm Preußens toller Ministerpräsident G ö- r 1 n g abermals ins Wort gefallen und hat die Verurteilung der Angeklagten ver- nngt. Er wünscht sich vom Reichsgericht fünf Kommunistenköpfe als Weihnachtsgeschenk. Mit einem tiefsinnigen GIe:chnis war der zweite und letzte Teil der Beweisauf- nähme zu Ende gegangen. An seinem Anfang stand die düstere Schilderung des Weltenbrandes, den die Kommu- | nisten hätten entfachen wollen, an seinem Ende die bedeutsame Feststellung, daß sie sich zu diesem Zweck des Möbelputzmittels..Sangaiol" als Brandstoff jedenfalls nicht bedient Iiät- ten... Der Fabrikant von„Sangaiol" klhn lachen: für ihn war es eine Bomben-Gra- tisrekläme. N cht so für die deutsche Justiz, nicht so für die deutsche Regierung. Denn die ganze Welt fragt heute: Aul Grand welcher Beweismittel hat man eigentlich gewagt, Torgier, Dinif- troff, Popoff und Taneif unter Anklage zu stellen und diese vier absolut unschuldigen Menschen wie die schlimmsten Schwerverbrecher fünf Monate lang in Ketten zu legen?» Die sogenannten„Beweise" sind nun ausgespielt. und es zeigt sich, daß auch nicht ein einziger zureiche n- deIr,,jerdachtsmoment— von Schuidbeweisen gar nicht zu reden— gegen diese vier Angeklagten bestand! Uebrigens— eine Frage nebenbei: wo ist die v\ aggonladung großartigen Beweismaterials aus den„Katakomben"' .es ,. �arl" Liebknechthauses eigentl.ch geblieben? Hat man sich doch noch in letzter Minute geschämt, die Gru- selgeschichten der ehrenwerten Polizeispitzel und„bekehrten" Kommunisten, die a s letztes Rettungsaufgebot für die An- klage gegen Schluß der Beweisaufnahme aufmarschierten, durch diese Fälschungen noch lächerlicher zu machen als sie ohnehin waren?!- Jedenfalls- auch dieser Teil der Göringschen Proklmation vom 28. Februar, wonach das Beweismaterial für die kommunistische Brandstiftungs- Täterschaft schon einige Tage zuvor im Karl-Liebknechthaus entdeckt worden wäre, hat sich als absoluter Schwin- d e I herausgestellt. Ein positives Ergebnis der Beweisaufnahme ist— trotz der mehr als hundertunddreißig vernommenen Zeugen, trotz der vielen Sachverständigen und trotz zweiundfünfzig Verhandlungstagen— nicht da. Die Frage, wie der Reichstag angesteckt wurde, ist ebenso unbeantwortet wie zu Beginn der Verhandlung. Man weiß nach wie vor nur das eine, daß der Angeklagte van der Lübbe irgend etwas mit der Tat zu schaffen hat. Ebenso gewiß jedoch ist, daß van der Lübbes Behauptung, wonach er ganz allein den Reichstag mit ein paar Stückchen Anzünder angesteckt haben will, insbesondere den großen Sitzungssaal in höchstens zwei bis drei Minuten mit dem Erfolg, daß dieser Saal sieben Minuten darauf ein einziges Flammenmeer bildete— daß diese Darstellung erlogen, weil absolut unmöglich ist �Vie die Sache nun aber wirklich zugegangen ist das wissen wir nfcht, und wir konnten es durch diese Verhandlung auch am allerwenigsten erfahren, weil Voruntersuchung, Anklage und Haifpt- verhandlung nicht auf das Ziel gerlch- tet waren, die W a h r h e i t zu ermitteln, sondern dte kommunistische Par- t e i mit der Schuld am Brande zu belasten. Offen und zynisch hat der Zeuge Göring ja zugestanden, daß die Polizei nur nach dieser einen Richtung geforscht habe, aber es sei das die„richtige" ge- wesen. Eine mit solchen Scheuklappen eingeengte Untersuchung konnte den Hergang der Tat ebensowenig entdecken, wie ein Mensch, der an der Schöpfungsgeschichte der Genesis als ewiger Wahrheit festhält in der Lage gewesen wäre, d:e Darwinsche Deszendenztheorie auszudenken. Man kann mir folgendes feststellen: die vier Mitangeklagten van der Lübbes sind seine Helfer nicht gewesen. Der äußere Beweis ihrer Unschuld Ist mindestens für Torgier und Dimitroff, der innere Beweis der Unschuld auch für Taneff und Popoff restlos geführt Alle vier sind nicht etwa nur wegen mangelnder Beweise, sondern wegen erwiesener Unschuld freizusprechen. Und hieraus ist weiter zu folgern: Die ganze Fahndung nach den Mittätern van der Lübbes, ist von Anfang an in ganz falscher Richtung gegangen, in einer Richtung, wo keine Mittäter waren. Daß diese falsche Richtung eingeschlagen wurde, ist Schuld des Terrors, den die Göring und G ö b b e 1 s von Anfang an auf diese— hier paßt endlich die Bezeich- Hiters Inieraationale Daß Nationalsozialismus nichts anderes mit dem Sozialismus zu tun hat, als den von ihm gestohlenen Namen, das weiß alle Welt. Aber wie ist sein Verhältnis zur Nation? Seit Deutschlands Austritt aus der Abrüstungskonterenz und seit dem Kündigungsbrief an den Völkerbund sind die Auslandsagenten der Göbbels-Propaganda eifriger am Werk als jemals zuvor. Es ist freilich merkwürdig, wo die Nazi-Agenten überall Bundesgenossen zu werben suchen. Das Aufputschen des Auslandsdeutschen und ihre Infizierung mit den Nazibazillen entspricht wenigstens der völkischen Grundidee Hitlers. Aber die Weltpropaganda der Nazis Ist damit nicht zufrieden. Sie sucht sich noch ganz andere Weggenossen, volks- und artfremde Elemente, die mit Deutschlands Erneuerung nichts zu schaffen haben. Nicht nur in germanischen Ländern wie Schweden und Holland bemüht man sich kramphaft, einheimische Naziparteien aufzuziehen. Auch in Ungarn und Rumänien werden Karrikaturen der Hitlerbcwegung entworfen, die dem großen Vorbild täuschend ähnlich sehen. Bekannt ist ja die Begeisterung der Nazis für den italienischen, dabei doch ganz mittelländischen und lateinischen F a s ch i s m u s. Zum Jubiläum der Türkischen Republik kroch die Berliner SA vor dem Gesandten K e m a I Paschas, der zwar ein großer Mann, aber alles andere als ein„nordischer" Mensch ist Neuerdings biedert man sich sogar bei den Japanern an. Der deutsche Außenminister hat ganz ernsthaft versprochen, daß die kommende deutsche Rassengesetzgebung die Japaner respektieren würde. Ein deutsches Mädchen dürfte also einen Japaner heiraten und Kinder würden als Arier gelten!! Am liebsten würden die Nazis auch die Juden- feindlichen Araber in Palästina als arische Kampfgenossen begrüßen, wenn es nicht gar so komisch wäre. Wie man sieht, verwandelt sich unter den Fingern der Auslandspropagandisten der Nazis die deutsche nationale Erneuerung in eine internationale Koalitionspolitik, die jeden Bundesgenossen begrüßt, sofern er kein Marxist ist und keine jüdische Großmutter hat. Das ist gar nicht so wunderbar, wie es auf den ersten Blick erscheint. Denn die Nazi-Idee Ist in ihrem tiefsten Sinn eine Verneinung des nationalen Gedankens. Die Rassenpolitik, die Hitler und seine Leute treiben, hebt in ihren Konsequenzen die Nation auf. Eine Begriffsbestimmung der Nation zu liefern, die unbedingt hieb- und stichfest wäre, ist nicht leicht, denn die Nation wie jedes gesellschaftliche Gebilde ist unendlich kompliziert. Aber soviel steht fest: die Nation Ist nicht möglich, ohne den freien Willen der Menschen, die auf Grund Ihrer historischen und gesellschaftlichen Situation Ihr anzugehören wünschen. Zur deutschen Nation gehört ieder, der sich als ihr Teil fühlt, ohne Rücksicht auf die Blutprobe seiner Großmütter. Weil aber die freie Entscheidung des einzelnen Menschen oder der einzelnen Menschengruppe zum Wesen der Nation gehört, Ist es klar, daß die Nation selbst ein Produkt jenes I i b e r al- d e m o k r a 1 1 s ch e n Geistes Ist, den die Hitler und Göbbels beschimpfen und verachten. Der Unterschied der Völker und Sprachen ist so alt, wie die Menschheit selbst. Aber das nung— wirklich„gefesselte Justiz" ausgeübt haben. Da nur in der falschen Richtung geforscht wurde, mußte auch die größte Beweisaufnahme ergebnislos, die Tat nach wie vor ein dunkles Rätsel bleiben. Ein großer Aufwand, schmählich ist vertan. Die wahren Täter sitzen in Sicherheit Wer aber noch auf der Welt Sinn für Anstand und Gerechtigkeit besitzt muß fordern: Laßt endlich die vier unschuldigen Opfer dieser widerlichen Justizkomödie frei! Mehr als genug ist das Recht bereits geschändet J u s t i n i a n. moderne Nationalgefühl ist ein Produkt der großen freiheitlichen Revolutionen- Dem Despoten ist es gleichgültig, welche Sprachen seine Untertanen reden. Der Untertanengeist nimmt da die Stelle des Nationalgefühls ein. Man denke an das Völkergemisch der habsburgischen Monarchie und an die Bereitwilligkeit mit der die Könige Preußens immer neue polnische Untertanen zu gewinnen suchten. Erst, als der gemeinsame Wille des französischen Volkes den König geköpft und den Adel vertrieben hatte, wurde die moderne französische Nation geboren. Die Schöpfer der deutschen Nation, soweit überhaupt eine solche zustande gekommen ist, waren die demokratischen Freiheitskämpfer von 1813 und 18 4 8. Die Nationen des Donaugebiets und des Balkans haben sich in den Freiheitskämpfen gegen die habsburgischen Kaiser und die türkischen Sultane herausgebildet In Hitlers Deutschland ist der freie Wille des einzelnen Staatsbürgers abgeschafft und ebenso ist es den Klassen des werktätigen Volkes verboten, selbst ihr Schicksal zu bestimmen. Also kann es Im Nazi-Deutschland auch keine Nation geben! Es gibt nur verschiedene Abstnfungen von Untertanen. Es gibt bevorzugte und zurückgesetze Untertanen, erwünschte und unerwünschte Untertanen. Der Schwindel mit Ariertum und Rasse und die Marxistengesetze dienen dazu, solche Untertanen auszuschalten, die dem Herrn nicht passen oder noch besser, solche Menschen unschädlich zu machen, die sich zum Untertan nicht eignen. Hunderttausende von Angehörigen der eigenen Nation sind von Hitlers Leuten ermordet, in die Konzentrationslager gesperrt oder ins Exil gejagt worden. Viele Millionen von Angehörigen der eigenen Nation wurden zu stummen Sklaven gemacht. Dafür1 schüttelt die SA. jedem Magyaren, Walachen und russischen Weißgardisten die Hand, der das Hakenkreuz angesteckt hat, Hitler und Göbbels träumen steh als die Häupter einer neuen antidemokratischen, antisemitischen und terroristischen Internationale. Das Beispiel des Hitlersieges in Deutschtand mußte in vielen Ländern auf die dekia- sierten, lumpenproletarischen und abenteuerlichen Elemente ansteckend wirken. Es sind die Abiallprodukte der gegenwärtigen, ökonomischen und geistigen Weltkrise, die Hitler international organisieren möchte. Mit der deutschen Nation hat das alles nichts zu tun. Die deutsche Nation ist nicht die Verbündete der Eisernen Garde in Rumänien oder Irgendwelcher„erwachender" Ungarns. Die deutsche Nation wird erst selbst wieder im Befreiungskampf gegen Hitlers-Prätorianer neu erstehen! Der Nationalsozialismus aber ist nicht nur das Gegenteil von sozialistisch, er ist auch das Gegenteil von national. In jedem seinen Teile Ist sein Namen eine Lüge! Plc itarch. Ersparnis Unter der Veberschrist„Thüringen rüstet steh zur Neugliederung des Reiches" berichtet das ,JBertiner Tageblatt": J)le Beseitigung des Landtages bringt dem Staat für die restlichen Monate des Rechnungslahres eine Ersparnis von 109J)00 RM.... Dte Einrichtung eines eigenen Konzentrattonslagers in Bad Sulza erlorderte 100.000 RM., die stärkere Belegung der Landesstrafanstalten verursachte 12JOOO RM. Mehrkosten. Natioaialsozlallstisdi ■— nidit national! Der Raubzug gegen die Gewerkschaften Wie wir bereits in unserer letzten Ausgabe ausführlich berichtet haben, ist zwar bei dem Umbau der deutschen Arbeitsfront noch keine formelle Auflösung der einzelnen Berufsverbände vorgenommen worden, doch haben die sogenannten Gewerkschaftsverbände ihre sozialen Aufgaben vollkommen eingebüßt und die neue Organisation zeigt bereits, daß die getroffenen vorbereitenden Maßnahmen einer letzten Etappe vor der Auflösung sehr ähnlich sind. Der letzte Schritt Ist wohl nur deshalb noch nicht getan worden, um der Arbeitsfront die Beitragseinnahmen der Gewerkschaftsmitglieder zu erhalten. Aus dem soeben erschienenen Aufruf des Staatsrates Schuhmann, Leiter des sogenannten Cesamt- verbandes der deutschen Arbeiter, geht bereits unzweideutig hervor, daß die Eintritts- und die Austrittssperre für die einzelnen Verbände in Kraft gesetzt ist Nach der amtlichen Veröffentlichung kennt die deutsche Arbeitsfront zur Zeit dreierlei Arten von Mitgliedern: 1'. die in den Verbänden Organisierten, 2. die Mitglieder der der Arbeitsfront korporativ beigetretenen Organisation, z. B. die Reichskulturkammer, 1 die Einzelmitglieder, deren Karteien von den Dienststellen der NSBO. geführt wer- • den- Es heißt in dem Aufruf: „Die NSBO.-Dienststellcn, die jetzt die Neuaufnahmen für die Arbeitsfront tätigen, haben das Aufsichtsrecht über die Verbandsdienststellen. jegliche Eingriffe dagegen in die Geschäftstätigkeit der Verbände wird (Deutsch können die Leute nicht) ihnen untersagt Weitere Anweisungen ergehen noch." Es besteht also kein Zweifel mehr, daß von jetzt ab Neuaufnahmen nicht mehr in die Verbände, sondern nur noch in die Arbeitsfront erfolgen können und daß dafür nicht mehr die Gewerkschaften, sondern die NSBO. zuständig ist, der auch das Aufsichtsrecht über die Gewerkschaften übertragen worden ist Es ist reichlich naiv, wenn„Der Deutsche Holzarbeiter" beruhigend schreibt: „Damit ist noch lange nicht die Auflösung der Verbände in ihrer jetzigen Form beschlossen. Zu den in der Oeffentlichkeit aufgetauchten Besorgnissen besteht seitens der Verbandsmitglieder keinerlei Anlaß." Wie berechtigt diese Besorgnisse sind, zeigt aber schon folgender Satz: „Um den Blick weiter auf das Ganze richten zu können, in allem den Gedanken wahrer Volksgemeinschaft Rechnung zu tragen, werden künftig Arbeiter, Angestellte und Unternehmer nicht mehr getrennt organisiert, sondern in der deutschen Arbeitsfront als Elnzelraitglleder so zusammengeführt, wie sie im Kampf des Lebens, der Arbeit des Berufes und an der Arbeltsstätte selbst zusammenstehen müssen." Welche Verwirrung die Ankündigung des Umbaues der Arbeitsfront hervorgerufen hat, und wie die NSBO. ihr Aufsichtsrecht ausübt, zeigt sich in den Warnungsrufen, die der „Grundstein" vom 9. Dezember ausstößt; „Leider haben auch einzelne NSBO.-Un- tergliederungen den eigentlichen Sinn der Maßnahmen des Leiters der deutschen Arbeitsfront mißverstanden und in vollkommen einseitiger. Einstellung sich Eingriffe In das Eigenleben der Verbände erlaubt. Es ist dafür gesorgt worden, daß derartige Ueber- grüfe für die Zukunft nicht mehr vorgenommen werden können." Diese Nachrichten bestätigen aber nur, daß die Maßnahmen des Leiters der deutschen Arbeitsfront keineswegs mißverstanden worden sind, sondern, daß tatsächlich das Eigenleben der Gewerkschaftsverbände aufgehört hat. Der sozialistische Wille der denkenden Arbeiter aber lebt! Aastrittssperre für die Verbände in Kraft Stunden zu 63 Pfg.= 30.24 Mk. Lohn für 48 Abzüge: 050 Mk. 1.02 ML 1.24 Mk. 0.75 Mk. 0.60 ML 1.50 Mk. 0.60 Mk. 0.16 Mk. 1.10 Mk. Invalidenversicherung, Arbeitslosenversicherung Krankenversicherung Arbeitslosenhilfe Steuer Bürgerstener Ehestandsbeihilfe Arbeitsbeschaffungsprogramm Verbandsbeitrag 7.87 Mk. Gesamtabzügc= 25.8 Prozent vom Lohn. 7.87 Mk. Ein Lohnzettel im Dritten Reich Während der Führer der„Deutschen Arbeitsfront" mit dem großen„Feierabe ndwerk" ffir die körperliche Ertüchtigung des Arbeiters intensiv beschäftigt ist und sich darüber hinaus entschlossen hat, den Mitgliedern der Arbeitsfront als„Ehrenkleid des schaftenden Menschen" einen besonderen„Festanzug" zu verordnen, dürfte es ganz nützlich sein, einmal ein Bild des grauen Alltags des Arbeiters im Dritten Reich zu geben. Es ist sicherlich für die Erhebung in der Freizeit nicht ganz unwesentlich, welchen Nettolohn der schaffende Mensch für seine Feierstunden mit nach Hause bringt. Eine Lohnverrechnung der Fa. E. in Aachen siebt so aus: Nettolohn. 22.37 Mk. Der Verbandsbeitrag war vor der Gleichschaltung nur 0i60 Mk.. Ehestandsbeihilfe, Arbeitsbeschaffungsprogramm und Arbeitslosenhilfe sind Errungenschaften des Dritten Reiches. Diese Serie von Abzügen nmfaßt aber noch nicht die sog. freiwilligen Sammlungen. So zeichneten die städtischen Arbeiter und Angestellten der Technischen Hochschule Aachen mit durchschnittlich 26 Mk. Wochenlohn bis vor kurzem freiwillig 1.50 Mk. Der Betrag wurde durch gelinden Druck auf 2 Mk. erhöht Diejenigen, die vorher 2 Mk. gezeichnet hatten, wurden verpflichtet nunmehr 3 Mk. zu zahlen. Dazu kommt ein Ersparnisbeitrag vom Eintopfgericht der gestaffelt ist ferner bei Einkommen von 26 Mk. ein Abonnement im Stadttheatcr von mindestens 4 Mk., bei geringeren Einkommen Mitgliedsbeitrag zur Deutschen Bühne mit 2 ML monatlich. Wenn dieser glückhafte Lohnempfänger dann nach der Vorschrift von Dr. Ley seinen dunkelblauen Festanzug mit weißem Oberhemd und Kragen mit schwarzer Binde anlegen kann, um sich nach Feierabend als„vollwertiges Glied der Gesellschaft- zu fühlen, so wird er begeistert rufen: O wie wohl ist mir am Abend. Streik— Hodiverrat! In der Denkschrift des preußischen Justizministerium zur Strafrechstreform wird der Vorschlag gemacht Aussperrung, Stillegung und Streiks bei lebenswichtigen Betrieben als Hochverratsdelikt unter Strafe zu stellen. Im letzten Heft der„Deutschen Justiz", dem amt Hchep Organ des Reichsjustizministers, wird eine�olche Strafbestimmung für nicht weitgehend genug erklärt Es komme nicht aui das Objekt des Streiks oder der Aussperrung, den Betrieb, an, sondern auf die Gesinnung, die sich in solchen Fällen immer gegen die Staatsgewalt und die Volkswirtschaft wendet Für Streiks und Aussperrungen sei daher heute über haupt kein Raum mehr. Jeder Streik und Jede Aussperrung, sowie jede passive Resistenz, auch Aufforderung und Anreizung, sollen als Hochverrat bestraft werden. Todesstrafe für die.„Anreizung" zum Streik— gibt es etwas, was dem Charakter des Dritten Reiches ähnlicher wäre? Rentenraub im Dritten Reich Beitragserböfaung und Rentenkürzling In der Invalidenversicherung. Vor zwei Wochen hat die Propagandasteße der Arbeitsfront noch triumphierend von den ansteigenden Beitragseinnahmen der Invalidenversicherung berichtet um damit wieder einmal den Sieg in der„Arbeitsschlacht" vorzutäuschen. Jetzt dagegen sieht sich die Reichsregierung gezwungen, ein„Gesetz zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit der sozialen Versicherungen- zu verordnen. Es geht nämlich der Sozialversicherung im Dritten Reich derart gut, daß in der Knappschaftsversicherung im Jahre 1933 einer Einnahme von 72.6 Millionen Mk. 163.1 Millionen ML Ausgaben gegenüberstehen, während in der Unfallversicherung die Einnahmen mit 295 Millionen Mk. hinter den Ausgaben von 332 Millionen Mk. zurückbleiben und in der Invalidenversicherung in diesem Jahre nicht weniger als 155 Millionen Mk. Defizit vorhanden ist All die großspurigen Ankündigungen vom Gesamtumbau der Sozialversicherung aber enden In dem neuen Gesetz vom 1. Dezember mit dem alten Scharfmacberrezept des Lei- stungsabbaues! Die neuen Renten der Invalidenversiche- lung sollen„eine mäßige Verminderung" erfahren. Das Ausmaß des Leistungsabbaues wird zunächst verschwiegen. Da die Invalidenrenten heute schon teils unter den Sätzen der Wohlfahrtsunterstützung liegen, so bedeutet die„mäßige Minderung" das Sinken der Invalidenrente auf das Niveau des Almosens. Angesichts des Riesendefizits werden aber gleichzeitig die Beiträge um Prozent erhöht! Da der prozentuale Beitragssatz für jede Lohnklasse jeweils vom Endbetrag jeder Klasse errechnet wird, so beträgt die Beitragserhöhung für die unter dem Höchstlohnsatz der Klasse liegenden Löhne eine Beitragserhöhung von mehr als IH Prozent! Die Lohnklassen der Invalidenversicherung, die heute bei 42 Mk. Wochenlohn abschließen, solien aufgestockt werden. Mit ungewollter Offenheit bemerkt dazu die Nazipresse: „Die Aufstockung bringt für die Wirtschaft zur Zeit keine übergroße Mehrbelastung, weil die Löhne gesunken sind." Der Sozialabbau soll aber nicht nur die neu zu bewilligenden Renten betreffen. Die Hitlerregierung bringt es sogar fertig, den längst aus der Berufstätigkeit ausgeschiedenen Rentenempfängern der Invaliden- und Angeslelltenver- sicherung ihre bisherigen Renten wieder zn rauben. Unter der skandalösen Kennzeichnung „Einziehung zu Unrecht bewillig- ter Renten" wird eine Nachprüfung angeordnet,„in welchem Umfang Renten zu Unrecht bewilligt worden sind." Da in der Angestellten- und Invalidenversicherung die Invaliditäts- und Altersrenten nach absolut eindeutigen zwingenden Versicherungsgrundsätzen erworben werden, so bedeutet die nachträgliche Entziehung wohl erworbener Rentenansprüche einen Rechtsbruch schlimmster Art Oder verbirgt sich etwa auch für die Invaliden- und Altersrentner in dieser Bestimmung die Absicht,„die Marxisten" auszurotten? Beruhigend wird in der Cesetzesbegründung bemerkt:„Allen Beteiligten werden Opfer auferlegt". Man hat nur den Nachsatz vergessen: soweit sie nicht am Naziunternehmen beteiligt sind! Das Armenhaus als Ideal des Dritten Reidies Im kaiserlichen Deutschland hatte ein Hilfsbedürftiger nur Anspruch auf Unterstützung, wTmn er ein Jahr In der Gemeinde, in der er hilfsbedürftig wurde, seinen Wohnsitz hatte. Der Arbeiter, der in die Stadt abwanderte, um sich den drückenden Bedingungen der Landarbeit zu entziehen, wurde auf diese Weise wieder In das Dorf zurückgetrieben. So sicherte man den Junkern billige Arbeitskräfte. Damals beschränkte sich die Unterstützung auch auf das sogenannte„Existenzminiimim'', d. h. nur das zum Leben allernotwendigstc. Die Republik hat sowohl den Unter- stützimgswohnsitz als auch das Existenzminimum abgeschafft Jeder wurde in der Gemeinde unterstützt m der er bei Hilfsbedürftigkeit seinen gewöhnlichen AufenN halt hatte. Die Wohlfahrtspflege gab ihm über das zum Leben Notwendige hinaus die Mittel, wieder wirtschaftlich selbständig zu werden. bei Kranken Heilung, bei Jugendlichen Berufsschule. So hafte auch der Arme Freizügigkeit so trat an die Stelle der Armenpflege die Fürsorge. Das Dritte Reich hat jetzt Unterstützungswohnsitz und Existenzminimum wieder eingeführt Wer unerlaubt m eine Stadt zieht wird mit Unterstützungsverringerung bestraft In den„Notstandsgemeinden" kann der Unterstützungswohnsitz überhaupt nicht mehr erworben werden. Der PG.-Landjunker soll wieder billige Arbeitskräfte bekommen. Wer durch die famose Arbeitsbeschaffung in eine andere Stadt verpflanzt wird und diese Arbeit verliert kommt ins Armenhaus. Die Freizügigkeit der Armen Ist eben ein liberalistisch- marxistisches Uebel. So wird ein Stück sozialer Fürsorge nach dem anderen geraubt Ganz Deutschland ist eine Anstalt in der die Einwohner verwahrt werden. Zwischen denen, die in ihrer Wohnung bewacht werden und den Insassen der Konzentrationshäuser gibt es Jetzt noch eine neue Gruppe Gefangene, die Armenhäusler. Künstliche Belebung Erpressung an der Arbeiterschaft Dr. Ley, der Kommandant der Deutschen Arbeitsfront hat mangels anderer Leistungsmöglichkeiten dekretiert, daß sämtliche Angegehörigen der Deutschen Arbeitsfront sich einen vorschriftsmäßigen Festanzug anschaffen müssen, in dem der Träger überall „gesellschaftsfähig" sein würde. Triumphierend verkündet nun„Der Deutsohe", da« Organ Leys: „Es stellt sieh nun heraus daß, durch diese Einführung des Feferabend-Anzugs eine fast unglaublich anmutende Arbeitsbelcbung m den beteiligten Industrien einzusetzen beginnt die in den nächsten Wochen erst zur vollen Geltung kommen wird. Wie wir von der Reichszeug- meisterei der NSDAP erfahren, schätzt man dort daß vorläufig die gesamte Textilindustrie und das Sehne idergewerbe auf ein ganzes Jahr voll beschäftigt sein werden." Diese neue Art der„Arbeitsbeschaffung" ist eine kaum zu überbietende Erpressung an der Arbeiterschaft, die diese Festanzttge selbst bezahlen muß. Zu den Lohnsenkungen und ständigen Abzügen für Sammlungen kommen nun diese recht erheb iichen Aufwendungen hinzu, die den Etat der Arbeiterhaushalte völlig über den Haufen werfen müssen! „Jeden Tag was IVeues!" Der Führer der Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley hat eine Reise durch Deutschlands Fabriken getan. Ober die er im.Arbeiterlum" zusammenfassend berichtet: ,Das sind alles Gedanken, die einem kommen, meine Mitarbeiter. Ich sage Urnen, was mir auf dieser Reise für Ideen gekommen sind, immer wieder, jede Tag was Neues. Es ist ungeheuer, ich behaupte, wir brauchen 50 bis 100 Jahre, am das alles durchzuführen, was durchgeführt werden muß." Herausgeber: Ernst Sattler. Karlsbad. Verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn, Karlsbad. Druck:„Graphla" Karlsbad. Zcitungstarii bew. ra. P.D. ZI. 159.334�11-1933. Zohnorzt S. APATCH EWSKT Erstklassige Ausführung— Spricht deutso» und englisch 24. Av. Fricdeland Pari«(8e) Fernsprecher: Carnot 58-13— Metro: Etoil« ZaiiniiHt Erstklassige Ausführun# Sprechstunde nachm. Spricht deutsch %. nie Doudeauvilie Paria(I8e) Mötro(Unlergrundbalin': Chäteau- Rouge Werbet für den \euen Vorwärts! •RüH&Qe, des„TZeweit l�otuxäcts tlc. 27 . Sigmund Rubinstem Der jüdisdie Großvater der nationalsozialistischen Sozialtheorie lieber die leiblichen Ahnen Adolf Hitlers und ihre rassische Zugehörigkeit geht mancherlei Gerede. Deswegen herrscht in jüdischen Kreisen rächt geringe Unruhe: denn das fehlte den armen geplagten Juden gerade noch, daß man die Hitlerei auch noch auf ihr Konto setzen könnte! Wer sollte dann nicht Antisemit werden? Doch wie immer ist es mit der physischen Abstammung des braunen Heilands auch bestellt sein mag, nicht länger läßt sich die Tatsache verschweigen, daß die nationalsozialistischen Theoretiker allesamt den größten Teil ihrer Weisheit aus dem Buch einesjuden geschöpft haben. Die geistige Deszendenz der nationalsozialistischen Theorie von einem jüdischen Soziologen ist keine leere Behauptung, sie läßt sich durch einwandfreie Dokumente belegen. Wenn nicht der nationalsozialistische, Führer— die nationalsozialistische Theorie hat bestimmt und nachweisbar einen jüdischen Großvater! Im Jahre 1921 erschien im Drei-Mas- henverlag in München das Buch„Romantischer Sozialismus". Der Verfasser hieß Dr. Sigmund Rubinstein und war Redakteur am„Neuen Wiener Tagblatt", * as er heute noch, ist Das Buch erregte ht soziologisch und politisch interessierten Kreisen einiges Aufsehen; bei der Sozialdemokratie stieß es auf scharfe Ablehnung. Ein marxistischer Theoretiker sprach damals von einem„gefährlichen" Buch. Er hatte mehr recht als er ahnte. Denn dieses Buch ist geradezu zum lebenspendenden Urquell der ganzen romantisch überhitzten und mittelalterlich verpufften Nazibewegung geworden. Die Masse mag diese Zusammenhänge Picht ahnen. Den nationalsozialistischen Buchschreibern sind sie natürlich bekannt. Denn wenn sie auch noch so unwissend sind, das wenigstens müssen sie wissen, svo sie abgeschrieben haben- Uebrigens ist von der Umgebung Hit- lers gelegentlich behauptet worden, daß "eben dem„Weisen von Zion" und den Werken von Karl Mays„Der romantische Sozialismus" Rubtnsteins eines der wenigen Bucher sei, das der Führer wirklich zu lesen versucht habe. Machen wir einen kleinen Spaziergang Ptrch das interessante Werk! öas Programm HJÜers Bekanntlich schwebt Hitler die B e- �eitigung des Klassenkampfes, ?er eine„Erfindung" der bösen Marxisten j�t, und die Erziehung des betriebsfeind- ichen Proletariers in einen mitschaffen- .n Arbeitnehmer vor. Die Lehre vom Pltschaffenden Arbeiter, der aus seiner "Betriebsfeindlichkeit" zu befreien sei, ist Gedanke Rubinsteins, den die Natio- Jtälsozialisten von ihm übernommen ha- en. im genannten Buche heißt es wört- *'ich: „Der Arbeiter als Mitschaffer, wie ihn die Triebs- und Wirtschaftsräteordnungen vor- ai,sdeiiken, ist ein anderer Typus als der Lohn- arbeiter. Der Lohnempfänger mag den Lohn- jfeber kalt und feindlich gegenüberstehen. Der �chaffer, der Produzent sieht sich in eine Vfuieinschait mit dem Produzenten gedrängt" -72— 3.) Der Nationalsozialismus will die Kluft, le die Arbeitnehmer vom Arbeitgeber überbrücken, die Klassenkämpfe J,d die Klassen schlechthin beseitigen und ~ne neue Volksgemeinschaft schaffen. ,,a� doch Hitler, daß der Nationalsozia- As�us„wirtschaftsfriedlich" sei und daß una itnehmer und Arbeitgeber Sachwalter "d Beauftragte der gesamten Volksge- b �"Schaft sind. Klaggesund Feder naupten allen Ernstes, daß der Natio- �Sozialismus einen Ausgleich zwischen ®Prtal und Arbeit durch gerechte Wert- ünrt AUng erstrebt und daß Arbeitnehmer bei» Zeitgeber aufs innigste in der Ar- *Usa,nmengehoren. Wenn wir die an- hi" lrten Theorien mit den Ansichten Ru- ger.�l!ls vergleichen, so ergibt sich eine �ezu frappante Konformität Bei Rubinstein finden wir nämlich folgende Stelle: „Eine Gesellschaft die Unternehmer und Arbeiter als Teilhaber an einem der nationalen Produktionszweige organisiert(st anders als eine Gesellschaft, die beide als gegensätzliche Klassen in sich faßt. Ist diese Gesellschaft gleichgültig dagegen, eine Gehäufe von einzelnen darzustellen, so ist Jene Gesellschaftsform bedacht sich im Schwünge der beruflich Zusammenarbeitenden eine Gliederung zu geben. Dort scheidet das blind tätige Ferment der kapitalistischen Wirtschaft die rechtlich gleichgestellten Einzelraenschen In übereinander gelagerte Schichten von Menschen ungleicher faktischer Macht- und Wirtschaftskreise aus, hier werden durch die Rechtsordnung alle im selben Betrieb und Beruf Schaffenden als formalrechtlich gleiche, aber auch faktisch gleichgewertete Mitarbeiter zu wirtschaftlichen Korporationen zusammengefaßt, die in der Volkswirtschaft nebeneinander stehen. Die Gesellschaft, die sich in der Linie der Räteidee entwickelt, tilgt die Klassen aus. Sie wird anstatt durch Kampf und Haß der Arbeiter- gegen die Unternehmerklasse durch das Wettspiel von Berufskörperschaften bewegt, in denen Arbeiter und Unternehmer Korporationsgenossen sind. Der Besitz an Produktionsmitteln entscheidet nicht mehr das Maß an wirklicher Gewalt über das Maß an Einfluß auf die nationale Wirtschaft Der Anteil am gemeinsamen Arbeitsergebnis wird nicht mehr vom Unternehmer dem Arbeiter aus seinem Privatvermögen zugeteilt, sondern fließt für beide aus einer gemeinsamen Betriebs- fondsmassc, deren Aufteilung von allen Betriebsgenossen paritätisch geregelt wird."(S. 73.) Auch im Hinblick auf die Beurteilung der Streiks bedienen sich die nationalsozialistischen„Theoretiker" der Argumente, die sie dem Buch Sigmund Rubin- steins entnommen haben. Wenn Buchner erklärt, daß sich die Ablehnung des Streiks aus der berufsständischen Solidarität ergibt, so wiederholt er nur fast wörtlich, was Rubinstein sagt: „Wenn die Arbeiter nicht mehr als Klasse, sondern als Träger ihrer Berufe in der Gesellschaft stehen, braucht es des Streiks nicht." (S. 365.) Die neue Arbeitsgemeinschaft bezweckt nicht nur die Hebeifflhnmg des sozialen Friedens und die Lösung der sozialen Frage, sondern soll auch die Grundlage bilden, auf der eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung entstehen wird. Schwärmte doch Hitler für berufsständische Kammern und forderte die Beseitigung aller Parteien. Auch dieser Gedanke des „Führers" stammt aus der Rüstkammer des Wiener Soziologen. Unter Berufsständen versteht Rubinstein lebende Körperschaften, in denen Arbeitsgenossen, Fachgenossen, Interessengenossen unmittelbar ihre Angelegenheiten m der Hand haben. Diese Berufsstände werden eine neue Gemeinschaftsidee hervorbringen, die es dem deutschen Volke ermöglichen soll. sich als Kulturvolk durchzusetzen und zu behaupten. Das Urteil Rubinsteins über die Parteien lautet folgendermaßen: „Die Parteien reichen in geschichtliche Vergangenheit zurück, sie schleppen alten Ballast an Ideen mit, der das Bedürfnis der Zeit an fröhlichem Wachsen hindern muß. Eine treu angepaßte Helferin des deutschen Werdens in wirtschaftlicher und sozialer Kultur wäre erst ein politisches Werkzeug, das seine Säfte voll aus dem neuen Boden zöge. Das neue Deutschland treibt zu einer Partei des deutschgenossenschaftlichen Aufbaues."(S. 324.) Das nationalsozialistische Programm will auch, daß„das. der materialistischen Weltordnung dienende römische Recht durch ein deutsches Gemein- recht" ersetzt werde. Merkwürdigerweise begegnen wir derselben Forderung im Buche Rubinsteins. Während sich aber die nationalsozialistischeen Phrasendrescher mit nichtssagenden Redewendungen begnügen, führt Rubinstein diesen Gedanken konsequent durch und hebt hervor, daß der Eintritt der deutschen Nation in eine genossenschaftliche Lebensordnung eine Umwandlung des Rechtsbodens anregen muß. „Der innerste Kern deutschen Rechtes ist, daß es den Lebenskreis des Menschen nicht in einen privaten und in einen öffentlichen zerlegt Die Teilhaber am nationalen Recht sind Nationsgenossen, ihre gegenseitigen Beziehungen verlieren nie den Zusammenhang mit der Gemeinschaft, in der beide stehen. Die geschraubte Konstruktion romanistischen Rechtsdenkens, daß subjektives Recht nur Einräumung der objektiven Rechtsordnung ist, war gegen den deutschen Rechtsgedanken." (S. 352.) Die angeführten Beispiele genügen, um zu zeigen, daß das sogenannte soziale Programm der Nationalsozialisten Gedankengut eines jüdischen Gelehrten ist. Die„Gedankenarbeit" des„Führers" und seiner Leute beschränkt sich bloß auf die Aneignung fremder Ideen, die sie dann dreist und gottesfürchtig ihren Parteigenossen als Quintessenz„völkischer" So- zralphilosophen servieren. Daß die Rassentheorie des Nationalsozialismus nicht auf Berliner germanischen Edelmist gewachsen ist, sondern teils vom Franzosen Gobineau, teils vom Engländer Houston St. Chamberlain stammt, weiß alle Welt. Nimmt man dazu, daß seine soziale Theorie— wie hier nachgewiesen wurde— von dem Juden Rubinstein abgeschrieben ist, so bleibt als schäbiger Rest der R a d a u a n t i s e- m i t i s m u s übrig. Und nur so viel Geist, wie zu ihm gehört, liefert der Nationalsozialismus aus eigenem! Ein sozialistisches Sofortprogramm Ein Programmentwurl von Hendrik de Man Die langdauernde und beispiellose kapitalistische Wirtschaftskrise hat das Proletariat in die Defensive gedrängt Immer schwerer lastete auf ihm die Ohnmacht die Ziele des traditionellen Programms verwirklichen zu können. Der Zustand der kapitalistischen Wirtschaft macht es in dieser Krisenzeit unmöglich, Löhne und Kaufkraft wirksam zu verteidigen, angesichts der Stockung der Produktion ist es wenig sinnvoll, den sozialistischen Kampf auf die bessere Verteilung des Produktionsertrags zu beschränken. Man kann von dem toten Punkt nur dann loskommen, wenn man mit klarem Plan und frischer Tatkraft daran geht die Offensive für ein konkretes, sofort durchführbares sozialistisches Sofortprogramm aufzunehmen. Von diesen Grundgedanken ging Hendrik de Man aus. De Man, der die letzten zehn Jahre vor der Hitlerschande In Deutschland wirkte, hat die nötigen Schlußfolgerungen aus den furchtbaren Ereignissen gezogen und seine ganze Kraft auf die Beantwortung der Frage konzentriert: Wie kann man verhüten, daß der ganze europäische Soziallsraus ein-ähnliches Schicksal wie der deutsche erleide? Seine Antwort lautet: Falsch ist es, sich auf die antifaschistische Aktion und die Verteidigung des Bestehenden zu beschränken. Um ein Uebel zu überwinden, muß man seine Ursachen beseitigen und nicht nur seine Symptome bekämpfen. Die Unzufriedenheit im Proletariat und die Unrast in den Mittelschichten haben ihre Ursache in dem gegenwärtigen Zustand der kapitalistischen Oekonomie; diese Rebellion können und müssen sich die Sozialisten zunutze machen durch die Entfesselung einer Bewegung, die die Umwandlung der Struktur der Wirtschaft in der Richtung der Sozialisierung zum unmittelbaren Ziele hat. De Man hat deshalb den Spitzen der belgischen Arbeiterbewegung einen umfassenden Plan vorgelegt. Was will der Plan de Mans? Er will diejenigen Vorkehrungen treffen, die nötig sind, um in Belgien ein wirtschaftliches Regime zu schaffen, das gestattet, die Krise zu überwinden, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und der Bevölkerung eine gehobene Lebenslage zu siebern. An der Realisierung sind nicht nur die Arbeiter interessiert, sondern auch die Opfer der Krise in den anderen Schichten, insbesondere den verschiedenen Teilen des Mittelstandes. Der Plan zerfällt in sieben Abschnitte. Er will neben den privatkapitalistischen Sektor der Wirtschaft einen sozialisierten setzen, der die Organisation des Kredits und der wichtigsten monopolisierten Industrien umfaßt. (Schlüsselindustrien, Elektrizität, Transport) Die Nationalisierung des Kredites ist bis in die wichtigsten Einzelheiten der Organisation durchdacht und formuliert und bildet die Basis für die weiteren Umbau-Maßnahmen. Für alle diese Wirtschaftszweige soll je ein Kommissariat geschaffen werden, dem als beratende Körperschaft mit Initiativrecht ein Wirtschaftsrat beigegeben wird. In dem verbleibenden privatwirtschaftlichen Sektor, insbesondere dort wo der Besitz der Produktionsmittel verbunden ist mit der Arbeit der Besitzer(Handwerker, Kleinbauer usw.) soll das Eigentum und die freie Konkurrenz geschützt werden. Durch die Beherrschung des Kapitalmarktes einschließlich der Spartätigkeit werden die spekulativen Manöver des Geldmarktes bekämpft Eine planvolle Kapitalien- kung sorgt für das Gelingen des Planes, die entsprechende Preispolitik verhindert die Spekulation auf den Warenmärkten und zielt auf die Stabilisierung der Erlöse für agrarische und industrielle Produkte. Daran schließt sich ein soziales Programm mit Verkürzung der Arbeitszeit, Sicherung des kollektiven Arbeitsrechts, einer vollständigen Sozialversicherung, sozialen Wohn- und Prachtpolitik. Das letzte Kapitel ist der Leitung der Gesaratwirtschaft gewidmet. Alle Gewalten werden durch das allgemeine Stimmrecht eingesetzt, die staatsbürgerlichen Freiheiten an alle gewährt Das Parlament umfaßt eine einzige Kammer, deren Arbeitsmethode vereinfacht wird. Zur Vermeidung des Bürokratismus erteilt das Parlament den mit der Leitung der Wirtschaft betrauten Organen Vollmachten, um rasch Aktion und Konzentration der Verantwortung zu sichern. Darüber hinaus ist das„Soziale Studienbüro", dem Henrüt de Man vorsteht, damit beschäftigt, alle diese Gesichtspunkte zusammenzufassen zu einem Fünfiahresplan mit dem Ziel der Erhöhung der Kaufkraft auf dem inneren Markt um SO Prozent in den ersten drei Jahren und um 100 Prozent am Ende des fünften Jahres. Der Generalrat der belgischen Partei hat sich nicht nur diesen Plan zu eigen gemacht, sondern darüber hinaus beschlossen; !. den Kampf um die Eroberung der Regierungsmacht mit allen legalen Mitteln zu führen mit dem Ziel der Durchführung dieses Ranes. 2. an keiner Regierung teilzunehmen, die sich nicht diesen Plan als sofort zu verwirklichendes Regierungsprogramm zu eigen macht, jedoch bereit zu sein, Zwecke der Machterohenmg«Ee Unterstützung aller Gruppen zu akzeptieren, die auf den Boden des Planes treten. Noch in diesem Monat soll der Parteitag zusammentreten und den Plan der sozialistischen Aktion zum Auftakt einer großen Aktivierung der Partei zu machen. Zugleich ist auch an eine Umstellung der Parteiorganisation gedacht Es soll eine Verjüngung Platz greifen, darüber hinaus jedoch auch der neu zu schaffenden Parteizentrale weitgehende Vollmachten eingeräumt werden— unter Einräumung eines periodischen Abberufungsrechts der so Bestellten— um die rasche und elastische Aktionsfähigkeit des General- stabs möglich zu machen. Ein Budi Konrad Heidens „Die Gebart des Dritten Reiches." Konrad Heiden, Sohn eines sozialdemokratischen Arbeitersekrctärs in Frankfurt a. M., selber Sozialdemokrat und Journalist hat sich kurz vor der deutschen Katastrophe durch ein gutes Buch über Hitler und den Nationalsozialismus einen Namen gemacht Er hat diesem Buch jetzt ein zweites folgen lassen, das im Europa- Verlag in Zürich erschienen Ist und unter dem Titel„Die Geburt des Dritten Reiches" die Geschichte der Nationalsozialistischen Partei bis zum Herbst 1933 behandelt Das ziemlich umfangreiche 272 Seiten fassende Werk ist ausgezeichnet durch gewissenhaUe Sammlung, Gruppierung und plastische Darstellung der Tatsachen; man darf es ihm als Verdienst amrechnen, daß es Im Sachlichen freigebig und mit Werturteilen sparsam ist denn schließlich ist der denkende Leser dazu da, sich einen Vers auf das Ganze zu machen, und das Moralische versteht sich unter anständigen Menschen noch immer von selbst Wir wollen es dem Verfasser hoch anrechnen, daß er sich den klaren BHck nicht durch ein Uebermaß der Gefühlswallung hat trüben lassea. Nun aher kommt das Merkwürdige, man möchte beinahe sagen das echt Sozialdemokratäsche. Derselbe Konrad Heiden, der sich so ausgezeichnet beherrschen kann, wenn er die Schandtaten der Nationalsozialisten schildert— er beurteilt sie seübstvers ländlich nicht anders ab wir— gerät sofort in die Wolle, wenn er auf die Sozialdemokratie zu sprechen kommt Bei der Darstellung des 20. Juli 1932 verläßt ihn seine Oblektivität vollständig, und er beginnt in Kraftworten zu schweigen, von denen die„Kapitulation in Schande" und„dde entartete sozlafldcmokra- tische Herrschaft" noch nicht die schlimmsten sind. Wird sich Herr von Papen, der Mann des Staatsstreichs, nicht darauf berufen können, daß seine Tat in der Kritik, die Konrad Heiden an der„entarteten sozialdemokratischen Herrschaft" übt wenigstens eine Indirekte Rech tfer tägung finde? Heidens Bemühen, trotz alledem gerecht zu bleiben, ist unverkennbar. Aber Ist er auch konsequent? Er lobt in anderem Zusammenhang die„rühmenswerte Tapferkeit", die Severing. Löhe. Stelling, Hcil- mann u. a. au den Tag legten, da sie, freilich„ohne politischen Nutzen" in Deutschland bNebeo. und er fügt hinzu,„daß bisher niemand etwa dem Abgeordneten Wels Mangel an persönlichen Mut nachzusagen gewagt hat" Aber gerade diese Männer sind es vor allem, die für die„Kapitulation in Schanden'' vom 20. Juli die Verantwortung tragen. Männer von rühmenswerter Tapferkeit denen noch niemand Mangel an persönlichem Mut nachzusagen gewagt hat diese Männer sollten„in Schanden kapituliert'' haben? Da stimmt doch offenbar etwas nicht! Heiden hätte den 20. Juii als einen„Tag des Stolzes und des Trotzes", einen Tag des „glorreichen Endes'' gewünscht Das kann ntehts anderes heißen, als daß er den R u f z u den Waffen erwartet hätte. Aber diesem Ruf zu den Waffen hätten doch nur diejenigen folgen körnten, die sie hatten Sie hätten den Kampf gegen die waffen technisch weit überlegene Reichswehr und gegen die zur Reichswehr übergelaufenen Poiizdkräfite zu führen gehabt Durften die Führer andere in den sicheren Tod führen, durften sie das, selbst wenn 1 sie gewillt waren Ihnen auf diesem Wege zu folgen? Oder hätte etwa durch eine Kopie der Hjtlerkomödäe von 1923— Davonlaufen der Führer, wenn dSe Geführten blutend auf dem Platze lagen— die Ehre der sozialdemokratischen Partei retten können? Es mag ein Fehler der Sozialdemokratie von Anfang an gewesen sein, daß sie alles von der geistigen Entwicklung erwartete und die Gewalt zu sehr verachtete. Aber das ist immer noch besser, als wenn man die Gewalt anbetet und den Geist verachtet In diesem, wie im allen übrigen, ist die Sozialdemokratie eben der Widerpart der NSDAP. Sie ist es auch darin, daß sie— während jener die Minde Führerverehrung und den Kadavergehor sam auf seine Fahne geschrieben hat— in Selbstkritik sich me genug tun kann. Das Dritte Reich wird Heidens Buch trotz seines Bemühens, Ihm gegenüber objektiv zu bleiben auf den Index setzen. Für uns sind die erweisbaren Ungerechtigkeiten, die es gegen die So- zlaWemokratie enthält kein Hindernis, es zu nachdenklicher Lektüre zu empfehlen. E. St Hitler und der mius oder: Die Protokolle der Weisen ron Zion 1 Mönches Sergius Nllus, der, einst Syno- dalbeamter bei dem durch seine Rolle In einigen Ritualmordprozessen berüchtigten Patrlar chen Pobedenostschew, aber wegen Trunkenheil und allzu unsittlichen Lebenswandels fortgejagt jetzt als Polizeispitze! se'n Leben fristete. Nllus machte sich die Sache leicht; er gab eine von Ihm 1901 veröffentlichte Broschüre „Der kommende Antichrist und das Reich des Teufels auf Erden" neu heraus und fügte einen Anhang daran: „Die Protokolle der Weisen von Zion'*. lr- diesen Protokollen werden angebliche Berichte aus 24 Geheimsitzungen des Zionistenkongres- ses, der im Herbst 1897 In Basel getagt hat wiedergegeben und es wird erzählt diese Protokolle seien von einem Geheimagenten des Zaren aus dem Archiv des Kongresses entwendet und nach Peterburg gebracht worden. Die Weisen von Zion, heißt es darin, bilden die„Jüdische Ober-Regierung" der Welt und was sie erstreben, sei nichts weniger als die Herrschaft des jüdischen Volkes über alle Völker vermittels der Demokratie, der Parlamente und der Bürgerrechte. Ein Jüdischer König aus dem Stamme David werde die Zügel ergreifen und die Völker tyrannisieren, Als ein Beispiel für die Logik des Nilus diene die in den„Protokollen" enthaltene Weisung, die Untergrundbahnstollen in allen Großstädten mit Dynamit zu füllen und die Städte in die Luft gehen zu lassen, um d>c also erschreckten und dezimierten Völker unter die jüdische Weltherrschaft zu zwingen. Das Buch von Nllus wurde in der DruK- kerei des Zaren gedruckt es erfüllte aber zunächst nicht ganz den gewünschten Zweck: die russische Revolution als Teufelswerk der jüdi-| sehen Weisen zu diskreditieren und den Zaren j Oder: die Protokolle der Welsen von Zion. In dem Prozeß gegen die Teilnehmer an der Ermordung des Reichsministers Walther Rathenan nannte der Vorsitzende des Staatsgerichtshofes in seinem Resumö das Pamphlet„Die Geheimnisse der Welsen von Zion" des Gottfried zur Beek, der damals die Tische der reaktionären Salons zierte, die„Bibel der Ralbenau-Mörder". Er hätte weiter gehen und sagen können: d'c Mörder-Bibel schlechthin,— wäre er sich über Herkunft, Zweck und Wirkung dieses Buches klar gewesen, das— auf Tyrannenbefehl von einem Trunkenbold namens Nilus hergestellt— schon im Rußland des Zaren Nikolaus und des Generals Denikin und in der Ukraine des Atamans Petljura Tausenden und aber Tausenden Unschuldigen unsägliches Leid und den Tod gebracht hatte. Die.Protokolle der Weisen von Zion" bilden den„ideologischen" Unterbau von Hitlers„Mein Kampf", sie sind das einzige Buch, das Hitler erwähnt und zitiert, wohl auch das einzige, das er in der Periode des Münchener Staatsstreichversuchs überhaupt gelesen bat Wie entstand das Machwerk des Nltus— eine Fälschung In der Sphäre des russichen zaristischen Spitzeltums, die von Gottfried zur Beek weiter ungefälscht und für Hitlergehirne zurechtgemacht wurde? Im Jahre 1907 erzitterte der große Thron unter dem kleinen Zaren Nikolaus in seinen Grundfesten. Das Volk war im Anmarsch. Eine Hauptstütze des Thrones, die Ochrana, eine der heuligen Görlngschen Geheimen Staatspolizei ähnliche Institution, deren Arbeit zwischen Provokation und Henken eingezirkelt war, erhielt die Weisung, In ihrer Giftküche ein Tränklein gegen die neue Volksbewegung zu brauen. Sie bediente sich des als Retter des russischen Volkes aus den Klauen des Jüdischen Antichrist hinzustellen.' Desto verheerender wirkte die ipit— rnr Zeit, als der Zarenthron schon am Umfallen war— im Troitzko-Sergejewschen Kloster hergestellte und in Millionen Exemplaren verbreitete Ausgabe— berüchtigt als„die Pogrom-Ausgabe''—, die lediglich die„Protokolle" enthielt Den Zaren konnte diese Aktion nicht mehr retten, aber sie bereitete den Boden für die Massenschlächtereien der Denikin und Petljura, denen ganze Bevölkerungen jüdischer Städte In Südrußland und der Ukraine zum Opfer fielen, ohne daß die damals mit anderen Dingen beschäftigte Welt auch nur hinhörte. Und damit zu dem Trauerspiel das Satir- stflek nicht fehle: der Trunkenbold Nilus hat sich sehte Arbeit gar zu leicht gemacht. Er „verfaßte" nicht sondern er„schrieb ab" und fälschte nur ein bißchen um, ging dabei auch sehr ungeschickt zu Werke. Und das kam auf die folgend« Weise ans Tageslicht: Der Kon- stantinopeler Korrespondent der Londoner „Times", Philip Graves, der die„Protokolle" kannte, bekam Im Jahre 1921 durch Zufall ein Exemplar der bereits in Vergessenheit geratenen, 1865 gedruckten satirischen Schrift des Pariser Advokaten Maurice J o 1 y, übrigens Abkömmling einer rein arischen, mit dem Adel verwandten Beamtenfamilie, die den Titel führt:„Zwiegespräch in der Unterwelt zwischen MacchlavelH und Montesquieu''. Zweck der Broschüre war; die Despotie und die Weltherrschaftspläne Napoleons III. zu geißeln. Obwohl die Schrift anonym erschienen war, wurde der Verfasser ausfindig gemacht vor Gericht gestellt und zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Graves stellt nun fest daß Nilus die Schrift Jolys einfach abschrieb und nur an die Stelle Macchiavelils und Mon- tesquleus die Jüdischen Weisen" und statt des Namens Napoleons die Bezeichnung„Geheim- chcf der Juden" setzte. Dabei ließ Nilus mehrere als gröbste Anachronismen wirkende Steilen stehen, die übrigens auch sein deutscher Bearbeiter Beek übernahm, der seinerseits Fälschungen und Plagiate hinzutat so z. B. einen Auszug aus dem 1868 gedruckten deutschen Schundroman„Btarrltz" des üblen Vielschreibers und Spitzels Hermann Goedsche (Pseudonym Sir John Retciiffe), In dem davon die Rede Ist daß sich auf dem alten Jn- denfrledhof zu Prag alle Jahrhunderte einmal die Jüdischen Weisen versammein. um einander zu berichten, wie weit die Jüdische Weltherrschaft gediehen ist(Man bedenke, daß der erste Zlonlstenkongreß erst 1897 in Basel stattfand.) Trotzdem geschah ein Jahr später der Mord an Rathenau. Die Mörderbibel hatte Ihre Wirkung behalten, denn(He Untersuchungen der Gelehrten blieben ohne Einfluß auf die stumpfen Gehirne der zum Glauben Bereiten. Auch Hitler hat sich durch die eindeutigen Feststellungen der wissenschaftlichen Forschung nicht abhalten lassen, das Fälscherwerk des ewig betrunkenen russischen Mönchs unter die heiligen Schriften des Nationalsozialismus aufzunehmen. Er hat dort— mit Recht!— seinen Platz gleich neben Hitler« „Mein Kampf'. Gottleb Brandt. Er sät Budier••• Von Tobias Hoff (Aus einer größeren Arbeit:„Die Geschichte einer Flucht") Der Davongegangene wollte die drei Stunden, die er bis zum Abgang des Prager Zuges vor sich hatte, dazu benutzen, seinen Anverwandten, die er in Deutschland zurückgelassen hatte, das Gelingen der Flucht mitzuteilen. Selbstverständlich so, daß, falls die Briefe von der Postkontrolle geöffnet und gelesen würden, weder die Empfänger noch er Schaden litten. Als er sich anschickte, seine Worte so zu suchen, daß sie verdeckten, was eigentlich gesagt werden sollte, empfand er neu die Jäm- merklichkeit seines Zufallseins. Er hätte ebenso gut beim heimlichen Ueberschreiten der Grenze abgeschossen werden können, er könnte auch, wenn er nicht Glück gehabt hätte, im Konzentrationslager verrecken oder im selbstgeschaufelten Grab faulen. Nun aber saß er hier, im Wartesaal des Teplltzer Bahnhofes, unbehindert, und bestätigte sich selbst Leben und Gesundheit. Das war fürwahr kein Heldentum. Er schritt in die Dämmerung hinaus, die den Park, der dicht vor dem Bahnhofspiatz begann, einzuschlucken schien. Er drückte sich fast scheu auf eine Bank, die vor tauigem Buschwerk stand und sehnte sich fort, fort aus dem Schmutz der Niederlage, die ihm als Fessel und Gestank anhaftete. Wäre es nicht richtiger und besser gewesen, Märtyrertum auf sich zu nehmen, sich den Fäusten und Knüppeln der braunen Bestien auszuliefern? Vorhin, beim Durchfahren des böhmischen Waldes, hatte er einen steinernen Heiligen gesehen, der unterm Arm seinen eigenen Kopf hielt. Nun wurden dem Helden Weihrauch und brennende Kerzen gebracht Opfer um Opfer. Der gerettete Flüchtling saß in sich zusammengesunken. Hätte er nicht auch seinen Kopf hinhalten müssen? In seinen Ohren dröhnte das Geschrei der Gemarterten, er sab die Kameraden gepeitscht, verstümmelt zerhackt Der Nebel drang ihm durch alle Poren der Haut durch das erschlaffte Fleisch in das schleppende Herz. Dann aber schrie der Verstand sein Nein. Wie er es tausendmal in der verseuchten Heimat geschrieen hatte. Nein und tausendmal Nein, keinen abgehackten Kopf, keinen zersägten Leib, keine ausgestochenen Augen, nicht einmal einen geschundenen Hintern um dieser braunen Hunde willen! Durch sie geschlagen, gebissen, bepißt und gemartert zu werden, ist nicht Dienst an der Idee, ist nur Beihilfe zur sadistischen Untat zur unflätigen Verunreinigung der Menschlichkeit Heißt es nicht selbst von Jesus, daß er, als die Häscher kamen, in die Wüste entwich, weil seine Stunde noch nicht gekommen war? Die Stunde war auch für ihn und die vielen, die schon vor ihm gegangen waren, auch für die vielen, die folgen werden, noch nicht gekommen. Nein, es war richtig gewesen, die Staatspolizei, die Sturmführer, die braunen Schweißhunde zu nasführen und ihnen eine Volte zu schlagen. Wenn es auch blamabel blieb, wie Tag für Tag durch Monate hindurch Deckung genommen werden mußte. Ihn fror: doch blieb er, da die verstummte Bahnhofsuhr noch eine ganze Stunde des Wartens diktiert hatte, widerstandslos sitzen und ließ die Gespenster aus seinem Gedächtnis kriechen. Gespenstische Nächte hatte er durchwacht und durchwandert, allein, oft mit Kameraden. im Halbdunkel der Parke, der Vorortsstraßen und der Fiußufer. Jeder, der damit rechnen mußte, daß sie hinter ihm berjagten. Jeder, der auf Haussuchung und Haftbefehl gefaßt sein mußte, trug mehrere Hausschlüssel in der Tasche. Keiner wußte genau, wo er die beutige, wo er die morgige Nacht zubringen würde. Die eigene Wohnung, Frau nnd Kinder mußten gemieden werden: wer das Telefon benutzte, um zu erfahren, wie es zu Hause stehe, hatte damit zu rechnen, daß jedes Wort von den Spionen abgehört würde. Eine Geheimsprache, von jedem einzelnen immer wieder neu erfunden, ermöglichte Zusammentreffen, zu denen nur auf Umwegen gegangen werden konnte. Solche Vorsicht mag oft übertrieben gewesen sein. Den Belästigten erschien sie noch häufiger überflüssig und immer schmachvoll Dann aber fielen die SA-Leute irgendwo unvermutet ein, verschleppten den, der des Versteckspiels müde geworden war, bedrohten die Familie, zerschlugen die Möbel und zerfetzten die Bücher. Immer wieder explodierte solch Vanda- lismus und immer wieder beschloß man, sich zu verkriechen. Eines Nachts, da er im Vorgarten eines Kaffeehauses saß und in den wenigen noch zugelassenen Auslandsblättern las, um so halbwegs einen Maßstab zu bekommen, die Lügen der deutschen Propagandapapiere zu erkennen, flüsterte ihm der Kellner, der ihn gut kannte, eine Warnung zu. Dieser Kellner war ein tapferer Mann: er las die„Neue Freie Presse" und die..Neue Züricher" und kennzeichnete mit Rotstift Artikel, die für die Nazis besonders peinlich waren, Im Vorbeigehen vor sich hin- spreebend, machte er dann Gäste, deren Vertrauen und Zustimmung er sicher war, auf solche Fälle aufmerksam. Er tat Gewagteres: er legte zwischen die Zeitungen, die er den ihm bekannten Stammgästen brachte, kommunistische Flugblätter, gelegentlich auch den Prager „Vorwärts". Dieser unversöhnliche Feind Hitlers, ein trostreicher Beweis dafür, daß es auch im Dritten Reich aufrechte Kämpfer gab, warnte den Genossen: morgen früh kämen sie f ihm, nach illegalen Schriften zu suchen;®f habe es von einem SA, der ihn für gleichgeschaltet halte, gehört Die Nachricht konnte immerhin zutreffen; Jedenfalls mußte der Bücherbestand noch einmal rasch überprüft werden, damit die Frau, wenn sie allein angetroffen würde, keine allzu großen Unbequemlicb- keiten bekäme. Der Aufgescheuchte eilte in seine Wohnung und nahm einige Schriften von Marx, die immer wieder zurückgestellt und gerettet hatte« nahm eine Geschichte des Sozialismus, die er Band für Band hatte entstehen sehen, nahm üi® Gefängnisbriefe der Luxemburg, diese inbrüü* stigen Psalmen mitfühlender Menschlichkeit nahm noch andere herzverwachsene Bücher« Zeugen und Pioniere des unsterblichen Freiheitskampfes der Enterbten, Bücher, von denen er sich bisher nicht hatte trennen können,*ai ihren Verstecken, stellte sie vor sieb auf, urn* img sie mit einem letzten dankbaren Blick uo® begann mit zitternden, stockenden, sieb aU'* bäumenden Händen das satanische Unwerk döf Zerstörung. Damals wußte er genau, daß et diese Nacht der infamsten SelbstzerfleisclW1' nie vergessen würde, und er hatte sie b'c'1 vergessen. Während er hier auf den Zug nach Pr3*' die nächste Station seines schmerzhaften Metzsdie der Prophet Ton Prof. 4. Kleinberg Vor einisen Tagen wußten die Zeitungen zu berichten, daß Herr Hitler das Wel« marer Nictzsch e-A r c h I v besucht habe. Ben dieser Gelegenheit hielt ihm der wissenschaftliche Mitarbeiter des Archivs, Richard Oehler, einen ausführlichen Vortrag; Nietzsches greise Schwester Elisabeth Förster überreichte ihm Nietzsches Stockdegen, offenbar weil Herr Hiller derzeit sein berufenster Träger ist, und brachte ein Promemoria aus üem Jahre 1879 zur Verlesung, in welchem ■hr längstverstorbener Gatte, der Anfisemiten- häuptiing Bernhard Förster, vor Bismarck leidenschaftlichen Protest gegen die„Ueber- iremdung" des deutschen Blutes eingelegt hatte. Soweit die alte Dame damit die nahe Verwandtschaft Ihres Gatten mit Hi-ler beweisen wollte, tat sie recht und gut daran— besagter Förster war wirklich einer der wüstesten Hep-Hep-Rufer aller Zeiten. An ihrem Bruder aber hat sie sich unsühnbar vergangen, wenn sie In dem seinem Andenken gewidmeten Archiv antisemitische Propaganda betrieb, denn Nietzsche hatte zeit seines Lebens für die Judenhetze nur Hohn und Verachtung und hätte mit Jedem Freunde empört gebro- chen, der das Unvorstellbare begangen und Ihn zum Antisemitismus irgendwie in Beziehung gesetzt hätte. Die Erbin seines Ruhmes aber tut das Herrn Hitlers freundlichem Lächeln zuliebe, trotzdem sie selbst am 26. Dezember 1887 vom Bruder den folgenden sehr deutlichen Brief erhielt;„Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu suln aus, die mich immer von neuem mit Groll oder Melancholie erfüllt... Es ist eine Ehrensache für mich, nach Seiten des Antisemitismus absolut reinlich und unzweideutig zu �in, nämlich ablehnend, wie ich es in •zinen Schriften tue... Mein Widerwille vor dieser Partei(die gar zu gern ihren Vor- tell von meinem Namen haben möchte!) ist 50 ausgesprochen wie möglich... und daß ich nichts dagegen zu tun vermag, daß in ledern antisemitischen Korrespondenzblatt der Name Zarathustra' gebraucht wird, hat mich scbon mehrere Male beinahe krank gcmachL" Zum Propheten der hakenkrcuzlerischcn Judenhetze taugt Nietzsche also nicht Aber is' er nicht wenigstens mit seinen Hymnen auf Gewalt Mitleidlosigkeit und Krieg, auf die -blonde Bestie", den„Uebermenschen" und unbedingte Recht des Stär- 116 ten dem Dritten Reich Pate gestanden? � ist wahr: erfüHt von heißem Wirkensdrang "ud leidenschaftlicher Dichterliebe zum bunten Glanz des schöpferischen Lebens, glaubte Nietzsche ah überzeugter Schüler Darwins, daß(Hese geliebte Erde nur dem Starken ge- böre, daß nur der Kampf ums Dasein die Ge- •chöpfe immer höher emporzüchte. Deshalb �Hte«• Sie gefährdet von Blitz und Donner umwittert wissen, damit nur ja ihre Kraft ins Gigantische wachse� darum sollten alle Ein- richtungen und Gesetze ausgelöscht werden, *z!che den Schwachen schützen und den Starken hemmen. Todfeind der Menschheit also schien«im die Jüdisch-christliche„Skla- venmorar, die aus lauter Mitleid mit den Herdenmenschen das Gewaltige und Kraftvolle als sfttMch„bös" ächtete, verwerflich der Soziallsmus, die Demokratie und die Gleichberechtigung der Frauen, die alle demselben Herden- Instinkt schmeichelten. Das Heil aber erhoffte er Jenseits unseres landläufigen„Gut" und „Böse" von neuen, krafthejahenden„Tafeln der Werte", vom adeligen„Willen zur Macht" und von Jenem gegen sich und andere harten, dem Leid zujubelnden„Uebermenschen", dessen wundervolle Vision er im„Zarathustra" aufsteigen sah. So in groben Umrissen gesellen, mag man- ches der Ideologie des Dritten Reiches verwandt erscheinen, aber dieser Eindruck verschwindet, wenn wir die Gedanken menschlich- biographisch nach ihrer Her- kuntt und kulturpolitisch- kulturschöpferisch auf ihre Auswirkung hin verfolgen. Da sehen wir sofort, daß die erschütternden Lobgesänge auf die Gewalt, auf Härte und Erbarmungs- losigkeit nicht von einem brutalen Rohling, sondern vom Empfindlichsten der Empfindlichen gedichtet wurden; von einem Mann, so zarthäutig und jeder Güte und Freundschafts- äußerung so sehnsüchtig offen, daß wir sein „mit dem Hammer Philosophieren" nur als Schutzmaßnahme verstehen können. Der allzuleicht Verwundbare, den die Verständnislosig- keit der Weit mit GeiBelhieben traf, errichtete sich das Wunschbild des Unverletztbareu, trotz Blut und Tränen siegreich Lachenden, der Milde und Weiche schwärmte von den „Raubvögeln, die mit gutem Gewissen die zarten Lämmer verzehren", der von Ichsucht Freie sah in dem furchtbaren Cesare Borgia ein wünschenswertes Vorbild. Sich so,©in Hautloser, in der Idee eine Schutzschale bauen, einen Gedankenpanzer aus Härte, Rücksichtslosigkeit und fordernder Gewalt ist etwas wesentlich anderes, als mit SA. und SS. einen sehr wirklichen Terror aufdehten; als mit ehernem Gleichmut(„Ich würde ein gebrochenes Wort oder gar einen Mord nicht aushalten" sagt Nietzsche an einer Stelle seines Nachlasses) über Berge von Leichen zur Herrschaft emporsteigen; als das Denken des ganzen deutschen Volkes und die gemarterten Körper von Hunderttausenden in ein einziges großes Konzentrationslager sperren. Aber auch wenn wir von diesem nicht unbeträchtlichen Abstand zwischen Idee und leibhaftiger Wirklichkeit absehen, hat Nietzsches Reich der Uebermenschen mit Hitlers Tyrannenstaat nichts zu schaffen. Denn es ist das Reich der großen Verantwortung gegen die Fernsten, das Reich der über sich selbst hinausstrebenden, alle in ihren Kuppelbau einbeziehenden Kultur, der heilige„Ordensbund höherer Menschen, bei denen sich bedrängte Geister und Gewissen Rats erholen können." Das heutige Deutschland dagegen hat Nietzsche, ein entsetzengepeitschter Prophet, in„Menschliches, Allzu- nwnschlichcs"(II 340) also geschildert: „Wenn wir hören; dort haben die Männer nicht Zeit zu produktiven Geschäften; Waffenübungen und Umzüge nehmen ihnen den Tag weg, und die übrige Bevölkerung muß sie ernähren und kleiden; dort verfangt und gibt man Gehorsam ohne Verständnis: dort sind die Strafen wenige, diese wenigen aber sind hart und gehen schnell zum Letzten, Fürchterlichsten; dort gilt der Verrat als das größte Verbrechen, schon die Kritik der Uebelstände wird nur von den wenigsten gewagt— wer dies alles hört, wird sofort sagen:.es ist das Bild einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft' und ein Anderer: ,es ist unser modernes Militär w e s e n beschrieben'". Dem vergewaltigenden Zwangsstaat raei- lenfern und weniges so wie Ihn hassend, hat Nietzsche sogar manches in der Praxis anerkannt, was er prinzipiell verwarf. So billigte er der Demokratisierung Europas" zu, sie sei eine unentbehrliche„p r o- phylaktlsche Maßrege i",„Staudamm und Schutzmauer gegen Barbaren, Seuchen, gegen leibliche und geistige Ver- k n e c Ii t u n g",„Quarantäne-Anstalt gegen die alte Pest tyrannenhafter Gelüste"(Ebda. S. 338, 351). So stellte er sich, der Lobpreiser des Krieges, der militärischen Völkerverhetzung schro'f entgegen:„Alle Staaten stehen jetzt gegen einander; sie setzen die schlechte Gesinnung des Nachbars und die gute bei sich voraus. Diese Voraussetzung ist aber eine Inhumanität, so schlimm und schlimmer Tu mir nidits! Was ist hier los? Liegen Ohrfeigen In der Luit? Hat einer vor dem andern Angst, bettelt Jeder:„Tu mir nichts, ich tu dir auch nichts!"? Nein! Das ist der„deutsche Gruß"! Die Süddeutsche Sonntagspost" veröffentlicht dieses Bild und klagt darüber, daß diese„lässige" Grußform langsam große Mode werde. So gehe es nlncht weiter, die Voiksgenosson seien zu strammer Haltung verpflichtet. „Eine Herabwürdigung und Verunglimpfung des deutschen Grußes Ist es auch, mit der erhobenen Rechten„M a h 1 z e 1 1" oder gar„Servus" zu sagen." Bild und Kommentar beweisen, daß die Begeisterung für die neue Einheitsform des Männchenmachens sichtlich im Wachsen begriffen ist Mahlzeit! als der Krieg: Ja, Im Grande ist sie sction öT» Aufforderung und Ursache zu Kriegen, weil sie dem Nachbar die Immoralität unter« schiebt und dadurch die feindselige Gesinnung und Tat zu provozieren scheint. Der Lehre von dem Heer als einem Mittel der Notwehr muß man ebenso gründlich abschwören als den Erober ungsgelüs tcn. Und es kommt vielleicbt ein großer Tag, an welchem ein Volk durch Kriege und Siege ausgezeichnet freiwillig ausruft: ,wlr zerbrechen das Schwert' und sein gesamtes Heerwesen bis in seine letzten Fundamente zertrümmert." So stets der großen Sache, dem ewigen Empor und nicht dem demagogischen Wlrken- wollen zugewandt hat Nietzsche alles verachtet, was die Hakenkreuzdeutschen als Waffe und Parole benützen. Was sie bis zum Weißglühen beherrsch', der Fanatismus,„verdirbt" nach Nietzsche„den Charakter, den Geschmack und zuletzt auch die Gesundheit" (Vorwortentwurf zur„Morgenröte"). Den Rassefanatikern gegenüber machte er sich zur„Maxime; mit keinem Menschen umgehen. der an dem verlogenen Rasseschwindel Anteil hat"(„Jenseits von Gut und Böse" 498). Zur Kritik des„H o r n v i e h-N a t i o- n a I i s m u s"(„Ecce homo" 20) und der„Va- terländerei" notierte er nachträglich zu den „Unzeitgemäßen Betrachtungen"):„Wer über sich Werte fühlt, die er hundertmal höher nimmt als das Wohl des.Vaterlandes', der Gesellschalt, der Bluts- und Rassenverwandtschaft— Werte, die jenseits der Vaterländer und Rassen stehen, also internatiojiale Werte —, der würde zum Heuchler, wenn er den Patrioten spielen wollte. Es Ist eine Niederung von Mensch und Seele, welche den nationalen Haß bei sich aushält(oder gar bewundert und verherrlicht): die dynastischen Familien beuten diese Art Mensch aus,— und wiederum gibt es genug Handels- und Gesellschaftsklassen(auch natürlich die käuflichen Hanswurste, die Künstler), die ihre Förderung gewinnen, wenn diese nationalen Scheidewässer wieder die Macht haben. Tatsächlich Ist eine niedrigere Spezies zum Uebcrgewlcht gelangt—"(„Nachlaß" I 394). Und wie ein dem Nationalsozialismus abwehrend entgegengehaltenes Testament Nietzsches, des„guten Europäer s". muten folgende unter den„Zehn Geboten des Erdgeistes" an;„1. Du sollst Völker weder lieben noch hassen.— 2. Du sollst keine Politik treiben.— 5. Du sollst dein Weib aus einem andern Volke als dem eigenen nehmen.— 9. Du sollst, um die Wahrheit sagen zu können, das Exil vorziehen. 10. Du sollst die Welt gegen dich und dich gegen die Welt gewähren lassen."'(Ebda. 332) Man sieht: wessen Bekanntschaft mit Nietzsche über die ungefähre Kenntnis einiger Gemeinplatz gewordenen Schlagworte hln- ansgeht, der kann ihn nicht einen Propheten des Dritten Reiches schimpfen. Hitler sei sein Irrtum verziehen-- er weiß es nicht besser. Frau EHsabeth Förster-Nietzsche aber, die Ihn Im Nletzsche-Archtv empfing, Richard Oehler und der Direktor des Archivs, Alfred B ä u raier, Jener Scheiterhaufenprofessor Bäumler, der dem Zug der bücherverbrennenden, geisttötenden Studenten Berlins stolz voranschritt, sie haben Ihren Bruder und Meister, da sie ihn dem Hakenkreuz preisgaben, um weniger als dreißig SIlberHnse verraten. � wartete, im vernebelten Park von Teplitz, Jede Einzelheit Jener barbarischen Gro- sta wieder vor ihm. Wahrhaftig, er hatte es tan. er hatte, wie schon des öfteren, die Bü- ier aus ihren Einbänden und dann in form- Se Stücke gerissen. Nicht zum ersten Mal sah s'th m solcher Gemeinheit gezwungen. Er 1 te viele Wochen vordem einen großen Korb, 5 zum Rande gefüllt mit verpönter Literatur, ' Akten aus seiner mannigfachen amtlichen ''«keil, mit Dokumenten vom erfolgreichen 1 st'eg und schnelleren Zerfall eines Volks- iate$, schließlich mit eigenen Aufsätzen aus ,,eni Zeltraum von Jahrzehnten, d. h. nichts '■ikeres als mit den Zeugnissen einer Lc- '"aarbeit, dem Einstampfer übergeben. Das es«rschien ihm in jener nächtlichen Stunde . so grauenvoll wie der Kindesmord an lnen letzten bisher geretteten Lieblingen. Es *r l!5m, als müßte er sein eigener kannibali- er Henker sein, als erschlüge er mit mittel- i rl'chem Rad von unten her seine eigene 'e'e' Glied für Glied, Muskel für Muskel, nur dem Sitz des Lebens näherkommend. es geschah, es mußte geschehen. Vicl- , wachte sich das Suchkommando jetzt fahrtfertig, hmg die Gummiknüppel an [f yrfe, vielleicht war w für heule der erste der Beuteliste. Die Furcht entblößte ihn f,m'os vor sich selbst Ulj, cm die Vernichtung geschehen war, u er mit den anklagenden Resten zwei n �"Wappen und ging auf die Straße hinunter, grandiose Gemüll irgendwie loszuwer- bf warf Hände voll weißer, im Winde eck o'isch sich drehender Buchreste in die en an den Zäunen der Laubenkolonisten. Dort sollten sie vermodern. Es war eine Kreuzlragung, nur, daß kein Simon von Kyrene Hilfe leisten konnte und keine Veronika den Schweiß trocknete. Unwillkürlich nahm er die Gebärden eines Sämanns an, er säte Geist und Fleisch, jeden fallenden Fetzen begleitete er mft segnendem Zeichen, Gehirn bist Du gewesen, Gehirn sollst Du wieder werden, Gehirn, was aus Deutschland entschrumpft ist Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unver- wcslich. Jetzt säe ich Euch mißgestaltete Brok- ken mitten hinein in die sommersatten Vorhöfe der Bourgeoisie, Ihr entfallt meinen kalten zitternden Händen quer gespaltete Heldenworte, aber im Fallen wandelt Ihr Euch In Lichtflocken, Ihr werdet Wurzel fassen, werdet keimen, werdet auferstehen, werdet von dieser dreifach Verfluchten Erde wieder Besitz ergreifen, Ihr werdet Deutschlnad wieder deutsch machen. So schluchzend und singend marschierte er, ein geschundener Sämann, blind und doch erfüllt vom Geiste durch den Schlaf der Blumen- und Gemüsegärten, die der Sonntagsstolz der Rechnungsräte und der Bürovorsteher waren. Längst buckelten diese im Vorhof der neuen Herren: die Fahnenstangen auf den Dächern der Lauben zeigten nach mancherlei Wechsel jetzt das Hakenkreuz. Als der Dämmerungswanderer, denn inzwischen war der Morgen nahegekommen, vor solch einer vielfach geschändeten Fahnenstange stand, um den Rest seiner Saat zu streuen, entglitt seiner müden Hand ein Papier, das ihm im Fallen fremd erschien. Das war etwas anderes gewesen als Marx oder die Luxemburg. Der Rausch, in den er gebannt war, zerriß und schlug in ein Gelächter um, in ein Kreischen wilden Holmes und faulender Ohnmacht; er hatte, gemischt mit den Leichenteilen»seiner geliebten Söhne und Töchter, Papiere fortge- worfen, die seinen Namen imd seine Adresse erkennen ließen. Er lachte aus vollem Halse: mögen sie es finden, es sei, wie es sei. Alles in diesem verpesteten Lande ist aus dem Gleichgewicht Das Heroische umarmt die Kloake, und in den Spülwässern ertränken sich die reinen Herzen. Mögen sie die Spuren meiner Feigheit finden, möge der Zufall mir den Strick knüpfen. Und dann begann er zu singen, mit den autiliegetKlen Vögeln um die Wette. das rauhe Wecklied der Stürme: Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht... Der Träumende hörte den drohenden Rhythmus des marschierenden Proletariats nicht mehr aus der Erinnerung; die Klänge waren Wirklichkeit. Ein Trapp roter Turner zog Uber die Bahnhofstraße. Machtvoll erscholl das Kampflied, das alle Enterbten und Gefesselten des Erdballs zum Siege rief. Seit vielen Monaten hatte er es nicht mehr mit den Ohren gehört Nun brach es aus seinem Herzen, in dem es nie verstummt war, unaufhaltsam hervor. Und wenn er auch wußte, daß er kaum das erste der Gefechte hinter sich hatte, so war er doch gläubig. Der Weg lag vor ihm, lang, dornig, vielleicht ohne Ende. Ohne Ende für ihn, was tat das. Ganz gewiß aber ein Weg des Triumphes für alles Volk der Erde, auch für die Deutschen. Er stand aufrecht gleich dem eichenen Schaft eines Banners, jenes heiligen Banners, das steht wenn der Mann auch fällt Er hörte die Uhr schlagen, in wenigen Minuten mußte der Zug nach Prag einfahren.{ Der Haß Wir tragen auf dar Schulter Last von Lebenden und Toten. Wir tragen In den Herten HaO von Lebenden und Toten. Wir schleppen nnd wir schleppen schwer. Wir geben nicht die Bürde her, wir tragen ohne murren. Es liegt in uns wie schweres Blei und das Gewicht läßt uns nicht frei, es drückt den Tag, die Nacht. Es drückt bis zn dem beißen Tag, der diesen Klumpen schmelzen mag. Aus Blei da gießt man Kugeln. Der Haß, der macht die Angen schart Es singt das Blei, das Iiiegen darf. Der Haß macht harte Hände. Auf Wort und Wort da hört er nicht Er schaut euch nur In das Gesicht. Dort steht es angeschrieben, wer leben und wer sterben soll. Der Tag Ist beiß, das Maß ist voll, da wird man nicht viel reden. Kurt Ooberer. Menschenökonomie andersrum Die braunen Masdiinenstiirmer des Dritten Reidies Das Ei des Kolumbus ist zum Stehen' gebracht, das Mittel zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit gefunden! Es ist so kindisch einfach, daß jeder hinterwäldlerische Bauernknecht es hätte ausdenken können. Aber wie es niemanden gelang, ein Ei aufrecht hinzustellen, bevor ein Kolumbus kam und die Spitze des Eies eindrückte, so mußte eben auch erst ein A d o 1 f H i t- 1 e r kommen und der Welt folgendes vordemonstrieren: Die Arbeitslosigkeit beseitigt man, indem man die Arbeit, die durch einen Menschen ausgeführt werden kann, durch zwei ausführen läßt Punktum. Bei sich selbst fing der große Mann, wie sichs gehört, an—„charity begin's at home"(Wohltun beginnt zu Hause), sagt der Engländer. Seine Leibpresse berichtete das grandiose Beispiel: ein Gästehaus sollte auf dem Sommersitz des klassenlosen Volksführers errichtet werden. Der Bauunternehmer rückte mit einer Betonmaschine an. Aber der große Adolf winkte ab: fein mit der Hand sollte der Beton gemischt werden, damit mehr Leute Arbeit davon hätten. Wundert man sich, daß diese Patentlösung— verblüffend einfach wie alles Geniale— allenthalben freudige Nachahmung fand? Bei Notstands- und Wegebauten gab es künftig keine Maschinen mehr. Dann kam der Staathalter von Thüringen auf die Idee, in der Glasindustrie die Flaschenmaschine zu verbieten, ein Verbot für Maschinen in der Tabakindustrie schloß sich an. Und wenn es so weiter geht, dann wird in einem Jahrzehnt der Wanderer durch das Riesengebirge wieder d i e Handweber des Hauptmanndramas an ihren Webstühlen sitzen sehen, in jeder Hütte einen... Es ist wirklich gut, daß Adolf Hitler die Werke von Karl Marx hat verbrennen lassen. Bekäme man sie nämlich in Deutschland noch zu lesen, so könnte der oder jener aus Karl Marx Zweifel an dem Wert dieser Art von Arbeitsbeschaffung schöpfen. Da hat nämlich dieser Karl Marx schon im Jahre 1847 ein Buch geschrieben worin er die Lehren des Franzosen Proudhon grausam zerpflückte, Da wir gerade dabei sind, so wollen wir bemerken, daß dieser von Marx bekämpfte Proudhon der Schöpfer des berühmten paradoxen Wortspiels ist, das die Göbbels und Konsorten als die Quintessenz des Marxismus hinzustellen belieben;„Eigentum ist Diebstahl.1* Marx schrieb scharf ablehnend zu diesem Text; „Im besten Fall kommt dabei heraus, daß die bürgerlich juristischen Vorstellunzen von „Diebstahl" auch auf des Bürgers eigenen „redlichen'' Erwerb passen. Andererseits verwickelt sich Proudhon, da der„Diebstahl" als gewaltsame Verletzung des Eigentums das Eigentum voraussetzt, in allerlei ihm se8>st unklare Hirngesplnnste über das wahre bürgerliche Eigentum.'' Allerdings müssen wir zugunsten Proudhons hinzusetzen, daß die Hitler, Göbbels und Genossen durch den Diebstahl des Eigentums der Arbeiterklasse alles getan haben, um Proudhon gegen Marx ms Recht zu setzen und zu beweisen. daß das Eigentum des Dritten Reichs in der Tat— Diebstahl ist. Doch nach dieser Abschweifung zurück zur Sache. In seiner Hauptschrift gegen Proudhon„Das Elend der Philosophie" kommt es Marx an einer Stelle darauf an, den falschen Gedankengangs Proudhons zu widerlegen, wonach der Wert jeder Arbeit ohne Rücksicht auf ihre gesellschaftliche Notwendigkeit von vornherein etwas Gegebenes sei. Und da schreibt Marx— und er schreibt es nicht nur für Proudhon, sondern auch für diebraunen Maschinenzer trümmerer von 1933 fast em Jahrhundert im voraus: „Es Ist wichtig, den Umstand Im Auge zu behalten, daß. was den Wert bestimmt, nicht die Zeit ist. In welcher eine Sache produziert wurde, sondern das Minimum von Zelt In welchem sie produziert werden kann, und dieses Minimum wird durch die Konkurrenz testgestellt Man nehme für einen Augenblick an. daß es keine Konkurrenz mehr gebe und(olglich kein Mittel, das zur Produktion einer Ware erforderliche Arbeitsminimum zu konstatieren. Was wäre d-le Folge davon? Es genügte, auf die Produktion eines Cegcn- itaudcs sechs Stunden Arbeit za verwenden, um nach Herrn Proudhon berechtigt zu sein, beim Austausch sechsmal so viel zu verlangen, als derjentge, der auf die Produktion desselben Gegenstandes nur eine Stunde aufgewendet hat." Damit ist in der Tat alles gesagt Ein Großverdiener des Dritten Reiches, wie Adolf Hitler, kann sich natürlich bei seinem Villenbau den privaten Luxus leisten, eine Arbeit, für die unter normalen Verhältnissen nur eine Stunde erfordert wird, in sechsen verrichten zu lassen. Aber das bleibt die Marotte des reichen Sonderlings, der ebensogut einen Arberter dafür besolden kann, daß dieser sechs Stunden lang Sand ins Meer schippt. Auch das wäre„Arbeitsbeschaffung." Sobald aber die Wirtschaft d. h. die auf Profit eingestellte und angewiesene kapitalistische Privatwirtschaft sich auf dies Gleis begibt richtet sie sich notwendig zu Grunde. Kein Mensch gibt dem Fabrikanten für seine Ware einen Pfennig mehr, weil er üb e r- flüssige Arbeit darauf hat verwenden lassen. Nur die notwendige Arbeit erzeugt Wert, nur d i e Arbeit die einen Wert, wie Marx sagt„in dem Minimum von Zeit in dem sie produziert werden kann" herstellt Allerdings, dies Minimum wird nach Marx durch die Konkurrenz festgestellt Wenn Hitler diese Konkurenz ausschaltet, wenn er durch Gesetz sämtliche Konkurrenten eines Berufszweiges zwingt indem er ihnen die Maschinen wegnimmt überflüssige Arbeitszeit auf eine Ware zu venvenden— eine Blödheit die für das Jahr 1847 noch so undenkbar war, daß Marx sich mit dieser Möglichkeit nicht befaßt hat— so verwandelte Hitler zwar auch auf diese Weise nicht die überflüssige Arbeit in notwendige, aber er verhindert die Feststellung der überflüssigen Arbeit in den Grenzen seines Machtbereiches. Aber nur in diesen Grenzen! Sobald die Ware, um die es sich handelt in die freie Konkurrenz des W e 1 1 tn a r k- t e s gerät sinkt ihr Preis automatisch auf die Höhe, die allein der notwendigen, nicht aber der überflüssigen in ihr enthaltenen Arbeit entspricht Allerdings, Hitler strebt ja zur Autarkie, zu einer von der Weltwirtschaft abgetrennten Binnenwirtschaft Nehmen wir einen Augenblick an, eine solche wäre für Deutschland wirklich möglich, so ließe sich für diesen Sonderfall allerdings nicht bestreiten, daß durch ein Verbot arbeitsparender Maschinen die Zahl der Arbeitsstunden künstlich gehoben werden kann, die zur Herstellung bestimmter Produkte nötig sind. Nur tritt dann folgendes ein: dauert die Herstellung einer Sache statt bisher eine jetzt zwei Stunden, so halbiert sich entweder der Stundenlohn des Arbeiters oder der Preis der Ware verdoppelt sich. Das erste bedeutet Verelendung der Arbeiterklasse: statt beispielsweise tausend vollentlohnter Beschäftigter Arbeitsloser im Betriebszweig sind dann zweitausend Beschäftigte, aber zu halben Löhnen da. Damit wäre nichts gewonnen, die zweitausend als Ganzes konsumieren nicht für einen Pfennig mehr als vordem. Würde aber allen zweitausend der alte Lohn fortgezahlt, so muß sich der Preis der Ware, da ja die zweitausend infolge des Wegfalls der Maschinen nicht mehr produzieren als vordem die eintausend, genau verdoppeln. Jede derartige Preissteigerung einer einzelnen Ware bedeutet aber ihre Verdrängung vom Markt durch andere wohlfeilere Waren oder durch Einschränkung des Verbrauchs. Z. B. gehen bei künstlicher Verteuerung von Zigarren zahlreiche Raucher zur Pfeife über, bei künstlicher Verteuerung von Flaschen sieht sich die Hausfrau mit diesen mehr vor— man erinnere sich, wie in der„Sachwertzeit" der Inflafon Flaschen und Korken, die heute auf den Müll wandern, sorgfältig gesammelt wurden. In diesem Fall endet also das Experiment mit Rückgang der Produktion, d. h. mit erneuter Arbeitslosigkeit! In der Praxis werden sich beide Möglichkeiten mischen: es werden sowohl Löhne gesenkt als auch die Preise erhöht werden. Grundsätzlich ändert das nichts an der obigen Betrachtung: die planmäßige Verwendung überflüssiger Arbeit läßt sich in einer geschlossenen Binnenwirtschaft wohl von der Staatsgewalt erzwingen, aber da die überflüssige Arbeit keinerlei zusätzlichen Wert schafft, so kann sie die Gesamtlohnsumme nicht erhöhen, und da sie den Warenvorrat nicht vergrößert, kann si« den auf den einzelnen Arbeiter entfallenden Anteil an Gütern nicht vergrößern. Das ganze Experiment Hitlers erweist sich als barbarischer Dilettantismus, es ist nichts als die Maschinenstür- merei der altenglischen Handweber ins Gesetzgeberische übertragen. Und dies eine hat Karl Marx im Jahre 1847, soviel er auch sonst von der kapitalistischen Entwicklung voraussah, nicht vorausgesehen; daß die Verzweiflungstat verhungerter, unwissender Proletarier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, daß sie im fortgeschrittenen zwanzigsten Jahrhundert der Weisheit letzter Schluß sein würde für den Diktator eines„totalen" Staatswesens. Aber es scheint, daß die Totalität dieses Staatsgebildes sich in mchts sehr verkörpert wie in der totalen Unwissenheit seines Leiters über die volkswirtschaftlichen Grundgesetze! Deutschlands Wirtschaft Die Schwerindustrie erholt— sonst Rückgänge. Aus den Monatsberichten der Handelskammern ergibt sieb, daß nur in der Schwerindustrie(Rüstungsaufträge) im November eine Belebung war. Textilindustrie und Schuhindustrie klagen sehr über Absatzmangel. Im Einzelhandel setzt sieb die Abwanderung zur billigen Ware verschärft fort Die Klagen über die Ausfuhr dauern unverändert an. Die Pläne des Oberpräsidenten Koch auf Errichtung einer neuen Industrie in Ostpreußen werden vom Verband sächsischer Industrieller in Grund und Boden kritisiert„Wirtschaftlich unverantwortlich aber wäre es, neue Industrien aufzubauen, indessen noch unzählige Betriebe stilliegen oder kurz arbeiten. Ein kapitalarmes Land kann sich dergleichen Dinge nicht leisten. Private industrielle Initiative wagt sich nicht nach Ostpreußen. Eine staatliche Subventionspolitik kann die wesentlichen Schwierigkeiten— keine Bodenschätze, keine Wasserkräfte, geringe Bevölkerungsdichte, schwachen Absatz— höchstens mildern, keinesfalls aber beheben." 57 Millionen fehlen— erfreulich. Im Verwaltungsrat der Reichspost erklärte der Minister:„Der Vorjabresverkehr ist noch nicht überall erreicht. Die Einnahmen im abgelaufenen Teil des Rcchmmgsiahres sind erheblich hinter der Schätzung bei der Aufstellung des Voranschlages von 1933 zurückgeblieben. In den letzten sieben Monaten ist gegenüber dem Soll ein Einnahraenausfail von 57 Millionen zu verzeichnen." Der Minister meinte trotzdem, die Lage zeige ein „etwas erfreulicheres Bild." Sehr bescheiden! lieber Weise mehren sich die Aufträge zur Besetzung solcher offener Stellen in Industrie und Handel, die bisher von weiblichen Kräften besetzt waren. Teils werden sie durch Verheiratung frei, teils aber auch dadurch, daß Arbeitgeber zur Entlassung weiblicher Angestellter schreiten, um an deren SteHe männliche Kauf- mannsgehilfen einzustellen. Oiifiziell aber wird immer wieder behauptet man wolle die Frauen nicht grundsätzlich aufs Pflaster werfen. Man. wirft sie Ja auch nacht — man verdrängt sie„durch Aufklärung". Hoffentlich bedeutet das für die abgesägten weiblichen Angestellten, von denen einst hunderttausende Hitler wählten, wenigstens einen Trost Kampf den Frauen! In der„Sächsischen Kauimanns- gehi Ifen-Zeitung", dem Organ des braunen Angestelltenverbandes, liest man unter der Ueberschrift„Stenotypistin gesucht": Wenn bisher unser Kampf gegen die Frauenarbeit im Handelsgewerbe noch von geringem Erfolge war, so scheint doch auch darin fan neuen Deutschland eine Wand- bang zum Besseren einzutreten... Schon geht die Reichsregierung dazu über, durch Aufklärung die Frauenarbeit aus den Männerberufen zu verdrängen... In erfreu- Du hast doch irgendwo in der Welt einen Deutschen als Freund oder besitzt im Ausland Verwandte und Bekannte, die gern etwas über Deutschland erfahren möchten. Bitte teile ans deren Adressen mit, damit wir ihnen den„Neuen Vorwärts'' anbieten und einige Probeexemplare zuschicken können. An den Verlag des Jteucn Vorwärts" KARLSBAD. HAUS„GRAPHIA" ich nenne folgende Adressen von nur wärts" zuzuschicken ist; Bekannten, denen der.Jieac Vor- Von Arbeitslosen frei Lügen haben kurze Beine Es ist in Hitlerdeutschland still geworden um„die Schlacht an der Arbeitsfront". Der große Propagandafeldzug gegen die Arbeitslosenstatistik hat seinerzeit in Ostpreußen begonnen.„Ostpreußen von Arbeitslosen frei"— das war das Signal für die Propagandaschlacht des Reichspropagandaministers. Aber Lügen haben kurze Beine! Heute lesen wir nun in der gleichgeschalteten Presse*. „Auf einer Kundgebung In Königsberg sprach der Vizepräsident von Ostpreußen, Dr. Bethke, über die Arbeitslosigkeit Er führte u. a. aus: Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit habe Ostprenßen seine Pflicht getan. Die In der ostpreußlscbe» Arbeitsscblactat getroffenen Maßnahmen seien aber kein Dauer- und Idealzostand. 60.000 Menschen habe man draußen mit Notstandsarbelten beschäftigen können, mit eintretendem Frost wird aber der größere Teil dieser Arbeiter in die Städte zurückfluten and die Arbeitsämter w!« zuvor füllen. Es gelte daher, Maßnahmen zu treffen, um für die zurückströmenden Arbeitermassen eine Auffangstellung 10 schaffen." Im Sommer las mans anders! Da war das Arbeitslosenproblem gelöst, da war es der Idealzustand— wenn auch die Arbeitslosen h1 den Arbeitsdienstlagern für Hungerlöhne, dürftiger Ernährung und gesundheitsschädlichen dürftiger Ernährung und gesundheitsschädlichen Jetzt werden sie die Arbeitsämter wie au' vor füllen, und alles wird sein, wie zuvor- Aber die deutschen Spießbürger, auf die das Reichspropagandaministerium spekuliert, werden Arbeitsdienstlagern bei Hungerlöhnen. geschaltete Presse im Sommer erzählt hat- Wenn die Arbeitslosen sich an den Stcrnpol' stellen drängen, wenn sie frierend durch di® Straßen gehen, wird der deutsche Spießbürg®'- mit dem guten Gewissen, das ihm die Pro* pagandalügen verschafft haben, in den Winter hinaus sehen und sich sagen; im Dritten Re'0'1 geht es niemandem schlecht; denn Hitler hat die Arbeitslosigkeit abgeschafft! Woher so!) er das Gegenteil wissen? Als die Arbeitslosen im Sommer in die Lager jagt wurden, schrie die gleichgeschaltete Presse mit den dicksten Lettern;„von Arbeitslose® frei". Jetzt, wo der Winter herannaht, teil1 5ie ganz klein an versteckter Stelle mit;„in die Städte zurückfluten und die Arbeitsämter*'• zuvor füllen."