RcdaLiion and Verlag: J W rPfIMI Vr. 29 Karlsbad, Haus„Graphia" w" Sonnabend, 31. Dez. 193S TH-««'- ™ �/SjrfSI&y v S/ Bezugspreis Im Quartal 1/ V. Q K�"r�;T"Kc 1.40 MAuWf.vax axaxAx �X;, M kc ibi.- H Aaslandspreise tinztlcumm vieiteljährL Ambadsprefae Kinrebrnnm rierteljühr, S B B/ V/ Mf■ B[■» �A»// Uta.en..... Ut 0.55 Lit 6.80 Ar�ntiRien... Pes. 0.30 Prs. 5.60 SB BB H MI f/|B|B|B Mf f/ MH Luxemburg... B. Frs. 2.— B.Fi. 24.— Brgicu..... Frs. 2— Frs. 24.- JB 9 fl B W'■ 9■ 99 9£/ fS m�~i/ Norwegen.... Kl 0.35 Kr. 420 Bulgarien....Uv S,~ Lew. 96.— ASkS IdSl B B B � B B B B B H V) BB fl IL Oesterreich... Scb 0.40 SchiU. 4.80 ..... Quid 0.30 Ould. 3.60 BBS ipB) B■ B BS B n BB B � SB JB.Vngfc, Palästina.... P.£ 0018 P.£ 0 216 oeuachland... Mk. 0.25 Mk. 3.- W» BH BBB KH�I�BbS B äSm&ßat Polen...... Zloty 0.50 Zfcty 6.— �Bnd..... E.Xi 0.22 C. Kr. 2.64 LtB B B B B MaMBxBR 11 B B B �1?W Portugal....Esc. Esc. 24- ....Fmk Fmk 48.- B B B B JB8L\ Mf BK/HL. jlV B 7/ KM Rumänien...Lei iu— Lei 120.- Frankrelch...Frs. LSO Frs. 18— B B /7 B Saargebiet... F.F.. 1.50 F.Fi 18— Q'oSeritannlen.. d. 4- sh. 4— B■ft.V Tr // Schweden.... Kr 0.55 Kr 420 ;0,!'kii..... GM 0-1.4 Old. 1.80 L•' V W/ Schweiz....Frs. 0.30 Prs 8.60 V3-�...... Lir i.|0 Llr. 13.20 S~/- 1 Spanien....Pes, 0.70 Pe». 8.40 Jugoslawien... Dln. 4.f0 DIn. 54— Ungarn..... PengS Ü.35 Peug3 4�0 LetUand.... Lat. 0.3u Lat. 3Ä) USA....... Dollar 0.03 Doilai OÄO Sozialdemokratisches Wochenblatt Hütets ieltkioinejuilU Inflation der Friedensgarantien Als Gegenleistung für die verlangte Legalisierung der deutschen Rüstungen hat Hitler einen zehnjährigen Nicht- aSgriffspakt mit allen Nachbarn angebo- �n.„Doppelt genäht hält besser", sagt ein altes Sprichwort Aber wenn Hitlers yorschlag angenommen würde, hieße das P'cht nur doppelt, sondern sogar sechsjach genäht. Womit aber keineswegs t�agt ist, daß es dann auch halten muß., Erinnern wir uns: Nach dem Kriege Kalt die Völkerbundsakte, die die Schlichtung aller Streitigkeiten durch den Völkerbund vorsah, als ausreichende Sicherung. Nachdem diese Meinung durch jjen Ruhrkonflikt einen argen Knacks bekommen hatte, kam der L o c a r n o- P a k t Er war nach dem Westen ein ausdrücklicher Verzicht auf Grenzrevi- sion; nach dem Osten, Polen und der ' schechoslowakei, wurde zwar ein softer Verzicht nicht wörtlich ausgesprochen, wohl aber verpflicMete man sich auch hier gegenseitig zum Verzicht auf gliche Gewaltanwendung. Dieser Vergeht wurde dann durcli den Kellogg- Pakt nach den verschiedensten Seiten kln noch einmal befestigt. Als Hitler zur Macht kam, erwarteten yjcle von ihm die so oft angekündigte "Zerreißung" der Verträge. Zu dieser kam es jedoch nicht Auch die Völkerbunds- akte wurde nicht„zerrissen", es ist nur Von dem statutenmäßigen Recht der Kün- ®8ung Gebrauch gemacht worden. Deutschland bleibt bis zum Oktober 1935 "ölkerbundsmrtglied, es hat nur freiwillig anj das Recht, im Völkerbundsrat vertre- jfu zu sein, verzichtet zahlt aber seine Beiträge weiter fort Es wurden also die �ten Verträge und Abkommen durchaus jheht zerrissen. Im Gegenteil! Kaum hatte "itler die Regierung in der Hand, da be- Jftnn auch er Sicherbeitspakte abzuschließen- Zur Völkerbundsakte(Nr. 1), zum Locarnovertrag(Nr. 2) und zum Kellogg- hakt(Nr. 3) gesellt sich nun der Vierer- (Nr. 4) und die deutschpolnische Nichtangriffserklärung(Nr. 5). Oer auf dem Vertrag von Versailles ßnfgebaute Viererpakt zwischen Deutschland, Frankreich, Eng- l? u d und Italien sollte diese vier dächte verpflichten, keine wichtigen, die Gegenseitigen Interessen berührenden Abritte in der Außenpolitik zn unterneh- �en, ohne sich zuvor ins Benehmen mit- �nander gesetzt zu haben. Dieser Vie- perPakt hätte schon allein den Frieden tnropas für Jahrzehnte sichern müssen, yenn er nur gehalten worden wäre. Aber 5� Deutschland dem Völkerbund kündigte, 5'ar vom Viererpakt schon rocht mehr die �e, dafür kam die d e u t s c h p o 1- .lsche Nicbtangriffserklä- n g. Zwar hätte eigentlich schon die ölkerbundsakte genügen müssen, um den p�igen Frieden zwischen Deutschland und . 0len zu sichern, und wenn die Völker- undakte nicht reichte, war noch der Lo- . 5ruopakt da und, wenn auch dieser nicht der Kelioggpakt. Trotzdem wurde ai'j den Ossa dieser Friedeossicherungen noch der Pelion der Nichtangrifierklä- rung getürmt Der diplomatisch nicht vorgebildete Leser müßte meinen, nun sei doch wirklich der Frieden gesichert Aber nein! Schon ist der verständigungsfrohe Hitler mit einem neuen Vorschlag einer neuen Friedenssicherung zur Hand, dem Vorschlag des zehnjährigen Nichtangriffspakts. Das wäre dann Nr. 6 seit Versailles, beziehungsweise Nr. 3 seit der Machtergreifung Hitlers. Man merkt die Beschleunigung des Tempos. Seit Hitler dabei ist kann mit Fug und Recht von einer Inflation der Friedensgarantien geredet werden. Auch diese Art von Papieren wird immer zahlreicher, während ihr W e r t in raschem T empo fällt Was soll der Zehnjahrepakt? Dem Na- men»ach ist er nicht mehr als sekie Vorgänger, sondern weniger. Er bestätigt was schon ausgemacht ist, beschränkt aber die Zeitdauer auf zehn Jahre. Oder sollen etwa die anderen Verträge weiterlaufen? Dann wäre der Zehnjahrepakt völlig sinnlos. Würde aber z. B. auch der Locarnopakt auf eine zehnjährige Laufzeit begrenzt, so würde das bedeuten, daß Deutschland nach zehn Jahren wieder berechtigt wäre, auch im Westen die territoriale Revision zu betreiben! Man kann freilich auch so argumentieren, daß man sagt eine wirksame Friedensgarantie für nur zehn Jahre sei mehr wert als eine unwirksame auf ewige Zeit Damit wäre zugleich ausgesprochen, daß Völkerbundsakte und Locarnopakt, Kellogg- und Viererpakt nebst der deutsch- pplniscben Nichtangriffserklärung das Papier nicht wert waren, auf das sie geschrieben wmrden. Nur— woher will man denn den Glauben nehmen, daß Hitlers Zehnjahrepakt wertvoller ist? • Man tut der gegenwärtigen deutschen Regierung sicher kein Unrecht, wenn man von ihr sagt daß sie von Verträgen, Pakten, Vereinbarungen,, großen und kleinen Ehrenworten gar nients hält Sie hält nur Durch Mittelsmänner wurden uns die Einzelheiten einer furchtbaren Tragödie mitgeteilt Unter den in letzter Zeit zum Tode verurteilten Opfern des Dritten Reiches befand sich auch ein Junger, neunzehnjähriger Mann, der angeklagt war, im Jahre 1932 an einem politischen Zusammenstoß beteiligt gewesen zu sein, bei dem ein SA-Mann ums Leben kam. Ais das Todesurteil gegen ihn gefällt wurde, rief er entsetzt:„Ich bin aber ganz gewiß nnschnldig!" Dann brach er zusammen. Später, als er in seiner Zelle saß, erlaubte von einem etwas, von der Gewalt Die will sie vorbereiten, und um dabei nicht gestört zu werden, ist sie bereit Erklärungen beliebiger Art abzugeben und alle möglichen Papiere zu unterschreiben. Das sind eben Formalitäten, aber die Gewalt ist eine Realität Als Stresemann den Locarnopakt unterzeichnet hatte,. schrieb der„Völkische Beobachter", diesen Außenminister müßte man wie einen Hund totschlagen. Der„Völkische Beobachter" argwöhnte nämlich, Stresemann wolle den Pakt nicht nur unterzeichnen, sondern auch halten. Ueber einen solchen Verdacht ist Hitler erhaben, und darum kann er unterschreiben, was er will, niemand wird ihn deshalb mit Totschlag bedrohen. Die NSDAP, müßte in der Tat auf den Ueberpazifistnus, in dem sich Hitler wie kein Reichskanzler vor ihm überschlägt, schon längst mit einer Revolte geantwör- tet haben, wäre sie nicht überzeugt es handle sich in diesem Falle um weiter nichts als eine Kriegslist. Ein großes englisches Blatt schrieb neulich etwas ironisch, man sei sich in Paris über zwei Dinge vollkommen klar: erstens darüber, daß Deutscbland mit aller Macht aufrüste, zweitens aber auch darüber, daß sich, trotz der bestehenden Verträge, nichts dagegen tun lasse; denn Sanktionen bedeuteten Präventivkrieg und kämen auf keinen Fall in Frage. Für den Präventivkrieg können allerdings nur Leute sein, die schon wieder total vergessen haben, was Krieg bedeutet Man soll nur nicht versuchen, das, was klar ist an der gegenwärtigen Lage. wieder zu verdunkeln durch Scheinverträge, über deren Wert unter vernünftigen Leuten nur eine Meinung sein kann. Denn nicht auf den Buchstaben kommt es an, sondern auf den Geist Und bei dem gegenwärtigen Geisteszustand sind Friedensverträge weiter nichts als Masken, hinter denen sich das wahre Gesicht der Zeit verbirgt. man ihm, nach Hause an seine alten Eltern zu schreiben. In jedem dieser Briefe stand; „Ich bin unschuldig. Ich schwöre es. Man muß mich begnadigen!" Seine Eltern waren verzweifelt Sie liefen und schrieben und machten Gesuche, um ihren Sohn zu retten. Die Mutter rennt von einer Behörde, von einer Parteidienststelle zur anderen. Ueberall weist man sie mit nichtssagenden Worten ab. An einer Stelle sagt ein SA» Bonze kaltschnäuzig zu ihr:„Ihr Marxistenpack habt doch nichts anderes verdient Ihr wolltet es ja so haben!" Ein Bruder des Verurteilten, der einige Jahre älter ist macht die gleichen Wege. Schließlich erhält er einen Bescheid des preußischen Ministerpräsidenten:„Ich lehne dfe Begnadigung ab. Görin g." Der Tag der Hinrichtung naht. Die Mutter will ihren Sohn noch einmal sehen. Sie erhält keine Besuchserlaubnis mehr. Kurze Zeit darauf erhalten die Eltern und der Bruder je eine Aus ydetn IftUaU: Aufruhr der Kanzeln Tolle Auswüchse des Rassenwahns Görings Niederlage in Leipzig Schwankendes England Nachricht. Sie kamen an demselben Tage. Die eine kam aus dem Gefängnis. Darin stand: „Liebe Eltern, lieber Bruder! Soeben teilt man mir mit, daß mein Urteil morgeu vollstreckt werden wird. Das darf man doch nicht Ich bin doeb unschuldig 1" Die zweite Nachricht aber stand in einer Zeitung:,(Gestern morgen wurde der... durch Handbeil hingerichtet" Nun schreibt der Bruder des Hingerichteten ein Gesuch, man möge die Leiche des jungen Menschen zur Bestattung freigeben. Im Namen der Mutter schrieb er, die wenigstens auf dem Friedhof eine Stätte stillen Gedenkens für ihren unschuldigen Sohn haben möchte. Audi dieses Gesuch wird vom preußischen Ministerpräsidenten abgelehnt Aber mit diesen SchändUdrkeiten ist die Sache nicht erledigt Der Gesuchsteller wurde kurz nach dem ablehnenden Bescheid verhaftet, weil er geäußert bat daß sein Bruder unschuldig gestorben sei. Ob die Mutter diesen zweiten Sohn wiedersehen wird? Ilebergriff gegen Ausländer Vor fünf Wochen lief der dänische Dampfer „Kong Haakon" den Stettincr Hafen an, tmi seine Ladung zu löschen. Kaum war der Dampfer festgemacht da drang deutsche Polizei ein und nahm widerrechtlich eine gründliche Untersuchung des Dampfers vor. Bei ;ZweiMatrosen fand man einige Exotiplare des„Neuen Vorwärts". Obwohl die beiden Matrosen darauf hinwiesen, daß sie sich auf dänischem Grund und Boden befänden und daher lesen könnten, was ihnen gefiele, wurden sie an Ort und Stelle verhaftet und in das Gefängnis geschleift Auch der Protest des Kapitäns nützte nichts. Er mußfc die Heimreise ohne die beiden Verhafteten antreten. Die beiden Matrosen würden unter schwe» reu Druck gesetzt. Man drohte ihnen mit einem Hochverratsveriahren. Hätte man diese Drohung wahr gemacht, so wäre das unter den beutigen Umständen gleichbedeutend mit langen Zuchthausstrafen gewesen. Darum hat sich die dänische Regierung nach einem Bericht des dänischen Konsuls in Stettin dieser Sache energisch angenommen. Das dänische Außenreichsministerium verlangte in einer an Berlin gerichteten Note die sofortige Freilassung der zu Unrecht. Verhafteten. Daraufhin wurden die beiden am 17. Dezember ohne jede Formalität entlassen und konnten die Heimreise antreten. Uhk&ti HsitketiM Die Tragödie eines Neunzehnjährigen Polltasche Lügen des Reichsgerichts Der Leipziger Prozeß hat mit einem Rückzug und mit einer Niederlage geendet. Die Reichsrichter haben Torgier und die Bulgaren freigesprochen, und van der Lübbe zum Tode verurteilt. Sie haben eine wichtige Entscheidung über das persönliche Schicksal von vier Angeklagten gefällt— aber damit noch kein gerechtes Urteil; denn das Urteil folgt in seiner Begründung sklavisch den Lügen, die seit dem 28. Februar 1933 von der offiziellen Propaganda in die Welt gesetzt worden sind. Hitler wollte noch in der Brandnacht van der Lübbe zwischen Torglcr und Thälmann auf dem Platze vor dem Reichstag öffentlich aufhängen lassen. Er wollte das Fanal für den Staatsstreich durch eine propagandistische Exekution verstärken. Damals hat ihn Hugen- berg davon abgebracht. Göring hat in offener Reichsgerichtssitzung Dimitroff gedroht:„Warten Sie nur, Sie Halunke, bis Sie mir in die Finger kommen!" Die Lust zum Hängen war groß bei den beiden Häuptern des Staatsstreiches- Was Hitler in der Brandnacht und noch am 21. März für opportun erschien, war am 28. Dezember nicht mehr opportun. Denn nach diesem Prozeß hätte die ganze Welt auf eine Hinrichtung von Torgler, Dimitroff, Popoff und Taneff mit der Feststellung geantwortet: Das ist Mord! Indem die einst so hängelüsterne Regierung sich mit den Reichsrichtern auf vier Frcl- sprüche geeinigt hat, hat sie einen Rückzug angetreten. Zusammengebrochen aber ist die gesamte propagandistische Erfindung, Md der das Staatsstreichregime aufgebaut worden ist! Die Lüge von der Anzündung des Reichstags durch Kommunisten, die Lüge von der Beteiligung der Sozialdemokraten, die Lüge vom bevorstehenden kommunistischen Aufstand— kurzum alles, womit Rechts» und Verfassungsbruch mitsamt den Scheußlichkeiten des braunen Terrors entschuldigt und verteidigt worden sind! Die einzige polltische Idee der Reichspropaganda besteht darin, der Welt den Hitlerls- mus als des letzte Bollwerk gegen den kommunistischen Umsturz vorzuführen. Dieser Idee sollten der Reichstagsbrand und der Reichstagsprozeß dienen. Wer glaubt heule noch, daß die KPD. die Anzündung des Reichstags befohlen habe, weil sie ein Fanal für den Aufstand brauchte? Der gesamte Prozeß Ist trotz dem Aufmarsch der Belastungszeugen, dieser Mischung von meineidigen Verbrechern, Renegaten und Naziwürdenträgern, zu einem einzigen großen Gegenbeweis gegen diese These geworden. Daß im Urteil des Reichsgerichts diese These dennoch aufrechterhalten wird, zeigt mir, daß die Reichsrichter mit Herrn Bünger an der Spitze nicht unabhängig urteilende Richter sind, sondern Beamte des Dritten Reiches, die einen Spruch nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Opportunität gefällt haben! Nicht Recht und Gesetz— sondern der Befehl des Reichspropagandamlniste- rtums liegt diesem Spruch zugrunde! Man kann über die Katastrophe des Reichsgerichts kurz hinweggehen. Die Totalität des Regimes duldet keine Gerechtigkeit mehr, sondern nur noch die Staatsraison, und mit der Staatsraison des Dritten Reiches hat die Idee der Gerechtigkeit nichts gemein. Wer unter diesem Regime die Robe des Richters anzieht, kennzeichnet sich selbst als Diener gegen die Gerechtigkeit. Aber die schlechten Richter sind zugleich schlechte Diener ihrer Herren gewesen! Sie sollten ihre Herren verteidigen gegen die An» griffe, die gegen das Regime und seinen Ursprung aus der ganzen Welt gerichtet worden sind, Sie sollten die Behauptung widerlegen, daß Göring selbst den Befehl gegeben habe, den Reichstag anzustecken. Sie haben die Behauptung aufgestellt, daß dem nicht so sei— aber sie haben dieser Behauptung nicht den mindest en Schein von Beweis zur Seite stellen können. Sic haben nicht vermocht, Tatsachen beizubringen, die die Ueberzeugung der ganzen Welt hätten erschüttern können. Diesen Prozeß haben Hitler und Göring verloren! Sie sind nicht die einzigen, die eine Niederlage von größtem Ausmaß erfahren haben! Mit ihnen haben den Prozeß verloren alle jene, die sich bereitwillig das Märchen vom kommunistischen Verbrechen erzählen ließen, um dennoch gemeinsame Sache mit den 1 staatsstreichlüsternen Nationalsozialisten zu machen. Alle, die willfährig und widerstandslos die Verfügung über Leben, Recht und Freiheit der deutschen Staatsbürger dem braunen Terror ausgeliefert haben, betrauern den Verlust ihrer moralischen Basis— angefangen von Herrn von Hindenburg, der sich immer noch Reichspräsident nennt, über die Kommandeure der Reichswehr bis zu den Spitzen der Bürokratie und der Justiz! Denn das Märchen vom kommunistischen Aufstand, dem der Reichstagsbrand als Fanal dienen sollte, ist der Panzer gewesen, mit dem die Helfershelfer der Na- tionalsozialisfen sich gegen die Stimme des Gewissens und der Moral bewaffnet haben. Diese Stimme ist ihnen in die Ohren geschrien worden, aber sie meinten, daß sie nicht darauf zu hören brauchten, solange sie ihr Gewissen in die Obhut des Reichsgerichts gegeben hatten. Mochten die Anklagen über die Scheußlichkeiten des Terrors und über die Folgen ihres Handelns sich zu Bergen häufen— sie haben sich mit dem schwebenden Verfahren vor dem Reichsgericht getröstet Sie ha» ben selbst das Recht und die Freiheit und die Verfassung mit beiden Füßen niedergetrampelt — immer unter dem Vorwand, das Land vor dem Kommunismus zu retten. Aber nun ist das Märchen zu Ende. Niemand in der ganzen Welt wird ihnen weiterhin den guten Glauben zubilligen. Der Spruch des Reichsgerichts ist ebenso für das Gewissen dieser Herren bestimmt wie für das Renommee des Regimes. Aber ihr Gewissen wird nun vor den Richterstuhl der geschichtlichen Wahrheit gezogen werden. Das Reichssericht hat zu der Lüge vom kommunistischen Aufstandsversuch eine weitere Geschieht s. lüge hinzugefügt. Es hat die Behauptung aufgestellt, daß die Nationalsozialisten, des kommenden Wahlerfol- gse sicher, keinerlei Manipulation und keinerlei Fanal nötig gehabt hätten. Das ist eine dreiste Fälschung des geschichtlichen Tatbestandes! Tatsache ist, daß die Kanzlerschaft an Herrn Hitler im Augenblick des Schwächeanfalls seiner Partei gegeben wurde. Tatsache ist, daß er den Staatsstreich wagen mußte, wenn seine Bewegung in der Zukunft nicht rückläufig werden sollte. Tatsache ist, daß selbst ein übergroßer Wahierfolg ihm nicht die legale Grundlage zur Verwirklichung seiner Diktatur gegeben hätte. Hitler und Göring brauchten den Absprung zum Staatsstreich. Sie brauchten ein Ereignis, das ihnen ermöglichte, dem Reichspräsidenten die Macht aus der Hand zu nehmen und ihre Konkurrenten aus dem deutschnationalen Lager zur Ohnmacht zu verurteilen. Wenn die Frage„zu wessen Gunsten?1* gestellt wird, so entscheidet diese Frage gegen die Nationalsozialisten. Das Reichsgericht hat diese Frage aufgeworfen. Es hat sie beantwortet wie das Interesse des Regimes es befahl— aber es hat damit zugleich den schwersten Schlag gegen seine Auftraggeber geführt. Es hat seine Antwort nur mit einer Geschichtslüge zu begründen gewußt, die jedermann außerhalb Deutschlands sofort zu durchschauen vermag. Im Augenblick des Reichstagsbrandes war die kommunistische Partei schwach, Ihre Un- entschlossenheit und ihre Schwäche war bereits sichtbar geworden, als sie die Demonstration der braunen Bürgerkriegstruppen auf dem Büiowplatz vor ihrem Parteihaus dulden mußte. Die Nationalsozialisten aber brauchten den Absprung, der ihnen den Uebergang zu Diktatur und Terror ermöglichen sollte. Niemand glaubt, daß die KPD. ihnen, gegen die eigenen Partei» Interessen eklatant verstoßend, diese Chance zum Absprung geschenkt haben! Die politische und moralische Niederlage ist eklatant Aber selbst um den Preis dieser Niederlage kommt das Regime nicht von der weiter schwärenden Frage nach der Schuld los. Denn unerbittlich wird immer wieder die Frage aufgeworfen werden: Wer hat den Befehl gegeben, den Reichstag in Brand zu setzen, wer hat den Befehl ausgeführt? Sie können van der Lübbe hängen. Sie können Ihn hinter Mauern stumm machen. Aber was weiß denn er? Und fst es ein Beweis für die Unschuld von Göring, wenn van der Lübbe stumm gemacht ist? Aufruhr der Kanzeln Pfarrer wider Pfarrer Die Einigung Deutschlands macht rasende Fortschritte. Sie ist schon so weit daß am höchsten Tage der Christenheit unzählige Kanzeln gegen die nationalsozialistische„Erneuerung" protestierten. Da die katholische Geistlichkeit in Deutschland vom Konzentrationslager bedroht wird, wenn sie die christlichen Gebote pflichtgemäß verkündet wurden ihre österreichischen Kollegen um so deutlicher. In allen Kirchen kam ein Weihnachtshirtenbrief zur Verlesung, in dem gegen natlonaisozialistiscbe Barbarel, Reiiglonszersplitterung, Naticraaisozialisraus und Rassenwahn einmütig protestiert wurde. Weniger einheitlich und dafür um so turbulenter ging es um Weihnachten in den evangelischen Landeskirchen des Dritten Reiches zu. Kanzel stand wider Kanzel, und verschiedene Gläubige werden sich hüten, draußen zu interpretieren, was sie in manchen Kirchen hörten, nämlich Kampfrufe gegen die oberste Kirchenbehörde. Denn der Streit zwischen der Pfarreropposition und dem Reichsbischof, zwischen den Altgläubigen und der neuen„Natio» nalkirche", hat sich konsequent weiter verschärft— trotz der Konzessionen, die den Altgläubigen vom Reichsbischof Müller gemacht wurden. Es nützte nichts, daß er den wider das jüdische Kruzifix ketzernden Bischof Hossenfelder aller Aemter entsetzte, daß er die Bewegung der braunen„Deutschen Christen" entpolitisierte und fallen ließ, daß sein geistliches Ministerium zurücktrat und ein neues mit neutraleren Geistlichen gebildet wurde. Die Bischöfe von Bayern, Baden, Württemberg, Hessen und Hannover und der hinter ihnen stehende Piarrernotbund forderten Rücktritt des nationalsozialistischen Vertrauensmannes, Reichsbischof Müller. Ais alles Zuckerbrot nichts half, versuchte er es mit der Peitsche und verfügte vorige Woche die Eingliederung der evangelischen Jugendbünde in die Hitlerjugend, Gleichzeitig enthob der wotansgläubige Baidur von Schi räch den bisherigen Führer der evangelischen Jugend seines Amtes. Aber so sehr diese Beschlagnahme ihrer Jugendreserven, die die altgläubige Opposition auch trifft — sie war klug genug, Ruhe zu bewahren und sich nicht aufs politische Glatteis locken zu lassen. Ihre Forderungen blieben religiöse; Wiederherstellung des alten, von Parteipolitik unabhängigen Glaubens und Müllers Abgang. Wie ernst der die Situation einschätzt, ist daraus zu ersehen, daß er vier Tage vor Weihnachten nach Hannover reiste, um sich mit dem Vertrauensmann der Altgläubigen, Bodelschwingh, auszusprechen, Resultat: eine neue Bischofskonferenz, die abermals Müllers Kopf forderte, andernfalls die Opposition zu„aktivem Widerstand" entschlossen sei: sie werde, wenn ihren Forderungen bis 24. Dezember nicht entsprochen werde, ihren kirchenpolitischen Standpunkt von der K a n- z e I herab verkündigen. Da Müller blieb und da es auch raüliergläubige Pfarrer gibt, kann man sich den erhebenden Gottesfrieden ausmalen, der in diesen Tagen christlicher Hoch- festlichkcit rings um die Kanzeln des Dritten Reiches tobte. Der Kampf geht weiter und wie er auch ausläuft: er hat den braunen Erneuerern bis jetzt eine Niederlage nach der anderen beschert. 50 Jahre KampTjubiläum des„Vorwärts'* Ein halbes Jahrhundert vollendet sich, seit das„Berliner Volksblatt" der Vorläufer des„Vorwärts", zu erscheinen begann. Es war zur Zeit des Sozialistengesetzes. Unter der falschen Beschuldigung, die Attentate auf Wilhelm I. seien von Sozialdemokraten verübt worden, hatte Bismarck Presse und Organisation der Sozialdemokratischen Partei verboten, die Anhänger der sozialistischen Lehre unter Ausnahmezucht gestellt.' Es steht ein Blatt geschrieben Im Buch der deutschen Schmach, Das wird der Teufel lieben Bis auf den jüngsten Tag. So charakterisierte der Freiheitsdichter Karl H e n c k e 1 1 Bismarcks Sozialistengesetz. Heute erscheint uns jene Zeit als geradezu noch liberal. Denn nicht nur gab es keine Morde, keine Mißhandlungen und keine Konzentrationslager, sondern es blieben auch die sozialdemokratischen Abgeordneten hn Schutze der Immunität, es gab keinen totalen Staat und keine totale Willkür, sondern es gab- eben nur ein Sozialisteng e s e t z, ein Gesetz also, das den Behörden zur Richtschnur diente und das je nach Ort und Zeit strenger oder weitherziger ausgelegt wurde. Es war infolgedessen innerhalb der gesetzlichen Grenzen auch eine gewisse Opposition und eine oppositionelle Presse möglich, nur daß sich diese eben nicht gerade als sozialistisch bezeichnen durfte. So entstand im sechsten Jahre des Sozialistengesetzes das„Berliner Volksblatt". Blättert man heute in seinen alten Jahrgängen, so ist man erstaunt, was alles in Berlin unter dem eisernen Kanzler in der Zeit des Sozialistengesetzes geschrieben werden konnte. Heute würde der hundertste Teil davon genügen, nicht nur ein Verbot des Blattes herbeizuführen, sondern auch Verleger und Redakteure für die Lebenszeit des gegenwärtigen Regimes in das Konzentrationslager doer ins Zuchthaus zu bringen. Die ersten Verhandlungen über eine publizistische Vertretung der Partei im Ausland wurden schon drei Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler geführt. Die Entscheidung fiel aber erst nach qualvollem Hin und Her nach der Besetzung der Gewerkschaftshäuser zü Anfang Mai. Am 18. Juni erschien dann die_ erste Nummer des„Neuen Vorwärts" m Karlsbad. Ursprünglich sollt® es bei dem alten Namen„Vorwärts" verbleiben, doch machte die Kommunistische Partei, die in Reichenberg ein Blatt gleichen Namens herausgab, auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches ältere Rechte geltend. Im übrigen hatte die so entstafl* dene teilweise Namensänderung auch ibt Gutes; indem sie andeutete, daß der„Vorwärts" vor neuen Aufgaben stand und in neuem Geiste an sie heranzutreten entschlossen war. Die Erkenntnis, daß es jetzt fn Deutschland nichts anderes gibt als den kompromißlosen revolutionären Kampf gegen das herrschende Regim® der Despotie, hat sich nicht ohne weiteres durchgesetzt Der„Neue Vorwärts" darf für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, sie von seiner ersten Nummer 3,1 konsequent vertreten zu haben. Das schah ohne persönliche Gehässigkeit gegen diejenigen, die sich nicht mehr«m die Erfordernisse der neuen Zeit urtiz11' steilen vermochten und die sich darum hartnäckig an Illusionen klammerten. AbC darüber soll doch kein Zweifel mögh®'1 sein, daß sich der„Neue Vorwärts" bewußt in den schärfsten sachlichen Gegensatz zu jenen stellt, die glaubten, etwas vom Geist und Körper der alten Part®' durch Stillhalten und Resignation erhalt®11 zu können. Der Entschluß, das alte Banner öbet die Grenze zu tragen, war gewiß nicht leicht. Er offenbarte die Tragödie mcbt bloß einzelner Menschen, sondern auch — und das bedeutet unendlich mehr- einer großen Idee und einer stolzen Be' wegung. Aber er bedeutete eben nicht nur ein Ende, sondern auch einen A"' f 2 n g, nicht nur eine Besiegelung d®f Niederlage, sondern auch eine neu® K„ampf ansage. Der Entschluß, „Vorwärts" im Ausland erscheinen � lassen, wird endgültig gerechtfertigt sei® sn dem Tage, an dem er zum ersten wieder im Inland erscheinen wird, einem befreiten sozialistisch®® Deutschland! V. Sch., London, 23. Dezember 1933. Es wird den Engländern nachgerühmt, daß sie in ihrer politsichen Geschichte oft Fehler begangen haben, aber in kritischen Augenblicken instinktmäßig immer das Richtige erkannt und danach gehandelt haben. Wenn diese Behauptung, die übrigens die Briten selber gern amstellen, zutrifft, dann müßten wir daraus schließen, daß die gegenwärtige weltpolitische Situation nicht kriüsch ist Aber diejenigen, die mit uns der Meinung sind, daß die jetzigen lochen vielleicht ausschlaggebend sein werden für die weitere Gestaltung"Europas und seiner Zivilisation auf Jahrzehnte hinaus, werden eher die andere Schlußfolgerung ziehen, daß der angebliche sichere politische Instinkt der Eng�.än- länder in gefährlichen Zeiten keine allgemein gültige Regel ist Man soll die Dinge beim rechten Namen nennen: Hitlers Wagnis, hat— einstweilen— zur Konsolidierung seines Regimes geführt. Sein Prestige ist im Innern dadurch gestärkt worden, daß er— einstweilen— bewiesen hat, daß die Außenwelt Angst vor der rohen Gewalt hat, die er und seine braunen Horden verkörpern. Einstweilen— denn noch ist das Triumphlied der Gewalt noch nicht zu Ende erklungen. Schon zeigt es sich, daß Hitler, vom Erfolg seines ersten außenpolitischen Bluffs berauscht seine Forderungen dermaßen übersteigert daß die bereits erschlaffte, resignierte Außenwelt doch aufzuhorchen und zu reagieren beginnt. Aber wer die letzten zwei Monate überblickt der muß feststellen, daß Großbritanniens Haltung als unsicher und schwankend bezeichnet werden muß. Die Regierung allein dafür verantwortlich zu machen, wäre ungerecht Denn erstens ist das Kabinett Macdonald in dieser Erage alles eher denn einheitlich. Zweitens erstrecken sich diese Meinungsgegensätzc auf. aIle Parteien, auf alle politischen und wirtschaftlichen Kreise. Es gibt überall Menschen, die glauben, daß man nur durch Konzessio- "en an Hille r-D eutschland den Frieden retten kann, daß man daher auf Frankreich den stärksten Druck ausüben müsse und daß man daher auch so bin sollte, als ob man den Friedensbeteuerungen des deutschen Diktators Glauben schenke. Dnd es gibt wiederum überall auch andere Men- schen, die eine solche Politik als kurzsichtig ablehnen, und die voraussagen, daß man dadurch den Kriegsgeist in Deutschland nur Vorschub leistet und dem Krieg erst recht entgegentreibt. Wahrscheinlich wäre diese letzte Auffassung einhcit'icher, wenn Hitlers Aufrüstungsforderun- Ken sich nicht auf die Landkräfte be- Schränken würden. Die Klage vieler Franzosen. daß England besonders dann freigiebig sei, Wenn es selber nichts zu opfern brauche, ist vielleicht nicht ganz ungerechtfertigt. Wenn aber erst Frankreich unter englischem Druck den militärischen Gleichberechtigungsansprüchen Deutschlands nachgegeben haben Würde, dann würde wahrscheinlich sehr bald und durchaus logisch— der Anspruch auf gleiches Recht zur See folgen, auf den Bau Von Großkampfischiffen und U-Booten, später auf die Rückgabe der Kolonien. Das sehen viele Engländer bereits heute ein, manche spre- cben es sogar aus. Hier liegt wohl die hauptsächliche Erklä- rung für die zumindest unklare Stellungnahme eines Teds der Arbeiterpartei zur Frage der direkten Verhandlungen zwischen Frank- reicli und Hitler, zu denen die englische Regie- rung drängt, wobei sie sich sogar in ihren diplomatischen Gesprächen mit Vorliebe auf den Druck der„öffentlichen Meinung" insbesondere der Labour-Oppositlon, beruft. Manche Arbeiterführer und Labour- Journalisten fürch- ten nämlich, daß sie. falls sie gegen den Vergeh der direkten Verständigung mit Hitler Stellung nähmen, in eine Front mit den Auf- , röstungs!mperlalisten im eigenen Lager gera- »en könnten. Die starke— und, wie die Jüng- sten Wahlen beweisen, überaus erfolgreiche— Pazifistische Parole der Labour-Bewegung '•at ihren Ursprung in dieser Abneigung Kegen weitere Rüstungsausgaben im eigenen Lande, dessen konservative Regierung immer wieder vorgibt, für soziale Zwecke kein Geld übrig zu haben. Aber in ihrer Wirkung hat diese Parole eine ungeheuere Verwirrung zur Folge, weil sie die klare Linie des Welt- karapfes gegen Hitler verwischt und sogar manchmal den— sicherlich unbeabsichtigten— Eindruck einer außenpolitischen Hllfs st eilung für Hitler gegen Frankreich erweckt Ein spätere Zeit wird erst im ganzen Umfange das weltpolitische Unheil ermessen können, das vor 2 Jahren durch den innerpoliti« sehen Umschwung Großbritanniens angerichtet worden ist. Denn nicht allein, daß der Zusammenbruch der Labour-Regierung und die darauffolgende Weltkatastrophe der Labour- Party die faschistische Reaktion überall In Europa ermuntert hat, die vielleicht tödliche Krise des Völkerbundes ist nicht zuletzt durch das Schwanken und durch die Schwäche der Regierung Macdonald— Sir John Simon gegenüber Japan in der Mandschurei-Frage heraufbeschworen worden. Dieselben Kreise begehen die gleichen Fehler gegenüber dem Dritten Reich und versetzen, wenn sie so weitermachen, den Gnadenstoß jenem Völkerbund. an dem sie festzuhalten vorgeben. Sie hoffen, durch Konzessionen an einen vermeintlichen friedensbereiten Hitler dem neuen europäischen Kriege vorzubeugen und erkennen nicht, daß sie dadurch nur erreichen, daß Hitler im Innern an Prestige gewinnt, daß die Gewalfpolitiker in Deutschland als gerechtfertigt erscheinen können, daß die deutsche Jugend erst recht den Kürassierstiefelmethoden huldigen wird, daß Hitler Zeit gewinnt, um seine Rüstungen zu vervollständigen— und daß aus afien diesen Gründen die Gefahr eines neuen Weltkrieges ins Riesenhafte wächst! Hohn für die Opfer Weibnacbtserzähiangen der gleichgeschalteten Presse. Die„Braunschweigische Landeszeitung" vom 22. Dezember erzählt: „In Oranienburg, in Sonnenburg, in den Konzentrationslagern Sachsens, Lübecks und Thüringens, ja in allen Lagern, die zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr errichtet werden mußten, werden die Schutzhäftlinge entlassen, denen man auf Grund ihrer bisherigen Führung zutrauen darf, daß sie sich in Zukunft einwandfrei bewegen werden. Und diese Entlassungen gestalten sich oft zu Fetern, aus denen deutlich zu erkenen ist, wie schamlos die Meute der„Emigranten" gelogen hat. So standen vor dem Eingang zum Sammcl- lagcr in Sonnenburg zwei brennende Weihnachtsbäume, und unter fröhlichem Gesang zogen die Entlassenen zum Bahnhof. Aus dem Zuge heraus schüttelten sie ihren Wachmannschaften immer wieder die Hand und winkten noch lange Zeit zurück, als sie der Heimat, der Familie, der Freiheit entge- genfuhren. Der Groll, der ohne Frage jeden von ihnen bei der Verhaftung und Einlieferung beseelt hatte, war verflogen in diesen Wochen und Monaten,-in deucn sie wohl als Gegner aber auch als Menschen behandelt wurden. Die Großmut des Siegers, der auch in ihnen Volksgenossen sah, die sich lediglich hatten verführen lassen, wird ihren seelischen Widerstand überwunden haben... So und nicht anders entpuppen sich die„Greuel", die vor gar nicht langer Zeit die Welt empörten. Wir freuen uns, freuen uns von ganzem Herzen dieses Weihnachtsgeschenkes, das der nationalsozialistische Staat den Schutzhäftlingen macht. Nicht nur des Auslandes wegen!" Es gibt nichts über das goldene deutsche Gemüt, das sogar noch vor der Folterkammer einen Weihnachtsbaum aufstellt! Für die Spießbürger mit Gemüt ist das Märchen berechnet. Sie sind das ganze Jaihr über dafür, daß das Marxistenpack totgeschlagen wird— aber zu Weihnachten wollen sie ein Märchen über die allgemeine Menschenliebe der Henkersknechte hören! Auf die Opfer wirkt dies Märchen wie blutiger Hohn. gen, Unregelmäßigkeiten, Schiebungen in der NSDAP, berichten. Wieviel mag erst unterdrückt werden! In Berlin ist der Obmann der NSBO. im Setrieb Ullstein wegen schwerer Unregelmäßigkeiten verliaftet worden. In Breslau wurden die beiden Leiter der NSBO. verhaftet. In S c h w a n d o r f wurde der Führer des Arbeitslagers wegen Unterschlagung seiner Funktionen enthoben. Der Kreisleiter der NSBO. in Schwandorf hat 1600 Mark unter' schlagen. In F u r t h L W. wurde der Sohn des nationalsozialistischen Staatsrats Böhm wegen Unterschlagung zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Der Unterschied ist nur der: die Kleinen werden hinausgeschmissen, die Großen mit den Rittersgütern in der Tasche aber bleiben Führer und Ehrenmänner! Korruption! Korruption! Es stinkt In der NSDAP. Die nationalsozialistischen Häuptlinge gehen mit gutem Beispiel voran, und die kleinen Organisationsgötter folgen nach. Der eine steckt ein Rittergut in die Tasche, der andere ein paar hundert Mark. Bereichert euch! heißt die Parole. Aus allen Gegenden Deutschlands mehren sich die Nachrichten, die von Unterschlagun- Selbstmord Die Despotie als wahre Setbstverwaltang. Die„Frankfurter Zeitung" Nr. 897 beschäftigt sich in einem Leitartikel mit dem neuen preußischen Dekret über die Aufhebung der Selbstverwaltung in Preußen. Sie spricht von einer„Versöhmang von Staatsmacht und Volksfreiheit" und streut der Neuordnung die folgenden Lorbeeren: „Sie fügt sich in den Rahmen, den der totale Staat für die praktische Mitarbeit seiner Bürger geschaffen hat, folgerichtig ein, wahrt aber den Gedanken der Selbstverwaltung, wie er, nicht formal, aber begrifflicJi verstanden werden will, in vollem Umfang e." Dieser Satz ist ein kompletter Unsinn. Die praktische Mitarbeit des Bürgers hn totalen Staat ist gleich Null— darin besteht die Folgerichtigkeit. Wie kann aber der Gedanke der Selbstverwaltung in vollem Umfange gewahrt werden, wenn die Voraussetzung restlos gefallen ist? Die„Versöhnung von Staatsmacht und Voiksfreiheit" besteht darin, daß die Volksfreiheit totgeschlagen ist! Daß ein Reptil der Despotie versichert, die Vernichtung der Selbstverwaltung sei gleiclr bedeutend mit der vollen Wahrung ihres Gedankens, war angesichts der geistigen und mey raiischen Verwahrlosung der deutschen Presse zu erwarten. Daß aber die„Frankfurter Zei tung", deren Geschichte mit der des deutschen Liberalismus untrennbar verknüpft ist, uns den Absolutismus als die wahre Selbstverwaltung vorstellt, daß diese Zeitung damit sich selbst ihrer Geschichte und den ihre Geschichte tragenden Ideen ins Gesicht schlägt, und dabei immer noch behauptet, die alte„Frankfurter Zeitung" zu sein, die einst Sonnemann gründete— dieser beispiellose Selbstverrat dieser Zeitung und ihrer Redakteure zeigt klar den schauerlichen Absturz der deutschen Presse! eines Mannes seine Rassezuge hör! g- k e i t in erster Linie gehört, ist eine Frage, die ondJich im bejahenden Sinne zur aiige- meinen Erkenntnis gekommen ist. Das neue Reich baut sich wesentlich auf der Zusammengehörigkeit des Volkes als Träger gemeinsamen Blutes auf. Es ist selbstverständlich, daß bei verständiger Würdigung des Wesens der Ehe als einer in erster Linie sittlichen, dem Fortbestand des Volkes dienenden Einrichtung ein arischer Ehegatte die Ehe mit einer Angehörigen einer volksfremden— ja voiksfeindlichen— Rasse nicht abgeschlossen haben würde, wenn ihm die Sachlage zur Erkenntnis gekommen wäre. In dem Rechtsstreit spielte nun weiter eine Rolle, ob der Ehemann die Auflösung der Ehe noch verlangen könnte. Die Anfechtung der Ehe muß innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach Kenntnisnahme des Anfechtungsgrundes erfolgen. Das Gericht sagt, diese sechsmonatige Frist wäre gewahrt, denn bei der nur durchschnittlichen Allgemeinbildung des Ehemannes könne man ohne weiteres annehmen, daß ihm die voKe Erkenntnis der Sachlage erst im Laufe des Sommers 33 gekommen sei, erst zu dieser Zeit also die sechsmonatige Frist zu laufen begonnen habe. Da zur Geburt eines'Nachkommens sogar die neunmonatige Frist vonnöten Ist, gelten alle In den vergangenen und kommenden Monaten aus arisch-jüdischen Ehen hervorgegangenen Kinder als nicht vorhanden. Wenn sie besonders dumme Väter haben, dürfen sie sogar noch 1935 zur Weit kommen, ohne daß von ihnen Notiz genommen wird. Tolle Auswüdise des Rassenwahns Mlschehe',' ungültig! 99 Vor einem Gericht in Berlin wurde in der vergangenen Woche eine Ehe für nichtig erklärt, die lange vor Hitlers Machtergreifung geschlossen worden war. Der Ehemann war, wie die„Vossische Zei. Rasse und Religion an. Der Ehemann beantragte die Auflösung der Ehe mit der Begründung, zu den persönlichen Eigenschaften eines Menschen gehöre auch seine Rassezugehörigkeit, Er habe zwar gewußt, daß seine Frau Jüdin sei, aber die Bedeutung dieser Tatsache sei ihm nicht bekannt gewesen. Die Ehefrau tung" berichtet. Arier und mindestens seit hatte der Auflösung der Ehe widersprochen. den Märzwahlen 1933 Nationalsozialist. Seine In der Gerichtsentscheidung heißt es: Ehefrau dagegen gehörte der Jüdischen Daß zu den persönliclien Eigenschaften Wie Einstein ausgeplündert wurde Interessante Einzelheiten über die Ausplünderung Albert Einsteins veröffentlicht die„Manchester Guardian". In einer Zuschrift, die offenbar von einer ausgezeichnet informierten Stelle ausgeht, wird daran erinnert, daß der große Gelehrte neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die deutsche besitzt, die er nach dem Kriege auf Drängen Rathenaus erworben hat. Als Einstein nach Anbruch des Dritten Reichs von Amerika in Belgien ankam, ersuchte er die deutschen Behörden in Berlin um Entlassung aus dem Staatsverband. Sie wurde ihm aber zunächst nicht bewilligt, dafür aber wurden seine und seiner Frau Bankguthaben von etwa 60.000 Mark beschlagnahmt mit der Begründung, Einstein sei ein gefährlidier Kommunist und könnte das Geld für kommunistische Umsturzzwecke verwenden. Als Einstein die Schweizer Regierung um ihre Intervention ersuchte, wurde ihr bedeutet, daß diese unzulässig sei, da ja Einstein noch deutscher Staatsangehöriger sei. Es wurde aber versprochen, ihn bald aus der preußischen Staatsbürgerschaft zu entlassen. Dieses Versprechen wurde nicht gehalten. Dagegen wurde die Mietwohnung Einsteins in BerKn und seine Villa in der Umgebung von NationaOsozialisten ausgeplündert Alle Wertgegenstände, Silber, Kunstwerke, Violinen und sogar ein Boot ein Geschenk eines amerikanischen Freundes, wurden weggenommen. Sein wissenschaftliches Material und seine private Korrespondenz wurden gleichfalls gestohlen. Der Regierungserlaß, der die Beschlagnahme des Vermögens der Staatsteinde anordnet, ist erst im Juli erschienen. Einstein hatte um seine Entlassung aus der deutschen Staatsbürgerschaft schon Monate zuvor nachgesucht. Es ist offenbar, daß man sie ihm nicht be- wlljigt hat well in diesem Falle die Schweiz den Schutz seines Eigentums hätte übernehmen können. Nicht eh er wolltemanEin' stein toslassen, als bis man ihm den letzten Rest seiner Habe gestohlen hatte. Und warum man das tat? Um die Welt vor dem Bolschewismus zu schützen. Das ist die Moral von der Geschichtel Um Deutschland Interessante neue Veröffentlichungen. In der Weflinachtsnummer des„Aufruf". Streitschrift für Menschenrechte, Prag, wird ein Briefwechsel veröffentlicht, den Einstein und Sigmnnd Freud mit dem Internationalen Institut für geistige Zusammenarbeit Ober das Thema„W a r u m K r 1 e g?" geführt haben. Robert Larus beschäftigt sich in der Weltbühne" Nr- 51 mit den Rückwirkungen der Krise auf die Jugend. Sein Aufsatz „Der Streik der Jugend" gibt ein erschütterndes Bild von der geistigen und moralischen Verheerung, die die letzte Phase des Kapitalismus unter der jungen Generation angerichtet hat, Das„Neue Tagebuch"(Paris- Amsterdam) setzt sich in Nr. 26 gegen eine Propagandalüge der mit dem Wolff-Büro verbünde nen Conti-Agentur zur Wehr. Ple Fahrt Ins Gelbe Arbeltsfront in Uniform ohne Recht Nach der Machtergreifung: Hitlers glaubten eine nicht geringe Anzalil Arbeiter, daß nun die Zeit gekommen sei, um mit Hilfe der NSBO., hinter der ja die neue Statsgewalt stand, das Uebergewicht in den Betrieben zu erobern. Es fehlte von Februar bis Mai nicht an Anläufen hierzu. Triumphierend wußte die Nazipresse zu melden, wie NSBO. und SA, bald einen Unternehmer gezwungen hatten, eine verkündete Lohnsenkung zurückzunehmen, bald Entlassungen rückgängig zu mächen usw. Aber sehr rasch zeigte sich, daß die neue Staatsmactat sehr viel stärker hinter den Unternehmern stand, als hinter ihrer eigenen NSBO. Immer schärfere Dekrete verboten der NSBO. und SA. derartige„Eingriffe in das Wirtschaftsleben1*. Als das nicht half, erklärte Hitler offiziell die Revolution für beendet Oertliche und provinzielle Leiter, die im Lohnkampf die Partei der Arbeiter ergriffen hatten, wurden zurückgepfiffen oder kaltgestellt und schließlich wanderten die Führer der nationalsozialistischen Betriebszellen, die noch immer an die Realität des Hitlerschen„Sozialismus''' glaubten, wie z. B. die Zetlenobleute der großen Schiffahrtsgesellschaften in Konzentrationslagern, wodurch sie sich dann hinreichend überzeugen konnten, daß Schacht, Thyssen und Vogler wirklich nicht zum Zwecke der Verstaatlichung privater Trusts an die Macht gekommen waren. Die letzte Zeit hat nun die Entmachtung der Arbeitslosen durch den Nationalsozialismus zu einem gewissen Abschluß gebracht Die Quintessenz aller von der .Arbeitsfront' und ihrem Letter, dem Chemiker Dr. Ley, mit großem Gepränge verkündeten Maßnahmen läuft darauf hinaus, daß der Arbeiterschaft jeder Einfluß auf die Gestaltung der grundlegenden Arbeitsbedingungen, nämlich auf Arbeitslohn und Arbeitszeit entzogen wird. Beides wird wieder unumschränkt ia die Hände der Unternehmer gelegt, wobei den Arbeitern bestenfalls der Weg einer Beschwerde an die staatlichen, nationalsozialistischen Aufsichtsorgane offen bleibt Kollektive Arbeitsniederlegung zum Zw ecke der Erzielung besserer Arbeitsbedingungen wird verboten, sogar unter Strafe gestellt Kauz abgesehen davon, daß irgendwelche Streikkassen nicht mehr existieren, Denn die gleichgeschalteten, früheren Gewerkschaften, die innerhalb der„Arbeitsfront"' nur noch ein Scheindasein führen. werden— wie die„Arbeitsfront" selber— nur noch die Rolle spielen dürfen, die früher den mit Recht von der Arbeiterklasse tiefveraetateten gelben Werkvereteen überlassen blieb: harmlose Geseligkeit eine harmlose„Bildung" und gewisse Unterstützungsleistungen werden das einzige Feld ihrer Tätigkeit bilden, wenn man etwa noch„praktische Vorschläge an die Werksleitung", die diese in den Papierkorb wirft hinzurechnet Diese Fahrt ins Gelbe ist In den acht Monaten der Hitlerregierung ganz systematisch vorbereitet worden- Zunächst haben die Ley und ähnliche Schwätzer den Arbeitern erzählt, daß man sie von dein„Minderwertigkeitskomplex erlösen müsse, den die bösen Marxisten ihnen eingeiinpft hätten. Lassalle nannte in seiner ersten programmatischen Rede die Arbeiterklasse„den Fels, auf dem die Kirche der Zukunft gebaut werden würde"— das ist wahrscheinlich der Qnell der Minderwertigkeitsgefühle. Nach Ley und Konsorten aber gilt es nur, die„Ehre" des Arbeiters wieder herzustellen. Wäre das geschehen, dann„ließe es sich ertragen', daß der Arbeiter weniger als andere verdiene. So geschah es. Man stellte die„Ehre" des Arbeiters in derselben Weise her, wie man in Vorkriegszeiten vom Staate sagte, daß er seine Beamten zur Hälfte statt mit Geld mit der Ehre bezahle, nämlich mit Orden und Titeln. Man gab den Arbeitern— eine Uniform! Nicht etwa die Uniform selber, sondern die Erlaubnis, sich eine auf eigene Kosten anzuschaffen. Im zweireihigen blauen Anzug mit Stehkragen und schwarzer Krawatte soll der Proletarier des Dritten Reiches sich als„besserer Mensch" vorkommen. Man schmeichelt ihm, indem man die Unternehmer veranlaßt, den gleichen Anzug' bei festlichen Anlässen zu tragen. Genau so wurde ehemals dem Rekruten eingeredet, daß er„des Königs Rock" trüge. So nämlich, wie zwischen Wilhelms Paradeuniform und der speckigen abgetragenen Rekrutemuontnr, wird der Unterschied dieser„Einheitsanzüge von Unternehmer und Proleten sein! Dem Appell an die kindische Eitelkeit, so recht der Denkart eines Ley entsprechend, folgt der Appell ans deutsche Gemüt Nicht das Arbeitsverhältnis Davon gellen durch„freiwilligen Zwangerhebliche Sunmien für Haus- und Straßen- sammlungen, bei denen kein Sonntag ausgelassen wird. W1U der Reichsbahnbeamte oder Arbeiter nicht„vorgeladen" werden, so muß er spenden für SA, Stahlhelm, Hitlerjugend, Rotes Kreuz, Mittelstandshilfe, Baucrnhilfe, Auslandsdeutsche, Giftgas- und Fliegerabwehr usw. Aach der Auslandsznsdilag ist abgebaut worden, dagegen ist der Reichsindex für Lebenshaltungskosten ständig angestiegen. des w-erktätigen Menschen ist mehr das zentrale Problem, um das die soziale Frage kreist sondern— sein Feierabend! Nichts kennzeichnet so sehr die völlige Verwirrung aller Begriffe, die der Nationalsozialismus planmäßig betreibt, wie die groteske Tatsache, daß dieser„Sozialismus" die Lösung der sozialen Frage nicht bei der Produktionstätigkeit des Arbeiters, sondern— bei seiner Freizeit anfangen will! Nicht auf den Lohn, nicht auf cfie Arbeitszeit kommt es an, nein, darauf, wie der ausgebeutete Proletarier die paar freien Stunden verbringt, die sein Ausbeuter ihm läßt. Hier müssen wir die verachteten Gelben um Entschuldigung Die gleichgeschaltete Eisenbahnerorganisation ist von jeder Einilußnahme auf die Lohngcstaltung ausgeschaltet, um sich restlos der großen nationalsozialistischen Erziehung hingeben zu können. Das sollte eigentlich über- flüssig sein. Wir glauben dieser lebendige Anschauungsunterricht des skrupellosen Lohnabbaues dürfte den Eisenbahnern bereits genügend Aufklärung über das Wesen des Nationalsozialismus gebracht haben. bitten: so hoffnungslos obsrflächflcll haben selbst s i e das soziale Problem nicht gesehen. Was aber geschieht mit dem Arbeitsverhältnis sefber? Das einzige, was Ley den Arbeitern anbietet, ist eine mehrwöchige Kündigungsfrist. ein sehr zweischneidiges Geschenk: verhindert es doch die Arbeiter, bei besserer Konjunktur die einzige Chance wahrzunehmen, die ihnen selbst das frühkapitalistische Zeitalter bot: nämliJi den Versuch, durch Wechsel des Betriebes bessere Bedingungen zu erzielen. Bei Zeiten langfristiger Arbeitslosigkeit— wie der jetzigen Krise — bedeutet eine Galgenfrist von zw-ei Wochen für den gekündigten Arbliter keinerlei Rettung, bei Zehen guter Konjunktur wird die Kündigungsfrist zum Hemmschuh. Hinter all diesen Maßnahmen aber steht außerdem ein unsichtbares„Dafür... Nämlich: dafür darf von den Löhnen nicht mehr gesprochen werden. Hat Ley doch mit offenen ZytEsmus erklärt: die Gelder, die früher dem deutschen Arbeitsmenschen(welch„ehrenvolle" Bezeichnung!) für Kampf- und Streikzwecke von den Gewerkschaften abgenommen worden seien, sie würden jetzt für die Ausschmückung seines Feierabends verwendet werden. Wie rührend. wie sinnig! Früher wurden mitunter mit Hilfe dieser Gelder zehn oder fünfzehn 1929 Hermann Müller- 1933 Adolf Hiller Um den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang im faschistischen Deutschland im vollen Maße überblicken zu können, genügt es nicht, die Zahlen der allgemeinen Wirtschaftsstatistik zu verfolgen. Viel deutlicher zeigen sich die Wirkungen der Hitler-Katastrophe im Realeinkommen der breiten Volksschichten. Wir sind heute in der Lage, das Absinken der Löhne und Gehälter der rund 600.000 Arbeiter und Beamten der Deutschen Reichsbahn in absoluten Zahlen nachzuweisen. Zur Erläuterung der Zahlen sei vorausgeschickt, daß die Reichs- bahnarbeiter in drei Lohngebiete eingegliedert sind, von denen jedes füni Ortsklassen hat. Für jedes Lohngebiet und jede Ortsklasse ist ein Tariflohn festgesetzt, der f.ür die männlichen Arbeiter in sieben Lohngruppen eingeteilt ist. Lohngefaiet 3, Orts kl. A.... Oktober 1929 und 50/» Ortsiohnzulage.. Oktober 1933 Lohngobiet 2, Ortski. B... Oktober 1929 und 28% Ortsiohnzulage... Oktober 1933 Bei den Rangierarbeitern ist in den Löhnen noch die neunstündige Arbeitszeit inbegriffen. An Abzügen für Sozialversicherung müssen iiti Dritten Reich 12 Prozent gerechnet werden. Die Gegenüberstellung zeigt, daß Adolf Hitler seinen Vierjahresplan, der das große Geheimnis dieses Arbdterbefrciers sein sollte, bereits in Dazu kommen Kinderzuschläge, Frauenzuschlag, usw., auch an manchen Industrieplätzen Ortslohnzu�cnläge. In den folgenden Gegenüberstellungen, wie sie auf Grund von Tafsachen im Organ des Schweizerischen Eisen- balinerverbandes zusammengestellt werden konnten, sind einige Monatslöhne auf Grund der in der Regel zu leistenden Arbeitstage für einige Arbeiferkategorien Lohngefaiete und Ortsklassen berechnet Der Vergleich ist politisch besonders lehrreich, denn die letzte Lohnerhöhung war im Mai 1929 unter der Regierung Hermann Müller erfolgt Es wird gegenübergestellt das Bruttoeinkommen von Arbeitern in der höchsten Lohnstnfe ohne Kinderzuschlag. Handwerker Rangierab. Streckenarfa. RM RM RM 318.25 247.— 262.10 207.35 202.30 170.80 259.70 202.80 205-30 165.10 160.60 136.30 zehn Monaten nur allzu deutlich kenntlich gemacht hat. Beiden Reichsbahnbeamten wird zum Grundgehalt ein Wohnungsgeldzuschuß� abgestuft nach 6 Tarifklassen und Ortsklassen, bezahlt Die folgende Gegenüberstellung ist aus der mittleren Ortsklasse B ohne Kinderzuschlag entnommen: Oktober 1929 Oktober 1933 Weich enw. Schaffner Min. Höchst 162.— 246.33 129.60 197.06 Zugmeister Min. Höchst 225.50 283.83 180.40 226.73 Sekretäre Min. 246.33 197.06 Lockführer Höchst 342.17 272.81 7*1 l/eday,„QeapUUi", Madsfad, etscUeUd Mfötagltoonft Wer ist verurteilt? VON JUSTIN 1AN Der Prozeß um den Reichstagsbrand hinterläßt ungelöste RätseL Welches sind die wirklichen politischen Hintergründe dieser Brandstiftung? Wer hat den Wirrkopf aus Holland die Hand geführt? Ist eine Aufklärung noch möglich? Welche politischen Wirkungen sind von ihr zu erwarten? Diese Fragen, die während des Prozesses überall diskutiert wurden, werden nach Prozeßschluß nicht aufhören, die Welt zu beschäftigen. Jostinian behauptet nichts, was er nicht beweisen kann. Auf unwiderlegliche Tatsachen stützen sich seine Feststellungen. Wer über den Prozeß ernstlich mitreden will, muß zuvor diese Schrift lesen! Sie erscheint Anfang Januar. Ibcef Ich best eile den.Jieaen Vorwärts" und erwarte reselmäßige Lieferung von nächster Nummer an. Name und Vorname Wohnort und Postamt alt Straße und Hautnummer Diesen Bestellschein bitte ausfüllen, ausschneiden und an: Verwaltung Ji euer Vorwärts", Karlsbad. CSR., Haas „Gr aphl a", senden, Prozent Lohnerhöhung erzielt. Damit ist es nun aus: statt der Lohnerhöhung gibt es vielleicht ein Blasorchester.— Und eine deutsche Jungfrau wird dem Arbeiter Verse deklamieren:„Was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin... Es ist von den Nazis nicht etwa iuir der Klassenkampf eingestellt, wie ihn die Sozialdemokratie den Arbeitern als Notwendigkeit unter dem kapitalistischen System predigte. Das wäre viel zu wenig Se' sagt Fingestellt ist vielmehr unter der Herrschaft Hitlers jene bescheidene IU' teressenvertretnng der Af beitnehmer, wie sie sogar die Christlichen Gewerkschaften, die H i r s c h- D u n k e r s c h e n. ja, der Deutsch nationale Handlungsgehilfenverband sich zum Ziel® gesetzt hatten. Selbst diese, die bürgerliche Gesellschaftsordnung bejahenden Verbände hatten doch auf Gruna ihrer Arbeit einsehen müssen, daß nicht gemeinsam mit den Unternehmen!, sondern nnr getrennt von diesen und gegen sie ihre Interessen wahrnehmen könnten. Was aber tut der Nazi-Ley? Er bringt die Gewerkschaften- in denen Arbeiter und Angestellte unt®' sich sind, zum Absterben, indem er ihne" die Aufnahme neuer Mitglieder untersagt. Statt dessen trifft sich alles, Unternehmer, leitender Angestellter, unterer Ang®' stellter und Arbeiter in der„Arbeitsfront". Und über dem schwebt das ge�® Bekenntnis Leys, schöner als es je ein Har' monieapostel des Manchester-Liberalismus vor drei Menschenalter geprägt ha*- „Die Arbeiter können nur glücklich sein; wenn es ihrem Unternehmer gut geht.■■ Womit man von 1933 etwa bis ls' znrückgelangt ist Herausgeber; Ernst Sattler. Karlsbad. Verarh- wortliclier Redakteur: Wenzel Horn. Karlsbao- Druck:„Graphio" Karlsbad Zeltungstarif bew. ra, P.D. ZI. 139.334�11-1� tBeiiage xles Tleuen Vomäds 7h. 29 Betel mmu HiUee I/oh(HU K/eis l Die Frage„Masse und Führer* steht heute wieder im Vordergrund. Niemals ■war die Masse so zur Selbstausschaitung bereit, niemals warf ein Volk das Erstlingsrecht der politischen Selbstbestimmung so achtlos zugunsten eines Mannes beiseite, der aus seiner abgrundtiefen Verachtung der Masse nie ein Hehl gemacht und die Errichtung einer neuen Herrenkaste als die Aufgabe seines Lebens und die Drandlage für den neuen Staat bezeichnet hatte. Von einer Hypnose befangen, in die es auch die größten Leistungen niemals versetzt hätten, unterlag das deutsche Volk einer Reklamekunst sondergleichen so weit, daß die politischen Drahtzieher des Nationalsozialismus es wagen konn- fen, für den„Führer" geradezu göttliche Ehren zu fordern. Unter dem Beifall der Besessensten im Volke gingen seine Handlanger ans Werk, den gekreuzigten Christus vom Kreuze zu nehmen und den Er- lösergedanken der christlichen Kirche auf ihn zu übertragen, den deutschen Heiland der deutschen Christen. Wie im alten Rom die Cäsaren in der Zeit des Kampfes mit dem Nazarenertum, die göttlichen Würden ftlr sich und ihr Amt allein in Anspruch tohmen, so sollte im neuen Deutschland der„Führer* über allen und allem stehen. Das Problem Masse und Führer ist in heiner Partei so ausgiebig besprochen forden wie in der Deutschen Sozialdemokratie, lange vor der Geburt des Natio- oalsozialismus. Als sie am intensivsten diskutiert wurde, stand an der Spitze der Partei ein Mann, dessen Autorität eine angeheuere war, der ehemalige Drechsler August B e b e L Er war ein Mann des starken Willens, und er rang um seine Auffassung und ihre Geltung in der Par- tei und in der Welt mit unerhörter Zähigkeit. Niemals aber anders als mit geistigen Waffen und im vollen Lichte der Oef- 'entlichkeit Er kämpfte als Demokrat um d|e Autorität in der Partei Er rang um die Krone des Führers in dem Sinne, der beste unter Gleichen zu sein. Ganz anders dachte er über die Rolle des Führers, als sie heute verstanden wird, und auf das schärfste lehnte er es ab, die aus Verbauen dem Führer von der Masse über- bagenen Autorität in diktatorische Macht �uizufälschen. Nichts kann das deutlicher Zelgen, wie folgende Erinnerung an ihn. Es war im Jahre 1912. Die Partei hatte Paul Singer zu Grabe getragen. Nach "ilhelm Liebknecht und Ignaz Auer war der Mann von der Seite August Bebels gegangen, der neben ihm den stärksten Fonds von Vertrauen, das höchste Maß der daraus entspringenden Autorität in den deutschen Arbeitermassen besaß. Da fügte es sich, daß in einem Kreis Von Parteifreunden die Lücken beklagt �urden, die der Tod gerissen und man mit Bedauern betonte, daß die Partei nun nur noch ihn, August Bebel, als den einzigen h�d letzten unangefochtenen Führer der partei habe. Daß kein anderer da sei. der �ch der Meinung der ganzen Partei als unumstrittener Nachfolger in der nihrung gelten könnte. Da brauste er auf; bas sei kein Schade, das sei ein Vorteil lm Sinne der Demokratie. Worauf es an- Konune, das sei nicht dieEinzel- U�sönlichkeit, das sei das Niveau er Partei in ihrer Gesamtheit Und wenn er heute in die Partei blicke, und p" die Männer betrachte, die man jetzt "en eigentlich als zweiten Ranges be- fcichnet habe, dann müsse er ehrlich be- .erinen; er und andere hätten schon als f.e großen Führer gegolten, als sie in �en Dingen in Bezug auf ihr Wissen pbd Können den Leuten, die heute der rartei dienten, nicht das Wasser reichen • 0nuten. Ein Dutzend Namen nannte er bi Flu� von denen jeder Jünger an Jah- �n' gleich ihm mit der Partei auch gei- .'S gewachsen wäre. Noch höher aber sei Politische Niveau der sozialdemokrati- ben Arbeiter an sich gestiegen, und er [behauptete, daß sie jetzt schon den politisch weitaus reifsten Teil des deutschen Volkes bildeten. Das sei der wahre Erfolg unserer Arbeit und die beste Garantie für die Zukunft des Sozialismus. Alle, die jener Unterhaltung beiwohnten, schwiegen, bis auf Bebel selbst, der nun mit der ihm eigenen Lebendigkeit den Aufstieg der Arbeiterschaft während der letzten Jahrzehnte schilderte. Ein Jahr später, im Jahre 1913, war auch August Bebel von uns gegangen. Ein Volkstribun im besten Sinne des Wortes, dessen zündende Rede Millionen mit sich riß in Begeisterung für die höchsten Güter der Menschheit, gegen die Unterdrük- kung und Ausbeutung der Mensclren durch den Menschen, für die Gleichheit aller Klassen und Rassen. Gegen die Schmach der Rassenhetze erhob er seine Stimme im Sinne der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Wiederum ein Jahr später wälzte sich der Brand des Weltkrieges über die Erde. Millionen von Menschenleben sanken dahin, Kulturgüter von unermeßlichem Ausmaß gingen zugrunde. Am größten aber erwies sich der Schaden, dem er dem Geist der Zeit zufügte, dem Geiste August Bebels. Das Zeitalter der Humanität, des Fortschritts und der Freiheit scheint dahin. Mit roher Gewalt herrscht die Diktatur in unserem Vaterland. Nie tobte Klassen- und Rassenhaß hemmungsloser als jetzt Niemals aber auch erwies sich die Legitimation des Sozialismus für seinen unbeirrbaren Kampf gegen den Kapitalismus in seiner kulturzerstörenden Tendenz stärker als jetzt Die Geschichte wird zeigen, daß der Geist, den der Drechsler August Bebel im deutschen Volk gesät, dem Anstreicher Hitler dennoch die Hetzpeitsche entwinden wird, die er in Deutschland zum Symbol des untergehenden Kapitalismus machte, wie es die Peitsche des Fronvogts in der Zeit des kapitalistischen Beginnes war. Has Wesen des Fasdiismns Eine neue grundlegende Untersuchung Seit einer Reihe von Jahren sind in der deutschen sozialistischen Literatur Wesen und Erscheinungsiormeii des Faschismus eingehend verfolgt worden. In Zeitungen, Zeitschriitea und Büchern wurden seine wichtigsten Probleme behandelt Oda O I b e r g, Angelice B a- iabanoff, Julius Deutsch, Adolf Saa- g e r lieferten uns in ihren Schriften instruktive geschichtliche Darsteiiungen des italienischen Faschismus; Pietro Nenni gab eine ergreifende Schilderung des„Todeskampfes der Freiheit" in Italien: Hermann Heller— der leider Frühverstorbene— schrieb eine der bedeutendsten Monographien über den„Faschismus und Europa". Der Sieg des Nationaliaschismus in Deutschland mußte selbstverständlich das Interesse für die Probleme des Faschismus verstärken. Man greift deshalb mit besonderer Spannung nach dem soeben im Europa-Verlag, Zürich, erschienenen Werk von Ignazio Silone: „Der Faschismus. Seine Entstehung und seine Entwicklung." Dag Buch enttäuscht unsere Erwartungen nicht. Es liefert nicht nur eine geschichtliche Darstellung des Faschismus, ver- bumJcn mit der neuesten Geschichte Italiens, es versucht auch, die dem Faschismus zugrunde liegenden sozialen Triebkräfte bloßzulegen und in der Schilderung der einzelnen Etappen seiner Entwicklung seine Anpassungsversuche an den Kapitalismus, seine Kooperation mit dem Militarismus und Klerikalismus, seine widerspruchsvolle Haltung als typische Bewegung des Kleinbürgertums, die mit dem Sozialismus nichts gemein hat, klarzustellen und daraus die Aussichtslosigkeit seiner Ver» suche abzuleiten. Besonders wertvoll ist das Bemühen Silo- nes, der Vereinfachung der Begriffe bei der Behandlung der fasdüstischen Probleme, der auch der Marxismus nicht entronnen ist, entgegenzuwirken. „Dank jenem vereinfachenden Denken ist der Faschismus heute das geworden, was der Cäsarismus zur Zeit von Marx gewesen ist:.Eine dunkle Nacht in der alle Katzen grau sind.' Die Zeitgenossen von Man nannten jede reaktionäre Bewegung ,cäsa- ristisch'. So sind auch für viele unserer Zeitgenossen Reaktion und Faschismus gleichbedeutend." Silone wendet sich gegen diese SchaWo- nislerung des Denkers nicht etwa deshalb, weil er dem Faschismus einen revolutionären Charakter zuschreibt sondern weil der Faschismus nicht die einzige Form ist die die Reaktion in der heutigen Zeit annimmt. Er unterscheidet je nach der geschichtlichen Situation und den Beziehungen der Klassen zu einander: ,41) Militärdiktaturen: b) reaktionäre Verstärkung der alten Slaatsformen, ohne Un» terdrü�ung des Parlamentarismus und ohne Auflösung des Systems der traditionellen Parteien: c) faschistische Diktatur* Im Faschismus sind die Elemente der beiden ersten Formen der Reaktion mit enthalten und auf die Spitze getrieben, er selbst stellt aber einen Versuch dar,„unter der Direktive des Großkapitals neue Formen industrieller und{inan= zieiler Organisation zu entwickeln und damit die Konzentration des Kapitals bis zum äußersten zu treiben." Der Faschismus ist nicht etwa typisch für ökonomisch rückständige Länder, er tritt— wie das Beispiel Deutschlands zeigt— auch in ökonomisch hochstehenden Ländern in Erscheinung.„Die Voraussicht einer Ausdehnung und Verschlimmerung der kapitalistischen Krise, begleitet vom Zerfall der traditionellen bürgerlichen Parteien, und einer Verlängerung der Krise, weiche die Arbeiterbewegung machtlos macht, schließt in sich die Voraussicht"einer weiteren Ausdehnung des Faschismus." Dabei ist der Faschismus eine typische Bewegung des Kleinbürgertums. Silone variiert das Wort von Marx aus dem Achtzehnten Brumaire", wonach das Kleinbürger. tum ein integrierender Bestandteil aller sich vorbereitenden Revolutionen sei, indem er hinzufügt, daß es auch ein integrierender Bestandteil aller faschistischen Bewegungen ist Vor jeder sozialen Krise ist der Kleinbürger, ohne daß ihm das bewnßt wird. Kau didat beider sich bekämpfenden Parteien: der Reaktion und der Revolution, Es wäre falsch zu glauben, daß das Kleinbürgertum historisch dazu verurteilt sei, immer gegen die arbeitenden Klassen anzugehen, und daß es nicht ein Verbündeter der• sozialistischen Bewegung werden könnte. „Dieser Irrtum ist 1919 in Italien begangen worden. Von allen Irrtümern war das der schlimmste. Von allen Irrtümern war das derjenige, der den Faschismus am meisten zum Erfolg ve'rbolfen hat* Siione zieht aus der Analyse der faschistischen Partei den Schluß, daß sie nicht mit den traditionellen konservativen Parteien verwechselt werden darf, obwohl sie aus ihrer Auflösung heraus geboren ist; der Faschismus ist nicht nur und nicht in erster Linie eine \ Sdd d.. yoiksgeUäitk Heid-ietdkäleeä Frankfurt am Haln-Söd Darrn5t3dterlan<3straßc 250t Td öSlII Rhd arisches Untemehmco Ein Inserat aus dem„Völkischen Beobachter" vom 16. Dezember. Das glückliche Volk Adolf Hitlers trinkt statt Wasser Sekt Und das tägliche Kaviarbrot kommt auch noch! Bewegung bewaffneter Söldner oder Weißgardisten. „Er ist eine große politische Bewegung der Massen- Am Anfang entgeht dem Bewußtsein der Mehrzahl seiner Anhänger, daß er im Dienste des Kapitalismus steht" Doch hier setzt die dialektische Entwicklung ein. Man kann heute die revolutionäre Arbeiterbewegung nicht bekämpfen, ohne der Hochfinanz zu verfallen. Keine faschistische Partei hat sich bisher diesem Schicksal entziehen können. Aber die Zugehörigkeit der Hochfinanz zum Faschismus zieht unausweichlich die Zugehörigkeit des ganzen alten gesellschaftlichen Oberbaues zum Faschismus nach sich: aller alten politischen Parteien und alier alten Institutionen, vom Generaistab bis zur Kirche, von der Justiz bis zur Universität Welche Schlußfolgerungen ergeben sich daraus? „I. Das Kleinbürgertum kann wohl die politischen Führer für irgendeine Regierungsform liefern: als Klasse aber kann es keine Regierungsform richtunggebend beeinflussen, da sogar der Faschismus, die stärkste Bewegimg, die Je aus dem Kleinbürgertum hervorgegangen ist, in der offenen Dikta- tür der Hochfinanz und in einer nodh nie dagewesenen Unterdrückung des Kleinbürgertums als Klasse ausläuft. 2. Das Kleinbürgertum hat keine anderen historischen Möglichkeiten, als die Unterstützung des Faschismus oder die Um» terstützung der sozialistischen Beweg u n g." Silone wendet sich scharf gegen die Illusion, als ob der„K 0 r p o r a t i v i s ra u s" eine Art von Sozialismas sei, die die heutige Gesellschaft aus ihren inneren Widersprüchen herausführen könnte. In ausgezeichneten Darlegungen, die zu den besten des Buches gehören, weist er nach, daß der von Mussolini proklamierte„Korporative Staat* nur auf dem Papier steht. Was in Wirklichkeit existiert, ist ein im Bunde mit dem Finanzkapital aufgerichteter Staatskapitalismus, der die Aufgabe hat, das Regime zu halten und den Zerfall der Wirtschaft nach Möglichkeit hinauszuschieben. Er hat aber keines der bestehenden FTobieme gelöst und ist auch nicht in der Lage, die Klassengegensätze im Faschismus aus der Welt zu schaffen. Die inneren Widersprüche und Gegensätze müssen an Schärfe zunehmen, ie mehr sich der Faschismus unfähig erweist, der wachsenden Schwierigkeiten Herr zu werden. Es kann noch Jahre, vielleicht noch Jahrzehnte dauern, bis dieses dem Untergang geweihte System zusammenbricht.„Aber— schließt Silone— der Sieg des Kapitals Ober die Arbeit kann nicht ewig sein. DieZukunftgehört dem Sozialismus. Die Zukunft gehört der Freiheit" Viator. Bei uns wird nidit gesdilagen! Erlebtes aus dem Dritten Reldi- Diskussion mit SArLeuten „Beiuns wird nicht geschlagen!' Mit diesen Worten empfing mich nach meiner Verhaftung der Sturmführer F. Daß in einer SA-Kaserne nicht geschlagen sondern versucht wird, sich mit Gegner geistig auscinandersu- setzen, ist nach allen Erfahrungen— auch den meinen— ungewöhnlich. Aber ich will mit dem Anfang beginnen. Eines Tages kommt ein Trupp SA In meine Wohnung. Nach einem Vorgetüänkel merke ich bald, daß es sich ausnahmsweise um Leute handelt, mit denen sich reden läßt. „Was wollt Ihr eigentlich von mir", frage ich den Führer.„Von den Unternehmern und dem Börsenvorstand in Berlin laßt Ihr Euch glatt wieder nach Hause schicken! Bei einem Arbeiterfunktionär aber rückt ihr mit fast einem Dutzend Leuten an und stellt die ganze Wohnung auf den Kopf. Das ist für Hugen- b e r g, aber nicht für den Sozialismus." „Wir wissen auch, was mit Hugenberg los ist", bekam ich ziir Antwort.„Wir wissen, daß er den Kapitalismus retten will. Aber der sitzt nicht lange weich, der wird bald abgesägt. Das geht bloß alles nicht so schnell. Immer mit der Ruhe." Während der Führer dies sagte, blätterte er in meinem Material um. Die anderen blieben still und verwundert stehen. Die meisten von ihnen, besonders die Jüngsten, verstanden wohl auch nichts. Sie hörten die Unterhaltung zwischen einigen älteren SA-Leuten und mir teils mit Aerger, teils mit naiver Bewunderung an. Dementsprechend schwebten sie etwas zwischen Prügellust und merkwürdiger Freundlichkeit, Es war eine außerordentlich interessante psychologische Situation. Man findet Literatur von Hitler bis Lenin. Es wurde auch festgestellt, daß ich die L i t e- ratur der NSDAP nicht nur besitze, sondern sogar gelesen habe. Na, das ist doch merkwürdig! „Aber sie haben doch einenjüdischen Freund und haben auch sonst Umgang mit Juden nicht wahr? Das ist mir unbegreiflich, wo sie doch so ein gescheiter Mensch sind, der soviel gelesen hat, da müßten sie doch wenigstens schon wissen, daß die Juden unser Elend verursacht haben." Das sagte einer dieser älteren Nationalsorialisten in SA-Uniform mit tiefstem Ernst. Ich machte bei der Haussuchung und auch später in der Kaseme der SA verschiedene Aeuße- rungen zur Judenfrage, aber hier gab es keine Brücke. Mich erschütterte fast diese kritiklose Gläubigkeit in einer Frage, die das Leben von Millionen angeht. Diese Art von Antisemitismus ist in der Tat ebenso unmöglich zu widerlegen wie sonst irgend ein Aberglaube. Die Verhaftung erfolgte ohne Polizei und als es in die Kaserne ging, dachte ich;„So, nun wird sich das Blatt wenden. Da werden die Jungen den Ton angeben." Ich wußte ja, wie es meinen Genossen und Freunden ging. Aber nein, das Wunder geht weiter. Ich werde ruhig und sachlich vernommen— und bin schon wieder in der Diskussion drin. Der Kreis bat sich um einige Angehörige der„Alten Garde" erweitert Ich bemerke in einer Ecke des Sturmführerzimmers Bilder national» sozialistischer Führer der NSDAP.„Hier steht Ja Gregor Strasscr noch mit im Vordergrund", sagte ich ziemlich sicher.„Warum Ist er letzt nicht Minister geworden. Der müßte doch dahin, wo heute Hugenberg sitzt. Der hat doch wenigstens Ideen."„Zeit abwarten," sagte einer,„das ist auch unser Ziel. Die Revolution war letzt erst eine nationale. Die zweite Revolution, das wird die soziale sein." Davon waren sie fest überzeugt. Etwas später wurden die neu eingelieferten Gefangenen, darunter ich, vom Sturmfflh- 1er folgendermaßen offiziell in Empfang genommen: „Wir haben jetzt die Macht und haben euch im Interesse ihrer Erhaltung verhaftet Mancher von euch hat gezittert, als wir Ihn holten, weil er befürchtete, von uns geschlagen zu werden. Leider wird Ja an vielen Orten geschlagen, aber das gibt es bei uns nicht bei uns wird nicht geschlagen. Wir vergreifen uns nicht an wehrlosen Gefangenen. Wir sind keine Konjunktumationalsoziallsten, unser Stamm hier besteht durchwegs aus alten Kämpfern. Die euch verprügeln, das sind meist feige Ueberläufer, die im Grunde selber die Prügel verdienen. Das sind die, die heute als Neulinge bei uns gleich eine große Rolle spielen wollen...." Immer wieder betonte er den Unterschied zwischen der alten und der neuen Garde. Ich hörte diese Worte mit Verwunderung und hätte gern gewußt, wie die politische Entwicklung dieses Mannes war. Daß die alte Garde nur aus Edelnationalsozialisten bestehen sollte, ging mir um so weniger ein, als Göring und andere ausgesprochene Sadisten sind, und doch wohl auch zur alten Garde gehören. Aber zum ersten Mal hörte ich aus dem Munde eines Sturmführers, daß die Gefangenen an vielen Orten„leider" geschlagen werden. Was in den Zeitungen als Greuelmeldung zurückgewiesen wurde, habe ich hier also offiziell bestätigt bekommen. Noch oft hat man uns gesagt, wir sollten froh sein, daß wir nicht anderen Kasernen in die Hände gefallen sind. Der Sturmführer kam noch sehr spät in meine Zelle und diskutierte mit mir. Es ließ sich mit ihm im allgemeinen ganz gut reden. Als ich Ihn fragte, wer derai eigentlich die Stimmung gegen Gregor Strasser mache, sagte er; „Der Kampf wird vor allem von Göb- bels geführt."„Wie ist das zu verstehen?", fragte ich weiter.„Ja, das hat rassische Gründe", begann er langsam und etwas zögernd zu sprechen.„Dieser Führerstreit ist nur rassisch zu verstehen," fuhr er fort.„G ö b b e I s hat einen Klumpfuß und fühlt sich dar» um dem rassereinen und völlig gesunden Strasser gegenüber unterlegen und daher rührt sein Haß gegen Strasser." Ich war höchst erstaunt, die Rassetheorie so konsequent auf die eigenen Führer angewendet zu finden. Später hörte ich Aehnlichcs auch von anderer Seite. Wie es scheint, verbirgt sich dahinter eine Richtung, die ihre Opposition in ein Rassengewand hüllt Selbst gegenüber dem„Führer" wurden Bedenken wegen seines Sexuallebens geäußert „Man wisse noch gar nicht, ob Hitler überhaupt einwandfrei ist", sagte jemand. Dies und Aehnlichcs wurde in einer Seelenruhe hingesprochen, aber aus nichts war zu schließen, daß die Leute getarnte Kommunisten gewesen sein könnten. Das ist völlig ausgeschlossen; sie waren staatssozialistisch, antisemitisch und in der Anwendung der Rassentheorie erstaunlich konsequent Sie waren zweifellos Feinde des herkömmlichen Kapitalismus, wenngleich sie sich in utopischen Gedankengängen bewegten und kein klares Ziel vor Augen hatten. Und sie waren so überzeugt von Hitlers Kampf gegen den Kapitalismus, daß das Erwachen aus diesem Traum für sie sehr furchtbar sein muß. Ich war nicht wenig überrascht als mich einer dieser allen Garde fragte;„Was meinen Sie, wird Hitler sich halten?"„Es wird sehr darauf ankommen," erwiderte ich, „In welchem Maße er sein Programm einhalte« wird und einhalten kann." ich wandte mich auch gegen Thyssen und die Vertreter des Großgrundbesitzes, die ihre Interessen frech als die Interessen der gesamten Nation hinstellen. Auch hier fand ich Beifall. Daß diese Vorwürfe auch Hitler trafen, der mit Thyssen und Co. durch dick und dünn geht, wurde gar nicht bemerkt Denn plötzlich wurde ich mit der naiven Bemerkung überfallen;„Wo Sie so viel studiert haben, müßten Sie doch schon erkannt haben, daß nur Adolf Hille r in Frage kommt..." Ich dachte mir, das Studieren hat wohl noch keinen Nationalsozialisten erzeugt, es wird wohl eher das Nicht- studieren gewesen sein! Der Sturm, von dem hier die Rede war, ist später aufgelöst worden. Er soll auch später immer noch auf dem Boden der zweiten Revolution gestanden und rebelliert haben. Ein großer Teil sitzt in Haft. Sicher werden wir noch heute politische Gegner sein, aber ich wünsche diesen Gefangenen von heute und raeinen Wächtern von gestern, daß sie nicht in solche Hände kommen, wie Ich Wochen nach dieser hier geschilderten merkwürdiger. und einzigartigen Verhaftung. Und weil ich sie vor weiterem Schaden bewahren will, habe ich auch Ihre Namen nicht genannt Kurt Schlegel. Der Tanz auf de Zirviel Sekt! Unter dem Deckmantel der„Wohltätigkeit" treibt der Festluxus im Dritten Reiche so üppige Blüten, daß die braunen Leithammel nachgerade den Unwillen der hungrigen Zaungäste zu fürchten beginnen. Heß, der Vize- Hitler, hat sich zu einem Erlaß genötigt gesehen, den die„Vosslsohe Zeitung" Einfachheit bei Wohltätlgkeitsfcsten'' überschreibt und in dem es heißt: So begrüßenswert alle Veranstaltungen sind, deren Erlös dazu bestimmt ist, not- iesdenden Volksgenossen Hilfe zu bringen, oder minderbegüterte Kameraden gegen die Kälte des Winters zu schützen, so notwendig ist es, daß alle derartigen Veranstaltungen jeglicher Organisation der NSDAP, in den Ankündigungen, den Einladungen und in der Form der Durchführung unbedingt nationalsozialistischen Geist atmen. Ja, wie steht es nun eigentlich mit dem „nationalsozialistischen Geist"? Ein maitre de plaisir hafs heutzutage in Deutschland wirklich nicht leicht Offenbar ist die Aufhebung der Sektsteuer doch im nationalsozialistischen Geiste erfolgt? Sollte es diesem Geiste widersprechen, daß der verbilligte Sekt nun auch getrunken wird? Und ein„Wohltätigkeitsfest" Jagt das andere. Im Zoo war am 9. Dezember ein großer Festrummcl, über den der„Börsen-Courier" ausplaudert: Der Zweck dieses Festes; die Beschaffung von Wintermänteln für die SA.... ist angesichts des gewaltigen Besuches In vollem Umfang erreicht worden, Also, nun wissen wir, wohin die„Wohltätigkeitgelder" fließen. Berlin ianxi Dezember: i. Dezember: SS-Sturm 4/11/6, Truup Schill. Zoo Kroll Kroll Grenzmannschaft Alt-Preußen, Ball und Kommers Esplanade 3. Dezember: Winterfest des Corps Saxonle 8. Dezember: Deutsche Adelsgenossenschaft, Gau Kurmark Esplanade 9. Dezember; Kaiserlicher Yachtklub Kaiserhof SA-Gruppe Berlin-Brandenburg Zoo 10. Dezember: Weihnaclrtskranzl des Dt u. Oe. Alpenvereines, Sektion Hohen zollern 14. Dezember; Kreis II der deutschen Arbeitsfront 15. Dezember: N. S. K. K., Bezirk Char- lottenburg SS-Motorstaffel z. b- V. im Kaisersaal 16. Dezember: Wohltätigkeitsfest der SA der NSDAP., Sturmbann III/6 Deutscher Luftsportverband Reitersturm der SA-Standarte 17. Dezember: SS 2/1/6 N. S. K. K. Bavarte 29. Dezember; Standarte I Zoo Zoo Zoo Kroll ■Zoo Zoo Zoo Zoo Zoo So schwingen Feudalclubs und SA auf Kosten des deutschen Volkes abwechselnd d®8 Gummiknüppel und das Tanzbein. Weihnacht s- Nachklänge Wie die Kinderaugen blitzen! Schießgewehre, Bleisoldaten, Gummiknüppel, Messer, Spaten, GHtampullen, Feldhaubitzen, Uniformen, Ehrenlltzen— Deutsche Weihnacht! Friedensklänge laben jede Wellenlänge. Jubelnd hallt das Echo wieder, und die Preßlufthämmer schicken aus den Munitionsfabriken ihre süßen Hoflnungslieder In die Menscfaenherzen nieder: Deutschland leiert Weihnacht heute, hört, ob hört, das fromm Geläute! Deutsche Führer, deutsche Recken, wenn aus den Gefängniszellen schrille Schmerzensschrele gellen, braucht ihr gar nicht zu erschrecken. Laßt euch eure Festgans schmecken! Euch das Fett— dem Volk die Hiebe. deutsche Weihnacht— Fest der Liebe! Wie die Pharisäer höhnen! Wie sie mit den Mörderhänden Iromme VVeihrauchdüite spenden! Doch der Opfer wildes Stöhnen wird den Klingklang übertönen. Wenn der Geist, den sie erschlagen, aniersteht, um anzuklagen, werden Weihnachtsmelodien andrer Art das Land durchzlchn. Hngln. Aus Mazedonien So nebenbei in dem Land voll Lust und Leben... In Bremen ist jüngst Händeis Oratorium „Juda Maccabäus" von der Philharmonischen Gesellschaft aufgeführt worden. Da bekanntlich die SA.-Trägerin deutschen Bildungsgutes und deutscher Kultur überhaupt ist, protestierte sie selbstverständlich dagegen, daß man es noch immer wage, Judenmusik in einer deutschen Stadt" zu Gehör zu bringen, Was tun? Deutsche Männer wissen immer Rat So schrieb denn die Philharmonische Gesellschaft an ein Bremer Blatt folgende Rechtfertigung ihres Tuns:„Jedem der großen Händel- sehen Oratorien liegt die Darstellung und der reine Ausdruck eines großen, starken Ideals zugrunde. Beim„Juda Maccabäus" ist es die strahlende Verherrlichung des Führergedankens... Wem käme nicht der Gedanke, daß eben dieses Leid wir Deutschen durchmachen mußten, bis auch uns der ersehnte Führer kam? Daß das deutsche Volk ebenso gläubig zu seinem Führer emporblickt und ihm heißen Herzens dankt? An solcher Betrachtungsweise kann auch nicht ändern, daß die Handlung bei dem sehr streitbaren alttestamentarischen Volk der Makkabäer liegt, das keineswegs gleichzusetzen ist mit dem Parasitenvolk der heutigen Juden, sondern ebenso leidenschaftlich für sein nationales Freiheitsideal, für seinen Heimat- boden gekämpft hat wie alle anderen Völker auch".— Womit sich die kulturtragende SA. zufrieden gab und worauf das Konzert statt- ünden konnte. Die Philharmoniker wußten außerdem, was sie der Stunde schuldeten und ließen, nach„Juda Maccabäus", das Horst Wessei-Lied ertönen. So konnte der Jüdische Held nicht über den deutschen triumphieren... Nun muß auch der Wald wieder deutsch werden! Zurück zu Germaniens Hainen, worinnen Wotan und die Seinen sowie deutsche Auerochsen hausten! Und schon rauscht durch den deutschen Blätterwald die Klage:„Es siebt kümmerlich aus im deutschen Waide! Das Urwild.ist verschwunden! Die herrliche freie Wildbahn unserer Vorfahren ist gewesen!" Doch wozu ist Göring Schirmherr aller deutschen Tiervereine? Wozu hat dieser Herr sich die bei Berlin gelegene Schorfheide angeeignet? Dort soll nun der germanische Naturschutz errichtet werden, in dem man zunächst drei— versteht sich—„reinbiütige Wisentkühe" aussetzen wird, um aus ihnen ein neues germanisches Tiergeschäecht hervorgehen zu lassen. Bald wird Gerroaniens ganzer Zauber wieder aufblühen. Und Feierabends, nach des Tages hekHsch-männlichcm Handwerk, wird Hitler mit Göbbels und den anderen germanischen Recken um edu trauliches Waldfeuer sitzen; man wird singend und sagend des Führers Taten preisen und Baidur von Schirach wird, wie das Nibelungenlied von Sriegfriod, von Göring künden können, daß er bei der Jagd„einen Wisent und einen Elch, starker Urtiere und einen grimmen Scheich" erlegte. Und der wackere Ley wird sehr oft dabei sein, weil es noch eine Gelegenheit Ist, noch mehr zu tri"' ken... Ueberall besteht unter den Angehörigen def Langfinger-Zunft der umgeschriebene Com' ment, sich nicht gegenseitig zu bestehlen n" zu berauben. Im Dritten Reich Ist aber auC darin ein Wandel eingetreten. Dieser Tafc® drangen Knacker in die Büroräume einer Ber lincr Nazi-Organisation ein, erbrachen � Geldschrank und raubten eitriges Geld. Sch0� immer haben böse Beispiele gute Sitten*** dorben, und die deutschen Einbrecher W" ten, daß sie alimähhch ins Hintertreffen � raten könnten, wenn sie mit den gesetzh® geschützten, beamteten Räubern noch!ättge Zunft-Solidarität üben. Göbbels hat, wie es ihm zukommt, nun o" icS den Kasperle gleichgeschaltet. Er hat durr. Vin 1�.697 Ungarn: Ar.�fo-jCrdioslnvckiscbe«cd Frager Credit banH. I üiale Karlsbad. Konto ..Neuer Vomrävls". Budapest Nr. 2029 Jugoslawien: Arglo-Cetbosloraldsdie und Präger Cfredith&nk, Filiale Belgrad. Konto..Neuer Vorwärts". Beograd Nr. 51.005 Wir bitten Sie. die Einzahlungen sofort und unler Beachtung der Kontecbezcichmins! Torzunehroen, sches Obst und Gemüse herbeiführen wird. Ebenso wie für den Getreidebau soll also auch für die Obst- und Gemüsezucht durch die Syndizierung eine allgemeine Preiserhöhung durchgesetzt werden. Nachdem man schon früher durch Drosselung der Margarineproduktion und durch- de Fettsteuer eine Erhöhung der Milch-, Butter- und Fettpreise bewirkt hat, wird jetzt die Preissteigerung auch für Marmelade erzwungen, um so zu verhindern, daß das verteuerte Fett durch den zu billig gebliebenen Marraeladeaufstrich verdrängt werden könnte. Die Loslösung der Landwirtschaft aus der kapitalistischen Marktverflechtung läuft so auf nichts anderes her aus, als auf die Abdrängung einer immer größeren Anzahl von Konsumenten von dern Markt der notwendigen Lebensmittel. Die Preissteigerung bedeutet aber einen immer stärkeren Anreiz für Ausdehnung der Produktion in einer Zeit der Krise, in der ohnedies das Angebot an landwirtschaftlichen Produkten die Nachfrage übersteigt. Schon jetzt übertrifit die deutsche Brotgetreideproduktion bei günstiger Ernte den inländischen Bedarf und der Ueberschuß muß zu schweren Verlustpreisen auf dem Weltmarkt verschleudert werden. Deshalb hat ja auch das Ministerium in den beweglichsten Tönen die Landwirte vor Erweiterung der Getreideanbauflächen gewarnt. Aber d;e Hochhaltung der Preise ist ein unwiderstehlicher Antrieb zur Ausdehnung der Produktion, die Mahnung wird nichts fruchten und die Ueberproduktion noch steigert. Es wird also nichts anderes übrig bleiben, als von den Zwangspretsen zu dem Versuch einer allgemeinen Zw-angsbewirtschaftung, zu Vorschriften über den Umfang und die Art des Anbaus, zu kommen. Aber gerade dieser Versuch wird die nationalsozialistische Staatsgewalt in Konflikt mit den zahllosen individuellen Sonderinteressen der einzelnen bäuerlichen Wirtschaft hineintreiben und das Utopische des Bemühens aufzeigen, willkürlich in die Preisgesetze des Kapitalismus einzugreifen und das kapitalistische System zugleich m seinen scliärfsten monopolistischen Formen unverändert zu erhalten. Dr. Richard Kern. SkkMmsuh Das Sdiicksal der deutschen Presse Die" Nationalsozialisten haben als siegreiche Eroberer über ein unterworfenes Volk an allen Ecken und Enden Beute gemacht Neuer Reichtum ist entstanden auf Grund des Beuteprinzips. Dafür hört man überall die aufdringlichen Deklamationen:„Niemand darf sich bereichem, solange noch ein Volksgenosse Not leidet!" Eine besondere Methode der Bereicherung geht im deutschen Zeitungswesen vor sich. Es handelt sich nicht um den direkten Diebstahl, der an der sozialdemokratischen Presse und an der Ge- w-erkschaftspresse begangen worden ist sondern um die Beraubung der bürgerlichen Presse. Au allen Ecken und Enden sind nationalsozialistische Blätter und Blättchen entstanden. Ihre Besitz Verhältnisse sind teils unklar, teils sind sie Eigentum führender Nationalsozialisten. Die Verbindung von Amt und Geschäft stinkt nicht bei den Nazis! Die Erbitterung des Oberpräsidenteu und Zeitungsbesitzers Koch in Ostpreußen über die Konkurrenz ist allgemein bekannt Das Amt wird benutzt um das Geschäft zu fördern. Aber diese Blätter haben sich zunächst nicht rentiert Nationalsozialisten sind kerne Leute, die Zeitungen lesen. Also mußten diese Zeitungen rentabel gemacht werden. Der Weg dazu war die Beraubung des Konkurrenten unter Einsatz der politischen Macht Auf die Gleichschaltung der bürgerlichen Presse sollte die Ruinierimg folgen. Mit Drohungen und Erpressungen ist das zum großen Teil gelungen. Eine Klärung der Besitzverhaltnisse der nationalsozialistischen Zeitungen und ihrer Entstehungsgeschichte müßte ein besonderes Glanzkapitel des nationalsozialistischen Bentesystems sein. In Köln hat auf dieser Grundlage ein Duell zwischen der„KölnischenZei- tung" und dem nationalsozialistischen „W estdeutschen Beobachter" stattgefunden. Das Ziel der Besitzer des „Westdeutschen Beobachters"— einst besaß ihn Herr L e y, wer besitzt ihn jetzt? — war die Enteignung der Dumont-Schau- berg. Mit Hilfe' von erpresserischen Drohungen, unter Einsatz der NSBO. sollte die Enteignung vor sich gehen. Dumont- Schauberg wehrte sich. Die Folge war die Beschlagnahme der Zeitung! Die Polizei ist benutzt worden, um einen Widerspenstigen mürbe zu machen, der sich nicht zugunsten von nationalsozialistischen Beutemachern enteignen lassen wollte! Die Kölnische Zeitung hat sich bisher noch mit Erfolg gewehrt! Sie hat sogar erreicht, daß der Präsident der Reichspressekammer einen Erlaß herausgegeben hat, wonach eine Verpflichtung zum Bezug bestimmter Zeitungen ebenso unzulässig sei wie eine Kontrolle darüber. Für die Zeit vom 1. Januar bis 31. März ist im übrigen die Werbung von Haus zu Haus wie die Neugründung von Zeitungen verboten. Aber die Bentelüsternen murren laut dagegen. Im gestohlenen„Dortmunder Generalanzeiger" liest man: Seit Wochen und Monaten kannten Zeitungen, die sich„Heimatblätter" nannten, kein anderes Argument für ihren dauernden Abon- uentenschwund, als die monoton wiederkehrende Anklage gegen den kleinen Werber nationalsozialistischer Zeitungen. Der Parteigenosse oderSAsMann, der glaubte, sich durch Zeitungswerbung ehrlich ein paar Pfennige verdienen zu können, hatte den ganzen Um mut der Verleger anszubaden, die auf Grund der durch den 30. Januar veränderten Verhältnisse nicht mehr die gute Konjunktur hatten, wie in den Jahren 1926/1930, in denen es jüdische Monstre-Anzeigen geradezu hagelte. So wird die SA von den Beuiemachem auf die unbequeme Konkurrenz dressiert! Der„Völkische Beobachter' aber, an dem Hitler persönlich beteiligt ist, hat eine besondere Entschädigung erhalten: er ist zum amtlichen Organ aller Behörden erklärt worden und muß von allen Behörden abonniert werden. Alle Bekanntmachungen von nicht nur örtlicher Bedeutung von allen Behörden, Körperschaften, des öffentlichen Rechts und mit Reichsmitieln arbeitenden Unternehmungen müssen im„Völkischen Beobachter" veröffentlicht werden! So wird aus politischer Macht neuer Reichtum— Reichtum, der in die höchst persönlichen Taschen der neuen Machthaber fließt! Rüdegang des V erlags wesens Die Statistik der Arbeitslosen im Buchdruckgewerbe wirft grolle Schlaglichter auf den Rückgang der Buch- und Zeitschriftenpro- duktion im Dritten Reich. Die Verbands-Statistik zeigt eine ständige Zunahme der Arbeitslosen im graphischen Gewerbe. Ihre Zahl war in diesem Jahre durchwegs höher als in den gleichen Monaten des Vorjahres. Für den Monat Juni meldete die Fachschrift der Hilfsarbeiter 2&700 Mitglieder, von denen 8300 erwerbslos waren. Im Monat Juü. dem Monat der großen Siege in der„Arbeits- schlacht", vermehrte sich die Zahl der arbeitslosen graphischen Hilfsarbeiter um 1530. Daraufhin hat man die Veröffenflichuug der Statistik eingestellt Aus anderen amtlichen Veröffentlichungen jedoch geht hervor, daß die Arbeitslosigkeit im graphischen Gewerbe dauernd zunimmt So klagt der Verbandsleitcr im Nr. 59 des Buchdruckerorgans„Korrespondent", daß die Auüageziifern bedeutender Pro- vinzzeitiingen fortgesetzt heruntergehen und die Privatkundschaften trotz billigster Preise keine Aufträge gibt! Seit dem Ausbruch des Dritten Reiches sind 200 Fachzeitschriften eingegangen. Der Bestand weiterer 2000 Fachzeitschriften ist durch die wirtschaftliche Lage bedroht. Auch im Zeitungswesen ist ein großes Sterben ausgebrochen. Eine Anzahl großer Blätter ist eingegangen, andere haben ihre Abendausgabe eingestellt oder vegetieren mit einer Auflagezahl, die kaum die Gestehungskosten trägt Der Terror der Hitler- Diktatur hat das ehemals blühende deutsche Verlagswesen totgeschlagen und nicht nur das geistige Leben Deutschlands unterbunden, sondern auch Tansende Schriftsteller, sowie Zehn- tausende von Arbeifern und Angestellten im graphischen Gewerbe brotlos gemacht Haben Sie das Buch VOIK IN KETTEN bereits bestellt? Umfang 104 Seiten mit kart färb. Umschlag. Preis K2 12.— ö. Sch. 3.10/ schw. Frank. 1.85/ f. Eres. 9,—/ hfl.—.90/ Pfund Sterling 0/2(2 Dollar—.55> Zloty 3.10. An die Dmclc und\'erlagsanstalt sGraphia« Karlsbad. Ich bestelle... Exemplar Max Klinger:„Volk in Ketten". Betrag ist per Nachnahme zu erheben, wird gleichzeitig auf Postscheckkonto„Neuer Vorwärts", Prag 4 6.1 4 9 überwiesen. Name und genaue Adresse