]Vr. 30 SONNTAG,?. Januar 1934 (5o$iaftemolrasHfd)£0 JDDC��IaW Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Suc&pa ein XodUcuis: Abenteuerliche Kriegspläne gegen die Sowjet- Union. Q&Mcctl HowneesteUt dünkt a&: Der Parademarsch in den Abgrund. Hüii&Hüts&ziüUstoüs und Anükapäatisinus: Die Paarung zwischen Karpfen und Kaninchen. Der Kongreß der belgischen Arbeiterpartei hat mit fast einmütiger und begeisterter Zustimmung dem„Plan derArbeit" zugestimmt. Ueberwindung der Krise durch planmäßige Einleitung des Uebergangs zum sozialistischen System ist sein Inhalt Die Politik der belgischen Sozialisten wird künftig auf diesem Plan ausgerichtet sein, ihr Ziel ist die Eroberung der Macht zur Verwirklichung dieses Planes. Die belgische Arbeiterpartei war bisher wie alle sozialistischen Parteien Europas gebunden in der Staatspolitik ihres Landes. Es war das Schicksal der sozialistischen Parteien, daß der Exzeß des Weltkrieges und seine Folgen, ihre Verknüpfung in die nationalen Probleme ihnen das Gesetz des Handelns vorgeschrieben und sie vom Kampf um die Verwirklichung sozialistischer Zielsetzungen abgedrängt hat. Keine Partei ist diesem Schicksal so sehr unterlegen wie die d e u t s c h e Sozialdemokratie, die sich nach der Niederlage im Interesse der Erhaltung des Friedens und der staatlichen Einheit des deutschen Volkes aufgeopfert hat bis zum äußersten! Angesichts der Katastrophen dieser Politik, angesichts der ständig wachsenden Verwirrung der kapitalistischen Welt, die die große. Wirtschaftskatastrophe nicht Geistern kann und schon eine neue noch gewaltigere Katastrophe durch ihre Unfähigkeit vorbereitet, richten sich die Blik- he aller Sozialisten wieder auf d i e r e i n e Sozialistische Lehre, auf die Aufgabe der Ueberwindung des kapitalistischen Systems durch sozialistisches Denken und Handeln. Aus den Katastrophen heraus wächst die Deberzeugung, daß die sozialistische Politik neu orientiert werden muß an den großen Linien der sozialistischen Lehre, daß sie die politischen Kräfte sammeln 'rruß für sozialistische Ziele. Zurück 2um Sozialismus! Die sozialistische Bewegung in Deutschland liegt am Boden— aber ringsum beginnt eine Regeneration des So- z i a I i s m u s. Es ist ein Sichbesinnen auf den Geist, eine Rückkehr zum Mutterboden der sozialistischen Bewegung. Es handelt sich nicht nur um die geistige Ueberwindung des Kapitalismus, es hamjelt sich vielmehr darum, weithin sichtbar zu zeigen, auf welchen praktischen Wegen der Uebergang zum sozialistischen System vollzogen werden kann. Es handelt sich darum, die sozialistische Politik 2u befreien aus den Fesseln der Staaten- Politik der Nachkriegszeit, und ihr große sozialistische Aufgaben zu stellen. Diese Befreiung ist die große Sehnsucht aller Sozialisten gewesen— auch in Deutschland! Was jetzt die belgische Arbeiter- Partei unternimmt, hätte in der Krise d e deutsche Sozialdemokratie durchführen Jössen. Als im Jahre 1931 die große Ban- Eenkrise die Fäulnis des kapitalistischen Systems in Deutschland enthüllte, hat die Lage die sozialistische Offensive, die Konzentration aller Kräfte auf ein prak- tisches Programm der Ueberwindung des Kapitalismus auf sozialistischen Wegen gefordert. Die deutsche Sozialdemokratie aber_ aus einer Zwangslage in die andere getreben— hat diese Befreiung Picht erreicht. Wohl sind in ihrem Schöße Pläne der sozialistischen Aktion zur Umgestaltung der Wirtschaft und zur Ueberwindung der Krise ausgearbeitet, von der Partei und den freien Gewerkschaften angenommen worden, die weitgehende Aehn- lichkeit mit dem neuen belgischen„Plan der Arbeit" haben. Aber es war nicht mehr möglich, die ganze Kraft und die gesamte Propaganda der deutschen Bewegung auf diese Pläne zu konzentrieren. Aus den deutschen Erfahrungen und der deutschen Niederlage haben die belgischen Genossen die Konsequenzen gezogen, als sie dem im wesentlichen von Hendrik de Man aufgestellten„Plan der Arbeit" zustimmten. Dieser Plan zeigt eingroßesZiel und enthält ein großes Versprechen: völlige Ueberwindung der aus dem kapitalistischen System erwachsenen Krise und der Arbeitslosigkeit in drei bis fünf Jahren! An diesem großen Ziel sollen sich die Sozialisten aufrichten, es soll den Mittelschxhten den Ausweg zeigen— den einzig möglichen Ausweg, der für immer aus dem Elend der von Krisen verwüsteten kapitalistischen Welt herausführt. Mit diesem Plan wollen die belgischen Sozialisten einen großen Kampf um die Köpfe und um den Willen aller Opfer des Kapitalismus aufnehmen. Sie wollen in aufeinanderfolgenden Propagandawellen Kräfte zu seiner Durchführung mobilisieren. Sie wollen die Arbeiterschaft sammeln auf ein großes praktisches Ziel. Sie wollen die Mittelschichten herausreißen aus ihrer nach rückwärts gewandten Sehnsucht nach dem normalen Kapitalismus und sie vorwärts richten auf die sozialistische Zukunft. Eine so große Konzeption erfordert eine völlige Umstellung, wenn sie nicht enden soll im normalen Abklingen eines einfachen Propagandamanövers. Sie muß getragen sein von festem Glauben an die Richtigkeit der Konzeption, der aus der sozialistischen Erkenntnis erweckt. Der Wille, den sie wecken will, muß zwingend sein— mehr als der Wille, es einmal mit diesem Plane zu versuchen! Ein neuer Radikalismus des Wol- lens und des Handelns, des feurigen Drängens zur Verwandlung der soz'alistischen Wissenschaft in die sozialistische Tat, das ist die Grundlage für diese sozialistische Offensive. Die Entschließung, in der die belgische Arbeiterpartei diesen Willen zusammengefaßt hat, lautet: „Der in Brüssel zu Weihnachten 1933 tagende Parteitag der Belgischen Arbeiterpartei beschließt: in Erwägung, daß mit Rücksicht auf die andauernde Wirtschaftskrise der Kampf der Arbeiterbewegung für die Erweiterung der bisher errungenen Freiheiten und Reformen und selbst für die Aufrechterhaltung einer erträglichen Lebenshaltung nur dann zum Ziele führen kann, wenn er den Weg einer tiefgehenden Umgestaltung des gesamten Wirtschaftsaufbaues des Landes einschlägt; in Erwägung, daß diese Umgestaltung, wenn sie erfolgreich sein soll, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit ermöglichen muß. indem die Produktion und der Umlauf der Güter im Sinne einer Erhöhung der Kaufkraft der Bevölkerung gelenkt werden, die der Entwicklung der Produktionsfähigkeit entspricht; in Erwägung, daß das hauptsächlichste Hindernis dieser Entwicklung das private Monopol des Kreditwesens ist, das die gesamte Wirtschaftstätigkeit dem Einzelprofit unterordnet, anstatt der Befriedigung der Bedürfnisse der Gesamtheit zu dienen; in Erwägung, daß die Abhängigkeit, zu welcher diese Monopolmacht den Staat herabwürdigt, jede Bemühung hindert, die politische Demokratie in einer wirkliche, soziale und wirtschaftliche Demokratie zu verwandeln; beschließt: der Aktion der belgischen Arbeiterpartei als Ziel zu setzen die Verwirklichung eines Planes der Wirtschaft» liehen Umgestaltung, die gegründet ist auf die S o z i a 1 i s i e r u n g des Kredits als entscheidendes Mittel einer im Sinne der Erweiterung der Kaufkraft der Massen planmäßig geregelten Wirtschaft, die allen Arbeit schaffen und den allgemeinen Wohlstand erhöhen soll. Der Parteitag macht sich die Richtlinien dieses Planes zu eigen, die in dem ihm vorgelegten Dokument, genannt„Plan der A r- b e i t", niedergelegt sind. Der Parteitag beauftragt die Soziale Forschungsstelle, im Einvernehmen mit den leitenden Körperschaften der Partei, der Gewerkschaften, Genossenschaften und Krankenkassen mit der Ausarbeitung der Einzelmaßnahmen, die die Verwirklichung des Planes erfordert. Der Parteitag appelliert nicht allein an die Arbeiterklasse, sondern an alle Klassen der Bevölkerung, die unter der gegenwärtigen Wirtschaftsnot leiden, und an alle, die guten Willens sind, ohne Unterschied der Partei und des Glaubens, sich einer gemeinsamen Aktion in diesem Sinne anzuschließen. Der Parteitag beschließt, daß die Partei sogleich mit allen verfassungsmäßigen Mitteln den Kampf für die Eroberung der Macht mit dem Ziele-der Verwirklichung dieses Planes aufnimmt Der Parteitag erklärt, daß die Partei keinerlei Beteiligung an einer Regierung in Aussicht nehmen wird, die nicht den Plan der Arbeit als unmittelbar durchzuführendes Programm annimmt, daß sie jedoch bereit ist für die Eroberung und die Ausübung der Regierungsmacht die Unterstützung aller Gruppen anzunehmen, die sich dem Plan anschließen." Es ist ein Beispiel für die Regeneration des sozialistischen Willens. Sozialistische Erkenntnis und sozialistischen Willen zu wecken ist unser aller Aufgabe. Wir deutschen Sozialdemokraten fühlen diese Verpflichtung auf das Tiefste. Ungeheuer ist die ideologische Verwirrung in Deutschland. Erbarmungsloser Klassenkampf von oben beutet die deutsche Arbeiterschaft aus, zerschlägt ihr sozialistisches Bewußtsein, verwirrt, was sie sich geistig errungen hat. Wir müssen und wir wollen ihr Klarheit geben über ihre Lage, müssen ihr zeigen, wie die Krise durch sozialistische Maßnahmen überwunden werden kann. Die Entlarvung des Faschismus muß Hand in Hand gehen mit der Erneuerung des sozialistischen Wollens. Die Arbeit der belgischen Genossen bedeutet nicht nur die Aufstellung eines Programms. Sie ist eine Erneuerung des Willens. In diesem Sinne müssen auch wir programmatisch arbeiten— und wir werden es tun! Max Klinger. hu det WMttH peUcffeh Ein Wutausbruch gegen den„Neuen Vorwärts** Wir haben in unserer Ausgabe vom 10. Dezember über eine Reihe krassester Terrorakte und legaler Morde in Deutschland berichtet Das Regime wendet gegenüber der Wahrheit dieselbe Taktik an, die es vom ersten Monat seiner Herrschaft an geübt hat— es leugnet mit dreister Stirn feststehende Tatsachen. Wir haben am 10. Dezember mitgeteilt, daß am 11. November der Arbeiter Konrad in Flensburg beim Flugblattverteilen verhaftet und„auf der Flucht erschoss en" wurde. Diese Meldung wurde in Deutschland bestritten. Die„F 1 e n s b u r g e r Nachrichten" widmeten ihr einen langen Schimpfartikel, in dem sie den „Neuen Vorwärts" begeiferten und die Wahrheit der Meldung bestritten. Dieser Wutausbruch gegen uns hat folgenden Wortlaut: „W i c sie lügen! Wenn man es auch kaum für möglich halten sollte, die Tatsache bleibt bestehen: der berüchtigte„Neue Vorwärts", jenes sozialdemokratische Wochenblatt erscheint in Karlsbad immer noch. Nach wie vor füllen die dümmsten Greuelmärchen die Spalten dieses nunmehr so ziemlich unter dem Ausschluß der Oeffentlichkeit weiterlebenden Druckerzeugnisses. In der Ausgabe vom 10. Dezember wimmelt es wieder von„Geßler-Hut, Schandpfahl, Folterkammern, gefesselten Leichen" und ähnlichem Unsinn. An einer Stelle ist auch von Flensburg die Rede, und das ist der Grund, weshalb wir uns mit diesen Schreckensnachrichten befassen müssen. In großer Aufmachung wird dort mitgeteilt, in Flensburg sei der Arbeiter Konrad beim Flugblattverteilen auf der Flucht erschossen worden. In Flensburg gibt es nur einen einzigen Mann namens Konrad, und der sitzt seit geraumer Zeit im Gerichtsgefängnis hinter Schloß und Riegel. Er erfreut sich nach wie vor tadelloser Gesundheit und kann schon deshalb mit dem vom„Neuen Vorwärts" gemeldeten Todesfall nicht in Verbindung stehen, weil er in Flensburg aus dem oben angedeuteten Grund keine Möglichkeit hatte, sich beim Flugblattvereilen in Gefahr zu begeben. Wir glauben kaum, daß die Halunken von Karlsbad diese Richtigstellung ihrem Lesekränzchen mitteilen werden." Selten kann eine offizielle Lüge so schlagend widerlegt werden wie in diesem Falle, denn die Nachricht über die Ermordung dieses Arbeiters stammt von der Flensburger Polizeipressestelle imd wurde in denselben „Flensburger Nachrichten" vom 13, November veröffentlicht Hier ist der Bericht aus den„Flensburger Nachrichten": „Kommunistischer FlugbUatf- verteiler auf der Flucht erschossen. Sonntag nachmittags 15.30 Uhr wurde, wie die Polizeipressestelle mitteilt, der der Po- Hzel seit langem bekannte Kommunist Konrad D. beim Verteilen von Flugblättern verhaftet Nach der Festnahme ergriff er die Flucht und wurde durch einen Kopf schuß tödlich verletzt. In seinem Besitz fand man eine Menge Handzettel, In denen »um Hochverrat aufgefordert wurde." Der böse Wille zum Leugnen um Jeden Preis konnte nicht besser bewiesen werden! Unsere Meldung ist richtig und unbestreitbar. Der Wutaus� bruch der gleichgeschalteten Presse ehrt uns und wird uns ein Antrieb sein, weiter die Wahrheit zu verbreiten. Im übrigen ist ein neuer Beweis geliefert worden, daß die deutsche Presse völlig unglaubwürdig ist. Ileidiswelip ohne Mammerstein Daß der Chef der Heeresleitung, Freiherr von H a m m e r s t e i n, am 1. Februar seinen verantwortlichen Posten verläßt, wundert keinen, der die Verhältnisse in der Bendlerstraße von früher her einigermaßen kennt. Eher kann es Erstaunen erregen, daß dieser Offizier ein volles Jahr lang unter Hitlers Kanzlerschaft an Seinem Platze bleiben konnte und geblieben ist. Hammerstein, der in seiner Loyalität gegenüber der Republik seinerzeit soweit gegangen war, vor seinem eigenen Schwiegervater, dem General von Lüttwitz, als einem der Hauptakteure des bevorstehenden Kapp-Putsches zu warnen, hatte sich auch in den späteren Jahren keineswegs zum Nationalsozialisten entwickelt. In der Zeit, in der G r o e n e r an der Spitze des Ministeriums stand, Schleicher dessen rechte Hand war, gehörte Hamraerstein im Guten und Bögen zum engsten Kreise dieses„Staats fen Staate", Als Schleicher unmittelbar vor dem Sturze stand, drang Hammerstein ungestüm bis zum Reichspräsidenten vor und erhob heftige Vorstellungen. Aber der Alte stand so völlig im Banne der Ost- hilfe-Korruptionisten, seines Sohnes Oskar, des Oldenburg-Januschau und der anderen würdigen Gesellschaft, daß er den unbequemen Warner kurzerhand hinauswarf. Schleicher nr'Cte gehen, Hammerstein durfte bleiben. Denn einstweilen blieb die Reichswehr immer noch die große Sphynx und„der Staat im Staate". Sie kannte weder den Hitlergruß noch die peinliche Untersuchung verstorbener Großmütter, und neben Klöstern und Pfarrerkonferenzen blieben die Offizierskasinos letzte Asyle des freien Wortes, Wenn jetzt Hammerstein geht, so ist das ein Zeichen dafür, daß die Verhältnisse sich gewandelt haben und in weiterer Wandlung begriffen sind. Die meisten Offiziere sind in der Politik wie kleine Kinder, und darum ist es nicht unwahrscheinlich, daß ihnen die scheinbar „schneidige" Außenpolitik der nationalsozialistischen Regierung zunächst imponiert. Es wird— mit R 5 h m an der Spitze — ein tadelloser Parademarsch in den Abgrund, Em kopruptep Kultusmimsiep Vom Dorfschulmeister zum Großrafler. Das österreichische Lehrerblatt berichtet In seiner Nummer 21 einiges aus dem Werdegang des Reichsführers der nationalsozialistischen Lehrerschaft und Kultusministers von Bayern, des Herrn Hans Schern m. Schemm war vor kaum 10 Jahren noch ein kleiner Volksschullehrer in der Nähe von Bayreuth. Vor wenigen Jahren gründete er als Konjunkturritter der nationalsozialistischen Bewegung zusammen mit seinem Bruder einen kleinen Verlag in Bayreuth. Er hat eine gute Nase gehabt, denn sein oft von ihm gepriese« ner Edelmut und seine schamlosen Hetzreden haben gute Zinsen getragen. Sein Wunsch, den er seinem Privatsekretär äußerte:„Mein Verlag muß der größte des Reiches werden". scheint sich zu erfüllen. Er gibt heute in seinem Verlage die Tageszeitung„Fränkisches Volk" heraus, die in einer Auflage von 300.000 Exemplaren mit 12 Kopfblättern erscheint. Nach den Märzwahlen kaufte er für einen Spottpreis die sozialistischen Verlagsanstalten von Hof, Bayreuth, Regensburg, Würzburg und Bamberg auf, Als bayrischer Kultusminister verbot er sämtliche Lehrerzeitungen und ersetzte sie durch ein Zentralorgan seines Verlages, Meitelel statt Soziallsmiis Winterhilfe— ein Ppopagandatpick Alles, was der Nationalsozialismus tut, geschieht aus Propaganda. Die„Nationalsozialistische Parteikorrespondenz" bezeichnet selbst die Winterhilfe als eine„unerhörte Propaganda 1 e i s t u n g". Nicht Hunger und Kälte zu bekämpfen, sondern neue Anhänger zu gewinnen, ist also ihr Sinn! Nach einer offiziellen Meldung haben die Sammlungen bisher insgesamt 125 Millionen Mark erbracht, und zwar 96 Millionen Sachwerte und 29 Millionen Bargeld. Zum Schutz von 15 Millionen Menschen gegen Hunger und Kälte ein bißchen wenig! Niemand weiß, ob diese Angaben stimmen. Nationalsozialisten pflegen es bei der Propaganda nicht sehr genau mit der Wahrheit zu nehmen. Daß sie davon bei der Winterhilfe abweichen sollten, ist unwahrscheinlich. Es liegen sowohl Tatsachen vor, die das Ergebnis der Sammlung größer erscheinen lassen als es ist, aber auch Gründe für niedrigere Angaben. Auffällig ist auf jeden Fall, daß„Der Deutsche Unternehmer", ein amtliches Organ der deutschen Wirtschaft, das Ergebnis der Sammlung auf 250 Millionen Mark beziffert, doppelt soviel als die Winterhilfe. Liest man die Meldungen über die hohen Summen, die als„freiwillige Spenden" gezeichnet wurden, so spricht manches für die sehr auffällige Tatsache, daß für die Winterhilfe mehr Geld eingegangen ist als man zugibt. Man scheint Angst davor zu haben, daß zu hohe Anforderungen an die Winterhilfe durch die Notleidenden gestellt werden könnten, die vor Hunger und Kälte geschützt werden wollen! Anderseits aber scheinen auch Uebertrei« bungen beliebt zu sein. Der Wert der gespendeten Naturalien wird auf 96 Millionen Mark angegeben, für 20 Millionen Mark Kartoffeln, für 52 Millionen Mark Brotgetreide, für 24 Millionen Kohle. Zu gleicher Zeit teilt die Reichsbauernschaft mit. daß fünf Millionen Zentner Kartoffeln abgeliefert worden seien. Hier hat man die Herrschaften schon auf einer Unwahrheit ertappt Die Reichsbahn liefert frachtfrei. Da die Reichsbauernschaft die Spende an Kartoffeln sicherlich nicht zu niedrig angegeben hat, so hat die Winterhilfe einen Wert von 4 Mark Je Zentner eingesetzt, während er in Wirklichkeit höchstens 1.50 Mark beträgt. Aehnlich dürfte es bei den Angaben wegen Kohle und Getreide sein. Mehr genommen, als gegeben wird! Legt man die Angaben der nationalsozialistischen Winterhilfe zugrunde, so werden an 15 Millionen Menschen rund 120 Millionen verteilt. Im Durchschnitt kommt auf jeden Hilfsbedürftigen für den ganzen Winter 8 Mark. Und damit will man erreichen, daß in diesem Winter in Deutschland„niemand hungern und frieren" wird, wie Herr Göbbels verkündete? Das wäre schon dann eine lächerliche Uebertreibung, wenn die Winterhilfe eine zusätzliche Leistung zu den bisherigen Unterstützungen darstelltej Tatsächlich aber sind die Unterstützungen für Arbeitslose, für Wohlfahrtsempfänger auf der ganzen Linie erheblich gesenkt worden. Die Reichskasse allein erspart im Jahre 1933 487 Millionen an Arbeitslosenunterstützung. Aehnliche Beträge haben Länder und Gemeinden den Arbeitslosen abgezwackt Diese Kürzung steht in keinem Verhältnis zu der Abnahme der Arbeitslosigkeit. Sie ist im wesentlichen auf den Abbau der Einzelunterstützung zurückzuführen, die 1933 durchschnittlich um mindestens eine Mark pro Woche und Unterstützungsberechtigten gesenkt wurde. Das Resultat des Rechenexem- pels ist also folgendes; Dem Unterstützten wurden durchschnittlich im Jahre 52 Mark abgenommen und dafür von der Winterhilfe acht Mark„geschenkt". Aber selbst dieser Vergleich ist noch zu günstig. Ob die Winterhilfe 125 oder 250 Millionen eingenommen hat — fest steht auf alle Fälle, daß der größte Teil des Bargeldes, aber auch der wertvollste Teil der Naturalien in die Taschen der SA und sonstiger„Ver- dienstvol er" Pg. geflossen sind. Nicht der SA angehörende Bedürftige erhalten Bargeld überhaupt nicht, und von den Natura« lien nur diejenigen, die die SA übrig gelassen hat Auf alle Fälle ist Arbeitslosen und Wohl- fahrtsempfängern an Unterstützung mehr genommen worden als man ihnen als Spende schenkte. Wer kontrolliert? Die Winterhilfe ist keine Erfindung des Dritten Reichs. Wie alles bei den Nazis, so haben sie auch die Winterhilfe dem verhaßten „System" abgeguckt. Allerdings wurden in den früheren Jahren die Mittel für die Winterhilfe nicht zusammengebettelt, sondern von Reich, Ländern und Gemeinden aus allgemeinen Steuermitteln finanziert. Das Reich allein beteiligt sich mit mehr als 30 Millionen Jährlich an der Aktion. Dazu traten die Leistungen der Reichsbahn, der Länder und Gemeinden. Die Gesamtsumme, die verteilt wurde, war sicherlich nicht geringer als jetzt Dafür aber ging die Verteilung gerecht vor sich, wurde nach der Bedürftigkeit bemessen und nicht nach der politischen Gesin* nung. Vor allem aber halte jeder Bedürftige einen Rechtsanspruch, es war weder Gnade noch Bettelei! Ebenso wichtig ist ein anderer Unterschied. Der größte Teil der Mittel der Winterhilfe wird jetzt aus den unteren, mittellosen Schichten des Volkes herausgepreßt. Das gilt nicht nur von den „freiwilligen Spenden", die an der Arbeitsstätte bei Strafe der Entlassung gezahlt werden müssen. Das gilt auch von den Sammlungen für das Eintopfgericht und ähnlichen. Was die Kapitalisten und Schwerverdiener jetzt zur Winterhilfe beisteuern, mag im Einzelfall noch so hoch sein, die Gesamtsumme ist viel weni» ger als diese Herrschaften zu zahlen hätten, wenn die Abgabe nach der Leistungsfähigkeit bemessen wäre. Der wirkliche Charakter der Winterhilfe wird aber erst klar, wenn man bedenkt, daß die von der Regierung beschlossene Hilfsaktion von der nationalsozialistischen Partei durchgeführt wird. Die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" mit ihren 26.000 Ortsgruppen sammelt die Gelder und verteilt die Spenden. Niemand kontrolliert diese Organisation, der nicht von ihr selber abhängig Ist Ungezählte Korruptionsfälle ereignen sich täglich in allen Gegenden des Reiches. Nie ist so viel Betrug und Veruntreuung vorgekommen. als hier. Diese Mißstände werden von oben gedeckt und vertuscht, weil die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt in erster Linie die Aufgabe hat, mit ihren Geldern den unzufriedenen Pg. zu helfen und vor allem d i e Mittel für die Besoldung der SA zu liefern. Die Winterhilfe der Nazis ist also weder ein großes Werk noch eine sozialistische Tat Die mit ungeheuerem agitatorischen Pomp durchgeführte Aktion soll die Millionenschar der Bedürftigen nicht zur Erkenntnis kommen lassen, daß das Dritte Reich sie schlechter stellt als früher und ihnen Gnade statt Recht gibt. Die Winterhilfe ist nichts anderes a'5 eine Bettelei, sie hat mit Sozialismus nicht das Geringste zu tun. Der„deutsche Sozialismus" des Herrn Göbbels, sein„gewaltiges Werk gegen Hunger und Kälte" ist nur ein gewöhnlicher Propagandatrick, mit dem die Armen des Volkes eingeseift werden. das in einer Riesenauflage von 660.000 herausgegeben wird. Im Einverständnis mit dem„Führer" erscheint ebenfalls in seinem Verlage eine Schülerzeitung in der Auflage von 6 Millionen, die jedem Schüler auf amtlichem Wege zugestellt werden soll. Seit kurzem erscheint ebenfalls in seinem Verlage eine Schriftenreihe„Des erwachten Deutschlands", deren Abonnement mit dem üblichen nationalsozialistischen Druck durchgesetzt wird. Bei diesem„bescheidenen Einkommen" nimmt es natürlich nicht wunder, daß der„einfache Soldat Hitlers" auf dem internationalen Kongreß in Santander in braunem Seidenhemd, braunen Lackstiefeln und einem SSK-Mercedes, der 45.000 RM. kostet, erschien. Die Delegierten des Kongresses haben für diesen„bedeutsamen" Mann nicht genügend Verständnis gehabt, sondern sie haben in seltener Einmütigkeit ihm und seinen Genossen die Teilnahme am Kongreß verweigert. »Keine Träne!« Walter ftlöhrings Tod Die nationalscialistische„Fränkische Tageszeitung" braci.te kürzlich folgenden Gemütserguß: „Oberstudiendirektor Dr. Walter Mehring, der rote Schulbonze Nürnbergs, der seit Jahren sein Unwesen in Nürnbergs Schulwesen treiben konnte, wurde auf Grund des neuen Beamtengesetzes ohne Ruhebezüge entlassen. Zu dieser Meldung erfahren wir ergänzend, daß sich der Marxist Möhrlng in den heutigen Frfihstunden durch Erhängen sein Leben genommen hat. Kein Mensch wird ihm eine Träne nachweinen." Genosse Möhring gehörte zu den beliebtesten feinsinnigsten Schulmännern des fränkischen Gebietes. Ilm die Saar Die Sozialdemokratische Partei des Saargebiets, die sich auf ihrem letzten Parteitag als selbständiges Glied der Sozialistischen Arbeiterinternationale konstituierte, hat auf einer Neujahrskonferenz folgende Entschließung angenommen: Die Sozialdemokratische Landespartei des Saargebietes bekennt sich als ein treues Glied der internationalen sozialistischen Bewegung und als eine Kampforganisation für die Freiheit des deutschen Volkes. Sie steht auf dem am stärksten gefährdeten Vorposten des internationalen Kampfes gegen die faschistische Diktatur und weiß sich mit ihren um die Freiheit ringenden Brüdern im Reich auf das innigste verbunden. Unzerreißbar ist die Schicksalsgemeinschaft der Saarbevölkerung mit dem deutschen Volke- Der Freiheitskampf an der Saar ist mit dem Freiheitskampf im Reiche untrennbar ver« knüpft Der deutsche Boden, auf dem die SLS. ihren Freiheitskampf führt darf nicht dem nationalsozialistischen Terror ausgeliefert werden. Deshalb ist die SLS. fest entschlossen, den nationalsozialistischen Terror unter allen Umständen abzuwehren. Sie fordert die gesamte freiheitsliebende Bevölkerung auf, sich der Freiheitsfront des Saargebietes anzuschließen und ihre Tätigkeit zu unterstützen. Sie verlangt zugleich vom Völkerbund die unbedingte Sicherung der freien Willensbildung des Saarvolkes. Zugleich weist die Sozialdemokratische Partei erneut auf die Notwendigkeit hin, die bisher auch von allen übrigen Bevölkerungskreisen unterstützt wurde, nämlich dem Saargebiet eine Anleihe- zur Erleichterung der Wirtschaftskrise zu ermöglichen und im Interesse der gesamten öffentlichen und privaten Wirtschaft des Saargebietes, der Kapitalnot durch Sicherung von fremden Kapitalinvestierungen unabhängig vom Abstimmungsergebnis zu gewährleisten. Nur so wird es möglich sein, im Interesse notleidender Schichten des Saarvolkes wenigstens einen Teil der nachteilize0 Krisenwirkungen einzuschränken. Ursprünglich war gefordert worden. die Abstimmung notfalls bis zu einem Termin zu vertagen, zu dem eine wirklich freie Abstimmung möglich sein würde. aber leider steht der Wortlaut des Vertrags von Versailles der Erfüllung dieses berechtigten Wunsches entgegen. Die jetzt geforderte Sicherung der freien Willensbildung kann nichts an der Tatsache ändern, daß in diesem Augenblick zahlreichen Saarländern, die unter den früheren Verhältnissen selbstverständlich für die rascheste Rückkehr zum Mutterlande w'3' ren, die Abstimmung für Deutschland eine moralische Unmöglichkeit ist. Indes trennt uns von der Saarabstimmung noch ein Jahr, in dem sich noch vieles ereignen kann. Der Kampf um Lubef Cliquenstreit in der NSDAP Die Clique um Darrö hat der in Baye1"0 herrschenden Naziclique einen Streich gespi6"' Die Bayern hatten den Staatssekretär im bayrischen Wirtschaftsministerium L u b e r hinausgeschmissen, angeblich weil er nach de"1 Vorbild anderer brauner Großwürdenträ26r sich ein Gut hatte schenken lassen, in Wahrheit weil er zur Darrö-Clique gehört Darr« hat Luber seinen intimen Parteifeinden hj München wieder vor die Nase gesetzt. Es w'' mitgeteilt: "�u!r�rund der Paragraphen 10 und ? r 1. Verordnung über den vorläufigen A"' bau des Reichsnährstandes vom 8. Derembe[ 1933 wurde durch den Reichsernährung m. mster Reichsbauernführer Darr« Luber3' h a.? s b V V" f ä h r e r der Landes uer n schaft bestätigt und"""j-s seset, Vertretung � r»iri j1 s" 8 s ♦ a n d e s für die In de" Pfl, reich der Landesbauernschaft Bayern v.m en übertragen.". rrf Nun kann Herr Luber sich wieder e'" � m Bayern schenken lassen! Außenpolitisehes Tollhaus Dollfuß klagt an— Miljukows Enthüllungen Der Kern des Rüstungsproblems Man stelle sich vor, jemand würde die englische Regierung beschuldigen, sie 'asse öffentliche Gebäude anzünden, um nann ihren politischen Gegnern wegen angeblicher Brandstiftung den Prozeß zu machen, oder man stelle sich vor, jemand �vurde von der französischen Regierung behaupten, sie lasse durch ihre Meuchelmörder fremde Regierungschefs morden— welche Wirkung würde wohl eine solche Anklage in der Weltöffentlich- ..hervorrufen? Gewiß keine andere a s die, daß man in den Zeitungen eine �onz von einem armen Irrsinnigen lesen "ivurde- der wirre Redensarten geführt nabe und deshalb in eine Heilanstalt ge- nracht worden sei. Von der gegenwärtigen deutschen Kcgierung hat man jedoch in einem großen Teil der Weitpresse lesen können, daß sie die eigentliche Urheberin des Reichstagsbrandes sei, und jetzt nach der Ermordung des rumänischen M nisterpräsi- Oenten durch Mitglieder einer rumänischen raseiiistenorganisation versichern große ernsthafte Zeitungen, die tödlichen Schüsse seien eigentlich d e u t s c h e Schüsse gewesen. Man erinnert in diesem Zusammenhang an das verunglückte Attentat auf °en österreichischen Bundeskanzler y ollfuß. Dieser selbst hat in einer Aufsehen erregenden Neu:ahrsrede freundschaftliche Beziehungen zu allen Nachbarländern festgestellt— ausgenommen �eutschland. gegen das er die An- age erhob, sich in die inneren Verhält- msse Oesterreichs eingem'scht und Ter- o r a k t e in noch n'cht dagewesener »»eise unterstützt zu haben. Wie man sieht, steht das Dritte Reich n einem guten Ruf! Seine Untertanen mirten aber nicht einmal fragen, wie es zu im gekommen ist. Ohne Frage wird innen die Auskunft gegeben, daß die Juden und die Emigranten daran schuld hätten. Es wird ihnen befohlen, Aich?u entrüsten— über Juden und Etni- Kfanten." • .Auch die Enthüllungen des alten Ka- ttenfülirers M i 1 j u k o w über gewisse utirussische Treibereien würde man ail- ®me n in das Reich der Fabel verweisen, enn nicht eben Berlin als ihr Mittel- PUnK't genannt wäre und wenn nicht Mil- JUKow als ein Mann bekannt wäre, der Off S i5' a's cm Märchenerzähler. enbar haben die weißgardistischen -nteurer, die mit deutscher und japa- r'p� n Rußland in Stücke s, 1 e n wollen, in ihrer Dummheit den p m national gesinnten Miljukow für ihre siM," j rn't.einsPannen wollen, und haben i,"'il52! eine Abfuhr geholt. Nach Mil- j,e 0Ws Mitte lungen— die. wie Litwinows ueste Rede zeigt, in Moskau sehr ernst Dlnt?rnmen werden— bereiten die Kom- lit:, re einen deutsch-japanischen Koa- niapl- Rußland vor. Die Ge- Gh u1 dieses Planes kann durch nichts duu0* en wercien. selbst nicht einmal Wen �'e freunci'iclien Angebote, die die de« kaiserliche Regierung während er. Krieges an Mexiko und Japan .en''e®''üe Vereinigten Staaten von »..,,er'ka anzugreifen und sich für diese seh®yaltun«'n Texas und Kalifornien Jet t S Zu i13'!6"- Man versteht übrigens 1�. zt uueh, warum jüngst in einer grotes- Söh'äruns die Gleichwertigkeit der Sch ne �'ppons mit der nordisch-germani- je: Edelrasse festgestellt wurde. Viel- (jQC, konnte in manchen Kreisen des clien Volkes noch das Wort von den Und6 S t i n k a f f e n" lebendig sein, mit nan k0""*® Bedenken tragen, sich hönH asiaten sesen die Russen zu versind C''e doc'1 zweifellos Arier der Solche Bedenken wegzuräumen ist tkou �'ehrten Rassenforschung patrio- *che Pflicht. beJ?aröber hinaus ist noch ein anderes jT n®rkenswert. Während die Hitlerregie- tenx die sozialdemokratischen Emigran- Verleumdet. sie hetzten zum Krieg «i Deutschland, bereitet sie im Bunde Em ireaktionären russischen vor K r 3 n t e n den Krieg gegen Rußland eigentlich geht und so kann die Hitlerregierung den großen Vorteil genießen, der ihr aus dieser Unklarheit entstanden ist. Es kann an sich keine gerechtere Forderung geben als die nach Gleichberechtigung des deutschen Volkes mit allen anderen Völkern auf allen Gebieten. Aber es kann auch keine unmöglichere, keine gefährlichere Forderung geben, als die nach einer deutschen Aufrüstung unter dem gegenwärtigen System. Das Prinzip der Nichteinrmschung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates zwingt die Diplomatie, vor diesem realen Problem die Augen zu verschließen. Die H tlerregierung kann daher als Vorkämpfer der deutschen Gleichberechtigung auftreten, niemand entgegnet ihr, daß diese Forderung keinen schlechteren Vertreter finden kann als sie und daß sie selber für ihre Erfüllung das größte Hindernis ist. Gleichberecht'grng für alle, selbstverständlich, gewiß! Aber heißt das daß man den Insassen eines Irrenhauses oder den Stammgästen einer Kaschemme Handgranaten geben muß, soviel, wie sie haben wollen? Den Leuten, die heute an der Spitze des Deutschen Reiches stehen, würden die Polizeibehörden eines geordneten Staates d e Ausstellung eines Waffenpasses pflichtgemäß verweigern. Ihnen, ausgerechnet ihnen, soll man ein Recht auf Mehrbewaffnung einräumen, das man allen früheren deutschen Regierungen versagt hat? Neben dem Recht auf gleiche Bewaffnung steht für alle Völker die Pflicht, sich selber so zu regieren, daß den anderen Völkern ein vertrauensvolles Zusammenleben mit ihnen möglich ist. Niemals war man von diesem Zustand des allgemeinen Vertrauens weiter entfernt als jetzt, und niemand hat das internationale Vertrauen gründlicher zerstört, als es die gegenwärtigen Machthaber Deutschlands getan haben. I h r Ruf nach mehr Waffen wirkt darum schon wie eine halbe Kriegserklärung. Je beharrlicher die Diplomaten über diesen Kern des Rüstungsproblems schweigen, desto lauter wollen wir von ihm reden. Es fällt uns nicht ein, den Anspruch des deutschen Volkes auf Gleichberechtigung preiszugeben, aber wir haben Verständnis dafür, daß die Aufrüstung H i 1 1 e r-Deutschlands von den Nachbarn ringsum als Gefahr empfunden wird und daß sie nach Mitteln sinnen, sie zu verh'ndern. Für die bedrohliche außenpolitische Lage, in der sich das deutsche Volk befindet, trägt der Tollhauskurs der gegenwärtigen Regierung die volle Verantwortung. Es gibt weder im Frieden noch im Krieg eine Frage, in der wir uns nvt dieser Regierung solidarisch erklären könnten; nicht sie zu unterstutzen, sei es auch nur in einer einzigen Frage, sondern auf ihren Sturz hinzuarbeiten, ist die wahrhaft nationale Aufgabe. Der Fall Lahusen Die das Dritte Reich nicht mehr erreichten keif de'felne offizielle Persönliches e,. e't auszusprechen gewagt, um bei der Frage der Abrüstung Gustav Carl Lahusen, der Chef der pleite gegangenen Nordwolle, ist zu fünf Jahren Gefängnis und 50 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden, sein Bruder Heinz zu 2 Jahren, 9 Monaten Gefängnis. Der Zusammenbruch der Nordwolle leitete die große Banken- k r i s e in Deutschland ein. Es eröffnete sich plötzlich ein Blick in die Abgründe kapitalistischen Systems. Im Zusammenbruch enthüllten sich Schwindel, Betrug und Korruption. Aber die Betrüger im Riesenausmaß— die Verluste der Nordwolle betrugen 250 Millionen Mark— fanden die Unterstützung der Nationalsozialisten! Sie hatten zu den Geldgebern Hitlers gehört. Sie nahmen die prominentesten nationalsozialistischen Rechtsanwälte zu Verteidigern — zeitweilig hat der jetzige Reichsjustizkommissar und bayrische Justiz- minister Frank die Sache der Betrüger geführt! Die Lahusens haben sich auf die Freundschaft der Nationalsozialisten verlassen, und einflußreiche nationalsozialistische Regierungskreise haben versucht, den Prozeß niederschlagen zu lassen. Es war weder Rechtsgefühl noch Scham, was schl eßlich zur Durchführung des Prozesses geführt hat, sondern lediglich die Rücksicht auf das Ausland. Zu den von den Lahusens Betrogenen gehörten einflußreiche englische Finanzkreise und Banken. Die öffentliche Meinung in England hat mit Entrüstung der juristischen Verschleppung des Falles zugesehen und ohne ihre Aufmerksamkeit hätte man die Lahusens wahrscheinlich ebenso laufen lassen wie die Mörder von Potempa. Die Groß-Spekulanten, Gründer und Schieber in der deutschen Schwerindustrie müßten den Lahusens von rechts- wegen ein Ehrenmal errichten! Als die Danatbank am Lahusenbetrug zusammenbrach benutzte die Regierung Brüning die Gelegenheit, um der zusammenbrechenden Schwerindustrie kräftig unter die Arme zu greifen. Die notwendige Bereinigung unterblieb, die bankrotte Schwerindustrie konnte sich weiterschleppen, bis das Hitlerregime mit seinen Geschenken und Liebesgaben an Thyssen und Konsorten erschien. Vom Nordwollbetrug bis zur Hitler-Thyssen- Korruption— das ist das dunkelste Kapitel der Wirtschaftsgeschichte des deutschen Kapitalismus. Die Lahusens haben Unglück gehabt— sie haben ihren Betrug nicht b'.s zum Ausbruch des Dritten Reichs durchschleppen können. Sonst ständen sie heute groß da, wären nach wie vor„königliche Kaufleute", reich bedacht mit Liebesgaben des Dritten Reiches, und Hitler nebst anderen Großwürdenträgern würden geruhen, auf Schloß Hohehorst ihr Gast zu sein. Vielleicht wären sie auch Stadträte geworden und Diktatoren der neuen deutschen Wirtschaft... Die Lahusens sind verurteilt— aber Herr Thyssen ist in Hitler-Deutschland ein großer Mann! Wir dürfen in diesem Zusammenhang Herrn Schacht nicht vergessen! Die Lahusens mußten verurteilt werden. Manche Engländer, Holländer und andere Gläubiger Deutschlands hätten sonst nicht mehr begriffen, was der Unterschied zwischen den Lahusens und Herrn Schacht ist. Die Lahusens haben ihren ausländischen Gläubigern ihr Geld auf ihre Weise abgenommen— Herr Schacht tut es auf seine Weise. Die Lahusens mußten verurteilt werden, damit man sieht, daß ihre Methode Betrug war, die Methode des Herrn Schacht aber— nationale Politik! Das große Zeitungssterben Der stumme Protest des Volkes Der Präsident der Reichspressekammer A m a n n hat am 13. Dezemb. auf einer Pressekonferenz in Berlin den völligen Bankrott der Gleichschaltung der Presse eingestanden. Die gesamte deutsche Presse, führte er aus. müsse sich darüber klar sein, daß es mit einer lediglich äußeren Gleichschaltung, die sich in vielen Fällen mit einer fast erschreckenden Schnelligkeit vollzog, nicht getan ist. Die neue Aufgabe der Presse könne nicht darin erblickt werden, daß die Mehrzahl der deutschen Zeitungen ihrem Inhalt nach mehr oder weniger gleichmäßig langwellig sind. Es genüge nicht, einige ältere, im übrigen vielleicht bewährte Mitarbeiter zu entlassen und an ihre Stelle Nationalsozialisten zu setzen, wenn der sonstige Kreis der Mitschaffen» den das Wesen der Presse gründlich verkenne. Der Alarmruf des Präsidenten der Reichspresse» kammer ist eine Folge des katastrophalen Rückganges der Abonnenten- z a h I und des Verfalls des Zeitungswesens fm Dritten Reich. Laut dem Bericht des Instituts für Zeitungskunde vom 1. Oktober 1933 gab es in Deutschland von 2703 Tageszeitungen im Jahre 1932 nur noch 1128. Der Rückgang der Tageszeitungen betrug mithin innerhalb von acht Monaten Hitlerherrschaft mehr als 3 8 Prozent Es wurden 1248 Zeitungen verboten, 327 Blätter haben ihr Erscheinen „nach eigenem Entschluß" eingestellt. Von den 348 W o c h e n z e i t u n g e n des Jahres 1932 erschienen im Oktober 33 noch 217. Sie haben sich also last um 40 Prozent vermindert Von den 96 halbmonatlich erschienenen Blättern existieren noch 47, also knapp die Hälfte. Von den 183 Monatsschriften bestanden noch 102, so daß also auch von ihnen 45 Prozent vernichtet wurden. Nach dem erwähnten amtlichen Bericht erschienen Im Juni 1933 insgesamt 300 Millionen Exemplare von Druckerzeugnissen gegenüber einem Monatsdurchschnitt des Vorjahres von einer Milliarde. Die Schrumplung der Preßproduktion betrug demnach bereits im Juni 7 0 Prozent seitdem wird sie sicherlich noch um vieles zugenommen haben. Besonders charakteristisch sind die Zahlen über den Rückgang der in der Presse beschäftigten Personen. Festangestellte Redakteure gibt es heute in Deutschland noch 5341 gegenüber 19.200 im Vorjahre. Ihre Zahl bat sich also um 13.859 oder 72 Prozent verringert. Die Ursachen dieses erschreckenden Rückgangs liegen nicht nur in der Vernichtung der sozialistischen und demokratischen Presse, sondern auch in der geistigen Verödung und Korrumpierung der gleichgeschalteten Presse. Eine Presse, die eine eigene Meinung vertritt, gibt es heute in Deutschland nicht mehr. Die Folge ist ein stiller, aber unüberwindlicher Leserstreik, der durch keinerlei behördliche Maßnahmen, durch keine Nazi-Werbekolonnen, durch keine Drohungen aufgehalten werden kann. Dieser Leserstreik ist ein spontaner Protest des Volkes gegen das unterdrückte und geschändete Wort, Zur Illustration des Sterbens der deutschen Presse seien folgende Daten angeführt; Das„Berliner Tagblatf* sank von einer Auflagenziffer von 250.000 auf 25.000, die„Berliner Voikszeitung" von 50.000 auf 7000. Dem Ullstein-Konzern gehts kaum anders. Das „Tempo"— es hatte einst ein Auflage von 100.000— wurde eingestellt, das Abendblatt der„Vossischen Zeitung", ebenfalls die„V. Z. am Mittag", ehemals das meistgelesenste Boulevardblatt Deutschlands, fiel von 200.000 auf 60.000, die..Morgenpost", früher die verbreitet- ste aller deutschen Tageszeitungen, reduzierte ihre Auflage von 750.000 auf 200.000 Stück, die „Grüne Post", Deutschlands meistgelesenste Wochenschrift, sank von einer Million auf 300.000 Exemplare, und die„Berliner Illustrierte" verlor von ihrer Rekordauflage von 1,800.000 Exemplaren 1,450.000. Der deutsch- nationale Hugenbergkonzern schrumpft ebenso ein. Der„Lokalanzeiger", der früher 170.000 Abonenten besaß, druckt heute 100.000 Exemplare, die„Nachtausgabe", die eine Auflagenziffer von 130.000 hafte, erscheint letzt in 65.000 Exemplaren.„Die Woche", das größte Geschäft des Verlages, 1932 in einer Auflage von 450.000 Stück erscheinend, sank auf 300.000 Stück. Die großen Provinzzeitungen verkümmern, die„Kölnische Zeitung" wird verboten: die Verlagswerke Girardets in Hamburg konnten auch unter der Leitung des ganz rechtsstehenden Generaldirektors Nießner nicht vor Verboten bewahrt werden: Der Hamburger Anzeiger, der 150.000 Abonnenten besaß, wurde eingestellt Auch die Nazipresse wird trotz aller behördlichen Werbe- und Pressionsmittel vom stummen Leserstreik in Mitleidenschaft gezogen. Bezeichnend ist hier der Verfall des früheren Cöbbels-Blattes„Der A n g r i f f", das im Jahre 1931 einen Abonnentenstand von 60.000 verzeichnete, heute aber nur noch rund 30.000 Abonnenten zählt Am 30. September kündigte der„Angriff-Verlag allen Mitarbeitern; am 31. Oktober wurden 25 Personen entlassen. Jetzt geht der„Angriff" noch einen Schritt weiter, er will sämtliche Zeitungsfahrer entlassen und das Ausfahren der„Zeitungszentrale" übertragen. Im Verlag Neumann& Comp„ Prag-Karlfn wird Mitte Januar in einer deutschen und einer tschechischen Ausgabe die neue satirische Wochenschrift Der Simpllcus erscheinen. In einer Vorankündigung verspricht der Verlag, die große Tradition des Münchener„Simpli- cissimus" fortzusetzen, so wie sie vor der politischen Gleichschaltung bestand. Mitarbeiter sind unter anderen: Franta Bidlo, Cami, Josef Gapek, Karel Canek. Otto Eis. Fritta. Arnold Hahn, Adolf Hofmeister, Arthur Hoilitscher, Erich Godal, Alfred Kerr. Klaus Mann, Heinrich Mann. Walter Mehring. Mynona, Antonfn Pelc, Walther Rode, Arthur Stadler, Erich Weinert. »Wer nicht arbeitet«, soll auch nicht essen!« Hitler zerstört die Sozialversicherung Vor kurzem versprach Hitler einer Abordnung von ergrauten Arbeitsinvali en die Gleichstellung mit den Kriegsopicrn, also die Erhöhung ihrer Renten. Gleichzeitig aber sauste die Guillotine der brutalen Kürzung der Renten in Gestalt eines neuen Gesetzes mit der Irreführenden Ueberschrift zur„Erhaltung" der Invalidenversicherung auf sie herab. Dieses Gesetz senkt die Renten auf durchschnittlich 25 Mark monatlich. Es erspart der Reichskasse, die durch die Subventionen an Großindustrie und Großagrarier, sowie durch die Gehälter für Zehntausende von neuen braunen Bonzen geleert wurde, mehr als 200 Millionen Mark jährlich. Besonders schamlos ist die Haltung des G e s a m t v e rb a n d e s deutscher Kriegsopfer. Solange die Leitung des früheren Zentralverbandes der Arbeitsinvaliden sich in den Händen von Sozialdemokraten befand, sorgte der Verband für seine Mitglieder. Der Führer der neuen Organisation, ein Herr E b e 1 i n g, benutzt den Erlaß des neuen Gesetzes, um die Arbeitsinvaliden wegen ihrer „Begehrlichkeit" zu beschimpfen. In seiner Rede finden sich folgende Stellen: „Im Weimarer System standen die Opfer der Arbeit jenseits der Nation.1* „Ihre Verführer stachelten die Begehrlichkeit an. Die Begehrlichkeit der Rentenempfänger nahm keine Rücksicht auf die Gesamtheit unseres Volkes." „An die Stelle der früheren Begehrlichkeit ist heute die Genugtuung darüber getreten, daß die Opfer der Arbeit vollwertige Mitglieder der deutschen Volksgemeinschaft sind." JDie ideellen Ziele, die sich der Verband gestellt hat, sind höher zu bewerten als irgend welche materiellen Vorteile." „Der Verband lehnt es ab, materielle Forderungen wegen der die Mitglieder schwer drückenden Notverordnungen der letzten Jahre zu erheben." Rentner, die durch ein langes Leben voll harter Arbeit erwerbsunfähig geworden sind und nun völlig mittellos sich gegen den Abbau ihrer kargen Rente von 30 Mark monatlich wenden, sind also in den Augen der Nationalsozialisten„be' göhrliche Subjekte". Zum Schimpf fügt Herr Ebe« ling auch noch Spott und Hohn. Er teilt triumphierend mit, daß man zwölf„Ehrenpunkte" für die Opfer der Arbeit aufgestellt habe. Sie «ollen„Abzeichen" tragen ünd„Ehrenplätze" erhalten. Wie man mit einer Rente von noch nicht einer Mark pro Tag Theater, Konzerte, Kinos besuchen kann, hat Herr Ebeling am eigenen Leibe sicherlich noch nicht ausprobiert Die Arbeitsinvaliden sind also im Dritten Reich völlig schutzlos. Niemand nimmt sich ihrer Interessen an. Deshalb war es dem Vertrauensmann der Großkapitalisten, dem Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt frü- Wer geht aus dem großen Prozeß um den Reichstagsbrand als gestäupt und verurteilt hervor? Wozu brauch- tedieRegierungHitlerdiesen Monstreprozeß? Wer sind die wirklichen Brandstifter? Ist eine Aufklärung noch möglich? Welche politische Wirkungen sind von ihr zu erwarten? Der Prozeß um den Reichstagsbrand hinterläßt ungelöste Rätsel. Die in den nächsten Tagen erscheinende Schrift von Justinian: „Reichstagsbrand" beschäftigt sich mit diesen Fragen und stützt ihre Feststellungen auf unwiderlegliche Tatsachen. Wer Uber den Prozeß ernstlich mitreden will, muß zuvor diese Schrift lesen! Sie erscheint Anfang Januar im Verlag„Graphia", Karlsbad her Generaldirektor des größten deutschen Versicherungskonzers, ein leichtes, die Sozialversicherung von einer sozialen auf eine rein kapitalistische Grundlage zu stellen. Bei der Invalidenversicherung ist jetzt das Prämiendeckungs- und Anwartschaftsverfahren eingeführt worden. Das bedeutet, daß ebenso wie bei jeder privaten Lebensversicherung jedes Mitglied der Invalidenversicherung durch seine Beiträge das Versicherungskapital ansammeln muß, aus dem seine Rente bezahlt wird. Der soziale Gedanke einer solidarischen Haftung aller, bei der die Leistungsfähigen mit für die Leistungsschwachen sorgen, bat im Dritten Reich keinen Raum mehr. Das neue Gesetz umfaßt die Invaliden-, Angestellten- und Knappschaftsversicherung. Die Renten werden weitgehend g e- kürzt, die Beiträge gesteigert und der Zuschuß des Reiches abgebaut. Sos mit wird fortgesetzt, was von P a p e n im Juli 1932 begonnen wurde. Damals tobten Hitler und Göbbels gegen diese„Schamlosigkeit". Will man sich ein Urteil bilden, in welches grauenvolle Elend die Rentner gestürzt werden, so muß man die„Reformen" von Papen und Hitler als ein Ganzes betrachten. Vor der Notverordnung Papens im Juni 1932 bestand die Rente eines Invaliden aus einem Reichszuschuß von 72 Mark jährlich und einem Grundbetrag von 168 Mark. Dazu kamen Steigerungsbeträge in Höhe von 20 Prozent der geleisteten Wochenbeiträge. Außerdem wurden für die Inflationszeit vom 1. Oktober 1921 bis 31. Dezember 1932 Aufwertungssätze gewährt Durch die Notverordnung von Papen wurde der Grundbetrag von 168 auf 84 Mark gekürzt. Hitler aber geht viel weiter. Er senkt den Grundbetrag nochmals von 84 auf 72 Mark und streicht zugleich den Zuschuß von 72 Mark vollständig, den das Reich bisher zu jeder Rente gewährte. Zahlenmäßig sieht das folgendermaßen aus: Bei Bei Bei Bruming Papen Hitler Reichszuschuß 72 Mark 72 Mark nichts Grundbetrag 168 Mark 84 Mark 72 Mark Zusammen 240 Mark 156 Mark 72 Mark In der Opposition versprach Hitler, die Rentenkürzungen aufzuheben. Als Volks- k a n z I e r vergißt er diese Versprechungen, kürzt die Renten schärfer als sein Vergänger, senkt die Grundbeträge um 168 Mark, so daß sie kaum noch ein Drittel der ursprünglichen Höhe im„System" betragen. Das trifft besonders hart die niedrigen Renten von 300 bis 400 Mark im Jahre. Ihnen wird fast die Hälfte ihrer Rente gestohlen. Aber auch die Steigerungssätze werden von 20 auf 16 Prozent gekürzt, die Aufwertungsbeträge ganz gestrichen. Selbst die Renten der Angehörigen der Versicherten werden vermindert Trotz dieses gewaltigen Abbaus der Leistungen werden aber demnächst die Be i t r ä- g e um durchschnittlich 30 Prozent erhöht. In Klasse 1 steigt der Beitrag von 30 auf 39 Pfennig wöchentlich. In Klasse 7 von 2 Mark auf 2.73 Mark. Für Wochenverdienste von 42 Mark und mehr wird eine Klasse 8 mit einem Beitrag von 3.12 Mark neu geschaffen, außerdem zwei Klassen 9 und 10 für freiwillige Versicherung. Die Beiträge betragen künftig 6*/« Prozent der Endsumme jeder Lohnklasse, die gesamten Sozialabgaben mindestens 12 bis 13 Prozeß des Lohnes. Die Durchschnittsrente des Invaliden war schon im Juni 1932 von 39 auf 33 Mark monatlich gesenkt worden. Jetzt erfolgt eine neue Kürzung. Der Wegfall des Reichsausschusses beträgt 6 Mark monatlich, die Verminderung des Grundbetrages 1 Mark. Dazu kommt noch die Verminderung der Steigerungsbeträge und der Fortfall der Aufwertungssätze. Die Durchschnittsrente wird im günstigen Fall 25 Mark monatlich betragen. Zehntausende von Renten aber werden noch weit unter diesem Betrage liegen. Die bankrotte Reicfaskasse saniert sich auf Kosten der Aermsten. Für alles hat Hitler Geld, nur nicht für die Arbeitsinvaliden. Noch im Jahre 1933 zahlte das Reich an die Invalidenversicherung Zu' schüsse von'433.5 Millionen. Jetzt ist diese Summe auf 200 Millionen herabgesetzt worden. 233 Millionen preßt Hitler den hungernden Rentnern ab. In der Angestelltenversicherung wird der Grundbetrag von 480 auf 360 Mk. jährlich herabgesetzt Die Steigerungssätze werden von 15 Prozent auf I2V« Prozent gesenkt die Aufwertungsrenten fallen ganz fort. Die Gesamtkürzung der Renten beträgt 271/« Prozent also mehr als ein Viertel der bisherigen Rente. Die Versicherungsgrenze wird von 8400 auf 7200 Mark herabgesetzt. Damit ist der Wunsch der privaten Lebensversicherungsgesellschaften erfüllt worden, denen bei den höheren Angestellten das Geschäft entgangen war. Die Knappschaftsversicherung, die ungleich höhere Beiträge nimmt als die Invalidenversicherung, wird in den Leistungen auf das Niveau der Invalidenversicherung herabgedrückt Die Regelung bei der Knappschaft ist noch nicht endgültig, die Dek- kung des Defizits macht noch weitere Abbaumaßnahmen notwendig. Skandalös ist die Bestimmung, die für alle drei Versicherungszweige gilt, daß bereits gewährte Rente nachträglich wieder entzogen werden kann,„ohne Feststellung einer wesentlichen Aenderung in den Verhältnissen des Rentenempfängers". Man will die Renten, obwohl sie auf Ansprüchen aus selbstgezahlten Beiträgen beruhen, nach politischen Gesichtspunkten gewähren. Marxisten werden als nicht mehr berufsunfähig erklärt und dann ihrer wohlerworbenen Rechte beraubt. Diese Neuregelung der Sozialversicherung entspricht völlig den Forderungen jener res aktionären Kreise, die nie damit einverstanden waren, daß allgemeine Steuermittel für die Arbeitsinvaliden verwendet werden, und daß die Renten einen einigermaßen ausreichenden Schutz gegen Schicksalsschläge bieten. Dies« Kreise haben auch stets gefordert, daß di« Höhe der Rente auschließlich nach den geleisteten Beiträgen bemessen wird, damit der Versicherte„kein Interesse daran, die Rente b a Id zu bekommen". Dieses Ziel wird nun erreicht. Niemand kann von einer so kargen Rente, wie sie künftig gewährt wird, leben- Jeder wird also so lange als möglich zu arbeiten versuchen, selbst auf die Gefahr, seine Gesundheit vollkommen zugrunde zu richten und einen Bettellohn zu erhalten. Der große soziale Gedanke— dem Arbeiter in seinem Alter ein sorgenfreies Dasein zu gewähren,— ist völlig beseitigt Das Dritte Reich kennt weder Rechte des Arbeiters, noch gesicherte Ansprüche. Um den ungeheuerlichen Anschlag auf die Arbeitsrenten zu vertuschen, hat man lumpige 7 Millionen Mark als„Stiftung für Opfer der Arbeit" zusammengebettelt. Das ist ein winziger Betrag, ein Sechzigste! jener Summe, die das Reich bisher jährlich allein für die Invalidenversicherung beigesteuert hat Von 2700 Gesuchen, die bei dieser Stiftung eingegangen waren, sind ganze 900 mit noch nicht 300.000 Mark bedacht worden. Kärgliche, unzulängliche und entwürdigende Bettelei, das ist es, was das Dritte Reich jenen Millionen Arbeitern und Angestellten zu bieten hat, die 30 und 40 Jahre lang treu ihre Pflicht getan haben. Trotzdem wagt der Staatssekretär Krohn zu sagen: „Die Wiederherstellung der Invalidenversicherung ist eine soziale Großtat die in der Nachkriegszeit kein Gegenstück hat" Verminderung der Renten der Arbeitsinvaliden um die Hälfte'— das ist„soziale Großtat?" Die Arbeitsrentner dürften anderer Meinung sein. Und Herrn Krohn eher darin zustimmen, daß diese Tat„in der Nachkriegszeit kein Gegenstück hat" ületallarbeiter unter NSBO-Kontrolle Politische Siebung der Mitglieder. Der Gewerkschaftsabbau schreitet im Eiltempo weiter. Der Neuaufbau der künftigen Deutschen Arbeitsfront(ohne Berufsverbände) wird immer deutlicher sichtbar. Ueber dem neuen Organisationsgebäude weht nur noch die Fahne der NSBO. So hat bereits in einer Versammlung in Hamm ein Nazi-Referent Pg. Nahamowitz angekündigt: „Bisher war das Verhältnis zwischen Deutscher Arbeitsfront und NSBO. derart gewesen, daß beide parallel nebeneinander gestanden hatten, die Arbeitsfront als rein wirtschaftliche Interessenvertretung, die NSBO. als politische Kampforganisation. Künftig wird die NSBO. die Dachorganisation der Deutschen Arbeitsfront sein.... Die Gestaltung der Dinge wird so erfolgen, daß die Deutsche Arbeitsfront ihre Direktiven von der NSBO. erhält und daß die Amtswalter der NSBO. ohne weiteres Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront sind." Die praktische Durchführung der NSBO-Herr- schaft über die früher gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten hat auch bereits in der Weise eingesetzt, daß die organisierten Arbeitnehmer mittels Fragebogen gesiebt werden. So versendet der Deutsche Metallarbeiterverband einen Fragebogen durch den die arische Abstammung die bisherige Zugehörigkeit zur NSDAP, NSBO. SA, SS usw. festgestellt werden soll. Die Mitgliedsbücher müssen nach der beigefügten Anweisung vollständig mit Beitragsmarken versehen sein, bevor der Metallarbeiterverband sein Dasein beschließt. Die neue Volksgemeinschaft beginnt also mit der Feststellung, welche Arbeiter und Angestellte Parteibuch-Gewerkschaftsmitglieder sind, wenn ja, wie lange und inwieweit sich NSBO-, bez. SA- und SS-Leute unter den Metallarbeitern befinden. Die marxistische Gesinnung hofft man überdies durch die Frage nach einem Geheimbund zu erforschen. Zur gleichen Zeit, da der Metallarbeiterverband die bisherigen Gewerkschaftsmitglieder nach der Eignung zu sortieren beginnt, wird aus dem Deutschen Arbeiterverband der öffentlichen Betriebe(früher Gesamtverband) ein Rundschreiben bekannt, wonach den neu beitretenden Mitgliedern ihre bisherige Mitgliedschaft in faschistischen Wehrverbänden oder bei der NSDAP, bezw. NSBO voll anzurechnen ist. Während also den bisherigen Trägern der Gewerkschaften in der von ihnen geschaffenen Organisation die Mitgliedschaft zweiter Klasse bevorsteht, werden den braunen Parteisoldaten aus den mühsam gesammelten Arbeitergroschen der alten Gewerkschafter Unterstützungen und Vorteile gewährt Zweck des verlockenden Angebots ist vor allem, die immer noch zögernden NSBO-Mitgliedem zum Beitritt in die Arbeitsfront zu veranlassen, um in jedem Falle ein Uebergewicht gegenüber den Marxisten zu schaffen. Entlassung mit Heil Hitler! Wie gut es der deutschen Wirtschaft geh'' ist aus einer Notiz des„Völkischen Beobachters" zu ersehen, in der berichtet wird, daß in dieser Weihnachtszeit zahlreiche Kündigungen vorgenommen wurden. Hitlers Zen- tral-Organ gesteht auch zu, daß sich weitere Kündigungen nicht vermeiden lassen. Zornig ist es nur darüber, daß verschiedene Betriebe diese Weihnachtsbotschaften des Dritten Reiches mit„Heil Hitler!" unterzeichneten. Eine Kündigung könne man nicht im Namen des Führers aussprechen. Ja, es hat seine Tücken mit dem Geßlef' hut Eines Tages wird eine Clownmützc daraus. In diesem Sinne: Heil Hitler I Ämrloentörfe, 6t>ilaWemj>f?arifcl>cs lDoci)cnbIoH Herausgeber: Ernst Sattler; veran< wortlicher Redakteur: Wenzel Horn Druck:„Graphia"; alle in Karlsbat Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-19� Der„Neue Vorwärts" kostet im Ein*®' verkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40,(für et Quartal hei freier Zustellung Kö 18.—). Pr®.1 der Einzelnummer im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Cegenwef in der Landeswährung'(die Bezugspreise Ju das Quartal stehen in Klammern): Argentim®. Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.-(24.-), B"' garien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0-2 (3.60), Deutschland Mk. 0-25(3.—), Estland � Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4.—(48-7' Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritanm®1 d. 4—(Sh. 4.-). Holland Gld. 0.15(1.80). Half® Lir. 1.10(13.20). Jugoslawien Din. 4.50(54.— f Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Lil. 0.55(6.- Luxemburg B. Frs. 2.—(24.—), Norwegen h- 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), fr, lästina P. Pf. 0.018(0.216), Polen Zloty Of (6.—), Portugal Esc. 2.—(24.—), Rumäni« Lei 10—(120.-). Saargebiet F. Fr. 1.50(18.- Schweden Kr. 0.35(4.20). Schweiz Frs. (3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40). Ungarn P®ng 0.35(4.20), USA. Dollar 0.06(0.20). Einzahlungen können auf Weende P®s| scheckkonten erfolgen: Tscbechoslowa»®' Zeitschrift„Neuer Vorwärts", Karlsbad- Pf 1 46.149. Oesterreich:„Neuer Vorwärts", Kaf',, bad. Wien B-198.30t. Polen:„Neuer Vorwärts Karlsbad. Warschau 190.163. Schwe'z;.>'®l!.e, Vorwärts". Karlsbad. Zürich Nr, VIII Ungarn: Anglo-Cechoslovakische und P1�., Greditbank, Filiale Karlsbad. Konto Vorwärts". Budapest Nr. 2029. Jogosla�''®.� Anglo-G echoslovakische und Praeer Cre�1' bank, Filiale BeVrad. Konto..Neuer wärts". Bengrad Nr. 51.005. Genaue Bezei� nung der Konten ist erforderlich. Nr. 30 BEILAGE Iteltaicfs 7. Januar 1934 Deutsche Wahrheit in drei Büchern Das Menschenpack fürchtet sich vor nichts mehr als dem Verstand, vor der Dummheit sollten sie sich fürchten, wenn sie begriffen, was fürchterlich ist. Goethe. Noch stehen wir der deutschen Katastrophe zu nahe, als daß es leicht sein könnte, dieses Krankheitsbild unserer Zeit zu durchdringen und plastisch zu meistern. Noch drängt sich uns das Unfaßliche der barbarischen Verirrungen und Verbrechen des Hakenkreuzlertums am Sichtbarsten hervor. Das Tun der Führer mag mit Begriffen wie Eitelkeit, Rachsucht, Egoismus, Feigheit, Sadismus zu erklären sein, der breite Ausbruch irrsinniger Gemeinheit in dem Volk der Kant und Goethe bleibt ein niederschmetterndes Erlebnis auch für den, der um die soziologischen Wurzeln des Faschismus weiß. Drei Bücher deutscher Autoren liegen vor, die das geistig-seelische Fieberbild Hit- Jerdeutschlands zu durchleuchten, zu erklären, zu deuten suchen: Heinreh Mann, Ferdinand Bruckner, Lion Eeucht wanger. Um die Wahrheit zu sagen, verzichteten sie auf die Fleischtöpfe des dritten Reiches, gingen sie ins Exil. Heinrich Mann formt deutsche Zeit- teschichte in Essays.(Der Haß. Oueri- do-Verlag, Amsterdam). Er zeichnet die irrationale, vernunftwidrige Welle, die dem Jahrhundert des Rationalismus folgte, den Krieg mit vorbereitete, über ihn hin- aus spülte, der Republik das Dasein sauer uiachte. Bis um 1940 werde sie rollen. Der letzte Abschnitt jedes geistigen Zeit- Mters ist der lauteste, darum war es in den letzten Jahren der deutschen Demokratie für die Vernunft so schwer, sich Gehör zu schaffen. Der Irrationalismus �at sich mühelos durchgesetzt, aber die Vernunft siegt nie von selbst; das gibt es Jdcht ohne angespannteste Entschlossenheit neu anzufangen— besonders,„wenn d'e Mächte des Niedergangs und Verfalls �rerseits so tätig und so haßerfüllt siod..." Warum konnten sie siegen? ."eil die Demokratie zusah, während Hit- 'er die Mächte des zerstörerischen, blin- don Hasses mobilisierte: «Noch niemals hatte man ein Volk haßerfüllt gesehen gegen seine eigenen Leute, die Kleinen, Schwachen und Armen, gleichzeitig aber auch gegen die Vereinzelten, die für es denken und aus Gerechtigkeitssinn auf Seiten der Unterdrückten stehen---- Der Marxismus, der jene Menschenart zum Schäumen brachte, war nichts geringeres als der soziale Gedanke selbst." Dieses Volk hat der faschistischen Lockung lange widerstanden, bis es durcii "r'se, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit ®r.lag- Heute ist Hitler ein unfreiwilliger �'egbereiter kommender blutiger kommu- h'st. scher Umwälzungen.— Das ungefähr 'st Manns Erklärung der deutschen Kata- strophe. Man kann über manche seiner Politischen Auffassungen streiten, manche �'angslage der Sozialdemokratie ist zu aus der Ferne gesehen und mit feuil- letonistischer Freiheit behandelt, hinter cn verschiedenen Komödianten der re- ptionären Bühne treten die wirtschafteten Machtfaktoren zu sehr in den Hin- ergrund, aber dafür sind die Profile der �"deutschen Abenteurer und ihre gei- i ge Ratlosigkeit umso schärfer gezeich- nst- Es ist das tapfere Buch eines unwandelbaren Kämpfers der Freiheit. * „ Der Dramatiker Ferdinand Bruck- tellt den R a s s e n w a h n in den eines straff durchgeführten _.(Die Rassen. Verlag Op- Md Helping, Zürich). Junge Men- im hakenkreuzlerischen Strudel. deutscher Universitäten zwischen ■nd April: der tüchtige Student, der ödin liebt, der dem braunen Massenrausch verfällt, sich vom Denken ab und blindem Glauben an eine„neue Volkwer- dung"zuwendet, der Geliebten den Rük- ken kehrt, in braune Gemeinheiten hinein gerät, die bedrohte Verlassene schließlich zur Flucht bewegt, rettet und sich am Ende glaubenslos, ernüchternt, angeeckelt, zerstört der Feme ausliefert. Daneben der befreundete, völkische Komilitone, der unbegabte, aber gesinnungstüchtige SA.- Studenten große Karriere machen sieht und unter solchem Kommando die Männer freier Wissenschaft mit auspfeifen muß, bis er sich resigniert in Zynismus flüchtet. Denn man muß mit den Wölfen heulen, wenn man nicht zu den Lämmern gehören will. Dazwischen der stille jüdische Student, der plötzlich eine Welt feindlicher Masken um sich sieht und zum Märtyrer seines Menschheitsglaubens wird. Alle umher gewirbelt vom gleichen irrsinnigen Strudel, jeder wird auf einen anderen Strand geworfen. Das alles wird mit Knappheit, ohne naheliegende grobe Effekte durchgeführt. Die wichtigste Etappe der Entwicklung des Helden ist zwar hinter die Kulissen verlegt und wird darum nicht zum tieferen Erlebnis. Aber der Schrecken antisemitistischen Wahnwitzes wächst von Szene zu Szene. Die beklemmende Umwelt ist so scharf gezeichnet, daß die starke reine Menschlichkeit des Stückes auf jeder Bühne wirken muß. ♦ Der Roman Feuchtwangers(Die Geschwister Oppenheim. Oueri- do-Verlag, Amsterdam) gibt einen breiteren Ausschnitt derselben Welt, die Schicksalsgeschichte einer altberliner jüdischen Familie. Wie tausend andere ihres Stammes werden die Oppenheims in wenigen Wöchen zerschlagen, verjagt, in alle Winde verstreut. Rasch wie eine Lawine bricht all der Dreck und Wahnsinn des Dritten Reiches über die alte Firma herein. Keiner— außer der Zionistin— hat es vorher glauben wollen, alle müssen sie daran glauben. Der eine wird von Schutzhaft nahezu zermalmt, der Jüngste von einem braunen Schuldespoten in den Tod getrieben, der große Chirurg vom Operationstisch hinweg aus dem Krankenhaus gejagt, die einen nach England, die anderen in die Schweiz versprengt. Der Dr. Gustav Oppenheim geht mit falschem Paß wieder nach Deutschland zurück, die Heimat läßt diesem Fünfziger keine Ruhe, ruft ihn; er will sehen- helfen, retten— die Ereignisse haben diesen kultivierten passiven Genießer zum Kämpfer gewandelt. Er geht zurück, wandert ins Konzentrationslager, wird geschunden, erkennt zu spät die Sinnlosigkeit seines Opfers, kommt als Ruine wieder heraus. Um das alles ist ein Volk gruppiert, in einfachen Strichen zeichnet Feuchtwanger diese Chronik eines halben Jahres. Bekannte Typen aus allerjüngster Zeit erstehen vor uns. Da ist Anna, Gustav Oppenheims Freundin, die ihn in der Schweiz besucht, aus der Heimat kommt, nichts von ihr weiß, alle Greuel für Lügen hält. „Sie kommt aus dem Land der Lüge. Seit Monaten haben die besten Techniker der Lüge mit den modernsten Mitteln Milliarden Lügen über das Land ausgestreut. Anna hat diese Lügenluft eingeatmet, Tag um Tag, Stunde um Stunde..." Da sind die zwei sachlichen Jungen, die mit dem inneren Feuer des Aelteren nichts anzufangen wissen und das lange Warten predigen. Am Schlüsse seines Daseins muß Dr. Oppenheim erkennen, daß er„einen Marathonlauf gemacht hatte, aber die Meldekapsel war noch leer", die neuen Parolen waren noch nicht da. Feuchtwanger sucht nicht nach tieferen Erklärungen des wahnwitzigen Geschehens, er will zeichnen, schildern, darstellen. Dem Buche steht das obige Goethezitat voran: Der große Mitschuldige ist die menschliche Dummheit. Höchste Objektivität eines großen Dichters. * Während aus Heinrich Manns politischen Betrachtungen das heiße Temperament des empörten Schriftstellers glühend hervorschlägt, ist das bei Bruckner und Feuchtwanger durch die Arbeit des Gestaltens gebändigt, sublimiert, in Menschen aufgegangen. Aber alle drei Bücher haben ein großes Seelisches gemeinsam; d'.e heiße Liebe zu Deutschland. Keiner dieser Kämpfer im Exil beschuldigt So schafft man Grenzzwischenfälle Die„Fränkische Tageszeitung" des berüchtigten Julius Streicher brachte am 21. Dezember dieses Bild nebst dem darunter stehenden Text. Man kann hier an einem Scbulbei» spiel studieren, wie Grenzzwischenfälle geschaffen werden. So spielen Lausejungen mit dem Frieden und dafür werden sie von der Regierungspresse schmunzelnd belobtl v-.fc � i' t das deutsche Volk, fiebernd sucht jeder nach Erklärungen für die bessere Mehrheit dieser Nation. Schwer sind ihre Menschen von deutscher Sehnsucht, voll „von deutscher Musik, deutschen Worten, deutschen Gedanken, deutscher Landschaft...", Aus ihnen allen, den Dichtern und ihren Gestalten, singt spricht, schreit die hoffnungslose, unglückliche, schmerzhafte Liebe zum fieberkranken Vaterland. Den Leser aber packt tiefe Scham: daß ein Kulturvolk von pathologischen Demagogen so geködert, überrumpelt, geschändet, verstümmelt, geplündert werden konnte, daß sich das vor aller Welt Politik nennen darf und von den offiziösen Instanzen Europas als politische Angelegenheit gewertet wird. Bruno Brandy. Unsere Pimpfen sind fredi An der österreichischen Grenze hielt die HJ. eine Kundgebung ab und demonstrierte gegen das Umformverbot, das Dollfuß gegen die Kameraden jenseits der Brücke erlassen hat Die Hitlerjugend marschierte in Dre.erre.hen bis an die österreichischen Grenzbohlen heran- etwa m der Mitte der Brücke- um dann jedesmal wieder umzuwenden. Die Rassen Aus dem Drama Ferdinand Bruckners. Eine Stimme(nah:) Erinnere Dich, Nathan Siegelmann. Siegel mann(unbeweglich im Bett; Nachttischlampe). Die Stimme: Suche es in der Schrift- und Du wirst alles verstehen. Siegelmann(ruhig): Wenn ich wüßte, daß man uns tötet: Ich hätte keine Angst. Aber ich glaube, daß man uns schlägt? (Pause.) Die Stimme: Denk nach. Siegelmann; Schon weil man im Geheimen schlägt faMs es wahr ist daß man schlägt, und nachher kann man es leugnen. Würde man uns aber töten, dann kann es aui die Dauer nicht geheim bleiben und von Leugnen ist schon gar keine Rede. Denk nach (Pause.) Wenn man uns mit Ruten schlägt erleiden wir einen Schmerz. Fürchten wir diesen Schmerz?(Lächelt) Er geht ja vorüber. Aber wir sind geistig nicht mehr darauf eingerichtet, daß man uns mit Ruten schlägt Das erleiden wir.(Pause.) Nur das. Die Stimme: Nur das? Siegelmann: Der Zusammenbruch der Erfahrung: Mensch, woran wir als an das Leben des Lebens glaubten.(Grübelt) Man braucht sich nicht zum Tier machen zu lassdn, könnte sich aber hinsteHen und das Tier spielen, damit sie zufrieden sind? Vielleicht rettet man sich so. Wie kann ich aber Tier sagen, als ob es selbstverständlich wäre, daß ein Tier im körperlichen Schmerz nur den körperlichen Schmerz empfindet? Nicht einmal das steht fest Die Stimme(stärker): Du hast keine Zeit Dich zu verlieren, Siegelmann. Siegelmann: Ich habe keine Zeit mich zu verlieren. (Heftiges Klingeln und Klopfen draußen.) Siegel man(stärker); Ich habe keine Zeit zu nichts. Die Stimme(stärker): Denk nach, Siegelmann. Siegelmann(Ausbruch): Was soll ich denn jetzt denken? Die Stimme(drohend): Gerade jetzt mußt Du denken. Wozu hättest Du es sonst. Ein Anführer(draußen): Aufgemacht Polizei. Die Stimme: Wem sonst wenn nicht Dir ist es gegeben, die Tat im Denken zu vollbringen. Siegel mann: Wem sonst? (Die Wohnungstür wird geöffnet. Schritte. Stimmen. Der Name Siegelmann wird genannt) Siegelmann(horcht): Wem sonst? Aber jetzt werde ich wissen, ob man uns schlägt oder nicht. Wem sonst, wenn nicht mir, ist es gegeben, das zu wissen. (Die Tür wird aufgestoßen. Ein Student als Anführer und sechs andere. Sie fragen ungleiche Windjacken.) Anführer(ruhig): Nathan Siegelmann? Siegel mann:(kann kaum nicken). Anführer:(setzt sich an den Tisch); Kannst Dich inzwischen anziehen.(Sucht In seiner Mappe.) (Ein Mann hebt Siegelmann an den Schultern aus dem Bett.) Anführer(liest herunter): Ist seit Jahren zersetzender Tätigkeit innerhalb der deutschen Studentenschaft überführt(Die Kleider werden Siegelmann hingeworfen). Hat es versfanden. durch Vorspiegelung freundschaftlicher Gefühle, zugleich im Bund mit jüdischen Professoren, den Drang der ihm vertrauenden Reinrassigen nach der Kultur zu unterbinden und so ihr Fortkommen zu erschweren, beziehungsweise sogar zu verhindern, wie etwa durch höhnische Verweigerung von zu leihenden Büchern. Hat besonders in der letzten Zeit, bei fortschreitender Erhebung des deutschen Geistes, ein ihr geradezu feindüches Wesen an den Tag gelegt, indem er die ihm nicht zukommenden Vorlesungen, da Jude, trotzdem geflissentlich weiterbesuchte und scbüeßHch sogar einen Festvortrag durch persönliche Anwesenheit zu entweihn wußte. (Sieht hinüber.) Laß Schuh und Strümpfe, Du bleibst barfuß.(Liest weiter.) Seine volksfeindliche und zum Verrat entschlossene Gesinnung ließ er eindeutig in den verbrecherischen Zwischenrufen erkennen, mit denen er in den Kämpfen um die Absetzung artfremder Lehrer, so des Carmer, die sonst einheitliche Handlung des Erwachens zu schänden sich nicht enthielt Daraufhin erwies sich sofortiges Einschreiten als nationales Gebot der Stunde. (Kurz) Wird zugegeben? Siegelmann(schlüpft in die Hosen). Anführer(schreibt); Ist sich seiner Schuld bewußt und hat sie zugegeben. Damit hast Du Dich des Volksverrats schuldig gemacht auf Grund des Gesetzes zum Schutze von Volk und Staat. Du wirst der wohlverdienten Strafe zugeführt, vorher jedoch im Rahmen der nationalen Säuberungsaktion der öffentlichen Schande preisgegeben. Siegelmann(schlüpft in den Rock): Der öffentlichen Schande preisgegeben? Anführer(zu den beiden ersten): Wir müssen weiter. Siegelmann: Der wohlverdienten Strafe zugeführt? Welcher Strafe? Anführer(blättert): Der Jude bedarf vor allem der körperlichen Ertüchtigung, will er auch nur den Versuch wagen, das deutsche Wesen zu begreifen.(Mit seiner Mappe beschäftigt Die beiden ersten Mann immer präzis und sachlich, die vier anderen stramm an der Türwand.) Sicgelmann(zu den beiden); Welcher öffentlichen Schande? (Sie nehmen ihm die Fingerabdrücke.) Siegelmann(Ausbruch); Welcher Schande? Welcher Strafe? Ich frage nicht, wofür. Anführer(ohne aufzuMicken): Du wirst auf keinen von uns Eindruck machen. Daß der Jude jammert, wenn endlich die gerechte Vergeltung kommt— Siegelmann: Ich will nicht wissen, wofür. Nur was mit mir geschieht Die Stimme: Suche es in der Schrift und Du wirst alles verstehen. Denk an Eure großen Führer: sie waren immer wieder erfolglos. Denk an Eure großen Siege; sie waren immer wieder vergeblich. Siegelmann; Ich frage ja nur. Die Stimme: Ihr ruft Gott auf, stellt Ihn zum Zwiegespräch mit Euch,(stärker) ihn, der Euch immer wieder Niederlagen bereitet, der Euch so oft gestraft, den Ihr so oft im Zorn gesehen. Aber je mehr Niederlagen er Euch bereitet, um so fester fühlt Ihr Buch als die Knechte Gottes. Warum, Siegelmann? (Magnesium, sie nehmen sein rechtes Profil auf.) Siegelmann: Warum? Die Stimme: Denk nach, Siegelmann, denk nach. Die Stimme: Habt nicht gerade Ihr das Denken mitbekommen, weil Ihr es viel dringender braucht als die anderen?(Wird immer voller.) Die anderen sind Märtyrer im Glanz und in der Anerkennung der Welt Die anderen sind Helden im Ruhm der Barrikaden, von der Begeisterung aller verklärt: Die Juden aber werden niemals auf den Barrikaden iür sich kämpfen dürfen und ihr Martyrium vollzieht sich in den Kellern, in den Zimmern, In der Unsichtbarkeit Nachdem sie es aber überstanden, wird es nicht verherrlicht sondern bestritten und verhöhnt. (Sie kleben ihm Löckchen an die Schläfen.) Siegel mann(aufgerichtetes Gesicht). Die Stimme(gesteigert): Denk nach, ob nicht gerade das Euch zu den zähesten Eroberern gemacht hat. Denk nach, ob nicht der Glanz eines Heldentums schließlich ermattet und sich übersättigt, während die Verleugnung immer weiter fortwirken muß und lebendig erhält, weil sie nicht zur Ruhe kommen läßt. (Sie hängen ihm ein Schild um:„Ich bin Jude!") Die Stimme(groß): Denn was ist der Jude? Solange er der verhöhnte und verfolgte. der zu vertilgende Jude bleibt, ist er der unbesiegbare Eroberer: der Eroberer durch die Niederlagen. Siegelmann(stfll). (Sie schneiden seine Hosen an den Knien ab.) Der Erste(sie treten beide in die Reihe zurück); Zu BefehL Anführer(blickt aus seinen Papieren auf, nickt): So wirst Du zunächst auf die Straßen ge'ührt, ein Bild des Jammers und der Schande für alle, die Dich sehen. Siegelmann(nickt): Nachher? Anführer: Komm her, unterschreib. Siegel mann; Was geschieht nachher mit mir?(Leise); Ich will es nur wissen. Anführer(lacht). Siegelmann: Nur um mich vorzubereiten. Ertragen will ich alles. Anführer: Unterschreiben sollst Du. Siegelmann; Alles. Anführer: Ich kann Dich beruhigen: gehängt wirst Du nicht. Siegelmann(seufzt). Anführer: Wir verfahren immer noch großmütig gegen unseren Feind. Gestraft mußt Du werden, das ist alles. Siegelmann(nickt). Anführer; Die diesbezügliche Notwen- dlgkeit scheinst Du selber einzusehen. Darin unterscheidest Du Dich immerhin von den meisten anderen Juden, die solches Geschrei anheben, weil angeblich ein paar gezüchtigt wurden. Weißt Du, was eine Revolution ist? Sicgelmann(nickt). Anführer: Na also. In einer Revolution werden Menschen getötet. Ihr aber werdet bestenfalls gezüchtigt für soviel Schmach, die Ihr uns angetan. Das ist noch lang nicht das Aergste. Siegelmann(nickt): Ich habe es gewußt Anführer; Daran sollte die Welt endlich erkennen, In welcher Disziplin der Deutsche seine Revolution stattfinden läßt— Wir setzen Dir später eine Erklärung auf, in welcher Du für gute Behandlung ausdrücklich Deinen Dank aussprechen darfst. Unterschreib zunächst Dein Geständnis. Siegelmann: Mein Geständnis? Anführer: Ich habe gerade Zeit Dir Deine Verbrechen noch einmal vorzulesen. Es warten andere auf uns. Siegelraann(sieht sich um): Verbrechen?(Unbewegliche Gesichter.) Anführer(kurz): Hier setz Nathan Siegelmann hin. Siegelmann(plötzlich): Wenn es Verbrechen sind, muß ich rechtmäßig bestraft werden?(Sieht wieder zum vierten Mann.) Anführer: Alles geschieht bei uns rechtmäßig. Unterschreib. Siegelmann(unterschreibt): Für Verbrechen Züchtigung— wäre zu wenig? Anführer(lacht): Beklag Dich nicht zu trüh.(Zu den beiden): Macht fertig.(Wieder seine Mappe.) Siegelmann(Zum Vierten, leise): Kar- lanner? Karlanner(unbeweglich). Siegelmann(nickt): Karlanner.(Die beiden ersten binden seine Hände im Rücken.) Siegelmann: Und Ich hatte gedacht, Haben Sie sdion Ihre Abonnementsgebuhren • überwiesen? Unsere Postscheck-Konten lauten s Tschechoslowakei: Zciisdmft„N. V", Karlsbad. Prag 46.149 Österreich:„Neuer Vorwärts", Karlsbad. Wien B- 198.304 Polen:„Neuer Vorwärts", Karlsbad, Warschau 190.163 Schweiz;„Neuer Vorwärts*, Karlsbad Zürich Nr. Vlli 14.697 Ungarn: Anglo-Ccdioslovakische und Präger Creditbniik. Filiale Karlsbad. Konto „Neuer Vorwärts". Budapest Nr. 2029 Jugoslawien: Angln-Cecfaosiovakisdie und Prager Creditbank. Filiale belgrad. Konto„Neuer Vorwärts". Beograd Nr. 31.005 Wir bitten Sie, die Einzahlungen sofort und unter Beachtung der Konteabezeidioung vorzuueUmcn. das sind Menschen aus einer anderen Welt. Dort stehst Du ja. Es ist die unsre. Als ich Dich am stärksten gegen Professor Carmer toben sah, war ich auf vieles gefaßt Aber unsere Fähigkeit, es zu fassen, hält längst nicht mehr mit Eurer Fähigkeit Euch zu enthüllen, Schrift So fragt man sich immer wieder: eine fremde Horde ist eingebrochen? Nein, wir sind eingebrochen in unsere eigne Welt. Das ist trostloser und erlösender zugleich. Kein sinnloser Blitz, der auf uns niederging, um uns zu zers stören. Wir selbst zerstören uns, wir selbst: also muß es wohl zu uns gehören. (Sie glätten noch an ihm herum, ziehn dann die Fenstervorhänge auf.) Siegelmann: Du warst vor einem Jahr dabei, Karlanner, wie mir mein Vater die letzten Ersparnisse gab, damit ich ausstudieren kann. Er mußte seinen Laden schließen, nahm sich die Strumpfbärnler und Sicherheitsnadeln um den Hals und ging in die Dörfer. Dazu, Karlanner, brachte er mir dieses Opfer? IcS frage nur, um mir klar zu sein. Karlanner(unbeweglich). Siegelmann(stärker); Dazu hatte er sich, als einer der ersen. für Richard Wagner begeistert und sich für ihn geschlagen?(Zärtlich.) Wie er der Mutter und uns Kindern immer wieder aus dem Ring der Nibelungen vorsang, daß wir In Verzweiü'ung davonliefen? Dazu also. Wahrscheinlich fegt er auch jetzt über die Straßen mit Wotans Abschied im Mund. (Stumm.) Dazu, Karlanner.(Verliert sich.) (Ausbruch.) Soll ich denn schon wieder Photographien werden? Erster(hatte alles vorbereitet); Wir können bereits eine Aufnahme bei Tageslicht riskieren. Das gibt wesentlich bessere Bilder. Darf ich bitten. Siegelmann(fassungslos): Sie haben mich Ja bereits zweimal photographierL Erster(Aufnahme); Ausgezeichnet Anführer(ohne aufzublicken): Das war für die Kriminalpaizei. Jetzt aber wurdest Du für die Illustrierten aufgenommen. Siegelmann: Wann werd ich endlich in Ruh gelassen, Vater. Anführer:— damit Dich der Deutsche in Deiner wahren und natürlichen Gestalt kennen lernt. Siegelmann: In meiner wahren und natürlichen Gestalt in Ruh gelassen.(Angst) Vater. Anführer: So hat selbst Dein Leben, Jude, einen Sinn bekommen: zur Volksaufklä- rung beizutragen.(Sammelt seine Papiere.) Siegelmann(Angst): Väterle.(Lächelt.) Väterle. Erster(mit dem zweiten wieder In der Reihe): Zu Befehl. Anführer(scharf): Die nationale Aktion geht weiter. (Nimmt die Front der Sechs ab.)(Scharf. Vorwärts. Marsch.) (Präziser Aufmarsch, daß Siegelmann in die Mitte kommt.) Siegelmann(erschöpft): Väterle. Die Stimme(voM): In Deiner wahren und natürlichen Gestalt, in der Verleugnung. Verfolgung und Verhöhnung— was sonst führt Euch Immer wieder zu Gott? Was sonst schenkt Euch das ewige Leben? Anführer(Armgruß): Deutschland erwache. Die Sechs(ArmgruD): Deutschland erwache. Die Stimme(immer voller); Kommt es a"' den Ruhm eines Erleidens an? Nur auf sein® Wahrheit. Sie keimt, sie treibt, sie blüht, sie gibt die Frucht Anführer(scharf); Kehrt(SlegelmanB wird der Tür zugedreht.) Die Stimme: Also fürchte nicht, daß a* vergeblich gewesen sein könnte. Anführer: Vorwärts marsch.(Ab* marsch.) Die Stimme(überflutend); Denn neben der Allmacht Gottes steht nur noch eine zwe'1® in der Menschenbrust sie halten sich Hand'n Hand: das Ist die Allmacht der Wahrheit Beide treten für Dich an. Beide treten für � ein. Der geheimen Staatspolizei hochachtungsvoll gewidmet „Ein anderer Professor hielt ein großes Papier voll Anleitungen, Komplotte und Verschwörungen gegen die Regierung zu entdecken, in der Hand. Er riet allen großen Staatsmännern die Diät verdächtiger Personen zu erforschen; sich nach ihrer Essenszeit und nach der Seite zu erkundigen, auf welcher sie sich des Nachts ins Bett legten; mit welcher Hand sie sich den Hintern wischten; ihre Exkremente hinsichtlich des Geschmacks, der Farbe, des Geruchs, der Konsistenz, zu früher oder zu später Verdauung zu untersuchSh, um sich so ein Urteil über ihre Gedanken und Absichten zu bilden; nie seien die Menschen so ernsthaft, gedankenvoll und nur mit sich beschäftigt, als wenn sie zu Stuhle gingen; er wisse dies aus eigener Erfahrung; unter diesen Konjunkturen habe er selbst des Versuchs halber an Königsmord gedacht, und bemerkt, seine Exkremente hätten eine gallichtere Farbe, als wenn er nur über Aufstände und Verbrennung der Hauptstadt nachgesonnen hätte. Hierauf erzählte ich ihm, im Königreich Tribnia bestehe die größere Masse des Volkes aus Angebern, Zeugen, Spionen und Eidleistern, nebst dienenden und subalternen Werkzeugen, welche sämtlich unter den Fahnen, der Leitung und Besoldung der Staatsminister und ihrer Beamten ständen. Die Verschwörungen in jenem Königreich seien gewöhnlich die Schöpfung der Personen, welche sich einen Ruf als tiefe Politiker machen wollten; oder sie seien erregt, um eine gebrechliche Regierung aufrecht zu erhalten, oder damit jene ihre Koffer mit Konfiskationen füllten oder den Staatskredit sinken und steigen ließen, wie es ihrem Privatvorteil verdächtige Personen,(z. B. Torgler), einer Verschwörung angeklagt werden sollen; alsdann trägt man Sorge, alle ihre Briefe und Papiere zu untersuchen und die Eigentümer derselben in Ketten zu schmieden. Diese Papiere werden einer Künstlergilde übergeben, welche sehr geschickt ist, die geheimnisvolle Bedeutung der Worte, Silben und Buchstaben zu enträseln; zum Beispiel sie finden aus: Ein Nachtstuhl bedeute einen geheimen Rat; eine Herde Gänse eine Staatsversammlung; ein lahmer Hund einen Feind; welcher einen Angriff von außen beabsichtigt; eine Pest ein stehendes Heer; ein Maikäfer ein Premierminister; das Podagra einen Hohenpriester; ein Galgen einen Staatssekretär: ein Nachttopf einen Ausschuß von Lords: ein Sieb eine Hofdame; ein Besen eine Revolution; eine Mausefalle ein öffentliches Amt: ein bodenloser Brunnen eine Schatzkammer; ein Abzugskanal einen Hof; eine Narrenkappe einen Günstling; ein zerbrochenes Rohr einen Gerichtshof; ein leeres Faß einen General; eine offene Wunde die Staatsverwaltung. Ist diese Methode nicht genügend, so werden zwei andere von größerer Wirksamkeit In Anwendung gebracht, welche bei den Gelehrten mit dem Namen Akrostichen und Anagramme bezeichnet werden. Erstens können sie In allen Anfangsbuchstaben eine polltische Bedeutung dechiffrieren. So soll N eine politische Verschwörung, B ein Kavallerieregiment, L eine Flotte zur See bedeuten, oder man versetzt den Buchstaben in einem verdächtigen Papier und entdeckt so die tiefsten Pläne einer unzufriedenen Partei. Wenn Ich zum Beispiel schreibe: Mein Bruder Tom hat einen Hämorrhoidalknoten, so kann das auf folgende Weise dechiffriert werden: Wir haben ein Komplott organisiert, welches(durch Hämorrhoidalknoten bezeichnet) bald ausbrechen wird." Aus Jonathan Swifts„Gullivers Reisen*'.(G. bei den Läputhen.) Heroische Dichter Der Kampf der Cliquen. Der braune Oberdichter Jobst ist einstweilen von seinem Amt als Chefdramaturg des Berliner staatlichen Schauspielhauses entbunden worden. Die Clique seines Rivalen Hanns Heinz Ewers darf einen Erfolg buchen, und was sie ausplaudert, rundet Jobsts Charakterbild ab. Dieser heutige Heroendichter des Drit- ten Reiches hat während des Krieges drei Jahre lang Irrsinn simuliert, um sich vom Kriegsdienst zu drücken. Nach dem November- Umsturz konnte er eine Weile schreiben rechts und schreiben links. Mit dem Anwachsen des Nationalsozialismus wuchs auch der heroische WUle dieses Kriegsdrückebergers. Er wurde Kulturkritiker der Nazipresse, aber Schlageter- Dramen dichtete er erst nach Hitlers-Macht- ergreitung. Da wurde er auch wohldotierter Präsident der Dichter-Akademie und preußischer Staatsrat Sein jüngstes Drama war eine derartige blutrünstige Judenfresserei, daß selbst die braunen Obersadisten Streichungen verlangten. Ob Ihm in diesen Tagen nachts nicht manchmal der Aufruf im Traume erschien, der im vorigen Jahre für ein Düsseldorfer Hcinrlcb-Heine- Denkmal erlas» sen wurde? In diesem Aufruf hieß es: „Der Dichter H e i n e hat alles, um in be- hauenem Stein vor die kommenden Geschlechter hinzutreten. Oder was sollte' daran fehlen? Auch zu den übcrlieferteB Mächten, die er agnriff und die ihn �' s' die Verbannung verfolgten, 5® hen wir Deutsche unserer Tage nicht an® als er. Die Ehre gehört Deutscbla"� wenn Fremde ihn fast unter ihre eigen,£lf Dichter aufnehmen. Heinrich Heine hat sich die Zukunft. Sein Denkmal, wir sen es, und wollen danach handeln, sere noch ungetilgte Schuld Volk, Dichtkunst und Unterzeichnet war das u. a. auch von, � Jobst, Hanns Heinz Ewers, �a-n(J B 1 o e m und Rudolf G. B i n d i n g. Heute* das alles führende Literaten des Dritten � ches! Jobst ist zweifellos der skrupp®"05� von ihnen, und Ewers hat es mit selnef a genclique nicht leicht, aber Jobst„Schtae® war zu minderwertig und sein Luther r� zu sehr völkische Eintagsware. Ein dri'teSpfei angekündigt. Die Dichtergilde meuterte'- Stücke aus seiner Feder im eigenen The3 � Jobst verteidigte sich damit: Besseres � nicht vor. Worauf die Gegenclique auf d e aufführungen in anderen Städten ver1'v So schlägt auch in(den dichterischer � den des Dritten Reiches eine feile Krea u.egs- andere nieder. Wie lange wird sich der Simulant auf dem heroischen Posten der ferakademie noch halten? Wo der Verstand aufhört und das DeHrium heg .Sozialist sein heißt sein ß' a' S�ortt chen lassen, etwas, mos man nicht � ß/- kleiden kann, wo der Verstand f hört, wo das Göttliche im Menschen Robert Ley in der Gewcrkschaiw Kütol Mkd das DtiU# i&tk ■ Für den Anspruch der Hitlerleute, deutsche Art und deutschen Geist sozusagen in Re'n- kultur zu verkörpern, gibt es einen einzigen ob;ektiven Maßstab: ihr gesamtes Denken und Handeln dem gegenüberzustellen, was die Welt und was die Deutschen selbst als besten und höchsten Ausdruck des Deutschtums zu bewundern gelernt haben. Wenn Anlage und Schicksal der Deutschen, wie jedermann zu- Kibt, sich am vollkommensten in der deutschen idealistischen Philosophie der L e i b n i z, Kant und Fichte, in der deutschen klassizistischen Dichtung der Klo p- stock. Lessing, Goethe und Schiller P.efunden, sich am bewußtesten um diese Kristallisationspunkte herum gesammelt haben, so müssen Theorie und Praxis des Hakenkreuzes, um sich als deutsch zu erweisen, vor diesen Männern auch bestehen können— unüberbrückbare Widersprüche zeugen gegen Hitlers, nicht gegen Kants und Goethes Deutschtum. Der Gegensatz zu Kant, auf den sich die Konfrontation zunächst beschränken soll, be= ginnt schon beim Weg der Erkenntnis- und Wahrheitsfindung; Kant hält es für die erste Pflicht jedes Wahrheitssuchers, alle Zufälligkeiten des sinnlichen Erlebens, des subjektiven Fühlens und Wollens auszuschalen,„kritisches" Denken bedeutet ihm so viel wie streng voraussetzungsloses, von vorge- laßten Meinungen und Urteilen möglichst unabhängiges Denken. Nichts steht dem so ent- Kegen wie das Ich mit seinen Einbildungen und Ansprüchen, und darum stellt Kant dem .•Ausgang des Menschen aus seiner selbstver- scuhldeten Unmündigkeit" die entscheidende Bedingung, daß jeder Einzelne nur solche Denkgrundsätze anwende, die er ohne weiteres' zu„allgemeinen Grundsätzen des Ver- Uunftgebrauches machen" könne.(„Was ist Aufulärung?" Was heißt sich im Denken orientieren?") Bewußte und entsagungsvolle Objektivität Ist also für Kant Anfang und Kern jeder„Aufklärung", In Hitlers„Mein Kampf" aber lesen wir umgekehrt;„Man verpeste nicht schon die Kinderherzen mit dem Fluche unserer Objektivität auch In Dingen der Erhaltung des eigenen Ichs!" Stellen wir zu diesem von Obiektivitätshaß und Egois- mus gesättigten Satz die Kühnheit, mit wel- Pker Hitler sein eigenes Urteil zum Maß aller Erkenntnis. Blut und Rasse zur unbedingten Grundlage des Guten und Wahren nimmt, so dürfen wir für bewiesen halten, daß der Nationalsozialismus jener„reinen", d. I. voraus- zetzungslosen„Vernunft", mit welcher der Srößte aller deutschen Philosophen das vers antwortungsbewußte Denken gleichgesetzt hat, verständnlslos, ja feindlich gegenübersteht Aber hat Hitler nicht vielleicht mit den Etiden eben genannten Voraussetzungen Rasse und Führertum selbst ein neues, Kant noch unbekanntes Denkelement in die Debatte geworfen? Nun, mit dem Rassenproblem uwehäftigte sich Kant in zwei Abhandlungen Mathilde oder: Die vertarnte Teufeismacht 4.'* Puten, die den völkischen Nachkriegsau SHemit'smus t" überstopften Vortragssälen Cfl* �a"te hoben, hießen weder Hitler noch v rin8 noch Göbbels— sie hießen General '. u�uudorff und Mathilde von Ludendorff, £|,. rene von Kemnitz. Jetzt ist das Baby geworden und spuckt seinen eigenen Pa- auf die Köpfe. Mathilde von Ludendorff, das SC'10n 83,12'$lein,aut geworden ist— und s will bei ihr was heißen— hat sich nur ehr" 8esla,tat, In ihrer Zeitschrift„Geist- ':ten,um- ein kleines häßliches Gedicht zu ''öffentlichen: Stille Nacht, heilige Pracht!— Das Ster- Pnmeer— gib( Weise Lehr'— kündet un? . j.0'1 ,n dem weifen All— weiß nichts von vemut und Knechtschaftsqual— weiß nur � Stolzen und Frei'n— die können gott- Ql Urch5eelt sein... usw. usw. Kun t'ährl d'e„Neue Literatur", Will Vespers die r in arisch-ritterlicher Art auf 'oßmutter der Hitlerei los: w Eine als Schriftsteller wie als denkender j�'isch gleichmäßig begabte Suffragette er- d"iratet sich einen Namen, vor dem einmal „' Erdball gezittert hat. setzt ihn auf ihr �'ameschild und bringt unter dieser Firma sch Bafe1, der ,n ihrem Dariien" M reibtisch verschimmelt wäre, an den ann- Mathilde, das Produkt einer verfallen» j. 11 EJroßstadterziehung, macht in Religion: die cie kein Wort erJech,sch ka�n, ,Hm2t l0 Vangelisten herunter: sie, die Kinder- jlb*' tischt salbungstriefende Plattheiten , e' Kindererziehung auf: sie. die von den 2 6,1 Fragen an das Ich und Außer-Ich (1775, 1785), aber es sind sachlich-kühle völkerkundliche Studien ohne Gefühlsanteil und ohne leidenschafterfüllte Wertungen. Als wahrhaft Großer wahrhaft bescheiden, glaubt er vielmehr nicht so recht an die Gottähnlichkeit des ganzen Menschengeschlechts, ja er kann sich„eines gewissen Unwillens nicht erwehren, wenn er ihr(der Menschen) Tun und Lassen auf der großen Weltbühne aufgestellt sieht und bei hin und wieder anscheinender Weisheit im einzelnen doch endlich alles im großen aus Torheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungswut zusammengewebt findet".(„Idee zu einer allgemeinen Geschichte"). Dem anmaßlichen Wahn aber, sich als Einzelner oder als Volk mehr denn andere zu dünken, hält er die sittliche Erwägung entgegen:„Gleichwie der Mensch sich selbst für keinen Preis weggeben kann, so kann er auch nicht der eben so notwendigen Selbstschätzung anderer als Menschen entgegenhandeln, d. h. er ist verbunden, die Würde der Menschheit in jedem andern Menschen praktisch anzuerkennen, mithin ruht auf ihm eine Pflicht, die sich auf die jedem andern Menschen notwendig zu erzeigende Achtung bezieht"(„Metaphysik der Sitten.") Nach Blut- und Rassenmythos sehen diese Worte nicht eben aus, aber sie klingen noch keinen Begriff hat, kleistert eine Weltanschauung zusammen. Und immer wieder trägt Herakles der Omphale den Rocken... Wenn irgendeine vertarnte Teufelsmacht einen Anschlag geschmiedet hätte, den Namen des größten deutschen Heerführers (Hindenburg, mal herhören! D. Red.) durch Lächerlichkeit für immer zu entwerten, dieser Anschlag könnte kaum besser ausfallen als das, was in Wirklichkeit geschieht Völkische untereinander! Völkische, eines Stammes, Völkische,„aus Blut und Boden gewachsen!" Gnade Gott, wenn mal sämtliche Dreckkübel, die heute nur still bescheiden vor sich hin stinken, in aller Oeffentlichkeit ausgegossen werden! Denker Im Goldhelm Im Verlas der Christengemeinschaft Stuttgart, ist jüngst ein Buch erschienen„Christus bei den Germanen" von Dr. Friedrich Doldinger. dessen Einleitungskapitel sich„Ceistes- führerschaft" betitelt Wir entnehmen diesem Kapitel folgende Sätze: Dann heißt: Sich der Erkenntnis befleißigen — Seinen Helm hämmern! Dann heißt: Heiligkeit und Weihe des Fühlens erflehen— Seine Brünne weben!! Dann heißt: Segenskraft erstreben im Wollen— Seinen Speer bauen!!! Speererbauer Im Geisteswollen! Rüstungsfreudige, Menschheit- schützende Sonnengetreue! Denker Im Goldhelm, der Erkenntnis des höchsten euch erkühnend! Waffenfreudige Germanen! Dann seid ihr berufen. Offenbarer des Weltenlichts, Spender der Welten-Schöne, Mehrer von Christi Auferstehungskraft zu werden! Kommentar überflüssig! zustimmend neben denen, die Kant den„F ü h- r e r n" und dem„Führerprinzip" gewidmet hat. Da lesen wir einmal;„Ob der Welt durch große Genies im ganzen sonderlich gedient sei oder ob mechanische Köpfe mit ihrem alltäglichen Verstände nicht das meiste zum Wachs« tum der Künste beigetragen haben, mag hier unerörtert bleiben. Aber ein Schlag von ihnen, Geniemänner oder besser G e n i e a f f e n genannt, hat sich unter jenem Aushängeschild mit eingedrängt, welcher das mühsame Lernen und Forschen für stümperhaft erklärt und den Geist der Wissenschaft mit einem Griff gehascht zu haben vorgibt. Dieser Schlag ist, wie der der Marktschreier und Quacksalber, den Fortschritten in wissenschaftlicher und sittlicher Bildung sehr nachteilig, wenn er über Religion, Staatsverhältnisse und Moral vom Weisheitssitze herab im entscheidenden Tone spricht und so die Armseligkeit des Geistes zu verdecken weiß. Was ist hier anders zu tun als zu lachen und seinen Gang mit Fleiß, Ordnung und Kharheit geguldig fortzusetzen, ohne auf jene Gaukler Rücksicht zu nehmen?" Ob Kant einen Albtraum von den Großen des Dritten Reiches hatte, als er diese Charakteristik niederschrieb, muß dahingestellt bleiben, jedenfalls urteilte er über das Führen und Sich-führen-lassen grundsätzlich: UivLinda! Ur-Unslnn! Das Regime blamiert sich. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte in den Niederlanden ein schnurriger Elfenbeinschnitzer. Er hatte so viel Vergnügen an alten Chroniken, Sagen und Mären, daß darüber seine Arbeit etwas ins Hintertreffen geriet, weshalb er manchmal seine Miete nicht aufbringen konnte und mit seiner Wirtin dauernd verkracht war. Er schwur ihr Rache und hielt den Schwur auf seine Weise. In seiner Schublade lagerte eine verstaubte mittelalterliche Chronik. Die nahm er her, quirlte Geschichten gegen seine Wirtin daraus, indem er sie zu einer bösen germanischen Göttin erhob, brachte andere unbequeme Leute hinein, übersetzte die teils giftigen, teils grotesken Mären in eine närrische altfriesische Sprache und ließ die erste Mär von der bösen Göttin im Jahre 2000 v. Chr. beginnen. Einige Freunde amüsierten sich darüber, die Wirtin bekam es nie zu lesen, der Verfasser starb. Noch auf dem Sterbebett soll er geäußert haben:„Spätere Geschlechter werden lachen, wenn sie diese Chronik lesen..." Er hat recht behalten: In ganz Europa wird heute über die Sache gelacht. Die„altfriesische Chronik" nämlich wanderte von Hand zu Hand, wurde dann vergessen, landete schließlich bei einem Antiquar. Jahrzehnte gingen darüber hin und nochmals Jahrzehnte und über Deutschland kam eine verrückte Zeit, da Recht und Gesetz nicht mehr galten und die Ungeistigen regierten. Da sie mit den Ideen der neuen Zelt nicht fortkonnten und alles Neue für sie gefährlich war, versuchten sie es mit aller ältesten Zeiten. J „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben: und warum es andern so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein! Und daß der bei weitem größte Teil der Menschen den Schritt zur Mündigkeit, außerdem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütig auf sich genommen haben."(„Was ist Aufklärung?") Aus dem Führeranspruch der Genie, der sich die falsche„Maxime von der Ungültigkeit einer zu oberst gesetzgebenden Vernunft" zum Freibrief genommen hat, resultieren nach Kant als bittere Früchte„Schwärmerei" und„Aberglaube"(„Was heißt sich im Denken orientieren?"), fortschreitende Erkenntnis und Wahrheit dagegen haben die„Freiheit zu denken" zur Voraussetzung,„ohne diese würde es mit den freien Schwingen des Genies bald ein Ende haben"(Ebda.). Denn„zur Freiheit ge» hört vor allem auch die, seine Gedanken, seine Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen andern Richter erkennt als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft, und da von dieser alle Besserung, deren unser Zustand fähig Ist, herkommen muß: so ist ein solches Recht heilig und darf nicht geschmälert werden,"(„Kritik der reinen Vernunft"). Wie wollen vor diesem klaren Gebot die Gleichschaltung der Wissenschaften, der Künste und der Presse, die Bücherverbrennungen und der Versuch bestehen, gewisse Anschauungen und Forschungsweisen auszurotten? Wo die Ansichten über das Wie— Ober die Denkformen, Ober das Recht und über die Pflicht zu denken— so weit auseinanderklaffen, ist auch eine Uebereinstimmung über das Was der Denkinhalte ausgeschlossen, und wieder beginnt der Gegensatz beim Grundlegenden, bei den ersten Leitsätzen des s i 1 1- lichen Handelns; die Sittlichkeit des Dritten Reiches, oder was sich so nennt, baut auf den Qualitätsunterschieden der Individuen und Rassen auf und kennt besonders bevorzugte, besonders bevorrechtete Gruppen— Kants„kategorischer Imperativ" geht von jedem Nächsten aus, der Menschenantlitz trägt, und erschöpft sich in der Forderung, so zu handeln, wie wir wünschen möchten, daß jeder andere uns gegenüber handle. Nun also; wünscht Hitler sich und den Seinen Striemen mit der Nilpferdpeitsche, Faustschläge Ins Gesicht, Vernichtung der Existenz, Geiselaushebungen, Anprangerungen und„Selbstmorde" von fremder Hand? Oder taugen seine SA und SS, seine Schutzhaft und seine Konzentrationslager In eine Welt, wo„das Recht der Men» sehen heilig gehalten werden", wo„alle Politik ihr Knie vor dem Recht beugen muß, mag es der herrschenden Gewalt auch nodh so Mittelalter und germanische Vorzeit wurden Trumpf: Blinder Rassenhaß, stumpfer Rassenglaube, Haß gegen Geist und Fortschritt. Alles Aelteste, Urgermanische war gefragt, galt als Offenbarung. In dieser wahnsinnigen Zelt brachte der nationalsozialistische Dr. Hermann Wirth eine „Ur-Linda-Chronik" heraus. Der Ver» lag und einige Naziblätter feierten sie als „ältestes Zeugnis germanischer Geschichte", als Offenbarung unserer altfriesischen Vorfahren 2000 v. Chr. Heil! Die älteste, urgermanische Bibel war da, die Wotanschristen jubelten. Herausgeber und Verlag schwelgten schon in phantastischen Vorstellungen: 100.000 Auflage— 200.000... Denn der Teufel soll selbst die ältesten Germanen holen, wenn mit ihnen kein Geschäft zu machen ist. Aber da kamen die eisigen Historiker des Deutschen Instituts der Breslauer Universität: sie hielten den Schwindel nicht mehr aus und stellten in der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" in einer Erklärung fest, daß Hitlerdeutschlands germanische Offenbarung vor 80 Jahren von einem niederländischen Spaßvogel verfaßt wurde. Wenn die tote Wirtin von damals eine Ahnung hätte, daß nicht sie durch die satirischen Mären ihres Logisburschen blamiert wurde, sondern nur das ganze Regime eines großen Landes, dessen Wontanschristen bereits zu der energischen germanischen Göttin beteten; im Grabe würde sie sich rumdrehen, auf dem Bauch würde sie sich wälzen vor Lachen. Und mm kann Dr. Wirth seine Ur-Linda wieder einstampfen lassen. Im\Jeda£„Qc&pUia", Haäsbad, ecsckeUti Wer Ist verurteilt? VON JUSTLMAN Der Prozeß um den Reichstagsbrand hinterläßt ungelöste Rätsel. Welches sind die wirklichen politischen Hintergründe dieser Brandstiftung? Wer hat den Wirrkopf aus Holland die Hand geführt? Ist eine Aufklärung noch möglich? Welche pol. tischen Wirkungen sind von ihr zu erwarten? Diese Fragen, die während des Prozesses überall diskutiert wurden, werden nach Prozeßschluß nicht aufhören, die Welt zu beschäftigen. Justinian behauptet nichts, was er nicht beweisen kann. Auf unwiderlegliche Tatsachen stützen sich seine Feststellungen. Wer über den Prozeß ernstlich nvtreden will, muß zuvor diese Schrift lesen! Sie erscheint Anfang Januar. zroße Aufopferuns kosten?"(„Zum ewigen Frieden"). Ebenso unvorstellbar sind in der Welt Kants das S t a a t s 1 d e a I des Dritten Reiches, die Heroisierung des Krieges und die Aechtung jedes Paziiismus. Für die zum Prinzip erhobene„Gewalt ohne Freiheit und Gesetz" hat unser„Greuelhetzer" in der„Anthropologie" den Namen„Barbarei", für„Gesetz und Gewalt ohne Freiheit" den Namen„Despotismus". Den allzu Gehorsamen, die sich schweigend ducken oder gar den„Führern" verehrungsvoll die Füße lecken, ruft er in der „Metaphysik der Sitten" zu:„Werdet nicht der Menschen Knechte! Laßt euer Recht nicht ungeahndet von anderen mit Füßen treten! Seid nicht Schmarotzer oder Schmeichler! Das Hinknien oder Hinwerfen zur Erde ist der Menschenwürde zuwider, denn ihr demütigt euch alsdann nicht unter einem Ideal, das euch eure eigene Vernunft vorstellt, sondern unter einem Idol, was euer eigenes Gemäch- sel ist." Der alten Lüge vom„heiligen Egoismus" der Staaten antwortet er:„Die politischen Maximen müssen nicht von de raus ihrer Befolgung zu erwartenden Wohlfahrt und Glückseligkeit eines ledert Staats als dem obersten Prinzip der Staatsweisheit, sondern von dem reinen Begriff der Rechtspflicht, vom Sollen, ausgeben, die physischen Folgen mögen auch sein, welche sie wollen" („Zum ewigen Frieden"). In den„Betrachtungen über das Erhabene" konnte sich Kant an bitter-ironischen Bemerkungen über die falsche Erhabenheit der Schlachten und der Kriegerkaste gar nicht genug tun, und dem von Waffen starrenden Europa hielt der siebzigjährige Greis seinen T raktat„Zum ewigen Frieden" entgegen, der in der Idee des übernationalen „W e 1 1 b ü r g e r t u m s", in der Vision des Völkervereines gipfelt:„Für Staaten Im Vers hältnisse untereinander kann es nach der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen Zustande, der lauter Krieg enthält, herauszukommen, als daß sie ebenso wie einzelne Menschen ihre wilde, gesetzlose Freiheit aufgeben, sich zu öffentlichen Zwangsgesetzen bequemen und so einen V ö 1 k e r s t a a t, der zuletzt alle Völker der Erde befassen würde, bilden. Wenn es Pflicht, wenn zugleich gegründete Hoffnung da ist, den Zustand eines öffentlichen Rechts, obgleich nur in einer ins Unendliche frotschreitenden Annäherung, wirklich zu machen, so ist der ewige Friede, der auf die bisher fälschlich so genannten Friedensschlüsse folgt, keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die, nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele beständig näherkommt" Der Menschheit diese Aufgabe gestellt zu haben, war die Tat eines Deutschen— heute würde sie ihn, lebte er noch, der„Erschießung auf der Flucht", sein Werk des Scheiterhaufens würdig machen: so deutsch sind jene, die sich jetzt, den Knüppel in der Faust das Volk Kants zu nennen wagen. Nationalsozialismus und Antikapltalismus Das Bündnis zwischen Großkapital und Kleinbürgertum— Das Proletariat zahlt die Kosten Seitdem es modernen Kapitalismus gibt, gibt es die a n t i k a p i t a 1 i s t i- sehe Rebellion, die sich namentlich während der Krisen verstärkt und dann immer besondere Bedeutung erlangt hat, wenn die Depressionen lange dauern, wie wir dies stets im Anschluß an die großen Kriege gesehen haben. Diese Bewegungen waren immer zwiespältiger Natur, denn sie waren getragen einerseits von der neuen, durch den Kapitalismus selbst geschaffenen, in ihrer Zahl und vor allem ihrem sozialen Gewicht stets wachsenden Klasse der Lohnarbeiter, andererseits von den kapitalistischen Zwischenschichten, die in ihrer Art und Zusammensetzung stets wechseln, mit der Dauer der Depression sich in ihrer Existenz immer mehr bedroht fühlen und deshalb innerhalb des Kapitalismus, aber gegen seine führenden Schichten den Kampf um die Sicherung ihrer Existenz zeitweise mit großer Erbitterung aufnehmen. Der Kampf gegen die gemeinsamen Gegner läßt dann scheinbare oder wirkliche Gemeinsamkeiten entstehen, über die die Verschiedenheit der Kampfziele leicht in Vergessenheit gerät. Denn erfordert die Klassenlage der Arbeiterschaft die Ersetzung des kapitalistischen Monopoleigentums an den Produktionsmitteln durch das Gemeineigentum der Gesellschaft, so geht der Kampf der Bauern und der s t ä d t i s c h e n Mittelschichten, selbst wenn er sich sozialistisch nennt, nach Sicherung und Aufrechterhaltung ihres Privateigentums, ihrer Verfügung über die Produktionsmittel. Ihr Ziel ist deshalb nie die Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln überhaupt, die Herstellung einer klassenlosen Gesellschaft, sondern nur die Einschränkung der Konkurrenz des Großeigentums auf ein Maß, das ihre Klassenlage sichert. Den klein- bürgerlich-reaktionären Gehalt dieses Auch-Sozialismus haben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest bereits erschöpfend charakterisiert: „Seinem positiven Gehalte nach will jedoch dieser Sozialismus entweder die alten Produktions- und Verkehrsmittel wieder herstellen und mit ihnen die alten Eigentumsverhältnisse und die alte Gesellschaft, oder er will die modernen Produktions- und Verkehrsmittel in den Rahmen der alten Eigentumsverhältnisse, die von ihnen gesprengt wurden, gesprengt werden mußten, gewaltsam wieder einsperren. In beiden Fällen ist er reaktionär und utopi- ' s t i s c h zugleich. Zukunftwesen in der Manufaktur und patriarchalische Wirtschaft auf dem Lande, das sind seine letzten Worte." Im Nationalsozialismus haben die bäuerlichen und kleinbürgerlichen Schichten des entwickeisten industriellen Landes Eurpas einen überwältigenden Sieg errangen. Sie haben diesen Sieg freilich errungen mit der aktiven Unterstützung eines Teils der Schwerindustrie und des Großagrarier t u m s, die in den deutschen Nachkriegsverhältnissen unmittelbar vor ihrem Bankerott standen und Rettung nur von der Mitvenügung über eine Staatsmacht erhoffen konnten, die als Gegenwert für ihre Unterstützung ihre Sanierung aus allgemeinen Mitteln durchzuführen bereit war. Diese Kräfteverteilung hat zwar bewirkt, daß der Nationalsozialismus von vorneherein die Schwerindustrie und den ostelbischen Großgrundbesitz zu Partnern seines Beutesystems gemacht, ihre Schulden„sozialisiert" und ihr Privateigentum garantiert hat, aber sie hat den Versuch der Durchführung des kleinbürgerlichen Sozialismus keineswegs verhindert. Denn es wäre ganz falsch, die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik nur als„Verrat am Mittelstand" anzusehen. Dadurch würde man sich das wirkliche Geschehen verdunkeln. Vielmehr zeigt die Analyse der Wirtschaftspolitik einerseits gerade die Grenzen, andererseits aber auch die Möglichkeiten eines kleinbürgerlichen Antikapitalisnius, die zu erkennen gerade auch für den proletarischen Sozialismus von Wichtigkeit ist. Gewiß haben die Nationalsozialisten nicht nur alle Versprechungen an die Arbeiter, sondern auch viele Verheißungen, die sie dem Mittelstand gemacht haben, schnöde gebrochen. Sie mußten vor der Schließung der Warenhäuser und sogar der Konsumvereine zurückweichen, weil die unmittelbaren ökonomischen Folgen für die Arbeiter und Angestellten oder für die liefernden Industrien und kreditierenden Banken verhängnisvoll gewesen wären. Aber auf der anderen Seite erfüllt ihre Wirtschaftspolitik den Inhalt dessen, was im Kommunistischen Manifest als Wesen des kleinbürgerlichen Sozialismus angegeben wird. „Zunftwesen in der Manu- f a k t u r". Die Nationalsozialisten haben die Zwangsinnungen durchgeführt, haben durch das Verbot der Neuerrichtung von Handels- und Gewerbebetrieben diese monopolistisch abgesperrt und sie durch die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden von lästiger Konkurrenz befreit. Sie haben vor allem eine Gruppe des städtischen Kleinbürgertums mit besonderer Intensität unterstützt: Dem städtischen Hausbesitz sind 700 Millionen Mark als Zuschuß für Instandsetzung?- und Umbauarbeiten zur Verfügung gestellt worden, dazu erhebliche Zinsermäßigungen, Erlaß der Steuerrückstände und Ermäßigung der Hauszinssfeuer mit der Zusage, sie künftig völlig— aussehließ- Hch zugunsten des Hausbesitzes und ohne Ermäßigung der Mieten— aufzuheben. Die Subvention für den Hausbesitz kann man insgesamt mindestens auf eine Milliarde schätzen, während die Aufhebung der Hauszinssteuer eine sehr bedeutende Steigerung der städtischen Grundstückpreise darüber hinaus zur Folge haben wird. Eine analoge Politik wird auf die bürgerlichen intellektuellen Berufe angewandt. Gerade für sie ist der Ausschluß der jüdischen Konkurrenz bedeutsam gewesen und demselben Zweck, der Verringerung der Konkurrenz, dient die neueste Maßnahme, durch die der Zu-� gang zum Hochschulstudium auf 15.000, weniger als die Hälfte der bisherigen Zahl, mit einem Schlag herabgesetzt wird. Man sieht, es ist in der Tat Verwirklichung des „Antikapitalismus", Herstellung zunftartig gebundener Wirtschaft, die den Inhalt dieser Wirtschaftspolitik ausmacht. Noch weitergehend sind die Bestrebungen auf dem Agrargebiet, auf dem der Kapitalismus ja lange nicht so revolutionierend gewirkt hat wie in der Industrie, Die Agrarkrise hat schon vor der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern, sogar in dem in ökonomischer Beziehung sonst sehr liberalen Frankreich, zu weitgehenden Eingriffen in die landwirtschaftliche Marktwirtschaft geführt. Die Nationalsozialisten haben die Regelungen, die auf dem Getreidemarkt schon weitgehend verwirklicht waren, auch auf die landwirtschaftlichen Veredelungsprodukte ausgedehnt Sie haben durch die Einschränkung der Margarineproduktion und ihre Besteuerung, durch die Einschränkung der Einfuhr nicht nur die Fettpreise in die Höhe getrieben und durch ein ausgedehntes Prämiensystem die deutsche Fetterzeugung zu steigern versucht, sondern sie geraten zwangsweise immer mehr in eine völlige Zwangsbewirtschaftung der Landwirtschaft hinein. Nachdem die Getreide- und Futtermittelwirtschaft längst zu einem staatlichen Monopol geworden ist, nachdem die Konservenindustrie in ein staatlich kontrolliertes Zwangskartell umgewandelt wurde, dem die Abnahmepreise für Obst und Gemüse vorgeschrieben sind, werden jetzt auch Übernahme- und Abgabepreise für Butter. Käse und Eier inländischer und ausländischer Herkunft festgesetzt. Natürlich wird diese Preisfestsetzung ausschließlich und einseitig zugunsten der Produzenten vorgenommen. Hitler hat ja von Anfang an mit aller Deutlichkeit erklärt, daß ihm für die Hebung des Bauernstandes kein Opfer der Konsumenten zu hoch sein werde und ist ja bisher schon seit April die Nahrung aüein um 6� Prozent verteuert worden, in einer Zeit, wo der deutsche Nahrungsindex auf 113,5 steht gegenüber dem amerikanischen .on 65(1914=100)! Zu dieser Preiserhöhung der agrarischen Produkte kommt aber ebenfalls der Ausschluß der Konkurrenz durch die Erbhofgesetzgebung, die den größten Teil der mittleren und großen Bauerngüter in eine Art erblicher Fidei- kommisse verwandelt, die dem Erstgeborenen vorbehalten werden, und zugleich aus allgemeinen Mitteln von dem größten Teil ihrer Schulden entlastet werden. All diese Maßnahmen haben zweierlei Wirkung; sie übertragen einmal beträchtliche Teile des Nationaleinkommens auf die vom Nationalsozialismus privilegierten Schichten, teils durch die Preiserhöhungen, teils durch die Steuerbegünstigungen oder direkte Zuwendungen aus öffentlichen Mitteln. Erinnert man sich daran, daß Brentano einst die Belastung durch die damals ach so mäßigen Agrar- zölle für die städtische Bevölkerung a u f etwa fünf Milliarden geschätzt hat, so kann man ruhig annehmen, daß die Wirkungen der neuen, weit Intensiveren Agrarpolitik die Uebertragung von vielleicht 8— 10 Milliarden aus dem städtischen auf das agrarische Einkommen bedeuten dürfte— eine Zahl, die zugleich sehr deutlich illustriert, wie ungeheuer die Macht der Politik auf die Verteilung der E i n k o m m e ns a r t e n geworden ist Eine Schätzung der Einkommensverschiebung. die die Zwangsinnungen und die Konkurrenzbeschränkung im städtischen Handel und Gewerbe zugunsten dieser Schichten bewirken wird, läßt sich nicht geben; sicher ist aber, daß diese ganzen Verschiebungen auf Kosten des Einkommens der Lohn- und Gehaltsbezieher in weitestem Umfange vor sich gehen, während die industriellen Unternehmer ihrerseits die erhöhten Kosten wenigstens auf dem Inlandsmarkte abwälzen werden. Die Verluste, die überdies durch die Erschwerung der Handelspolitik und die Verminderung der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt entstehen, treffen ebenfalls vor allem die in der Exportindustrie beschäftigten Arbeiter. Die zweite Wirkung Ist die Versteinerung der Gesellschaftsstruktur. Die individuellen Aufstie g m ö g 1 i c h k e i t e n, die im Kapitalismus, namentlich in seinen aufsteigenden Phasen, für die Minderbesitzenden und Besitzlosen gegeben waren, werden jetzt immer mehr unterbunden. Der Zugang zu dem Gewerbe und zum Kleinhandel, der Aufstieg in die Schichten der Intellektuellen, wird verrammelt und die Erbhofgesetzgebung verhindert nicht nur die Verwandlung von Landproletariern in selbständige Besitzer, sondern schleudert zugleich die nachgeborenen Söhne und Töchter der Bauern erbarmungslos ins Proletariat So sieht der kleinbürgerliche Antikapitalismus in der Praxis aus. Seine Leidtragenden sind nicht die großkapitalistischen Schichten, sondern das Proletariat Denn gerade die großkapitalistischen Schichten können das Kompromiß mit dem kleinbürgerlichen Antikapitalismus schließlich ertragen. dessen Kosten das Proletariat zahlt — doppelt zahlt einmal an die kleinbürgerlichen Schichten, dak andere Mal durch den Verlust seiner Organi- sations- und Bewegungsfreiheit an das Großkapital. Reaktionär und utopisch zugleich hat das Kommunistische Manifest diese Politik genannt. Die Utopie ist iu einem bestimmten Maße verwirklicht worden, aber diese Verwirklichung bedeutet zugleich eine steigende Verminderung der Produktivität und der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Gesamtwirtschaft. Sie löst die Widersprüche nicht. sondern bedeutet weiteren NiederganS der Wirtschaft und deshalb weitere Verschärfung der Gegensätze. Und so wird Marx Recht behalten, die vorübergehend® kleinbürgerlich-antikapitalistische Wirklichkeit wird durch den Kampf des pro* letarischen Sozialismus wieder zur Utopi® werden. Dr. Richard Kern- Deutsdiland Neue interessante Veröffentlichungen über Deutschland. Das„Internationale Aerztliche BulIeli'1"• Zentralorgan der internationalen Vereinigi"1� sozialistischer Aerzte in Prag, Jahrgang Nr. 1, veröffentlicht eine Liste von Prof6?" soren der Medizin und von mediz'1"' sehen Forschern, die von der Hitler-RegierunS als minderwertig beurlaubt, in den Ruhesta"� versetzt oder verhaftet wurden. Sie ist nich vollständig, aber umfaßt 115 Namen! Die„Neue Weltbühne" Nr. 52(Prag, rieh) beschäftigt sich unter der Ueberschn' „Zoologisches Staatsrecht" mit deh staatsrechtlichen Tänzen des Professors Caf' Schmitt