iini w Mr. 31 SOMMTAG, 14. Januar 1934 Verlag: Karlsljad. Haus«Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt; 1. Kautsky; Wozu ein neues Programm?. i. s. Beilage 2. Scharfrichter Gröpler demissioniert t. S. Hauptblatt 3. Hitlers Schulden Die Finanzpolitik der Diktaturen 4. S. Beilage 4. Die Kriegsgefahr im Osten 3. S. Hauptblatt )usti&H aatsraison der faschistischen Diktatur ermordet worden, und das deutsche 1 Reichsgericht bat einen der obersten Rechtsgrundsätze mit Füßen getreten, um seine Tötung in rechtähnliche Formeln zu. kleiden. Der Hauptzeuge für die Brandstiftung im Reichstag ist für immer stumm gemacht. Er ist schon alsbald nach seiner Verhaftung verstummt Seine Haltung im Gerichtssaal war nur erklärlich, wenn er entweder völlig geistesgestört und verblödet oder wenn er irgendwelchen Manipulationen unterworfen worden war. Man hat laut davon geredet daß er vergiftet worden sei. Man hat der Justiz eines Landes, die sich zur willfährigen Handlangerin der Diktatur gemacht hat, ein derartiges Verbrechen ohne weiteres zugetraut Mit dem Verstummen des Hauptzeugen aber ist der Fall Re:chstagsbrand nicht zu Ende. Der Prozeß hat vielen die Gewißheit gegeben: van der Lübbe war ein Werkzeug, aber die wahren Schuldigen sitzen in der nationalsozialistischen Partei! Bei vielen hat der Prozeß Zweifel geweckt an der Behauptung, daß die Kommunisten die Anstifter gewesen seien. Diese Gewißheit und diese Zweifel werden mit dem Tode van der Lübbes nicht aus der Welt geschafft. Das faschistische Regime hat mit der Tötung van der Lübbes einen abscheulichen Akt politischer Lynchjustiz auf sich genommen,"um seine eigene Schuld damit zu bedecken. Aber der Tote wird lauter gegen das Regime zeugen, als es der Lebende getan hat! Einst wird das Verfahren wieder aufgenommen werden. Die großen Verbrechen der Weltgeschichte haben die Wahrheitsucher aller Zeiten niemals ruhen lassen. Die Verbrecher werden entdeckt �ver? den. Auf einen von ihnen zeigt alle Welt bereits mit dem Finger:(i 8 rl n g! Der Henker will nicht mehr! Er legt sein Amt nieder! Seit Göring Polizeiminister ist, sind allein in Preußen mehr als 50 Todesurteile mit dem Handbeil vollstreckt worden. Als Scbariricb- ter fungierte der in Magdeburg wohnende Wäschereibesitzer G r ö p p I e r, der diese Funktion jetzt im Nebenamt ausübt. Wie wir nun ans Magdeburg erfahren, bat Gröppler sein blutiges Amt niedergelegt. Seine letzte„Betätigung" galt drei jungen Arbeitern, Bei Ihrer Hinrichtung, die mit dem Handbeil vollzogen wurde, spielten sieb grauenerregende Szenen ab, Gröppler erlitt einen Nerve nzusam- raenbrueb. Vielen Gefangenen, die von ihren Zeüen aus die vom Innenplatz des Ce- rlcbtsgelängnlsses zu Ihnen dringenden iurebt- baren Schreie der zum Ricbtklotz geschleppten Arbeiterjungen anhören mußten, ging es ebenso. Gröppler erklärte seinen Vorgesetzten, zu weiterer Amtierung als Scharfricbler seelisch nicht mehr In der Lage zu sein. An seiner Stelle übernahm der Roßschläcbter B o 1 1 m a n n] r. aus Magdeburg das fetzt so ertragreich gewordene Blutamt. Mörder als Ankläger Die Gerechtigkeit im Dritten Reich Am 24. Februar 1933 ist in Neiße ein Reichsbannermann. Georg Arbeiter, getötet worden. Der Schuß wurde von einem SA.- Mann abgegeben, der wenige Monate vorher noch Kommunist war und beschuldigt wurde, einen Fahnenträger der SA., Edgar Müller, ermordet zu haben. Die„Neißer Zeitung", ein Zentrumsblatt, berichtete damals: .Der Vorfall ist um so empörender, als nach allem, was man hört, der Schütze weder in Notwehr gehandelt hat. noch über- haupt irgendeine Prügelei voranging. Wenn der Schütze oder die Schützen Leute gewesen sind, die früher bei den Kommunisten mitgelaufen und dann bei den Nationalsozialisten aufgenommen und in die SA, eingereiht wurden, so ist die Leitung der hiesigen NSDAP., bezw. der SA. von schwerer Schuld nicht freizusprechen." Vor dem Sondergericht in Neiße standen aber am 17. November als Angeklagte nicht die beiden Nationalsozialisten Jüttner und Schröter, die den Mord begangen haben, sondern sechs Reichsbannerleute, die bei der Ermordnung von Georg Arbeiter Zeuge waren. Die Anklage lautete auf Landfnedens- bruch mit tödlichem Ausgang. Unter den 17 Zeugen befanden sich 14 Nationalsozialisten als Belastungszeugen. Die von dem Offizialverteidiger beantragte Vernehmung von drei weiteren unparteiischen Augenzeugen wurde vom Gericht abgelehnt Die Verhandlung ergab keinerlei Anhalt daß die Reichsbanner- leute geschossen haben. Keiner von ihnen trug eine Schußwaffe bei sich. Trotzdem verurteilte das Gericht den Bruder des Ermordeten zu 2% Jahren Gefängnis. Ein Angeklagter erhielt 4 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust, einer 2 Jahre Zuchthaus, zwei Angeklagte je ein Jahr Gefängnis und einer 9 Monate. Die Mörder stellten die Anklage, die Uebertalienen saßen am" der Anklagebank und wurden verurteilt Und däs alles auf Grund von Ansagen einiger Halunken, die als frühere Kommunisten begeisterte Aufnahme in der SA. gefunden haften! Hindenburg rührt sich Preußen muß bleiben Der reichsdeutschen Presse ist vor einiger Zeit ein Verbot zugegangen, über die Frage der Reichseinheit etwas zu veröffentlichen. Dieses Verbot hat eine interessante Vorgeschichte. Für den 18. Januar, dem Tag der Relchs- gründungsfeicr, an dem ja auch der neue Reichstag wieder tagen soll, war eine Proklamation In Aussicht genommen, die praktisch das Ende der Länder und die volle Reichseinheit bedeutet hätte. Gegen diesen Plan erhob sich jedoch mit ungewöhwlicher Heftigkeit der alte Hindenburg. Er erklärte, das würde die Zerschlagung Preußens bedeuten, und damit wpDe er nicht auch npch sein Gewissen belasten. Der entschiedene Einspruch des Reichspräsidenten zwang Hitler, das Projekt zurückzustellen. Der Presse wurde Schweigen geboten. Sie darf natürlich auch nicht mitteilen, daß Hitler von Hindenburg die Ersetzung des Reichs wehrministers Blomberg durch Röhm gefordert hat und damit abgefallen ist Die neue Spannung zwischen dem„Führer" von Heute und dem„Retter" von gestern hat u. a. auch die Folge, daß die Frage der Nachfolgerschaft Hindenburgs in engeren Kreisen wieder lebhafter besprochen wird.Dabe steht die Kandidatur des bayrischen Generals von Epp im Vordergrund. An die Stelle der„Volkswahl" soll die Wahl durch den Reichstag treten. Das kann man ohne weiteres machen, da ja verfassungändernde Mehrheiten nach Belieben entstanden sind. Aber das„Führerprin- Slegesgewisse Gesinnungslumpen Die„Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung", die größte deutsche Lehrerzeitung, hat mit dem Ende des Jahres 1933 ihr Erscheinen eingestellt Nach Ihrer Gleichschaltung war sie nur noch ein tragikomisches Beispiel von Gesinnungslosigkeit und Unterwürfigkeit Außerdem hat der Gesamtausschuß des deutschen Lehrervereins folgenden Beschluß gefaßt: „Der Gesamtausschuß ist überzeugt, daß in nicht zu langer Zeit im einigen Deutschen Reich es auch nur eine einzige Erzieherfront geben wird. Es geht seinen einmal eingeschlagenen Weg siegesgewiß zu ende und sieht nach wie vor in dem nationalsozialistischen Lehrerbund allein die deutsche Erziehergemeinschaft Der Auflösung des Deutschen Lehrervereins stellt nichts mehr Im Wege. Sie wird in allernächster Zeit vom Gesaratausschuß vorgenommen.' Das ist also das siegesgewissc Ende der einst freiheitlichen Lehrer um Herrn Wolf und Genossen! Dieser Beschluß, den Verein, auf den man so lange so stolz gewesen war und ihn als das Bollwerk der deutschen Volks- lehrerschaft bezeichnet hafte, so„würdig" zu Grabe zu tragen, sieht allerdings weniger siegesbewußt aus. Der alte Herbart behält Redit: die Menschen bliden\v»eit lieber die Maximen ihres Handelns nach ihren Taten als umgekehrt Hier liegt noch eine besonders unwürdige Heuchelei vor. Man muß nämlich wissen, daß der Deutsche Lehrerverein trotz aller Unterwerfung keine Gnade mehr vor den nationalsozialistischen Machthabern gefunden hatte. Er wäre dem Henkerbeil ohnedies zum ersten Januar verfallen gewesen. Er zog es vor, mit unwürdiger Heuchelei sich selbst zu morden. Wenige Tage vor dem Vorstandsbeschluß des Deutschen Lehrervereins ver- örientlichte nämlich das Reichsministerium des Inneren folgende Verfügung; 1. Im Hinblick auf den nationalsozialistischen Lehrerbund und die gegenwärtigen organisatorischen Maßnahmen wird verfügt, daß ein Wiederauileben alier aufgelöster oder aller in Auflösung befindlicher Verbände absolut verboten ist Letztere sind in den Fachschaften des Nationalsozialistischen Lehrerbundes aufgegliedert und üben dort ihre Facharbeit aus. 2. Der Nationalsozialistische Lehrerbund stellt im Hinblick auf Politik und Weltanschauung die große deutsche Erzieherfront analog der Bauernfront analog der Arbeiterfront unter der Führung des Reichsielters Schlemm als selbständiges Amt der politischen Organisation dar. 3. Der Nationalsozialistische Lehrerbund stellt im Hinblick auf seine Fachschaften vom Kindergarten über Volksschule, höhere Schule und Hochschule einschließlich aller Sach- und Arbeitsgebiete, die auf Erziehung bezügliche fachliche Organisation der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei dar." Damit wird der Schlußstein der deutschen Erzieherkaserne gelegt Es gibt keine deutschen Lehrer mehr, sondern nur noch die SA.- Männer der deutschen Zuchtanstaiten. Es fällt schon nicht mehr auf, daß Herr Rust die Befehlsformen der SA. als einheitliche Befehls- «prache im preußischen Turnunterricht angeordnet hat. Die totale Barbarei marschiert in Riesenschritten. ¥ei*sclilossene Bahn•«• Das Privilegium als Wlrtschaftsmaxime des Dritten Reiches Müllers Evangelium Hungerstrafe für altgläubige Pfarrer! Das Wort, das der kaiserliche Reichskanzler v. Bethmann-Holiweg zu Beginn des Krieges als Bekenntnis einer neuen Gesinnung sprach;„Freie Bahn dem Tüchtigen!"— es ist zum Ueberdruß oft nachgebetet worden. Das alte kaiserliche Deutschland, ein Staat der Geburtsprivilegien und der Bevorrechtigungen, hat nie mit der Durchführung dieses Grundsatzes Ernst gemacht. Die Weimarer Republik hat versucht soweit dies in einer kapitalistischen Gesellschaft überhaupt geht, den Aufstieg der Begabten zu ermöglichen. Die Zahl derer, die aus der Arbeiterklasse in die akademische Laufbahn und in die höheren Staatsämter hineinkamen, hat in den vierzehn Jahren ihres Bestehens langsam aber stetig zugenommen. Allerdings muß hinzugefügt werden, daß trotzdem das Bildungsprivileg der Besitzenden durch dies bescheidene Wachstum nur wenig angetastet war. Das Dritte Reich stellt auf dem Gebiete der Bildung wie der Wirtschaft wieder das Privileg in den Vordergrund. Seine mittelalterliche Denkweise möchte, wie das vor Zeiten die Zünfte versuchten, eine Anzahl von Privilegierten die „gesicherte Nahrung" schaffen, wobei heute wie damals nicht danach gefragt wird, was aus den Ueberzähligen wird. Man schließt einfach, wenn der„Bedarf" gedeckt ist, diesen und jenen Beruf ab.— sollen die Nicht-Zugelassenen sehen, wo sie bleiben! Und da in der Wirtschaftskrise jeder Beruf praktisch überfüllt ist, so ist die Zahl der Ausgeschlossenen groß, ihre Aussichten, in anderen Berufen unterzukommen, gleich Null. Der Ausschluß der Juden aus den meisten qualifizierten, zuma! aus den akademischen Berufen war ein erster Schritt in dieser zünftlerischen Richtung. Die Zahl der„Nahrungen", die man hierdurch gewann, war bei der winzigen Minorität. tiie in Deutschland die Juden bilden, aber nur gering, weshalb die braunen Machthaber(ganz konsequent von ihrem Standpunkt aus!) durch Erforschung der Abstammung bis auf die Urgroßmütter Hitlers Kirchenministerium besinnt sich plötzlich wieder auf das„reine Wort Gottes", nachdem es durch den Versuch, die Kirche nationalsozialistisch glcidizuschalteu, wüsteste braune Partei- und Kasscnagitatiou hinein getragen hat Deshalb forderte der Piarrernot- j lichkeit vergrößerten. Aber auch der so bund den Rücktritt des R e i c h s- gewonnene Raum war angesichts der gro- bischofs. Der antwortete nach einigem ßen Masse Futtergieriger nicht ausrei- weihnachtlichem Zögern auf das Ultimatum der 1 chend, zumal in jenen Berufen nicht, in Bischof« von Süddeutschland und Hannover, denen die Juden gar nicht oder nur wenig vertreten waren. Hier gehen nun die Nat:onaIsoziaI'sten, man muß es ihnen lassen, mit kaum geringerer Brutalität gegen ihre reinarischen Auch hier wird nicht nach denen gefragt, die durch die Sperre um die beabsichtigte Selbständigmachung gebracht wurden. Da sie ja nicht selbständig wurden, so zählen sie im Kreise der Kleingewerbetreibenden nicht mit Am radikalsten aber geht der Nationalsozialismus in der Einschränkung der akademischen Berufe vor. Trotz allen Lärmens war die Entjudung der Arzt- und Anwaltschaft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Verhängnis sind die bis zu 40.000 Abiturienten, die jahraus, jahrein die deutschen Gymnasien und Realgymnasien verlassen haben, um sich dem Universitätsstudium zuzuwenden. Was half es gegen diesen Zustrom, daß die braune Unterrichtsverwaltung die Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für begabte Kinder des Proletariats, die von der Demokratie geschaffen worden waren, brutal zerschlug! Der nationale„Sozialismus" Hitlers hat zwar damit wieder das Wort zu Ehren gebracht;„Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben." Aber im übrigen ist die Aufstiegskonkurrenz innerhalb des bürgerlichen Nachwuchses so groß, daß das bißchen Proletariat kaum mitzählte. Es half auch nichts, daß die Zulassung weiblicher Studierender stark eingeschränkt wurde— ein sinniger Dank des Dritten Reiches an die fanatischen Hitleriken der Lyzeen! Nein, wenn man in den akademischen Berufen das gesicherte Privileg herstellen wollte, so blieb nichts übrig, als die eine Hälfte der Anwärter zugunsten der anderen radikal zu entrechten! So ist es geschehen. Ein Erlaß des Reichsinnenministeriums beschränkt die Zulassungen zur Universität für kommende Ostern auf 15 000, wobei aber der Erwartung Ausdruck gegeben wird, daß diese Zahl nur zum Bruchteil ausgenutzt werde! Was das bedeutet, geht daraus hervor, daß trotz schon wirksamer Einschränkungsmaßregeln, daß trotz der Ablösung der starken Vorkriegsjahrgänge durch die zahlenmäßig viel schwächeren die Zahl der Auszuschließenden nach Mög-| Jahrgänge ab 1915 normalerweise im Jahre 1934 mit einem Zugang von 25.000 bis 30.000 Studierenden zu den Universitäten zu rechnen gewesen wäre.(Wobei die Abiturienten, die normalerweise in nichtakademische Berufe zu geiien pflegen, schon nicht mitgerechnet sind.) Mit anderen Worten: die Hälfte der Abiturienten liegt draußen! Dabei wird amtlich diese Maßregel noch als sehr, ja als zu milde bezeichnet: man habe ursprünglich sogar nur 12.000 zulassen wollen, rein nach dem Bedarf betrachtet, hätte überhaupt keiner der diesjährigen Abiturienten zum Studium verstattet werden dürfen! Man kann sich denken, welches Wettrennen um die freien Plätze, welcher Kampf auf Leben und Tod zwischen Mitschüler und Mitschüler einsetzen wird. Und, wie es im Dritten Reich einmal zugeht, dürften„Verdienste" in der Hitlerjugend. vorschriftsmäßige Gesinnung und strammes Exerzieren inklusive abgelegter Felddienstübungen für die Zulassung zum Stud um weit entscheidender sein als die altmodischen Tugenden glänzender Begabung, guter Kenntnisse und eisernen Fleißes. Die Günstlinge Baidur v. Schirachs werden das Rennen machen, und wo charakterfeste Lehrer noch im Sinn einer „überlebten liberalistischen Staatsauffas- sung" nach der Eignung des Prüflings entscheiden wollen, wird ein sanfter Druck von oben sie rasch korrigieren. So formen sich im Dritten Reich überall die geschlossenen, privilegierten Berufsstände. Aber sie stehen vor der gleichen Kalamität wie die Zünfte des Mittelalters: ihr gesichertes Dasein vollzieht sich auf Kosten einer immer größer werdenden Zahl Deklassierter. Diese sinken in den einzigen Berufsstand, den mafl nicht abschließen und privilegieren kann. weil er der unterste ist— ins Proletariat Und so gehört es denn zu den großen Ironien der Weltgeschichte, daß die Mittelstandsretter des Dritten Reiches einen Haufen von ßauernsöhnen, Sparern und Abiturienten, die ohne sie zu mittel- ständlerischen Existenzen, freilich auf unsicherer Grundlage, geworden wären. grausam ins Proletariat herabstoßen, � mit einer Verordnung, in der es heißt:„Der Gottesdienst dient ausschließlich der Verkündigung des lauteren Evangeliums". Dann wird der„Mißbrauch des Gottesdienstes" zu kirchenpolitischen Auseinairdersetzungen und Angriffe auf das Kirchenregiment mit der Aushungerung bedroht: Gegen kirchliche Amtsträger, die diesen Vorschriften zuwiderhandeln, ist unter so- sortiger vorläufiger Enthebung vom Amte unverzüglich das förmliche Disziplinarverfahren mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amt einzuleiten. Für die Dauer der vorläufigen Amtsenthebung ist vorbehaltlich weitci' gehender Bestimmungen der Disziplinargesetze das Einkommen um mindestens ein Drittel zu kürzen. Die altgläubigen Pfarrer, die es mit dem „lauteren Evangelium" wirUch genau neb- men, sollen also ausgehungert werden. Die Opposition Act katholischen Pfarrer ist besser dran als die der protestantischen, weil die Papstklrchc wirtschaftlich unabhängiger ist Drum weiß sich das Dritte Reich gegen die aufsässigen katholischen Kanzeln nicht anders zu wehren als mit gewalttätigen Drohungen. Nach dem„Fest der Liebe" wurden wieder einige katholische Pfarrer in Konzentrationslager gebracht Der eine hat für Kommunisten, die zum Tode verurteilt waren, eine Messe lesen lassen, der andere soll das braune System scharf kritisiert haben. Kardinal F a u I h a b e r, der in Bayern vor überfüllten Kirchen gegen nationalsozialistischen Rellgionsmißbrauch, Wo- tansanbetcrei und Rassenwahn losdonnerte. wird von braunen Attentätern so bedroht daß man in Rom plant ihn zum Delegaten zu er- nennen und durch diese exterritoriale Würde vor braunen Zugriffen zu schützen. Aber nicht nur Faulhabers Predigten, sondern auch die anderer oppositioneller Geistlicher haben einen Zulauf, wie ihn die deutschen Kirchen selbst in den Zeiten der Blsmarck- schen Kulturkampfes nicht kannten. Millionen Menschen hoffen von den Kanzeln ein Wort gegen die Greuel der Hitlerei zu hören. Volksgenossen wie gegen die jüdische Minorität vor. Ihre Taktik ist fast überall die gleiche: die zufällig gerade jetzt in„Nahrung" Befindlichen oder eine bestimmte Anzahl von ihnen werden auf Kosten der anderen sichergestellt: in diesen hat das System eine zuverlässige Schutzgarde. Mögen die beim Wettlauf um die Plätze zu spät Gekommenen jammern und murren: man spielt ihre glücklicheren Nebenbuhler gegen sie aus, und da die, die im Besitz sind, mehr zu sagen haben, als der Haufe der Habenichtse, so sind die Anhänger des Dritten Reiches immer in der stärkeren Position. So zielt die Schaffung bäuerlicher E r b h ö f e z. B. auf nichts, als einen Teil der Bauern, diesen aber auch u n- bedingt, sicherzustellen. Auf die ältesten Söhne, die unter Ausschluß ihrer jüngeren Geschwister allein den Hof erben, wird Hitler sich verla&seu können. Die jüngeren, die rechtlos vom Erbe weichen müssen, werden ihn zwar verfluchen, aber — was tut das? Sobald diese Enterbten erst im städtischen Proletariat untergegangen sind, sind s i e ja nicht mehr der Bauernstand. Dabei ist interessant, daß auf dem Wege über das Erbhofrecht auch die von der Demokratie aufgehobenen F i d e i- k o m m i s s e wieder eingeführt werden. Denn auch der größere Grundbesitz kann unter bestimmten Voraussetzungen, die besonders auf die adeligen Rittergüter des Ostens zugeschnitten sind, zum Erbhof er- klärt werden. Es lebt also die B i n d u n g des Grund und Bodens mit all ihren wirtschaftlichen Folgen in großem Maßstab wieder auf. Was den städtischen Mittelstand anbetrifft, so hat das— wenn auch zunächst befristete— Verbot der Errichtung neuer Verkaufsstellen die bestehenden Geschäftsinhaber privilegiert. Des Großvaters Fehltritt Notschrei der deutsehen Männer ohne arische Gr oßmuttC Man trifft ferner die Familie von H ü o e f e' � in den letzten Jahren in Deutschland dadurch bekannt geworden, daß es ein Hünefeld war. Es konnte nicht ausbleiben, daß auch— oder gerade erst recht— das Dritte Reich Sehnsüchte nach neuen Vereinen weckte und ihren Gründern den Ehrgeiz beflügelte. Einer der tragikomischen Vereine, der dem Boden der Nazi-Tatsachen entsprossen ist,(st der „Verein deutscher christlicher Staatsbürger n i c h t a r I s ch e r und nichtreinrassiger Abstammung". Dieser Tage trat er In Berlin zu einer Delegierten-Konferenz zusammen und siehe da; Es stellte sich heraus, daß dieser Verein bereits weit über 100.000 Mitglieder zählt! Das Mitglledcrverzeichnis dieses Vereins ist eine wahre Verlustliste, denn die Personen, die auf ihr stehen, haben die privilegierte Herkunft verloren, weil einst der Großvater einen Fehltritt getan und zur Lebensgefährtin eine Fran nichtarischer oder nicht reinrassiger Geburt erkoren hat. In dieser Vereinsliste stehen Namen, die einst in deutschen Landen von dem erschauernden Bürger mit Respekt genannt wurden: ihre Träger sind Personen, die damals der Gnade teilhaftig werden durften, auf den Stufen zu Wilhelms Thron ganz vorne zu stehen. In der Gesellschait von Menschen, deren einfache bürgerliche Väter oder Mütter untereinander keine Rücksicht auf den Kou- fessions- und Rasscnunterschied genommen und im rassenverräterischen Ehebett Kinder gezeugt hatten, findet man jetzt die Familien Wedel, Henckel-Donnersmarck und viele andere. Auch die Familie von Rieht- h o f e n stellt sich plötzlich als nicht reinrassig heraus, irgendeine Ahntrau hat das arische Blut verdorben. Dieser Familie entstammt der berühmteste Kamptilieger des Krieges Manfred von Richthofen. Zu dem Rlchthoten-Gcdenkbuch, das mit anerkennenswerter GeschäftstQchtlgkeit der sich gleichschaltende LTUstein-Verlag als erste Konzcssion an die neuen Machthaber In Deutschland herausgegeben hatte, schrieb damals Göring. der im Kriege als Nachfolger Richthofens dessen Fliegerstaffel übernahm, das Vorwort der gemeinsam mit Hauptmann Koehl und de® Irischen Oberst Fitrmaurice als erster den Ozean von Europa nach Amerika überfo* Nach seiner Rückkehr wurde Hünefeld vo® ganzen deutachen Volke begeistert gefeleri- Er ist vor zwei Jahren gestorben. Aber&& Name wird heute durch die Tatsache übef schattet daß seine Mutter eine geboren' Lachmann ist aus dem Hause Jener Lach' manns, deren einer Sprößling unter dem Na* men Lachmann-Mosse den weltberühmten Verlag Rudolf Mosse ruiniert hat Selbst berühmte Generale des WeUkrW müssen sich heute mit dieser Zweltklassigken abfinden. Darunter General von Llnsl0' gen, Sieger in mehreren Karpathenschlacht"1 und letzter königlich preußischer Oberbefehl' liaber in den Marken. Man erinnert sich, d®J »leb Linsingen— als er den Kyfihäuserbuo nach der Einführung des Arierparagraph'" verlassen mußte— zum„Reichsbund jüdis�'f Frontsoldaten" meldete unter Hinweis daraU,; daß er„mm aum Juden ernannt' worden"• weil er eine jüdische Großmutter gehabt ha'�- Der letzte Militär-Gouverneur von E'*4: Lothringen, von Moßler,(st diesem Vere" ebeniails beigetreten. Und viele, viele aI1de[le., bei denen erst durch Adolf« Sonne Schweinerei der nicht ganz reinrassigen stammung ans Tageslicht kam. Der Verein hat einen Aufruf erlassen. d für sich selber spricht:„Die ausgebürSe�t di' Ah* deutschen Juden finden wenigstens wo an d«rs eine gewisse Unteratützur.g. Wer aber kö mert sich um die Hunderttausende ü®11 Christen, die plötzlich von ihren MitbOrC' jeder Zukunft beraubt und In die Pe«t0uaf täne gezwungen wurden?" Ja. wer hat denn die meisten dieser schaften gezwungen, dieses Hitlers Weg"6� ter zu»ein? Sie. die doch die deutsche �reti aus nächster Nähe kennen müßten, hätte11 sieb eben vorher überlesen sollen. 1. Msdued i/QH Rapatfo- UitUes icMt Vifoic- Hlaskaus Anbvöd Während das politische Interesse Europas in den letzten Monaten hauptsächlich auf die Beziehungen Deutschlands zu den Westmächten und auf die durch dessen Austritt aus dem Völkerbund heraufbeschworenen Spannungen konzentriert war, hat sich im Osten eine Umgruppierung der politisierten Kräfte angebahnt, die einen starken Einfluß auf die Gestaltung der europäischen Politik ausüben dürfte. Die jüngsten Erklärungen M o 1 o t o w s und L i t w i n o w s auf der Tagung der Zentral-Exekutive der Sowjets über die von Deutschland und Japan drohenden kriegerischen Gefahren und die heftige Kampfansage Rußlands an die von diesen Staaten betriebene Katastrophenpolitik haben die weltpolitische Situation blitzhell erleuchtet Diese Kundgebungen erscheinen noch bedeutungsvoller, wenn man sie mit der politischen Entwicklung im letzten Jahre in Zusammenhang bringt. Schon kurz nach dem Machtantritt Hitlers zeigte es sich, daß trotz aller offiziellen Freundschafts- und Loyalitätsbeteuerungen der deutschen Diplomatie die Stellung Deutschlands zu Sowjetrußland eine wesentlich andere geworden war als unter der Herrschaft republikanisch-demokratischer Regierungen. Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung Deutschlands hatte stets— im Einklang mit dem von der Sozialistischen Arbeiter-Internationale proklamierten Grundsatz„Hände w e g v o n So wjetru Bland!"— eine Politik des Schutzes des Sowjetstaates vor jeder feindlichen Intervention betrieben und die dahin zielenden Bestrebungen völkischer. Kreise auf das heftigste bekämpft. Nun war dieser Schutzwall— nicht ohne Mitschuld der auch vom ■russischen Standpunkt einsichtlosen und selbstmörderischen Haltung der Komintern— zusammengebrochen. Der deutsch-russische„Freundschaftsvertrag" von R a p a 1 1 o wurde zwar im Erühjahr 1933 erneuert, aber die wirkliche Politik des„erwachten" Deutschlands wurde dadurch gekennzeichnet, daß Hitler sich den westlichen Mächten als Preisfechter gegen den Bolschewismus anbot und durch seinen Intimus Rosenberg ein Netz von Intrigen spinnen ließ, die allesamt das Ziel verfolgen, die deutsche Expansionspolitik im Osten an dem Punkte wieder aufzunehmen, wo sie im Herbst 1918 zusammengebrochen war. # Rosenberg wurde zwar im verflossenen Sommer, Infolge scharfer Moskauer Proteste und des Drängens des Außenministers Neurath, ebenso desavouiert wie vorher Herr H u g e n- nerg, der in seiner famosen Denkschrift auf der Londoner Weltwirtschaftskonferenz die Zerschlagung der Sowjetunion gefordert hatte, um Deutschland Siedlungsland im Osten zu �erschaffen. Aber die Expansionspläne Rosenbergs beherrschten nach wie vor die deutsche Ostpolitik. Sie äußerten "ich sowohl in einer politisch-militäri- Schen Annäherung an Japan vie in dem Versuch Polen durch das Angebot der Sowjet-Ukraine zu ködern, �enn es den Korridor und Oberschle- sien zurückgeben und sich auf die Seite Deutschlands stellen würde. Daneben iefen Bemühungen, durch die Aufstel- kmg einer Weißgardistentruppe [..Deutsch-russische Standarte") in Deutschland sowie durch national- Sozialistische Zellenarbeit in den balti- �ben Staaten und in der Ukraine den Boden für einen Interventionskrieg Segen Rußland vorzubereiten. Gekrönt jvurde diese Politik durch den Plan Hitlers— den er im Dezember dem tomzSslschen Botschafter F r a n c o i s- H 0 n c e t mitteilte—, über die b a I- l1 sehen Staaten in Westruß- 'and einzudringen und sich mit Holen zu verständigen, wenn dieses ge- �flllt sei, Deutschland für eine Expan- S'onspolitik„in anderer Richtung" rc'e Hand zu lassen. Dieser Plan wurde— wie der„Daily Herald" vom 4. Januar mitteilt— vom französischen Außenamt nach Warschau und Moskau übermittelt, wo er naturgemäß das Bestreben auslöste, durch ein engeres Zusammengehen mit den baltischen Staaten(Finnland, Estland, Lettland und Litauen) einen festen Wall gegen die deutsche Expansion im Osten aufzurichten. Die von dieser Seite drohenden Gefahren werden in Moskau sehr ernst genommen. Schon im verflossenen Sommer versuchte Sowjetrußland sich durch den Abschluß von Nichtangriffspakten mit allen westlichen„Randstaaten"— von Finnland bis Rumänien — und durch eine Annäherung an Polen an der westlichen Grenze zu sichern. Noch bedeutungsvoller war die politisch-wirtschaftliche Annäherung zwischen Ru ß 1 a n d und Frankreich und die Verständigung zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. Verstärkte die Freundschaft mit Frankreich die russische Front im Westen, so gab die endlich erzielte Verständigung mit der USA.— neben großen wirtschaftlichen Möglichkeiten— Rußland einen starken Bundesgenossen gegen" Japan, dessen imperialistische Aktivität in den letzten Jahren immer bedrohlicher wird. Durch dieses System der Bündnisse und Nichtangriffspakte sucht sich die Sowjetunion vor den Gefahren zu sichern, die einerseits durch die Etablierung der Hitler-Herrschaft im Herzen Europas und andererseits durch den Expansionsdrang des dem heutigen Deutschland geistesverwandten Japan entstanden sind. In dieser Situation gewinnen die auf der Dezember-Tagung der Zentralexekutive„in Moskau abgegebenen Erklärungen wie auch sonstige' Aeüßerungen verantwortlicher russischer Politiker erhöhte Bedeutung. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare M o- 1 o t o w, ebenso wie der Außenkommissar L i t w 1 n o w wandten sich entschieden gegen die Brandstifterpolitik Hitler-Deutschland und Japans und gab unzweideutig den Willen— der Sowjetunion kund, dieser Politik mit den schärfsten Mitteln zu begegnen. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit ein sehr charakteristischer Wandel der politischen Argumentation. An Stelle der ehemals beliebten These von der „Zerreissung der Ketten von Versailles" trat eine sehr nüchterne Auffassung der Revisionsfrage in die Erschein- nung. Litwinow erklärte(laut dem Bericht der Moskauer„Prawda"): „Wir haben die Friedensvertraec nicht gutgeheißen. Mehr noch, wir haben onsere Sympathien für diejenigen Völker, denen In den Ftiedensverträgen Ungerechtigkeiten zugefügt wurden, nicht verhehlt und es steht uns deshalb nicht zu, gegen die Revision dieser Verträge Einwendungen zu erheben, aber natürlich nur in dem Falle, wenn diese Revision r.nf friedlichem Wege, auf Grund freiwilliger Vereinbarungen vor sich gehen kann, und wenn nach Beseitigung der bestehenden Ungerechtigkeiten durch die Revision nicht neue, vielleicht noch größere Ungerechtigkeiten geschaffen werden." Nicht minder bedeutungsvoll ist die veränderte Stellungnahme der Exekutive zur Frage des Völkerbundes, die bisher stets rein negativ behandelt wurde. M o 1 o t o w erklärte, man müsse „eine gewisse hemmende Rolle des Völkerbundes gegenüber den zum Kriege drängenden Kräften als positive Tatsache anerkennen." Und Litwinow gab ganz offen zu verstehen, daß die Sowjetunion auch mit dem Völkerbund zusammenarbeiten wurde: „Da wir keine Doktrinäre sind, lehnen wir es auch nicht ab, diese oder jene bestehenden oder neu sich bildenden internationalen Vereinigungen und Organisationen auszunutzen, wenn wir Grund zu der Annahme haben oder haben werden, daß sie der Sache des Friedens dienen werden* Fügt man zu diesen Aeußerungen noch hinzu, daß Stalin, der äußerst selten an die internationale Oeffentlichkeit tritt, Ende Dezember gegenüber einem Vertreter der„New York Times" die Erklärung abgab,„die Sowjetunion könnte den Völkerbund unterstützen, wenn dieser sich gegen den Krieg stellen und den Frieden unterstützen wollte", so erkennt man bei den leitenden Sowjetkreisen einen ziemlich weitgehenden Umschwung hinsichtlich der Methoden ihrer auswärtigen Politik. Werden aus diesen Erklärungen die notwendigen praktischen Schlußfolgerungen gezogen, so könnte Sowjetrußland bei dem jetzt entbrennenden Endkampf um die Erhaltung des Völkerbundes als einer kriegshemmenden Kraft eine entscheidende Rolle spielen und mit darauf hinwirken, daß die Attacke des Faschismus gegen den Weltfrieden an einem der wichtigsten Punkte zurückgeschlagen wird. Viator. Politik fehlt. Die Presse ist©in wiHen- loses und gesinnungsloses Instrument in der Hand der Regierung. Jede Abweichung von der Außenpolitik Hitlers, jede Warnung vor Gefahr, jeder Protest gilt als Landesverrat und ist mit schwersten Strafen bedroht Das deutsche Volk muß schweigend das Geschick hinnehmen, das ihm der Tyrann auferlegt es besitzt weder Kontrollrechte noch Selbstbestimmungsrecht. Anders in den lebendigen Demokratien des Westens. Hier werden in öffentlicher Kritik die Fäden bloßgelegt hier herrscht die Freiheit und der Kampf der Meinungen, die den Völkern erlauben, sich selbst ein Urteil zu bilden. Diese öffeutliche Kontrolle ist eine Garantie gegen das Verbrechen. Sie ist dem Hitlerregime verhaßt, weil sie sich gegen seine Verbrechen richtet Es möchte die Wahrheit im Ausland erdrosseln, wie es ihm im Inland gelungen ist. Die Organisation Europas, wie sie Hitler vorschwebt trägt folgende Züge: eine Clique weniger Männer, die über Krieg und Frieden entscheidet, während die Völker in Unwissenheit auf den Tag warten, an dem sie zur Schlachtbank geführt werden! Es ist der Geist des Absolutismus, der aus diesem Angriff auf die Freiheit der Presse jenseits der deutschen Grenzen spricht. Rußland zahlt! Stalins Lektion für Schacht An einem der letzen Dezembertage saß der Journalist Walter Duran- t y Im Kreml bei Stalin. Der führende Kopf des Bolschewismus entwickelte dem aufhorchenden Amerikaner die Maximen eines ehrbaren Kaufmanns. „Die rasche Entwicklung unseres Außen- handels", sagte Stalin,„hängt ab von den Bedingungen und dem Umfang unseres Kredits. Wir haben nie verfehlt, unsere Verbindlichkeiten zu erfüllen. Wir hätten Ja auch ein Moratorium verlangen können, aber wir haben es nicht getan, um nicht das Vertrauen zu erschüttern. Und das Vertrauen ist, wie jedermann weiß, dieGrundlagedes Kredit s." Der Amerikaner bemerkte, an dem guten Willen Rußlands, zu zahlen, zweifle er nicht. Wie aber sei es mit ;der Zahlungsfähigkeit bestellt? Stalin, der schon zuvor auseinandergesetzt hatte, daß Rußland durch Rückzahlung in den letzten zwei Jahren seine Auslandsschulden von 1400 auf 450 Millionen Rubel vermindert habe, erklärte: „Zwischen Zahlungswüligkeit und Zahlungsfähigkeit gibt es bei uns keinen Unterschied, denn wir borgen nur soviel, wie wir sicher zurückzahlen können. Sehen sie auf unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland! Deutschland hat für einen großen Teil seiner Auslandsschulden ein Moratorium In Anspruch genommen. Wir hätten uns diesem Vorbild anschließen und dasselbe tun können. Aber wir haben es nicht getan!" So der Moskauer Diktator. Dazu kann man nur sagen, daß hier wieder einmal die Ironie der Weltgeschichte alles auf den Kopf stellt. Während sich Hitler der kapitalistischen Welt als ihr Retter vor dem Bolschewismus vorstellt, empfiehlt sich der Bolschewismus in betontem Gegensatz zu Hitler als anständiger Zahler. Und während Stalin sich feierlich zum heiligsten Grundgesetz aller Bürgerlichkeit bekennt, daß der Mensch seine Schulden bezahlen muß. rüttelt Schacht, In dem er dieses Grundgesetz verletzt, an den Pfeilern der kapitalistischen Weltordnung! Stalin kann es. Stalin tu! es! Dem praktischen Amerika aber ist ein zahlender Bolschewik Heber, als ein Retter vor dem Bolschewismus, der mit der Zeche durchgeht. Aus Japan importiert Dir Jianchestcr Guardian" meldet unterm I. Januar aus Wien folgendes: Die österreichische Polizei entdeckte unter dem aus Deutschland geschmuggelten Material nicht allein große Mengen Nazi- Literatur, sondern auch eiförmige Handgranaten, mit einem sehr stark wirkenden Tränengas gefüllt, Stinkbomben und Kartonpackungen mit Explosivstoffen. Weiler entdeckte sie Feuer- werkskörper japanischer Herkunft, die, in die Luft geschossen, einen Fallschirm auswerten, von dem zahllose Hakenkreuze hernnterhängen. Expansion der Lüge Gielchschaltungspläne gegen die tranzösisch« und englische Presse Der„Völkische Beobachter" animiert 2 französische und die englische Regie- ng zum Vorgehen gegen die ressefreiheit. In der Maske des iedensfreundes, dem nichts als die Ver- indigung der Völker am Herzen liegt, agt er über hetzerische Beschuldigungen der französischen und englischen esse. Er schwärmt von der Ausdehnung •n Nichtangriffspakten auf die Presse, ■mit es Unberufenen nfcht gestattet sei, f eigene Faust in die Beziehungen der ilker untereinander einzugreifen. Nicht- igrifispakte seien nur dann vollkommen, enn sie auch die Presse zur Achtung des srtragspartners zwingen. Das Hitlerregime in Deutschland ünscht mit den von ihm vorgeschlage- n„Nichtangriffspakten" zugleich I m- unität für seine bisherigen erbrechen und stillschweigende olerierung der künftigen irch die Weltmeinung zu erkaufen. Es ill ungestört durch seine Ankläger liin- r einer spanischen Wand des erzwun- inen Schwelgens weiterhin seine inne- n Gegner terrorisieren, Verträge bre- ;en und den Krieg systematisch vofbe- iten. Die Vergewaltigung der Wahr- ■if rli« RMilo-nno- der Völker soll durch solche Nichtangriffspakte über die Grenzen hinausgetragen werden. Die englische und französische Presse soll auf diesem Wege gleichgeschaltet werden, sie soll verpflichtet sein, die Mauer zu machen, wenn das Hitlerregime zum Kriege gegen ihre Länder rüstet. Es ist eine höfliebe Einladung an die französische und die englische Regierung, sich mit der Hitlerregierung in einer Kern eraderie des internationalen Verbrechens zusammenzufinden. Regieren heißt heute in Deutschland vergewaltigen. Es ist für die deutschen Machthaber unvorstellbar, daß eine andere Regierung eine andere Auffassung haben könnte! Dieser Vorschlag fordert nichts anderes, als daß die englische und die französische Regierung ein wesentliches Element der Diktatur übernehmen«ollen— die Ausschaltung jeder öffentlichen Kontrolle der Außenpo- I i t i k. Der deutsche Faschismus hat die Entscheidung über die deutsche Außenpolitik vollständig tn die Hände von Hitler gelegt Hitler allein entscheidet über Krieg und Frieden kraft des Ermächtlgungsge- i setzes vom 23. März 1933. Jede parlamentarische Kontrolle der deutschen Außen- 99 Arbeltasdiladit** ohne Sieger Ein Jahr von Hitlers Vierjahresplan bereits vorbei— und das Wunder ist immer noch nicht da! Es ist neulich einmal sehr treffend gesagt worden, daß in Hitler-Deütschland Schlaraffenleben herrsche, leider aber hätten die Einwohner nichts von den umherfliegenden gebratenen Gänsen und Tauben, weil sie nicht den Mund aufmachen dürfen! In der Tat: Es hat sich nur noch nicht genügend herumgesprochen, daß aus den Wirtschafts-Ruinen, die das Weimar-System„nach vierzehnjähriger Verbrecherherrschaft" hinterlassen hat, nun schon seit beinahe einem Jahre neues Leben blüht! Es ist unerhört, nicht glauben zu wollen, daß der „Gefreite des Weltkrieges" bereits sämtliche „Arbeitsschlachten" geschlagen und gewonnen hat und heute eigentlich schon ein überlebensgroßes Denkmal in der Siegesallee des Dritten Reiches verdient. Als Hitler am 1. Februar 1933 durch Rundfunk in alle Welt hinaus das verkündete, was er sein„Regierungspro- gramra" nannte, gelobte er:„Binnen vier Jahren wird die Arbeitslosigkeit endgültig überwunden sein!" Es ist unangenehm, daß sich Ziffern nicht immer nach den Wünschen eines Reichskanzlers richten, selbst wenn er Hitler heißt! „Es geht wieder aufwärts!"— hämmern tagtäglich die braunen Zeitungen ihren immer weniger werdenden Lesern ein. Wie paßt das aber zu den in gewissen Zeitabständen sich ntminehr regelmäßig wiederholenden Erklärungen des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht an die Gläubiger, daß Deutschland etappenweise seine Schuldenzahlung reduzieren oder überhaupt einstellen müsse? Da scheint in der Verständigung zwi- •chen Reichsbank und Propagandaministerium Irgendetwas nicht zu klappen. Oder Herr Göb- bels ist der Ansicht, daß es Deutschland von Tag zu Tag wirtschaftlich besser gehe, weil es nicht seine Schulden bezahlt! Zu dem sehr ausgedehnten Betätigungs- geblet des Herrn Göbbels gehört auch die Statistik. Er hat, kurz nach dem Beginn der HItler-Aera, gesagt, daß Statistik Begeisterung schaiien müsse. Doch iragt es sieb, ob auch Begeisterung Statistik schaffen kann! Mit netten Zahlenspielen kann man natürlich jeden gewünschten Erfolg Herrn Hitler frei ins Haus liefern. Aber da, nach Göbbels eigenen Worten, die heutige amtliche deutsche Statistik nur dazu da ist, um Begeisterung zu schaffen, wird man wissen, was man von neudeutschen Ziffern zu halten hat, und die Ehrlichkeit der deutschen Wirtschaftsrechnung erkennt man sofort, wenn man sie mit den Tatsachen konfrontierL Man wird sich erinnern, daß Hitler im Laufe seines ersten Regierungsjahres drei große A r b e i ts beschaf fungsprogrararae mit allergrößtem Stimmaufwand proklamiert hat: Im Mai war es der Plan der Reichs- Autobahnen, ein Projekt von zwei Milliarden! Im Juni abermals ein Zusatz-Programm, das mit einer Milliarde dotiert war und es folgte dann im September ein neues Projekt, für das man fünfhundert Millionen verhieß. Selbstverständlich wurde die braune Presse nicht müde, der deutschen Oeffentlich- keit wie überhaupt der ganzen Weit darzutun. Die ersten drei Hefte der„Zeltschrift für Sozialismus" enthielten unter anderen Beiträge von Emst Anders, Rudolf Breitscheid, Hugh Dalton. Georg Decker. Konrad Heiden, Karl Kautsky. Max Klingrer, H. J. Laski, Alexander Schifrin, Emile Vandervelde und Franz Wegner. Informationen über internationale Probleme, Diskussionsartikel zu den deutschen Fragen, kritische Stimmen über die Haltung der Partei und Beiträge über das Wesen des Faschismus bilden den Inhalt der„Zeitschrift für Sozialismus". Heft 4 ist soeben erschienen. Auslieferung durch Verlagsanstalt Graphia, Kantstraße. welche elenden Stümper alle bisherigen deutschen Regierungen angesichts dieses gewaltigen Dreieinhalb-Milliarden-Planes gewesen sei. Man war einfach erschlagen. Skeptiker wurden mit diesen Ziffern mundtot gemacht. Und als gar Hitler persönUch den ersten Spatenstich zur ersten Reichs-Autobahn tat, da schien des neuen Wirtschaftsglückes Anfang gekommen zu sein. Aber was sahen die Augen, als das Institut für Konjunkturforschung eine erste und einigermaßen verläßliche Zusammenfassung der Gesamt-Arbeitsmaßnahmen veröffentlichte? Von dem ganzen„gigantischen Hitler- Programm" ist nichts, bochstäblich nichts durchgeführt worden! Herrlich und imponierend waren die ganzen dreieinhalb Milliarden Mark auf dem geduldigen Papier stehen geblieben. Was an Reglerungsarbeiten zur Durchführung gekommen war, ging ausschließlich auf Projekte der Regierungen vor Hitler zurück! Nämlich; Bis zum Spätherbst 1933 wurden für Notstandsmaßnahmen die von den Kabinetten Brüning. Papen und Schleicher projektiert waren, 559 Millionen Mark ausgegeben. Aber von den dreieinhalb Milliarden Mark, die Hitlers Riesenprogramm in die deutsche W irtschait noch im Laufe dieses Jahres hineinpumpen wollte, waren, sage und schreibe, insgesamt zwanzig Millionen Mark zur Auszahlung gekommen! Es ist also Tatsache, was Skeptiker schon von vornherein vermuteten, daß Hitlers Arbeitsbeschaffungsprogramm wundervoll nur auf demPapier existiert! Doch wie steht es mit den großartigen Sie- ges-Bulletins über die„Arbeits- schlacht", die von überall her, aus allen Teilen Deutschlands kamen? Vor einiger Zeit hat einer der ergebensten Hitler-Paladine, der Reichsarbeitsministe'r Seldte, einigen deutschen Behörden eine vertrauliche Denkschrift über den„Stand der deutschen Arbeitsschlacht" zugeleitet., in der sich einige sehr Aufschlußreiche Gestfindnisse befin-' den. Seldte sagt u. a.: � „Ein wichtiger Erfolg in der Arbeitsmarkt-Politik ist die Schaffung einer öffentlichen Meinu n g Jür die Ueber- windung der Arbeitslosigkeit. Also war Herr Seldte mit den propagandistischen Leistungen seines Kollegen Göbbels wohl nicht ganz zufrieden? Doch Seldte wird sich daran erinnern, daß ein anderer seiner Regierungskollegen, der R e i c h s w i r t- schafts minister Dr. Schmitt, vor gar nicht allzulanger Zeit in einer öffentlichen Rede davor gewarnt hat, die„Erfolge der Arbeitsschlacht" zu vergrößern und zu überschätzen, weil sich sehr leicht und sehr schnell eine Ernüchterung einstellen könnte. Doch die Tatsachen, die der Reichsarbeitsminister Seldte in seiner vertraulichen Denkschrift anführt, sprechen für sich. Es geht aus ihnen eindeutig hervor, daß der„bisherige Sieg der großen Arbeitsschlacht" nichts anderes Ist als die Umwandlung von arbeitslosen Unterstützungsempfängern in Notstandsarbeiten der Arbeitslosen! Das ist der entscheidende Punkt! Die Unter- stützungs-F o rm e n wurden umgewandelt und durch diese Manipulation verschwanden die Arbeitslosen aus der Statistik, so daß die großen und die kleinen Nazi-Agitatoren die lautere Wahrheit sprachen, wenn sie in Stadt und Land verkündeten, daß seit Hitlers Regierungsantritt die Zahl der Arbeitslosen bereits uro einige Millionen abgenommen habe. Doch lassen wir.den Reichsarbeitsmlnistcr Seldte zu diesem Punkte sprechen:„Die Zahl der so erschlossenen Arbeitsplätze ist beträchtlich. Ende. November wurden nach der Arbeitslosen-Statistik beschäftigt: J32.000 Notstandsarbeiter, 165.000 Landhelfer. 66.000 Fürsorgearbeiter, 234.000 Arbeitsdienstwillige, zusammen also rund siebenhunderttausend Personen, die ohjie Förderung höchstwahrscheinlich der Arbeitslosigkeit anheinvgetallen wären." Man muß, mit diesem amtlichen Eingeständnis in der Hand, noch folgende Ziffern beachten: Anfang Oktober 1933 waren 4549.222 Arbeitslose registriert, Ende September 1932 5,102.750 Erwerbslose. Der Rückgang beträgt also rund 550.000. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der reinen Unterstützungsempfänger um rund 880.000 vermindert worden. Hier muß die bereits geschilderte Umwandlung der Un- terstützungsformen(rund 700.000 Personen, die aus der Zahl der Unterstützungsempfänger verschwinden) beachtet werden, dazu— wie die Denkschrift selbst zugibt— die. Verkürzung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, die Entfernung der Frauen aus vielen Berufszweigen und schließlich die Ausschaltung von„Juden und Marxisten". Das Ganze nennt sich dann„Allgemeines Steigen der Produktion". (Allerdmgs in einem„Wirtschaftszweige" ist die Produktion gestiegen: Die Rüstungs-Industrie arbeitet fieberhaft Tag und Nacht!) Etwas weniger pompös als die bisherigen Sieges-Bul- letins nimmt sich die Mitteilung des Reichsarbeitsministers Seldte aus, daß für 1933 keine Steigerung des Volkseinkommens gegenüber 1932 zu erwarten ist Der Reichsarbeitsminister hätte, der Vollständigkeit halber, auch gleich die schon vorliegenden Vergleichsziffern des Volkseinkommens aus dem Jahre 1932 und 1933 mitteilen sollen. Sie sind nämlich nicht minder aufschlußreich, weil sie nackt und nüchtern die Tatsache verraten, daß In den drei ersten Vierteljahren des Jahres 1933 das Volkseinkommen um rund 40 Milliarden niedriger war als In der gleichen Zeit des Jahres 1932! So sieht der„gewaltige Aufschwung" ans! Es kann also, wenn man noch weitherzig rechnet und sogar die mit Sklavenlöhnen bezahlten Notstandsarbeiter und„Arbeitsdiens- wiüigen"— mehr als ein kärgliches warmes Mittagessen gab es meistens nicht— voll in die Abnahme der Arbeitslosigkeit einsetzen will, gar keine Rede von einem„gewaltigen" Rückgang der Erwerbslosigkeit und ganz gewiß nicht von einem„Sieg in der Arbeitsschlacht" die Rede sein. Selbst wenn Herr Seldte die„Schaffung einer öffentlichen Meinung" dafür wünscht Allmählich werden auch hier und da einige Nazi-Führer schon etwas kleinlauter, wenn die Rede auf die Arbeitslosigkeit kommt Doch das hindert die Behörden des Dritten Reiches durchaus nicht noch immer dem gläubigen Voike die Wunder des Hitler-Regimes zu preisen. Im Verwaltungsrat der Reichspost hat kürzlich der Reichspostminister zugeben müssen, daß die Einnahmen im abgelaufenen Teil des Rechnungsjahres erheblich hinter dem Voranschlag zurückgeblieben sind. Gegenüber dem Soll sei ein Einnahme-Ausfall von mindestens 100 Millionen Reichsmark zu erwarten. Aber, so fügte der Minister hinzu,„die Lage zeigt ein erfreuliches Bild". Auch bei der Reichsbahn liegen die Verhältnisse ähnlich. Wenn auch„der Verkehr sich befriedigend entwickelt hat", so ist leider nicht die Kleinigkeit aus der Welt zu schaffen, daß trotz„Belebung der Wirtschaft" bis Ende Oktober schon ein Defizit von annähernd zwei Millionen Mark vorhanden war! Man weiß, daß die Reichsbahn früher einer der größten Ueberschuß-Betriebe war! Es ist eben alles im„kräftigen Aufschwung" So ist, beim Ablauf des ersten Regierungsjahres, der Stand der großen„Arbeitsschlacht", die— nach den glaubhaften Meldungen der deutschen Presse— Hitler bereits vor Monaten siegreich geschlagen hat! Das Regierungs-Jubiläum Hitlers steht vor der Tür und man wird ja sehen, welche Statistiken der Propaganda-Minister Göbbels zu diesem Feiertag dem deutschen Volke vorsetzen wird, denn „Statistik schafft Begeisterung", Waldemar Grimm. Um die Tarifverträge Unter den Beruhigungspillen, die anläßlich der Auflösung der Gewerkschaften durch die gleichgeschaltete Presse verabreicht werden, befindet sich auch eine Pressenotiz, wonach alle Befürchtungen, daß die Tarifverträge aufgehoben wurden, vollkommen unbegründet seien. Die laufenden Tarifverträge werden, so wird versichert, von der Neuordnung in keiner Weise berührt „da schon bisher die Treuhänder der Arbeit an Steile der wirtschaftlichen Vereinigungen Tarifverträge abschlössen. Mithin hatten sie schon vorher die Funktionen der Verbände übernommen." Die Treuhänder der Arbeit sind eine mit Unternehmervertretern besetzte Behörde, die den Tarif/ohn diktiert Also ist die Gewerkschaft als Tarifkontrahent überflüssig und kann aufgelöst werden. Ein Arbeiter, der diese nationalsozialistische Lösung der Lohnfrage nicht begreift ist eben rettungslos dem„materiellen Denken" verfallen, wie es ihn die Marxisten gelehrt hatten. Je mehr der Lohn sinkt um so mehr steigt der Arbeiter im Ansehen bei der Führung der neu-deutschen Volksgemeinschaft „Wir Nationalsozialisten schützen und wahren das Vertrauen das Ihr uns entgegenbringt Ihr ehrenhaften deutschen Arbeiter, wie ein Kleinod und war setzen alle unsere Kräfte ein für Euch und damit für Deutschland." Heil Hitler! Der Boykott Man schreibt uns aus New York: Der Boykott gegen Nazideutschland hat trotz aller Bemühungen der deutschen Propaganda immer schärfere Formen angenommen. Die Importeure haben ihre geblockten und bil« lig aufgekauften Markbestände verbraucht und nun gerät der Handel mit Deutschland vollends ins Stocken. In den Weihnachteangeboten der Warenhäuser und Kaufhäuser wurden Artikel aus allen Ländern angeboten, aber nicht ein einziger aus Deutschland importierter Artikel Früher wurden in großen Mengen Spielwaren und Baumschmuck aus Deutschland, namentlich aus Sonneberg angeboten und gekauft— diesmal fehlten sie vollständig. Geschäft Ist Geschäft Durch die Presse der Arbeitsfront geht ein Notschrei. Es sei durch irreführende Nachrichten der Eindruck entstanden, als würden die Verbände der Arbeiter und Angestellten aufgelöst, und zwar mit sofortiger Wirkung. Das sei aber nicht der Fall. Wir wissen, d?ß die Auflösung eingeleitet ist, wenn auch erst noch einige Vorbereitungen abgeschlossen werden sollen Die Arbeitsfront möchte jedoch das A n- zeigengeschäft nicht verlieren und beteuert: „Deshalb besteht für die Inserenten der Verbandsblätter der Deutschen Arbeitsfront keine Veranlassung nun mit Inseratenauf' trägen zurückzuhalten. Die Verbandsblätter sind nach wie vor die amtlichen Organe der Verbände und die Werbewirkung ihrer Anzeigen ist durch nichts beeinträchtigt Also bitte keine Aufregung, Die Gewerkschaft hört auf, aber das Inseratengeschäft geht weiter! »Kraft durch Freude« Es ist viel vom behördlichen Leerlauf in deffl früheren von den„Systemparteien" getragenen Deutschland geschrieben und geredet worden- Auch in den von den neuen Herren geraubten Gewerkschaften wurden gewaltige Sparaktiooen angekündigt In Wirklichkeit ist der Gewerkschaf tsapparat seit dem 2. Mai verwaltungsmäßig ungeheuer aufgebläht worden. Selbst in diesen Wochen- da den Beruisverbänden ihre sozialen Aufgabe0 restlos abgenommen worden sind, wird di® braune Versorgungsanstait genannt„Deutsch® Arbeitsfront" immer weiter ausgedehnt So hat der Führer Dr. Ley verfügt � seiner Feierabendsgemeinschate„Kraft durch Freude" wiederum zwei weitere Aemter an2e' gliedert werden. Damit wird dem deutschen Arbeiter und Angestellten künftig„nach getaner Arbeit" zum Ausgleich des Lohn- und Sozi3'' abbaues folgende neun Aemter täglich geholie0 werden: 1. Organisation, 2. Kultur, 3. Sport 4. sen. Wandern, Urlaub, 5. Selbsthilfe und Sie0' iung, 6. Schönheit der Arbeit 7. Ausbildung-' Propaganda, 9. Volkstum und Heimat Je mehr die Gewerkschaften aufgelöst Ver' den, um so mehr neue Aemter können errfch'® werden. Es ist überhaupt die Schuld der M3r' xisten, daß sie in vierzehn Nachkriegsjahr®0 nicht mehr Gewerkschaften haben, so da sich die braunen Stellenjäger jetzt mit nU neuen weiteren Pfründen begnügen müssen. Wenn es heute im neuen Deutschland Menschen mit Kultur nicht mehr auszuhalt® Ist dann nur deshalb, weil eben kein Mens® die Kraft hat soviel Schönheit und Freude au einmal zu ertragen. Hohn gegen Arbeitslose. Das Stuttgar Arbeitsamt plant die Errichtung einer B® tigungsanstalt für„unvcrbesserlic'',..1 beitsscheue." Diese sollen in eine V;. lichkeit gestellt werden, die so ungemütlich' daß sie ihre letzte Energie zusammenrei1 um dem unbehaglichen Zustand zu entrinne0* Nr. 31 BEILAGE UciKcUoratScfe 14. Januar 1934 tltßm efo �(safediMw? l/öf» liadüauisk� Genosse Anders bespricht in Nura- wer 28 des„Neuen Vorwärts" meine Jüngste Broschüre„Neue Programme". Jch komme dort zu dem Schlüsse, daß unsere Partei kein neues Programm nrauchL Dagegen wendet sich Anders. cm neues Programm erscheint ihm dringend nötig. Warum? Bei Beantwortung dieser Frage müssen wir uns vor Augen halten, was n Programm leisten soll Jeder von uns hat seine besondere, persönliche Geberzeugung in sozialen wie in allen anaeren Dingen, die ihn intensiv be- schäuigen. Aber was ist der Einzelne rur sich aliein in einem Millionenstaat, Ubd gar ein einzelner Proletarier! Eine soziale Ueberzeugung kann nur Macht gewinnen, wenn sie nicht - die eines Einzelnen ist, sondern die J'eler anderer auch. Deren Zusammen- lassung zu einem großen Körper wird dann möglich, wenn die vielen einzelnen Ueberzeugungen bei allen indivi- Quellen Unterschieden doch in den wesentlichsten Punkten übereinstim- men. Die Formulierung dieser wesentlichen Punkte bildet das Programm. Es ermöglicht den Aufbau einer machtvollen Partei aus zahlreichen Personen, �■on denen jede für sich allein machtlos nnebe. Es verleiht jedem Mitglied dieser Partei vermehrte Kraft und höheres n-raftbe wußtsein. Und es bringt in das cnaonsche Durcheinander von Einzel- willen Einheitlichkeit des Handelns. Jedes Programm einer Partei enthalt eine Quintessenz ihrer Ziele und orderungen, sowie der Argumente, mit uenen diese begründet werden. Natürlich ist ein Programm nie für die nwigkeit gebaut Es muß immer wieder von neuem geprüft und neuauf- Kommenden sozialen oder politischen Verhältnissen angepaßt werden.- Ein Ljogramm kann veraitetr, wenn die f.16., 9der Forderungen, die es aufstellt überholt sind, entweder, weil sie erreicht wurden, oder weil die Erfahrung zeigt, daß sie unerreichbar oder nzweckmäßig seien. Ein Programm Jtann aber auch dann veralten, wenn neue, soziale Erkenntnisse auftauchen, n�'t denen es nicht vereinbar ist, wenn wjr also zu höherem Wissen vorgeschritten sind. Besteht heute einer dieser Gründe r ein Aufgeben unseres bisherigen f.pSrammes? Es ist in seinem theore- uscjien Teil nur eine Variation des Erfurter Programms von 1891, das auf i ,5 Boden des Marxismus begründet ■t- Gerade in dem Moment, in dem die atastrophe für unsere Partei in eutschland eintrat wollte sie ihr voll0,*11'8 zurn Marxismus in macht- o;'ei" Kundgebung aller Welt dartun. eit dem März 1933 ist sicher nichts ingetreten, was uns über den Marxis- [nus hinaus eine höhere Erkenntnis gefacht hätte. Was aber die Ziele und K?}, rungen betrifft, die wir im März ■J-m noc� anstrebten, so ist von ihnen •eitdem sicher kein einziger Punkt er- 111 w-orden, hat sich aber zum Glück uch kein einziger als unerfüllbar oder nzweckmäßig erwiesen. Was soll 150 ein neues Programm? - Wenn Anders trotzdem ein solches ih r*' 80 tut er es deshalb, weil er jm eine ganz andere Aufgabe stellt s die hier dargelegte. Unser Pro- *,ramm soll nicht einen Gradmesser p'den, der es erlaubt, die Höhe sozialer fkennbiis anzuzeigen, zu der sich die lf?;Z'a'demokrätie durch intensivste �cistijje Arbeit seit dem Auftauchen ich /Marxismus durchgerungen. Wenn n Anders recht verstanden habe, soll vielmehr eine' gellende Alarmtrom- e. te sein, die die Schläfer erweckt und Schi 8tuniP�sinnig gewordenes Ge- r.Tpcht antreibt, sich die Augen zu fas'•uni 211 sehen, was es gibt. So SSe ich die Anders'sche Forderung � c Er hat allerdings keinen Versuch facht, die Fassung des neuen Pro- aiTitns, das er fordert auch nur [ einigermaßen anzudeuten. Er begründet seine Forderung folgendermaßen: I„Wir brauchen ein neues Programm, weil die Jugend die alten nicht mehr kennt und weil sie erst wieder denken lernen muß und mühselig von vorn anfangen. Kautsky spricht von einer„Bevölkerung, die gelernt hat, selbst zu denken und zu handeln, was bei den Deutschen doch der Fall ist". Machen wir uns nichts vor! Die Millionenmasse, „denkender Arbeiter" und„klassenbewußter Proletarier", mit denen wir zu rechnen gewohnt waren, gibt es nicht mehr... Und vollends die jungen Menschen! Diese Jugend hat zufassen zum Kampf gegen Gedankenlosigkeit, Faulheit Leichtgläubigkeit der anderen. Was wir brauchen, ist ein forschendes, selbständig denkendes, neues Geschlecht, nicht ein neues Programm. Sollen wir eines schaffen für die Gedankenlosen, Faulen, Leichtgläubigen, die sich nie um das alte gekümmert haben? Ein solches fehlt uns noch. Eine der schlimmsten Wirkungen Mademsätet fkuhmuks »Meine ergebensten Empfehlungen an Herrn Papa. Sagen Sie ihm, Aufstieg an Hochschule ist Ihnen gewiß!« seit dem Kriege in wachsendem Maße das Denken verlernt und jeden Tag unter faschistischer Herrschaft verlernt sie es weiter." Es ist ein erschreckendes Bild, das Anders hier zeichnet. Ich hoffe, es ist übertrieben und zu schwarz gemalt. Jedoch ganz aus der Luft gegriffen, ist es leider nicht. Die Verwüstungen, die der Weltkrieg und seine wahnsinnigen Folgen, Autarkiebestrebungen und Wirtschaftskriege der Staaten, Inflationen und Krisen usw. in nicht wenigen Gemütern, namentlich der jüngeren Generation hervorgerufen haben, sind tatsächlich grauenhaft. Ich mache mir in dieser Beziehung durchaus nichts vor, habe vielmehr des öfteren auf diesen Umstand als eine Hauptursache des Aufstiegs des Nationalsozialismus und des Niedergangs unserer Partei hingewiesen. Aber zum Glück gibt es doch in der heranwachsenden Generation immer noch Elemente genug, die das Denken nicht verlernt haben. Sonst könnten wir uns begraben lassen samt allen Programmen, neuen wie alten. Der Jugend gegenüber geht unsere Aufgabe vor allem dahin, die geistige Elite unter den jüngeren Leuten zusammen- der Unwissenheit und Gedankenlosigkeit eines großen Teils der heutigen Jugend ist ihre Haltlosigkeit. Von jedem Augenblickseindruck wird sie aufs tiefste bewegt und fortgerissen; heute begeistert sie sich für jede Seifenblase, um morgen zynisch an der Menschheit zu zweifeln. Todesmutig stürmt sie gegen einen Feind, auf den sie gehetzt wird, um bei dem ersten Widerstand von panischem Schrecken erfaßt auseinanderzulaufen. Das schlimmste aber ist wohl ihre unendliche Leichtgläubigkeit In dieser Beziehung kann es unsere Zeit mit früheren Zeiten allgemeiner Auflösung und Verzweiflung sehr wohl aufnehmen, etwa mit denen des Urchristentums oder der Religionskriege der Reformationsepoche. Seit langem blühte nicht mehr so sehr das Handwerk der Spekulationen auf die Leichtgläubigkeit und Dummheit wie heute. Es nimmt die verschiedensten Formen an. von den kleinsten Heirats- und Kautionsschwindlern an, die noch nie so viel Leichtgläubige fanden, bis zu den anspruchsvolleren Astrologen, Hellsehern und Goldmachern, und schließlich den ganz großen politischen und sozialen Hochstaplern in braunem oder schwarzem Hemd. Was soll diesen Schwindlern und Quacksalbern gegenüber ein neues Programm, auch wenn es noch so laut schreit? Sollen wir mit ihnen bei der gedankenlosen Masse in Wettbewerb treten? Diese Masse harrt in ihrer Leichtgläubigkeit auf einen wundertätigen Erlöser. Sollen wir der hypnotisierenden Wirkung einzelner Menschen dadurch begegnen, daß wir ihr eine noch mehr hypnotisierende Wirkung eines neuen Programms entgegenstellen? Diesem neuen Programm, das nicht auf den Verstand, sondern auf die Gedankenlosigkeit wirken soll, würde offenbar die Aufgabe einer Zauberformel zufallen, deren bloßes Aussprechen schon dem Schwachen Kraft, dem Zaghaften Mut, dem Kurzsichtigen Weitblick verleiht und so die Jugend, regeneriert Leider ist die dazu geeignete Zauberformel noch nicht entdeckt und ich fürchte, daß das Suchen nach einer solchen nur ebenso eine Verschwendung von Zeit und Kraft bedeuten wird, wie ehedem das Suchen nach dem Stein' der Weisen. Gewiß, Anders hat ganz recht, wenn er zu dem Schluß kommt: „Der Faschismus hat die Beine in Bewegung gesetzt, unsere Aufgabe ist es, die Ge« nirne m Bewegung zu setzen." Diese Aufgabe lösen wir aber nicht dadurch, daß wir der gedankenlosen Jugend eine neue Formel vorsagen mit der Versicherung, daß sie uns ins Paradies bringe. Würde das geglaubt, dann könnten wir damit bloß bewirken, daß in unserem Lager die Gedankenlosigkeit ebenso allgemein wird, wie bei den Faschisten. Ein Programm ist nichts als Schall und Rauch für jeden, dem es nicht der Ausdruck einer festgewurzelten, tief- begründeten Ueberzeugung ist, zu der er sich in angestrengter geistiger Arbeit mühselig durchgedrungen hat. Kur als Ausdruck einer solchen Ueberzeugung vieler Tausender ist ein Programm ™?eJebendl8:e Kraft- Da8 sozialistische Wollen m jedem von uns wird nicht durch unser Programm geschaffen, sondern dieses ist das Ergebnis des sozialistischen Wollens, der sozialistischen Ueberzeugung in jedem von uns. Wie anders betrachte ich es als eine unserer wichtigsten Aufgaben, die gedankenlos gewordene Jugend wieder zum Denken zu bringen, d. h. zu einem Denken, aus dem eine festbegründete Ueberzeugung hervorgeht Zu einer solchen führt das Denken nur dort, wo es nicut bloße5 Spekulieren über erlittene Unbill und getäuschte Erwartungen ist sondern wo es auf das Gewinnen und die Verarbeitung vor Erkenntnissen ausgeht Aus sochem Denken sind unsere sozialistischen Ueberzeugungen und deren Formulierungen in unseren Programmen hervonreran- gen. Diese Ueberzeugungen und Programme sind das Ergebnis der Geistesarbeit der ganzen Kulturwelt durch mehrere Jahrhunderte hindurch, seit der ersten englischen Revolution der Mitte des 17. Jahrhunderts. Sie sind besonders das Ergebnis der Geistesarbeit d�r neueren Sozialisten seit mehr als hundert Jahren, einer Geistesarbeit, die im Marxismus gipfdt, der auch schon bald 90 Jahre alt wird. Auf dieser Arbeit beruht unsere felsenfeste Ueberzeugung von dem unaufhaltsamen Fort- der Arbeiterklasse und ihrer schließhchen Beherrschung des Staates. bie kann nicht erschüttert werden durch die Ereignisse einiger weniger Jahre in einigen Staaten. Jener Jugend von heilte, die nichts kennt, als ihre beschränkten persönlichen Erfahrungen, haben �rvor allem den Weg zu einer solchen wohlbegründeten Ueberzeugung zu erschließen. Das ist es, was getan werden muß, sollen wir wieder eine kampf- tähige Jugend gewinnen, die im Stande ist, nicht nur den Nationalsozialismus zu überwinden, sondern auch auf seinen Trümmern dauernd eine höhere soziale und politische Ordnung zu begründen, ■) r.;.' die Selbstverwaltung: der arbeitenden Massen in Staat und Wirtschaft. Kein Zweifel, diese Arbeit geistiger Erhebung ist bei dem heutigen Stand eines großen Teils der Jugend unendlich mühsam. Aber umso notwendiger ist es, sie mit aller Macht in Angriff zu nehmen. Sie ist nicht zu umgehen dadurch, daß man ein neues Programm für jene geistig verlotterten Elemente schafft, die zu faul sind, das Alte anzusehen oder nicht imstande, es zu begreifen. Was heute vor allem für die deutsche Partei not tut, ist der Aufbau einer neuen Organisation und die Entwicklung einer neuen Taktik, die den neuen Verhältnissen angepaßt sind. Dazu brauchen wir das Studium sowohl der Verhältnisse der Gegenwart, wie das der Gesetze der politischen Oekonomie und überdies das der Geschichte des Sozialismus und der Staaten mindestens des letzten Jahrhunderts. Die Lösung aller dieser Aufgaben gibt uns reichlich genug zu tun. Ein neues Programm, wenn ein solches notwendig werden sollte, hat diese Parteitätigkeit nicht zu eröffnen, sondern abzuschließen. Höh Siefiut fe&ye m AddßiMet „Über Deutschland Hegt Schweigen und Dunkel. Die Freiheit isttot.Die Presse ist zum Schweigen verurteilt oder zu knechtischer Lobpreisung der Despoten gezwungen. Terrorbanden wüten gegen die Freunde der Freiheit. Der braune Schrecken geht um, die offizielle Lüge feiert Triumpfe. Wir erheben gegen sie die Stimme der Wahrheit. In unserer Darstellung ist nichts erfunden, nichts kombiniert, nichts besclönigt, nichts aus agitatorischen Gründen übertrieben. Das Material dieser Darstellung ist gewissenhaft überprüft. Es ist geschichtliche Wahrheit.**— So beginnt Max Klingers: „Volk in Ketten", das Buch über Deutschlands Weg Ins Chaos. Haben Sie dies Werk schon bestellt? Schreiben Sie sofort an Verlagsanstalt Graphla; Karlsbad, Kantstraße. Von ALFRED KLEINBERG Als Stefan George vor einigen Wochen starb, wußte das Wolffsche Telegraphenbüro au berichten, der Dichter habe noch kurz vor seinem Tode in einem Briefe an Adolf Hitler betont, daß ihm die geistige Patenschaft am „Führergedanken" und am„Dritten Reich'' zukomme. Wieviel Wahres an diesem bei Georges Wesensart höchst erstaunlichen Briefe ist, muß dahingestellt bleiben, soviel aber ist sicher, daß sich der lebende George jeder öffentlichen Stellungnahme zur Hitlerei streng enthalten hat Er sprach und schrieb nichts, was irgendwie als Zustimmung hätte ausgelegt werden können, und die Berufung in die Dichterakademie lehnte er, wie der Republik, so dem Dritten Reiche kühl ab. Mit dem, was sich da als„ausgegliederter Staat" und„neue Aristokratie" auftat wollte er also offenbar nicht allzuviel zu tun haben— fragt sich nur, ob er ihm doch nicht geistig den Weg geebnet, nicht doch jene Seelen- haltung vorbereitet hat, aus der das Herr- schertum einer kleinen Gruppe über die schweigende, in Demut ersterbende Masse hervorgehen konnte. Um die Antwort vorweg zu nehmen: Es gibt wohl kein ins Geistige hinübertönendes Wort der neuen Männer, kaum einen Gedanken über Aufbau, Ordnung. Zucht Distanz, Würde, Rang, Führertum usw., der nicht von Stefan George und den Seinen geprägt worden wäre. Aber selten ist auch, ideel und soziologisch, eine von absoluten Aristokraten für Aristokraten ersonnene Weltschau so unbedenklich ins Piebeiische umgebogen, so zynisch ihres eigentlichen Sinnes beraubt worden, um Wegeiagerei und brutale Vergewaltigung mit einem Schimmer des Geistigen zu verklären. Ein wider den Bourgeois und wider die Masse errichteter, in seiner Art bedeutender Gedankenbau muß heute dem Sumpf untermenschlicher Niedrigkeit als Wahrzeichen dienen, weil er— willkürliches Werk Einzelner und nicht einer ganzen Klasse— jedem zum Raube offenstand, der sich genug„Herrennatur" fühlte, ihn zu usurpieren. Demi man faßt George vom ersten Tage seines Auftretens an falsch auf, wenn man ihn nur aus der literarischen Opposition gegen Naturalismus, Neuromantik und andere dichterische Strömungen der Jahrhundertwende zu erklären sucht— er löschte vielmehr diese Ausdrucksformen der Kunst für sich und seine Anhänger verachtungsvoll aus, weil in ihnen die„ruchlose" Mechanisierung und Rationalisierung des Daseins und der demokratische Ansturm anf alle Vorposten der Kultur und Bildung Gestalt gewonnen-zu haben schienen. Im gewollten Gegensatz dazu schuf sich das Herrentum um des Herrenturas willen— also ein negatives, das sich darin erschöpfte, anders sein zu wollen als Masse und Bildungsphilister, sonst aber einer positiven soziologischen Grundlage entbehrte— in und durch George seine eigene, nur ihm gehörige Kunst. Alles an ihr war darauf berechnet, wie eine siebenfache Hecke der Fremdheit und der kalten Abweisung den Zugang zu erschweren: der Privatcharakter der Zeitschrift„Blätter für die Kunst"; die trotzig abweisende Rechtschreibung und Zeichensetzung; die Neuschöpfung der Worte aus ihrem längst verschollenen Ursinn; der getragene Ton und die streng geschlossene, stolz abwehrende Form der Gedichte; die sorgsam herausgearbeitete hoheitsvolle Gebärde des Priesters und Meisters. Und dem erlesenen Gehaben entsprach die erlesene Vorstellungswelt, von der sich George an den alten Nil und ins antike Hellas, zu primitiven Pilgern und Hirten und in den von Mord und Kostbarkeiten erfüllten Palast des furchtbaren Priesterkaisers Algabal tragen ließ: so, im Urtümlichen und Außergewöhnlichen, in Ekstasen und Sensationen des„gierig erwartenden Grauens", deren dunkel-glühender Reiz dem Durchschnittsmenschen ewig verschlossen bleiben muß, entdeckt die Herrennatur sich und ihren Sonderwert erst ganz. Sie sind das beste Mittel, um zwischen den gottgleichen Einzelnen und die verhaßte Herde des trostlosen Mittelmaßes einen unbetretbar weiten, luftleeren Raum zu legen; die Heroisierung und Vergöttlichung des absoluten Verbrechers Algabal versinnbildlichte um_ 1S95 den absoluten Herrenmenschen ebenso, wie das heute Herrn Görings schwarz ausgeschlagenes Arbeitszimmer mit dem Richtschwert an der Wand tun muß. Ueber plastische Visionen, in denen sich durch unmittelbare Schau und Gestaltung Herrentum und Masse, Weihe und Alltag von einander sondern sollten, kamen die Werke des ersten Jahrzehnts von den„Hymnen" (1890) bis zum„Teppich des Lebens"(1900) nicht hinaus: die Spätwerke„Der siebente Ring"(1907),„Der Stern des Bundes" und ,Das neue Reich"(1928) dagegen stellten schon ein positives System der Werte und Unwerte auf. In dessen Mitte steht ein Orden von Geistesaristokraten, die im Bewußtsein ihrer heroischen Sendung das Volksganze leiten, stehen je nach der Berufung des Menschen Herrschaft oder Dienst, Wesenrang und strenge Sonderung der Lose, Das zutiefst Wertlose aber sind individualistisches Bürgertum und„gleichmaoherische" Demokratie, man lese daraufhin: Aus„Der Stern des Bundes". Die ihr die wilden dunklen Zeiten nennt In eurer lughaft freien, milden, klugen: Sie wollten doch durchGrausen, Marter, Mord, Durch Fratze, Wahn und Irrtum hin zu Gott I h r Frevler als die ersten tilgt den Gott Schafft einen Götzen, nicht nach Seinem Bild Kosend benannt und greulich wie noch keiner, Und werft ihm euer Bestes in den Schlund. Ihr nennt es euren Weg und wollt nicht ruhn, In trocknem Taumel rennend, bis euch allen Gleich feig und feil statt Gottes rotem Blut Des Götzen Eiter in der Adern rinnt Eine noch deutlichere Sprache reden begreiflicher Weise die grundsätzlichen Aeußerungen Georges und seiner Schüler Wolters, Hildebrandt Gundolf und Friedemann im Jahrbuch für geistige Bewegung"(seit 1910). Sic sind tatsächlich, ganz wie er Wolters will, eine einzige„offene Kriegserklärung an die Gegenwart nein, härter noch: ihre Nichtigkeitserklärung als menschenzerlösender Verderbnis mit ihrem flachen Fortschrittswahn, ihrem satten Vollkommenlieitsglauben, Ihrem Masse- gaukel und ihrer alles zersetzenden Analyse und Ratio". Falten wir diese Pauschalairklage ins einzelne auseinander, so finden wir da, wieder von Wolters geformt den planvoll-bewußten Kampf gegen den Schutz und Kult des Schwachen. Wir finden den bitterbösen Hohn auf den„Fliegengott der Massen, die alles Hohe bespeien, sich ihrer Niedrigkeit und Gemeinheit rühmen und ihres eckligen GewimmeU froh sind"; finden den Vorwurf gegen die Wissenschaften, daß sie„keine seelischen Werte schaffen, sondern mir belastende und zersetzende Wirkungen auf die menschliche Seele ausüben" und daß an ihrem Ausgang „Lähmung oder gar Einbuße aller schöpferischen Fähigkeiten und Tat" stehen; und finden namentlich einen grenzenlosen Haß gegen die Freiheit der sich bis zu den Napoleon geltenden Versen versteigt: Die Schmach, die von Dir kam: Dein Fuß Im Nacken, War mehr uns wert als manche matten Siege. Auf der Tafel der wahren Werfe dagegen steht statt der„Orgien" der Forschung und Vernunft die„gläubige Schau", statt des „Scheinziels einer endgültigen Aufklärung der Wille zur Stärkung des heutigen Daseins und der Dienst am Werk des lebenden Meisters"— aber wohlgemerkt: nicht jeder darf sie üben, sondern nur der Berufene,„Urteil erfordert Rang." Dafür sind aber auch die Meister dieser neuen, geisteswissenschaftlichen Art„staatsschaffende Heroen als Ursprung und Mitte der natürlichen wie geistigen Bildung eines Volkes", ihre Arbeiten nicht mehr„Bücher, die nur Wissensstoff ord- Dee MueVuUet Von Vheodor Baldauf. Damals, als Max Soundso an seiner Feder verzweifelte, saß er noch im Berliner Litera- tencatd und wartete auf die weiße Taube der Eingebung. Er hatte das rosige Kinn sorgenvoll im die Hand gestützt und schüttete mir sein zerfurchtes Herz aus. Schwer sei es mit dem Dichten jetzt, sehr schwer. Vor ihm lag ein Zeitungsausschnitt, ein Preisausschreiben nür den besten Roman des Dritten Reiches. Völkisch-heroisch sollte das Buch sein, erwachsen aus„Blut und Boden", das Hoch- Ued des neuen, heldischen, nationalsozialistischen Menschen.... Seit drei Wochen bebrütete Max sozusagen sich selbst Er Ist heute ein weitverbreiteter Typus in Nazedonlen; seine Schmerzen sind die Schmerzen vieler freiwilliger oder unfreiwilliger brauner Groß- und Kleindichter, denn wie und was soll man, klagte er ganz forlge- richtig, bei den neuartigen Ansprüchen eigentlich dichten? Einige braune Mustenomane fehlten, bei denen das Heroische soundso lang liegt und das Nationale soundso breii Jeder der neuen Literaturpäpste forderte etwas anderes. Göbbels möchte Soziales fürs Kind, aber das vertrug sich weder mit Thyssen, noch mit den Einkünften der neuen Bonzen. Kultusbeamter Wilfried Bade verlangte in seiner Broschüre die„konservativ-revolutionäre Dichtung", als ob der Dichter aus jeder Konfusion ein Gebilde gestalten könnte. Durch Erhalten etwas umstürzen— erst können vor Lachen... Nein, so herum glngs* auch nicht. Und das Erotische? Etwa zum hundertsten Male den SA-Jüngling beschreiben, der durch seinen erhebenden Heroismus, so Im Maulhalten oder Jndenverdreschen besteht, eine schon• durch langes blondes Haar genügend deutsch veranlagte Marxistm bekehrt? Solcher Kitsch überschwemmte den Markt bereits hinreichend und Hans Grimm konnte den Sohü- nemannpreis trotzdem nicht verteilen... Blut und Boden— wenn man nur wüßte, was das ist?? War es die frühere Heimat- kunst mit einem Schuß Antisemitismus? Tat man von letzterem jedoch zuviel dran, so entstand unzulässiges Greuelmaterial für's Ausland, zu wenig Antisemitismus hinwiederum galt als Mangel an guter Gesinnung. Ein Elend wars! Vielleicht versuchte man's mit einem historischen Rassen-Roman? Wie aus deutschem Boden der deutschbürtige Arier erstand! Jedoch in der rassischen Vergangenheit herumwühlen, war zu gefärlich. Nichts als Mischrasse, soweit das blaue Auge zwischen Rhein und Oder reichte. Und wenn schon die Japaner arisch sein sollten, wer dann nicht? Vielleicht könnte man den ganz nordischen Metischen zum Epos verwalk«!! Aber die Kerle dachten demokratisch und ließen sich mit Vorliebe von marxistischen Ministern regieren... Ein Kreuz war das, ein Kreuz— von der Religion gar nicht zu reden. Wotan oder Christus— welcher braune Dichter konnte seine Leute noch richtig und preisgekrönt beten lassen? Da lag nun das Preisausschreiben und forderte den neuen Heldentyp! Schließlich konnte man, wenn mans recht bedachte, eigent- lieh kaum fehlgehen, wenn man einen Führer zum Helden des Romans erwählte. Aber wen? Hitler— der war etwas zu unbeweibt; da fehlte die Llebesgescbichte mit nachfolgenden Kindern..• Untauglich. Und Göring? Zuviel Morphium dabei und die schwedische Etappe. Göbbels— zu schwach über die 1 Brust; reden wir nicht weiter davon. Röhra— das würde ein Buch für Lustkuaben und solche, die es werden wollen.,. Frick konnte zwar— endlich einer— mit Frau und Kindern protzen, aber dafür kannte er den großen Krieg nur von Pirmasens aus. Ist es dem Dichter zu verdenken, daß er stöhnte? In allen Konjunkturen hatte man sich zurecht gefunden— ta der Neuromantik, Im Expressionismus, in der neuen Sachlichkeit, in der rasenden Reportage— und plötzlich konnte mans nicht mehr erdichten... Kein Zweifel, so hatten ihn, verdammt nochmal, der Marxismus und die alles verweichlichende Demokratie verdorben! Damals durfte einer dichten, wie er wollte, wie Ihm der Schnabel gewachsen war. Infolgedessen versagte man jetzt vor der braunen Maßarbeit Weil man nie gelernt hatte, auf höheres Kommando nach nationalen Richtlinien zu fabulieren. Das war es und das rächte sich jetzt... Eine Dicfitcr- schule mußte her, ein Arbeitslager aus Blut und Boden für neuheroische Poeten--- Als ich den noch immer Ringend«! das letzte Mal traf, hockte er im Cafö„Vaterland". Dort sammelte Max zwischen SA-Uniformen heroische Inspirationen.„Jetzt habe ich meinen Stoff, bin schon feste drüber!" blitzte er mich triumphierend ab.„Denken Sie sich einai Dichter, der seinem Volke dienen und etwas großes Heroisches schreiben will. Aber er findet den Stoff nicht und findet ihn nicht, er hat die Verbindung mit Blut und Boden verloren, weiß nicht, was das ist Gedankenfreiheit und Demokratie haben ihn bequem gemacht er kapiert das neue Stichwort nicht Doof sitzt er da, verzweifelt an sich, flucht der ehemaligen Freiheit, die jeden dichten ließ, wie er wollte, geiit hin und erschießt sich... Mit großem Blick belauerte er in meinem Gesicht die Wirkung seiner Konzeption.— „Was denn?" frug ich nicht ohne Tremolo in der Stimme,„Sie wollen sich erschießen?'' "liich machte er erstaunt,„wieso dem1 Ich??'' „Warum denn gerade Sie nicht?" gab roh zurück Max sah mich teils erzürnt teils bestürzt an, einige berufsmäßige Horcher machten bereits lange Ohren, und wer weiß, was 8®" schehen wäre, wenn in der Nähe der Tür sich nicht ein Tumult erhoben hätte. SA.- Leute hatten einen alten Herrn, der grußlos eintrat mit einem„Heil Hitler!" angedonnert„Cot zum Gruß'', antwortete der. Das wurde Provokation betrachtet und braune Uniforme0 bemächtigten sich des grauhaarigen Störenfrieds. Weser Wirbel drehte anch mich unauffälHe mit hinaus, während Max die Füllfeder zückte und heroisch vor sich hin dichtete »Prinzen sieht man Jetzt Tiel« Ans der Gesellschaft des Dritten Rei�s In der„Zittauer Morgen zeitung" vom Dezember liest man folgenden Berliner Bri®� Die aus vielen Filmen bekannte und beliebte Filmdarstellerin Maria Paudler hat am Sonnabend voriger Woche geheiratet uö das war ein kleines gesellschaftliches Ercisms- Ihr Gatte ist Herr Skalden, ein Kamerama"0* der interessante Experimente mit dem farb'* gen Film unternommen hat Das junge Paar ha die kleine Villa bezogen, die früher die i®tz in der Schweiz wirkende Kammersän2erin Sigrid Onegin bewohnt hat und da ersebieo6'1 am Sonnabend rund hundert Gäste zur P®'6!' Man sah den Staatskommissar Hinkel, man saö den Prinzen von Schaumburg-Lippe, der Adiu' tant bei Dr. Göbbels ist, und eine ganz gr0®4 Ueberraschung gab es am späten Abend, al* non und häufen", sopdern„Werke, die die gewonnenen Einsichten ond Bilder umnittelbar in Blut und Seeienston verwandeln". Diesem Mythos der„schöpferischen Wis senschaft reiht sich gleichwertig der aristo- kratische Mythos von Volk und Staat, Held und Herscher an, so wenn wir von Wolters hören:„Es gibt keinen Adel von Schild und Krone mehr, die berufenen und untauglichen Söhne wachsen stammlos aus dem Volke empor, nur erkennbar wie von Jeher die Dötterkinder am Leuchten das Leibes, am Glans ihrer Augen, am Traum auf ihren Stirnen". Was uns da allzu vertraut entgegentönt, ist das verräterische„Los von der Vernunft!" und„Los von der Kausalität!", das in Philosophie und Geisteswissenschaften modern geworden ist, seitdem sich Vernunft und Kausalität als eherne Schwurzeugen des Sozialismus und des historischen Materialismus erwiesen haben. Als besondere Note hört Oskar B e n d a aus den eben angeführten Stellen, öie er in einer sehr gescheiten Broschüre, ■-Die Bildung des Dritten Reiches"(Wien "31), an den Tag gehoben bat, und aus den immer wiederkehrenden Schlagworten„Tat", „Held",„Heerschaft",„Dienst",„Mitte", „Rangordnung".„Stufenbau" usw. das gesamte Vokabular Othmar Spanns, der Hitlerphilosophen und Hitlergelehrten heraus. Mit Recht, muß man zugeben, weil �er ins Aberwitzige gesteigerte Kult der Zroßen Führerpersönlichkeit tatsächlich bis dicht an den hemmungslosen Gewaltmenschen als Führer heranreicht Aber Bendas Schlußfolgerung, daß der Ceorgekreis unmittelbar und mit bewußtem Willen seine staats- ond kulturpolitischen Forderungen an den Nationalsozialismus weiter gegeben hat trifft öarum noch lange nicht zu, solch eine Gleichsetzung zwischen Ideologien und ihren zufälligen Usurpatoren ist geistesgeschichtllch im allgemeinen unzulässig. Was der von heftigen Spannungsgefühlen gegen Bourgeoisie und Pro- Notariat zur Selbstvergottung vorgetriebene George wollte, war ein durch höchsten Geist legitimiertes, in allen Schätzen der Kultur beheimatetes Führertum: Eine kleine Schar zieht stille Bahnen, Stolz entfernt vom wirkenden Getriebe: Und als Losung steht auf Ihren Fahnen: Hellas ewig unsre Liebe, Aber das Verhängnis dieser Führer zu Hellas, dieser Propheten des Dichter- und Gottdikta- fors war, daß ihnen die reale soziologische Basis: der Auftrag einer geschlossenen Klasse �lor Kaste, fehlte, und darum lag der Schatz 'hrer weltfremden Ideale für Jedermann als Strandgut da: vor 1914 für die Snobs, die ihre Leere und„Pöbelverachtung" mit hohen, großen Worten aufputzen wollten: und seit 1920 hit die organisierte Verbrecherbande, die ein Siebzlgmillionenvolk nur mit einer„Idee" einlangen konnte. Hitlers Reich ist von dem, was �'e George, Gundolf und Wolters erstrebten, "nr ein greuliches Zerrbild. Die deutsche Kultur stirbt am Hakenkreuz Katastrophaler Rückgang im Buchhandel, Theater- and Kinowesen Schon seit Monaten befinden sich in Deutschland jene Kreise, die mit dem deutschen Geist handeln, in großer Aufregung. Das Geschäft gebt trotz aller Anstrengungen des Herrn Hinkel und seines deutschen Kulturbundes ständig zurück und selbst die tatkräftigen Hinweise auf die Pflichten, die der „Volksgenosse" gegenüber dem neudeutschen Geist zu erfüllen bat, bleiben ohne jeden sichtbaren Erfolg. Das Gejammer des„Börsenblatts für den deutseben Buchhandel", die Resolutionen des Reichs- verbands der Theaterbesitzer und die verzweifelten Hilferufe der K i n o e i g e n- tümer und der Filmschaffenden können nichts an der Tatsache mehr ändern, daß das gesamte deutsche Kultur wesen dem Absterben nahe Ist Abgesehen von dem ideellen Moment ist es in höchstem Maße das wirtschaftliche, das in diesem Zusammenhang immer wieder hervorgehoben wird, der Rückgang des Umsatzes und der Exportziffern und die enorme Zunahme der Arbeitslosigkeit bei den Kulturbetrieben. Erst vor ein paar Tagen bat das„Berliner Tageblatt" einen sehr pessimistischen Artikel über den völligen Ruin des Leipziger Buchhandels veröffentlicht aus dem deutlich hervorgeht, wie es heute um die Literatur und die wissenschaftlichen Werke im Dritten Reich bestellt Ist. Sämtliche großen Verlage stehen vor der Pleite, die großen Aktiengesellscfaalten arbeiten alle mit Unterbllanzen und es ist eine Frage der Zelt so sebreibt sogar das gleichgeschaltete„Berliner Tageblatt", wann die ältesten und berühmtesten deutschen Verlage ihre Betriebe liquidieren. Der Leipziger Buchhandel verzeichnete noch 1928 eine Ausfuhr im Werte von 284 Millionen Mark. Im Jahre 1933 sank diese Ziffer auf 125 Millionen. Die Leipziger Industrie- und Handelskanrmer stellte In einer Sitzung, die sich mit dem Problem befaßte, fest, daß bereits 200 Fachzeitschriften eingegangen und dadurch 15.000 Menschen brotlos geworden sind. Weitere 2000 Fachzeitschriften seien auf das Ernsteste gefährdet. Die Situation beim Leipziger Bnchhandel beleuchtet blitzartig die Verbältnisse auf dem gesamten deutschen Büchermarkt Vergleicht man nämlich die statistischen Ziffern, wie sie im„Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" abgedruckt waren, so ersieht man daraus, daß die Krise in Leipzig keine Einzelerscheinung ist Im Jahre 1932 erschienen in Deutschland rund 30.000 Bücher und Schriftwerke mit einer Gesamtauflage- ziffer von 120 Millionen Exemplaren. Die Auf- iageziifer älterer Werke erreichte die Zahl von 60 Millionen. Der Rückgna« im Jahre 1933 ist rapid- Ganz abgesehen von dem literarischen Wert der Neuerscheinungen, also von der Qualität, ist der Rückgang in der Quantität ungeheuer. Im ersten Jahre des Dritten Reiches wurden in Deutschland nur noch 12.000 Buchwerke mit einer Gesamtauflage von rund 30 Millionen Exemplaren verlegt und die Auflageziffer der älteren Werke sank von 60 Millionen auf 10 Millionen. Deutschland, das früher einen Riesenexport an Büchern und Musikalien besaß— die Ausfuhr betrug 1932 39,312.000 Mark— der Ausfuhrüberschuß 28,142.000 Mark— ist im Laufe eines Jahres auf diesem Gebiet Im Export passiv geworden. Die Ausfuhr betrug 1933 nur noch knapp 7 Millionen Mark, der Ausfuhrüberschuß wurde zu einem Einfuhrüberschuß von 600.000 Mark. Es ist klar, daß mit diesem enormen Rückgang der literarischen Industrie und mit diesem Absterben der graphischen Industrie, eine große Arbeitslosigkeit Hand in Hand gehen mußte. Hier fehlen allerdings amtliche Ziffern, aber in Leipzig, dem Zentrum des deutschen Buchhandels schätzt man die Arbeitslosigkeit, die im letzten Jahr im graphischen Gewerbe einsetzte, auf 65.000 Menschen. Nach den Gründen zu suchen, die den Ruin des deutschen Buchhandels erzeugt haben, ist müßig. Die besten Werke wurden verbrannt, die großen repräsentativen Autoren vertrieben und den Mist der Nazidlchter wollen selbst die treuesten Pc.s nicht mehr lesen. Daß das Ausland keine Werke von nationalsozialistischen Propagandisten einführen will, ist verständlich, um so mehr, als ihre Werke auch sonst weit unter dem gewohnten Niveau der deutschen Literatur stehen. Nicht viel besser als beim Sentsclien Buchhandel ist die Lage bei den deutschen Bühnen. Im Jahre 1932 gab es 400 Theater in Deutschland, für Je 150.000 Menschen eine Bühne. Rund 100.000 Vorstellungen wurden abgelialten. Beschäftigt waren 7000 Schauspieler und 28.000 Angestellte. Heute sind von diesen 400 Theatern 241 geschlossen, von den 7009 Schauspielern 400 und von den 28.000 Angestellten 12.000 arbeitslos. Allein in Berlin gibt es nach dem Bericht der Bühnengenossenschaft momentan 1200 arbelts- der Adjutant des Reichskanzlers, der Oberleutnant Brückner, erschien und ein Handschreiben Adolf Hitlers und In seinem Auftrag einen gro- "en Strauß weißen Flieder brachte- Das alte Preußen war durch den Prinzen Joachim Alb- recht mit dem schönen Bart vertreten, der ein Deister des Cellos ist und auch gern komponiert. Es macht ihm auch großes Vergnügen, einmal in Kissingen oder Nauheim die Kur- �apelle zu dirigieren. Man sieht preußische Prinzen jetzt über« baupt vieL Bis zur Kanzlerschaft Brünings wurden sie dberall mit dem schlichten„Sie" angeredet, dem vorigen Sommer hat sich wieder die Anrede Kaiserliche Hoheit durchgesetzt. Am gleichen Abend war im Zoo ein großes wohltätigkeltsiest des Luftschutzverbandes an- Kesetzt, auf dem nm Mitternacht der Kronprinz In großer Friedens-Husaremml- "rm erschien. Sie machte erhebliches Auf- "�hen. Ihre Kollegen vom Theater ehrten Maria Paudler durch eine intime Kabarettvorstellung. abei gab es eine anmutige Szene. Der Schau- �eler Harry Gondi hielt eine rührende Rede ai,I seine eigene Frau.„Tritt hi unsere Mitte, damit wir dich alle sehen können, ün Vorbild deutscher Frauen", Maria Paudler zn Fran Gondl. ,Jch werde dich durch einen Stengel vom Stranß des Führers auszeichnen." Und da zog sie at,s dem Strauß, den der Führer gesandt hatte, ftinen langen Stiel und überreichte ihn der heckten Gattin des Kollegen. Tiefbewegt latschten die Hochzeitsgäste BeifalL Ueberau werfen die großen Er- �'Snisse des Jahres ihre Wellen aüch in das private Dasein. Kanzler oder RindTieh? In den etwas abgelegenen Bezirken der Gleichschalterel ist ein Kampf entbrannt, der die Welt erzittern macht Hie Rindvieh— hie Nußbutter lauten die Schlachtparolen. Die „Vegetarische Presse", Dresden, ruft begeistert aus: Gesinnungsfreunde 1 Hört! Adolf Hitler, dieser einzige Vegetarier aller Kanzler, Präsidenten und Regenten der Welt..„ lebt wie wir!... Nicht bewundern, nicht rühmen sollt ihr Ihnl Lebt Ihm nach als Vegetarier, das Ist wirkliche Nachfolge! Höchster Dienst am Vaterlande!... Wenn solcher Erleuchtete dem Vegetarismus lebt, so ist das für die Lebensrciormer eine Tatsache von ungeheurer Bedeutung,.. Aber es kann der weitbeste Robkostesser nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Gutsnachbarn nicht gefällt Die„Anhalter Nachrichten", Dessau, von vegetarischer Nachfolge und höchstem Vaterlandsdienst offenbar gänzlich unbeleckt behaupten dreist: Es Ist nicht verwunderlich, daß bei der Bevorzugung bestimmter Anslandserzeug» nisse die ganze Lebcnsreformbcwegnng wesentlich von ausländischen Kapitalisten finanziert worden Ist; die gewissenlose kapitali- stisebe Propaganda dient also der seelischen und körperlichen Zermürbung des deutschen Volkes zum Vorteil eines internationalen Kapitals. U eberschrieben ist der zitierte Artikel: „Die Lebensreformbewegung, eine Gefahr für die deutsche Landwirtschaft?" Das geht ja nun doch zu weit das werden sich die Reformer nicht gefallen lassen, sie werden vielmehr, wie sie in der Dezemöer- outnmer ihres Blattes ankündigen, Klage erheben, wenn die Anhalter Nachrichten nicht bis zum 2. Januar zu Kreuze kriechen.„Adolf Hitler oder deutsche Viehzucht?" wird die Frage lauten, und die Richter werden einen Weg finden müssen, den Kanzler reinzuwaschen, ohne dem Rindvieh zu schaden. Harsch Ins Mittelalter! Wilhelm Schäfer— der gleiche Mann, der einst in seinem Pestalozzi-Roman mit bewegten Worten den Kampf eines Mutigen gegen den mittelalterlichen Erziehungsgeist schilderte— sprach In der gleichgeschalteten Fichte-Gesellschaft zu Berlin über„unsern Rückfall ins Mittelalter" und sagte nach dem Bericht des„Berliner Tageblattes" n. a„ daß das neue Deutschland wie Romain Rolland jüngst feststellte,„moralisch ins Mittelalter zurückgefallen sei", könne durchaus zugegeben werden, es bedeute keine Herabwürdigung des deutschen Volkes. Im Gegenteil!„Tatsächlich müsse man bis zum Mittelalter zurückgehen wenn man die Linie des reinen Deutschtums klar erkennen wolle." Bisher war es Mode, den Krebsgang der deutschen Kultur abzuleugnen. Jetzt, da vor der Wcltmeimmg das Leugnen kaum mehr hilft, verlegen sich die gleichgeschalteten Geistesgrößen schon auf die Verteidigung der finsteren Rückwärtserei. Wie weit ist es noch bis zur ersten Hexenverbrennung? Testament eines Juden Aus Marnaa in Bayern wird dem„VOlki- kisc'nen Beobachter" berichtet: .Kürzlich wurde auf dem Notariat in Weil- lose Schauspieler, darunter viele mit se)w prominenten Namen. Auch die Volksbfihnen- bewegung hat unsäglich gelitten- Die Volksbühnen und Wanderbühnen konnten noch 1932 fast 30.000 Meuschen beschäftigen und notdürftig ernähren, heute stehen nach eigenen Angaben des deutschen Kulturbundes nur 11.000 Menschen im Dienste der Volksbühnen. Wie schlecht es mit den Theatern steht, geht daraus hervor, daß ständig von den hohen nationalsozialistischen Stellen die Bevölkerung dringlichst ersucht wird, die Theater zu besuchen, daß man sogar vor Terrormaßnahmen nicht zurückschreckt, um die Leute zu den Vorstellungen zu jagen. Denn auch den 159 Bühnen, die noch spielen, geht es hundsmiserabel schlecht, so daß die meisten Bühnenleiter nur mit Unterstützung des Kulturbundes ihre Theater offenhalten können! Alle Sparmaßnahmen, die Reduzierung der Gagen und die niedrigeren Eintrittspreise, die das Publikum anlecken sollen, hatten keinen Erfolg. Die neuen Heldenstücke ziehen nicht. Aehnlldi wie im Theaterwesen liegen die Verhältnisse auch beim Film. Der Verband der Lichtspielbühnen, dem die meisten Besitzer der 5000 Kinos in Deutschland angeschlossen sind, klagt fortwährend Ober den schlechten Besuch der Filmtheater und stellte in einer seiner letzten Sitzungen fest, daß die Einnahmen im Jahre 1933 gegenüber denen vom Vorjahr um etwa 39 Prozent zurückgegangen sind. Das liege allerdings an den Preisreduzierungen für die Plätze. Diese verschämte Ausrede glaubt natürlich kein Mensch. Der katastrophale Rückgang liegt vielmehr am schlechten Besuch, der einerseits durch die schlechte Wirtschaftslage viel mehr aber infoige der miserablen Filme hervorgerufen wird. Das Publikum ist es satt geworden, sich immer nur tendenziösen Kitsch anzuseilen. In der Filmproduktion wirkt sich der Rückgang vorläufig noch nicht derart aus wie im Verlaihgcschäft Er wird erst in der kommenden Saison eintreten, wenn die Produk- tionsilrmen sehen, wieviel sie auf ihre Filme draufzahlen müssen. 1933 wurden nur sieben Filme weniger(120) hergestellt als 1932(127), lim Deulsehland Interessant« VcröfienUichunsen über Deutschland. Fm Wiener„Kampf", Heft 1, setzt sich Otto Bauer mit der Ideologie der Stäude- verfassung auseinander. In den Publikationen der Prien ds of E u r o p e, London, Wcstminster SW. I, ist als Heft 8 eine Betrachtung Ober die Verhinderung des Krieges durch Kolicktivaktion von Lord Howard of Penrith erschienen. Das„Neue Tagebuc h", Heft 1, enthält eine Betrachtung über den„Zukunfts- krieg auf Termin". Heinrich Mann richtet in der„Weltbühne" Nr. 1„Ein Wort an Frankreich". In der Wiener Zeltschrift„Der Zuschaue r", Nr. 1, wird eine Betrachtung über ccn unterbliebenen Präventivkrieg Roms gegen Karthago angestellt. heim der auf Murnau bezügliche Tcfl des Testaments des in Hochried verstorbenen Amerikaners Dr. James Loeb eröffnet. Die Gemeindeverwaltung Marnaa erhlält 20.000 Dollar zur Errichtung einer Stiftung für Bedürftige und Kranke. Verwalter Müller, der Dr. Loeb iahrzefmtdans gepflegt und betreut hat, erhielt 25.000 Dollar. Aach alle Angestellten mit 10 and mehr Dleastjahren wurden reich bedacht. AaBerdem ist im Testament verfügt, daß aile Schuldscheine, die Im Nachlaß liegen, geschenkt werden." Abgelehnt hat keiner. Dem: Ein guter deutscher Mann kann keinen Juden leiden, Doch seine Dollars nimmt er gern. u Mildtätige Damen Hotmeliung aus dem Dritten Reich: — Im Kaiser hol fand zum Besten der Winterhilfe unter dem Vorsitz von Frau von Neurath ein Tee-Empfang statt, bei dem zum Besten der Armen and Notleidenden Bridge gespielt wurde. Unter anderem waren Frau von Papen. Frau Dr. Göbbels und Frau Dr. Sahm anwesend. Die stürksten Trümpfe soll Frau Dr. Göbbels in der Hand gehalten haben. Aber wie war's, wenn zum Besten der Armen and Nolleidenden mal nicht Bridge gespielt, sondern beispielsweise der Rüstnngsetat herabgesetzt würde? Vom Pangermanlsmns. Eine deutsche Großfirma versandte in den letzten Tagen zu Re- fclamezwecken einen Taschen-Terminkalender für 1934, In dem im Textanhang eine„Volks« deutsche Zeittafel" zu finden ist. Darin wird u. a. das Datum des 286. Jahres„seit dem staatlichen Verlust der Schweiz und der Niederlande aufgeführt! obwohl vou 77 Filmgesellschaften nur noch 41 übrig geblieben sind. Dafür aber ist das in Deutschland investierte Filmkapital von rund 60 Millionen Mark ganz erheblich zusammen- gescjirumpft. Ufa und Tobis sind die einzigen Firmen, die beute der Kulturkrise noch standhalten können. Alle anderen Firmen besitzen heute keinerlei effektive Werte mehr. Von dem I Million Mark betragenden Aktienkapital der Aafa ist kein Pfennig mehr da, von den 3 Millionen der Emelka nur noch 400.000 Mark, den einzigen Wert, den die Cine Allianz noch besitzt ist ein Vertrag mit Kiepura. Der Export ist total vernichtet. Die gleichgeschalteten Machwerke des Dritten Reichs sind im Ausland nur vereinzelt unterzubringen. Die größte Exportfirma, der MüIIen- Von Dr. RICHARD KERN Am 4. Januar Ist der Kongreß der Vereinigten Staaten zusammengetreten, und alle Nachrichten stimmen darin überein, daß die Politik Roosevelts zunächst kaum auf nennenswerte Widerstände stoßen wird. Das liegt nicht nur an der Zusammensetzung des Parlaments, in dessen beiden Händen die Demokraten eine überwiegende Mehrheit besitzen. Denn der Trennungsstrich, der Anhänger und Gegner des Präsidenten scheidet, geht mitten durch Republikaner und Demokraten. Roosevelts Politik ist vielmehr noch getragen durch die Zustimmung der breiten Massen der Farmer, Kleinbürger und Arbeiter und diese außenparlamentarische Basis der Regierung läßt Widerstände im Parlament nicht erst aufkommen. Roosevelt wird vom Bankkapital und einem Teil des Industriekapitals heftig bekämpft. Gerade die amerikanischen Vorgänge zeigen aber, daß entgegen der vulgärsozialistischen Anschauung— das Wort„Marxismus" wollen wir in diesem Zusammenhang gar nicht erst bemühen — die führenden kapitalistischen Schichten in der Demokratie durchaus nicht immer ihre„Diktatur" durchsetzen können. Es sind die„antikapifalistischen"* Schichten, die gerade die Demokratie befähigt hat, die Herrschaft über die Wirtschaft an sich zu reißen und sie gegen die fiihrenden kapitalistischen Schichten zunächst zu behaupten. Es wird n i c h t a n der politischen Verfassung. sondern an dem ökonomischen Versagen dieser Politik liegen, wenn ihnen diese Herrschaft wieder entgleiten sollte. Wir haben auf den zwiespältigen Charakter dieser antikapitalistischen Sammlungspolitik wiederholt hingewiesen. Sie enthält eine Reihe progressiver Elemente: Verbot, der Kinderarbeit, tatsächliche Sicherung der Koalitionsfreiheit, Durchführung der 40-Stundenwoche, Lohnerhöhungen, Unterstützung der Arbeitslosen, staatliche Arbeitsbeschaffung im größten Wergehtausdem großen Prozeß um den Reichstagsbrand als gestäupt und verurteilt hervor? Wozu brauchte die Regierung Hitler diesen Monstreprozefi? Wer sind die wirklichen Brandstifter? Ist eine Aufklärung noch möglich? Welche politische Wirkungen sind von ihr zu erwarten? Der Prozeß um den Reichstagsbrand hinterläßt ungelöste Rätsel. Die soeben erschienene Schrift von Justinian:„Reichstagsbrand" beschäftigt sich mit diesen Fragen und stützt ihre Feststellungen auf unwiderlegliche Tatsachen. Bestellen Sie diese Broschüre sofort bei der Verlagsanstalt Graphia, Karlsbad, Kantstraße. eisen-Konzern ist zusammengebrochen, der Ausfuhrüberschuß von 28 Millionen Mark hat sich heute schon in einen Einfuhrüberschuß von ca. 6 Millionen verwandelt Noch 1930 fanden 12.000 Angestellte beim Film Beschäftigung, 1933 sind es nur noch 8000. Wenn es nach der Vertreibung der Wissenschaftler und Künstler der Verfehmung der bedeutendsten Vertreter deutscher Kultur, den Bücherverbrennungen, dem Tod der deutschen Presse und allen anderen Maßnahmen des Propagandaministeriums und des deutschen Kulturbundes noch eines Beweises für den unaufhaltsamen Niederbmch der deutschen Kultur bedurft hätte, so wäre er hier mit den unbarmherzigen Ziffern der Statistik Ober Literatur, Theater- und Filmwesen erbracht C, H. Ausmaß sichern dieser Politik die Unterstützung der Arbeiter. Die energische Politik gegen die seit der Krise verhaßten Banken, die einer weitgehenden Kontrolle unterworfen und gezwungen werden, Vorzugsaktien an den Staat abzutreten, die Wiederflüssigmachung der bereits verloren geglaubten Depositen bei der Mehrzahl der während der Februarkrise geschlossenen Banken und die staatliche Garantie der kleinen und mittleren Bankdepositen hat beim Mittelstand helle Begeisterung hervorgerufen. Aber auch Teile der durch die Krise hart getroffenen Industrie sind durch die seit Roseveit im schärfsten Gegenstaz zu früher geförderte Kartellierung, durch die in Aussicht gestellten Staatsaufträge, durch die Hoffnung, von der inflatorischen Preissteigerung den Rahm abschöpfen zu können, der Politik des Präsidenten gewonnen worden. Auf der anderen Seite sncht Roosevelt den Farmern Hilfe zu bringen nicht nur durch Aufkauf von Getreide und Baumwolle auf dem offenen Markt mittels Steuergeldern, durch Einschränkung der Anbauflächen unter Gewährung weitgehender Entschädigung, sondern vor allem durch Entlastung von fhiren Schulden. Das Mittel dazu war die Dollarentwertung. Gerade sie aber hat nicht nur in die Weltwirtschaft eine neue Unsicherheit hineingetragen, die die seit 1932 vorhandenen Tendenzen der Besserung in ihrem Beginn geknickt hat. sondern sie droht auch die wirtschaftlich vernünftigen Maßnahmen zu gefährden, die amerikanische Wirtschaft selbst in neue gefährliche Verwirrungen zu stürzen und den Erfolg des ganzen Experiments immer mehr zu bedrohen. Die Geldpolitik, über deren künftige Gestaltung Roosevelt in der Botschaft an den Kongreß wieder nichts Bestimmtes gesagt hat, hat außerordentliche Schwankungen in der amerikanischen Wirtschaft ausgelöst Der Präsident hat das Glück gehabt, daß der Kongreß gerade in einem Moment zusammentrat, in dem sich eine neue Belebung zeigte. Der Dollarentwertung, die mit dem Verlassen des Goldstandards am 9. April 1933 einsetzte, hatte zunächst eine stürmische Hausse auf den Rohstoffmärkten und den Börsen entfesselt, der bald eine Steigerung auch der industriellen Produktion folgte. Im Juli setzte eine starke Reaktion ein, ein Rückgang der Preise und der Produktion, eine neue Zunahme der Arbeitslosigkeit Der November und der Dezember aber brachten entgegen den Saisoneinflüssen eine neue Belebung. Die Kleinhandelsumsätze steigen, namentlich in den agrarischen Bezirken, wo auch das Weihnachtsgeschäft sehr gut war, die Frachteinnahmen der Bahnen nehmen zu, die Stahlerzeugung springt von 25 auf 35 Prozent und selbst der Automobilumsatz wird in dieser toten Saison als sehr befriedigend gemeldet Der Grund für die Wiederbelebung liegt außer in den allgemeinen Besserungstendenzen, die seit dem Sommer 1932 in der amerikanischen Wirtschaft zu verzeichnen waren, aber durch die Bankenkrise im Februar und durch den Znsammenbruch der Spekulation im Sommer unterbrochen wurden, wohl vor allem darin, daß jetzt die Subventionen und Staatsaufträge zu fließen beginnen. Von der einen Milliarde Dollar, die für die Unterstützungen der Farmer bewilligt wurden, sind in den letzten drei Monaten 300 Millionen Dollar, hauptsächlich an die Weizen- und Baumwollbauern, ausgezahlt worden. Für die Unterstützung der städtischen Arbeitslosen, die im November in Gang kam, werden jetzt wöchentlich über 50 Millionen Dollar ausgegeben, mit denen etwa vier Millionen Personen unterstützt werden. Vor allem aber sind erst jetzt die großen öffentlichen Arbeiten in Gang gekommen. All dies hat entgegen der Erwartungen gerade im Winter zu einer Besserung, zu neuen Hoffnungen geführt, die Stimmung ist zuversichtlich geworden und die Opposition gegen Roosevelt muß den Kampf verschieben. Jetzt aber die andere Seite der Medaille— die K o s t e n r e c h n u n g. Mit bemerkenswerter Offenheit hat Roosevelt diese Rechnung vorgelegt. Die Ausgaben der Bundesregierung werden auf 9.4 Milliarden Dollar geschätzt(Das sind zur alten Parität gerechnet etwa 39 Milliarden Mark— eine Berechnung, die bei der noch nicht allzu stark geänderten Kaufkraft des Dollar eine richtigere Vorstellung gibt als die Berechnung zum Kurswert.) Die Einnahmen betragen nur 3026 Millionen, so daß sich im laufenden Etatjahr, das am 30. Juni endet, ein Defizit von 73 Milliarden Dollar (fast 30 Milliarden Mark!!) ergibt. Damit nicht genug! Von Regierungsstellen, vornehmlich von der Wiederaufbau-Finanzkorporation, sind Kredite von 3.6 Milliarden Dollar an die Privatwirtschaft gegeben worden. Diese Ausgaben erscheinen nicht im Budget, da ihnen die Verpflichtungen der Wirtschaft gegenüberstehen. Ob diese Schuldverpflichtungen noch eingelöst werden(übrigens natürlich im entwerteten Dollar), ist natürlich nicht zu sagen. Für das Etatjahr I934/35 soll ein Budget bewilligt werden, das mit 3975 Millionen Dollar in Einnahme und Ausgabe des ordentlichen Etats balanciert; zudem aber 2 Milliarden ohne Deckung für die Krisenbekämpfung als außerordentliche Ausgabe, und zwar als Gesamtsumme ohne detaillierte Aufzählung der Verwendungszwecke. Das Riesendefizit erfordert Riesenverschuldung. In den nächsten sechs Monaten Soden 10 Mldiarden Dollar aufgenommen werden, davon vier zur Zurückzahlung fälliger kurzfristiger Verpflichtungen. Die amerikanische Staatsschuld wird nach diesem Programm am 30. Juni 1935 mit 31.8 Milliarden Dollar(über 125 Milliarden Mark!) ihren Höhepunkt erreichen, das sind 5 Milliarden Dollar mehr als der frühere Höchststand unmittelbar beim Ausgang des Weltkrieges betrug. Die Schuldenvermehrung bedeutet eine jährliche Neubelastung des Budgets mit rund 300 Millionen Dollar, etwa 10 Prozent der ordentlichen Einnahmen. Roosevelt schlägt trotzdem keine neuen Steuern vor, ebenso überläßt er die Vorsorge für Schuldentilgung der Zukunft. Wird Roosevelt die ungeheuren Summen auf dem Anleiheweg erhalten? Die Aufbringung ist in den letzten Monaten— namentlich für lang- und mittelfristige, nicht aber für kurzfristige Anleihen— schwieriger und kostspieliger geworden. Werden die Amerikaner erst mit den Wirkungen der Inflation vertrauter, suchen sie sich vor der Entwertung durch Flucht in die Sachwerte und Aktien zu schützen, dann hört die Zeichnung von festverzinslichen Papieren auf, dann verschließt sich der Anleiheweg. Dann kann das Defizit nur gedeckt werden, da Steuererhöhnng in solchem Ausmaß schon politisch und psychologisch unmöglich ist, nur durch direkte Inanspruchnahme der Notenpresse unter ungeheuerlicher Beschleunigung der Inflationswirkung. Dann wird die Anarchie der Inflation alle Wirkung der„dirigierten W i r t s c h a f t" über Haufen werfen. Und in Deutschland? Die Analogien sind, wenn auch in ent- sprechend verkleinertem Maßstab, schlagend, In Deutschland hat man schon unter P a p e n im Laufe des Rechnungsjahres 1932— wir zitieren wörtlich den„Finanziellen Ueberblick" des Reichsfinanzministeriums—„davon abgesehen, unmittelbare Maßnahmen zur Erhaltung eines ausgeglichenen Haushalts zu ergreifen. Man hat im Gegenteil bewußt ohne Deckungsausgleich neue Aus- gabenermächtigungen auf sicS genommen." Die Ausgaben für die Arbeitsbeschaffung haben zunächst dazu geführt, daß die Reichsetats der nächsten fünf Jahre mit 4 Milliarden vorbelastet sind. Dazu kommt noch das bisherige Defizit von 2 Milliarden und dsr vom Reichsfinanzminister in einem Artikel im„Deutschen Volkswirt" endlich zugegebene Fehlbetrag des laufenden Etats von noch unbekannter Höhe. Dabei ist das Defizit der Länder und Gemeinden, das sich ebenfalls um 2 Milliarden bewegt, nicht berücksichtigt. Deutschlands Finanzwirtschaft ist zu einer abenteuerlichen Defizitwirtschaft geworden. Bei der Beschaffenheit des deutschen Kapitalmarktes ist mit der Deckung des Defizits durch langfristige Anleihen kaum zu rechnen und trotz aller Großsprechereien gerät das nationalsozialistische Regime bereits in die Sackgasse. Die erste Folge ist die Ankündigung des Ministers. daß im neuen Jahr sich jedenlalls die zusätzliche Arbeitsbeschaffung auf die — Fortführung der Reichsautobahnen beschränken werde! Mit anderen Worten: die Arbeitsschlacht wird eingestellt, Hitlers Vierjahresplan nach neun Monaten bereits gestoppt! Im ganzen waren für die Arbeitsbeschaffung bereitgestellt 3.54 Milliarden Mark. Davon waren bis Ende 1933 nach Angaben von Dr. Friedrichs von der „Oeffa" 2305 5 Mill.(65 Prozent) bewilligt und 1297.4 Mill.(35 Proz.) ausgezahlt. Bis März 1934 rechnet man mit weiteren Auszahlungen von 500 Mill. Es bleiben also für 1934 noch 1.7 Milliarden. Da für die Reichsautobahnen zirka 1400 Millionen in Aussicht genommen sind, von denen noch keine nennenswerten Beträge verwendet wurden, so bliebe ein verschwindender Rest für alle sonstige„Ankurbelung" übrig. Dabei stößt die bisherige Finanzierung durch Wechselziehen auf stets größere Schwierigkeiten. Denn der Geldmarkt hat für die Arbeitsbeschaffungswechsel eine stets geringere Aufnahmefähigkeit, so daß die Reichsbank in steigendem Maße für die Finanzierung in Anspruch genommen werden muß. Ihr Por- tefeu'lle wird in zunehmendem Maß mit unemlösbaren Papieren vollgepfropft. Man sieht, die nationalsozialistische Diktatur ist viel früher als der Präsident des reichen Amerika vor das unlösliche Problem der Finanzierung gestellt. Das Dilemma ist schlimm. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hl nächster Zeit schon heftige Kämpfe innerhalb der nationalsozialistischen Führung um die Entscheidung entbrennen werden. Aber wie sie auch ausfällt, die Wahl steht nur zwischen sofortiger Verschärfung der Krise oder ihrer Hinausschiebung um den Preis des Unheils der Inflation. Um die Zahlung der Kosten werden die Diktatoren nicht herumkönnen. TlemplotÄfe 6früHfd)cs tDod�cnUatt Herausgeber; Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck;„Graphia"; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-I933. Der„Nene Vorwärts- kostet im Einzel4 verkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40,(für ein Quartal bei freier Znstellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung-(die Bezugspreise tür das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24.—), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.J' (3j60). Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland F- Kr. 0.22(2.64). Finnland Fmk. 4—(48.-)- Frankreich Frs- 1.50(18.—). Großbritannien d. 4.—(Sh. 4.-). Holland GId. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50(54.—)' Lettland Lat. 0.30(3.60), Litauen Lit 0.55(6.—'• Luxemburg B. Frs- 2.—(24.—), Norwegen Kr- 0.35(4.20). Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Pa' lästina P. Pi. 0.018(0.216), Polen Zloty 0-50 (6-—). Portugal Esc. 2.—(24.—), Rumänien Lei 10.-(120.—). Saargehiet F. Fr. 1.50(IS.—)- Schweden Kr. 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30 (3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40). 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