Nr. 82 SONNTAG» 21. Januar 1934 Verlag: Karlsbnd, Haus„Graphia*— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Itla säm die Hotheeeäietl Aus dem Inhalt; Die deutsdie Arbeitslosigkeit wächst Aus den Todeszellen des Hitlerregimes. Die Lehren von 1918. Holland in Erregung Reichsgericht gegen»Neuen Vorwärts« Das Relcbsgericbt hat einen tschechoslowakischen Staatsbürger, der aui deutschem Boden einige Exemplare unseres Blattes verbreitet hatte, zn der ungeheuerlichen Strafe von zwei Jahren Gei3ngnis verurteilt. Leber den Verlaul des Prozesses berichtet ein oifizlSses Nachrichtenbüro das folgende: Der Vorsitzende betonte In seiner Ur- teilsbegründnng, daß sich nun auch die SPD durch ihre im Ausland betriebene Greuelhetze in die Front der staatsielndlichen marxistischen Partelen eingereiht habe mit dem Ziel des gewaltsamen Umsturzes der Regierung. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten habe der frühere legale Kurs der Partei bine völlige Aenderung erfahren und sei nun zurnnverhülltenllle- g a I i t ä t(ibergegangen. Die Parteileitung habe sich, wie sich aus ihren Kampfschriften ergebe, auf neue revolutionäre Metboden eingestellt und versucht nun, durch bochverräteri- sehe Umtriebe von jenseits der Reichsgrenzen, insbesondere durch Greuelpropaganda, das Ansehen des Deutschen Reiches und die Autorität seiner Regierung zu Schädigen. Da» Reichsgericht hat sich begreiflicherweise nicht die Mühe genommen zn nntersueben, was auf dem Wege der Sozialdemokratie von der Legalität in die Illegalität alles gelegen bat: wie z. B. ein Reichstagsbrand, an dem die Httlerregiening lügneriscberweise der Sozialdemokratie die Mitschuld gab, um ihre Presse zn unterdrücken, dann ein Staatsstreich mit Entmachtung des Reichspräsidenten und tückischem Ueberfall auf ehemalige Bundesgenossen, die grausame Mißhandlung Tausender, die Ermordung vieler hunderte aufrechter und tadelloser Männer, die Konzentrationslager, die Folterkammern der SA und der SS, die Unterdrückung Jeder geistigen Freiheit, zuletzt, nicht zn mindest die schamloseste Entwürdigung der Rechtspflege, die jemals in einem als zivilisiert geltenden Lande vorgekommen ist. Das Reichsgericht mag es für seine Aufgabe halten, eine Legalität zu schützen, die von ihm freigesprochene Angeklagte nicht etwa in Freiheit setzt, sondern sie der Willkür Ihrer politischen Todfeinde anslieiert. Das Reichsgericht mag eine Legalität schützen, die das arbeitende Volk wehrlos der Peinigung durch seine angeblichen Gesetzgeber ausliefert und die solche Monstren produziert wie das neueste sogenannte„Arbeitsrecht". W I r kennen gegenüber einer solchen„Legalität" kein anderes Verlangen, als gegen sie zu kämpfen bis zu ihrer Vernichtung. Die unerschrockenen, opferbereiten Männer und Frauen aber, die im Innern Deutschlands den Kampf gegen diese relchsgerichtilcb geschützte Legalität führen, sie sind die wahren Vorkämpfer des Rechts, sie stehen turmhoch über ihren Richtern. Der Tag wird kommen, an dem das deutsche Volk diese Männer und Frauen als die wahren Heiden seiner Geschichte ehren wird. Wo wird das Reichsgericht dann sein? Heppen und Knedite Gesindeordnung für die Arbeiters chatt „Man verkennt uns vollkommen, wenn man glaubt, wir sehen unsere Aufgabe darin, die Geldschranktruppe Irgendeiner Kapitalraacht zu sein. Es war eine Revolution nicht nur gegen den Marxismus, sondern eine Revolution auch gegen die Reaktion. Es war eine sozialistische Revolution." So sprach Göbbels am vergangenen Sonntag im Lustgarten in Berlin zu den Arbeitern, die der Reichsregierung auf Be- fehl ihren„Dank" für das Gesetz der Arbeit aussprechen sollten. Diese Rede auf dieses Gesetz— das Ist die schauerlichste Lüge, die das Hitlerregime jemals gezeitigt hat! Das Gesetz verwirklicht die kühnsten Träume der wildesten Scharfmacher aus dem Untemehmerlager. Und trotzdem, „sozialistische Revolution", trotzdem keine „Geldschranktruppe irgend einer Kapitalmacht?" Wie groß muß die Furcht des Regimes vor diesem auf Befehl des Unternehmertums vollzogenen Gesetz sein, wenn Göbbels wiederum„das sozialistische Pferd aus dem Stall" zieht? Es ist das reaktionärste Gesetz, das seit hundert Jahren gegen die Arbeiterklasse erlassen worden ist aber es ist geboren aus der Furcht vor der Arbeiterschaft, die sich eines Tages wieder auf ihre Kraft besinnen könnte! Die letzten Reste des Koalitionsrechts und der Koalitionsfreiheit sind zu Boden getrampelt. Jedes Recht zur Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen und der Lohnhöhe ist zerbrochen. An die Steile der Tarife treten Werkslöhne, an die Stelle der Be- triebsräte Vertrauensmänner, die von den Unternehmern in Gemeinschaft mit den braunen Parteifunktionären ernannt werden. Es gibt keine„freien Arbeiter" mehr in Deutschland. Der Unternehmer ist allmächtig, als„Führer" des Betriebes entscheidet er über das Los seiner„Gefolgschaft". Es heißt künftig In der deutschen Industrie nicht mehr Unternehmer und Arbeiter, nicht mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern HerrenundKnech- t e. Das neue Gesetz ist d i e U e b e r t r a- gung der G e s! n d e o r d n u n g auf die gesamte deutsche Arbei- terschaft Dafür haben sich die Berliner Arbeiter schon am vergangenen Sonntag, als sie ihre Knechtung noch nicht kannten, auf Befehl bei dem gnädigen Herrn Hitler bedanken itiüssen! Die Arbefter sind zu einer Kiassevon Unfreien geworden. Wie In den Zeiten des Frühkapitalismus sind sie der Willkür des Herrn im Betrieb unterworfen. Er kann Geldstrafen über sie verhängen, wenn sie gegen die„soziale Ehre" verstoßen, will sagen, wenn sie dem aufgezwungenen Regiment nicht gehörchen. Jede Verbindung zu gemeinsamer Verteidigung ihrer Interessen ist untersagt, Streik ist verboten. Jede Auflehnung ist unmöglich und zieht das Einschreiten des Staates zugunsten des Herrn im Betrieb nach sich. Es fehlt nur noch, daß der Arbeiter, der davonläuft, vom Polizisten in den Betrieb zurückgeführt wird! In den Zeiten, in denen die ersten Ansätze zu einer Verbindung und Verbrüderung der Industriearbeiter in Deutschland sich zeigten, im Vormärz des Jahres 1848, waren die Arbeiter nicht geknechteter als heute, sie fühlten vielmehr die Vorwehen des ersten großen Kampfes um die Freiheit— in Deutschland. Heute hält die faschistische Diktatur die Arbeiter unter eiserner Ferse! Diese Knechtung erfolgt im Namen H i t- I e r s, des Mannes, der einst ein Arbeiter war, und der heute hundert Jahre Kampf Die SUUisiik des Todes Aus den Todeszellen der deutschen Blutjustiz Hitler hat Wort gehalten. Was er i93l als Zeuge im Leipziger Reichswehr- Jrozeß angekündigt hat, ist mit mathematischer Genauigkeit eingetroffen. Köpfe follen, unzählige Köpfe! Die Mordbestie rast durch Deutschland. Was ihr nicht rum Opfer fällt, das holt sich der H e n- 5 e r auf sogenannte legale Weise aus den fänden der Nazis— Blutgerichte! Sein Geschäft blüht! So sehr, daß der Scharfrichter Gröpler aus Magdeburg wegen -Überanstrengung sefn Amt niederlegen mußte. Sein Nachfolger, der Roß- 'chlächter Bollmann hat stärkere Nerven. Die Todesurteile jagen sich im Drit- cn Reich. Nur keine falsche Sentimen- alität! Immer feste druff! Durch- 'chnittlicb alle fünf Tage wirft man der begeisterten Menge einen Kopf hn. Einen, der regulär zum Tod verur- tilt wurde. Dazwischen knallt man in rikener Regie der SA. noch einige ab. Sie Jilden die Armee der„auf der Flucht" -rschossenen. 67 Todesurteile, refn politische Todesurteile wurden bis jetzt Im Dritten Reich von den Gerichten gefällt, 26 davon schon vollstreckt 41 Menschen warten täglich auf die Hinrichtung. Blutige Arbelt haben die deutschen Gerichte geleistet! Zusammen mit den rein kriminellen Todesurteilen(47) überantworteten sie 104 Menschen dem Scharfrichter. Bei 53 entledigte er sich bereits seiner Arbeit! Die Monate November und D e- 5 e m b e r waren besonders„erträglich". Neben lausenden von Jahren -uchthaus und Gefängnis, die In 60 politischen Prozessen verhängt wurden, wur- ien nicht weniger als 26 Todesurteile misgesprochen. Daneben gibt es aber loch eine ganze Reihe im Wege der �ynchjustlz aus dem Leben In den �0d Beförderter. So zum Beispiel den �mi 9. Dezember in Hamm von der Poli- Jei erschossenen Arbeiter Hans � a 1 1 e r, den am 15. November in Ber- 'im von der SA. verschleppten und ermordeten Schauspieler Hans Otto den am II. Dezember in Breslau vom SA.-Sturm 33 getöteten Arbeiter Wilhelm Laxa, den am 16. Dezember nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Sonnenburg erschossenen Arbeiter Behnke, Vater von fünf Kindern und den am 12, Januar„auf der Flucht erschossenen" Ludwig Pappenheim(Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg). Nachdem bereits vorher die Köpfe des Arbeiters Schriefer, der Altonaer Kommunisten Lüttgens, Müller, Wolff, Tesch und Volk und des Breslauer Arbeiters Kurt Gerber unter dem Bell des Henkers gefallen waren, wurden am 30. November In Köln die Arbeiter Hermann Hamacher, Otto Wäser, Bernhard Willms, Heinrich Horsch, Josef Moritz und losef Engel hingerichtet Es folgten die Hinrichtungen von Lübbe am 10. Januar und dem Arbeiter Emst Lindau in Hamburg, der am 30. Dezember seinen Urteilsspruch gehört hatte. Die letzten Todesurteile wurden am 28. November In Dessau gegen 13 Arbeiter aus dem sogen. Heckinger Prozeß gefällt, gegen die Arbeiter Pasparik, Uhe, May, Tallager, Hugo Gast Richard Küchmann, Fritz Scheinhardt, Herbert Schar- gc, Otto Speckmann, Karl Zellmer. Otto Thalmann und den bei der Bestätigung des Urteils durch das Reichsgericht am 18. Dezember außerdem verurteilten Lukat Ferner am 11. Dezember in Dortmund gegen Stefan Kartun, der im Jahre 1930 bei einem politischen Zusammenstoß einen SS.-Führer tödlich verletzt haben soll, am 21. Dezember in Dortmund gegen den Arbeiter Kaptur, am 23. Dezember in Hamburg gegen Sander, der ebenfalls im Jahre 1930 einen Polizeiwachtmeister getötet haben soll, und am 30. Dezember In Kottbus gegen Pischon. Diese Urteile sind bis Jetzt noch nicht vollstreckt worden, ebenso nicht die folgenden Todesurteile: Am 23. Mai gegen F. Bartl und Winkler In Chemnitz, am 7. Juli gegen Sledei- mann und Lange fn Königsberg, am 13. Juli gegen Karl Hans, Otto Thalmann Jun. und Bieser in Dessau, am 23. Juli gegen| Tölz und Sosodry in Berlin, am 29. Juli gegen Trampmann in Hamburg, am 7. September gegen Arnstedt, Masgan, Ti- bulski, Eggert, Bohlers, Herr, Kupers, und Schmidt in Düsseldorf, am 16. September gegen den Reichsbannermann Fick in Lübeck, am 21. September gegen Schidzik in Hagen, am 5. Oktober gegen Reitinger in Frankfurt, am 9. Oktober gegen Rochow und Woithe in Berlin und am 19. Oktober gegen Marquard und Berg in Chemnitz. 67 politische Todesurteile, 26 Hinrichtungen bis heute! Alles grauenvolle Jusfizmorde, begangen von den Gerichten des Dritten Reiches auf Befehl seiner Machthaber. Pappenheim »Auf der Fludit erschossen« In einer kurzen Notiz berichteten die Tageszeitungen, daß der frühere Redakteur der sozialdemokratischen„Volksstimme" in Schmalkalden, Pappenheim, bei einem Fluchtversuch aus dem Lager Börgermoor erschossen worden sei. Mit der Ermordung wehrloser Gefangener macht man heute nicht mehr viel Aufhebens, sie gehört zu den ständigen Gepflogenheiten des Dritten Reichs. Niemand wirft die Frage auf, mit welchem Recht Menschen erschossen werden, die sich einer willkürlich über sf« verhängten Gefangenschaft durch die Flucht zu entziehen versuchen. Man weiß ja überdies auch, daß der sogenannte„Fluchtversuch" nichts als eine Redensart ist, die gebraucht wird, um einen verübten Mord nicht geradezu eingestehen zu müssen. Der erschossene Genosse Pappenhelm war einer der reinsten Idealisten die je einer polltischen Bewegung gedient haben. Im engen Wirkungskreis, im Stillen zu arbeiten, alles für die Sache zu tun und nichts für sich zu verlangen, war seine Art Eine Angenschwäche, die sich in den letzten Jahren Immer stärker bemerkbar machte, hatte ihn in einen fast rührend wirkenden Zustand körperlicher Hilflosigkeit versetzt. Trotzdem hat man den Hilflosen„auf der Flucht erschossen"— kralt jener Art von „Legalität", die das Reichsgericht in Leipzig gegen uns verteidigt Die Opfer mehren sich und mit ihnen wächst unsere Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie nicht vergebens gebracht seien! der deutschen Arbeiterschaft um Freiheit! und Gleichberechtigung ausstreicht, weil er und seine eigenen Herren die Klassen- kräfte der Arbeiterschaft fürchten! Hitler hat dieses Gesetz diktiert— aber es ist der Geist Hilgenbergs, der dabei die Feder geführt hat! Es ist der Geist der Werksverbände, der gelben Organisationen, der sozialrcaktionären Tendenzen im Stahlhelm. Soweit wollte vor dem Raub der Gewerkschaften nicht einmal der Staatssekretär Grauert, der ehemalige Syndikus der Arbeitgeber, gehen! Und nicht einmal mehr gelbe Werksverbände werden geduldet! Einst haben sich die Arbeiter zusammengeschlossen, um der Untemehmermacht entgegentreten zu können, weil Einigkeit stark und frei macht. Heute sind ihre Ver bindungen auseinander geschlagen, sie selbst sind vereinzelt Die Klassen- macht des Unternehmertums will durch Hitler den Klassenkampf der Arbeiterschaft auf lange Zeit hinaus entscheidend schwächen. Die Trennung der Arbeiter der einzelnen Berufe und Wirtschaftszweige von einander, die Zerstö' rung jeder Verbindung zwischen den Ar heitern verschiedener Betriebe soll der Zerstörung eines einheitlichen Klassenbewußtseins dienen. Der Organisafion des Proletariats durch die kapitalistische Wirtschaft selbst soll durch den Raub der letzten Freiheiten entgegengewirkt werden! Das ist ein Akt des unerbittlichen Klassenkampfes von oben gegen die Arbeiterschaft Er zeigt die Furcht des Regimes und der Unternehmer davor, daß die brutale Tatsache des Klassenkampfes von oben mit Notwendigkeit Massen- kräfte der Arbeiterschaft zur Verteidigung ihrer Klasseninteressen wek- ken muß! Aber selbst die Unterwerfung der Arbeiter unter die Gesindeordnung, die Vollendung des Industriefeudalismus wird nicht verhindern, daß im Betriebe das Herrentum des Unternehmers und die Unfreiheit der Arbeiter die Klassengegensätze verschärfen, und daß aus der Verschärfung Kampfwille der Unterdrückten entspringt! Einst haben sich die Arbeiter über die Betriebe hinaus verbrüdert, um gemeinschaftlich ihre Klasseninteressen zu vertreten. Der Kampf um das Koalitionsrecht war ein Kampf um Freiheit. Heute hält das Regime mit mittelalterlichen Gesetzen jeden Verbriiderungsversuch, jeden Koalitionsversuch nieder. Aber die Tatsache des Klassenkampfes läßt sich nicht niederhalten! Je stärker der Druck, je künstlicher berechnet die Schwächungsmethoden gegen die Arbeiterklasse, um so allgemeiner wird einst ihr Kampf und das Ziel des Kampfes seinl Hinter dem Koalrtionsrecht fürchtet der Industriefeudalismus gemeinsam mit Hitler den Kampf um die politische Befreiung. Ihre aus Angst geborenen Unterdrückungsmaßnahmen hämmern der Arbeiterschaft ein, daß sie sich über alle Betriebe und Wirtschaffszweige hinaus zusammenschließen muß zu einer einheitlichen Klassen- front, zu dem gemeinsamen Willen, den Kampf um die Freiheit zu führen, um zugleich mit der Hitlerdiktatur und dem Industriefeudaiismus das kapitalistische System zum Teufe! zu jagen! IjfäM jdtßLiiiiißU M W f Www wW Ww w w yj'®1 Kundgebungen der Altgläubigen— Wachsende Spannungen Saar, Oesterreich, Abrüstung Die Hitleregierung hat eine Einladung, an der Sitzung des Völkerbundrat* teilzunehmen und an den Beschlüssen über die Saarabstimmung mitzuwirken, abgelehnt. Sie mag in dieser Einladung, zumal sie von Frankreich ausgegangen war, der ihr eigenen Geistesart entsprechend,„eine Falle1" erblickt haben. Und in der Tat hätte es ein wenig komisch gewirkt, wenn die Hitlerregierung, nachdem sie im Oktober v. J. den Völkerbund mit lautem Krach verlassen hat, jetzt wieder an seinen Arbeiten, als ob nichts geschehen wäre, teilnehmen wollte. Auf der anderen Seite aber hat die Einladung und ihre Ablehnung den Dcnkfählgen noch einmal klargemacht, daß die deutsche Regierung durch ihren Austritt aus dem Völkerbund wichtige deutsche Rechte ohne Not preisgegeben hat, Die Hitlerregierung hält von der Geltendmachung solcher Rechte nichts, sie verläßt sich lieber auf die Taktik der E i n- s c h ü c h t e r u n g, die sie nach allen Seiten hin. besonders aber jetzt gegen Oesterreich zu Üben bemüht ist. Niemanden wird man einreden können, daß Der Pfarrernotbimd hat auf des Reichsbischofs Verordnung, die mit Aushungerung androht, mit Kundgebungen geantwortet Die Polizei verbot verschiedene Versammlungen, sperrte einige Kirchen, worauf Zebntausende in andere wanderten. Dr. Niem Aller, der Führer des Piarrernotbundes, sauste mit Motorrad von Kirche zu Kirche, um zu den An- gesarmneiten ra sprechen- Dieses Bild muß man sich ausmalen, um eine Vorstellung von den Formen zu haben, in denen sich der Religionswirrwar Hitierdeutsch- lands austobt. NiemöIIer war im November v. J, schon einmal suspendiert, die Sache mußte aber rasch wieder rückgängig gemacht werden, denn NiemöIIer ist nicht der erste Beste. Damals schrieb die Kreuzzeitung: „Wer ist dieser Pfarrer NiemöIIer? Er ist als aktiver Marineoffizier in den Krieg gezogen. Er hat unter drei U-Boots-Karnmandanten seinen schweren und selbstverieugnendcn Dienst für das Vaterland getan, bis er schließiicb selbst U-B oots-Kommandant wurde. Er bat die Marine verlassen, weil er sein U-Boot nicht an die Engländer ausliefern konnte. Er hat damt im Kampf gegen die französische Ruhrbesatzung gestanden. Und dann ist er Theologe und schließlich Pfarrer in Dahlem geworden... Es Ist schwer ertrig- lieh, wenn ein solcher Mann in seinem re- formatorischen Glauben und seiner deutsch- lutherischen Gebundenheit gerichtet werden soll von jungen Herren, dievordemFeindekeinen Pulver- dampf gerochen haben." Wohlgemerkt, dieser OppositlonsffThrer im Talar hat sich, wie die meisten seiner Kollegen, polltisch durchaus auf den Boden des Dritten Reichs gestellt. Dem staatsmännischen Genie der braunen Oberbonzen bleibt der Rohm, diese Stützen autokratischer Staatsauffassung mit dem Rassenmumpitz in verbissene Opposition gejagt zu haben. Ein Teil der Nazipresse verlangt die Auflösung des Pfarrernotbundes. In der völkischen Zeitschrift.Deutsches Volkstum"(Hamburg) schätzt Wilhelm Stapel im ersten Januarheft 1 die Mitglieder des anlsässigen Bundes auf 7000 bis 8000 Pfarrer und schreibt: „Der Piarrernotbond Ist soziologisch das interessanteste Gebilde unserer Tage, well sich hier zum erstenmal eine wirksame Form der Obstruktion gezeigt bat... Es ist damit zugleich eine politischeMacht entstanden, die vom Kirchenregiraent(nicht vom Gläubigen)„respektiert" werden mnB. Zunächst ist die Macht negativ; Abwehr. Sie kann jeden Tag positiv werden: Angriff. Dann würde sie alle Merkmale einer Verschwörung aufweisen. Nach dem ModeD des Pfarrernotbundes könnte man einen Pro- fessorennotbund, einen Jnristen- n o f b u n d, einen Lehrernotbund usw. schaffen... Ein nationalsozialistischer Staat prüft Jede entstehende Macht, ob sie Freund oder Feind sei Als Antwort nimmt er nicht die Loyalitätsbeteuerung, sondern die tatsächliche Wirksamkeit" Und diese Wirksamkeit gleicht hmnennehr dem Angriff, aber die braune Bonzerie scheint sich doch nicht stark gemig zu fühlen, diesen Pfarrerbtmd aufzulösen. Dafür bandeln Provinzinstanzen auf eigene Faust und schleppen Jede Woche einige Pfarrer, protestantische wie katholische, in Konzentrationslager. „Neue GöfterWIder her!" Inzwischen geht die Agitation der Wotanschristen namentlich in Norddeutschland verstärkt weifer. Anfang Dezember fand eine „Kieler Herbstwoche für Kultur und Politik" statt Die Veranstalter gaben ein Heft heraus mit Aufsätzen, Bildern, Wotansentenzen. In einem dieser Aufsitze hieß es: „Wir hatten Ludwig Klages.. gebeten, im Laufe unserer Herbstwocbe über den Unterschied zwischen christlicher Geistes- religion und beidniadier naturgläubiger Weltanschauung zu sprechen.,. Weil wir ahnen. daß diese nationalsozialistische Revolution erst dann für das vergreiste alte Europa und die abendländische Zivilisation eigentlich gefährlich und schöpferisch werden wird, wenn dereinst die Glaubenskraft des politischen Kampfes unserer Tage auch neue Götterbilder, nenc Altäre and neue Heiligtümer schafft... Ludwig Klages, Niemöllers Rebellion der Niedersachse, verdammte den chrlsb liehen Gott und den christlichen„Götzentanl um das Nichts", er kehrte zu seinen Ahnen zurück und er pries den ehrwürdigen Frommsinn und den lebendigen Seeien- glauben einer naturgläubigen Menschheit Das Christentum wurde aus dem jüdischen Rassencharakter des Ressentiments, der Lebensrache der„Schlechtweggekom- menen", jrklärt." Es handelt sich bei diesen heidnisch-bar- barischen Bestrebungen nicht um kleine Sekten, sondern hinter diesem„germanischen Blut- und Schwertglauben" marschieren beträchtliche Teile des braunen Bonzentums und ihrer Anhänger. Generalissimus R ö h m hat sich kürzlich erst in einem Gespräch mit dem Prinzen Hohenlohe für ein baldiges Ende des Christentums ausgesprochen. Der ganze Christusmythos Ist diesen Kriegskncchtcn zu menschlich, zu pazifistisch, zu unblutig... Rapen weiß von nichts! Der Kuriosität wegen sei vermerkt, daß es den Vizekanzler P a p e n noch gibt und daß er in einem Vortrag In Berlin versucht hat, seine und Hitlers Katbolikcnseele zu retten. Vom Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe gegen die Naziauswüchse rückte er zwar pflicbtschuidtgst ab, aber„die vier GrnndirrtOmer des Nationalsozialismus"— Rasseoli aß, radikaler Antisemitismus, extremes Nationalitätenprinzip und natio- nalkirchliche Bestrebungen— müsse auch er als Katholik verurteilen. Und nun kommt das Salto, wegen dem er vom großen Adolf aufs Podium geschickt wurde: .Die Doktrin des Nationalsozialismus werde ausschließlich von Hitler bestimmt und ihm, Papen, sei nichts bekannt, was es rechtfertigen würde, einen der genannten Irrtümer dem Nationalsozialismus zur Last zu legen." Ihm ist nicht bekannt, daß Hitler in seinem Memoirenschmarrn den Rassenhaß, den dümmsten Antisemitismus und allgermanischen Nationalismus predigt! Ihm ist von alledem auch aus den zahlreichen Hetzreden und Schriften der übrigen braunen Paliadine„nichts bekannt!" Judenvertreibung und Jo- denboykott sind Erfindungen des Marxlsmoi. Ein beneidenswertes Gemüt, dieser Harieklfl des Dritten Reiches! Hitler dem Unfug, den seine Leute In Oesterreich treiben, nicht Hinhalt zu gebieten vermöchte, wenn er wollte. Wenn die Hakenkreuzfeuer wieder brennen, die Böller wieder krachen und mitunter mehr oder weniger gutgezielte Schüsse dazwischen knallen, so geschieht das nur, weil die Regierung in Berlin das so will und so anordnet. Schließlich ist es mit ihrer Haltung in der Rüstungsfrage auch nicht anders. Sie hat eine mögliche. Ihm angebotene Verständigung mutwillig zerschlagen, um eine Politik der Demonstration und der Herausforderung zu treiben. Also Papierböllerpolltlk nach allen Serten. Presse und Rundfunk bestätigen dem wildgewordenen deutschen Spießbürger täglich den triumphalen Erfolg dieser Politik, und auch die letzte Rede Paul-Boncours im Pariser Senat macht ihn nicht nachdenklich. Er merkt nicht, daß in dem Augenblick, in dem der Konflikt mit Frankreich akut wird, trotz allen Schwankungen und Bedenken der Vorbereitungszeit fast die ganze Welt abermals bei Frankreich und gegen Deutschland stehen wird. Diese Spannungen verschärfen sich. Schon die nächsten Wochen können Ereignisse von großer Tragweite bringen! Verhaftungen in Riga Aus Riga wird uns gemeldet: Die Ver- haitung von sechs Deutsclibalten, die beschuldigt werden, einer nationalsozialistiachen Ge- heimorganisation anzugehören, bat die verborgenen Zusammenhänge der nationalsozialistischen Propaganda in Lettland aufgedeckt. Wie die Polizei mitteilt, besteht seit längerer Zeit in Lettland •ine weltverzweigte illegale Organltatlon, die von reichsdeutscber Seite finanziert und instruiert wird. Die Arbeit dieser Ceheimzelle trug einen ausgesprochen konspirativen Charakter und wurde von Deutschbalten lettländischer Staatsangehörigkeit nach den Instruktionen, die ans dem Königsberg er„Horst-Wessel- Hause" kamen, geleitet. SämfMche Schüler dieser„Pflhrerschnle" lebten in Deutschland nnter falschem Namen und mft ihnen zu diesem Zweck zur Verfügung gestellten gefälschten Dokumenten. Es Ist mit peinlicher Vorsicht vermieden worden, die Namen der so engagierten Deutschbalten sogar In Deute cbiaod bekannt werden zu lassen. Folgende Personen wurden in Haft genommen: Ditmar T r e u(der die Rolle des Führers spielte), Alfred S i 1 b e r t, Paul K I e v e r. Edgar J u d 1 1 z k y, Harald Busch uod Axel Kreuzer. Nach den Vernehmungen wurden Ditmar Treu und Alfred SLIbert in Haft behalten. 4iitif aschismas In US4 In den Vereinigten Staaten ist es zu verschiedenen großen Demonstrationen vor den deutschen Konsulaten In Boston, New York und anderen Städten gekommen. Die New Yorker Polizei hat die Demonstranten erst eine ganze Weile gewähren lassen, ehe sie etwas unfernahm, um sie rn vertreiben. Als Antwort auf den„Deutschen Tag" In New York— der nach Hitlers freundlichen Berichten von insgesamt 15.000 Menseben besucht war— die, nebenbei bemerkt, in einer großen Ecke des Madison Square Garden Piatz finden— und dabei waren auch Gegner und Jrerodstänunige" Neugierige reichlich vertreten— ist eine Protestversammlung gegen Botschafter Luthers Lügen abgehalten worden, bei der 20.000 Menschen erschienen sind. Bernhard Deutsch, einer der führenden und sehr angesehenen Juden in New York, hat Herrn Luther in öffentlicher Rede aufgefordert, doch die Zeitungen und Personen zu verklagen, die hier angeblich unwahre und Creuelnachrichten über Deutschland verbreiten, aber er wartet heute noch auf Antwort I Die Evening Post erzählt, daß der Rede von Luther von Amts wegen so viele Polizisten und Geheimpolizisten beigewohnt haben, daß die Polizisten erzählten, Luther habe zur Polizeischule gesprochen. In der Times steht ein Aufruf, In dem HlHe für deutsch« Emigranfenklnder verlangt wird nnd er ist von sehr respektablen Namen aller Religionen unterzeichnet worden. Die Sprache Ist sehr deutlich. Dem haut man In die Fresse••• lu der Zeitung„Der Stürmer", dem Blatt* des berüchtigt«® Julius Streicher m Nürnberg. liest nun; „Es ist kaum zu begreifen, daß es b«*1'* noch sogenannte Deutsche gibt, die»ich um die Judenbagage Sorge machen. Ein„deutschet Zeitgenosse meint: es gibt doch auch recht brave Juden! Man muß eben schauen, wa* einer für ein Kerl Istl Man darf nicht die ganze Konfession in Bausch uod Bogen venirtefieol Einem Menschen, der so spricht, dem baut mansunächst fflrdlePhrase v 0 n der Konfession eine tüchtigels dl* Fresse! Denn dieser Fürsprecher ist ei" bewußter Lump. Er weiß sehr genau, daß die Jude®»fest den Schwindel mit der Konfession längst fallen gelassen haben. Daß si* sich selbst als eine zusammengehörige Intc- nationale Bande bekennen. Und wenn der Ju* denfreund dann einwendet daß es doch tapf*r® Juden im Weltkrieg gegeben habe, die sich s0" gar Auszeichnungen erworben hätte®, d0flB weist man ihn darauf hin, daß das MischUn?6 im zweiten oder dritten Gllled waren, die sich eben opfern mußten Im Interesse AHjudasf" Wucher an Gefangenen Den politischen Gefangenen in Breslau �ar zu Weihnachten der Empfang von Paket*0 verboten worden. Nicht verboten war Zusendung von Bargeld. Man wollte näml'- die Gefangenen zwingen, Lebensmittel und B*" darfsgegenstände Im Gefängnis zu kauf®3" Dort ist alles erhältlich. Allerdings zu Preiset die 50 und 100 Prozent höher als im freien HaadeL Vet fotl Stovislm V. Scb, P* r 1 1, K Jaimar. Di« Affäre S t a v I s k y hat bczreffücher- •eise in der französischen öffentilchen Meinung ®hi« nnglelch tiefere Erregung erzeugt afs alle ähnlichen Skandale der letzten Jahre, In denen Politik und Geschäft vermengt gewesen sind. Wodurch sich dieser neue Fall besooders auszeichnet, das Ist nicht mir die horrende Summe von 300 bis 500 Millionen Franken— genaue Zitfern sind noch nicht festgestellt die der Betrüger durchgebracht hat, sondern vor allem die Tatsache, daß es sich nm einen mehrfach vorbestraften Mann handelte, gegen den seif Jahnen ein ähnliches Strafverfahren bereits schweblte. Mit Hilfe von ärztlichen Attesten und allerhand Schiebungen, die nur durchgehen konnten, weil sie von Justiz- Organen gedeckt worden sein müssen, gafang es ihm, den Termin nicht weniger als nenn- aehn Mal vertagen zu lassen. Dabei ist mittlerweile ein entscheidendes Belastungsstöck, ein gefälschter Scheck, aus den Akten verschwunden. Aus verschiedenen Spiedka&inos wegen FaJschspiels ausgeschlossen, gelang es ihm, durch eine besondere Empfehlung der Staatspolizei, eine Eintrittskarte für alle Spielsäle wieder zu erlangen, wobei er abwechselnd in einer Nacht eine Million gewann und zwei wieder verlor. Die Staatspolizei hatte ihm ausgerechnet nach seiner Entlassung aus 18- tnonatlger Unoerchungshaft einen Auswels als Vlgllanten ausgehändlgtl Nur so konnte der Mann, der mehrere elnfhiBrelche Abgeordnete als Verteidiger benutzte, seine betrügerischen Operationen mit städttschen Pfandleihen von Orleans nach Bayone verlegen, nur auf einer noch größeren Basis, wobei Empfehlungen an Ministerlen be- wirkfen, daß von Ihm gefälschte Schatzscheine Ih Höhe von Hunderten von Millionen von pri- Vsten Versicherungsgesellschaiten ads Aolage- äoWer gezeichnet wurden. Für die reaktionären und faschistischen Kreise hi Frankreich schien zunächst der FaH Stavlsky ein Himmelgeschcnk zu sein. Da die oHwkundig kompromittierten Parlamentarier nnd die scheinbar belasteten Minister sämttich Mitglieder der regierenden Radikalen Partei J'nd, war es nur allzu leicht, die ohnedies durch anhaltende Wlrtschattskrise nervös gewor- 'kn« öffentliche Meinung Frankreichs gegen die Regierung und sogar gegen das republlkanlsch- bäflamentarlsche Regime aufzuputschen. Indessen Ist dieser Versuch, obwohl mit den rück- Mchfclosesten Mitteln unternommen, bereits nach einigen Tagen als gescheitert zu betrach- ten' Bs offenbart sich darin �1* Stärke der französischen Demokratie, aß einen solchen Sturm so spielend über- *®nllch brntal vorgegangen, doch brauchte in stundenlangen Geplänkei am Dienstag und km Donnerstagabend überhaupt kein Schuß zu *"en, Fäuste und Verkehrsstäbe genügten voll- «mnien. nm die durch den üblichen Großstadt- mob verstärkten Studententrupps zurückzu- �blagen. Von dieser Seite droht also der Re- bestimmt keine Gefahr. Braster zu nehmen war die moralische Krise, <1M französisdie Demokratie seit dem Aus- des SkandaAs bedrohte; Jene um sich feilende Stlmmtmg der Skepsis und des Wl- "Wwfllens gegenüber dem Regime als solchen scinen Repräsentanten, den Abgeordneten. �istern und Behörden. Am stärksten oflen- sich diese Stimmung, als die Nachricht .,on dem Selbstmord Staviskys überall auf ""glauben stieß. Die allgemeine Meinung ging '""'clist(fabln, daß die PoBzel einen nnbe- '"tmen Mittwissrr nicht nur mundtot, sondern "üerhaupt tot gemacht habe. Und obwohl atiler- � Umstände, insbesondere hinterlasscne Ab- r*l6dsbriefe, jetzt darauf schließen lassen, daß � e' b s t m o r d einwandfrei vorliegt. !!red>enf>ia# Herausgeber: Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn? Druck:„Graphia"; alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Der„Neue Vorwärts" kostet im Einzel' verkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40,(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). 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