HIderbilanz Nr. 34 SONNTAG, 4. Februar 1934 Verlag; Karlsbad. Haus„Graphia**»— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite AtmseH mul Vieistoid Die Hitlerdiktatur feiert ihren Jahrestag Aus dem Inhalt; S. Crummenerl: Selbstkritik und Führung Max Klinger: Geist und Bewegung Gerhart Seger; Die Bastillen des Dritten Reiches Richard Kern: Die gelbe Fratze Fest« setzen Bezelsterun* voraus. Da sie *tark einschrumpft, so bat man schweren Her- zens davon Abstand cenommen, den 30. Januar nach der Parole: Feste, Feiern, Feuer- werk, zu begeben. Statt dessen erging die Anordnung, Im Rahmen der Winterhilfe allen Bedürftigen einen Lebensmittelgutscheln Im �Verte von einer Mark zu geben. Außerdem »ollen W Millionen Gutscheine über Je einen Zentner Kohle ausgegeben werden.„Sichtbar- »'er Ausdruck der Volksgemeinschaft", so be- fubelt dl« deutsch« Presse dies« Anordnung. Aber es herrscht doch auch sehr viel Skepsis bei der zwangsweise verordneten Jubctstlm- ®ung. Wenn z. B. die„Frankfurter Zeltung" «chreibt: »Man darf wohl aussprechen, daß hier ein Musterbeispiel Jenes vom Natio- nalsozlalismus in die Politik eingeführten öotrlffs gegeben worden ist, den man Propaganda nennt", »o äußert sich darin sicherlich mehr kritische Kühle als Innere Begeisterung. Angeblich sollen die Kosten für diese einmalige Aktion 21.5 Millionen Mark betragen. mit denen 16 Millionen Hillsbedürltige vor ••Hmger und Kälte" geschützt werden sollen. Leider wäre selbst dann dieser Betrag dafür "'oht ausreichend, wenn diese Zahlen wirklich »llntmen würden. Aber weder kostet die Ak- Won vom 30. Januar 21.5 Millionen Mark, noch i>at Je die nationalsozialistische Wlnterhllle 16. Willionen Menschen betreut Ihre Tlllgkell re'chl nicht nennenswert über die drei bis v'er Millionen eingeschriebener Mitglieder hin- *us- Die Millionen wirklich Bedüritlger, und dazu zählen im Dritten Reich auch Millionen kärglich bezahlter Lohnarbeiter, geben leer aus. Die Aktion vom 30. Januar bat ganz andere Ursachen. In den Monaten Oktober bis Januar sind mehr als 100 Mill. Mark für die Winterhilfe gesammelt worden. Immer größere Kreise des deutschen Volkes fragen, wo diese Gelder geblieben sind. Bislang Ist niemals Bargeld ausgezahlt worden. Alles Geld floß in die unergründlichen Kassen der SA und der NSDAP. Nicht der Volksgemelnschalt, sondern der Förderung der Partelzwecke dienten die Gelder, die man zur Bekämpfung von Hunger und Kälte gesammelt hatte. Das ist ein Verbrechen, das Jedem gewöhnlichen Staatsbürger unweigerlich langjährige Zuchthausstrafen wegen Untreue einbringen würde. Um die ständig wachsende Erregung abzuschwächen, sollen Jetzt wenige Millionen an Bedürftige gegeben werden. Mindestens 80 Millionen Mark aber bleiben veruntreut. Das Ist um so gemeiner, da sie nicht den Reichen und Wohhabenden abgenommen, sondern den Armen groschenweise gestohlen worden sind. Selbst Göb- b• I s sah sich gezwungen, am 15. Januar Im Berliner Lustgarten festzustellen, daß bei der Wlnterhllle „aus den ärmsten Städten und ans den ärmsten Stadtteilen die größten Opfer kommen." Was am 30. Januar vor sich gegangen Ist, ist nicht ein Beweis für die Existenz der Volksgemelnschalt, sondern Propaganda nnd Betrug. Mit Bettetpfennigen Ist dem wachsenden Elend nicht beizukommen. Hunger und Kälte, die Im Dritten Reich verschwinden sollten, haben noch nie so zahlreiche Opfer gefordert wie Jetzt! Die Kehrseite 16 Millionen hungern— Offizielle Zahlen widerlegen offizielle Lügen! Bekanntlich geht es dem deutschen Volke seit Hitlers Regierungsantritt besser und besser. Die offiziellen Konjunkturberichte triefen von Optimismus. Manchmal aber klappt die Regie sehr schlecht Da kann man z. B. in der„Vossischen Zeitung" vom 25. Januar folgendes lesen: .. Erschütternd sind die Zahlen, die erst In den letzten Tagen das Winterhillswerk über den großen Kreis der Unterstützten, die es zu betreuen bat bekanntgab. Sieben Millionen mit neun Millionen Angehörigen, zusammen also nicht weniger als 16 Millionen Menschen, stehen unter dem Schutze des Winterhilfswerks. Das beißt also, daß Millionen und aber Millionen In Deutschland leben müssen von Einkünften, die weit unter dar Grenze dessen liegen, was In einer leidlich InUkten Wirtschalt als Exlstensslnt- m a m zu gelten hat" Kann man die„siegreichen Arbeltsschlachten" treffender Illustrieren, a]s es hier. Im gleichgeschalteten Organ, unter Zugrundelegung offiziell herausgekommener Zahlen geschieht? Hunger und Mord— das sind die Resultate des efnen Jahres Hltlerdiktaturl Mit Ost-Locarno und Katzeniammcr Am 6. April 1925 bat Strescmann einige Berliner Journalisten zu sich, um ihnen seine Politik Frankreich gegenüber auseinanderzusetzen. Es war die Vorbereitungszeit von Locamo. Der Minister erklärte, daß die territorialen Verluste im Westen unwiderruflich seien und daß eine Revision nur noch Im Osten möghch, dort aber auch lebensnotwendig seu Diese Revision im Osten zu erreichen, den Korridor und Obcrschlesien wiederzuholen, das, so versicherte Stresemann wieder- holt, sei der eigentliche Sinn sei- ner deutschfranzösischen Verständigungs- Politik. In vier oder fünf J ah r c a spätestens werde, nach seiner Ueber- zeugung, dieses Ziel erreicht sein. Als dann der Pakt von Locamo abge- schlössen wurde, der nach dem Westen den territorialen Verzicht, nach dem Osten aber nur den Verzicht auf Gewaltanwendung aussprach, wußten die Eingeweihten sofort, was das zu bedeuten hatte. Aber auch in Warschau scheint man sich über den Sinn dieser Differenzierung keinen Augenblick im Unklaren gewesen zu sein: die Gleichstellung mit Frankreich, das so- genannte„Ost-Locarno" wurde zu einem der wichtigsten Ziele der polnischen Außenpolitik. Desto zäher blieben alle späteren deutschen Regierungen bei jener Differenzierung. Die Revision als Frucht der Locamopolitik. das war Stresemanns nationales Testament Dieses nationale Testament Ist jetzt zerrissen. Adolf Hitler hat. indem er den Polen das ersehnte„Ost-Locarno gab. etwas gewagt was kein deutscher Reichskanzler oder Außenminister zuvor hätte wagen dürfen, ohne das Schicksal Erzbergcrs oder Rathenaus über sich heraufzubeschwören. Als Stresemann den Locarnopakt unterzeichnet hatte, empfahl Hitler Im„Völkischen Beobachter". Ihn dafür„totzuschlagenwle einen Hund". Und In seinem Buch „Mein KampT philosophiert er über Locamo also: „Dies Ist eben Jener„GUttropf en". von dem Clausewltz spricht: die zuerst begangene Charakterlosigkeit die sich selbst Immer welter steigern muß und die all- mähllcb das schlimmste Erbe Jeden künftigen Entschluß belastet Sie kann zum furchtbaren Bielgewicht werden, das ein Volk kaum mehr abzuschütteln vermag, sondern endgültig hin- onterzieht in das Dasein einer Sklaveu- rasse." Nach alledem muß man begreifen, daß Warschau den neuen Vertrag mit Vergnügen unterzeichnet hat. Hitler aber läßt sich von seinen diätenschluckenden Reichstags- mamelucken als Ueber-Bismarck feiern. „E h r e und F r e 1 h e 1 1 der deutschen Nation'*, so hat man zum Geburtstagsfest des Dritten Reiches verkündet„sind wieder hergestellt*. Aber niemand nimmt sich die Mühe zu erklären, wieso das geschehen sein soll. Glaubenssätze sind eben dazu da, geglaubt zu werden, und ein richtig Hypnotisierter trinkt jedwede Flüssigkeit mit Genuß, wenn man ihm sagt, sie sei köstlicher Wein. Die Frage, woher, wieso, auf welche Welse Ehre und Freiheit wie- der hergestellt sein sollen, ist marxistisch, verrät eine staatsfeindliche Gesinnung, und wer sie stellt muß gewärtig sein, in den Kellern der Gestapo solange geprügelt zu werden, bis er von der Herstellung der Ehre sowohl wie der Freiheit vollkommen überzeugt Ist Deutsche und Deutsche reden heute ganz verschiedene Sprachen. W as iür die einen Schande und Knechtschaft heißt, heißt bei den anderen Ehre und Freiheit Meuchelmord heißt nationale Heldentat. Raub und Plünderung heißen Kampf gegen den Bolsche- Die Furcht Sftler und das monarchistische Gespenst Als das Geschrei der Hitlerpropa- kanda gegen die„reaktionären WOhl- jpäase" begann, das von der Versklavung £er Arbeiterschaft ablenken sollte, •tonnte man erwarten, daß demnächst Was geschehen werde. Es ist etwas *eschehen; am 27. Januar haben Na- tonalsozialisten eine Geburtstagsfeier von f f i z i e r e n für den Mann von Doom p rfallen, so daß es zu einer schweren r ü g e 1 e 1 kam. Es ist nur ein ganz klci- ®r Reichstagsbrand— aber die Methode st die gleiche. Mit denselben Mitteln, mit enen einst die kommunistische Gefahr Riesen werden sollte, Ist jetzt angeb- der Beweis für die Existenz einer Monarchistischen Gefahr in ®utschland erbracht— eben das, was "'Her und Göbbels zur Ablenkung für Wtig hielten. Selbstverständlich gibt es Monarchi- i.en in Deutschland, selbstverständlich lir-i �ann von Doorn den alten kaiser- sin!fn �Hizieren lieber als Hitler— aber w 11 die Monarchisten wirklich eine cnt? Sje sjn(j es nicht— aber das Re- drehtet, daß sie es werden könn- äll»' Das Ree'me späht ängstlich nach � V* Seiten aus. um welche Punkte sich die Opposition kristallisieren könne. e 1 �e8dnie kennt sich selbst so gut, daß be' den Objekten der Diktatur die An- j�auung voraussetzt: Jedes andere „lfM® ist besser als das Hitlerregime. -tohviei wie es aussleht! Das Regime u �it Zu fflrchten. daß unter der Oj. s k e des Monarchismus sich eine osition sammeln werde, nicht mit dem Ziel der Errichtung der Monarchie, aber mit dem Ziel des Sturze! der Hitlcr- diktatur. Das enthüllt, wte es um die„Gleichschaltung" und um die Sicherheit des Regimes bestellt ist Es lebt in ständiger Furcht vor sich erhebenden Gegenkräften, weil es sich der Brutalität und des aufreizenden Charakters seiner Herrschaft bewußt ist Es verfolgt argwöhnisch jede traditionelle oder geistige Bewegung. weil es in Jeder einen Sammlungspunkt für die Opposition zu sehen glaubt Der Terror entspringt der Furcht und Je brutaler er wird, umso mehr wächst die Furcht der Terroristen! }00.000 fowetisiose Nidbt 4, sondern 7Vt Millionen Arbeitslose I Während dl« Statistik über die Arbeitt- loslgkeit für den Dezember nur einen Rückgang ron 343.000 registrierte, zeigt dl« Statistik der Krankenkassen über die Beschäl- tlgtenzablen einen Rückgang von 733.078. Danach Ist die Abnahme der Beschäftigten- zahl nm 390.000 höher als die ausgewiesene Zunahme an Arbeltslosen! Der Rückgang der Beschäftigten Ist sogar größer als Im Dezember 1932, wo er nur 71SJ7I betrag! Die Lage anl dem Arbeitsmarkt Ist In Wirklichkeit noch weh ungünstiger, wie ein Bericht über die Sozialversicherung Im 3. Vierteljahr 1933 beweist. Dort heißt es: „Der Mitgliederbestand der Krankenkassen hat weiter zugenommen nnd die V o r- Jabrsböbe überschritten." Es wird amtlich also schon als ein Erlolg angesehen, daß die Vorjahrsböfa«„überschritten" Ist Man hütet sich Jedoch. Zahlen anzugeben. Sie Hndet man In der Statistik der A r- baltslosenversicbernng. Es gab Im dritten Vierteljahr 10.7 Millionen Versicherte gegenüber 104 Millionen Versicherte Im Vor- Vierteljahr und 10.8 Millionen Im dritten Vierteljahr 1932. Danach hat die Zahl der gegen Arbeitslosigkeit versicherten Arbeitnehmer ge- genflber dem Vorjahre nomine«, 1 00.000 abge- Am genauesten läßt sieb die Zahl der Arbeitslosen ermitteln, wenn man von der Gesamtzahl der Arbeitnehmer die Zahl der Beschäftigten abzieht. Für Ende Dezember 1933 ergibt sich folgendes: Die Zahl der Arbeltslosen beträgt 4.058.000, Ist also last genau so hoch wie Im Mal 1931 mit 4,053.000. Die Zahl der Beschäftigten betrag aber Im Mal 1931 15,197.000 gegen 13,287.000 Im Dezember 1933, war also nm 1310.000 höber. Da In der Zwischenzeit die Gesamtzahl der Arbeitnehmer nur um etwa 200.000 abgenommen bat, so wird ollenslchtllch, daß nicht weniger als 1,7 0 0.0 0 0 Arbeltslose aus der Statistik seit Mal 1931 versehwnnden sind. Diese Schätzung wird durch dl« Gegenüberstellung der Zahlen der Be- schältigten und der Gesamtzahl der Arbeitnehmer hekräitigt Sie wird vom Statistischen Reichsamt für den Aniang 1934 auf 20,837.000 berechnet Ziehen wir da- von die Beschälttgtenzabl von 13387.000 ah, so ergibt sich ein« Differenz von 7,550.000. Die wirkliche Arbeitslosenzahl muß also zwischen 7 nnd T1/» Millionen liegen, Unabhängige Justiz Das Justizminisierium stellt Zensuren aus In einem Land, daß die willkürlich« Absetzbarkeit der Richter eingeführt bat, kann von einer Unabhängigkeit der Justiz nicht mehr die Rede sein. Das ist jedem Kundigen klar. Das Hitlerreicb versucht zwar, nach außen hin den Schein einer unabhängig amtierenden Rechtspflege aufrecht zu erhalten, aber für den aufmerksamen Beobachter mehren sich die Beweise des Gegenfells. Wer In jüngster Zeit die Gerichtsberichte der gleichgeschalte. ten Presse verfolgt, der stößt immer häufiger auf eine seltsame Erscheinung: fast allen grundsätzlichen Entscheidungen der Gerichte von öffentlichem Interesse Ist ein Kommentar des Inhalts angehängt, ob das Justizministerium den Standpunkt des Gerichtes gebilligt habe oder nicht. Als z. B. das Sondergericht Stuttgart jüngst einen Mann zu zwei Monaten Gefängnis verurteilte, weil er, ohne Mitglied der NSDAP, zu sein, ein dem offiziellen Parteiabzeichen ähnliches„Sympathieabzeichen" getragen habe, da feMte der Hinweis nicht, daß sich das Gericht damit einem vom Rcichsjustiz- ministerium gebilligten Vorderurteil des Sondergerichtes Berlin angeschlossen habe. (Obwohl ein einziges Gericht wagen würde, von einer durch das Reichsjustizministerium gebilligten Vorentscheidung abzugehen?) Noch Interessanter ist ein zweiter Fall. Ein Arbeitsgericht hatte jüngst einen halbwegs milden Spruch gefällt. Eine Arbeitnehmerin war wegen„Staatsfeindlichkeit" fristlos entlassen worden. Es waren der Unglücklichen — wie schrecklich— vier Aeußerungen nachgewiesen worden, aus denen sich eine feindliche Gesinnung gegen das Hitlerregiment ergab. Das Gericht billigte zwar die fristlose Entlassung der klagenden Arbeltnehmerln, ordnete aber an, daß der ihr Ins Zeugnis geschriebene Vorwurf staatsfeindlicher Gesinnung zu streichen sei. Diesen Standpunkt begründete das Gericht n. a. damit, daß es sich um ein j u n• g e s Mädchen handle, dessen Verhalten sehr leicht weniger auf eine feindliche Gesinnung, als auf ein loses Mundwerk zurückgeführt werden könne. Die fristlose Entlassung sei dafür eine genügende Strafe. Das Gericht wolle Ihr deshalb nicht jede neue Beschäftigung unmöglich machen. Zur Begründung dieses Standpunktes berief sich das Gericht auf eine angeblich vom „Führer" angebahnte„V e r s ö h n u n g s- p o 1! 1 1 k"'. Was es mit dieser auf sich hat sollte es flugs erfahren. Sofort setzte sich ein Landdirektor Grußendorf aus dem preußischen Justizministerium hin, um der Presse mitzuteilen, daß dieses Urteil vom Justizministerium nicht als zutreffend angesehen werde. Es könne nicht Aufgabe des Richters sein, so führt der Ministerial- beamte aus, Entschuldlgungsgründe zusammenzutragen und damit einen tatsächlich erfolgten Vorfall ungeschehen zu machen. Es möge dem, der später die Arbeitnehmerin beschäftigen will, überlassen bleiben, selbst die Erwägungen anzustellen, die das Verhalten der Arbeitnehmerin in milderem Lichte erscheinen lassen.(Das wird wohl einer wagen, eine Angestellte mit solchem Zeugnis einzustellen. Red.). Ueber die Tatsache als solche müsse er unterrichtet sein. Die„Versöhnung5politiks Hitlers verlangt also die dauernde Aechtung und Brotlos- machung einer jungen Proletarierin, die sich einige Male abfällig über sein Schandregiment geäußert bat Aber nicht allein auf dieses Feststellung kommt es uns an, sondern noch mehr auf die Ueberiegung, wie solche öffentlichen Kritiken an Gerichtsurteilen durch Beauftragte der Ministerien auf die Gerichte wirken müssen. Von den entmannten Richtern des Dritten Reiches werden sie als Befehle aufgefaßt nach denen sie sich bei drohender Strafe des Amtsverlustes zu richten haben. Und so sind sie auch gemeint Selbst von einer Entscheidung des Reichsgerichts konnte ein unteres Gericht früher abgehen, wenn die richterliche Ueberzeugung es ihm gebot Aber wehe dem Gericht das es wagt, entgegen einer vom Justizministerium gebilligten Entscheidung ein Urteil zu fällen!— Mit dieser Methode ist der Untergang jeder unabhängigen Rechtspflege besiegelt J u s 1 1 n 1 a n. Kurt Doberer Uoie fakuett Gerollt in vergilbtes Zeitungsblatt, versteckt, verborgen in jeder Stadt, so warten rote Fahnen. Sie warten und sie schlafen nicht, bedeckt mit Staub in grauer Schicht, so zählen sie die Tage. Nur In der Nacht, In langer Nacht, Ist manches, was sie zittern macht, in wehem, schwerem Traume. Da strömt es rot aus Dunklem her, das Fahnentuch wird naß und schwer und will nicht langer liegen. Getränkt mit Schmerz and HaB und Blut, so wächst das Bündel, rote Glut, die fällt In Hirn and Herzen. In Hunger, Not and harter Tat, stürzt altes, es wächst neu der Staat, aus Glut von roten Fahuen. Von dunkler Nacht zu heilem Tag, und fällt der Baum nach letztem Schlag heraus dann mit den Fahnen! Du Sdmpkkiet«As tUtenfteesm Tertraaensstellang and das ethisdie Empfinden Der Dank vom Hause Hitler IVazibonzen Der»cWesische NSBO.-Führer Werner- Bäng beschreibt seine Sorgen Ober die Ent- Wicklung der Personalpoütik In den Olaederun- gen der Deutschen Arbeitsfront: wismus. Man nimmt den Arbeitern alle sozialen Rechte und zwingt sie, sich für dieses Geschenk zu bedanken. Man sperrt Geistliche beider Konfessionen haufenweise ins Gefängnis mit der Begründung, sie hätten sich nicht dankbar genug gezeigt für den Schutz, den der neue Staat ihren Kirchen angedeihen lasse. Während dies geschieht während der SA-Pöbel Richter im Gerichtssaal bedroht, wenn ihm ihre Urteile nicht gefallen, während Versammlungen, in denen fromme protestantische Lieder gesungen werden, der Auflösung mittels Gummiknüppel verfallen und Kaisergeburtstagsfeiern in solenne Keilereien ausarten, nennt man das alles:„Einigung der Natio n". • Aber selbst Hitler kann nicht zwei ■Stunden lang lügen, ohne daß ihm dabei versehentlich eine Wahrheit unterläuft Eine solche Wahrheit war der Satz, daß keine Regierung bestehen kann, die sich nur auf die Gewalt stützt Es ist richtig, die Nationalsozialisten hätten ihre ungeheueren Verbrechen nicht begehen können, hätten sie nicht dabei die begeisterte Unterstützung breiter Massen des Volkes gefunden, und Hitler könnte nicht mit dem Schmierenpathos, das ihn ziert, den großen Selbstherrscher aller Deutschen spielen, wenn nicht viele Millionen an seinen wunderbaren Beruf als Retter des deutschen Volkes glaubten. Von diesen gefühlsmäßigen Stützen ist aber im ersten Jahr des Dritten Reichs schon viel dahingeschwunden. Der Versuch, Deutschland ganz im Dunkeln zu halten, ihm alles Licht von außen abzuschneiden, Ist, wie Hitler selbst mit seinen Klagen über die zunehmende illegale Literatur zugeben mußte, mißlungen. Die Tätigkeit der sozialdemokratischen Emigration ist durch dieses Geständnis mehr als gerechtfertigt! Die sozialdemokratische Emigration kann der Gewalt keine Gewalt entgegensetzen. Aber eingedenk des Wortes, daß keine Regierung mit Gewalt allein regieren kann, wird sie fortfahren, alle nicht materiellen Grundlagen der Despotie anzugreifen und zu zerstören. Sie wird nicht müde werden in ihrem Streben, der freien Kritik auch durch die dicksten Mauern der Diktatur Bahn zu brechen. Sie wird nicht müde werden, die abgründige Verlogenheit des Systems zu brandmarken und seine geistige Hohlheit bloßzustellen. Sei es In Monaten, sei es In Jahren, einmal kommt doch der Tag, an dem die psychologische Grundlage der Hitlerei zusammenbricht und die Hitlerei mit ihr. Es geht drüben bei gedämpfter Trommel Klang. Wo waren am Jahrestag der sogenannten Revolution Schwung und Begeisterung? Jedes Wort der Hitlerrede verrät das Vorhandensein wachsender Spannungen und Hindernisse. Mag man außenpolitisch aus der kaum noch zu überbietenden Konfussion der europäischen Diplomatie vorübergehend kleine Gewinne ziehen, mag man die Apportie- rung eines neuen Ermächtigungsgesetzes durch ein Bataillon schnittiger Volksvertreter als Innerpolitischen Erfolg aufziehen, mag man die vergessene Expropriation der Bank- und Börsenfürsten durch ein noch so lautes demagogisches Geplapper gegen die Monarchie ersetzen— die Tatsache des völligen Versagens auf wirtschaftlichem Gebiet und der vollendeten Reaktion auf sozialem bleibt dennoch bestehen. Verschlechterte Lebensbedingungen für jeden Einzelnen wie für das Ganze der Nation lassen sich aber durch Gauklerphrasen nicht aus der Welt schaffen. ■ Lüge und Gewalt sind die beiden Säulen des deutschen Faschismus. Stürzt die erste, so muß die zweite folgen- Denn keine Regierung kann bestehen, die sich nur auf die Gewalt stützt, sagt Hitler. Er sagt es nicht nur, er wird es auch beweisen, durch sein eigenes Schicksal. Freude am Werk In der AEG., Berlin, sind Massenentiossm- gen vorgenommen worden, nicht weniger als 3000 Arbeiter wurden aafj Pflaster gesetzt. Gleichzeitig stellte die Firma einen last ISOO Meter langen Tonfilm her, der sich.freade am Werk" betitelt, eine Spielhandlang enthalt and in den Werkanlagen der AEG. gedreht wurde.— Den können sich die entlassenen Arbeiter zum Trost ansehen. Die Judenbetze. Die Badeverwaltune hat eine Siegelmarke herausgegeben, die die Aufschrift trägt„Nordseebad Norderney Ist judenfrei". Bei allen zivilisierten Völkern gilt der Henker-Beruf rfs etwas Verächtliches. Wer ihn ausübt, Ist ein Mitbürger, dem man nicht mit achtungsvollen Blicken begegnet Nicht so Im Dritten Reich. Dort Ist er wichtigster Funktionär. Sein Beil(st das Argument seines Staates, der sonst keines hat Das zeigt mit grauenvoller Deutlichkeit ein Beschluß des Landgerichts Magdeburg, den man als neudeutsches Kulturdokmnent festhalten muß. Hier der— In der glrich geschalteten„Juristischen Wochenschrift'' veröffent- Uohte Beschluß: „Der Vergfltnngsansprnch des Scharfrichters an den Staat kann weder abgetreten noch gepfändet werden. »Die beanstandete Pfändung des Ver- gütungsanspruchs des Scharfrichters an den Staat Ist unzulässig. Er erhält als Vergütung für seine Tätigkeit monatlich 125 Mark, die durch die Aufwendungen für Lieferung, Ausstellung und Abnützung des gesamten zur Vollstreckung notwendigen Werkzeuges abgegolten werden. Für Jede einzelne Vollstreckungshandlang erhält er außerdem eine Sondervergütung von(0 RM. für sich selbst und von 50 RM. für Jeden seiner Gehilfen, ferner die Auslagen für den Transport der Rlchtwerkzenge erstattet. Diese Geldleistungen des Staates an den Scharfrichter können nicht anf eine Stufe mit sonstigen Celdlelstnn- gen an Angestellte oder durch Vertrag zu Dienstleistungen verpflichtete Personen gestellt werden. Der Scharfrichter wirkt bei der Aasflbnng desjenigen Hoheltsaktes da# Staates hervorragend mit, der nach außen hin den nachhaltigsten Eindruck macht. Der Scharfrichter soll durch die Geldleistungen des Staates In einer Welse abgegolten werden, die eine würdige Vergütung lür höchstpersönliche Dienste darstellt, damit er das Bewußtsein hat, daß seine Tätigkeit entsprechend anerkannt wird, und damit auch die Oeffentiichkelt seine Sonder- und Vertrauensstellung Im Staate als solche erkennt „Diese Bedeutung der Vergütung kann nur dann gewahrt werden, wenn sie vor jedem Be- griö sichergestellt wird. Sie ist als Dienstanf- wandsentschädigung anzusehen. Bei der einzigartigen Stelilung des Scharfrichters würde es auch dem ethischen Empfinden widersprechen, wenn der Staat die ausschließlich für die Vornahme von Hinrichtungen bestimmten Geldbezüge an irgendwelche andere Personen, Zessionare oder Pfändungsgläubiger zahlen müßte. Gerade in diesem Fall trifft die Best § 399 B. G. B. ganz besonders zu. Die Forderung des Scharfrichters an den Staat auf Vergütung kann daher weder abgetreten, noch gepfändet werden." (LG. Magdeburg, Besdil. v. 27. Nov. 1933, 6 T. 399(33)." Der„Manchester Guardian*' veröffentlicht auf breitem Raum den Bericht eines deutschen„Untersuchungsgefange- n e n'' eines gewerkschafts- und parteilosen Musikers, der wegen Verbreitung antifaschistischer Literatur von der Geheimen Staatspolizei vernommen uod gefoltert wurde. Der Gefolterte— dessen genaue Personalien dem„Manchester Guardian'' bekannt sind— machten einen verzweifelten und vergeblichen Selbstmordversuch. Als man ihn mit schlecht verbundenen Wunden In seine Zelle brachte, war er vöUIg erschöpft. Er sah Mitgefangene, deren Körper mit blutigen Striemen übersät waren, er hörte die Schreie der Mitgefangenen durch das Haus gellen, wenn die Folterknechte an der Arbeit waren. Später wurde er In einem Raum untergebracht, den er mit anderen teftte* Einer davon war Kommunist— ein änderet war Korrespondent einer bekannten konservativen Zel tung. In der gegenüberliegenden Zelle saß ein Beamter des„Statistischen Reichsamte s". Auch die Namen dieser Mitgefangenen sind dem „Manchester Guardian" bekannt Es Ist auffällig, daß gerade Statistiker ergriifen und nn- schädlich gemacht werden. Warum wohl? Im übrigen beweist der authentische B®" rieht nicht nur— was man ohnehin-wußte—» daß der Terror Im braunen Rdch mit unverminderter Brutalität weiter tobt er beweist auch, daß Immer breitere Kreise de» Volkes, daß auch Menschen aus dem konservativen Lager durch diesen Terror'0 Schrecken gesetzt und gepeinigt werden, Menschen der gleichen konservativen Kreise, die den braunen Irrenhäusler alle Reichsgewalt i» die Hände spielten I „Es Ist eine Tatsache die niemand bestreiten kann, daß viele Amtswalter in de» einzelnen Verbänden langsam zu bequeme» Bürgern wurden und alles andere waren» als Führernaturen... Sie glaubten, da® sie nun wirtschaftlich versorgt sind vvd dachten nicht mehr so... wie vorher, als sie noch nicht an diesen Posten standen .... Sie vergessen sehr schnell woher sl« gekommen wäre«." Der Hieb hatte gesessen und es gab eine Rebellion unter den braunen Bonzen, so daß Dr. Ley höchstpersönlich eingreifen mußte. Ef erklärte, daß einzelne seiner Leute„ganz vof- rügliches geleistet" hätten. Er beruhigte se'n* „Gemeinnützigen" vor allem für die Zukunft« indem er versicherte: „daß die bewährten Verbandsleiter a ö c b nach der angekündigten Auflösung der Verbände entsprechend« Verwendung finden würden, so daß niemand Besorgnisse zu haben brauche, der ein V*" tes Gewissen habe." Die bisher noch nicht versorgten Narf* hoffen, daß ihnen bei der Gewissensprüfunä ihrer Kameraden genügend Arbeitsplätze 40 der Futtergrippe der neuen Deutschen Arbeitsfront gcsdiaüen werde« können. Stawlsky-Krise in Frankreich IL B. Paris, den 29. Januar. Neue Regierungskrlses In Frankreich. Die dritte innerhalb fast drei Monaten. D a 1 a d 1 e r und S a r r a u t stürzten über die Ffnanzrcform, Chautemps wird durch den Stawlskl- Skandal zu Fall gebracht Nicht In„offener FekfsohOacht''. Im Gegenteil; eben erst haben 'hm in Kammer und Senat beträchtliche Mehrhelten Vertrauensvoten erteilt Er demissio- aiert, weH der rasende See der aufgepeitschten öffentlichen Meinung sein Opfer haben will. Man kann nicht einmal sagen, daß das Kabinett durch die Affäre des ungarischen Betrügers kompromittiert gewesen wäre. Oaladier, der schon vor ein paar Wochen ausgeschifft wurde, hat vielleicht nur durch die Unbedachtsamkeit gesündigt mit der als Minister ein ihm von seinen Beamten vorgelegtes Schreiben unterzeichnete. RaynaCd, der Justizminister, der »um freie Hand zu erhalten'' am Sonnabend 'rüh seinen Abschied nahm, Ist nur vorzuwerfen, daß er sich vor Jahren an einem zweifelhaften Geschäft beteiligte, das übrigens mit den Geschäften Stawiskis in keinem Zusammenhang stand. Das sind Dinge, die sonst In Frankreich keineswegs tragisch genommen werden. Chautemps selber ist über Jeden Verdacht erhaben, und er hat sich auch offenbar ehrlich ond nach Kräften bemüht die Korruption aufzudecken und Ihr zu Leibe zu gehen. Aber es tobt ein Sturm durch das Land, dem die Re- gierung, die das Unglück hatte, in dem Augenblick, als die Blase platzte, im Amte zu sein nicht Standhalten konnte. Die Erregung in der Bevölkerung, vor der sieh ein Sumpf von Leichtfertigkeit, Bestechlichkeit. Verderbtheit in Justiz, Po'.lzeL Verwaltung und In den politischen Kreisen enthüllt bat,«t ungeheuer. Das Mißtrauen wächst von Tag au Tag und macht vor niemandem Halt Politiker der Rechten, die eigene Sünden durch heuchlerisch betonte Tugendhaftigkeit vergessen machen wollen, schüren den Zorn gegen öas im Grunde nicht existierende Kartell der Linken. Zeitungen, deren eigene Geldqueflen höchst dunkel sind, beuten die Pressefreiheit In unerhörtem Maß aus, um das demokratische Regime und seine Träger anzuschwärzen. Die Reaktionäre aller Schattierungen lassen ihre Anhänger Straßenkundgebungen veranstalten, öle an Umfang ständig zunehmen, und man hat '»st den Eindruck, daß die Polizei dem Umfug öer monarchistischen und nationalistischen Radaumacher nicht steuern kann, well auch bfer hinter den Kulissen bedenkliche Kräfte am �erke sind. E» Ist— das muß offen ausgesprochen wer- d«n— mancherlei faul Im Staate Frankreich. tl'e unbezähmbare Sucht weiter Kreise des �örzertums nach schnellem und leichtem Gelderwerb bereitet Industrierittern aller Art öon Weg. Gesedischaften werden gegründet, ""d e* finden sich ehemalige Diplomaten und Generäle, Ritter der Ehrenlegion und andere betitelte Persönlichkeiten, die dem Aufsichts- rat einer zweifelhaften Gründung Ihren Glanz verleihen. Hinzu kommen die Vetterwlrt- •obaft(röpublirjue des camarades), eine ge- Schlamperei In den Aemtern und nicht *ülctzt der viel zu starke Einfluß, den die Parlamentarier, teils um ihren Wählern, teils um Ibren Klienten gefäflig zu sein, avl die Ver- WaAiurrg auszuüben imstande sind. Schließlich befindet sich ein großer Teil der Presse In Weht ganz tauberen Händen, oder hängt von öen Jeweiligen Geldgebern ab. Das alles hat nichts mit der Frage zu tun, "eiche Partei oder welche Parteigruppe sich mo Ruder befindet, denn die Fraktionen, die beute In Moral machen, haben selber genügend �reck am Stecken. Es hat auch nichts mit der Staatsform der Demokratie zu tun. und gerade ö'« Demokratie gewährt Im Gegensatz zu �lend einer Art von Diktatur die Möglichkeit, Skandale aufzudecken. Schuldig Ist weit mehr ö'« kapitalistische Wirtschaft, die sich hier der Rontroüe mehr entzieht als In irgend einem an- öeren Lande, und an diesem System wollen die Arielen der Rechten und die, die letzt nach ö'r starken Hand schreien, sicher nichts intern. Da» will nicht sagen, daß die parlamenta- "kche Demokratie zur Zeit nicht einer starken Rfschütterung ausgesetzt sei. Der Boulangis- Wus ohne Bouianger— wie man die Bewegung öur Diktaturlüsternen genannt hat— bedroht s,e- Wenn sie sich trotzdem halten kann, so bälgt das aufs engste mit dem indivlduallsti- Schcn Charakter des französischen Volkes zu- lamtnen. Die persönliche Freiheit ist der fran- IÖMschen Nation ein viel zu wertvoller Besitz, *l-s daß sie sich einem„Führer" verkaufen "ärde. Es kann sie im bösen Sinne ausnutzen, 'ber darüber dürfen wir nicht vergessen, daß 44 sie auch Im guten zu verwenden versteht. Von der neuen Regierung erhofft man die Herstellung einer Stabilität, die dringend not- Die Bosüdea des DtMeu Heitkes Oranienburg— das Die deutschen Nationalsozialisten sagen, daß sie alles aus der Welt schaffen wollen, was als Erbe der französischen Revolution von 1789 anzusehen ist Der sinnfällige Ausdruck, gleichsam das weithin sichtbare Symbol der Unterdrückung des französischen Volkes vor der Revolution von 1789, war die Bastille. Jenes Gefängnis, dessen Mauern für die Ewigkeit gebaut dessen Wälle Jedem Aufruhr zu trotzen schienen. Die französische Revolution begann daher auch mit dem Sturm auf die Bastille, und sie zerstörte die Zwingburg der Tyrannei auf das allergründlichste. Die Nationalsozialisten mm, die— als echte Reaktionäre— der französischen Revolution so abgeneigt sind, gingen in ihrer Nachahmung der vorrevolutionären Zustände In Frankreich so weit, nicht nur eine, sondern gleich eine ganze Reihe von Bastllien zu schaffen, nicht nur ein Symbol, sondern viele Symbole der Tyrannei: das sind die Konzentrationslager. Diese stacheldrahtumsäumten LeWensstätten von Zehntausenden politischen Gefangenen spielen schon heute, nach einem Jahr Hunnenherrschaft Hitlers Im Bewußtsein des deutschen Volkes die gleiche Rolle, wie ehedem die Bastille im Bewußtsein des französischen. Konzentrationslager— das ist tatsächlich der Inbegriff des Ausgeliefcrtseins an die schrankenlose Willkür grausamster Schreckensherrschaft Ob Oranienburg, ob Sonnenburg, ob Brandenburg. ob Papenburg— diese Bastillen- Filialen des Dritten Reiches sind im Wesen alle gleich, sie sind eine Ausgeburt der dreckigsten Landsknechtsphantasie, der niedrigsten Racheinstinkte, der gemeinsten Herrschsucht ein einziges, ekelhaftes Symbol der moralischen Verlumptbeit aller Hitlerkreaturen. Offenbar spürt auch das Propagandaministerium des Herrn Göbbels. daß In vielen Teilen der Welt dieser Eindruck von den Konzentrationslagern besteht Deshalb ist der Kommandant des Oranienburger Lagers, Sturmbannführer Schäfer, beauftragt worden, ein„Antl-Brau nbuch", eine Widerlegung der In der Weit umlaufenden Nachrichten Ober das Konzentrationslager Oranienburg zu schreiben. Eine als Verlagsfirma getarnte FKiale der Cöbbdschen Lügenzentrale bietet bereits den ausländischen Zeltungen Teile dieses Entiastungsbuches zum Abdruck an. Aber das alles wird verlorene Liebesmüh sein! Selbst wenn der Oranienburger Lagerkommandant— bei seiner Geistesverfassung kann er so etwas gar nicht ohne fremde Hilfe schreiben— eine sehr dienstbare Feder gefunden hat schafft kein Buch von Ihm d I e Toten aus der Welt die an den Folgen der „Vernehmungen" In Oranienburg starben; kein Kornmandantenbucb tilgt von den Körpern der Gefangenen die Spuren der Mißhandlungen, kein Kommandantenbuch löscht aus dem Gedächtnis Tausender von Gefangenen und Ihren Angehörigen die Erinnerung an alle Schreck- Symbol der Willkür Risse, an alle Gemeinheiten des Lagers Oranienburg! Es ist bekannt, daß Im Konzentrationslager keine Strafhaft, sondern„nur" ,1Schutz"haft vollstreckt wird. Daraus ergibt sich schon die erste furchtbare Tatsache: alles, was das Konzentrationslager an Grausamkeiten zu bieten hat fügt es ausschließlich Im Sinne des Gesetzes unschuldigen Menschen zu! Im Rechtsbewußtsein aller Völker Ist der eine Grundsatz ganz unbestritten, er ist sogar schon in noch halb barbarischen Vorzeiten selbstverständlich gewesen—, daß ein Mensch nur bestraft werden kann, wenn er etwas begangen hat Die Zehntausende Insassen der deutschen Konzentrationslager haben nichts begangen: denn wer etwas begangen hat wird von der „Rechts"-Pnege des Dritten Reiches sofort erfaßt Die Menschen In den Konzentrationslagern werden— soweit es sich am wirklich politische Gefangene handelt— gequält weil sie eine Gesinnung nnd einen Charakter haben. Wer sich zur nationalsozialistischen Charakterlosigkeit gleichschalten läßt hat Aussichten, die Bastille verlassen zu können. Neben der Schuldlosigkeit steht die Rechtlosigkeit Wenn je das Wort Willkür eine schicksalsschwere Bedeutung erhielt, so in den deutschen Konzentrationslagern im uferlosesten Ausmaß. Jeder Gefangene lernt in einem Gefängnis in kurzer Zeit den Direktor, die übrigen Vorgesetzten und Wärter kennen, er lernt die Vorschriften für sein, aber auch für deren Verhalten kennen, sein täglicher Lebenslauf Ist zeitlich und inhaltlich geregelt und er weiß, woran er ist In einem Konzentrationslager ist das völlig entgegengesetzt: nie lernt der Gefangene aus, wer und wie seine Aufseher sind: die gegenseitigen Ränkeschmiedereien unter der SA und andere Ursachen führen zu häufigem Wechsel unter Führern und Posten der SA, und dieser Umstand hat für die Lagergefangenen eine schreckliche Bedeutung: Jeder beliebige SA-Mann kann mit ledem beliebigen Gefangenen zu Jeder beliebigen Tages« oder Nachtzeit machen, was ihm beliebt Jede gültige Regelung des Ccfangenenda- seins fällt weg: Jeden Tag. Jede Stunde kann Jedem SA.-Führer etwas Neues einfallen, und da sie nichts zu tun haben, fällt Ihnen sehr oft etwas ein. Wenn ich die in sechs Monaten Oranienburg erlebten Anordnungen aufzeichnen und sozusagen in die Form einer Gefäng- nls-„Ordmmg" bringen wollte, so ergäbe das, mit dem fortgesetzten Wechsel von Befehlen und Gegenbefehlen der verschiedenen Halbgötter der SA ein Monstrum von vielen Hunderten von Vorschriften. Völlige Rechtlosigkeit völlige Unmöglichkeit, für das eigene Verhalten eine gültige Richtschnur zu finden, kennzeichnet das Dasein eines Gefangenen Im Konzentrationslager, und diese so nüchtern klln- Von Gerhart Seger gende Feststellung umschließt eine Hölle voa Ouat von der ewigen Unruhe banger Erwartungen dessen, was der nächste Tag bringen mag, bis zur körperlichen Mißhandlung mit Todeserfolg— eine ganze Skala des Grauens. Zur Schuldlosigkeit und Rechtlosigkeit kommt die Kulturlosigkeit Noch das älteste Gefängnis Ist eine Stätte der Zivilisation Im Vergleich zu einem Konzentrationslager. Der Luftraum, den ein Gefangener in Oranienburg für eine zehnstündige Nacht zur Verfügung hat, Ist drei Meter lang, ein Metet bfeit und ein Meter hoch. Diese drei Kubikmeter hat er aber nicht mit seinem Atmen allein, sondern es liegen 138 Menschen in Jedem der als „Schlafsäle" dienenden Kellerbunker so zusammengepfercht, daß auf Jeden drei Kubikmeter einer Luft kommen, in der sich die Ausdünstungen von 138 Menschen mischen, von Menschen, die sich bei den Lagerverhältnissen nicht im mindesten körperlich pflegen können! Das Schlafen allein, dann die Unterbringung Oberhaupt, der Schweinefraß von„Verpflegung"— das ist eine Kulturlosigkeit, eine Barbarei, wie sie wohl noch nie in einem ehemals kultivierten Lande errichtet worden ist. Nur wer es erlebte und erlitt, hat davon eine Vorstellung— oder ein Dostojewski müßte an dem Bilde solcher Tage und Nächte seine Gestaltungskraft messen. Und endlich die Schutzioslgkeit— nie sind Menschen in der ganzen Geschichte und auf der ganzen Welt schutzloser gewesen ai■ die deutschen politischen Gefangenen, die In den Konzentrationslagern in„Schutz"-Haft sind; der maßlos freche Hohn dieses Wortes wirkt geradezu aufpeitschend. Eine blutige Spur zeichnet das Wort Oranienburg In die Geschichte des Dritten Reiches, nnd wenn dieses Blut einmal gesühnt werden wird, so werden die Erfinder der Kcm- zentrationsiager Ihre Erfindung noch selbst verfluchen. Welch ein Meer von Tränen, welch ein Gebirge von Haß haben die Nationalsozialisten mit der Einrichtung der Konzentrationslager erzeugt! Welch eine schreckliche Reihe von Todesopfern, von Menschen, die bei lebendigem Leibe buchstäblich zerschlagen worden sind; welch eine furchtbare Reihe von Opfern, die zeitlebens an Körper und Seele die Spuren der Mißhandlungen mit sich tragen werden— es Ist unsagbar grauenhaft, und es ist fast zum Verzweifeln, wenn man bedenkt, daß das mitten im Deutschen Reiche, mitten Im Herzen von Europa geschieht. Es war einmal ein Brite, MacKennan, der In die zaristische Barbare! reiste und die Schrecken von Sibirien enthüllte— wann und aus welcher Nation wird der MacKennan kommen, der im Dienste der geschändeten Menschheit In die Bastillcn des Hunnenreiches Hitlers geht und das Gewissen der Welt wachruft, der die Trägheit des Herzens fiberwindet, die so viele Völker ergriffen hat? wendtg Ist, nfebt nur nm der Ordnung der Inneren Verhältnisse wegen, sondern auch um Frankreichs Stellung In der Internationalen Politik zu befestigen. Daß diese durch die ewigen Krisen bedenklich geschwächt wird, läßt sich nicht bestreiten und wird auch von niemandem bestritten. Man setzt Jetzt Wer manche Hoffnungen auf die Sowjetunfon und Ihren von Optimisten noch für dieses Jahr erwarteten Eintritt In den Völkerbund. Das werde, so glaubt man, die außenpolitische Situation Frankreichs erleichtern. Aber die Befriedigung darüber kann nicht über das Gefühl der Schwäche Rom und London und nicht Ober die Beunruhigung hinwegtäuschen, die die Extratänze Polens verursachen. Labour für Demokratie Das Exekutivkomitee der englischen Arbeiterpartei erläßt folgende Erklärung: „Die Haltung der Arbeiterpartei gegenüber der Diktatur Ist in der letzten Zelt von Anhängern der„Nationalen" Regierung In durch- aus entstellender Welse dargestellt worden. Die Arbeiterpartei steht, wie sie wiederholt In öffentlichen Erklärungen dargetan hat, zur parlamentarischen Demokratie. Sie verwirft entschieden Jode Diktatur von Individuen oder Gruppen, möge sfe von rechts oder links kommen. Sie ist der Meinung, daß die beste Ja die einzig erträgliche Reglerungsform für England die demokratische Regierung Ist mit einem Irelen Wahlsystem und einer arbeitsfähigen und wirksamen Partamentsmaschine zur Erzielung praktischer Entschlüsse und als Tribüne für Diskussionen und Kritik. Die Arbeiterpartei gründet Ihren Appell an die öffentliche Meinung auf die dringende Notwendigkeit weitreichender ökonomischer oder sozialer Veränderungen, die In Ihrem Programm dargelegt sind und die konstitutionellen und demokratischen Mitteln durchgeführt werden sollen. Insofern, als von einzelnen Personen Erklärungen abgegeben werden, oder abgegeben werden sollten, die von der erklärten Politik der Partei in dieser Frage abweichen, so sind sie hiermit endgültig vom Exekutivkomitee zurückgewiesen." Diese Erklärung nimmt zwar der Form nach auf Anhänger der nationalen Regierung Bezug, die die Absichten der Arbeiferparte! entsteilt hätten, doch wendet sie sich offensichtlich gegen den ehemaligen Minister In der letzten Arbeiterregierung Sir Stafford Gripps and sein engeren Freunde, die für die nächste englische Arbeiterregicrung ein sehr weitgehendes Ermächtigungsgesetz mit diktatorischen Vollmachten verlangt hatten. Fasdiistlscfaer Tadel Der„Corriere Vadano". der In Italien aligemein als das Blatt Ba'bos gilt, berichtet am 24. Januar seinen Lesern Ober das deutsche Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit. Die Entrechtung der deutschen Arbeifer sei Jetzt vollkommen, meint das Blatt; „Der Geist der neuen Betriebsordnung entspricht dem mittelalterlichen Feudal wesen". Die Begriffe„Treuverhältnis" und„soziale Ehre", auf denen der deutsche Nationalsozialismus das neue Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufbauen wolle, stammten aus der Vorstefiungswelt der Lehnsherrn und Ihrer Vasallen. Wenn der Italienische Faschismus über die Alpen bückt, kommt er sich nicht nur menschlich. sondern auch sozial vor. Wollen die Nazis dem deutschen Volk und der Welt imponieren, so rühmen sie sich der Freundschaft Ihres großen Vorbildes. Der Italienische Faschismus aber legt Wert darauf, vor dem eigenen Voik und der übrigen Welt von Hitler abzurücken. „Deutsdiland— wohin?** In Engfiand wurde ein Film hergesteilt— „Deutschland— wohin?''— der das Anwachsen des deutschen Militarismus. die Aufstachelung des Kriegs- g c I s t e s durch das Hitler-Regime, die wachsende Weltgefahr In krassen Tatsachen- bildern zeigt Trotz deutscher Proteste wird der Film, der bisher nur vor Mitgliedern des Ober- und Unterhauses lief, demnächst der Oeffentiichkeit zugänglich gemacht werden. tk wciutioMtes dokmetti Die programmatische Plattform der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Die Kundgebune des Sozialdemokratischen Parteivorstandes hat Qberall die größte Beachtung gefunden. Die„D e n t- sche Freiheit" begrüßt die Kund gebung in dem folgenden Artikel: Die sehr ausführliche programmatische Erklärung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist ein revolutionäres Dokument, wie es In der Geschichte der Sozialdemokratie bisher nicht vorhanden war. Die reformistischen Programme der Nachkriegszeit sind vollkommen verlassen. An Ziel und Willen stoßen die programmatischen Forderungen auch weit über das Programm von Erfurt aus dem Jahre 1891 hinaus. Den Hauptunterschied zwischen jenem klassischen Parteiprogramm des Marxismus und seiner jetzigen Kundgebung erblicken wir in einer viel stärkerenAnspannungderWil- lensfaktoren. Das Erfurter Programm sprach von der„naturnotwendi- gen Entwicklung". Die Kundgebung vonPragruft z u r R e v olu t i o n. Auch dieses Dokument analysiert mit der Tiefe und der Gedankenschärfe marxistischen Denkens die ökonomischen und gesellschaftlichen Zustände, aber es appelliert zugleich ungeduldig und unmittelbar an das ganze unterdrückte Volk zur revolutionären Erhebung gegen die faschistische und kapitalistische Diktatur. Ueberließ man früher in fatalistischer Selbstsicherheit die Geschehnisse nach der Machtergreifung späterer Sorge, so wird nun klar gesagt, was die sozialistische Umwälzung am Tage ihres Sieges zu tun hat. Das ist das eindeutige Bekenntnis zu einer revolutionären sozialistischen Diktatur, deren Dauer sich lediglich nach dem Tempo und den Erfolgen der Umwälzung zu richten hat. Die Zerschlagung des alten politischen Apparates muß gesichert werden gegen seine bisherigen gesellschaftliehen Träger! Daß dies 1918 nicht geschehen ist, bleibt die große unsflhnbare Schuld der für jene Ereignisse Verantwortlichen. Es ist das Größte an dem neuen Kampfprogramm der Sozialdemokratie, daß der größte Fehler des Jahres 1918 offen eingestanden wird. Darauf haben viele im Lande, insbesondere junge Mitkämpfer, seit langem gewartet Es wäre oberflächlich und unrichtig, das Versagen von 1918 lediglich führenden Personen zuzuschieben. Die Ursachen liegen viel tiefer. Wir erblicken sie darin, daß die gel- stige Grundhaltung und die O r- ganisation der Sozialdemokratie aus den langen evolutionären Friedensjahren vor 1914 kriegerischen und revolutionären Ereignissen, wie sie nun seit Jahrzehnten Welt und Menschen erschüttern, nicht gewachsen war. Die so viel gerühmte und in Friedenszeiten mit Recht bewunderte Organisation der Sozialdemokratie war die großartigste Wahlmaschine und die bedeutendste politische Erziehungsschule auf Erden. Das war gewiß viel, aber es genügte bei weitem nicht für die Aufgaben, die ihr seit dem 1. August 1914 gestellt waren. Der gewaltige Apparat erwies sich schon im Kriege als schwerfällig, und er war in den Tagen der Revolution für die aktivistU sehen Aufgaben, die nun in dem neuen Programm aufgestellt werden, unbrauchbar. Viele hochverdiente Organisatoren, deren Stolz auf die Leistung ihres Lebens verständlich und berechtigt ist. hö- fen es noch immer nicht gerne, aber die Zeiten sind zu hart, als daß wir irgendwelchen Illusionen nachhängen könnten. Die riesenhafte Apparatur der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Organisationen des Sozialismus in Deutschland hat hervorragende Verwal- tungsmänner, besorgte, treue Sachwalter der Volksrechte, hochgebildete Volkserzieher und viele, viele warmherzige und lebensgläubige Menschenfreunde geschult. Bei einem friedlichen kultivierten Aufstieg zu sozialistischen Gemeinschaftsformen würde die�e Elite des Arbeitsvolkes die wirtschaftlichen und sittlichen Werte des deutschen Volkes in wundervoller Weise bereichert haben. In den Blutströmen eines kriegerischen und revolutionärcnZeitalters ohnegleichen mußten diese Organisationen und ihre führenden Menschen aus ihrem Wesen versagen. Die rein demokratische und nur pazifistische Betätigung der deutschen Arbeiterbewegung hielt sich von der realen Einschätzung und dem Gebrauch der Waffengewalt, die sowohl Marx wie Lassalte in ihrer Geschichtsauffas. sung bejahten, in einer wahrhaft religiösen Scheu lern. Die Erfahrung der letzten Jahre wird hier manchen zu den ehernen und heroischen Gedanken des Marxismus zurückgeführt haben. Nur aus solcher Umkehr können dem militanten Sozialismus, der nun seine größte geschichtliche Aufgabe antritt die politischen, ökonomischen und soldatischen Energien erwachsen, die zum Durchkämpfen und Behaupten einer neuen Gesellschaftsordnung gegen eine Welt von inneren und äußeren Feinden notwendig sind. Die programmatische Erklärung der deutschen Sozialdemokratie schließt mit dem Ruf:„Es lebe die Internationale!" Möge die Internationale zu internationaler Kampfkraft für die sozialistische Weltgestaltung emporwachsen. Die Ehrlichkeit aber und die politische Klarheit gebietet hinzuzusetzen, daß die sozialistischen internationalen von einer wirklichen internationalen Schlagkraft weit entfernt sind. Die deutsche Sozialdemokratie hat jedenfalls zunächst und zuerst zum deutschen Volke zu sprechen. Unsere politische Wissenschaft hat zuerst und zunächst die deutschen Verhältnisse zu erforschen und unser litischer Wille hat den deutschen Menschen zum Aufstand zu schulen. Unsere Ziele, unsere Kampfmittel, unsere Sprache müssen das geknechtete Deutsch land wachrufen. Jeder ist uns willkom men, der die faschistische Diktatur stürzen und mit uns ein sozialistisch organisiertes und regiertes Deutschland aufrichten will. Unser Kampfruf ist: Es lebe die deutsche sozialistische Revolution! Glaubt an Hitler und ihr werdet glücklich werden Gauleiter Streicher sprach zu Uber SO.OOO Volksgenossen aller schaffenden Stände Das Frankenland war früher einmal ein Land mit hoher geistiger und politischer Kultur. Es hat im Reichstag Vertreter gehabt wie unseren Hermann Müller, Wilhelm Kahl, den großen Juristen, und den geistreichen Prälaten Leicht. Heute wird es von dem antisemitischen Agitator Julius Streicher terroristisch beherrscht In welchem Geist das neue Regiment geübt wird, zeigen die folgenden Zitate aus Streichers Organ, der„Fränkischen Tageszeitung"— zufällige Stichproben aus den letzten Wochen. Die Theorie. „Wer sind diese Lügenhunde, die bellend und geifernd tollwütig die Länder durchlaufen und allüberall verwunden, verletzen und To- deskeime verbreiten? Wo sind die Lügner, Verleumder und Ehrabschneider? Die Schlangen, die schleichend und schlängelnd und schielend heimtückisch warten, um zur rechten Zeit zuzupacken und Gift einfließen zu lassen? Bei uns sind diese Familien-, Gemeinde- und Volks- verderber erkannt und jeder kleine Hitlerjunge deutet treffsicher dorthin, wo sie als mauschelnde Gestalten sich bewegen; Ewig betrügendes verlogenes Juda!" Ein Fall ans der Praxis. Am Sonntag, 14. Januar, ereignete sich in der Ansbacher Straße in Neustadt a. d. A. folgendes: Der Jude Lehmann mit Frau und Tochter bewegte sich stadtauswärts. Obwohl dort der Gehsteig sehr breit ist, füllten die drei Genannten ihn frech und herausfordernd voll aus. Da war es natürlich, daß der nachkommende SS-Mann Stahl den Juden im Ueberholen streifen mußte. Kaum war der Abstand 15 bis 20 Schritte, so rief der Jude: „Sie LOmmel, ich zeige Sie an!" Begreiflich, daß der SS-Mann kehrt machte und auf den Juden zusprang. Dieser ergriff sofort die Flucht und leider gelang sie ihm, denn Frau und Tochter Lehmann stellten sich in den Weg und Lehmann selbst konnte verschwinden. Die Frechheit des Juden kommt erst voll Ins Licht, wenn man erfährt, daß der SS-Mann in der Uniform eines SS-Scharföhrers ging und daß er seit 1922 Mitglied der NSDAP ist— Hoffentlich findet sich ein Gericht das dem Juden in der deutlichsten Weise beibringt, daß man einen alten Träger der Bewegung nicht ungestraft beleidigen kann! Das Volk In Neustadt ist über diese schamlose Handlung des Vorstehers und Vorbetera der Kultusgemeinde empört und fordert dringend: ..Dachau fßr diesen Judenbengel!" Sollte diese unverschämte Beleidigung nicht gesühnt werden, wird das Volk sicher eines Tages handeln. Heiraten Ist nicht! Kaufhaus„Weißer Turm"--- alias Tletz-Levi! Ein Kapitel fflr»ich... In diesen Tagen mußten in der Spielwarenabteilung dieses Judenladens Kartenbehälter beschlagnahmt werden, die die alten Systemfarben unseligen Angedenkens„Schwarz-rotgelb" stolz zur Schau trugen. Einkäufer und ver-atwortlicher Leiter der betreffenden Abteilung ist der Jude Kurt L ö w e n b e r g, der sich im übrigen auch damit brüstet, daß er heute noch mit einem deutschen Mädchen ginge und dasselbe auch heiraten würde. Schade, daß wir das ehrvergessene Geschöpf nicht kennen. Im übrigen: Heiraten ist nicht! Denn gegen Rassenschande gibt es ja nun Gott sei Dank ein Gesetz. „Wie Hitler sieht er aus— welch ein Idiot r Wir erhalten folgende Zuschrift eines Parteigenossen aus Eibach: „Wiederholt habe ich die Beobachtung gemacht, daß verschiedene Zeitgenossen die Geschmacklosigkeit, besitzen, Aeußeriichkei- ten, die mit denen unseres Führer» und Kanzlers Adolf Hitler etwas übereinstimmen, besonders auszunützen, um die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich zu lenken und von sich reden machen wollen:„Wie Hitler sieht er aus!" Wenn man sich derartige Leute aber genauer ansieht, so bekommt man also gleich einen Einblick in Ihr Gehirn, und dann muß man sagen:„Welch ein Idiot!" Unser Pg. meint, ob es nicht möglich sei, gegen solchen Unfug einzuschreiten? Wir glauben, daß das nicht notwendig ist. Denn: Was soll man schon gegen Idioten unternehmen? Warum Dekan Jäger Ins Konzentrationslager kam. Nürnberg. Die Gebietsführung der HJ Franken-Ostmark teilt mit: „Am 10. 12. 1933 fand in Wunsiedel eine Kundgebung der Hitlerjugend statt, wobei auf dem Marktplatz ein riesiges Transparent mit der Aufschrift„Jugend»oll von Jugend geführt werden!" aufgestellt war. Am nächsten Tag äußerte Herr Dekan Jäger im Religionsunterricht der 5. Klasse der Realschule Wunsiedel: Jugend soll von Jugend geführt werden, das ist ein S c h m a r r n. wir haben e» eben im Lehrerzimmer besprochen! > Weiß Herr Dekan Jäger nicht, daß unser oberster Führer Adolf Hitler selbst geäußert hat: Jugend soll von Jugend geführt werden! und daß er damit unseren Führer beleidigt hat? Herr Dekan Jäger scheint überhaupt kein Freund der Hitlerjugend zu sein, denn als seine Konfirmanden im Konfirmandenunterricht mit dem Deutschen Gruß grüßten, äußerte er; Ihr seid Konfirmanden und grüßt künftig mit „Grüß Gott!" Wir verwerfen den Gruß„Grüß Gott!" durchaus nicht, aber den Deutschen Gruß zu verbieten, ist ein starkes Stück. Wie wir soeben erfahren, ist der Dekan Jäger in Schutzhaft genommen worden." Leipzig beschwert sich. Neben der„Fränkischen Tageszeitung", der sämtliche oben wiedergegebenen Zitate entstammen, gibt Streicher auch noch den berflehtigten„Stfirmer" heraus, der in jeder Woche mit neuen Lügen zur Judenhetze auffordert Ein Aufsatz seiner ersten Nummer im neuen Jahr, der (sich mit dem Leipziger Pelzhandel beschäftigte, erregte in Leipzig Entsetzen, weil man als Ergebnis eine neue geschäftliche Schädigung der Stadt befürchtete. Ein erregter Protest des Oberbürgermeisters G ö r d e 1 e r hatte die Wirkung, daß die beanstandete Nummer aus dem Handel gezogen wurde. Aber, soweit das Geschäft nicht dadurch gestört wird, geht die Pogromhetze weiter. Maikowski Deutschland im Zeichen des Mordsturms 33. In den ersten Februartagen des Jahres 1933 wurde In Berlin-Charlotlenburg der Führer einer der berüchtigsten nationalsozialistischen Mord- und Terrorkolonnen, des sogenannten Mordsturms 33 erschossen. Dieser Mann— Maikowski— war ein berüchtigtes Subjekt. Seine Bande war zu Terrorakten in verschiedenen Landesteilen verwendet worden. Maikowski hatte Neigung zum Meutern gezeigt, er hatte Feinde in seiner Bande, die ihn auf den Tod haßten. Als diese Bande im Siegesrausch in einer Arbeiferstraße einen Feuerflberfall auf Kommunisten übernahm, wurde er aus den eigenen Reihen erschossen, neben ihm ein Polizeibeamter. Die Propaganda der Hitlerregierung bemächtigte sich dieses Falles. Sie beschuldigte die Kommunisten des Mordes an Maikowski. Sie bemächtigte sich der Leichen und veranstaltete für beide ein feierliches Staatsbegräbnis vom Berliner Dom aus, in der ganz offenkundigen Absicht, den Massenrausch aufrecht zu erhalten. Mit barbarisch-militärischem Gepränge in der Kirche und blutrünstigen Reden wurden die Leichen zu Grabe getragen. Dies Staatsbegräbnis war von symbolischer Bedeutung; d i e Terrorbanden wurden damit legalisiert, das Staatsinteresse mit ihren Interessen gleichgestellt, über ihre blutigen Taten die Hülle der Staatsraison gezogen. Von den Stufen des Berliner Doms verkündete der Rundfunksprecher: „H a, j e t z t kommt er, der g e- fürchtete Mordsturm 33...." Damit wurde die wilde"terroristische Lust und der Haß weiter aufgepeitscht. Ende Januar 1934 standen 53 Kommunisten in Berlin vor Gericht unter der Anklage, Maikowski erschossen zu haben- Der Staatsanwalt bedauerte, daß er nicht 53 Todesurteile beantragen könnte. Wäre der Mord eine halbe Stunde später erfolgt, so wäre es ihm möglich gewesen! Das Gericht verhängte über die Angeklagten insgesamt 38 Jahre Zuchthaus und 95 Jahre Gefängnis. Diese drakonischen Strafen genügten den im Zuschauerraum anwesenden Mordgesellen vom Sturm 33 nicht Es kam zu wilden Szenen. Zum zweiten Mal wurde der Fall Maikowski zum Symbol. Die SA-Leute schrien den Gerichtsvorsitzenden nieder, weil er kein Todesurteil verkündete. Sie wollten Köpf« haben. Inmitten wildester Szenen wurde die Sitzung des Gerichts um ein« Stunde vertagt Die SA-Leute schickten einen Protest an das Preußische Justizministerium, das seinen Staatssekretär Freisler in den Gerichtssaal entsandte. Unter völliger Mißachtung des Gerichts sprach Freisler zu den braunen Banden: „Kameraden! Wir haben Schulter an Schulter zehn Jahre hindurch gekämpft wir können offen sprechen. Wir bauen einen nationalsozia* listischen Staat auf, aber das Ziel ist noch nicht vollständig erreicht Deshalb wollen wir das Urteil anhören, das dieser Gerichtshof de» nationalsozialistischen Staates gefällt hat Was wir über die» Urtel' zu tagen haben, wird von denen ausgesprochen werden, die das Vertrauen unsere» Führers genießen. Dieser Fall wird von de"1 Minister sehr sorgfältig geprüft werden und auf Grund seiner Entscheidung werden kB"'* tige Schritte ergriffen werden." Das ist ein Versprechen, daß gemof* det werden soll auch ohne Urteil! Def berüchtigte Mordsturm 33 pfeift auf das Gericht auf Kommando des Mordsturms pfeift das Justizministerium auf das Urteil Die Richter schlottern. Deutsch« Justiz im Zeichen Maikowski s* Der Mord, da Sakrileg, der Rechts- Jruch und wieder der Mord! Dieser„ße* fürchtete Mordsturm 33"— das ist der innerste Kern und das Wesen des Hitlerregimes! Nr. 34 BEILAGE l�uarTJürafirfs 4. Februar 1934 Qtisl ukd BtwtfUM l/öft ftUac ItUnpcc Vorwort zu einer Programmdebatte »Es ist unmöglich, von den herrschenden kulturellen Ideen des Nationalsozialismus zu sprechen. Sie existieren nicht Einige After-Ideologien Indes, die im Müllhaufen der europäischen Zivilisation lagerten, unten Im letzten Kehricht der europäischen HintertrepppenUteratur, scheinen eine gewisse klebrige Beständigkeit In den Gehirnen der Kulturpropheten des Dritten Reiches zu haben."(Hermann Kesten. Der Preis der Freiheit Die Sammlung, Heft 5.) Die Leitgedanken über die Politik einer neuen revolutionären sozialdemokratischen Partei, die der Sozialdemokratische Parteivorstand veröffentlfcht hat, werden wahrscheinlich eine umfangreiche Diskussion hervorrufen. Sie zeichnen in großen Linien die Aufsahen und die Möglichkeiten der Arbeiterbewegung, aber sie sagen nur wenig über die Notwendigkeit des geistigen Kampfes gegen den Faschismus. Es gehört zur besten Tradition der deutschen Sozialdemokratie, daß ihre Theorie sich auf der Höhe des wissenschaftlichen Denkens bewegt Von einer Theorie des Nationalsozialismus zu sprechen, ist Verlegenheit, ihm kulturelle Ideen zuzuschreiben, ein Verbrechen an der Kultur. Es genügt nicht dies zu verbünden, es muß auch bewiesen werden, und die Beweisführung muß zum fäglichen Kampf gegen die Wahn- jdeen des Nationalsozialismus werden. Denn diese Wahnideen sind wirksam, sie haften nicht nur in den Gehirnen der Kulturprophcten vom Range eines Alfred Rosenberg, sondern sie vernebeln die Köpfe breiter Schichten dos deutschen voIkes! Diese Köpfe enthalten ohnehin Sionug Schutt und Wust. Der Wahnglaube yon heute ist die Wiederholung des Wahnglaubens von gestern und so kön- nen die Propheten des herrschenden Rehmes große geschichtliche Ideen fhren Anhängern in der greulichsten Vcrfäl- schung und Verzerrung zeigen. Einer Masse gegenüber, die niemals die sozfa- hstische Gedankenwelt begriffen hat, können sie behaupten, daß Marxismus und Kapitalismus Bundesgenossen, ein und dasselbe seien. Wer das kann, vermag auch die Vergewaltigung der Menschenwürde und der Freiheit die barbarischen �reuel des Dritten Reiches als Verwirk- 'cnung der Ideen von Kant Fichte und Schiller zu bezeichnen. Diese greuliche Perversion des Den- kons ist nicht neu— sie ist durch den Politischen Sieg der Mitte I- jChichten lediglich enthüllt worden. " diesen Schichten ist der nationali- .''sche Rasse- und Machtwahn I,?"ler lebendig gewesen. Auf sie hat die �'deutsche und die antisemitische Litera- Ur vor dem Kriege gewirkt und hat trotz °er Niederlage im Kriege nicht zu wirken ufgehört. Die Literatur der Kriegshetzer, er völkischen Narren und der Anti- ermten hat immer gelebt wie die chundliteratur— unter der Decke, ver- «Cj von a"en Menschen mit Verstand � Stilgefühl, aber In ungeahnter Ver- g Wir dürfen diesen Durchbruch des arbarismus nicht mit starrem Entsetzen In rf160, wir müssen dagegen ankämpfen. der deutschen Arbeiterbewegung hat ch vor Hitlers Machtergreifung eine Ab- £5 vom Denken gezeigt eine Gering- vnatzung ideeller Werte. Der Kampf ist lifl?Vie8:end in