\Tp. 3o SOWTAG. 11. Februar 1934 Aus dem Inhalt; Das System ist feige Erwerbslose unter der Peitsche Die Nazi-Intelligenz hungert Aus der Tätigkeit eines Sonder- geridits Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"«— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Das Hilfswerk vom 30. Januar- Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit Die Hilfe für den Mittelstand Im Laufe des Winters sind nacheinander alle Propagandaliisen des Regimes zusammen- gebrochen. Am 30. Januar, dem Jahrestag der Machtübernahme Hitlers, hat das Regime noch einmal einen großen Propagandafeidzug mit der sogenannten sozialen Hilisgemeinscbah veranstaltet. Es steht nun fest, daß auch dieser letzte Propagandafeidzug Schwindel war. Wir sind In der Lage, an der Hand von authentischen Berichten aus Deutschland den Zu- eammenbructa der nationalsozialistischen Propagandalügen festzustellen. Die sozialeHilf sgemeinsdiaf t Am 30. Januar erließ Göbbels einen Aufruf der Reichsregierung, in dem eine„grandiose Demonstration der sozialen Hilfsgemeinschaft" •BJekündigt wurde. Darin hieß es: „Es gelangen ohne Anrechnung auf die sonstigen Unterstützungsleistungen an die Bedürftigen zur Verteilung; 15 Millionen Le- hensmittelgutscheinc im Werte von je einer Mark. Der Bedürftige erhält für sich und 'ür fedes seinem Haushalt zugehörige bedürftige Familienmitglied nach Maßgabe obi- 2er Menge je einen Lebensmittelgutschcin." Es mußte also angenommen werden, daß Ehepaar zwei, ein Ehepaar mit Kindern soviel Lebensmittelgutschein« erhalten würde, a's Familienangehörige vorhanden sind. In Wahrheit wurde— wie uns aus Sachsen nhtgeteilt wird, die Verteilung nach folgendem �hlüsscl vorgenommen: ein alleinstehender bedürftiger einen Schein, ein Ehepaar einen Schein statt zwei, ein Ehepaar mit einem Kind zwei Scheine s t a 1 1 d r e i, ein Ehc- Pear mit zwei Kindern zwei Scheine, statt vier, ein Ehepaar mit drei Kindern �ei Scheine statt fünf. Die Amtsstellen, die die Scheine ausgaben, J-fwlderfen auf alle Beschwerden nur, daß f'e Nachrichten in den Zeitungen nicht richtig gewesen wären. Die hilisbedürltige Bevölkerung Ut demnach durch den Aufruf von Röbbels glatt betrogen worden! Aehnlich betrügerisch ist die Propaganda '"'i der Winterhilfe. Dazu erfahren wir #Us Chemnitz: �or etnem Verteilungslokal in Chemnitz- Schloß stand eine große Anzahl von Männern "nd Frauen mit Bedarfsscheinen Schlange. Die Scheine für die Männer berechneten ausschließlich zum Empfang von Bcklei- öungsstOcken. Bevor die Verteilung vor sich ging, erschien ein Amtswalter und erklärte, daß es Männerbekleidungsstücke nicht gäbe. Als in der Menge Unruhe entstand, kamen acht SA-Leute und machten die Leibriemen los zum Einschlagen! Die verlorene Arbeitssdiladit Man hört nichts mehr davon, daß es in großen deutschen Gebieten keine Arbeitslosen mehr gäbe. Die erlogenen Meldungen der gleichgeschalteten Presse darüber haben bei manchem Arbeitslosen Illusionen geweckt Es haben Wanderungen von Erwerbslosen nach den Gebieten eingesetzt, in denen angeblich keine Arbeitslosigkeit mehr herrscht. Im Arbeitsamt Chemnitz wird jetzt eine amtliche Warnung an die Arbeitslosen erlassen, nicht in die arbeitslosenfreien Gebiete zu reisen. Wer zur Arbeitssuche in diese Gebiete reise, laufe Gefahr, in große Not zu geraten. Ueber die wahre Lage auf dem Arbeitsmarkt unterrichten die folgenden Mitteilungen aus dem Chemnitzer Wirtschaftsgebiet: Es werden aus allen Orten neue Entlassungen und Kurzarbeit gemeldet. Die große Metallilrma R i e m a n n in Chemnitz, die im Herbst 160 Mann eingestellt hat, hat die Eingestellten wieder entlassen mit der Begründung, daß die Firma ihren guten Willen bewiesen habe. Eine Notwendigkeit zur Einstellung neuer Arbeitskräfte habe an sich nicht bestanden, mehr könne von ihr billigerweise nicht verlangt werden. Es werde nur noch vier Tage gearbeitet. Wenn sich der Geschäftsgang nicht bald bessere, müsse mit weiteren Entlassungen gerechnet werden. Größere Entlassungen fanden statt in der Karbidlampenfabrik Nücke(-Chemnitz. Die Textllfabrlk Bö ritz, Chemnitz, arbeitet seit Neujahr nur noch drei Tage wöchentlich, die Firma K o h r o n nur noch In einer SchlcAt, während bis Weihnachten in zwei Schichten gearbeitet worden Ist. Die Trikotagenfabrik Männer& Horn bat fast Ihre ganzen Auslandsaufträge eingebüßt. Sie hat nur noch SA- Aufträge. Nach ihrer Fertigstellung werden größere Entlassungen stattlinden. Die Kunst- seidenlabrlk A 1 1 m a n n In Crottendorf hat alle verheirateten Frauen, die Im Herbst wieder eingestellt worden waren, entlassen, Neueinstellungen nicht vorgenommen. Die Nachtschicht Ist ausgefallen. Die Textllwarenlabrlk Hobensteln-Ernstthal ist zur Kurzarbelt übergegangen. Die Löhne sind erbärmlich. In der zweiten Januarwoche ging ein verheirateter Mann mit zwei Kindern aus der Kunstseideoiabrik Altmann mit einem Nettoverdienst von 1 2.6 0 Mark nach Hause. In Hohenstein- Ernstthal sind Wochenverdienste von 10 Mark die Regel. Wohlfabrtsempfänger, die Arbeit erhalten, stehen, wenn sie Familie und Kinder haben, schlechter als beim Wohl- fahrtsunterstützungsbezug. Der Betrug am Mittelstand Der Mittelstand hat von den mit großen Propagandamitteln verkündeten Ankurbelungsmaßnahmen, u. a. auch von dem Hillswerk vom 30. Januar, Hille für sich erwartet Er ist um seine Hoffnungen betrogen. Aus allen Teilen von Sachsen erfahren wir, daß der Versuch gemacht worden ist, die Kosten dieses Hilfswerkes auf den Mittelstand zu öberwäl- zen. In ganz Sachsen sind Beauftragte der SA von Lebensmiltelbändler zu Lebensmittel- bändler gegangen und haben Ihnen nahegelegt, die Lebensmittelscbeine nicht zur Einlösung vorzulegen, sondern die darauf verausgabten Waren zu spenden. Gegenüber den Händlern, die Gutscheine zur Einlösung vorgelegt haben, ist eine andere Methode angewendet worden. Die Finanzämter haben ihnen zunächst die rückständigen Steuern in Abzug gebracht, die restlichen Beträge aber nicht ausgezahlt, weil dafür keine flüssigen Mittel vorhanden sind. Aehnlich steht es mit den Zuwendungen für Hausreparaturen. Bekanntlich sollen vom Reich 40 Prozent der Gesamtkosten übernommen werden. Die Gemeindekassen können nicht auszahlen, weil das Reich keine Mittel überwiesen hat, die Hausbesitzer bezahlen unter Berufung darauf die Handwerker nicht für die geleisteten Arbeiten, und die Handwerker sind die Leidtragenden. In den„Leipziger Neuesten Nachrichten" erschien die folgende Wirtschaftsnotiz;„Das Handwerk hat beobachtet, daß die Auswirkungen der Bedarfsdeckungsscheine, die als Ehe- standsbefhilfen ausgegeben werden, für das Handwerk nicht den erwarteten günstigen Erfolg gezeitigt hat" Auf allen Gebieten sind die Propaganda- lügen des Dritten Reiches zusammengebrochen. Die Wirtschaftskrise nimmt kein Ende, Erwerbslosigkeit und Hanger werden Immer größer! Arbeitshaus! s Geschick der Erwerbslosen. 'st still geworden von der„Ar- nlacht". Die Zahl der Erwerbs- •teigt. Aber wehe dem Erwerbs- der die Wahrheit über sein Ge- zu sagen wagt! Während die ,e Statistik das Anwachsen der «losigkeit selbst zugibt, wirft die "£e Justiz des Dritten Reiches fer der Arbeitslosigkeit ins G e- n' s, wenn sie ihr Leid hinaus- n. 5 Breslauer Sonderge- „hat einen 53 Jahre alten erwerbs- �chlosser zu fünf Monaten n.«rnls verurteilt, well er die eit gesagt hat. Der Erwerbslose 53 Jahren ist er gänzlich hoff- — zog umher und bettelte. ' das Los aller, die keinerlei Un- �ng mehr erhalten, weil die Sta- i vr0n ihnen gesäubert werden In dem schlesischen Ort K a n t Ii dim in einem Nazigasthaus entgegengehalten; Es gib! fiberall Arbeit, es gibt keine Arbeitslosigkeit mehr, wer Arbeit sucht, der findet sie — da schrie er die Wahrheit hinaus: Schwindel Ist alles, was die gleichgeschalteten Zeitungen schreiben! Ueberau suche ich Arbelt, aber umsonst! Ich kann keine Arbelt finden. Ostpreußen sollte von Arbeltslosen frei sein— alles Schwindel! AU ich in Sachsen war. hieß es, Breslau sei von Arbeltslosen frei; Ich habe mich auf den Weg gemacht, das Ist alles Schwindel! Für diese unbestreitbaren Wahrheiten soll er auf fünf Monate ins Gefängnis wandern, und die richterlichen Verfolger der Wahrheit diktierten ihm außerdem— o blutiger Hohn!— Ueberweisung ins Arbeitshaus zu. Das Ist eine Antwort, die des heutigen Systems würdig Ist? Als der Kapitalismus in seinen Anfängen das menschliche Rohmaterial verwüstete, als ausgemergelte Arbeiter unter längster Arbeitszelt seufzten, während ein Heer von Arbeitslosen hungerte, war seine Antwort auf jeden Aufschrei der Gepei- system kopiert diese Methoden: Die Heuchelei, die Lüge und die Brutalität gegen den Aufschrei der gepeinigten Kreatur, Sturz des kapitalistischen Systems— es gibt keine andere Wahl gegenüber diesen Zuständen! Wieder ein Opfer! In Langwaldersdorf. Kreis Waldenburg, hat sich der Genosse Lehrer Gerberic b erhängt Er hinterläßt Frau und zwei Kinder. Der Genosse war In seiner Gemeinde ehrenamtlich Gemeindevorsteber zur vollsten Zufriedenheit der gesamten Bevölkerung. Im Zuge des„Aufbruchs der Nation" wurde er als Lehrer ohne jede Pension entlassen. 60 Prozent der Bevölkerung verlangten damals In einer Eingabe seine Wiedereinstellung. Die Folge war eine die ganzen Monate anhaltende Hetze gegen den in der Bevölkerung gern gesehenen Mann. Dieser Hetze Ist der 37Jährige nun erlegen. Bei der Beerdigung waren Genossen aus nah und lern zugegen. „Feuerbrand des Aulruhps" Es brennt In Wien und In Paris Hitler nimmt für sich das Verdienst in Anspruch. Europa vor dem„Feuerbrand des Aufruhrs", des kommunistischen Aufruhrs, gerettet zu haben. Inzwischen erhebt die Regierung Dollfuß vor der ganzen Welt gegen Hitler Anklage, weil er mit jedem Tag aufs neue den Feuerbrand des Aufruhrs nach Oesterreich wirft. In Paris aber schlägt die Flamme des Aufruhrs hoch— nicht des kommunistischen, sondern des reaktionär-faschistischen. Siegen die Geistesverwandten Hitlers in Paris oder in Wien, so versinkt Europa noch einmal in Blut und Brand. « Vom nationalen Standpunkt betrachtet, ist der Gang Oesterreichs zum Völkerbund eine Schande," Deutsche suchen bei Franzosen und Engländern, bei Italienern und Polen vor anderen Deutschen Schutz. Dies erreicht zu haben, ist das Verdienst Hitlers und seiner Leute. Bevor sie ans Ruder kamen, gab es zwischen den beiden deutschen Staaten keinen Streit, 999 von 1000 Oesterreichern wünschten nichts anderes als die möglichst rasche Vereinigung mit dem Mutterlande. Hitler hat es zuwege gebracht, daß die Mehrheit des österreichischen Volkes jeden Gedanken an„Gleichschaltung" verabscheut Ganz ähnliches entwickelt sich zurzeit übrigens auch im S a a r g e b i e t Die Bevölkerung, für die vordem die Rückkehr zu Deutschland eine Selbstverständlichkeit war, neigt mit jedem Tage mehr dazu, das gegenwärtige Regiment einer Besetzung durch SA und SS vorzuziehen. Im Osten wie im Westen ist Hitler drauf und dran, Großdeutschland zu verspielen. Der Gang nach Genf kann natürlich nicht mehr als eine Demonstration sein. Er wäre nicht notwendig, wenn sich Herr Dollfuß nicht den viel kürzeren Weg nach der Rechten Wienzeile— dem Wiener sozialdemokratischen Parteihaus— verbaut hätte. Der Völkerbund ist in seinem heutigen Zustand keine Instanz, die Entschlüsse faßt und sie ausführt, sondern nur noch eine Anschlagsäule, an der man seine Beschwerden plakatieren kann. Aber Völkerbund hm, Völkerbund her— in der Ablehnung der nationalsozialistischen Politik Oesterreich gegenüber besteht zwischen Italien, Frankreich und England weitgehende Uebereinstimmung. Jene Politik hat nicht nur die Mehrheit des österreichischen Volkes gegen sich, sondern ganz Europa. Jeder Versuch, die An- schließung Oesterreichs an Deutschland gewaltsam herbeizuführen, müßte mit einer Niederlage enden. Günstiger scheint zunächst die Lage Hitlerdeutschlands in der Rflstungs- f r a g e. Hier hat sich gezeigt, daß der Vertrag von Versailles, soweit er diese Frage behandelt, tatsächlich nur noch ein Fetzen Papier ist Niemand wagt, an ihn überhaupt noch zu erinnern, geschweige denn für seine strikte Einhaltung einzutreten. Vergleicht man die Rüstungsmemoranden, die der Monat Januar gebracht hat, so ergibt sich ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Deutschland und Frankreich. Zwischen beide schieben sich England und Italien mit eigenen Vorschlägen, die wiederum erhebliche Unterschiede aufweisen, die aber beide als Vermittlungsvorschläge aufgefaßt werden wollen. Bemerkenswert ist, daß das Blatt der englischen Arbeiterpartei, der„Daily Herald" unbeschadet seiner sonstigen scharfen Gegnerschaft gegen die Regierung Macdonalds lebhaft für den engli- sehen Vorschlag eintritt und den Franzosen seine Annahme empfiehlt, während der Pariser„P o p u 1 a 1 r e" den englischen Vorschlag als einen faktischen Aufrüstungsvorschlag verwirft und der Brüsseler..PeupJe' in der Ablehnung Londons noch weitergeht und die Verhinderung der deutschen Wiederaufrüstung fordert Wenn also schon innerhalb der Internationale Meinungsverschiedenheiten sichtbar werden, so ist an eine gemeinsame Haltung der Regierungen in der Abrüstungsfrage erst recht nicht zu denken. Es ist klar, daß Hitlerdeutschland aus dieser Uuenigkeit ebenso Vorteil zieht, wie ihm die innere Unruhe Frankreichs zunächst zugute kommen muß. das Sysim ist Qeife Vierfacher Meuchelmord! an Gefangenen Die Regierung D a 1 a d i e r hat in den ersten Tagen ihres Bestandes eine starke Schwenkung von rechts nach links vollzogen. Die Reaktionäre, die Krisen wollen, weil sie sich von ihnen den Zusammenbruch des Regimes versprechen, ließen sich nicht milder stimmen. Also mußte die Linke gewonnen werden, und deshalb wurde• der Polizeipräfekt Chiappe entlassen. Es war keine Tat der überzeugten Entschlossenheit, sondern nur eine der Furcht vor der parlamentarischen Niederlage. Als Daladier sein Amt antrat, schreckte er vor der Beseitigung Chiappes zurück. Der Mann war ihm zu stark. Er hatte zuviel Rückhalt beim Besitzbürgertum. Er war wahrscheinlich weniger in die Sta visky-Atfäre verwickelt als mancher an dere Beamte. Aber es war klar, daß sich die Straßendemonstrationen gegen die Regierang Chautemps dank seiner wohlwollenden Duldung hatten entwickeln können, and die Linke forderte seinen Kopf. Zu ihrem Wortführer im Kabinett machte sich der Innenminister Prot, ein zuverlässiger und energischer Radikaler, der schon ■m Tage seines Amtsantritts dem Poltzei- präfekten erklärt hatte, er werde ihn verantwortlich machen, wenn es zu neuen -Stiaßenkundgebungen komme. Prot stellte schbeßlich die Kabinettsfrage, und nun stand der Ministerpräsident vor der Frage, ob er sich von ihm oder von den Freunden Chiappes, dem Kriegsminister, dem Finanzminister und dem Unterstaatssekretär hn Unterrichtsministerium trennen sollte. Da Frots Rücktritt die parlamentarische Niederlage zur absolut sicheren Folge gehabt hätte, ließ er nach einigem Zögern die„Gemäßigten" und ihren Günstling fallen, und mehr als das, er mußte sich entschließen, den eben entlassenen Paul-Boncour, mit dem ihn keinerlei Sympathien verbinden, zum Kriegsmüni- ster zu machen. Mehr von den Ereignissen als vom eigenen Willen getrieben, hat dann Daladier der Reaktion auf der Straße eine blutige Niederlage bereitet, während ihn zu gleicher Zelt Im Parlament die Linke gegen die Rechte schützte. Inzwischen ist auch Daladiers Kabinett im Sturm zusammengebrochen. Der Kurs geht welter nach rechts, die Waage schwankt heftig. Gelingt es der Reaktion, die Macht zu erobern, so wird es vielleicht in Paris, aber bestimmt nicht in Europa ruhiger werden. Durch den Sieg des Faschismus in Deutschland ist kein Feuerbrand erstickt, sondern ein neuer Feuerbrand in die Welt geworfen worden. Er hat die Welt nicht gerettet, die Welt und Deutschland vor ihm zu retten, das ist die Aufgabe, die sich stellt! Das System Hitler-Göring ist feige. Es läßt morden und foltern— aber es f ü r c h t e t s i c h. Es hat sich vor Dimi- tioff gefürchtet, mitten im Gerichtssaal Es wagt sich nicht öffentlich an Köpfe. die man in der Welt kennt Es fällt sie von hinten an. Es läßt sie im geheimen foltern und abschlachten. Es steht nicht zu seinen Greueltaten. Das System Hitler-Göring versucht, seine Verbrechen mit Rechtsformen zu maskieren— so im Reichstagsprozeß— aber wenn die Maskerade mißlingt greift es zum niederträchtigen, meuchlerischen Mord. Das System fürchtet die Mörder. die es in die Macht getragen haben, darum sucht es sie mit Blut bei guter Stimmung zu erhalten. Leipzig war eine furchtbare Niederlage. Der Kopf von Lübbe war eine ungenügende Abschlagszahlung auf die Köpfe von Dimitroff und Torgier. Die Mordgesellen drängen. Sie rebellierten im Maikowski-Prozeß. Sie wollen Blut sehen— Blut! Eine neue Niederlage droht— der Hochverratsprozeß gegen Thäl- mann und kommunistische Zentralmitglleder. Der Prozeß ist schon zusammengebrochen, der Gang des Leipziger Prozesses hat die Lügen der Göring und Konsorten für den kommenden Prozeß zerfetzt Die Zeugen der Anklage im Leipziger Prozeß, die meineidigen Schurken, die vorbestraften Verbrecher, die Ueber- länfer aus Furcht oder innerer Gemeinheit, diese echten Stützen der Diktatur. haben die schändliche Rolle der Justizkomödien des Dritten Reiches enthüllt. Ein Kronzeuge sollte in dem angekündigten Prozeß Göring die Köpfe von Thälmann und anderen verschaffen, ein früherer leitender Funktionär der KPD und Vertrauensmann Thälmanns, der Tischler Kattner aus Potsdam. Dieser Spitzel ist erschossen worden- Mit oder ohne diesen Spitzel— auch die tollste Justizkomödie vor dem Reichsgericht hätte nicht die von den Mordgehiffen stürmisch geforderte Ernte an Köpfen erbracht. Aber sie fordern Blut— Blut! Darum sind vier führende Funktionäre der KPD, Mitglieder des Zentralkomitees und Bezirksleiter, die sich seit langem in Haft befinden, und in den Hochverratsprozeß verwickelt sind, ermordet worden! Die Kommunisten John Schee r, Steinfurth, Eugen Schönhaar und Rudolf Schwarz sind aus der Haft nach Potsdam transportiert worden, um dort„über die Vorbereitung des Fememordes an Kattner Auskunft zu geben". Sie haben wahrscheinlich den Fememord-- in der Haft vorbereitet! Unterwegs sind sie„auf der Flucht erschossen" worden! Es war ein kaltblütig befohlener, kaltblütig ausgeführter Mord! Das System Hitler-Göring hat das Urteil in dem kommenden Hochverratsprozeß vorweggenommen und vollstrecken lassen. Was geschehen ist. geschah nach Görings Rezept Als ihn im Reichstagsprozeß innere Furcht packte, kreischte er Dimitroff an:„Sie Gauner werden noch Angst vor mir lernen, wenn Sie aus der Macht des Gerichts In meine kommen!" Dimitroff ist nunmehr In seiner Macht — aber Göring ist feige. Er fürchtet den lebenden Dimitroff. aber er fürchtet vielleicht noch mehr einen toten Dimitroff! Die vier kommunistischen Spitzenfunktionäre waren ebenfalls in semer Macht Auf sie war die Aufmerksamkeit der Welt nicht gefallen. Sie wurden geschlachtet als Opfer für den Blutdurst seiner Spießgesellen. Aber die feige Diktatur steht nicht zu ihrer Tat! Nach außen läßt sie plumpe Lögen über Zusammenhang und Hergang verbreiten, die das Blut an ihren Händen verdecken sollen— aber ihre Lügen sind mit Absicht so durchsichtig konstruiert, daß ihre eigenen Banden erkennen kön nen:„Auf Befehl erschossen!" Wenn die Herzen und das Gewissen in der Welt müde geworden sind— mögen sie immerhin die-biutbeileckten Hände uier Mörder drücken. Die Verbrechen werden niemals vergessen werden! Die Schüsse auf den Kardinal Durch einen glflckllchen Zufall Ist der Kar- dinal-Erzbtschof Faulhaber dem Schicksal Theodor L e s s 1 n g s entgangen. Wie der Jüdische Professor der Philosophie sollte auch der katholische Kirchenfürst mit wohlgezielten Schüssen durch das Fenster erledigt werden. Die Technik war in beiden Fällen die gleiche. Gäbe es in Deutschland eine Polizei, die Mordanschläge gegen Nlchtnationalsozlalistcn aufzuklären versucht, so läge es für sie nahe. In den Mördern Lessings, die seinerzeit aus Ma- rlenbad nach Bayern flüchteten, auch die Urheber des Attentats auf Faulhaber zu vermuten. Aber selbstverständlich können die Mord- gesellcn In dem einen wie In dem anderen Falle auf den sicheren Schutz des 3. Reiches rechnen, auch wenn die Polizei im Falle Faulhaber schandenhalber eine Ergrelferprämic von 1000 Mark ausgelobt hat. Diese 1000 Mark wird sich keiner verdieneh .wollen, der kein Selbstmordkandidat ist!. Vet pUUaimot Jtu ddüen Jteitk Das Sondergericht im Kampf gegen die Wahrheit Das Breslauer Sondergericht Ist voll beschäftigt Es tagt bald in Breslau, bald in anderen Orten. Seine Hauptfunktion ist die Ausübung des Justiz-Terrors gegen die Wahrheit Es hagelt Gefängnisstrafen gegen alle, die zu kritisieren oder die Wahrheit zu sagen wagen. Hier ist ein Ausschnitt aus der Tätigkeit dieses Sondergerichts In der letzten Zeit: Der Bauarbeiter Max T i n I b e I hatte den Moskauer Sender abgehört Er hatte das Gehörte dem Schlosser Max Walter weiter- berichtet Urteil: Tlnlbel l Jahr ö Monate Gefängnis, Walter 1 Jahr 2 Monate Gefängnis. Der Schachtmeister August Dobnalek aus Habelschwerdt hatte Hitler einen österreichischen Deserteur genannt: 4 Monate Gefängnis. Frau Maria Alte aus Breslau hatte eine Denkschrift Ober'MiBhandlungsfälle aasgearbeitet Die Denkschrift wurde nicht verbreitet Allein die Ausarbeitung galt als strafbar: 2 Monate Gefängnis. Bauarbeiter Oskar Münster, ein Schwerkriegsbeschädigter, hatte sich über die Prassereien der Nazibonzen in Nürnberg aufgehalten: 6 Monate Gefängnis. Kraftwagenführer Willy Polkerts soll Hitler beleidigt haben: 6 Monate Gefängnis. Schlosser Erich Schröter aus Breslau wegen Beleidigung des Fememörders und jetzigen Polizeipräsidenten Heines: 5 Monate Gefängnis. Frau Erna Jammer aus Protsch wegen Verbreitung von„Greuelnachrichten": 1 Monat Gefängnis. Siedler Paul Weihrauch aus Protsch, ebenfalls wegen Verbreitung von„Greuelnachrichten" 2 Monate Gefängnis. Zimmermann Karl Leusebner aus Sulau für die Behauptung, daß die Nazis den Reichstag angezündet hätten: 10 Monate Gefängnis. Modelltischler Wilhelm Welt aus Peterwitz, weil er die Regierung eine Gummi- knüppelregierung genannt hat: 4 Monate und 2 Wochen Gefängnis. Aus der weiteren Tätigkeit des Breslauer Sondergerichts in Glatz berichten wir: Arbeiter Josef Netoschil aus Engers dorf soll Hitler beleidigt haben: l1/« Jahre Gefängnis. Gemeindediener Josef Nablik aus Zühlzdendorf hatte die Nachrichten über die Abschaffung der Arbeitslosigkeit ia Ostpreußen als unwahr bezeichnet: 6 Monate Gefängnis. Bergarbeiter Bruno Schobert aus Kunzendorf hatte über schwere Schlägereien zwischen SA und Stahlhelm bei der Ueber- nahme des Stahlhelmarbeitslagers in Passendorf geredet: 5 Monate und 1 Woche Gefängnis. Folgende Leistungen voUbrachle das Son- dergericht in R a 1 1 b o r: Schlosser Ernst Puls au* Ratibor hatte daran Zweifel geäußert, daß die Kommunisten Urheber des Reichstagsbrands seien und hatte auf die wahrscheinliche Schuld der Nazis hingewiesen: 1 Jahr 3 Monate Gefäng- n I s. Schuhmacher Rudolf Schäfer wegen angeblicher Beleidigung Hitlers: 10 Monate Gefängnis. Landwirt Kurt Schindler aus Kostental wegen angeblich beleidigender Aeußerun- gen gegen Ley. Göbbels, Rosenberg und Kube: 2 Monate Gefängnis. Arbeiter Viktor Korns aus Glciwitz: 1 Jahr 2 Monate Gefängnis wegen „unglaublicher Aeußerungcn gegen Hitler**. Der Vorsitzende dieses Terrorgerfchtes ist der Landgerichtsdirektor Schauwecker in Breslau. Angst top Märtyrern Der neudeutsche Religionskampf tobt In den Zoitschrifton des Dritten Reiches immer heftiger. So heißt es in den katholischen..Stimmen der Zeit"(Herder A Co., Freiburg) im Januarheft, die Gegenwart arbeite„mit stahlhartem Meisel an neuen heiligen Gestalten", Der Mensch könne beute wieder zu einem Märtyrer religiösen Suchens und Lebens werden.„zu einem Blutzeugen Gottes". Den Nazis wird es bei diesem Ruf nach christlichen Märtyrern bange; sie mühen sich, den Kampf der Pfarrer um religiöse Freiheit komisch zu finden- So schreibt Stapel in seiner Zeitschrift»Deutsches Volkstum", zweites Januarheft: „Bekenntnisse— die große theologische Mode, fn Altona an der Elbe ging es los. Seitdem wird von der Maas bis an die Me- mcl, von der Etsch bis an den Belt, wo immer sich ein Pfarrerkränzchen, eine theologische Arbeitsgemeinschaft oder dergleichen befindet, eifrig an„n e u e n B t- kenntnissen" gearbeitet... Die neuerliche Neigung, sich theologisch zu übersteigern, scheint mir nicht unbedenklich... Zehntausend Pfarrer, amtliche Propheten, durch die Gott redet, zeugen In„heiliger Freiheit" vor den Gläubigen. Sie sind aber festangestellt und pensionsberechtigt Der„Staat" sorgt für sie. Zum Unterschied von den Staatsbeamten jedoch können die Kirchenbeamten, da sie den alten Propheten„verwandt" sind, gegen den Staat auftreten wie JesaJa und Jeremias gegen ihre Könige.— Wem ein solcher Zustand nicht grotesk vorkommt, mag ihn ersehnen." Herr Stapel verschließt die Augen krampfhaft vor der Tatsache, daß evangelische Geistliche, die zu ihrer Ueberzeugung stehen, nicht nur Amt, Gehalt und Pension, sondern auch ihre körperliche Freiheit aufs Spiel setzen. Doch das gehört eben zum Geschäft der braunen Soldschreiberel, daß sie gegen jede Art anständiger Gesinnung ihre Dreckschleuder richtet. Was ist HodiTerrat? Vor kurzem schrieb die vordem zentrüm- liche„Germania" In einer Polemik mit der Wiener„Reichspost"; „Die Reichspost hebt Ja selbst nachdrücklich hervor, daß Vizekanzler Rapen auch di# Schatten erwähnt hat, die das Bild des augenblicklichen Zustandes im Dritten Reich noch aufweist Allerdings können diese Un- volikommenheiten die„vertrauensvolle Sicherheit" nicht erschüttern und daß sich die„Germania" durch reduerisebe -B-nt gl eisungen einzelner Nalionalsosia- listen nicht in Ihrer positiven Haltung zum neuen Staate beirren läßt, dürfte die Reichspost längst gemerkt haben." Wie reagiert die Nazipresse auf diese„positive Haltung zum neuen Staat"? Sie liest nur die Worte„Schatten",„Unvollkommenheften",„Entgleisungen" und bekommt Wutad- fälle. Die„Bayrische Ostwacht" r. B. schreibt: „Man muß sich angesichts dieser Ausfälle fragen, ob grenzenlose politische Naivität die Triebfeder ist oder ob hier mit einer nicht zu überbietenden Dreistigkeit eine ganz gefährliche Hetze gegen den neuen Staat getrieben wird. Die Vorgänge der letzten Zeit dürften zur Genüge bewiesen haben, daß die politischen Sabotageversuche gewisser klerikaler Kreise heute nicht mehr verfangen. Die Zeit dürfte reif sein, daß sehr bald entscheidende Worte gesprochen werden. Wir betrachten solche Scherze eis Hochverrat und werden sie entsprechend würdigen.- Mögen die„Germania"-R©dakteure sich vorsehen! Auf Hochverrat steht Todesstrafe,«od die SA spaßt nicht I Verurteilt nach§ 175 Aber nicht Röhm! Bayerische Blätter melden: Am 25. Januar fand vor dem Schöffe11' gericht in Amberg die Verhandlung geg®0 den ledigen Kaufmann Ottokar Andreas Koller aus Bayreuth, zuletzt wohnhaft i0 Schwandork wegen eines Vergehens geteI1 den Paragraph 175 statt. Die Oeffentilcb- keit war während der Verhandlung a"5' geschlossen. Koller war vollkommen geständig. Die Schweinerelen mit denen sich der Angeklagte..vergnügte", reichen bis in das Jahr 1922 zurück. Bei der Verhandlung waren drei Zeugen anwesend- Der Staatsanwalt warf 3 Jahre Zuchthaus auf und bei seinem Plädoycf wandte er sich scharf gegen die Untaten des Angeklagten. Das Gericht erkannte»ut eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und Tragung der Kosten des Verfah' rens. Die abgesessene Untersuchungshaft wird angerechnet. Damit hat ein Fall, der lange Zelt schon die Schwandorfer Oeffent- llchkeit interessierte, seine Aburteilung B®* funden. Auch hn Kaiserreich war es so. daß ab nneit �öckkehrenden Wohlfahrtsarbelter wirkt ge- raiger, durch die Entwertung des Pfundes und des Dollars, sowie durch vorzeitige und freiwillige Zurückzahlung. Dabei ist am interessantesten, daß Jetzt durch das Konjunkturinstltut unsere Schätzung bestätigt wird, daß die durch die Valutacntwer- tung bewirkte Verminderung bis September 1933, etwa 3.9 Milliarden betrug. Das heißt,— seit September 1931, dem Beginn der englischen Pfundentwertung, hat die deutsche Volkswirtschaft eine Entlastung von 4 Milliarden Reichsmark erfahren— ein Geschenk, das ihr fn den zwei schwersten Krisenjahren zugefallen ist, In der Hauptsache in dem Jahr der Hitler»Dik- tatur! Die Krise hätte sonst einen noch schwereren Verlauf genommen. R. K. „Deutsdier Sozialismus� iVationalsoziallstlsdie AussprüAe „Es wird immer Arme und Reiche, Mächtige und weniger Mächtige geben— es wird auch nicht möglich sein, sich und andere über die praktischen Folgen hinwegzutäuschen, die sich daraus ergeben."(„Frankfurter Zeitung", Nr. 36.) „Das Winterhilfswerk hat das Schlimmste an Not zu beseitigen versucht und auch da wieder ist ein ganz charakteristischer Vorgang festzustellen: daß aus den ärmsten Städten und aus den ärmsten Stadtteilen die g r ö fiten Opfer kommen.'*(Göbbels, am 15. Januar im Berliner Lustgarten.) „Die Lohnfrage hindert die Ausbeutung des Krümpersysteras, da teilweise das Einkommen unter der Arbeitslosenunterstützung liegt." („Vossischc Zeitung", Januar.) „Die Invaliden- und Knappsctiaftsversiche- rung sind vor dem Zusammenbruch gerettet worden. Zwar ist dies nicht ganz ohne Opfer abgegangen, aber es ist zu hoffen. daß die Entwicklung der Wirtschaft auch hier die leichten Wunden bald heilen wird." (Ley im„Dortmunder Generalanzeiger", am 14. Januar.) „Neben den mit Notstandsarbeiten beschäftigten 42.822 Arbeitslosen gab es in Ostpreußen am 31. Dezember 1933 aber noch 37.474 Arbeitslose, die stempeln müssen. Es sind also mehr als die Hälfte der ostpreußi- schen Erwerbslosen mit Notstandsarbeiten beschäftigt. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz, der wohl kaum in anderen Provinzen erreicht wird.—„Ostpreußen— frei von Arbeitslosen." („Vossische Zeitung", 13. Januar 1934.) „Der Entschluß der Studentenschaft def Universität Berlin, auf den althergebrachten Ball zu verzichten und die volle Kraft der Studentenschaft in den Dienst des Winterhilfswerks zu stellen, beweist den deutsche« Sozialismus der Tat."(„Chemnitzer Anzeiger". Januar.) Krupp Das Dritte Reich lohnt sich Das größte deutsche Unternehmen der Schwerindustrie, Krupp, ist ein lebendige1, Beweis für die einseitige Begünstigung der Kriegsindustrie durch die Regierung. 15 Jahre lang befand sich das Unternehmen In Schwierigkeiten. Auch jetzt hat es einen geringeren Export als im Vorjahr. Trotzdem geht es ihm recht gut Roheisen, Rohstahl und Walzwerk-Erzeugung haben sich gewaltig erhöht Aber, und das ist wohl das Interessanteste an der Bilanz für 1933: Während die Arbeiter- und Angestelltenz aW um volle 14.000 auf annähernd 60.000 Personen stieg, sank gleichzeitig die ausgezahlte Lohn- und Gehaltssumme um zwei Millionen Mark- Der Durchschnittslohn sank von 1460 Mark im Jahr auf 1000 Mark! So zeigt die KrupP* Bilanz mit ihren trockenen Ziffern riemllek eindeutig, wer das erste Jahr des neuen Rehmes als Aktivum buchen kann. Belohnt für Hetze. Der Sonderslaatsanws" im Prozeß gegen Professor Dessauer, Bork. ist zum Landgerichtsdirektor f® Berlin ernannt worden. Nr. 35 BEILAGE IlctitfllörmMs 11. Februar 1934 du zevßtulißuäte Kamit __.......... J__ Seine Bedingungen und seine Ziele In der.�Zeitschrift für Sozialismus", Heft 5, erscheint ein Aufsatz.�evolutionärer Sozialismus", der Stellung zu der Kundgebung des Sozialdemokratischen Parteivorstandes nimmt Wir geben aus diesem Aufsatz folgendes wieder: Auf die Zeit der höchsten Organi- sationsentfaltung ist die Zeit der völligen Atomisierung der dem Faschismus unterworfenen Menschen gefolgt. Wie kann unter solchen Bedingungen sich eine Arbeiterbewegung entfalten, welche Methoden des Kampfes kann sie anwenden und welche Ziele ihres Kampfes ■ni u ß sie sich setzen? Man muß sich zunächst klar machen, daß der Sieg des Faschismus die deutsche— und ähnliches gilt von der italienischen Arbeiterbewegung— in eine grundstürzend neue Position gebracht hat. Ihre Kampfmethoden sind ihr durch ihre Gegner vorgeschrieben und der politische Kampf der deutschen Sozialisten äst yon denen der sozialistischen Parteien in anderen Ländern ebenso verschieden wie die Diktatur Hitlers und Mussolinis von den Regierungsmethoden Frank- feichs, Englands oder Dänemarks. Für irgend einen Reformismus ist einfach kein Raum mehr, denn der Reformismus setzt zum mindesten legale Betätigungs- jnöglichkeit voraus. Der deutsche Kampf aber kann nur ein revolutionärer Kampf in der vollen, unmittel- haren, engeren Bedeutung des Wortes �in: Kampf mit allen Mitteln zu dem Ziel der revolutionären Machtergrei- mng und völliger Vernichtung des Faschismus. Diesem Ziel ist schlechthin alles und zu allen Zeiten— im Krieg und Frieden— untergeordnet, weil nur so allein die Freiheit der deutschen Arbeiter verwirklicht werden kann. Eine andere politische Bewegungsform kann es für die deutsche Arbeiterbewegung Sar nicht geben und damit auch keine undere als revolutionäre Gesinnung. Aber auch in der Wahl der Mittel sind wir nicht frei. In dem augenblick- 'cnen Stadium ist die erste Aufgabe die �chaffung und Ausbreitung von illegalen Urganisationszentren. Die Art der Organisation ist aber weitgehend vom zwang der Gegner auferlegt. Die rus- 'che Sozialdemokratie spaltete sich mst in Menschewiki und Bolschewiki uoer die Frage der Organisationsform. .le Menschewiki verfochten als Ziel 'ne möglichst die Massen erfassende o rpPjsation, die Bolschewiki die rP,.n? V(>n kleinen Zirkeln, die die yolutionäre Elite umfassen sollten. '® Sozialdemokraten— besonders trat rUC�-SV0'l Kosa Luxemburg— ver- �aten die Massenorganisation, die in zerrütteten Staatsgefüge des Za- tt"5 �ue Möglichkeit war. Für uns �jstiert der Streit— wenigstens heute r~ nicht. Nicht nur die ungeheure stär- l!"® Staatsmacht und die Ungeheuer- �nkeit ihrer Brutalität, sondern auch srh au�enbl ick liehe Zustand der deut- v, 1en Gesellschaft, in dem jeder zweite Hii? i. e'n Spitzel und freiwilliger ist I f's.t des herrschenden Regimes kränkt die Möglichkeit der Or- isation auf kleinste Gruppen, zwingt zu. Veit5ehender Dezentralisation und Vnrr?1? 1 streng konspirativem {a�?..en. Erst die Erschütterung des sch ro' f j n Systems durch die fortwird f Enttäuschung der Massen den n Möglichkeiten erweitem und ten a. /�Hisationen Einflußmöglichkei- anuf die Massen verschaffen. nis- h35 �.�ewiß eine bittere Erkennt- tätiVj™ s,ie zeigt die Ende der Be- of{enK-J�rn 8:kchkeit nicht nur, sondern keitpn'! /"y'eieh andere Schwierig- spirativ"-5ie�akren- Diese kleinen kon- siS-un Zirke! füklen sich- ange- Mutes Opferbereitschaft und ihres H 1 i te e- hohem Recht- als eine ihnen f beanspruchen für die von gefundene Organisationsform leicht die alleinige Geltung, für ihre Konzeption erheben sie den Anspruch auf Führung. Soll trotz der unvermeidlichen Teilung der Arbeit in Deutschland selbst die Zersplitterung überwunden werden, so müssen diese Zentren im Ausland ihr einigendes Band erhalten. Das ist die erste und augenblicklich wichtigste Funktion der revolutionären Leitung im Ausland. Sie muß die von ihr angeregten oder spontan sich bildenden Zentren mit allen verfügbaren Mitteln fördern, sie muß die Formen finden, die sich als lebensfähig erweisen und anderen widerraten, sie muß die gemachten Erfahrungen in ständiger eng- Jedes demokratische Recht wird aber zur Bedrohung der Diktatur. So erweitert sich der Kampf um die Demokratie zum Kampf um die völlige Niederringung der nationalsozialistischen Herrschaft, um die Eroberung der Staatsmacht. Der Kampf um demokratische Rechte erscheint hier nicht als willkürliche Forderung, als Geltungsanspruch einer von vornherein vorhandenen Lehrmeinung. Er ergibt sich aus der Lage der Arbeiter, aus den Bedingungen der für sie notwendigen Kämpfe. Der Kampfum die Demokratie ist zugleich in keinem Stadium Selbstzweck. Er erweitert sich— ster Fühlung und Zusammenarbeit mit den Leitern der illegalen Arbeit in Deutschland für den revolutionären Kampf nutzbar machen. Die klare Erkenntnis der kompromißlosen revolutionären Situation und der durch sie geforderten Kampfmittel ist ein richtiger Bestandteil der Prager Kundgebung. Wie aber stellt sich ihr die Dynamik der Kämpfe und die daraus abzuleitenden Ziele dar? Die Diktatur hat die Arbeiter durch Unterdrückung ihrer Organisationen der Willkür des Kapitals ausgeliefert. Diese einseitige Verschiebung der Machtverhältnisse bedroht die Arbeiterschaft mit fortschreitender Verschlechterung der Lebenshaltung. Das zwingt die Massen zum Kampf für die Sicherung und Hebung ihrer materiellen Existenz. Aber jede Lohnbewegung ist verboten, jeder Streik wird zur politischen RebelHon. Aus dieser Situation wird mit Notwendigkeit die Forderung nach Wiederherstellung der Koalitionsfreiheit und der Schaffung sozialer Kampforganisationen der Arbeiter erwachsen. Ihre Koalitionsfreiheit ist nicht möglich ohne ihre Versammlungs-, Vereins- und Pressefreiheit. Aus den unbeweisbaren Bedürfnissen der Arbeiterschaft ergibt sich so die Forderung nach politischen Re c h- t e n, entspringt der Kampf um ihre demokratische Bewegungsfreiheit. Ihre Erringung wird zur Notwendigkeit, um die Arbeiterbewegung als Massenbewegung wieder möglich zu machen. wieder mit zwingender Notwendigkeit zur Niederringung der faschistischen Macht, zur Eroberung der Staatsgewalt. Die so eroberte Demokratie ist nicht die Basis, der„beste Boden", auf dem die Klassenkämpfe zwischen Kapital und Arbeit, die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokratie und bürgerlichen Parteien nun wieder aufgenommen werden, etwa in der Form, in der sie vor dem Sieg des Faschismus in der Weimarer Republik geführt wurden. Der Sieg der Demokratie ist nur möglich, nachdem die nationalsozialistische Diktatur in schwerem Ringen niedergeworfen, die Gegner des Faschismus im Bürgerkrieg die Oberhand gewonnen haben. Diese Art der Eroberung der Macht bestimmt aber ihre Ausübung. Die Demokratie hat durch ihre Eroberung in einer siegreichen Revolution einen völligen Funktionswechsel erfahren. Die Staatsmacht geht auf eine starke revolutionäre Regierung über, die, getragen und kontrolliert von der siegreichen revolutionären Massenpartei, die Staatsmacht für die siegreiche Revolution zu sichern und den Staatsapparat in ein Herrschaftsinstrument der Volksmassen zu verwandeln hat. Es ist eine merkwürdige Sache, daß die meisten Menschen die politischen Formen an sich, losgelöst von ihrem Werden, losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen, betrachten, aus denen sie erwachsen. Und doch ist es eine primitive Erfahrung, daß z. B. das gleiche Wahlrecht, in langen Kämpfen erobert, andere Wirkungen ausübt als dasselbe Wahlrecht, oktroyiert von einer befestigten, reaktionären Regierungsmacht. Und so werden jetzt viele von der Furcht geschüttelt, die Demokratie, die den Sieg des Faschismus nicht verhindert hat, könnte zum zweitenmal die Arbeiterschaft um die Frucht des Sieges bringen, falls sie zur Demokratie zurückkehrt. Diese sehr einfache und deshalb manche überzeugende Betrachtung vergißt nur ganz den völligen Funktionswechsel. den die Demokratie durch eine siegreiche Revolution erfährt. Der politische Umschwung von 1918 vollzog sich am Abschluß einer konterrevolutionären Entwicklung. Nicht durch den organisierten revolutionären gewollten Kampf der Arbeiterklasse, sondern durch die Niederlage auf den Schlachtfeldern wurde das kaiserliche Regime beseitigt.„Die Sozialdemokratie übernahm ohne Widerstand die Staatsführung, in die sie sich von vornherein mit den bürgerlichen Parteien, mit der alten Bürokratie, ja mit dem reorganisierten staatlichen Apparat teilte. Daß sie den alten Staatsapparat fast unverändert übernahm, war der schwere historische Fehler, den die während des Krieges desorientierte deutsche Arbeiterbewegung beging." So heißt es in der Kundgebung. Kann jemand sich vorstellen, daß die Wiederholung einer solchen Situation möglich ist? Hieße das nicht, die notwendige Dynamik einer echten Revolution völlig verkennen? Der aus dem Bürgerkrieg hervorgegangenen Revolutionsregierung sind ihre Aufgäben durch denselben geschichtlichen Zwang vorgeschrieben, der sie selbst zur Macht getragen hat: Zerstörung der feindlichen Staatsmacht, Aburteilung der Staatsverbrecher durch revolutionäre Gerichte, Reinigung der Bürokratie, der Justiz, des Militärs und Besetzung aller wichtigen Stellen durch "Vertrauensmänner der Regierung, Sicherung der Revolution gegen die sozialen Träger der Reaktion, also entschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes und der Schwerindustrie, Uebemahme der Reichsbank und der Großbanken in Besitz und Verwaltung des Reiches— das wird das Minimalprogramm dieser Regierung sein, ihre ersten Maßnahmen, zu denen sie ihre Legitimation nicht von Wahlen zu erhalten braucht, weil ihre Existenz beweist, daß hinter ihr der Wille der großen Mehrheit des aktiven, kampfbereiten und kampffähigen Volkes steht, das den Sieg errungen hat. Ist aber so die neue Staatsmacht gesichert, sind die Gegner niedergeworfen, ist der Staatsapparat, sind die wichtigsten wirtschaftlichen Stellungen fest in der Hand der Regierung, was für einen Inhalt soll dann die Diktatur haben? Sie birgt dann nur die Gefahr in sich, zur Diktatur gegen die Arbeiterschaft zu werden und einen Sozialismus zu schaffen, der vielleicht etwas materielle Verbesserung, aber sicher keine kulturelle Höherentwicklung bedeutete und sehr weit entfernt wäre von dem Ziel der„freien Assoziation" des Kommunistischen Manifests, von dem Ziel der Aufhebung des alten Gegensatzes zwischen Staat und Gesellschaft! „Deutsche Gegen- regierung" Mit„ständischer Selbstverwaltung" und „arteigenem Gottglauben". Ein„Aktionskomitee der Deutschen Revolution" unter Führung: Otto Straßers ist am 30. Januar mit einer Erklärung hervorgetreten, die zwar an der Hitlerei scharfe Kritik übt, aber doch zu erkennen gibt, daß es sich nur um eine andere Sorte von Nationalsozialismus handelt, die an die Stelle der derzeit regierenden gesetzt werden soll. Wenn sich zudem das Aktionskomitee in einem Schreiben an die Presse als„deutsche Gegen- regier.mg" empfiehlt so betritt es damit ein Gebiet, auf dem der Ernst des politischen Kampfes aufhört Die Nazi-Intelligenz hungert Zerstörte Illusionen bei den freien Berufen Wie es Arbeitern und Angestellten im neuen Deutschland ergebt, abgesehen von ienen, die wegen ihrer jüdischen oder marxistischen Vergangenheit zum größten Teil aus dem Wirtschafts prozeB ausgeschaltet sind, ist zur Genüge bekannt Wer von ihnen nicht führend in der nationalsozialistischen Bewegung tätig war und sich nicht dadurch das Anrecht auf einen gutdotierten Posten erworben hatte, mußte bald erkennen, daß ihm auch im Dritten Reich keine gebratenen Hühner in den Mund flogen. Der dauernde Lohn- und Gehaltsabbau, verbunden mit Preissteigerungen, die einsetzende Entrechtung, gekrönt durch das neue Arbeftsgesetz, versetzte auch die Pgs.- Arbeiter und-Angestellten nicht weniger In Erregung, als die offenen und heimlichen Gegner HitlcrsChen„Sozialismus" unter der Arbeiterklasse. Hatte man in diesen Kreisen auf die Versprechungen der Nazis gebaut und sich eine Besserung durch die„Führer" erhofft, so erwarteten in besonderem Maße gerade die sogenannten„Freien Berufe- von der Regierung Hitler das goldene Zeitalter. Auf den ersten Blick bin mit einer gewissen Berechtigung. Immer wieder war Ihnen die furchtbare Konkurrenz durch Juden und Judcnstimmiinge vor Augen gehalten worden. Immer wieder versicherte man ihnen, daß die Austreibung solcher unangenehmen,„volksfremder" Konkurrenten ihre Lage bessern werde. Man„bewies" ihnen mit Zahlen, wie glänzend es ihneh gehen würde, wenn man die Juden erst los sein würde und vertröstete sie auf eine beginnende herrliche Aera des Geldverdienens. Die gefälschten, weit übertriebenen statistischen Ziffern, die man der Beteiligung von Juden an den„Freien Berufen" unterschob. sollten diese Hoffnungen unterstützen. 52 Prozent aller Aerzte in Deutschland seien Juden, so hieß es, in Provinzstädten erhöhe sich die- Mr Satz bis auf 75 Prozent, und wenn die ausgeschaltet wären, müßte es den deutschen Aerzten glänzend gehen. In Berlin wären von den Anwälten 45 Prozent, In Hamburg 25 Prozent, tn Frankfurt a. M. gar 64 Prozent Juden. Was müßten die Anwälte zu tun haben, wenn sie diese Konkurrenz erst los wären? Oder bei den Wissenschaftern? Da gab es bei den medizinischen Fakultäten 1932 angeblich 45 Prozent gegenüber 1914 26 Prozent lü- dische Lehrer. Wie gut müßte es den deutschen sehen Fakultät 1932 angeblich SO. Prozent Jüdisch« Lehrer. Wie gut müßte es den deuschen Wissenschaftern gehen, wenn erst die Juden überall entfernt wären! Heute sind sie alle restlos entfernt und mit ihnen noch alle Judenstämmlinge bis ins dritte Glied und lene Elemente, die sieb einmal demokratischer oder sozialistischer Gesinnung verdächtig gemacht hatten- Da sollte man denken, daß es jetzt den„Freien Berufen" in Deutschland wirklich hervorragend ginge. Ganz im Gegenteil! Es geht ihnen so schlecht wie nie zuvor. Das„Aerzteblatt von Berlin" veröffentlichte vor kurzem einen Jammerartikel Uber die Not des Aerztestandes.| Und das, trotzdem doch nach der früheren nationalsozialistischen Statistik von 60.000 deutschen Aerzten 30.000 aus dem Beruf eigentlich ausgeschaltet sind. Nach den Angaben des„Aerzteblattes" haben von den heute in Deutschland 50.000 tätigen Medizinern zirka 7000 überhaupt keine Existenzbasis. Ungefähr 9000 erreichen nicht ganz das Existenzminimum von monatlich 160 Mark, während weitere 12-000 ein Einkommen von 300 Mark erreichen. Die Reichsversicherung, die städtischen, gemeindlichen und privaten Krankenversicherungen, die nur noch arische Aerzte beschäftigen, können heute noch lange nicht alle Aerzte beschäftigen, Privatpraxen sind nur noch bei wenigen auserwäblten Aerzten vorbanden. „Es bat sieb bisher noch nicht gezeigt, daß die Abwanderung der arischen Patienten von Jüdischen Aerzten einen großen Einfluß auf die Einkommensverhältnisse der deutschen Acrzteschaft ausgeübt bat, obwohl nur 500 jüdische Aerzte bisher aus Deutschland ausgewandert sind": so heißt es da, Die Honorare der Versicherungen sind derart gering, daß ein Arzt pro Tag mindestens 25 Patienten haben muß, um Oberhaupt leben zu können. Der Strompreis, die Kosten für die Praxen usw. sind gestiegen, die Honorare sind vermindert worden, es gibt viele Kassen, die nur noch 2 Mark pro Patient bei erster Untersuchung und 1 Mark bei weiteren Besuchen bezahlen. Selbst Aerzten mit großer Privatpraxis geht es nicht mehr glänzend, denn wenn überhaupt, so werden die Arztrechnungen nur in langen Raten schleppend beglichen. Hingegen wurden den Aerzten große Lasten aufgebürdet Beiträge für den Bund und Verband, Abgaben aller Art kostenlose Behandlung von SA- und SS-Leuten usw„ das alles macht eine materielle und ideelle Betastung aus, die den Medizinern ihre Arbelt nicht erleichtert Ganz äh'niich geht es den Rechtsanwälten. obwohl hier da« konknrrlerende Jüdische Element noch viel rigoroser ausgeschaltet Ist. In den einzelnen Großstädten hat sich die Zahl der Anwälte durch Ausschaltung der Juden, die nicht mehr vor Gericht auftreten können, sehr stark vermindert Daß es dadurch den verbliebenen arischen Advokaten besser geht, wurde bis jetzt noch nicht einmal offiziell behauptet Die Zivilgerichte sind heute nicht mehr voll beschäftigt da Klagen keineswegs beliebt sind. Wenn man nicht muß, geht man heute In Deutschland nicht vor Gericht Die Angst ist zu groß. Finanzielle Transaktionen. die früher einen Anwalt benötigten, Verträge usw. Notarlatsgeschäfte, sind so verschwindend geworden, daß auch der Anwaltsstand durch die Entfernung der marxistischen und Jüdischen Elemente nichts gewonnen hat. Früher gab es in Berlin u B. 4200 Anwälte, Giftgas als Kindernahrung Sprachunterricht In„nationalem Geist". Die deutschen Funksendungen sind zum UeberdruB bekannt und bleiben sich gleich: Krleeslieder wechseln mit Friedensreden, auf schnittige Märsche folgen Beteuerungen, daß Deutschland zu den versöbnungsberei testen. liebenswürdigsten Ländern der Erde gehöre. Könnte man die offiziellen deutschen Sender ausschalten und anstatt dessen aus allen Schulstuben des Dritten Reiches kleine „Schwarzsender" machen— es bedürfte kei- nei weiteren Aufklärung: die Welt wüßte Bescheid. Nicht in den Rüstungsiabriken, nicht ip den chemischen Werken werden die tödlichsten Waffen gegen europäische Kultur und Zivilisation geschmiedet; auf den Kathedern. in den Klassenräumen werden sie mit raffinierter Sorgfalt konstruiert Die Gymnasiallehrer, die Studicnräte, die 1914 Ihre sechzehnjährigen Schüler kaltblütig sterben schickten und selbst unabkömmlich hinter ihren Büchern bocken blieben, sind wieder am Werk und formen in den jungen Köpfen ein Weit- bild, von dessen böser Verzerrtheit der Uneingeweihte sich schwer einen Begriff machen kamt. Es gab eine Zeit— und sie liegt noch nicht weit zurück— da diente der fremdsprachliche Unterricht dazu, der Jugend andere Völker nahezubringen. Heut erfüllt er einen anderen, sozusagen heiligen Zweck: die„Art Verschiedenheit" so gehässig zu betonen, daß die Schüler, wenn wieder die langersehnte Zeit des„Feste druff" hereinbricht, im Gegner eine Art Halbtier sehen, das zu erjagen Sport und Spaß ist: jeder Schuß— ein Ruß, jeder Stoß— ein Franzos, jeder Tritt— ein Brit usw. usw. Die„Hamburger Richtlinien" vom 15. September 1993 deuteten das auf zarte Weise an: Aus dem fremden Schrifttum sind diejenigen Ideen und geschichtlichen Leistungen lebendig zu machen,, die den treibenden Kräften im deutschen Leben erhöhte Stoßkraft verleiben und den nationalen Lebenswillen zu selbstbewußter Sicherheit und tätiger Aeußerung führen können. Aul die„erhöhte Stoßkraft" hat sich inzwischen jeder lehramtsbeflissene Rauschebart selbst seinen Vers gemacht, und es wird niemanden wundern, wenn— wie uns jüngst eine deutsche Mutter erzählte— Achtjährige mit dem auswendig gelernten Satz nach Hause kommen: „Die Tschechen sind ein Sklavenvoik.«ic haben einen hinterlistigen, mißgünstigen und feigen Charakter." In einer Denkschrift des Deutschen Pbilo- logenverbandes, die Mitte November zu den sclmlpolitischcn Verhandlungen im Reichsinnenministerium vorgelegt wurde, hieß es: „Fremdes Volk ist Menschentum änderet Wesensart Seine geistig-seelische Welt ist von der unseren grundverschieden. Gehalt und Stufenordnung seiner Wert weit welchen bis in die letzten Tiefen ab. eine ganz andere Sinnes- und Denkweise una eine ganz andersartige Idealwelt ist in ihm mächtig." Im Januarheft der„Neupbilologiscben Monatsschrift", die ta Leipzig erscheint, befaßt «fch ein Schulmann namens Adolf Bohlen mit der„nationalpolitischen Linie im neusprach- lieben Unterricht". Er schreibt: ...Es empfiehlt sich, das Gefühl für davon beinahe 2000 jüdische. Heute sind es nur noch 2500 und die haben nichts zu tun. Für Armensachen gibt es, abgesehen davon, daß sie sehr spärlich sind, ein Bettelhonorar, die ex offo-Gebühren sind bei Gericht von 40 Mark auf 15 Mark gesenkt worden. Tatsächlich geht es nur jenen Anwälten noch einigermaßen, die durch die Aufnahme eines bekannten jüdischen Kollegen als BOrobeamten sich andere gute Klienteis ergatterten. Aber selbst da happert es. Denn die Vorlagen an Gerichtskosten, die oft später nicht einmal einzutreiben sind, bringen die Anwälte in mißliche Lagen. Der nationalsozialistische Juristenbund errechnete für die 40.000 arischen Rechtsanwälte in Deutschland ein Durchschnittseinkommen von 230 Monat pro Monat. Das heißt so viel, als daß mindestens 50 Prozent ganz ohne Einkommen sind und da es In jeder Großstadt eine wenn auch bescheidene Anzahl von Advokaten gibt, die es über 1000 und bis auf 2000 und mehr Mark pro Monat bringen, der weitaus größte Teil der deutschen Anwaltschaft das Existenzminimum nicht erreicht Oranienburg Gerhart Segers Tatsadienberidit „Auch außerhalb der Konzentrationslager häuft sich im ganzen Lande eine unvorstellbare Masse von Unrecht und Abscheulichkeit, den Ausschweifungen widerlicher Triebe. Ein ganzes Volk wird durch Schrecken entsittlicht und verbraucht..." So schreibt Heinrich Mann im Vorwort des soeben erschienenen Buches, in dem Gerhart Seger auf 73 Selten seinen Bericht niederlegt, über Erlebtes und Erlittenes im Konzentrationslager Oranienburg.(Verlagsanstalt„Graphla", Karlsbad.) Auf dem weiten, gepflasterten Hofe wurden Menschen mit: Rührt Euch! und Stillgestanden! sinnlos gepeinigt, wurden Häftlinge mit dem Gummiknüppel hin- und hergejagt „Eine Anzahl junger Menschen, alle mit glattgeschorenem Kopfe, trugen Schutt und Steine aus einer Ecke des Hofe« In die andere und aus der andern wieder in die eine; manche waren damit beschäftigt mit kleinen Holz- stückchen und Glasspiittem das zwischen den Pflastersteinen des Hofes wuchernde Gras Halm für Halm auszurupfen..." Dieses Stück Irrenhäusierel steht am Beginn seines Gefangenen-Martyriums, und von da an steigert sich das Grauen Tag um Tag. An die tausend unschuldige Menschen, gegen die nichts vorliegt als ihre freiheitliche Gesinnung, sind nachts in den frostigen Kühlkeller einer Brauerei zusammengepfercht werden tagsüber mit blödsinniger Zwangsarbelt geschunden, haben keine freie Stunde, die ihnen wirklich gehört sind der Willkür stumpfer brauner Landsknechte preisgegeben, werden je nach Laune ihrer Kerkermeister körperlich und seelisch mißhandelt Die Folterkammer ist Zimmer 16. Wer„zur Vernehmung" dorthin gebracht wird, kommt zerschlagen wieder heraus. Dunkelarrest ist zu human— eine braune Bestie erfindet den Steinsarg. in dem der Häftling Bei den freien Schrlftstelleni siebt es gaM schlimm aus. Sie können mit wenigen Ausnahmen für ihre Geistesprodukte kaum einen Verleger finden und selbst wenn sie gedruckt werden, so Ist der Absatz von Bü* ehern und Druckschriften beute so gering- daß nur Hungerhonorare herauskommen. So betrug z. B. die Halbiahrsabrechnung eines Theaterschriftsteliers für ein Stück, das an verschiedenen Bühnen mehrmals aufgeführt wurde, ganze 267 Mark. Mit geringen Ausnahmen von Prominenten geht es 20.000 deutschen Schriftstellern, die gezwungen sind, ohne amtliche Nebenverdienste von ihrer Feder zu leben, ganz hundsmiserabel. Daran kann auch der Hinkeische Kulturbund nichts ändern, wenn er Preisausschreiben und alle möglichen sonstigen Veranstaltungen zugunsten der Schriftsteller aufzieht! Die leeren Plätze der vertriebenen oder vor den Hitler-Vandalen geflüchteten geistigen Elite konnten weder in der Wissenschaft noch in der Literatur noch überhaupt in den„Freien Berufen" eingenommen werden! C. H. nicht stehen, nicht sitzen noch liegen kamt. Viele Gefangene laufen zerschlagen herum. Ernst Heilmann, der Kriegsverletzte, wird planmäßig immer wieder mißhandelt Als er mit Ebert und den vier Rundfunkleitern zum ersten Male im Hofe steht werden ihnen die Köpfe lächerlich geschoren. Vor versammeltem Lager empfängt die Wehrlosen eine gemeine. beschimpfende Rede. Vor versammeltem Lager müssen sie sich entkleiden. Ihre Sachen werden kommunistischen Gefangenen hingeworfen: einige von denen wenden sich angeekelt ab, andere stürzen sich begeistert daraul Die meisten dieser„Kommunisten" kennen nichts von Solidarität mit den sozialistischen Leidensgenossen, freuen sich über Verhöhnungen sozialdemokratischer Führer, denunzieren und verraten sie aus Dummheit dumpfem Haß oder für kleine Sondervorteilc- Verdorbene Arbeiter, die gesinnungslosem Lumpenproletariat näher stehen als irgendwelchem Soziallsmus. Auch dieser Zug gehört zu dem alpdruckhaften Bilde, das gerade durch die braune AU- tagsboshelt so entsetzlich wirkt Da ist die „Hindernisbahn", über die kranke, marode ältere Männer unter dem fröhlichen Hallo von SA-Rotznasen mit dem Gummiknüppel gehetzt werden. Da jagt man Frauen nach Hause, ohne daß sie Ihre gefangenen Männer sprechea durften. Da sind die vielen kalten, schleichenden Bosheiten. Segers Kriegsnarbe, feierlich abgemessen, wird auf dem Steckbrief vermerkt wie eine Kuriosität Einige wenige SA- Leute wollen mit gemeinen Schindereien nichts zu tun haben, der übergroße Teil jedoch ist dumm, roh, politisch uninteressiert Ihre Gespräche drehen sich um Sold. Abzüge, Schulden, Saufgelage, Geschlechtsverkehr. Nicht einer, der sich mit Büchern beschäftigt Seger denkt an die sozialistische Arbeiterjugend: welch ein Lern- und Wissenstrieb, welche Summe von Fleiß und Willenskraft Zwei Welten! Welch ein Maß von Dummheit und kalter Niedertracht bei den führenden Lagerdas Anderssein des fremden Volkes noch mehr zu unterbauen... In keinem Augenblick darf der Gedanke verdunkelt werden, daß die deutsche, französische und englische Sprache der Ausdruck dreier ver- schiedener Wesenheiten sind... Es sind andere Welten. Als englische Schullektüre schlägt Boliien für die Unterklassen vor;„Deutsche Helden in der amerikanischen Nation" und „Deutsche Siedler und Pioniere in Nordamerika", die beide demnächst im Verlag Quelle und Meyer erscheinen werden, von Towusend;„Aufstieg und Niedergang des deutschen Kolonialreichs", wovon es„leider" noch keine Schulausgabe gebe. „Wo beute Geschichten von Cooper und Parkman oder Beecher-Stowes unverwüstliche„Uncle Toms Cabin'" gelesen werden (ein Kinderbuch, in dem ein edler Engländer und ein ebenso edler Neger eine große Rolle spielen. D. Red. d. N- V.), dürften morgen gleichwertige Stoffe, die an deutsche Auswanderer anknüpfen, vorzuziehen sein." Denn wenn die Jungen etwas von den Helden und Siedlern und Arbeitern der anderen Länder erführen, so könnte Ihnen Ja— aufgehen, daß die da drüben eigentlich auch so eine Art Menschen sind. Erst später,„auf der Stufe bewußteren hlstrolschen Denkens"— das heißt, wenn die Köpfe schon genügend verkleistert sind— soll auch etwas fremde Literatur verabreicht werden. In vorsichtiger Weise natürlich und mit den nötigen Erläuterungen. Vor allem nach Völkerversöhnung darf es nicht riechen, Erziehung ,dm nationalen Geiste" muß es sein. Denn— so heißt es tn dem Artikel— „Daß früher auf diesem Gebiet gesündigt worden ist, kann nicht geleugnet werden. Wir denken an die Fülle der Lesebefte, die unter dem Stichwort der Völkerversöhnunl über uns hereinbrachen und auch vielerorts gelesen wurden." Daß Aehnlicbe« nicht gleich wieder„berelo- bricht", dafür Ist ja nun gründlich gesorgt Di« Jugend wird planmäßig zum Völkerbaß erzogen, damit eines Tages wieder„alle, alle kommen", wenn Irgend ein größenwahnsitmigeZ Wilhelm oder Adolf ruft Was nützt alles Rä'* seiraten um Rüstungen, Garantien, Pakte und Sicherheiten— solange die deutschen Schulmeister sich fern jeder Kontrolle als GiftÄ15* fabrikanten aasleben dürfen?! Otto Kahf. Die erste Stinkbombe Ein fachmännisch vorgebildeter Reich5* Ulmdramaturg. Der Reichspropagandaminister Göbbe'* hat den 26jährigen„Angrifi"-Redakteur W i'" Krause zum Reichsfilmdraraator- gen ernannt Der Jüngling mit dem pompösen Titel ha' zieh seinen neuen Posten ehrlich verdient. er sonst von filmischen Dingen keine Abnunä haben, er ist doch als alter Fachmann arirU sehen. Krause Ist gleichsam eine hi8tor'sC',a Persönlichkeit; war er es doch, der bei de" Nazi- Krawallen anläßlich der Auffül»r,,n* des Films„Im Westen nichts Neue* im Berliner Mozartsaal die erste bombe geworfen und damit das Sig" zum Sturmangriff mit Nießpulver und weiß«11 Mänsen gegeben bat! Das sind Herrn Krauses Beziehungen � deutschen FUm! Sadisten! Und so kommt, wie für andere, auch iür Seger die Zeit, da ihm die seelischen und sonstigen Torturen unerträglich werden. Es bleibt Flucht oder Selbstmord... Das Buch gibt Tatsachen in flüssigem Stile: es will nüchtern und wahrhaft sein und wirkt gerade durch die sachliche Genauigkeit der Angaben so beklemmend. Im Fluchtkapitel ledoch spürt man noch einmal den ganzen hei- Ben Atem dieser Stunden, rollt sich das Innere Bild des Flüchtlings in allen marternden Zuk- kungen auf. DaB diese Flucht gelang, erscheint wie ein Wunder. Als er diesen Tag nervenwitschender Fahrten hinter sich hat, als ei nachts bei klingendem Frost, schwitzend und mit hämmernden Pulsen, endlich die tschechoslowakische Grenze erreicht, macht er hinterm Grenzstein halt und schaut nach der kranken. gepeinigten Heimat zurück. Die Kindheit steigt herauf, die Jugend. Für dieses Land hat er als junger Mensch im Felde gestanden, für die Freiheit dieses Volkes bat er gelitten und geblutet, für die Menschenrechte dieser Nation hat er gekämpft— einer von vielen, einer von Millionen Deutschen, für die der braune Sadismus nichts weiß als Verfolgung. Aechtung. Konzentrationslager, Mißhandlung, Beschimpfung... Dann wendet er sich, geht ins fremde Land hinein, atmet die Luft der Freiheit Seger hat das Buch den Frauen der Gefangenen gewidmet, die„in dieser grauenhaften Zeit eine unerhörte Tapferkeit eine nahezu Obermenschliche Kraft des Duldens, ein wahres Heldentum gezeigt haben." Aber die Schrift gilt allen, denen es um Wahrheit und Menschlichkeit geht Der Verfasser hat sie dem Stabschef Röhm und den Oberwäch- fem der braunen Justiz als Strafanzeige leschickt Wenn die braunen Verantwortlichen genaue Tatsachen brauchen, hier sind sie! Hier ist der erste authentische, mit Daten, Namen und präzisen Angaben belegte Bericht aus einem neudeutschen Konzentrationslager. Der Verfasser steht mit der Eidesformel dafür ein. �'un hat die Rechtspflege des Dritten Reiches das Wort, aber man wird auf dieses Wort vergeblich warten. Unschuldige werden weiterhin eingesperrt, mißhandelt und geschunden Verden. Die Schande wird weltcrbrcnnen. solange das Gewissen der zivilisierten Welt sich gegen solche Kulturschmach nicht machtvoller erhebt Diese Stimmen zu wecken— 'fszu geht das Buch In die Welt Gregor. ■�blenkungsliigen werden entlarrt Der Verlag„Graphia" In Karisbad als Fiftrausgeber des„Neuen Vorwärts" hat *n die Verwaltung des Konzentrations- J�gers Oranienburg bei Berlin das folgende Schreiben gerichtet; Jn der Deutschen Wochenschau lesen wir Mitteilung, daß Im Konzentrationslager Orunlenburg den Insassen die Lektüre der Fmlgrantenpresse zugänglich gemacht wird, «m erzieherisch auf die Inhaftierten elnzuwlr- ••a. Nach Aufhebung der Pressefreiheit ta Deutschland Ist du ein sehr löbliches Benin- ,lea» da» wir jern unterstützen. Die V e r- breitnng des„Neuen Vorwärts" wird In unserer Heimat noch immer mit schweren Znehtbans- und Gefängnisstrafen geahndet Sie dürften von dort aus vielleicht auch Schwlerigeften haben bei der Beschaffung dar erforderlichen Ezempiarc. Im Interesse der Lagerinsassen übermitteln wir Ihnen also gleichzeitig Ja tun] Stück des „Neuen Vorwärts" Nr. 33 und 34 und erwarten Ihre Mitteilung, wieviel Exemplare •-.1_ Ton Marianne Pollak Man erweist dem wahren Deutschtum keinen guten Dienst wenn, wie das seit den Märztagen unseligen Angedenkens begreiflicherweise immer häufiger geschieht die deutsche Frau nur mehr als hausbackene Gluckhenne hingestellt wird. Zweifellos ist dieser Typus weiblicher Mensch, der jetzt von Hitlers Gnaden in Massen großgezüchtet werden soll, niemals ganz ausgestorben gewesen. Die Welt kannte ihn weiß Gott nicht nur aus den„Fliegenden Blättern". Ueberau dort wo so eine lautsprachige und geschmacklose Mittelständ- ierin reicbsdeutscher Zunge auftauchte, fiel sie ein wenig auf. Diese Sorte deutscher Bürgerinnen hat sich in den ersten Jahren der jungen Republik grollend zurückgezogen. Früher, in der Rangordnung des wilhelminischen Deutschland. war sie als das Vorbild häuslicher Tugend verhimmelt worden. Dann, in den Sturmjahren des Umsturzes, fiel die Gloriole von ihr ab und es blieb nichts übrig als reizlose Mittelmäßigkeit Auf einmal sollte sie sich um mehr als um ihre Kücken, ihre Kleider und Ihre Kirche kümmern, auf einmal bekam sie etwas von dem verhaßten Klassenkampf zu spüren, vor dem sie sich bis zum Zusammenbruch so hochmütig abgeschlossen hatte. Die deutsche Kleinbürgerin und Mittelstandsfrau war auf den Umsturz böse, well er sie vor den Kopf gestoßen hat Empört hate sie merken müssen, daß nicht mehr sie obenauf war, sondern die im Lebenskampf und im Beruf stehende, die an der Politik Interessierte Frau. Am Vergeltung hoffend, zog sie sich zurück. Und die Wirtschaftskrise schürte Ihren Haß gegen alles Neue nur noch mehr. Hatte es Jemals unter dem Kaiser so viel Not gegeben? Brachte der Mann, selbst wenn er noch überhaupt werken konnte, nicht von Monat zu Monat von Woche zu Woche weniger heim? Die ganze Politik, durch die Wirtschaft unterwühlt, wurde haßerfüllt Da machte plötzlich eine Partei von sich reden, die der Frau von gestern wieder zn schmeicheln begann. Die ihr versprach, sie, die vatertandstreue, die kinderreiche, die Haus- gebundene Mutter wieder emporzuheben. Nicht weibliche Energie und weiblicher Verstand, nicht weibliche Lebenskraft und weibliche Talente würden, wenn sie einmal an der Macht wäre. Geltung finden, sondern die ausschfleB- lich an das Haus, den Mann und das Kind hingegebene Frau. Die Klelnbürgerin und Mittel- Sle bl Zukunft für die Lektüre tu Ihrem Lager zu beziehen wünschen." Wir wissen, welchen dreisten Schwindel das Regime Jetzt über Oranienburg verbreitet, um von den Enthüllungen Gerhtrt Segers über die grauenhaften Zustände und Vorgänge in Oranienburg abzulenken. Aber wir werden den Schwindel des Regimes festnageln! standsfrau. die sich ein Jahrzehnt lang zurückgesetzt gefühlt hatte, horchte auf. Sollte wirklich wieder ihre Zeit kommen? Wird sie einmal herabsehen können auf die„politisierenden Weiber"? Von Wahl zu Wahl erhielten die Nationalsozialisten mehr Frauenstimmen. Als sie dann, am 5. März 1933, siebzehn Millionen stark, das deutsche Volk überrannten, da hatte ihnen nicht zuletzt die deutsche Kieinbürgertn und Mittelstandsfrau zu diesem unheilvollsten und unheimlichsten aller politischen Erfolge verholten. Unter den sozialdemokraiiscben Abgeordneten, die noch gewählt worden waren, befand sich auch Toni Pfülf, die Vertreterin Nieder-Bayerns. Zu Ehren aller deutschen Frauen sei ihr Schicksal wachgerufen, um auch uns österreichischen Klassenkämpferinnen Mahnung zu sein. In den achtziger Jahren, als Kind einer großbürgerlichen Familie, mit Gouvernante und Dienerschaft mannigfacher Art aufgewachsen, fiel das Mädchen frühzeitig durch seine Charakterstärke auf. Das zartgewachsene Kind hatte einen Onkel, der war Genertl bei den Jesuiten, hatte Verwandte, die waren hohe Offiziere und Juristen. Darum helle Empörung. als das Mädel zum erstenmal mit dem Wunsch herausrückte, nicht nur sich auf den Beruf einer Volksschullehrerin vorzubereiten, sondern diesen auch auszuüben. Noch ahnte Toni Pfülf nicht, daß ihr Weg sie über die Berufserrin- gung hinaus In die Reihen des kämpfenden Proletariats führen sollte. Bald entwickelte sieb in dem iungen Geschöpf mit dem eisernen Willen eine nicht gewöhnliche Lehrbegabung. Und je mehr sie mit den Kindern des Volkes in Berührung kam, desto weniger genügte es ihr, diese bloß tu unterweisen, sie wurde ihre erzieherische Freundin. Sie kam allmählich den Müttern Ihrer Schützlinge und über diese der Arbeiterschaft selbst näher. Und so wurde die Tochter des reichen Bürgertums insgeheim Soztallstm. Wer die kleine schwache Frau mit dem männlichen Kopf kannte, der erlebte an ihr den In der Geschichte der Arbeiterbewegung immer wiederkehrenden Gegensatz: daß Menschen. die In Ihrer Kindheit die Annehmlichkeiten der bürgerlichen Welt aaskosten konnten. viel leichter und mit viel geringerem Bedanern diese Annehmlichkeiten entbehren könne«. als Männer und Frauen proletarischer Abstammung, deren persönlicher Aufstieg sie erst in späteren Jahren mit den Bequemlichkeiten des Besitzes in Berührung bringt Und so lebte auch Toni Pfülf ein überaus einfaches, fast asketische« Leben, ganz ihrem Beruf und der Arbeiterbewegung hingegeben. Toni Pfülf hat niemals viel von sich reden gemacht und war doch der Tüchtigsten eine- Ihr Wahlkreis, Niedcr-Bayern, galt ah überaus schwer für die Sozialdemokraten zu gewinnen. Der bayrische Bauer ist konservativ. Aber die Pfülf, selbst bayrischen Blutes, hat neben ihrem Ernst auch ein Stück bayrisch derben Humors mit auf den Lebensweg bekommen. Es dürfte wenige Frauen geben, die sich, so wie sie, ihren Wahlkreis wirklich selbst erobert haben! Und so gehörte sie seit der Nationalversammlung der gesetzgebenden Körperschaft der Deutschen Republik an und hat mit ihren Juristischen Fachkenntnissen in so manchem Ausschuß Wertvolles geleistet Frühling 1933. Tiefe Finsternis senkte sich über Deutschland. Die Gewerkschaften waren Front des Geistes Bemerkenswerte neue VerAHentllchungen. Im„Kamp f', der Monatsschrift der österreichischen Sozialdemokratie, schreibt R i- chard Kern unter der Ueberscbrift„Die Internationale vor der Entscheidung"; „Die Internationale hat in der nun wirklich versunkenen Periode mit Schiedsgerichtsverfahren, mit Feststellung de« Angreifers und mit gemeinsamen Aktionen gegen den Friedensbrecher gerechnet Das ist vorbei. Mit Verträgen lassen sich faschistische Gewaltherrschaften nicht binden... Nicht nur Verträge, sondern nur dadurch. daß der Krieg für die angriffsbereiten Diktaturen aussichtslos gemacht wird, kann der Friede gegen die Staaten gesichert werden, In denen der Faschismus, der bereit ist völkerrechtliche Verträge genau so zu achten, wie beschworene Verfassungen, zur Herrschaft gekommen ist Das Zugeständnis der militärischen Gleichheit an die nationalsozialistische Diktatur bedeutet nicht Sicherung, sondern Bedrohung des Friedens." Im„Aufruf", dem Organ der Liga für Menschenrechte in Prag, schreibt Gregor Bienstock unter der Ueberscbrift„Frieden mft Hitler": „Hitler schickt sich an, Europa zu erobern. Zwischen der Oder und dem Rhein akkumuliert sich eine Spannkraft die das alte Europa zerstören«oll. B« handelt sich dabei keineswegs nur um Giftgase. Bombenflugzeuge und Großkanonen. Viel wichtiger als die materielle ist die geistige und moralische Aufrüstung Deutschlands. Hitler bedroht die europäische Demokratie mit dem Schwert und vielmehr noch mit der geistigen Kontagion." Die„Neue Weltbühne" Nr. 6 veröffentlicht in der Form eines Interviews mit Ludwig Börne ausgezeichnete Auszüge aus Börnes Schriften, darunter die folgende Stelle über die Entwicklung der publizistischen Freiheit in Deutschland: „Es wird noch dahin kommen, daß man In politischen Schriften sich nur der Vokale wird bedienen dürfen. A. E. I. O, U,— nichts Allgemeineres als da«. Dlpbtonge haben schon viel Unbescheidenes und man wird sie bloß In den seltenen Fällen verstatten, wo c« nottut, das Volk zu begeistern— so etwa w Befreiungskriegen." »»Hände weg!" Kari Rauch, der Herausgeber der J-fte- Jirischen Welt", Berlin, gehört zu Jenen im Dritten Reich, denen ab und tu die alie überläuft Wir haben kürzlich ein Don- 'erwetter zitiert das er in der Zeitschrift„Die ai" gegen die„vermotteten Nichtskönner" leß, die sich heute In der deutschen Lite- breit machen. Daß im Schrifttum des r'tten Reiches krumme, schiefe, verbogene, 'r'ogene Gewächse üppig emporschießen � s s e n, weil sie von höchster Hand Üebe- Vo|, gepflegt werden, hat Karl Rauch zwar efmutlich nicht erkannt tonst könnte er wohl eine gleichgeschaltete Literaturzeltschrift erausgeben(oder könnte er doch? Worüber !e8t er sich dann auf?), aber wenigstens packt 'n ab und zu die Wut und— bis der Zensor ' n beim Kragen nehmen wird, läßt er seine drucken. So in der„Literarischen Welt", VT8*0* 1934. Nr. 3. Er schreibt da ta einem u,satz„Hände weg von— Langemarckl": Das Preußische Theater der Jugend to spielt in diesen Wochen ein aus zwei Wcken verschiedener Autoren zusammen- aeschmiedetes Drama„Langemarck". Der 'chterische Wert des Ganzen tat ° h n e Belang. Bühncnleltung und Insze- "ung bemühen sich mit vorzüglichem Kön- en. obwohl es nirgends gelingt die undra- atische Breite, Patheük und Rhetorik de« ««c$ durch die Darstellung zu überwinden- verwegen und temperamentvoll sind '£ ich die beiden englischen Bilder, die " deutschen Szenen sind angefüllt mit �"rächen und Reden, deren Unwirklichkeit � Lngiiubhaitigkcit nw hl« uud da für «Inen liebten Moment durchbrochen sind. Dies« Redseligkeit widerspricht durchaus dem beilignOcbtenien Geist des Aufbruchs von 1914 und erscheint sehr viel mehr au der Redebescssenhelt von(»33 gebor««. Diese Jungen vom August 14 haben bestimmt sehr viel weniger geredet... Und das Theater dient ta keiner Welse der Weitergabe des Langemarckgeistes, sondern versündigt sich an dessen unsterblichem Vermächtnis, wenn es stürmende Knaben ta Feldgrau Ober Papp ka Itaseti hinweg du Deatsch- landlted«Ingen läßt während die zuschauenden Kinder— zehn- bis siebzehnjährige— den Lärm der angedeuteten Schrapnells und Maschinengewehre als ein Wlldwcstgaudl empfinden und Ins Sterben auf offener Bühne h I n- ein lachen, ata sei das Ganze ein toller Karl-May-Füm. Hände weg von Langemarckl... Sie werden die Hände nicht wegnehmen, sie denken gar nfebt daran! Die„Redebesessenheit von 1933", der blutige Kitsch und Schwulst werden erst mit dem Dritten Reich zugrunde geben. Munin. Idealismus Terboten Der PräsMeu des Hegel- Welfbandes muß geben. Vor einigen Tagen wurde das Kolleg des bekannten Philosophen Professor Richard K r o n e r In Kiel durch Nazis, die den Gelehrten durch wilden Tumult am Lesen verhlnder- leu. gesprengt, was einer Beendigung der Lehrtätigkeit Krooers gfelcbzuacbten tat Gegen Kroner, der als Kriegsteilnehmer— er war Oberleutnant im Felde— trotz ulcbtarlscher Abstammung zugelassen war. hatten die Studenten bereits vor einigen Wochen Sturm ge» laufen. umtanausderKantgeselKcbaft, deren Präsident er war, hinauszuwerfen, was Ihnen auch gelungen war. Kroner tat einer der hervorragendsten Kenner der Philosophie des deutschen Idealismus, die er in seinem zweibändigen Werke„Von Kant bis Hegel" dargestellt hat Ata Präsident de» Hegelweltbunde» wurde er noch Im Frühjahr vorigen Jahre«, n- a. von den Vertretern der Italieotachen Regierung.«1s prominenter Repräsentant des deutschen Hegelianismus lebhaft gefeiert Staateseföhrliche Hellseber Die wü rttemberglscbe Regierung hat ein Gesetz erlassen, nach dem das„Hellsehen. Traumdeuten, Wahrsagen und Weissagen aus den Sternen" unter empfindlicher Strafe gestellt wfrd. Wie undankbar die HltfertcrrortsteB sind! Der von ihnen nmgebrachtc Hellseher Hann s s e n hat mehr für die Popularisierung sei- ner Mörder getan als irgend ein anderer! Glauben die Tyrannen vielleicht daß ihnen Heü- seher und Sterndeuter das baldige Ende Ihrer blutigen Herrlichkeit prophezeien könnten? Der Parademarscb Die..Magdeburger Presse" bringt in großer Aufmachung die nachfolgende welt> erschütternd« Nachricht; „Ehrung der Magdeburger SA! Der selbständigen SA-Standarte 26 wurde als einziger Standarte in Deutschiand der Bade n w e l( e r Marsch— der Lfeblings- marsch des Führers— ata Parademarsch von der Obersten SA.-Fflhrung verlieben 1" Wenn das nicht besser tat ata Brot für iiun* derttausend Arbeitslose... Ufa- Antisemitismus Der Jade darf nicht genannt werden. In den Berliner Ufa-Theatern läuft zur Zelt ein französischer Film Xa Matcrnelle" der einen ungewöhnlich starken Eindruck auf das Publikum macht Täglich verlasse«— wie wir der.Jüdischen Rundschau" entnehmen hunderte Menschen das Kino, die noch lange auf der Straße an einem von Trinen geröteten Ausdruck erkennen lassen, was sie erlebt haben. Die gesamte Presse, voran der„Angriff, tat voll des Lobes für diesen Film, dessen hohe Kunst allgemein anerkennt wtad. Bemerkenswert ist nun. daß die gleichgeschaltete und nationalsozialistische Presse diesen Film lobt obwohl er das Werk eines Juden, des Regisseurs B e o o i t-L e v y tat Um aber zu verbäten, daß das Publikum sich darüber Gedanken macht tat der Doppelname des Regisseurs um seinen Levy-Anteil gekürzt worden. Im Personen verzetchnte des Films, ta den Anzeigen, in den Kritiken der Tages- presse beißt ee statt Benoft-Levy ganz schlicht: Jean Beoolt Der Jude und sein Werk wer. den akzeptiert— schon von wegen der hohe» Etanahmen— nur»oll es eben nicht jeder wf ssenl stfeidigeschaltet, ihre Führer emecsperrt, verfolgt und gefoltert, das Vermögen der deutschen Partei, ihre Arbeiterheime, ihre Zeitungen, ihre Druckereien gestohlen. Am 17. Mai sollte, was vom Parlament übriggeblieben war, als uniformierte Komparserie für Hitlers heuchlerische Friedensrede auf die politische Bühne der Kroll-Oper geführt werden. Die Sozialdemokraten hatten sich vorher versammelt. In leidenschaftlichem geistigem Ringen stritten sie darüber, ob sie teilnehmen sollten oder nicht. Toni Pfülf war die einzige, die sich dem Fraktionsbeschluß nicht gefügt hat. Sie nahm Abschied von den Freunden, so ernst und so feierlich, daß es einigen von ihnen die Kehle zuschnürte. Schon einmal hatte die zarte Frau, die sich, je ärger der Faschismus in ihrem geliebten Deutschland tobte, um so mutiger in die ersten Reihen vorwagte, Kühnes getan. Als der Marionetten-Reichstag nach dem Sieg der braunen Horden zum erstenmal wieder zusammentrat, da ist Toni Pfülf hinaus zu dem Vorsitzenden Döring gegangen:„Sehen Sie Ihre Parteigenossen? Sie zeigen mit den Fingern auf die Opfer von morgen, sie wählen schon die Sozialisten aus, die beseitigt werden sollen!" Das klang damals wie die Ausgeburt einer krankhaften Phantasie. Es ist seither gräßliche Wirklichkeit geworden. Toni Pfülf hatte nur noch einen Lebensinhalt: ihre Partei, die Arbeiter, die Bewegung. Und sie erkannte, daß es da keine Kompromisse, kein Nachgeben, kein Paktieren gab, sondern nur schroffe Abgrenzung gegen diese Barbaren, um vor den eigenen Proletariern, vor der ganzen Internationale und— vor sich selbst zu bestehen. Als dann die Fraktion ihrer Partei vor jener Kroll-Opern-Koraödie, die am 17. Mai 1933 als Galavorstellung vor der Nation und der Welt stattfinden sollte, beschloß, an der„Sitzung" teilzunehmen, da ist Toni Pfülf zusammengebrochen. Denn mm war ihr auch das letzte genommen worden. Mochten die Motive der anderen auch noch so ehrlich sein, da konnte sie nicht mehr mit. Ein paar Händedrücke den intimsten Freunden, ein letzter Blick zurück zu den Kampfgefährten einer besseren Zeit und... Am 9. Juni meldete das Woin-Büro aus München; Die sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Toni Pfülf hat sich gestern mit einem Schlafmittel vergiftet Sic wurde gestern in ihrer Wohnung in der Kaulbachstraße bewußtlos aufgefunden und m das Schwabinger Krankenhaus gebracht, wo sie noch gestern starb. Es liegt einwandfrei Selbstmord vor. Ein Leben war ausgelöscht Aber die Fak- kel, die in dieser Frau geleuchtet hat ist als Flamme in die Herzen von tausend und aber tausend deutschen Kämpferinnen versenkt: jener deutschen Mütter, denen in Nazi-Deutschland der Mund verschlossen ist Aber Ihre Zeit wird kommen und dann wird auch Toni Pfülf auferstehen, jene deutsche Frau, die lieber die Schwelle des Schattenreiches überschritt als im Dritten Reich zu leben. (Aus der Wiener Monatsschrift„Die Frau") Das ffAifftsaf des DoMots � wnm �WWWWWWwW�mwWW wWIrU~ ITWWwWWU Stabilisierung der Währung— Keine Festigung der Wirtschaft! In der internationalen Wirtschaftspolitik ist eine Entscheidung von großer Tragweite erfolgt Am 1. Februar, sogleich, nachdem der amerikanische Kongreß das auf zwei Jahre befristete Währungsgesetz angenommen hatte, das den Präsidenten ermächtigt den Goldgehalt des Dollars auf höchstens 60 Prozent und mindestens 50 Prozent seines früheren Gewichts festzusetzen, hat Roosevelt von seiner Vollmacht Gebrauch gemacht Der neue Dollar wird 59.06 Prozent der alten Goldmenge enthalten, das heißt 15 Grains von%„ Fefnheit. Der Preis der Unze Feingold beträgt 35 Dollar. War der alte Dollar seinem Goldgehalt gleich 4.20 Reichsmark, so ist der neue gleich 2.48 Reichsmark oder 15.12 französ. Francs. Der geistigen Vorbereitung zur Führung des Kampfes gegen den Faschismus zu dienen— das ist die Aufgabe der„Zellschrift für Sozialismus". Das Januarheft enthält eine Auseinandcr- scljung mit Trotjky:„Trozki smus und Sozialdemokratie" von Schifrln, seljt sich mit dem deutschen Faschismus in zwei Artikeln:„Die Gewerkschaften Im faschistischen Deutschland" von Leopold Franz und von Karl Exner über die„Ockonomie des Fa s c h i s m u s" auseinander und schließt mit einem Diskussionsbeitrag von Ernst Anders über„Die Organisation der Freiheit", sowie Glossen und einer Bücherschau ab. „Die Zeitschrift für Sozialismus' erscheint bei derVcriagsansfalt„Graphla" Karlsbad, Kanfstraße, und ist direkt oder durch jede Buchhandlung zu beziehen. Zur Fabrikation von Fieber-Thepmometern wird von Thermometerfabrik mir erstklassiz- fächkHndiger Schreiber und Bläser zum sofortigen Eintritt gesucht. Offerte werden bei Angabe der bisherigen Tätigkeit unter Chiffre „Thermometer'" an die Verwaltung des„Neuen Vorwärts" erbeten. Das Bedeutungsvollste der Maßnahme besteht zunächst darin, daß die Quacksai- beridee eines stets veränderlichen Dollars— einer Währung, die nicht bestän dig ist, sondern durch fortwährende Ein' griffe so manipuliert werden sollte, daß die Preise der Waren dieselben bleiben — aufgegeben zu sein scheint Die neue Währung ist eine Goldkernwährung. Von der klassischen Goldwährung unterscheidet sie sich dadurch, daß keine Goldmün zen für den inneren Umlauf ausgeprägt, der gesamte Goldschatz vielmehr bei der Notenbank gesammelt bleibt. Aber das hat die neue amerikanische Währung mit fast allen anderen Geldsystemen der Nach kriegszeit gemeinsam. Das Wichtigste ist daß jetzt '• der Mechanismus der Goldwährung wieder hergestellt wird zu dem festen Preis von 35 Dollar wird jede angebotene Goldmenge von der Notenbank(respektive dem Schatzamt) angekauft und jede angeforderte Goldmenge(nach Abzug von% Prozent als Unkostensatz) verkauft Der Dollar wird also stabilisiert, seine Schwankungen können sich nur in ganz bestimmten Grenzen bewegen. Denn würde der Dollar z. B. in Paris unter die Parität von 15.12 Frs. sinken, dann wäre es für den amerikanischen Zahlungsverpflichteten unpraktisch, seine Zahlung in dem unterbewerteten Dollar zu machen, er wird mit seinen Dollars Gold kaufen und dieses nach Paris senden. Steigt umgekehrt der Dollar über die Parität so würde der Franzose, der in den Vereinigten Staaten Dollarzahlungen zu leisten hat, seine Francs nicht zum Ankauf der zu teuer gewordenen Dollars verwenden, sondern zum Kauf der entsprechenden Menge Gold bei der Bank von Frankreich, dieses nach Neuyork senden, es dort in Dollar umwandeln und damit die Rechnung begleichen. Die Schwankungen des Dollar sind so begrenzt durch die Versendungskosten des Goldes, die stets nur den Bruchteil eines Prozentes des Wechselkurses ausmachen. Man wird in der Annahme nicht fehlgehen, daß die Stabilisierung des Dollars, deren Verweigerung die Londoner Wirtschaftskonferenz gesprengt und die Weltwirtschaft neuen Erschütterungen durch die Währungsunsicherheit ausgesetzt hatte, Roosevelt vor allem durch die finanzielle Lage aufgezwungen worden ist. Das ungeheure Defizit macht in nächster Zeit di« Aufnahme von ungefähr 6 Mit- fiarden Dollar nötig. Solange aber das Publikum mft einem weiteren Sinken des Dollars rechnen muß, ist die Anlage in festverzinslichen Anleiben ein schlechtes Geschäft Deshalb mußte der Abwertung ein Ende gemacht den Zeichnern die Sicherheit gegeben werden, daß Kapital und Zinsen ihren Wert behalten werden. Die Stabilisierung des Dollars würde nach nicht zu langer Zeit zu einer Stabilisierung der anderen Währungen, namentlich des Pfundes führen und damit den zerrüttenden Währungswirren ein Ende machen. Trotzdem wird dieses Ereignis, dessen Tragweite offenkundig Ist, mit merkwürdiger Zurückhaltung aufgenommen. Die Gründe sind mannigfaltig. Der tiefste Grund ist wohl die psychologische Verfassung der kapitalistischen Weit Sie hat Jedes Zutrauen zu sich verloren. Sie glaubt nicht mehr recht an die Heilungsmöglichkeiten. Sie erlebt so un- unterbroclien die Vergewaltigung der ökonomischen Vernunft durch die in der Krise zur Macht Gekommenen, daß sie selbst einer richtigen Maßnahme nur noch wenig Vertrauen entgegenbringt Und die Verwüstung, die angerichtet worden ist ist in der Tat so groß, daß sie zu Kleinmut alle Veranlassung hat Diese Stimmung wird noch dadurch gesteigert, daß in der Tat in dieser verrückten kapitalistischen Welt auch vernünftige Maßnahmen ihre merkwürdigen Mucken haben und zunächst Wirkungen hervorbringen können, die die augenblickliche Verwirrung noch steigern. Zum ersten ist auf Roosevelt und seine Leute ja kein Verlaß. Der Präsident selbst hat die neue Regelung nur als vorläufige bezeichnet mit dem ausdrücklichen Vorbehalt sie wieder„den Interessen der Vereinigten Staaten entsprechend zu ändern". Was nützt aber eine Stabilität eine„Festigkeit", die jederzeit geändert werden kann, wenn auch, die untere Grenze bei 50 Prozent der alten Parität gezogen ist, der Spielraum also wenigstens bekannt ist? Dazu kommen aber zweitens andere Unsicherheitsmomente. Die Staatsfinanzen zeigen ein ungeheures Defizit. Ob die Deckung durch die Anleihen gelingt, steht dahin. Versagt aber die Anleiheaufnahme, dann bleibt nur die Notenpresse, also die unmittelbare Inflation, da dem Rooseveltregime seiner politischen Natur nach sowohl Steuererhöhungen als Ausgabensenkungen kaum möglich sind. Ob aber die Inflation sich dann begrenzen läßt, ist immerhin zweifelhaft Man sieht die Stabilität steht auf unsicheren Füßen. Zudem sind die Anhänger einer weiteren Inflation politisch noch sehr stark. Die Preissteigerung namentlich der Agrarpro- dukte und der Rohstoffe ist hinter den von Roosevelt selbst erweckten Erwartungen stark zurückgeblieben. Die Gründe sind eigenartiger Natur. Die Agrarprodukte und Rohstoffe sind«Exportwaren, die in der Krise im Uebermaß vorhanden sind. Ihren Absatz müssen sie zum größten Teil im englischen Weltreich, in Skandinavien und in anderen Ländern finden, die noch vor Amerika ihre Währungen entwertet haben, deren Aufnahmefähigkeit dadurch vermindert worden ist Dieser verringerten Nachfrage stand das Angebot von Waren gegenüber, die um jeden Preis exportiert werden mußten. Kein Wunder, daß Preiserhöhungen selbst in der jetzt entwerteten Dollarwährung nur sehr schwer und sehr allmählich durchzusetzen sind. Die von Roosevelt erstrebte rasche Preissteigerung ist deshalb ausgeblieben. Auf lange Sicht gesehen, wird sie sich durchsetzen, das amerikanische Preisniveau wird sich allmählich dem verminderten Goldwert des Dollars anpassen. Aber wie lange Zeit zu der Ueberwin- dung der Reibungswiderstände erforderlich sein wird, hängt von dem weiteren Verlauf der Weltwirtschaftskrise ab und von der Wirksamkeit der anderen Maßnahmen, die Roosevelt zur Belebung der amerikanischen Konjunktur unternommen hat: der Einschränkung der Rohstoff- und Agrarproduktion, der Aufwendungen für die Arbeitsbeschaffung usw„ Maßnahmen, deren Milliardenkosten man kennt, aber deren Effekt man nicht kennt Man muß deshalb unter Umständen mit einem neuen Ansturm der Inflationsanhänger rechnen. Bleiben aber die amerikanischen Preise zunächst niedrig, dann bleibt auch ihre erhöhte Konkturenzlähigkelt auf dem Weltmarkt Die Furcht vor dieser Konkurrenz hält England und die anderen Länder mit entwerteter Valuta nicht nur davon ab, ihrerseits zu stabilisieren, sondern England scheint geneigt zu sein, das Pfund wenigstens teilweise dem Sinken des Dollars folgen zu lassen. Jedenfalls ist in den letzten Tagen ein weiteres Sinken des Pfunds erfolgt und die Unsicherheit über die englische Währung hat die Situation auf den Devisenmärkten wieder verschärft Die fortschreitende Entwertung des Dollars hatte in Amerika zu Kapitalflucht und zu Ansammlungen amerikanischer Fluchtgelder in Huropa geführt. Die werden jetzt zum Teil nach Amerika zurückströmen. Von den neuen Währungsbestim» mungen verspricht man sich auch ein® Hausse in amerikanischen Wertpapieren, da ja die Effektenpreise am raschesten sich dem Geldwert anpassen. Das wird viele europäische Gelder zu spekulativen Anlagen in Neuyork anreizen. Neue Geld- und Kapitalbewegungen größeren Ausmaßes künden sich an. Amerika wird Geld aus Europa anziehen. Bei der kaum überwundenen Panikstimmung bilden diese Abzüge eine gewisse Gefahr für die wenigen Länder mit Goldwährung, und neue Besorgnisse tauchen auf. Man versteht also, daß die kapitalistische Welt des Heils nicht recht froh wird, das ihr die neue Botschaft Roose- velts verspricht Die Angst verläßt sie nicht, daß das, was unter anderen Umständen rettende Medizin sein könnte, ihrem geschwächten Körper zum schlimmen Gift werden könnte. Dr. Richard Kern. Olympiade 1936 in Berlin Aus Kreisen des deutschen Arbeitersports wird uns geschrieben: Als die Arbeitersportler im Jahre 1925 in Frankfurt am Main ihre 1. Arbeiterolympiade leiern wollten, schrieben die kapitalistischen Sportverbände, dafl wir dazu kein Recht hätten. Wir hatten ihnen aber gezeigt, wie w 1 r uns eine Olympiade vorstellen. Es war wirklich edn internationales Massenfest, bei dem nicht nur bei den Wettkämpfen, sondern auch bei den gemeinsamen Massenübungen und Sondervorführungen die Nationen zusammenstanden und sich die Hände reichten. Auch das 2. Arbeiterolympia In Wien, Im Jahre 1931 war ein Fest der Hunderttausend. Kein Mißklang, keine Eifersucht, es war ein Fest der Völkerverständigung und der Solidarität Nun rüstet man wieder für das bürgerBche Olympia 1935 In Berlin. Ip elnerp Land, wo man die In der ganzen Welt bekannte Arbeitersportbewegung mit Ihren U Millionen Mitgliedern vernichtet hat wo die Sportplätze und Uebungshallen zu Exerzierplätzen herabgesunken sind, soll eine O ly m p 1 a d e stattfinden. Werai der bürgerliche Sport nicht In allen Ländern kapftaMstisch wäre, dann wäre eine Olymplade im Jetzigen Deutschland nicht möglich. Nur dort wo die Menschenrechte den körperlichen und geistigen Aufstieg der Völker fördern, hat man rin Recht eine Olymplade zu feiern. Die Soziallistische Ar- beitcr-Sport-Internationale hat deshalb dieser Veranstaltung den schärfsten Kampf angesagt HeittplormStfe tDocbcnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:„Graphla"; alle in Karlsbad. Zeitungstarff bew. m. P. D. ZI. 159.334/VIM933. Der„Neue Vorwärts" kostet im Einzel' verkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40,(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.— 24— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung-(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24.—), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.30 (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland£■ Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4—(48.—)• Frankreich Frs- 1.50(18.—). Großbritannien d. 4-(Sh. 4—). Holland Cid. 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50(54.-6 Lettland Lat. 0.30(3.60). Litauen Lit. 0.55(6.— 6 Luxemburg B. Frs- 2.—(24—), Norwegen Kr- 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(480), P?" lästina P. Pf. 0.018(0.216), Polen Zioty 0.50 (6.—), Portugal Esc. 2.—(24.—), Rumänien Lei 10—(120.—), Saargeblct F. Fr. 1.50(18.-6 Schweden Kr 0.35(4.20), Schweiz Frs. 0.30 (3.60). Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pen«0 0.35(4.20), USA. Dollar 0.08(0.20). 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