\r. 45 SOMTAG, 22. April£934 <5i>sialfom0lraKfcfrgg A erlag; Karlsbad, Hans„Graphia"•— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Wildwest vor den Toren Berlins Henkerwedisel in Berlin Die Lage der Emigranten Dr. Richard Kern: Wagemann gleichgeschaltet FrauenprolKt n Hitlskelt Ein Frauennotbund gegen Erniedrigung und Verleumdung— Gegen männlichen Irrwahn � Für Frauenrechte und Freiheit „Man verlangt von der Frau, daß sie sich mit allen Kräften für den Staat einsetzt, daß sie ihre Steuern zahlt wie jeder Mann— es wäre ungerecht, wenn unter denen, die über die Verwendung dieser Steuern zu beraten haben, nicht auch Frauen säßen... Seit einigen Jahr zehnten beginnt die Frau wieder zu erwachen, und dieser Prozeß wird unaufhaltsam fortschreiten, wie man sich ihm auch entgegenstemmt." Woher stammen diese Sätze? Aus einer Denkschrift des 1865 gegründeten „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins"? Aus einer demokratischen Frauenbro schüre des Zweiten Reiches? Aus einem verbrannten Frauenbuch? Nein! Sie sind wortgetreu einer Denkschrift na tionalsozialistischer Frauen „an den Kanzler des Deutschen Reiches, Herrn Adolf Hitler, und an den Vizekanzler Herrn F r a n z v o n P a p e n" entnommen.(Verlag Adolf Klein, Leipzig, 2. Auflage, 1934.) Was geht vor? Hat sich, dem Pfarrernotbund vergleichbar, mm auch ein „Frauennotbund" gebildet? Beinahe, nur nennt er sich nicht so, er nennt sicii vorsichtshalber gar nicht, verfügt aber über eine eigene Monatszeitschrift i e Deutsche K ä m p f e r i n«, die von Frau Sophie Rogge-Börner, Berlin, herausgegeben wird und in dem gleichen Verlag erscheint wie die oben erwähnte Denlcschrift. Diese nationalsozialistischen Wählerinnen sind enttäuscht und beginnen, sich das einzugestehen. In der Denkschrift heißt es: Auch die junge naohdeukende Prauengene- ration beginnt bereits mit Unbehagen zu fühlen, daß sie einem seltsamen männlichen Irrwahn gleichzeitig Vorschub geleistet hat, als sie aus höchstem nationalen Empfinden heraas die aktiven Träger der Befreiung des deutschen Volkes zu nnbesobränkten Herren ihres eigenen Schicksals erhob, damit aber auch zu Herren des gesamten Volks Schicksals... In einer wirklich unbefangenen Wertung der Frau ist man noch keinen Schritt vorwärts, aber viele zn- rflck gegangen. • Daß die intelligenteren nationalsozialistischen Frauen jene Weibchenrolle, die man ihnen im Dritten Reich zudenkt, entrüstet ablehnen, ist mehr als verständlich — weniger verständlich erscheint es, daß sie von der Entwicklung offenbar überrascht wurden, daß sie nicht vorher Bescheid wußten, daß sie einer Partd in den Sattel halfen, die weder weibliche Yertreter ins Parlament schickte, noch der Hrau in ihrem Programm auch nur mit einer Silbe gedachte. Nun es zu spät ist, dämmert die Erkenntnis, hebt ein großes klagen an, ja, die um mehr als ein Jahrhundert Zurückgeworfenen besinnen sich sogar dankbar auf de Verdienste der „alten"— gegenwärtig in Deutschland arg beschimpften— Frauenbewegung. dankt, indem es einen Teil von ihnen in Kerker und Konzentrationslager schickte, ■ andere ins Ausland oder in den Selbstmord hetzte. In der Dezember-Nummer der»Deutschen Kämpferin« fand Dr. Margarete Adam gleichfalls scharfe Worte: Die Frau, die der„Drecklinie des politischen Kampfes" entzogen werden soll, ist heute in eine Drecklinie der Verleumdung gezerrt, der sie zu keiner Zeit deutscher Vergangenheit bisher preisgegeben war. Sie hat der.Politik der letzten 14 Jahre in ihren leider nur viel zu wenigen Vertreterinnen schlagfertigste, fleißigste und sacli kundigste Mitarbeiter geliefert. Die Frau im öffentlichen Leben. Wir geben den nationalsozialistischen Frauen selbst das Wort, denn sie müssen ja am besten wissen, wie es in ihrem Staate aussieht: Irmgard Reichenau(in der Denkschrift): Selbst in den ihnen als arteigen zugebilligten Arbeitsgebieten dürfen die Frauen heute nicht Führerinnen sein... Frauen werk ist männerbestimmtes Werk geworden... In keinem Ministerium st eine Frau an mitleitender Stelle, keine im Auswärtigen Amt Weibliche Schulleiterinnen werden mehr und mehr durch rnänn- ISchc ersetzt... Damit, daß man die Frau aus allen cdniihißreiicben, geistige Anforderungen stellenden Aemtem ausschaltet stempelt man sie automatisch zu etwas Minderwertigem und Unmündigem... Zeiten, in denen der Machtwille, das Schwert herrschte, drängten die Frauen zurück. In Zeiten der Gedankenherrschaft traten sie neben den Mann; diese Perioden aber waren die Gestalter höheren Lebens. Dr. Leonore Kühn(in der Denkschrift): Es gfbt heute offenbar keine Frauen mehr in Deutschland, nur noch Männer, denn sie haben scheinbar keine Meinung mehr: man sorgt dafür, daß sie keine Meinung mehr haben! Sophie Philipps, Lehrerin(m der Denkschrift): Durch die Beschränkung unsres Geschlechtes auf ein eng umfriedetes Weibchendasein wird der Geschlechterkampf neu aufflammen, und bedrohliche Anzeichen dafür sind vorhanden.,. Nicht um unseret- willen, aber um derer willen, die nach uns kommen, rufen wir den führenden Männern des neuen Deutschlands zu; „Weltanschauungen der Freiheit sind Schwingen, Weltanschauungen der Hörigkeit bteieme Sargdeckel!" Die Frau im Bern!. Die Bilanz geht weiter. Wie steht es um die Frauenberufe? Läßt man die Frauen, die aus dem politischen Leben verschwunden sind, wenigstens im kleinen Kreise wirken? Wir lassen auch hier Vertreterinnen der nationalsozialistischen Partei sprechen, Dr. med. Helene Börner(»Die Deutsohe Kärapferinc, Februar 1934): Jetzt sieht man sich plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt, etwas zu verteidigen, was man schon für sicheren Besitz hielt Ja, es packt einen die Unruhe, es könnten voreilige Hände das einreißen und zerstören, was zukunftverheißend gerade für die Frauenwelt eben erst gewonnen und aufgebaut wurde... Dr. phil. Margarete Adam(in der gleichen Nummer der»Deutschen Kämpferm«): In der allgemein von männlicher Seite betriebenen Hetze gegen die berufstätige Frau, einer Hetze, deren Motive dem Manne einer besinnlicheren Zeit die Schamröte ins Gesicht treiben werden, dürfte Jeder Rekord durch eine gewisse breite Schicht männlicher Aerztc Immer wieder geschlagen werden. Es konnte geschehen, daß in einer großen Medizineikund- gebung ein Arzt seinen weiblichen Kollegen zurtef:„Nieder mit den Frauen!", ohne daß fbm von männlicher Seite dafür auf der Stelle(He verdiente Zurechtweisung zuteil geworden wäre. Else Lüders, ehemalige Demokratin, in der Märznummer der»Deutschen Kämpferin«): Im Jahre 1933 ist den erwerbstätigen Frauen in allen Berufen, Verheirateten und Lob der 14 Jahre! Eine der Schreiberinnen wagt sogar, die Mär von den„14 Jahren Mißwirtschaft" anzutasten, wenn sie bekennt: Es ist nicht wahr, daß die Parla- ""■entarierlnnen nichts geleistet hätten. Sie haben das geleistet, was unter äen gegebenen Verhältnissen geleistet werden konnte, und es liegt kein Anlaß vor, sie zu beschimpfen... Auch das Dritte Reich hat es ihnen ge- __ t_ Henkerwedisel in Preußen DIels fällt die Treppe hinauf Di eis, der bisherige Chef der geheimen Staatspolizei, ist Regierungspräsident in Köln geworden. Afc sein Nachfolger wird der Führer der feudalen SS. Himmler, gemeldet. Dids ist die Tieppe hinaufgefallen. Noch nicht fünfunddreißlglährig hat er von Göring die Verwaltung des schönsten preußischen Rc- gfenmgsbesalrkes übertragen erhalten, slcher- sioh entspidÖiend seinen eigenen Wünschen. Mag auch Frlcks Streben zu verreich Hchen, die orgamsatorfsche Veranlassung des Henkerwechsels sein, so zeugt doch die Wahl des Rc- gSerungspräsädiktms für die Güte von Dlels Nase. Köln ist die Hochburg des preußischen Katholizismus, Ist die Stadt mit der das Zentrum gefühismäßiSg am Innigsten verbunden war. Sebst der naffionaisoziaUsfcische Staat hat dort einen früheren Zentrumsmann als Polteeiprä- sidenten belassen. In Köln residiert als Erzbi- schof der Kardinal Dr. Schulte, dessen Beziehungen zu Hitler nicht weniger gespannt sind als die der anderen katholischen Kirchenfürsten und mancher nationaäsoziahstische Unterführer hat durch seine überheblichen Tapsig- kerten noch zur Verschärfung des Konfliktes heigetragen. Das Ist ein Feld für Diels. Popularität kann man mit der Geheimen Staatspolizei nur in ungünstigstem Sinne erwerben. Der Bedarf von Diels daran ist überreichlich gedeckt, der Aal sehnt sich wieder nach dem Halbdunkel. In Köln kaim man das scharfe Licht der Oeffent- lichkeit besser meiden. kann mit Geschicklichkeit und Urbanen Formen Sympathien bei jenen Leuten gewinnen,«He vielleicht morgen oder übermorgen wieder eine Macht und sicherlich dankbar sein werden, wenn man sie gut behandelt. Es kommt}a alles auf die Form an! Und Diels rühmt sich nicht umsonst seiner Kinderstube! In der Prinz Albrechtstraße aber wird Himmler regieren, dem bereits die politischen Polizeien anderer deutscher Länder unterstehen. Er wird darauf verzichtet, gleich Diels gleichzeitig Po- zedpräsidenrt von Berlin zu sdn, und die Los- lösung seines Amtes von Gödng und die Unterstellung unter Frick betreiben. Denn Göring ist es, dem wieder ein Stein aus seinem preußischen Bau herausgebrochen worden ist. Diels weiß, warum er nach Köln geht! Die Wahrheit über Verleumder Der angebliche Fall Severing. Die Nachricht, daß Severing eine Bro- schüre geschrieben habe,„Mein Weg zu Hitler", ist zugestandenermaßen eine bewußte kommunistische Fälschung und Verleumdung. Obwohl man bei den Kommunisten daran gewöhnt ist, daß ihnen im Kampf gegen Gegner jedes Mittel recht ist, hat doch der in diesem Fall an den Tag gelegte Zynismus selbst in ihren eigenen Reihen Erschrecken hervorgerufen. Den kommunistischen„Gegenangriff" häk das nicht ab, seine Verleumdungskampagne gegen Severing fortzusetzen. Wir wollen an seinem Beispiel zeigen, wie ein kommunistisches Blatt mit der Wahrheit FußbaJl spielt Es will„Tatsachen" feststellen. Sie sehen folgendermaßen aus: I. Severing schreibt mit Hitlers und Gö- rings Erlaubnis ein Buch. Tatsache ist, daß die Abmachung zwischen Severing und dem Verlag Ullstein bereits tm Jahre 1930 getroffen wurde, also ohne Erlaubnis von HiMer und Göring! 2. Severing schreibe in seiner Autobiographie, daß er stets gegen den Bolschewismus gekämpft und niemals Marxist internationaler Prägung gewesen sei. Tatsache ist, daß ein Manuskript von Severing bisher überhaupt nicht vorliegt. 3. Der Ullstelnverla« arbeite mit dem Propagandaministerium zusammen und wolle Severing ein hohes Honorar für sein Buch zahlen. Tatsache ist, daß der Ullsteinverlag auf Anfrage ausdrücklich erklärte, ebenso wie Severing, daß er nicht wisse, ob das Buch überhaupt erscheine. 4. Severing habe auf Einladung Ende Februar Göring besucht und erhalte seit dieser Zeit seine Ministerpension. Tatsache ist, daß Severing keine Unterredung mit Göring gehabt hat(in der Uebersohrift des »Gegenangriffs« heißt es sogar„Severings Besuch bei Hitler"). Das ihm wegen angeblicher„Unterschlagung von zwei Millionen Mark" vorenthaltene Uebergangsgeld als Minister erhält er seit Januar. Bedarf es noch eines besseren Beweises, daß die Kommunisten ihrer alten Taktik, den Faschisten in die Hände zu arbeiten, treu geblieben sind? Unverheirateten durch den Kampf gtztn die Frauenarbeit viel Unrecht zugefögt worden, Sophie Rogge-Börner(in der Denkschrift). Es nützt nichts, daß der Frau auf dem Papier alle Berufe offenstehen, wenn alle In »tanzen im Staate und alle offiziellen Berufs- vertretungen ihr die Arbeitsplätze verweigern Irmgard Reichenau(in der Denkschrift) Sonderbestimmungen im neuen Beamten- gfc;etz schalten die Frau in der Praxis aus. Im Erbhofrecht wird das weibliche Geschlecht schwer zurückgesetzt Man sagt zwar: Die Frau kann ja studieren"— aber der Mann, dessen Einstellung heute nur zu klar liegt, bestimmt von Fall zu Fall, ob sie sich zum Studium eignet. Falls er dies nicht findet, hat sie gar keine Aussicht auf Anstellung. Die Frau in der Familie. Also: auch im Berufsleben macht die Verdrängung der Frau erschreckende Fortschritte. Bleibt die Familie, das „eigentliche Wirkungsfeld des deutschen Weibes". Hören wir, was nationalsozialistische Frauen dazu zu sagen haben, hören wir, ob der„Zerstörung des Familienlebens durch den Marxismus" nun endlich Einhalt geboten wird. Sophie Rogge Börner(in der Dezember- Nummer der»Deutschen Kämpferin«): Die reinsten und kfnderfreudigsten Frauen können aHein das deutsche Blut nicht hüten und nicht bewahren, wenn es von den z u keiner Verantwortung und keiner Beherrschung erzogenen Männern im vor- und nebenehelichen Leben verdorben und krank gemacht wird... Es stimmt eben nicht, daß„das Volk gesund ist, wenn die Frau gesund ist" Richtig heißt es:„Wird eine Volkshälfte morbide(wie z. Zt die männhohe), so geht das ganze Volk unrettbar zugrunde." Darüber kann auch ein noch so trotziges Zurschaustellen muskulärer Kräfte nur eine Zeitlang hinwegtäuschen. Irmgard Reichenau(ht der Denkschrift): Der Mann wird heute nicht f 0 r, sondern gegen die Ehe erzogen..• Den Einfluß auf öffentliche Dinge, den man der Frau vorenthält sucht sie sich hintenherum zu erschleichen. Durch häusliche Tyrannei rächt sich die Unterdrückte für die außerhäusliche Ueberhebllchkeit des Mannes... Bttndische Erziehung, Kameradschaftshäuser, Männer- bünde, Sport, Kraft durch Freude, drohen durch Trennung der Geschlechter das Familienleben zu zerreißen. Immer weniger teilen die Ehegatten miteinander, immer weniger Einfluß behalten sie auf die Kinder und immer wefter blefbt die Frau im Schatten der Vereinsamung zurück,.. Geht man diesen Weg weiter, so beschränkt sich der Zusammenhang schließlich nur noch auf eine entseelte GeschlechtHchkeit. Dr, Leonore Kühn(in der Denkschrift): ... Der ganze Mutterkult ist unter solchen Umständen nur Lippenkult, und der Sohn, auch der jüngste, lacht schon heute der Mutter„männlich" überlegen ins Gesicht, wenn sie und nicht ein Maim ihm auch Autorität sein soll. Er zieht instinktiv für sich persönlich die Konsequenz aus ihrer ganzen öffentlichen Geführtenstelhmg... Er betrachtet die Mutter als die selbstverständliche Dienerin seines Lebens und die Frau überhaupt nur als willige Erfüllerin seiner Absichten und, Wünsche. Yella Erdmann(in der Denkschrift); Wie aber steht es bei der Entwicklung der letzten Zeit um die Autorität der Mutter?.. Kann es einem Kinde mit offenen Augen und Ohren entgehen, daß die Frau heute überall zurückgedrängt, ja h e r ab g e s e tzt und In enge Schranken zurückgewiesen wird? Muß nicht in so einem Jungen der Eindruck entstehen, daß die Frau— und damit auch seine Mutter — minderwertiger ist als der Mann, törichter, enger, urtellsloser? Wir sollen unsere Töchter in dumpfer Ziellosigkeit aufwachsen sehen, nur von der vagen Hoffnung lebend, vielleicht doch einen Mann und Kinder zu bekommen. Gelingt ihnen das nicht, dann war Ihr Leben verfehlt- Denn der menschlich-persönlich« Eigenwert der Frau so# nur noch in ihrer Funktion als Mutter bestehen. So sieht die„Neugestaltung und Festigung des Familienlebens", so sieht die „Wiedergeburt der deutschen Frau":~ Dritten Reiche aus. Wildwest m den Um Bedins im Der Fraucnnotbund, der sich da in aller Stille organisiert hat, ist bisher inner- und außerhalb der deutschen Grenzen noch wenig beachtet worden. Die Frauen— vor allem ihre geistige Leiterin Rogge-Börner— berufen sich bei ihrem Kampf gegen die Entrechtung des In Deutschland ist alles in Ordnung. Die wenigen bedauerlichen Ausschreitungen der nationalen Revolution sind verjährt. Schutzhaft wird nur noch nach strengen Anweisungen Görings und Fricks verhängt: die Konzentrationslager sind Sanatorien, in denen„Marxisten" vor dem Unwillen des Volkes geschützt werden: der Aufbau des„nationalen Sozialismus" macht unter begeisterter Zustimmung des ganzen Volkes große Fortschritte. Das ist die offizielle Lesart des deutschen Propagandaministeriuras. Alle anderen Behauptungen sind Greuelmeldungen. Die Wahrheit darf nicht in die Welt dringen, denn sie steht immer noch in schreiendem Widerspruch zu den amtlichen Darstellungen: sie entrollt immer von neuem ein Bild der A n- a r c h i e, des T e r r o r s, der Rechtsbeugung und der Korruption, wie sie in keinem zivilisierten Staat der Weit ein Beispiel hat. Heute veröffentlichen wir einen kleinen Tatsachenbericht aus einem Bezirk vor den Toren Berlins, der sich wie eine Wildwestgeschichte liest, der aber nichts anderes darstellt als einen Ausschnitt aus dein braunen Alltag, in dem heute ein Kulturvolk von 65 Millionen zu leben gezwungen ist. SA. kommandiert die Justiz. Ein SS.-Mann, der einen falschen Zwanzigmarkschein an einen Gastwirt unterbringen will, wurde vom Gubener Gericht freigesprochen, da es sich um einen schlechten Scherz handelte. Man versteht den Freispruch, wenn man der Verhandlung beigewohnt hat. Im Zuschauerraum saßen nämlich die Freunde des angeklagten SS.-Man- nes ziemlich ungeniert, und da erinnerten sich die Schöffen der letzten Ereignisse(Mißhandlungen, Befreiung von SS.-Gefangencn durch SS.) und kamen zum Freispruch. In Caf�s und Restaurants sprechen SA.- und SS.-Leute ganz offen aus, daß es keinem Schöffen und Richter einfallen solle, einen der übrigen Kameraden zu verurteilen. Besonders wolle mau sich die Staatsanwälte kaufen, die Strafanträge stellen und Strafverfahren einleiten würden. Man spricht sogar davon, daß in einer Verhandlung im April gegen einen SA.-Fiihrer der Generalstaatsanwalt aus Berlin selber plädieren will, da, die hiesigen Staatsanwälte Furcht haben, die Anklage zu vertreten. SA. befreit Gefangene. Im Amtsgericht Guben wurde der S S.- Mann Erfurth aus Fürstenberg a. d. Oder wegen Nichtleistung eines Offenbarungseides eingeliefert Am Sonnabend, dem 10. März 1934, erschienen mehrere SS.- Leute aus Fürstenberg und Guben und verlangten die Freilassung ihres Kameraden. Der Amtsgerichtsrat lehnte die Freilassung ab. Als am gleichen Abend die hiesige Polizei ein Vergnügen feierte, erschienen die SS.-Leute wieder im Gefängnis und verlangten mit vorgehaltenem Revolver die Freigabe. Der Gefängniswärter mußte unter dem Druck nachgeben. Am Mittwoch, dem 20. März, wurde Erfurth wieder eingeliefert, und zwar auf der Polizeiwache. Da die SS.-Leute vermuteten, daß man Ihren Kameraden mit der Bahn bringen würde, besetzte man den Bahnhof. Inzwischen war Erfurth aber mit dem Auto zur Polizei gebracht worden. Jetzt zogen die SS.-Leute zum Stadthaus und verlangten mit dem Sprechchor:„Eins, zwei, drei,"gebt uns den Kameraden frei!" und mit gezogenen Revolvern die Freilassung. Daneben wurden die Mäntel des PoWzelautos zerschnitten. Das Umwerfen des Autos konnte von der herbeigerufenen Polizei mit geladenen Karabinern verhindert werden. SA. Übt Selbstjustiz. Am Sonnabend, dem 17. März 19�4, nachmittags 1.30 Uhr, drangen vier SA.-Männer in das Geschäft des Kaufmanns Voigt n Guben, Gunnster 67, schlössen den Laden, ließen die Jalousien herunter und warfen sich mit dem Ruf:„Hose herunter" auf ihn, schlagen ihn mit dem Koppel, warfen ihn auf die Erde, trampelten Ihm mit dem Stiefeln ins Ge- 1 sieht und ließen ihn kaltblütig ohnmächtig liegen, wo man ihn fast verblutet vorfand, Voigt mußte sofort ins Krankenhaus, wo er drei Tage besinnungslos lag. Erst dann konnte er vernommen werden, aber Voigt war infolge des großen Blutverlustes so geschwächt, daß er kaum antworten konnte. Passanten und Hausbewohner, die die Hilferufe hörten, wagten nicht, Hilfe zu leisten. Der Grund zu diesen Mißhandlungen war eine private Auseinandersetzung zwischen Voigt und einem SA.- Mann, der seine Kameraden aufwiegelte. Voigt ist Schwerkriegsbeschädig- t e r und in seinem Stadtteil das älteste Mitglied der NSDAP. Staatsanwalt- schaft und Pdtzeiöhef unternehmen wie üblich nichts gegen die Uebeltäter. Ja, unter dem Schutz der Behörden können diese Verbrecher bereits eigene SA.-Kameraden, die ihren Unmut über die barbarischen Brutalitäten offen kundgetan haben, das gleiche Schicksal androhen, so daß diese gar nicht wagen, in ihrem eigenen Hause zu schlafen. SA.„erzieht" Marxisten. In Groß-Breesen wurden am 12. November noch 51 Prozent Neinstimmen abgegeben. Ein unerhört großer Prozentsatz Nein: stimmen. Also Groß-Breesen ist noch immer rot Man brütet Rache. Ein Zufall kommt zu Hilfe. Ein heftiger Novembersturm reißt am Kriegerdenkmal die schwarzweißrote Fahne vom Mast. Das Urteil ist fertig; Uebeltäter sind Marxisten. Am 19. November erscheint der Obersturmbannführer Schulz- Sa m b t e n mit 500 SA.-Leuten, läßt siebzehn Mann aus den Häusern holen, alles frühere Sozialdemokraten, sie in eine Gastwirtschaft bringen, ausziehen und b i s zur Bewußtlosigkeit schlagen. Darüber selbst im Bürgertum große Erregung. Der Arzt, ein Stahlhelmmann, stellt Atteste aus und sagt;„Wenn ein Tier so. geschlagen wird, dann wird der Mensch mit Zuchthaus bestraft. Deutschland hat zwar ein Ticrschuiz- gesetr, aber noch kein Menschenschutzgesetz." Führende Stahlhelmleute des Ortes wandten sich an den Reichsarbeitsminister Seldte, um ihm die Ueberfälle zu schildern. Sie wollten ihn bestimmen, ihnen Zutritt zu Adolf Hitler zu vermitteln, damit man ihm einen der Geschlagenen(die zwei am schwersten Geschlagenen lagen im Krankenhaus) zeige. Als die Deputation mit dem Geschlagenen in Berlin ankam, wurden sie tatsächlich weder von Hitler oder Göbbels empfangen. Bis heute hat dieses scheußliche Schauspiel noch keine Sühne gefunden. Im Gegenteil, der Obersturmbannführer Schulze-Sambten wurde bald darauf zum Standartenführer und politischen Beauftragten beim Magistrat und Landratsamt befördert, Z. Zt. steht scheinbar seine Ernennung zum Brigadeführer bevor. Dem Arzt, der sich erlaubt hatte, ein ehrliche» Attest zu schreiben, wollte man unter dem Druck der SA.-Leitung die Krankenkassenpraxis entziehen. Da die Erregung unter der Bevölkerung, besonders unter den Bürgerlichen, weiter anhält, erließ der neugebackene Standartenfüli- rer Schulze-Sambten einen Befehl in der Gubener Zeltung, daß Ober den Groß-Breescner Vorfall keinerlei Diskussion stattfinden dürfe. Zuwiderhandlungen würden mit dem Konzentrationslager bestraft Es wird weiter geprügelt. Am 4. Januar 1934 wurden in Neuzelle, Kreis Guben, die Arbeiter Pefer Novak, Karl Hentschke und Hans Geller ins SA.-Helm geschleppt. Dort wurden Ihnen die Kleider vom Leibe gerissen, dann wurden sie auf den Tisch geworfen, von vier SA-Männern festgehalten und von sechs Mann geschlagen. bis sie ohnmächtig wurden. Jeder erMelt 32 Schläge oder Sachen, wie der Ausdruck der Folterfachleute heißt. Am 5. Februar 1934 wurde der Arbeiter Otto Grund aus Neuzelle in seiner Woh- mmg von SA.-Männem Oberfallen und mißhandelt. In der Nacht vom 22. zum 23. März 1934 wurde der Stahlhelmmann Bankdirektor Oeltze-Guben von SA.-Männern auf der Schütrenhausbaude schwer mißhandelt. Der Versuch, Ihn in die Neisse zu werfen, mißlang, da Oeltze sich noch zum zehn Meter entfernten Feuermelder schleppen konnte. Die darauf erschienene Feuerwehr brachte den schwer Mißhandelten ins Krankenhaus- Von den Tätern fehlt jede Spur- Konjunktur für Verräter. Im Juni 1933 wurde der KPD.-Mann M i n k e aus Crossen zu neun Monaten Gefängnis wegen Waffen- und Sprengstoffbesitz verurteilt. Minke hatte einem Spitzel, den er als Vertreter der Zentrale angesehen hatte, von seinem Waffenbesitz erzählt Der Spitzel hatte Ausweispapiere der Zentrale bei sich und kannte auch alle Gepflogenheiten der Zentrale. Er hatte bei der Mutter von Minke gewohnt und war von dieser aufs beste bewirtet worden. Der letzte erste Vorsitzende der Ortsgruppe Crossen der KPD., Be- schauner, ist Polizeispitzel. Be- schauner wurde noch als Kandidat für die letzten Stadtverodnetenwahlen aufgestellt, er trat im Februar kurz vor der Wahl von der Liste zurück und wurde Mitglied der NSDAP. Am 1. Mai 1933 verbrannte er selbst alle„wieder aufgefundenen" KPD.-Fahnen auf öffentlichem Marktplatz in Crossen, bereute seine politische Haltung und erklärte, daß er ein verführter Kommunist gewesen sei. Auch in Radnitz, der kommunistischen Hochburg im Crossener Kreis, verbrannten die Kommunisten nach einer reuevollen Rede des Führers Gottwald ihre sämtlichen Fahnen. Ein Einarmiger in Dunkelhaft Die Machthaber Deutschlands behaupte». daß sie die Schutzhaft gemildert haben. Das ist unwahr. Seit Juni 1933 befindet sich der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Kurt Schumacher in Haft. Schumacher war sieben Monate im Konzentrationslager Heuberg. Als das Lager geräumt wurde, kam er auf die Festung Ulm. Seine Zelle ist völlig dunkel. Kein Tageslicht dringt ifl sie,„Schumacher und die übrigen Verhafteten leiden entsetzlich. Schumacher Ist Kriegsinvalide. Er besitzt nur einen Arm. Als er im Juni verhaftet wurde, wollten ihn die Nationalsozialisten, deren Todfeindschaft er sich durch sein mutiges Verhalten zugezogen hatte, im Triumphrug durch Stuttgart führen. Termin und Weg warear schon angekündigt, als die Reichswehr diese Diffamierung eines Kriegsopfers verhinderte, da sie üble Wirkungen auf die Stimmung der Bevölkerung befürchtete. Aber nach elf Monaten hält das Dritte Reich einen Einarmigen in Dunkelhaft, dem man nichts andere» vorzuwerfen verinagt als daß er ein unerschrockener Gegner dieses Systems ist! Hk. besdhimpft Benes Im Kreis Guben singt die SA: „O Polen, o Polen, wie wird es Dir ergehen, wenn wtr vor Warschaus Mauern werden stehen, Und BeneS, Du Schweinehund, auch Dich schlagen wir In Klump." Dieses Lied singt die SA. seit der Zeit, als Göring das Lied„Siegreich wollen wir Frankreich schlagen" verbot In den Instruktlonsstun- den der SA. haben darauf SA.-Führcr erklärt, daß sie die„Schweine In Polen und In der Tschechei" ebenso gerne ärgerten. Selbstverständlich wird das Lied auch in der Hitler-Jugend gesungen. Pogrom-Sportler In Beverungen In Westfalen wurde dieser Tage die Synagoge«n der vandali- stlsctcn Weise verwüstet Die Täter zerschlugen u. a. fast sämtHcho Fensterscheiben des jüdischen Betha«- scs. Als Täter wurden Absolventen der SA.- Sportschule In Beverungen ermittelt, die auf diese Weise ihren pogromsport- liehen Neigungen freien Lauf ließen. Weibes immer wieder auf„germanische Art", auf die Geschichte des „germanischen Volke s", auf „germanische Blutgemeinschaft", die einen„sentimentalen Weib- ichkcitsbegriff" und eine„romantische Wutterverehrung" in keiner Weise vertrage, vielmehr seien Verirrungen dieser Art„orientalischen Ursprungs". Möglich, daß die ständige Betonung des lOOprozentig Völkischen diesen Frauen einen gewissen Freibrief verschafft. Wahrscheinlicher ist es, daß man die ganze Richtung für ungefährlich hält, weil sich die Aufsätze und Aufrufe nur an die bürgerliche Frau wenden und die Entrechtung der Arbeiterklasse, die nicht minder vollkommen ist, mit keinem Wort erwähnen. Daß in einem unfreien, versklavten, entwürdigten Volke die Frauen keine Sonderfreiheit erlangen können. wissen die großen und kleinen Führer recht gut. Die Frauen um Rogge-Börner noch nicht. Sie werden auch das begreifen müssen. Es gibt kein Zurück zur germanischen Urgemeinschaft, es gibt nur ein Vorwärts zum sozialistischen Volksstaat. Käthe Hill. Das schwarze Wien Verfassung ersetzt, die erst den Armen auf seine Würdigkeit entwürdigend prüft, che sie ein Almosen hinschmeißt. Im Roten Wien waren die städtischen Arbeiter und Angestellten frei; kein Gesinnungszwang drückte sie und kein Wächter bespitzelte sie; im schwarzen Wien wird gemaßregelt und entlassen: nicht einmal die religiöse Gesinnung des einzelnen ist vor Nachstellungen sicher. Auch diese Freiheit ist für die Usurpatoren von heute ein liberalistisches Vorurteil. Der sogenannte Bürgermeister Schmitz hat noch vor dem Regierungsputsch die Konfessionslosen von der Arbeitsvermittlung ausgeschlossen, obwohl die religiösen Minderheiten genau wie die nationalen durch den Friedensvertrag geschützt sind. Man kann sich vorstellen wie der Herr heute, nachdem er dank den Haubitzen der Regierung sich als Bürgermeister bezeichnen darf, mit denen umspringt, die über irgend ein Dogma der katholischen Kirche anders zu denken wagen als er selbst. Was das schwarze Wien kennzeichnet ist die knechtische Gesinnung: in jedem Zweig der Verwaltung, in jeder Lebensäußerung der Zweimillionenstadt! Das heutige Regime setzt eine große Tradition fort, die Tradition des schwär- zen Wien Nummer eins, das sich nur deshalb so lange halten konnte, weil es durch ein Klassen Wahlrecht geschützt war, durch ein Klassenwahlrecht, das die Arbeiterschaft vom Mitbestimmungsrecht an ihrer Heimatstadt ausschloß. Damit sich das schwarze Wien Nummer zwei etablieren konnte, mußte die Verfassung der Wiener erst zerschossen werden. Klassenwahlrecht und Haubitzen, das sind die Grundlagen des ersten und des zweiten schwarzen Wien. Das Kennzeichen des ersten schwarzen Wien war die Korruption; der altwicner Skandal des„Gott Nimm" ist in die österreichische Geschichte eingegangen. Der Faschismus in Deutschland und in Italien ist von neuen Parteien getragen. Der Faschismus in Oesterreich wird von der alten christlichsozialen Partei getragen, die von Korruption stinkt Ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit ist durch eine lange Reihe von Korruptionsfällen gekennzeichnet. Das Symbol christlichsozialcr Politik ist der Finanzminister Ahrer, der nach Kuba durchgebrannt ist. Eine Partei mit dieser Vergangenheit nun wagt es eine Verwaltung, die bisher unter vollster Kontrolle der Oeffentlichkeit gearbeitet hat, so umzugestalten, daß heute jeder Einblick in die Geschäfte der Gemeinde verwehrt ist. Es entspricht wahrscheinlich ebenfalls einem liberalistischen Vorurteil, wenn man feststellt, daß das schwarze So sieht die Verfassung Wiens aus; bleibt nur die notwendige Frage, wie dieses System eigentlich legitimiert ist. Das schwarze Wien ist durch nichts und durch niemanden legitimiert. Die neuen Herren nennen sich Bürgermeister. Vizebürgermeister, Mitgliedder Bürgerschaft. in Wahrheit sind sie Usurpatoren. Die rechtmäßigen Verwalter von Wien, der Bürgermeister und die amtsführenden Stadträte sitzen im Kerker. Gäbe es in Oesterreich Recht und Gerechtigkeit, dann müßten die Leute, die sich heute ohne jeden Rechtstitel und ohne jede Legitimation unter Anmaßung eines ihnen nicht zustehenden Amtscharakters allerlei Würden zulegen, verhaftet und wegen Hochverrat verurteilt werden. Wir sind nicht so naiv zu meinen, man könne aus historischen Ereignissen einfach einen Strafprozeß machen. Aber es ist notwendig und wichtig, die Rechtsgrundlagen des heutigen Regimes festzustellen, notwendig zu sagen, daß das heutige Regime als Rechtsgrundlage nichts als die nackte Gewalt, daß seine Rechtstitel in Kanonen bestehen und in der Verantwortungslosigkeit, sie zu bedienen, einfach, weil das Volk nicht anders dazu zu bringen war, die Parteifreunde des Ahrer zu Verwaltern der Zweimillionenstadt Wien zu machen. Die Rechtsquellen des Regimes entspringen in der blutigen Gegenrevolution und seine Rechtsformen sind die der Diktatur, die in eine habsburgische umzuwandeln man erträumt. Das festzuhalten ist wichtig; denn die Diktatoren führen die Worte Recht, Gerechtigkeit, Religion und Christentum sehr häufig im Mund. Keine Irreführung durch diese Vokabeln! Die Herren sitzen genau mit dem gleichen Recht im Wiener Rathaus, mit dem ein Einbrecher in einer fremden Wohnung sitzt und sie geben mit dem gleichen Recht das Steuergeld des Wiener Volkes au� mit dem ein Einbrecher Geld ausgibt, in dessen Besitz ihn die Bedienung eines Sauerstoffgebläses gebracht hat. So sind die Rechtsqucllen des Regimes beschaffen. Sie werden als Präzedenzfall dienen. Eine Macht, die sich auf nichts gründet als auf die materiellen Waffen der Gewalt kann nicht Bestand haben, wie laut und marktschreierisch sie sich auch anpreisen mag. Das schwarze Wien wird vom zweiten Roten Wien abgelöst werden. Jede Tat, die von den heutigen Tradftionsfort- setzern des„Gott Nimm" gesetzt wird, wird ihre Sühne finden und wird als Präzedenzfall genommen werden. Wie lang immer die Herrschaft der Haubitzenbesitzer über Wien währen mag, der Tag kommt, an dem Rechenschaft gefordert und Sühne genommen werden wird. Fritz Brügel. Man fabriziert eine Die Zweimillionenstadt Wien hat, nach' dem man sie mit Maschinengewehren und Haubitzen beschossen hat, eine neue V e r- f a s s u n g erhalten. Der jeweilige Bundeskanzler ernennt den„Bürgermeister'* und dieser ernennt als seine Vertrauensleute und Stellvertreter drei„Vizebürgermeister". Jeder dieser drei Herren soll einen„Stand" vertreten, da man sich ia angeblich im ständischen Oesterreich befinde. Weiters werden etliche Herren, vielleicht auch Damen, zu Mitgliedern der „Bürgerschaft" ernannt, welche Institutionen im faschistischen Staat natürlich nur beratend sein darf. In diesr Bürgerschaft sind wieder die Stände vertreten, ohne daß man diese rätselhaften Körperschaften fragen wollte, wem sie ihre Vertretung anzuvertrauen gedächten. Lediglich die Religionsgesellschaften können ihre Vertreter nominieren. In dem neuen Bundesstaat Oesterreich, der beileibe keine Republik mehr ist, ist die Zweimillionenstadt Wien kein Bundesland mehr. Wien hat also weniger Rechte als etwa Vorarlberg, das seiner Einwohnerzahl nach einem mittleren Wiener Gemeindebezirk entspricht, Die Studenten der Rechte werden also nicht viel Zeit und Mühe opfern müssen, um sich mit dem Stück Papier vertraut zu machen, das sich als die Verfassung Wiens bezeichnet. Das Rote Wien hatte- eine wesentlich andere Verfassung. Sein Gemeinderat und Landtag ging aus geheimer Proporzwahl hervor. Der Geminderat wählte den Bürgermeister und die Leiter der städtischen Ressorts, die amtsführenden Stadträte. Jede ihrer Handlungen hatten die amtsführenden Stadträte Im Gemeinderat zu verantworten. Die gesamte Verwaltungstätigkeit des Roten Wien vollkeit. Von Wahl zu Wahl ist die sozialdemokratische Majorität stärker geworden; die breite Masse der Arbeiter und Angestellten hat immer wieder der Arbeit der Sozialdemokratie ihre bestätigende Zustimmung ge- geben. Auf dieser Basis konnte das Rote Wien sein ungeheures Aufbauwerk beginnen und weiterführen, das, was immer die heutigen Usurpatoren schwätzen und zerstören mögen, unzerstörbar bleiben wird. Jedes einzelne Ressort der Stadtverwaltung wurde von einem gewählten Vertrauensmann des Wiener Volkes geleitet, der für jede seiner Handlungen voll verantwortlich war. Im s c h w a r z c n W i e n stehen an der Spitze der Ressorts nicht mehr gewählte Leute; der sogenannte Bürgermeister kann, weiß und versteht die Arbeit a 1 1 c r Ressorts, das heißt: er ist auf Bürokraten angewiesen, die dadurch in dem autoritär verwalteten Wien mehr Macht haben als jemals zuvor. Gerade auf diesen Teil der neuen Verfassung bilden sich die Herren besonders viel ein. Sie weisen darauf hin, daß im sozialdemokratischen Regime an der Spitze des Bauwesens einmal ein Maurerpolier gestanden sei und daß Architekten und Ingenieure dem Nichtakademikcr hätten gehorchen müssen, welcher Terrorismus nun, Gott sei Dank! gebrochen sei. Das Volk von Wien aber weiß, daß es dem ehemaligen Maurerpolier ein paar seiner schönsten Wohnungsbauten verdankt und nimmt zur Kenntnis, daß im schwarzen Wien©in Maurerpolier, mag er so tüchtig sein, wie er wolle, selbstverständlich Maurerpolier zu bleiben habe. Das Rote Wien war getragen vom Vertrauen der Mehrheit der Wiener; das schwarze Wien ist die Kriegsbeute einer Clique, hinter der ein Bruchteil der Wiener steht. Die Presse dieser Clique pflegt el'ic solche Feststellung als„liberalistisches Vorurteil" zu bezeichnen. Die Tatsache aber bleibt bestehen. Und es sind aus ihr wichtige Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Das Rote Wien war eine Stadt des Sclbstbestimmungsrech- tes des Volkes, eine Stadt der Verantwortlichkeit, des Aufbaus und der Fürsorge; das schwarze Wien ist eine Stadt des Despotismus, eine Stadt, deren Bevölkerung weniger Rechte besitzt als die Bewohner eines Hottcntottenkrals, eine Btadt der Zerstörung und der hemmungslosen Verantwortungslosigkeit. Im schwarzen Wien hat man den Begriff der Huma- uität und der allgemeinen Wohlfahrt durch den Bettelbegriff einer„Wohltätigkeit" Die Lage der Emigranten Die Absichten des Flüchtllngskommlssars. Der Kommissar für die deutschen Flüchtlinge Mac Donald wallte vor kurzem In Prag, um sich über die Verhältnisse der deutschen Flüchtlinge zu unterrichten. Er gtf> dabei auch einige interessante Mittellungen über die allgemeine Lage der Flüchtlinge und über seine Tätigkeit und Absichten. Die Zahl der Flüchtlinge beträgt noch imtner etwa 60.000, von denen nur ein kleiner Teil eine neu« Existenzgrundlage gefunden hat. Palästina hat 10.000 Juden autgenommen, die dort ein neues Leben beginnen. Es müßten aber auch Heimstätten für jüdische und nichtiödisch« Flüchtlinge In anderen Ländern gefunden werden. Mac Donalds Anstrengungen gehen dahfn, den Strom der Flüchtlinge besser zu verteilen und Ihnen besonders in Oberseeischen Lindern Arbeits- mflgHchkeiten zu verschaffen. Im Zusammenhang damit stände auch die Ausfer- tlgung von Pässen. Mac Donald erstrebt eine Vereinbarung der im Flüchtllngsamte vertretenen Länder durch die Fremdenpässe mit einjähriger Dauer eingeführt werden. Siesollen auch von dem jeweiligen Aufentbaltsland anerkannt werden. Einige Länder haben bereits(hre Zustimmung zu dieser Regelung erteilt. Auf der Londoner Konferenz im Mai ist eine abschließende Regelung zu erwarten. Sind diese Absichten des Flüchtlingskom- missars auch nicht ausreichend, um die Lage der deutschen Flüchtlinge erträglich tu machen, Wien Nummer zwei kontrollos arbeitet; der Finanzminister Ahrer führte sein Ressort ebenfalls kontrollos. so wird man doch seine Absichten begrüßen und unterstützen können. Allerdings gehört dazu auch, daß der FHichtlingskomraiasar sich bewußt ist, daß nur ein kleinerTell der Flüchtlinge den vermögenden Schichten angehört. Der weitaus größere Teil aber aus Angestellten und Arbeitern besteht. Für dies« Schichten besteht die Gefahr, daß sie ihr einziges Vermögen verlieren. Es besteht nämlich tn den Pfllchtvcrträ- gen, die sie Jahrzehntelang an die Sozial- Versicherung gezahlt haben und in den Ansprüchen, die ihnen im Alter oder bei Invalidität zusteht. Diese Ansprüche zu schützen und zu erhalten ist eine Aufgabe, die der Kommissar ebenfalls beschleunigt in Angriff nehmen muß. Die Sopade hat ihm am 4. April ein« ausführliche Denkschrift über diesen Gegenstand eingereicht Sie enthält auch eingehend begründete Vorschläge, wie die bereits erworbenen Ansprüche(Renten) und die künftigen Ansprüche(Anwartschaft oder Bei- tragserstattung) gesichert werden können. Wir hoffen, daß Herr Mac Donald, gestützt auf die öffentliche Meinung der ganzen zivilisierten Welt, die Interessen der deutschen Flüchtlinge gegenüber einem mächtigen und brutalen Staat erfolgreich zu wahren wissen wird. Hitlers Wille zum Frieden. Die Hitler- regierung hat anstelle von Professor S c h ü k- k I n g den Professor Freytagh-Loringhoven auf die Liste des"Ständigen Schiedshofes In Haag setzen lassen. Anstelle eines Pazifisten einen Anhänger der Idee des Revanchekrieges. Der Griff nadi den Spargeldern Der§ 11 des Relchsfinanzministers. „Es wird gepumpt!" Mit dieser klassischen Wendung hat Hitlers Finanzminister, Graf Schwerin von Krosigk die Frage nach dem Ursprung des Geldes für die Arbeitsbeschaffung im Dritten Reich beantwortet. Man glaubt den Studuosus Biertimpel im zwölften Semester, nicht den verantwortlichen Säckelhüter eines Großstaates über die Grundlagen seiner Finanzgebarung reden zu hören. Klingt dieses kernige„Es wird gepumpt" doch fast wie der berühmte§ II des Bierkomments; Es wird gesoffen!? Dennoch, dieses treudeutsclie„Es wird gepumpt"— es war nicht ganz ofienherzig. Es fehlte nämlich eine wichtige Ergänzung, es fehlte die Angabe, bei wem und von wem gepumpt wird. Die entnimmt man weit unauffälliger der Presse des Dritten Reiches, wo schamhaft etwas über die„Einschaltung der Sparkassen" in die Finanzierung der Arbeitsbeschaffung mitgeteilt wird. Wo im Dritten Reiche„geschaltet" wird, ob„gleich" oder„ein", da steht die Sache faul. Die Einschaltung der Sparkassen ist nur ein euphemistischer Ausdruck für den Tatbestand, daß das Geld der Sparer jetzt in das Danaidenfaß der„Arbeitsschlacht" hineingeschüttet wird. Es gab während des Weltkrieges besonders kluge Leute, die wollten keine Kriegsanleihe zeichnen, weil ihnen diese zu unsicher schien, sie trugen ihr Ersparrtes lieber zur alten soliden Sparkasse. Wie sie sich nachher die Augen rieben, konnten sie gewahr werden, daß statt ihrer die alte solide Sparkasse das Geld in Kriegsanleihe verwandelt hatte... So ähnlich ist es auch jetzt. Die deutsche Sparkassen- und Giroorganisation hat einen Plan ausgearbeitet, der darauf hinausläuft, mindestens 1500 Millionen Reichsmark, also anderthalb Milliarden, aus Spareinlagen im Laufe des Jahres 1934 für die Arbeitsbeschaffung bereitzustellen. Da es aber für die Sparkassen gewisse Vorschriften gibt, die den Sparern die Sicherheit und Liquidität ihrer Einlagen garantieren sollen, so verlangt dieser edle Sparkassenverband die Aufhebung, bezw. Milderung der zur Zeit geltenden„starren und heute überholten" Liquiditätsbestim- mungen. Man merkt deutlich, wie hier die schiefe Ebene betreten wird, auf der die Spargeldcr in den Abgrund rollen werden. Damit der Sache aber ein gewisser versöhnlicher Humor nicht fehlt: just dieser Tage schaltete sich der Schutzverband der deutschen Sparer gleich und ließ öffentlich erklären, daß sein früheres Mißtrauen gegenüber Regierungen wie Brüning nunmehr geschwunden sei, daß der Verband deshalb gegenüber der nationalen Regierung seine Trutz- und Kampfstellung aufgebe und sein neues Ziel darin sehe, die Bevölkerung über den Wert des Sparens aufzuklären. Uns ist, als töne es von weither; Zeichnet Kriegsanleihe... sicherste Anleihe... zeichnet Kriegsanleihe! Julius Civilis. Deutsdie Tergeltt es! Verbotene Abstlmmunssfeiern in Ober- schlesien. Aus Gledwitz wird uns geschrieben: Es gehört zum Brauch in unserer Gegend, •daß die Volksabstimmung von Oberschlesien alljährlch zum Gegenstand einer nationalen Feier gemacht wird. Auch in diesem Jahr bereitete man sich auf die Abstimmungsfeier vor. Von allen Orten Oberschlesdens sollten am 24. März die SA und SS. und alle Vereine nach Gleiwltz zusammengezogen werden. Eine große Ehrenpforte wurde errichtet mit der Inschrift: Deutsche, vergeßt es nie! Die Straßen aufziige waren schon eingeteilt. Das Programm war festgestellt. Am Sonnabend großer Fackelzug, am Sonntag die eigentliche Feier. Aber siehe da, als der Sonnabend, der 24. März herankam, wurden die Abstimmungsfeiern in ganz Obcrschlesien von der Regierung verboten. Die verdutzten Glei- witzer glaubten zu träumen, als sie sich am Morgen des 25. auf den Ring begaben und die Ehrenpforte, die Sür den feierlichen Umzug errichtet worden war, In verändertem Zustand auffanden. Statt der Worte: Deutsche, vergeßt es nie! lasen si« letzt: Achtung! Ehret Handel und Gewerbe! Briefe aus Deutschland Berichte aus den Betrieben Am 2. Mai 1933 ist mit dem Raub der Gewerkschaften der Zusammenbruch der Organ) sationen vollendet. Die moralische Wirkung war die ersten Monate niederdrückend. Es gibt keine proletarischen Organisationen mehr, aber es gibt noch Proletarier, deren Geist die Gewalthaber nicht töten konnten. Vor allem halten die jungen Arbeiter den Zusammenhang aufrecht. Kleine und kleinste Gruppen treffen sich, sie pflegen die Verbindung mit dem Nachbarbezirk. Von der aktiven Politik sind wir ausgeschaltet, aber sozialistische Schulung wird getrieben, das hält uns wach in dieser geistigen Leere des Dritten Reiches. Die politische Diskussion ist das Aktivum der denkenden und geschulten Arbeiter. Denunzianten und Gefahren umlauern die Besten unserer Arbeiterschaft, aber die Sehnsucht mit den Kameraden und Gesinnungsfreunden zu sprechen ist zu groß, als daß die drohende Ver haftung abschrecken kann, und schließlich hat ja das ganze Volk gelernt, im Flüsterton zu sprechen. Wir haben auch sonst manches gelernt Es ist viel Energie in diesen kleinen Kreisen und wenn ein Diktator das ganze Volk in Zellen zerschlägt, dann könnten auch einmal die Zehntausende von Grüppchen eine Macht werden. * Bei den Resten der konurmnistischen Bewegung ist es auch lebendig. Aber die Moskauer Methoden haben sich nicht gebessert und nicht geändert. Mancher tapfere kommunistische Jungarbeiter wird geopfert, ohne daß er der antifaschistischen Tätigkeit hat dienen können. Es mußte Schriftenmaterial verbreiten, daß im alten Stil gegen die SPD. gerichtet ist und so den Nazis wirklich nicht wehe tat. Auch der Garniturcnwechsel reißt hei den KP.-Organisa- tlonen nicht ab. Wer nicht bereit ist, den Moskauer Illusionen zu folgen und wer nicht nachspricht, daß die deutschen Arbeiter bereits inmitten einer neuen siegreichen proletarischen Revolution stehen, der wird abgesägt. Aber allmählich dämmerts auch bei den kommunistischen Arbeitern. Unser© NS.-Betrlebszelie hat dem Leiter des Reiclislntlturamtes der Deutschen Christen eine Zusammenstellung seiner Unterschlagungen und Gaunerien übermittelt, belegt mit Dokumenten. Sie fragt, ob das die Sauberkeit sei, die im neuen Staate herrscht. * In unserem Betrieb, der Kriegslieferungen hat, sind Neueinsteltungen erfolgt, aber nicht über den Arbeitsnachweis, sondern auf Grund schriftlicher Einladungen einzelner Bewerber, die früher vorstellig geworden waren. Die Schweigepflicht wird durch Revers festgelegt. Zuwiderhandlungen werden mit Strafen bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet. Wir arbeiten bis zu zehn Stunden täglich. Lohnsatz 1.20 RM. die Stunde. In einer der Betriebsversammlungen hatte der Zellen-Obmann erklärt:„Wir sind stolz, daß wir Pg. Engel als Treuhänder für Brandenburg haben. Es ist nicht zu leugnen, daß er und der Treuhänder im Rheinland am erfolgreichsten arbeiten. Beide sind also NSBO.- Kameraden." Vor wenigen Tagen fingen die Nazis an zu meckern, daß Engel als Treuhänder gegangen worden ist, mit ihm noch weitere seiner Kollegen. Die neu ernannten Treuhänder sind fast durchwegs aus der Bürokratie hervorgegangen, mit Ausnahme von zweien, die dem Arbeitgeberkreise angehören. Kein Geld für Arbeltslose! Ein Viertel der Arbeitslosen bleibt ohne l'nterstüfjung Wie sieht es mit der Sozialversicherung aus. nachdem das demokratische System ausgemerzt ist, Korruption, Günstlingswirtschaft, Unfähigkeit und Mißstände gehören heute der marxistischen Vergangenheit an, und doch wird der Vermögensschwurvd der Sozialversicherung täglich schlimmer? Was geschieht, um die Invaliden- und Knappsohaftsversiche- rung zu sanieren: natürlich Leistungsabbau und Beitragsabbau. In diesem Zusammenhang wird es vielleicht interessieren, wie hoch heute allgemein die Abzüge für Versicherungsbeiträge überhaupt sind. Ich lege ein Nor- maleinkommen eines Berliner Arbeiters von 63 Pfennig bei 48stündiger Arbeitszeit, d. h. also 30.24 Mk. pro Woche, zugrunde. Die Abzüge sehen folgendermaßen aus; Invalidenversicherung 0.90 RM., Arbeitslosenversicherung 1.02, Arbeitslosenhilfe 0.75, Krankenversicherung 1.24, Steuer 0.60, Bürgersteuer 1.50, Ehestandsbilfe 0.60, Arbeitsbesohaffutigs- programm 0.16, Verbandsbeltrag 1.10. Das wären also 7.87 RM. Gesamtabzüge(25.8%) vom Bruttolohn, so daß der glückliche Arbeiter im Dritten Reich mit 22.37 RM- Wochenlohn nach Hause gehen kann.,. • Bei uns(kleine Fabrikstadt) ist der Textilbetrieb beschäftigt. Wir sind 1500 Mann Belegschaft, davor nach wie vor eine in sich geschlossene Gemeinschaft von 1300 Marxisten, mit deren gewerkschaftlicher Einstellung die Betriebsleitung rechnen muß. Der Inhaber der Firma hat es als„Führer" für richtig befunden, den alten sozialdemokratischen Betriebsrat zu sich zu rufen und Ihn zum „Vertraucnsrat" aufzustellen. Er meinte, die Nazis verstehen von diesen Aufgaben doch zu wenig. Mit dem alten Betriebsrat hätte er sich oft genug gestritten, aber wenn dann eine kollektive Vereinbarung getroffen war, dann war sich dieser gewerkschaftlich geschulte Belegschaftsvertreter auch seiner Verantwortung bewußt. * Der Obmann unserer Nazi-Betriebszelle wurde entlassen, weil, wie es verlautet, er in einer Auseinandersetzung mit der Betriebsleitung die Erhöhung der Weihnachtsgratifikation auf 8, bezw. 15 RM. durchgesetzt hatte. Die NS.-Zelle, die 300 Mann umfaßt, hatte an einem Sonntag den gemeinsamen Ausmarsch angeordnet. Das Erscheinen war obligatorisch für alle Mitglieder der Zelle. Da indes nur fünf Mann angetreten waren, hat der Obmann die schärfsten Maßnahmen angeordnet Im letzten amtlichen Bericht über den Stand der Arbeitslosigkeit wird festgestellt, daß die Zahl der Arbeitslosen sich in Ostpreußen um 40 Prozent und in Pommern um 30 Prozent vermindert hat. Wer erinnert sich noch der Siegesberichte vom vorigen Jahre? Ostpreußen und Pommern waren die ersten Provinzen, die die völlige Ueberwindung der Arbeitslosigkeit meldeten. Und als dann in der Zwischenzeit die Arbeitslosigkeit ganz sachte wieder anstieg, da wurde jede Nachricht darüber unterdrückt. Jetzt beginnt man langsam zuzugeben, wie die Verhältnisse wirklich liegen. Nach diesem System spielt sich die gesamte Sozialpolitik im Dritten Reich ab. Während im Vordergrunde im grellen Schein- werferlioht einer allumfassenden Propaganda die Aktionen der Winterhilfe, die Erholungsreisen für Arbeiter auf Ueberseedampfer, das Hilfswerk für Mutter und Kind durchgeführt werden, vollzieht sich im Hintergrunde der systematische Abbau der Sozialpolitik, der öffentlichen Unterstützungen und der öffent- Hchen Fürsorge. Ein Beispiel; an dem man diesen Vorgang mit besonderer Deutlichkeit beobachten kann, ist die Arbeitslosenunterstützung. Die Unterstützung der Arbeitslosen zerfällt in Deutschland in drei Zweige, die im allgemeinen in zeitlicher Aufeinanderfolge wirksam werden; Die, Arbeitslosenversicherung, die KTisenfürsorge und die Wohlfafirtspflege der Gemeinden. Obgleich die Wohlfahrtspflege die Aufgabe hat, alle die Arbeitslosen zu betreuen, die entweder in der Arbeitslosenversicherung oder der Krisenfürsorge ausgesteuert worden sind oder nie ein Anrecht auf diese Art der Unterstützung erworben haben, hat es in Deutschland, wie wohl auch in allen anderen Ländern, von jeher einen kleinen Teil von Arbeitslosen gegeben, der keine Unterstützung erhielt, weil er noch Einkommen aus anderen Quellen hatte. Wie sich der Anteil dieser Nichtunterstützten entwickelt, ist eine der wichtigsten Maßstäbe für den Zustand der Arbeitslosenunterstützung überhaupt. Lassen wir darüber auf Grund der amtlichen Statistik die nüchternen Zahlen sprechen, wie sie allmonatlich von der„Frankfurter Zeitung" in einer tabellarischen Uebersicht aller Welt zugänglich gemacht werden. Auf Grund der letzten Tabelle in der Ausgabe vom II. April 1934 ergibt sich bei einer Gegenüberstellung der Gesamtzahl der unterstützten Arbeitslosen allen drei Zweigen der Unterstützung und der nichtunterstützten Arbeitslosen folgendes Bild ter nicht mehr unterstützt. Sic bedeutet, dal man dem Vater die Unterstützung entzogen hat. weil eine Tochter oder ein Sohn noch eine Arbeitsstelle hat, wenn auch die Entlohnung noch so kümmerlich ist. Sie bedeuten, daß man den Mann nicht mehr unterstützt, weil die Frau durch Hausarbeit als Waschfrau oder Aufwartefrau noch ein paar Pfennige verdient. Sie bedeuten, daß man all die politisch „unzuverlässigen Elemente" kurzerhand von der Unterstützung ausgeschlossen hat, nur weil sie im Verdacht stehen, noch heute Anhänger der Freiheit und des Sozialismus zu sein. Namenloses Elend, bittere Not verbergen sich hinter diesen Zahlen! Aber diese Zahlen bedeuten das Regime— ungeachtet der der Unterstützungen selbst diese Maßnahmen jährlich rund an Arbeitslosenunterstützung „höheren Zwecken" zuführt; denn der„Gemeinnutz" der Rüstungsindustrie geht vor dem„Eigennutz" hungernder Arbeitsloser. zugleich, daß Herabsetzung allein durch 200 Millionen einspart und Zahlen kommt alles das zum Vorschein, was bisher durch die Vernebelungspropaganda des Regimes der Oeffentlidikeit verborgen worden ist. Diese Zahlen bedeuten, daß man den Arbeitslosen. die noch ein weniges ihr Eigen nennen, gänzlich die Unterstützung genommen hat. Sic bedeuten, daß man Söhne und Töclv Soeben erschienen: Umtte und JUvotutbu �r�rwwwwirww Der Weg* zur Freiheit Von Georg Decker Der Verfasser saß Im Jahre 1933 monatelang hinter den Mauern deutscher Gefängnisse. Er zerfetzt das Parademäntelchen einer„nationalen Revolution- und enthüllt sie als den geglückten„Aufstand der Gescheiterten", die für persönliches Mißgeschick und eigenes Versagen das„System" verantwortlich machten. Georg Decker gewinnt neue Ausblicke auf den Weg zur Freiheit: Die Kluft zwischen der angeblichen„nationalen Geschlossenheit" und der realen Wirklichkeit reißt täglich tiefer auf.„Es genügt jetzt nicht, die Voraus- Setzungen der im heutigen Deutschland schon vorhandenen Unzufriedenheit zu prüfen, es muß der Weg gefunden werden, diese Unzufriedenheit in politische Leidenschaft und einen fanatischen politischen Willen zu verwandeln." Preis in: Belgien 7.50 Frs./ Bulgarien 35 Lewa/ Dänemark 1.50 Kr./ Deutschland 0.90 RM./ Frankreich 5-50 Frs./ Großbritannien— 1.5 Pfund Sterling/ Italien L— Lire I Jugoslawien 17.— Dinar/ Niederlande—.50 Gulden/ Oesterreich 1.80 Scbilling Palästina—.070 P. Pfd./ Polen 1.85 Zloty/ Rumänien 37.— Lei/ Schweden 1.45 Kro- nen/ Schweiz 1.10 Frs./ Tschechoslowakei 7.— Kö/ Ungarn 1.40 Pengö/ USA. —.35 Dollar. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt Graphia, Karlsbad CSR. Passiver Widerstand In einer Mitgliederversammlung des Deutschen L e d e r a r b ei t e r v e r b a n d e s der Ortsgruppe Gera brachte der Kreis- lelter Bairmgärtel seine Unzufriedenheit über den Eingang der Mitgliedsbeiträge zum Ausdruck. Er forderte die Mitglieder auf, „die Beiträge regelmäßiger und vor allem immer dem Lohn entsprechend zu zahlen".— Offenbar sind die Geraer Lederarbeiter der Meinung, daß Mitgliedsbeiträge für die. Nazigewerkschaften sinnlos geworden sind, denn die gewaltigen Unterstützungsleistungen, zu deren Bestreitung die freien Gewerkschaften diese Beiträge nötig hatten, gibt es nicht mehr, und an der Versorgung der neuen Nazibonzen haben die Arbeiter kein Interesse! Daß der passive Widerstand in der Arbeiterschaft lebendig ist, zeigt sich auch in Lei p- zig. Dort haben die Nazis schon vor Monaten die große Gastwirtschaft des Leipziger Volkshauses wieder eröffnet— aber trotz aller Bemühungen sind die zahlreichen Gasträume immer fast vollständig leer. Die Leipziger Arbeiterschaft meidet das gestohlene Volkshaus. Wird sie zu Versammlungen in die Säle kommandiert, so ist es, als ob ein allgemeines Trinkverbot bestünde! »Staatlldi geprüfte Landarbeiter« Die sogenannte Arbeitsbescbaffungs-Politik der Nationalsozialisten treibt kuriose Blüten hervor. Um den Bauern billige Arbeitskräfte auf längere Zeit zu liefern, und den Arbeitsmarkt vor einem allzu starken Zustrom junger Menschen zu schützen, ist in Deutschland eine Lehrzeit für die Landarbeiter eingeführt worden. Landarbeiter, Melker usw. müssen von jetzt ab eine zweijährige Lehrzeit durchmachen und eine Prüfung ablegen. Danach werden sie mit dem Titel„staatlich geprüfter Landarbeiter" ausgezeichnet — und vom Bauer aus der Arbeit gejagt, der Ja die Arbeitsplätze braucht, um neue, staatlich geprüfte Landarbeiter anzulernen! Wir können uns denken, daß ein Teil der Agrarier diese Maßnahme der Regierung begrüßt— aber weder den„staatlich geprüften''. noch den übrigen Landarbeitern, die sich künftig mir als„ungelernte Arbeiter" bezeichnen dürfen, ist damit nur im geringsten geholfen. Braune DiTldendensdilucker Die Nationalsozialisten haben unentwegt gegen die Tantiemen und die Dividenden der Aktiengesellschaften gewettert. Inzwischen sind die Führer massenhaft als A u f- chtsräte und Vorstandsmitglieder in die großen kapitalistischen Gesellschaften eingezogen und genießen ungeschmälert Riesenbeträge arbeitslosen Einkommens. Jetzt bekämpfen sie es natürlich nicht mehr, sondern verteidigen und rechtfertigen es! Dafür ist ein Vorgang in der Generalversammlung der Ilse Bergbau AG. von bemerkenswertem Interesse. Einige Kleinaktionäre, also Leute, die nur für etliche 1000 Mark Aktien im Besitz haben, kritisierten, daß der Vorstand und der Aufsichtsrat zu hohe Aufwendungen für sich beanspruchten. In dem Bericht heißt es min, daß der Vorsitzende Staatsrat Reinhart, also ein waschechter Nationalsozialist, darauf antwortete, daß die Tantiemen und sonstige Aufwendungen auf Verträgen beruhten, die zu ändern keine Veranlassung bestünde. Die Nationalsozialisten fanden sie als nur zu hoch, solange sie selbst nicht daran teilhaben konnten! Es ist das nicht der einzige Fall, in dem Theorie und Praxis der Nationalsozialisten ht so schreiendem Gegensatz zueinander stehen- Nr. 45 BEILAGE leumrlottM 22. April 1934 Die deutstkeu HidUet utdet du HmUe Von Landesgerichtsdirektor ♦ •* In der„Deutschen Juristenzdtung" sucht der peußische Staatsrat Dr. Preis- I e r, eine der übelsten Gestalten des Dritten Reiches, das Verhältnis von Justizverwaltung und Richtertum,„von höherer Warte aus zu betrachten". Zu diesem Zweck hält er eine feierliche Leichenrede au! die richterliche Unabhängigkeit. Er geht von der wunderlichen Behauptung aus, die Teilung der Staatsgewalt in gesetzgebende, richterliche und vollziehende Gewalt sei ein gewolltes Mittel der Erzeugung von Eifersucht mi ter den Trägern verschiedener staat lieber Funktionen gewesen. Den einzel nen Staatsbürger habe eine solche Anschauung als wehrloses Opfer betrachtet, das nur durch die Eifersucht der behördlichen Kräfte geschützt werden konnte. Das ganze artfremde System sei aufgebaut auf Mißtrauen und Furcht,„das germanischem Geist nicht liegt". Die schar/en Eingriffe in den Personenstand des Richtertums seien lediglich Bestandteile der notwendigen Säuberungsaktion, die derjenige immer und überall vornimmt, der ein Haus für sich bewohnbar machen will. Die Richter hätten künftigbin lediglich als autorisierte Verkünder der Forderungen des Volksgewissens tätig zu sein. Sie bedürften liiezu der Führung, die ihnen an der Spitze des organisatorischen Aufbaus der staatlichen Rechtspflege(also durch die Justizverwaltung!) gegeben werde. So geartete Richter würden sich der Notwendigkeit solcher Führung nicht nur bewußt sein, sondern darauf, daß sie eine solche Füh- rung haben, stolz sein(!). Das sei die Freiheit der Gebundenheit(!), die einzige Freiheit, die es gebe, jene innere Freiheit, die organisch bedingt sei und von einer organischen Anschauung der Welt deshalb nicht als Zugeständnis, sondern als Selbstverständlichkeit empfunden, gegeben und genommen werde. Es sei mit der richterlichen Unabhängigkeif so wie überall, wo Probleme auf nationalsozialistischer Grundlage betrachtet würden. Die Probleme verflögen und an ihre Stelle trete die Selbstverständlichkeit, Schönheit, Größe und Kraftentfal- bing des organischen Lebens(!). Mit solch nichtsnutzigem Wortge- drechsel wird jetzt in Deutschland die richterliche Unabhängigkeit zu Grabe getragen, von der noch im Jahre 1919 der Altmeister der deutschen Rechtswissenschaft, der Rechtslehrer Wach schrieb: Die Unabhängigkeit des Richtertums ist das A und O des Rechtsstaates. Mit ihr gingen Recht und Ordnung in Trümmer. Wehe dem Volke, das an dieses Paladium der Freiheit, an dieses höchste und heiligste Gut, die Hände legt!" Bezeichnenderweise fallen die Nationalsozialisten immer herein, wenn sie sich auf das Germanentum berufen. Hätte Herr Freis- ler in seinem Fach etwas Ordentliches gelernt und die Justiz nicht nur von der Anklagebank aus am besten studiert, so hätte er in den ausgezeichneten Ausführungen über die richterliche Unabhängigkeit in der Sammlung von Nipperdey nachlesen können, daß gerade seine der richterlichen Unabhängigkeit abholde Denkweise„eine französische administrative Auffassung ist, die mehr auf den Zweck, den Nutzen für den Staat hinschaut und von dieser Rücksicht sich auch in der Rechtssprechung leiten läßt." Eben- dort hätte er finden können, daß die Unabhängigkeit der Richter eine altdeutsche Rechtseinrichtung ist, die nicht nur sehr früh in England bestand, sondern auch im Ausgang des Mittelalters wiederholt, so namentlich in der Reichskammergerichtsordnung von 1 4 9 5 ausdrücklich festgelegt wurde und sogar in den rheinischen Gebietsteilen des preußischen Staates galt, bis sie von Friedrich Wilhelm I. abgeschafft wurde. Sie ist also nicht erst eine Frucht der von den Nationalsozialisten gehaßten und verlästerten französischen Revolution. Allerdings haben die deutschen Richter früherer Zeiten ihr Recht besser zu wahren gewußt, als ihre Amtsnachfolger von 1933. Bei Nipperdey ist festgehalten, wie der Präsident des bayrischen Hofgerichts die Zumutung des Kurfürsten Maximilian I., künftighin nach Ansicht der Regierung zu urteilen, mit den Worten zurückwies:„daß er auf solche Weise lieber ein Sauhirt, als ein Präsident sein wolle." Im Jahre 1933 und seither ist keiner der deutschen Richter, die in Amt und Würden belassen wurden, Sauhirt geworden, sie haben sich alle vor den neuen Herren, mit denen sie sich z. T. vorher amtlich zu befassen gehabt hatten, geduckt und gekuscht. Mancher Charakterlump war unter dieser Richterschaft, der noch im Januar auf die Nationalsozialisten schimpfte und bereits im April als Vorsitzender eines Sondergerichts in feierlicher Ansprache dem „Volkskanzler Hitller" seine Ergebenheit zu Füßen legte. Allzuviele haben sich durch niederträchtige Urteile, die stets eine Schande der deutschen Rechtspflege bleiben werden, schweißtriefend vor Angst geplagt, den braunen Halunken in den Ministerien gefällig zu sein. Sie dürfen, wie Herr Freisler höhnisch sagt, stolz sein auf die Peitsche, die über ihnen geschwungen wird. Das Dritte Reich kann eben keine Richterpersönlichkeiten, wie die freie angelsächsische Welt, sondern nur Richtermameluken gebrauchen. Die„Freiheit der Gebundenheit"', von der Herr Preisler spricht, ist ihnen wundervoll im Liktoren- bündel mit Beil und in der geflochtenen Hundspeitsche Hitlers versinnbildlicht. In diesem Zeichen hören freilich alle Probleme auf, es handelt sich nur noch um das Ausmaß der Hiebe, die den Sklaven im schwarzen Talar verabfolgt werden. Wie mächtig begehrten einst die Deutschnationalen samt der ganzen deutschen Richterpresse auf, wenn von republikanischer Seite die leiseste Kritik an einem der zahllosen staatsfeindlichen Urteile der deutschen Justiz geübt wurde! Da waren die heiligsten Güter in Gefahr, da wurde von bolschewistischen Anschlägen auf die Unabhängigkeit der Rechtspflege geschrien und geschrieben. Der Beseitigung der richterlichen Unabhängigkeit durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 aber, das den deutschen Richter vogelfrei machte, hat keine Richterpresse und keine Richterorganisation zu widersprechen gewagt. Deutschnationale Feiglinge haben es sogar mit unterschrieben! Jetzt soll das „Palladium der Freiheit",„die Basis aller Gerechtigkeit" endgültig zum alten Eisen geworfen werden und eine gleichgeschaltete Juristenpresse gibt sich noch dazu her, dieses Verbrechen als selbstverständlich, schön, groß und stark preisen zu lassen. Wäre es nicht schade um die Rechtsuchenden im deutschen Volke, die durch Beseitigung der richterlichen Unabhängigkeit jedes Schutzes gegen braune Willkür beraubt werden, einem Teil des deutschen Richtertums wäre es zu gönnen, daß er in der Wüste des Dritten Reiches verzweifelt nach den Fleischtöpfen der vielgeschmähten Weimarer Republik zurückverlangt. Wahrlich nicht Mitgefühl mit diesem verblendeten Teile des Richtertums, sondern Mitleid mit dem von den braunen Schurken gepeinigten deutschen Volk ist es, das uns zwingt, gegen die neueste Schandtat der braunen Verbrecher in den deutschen Ministerien, gegen die Abschaffung der richterlichen Unabhängigkeit in Deutschland, unsere Stimme zu erheben! Die Haentsdiellade Ein neudeutsches Heldenepos. Jede Zeit hat ihre Heldengedichte. Vor dreitausend Jahren sang der blinde Homer vom Tode des tapferen Hektor, vor tausend Jahren erklangen die Stabreime des blutgetränkten Nibelungenliedes, das bürgerliche neunzehnte Jahrhundert schuf die Persiflage der harmlos-heiteren Jobsiade und für den kommenden Gestalter der tiefsten* kulturellen Erniedrigung des deutschen Volkes im zwanzigsten Säkulum unserer Zeitrechnung sei hier der Stoff für eine Haentscheliade aufgezeichnet, wobei jetzt schon der Ueberzeugung Ausdruck gegeben sei, daß es dem Dichter nicht gelingen wird, die groteske Widerlichkeit dieses Lebenslaufes durch neue Einfälle m steigern. Das lieben ist der stärkste Dichter. I. Der Krieg ist zu Ende, die Republik ausgerufen, von allen Fronten kehren die Soldaten heim. Frischgebackene Republikaner bilden, da ihnen die bestehenden Parteien den Neulingen zu mißtrauisch gegenüberzustehen scheinen, Bünde und Vereine, durch die die Republikamsierung— und auch die Neulinge 1. Mai im Wandel der Zeiten 1890 „Was hat er denn getan �...• 1934 „Er hat den 1. Mai gefeiert!" � aS er denn Sefan?" „Er hat den 1. Mai nicht gefeiert!" — vorwärtsgefrieben werden sollen. Ztmt Beispiel die„Liga»Junge Republik«". So ein Neuling ist auch Haentschei, wenn auch mit einer interessanten dunklen Vergangenheit in Kopenhagen belastet, wo während des Krieges ein Stützpunkt der deutschen Rohstoffversorgung gewesen war. Sein Führer ist Vetter, Mitglied der Demokratischen Partei. II. Haentschei geht ins Reichsinnenministe- nnm. steigt, und gar nicht langsam, Sprosse auf Sprosse auf der Gehalts- und Titelleiter empor und spezialisiert sich für Presserecht. Zuerst zur Verankerung, dann, von Brüning an, zur Beschränkung der Freiheit der Presse. Schreibt mit gleicher Pathosstärke Kommentare für und wider, wie es gerade gebraucht wird. Selbst als die Beschränkung der Pressefreiheit in deren Vernichtung übergeht, steht der Ministerialdirigent Haentschei mit flammendem Schwert vor seinem Anspruch, der allein maßgebend offiziöse Presserechtskommentator zu sein. Was nicht hindert, daß er unter Papen stürzt. Das heißt, er wird nicht etwa gleich abgesägt wie die anderen leitenden republikanischen Beamten des Reichsinnenministeriums, sondern er geht erst auf Urlaub, um sich, bei vollem Gehalt, Studien und seiner Dozentur zu widmen. Schließlich kommt aber doch das a. D., denn Haentschei ist seit Jahren Mitglied der Demokratischen Partei und war in ihr noch bis vor kurzem führend tätig. III. Vetter hat seine Betriebsamkeit in das Presseamt des Berliner Messeamtes geführt. Von dort holt ihn Lachmann-Mosse, als die allgemeine politische Entwicklung Deutschlands und die besondere geschäftliche Lage des Verlages ungünstig zu werden beginnen. Vetter wird Verlagsdirektor bei Mosse. IV. April 1933. Vetler drängt seinen Gönner Lachmann-Mosse aus dem Verlag hinaus. Er weiß, wie man solche Dinge im Jahre 1933 zu fingieren hat. Der gereinigte Betriebsrat be- schileßt, daß'dieser Jude in dem Verlag nichts mehr zu suchen habe. Und mm wird gleichgeschaltet. Vetter setzt, um rächt Nazi werden zu müssen, auf den Stahlhelm, der weniger iudenfeindlich ist und ihm für einen Verlag, der das»Berliner Tageblatt« herausgibt, sympathischer erscheint, Chefredakteur wird H ä u b n e r, kommerzieller Direktor des Verlages— neben dem literarisch orientierten Verlagsdirektor Vetter— der Stahlhelmmann Haentschei. Das ging zwar nicht ganz einfach, aber die Leitung des Stahlhelms verstand und stellte Haentschei ein um ein Jahr rückdatiertes Mitgliedsbuch aus. V. Dem»Berliner Tageblatt« laufen die jüdischen Abonnenten davon. Sie wollen zum Morgenkaffee keine Aufforderung zum Juden- boykott lesen. Dann lieber gleich den»Völkischen Beobachter«! Vetter und Haentschei geraten einander in die Haare. Schauplatz des Zweikampfes ist die Verwaltungssitzung, denn der Verlag ist nach dem unfreiwilligen Verzicht Lachmann- Mcsses eine Stiftung zu Nutzen der Belegschaft Zweimal Es war einmal im Herzen des Erdteils ein großes, dicht bevölkertes Land: TäuscHand. Der Ursprung des Namens blieb im Dunkel: manche Gelehrte taten" dar, es heiße so, weil sich seine Bewohner in politischen Dingen ungleich leichter täuschen Heßen als andere Völker. Auf jeden Fall gelang es einer Bande politischer Abenteurer und Hochstapler, durch List und Gewalt die Macht in diesem Staate an sich zu reißen, als die Massen durch Krise, Arbeitslosigkeit und Hunger teils wundergläubig, teils widerstandsfähig geworden waren. Da sich bei den neuen massiven Herren Täuschlands der Drang zur Futterkrippe auf Kosten der Gehirnpartien allzu entwickelt zeigte, empfanden sie, selber aller Kenntnisse und jeden Wissens entbehrend, mit rechtem Instinkt, daß nichts ihre Herrschaft mehr zu bedrohen geeignet sei als der Geist. Sie erklärten deshalb Kenntnisse und Wissen in Verruf, stellten mit brutalem Landsknechtslachen nichts tiefer als Verstand, Logik und Nachdenken und hoben den vollendeten Stumpfsinn auf den Thron. Ihre organisierten Anhänger hießen Stumpfsinn-Anbeter oder SA. und die Garde, der man ihre Eigenschaft schon an der niedrigen Stirn ansah, Stumpfsinns-Säu- len oder SS. Als Nationalhymne gröhlte man den Biersingsang: Stumpfsinn, du mein Vergnügen, Stumpfsinn, du meine Lust, und in hohen Ehren stand auch, weil er so ganz der neuen„Weltanschauung" entsprach, der Cantus: geworden. Haentschei wirft seinem Mitstreiter Vetter, der ihn geholt hatte, vor, daß durch seine ungeschickten und unrichtigen Dispositionen Blatt und Verlag ruiniert würden. Vetter antwortet, er habe eine Pleite übernommen, Lachmann-Mosse habe auf dem Wege über Auslandsunternehmungen des Verlages das gesamte Betriebskapital verschoben und Haentschei sei offenbar im Solde Lachmann- Mosses, Wie kurz vorher Vetter über Lachmann- Mosse siegt jetzt Haentschei über Vetter, der sich verzweifelt wehrt. Die Verwaltungssitzung beschließt, Vetter habe bis ein Uhr mittags das Haus zu verlassen und dürfe es nicht mefr betreten. Seine Aktenmappe wird„beschlagnahmt". VI. Vetter läßt durch gute Freunde die Geheime Staatspolizei wissen, daß Haentschei ein um ein Jahr rückdatiertes Mitgliedsbuch des Stahlhelms habe. VII. Haentschei wird von der SA. verhaftet. Er schwört Stein und Bein, das Mitgliedsbuch sei ■icbtig ausgestellt. Nach Schlägen mit der Faust und dem Gummiknüppel gesteht Haentschei, daß das Mitgliedsbuch erst vier Wochen alt ist. Nach acht Tagen gelingt es Diels, inn freizubekommen. Sie kennen einander aus dem Demokratischen Klub in der Viktoriastraße. Doch auf Mosse muß er verzichten. zwei Ist f II * Laßt uns den Verstand versaufen! Wozu nützt uns der Verstand? Der umjubelte Föhrer aber war der OSA. oder Oberste Stumpfsinn-Anbeter. Um aller Welt zu weisen, daß sie gründlich zu„erneuern" verständen, verkündeten die zur Macht Gekommenen sofort drei Grundsätze; 1. Die Sonne dreht sich um die Erde, 2. Zweimal zwei ist fünf, 3. Die Blätter der Bäume sind violett. Schon vorher hatten sie in ihren Agitationsversammlungen, neben denen Barnums amerikanische Reklameschau konfirmandenhaft bescheiden wirkte, diese Behauptungen aufgestellt und sich gelegentlich auch zu einer Erläuterung herbeigelassen:„Die Erde hat etwas so Einziges und Unvergleichliches hervorgebracht wie den OSA., also wäre es eine Beleidigung für ihn, anzunehmen, daß sie sich beflissen und sklavisch um die Sonne drehte, statt umgekehrt. Heil! Außerdem ist die These, daß sich die Erde um die Sonne drehe, eine freche jüdische Erfindung, aufgebracht von einem Ostjuden Kohn aus Pernau in Estland, der mit der Täuschungslist seiner Rasse seinen Namen lateinisierte und als Kopernikus herumlief. Heil! Daß zweimal zwei nicht vier, sondern fünf macht, läßt sich zwar nach der liberalistischen Logik nicht beweisen, bedarf auch keines Beweises, denn einmal hat es der OSA. gesagt, und zweitens wird es jedem reinrassigen Arier von der Mystik des Blutes und der Scholle gesagt. Heil!„Wenn dann noch ein Unzufriedener zu fragen wagte, wieso die VlII. Krampfhafte Versuche, irgendwo Anschluß zu finden. Jahreswende 1933/34. Haentschei erscheint in Prag, will nun für den— Ullstein-Verlag ein Ding drehen. Doch die vorgesehenen Kontrahenten forschen nach und erfahren, welche Rolle der Mittelsmann bei Mosse gespielt hat. Ein betrübter Lohgerber verläßt die Stadt an der Moldau. IX. April 1934. Durch alle Blätter geht die Nachricht, daß ein italienisch-faschistisches Konsortium 51 Prozent des schmutzigsten antimarxistischen Wiener Blattes, des»Neuen Wiener Journals« erworben habe. Als Ver- freter der neuen Inhaber werde die General- direktion übernehmen: Ministerialdirigent Haentschei. Daraufhin dementiert der bisherige Besitzer des»Neuen Wiener Journal«, Lippowitz, daß in seinem Blatte irgeVidwelchc Besitz Veränderungen erfolgt seien. Es ist ein besonderes Pech, daß gerade am Tage vorher das Wiener Amtsblatt den Auszug aus dem Handelsregister veröffentlicht hat, in dem die neuen Kommanditoren des »Neuen Wiener Journal« namentlich aufgeführt werdend X. (Der Inhalt der weiteren Gesänge kann noch nicht vorausgesagt werden, da vor dieser Wirklichkeit jede Phantasie versagt.) ni titxi Qcote slcc Blätter der Bäume violett seien, sausten ihm die Gummiknüppel der SA. so derb in die Visage, daß er alles violett sah, auch die Bäume, sofern er die überhaupt noch zu erblicken vermochte. Jetzt aber, da der Stumpfsinn zur Staatsreligion erklärt worden war, bekamen jene Behauptungen Dogmenkraft. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend wurden sie Tag für Tag einem anfangs verdutzten Volke unablässig eingetrichtert und eingehämmert. Fuhr der Bürger morgens aus dem Schlaf auf, vernahm er Lautsprecher von allen Plätzen und Straßen: Die Sonne dreht sich um die Erde, der Briefträger trat mit dem amtlichen Gruß herein: Zweimal zwei ist fünf, die Zeitungen schrien in fetten Ueberschriften den Leser an: Die Blätter der Bäume sind violett. Alle Bücher aus der korrupten Zeit, die es anders angenommen hatten, wurden eines schönen Abends zu einem Riesenscheiterhaufen geschichtet, um den SA. und SS. indianerhaft tanzten und kannibalisch sangen: Die Sonne dreht sich um die Erde, zweimal zwei macht fünf, die Blätter der Bäume sind violett! Je mehr ihnen unter dem Einfluß ausgesprochener Anti-Prohibition die Mystik des Blutes in den Adern wallte, desto wirrer wurde das Gebrüll: Die Bäume drehen sich um die Sonne, die Erde ist eine Fünf, zweimal zwei macht violett! Aus einem neuen Lehrbuch der Arl-Tlnne- tik lernten schon die Hosenmätze, daß zweimal zwei fünf sei, und an den Hochschulen wurde kein Professor geduldet, der seinen Studenten auch nur den allerleisesten Zweifel an diesem Dogma gestattete. Täuschtand zählte einen Gelehrten von Wellruf und Jahrhundertsbedeutung zu den Seinen, den Professor Stein, der es nicht über sich bringen konnte, in den Unsinn einzustimmen. Einem ausländischen Blatt, das dieserhalb bei ihm anfragte. telegraphierte er:„Kopernikus. Vier. Grün." Darauf wurde er von achtzehnjährigen SA. aus dem Bett geholt, verschleppt, schwer mißhandelt und kehrte erst nach zwei Wochen in jeder Beziehung niedergeschlagen in seine Wohnung zurück. Da er es für geraten Iiielt, zur ruhigen Ausheilung seiner Wunden die Grenzen Täuschlands hinter sich zu legen, wurde ihm als einem gefährlichen Aufwiegler und Volksfeind die S(aatsajigehörigkeit abgesprochen und sein kleines Vermögen konfisziert. Auch Geschäftsleute, die einen Betrag etwa von fünftausend Seckein zu empfangen hatten und von ihren grinsenden Schuldnern mit zweimal zweitausend Seckein abgespeist wurden, fanden etn Haar in der neuen Lehre, aber unklug waren sie, wenn sie ihre Mißstimmung laut werden ließen: in der rauhen Luft des Konzentrationslagers kam die bessere Erkenntnis über sie. Auch fehlte es nicht an Kompromißlern, die vorschlugen, man möge, um zu schroffen Bruch mit dorn Uebcrlieferfen zu vermeiden, zunächst zweimal zwei gleich viereinhalb sein lassen und gestatten, daß sich an den geraden Tagen die Sonne um die Erde, an den ungeraden aber die Erde um die Sonne drehe. Auch sie bezogen Saures. Mehrcrc lleutsdies Pumplied „Auf die Gewissensfrage, woher das Geld für alles komme, erwiderte ich; es wird gepumpt." Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk. (Melodie; Im tiefen Keller...) Im Reichsbankkeller sitz Ich hier Bei einem Rest Devisen, Und denk:„In welcher Frist droht mir Der Abschied auch von diesen? Das letzte Gold trägt grad man raus,— Was soll uns das Gelumpe?!— Ich füll in Ruhe Wechsel aus Und pumpe— pumpe— pumpe! Sind vorbelastet auch fünf Jahr So mit Milliarden sechse, Bleibt mir das schnuppe ganz und gar. Das Geld aus nichts Ich hexe. Und kracht es einst— nun wohl, dann kracht Es gleich mit Stil und Stumpe. Das walte Gott und Hjalmar Schacht! ich pumpe— pumpe— pumpe! M ii c k i. Jahres-Bilanz Was Ist in Hitlerdeutschland los? Reichstag wördelos Braune Bonzen schamlos Fürsten und Prinzen sorglos Berufsbeamte wertlos Die Wahrheit rechtlos Braune Reichstagsbrandstifter straflos Politische Todesurteile bewrislos Klagen Denunzianten Deutsche Christenbewegung Justiz Schutzgefangcne Hitlerjugend Kunst Nazipresse Nazimoral Hrtlerreden Hitlers Friedensliebe Hitlers Wort Rassenprinzip Göbbels arische Abstammung Finanzamt Wirtschaftslage Arbeitsschlacht Geschäftsleute Reichsbank Gelddeckung Führer der Arbeitsfront Pflicht der Arbeiter Aufrechte Charaktere Millionen Winterhilfe Sozialismus NSDAP- Kapitalismus Marxisten und Demokraten Görmg Göbbels Lügen Görings Uniform Hitler da das Dritte Reich zwecklos zahllos gottlos herzlos schuldlos zügellos brotlos geistlos sittenlos endlos bedeutungslos treulos sinnlos hoffnungslos rücksichtslos aussichtslos hoffnungslos mutlos dcvisenlos fast ganz los gewissenlos anspruchslos heimatlos brotlos skrupellos wehrlos ehrlos schrankenlos schutzlos erbarmungslos zahllos bald schmucklos(?) bald arbeitslos haltlos doch sind wir darüber nicht— sprachlos! Der Dolch des Onkels Mancher Junge hat Uber seinem Bett als W and zier ein Bildnis oder einen Revolver hängen. Aber es gibt auch Kinder, die nichts besitzen, womit sie ihre Zimmer schmücken könnten. Vielleicht hat ein solcher Junge einen Onkel, der einen Dolch besitzt, ais Unterpfand für den Kampf, den jeder kleine Junge im Interesse seiner Entwicklung wogen muß. dl) Man kann auch Pleil und Bogen an die Wand hängen oder einen alten Brustpanzer, einen Schild, oder einen Bume- rang. Aus Jugendtand", Organ der Hitlerjugend. Die Vertikal-lVordler So sehen Musikbetracbtungen im Dritten Reich aus: „Wawn wird man endlich dazu übergehen, auch für das Musikleben eine praktische Nutzanwendung aus den Resultaten der Rassenkunde zu ziehen und den horizontalen Kunst-Querschnitt auf der europäischen Landkarte in einen Vertikal- schnitt zu verwandeln, um nicht mehr sporadisch, sondern planmäßig die Musik nordischer Herkunft von Skandinavien bis Italien zu pflegen und die Grenzen nach Ost und West ein bißclren abzuriegeln? Dr. F. Stege im„Völkischen Beobachter", Sie können es nicht erwarten, daß die nationalistischen Tollheiten des Krieges wieder Triumphe feiern. Hammer, Sichel und Hakenkreuz Die Sache ist kaum ein halbes Jahr her. Wir saßen zu sechst beisammen und erianden Parodien gegen das Dritte Reich. Einer erzählte die Geschichte eines Mädchens, das den Bräutigam verliert, weil die Hitlersche Erneuerung kommt und die Blonden herrschende Mode werden.„Ist alles x-mal dagewesen, ist keine Parodie", erklärte die Runde einhellig- Ein anderer ließ einen Pfarrer Urkundenfälschung und Meineid begehen, weil dem Fh'arrer die Verzweiflung eines Familienvaters zu Herzen ging, der wegen der Großmutter Stellung und Heimat verlieren sollte. Ein dritter wollte den Mann bedichten, der grundsätzlich alles ablehnt, was mit dem bloßen Verstand z" begreifen ist und der nur die unglaublichsten Thesen des Führers glauben will.„Ist in Hitlerdeutschland alles an der Tagesordnung". konstatierte die Runde. Und es zeigte sich, daß es nahezu unmöglich ist, die braune Wirklichkeit mit Grotesken zu überbieten. Zum Schluß meinte einer, das Dritte Reich sollte endlich einen Orden herausbringen, der alle gestohlenen Ideen und Glaubensartikel der Nazis bildhaft präsentierte, so daß er von links wie von rechts, von Hitler, Thyssen und Stalin getragen werden könnte. Dieser Vorschlag endlich schien Nichtdagewcsenes zu enthalten und erregte allgemeine Heiterkeit... Das war, wie gesagt, vor einem halben Jahre. Jetzt liest man in verschiedenen Blättern des Auslandes, für den 1. Mai werde i" Deutschland eine Ansteck-Plakette herausge- Uiilet will HuMklitA siUuätik! Der Reidiskanzler als Zeitungsmagnat von ihnen, darunter ein auf rwef KrUcfcen rin- herhumpelnder Krüppel, wurden sogar„aut der Flucht erschossen". Schließlich erschien eine Verordnung des OSA,: Todesstrafe für jeden, der du Gegenteil eines der drei Hauptstaatsdogmcn auszusprechen oder auch mir zu denken wagte! Ein harmloser Vereinsfestredner, der mit Schmalz Goethe zitierte;„Doch grün des Lebens goldner Baum", kam nur deshalb mit einem blaugeschlagenen Auge davon, weil er drei Sbhne bei der SS. hatte, aber dem Dirigenten eines Gesangvereines wurde der Kopf auf dem Block abgehackt, weil er:„O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter" hatte singen lassen. Korrespondenten ausländischer Zeitungen bereisten mit Vorliebe das merkwürdige Land, ohne immer zu wissen, woran sie waren.„Als ich in Täuschland", beriditete dner von ihnen, „durch herrliche grüne Wälder fuhr, fragte loh den mir gegenübersitzenden Herrn— wir waren zu zweit im Abteil—, ob er denn wirklich diese Bäume violett sehe. Er lächelte und erwiderte:„So gewiß, wie zweimal zwei fünf Ist! Ich war so klug wie zuvor.'* Da eine Wolke von Spitzeln mit langen Ohren sich wie ein Heuschreckenschwarm über Täuschland lagerte, versteiften sich nur mehr Selbstmordkandidaten darauf, daß sich die Erde um die Sonne drehe, daß zweimal zwei vier mache, und daß die Blätter der Bäume grün seien. Zum Lachen oder Weinen, je nachdem, nicht wahr? Ganz gewiß! Aber wieso Groteske? Wovon hier die Rede geht, ist ja um kein Haar grotesker, als was tagtäglich im .Dritten Reich" stummgemachten Untertanen an„Wahrheiten" und„Weisheiten" in die Köpfe gepfropft wird! Karl Max. Sind Rindviecher Arier? Die gleichgeschaltete»Nürnberger Zeitung« berichtet über einen hochinteressanten Vortrag. den ein Dr. Will bei der Ortsgruppe Nürnberg— Wöhrd der NSDAP, hielt. Der Redner hatte sich ein Thema gewählt, das, wie die Zeitung schreibt,„für jeden deutschen Menschen ungeheuer wichtig" ist. Das Thema lautete:„Die Aufwertung des nordi- sclicn Blutes durch das Rindvieh." Dieser Herr Dr. Will, der sein und seiner deutschen Volksgenossen Bhit durch Rindviecher aufnorden will, hat zweifellos das Richtige getroffen. Er scheint dabei sein eigenes Versuchskaninchen gewesen und den künftigen deutschen Vollrindvieohern mit gutem Beispiel vorangegangen zu sein. Ihm sind die Volks- Senossen noch nicht große Rindviecher genug, sie müssen deshalb aufgewertet werden. Unter besonders großem Beifall führte der Dr. Will dann ganz tolle Seltenhlebc gegen die Juden. So erklärte er, daß„die Juden die Pockenschutzimpfung nur erfun- den haben, weil sie damit die Erbmasse, den Sitz der Rasseeigenschaften, zersetzen wollen." So sei „die Pockenschutzimpfung der erste geglückte Großangriff des Juden gegen die Erbgcstrod- heit." Eine vollkommen erschöpfende Antwort auf die Frage, ob nun die Rindviecher Arier oder die Arier Rindvleclier sind, ist Herr Dr. Will allerdings schuldig geblieben. Als nach dem 30. Januar 1933 sich die deutsche bürgerliche Presse in rasantem Tempo„gleichschaltete", glaubte sie ihrem Schicksal, dem Untergang aus rein polltischen Gründen, noch entgehen zu können. Das hat sich in der Folgezeit als Irrtum erwiesen. Immer tiefer sanken die Auflageziffern der noch geduldeten Blätter, von Monat zu Monat stellten in der Provinz und in den Hauptstädten immer mehr Zeitungen ihr Erscheinen ehr. Aber stets war man der Ansicht, daß für dieses Dahinsterben nur politische Gründe maßgebend waren. Niemand dachte daran, daß ein Kokurrcnzkampf übelster Sorte, an dem Herr Reichskanzler Adolf Hitler als Hauptaktionär des Franz-Eher-Verlages beteiligt ist, geführt wurde. Es lag im Interesse der nationalsozialistischen Regierung, möglichst lange in der Welt den Glauben einer starken unabhängigen deutschen Presse zu erhalten. Man wollte im Ausland nicht den katastrophalen Lesersohwund, nicht das Sterben der deutschen Zeitungsverlage wahrhaben. So kam es, daß noch im November vorigen Jahres, als die ersten authentischen Zahlen der Auflagenziffern veröffentlicht wurden, das Propagandaministerium den Zeitungen befahl, die notarillc Auflagenziffer auf den Kopf des Blattes zu setzen. Und siehe, es waren bedeutend höhere Zahlen als die veröffentlichten! Die Zeitungen hatten sich das sehr einfach gemocht. Sie konnten die Durchschnittsziffer eines Vierteljahres angeben. Und so suchten sie sich eine Woche aus, in der sie ihre Blätter in besonders hoher Auflage drucken ließen, errechneten dann den Durchschnitt des Vierteljahres und konnten dann wieder drei Monate mit einer notariell beglaubigten großen Auflagenziffer aufwarten. So konnte man die Auflagenziffern der einzelnen Blätter„berichtigen", aber nicht hintanhalten, daß immer mehr dieser „gutgehenden" Zeftungen ihr Erscheinen einstellen mußten. Nicht dementieren konnte man auch die Zahl der in Deutschland erscheinenden Tageszeitungen, die von 2703 im Jahre 1932 auf 1128 am 1. Oktober 1933 zurückgegangen waren und heute bei der Zahl 886 angelangt sind. Trotz allem konnte man es den Leuten doch nicht abgewöhnen, weiterhin Blätter zu lesen, die nicht zu den nationalsozialistischen Zeitungskonzernen gehörten. Noch immer hatten die Blätter des Ullsteinverlages Auflageziffern, die mit jenen der nationalsozialistischen Organe konkurrieren konnten. Und weil eben die Blätter von selbst nicht sterben wollten, so mußten sie auf Befehl sterben. In München gibt es den Verlag Franz Eher Nachfolger. Der Chef hefßt Amamt, ein Kriegskamerad Hitlers, Adolf Hitler selbst ist daran beteiligt. Und dieser Verlag, der den„Völkischen Bobaditer", den„Hlustrleten Beobachter", die„Brennesscr' usw. herausgibt, hatte es sich in den Kopf gesetzt, den einzigen deutschen Zeitungstrust zu gründen, Eigentümer sämtlicher in Deutschland erscheinender Zeitungen zu werden. Der Reichskanzler als Zeitungsraagnat! Um diesen gewaltigen Plan durchzuführen, mußte die Zahl der deutschen Zeitungen auf ein Minimum restringiert werden. Durch Verbote, Boykotte, Steuerdruck, Erpressungen ist man nun bei der Zahl 886 angelangt. Die großen Verlage sind durch raffinierte Methoden erschüttert worden. Sie stehen schon nicht mehr, sie wanken schon, bald werden sie vollends fallen. Bei Ullstein begann es mit dem »Tempo«. Es folgten die diversen Zeitschriften, es folgte jetzt als schwerster moralischer Schlag die»Voss.«- Nun geht es an die»BZ.« und an die»Morgenpost«. Eben erst hat man die»Berliner Illustrierte« diffamiert. Ein Journalist Eberhard Kocbsell, ehemals Mitglied der „Schwarzen Reichswehr", hat nach Tagebuchaufzeichnungen der Brüder Loerzer, Kriegskameraden Görings, mit Erlaubnis Gö- rings eine Artikelserie über Görings Kriegserlebnisse für die»Illustrierte« geschrieben. Als der erste Artikel erschienen war, verbot Göring die weiteren Veröffentlichungen. Gleichzeitig begann In den Verlagswerken von Eher ein wütender, gehässiger Kampf gegen den Verlag Ullstein, gegen die»Illustrierte« und die»Grüne Post«. Der Erfolg war enorm. Die»Illustrierte«, dte noch in einer Auflage von knapp 400.000 erscheint, verkaufte von der nächsten Nummer 264.000 Stück(Mitteilungen des Ullsteinvcrlags:»Illustrierte« vom 25. März Rwnmission 126.000). Auch die»Grüne Post« stürzte in der Auflage. Noch mehr wirkt sich die Sache bei den Inseraten aus. Die Inserenten trauen sich nicht mehr, Aufträge für diese Blätter zu geben. Die Acquisiteure der Konkurrenz Eher, des»Illustrierten Beobachters« und der»Braunen Post« drohen ganz offen mit Boykott und anderen Maßnahmen, wenn die Leute Ihnen nicht ihre Inseratenaufträge zukommen lassen. Der Franz- Eher-V erlag hat die Macht und er nützt seine Machtstellung aus. Eben erst hat sich solch ein Fall mit einer katholischen Zeitung in Oberhausen abgespielt Die„Vereinigte Verlagsanstait Oberhausen, Besitzer des Blattes»Neuer Tag« klagte beim Landgericht Oberhaus«! gegen die nationalsozialistische Zeltung»Nationalzeitung«, deren Inseratcn- und Abonnementwerber den Beziehern des »Neuen Tag« mit wirtschaftlichen und persön- Bchen Nachteilen drohten, wenn sie das Blatt weiterhalten oder unterstUtzen. Das Urteil des Gerichtes lautete: „Die Klage wird abgewiesen, zumal die sogenannte katholische Presse heute eine überflüssige Erscheinung ist, angesichts der Tatsache, daß alle Kathollken durch das Lesen der in leder Pfarrei aufliegenden Kir- Soehen er schienen! DER FASCHISMUS UND DIE INTELLEKTUELLEN Untergang des Deutschen Geistes Von Landgerichtsdirektor*** Ein hoher deutscher Justizbeamter zeichnet in dieser Schrift das geistesfeindliche Gesicht des heutigen Deutschland. Geschichtsforschung wird durch Rassenblödsinn lächerlich entstellt und zu reaktionären Staatszwecken umgelogen. Richter und Pfarrer, Professoren, Künstler und Dichter werden in die Zwangsjacke eines delirierenden Despotismus gesteckt oder wandern in die Konzentrationslager. Immer tiefer sinkt der Geist, bis ein Erwachen in Blut und Grauen droht. Preis In: Belgien 7.50 Frs./ Bulgarien 38 Lewa/ Dänemark 1.50 Kr./ Deutschland 0.90 RM./ Frankreich S.SO Frs./ Großbritannien—.1.8 Pfund Sterling/ Italien 4.— Lire I Jugoslawien 17.— Dinar/ Niederlande—-50 Gulden/ Oesterreich 1.80 Schilling Palästina—.070 P. Ptd./ Polen 1.85 Zloty/ Rumänien 37.— Lei/ Schweden 1.45 Kronen/ Schweiz 1,10 Fr«./ Tschechoslowakei 7.— KS/ Ungarn 1.40 Pengö/ USA. —.35 Dollar. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstait Graphia, Karlsbad CSR. bracht, die von Hitler entworfen und Hammer und Sichel nebst Nazipiepmatz und Hakenkreuz und zwischendrin auch den Kopf Goe- fhes zeigen soll... Der verrückte Witz der Weltgeschichte erwiese sich also wieder ein- ' üial genialer, als die skurrilsten Einfälle satirischer Köpfe. B. Br. Inflation in Märsdien Die führende deutsche Musikerzeitschrift >Musik« in Berlin kann voll Stolz die aufre- Kende Tatsache verkünden, daß In einem ein- zi8en Jahr nicht weniger als 178 neue Märsche komponiert wurden. Das ist fürwahr eine •■rettende Tat"! Der deutsche Rundfunkhörer Vernimmt diese Neuigkeit mit Grausen. Er hört schon seit einem Jahr auf aHcn deutschen ändern nichts anderes als Marschtnusik.(Im Island stellt schon lange niemand mehr deutsche Stationen ein.) Der neudentsche Mu- rikgeist kann sich anscheinend nur im Marsch- 'einpo austoben. Wenn das der vielgefeierto Richard Wagner erlebt hätte! Aber verwun- durlich ist die Sache nicht Die„genialen" deutschen Komponisten hören ia nichts anderes als:„Ohne Tritt marsch!".„Auf, marsch, Harsch!" und„Zurück, marsch marsch!" Y. E. SOi Der neue Volksempfänger, dessen Herstel- h'Ug und Massenvertrieb auf die Inltialive des Fropagand aminist er fums zurückgeht soHte die 'soHerung des deutschen VoHces vervoflstän- digen, die Empfangsmöglichkeit ausländischer �destationen ausschließen. Amtlicher und Parteidruck wird aufgeboten, mn die Verdrängung der größeren Empfangsapparate durch den V. E. 301 zu erreichen. Das ist weltgehend gelungen. Gründlich mißlungen Ist aber die Absicht die deutsche Hörerschaft mit Hilfe des V. E. 301 aui den deutschen Aether zu beschränken. Aus dem Radioroaulkorb V. E. 301 ist durch wenige Handgriffe und ohne Kosten ein Empfangsapparat zu machen, der einen einwandfreien Empfang der Sender Prag, Straßburg, Luxemburg und sogar Moskau ermöglicht In allen Teilen Deutschlands wird Göbbels V. E. 301 von seinen Besitzern umgebastelt und zum Empfang ausländischer Stationen benutzt Im Aether hört die faschistische TotaUtät auf. Baldur ringt sich etwas ab.•• Reichs jugendführer BaWur von Schirach, ein impertinentes Jüngelchen von sechsimd- zwanzig Jahren, radikal tuender Bourgeois aus schwerreichem bürgeriiehen Haus, hat sich dazu herabgelassen, auf einige Minuten eine Untcrtagszcche zu besuchen. Das hat den„Dortmunder Gemeralanzeiger" so in Ekstase versetzt, daß er verzückt schreibt: ..... Der Besuch des Reichsjugend- führers und seiner Begleitung tief unter der Erde löste Freude und Begeisterung unter den Arbeitern aus(!!). Der überwältigende Eindruck, an der Stätte harter Arbeit unter der Erde rang dem Rcichsju- gendführer die Erkenntnis ab, daß mir das schaffende deutsch« Volk Grundlage und Stärke des werdenden Reichs sein könnte." Er rang sichs leutselig ab und ging mit seiner Begleitung erleichtert aufatmend nach oben. Das Reduzieren der Löhne besorgt-der andere Teil der Pirma. So'n Quatsch Berliner Betriebsorgan: Wie grüßt der Jud? Wte grüßt der Christ? Der Treuhänder der Arbeit für Boriin, Herr Engel, hat— das muß man schon sagen— seine Sorgen. Neulich hat er sich in einer Sportpalastrede mit der Frage beschäftigt, wie in den Betrieben die Arier und die Juden einander zu grüßen haben. Der deutsche Edehrruß„Heil Hitler" wird nämlich entweiht, wenn er an einen jüdischen Paria gerichtet wird oder gar von seinen Lippen kommt. Also grüßen sich nur die arischen Betriebsangehörigen mit„Hell Hitler!" Zu den jüdischen aber sagt man„Guten Morgen!" oder„Guten Tag!" oder sonst etwas ähnliches, was man in vernünftigen Zeiten zu allen vernünftigen Menschen zu sagen pflegte.— Ein diesbezüglicher Erlaß ist in Vorbereitung. Das alles ist, wie man bemerkt, furchtbar wichtig und Interessant.»Aber noch interej- santer wäre es zu erfahren, wie die Berliner Arbeiter über die Sorgen des Herrn Engel denken. Diese Berliner Arbeiter, schnoddrig, kaltschnäuzig, überkritisch, stets bereit, an allem und jedem ihren scharfen Witz zu üben— diese Berliner Arbeiter waren zu Tausenden im Sportpalast versammelt, hörten sich die Redereien von Engel an und schwlegenl? Hat der Wundertäter Adolf Hitler wirklich das Wunder vollbracht, sie so zu verwandeln, daß sie sich für ihre Lohntüten nicht mehr interessieren, dafür aber für die Grußformen, die zwischen Juden und Christen angewendet werden? Nein, das kann keiner glauben, der die Berliner Arbeiter kennt! Sie werden für den Blödsinn, den man an ihnen und mit ihnen verübt, Rache nehmen. Unsterblich bleibt der Berliner Witz! Hitlers Auspuff Eine Anzeige aus»Motor und Sport« Nr. 15: Die deutsche Au s p uf f- S i r e n e... schafft freie Bahn. Die deutsche Motorrad-Fanfare! Das deutsche Ansaug horn! ... Erhältlich In den Werkstätten usw. Aus»Motor und Sport« Nr. 15. Der deutsche Auspuff, Marke Fanfare, verstänkert leider die ganze europäische Atmosphäre und schafft„freie Bahn" für die— Rüstungsindustrie! „Hessel hat sich vorgestern umgebracht." „So ein Protz! Immer schon wollte er es besser haben als die andern.'' „Wissen Sie, wie man Hitler in Berlin nennt?— Adolf Schmusolln!.'' chenzeitung Gelegenheit haben, sich mit der Gottesdienstordnung bekannt zu machen." Verhältnismäßig leicht bat es der Verlag Eher mit den nati onalsozlafc ti sehen Blättern die er an sich reißt. Zwar war es eine schwere Sache, bis der»Angriff« von Dr. G 5 b- b e 1 s kapitulierte, aber Hitler mußte das nicht nur aus geschäftlichen, sondern auch aus politischen Gründen schaffen. Der Führer hat es nicht gerne, daß seine Kollegen an seiner Popularität mitnaschen, sich in den Zeitungen zu sehr loben lassen und sich selbst auf eigene Blätter stützen. Deshalb entwand er schon früher Göring die»Essener Nationalzeitung« und jetzt auch Göbbels den»Angriff«, den er im eigenen Verlag als Abendblatt erscheinen läßt, um damit der»Nachtausgabe« des Herrn Hugenberg den Garaus zu machen. So werden al-mählicli sämtliche nationalsoziajisüschen Zeiturgsver- lage unter der Firma Frans Eher Nachfolger vertrustet. Auch jene, die Herr Dr. Ley mit den gestohlenen Gcwerkschaftsgeldern gekauft hat, wie»Der Deutsche«, die»Münchener Neueste Nachrichten«, den»Hamburger Anzeiger«, die»Dresdner Neueste Nachrichten«. Da M o s s e nur noch kleines Provinzausmaß besitzt, spitzt sich in der Reichshauptstadt der Konkurrenzkampf Ehers, abgesehen von Ullstein, immer mehr gegen Hugenberg, den Besitzer des Scherl-Verlags, zu. In der Provinz wurde er bereits vollkommen überwunden. Von den hundert Blättern, die Scherl in der Provinz besaß, sind nur noch einige wenige übrig. Die Zusammenlegung der T.U.(Telegrafen-Union) mit dem amtlichen Wolfbüro hat Hugenberg seine bis dahin gefährlichste Waffe entwunden- Die Machtstellung des Scherlverlags ist dahin. Wenn Herr Hugenberg nicht Besitzer der„Ufa" wäre, so läge sein Zeitungskonzern schon längst in Trümmern. Nachdem die„Ufa" erst vor kurzem dem Scherl-Verlag mit einer Hypothek von zwei Millionen Mark beigesprungen ist, wurde nunmehr erneut ein zinsfreies Darlehen von zwei Millionen gewährt. Geht das so weiter, so wird Hugenberg mit dem Verlag auch noch die„Ufa" loswerden. Die Zukunft der deutschen Presse— ihre Auferstehung im alleinigen Besitz des deutschen Reichskanzlers? Er würde dann der größte Zeitungsmagnat der Welt sein und Deutschlands reichster Industrieller. Gurt Haas. CrleidigesdiaUete Statistik Lohnsenkungen werden»wissenschaftlich« weggelogen Der Herr Professor Wagemann ist ein sonderbarer Heiliger. Nach Ueberwin- dung einiger Schwierigkeiten ist ihm die Gleichschaltung gelungen, und er durfte die Leitung des Instituts für Konjunktur forschung behalten. Die Nationalsozialisten fanden um so mehr Gefallen an ihm, als der Professor in etwas akademischer Form sich immer mehr bereit zeigte, das zu vertreten, was der einfältige Feder nur recht primitiv und brutal vorzubringen wußte und was der ganzen nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik zugrunde liegt: die Segnungen der Infla- tfon. Aus einem Vortrag über Krisenbekämpfung in Berlin, den Wagemann vor dem kompetenten Forum der Betriebszelle seines Instituts gehalten hat, konstatiert man zunächst, daß der Brave, der in glei chen Treuen allen republikanisch-liberali stisch-marxistischen Regierungen gedient hat, bereits ein ISOprozentiger Pg. geworden ist. Die Grundsätze der Wirtschaftspolitik ergeben sich diesem Wissenschaftler, der so erfolgreich sich streberisch bemüht hat, nicht aus der voraussetzungslosen Forschung, sondern aus den„drei Forderungen der Bindung jeden Handelns an die Idee der Volksgemeinschaft, des Führerprinzips und der Heiligung des Blutes und der Heimat". Nun ist Heiligung des Blutes besonders für Leute ohne jüdische Großmutter eine nette Sache, da sie ihnen die Anwendung auf die Wirtschaftspolitik ihre jüdischen Konkurrenten vom Hals schafft, aber wie macht man damit Krisenbekämpfung? Doch wozu ist man nationalsozialistisch gewordener Professor? Führerprinzip+ Volksgemeinschaft+ Blutheiligung= Kreditauswei- tung. Die neue volkswirtschaftliche Gleichung ist gefunden. Hier ist ein Wunder, glaubet nur! Der brave Wagemann ist ein forscher Kerl. Seine Kreditausweitung hats in sich. Die Arbeitslosigkeit wird beseitigt, indem man Aufträge erteilt und sie mit faulen Wechseln finanziert, für deren Einlösung DAS PARISER TARERLATT Chefredakteur: GEORG BERNHARD bringt unter anderem regelmässig BERLII1ER BRIEF mit unerhört interessantem Tatsachen-Material, trotz Zensur und Diktatur AeusserungeD führender Politiker aller L&ndcr zu den europäischen Problemen Bellrdge hervorragender Dichter und Belehrter spezieU der aus Deutschland Verbannten Demnächst Interessantes Preis- Ausschrelben: JAHRE 14 REPUBLIK Grosse Umfrage bei Gelehrten, Publizisten, Staatsmännern: ,,016 Zukunft dar Weif Neuer hochaktueller Roman ron BALD ER OLDEN; ROMAN EINES NAZI Endlich die verschiedenen Sonder-Geblete Die moderne Frau— Reise und Verkehr— Sport— Technik n. Wirtschaft Probenumem gratis- Beotelungen beim „VAE IBER TAGEBLATT" PARIS(9), 51, Bne Turblgo die Reichsbank ihren Notendruck zur Verfügung stellt. Aber Wagemann weiß, daß solche Inflation Preissteigerung mit sich führt. Also muß diese bekämpft werden. Das ist für den totalen Staat sehr einfach, er senkt die Kosten. Wörtlich:„Gefahren, die eine Kreditausweitung zugunsten der Konsumbciebung mit sich bringt, kann durch eine gleiche Kreditausweitung zu gunsten der Kostensenkung ausgeschaltet werden... Eine Geldvermehrung um eine Milliarde kann in ihrer Wirkung ausgegli chen werden durch die Ausgabe einer weiteren Milliarde." Man sieht, das Rezept ist verflucht einfach: zuerst erhöht man die Ausgaben durch Notendruck und dann senkt man die Einnahmen um denselben Betrag und ersetzt das Defizit durch neuen Notendruck. Es läuft auf die Behauptung hinaus, wenn man ein Kerze von zwei Seiten zugleich anzündet, kann sie nie verbrennen! Wir wollen nur hoffen, daß Herr Wagemann bald Zeit erhält, sich auch mit anderen Wissenschaften als der Nationalökonomie zu beschäftigen. Welche Revolution könnte er in der Wärmelehre vollbringen! Wenn wir uns mit diesem Unsinn überhaupt beschäftigen, so aus zwei Gründen. Einmal ist diese„Theorie" die genaue Beschreibung der w fr k 1 i oben nationalistischen Pra- x i s. Die Nationalsozialisten haben einerseits Riesenausgaben nicht nur für zum großen Teil unproduktive Arbeitsbeschaffung, sondern ebenso für Rüstungen und Unterhaltung der SA.-Armee gemacht, andererseits die Steuern insbesondere für die Landwirtschaft und den Haubesitz dauernd heruntergesetzt. Sie haben in der Tat die Kerze von beiden Seiten zugleich angezündet, ein unabsehbares Defizit erzeugt und den Staatshaushalt so in Unordnung gebracht, daß eine Sanierung ohne Staatsbankrott immer unmöglicher erscheint. Sodann aber sind die Auffassungen des Wagemann deshalb wichtig, weil er ja der Leiter des Konjunkturinstituts ist, dessen Veröffentlichungen bei der völligen Unterbindung jeder unabhängigen Wirtschaftsberichterstattung fast die einzige Grundlage für die Beurteilung der deutschen Wirtschaft darstellt. Man kann sich leicht vorstellen, in welcher Weise dieser Mann, pohtisch ein gleichgeschalteter Streber wissenschaftlich ein gefährlicher Wirrkopf, die statistischen Daten zurecht- manscht, um sie in Gefälligkeitswechsel auf die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik zu verwandeln. Und dies ist um so eher möglich, als ein Teil der Resultate, zu denen das Institut gelangt, bei dem heutigen Stand der deutschen Statistik nicht auf exakten ziffernmäßigen Erhebungen, sondern auf Schätzungen beruht, die dem subjektiven Ermessen oft nur zu erheblichen Spielraum lassen. In der Tat herrscht in Wagemanns Veröffentlichungen immer mehr ein hemmungsloser Optimismus vor, in der Beurteilung der bisherigen Resultate ebenso wie in den Prophezeiungen über die künftigen Erfolge. Aber dem guten Willen entspricht nicht immer das Können und so finden sich manchmal Widersprüche, die sich mit dem überlauten Siegesgeschrei nicht recht zusammenreimen lassen. Einige Beispiele: Das Institut entdeckt, daß im letzten Winter„entgegen aller Erfahrung" das Arbeitseinkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten gestiegen sei. Es habe im vierten Vierteljahr 1933 6.77 Milliarden RM. betragen, im ersten Vierteljahr 1934 werde es mehr als 6.8 Milliarden RM. betragen(gegen 6 Milliarden im ersten Vierteljahr 1933). Während das Einkommen im Winter 1933/34 um nicht ganz ein Prozent gestiegen sei, sei es in den vier vorhergehenden Winter(1929 bis 1932) um 7, 11, 18 und 7 Prozent gesunken. Da das Lohnniveau, dem Willen der Reichsregierung entsprechend, so gut wie ganz stabil blieb, sei die Zahl der Einkommensbezieher fast ausschließlich durch die Beschäftigung, das Einkommen des einzelnen vor allem durch die A r- b e 1 1 s z c i t bestimmt. Die Behauptung, daß das Lohnnivea,u ganz stabil blieb, ist leider eine Lüge. Das beweisen nicht nur die sehr zahlreichen, genau belegten Mitteilungen von Arbeitern. das zeigen auch vielfache, uns zugegangene Mitteilungen aus Untemeh- merkreisen. In einzelnen Fällen läßt es sich ja auch aus den veröffentlichten Bilanzen entnehmen. So war im Siemenskonzern, wo man— wie in zahlreichen anderen Fällen trotz einer Urasatzvermin- derung um 20 Prozent zwangsweise Arbeiter aufgenommen hatte, und die Beschäftigtenzahl von 75.000 im Jahre 1932 auf 79.000, also um 6 Prozent, im Jahre 1933 gestlegen war, die Lohnsumme von 19 Millionen, um 15 Prozent gesunken! Achilliclles ist von anderen großen Konzernen, auch von solchen, die augenblicklich eine gewisse Sonderkonjunktur genießen, bekannt. Leider werden präzise An gaben immer seltener. So ergibt sich aus dem Geschäftsbericht des IG.-Farbenkon- zerns eine Steigerung der Roheinnahme (der Gesamtumsatz wird nicht bekanntgegeben) von 476 auf 491 Millionen, also um 15 Millionen, etwas über 3 Prozent. Die Löhne und Gehälter stiegen von 173 auf 175 Millionen und blieben so mit zwei Millionen, kaum l'A Prozent, absolut und relativ hinter der Erhöhung des Rohgewinnes zurück. Leider wird— und wohl mit voller Absicht— nicht angegeben, wie hoch die Arbeiterzahl war. Aus verschie denen Mitteilungen der IG. ging aber eine beträchtliche Erhöhung hervor, und jetzt wird gesagt, daß die Zahl der Arbeiter in den eigenen Betrieben am 1. März 1934 mit 63.936 um 35 Prozent und die der Angestellten mit 17.761 um 10 Prozent über dem Tiefstand vom 1. Oktober 1932 lag. Da 1934 nur 4344 Arbeiter und 605 Angestellte dazukamen, so muß die Vermehrung von rund 40.000 auf 60.000 bei den Arbeitern und von 15.300 auf 17.000 bei den Angestellten zum großen Teil während des Jahres 1933 erfolgt sein. Und mit dieser starken Vermehrung der Arbeiter ist die Lohnsumme fast gleichgeblieben! Da über 90 Prozent der Belegschaft Kurzarbeit hat— 40 bis 42 Stunden in der Fünftagewoche— so ist wohl ein Teil der Arbeitervermehrung auf Ausdehnung der Kurzarbeit zurückzuführen. Aber daneben mußte die Arbeiterschaft auch große Lohnopfer auf sich nehmen, um diese weit über die wirklichen Produktionsanforderungen hinausgehende Arbeitervermehrung zu— finanzieren. Denn aus diesen Lohnkürzungen der Arbeitenden schafft der nationalsozialistische Wirtschafts. führer die Bezüge für die Neueinge. stellten! Man begreift, daß selbst ein Göbbels es in seinen Propagandareden nicht mehr ganz vermeiden kann, von den großen Opfern der Arbeiter zu reden. Aber das alles ignoriert der strebsame Herr Wagemann. Da die Tariflöhne offiziell nicht abgeändert worden sind, sondern die Löhne nur in der nichtamtlichen Wirklichkeit heruntergedrückt wurden, braucht sich ja der Mann um die Tatsachen nicht zu kümmern. Er multipliziert einfach seine Tariflöhne mit der Zahl der Arbeitenden und den(keineswegs etwa exakt erfaßten) Arbeitsstunden und flugs erscheint das erhöhte Arbeitseinkommen im Winter, das„der bisherigen Erfahrung widerspricht". Fälschung? O nein, einzige Methode, die für die amtliche Statistik zulässig ist! Trotz all dieser Kunststücke bleibt das Ergebnis mager genug. Nach den Angaben des Instituts betrug das Arbeitseinkommen, das auf dem Höhepunkt im Jahre 1929 noch 44.5 Milliarden betragen hatte. 1932 nur 25.860 Millionen und stieg 1933 auf 26.086 Millionen, also nur um 226 Millionen. Ein klägliches Resultat angesichts der doch mindestens 2'A Milliarden, die allein aus öffentlichen Mitteln für die Arbeitsbeschaffung aufgewandt worden sein sollen. Selbst diese Zunahme wandelt sich aber in ein Minus, wenn man berücksichtigt, daß die Einkommen aus Arbeitslosenhilfe, Sozialversicherung und öffentlicher Fürsorge im Jahre 1933 gegenüber dem Vorjahre von 5.4 auf 4.8 Milliarden, also um 800 Millionen gesunken sind! Da der Ernährungsindex von 107.3 im Januar auf 114.2 im Dezember 1933 hinaufgegangen ist, kann man sich von der Besserung der Lebenshaltung einen Begriff machen.„Die Einzelhandelsumsätze in Nahrungs- und Genußmitteln sind im Januar 1934 um 3.3 Prozent dem Wert nach gestiegen. Den Mengen nach sind sie um 2.9 Prozent gesunken." Von ihren gesunkenen Löhnen müssen die Arbeiter mehr Geld für weniger Nahrung ausgeben. Das genügt als Kritik nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik sowohl als auch zur Beurteilung der Kunststücke des Wagemann, des„Führers der gleichgeschalteten Statistik"! Dr. Richard Kern. Front des Geistes Neue bemerkenswerte Veröffentlichungen. Die»Europäischen Hefte«, Wochenschrift für Politik. Kultur und Wirtschaft, geleitet von Willi Schlamm— dem früheren Herausgeber der»Neuen Weltbühne«— erscheinen zum ersten Male am 17. April 1934. Die Zeitschrift(Redaktion und Verlag Prag IL Vedjckova 34) will den geistigen Kampf gegen alle Erscheinuhgsförraeti des internationalen Faschismus mit dem Versuch einer konstruktiven Erneuerung der Ideologie und Politik der europäischen Linken verbinden. In Nr. 16 der»W e 1 1 b ü h n c« schreibt H. von Gerlacb über..Hitler und P 1 1 s u d- s k i":„Pilsudski will Deutschland gegen Rußland ausspielen. Hitler Polen gegen Frankreich- Das ist des Pudels Kern." La Batallle Soclalistc Organ des französischen Sozialismus, erscheint am 15. jeden Monats. Zeitschrift für die theoretischen und praktischen Probleme der Arbeiterbewegung in Frankreich und im Ausland. Bezugspreis: 1 Jahr— Frankreich 10 Francs. Ausland 20 Francs.— Zahlungen an Paul C o 1- lictte, 8. nie de la ColldgiaJe, Paris Vc. Postscheckkonto Paris 1126.65. IflltfllHÄfe 6oifoldcmorraHfd)e0 IDodjcnblalf Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn! Druck:„G r a p h i a": alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI 159.334/VII-1933- Der„Neue Vorwärts" kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR. Kc 1.40(für ein Ouartal bei ireler Zustellung Kö 18.—). Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(K� 24.— für das Ouartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung;(die Bezugspreise für das Ouartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60), Belgien Frs. 2.—(24—), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guid. 0.30 (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland\- Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4—(48.— /• Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d.4.—(f>h. 4,—), Holland Gld. 0.15(1.80). Italien LIr. 1.10(13.20), Jugoslawien Din. 4.50(54.—)• Lettland La t. 0.30(3.60), Litauen Lit. 0.55(6.60). Luxemburg B. Frs. 2-—(24.—), Norwegen Kr. 0.35(4.20), Oesterreich Sch. 0.40(4.80), Palästina P. Pf. 0.018(0.216). 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