Verlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Letzter RetliMmucli: JuMelzc! Das Gesetz des Faschismus— Vom revolutionären Aktivismus zum konservativen System Der braune Faschismus altert rascher, «ils vorsichtige Beobachter angenommen haben. Der Prozeß ist schon so weit vorgeschritten, daß die faschistischen Führer mit Sehnsucht auf die Anfänge und �■lanzpunkte der Bewegung zurück- o' i c k e n. Sie fühlen es, daß der Funktionswechsel des Faschismus von einer asozialen aktivistischen Bewegung Zlir Herrschaft sie dem Ende näher gebracht hat, daß sie aus Aktivisten '-u Konservativen, aus A n g r e i \e r n zu Verteidigern geworden find. Die täglich wachsenden Schwierigkeiten bestätigen es ihnen jeden Tag. Die Aktivsten von ihnen möchten diese fatale hutwicklung aufhalten und durchbrechen, k'e möchten zurück zur Bewegungsform. Aber wie kann ein System, das so rasch starr und unfruchtbar geworden ist, zu Seinen Anfängen zurückkehren, ohne sich soIbst zu zerstören? Das System hat den Punkt erreicht, �o Propaganda wirkungslos wird, wenn k® nicht aus Massenstimmungen und Affekten selbst hervorwächst Der Propagandist des Systems, Göbbels, hat das A'tern und die beginnende Lähmung mit �netn Propagandafeldzug gegen P'e Miesmacher bekämpfen wölten. . ber kann das wirken, wenn die eigenen -eute selbst mies gestimmt sind? Die a.ro,e gegen die Miesmacher war •Kniecht gewählt, aber verräterisch— och verräterischer ist"was daraus ge Orden ist; eine neue Parole des •Judenhasses und der Pogromhetze, . Itle.Wiederholung des 1. April 1933. Man unn c c'€r ganzen Welt mit Schrecken . d Entrüstung die Pogromrede von Göb- 06 tS im c___ x— i--i u.x--- ux„x �lo eine 1IT1 berliner Sportpalast betrachtet als ba Erwarteten Rückfall in die Bar- diesp d n bat nicht verstanden, daß ® das Gesetz des deutschen jOnismus enthüllt. die r"Yölkische Beobachter" schildert Ful'brücke, die der Kapellmeister ans•' Röbbels wertvollster Gehilfe "ose Seiner großen Zeit der Massenhyp- «ehab� j�j �eser Sportpalastversammlung sen'�g'156' erzählt! Mein Eindruck? Na, wis- trüh 16' l?er ist eigentlich so, wie ich ihn «tlernt l den Kampfiahren kennen auf � babe. Der Kampf hat sie alle wieder w j e/ e'ne gebracht Jetzt haben wir PrfV u.nsere Kampf parole." die~Jje.r in den Kampfjahren— das ist hnwißj u116 Selinsucht nach etwas, was '•SchW�HSd'di dahin ist Die Parole den f- Juden, wo ihr sie trefft" kann Nieder1"5*611 Teil der"alten Garde" "ütisrk'Mobilisieren, sie kann den antise- bdrger 611• ��e.bt eines Teiles der Klein- äußer Wleder zu leidenschaftlichen Haß- bschi�«ntfachen, aber sie kann dem Wcgiin 611 �ystem nicht die Be- Friiher■ s J 0 r ni zurückgeben. StirtimJ1! den Kampfjahren— das ist die Göbb-. A'tems und des Abstiegs, die In(if[u�rPaar zusammenschweißt. großc o®" Tagen, wo der Faschismus das "nd pm nielbecken aller Mißvergnügten sten wa Z€lten, aller asozialen Aktivi- gesellscWx�0 � den Marxismus für alle koseliSck.,';!c},en Bindungen wie für alle i'.cb gertn, en Auswüchse verantwort- Ür'bn h; ,ba� war„das System dioser rvti�- nzendste Kampfparole. Mit 1 lsch inhaltlosen Parole hat er alle Affekte entfesselt und auf die Tat an sich gerichtet Die Tat— das war für die Masse seiner Anhänger der Terror, der Mord an Sozialdemokraten, Gewerkschaftern, Kommunisten, der Raub, das Zertrümmern von Häusern und Wohnungen, der grinsende Sadismus der Gefatigenenpeinigung, und ihre Krönung war der wilde Ausbruch des Judenhasses vom 1. April 1933. Während die gegen„das System" aufgepeitschten Massen sich in solcher Tat von ihren Affektspannungen erlösten, kletterten die Führer in die Aemter und Befehlsstellen und die damit verbundenen Einkommen, schafften sie sich Vermögen und soziale Geltung und wurden— zum System. Ihre Parole von gestern wird zur Parole von heute g e g e n s i c. Ihr System, das ist der in der Herrschaft erstarrte Faschismus, der totale Staat. Das System des.totalen Staates muß notwendig eine in der Tendenz revolutionäre Opposition erzeugen— nicht durch die Verelendung an sich, sondern durch das Uebermaß von Geboten und Verboten, weil es dem einzelnen für seine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Ordnung keinerlei Freiheit läßt, weder auf politischem noch auf kulturellem Gebiete. Freie politische Betätigung, in der seelische Spannungen und vor allem Massenspannungen Auslösung finden können, ist in der faschistischen Herrschaftsform immöglich. Jede Spannung wird deshalb zu einer Gefahr, jeder freie politische Impuls zu einem revolutionären gegen das System. Die Spannung lösende T a t an sich, einst das Zauberwort der Faschisten, wird jetzt zu ihrem Schrecken. Der politische Aktivitätsdrang, der nicht mehr an alte Formen— Parteien, Bünde— und auch nicht mehr offen an frühere Ideologien— Parteiprogramme — anknüpfen darf, greift zu Parolen, die politische Anlässe der verschiedensten Art decken. Entscheidend dabei ist nicht der politische Inhalt dieser Parolen, nicht eine Zielsetzung in der Zukunft, sondern die Verneinung der faschistischen Gegenwart Das ist die Bedeutung, die jede öffentliche oppositionelle Parole heute in Deutschland hat, sei es eine religiöse, sei es die monarchistische Parole, sei es irgend eine andere, die noch nach außen hervortreten kann. Aus diesem verhängnisvollen Zirkel sieht das System des totalen Staates nur einen Ausweg; Die Bindung aller virtuel- Franz Klühs in Gefahr! Sozialdemokraten sollen vor das„Volksgericht" „Het Volk", das Zentralorgan der Niederländischen Sozialdemokratie meldet aus Berlin: Im Gefängnis von Moabit warten schon seit neun Monaten die drei Hauptangeklagten des Klühs. Prozesses auf die gerichtliche Verhandlung. Klühs war zweiter Chefredakteur des„Vorwärts". Er wird beschuldigt, einen Versuch zur Fortsetzung der verbotenen sozialdemokratischen Partei unternommen zu haben. In der Voruntersuchung soll Klühs bekannt haben, in Verbindung mit dem SPD-Vorstand in Prag getreten zu sein nnd Proben illegaler Literatur, die er von dort mitbrachte, an Bekannte weitergegeben zu haben. MH»hm sitzen die früheren ParteKunk- tionäre Krüger und Neubecker im Gefängnis. Die anderen Angeklagten, die alle der Fortsetzung der Partei beschuldigt worden waren, sind vor einiger Zeit nacßi einer Verhandlung, die hinter ge- schlossenen Türen geführt wurde, freigesprochen worden. In der vorigen Woche wurde endlich der Termin festgesetzt, an dem das Reichsgericht in der Sache Klühs verhandeln sollte; es war der 17. Juni. Nach der Verkündigung des Gesetzes über Einsetzung eines„Volksgerichtes" ist dieser Termin wieder abgesetzt wor- den. Man schließt daraus, daß man die drei gefangenen Sozialdemokraten vor ein solches Gericht bringen will. Dasselbe gilt für eine Anzahl von Funktionären der früheren Sozialistischen Arbeiterjugend, .ritz List, Weber und 17 anderen, die beschuldigt werden. In den ersten Monaten der Diktatur die SAJ fortgesetzt zu haben. Auch die Leiter des Roten Stoßtrupp in Berlin, der eine große Anzahl früherer Sozialdemokraten umfaßte, sollen vor das„Voiksgericht*4 kommen, wäh- rend etwa 30 andere Angeklagte vor das gewöhnliche Gericht gebracht werden sollen. Das gefangene Kind Wirkung des Falles Seger in England. In englischen Zeitungen, darunter Blättern von Millionenauflage, fand man in der letzten Zeit häufig das Bild eines kleinen Kindes, der 20 Monate alten Tochter unseres Genossen G e r h a r t S e g e r, die als Geisel für ihren der Gefangenschaft entronnenen Vater gemeinsam mit ihrer Mutter im Konzentrationslager von Roßlau gefangen gehalten wird. Selbst Streichers Pogrom-Nummer des„Stürmer" und Göbbels jüngste Judenrede haben auf die öffentliche Meinung der englischsprechenden Welt keine" so erschütternde Wirkung geübt, wie dieses Bild und der sie begleitende Text. In der englischen Frauenwelt und in der englischen Kirche ist eine Bewegung entstanden, die sich die Befreiung des gefangenen Kindes und seiner Mutter zum Ziel gesetzt hat. Der Fall Seger war auch am 7. Mai Gegenstand der außenpolitischen Debatte im Hause der Lords, wo ihn der hochangesehene Arbeiterparteiler Lord Ponsonby zur Sprache brachte. Lord Ponsonby schilderte unter großer Aufmerksamkeit den ganzen ungeheuerlichen Vorgang und erklärte; Ein derartiges Verfahren müsse Deutschland die Sympathie jener entfremden, die seine Rückkehr in die zivilisierte Gemeinschaft der Nationen zu sehen wünschten. So wenden sich die sinnlosen Grausamkeiten, die das herrschende System begeht, iauner wieder gegen dieses selbst. Die einzige Greuelpropaganda, die es gibt, ist diejenige, die das Dritte Reich gegen sich selber treibt Sie ist allerdings in der Wahl ihrer Mittel raffiniert und in ihrer Wirkung unübertrefflich. Jen Opposition an künstlich gemachte Aktionen. Dabei gibt es nur sehr wenige Möglichkeiten. Die erste davon ist der Krieg, und die wirksamste dazu. Aber der Krieg würde das Ende des Systems bedeuten. Die zweite wäre die Entfesselung einer antikapitalistischen Aktion. Mit dem Gedenken daran spielt eine Fraktion des Systems. Aber eine solche Aktion kann leicht der Führung entgleiten, und wird von den Trägern des Systems noch mehr gefürchtet als der Krieg. Es bleibt die dritte Möglichkeit; Die Entfesselung einer neuen antisemitischen Welle, einer neuen Pogromhetze, der man einen quasi— antikapitalistischen Einschlag gibt. Diesen dritten Weg ist das System gegangen. Es ist ein Zeichen dafür, daß es die Entwicklung aller Opposition zur Revolution fürchtet Der Faschismus— im Kampf gegen die Demokratie ein Sammelbecken des politischen Aktivismus, der nach der Tat an sich rief— muß als Herrschaftsform alle Kräfte des politischen Aktivismus gegen sich sammeln. Das ist ein Schicksal, dem er nicht entrinnen kann! Der antisemitische Wutschrei von Göbbels wird dies Gesetz nicht zerreißen. Er ist der Ausdruck des geheimen Grauens vor dem Nachher, vor der Stunde des Gerichts. Sie können noch einmal Juden quälen lassen, noch einmal einen Rausch von Haß entfesseln und die borniertesten ihrer Ahänger mit Impulsen von Rach- und Haßsucht laden— aber sie werden damit nur die Entladung des Hasses gegen ihr System beschleunigen, Der Pogrom war einst wie der Kampf gegen den Marxismus für sie eine Angriff swaffe. Heute ist er eines ihrer letzten verzweifelten Verteidigungsmittel. Einst haben sie mit Hilfe aktivistischer Impulse bewußtloser Massen die Demokratie überrannt. Heute kehren sich die Massenimpulse gegen sie und in Ihrem Schöße wächst die bewußte Kraft des angreifenden Marxismus heran— als die erlösende, zur Freiheit führende Kraft Göbbels zensuriert sidi selbst Die„Frankfurter Zeitung" Nr. 239/240 hat über die Göbbelsrede im Sportpalast ausführlich berichtet Nach diesem Bericht hat Göbbels gesagt: „Ich kann aber nicht, weil die Juden im Ausland uns boykottieren, im Innern die Judengesetzgebung zurückziehen, sondern wir müssen diese Krise eben durchstehen. Die Juden meinen vielleicht ihren jüdischen Mitbürgern in Deutschland damit einen Dienst zu tun. Sie tun das Schlimmste, was sie überhaupt tun können, denn sie sollen nicht glauben, wenn sie in der Tat den Boykott so weit trieben, daß er wirklich eine ernstliche Bedrohung unserer wirtschaftlichen Situation darstellen würde, daß wir deshalb die Juden frei ausgehen ließen.(Stürmischer Beifall.) Haß und Wut und Verzweiflung des deutschen Volkes würden sich dann zuerst an die halten, die Im Lande greifbar sind. Wenn Deutschland der Welt erklären muß, daß es nicht mehr in der Lage ist, seine Schulden zu bezahlen und die Zinsen zu transferieren, so liegt die Schuld nicht an uns." Der„Völkische Beobachter" Nr. 132 berichtet ebenfalls ausführlich über die Rede. Er hat jedoch den fettgedruckten Satz gestrichen! Die offene Pogromhetze ist unterschlagen worden. Was Ist los? Wahrheiten in der„Frankfurter Zeitung", Wir lesen in der„Frankfurter Zeitune" vom 4. April 1934 Nr. 168/69: „Die Regierung hat einen pompösen S-Jabres-PIan zur Ueberwindung der Krise und zur Wiederbelebung der Wirtschaft angekündigt. Dieser Plan gehört zu jenen Projekten, mit denen die Regierung in plötzlich erwachtem Elfer sich von dem Vorwurf der absoluten Unfruchtbarkeit zu befreien sucht. Es sind Wechsel auf die Zukunft, die von der Oeffentlichkelt schon nicht mehr akzeptiert werden. Nicht nur, weil niemand an die Möglichkeit glaubt, daß die Regierung Verspre, chungen, die über die allernächste Zukunft hinausreichen, zu verwirklichen vermöge, sondern mehr noch, weil die bisherigen ge- hetzgeberischen Leistungen keinerlei Vertrauen in eine aufbauende Arbeit der Regierung rechtfertigen. Die Art, wie sie den Haushaltsplan behandelte, hat ihr den letzten Kredit genommen. Die bei dieser Gelegenheit ofienbarten Unzulänglichkeiten hätten jeder anderen Regie- rung den Hals gebrochen. Doch sie wird von derGnade der Reaktiongehalten, die sie als willkürliches Werkzeug vorläufig noch braucht." Was ist los? Steht das wirklich in der gleichgeschalteten„Frankfurter Zeitung"? Ist die Pressefreiheit plötzlich in Deutschland ausgebrochen? Hat die„Frankfurter Zeitung" Selbstmordabsichfen? Hat Göfcfcels diese Vcr- öffentKchimg gestattet, um der tödlichen Langeweile der deutschen Zeitungen und dem immer weiter fortschreitenden Zeitungssterben abzuhelfen? Keine Angst, lauter unbegründete Befürchtungen. Es stellt allerdings in der frankfurter Zeitung". Aber die Pressefreiheit Ist In Deutschland nicht ausgebrochen, sondern das Propagandaministerium überwacht nach wie vor jede Zeile, die gedruckt wird. Die frankfurter Zeitung" hat keine Selbstmordabsichten, sondern den unbeugsamen Willen, sich weiter durch Ihr gleichgeschaltetes Dasein zu winden. Denn— welche Lösung des Rätsels— es handelt sich gar nicht um Deutschland, es handelt sich um Spanien Und das ist erlaubt; Der pompöse 5-Jahres-Plan, die absolute Unfruchtbarkeit der Regierung, die Wechsel auf die Zukunft, die von der OeffentBchkeit schon nicht mehr akzeptiert werden, die Art der Behandlung des Haushaltsplanes, die Regierung als willfäihriges Werkzeug der Reaktion— von der s p a nl s c h e n Regierung darf man das alles sagen, aber von der deutschen? Nein, von der deutschen darf man es nicht einmal denken! Aber vieDeädrt bildet sich in Deutschland dn neues System getarnter Kritik heraus. Wenn man die Zustände ta deutschen Konzentrationslagern krlflsderen will, muß man Uber die österreichischen schimpfen, und wenn man an der deutschen Regierung Kritik üben wall, dann muß man sich über Spanien hermachen. Alles schon einmal dagewesen: Vor dn paar Jahren kam dn sehr kluger Engländer auf den Gedanken, die Zustände(n seinem Heimatland zu kritisieren, indem er ein Märchen von einem Liliputaners taat erfand. So entstanden Gullivers Rdsen, damals von der Welt mit schmunzelndem Verständnis verschlimgen und erst später zum Kinderbuch geworden. Sollte die„Frankfurter Zeltung" vielleicht ihren Bericht über Spanien auch in dieser hinterlistigen Absicht gebracht haben? Besser aufpassen, Herr Göbbels, das kann gefährlich wenden! i Hakenkreuz und Sdiwarz-Weiß-Rot Wozu die S4 Berlin eroberte Aus Berlin wird uns geschrieben:„Sie haben die nette Geschichte erzählt, wie Herr Wilfried Bade, einer aus der Göbbels- cllque, unter Assistenz von Herrn Fred Hildenbrand zu einem Buche und 20.000 Mark gekommen ist Sie wissen aber nicht, was die erste Sorge des jungen Mannes war, als er im Besitze der 20.000 Mark war. Kaum hatte er den Scheck in der Tasche, so ging er zu einer Wäschefirma am Dönhoffplatz, bei der die Mosseleule zu kaufen pflegten, und bestellte sich dort— zwölf seidene Hemden nach Maß. Können Sie sich eine treffendere Charakteristik der braunen Kleinbürger vorstellen? Die SA erobert Berlin— damit Herr Wilfried Bade sich ein Dutzend seidener Hemden kaufen kann!" Der Pranger. Zwei Milchhändlerinnen in Bremen wurden auf einem der größten Plätze öffentlich an den Pranger gestellt und mußten dort zw« Stunden lang ein an einer Stange befestigtes Schild halten mit den Worten„Wir pantschten Milch!" Der Kampf zwischen alter und neuer Reaktion Die„Einigkeit" des deutschen Volkes im Dritten Reich wird immer deutlicher sichtbar. Es gibt zwar keine Parteien mehr, aber der Parteikampf ist in vollem Gange, teils unterirdisch, teils oberirdisch. Der eiserne Deckel des Terrors hält die Dampfspannung im Innern nicht mehr nieder. Der Kampf um die evangelische Kirche war im Grunde genommen— wenn man von den ganz reinem evangelischen Ideologen absieht— ein Kampf zwischen alter und neuer R e a k t i on, zwischen Schwarz-Weiß-Rot Und Hakenkreuz. Dieser Kampf tritt mm auch auf anderen Gebieten zutage. Pubertät und AaSgerucfi. Die Zeitung, der„Stahlhelm" hat am 6. MaJ einen Angriff gegen den Reichsiugendführer Baldur von Schirach und seine Unterführer gerichtet. Sie hat sich nüt einem Interview Schirachs im„Völkischen Beobachter" befaßt und dazu geschrieben: Aber wir können es doch nicht unwidersprochen hingehen lassen, wenn beispielsweise ein Jugendführer allein die gegenwärtige Jugend als vollwertig revolutionär anspricht und die freundliche Behauptung aufstellt, daß die bisherige revolutionäre Leistung mit zehn Prozent anzusetzen sei, während die restlichen 90 Prozent von der heutigen Jugend noch zu leisten seien. Wackerer junger Freund, laß dir und deinen jugendlichen Volksgenossen in aller Freundschaft sagen: Daß die Jugend revolutionär fühlt und— schwärmt, Ist selbstverständ- lieh, well es eine Pubertätserschei- nu ng Ist!" Im übrigen— so setzte der„Stahlhelm" hinzu, solle man nicht mit Worten spielen, wenn man es nicht ernst meine. Zeigt schon dieser Angriff die gegenwärtige Spannung, so noch mehr die Antwort der Nationalsozialisten. Der„Völkische Beobachter" hat vor Wut aufgeschrien: „Das heißt auf deutsch, daß jeder Deutsche, der als einst junger Frontsoldat, als junger Freiheitskämpfer oder junger Revolutionär zu Adolf Hitler gekommen ist, nicht dem Gesetz seines Deutschtums, sondern seiner Pubertät gefolgt ist. Das heißt, daß das Dritte Reich, das gebaut wurde von den betrogenen Soldaten des Weltkrieges und der verkauften Jirgcnd Nachkriegszeit, nichts anderes wäre als eine„Pubertätserscheinung." Herr Röhrrt ist mit stärkerem Geschütz gekommen. Er hat einen Erlaß gegen den „Stahlhelm" herausgegeben, in dem er den Stahlhelm geradezu SA-fefndl!ch, einen Hort der Reaktion nennt Er enthüllt damit daß trotz aller Einordnungs- und Un- terordnungsmaßnahmen der Stahlhelm als eigene Organisation noch zusammenhält Gegen diese Organisation versagt die Waffe des Terrors und der Gestapo; denn hinter dem Stahlhelm steht schützend— die Reichswehr. Der geheime Kampf Röhms gegen die Reichswehr wird als Kampf Röhm contra Stahlhelm sichtbar. Die Reichsjugendlführung der NSDAP. schließlich hat sich revanchiert, indem sie Ihre Anhänger aufgefordert hat sich„fern von der Reaktion" zu halten, da„ein A a s- g e r u c h" um sie sei! Krach Röhm— Schmitt. Der Streit um den Stahlhelm wird begleitet von einem Krach zwischen Röhm und Schmitt. In dem Röhmschen Erlaß hieß es, daß„sich die sozialen Zustände in einer Art entwickelt hätten, die es der SA unmöglich mache, länger untätig zuzusehen." Röhm weist darin unter anderem auf die Erscheinung hin, daß zahlreiche Aktiengesellschaften 7 bis 8 und mehr Prozent Dividende verteilt hätten. Dieser Befehl Röhms hatte eine scharfe Verstimmung des Reichswirtschaftsministers Schmitt und des Reichs- arbeitsministers S e I d t e zur Folge, die sich bei Hitler über Röhm beschwerten. Hitler versprach den beiden Beschwerdeführern für Abhilfe zu sorgen, mußte aber erleben, daß Röhm seinerseits zum Angriff überging und die Entfernung von Schmitt, Schacht undSeldte aus dem Kabinett forderte. Hitler war hilflos und fuhr in die Berge. Hochschuireaktion? Bericht aus der„Deutschen Wochenschau" Nr. 18; „In Halle fand der Kreistag 1934 der mitteldeutschen Studenten statt. In dem ehemals marxistischen„Klassenkampi"-Gebäude, heute das Kameradschaftshaus der Hallenser Studentenschaft, hatten sich weit über hundert Führer und Amtsleiter der Hochschul- und Fachschulstudentenschaft Mitteldeutschlands zusammengefunden, um ein Bekenntnis zum echten, deutschen, nationalen Sozialismus abzulegen und zugleich der Reaktion auf den Hochschulen schärfsten arrrp'f anzusagen! Die Ausführungen des Staatsrats Gauleiter Jordan-Halle, die in dem Ruf „Schlagt die Reaktion, wo Ihr sie trefft — ob Im Frack, Talar oder gar im Braunhemd!« gipfelten, wurden mit beifälligem Jubel der Studenten bekräftigt. Hier sprachen Männer der alten Garde, hier tönte der mitreißende revolu- äonäre Fanatismus derer durch,d_ mjt ihnen die ersten Spatenstiche zu ten?_ Dcr Gauleiter bläst einen [fnchofen an. 2000 Volksgenossen kommen dadurch wieder in Arbelt! Wie viel lieber würde Sprenger manchmal Axt anstatt zum Federhalter greifen!— Und ist das Schwarze noch so klein.— An einem der schönsten und bedeutendsten Orte Im Gau.— Kein Wunder, daß die Jungens ihn gerne haben.— Sprenger schneidet das erste Brot an. Die Bilder seS>st zeigen einen unvorstellbaren Grad der Eitelkeit des Mannes und des Byzantinismus seiner bratmen Umgebung. Reichsjugendführer Baidur v. Schirach. Der junge Mann hat kürzlich seinen 27. Geburtstag gefeiert Durch sanften Druck, unterstützt vom Reiohspropagandlamtnisterhim, hat er es erreicht, daß fast die gesarate deutsche Presse das bedeutsame Ereignis in langen Artikeln gefeiert und dazu sein Bild veröffentlicht hat Bayrischer Staatsminister Schemm. Staatsminister S c h em m hat eine Schnupftabakfabrik in Regensburg besichtigt Der „Deutsche Tabakarbeiter" berichtete darüber: „Einen großen Tag erlebten die Regensburger, als in der letzten Woche der Gauleiter und Staatsminister Pg- Schemm in Re- gensbprg wellte, um die Schnupftabakfabrik... zu besichtigen... An der Grenze unserer Stadt standen Oberbürgermeister Dr. Schottenhei m und Kreisleiter Weigert bereit, um als Repräsentanten unserer nationalsozialistischen Stadtverwaltung dem hohen Gast würdigen Empfang zu bereiten. Für die zahlreichen Angestellten und Arbeiter der Fabrik selbst sollte der 12. März zu einem ganz großen Tag werden, zu einem Tag, der immer rot angestrichen sein wird. Schon am frühen Morgen hatte die Direktion an sämtliche weibliche Angestellte neue Schürzen und neue Häubchen verteilt und sie ihnen gleichzeitig als Geschenk und schöne Erinnerung kostenlos für ihre wettere Dienstzeit zur Verfügung gestellt Grau und kühl senkte sich die Dämmerung über die w i n k I i c h e n(soll wohl heißen: winkligen) Straßen unserer Stadt. Einige Minuten später rollt schon der schnittige Wagen unseres Gauleiters und Kultusministers Schemm an unter begeisterten Heilrufen der Umstehenden.. Erschütternd aber, tief ergreifend wird es m der Tabakspinnerei:„Dort stehen einige ganz alte Arbeiter, die schon auf eine Dienstzeit(!) von zwei bis drei Jahrzehnten zurückblicken können. Staatsminister Schemm begrüßt diese verdienten„Schnupftabakveteranen" persönlich und er scheut sich selbst nicht, auch einem alten Arbeiter die nervige und über und über mit Tabaklauge beschmutzte Hand zu drücken! Welcher Minister des vergangenen Systems, der vermutlich in Frack und Zylinder erschienen wäre, hätte jemals einen derartigen„gewöhnlichen" Beweis gemeinschaftlicher Schicksalsverbundenheit gewagt..." Preußischer Staatsrat Forster. Der„preußische Staatsrat" und Landeslei' ter der NSDAP. Danzig, Forster, hat sich dieser Tage mit einem Fräulein Deetz kirchlich trauen lassen. Die„Danziger Neueste Nachrichten" berichtete über diese weltbewegende Angelegenheit dreispaltig: und bringen vier Bilder, garniert mit einem so entsetzlichen Hymnus, daß einem bereits nach dem Genuß der ersten drei Zeilen die Magennerven hochgehen. Die Bildertexte: „Gauleiter Streicher als Gast bei der Hochzeitsfeier.— Das junge Paar und Reichsminister Heß am Fenster des Hochzeitshauses. Nur mit Mühe wird die begeisterte Menge in Schach gehalten.— Die Neuvermählten beim Verlassen der Christuskirche." Weiter erfahren wir, daß Gauleiter Forster SS-Uniform trug, während„die Braut ganz in weißer Seide" war. • Das alles und noch vieles andere ist Hitler zu viel geworden. Er hat sich gesagt: wo bleibe ich? Er hat es den Schemm, Mutschmann, Forster, Sprenger usw. verbieten lassen. Nur die obersten Götter dürften noch, vor allem er selber. Eben erst ist wieder ein Kanal nach ihm genannt worden: Adolf- Hitler-Kanal. Und häerzu besitzen eben die Nichtarler mtl ihrer Humanitätsduselei keinerlei Eignung. Sie taugen nicht dazu, die an Körper, Seele und Gut verarmten Volksgenossen mit brutaler Gewalt fürsorglich zu„betreuen" und sie zu Mord und Totschlag zu erziehen. Das können nur„blutvolle Volksgenossen". Sdiemmerel wider die Kultur Es lohnt sich im allgemeinen nicht, die Reden, die bei den zahlreichen festlichen Veranstaltungen in Deutschland die offiziellen Vertreter halten, zu registrieren. Sie sind eine ständige Wiederholung des nationalsozialistischen Katechismus. Wenn wir heut« einen Bericht der„Berliner Lehrerzci- tung" über die Eröffnung des Seminars für nationalpolitlschc Pädagogik im Auszuge bringen, und zwar die Ausführungen des Staatsministers Schemm, so nur, um den Tiefstand des Niveaus zu kennzeichnen, zu dem selbst wissenschaftliche Institute heute herabgesunken sind. Nach den üblichen Phrasen Ober nationalsozialistische Weltanschauung, über SA-Geist, Dienst am Volke und Rassenbewußtsein" riß in seinen weiteren Ausführungen der Redner (Schemm) die Frage nach der Aufgabe unseres Volkes auf(wörtlich!!); In der Beantwortung der Frage kam er zur Placierung der Menschen zwischen Gott und Tier.(Man beachte Stil und Problemstellung.) Der Mensch müsse entscheiden zwischen Licht und Finsternis, Geist und Stoff, Himmel und Hölle. Bei gutem Willen(!) könne er das und würde dem Geistigen und dem Ganzen nahekommen und die Ungelstigkeit überwinden.— Heute macht im Gegensatz zu früher das gesamte Volk die Geschichte. Das Volk habe den Führer herbeigesehnt Gottes Gnade hat ihm denselben geschenkt. Führer führen das Volk zu bisher unerreichten Höhen auf allen Gebieten. Die beste Durchorganisation des Volkes gewährleiste höchste Leistungen. Auf dem Fluge zur Höhe seien Bhit und Rasse die besten und die bersten Wegweiser. Es gehe um den deutschen Menschen, der nach einem Worte Nietzsches„nicht ist sondern wird." Der Lehrer müsse'klug sein und Güte und Heiterkeit besitzen. In diese Tugenden sei das Klhna gelagert in dem die Erziehung zum deutschen Menschen gedeihen könnte. Dieser objektive Bericht aus der Berliner Lehrerzeihmg vom 10. Mai stellt tatsächlich den Tatbestand einer Verächtlichmachung der deutschen Kultur dar. Aber schließlich kann die Berliner Lehrerzeiung nicht dafür, daß das Auftreten des Herrn Schemm eine Verächtlichmachung der deutschen Kultur in Permanenz ist Zinnsoldat Gorlng? „Der Spielwarenhändler", das Organ der Spielwarenindustrie, bringt für seine Leser einen sehr aufschlußreichen Aufsatz über die Uniformen im Dritten Reich. Und zwar deshalb, weil beobachtet wurde, daß bei den Zinn- und Bleifiguren, die jetzt wieder als Kinderspielzeug in Deutschland an erster Stelle rangieren, vielfach falsche Uniformen festgestellt wurden. Man müsse streng darauf sehen, bemerkt der Verfasser am Schluß seines Artikels, daß keine Blcifigur eine unvorschriftsmäßige Uniform trage. Und was sagt G ö r i n g dazu? Wird er seine 50 verschiedenen Phantasieuniformen den Spielwarenfabriken zwecks genauer Nachahmung für Zinnsoldaten zur Verfügung stellen? Sicher eine Kollektion, die jedes deutschen Jungen Herz erfreuen würde! Der Fragebogen Aus dem Bielefelder Generalanzeiger: „In diesen Tagen kursieren wieder einmal gewichtige Fragebogen in den Haushaltungen. Der Hausherr knurrt — ja, aber Herrschaften, warum denn mir? Sie hätten erst neulich einen Fragebogen ausgefüllt? Also nun frisch heran, und die neuen Fragebogen der NS-Hago ausfüllen und prompt wieder abgegeben. Der Fragebogen will aber wissen, ob Sie beim mittelständischen Gewerbetreibenden oder im Warenhaus kaufen." Wer Ist Arier? Eine neuartige, interessante Deilmtion des Begriffs„Arier" hat sich der Rassentheoretiker des Dritten Reiches, Dr. von Leers, ausgeklügelt, um Beleidigungen ausländischer Völker in Zukunft zu vermeiden. Im„Zentral- blatt für Landärzte" m Neustadt gibt er nun in einem Artikel, betitelt„Was ist arisch?" eine Zusammenstellung und Erläuterung des Ariertums. Darnach ist jeder Mensch arisch,„der kein(im arischen Sinne) minderrassiges Blut trägt. Zu den Minderrassigen gehören außer den Juden die außereuropäischen primitiven Rassen, wie Neger, Indianer, Eskimos usw. Die hohen Kulturrassen des Fernen Ostens dagegen sind nicht als primitivrassig, sondern als andersrassig zu bezeichnen." Demnach müßte jetzt Göbbels* Schimpfname„Asiaten" endgültig abgebaut werden. Und Hitler hat einmal behauptet:„Arier sein heißt deutsch sein." Also sind nunmehr die Mongolen und Malaien Deutsche geworden. Die Grenzen Großdeutschlands werden immer weiter gezogen, Und die armen Arier wissen auch bald nicht mehr ein noch aus mit ihrer ganzen Ver- v/andtschaft! Die stehende Lüge Zu den Lügen, die die Nationalsozialisten immer wiederholen, gehört die von der„humanen" Revolution. In einem Artikel im„Deutschen Holzarbeiter" vom 5. Mai wird dreist behauptet: „Im Gegensatz zu anderen Revolutionen, die den Vorgang der Umwälzung in Blut vollzogen und von jahrelangen erbitterten Kämpfen begleitet waren, vollzog sich die deutsche Revolution des Jahres 1933 ohne Massenschlachtung und Guillotine, völlig unblutig... Wenn die Nationalsozialisten hoffen, daß die Hunderte von Mordtaten und die Einkerkerungen von zehntausenden unschuldigen Personen, ihre qualvollen Folterungen so rasch vergessen sein werden, wenn sie glauben, daß die groben Geschichtsfälschungen einmal ihr Alibi sein werden, so irren sie sich! Blufvolle Wohlfahrt Der Herr Kultusminister Dr. Rust hat jetzt einen Erlaß herausgegeben, nach dem in Zukunft Bewerber und Bewerberinnen nichtarischer Abstammung von den Prüfungen zur Aufnahme in Wohlfahrtsschulen, sozialpädagogische Institute usw. nicht mehr zugelassen werden können- Ueber die Behandlung von Anträgen nichtarischer Ausländer entscheidet der Minister persönlich. In einer kurzen Begründung zu dem neuen Erlaß wird hervorgehoben, daß die Wohlfahrtspflege im neuen Staat nur noch von blutvollen Volksgenossen ausgeübt werden darf. Die blutvolle Wohlfahrt des Dritten Reiches kann mit viel mehr Recht wahrscheinlich die blutige Wohlfahrt genannt.werden. m••• brüderlich zusammenhält6 Nazis denunzieren einen deutschen Abgeordneten der polnischen Polizei- Aus Posen schreibt man uns; Unter den bürgerlichen Deutschen der Republik Polen sind seit der Machtergreifung Adolf Hitlers die schwersten Kämpfe im Gange. Der langjährige Führer der oberschlesischen Deutschen, Senator Dr. Pant, der nicht ohne weiteres zu Hakenkreuz kriechen wollte, wird von der hiesigen Göbbelspresse als ein Mann bezeichnet, der ein für allemal aus der deutschen Gemeinschaft ausgestoßen sei. Womöglich noch schlimmer geht es dem Abg. von Sa eng er. In einer Versammlung, die dieser hier abhielt, ging es so zu, daß selbst die gleichgeschaltete„Deutsche Rundschau" von einem„tierischen Verhalten der Minderheit" schreibt Das Tollste ist jedoch folgendes: Während des tumultarischen Verlaufs der Versammlung trat ein überwachender polnischer Polizeibeamter an Heim von Saenger heran und fragte ihn, ob er wirklich von Posen, dem Korridor und Oberschlesien als von den„geraubten Gebieten" gesprochen hätte. Auf die erstaunte Frage Saengers, wie der Beamte zu dieser Annahme komme, erklärte dieser, daß seine Anfrage auf eine Denunziation der nationalsozialistischen Gegner Saengers zurückzuführen sei. „Es hat sich ein Vorgang abgespielt, der in der Geschichte unseres Deutschtums seinesgleichen nicht hat!" schreibt das„Posener Tageblatt". Ja, das Ist die Einigung des Deutschtums durch Adolf Hitlerl Der keusdie Massenmord „Von dem letzten Krieg muß das Lied noch gesungen werden. Es wird noch ergreifender sein als die Nibelungen und die Ilias. Die Reime werden zu weichlich dafür sein. Der Stoff ist zu keusch, um äußerlich dargestellt zu werden, er muß innerlich geschaut sein." Professor Kräger bei seiner Antrittsvorlesung:„Der künftige Dichter des Weltkrieges." Nichts, zum Beispiel, geht über die Keuschheit eines Gasangriffs, eines Trommelfeuers oder eines Etappenbordells! Aus dem deutsdien ArbeUsleben 4 �Sozialismus der Tat 44 und soziale Tatsadben deutscher Unternehmer", so meinrte wohlmeinend ern Organ der„Deutschen Arbeitsfront",„der du ab L Mai d. J. deiner Belegschaft als Führer vorstehen sollst, hadere nicht um ein paar verlorene Stunden, wenn du diese bezahlen soHst. Bedenke, daß dir deine Arbeiter mehr Verstehen entgegenbringen, wenn du den Feiertag bezahlst, als wenn sie sich von dir jeden Pfennig erkämpfen müssen." Der„Führer" fügte in seiner Mavrede erläuternd und für die Unternehmer beruhigend hinzu, daß der Lohn für den einen Tag vielfach wieder eingespart werden würde, da doch der Nationa'losztalismus von den deutschen Unternehmern das Kampfrisiko der Ausbeutung genommen und ihnen Millionen erspart habe, die sie früher für Streiks und Aussperrungen hätten bezahlen müssen. In der Tat— die Löhne und Gehälter für den 1. Mai waren nichts als wohlfeile Reklame- Spesen für das höchst einträgliche Geschäft der„Volksgemeinschaft". Die Wehrlosmachuug der Angestellten und Arbeiter hat diese Spesen tausendfach wieder eingebracht. So ein bißchen„Sozialismus der Tat" im Schaufenster der Maifeier kostet zwar Beleuchtung, aber im Inneren des Ramschladens lassen sich bei der Verschleuderung der Ware Arbeitskraft unbegrenzte Profite machen. Auf dem Tempelhofer Feld sollte die Welt eine Parade der Arbeit im Rampenlicht des Reichspropaganda-Regisseurs erglänzen sehen. Wie aber siehts im Leben der Arbeiter, in ihren Hütten und Heimen aus? Wir geben einige dieser Elendsbilder wieder, die nicht den marxistischen„Greuelberichten" entnommen, sondern dem vom Reichspropagandaminister nicht benutzten Material der„Deutschen Ar- beiitsfront" entstammen. Bauern- und Landarbeiterelend. In dem mitteldeutschen Gebiet um Rhön und Spessart suchen Tausende von Bauern mit kleinen und kleinsten Besitzungen einem kargen Boden ihre Existenz abzuringen. Früher ging der größte Teil von ihnen auf die Wainderschaft, um in der Saison anderswo zu arbeiten und im Winter konnte die Familie davon zehren. Heute ist es nicht mehr möglich. Jeder versucht aus dem wenigen Boden herauszuziehen, was möglich ist, aber es langt nur für 3 bis 6 Monate des Jahres.„In der übrigen Zeit wird von der Unterstützung der armen Gemeinde gehungert." Es wurde festgestellt, daß in einem Ort mit 177 Familien nur 71 mehr als einen Raum hatten und daß Familien mit 7 bis 8 Köpfen in einem Zimmer hausen müssen. Die Kinder sind unterernährt. Herzschwäche, Skrofulöse, Bleichsucht, Rachitis und Tuberkulose sind die zwangsläufigen Folgen. Die Unterstützung beträgt für eine sechs köpfige Familie 20 Mk. im Monat. Diese langen für die Kartoffeln und Kornkaffee, tagelang gibts kein Stück Brot(„Der deutsche Landarbeiter".) In der Landwirtschaft arbeiten 7 Millionen Frauen. Die Berichte spiegeln vor allem das Elend dieser Landfrauen in Pommern- Die Todesfälle im Wochenbett haben sich gehäuft. Auf 100 Wochenbetten bei Bauernfrauen kamen 2,34 Todesfälle, dann folgen die landwirtschaftlichen Dienstboten mit 1,73 Prozent, die Frauen von Industrie- und sonstiger Lohnarbeit mit 0,74 Prozent, die Frauen von Industriellen mit 0.38 Prozent. („Nationalsozialistischer Volksdienst.") An die Unternehmer Im rheinischen Baugewerbe ergeht ein Aufruf, nicht immer wieder Volksgenossen aus dem Bauernstand und Landarbeiter einzustellen, sondern solche,„die auf der Straße liegen und mit ihrer kärglichen Unterstützung kaum das Nötigste zum Lebensunterhalt erhalten".(„Wochenschrift der Reichsbetriebsgruppe Bau".) Löhne in der Industrie. Eine Maschinenfabrik in Leipzig hat wegen Unrentabilität die Löhne um 8 Prozent herabgesetzt, eine Eisengießerei um 6 Prozent, eine Pianofortefabrik um 9 Prozent. Der Treuhänder der Arbeit hat es so bestimmt. In sächsischen Autofabrlken erhalten gelernte Arbeiter wöchentlich 26 Mk. gegenüber 60 Mk. in früherer Zeit, ungelernte Arbeiter 12 bis 15 Mk. gegenüber 30 bis 35 Mk. früheren Wochenlöhnen. Im Straßenbau werden bei 40 Stunden Arbeitszeit und 25 Pf. Stundenlohn wöchentlich 12,60 Mk. verdient. (Berichte an die Arbeitsfront.) Kütnpf g©g©n Erwerbslosigkeit. Mit Zustimmung der deutschen Regierung wollen 18 Konfektionsfirmen in England Produktionsstätten errichten. Sie wollen sich einem deutschen Treuhänder der Arbeiter unterstellen(?>. Die Firmen halten diese „Ausfuhrgruncllage" auf Grund devisen- und manktpolitischer Lage für notwendig. Die deutsche Textilf achpresse protestiert gegen die Ausfuhr von Textilspezialmaschinen nach Dänemark, wo auf diese Weise in letzter Zeit nicht weniger als 60 Textiliabriken errichtet worden sind- Diese Flucht deutscher Betriebe bedeutet, daß in den in England, Dänemark usw. errichteten Fabriken keine deutschen Arbeiter beschäftigt werden können, also die Arbeitslosigkeit in Deutschland vermehrt wird.(„Der Deutsche Werkmeister".) lOOprozentiger Urlaub dem Ruhrbergmann. Zu unserem Bericht in der letzten Ausgabe des„N. V.", wonach den Ruhrbergleuten der Urlaub voll bezahlt wird, ist nachzutragen, daß am 10. April in Berlin unter dem Vorsitz des Treuhänders der Arbeit mit dem„Verein für bergbaulichen Interessen"- und dem Reichsbetriebsgruppenleiter für den Bergbau verhandelt worden ist. ..Der Bergwerksdirektor Brandi legte auf material dar. daß der Ruhrbergbau nicht in der Lage sei, lOOprozentigen Untergrundbahnen Durch die Weltpresse läuft eine jener verkappten Reklamemeldungen, die heutzutage namentlich die Diktaturstaaten gern in unaut- fälligem Gewände einschmuggeln; sie handelt vom Bau der Moskauer Untergrundbahn und berichtet die Fertigstellung der ersten zwei- f in halb Kilometer. Kein Wort dagegen. Sicherlich ist der Bau von friedlichen Verkehrsmitteln sympathischer als die Hitlersche Aufrüstung, die von seiner Propaganda als„Arbeitsschlacht" getarnt wird. Nur eines fiel uns so beiläufig ein, als wir von den zweieinhalb Kilometer Moskauer Untergrundbahn lasen: daß einmal eine sozialdemokratische Stadtverwaltung von Groß-Berlin in wenigen Jahren fünf undldreiiBig Kit-ometer Untergrundbahn gebaut hat und deshalb von der ganzen Welt als unfähig beschimpft wurde. Allerdings, der Bau hatte auch Geld gekostet, umsonst zu bauen, dieses Kunststück hat bis heute kein' System fertig gebracht. Aber immerhin: für den produktiven und rentablen Zweck war sicher nicht mehr Geld aufgewendet worden, als das heutige bankrotte Deutschland für Uniformen, Heldenhaine, Autostraßen und dergleichen glatt hinauswirft. Heute wird sogar die Anfertigung ganz überflüssiger Blechabzeichen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der„Arbeitsbeschaffung" gewerkt Damals aber schrie alles über„Verschwendung" und niemand wollte wissen, wieviel Arbeiter nicht allein durch den Bau der gewaltigen Tunnelstrecke direkt oder indirekt Arbeit bekommen hatten, noch wie vielen Hunderttausenden durch den Bau obendrein die Fahrt zur Arbeitsstätte auf die halbe Zeit verkürzt worden war. Wie gesagt, wir gönnen den Moskauern ihre zweieinhalb Kilometer U-Bahn von Her zen. Wir bedauern nur, daß für die fünfunddreißig Kilometer der Berliner Sozialdemokratie nicht die entsprechende Reklame getrieben worden ist. Keine Inflation? In allen größeren Städten des Auslandes sieht man seit einiger Zeit Plakate der Deutschen Reichsbahn angeschlagen; 6 0 Prozent Ermäßigung für Pfingstreisen nach Deutschland. Doch ist es mit diesem gewaltigen Preisnachlaß noch nicht getan: der Ausländer verschafft sich nämlich, was ihm jedes Reisebüro vermittelt, zum Erwerb der Fahrkarte billige Reise- oder Registermark, wodurch ein abermaliger Preisnachlaß von etwa einem Viertel für ihn herausspringt. Er zahlt also in Wirklichkeit für eine deutsche Fahrkarte ganze drei Zehntel des hormalen Preises. Solche Vorteile werden Ihnen geboten— nur weil das Reich für diesen Rest ausländische Zahlungsmittel erhält und hofft, daß der Reisende auch noch weitere Valuten nach Deutschland herembringen werde. Aber auch diese tauscht der ausländische Reisende keineswegs zum amtlichen Börsenkurs in Mark ein, sondern er erwirbt wiederum bei Reiseantritt verbilligte Reisemark, die weit tiefer im Kurse stehen als die offizielle Mark. Kein Wunder, daß die meisten Ausländer die deutschen Zustände als eine Art Inflation ansehen, denn für ihre ausländischen Zahlungsmittel wird ihnen überall— und zwar ganz legal und offiziell— ein beträchtliches Urlaub zu zahlen, da hierdurch eine Mehrbelastung von fünf bis fünfeinhalb Millionen Reichsmark entstände." Dr. Ley hat darauf in der Deutschen Arbeitsfront m Gelsenkirchen erklärt: „Der Bergbau weist eine Unterbilanz nach"... Wenn die Unternehmer die Lasten nicht ganz tragen, wird die Deutsche Arbeitsfront einspringen und den Rest bezahlen." „Statt Streikgeldern gewährleistet das neue Deutschland volle Auszahlung der Urlaubsgelder an die Bergarbeiter." So werden im Dritten Reich Löhne, die den Profit der Bergherren schmälern könnten, aus den Beitragsgroschen der Arbeiter selbst getragen. Dieselbe Zeitung, die triumphierend vom Erfolg Dr. Leys berichtet, zitiert aus einer Rede des Reichsbetriebsgruppenleiters für den Bergbau: „Es singe nicht an, daß man Bergarbeiter drei Schichten in der Woche arbeiten ließe, dabei auf der anderen Seite 6 Prozent Dividende herauswerfe." Das ist der Sozialismus der Tat („Deutscher Bergbau".) Aufgeld geboten. Der gieichgeschaltetp Deutsche allerdings ahnt nichts. Wie lanee noch? Alte Kämpfer Wie früher die Blätter der freien Gewerkschaften, so veröffentlicht jetzt die nationalsozialistische Gewerkschaftspresse fortlaufend eine Ehrentafel der Jubilare. Gewerkschaftsmitglieder, die vor 25, 30, 40 und mehr Jahren in die Kampfverbände der freien Gewerkschaften eingetreten sind, müssen es sich gefallen lassen, daß sie als Jubilare der gleichgeschalteten Organisationen gefeiert werden. Einzelne nationalsozialistische Gewerkschaftsblätter lassen es sich nich nehmen, gelegentlich die Jubilare in Gruppenaufnahmen im Bilde vorzuführen. Wir haben in der letzten eine Reihe solcher Bilder gesehen. Sie sind recht interessant, denn sie sind ausnahmslos unverdächtige Beweise dafür, daß die alte Gairde der deutschen Arbeiterschaft sich von den Nationalsozialisten nicht einfangen läßt! Obwohl in keiner Gruppenaufnahme die unvermeidlichen SS-Stiefel fehlen, aus denen ein menschenähnliches Etwas hervorwächst, woraus hervorgeht, daß die Jubilare zum Photographen unter dem Druck der neuen Herren befohlen worden sind, trägt nur in den allerseltensten Fällen einer dieser alten Kämpfer ein nationalsozialistisches Abzeichen. Von der Ortsgruppe Bräunschweig des früheren Deutschen Holzarbeiterverbandes konnten kürzlich 50 Mitglieder ihr langjähriges Jubiläum begehen: von den 50 trug bei der festlichen Aufnahme nur einer die SA- Uniform. Alle anderen brachten ihre Ablehnung des Regimes dadurch zum Ausdruck, daß sie keinerlei nationalsozialistisches Abzeichen anhefteten! Derartige Demonstrationen sind für die Be- urteihmg, inwieweit die Herren des Dritten Reiches tatsächlich das Vertrauen der Arbeiterschaft erworben haben, sehr bedeutsam. Sie sind aber gleichzeitig auch ein prägnanter Ausdruck des passiven Widerstandes, der in den Reihen der deutschen Arbeiterschaft lebendig ist! »Verrat« Die Falschmeldung, wonach Ernst HcH- m a n n, der ehemalige Führer der preußischen Landtagsfraktion, aus der Haft entlassen worden sei, ist von uns bereits richtiggestellt worden. Leider hat auch In diesem Falle eine gewisse im Ausland erscheinende Oppositionspresse, der nach wie vor die Bekämpfung der Sozialdemokratie offensichtlich als das wichtigste Ziel erscheint, an die Falschmeldung abfällige Bemerkungen über angeblich mangelnde Charakterfestigkeit sozialdemokratischer Führer geknüpft, die sich bis zu der von kommunistischer Seite verbreiteten Verleumdung steigerten, daß Heilmann, um seine Entlassung zu erkaufen, einen Revers für Hitler unterschrieben habe. Nun ist es sehr leicht für jemand, der selber im Sicheren sitzt, die Standhaftigkeit eines anderen, der auf die Folter gespannt ist, zu begutachten. Heilmann hat, wovon die kommunistische Falschmeldung mit keiner Silbe redet, fn dem Jahr seiner Haft grauenhafte Quälereien erduldet, die ihn in körperliches und geistiges Siechtum haben verfallen lassen. Hätte wirklich selbst ein monatelang bis an die Grenzen des Wahnsinns gefolterter Mensch sich eine Unterschrift abpressen 1s«» sen,— kein halbwegs anständiger Mensch würde deswegen ihn, sondern allein seine Folterknechte anklagen. Aber mm ist an der ganzen Behauptung nichts wahr, denn Heilmann befindet sich nach wie vor in Haft Er ist seinerzeit seinem Martyrium mit vollem Bewußtsein entgegengegangen, denn er war bis zum Juni 1933 noch frei und hätte bis dahin zehnmal Deutschland verlassen können, wenn er gewollt hätte, er, der als Jude und Sozialdemokrat und vor allem als einer der redegewaltigsten Sprecher der Partei der braunen Sippschaft verhaßt war wie mir irgend einer. Er blieb und wollte beispielgebend sein Los erdulden- Es muß für die Göbbels und Konsorten ein beispielloses Vergnügen sein, wenn solche Männer von kommunistischer Seite als charakterschwache Verräter verleumdet werden. Es spart ihnen Arbeit! Diese Frist habt ihr nidit! In den Kreisen der Kleinbauern macht die Ernüchterung über den Nationalsozialismus rasche Fortschritte. Seine Bauernpolitik ist längst als eine im Ineresse des Großgrundbesitzes liegende Politik erkannt und das Reichserbhof gesetz, das dem Bauernstand eine starke Stütze sein sollte, wird als eine Last und als ein Fluch, empfunden. Kein Wunder, also, daß die Herzen, und insbesondere der sogenannte Reichsernährungsminister Darr�, das Bedürfnis fühlen, die Massen der Bauern wieder einmal abzulenken und ihnen neue Versprechen zu geben. Darrd hat dies auf dem pommerschen Parteitag der Nationalsozialisten getan. Da bekanntlich Reden den Großagrariern nicht wehe und ihrer Macht keinen Abbruch tun, hat er gegen den Großgrundbesitz gesprochen, der „zwar das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung sei. aber der typische ostelbische Großgrundbesitz sei nur aus Eigennutz entsprungen. Dieser Großgrundbesitz habe seine Berechtigung verloren. Der wirtschaftlich nicht mehr rentable Großgrundbesitz dürfe nicht mehr gestüzt werden. Er müsse einer Wirtschaftsstruktur weichen, die lebensfähig ist. Das aber bedeute die weitgehende Wiederauffüllung Ostelbiens mit deutschen Bauern. Aber dies könne langsam erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte im Wege einer organischen Strukturwandlung erfolgen..." „Langsam im Laufe der nächsten Jahrzehnte.. Von den Nationalsozialisten haben demnach die Großagrarier nichts schlimmes zu befürchten, solange sie die Hitlerkumpanei als Aushängeschild für brauchbar halten. Aber im Laufe der nächsten Jahrzehnte dürfte sich für sie trotz der Nationalsozialisten doch einiges verändern! Denn so sicher es ist, daß die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland nicht einige Jahrzehnte überdauert, so sicher ist auch, daß die im Kampfe gegen den Faschismus siegreiche Arbeiterklasse den Großgrundbesitz, der den Faschisten mit vollen Händen gegeben hat, beseitigen wird. Hitler nimmt... So wie man früher die Kaiser und Könige stets als gutmütige, wohlwollende und einfach« Männer hinstellte, weben die Byzantiner des Dritten Reiches auch- Adolf 1. in einen ähnlichen Sagenschleier ein. Kostete die Einfachheit und das Wohlwollen der Monarchen den Untertanen damals jährlich Millionen Mark, so versteht es auch Hitler, durch die verschiedensten Kanäle Geld in seine Taschen fließen zu lassen. So lesen wir in der nationalsozialistischen Gewerkschaftspresse, daß der Reichsstand der deutschen Beamten e. V., also die Organisation der Beamten, dem Reichskanzler zu seinem Geburtstag 5 0.0 00(fünfziS- tausend) Reichsmark geschenkt hat. Der anspruchslose Adolf hat sie a n g e- n o m m e n! Die Tat Ist stumm Wie man aus Hitlers Preßgraramophonen erfährt, war der Sportpalast anläßlich der Göbbels-Rede„gegen Miesmacher und Kritikaster" mit Spruchbändern geschmückt, auf denen u. a. in Riesenlettern zu lesen war: „Die Tat ist stumm!" Welche Unhöf- licbkeit gegen Göbbels! Soeben erschienen! Das Deutsdie Wunder 193? Eine zeitgemäße Betrachtung von X. Es handelt sich nicht etwa um das außerordentlich berühmte Weltbuch des Generals John Johnson, das als ein Warnungsbuch fßr alle kriegswütigen Feindvölker geschrieben wurde—. vielmehr handelt es sich um ein® entsprechende Betrachtung, und lediglich handelt es sich um gar kein Buch, denn der Verfasser....— Na. wollen Sie selbst lesen- Bestellungen gegen Voreinsendung Kc 7.-' (oder Gegenwert evtl. in Marken) an Belsky- Verlag, Brünn, Kröna 11. Nr. 49 BEILAGE "HctigcBocmMg 20. Mai 1934 Kriegerischer Stundenplan Verdummung und Verhetzung in Deutschen Schulen Durchkreuzte das deutsche Proletariat seit Jahrzehnten unter dem Wahlspruch ..Wissen ist Macht" die Bildungsprivile- gien der bürgerlichen Stände, erkämpften sich Jungarbeiter, Söhne unbemittelter Ehern, in der Republik viele Wissensgebiete, die bis dahin nur den Protektions- hindern der herrschenden Klasse offen standen, so folgen jetzt Hitler und seine Mitdiktatoren einer Devise, die ihnen genehmer ist, der Devise;„Unwissen ist Macht", Unwissen des Volkes bedeutet Macht für Ausbeuter, Usurpatoren, Sklavenhalter und blutige Tyrannen. Wenn a'so heute in den deutschen Volks-, Mit- tel- und Berufsschulen nicht mehr das Nö- hge, sondern bestenfalls nur das Nötigste gelehrt wird, so liegt diese Entgeistigung durchaus im Wesen nationalsozialistischer Machtpolitik begründet Zurückschraubung der geistigen Ansprüche. Gewisse bürgerliche Akademiker- und 'utellektuellenkreise begrüßen den Niedergang der allgemeinen Bildung mit Freudun, sichert er ihnen doch ein Privileg, das sie schon beinahe verloren glaubten. Immer wieder melden sich gerade in wissenschaftlichen und halbwissenschaft- nchen Zeitschriften begeisterte Verfechter des neudeutschen Schulwesens zum Wort. zählt in der„Z e i t s c h r i f t für ®rztliche Fortbildung"(Berlin- 'ena, 15. April 1934) ein Arzt einige Vorschriften für die Ueberwachung des Ju- gend- und Wehrsports auf. Punkt 3 lautet: ..Notwendig ist straff organisierte Zusammenarbeit von Schule und Sportleitung(Zu- rückschraubung der geistigen Ansprüche besonders bei Mädchen!)" Diese„Zurflckschraubung" wird mit derselben Selbstverständlichkeit gefordert JV'e etwa ausreichender Schlaf— und im Lande der Dichter und Denker wird kei- "ur es wagen, dagegen Protest zu erheben. Nun geht es aber bei allem Abbau doch mcht an, den Stundenplan auf Lesen, �chreiben und Rechnen zu reduzieren. Das wäre allzu ehrlich. Welchen Ausweg wählt man? Einen einfachen: die Lehr- Munden, die nicht rein mechanische Fähigkeiten vermitteln sollen, werden �blechthih zur Züchtung künftigen Kanonenfutters benützt, werden teils der �erdummung, der Hirnverkleisterung geweiht, teils dienen sie zur Fortsetzung des HitIerjugend-„Dienstes". Jene„Wehr- 'aftmachung"(zu deutsch: nationalistische Verhetzung), der die Kinder in der Hitler- mgend unterzogen werden, vervollkomm- net die Schule. Geschichtsunterricht . Die Zeitschriften, in denen Lehrer für -ehrer schreiben, geben natürlich die /este Auskunft darüber, was gegenwärtig 111 Deutschland gelehrt und— leider— jtelernt wird. Vor uns liegen einige -xemplare dieser Gattung, die in ihrer .'esamtheit über den Durchschnittsstun- üenplan recht gut informieren. Da ist �nächst der Geschichtsunter- �'cht. Von den 14 Jahren Mißwirtschaft al|ein kann der sturste Bakelschwinger sein Pensum nicht bestreiten, auch der crneren Vergangenheit müssen einige -ektionen gestiftet werden. Und in wel- aem Lichte hat diese Vergangenheit vor � Jugend des Dritten Reiches zu er- wheinen? Das„Deutsche Philolo- , e n b 1 a 1 1", Leipzig(41/45) verrät es utis: den Hochzielen des nationalsozialisti- , en Staates gehört es selbstverständlich, daß Jugend des deutschen Volkes wieder llrriidrungen sein muß von heldischer Ge- ?!nnung, wieder erfüllt sein muß von dem , e�ren Gedanken der Wehrhaftigkeit Kein esseres Mittel gibt es aber zur Erzeugung WLh innerer Gesinnung als die stolze Kriegs- ' Schichte deutscher Vergangenheit... Wer ju s der Kriegsgeschichte weiß, daß der Opfer- .'d fürs Vaterland unseren Vorfahren ru allen '�üen eine Selbstverständlichkeit war und daß auch die Kriege der Vergangenheit uner- blutig waren, dem werden diese kriegs- "■�chichtlichen Kenntnisse ein innerer Antrieb bort zur Pflichterfüllung sein, selbst im Toben der modernen Feldschlacht... Deshalb gebührt der Kriegsgeschichte, weil sie mehr als irgend etwas anderes der Erweckung wehrhafter Gesinnung dient, ein Ehrenplatz im vaterländischen Geschichtsunterricht des Dritten Reiches. Der Weltkrieg kann natürlich nicht gut übergangen werden. Aber von der deutschen Niederlage darf nichts verlauten (es war ja angeblich keine Niederlage, es war ein von hinten erdolchter Sieg). Deshalb müssen „die Ereignisse des Weltkrieges so besprochen werden, daß die großen strategischen Linien und die unerhörten Leistungen des deutschen Heeres deutlich werden." Außerdem empfehle es sich, die Geschichte des Heimatregimentes(„dessen Nummer ja auch die Heimatsstandarte der SA trägt") besonders sorgfältig zu behandeln. „So wird man gleichzeitig ein Stück besondere Heimatgeschichte im besten Sinne treiben. Gerade Kriegsgeschichte wird von den Schülern mit erfreulicher, natürlicher Begeisterung entgegengenommen. Wovon könnte „Gefährlich lehen, das heißt dem nordischen Helden nachleben. Heldischer Kampf, heldische Liebe, heldischer Glaube, heldischer Haß werden im deutschen Jungen immer eine aufnahmebereite Seele finden." Der heldisch-heldisch-heldischen Helden- haftigkeit tut auch ein bißchen Mord und Verbrechen keinen Abbruch, im Gegenteil: „Der alles durchdringende Ehrbegriff macht dieses Menschentum sauber und rein, treu und truglos, auch wenn es im Blute watet- Unter Männern und Frauen finden sich wilde Verbrechernaturen: aber die reine und klare Luft ringsum macht auch sie durchsichtig wie Kristalle." Die„Neue Deutsche Schule" mahnt daran, das neue Schrifttum nicht zu vergessen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob Schund gelesen wird, wenn nur das Parteibuch des Dichters in Ordnung ist: Gerade um des zeitgebundenen Schrifttums willen muß der Lehrer sich von der in den letzten Jahrzehnten vorherrschenden Auffassung freimachen, als müsse alle Dichtung, die an den Schüler herantritt, Höhenkunst von Ewigkeitswert sein. Entscheldetkl ist zuerst das Was und nicht das Wie. Die neue Judenhe�e Diese Aufnahme stammt nicht aus dem März-April 1933, sie ist vielmehr vor wenigen Wochen in Cuxhaven hergestellt worden. auch eine gesunde Jugend mehr ergriffen werden?" Im besten Sinne— natürliche Begeisterung— gesunde Jugend. Gaskrieg, wo ist dein Schrecken? 1914 saßeh aber tausend patriotische Pauker unabkömmlich hinter den Kathedern und begeisterten sechzehnjährige Kinder für den Freiwilligentod. An Lehrernachwuchs dieser Art mangelt es im Dritten Reiche keineswegs. — Daß der Verfasser des zitierten Artikels als Anschauungsmaterial historische Zinnsoldaten„in ausreichendem Maße" fordert, braucht kaum hinzugefügt zu werden. Der deutschen Jugend soll der Krieg als Kinderspiel erscheinen— und außerdem ist ja genügend Geld für derartige Anschaffungen vorhanden, seitdem Schulspeisungen und Erholungsfürsorge so gut wie abgeschafft sind. Deutsche Sprache und Literatur. Als zweites Fach steht„Deutsch" auf unserem Stundenplan. Die„Neue Deutsche Schule"(7/12) schreibt: Wie im Bereich der Sprachbildung ist auch in dem des Schrifttums als oberstes Bildungsideal das nationalpolitische verpflichtend... Nur aus deutschem Geist geborene Dichtungen können diesem Ziel dienen." Also auf in die rassenreine Literatur! Da locken natürlich zuerst die nordischen Heldensagen. Die„Mittelschule", Halle (48/1) lobpreist ihren ethischen Gehalt: Die„Mittelschule" will nicht nachstehen und trumpft auf: Das Horst-Wessel-Lied zeigt die Dichtung in ihrer menschenformenden und schicksalschaffenden Macht Dichtung ist rassebedingt. Das ist unschwer einzusehen. Auch im Deutschunterricht darf natürlich die unmittelbare Kriegshetze nicht außer acht gelassen werden, die Schüler könnten sonst den Hitlerschen Friedensreden glauben, die doch gar nicht für das Inland bestimmt sind. Deshalb die Mahnung für Deutschlehrer; Vergessen wollen und dürfen wir auch nicht; wie Fremdrassige unsere Gefangenen während des Weltkrieges behandelt haben. Geographie. So! Und nun ist Erdkunde an der Reihe. Niemand glaube, daß daraus nichts zu machen wäre. Wieder ist es die„Neue Deutsche Schule"(Monatsschrift für alle Fragen der Volksschule), die sich kräftig ins Zeug legt.„Der Atlas ein Unheil?" fragt sie und bestätigt; „Man muß einmal offen sagen, daß der Atlas manchen Schaden stiften kann. Jeder Atlas muß nämlich, wenn er als zuverlässig gelten will, das politische Staatenbild in der heute gültigen Form festhalten..." „Andererseits aber wollen wir dem Schüler zeigen, daß gerade dieses gegenwärtig geltende Staatenbild durchaus nicht etwas Starres ist, daß es vielmehr durch bestimmte geschichtliche Vorgänge erst so und so geworden ist, und daß es sich auch, wenn einmal die Kräfte, die sich in diesen Formen festgelegt haben, wechseln, auch in Zukunft geändert werden wird. Daß gerade wir Deutschen allen Anlaß haben, die Bedingtheit der politischen Karte von heute immer wieder zu betonen, ist selbstverständlich." Das ist deutlich genug. Und im gleichen Stile geht es seitenlang weiter: ,J)er Lehrer wird jeden Wechsel dieser Kräfteverteilung schildern und dabei aufzeigen, wie die Grenzen allmählich ihre Verbindlichkeit verlieren, als hart und ungerecht empfunden werden, wie sich, trotzdem die politische Grenze ihre Gültigkeit noch weiter behält, volksmäßig ganz neue Verhältnisse herausbilden und schließlich die Grenze zusammenbricht und neue staatliche Abgrenzungen notwendig werden." Während Tausende von deutschen Lehrern Millionen deutschen Kindern das klarmachen, gibt Hitler eine Loyalitätserklärung nach der andern ab, und schließt einen Nichtangriffspakt mit Polen. Wehrgeographie. Mit der simplen Erdkunde allein ist es übrigens in den Schulen nicht mehr getan. Ein ganz neues Fach wurde in den Lehrplan aufgenommen, es nennt sich „W ehrgeographid". Wer sich davon bisher keinen rechten Begriff raachen konnte, der erfährt Näheres in der Zeitschrift für Berufsbildung und praktische Unterrichtsgestaltung1", Tehibner-Verlag, Leipzig-Berlin(7/7). Kam es in den anderen Stunden mehr darauf an, die deutsche Kriegslust zu 1 o b e n, so gilt es Wer, die der anderen Völker zu tadeln: Wie sähe es aus, wenn Deutschland von den unter sich verbündeten Nachbarn, Frankreich, Belgien, Polen und der Tschechoslowakei, mit Krieg überzogen würde?— Ostpreußen, infolge der Durchstoßung des deutschen Raumes vollständig vom Mutterlande getrennt, hat die bedrohlichste Lage.— Schlesien steckt in der polnisch-tschechischen Umklammerung. Im Ernstfalle würden sich nach etlichen Tagesmärschen polnische und tschechische Regimenter irgendwo in Niederschlesien die Hände reichen.— Berlin ist stets in Gefahr. Erziehliche Auswertung: Ich will meinem Volke gerade in der Zeit der Gefahr dienen! Treue gelobe ich meinen deutschen Führern! Feinde ringsum— ich habe es nicht gewollt— viel Feind, viel Ehr— mit Gott für Kaiser und Reich!— So fing es auch damals an. Wer den geschilderten Lehrstoff überblickt und sich noch den nötigen Rassewahnwitz hinzudenkt(denn„Rassen- künde" fehlt in keinem Stundenplan), der wird ein ungefähres Bild erhalten, wie es in den Köpfen der neudeutschen Schuljugend aussieht. Wo sind die Aerzte die dieser Seelen- und Hirnpest Einhalt gebieten? Otto Kahr. Keine üeSserläuCep Di« drei Führer des oberösterreichlscheo republikanischen Schutzbundes Bcrna- schek, Houska und S c h 1 a d i n, die aus der Haft des Landesgeriohtes tu Linz flüchteten und jetzt in München weiilen, dementieren im„Linzer Volksblatt'' das Gerücht, daß sie zu den deutschen Nationalsozialisten übergegangen seien. Sie bleiben, was sie waren; Sozialdemokraten. Hitlerjugend� Katediismus Hitlerjungen lernen nicht nur marschieren, schanzen und schießen. Sie werden sozusagen auch„geistig ertüchtigt" Das geschieht nach den bewährten Methoden des preußischen Ko- miß. Wie einst der Rekrut Krawutschke seine eingepaukte Antwort herunterschnarren mußte, wenn der Feldwebel Friedrich Wilhelm Schulze Ihn etwas fragte, so hat letzt der Hltler- iunge, strammstehend, kleinen Finger an der Hosennaht auf folgende Fragen folgende Antworten zu geben: 1. Warum bin ich In der H-J? Weil ich an einen Wiederaufstieg Deutsch- MiikäStßk, JM V JWw*W W��WWWWWWWj�FwWU Aus dem\adilaß von Felix Fedienbadi Iwrds glauhe und m Miellen will bei der Befreiung meines geknechteten deutschen Vaterlandes. 2. Warum wurde die H-J. gegründet? Die H.-J. ging aus dem großdeutschen Jugendbund hervor und wurde 1927 von Adolf Hitler als Jugendbewegung der NSDAP anerkannt Ihr jetziger Führer ist Baldur von Schirach. Die Uniform der H.-J. ist ein offenes Braunhemd, schwarzer Schlips ohne Dreieck, Lederzeug, Achselklappe, Schildmütze, Armbinde, H.-J.-Abzeichen, schwarze Stiefel. 3. Warum trägt die H.-J. das braune Hemd und was bedeutet das? Zum Zeichen der Erdverbundenheit, denn braun ist die Erde. 4. Was bedeuten die Farben der NS- Fahnen? Im Rot sehen wir den sozialistischen Gedanken, im Weiß die nationale Ehre und im schwarzen Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg der arischen Menschheit und zugleich den Sieg der schaffenden Arbeit *. Wer sind führende Personen der NSDAP? Adolf Hitler, geb. am 20. April 1889 zu Braunau am Inn. Dr, Göbbels, Hermann Göring, Gottfried Feder, Rudolf Heß, usw. 6. Wer dichtete unser Freiheitslied? Horst Wessel, Sturmf. des Sturm 5 Berlin, gestorb. am 23. 2. 1930. 7. Warum kämpft die H.-J. gegen alle Jugendverbände? Well ihnen der Wille zur Macht fehlt. 8. Welcher Held fiel durch französische Mordhand im Ruhrge- biot? Parteigenosse Albert Leo Schlageter. 9. Wer fiel in der Pfalz? Pg. Emil Müller, Gcrmersheim, ermordet von Rouzier. 10. Was ist der Untersjohied zwischen Nationalsozialisten und Faschisten? Der Nationalsozialist Ist Antisemit, also Judengegner, der Faschist ist es nicht Der äußere Unterschied liegt schon im Abzeichen. Der NS. trägt das Zeichen der schaffenden Arbeit: der Faschist trägt das Lik- torenbündel, das Zeichen der rohen Gewalt. 11. Was unterscheidet uns vom Marxismus? Wir sind glühende Vaterlandsliebende und Verteidiger, sie sind international und Paci- ffsten. 12. Warum sind wir Judengegner? Der Jude ist die Geißel der Menschheit ein Wurm der das Volk anfrißt und zum Untergang bringt 13. Welche sind die drei Hauptwaffen der Juden? Dte freimauerischcn Geheimzeilen. Die internationale Presse. Der internationale Marxismus und Kapftailsmus. 14. Welches war der erste Versuch, das Jüdische Weltreich aufzurichten? Sonnig und klar leuchtet der Pfingsttag ins Land. Aber in dem massigen Steinbau mit den elsenvergitterten Fenstern ist keiner, der des sonnig-klaren Tages froh wird. Zelle an Zelle liegt hinter den Eisengittem. Jede Zelle birgt einen Menschen in grau-brauner Zuchthaustracht, der dort seine öden Tage und schlaflosen Nächte zubringt. Die kahlgeschorenen Schädel, die glattrasierten Gesichter und die hohl ins Leere schauenden Augen geben allen Bewohnern des großen vergitterten Hauses irgendwie ein gleiches Aussehen. Je sonniger der Tag, je klarer blau das Stückchen Himmel durch die kleinen Gitterfenster schaut, um so bitterer empfinden die in den Zellen ihr Schicksal. Pfingstfest feiern die Menschen jenseits der Gitter. Aber der heilige Geist, von dem sie so viel reden und schreiben, ist nie über sie gekommen, sie hätten sonst nicht kalte, graue Häuser mit vergitterten Fenstern gebaut, ihresgleichen hineinzusperren und zu peinigen mit sinn- und geistlosen Vorschriften. Ich sitze an meinem Tisch, vor mir ein aufgeschlagenes Buch; Goethes Reinecke Fuchs. „Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen..." Ferner Gesang dringt durch das offene Fenster. Ich horche auf. Klänge einer Klampfe, bekannte Töne schwingen durch die laue Luft:„Bin ein fahrender Gesell, kenne keine Sorgen..." Immer näher kommt der Sang, entfernt sich dann in gleichem Rhythmus. Junge Burschen auf Fahrt waren vorübergezogen. Jungfroh und sorglos wandern und singen sie durch den Frühlingstag. Ob sie wissen, wieviel Sehnsucht aus den Gitterfenstern ihnen nachfliegt? Mein© Gedanken folgen ihnen. Im Geiste gehe ich all die frohen Pfingsttage durch, da ich selbst den Rucksack umgeschnallt und sonnige Pfingsttage durchwanderte. Melodien froher Wanderlieder schwirren mir durch den Kopf, und dann sehe ich wieder die Gitterstäbe und dahinter das bißchen Blau des sonnigen Himmels. Und ich renne in meiner Zelle ruhelos hin und her, her und hin... Jetzt wandern zu können, das ist im Augenblick der einzige Gedanke, der mich erfüllt. Wo, das ist gleich. Die ödeste Gegend wäre ein Paradies gegen die kahle Zelle. Und schön ist die Welt überall, wo keine vergitterten Fenster sind. Dieses sinnlose Eingesperrtsein! Und warum, warum? Weil die Haßbesessonen stärker und mächtiger sind, als die andern, die versäumt haben, in den Tagen des Aufbruchs den Pfingstgeist neuer Zeit Taten werden zu lassen. Ihr alle, die Ihr Euch Eurer Freiheit freut, denkt daran! Hinter Gittern hocken noch viele, viele hohläugige Gestalten in graubraunen Kitteln und sinnen über den Pfingstgeist, der nicht für sie über die Welt kam. Der sonnige Tag quält sie mit Erinnerungen an Tage, da auch sie noch frei und unbehindert durch früh- lingsgeschmücktes Land schreiten konnten. Wann wird ihnen Pfingsten wieder ein Festtag werden...? sieb in solchem Falle mindestens 80 Prozent genau so wie Kulicke. Der Respekt vor den „ieinen Leuten" sitzt diesen verkorksten Proletariern und Kleinbürgern tief im Bhite, deshalb wurden sie die naziotischen Kerntruppen. „Bessere Herren", die sich zu ihren Vorgesetzten aufschwangen, sorgten durch Drill für entsprechende Vertiefung des angeborenen Subordinationsgefühls und Knechtsbewußtseins. Denken verboten! Kann sich jemand den Keichsbannermann oder Sozialdemokraten vorstellen, der sich, noch dazu in sozusagen amtlicher Eigenschaft, von der Gnädigen in dieser Weise die Herrschaftstreppe hinabwerfen ließ? Den„Marxisten" gibts nicht: er wäre von den Seinen ausgelacht worden. Die bei uns waren, sahen anders aus, denn die sozialistischen Parteien appellierten ans kritische Denken, an Frefheitsgefühl und Menschenwürde. Zu dem, was heute in Deutschland nicht mir geflüstert wird, gehört das Wort:„Wer Geld hat, darf der SA auf die Zehen treten und sie steht noch stramm dabei." Und wer nicht gerade als Oppositioneller bekannt ist und zu einer höheren Steuerklasse gehört, der schafft sich bei Hitlers Söldnern am raschesten Gehör, wenn er sie mal richtig anbrüllt So sind sie es von ihren Vorgesetzten gewöhnt und jeder Bäckermeister weiß das. Wehrlose jüdische Intellektuelle Jagen oder Arbeiterwohnungen demolieren— das brachten sie fertig, vor dem Aufgang für Herrschaften machten sie Halt mit Händen an der Hosennaht Und aus diesem Gemisch von Rowdytum und ewigem Untertan soll der„neue Adel" entstehen, den Hitler auch einst versprochen hat! Dieser wundervolle Neuadel, der auf Kommando seine proletarischen Klassengenossen mißhandelt,„Heil Hitler" brüllt, vor Leuten vom Feldwebel aufwärts die Haken zusammenreißt und dafür begönnert, besoldet oder gefüttert wird. • Aber der kleine Untertan ist im Grunde ja nur das Spiegelbild des großen. Wenn die Großindustrie ihren Oberosaf andonnert steht er stramm. Es gibt eine klassische Photographie: Hitler im Cut reicht Hiudenburg die Hand- Das Bild ist bekannt geworden, weil der deutsche Diktator hier aufs Haar getroffen ist: devot lächelnd und tief in Ehrfurcht erstarrend, vom Glanz der unsichtbaren Feldherren-Epauletten benommen. Das ist er:„Ehret den Arbeiter"— soweit es nichts kostet Thyssen nichts dagegen hat und die Herrschaftstreppc dabei nicht verungenie- ret wird. Die Arbeitervertreter, die freiheitlichen Intellektuellen, die Anwälte der kleinen Leute, die durfte SA-Mann Kulicke„erledigen". — die Bankmagnaten, die Börsenfflrsten, die Großbesitzer aller Art sind noch da: sie leben nicht nur, sondern fühlen sich sicherer denn je, denn sie haben den Aufgang für Herrschaften. Dort stehen Hitler und seine Palladine und bewachen ihn gegen Sozialismus, Marxismus,„Bolschewismus" und sonstige Gegner der hochherrschaftlichen Treppe. Will SA-Mann Kulicke aus Versehen einmal dort hinauf, fliegt er verkehrt wieder hinunter. Gregor. Die russische Revolution 1917. 15. Wie heißt der russische Diktator?— Stalin. 16. Wie lange dauerte der Weltkrieg? 1. 8. 1914 bis Nov. 1918. 17. Welche war die größte Seeschlacht aller Zeiten? Die Schlacht am Skagerak, zwischen Engländern und Deutschen unter Admiral von Schcer. 18. Wer war Deutschlands größter Feldherr aller Zeiten? Helmut von Moltke. Sein Grundsatz: getrennt marschieren, vereint schlagen, und das feindliche Heer vernichten. 19. Wer war Deutschlands größter Staatsmann? Otto von Bismarck. Er einte das Reich 1871 und schuf das deutsche Kaiserreich, genannt das Zweite Reich. Wie man sieht, wird von der Hitlerjugend viel verlangt. Denn so viel Weisheit genügt ja im Dritten Reiche beinahe schon, um Professor zu sein! DaeHerrschafistreppe Aufgang für Herrschaften. Die Episode im Tiergartcnviertel hat der SA-Mann Kulicke selbst erzählt. Und nicht etwa mit Entrüstung, sondern launig, wie man eine Anekdote weitergibt. Er bekommt den dienstlichen Auftrag, in der Villa des Industriellen Soundso den letzten Eintopfsonntag zu kassiereu, rasiert sich extra, klettert in seine neue Montur, zieht den Scheitel schön gerade. Die Villa ist eine feudale Sache im teuersten Viertel, dem SA-Mann klopft das Herz ein wenig, als er durch das breite Portal die marmornen Treppen hinansteigt... Da rauscht auch schon eine pompöse Dame die Läufer herab, stutzt und herrscht das Braunhemd an;„Was wollen Sie hier?" Der SA-Mann legt automatisch die Hände an die Hosennaht und stammelt etwas vom Eintopfsonntag etc.„Waas?" macht dio Dame gedehnt,„und dazu kommen Sie hier herauf?! Können Sie nicht lesen? Der Aufgang für Personal ist auf der andern Seite!"— Der SA- Mann reißt die Haken zusammen, salutiert und sagt:„Jawohl, gnädige Frau!" Dann macht er kehrt, verschwindet und sucht den„Aufgang für Personal und Lieferanten." Die Geschichte wird hier nicht wiedergegeben, weil sie etwa weltbewegend wäre. Das ist sie gar nicht; sie ist nur typisch und in Hitlerdeutschland beinahe an der Tagesordnung. Von hundert Braunhemden benehmen iVeudeutsdie Kunst Wertgesättigte Schönheit und andere Gemeinthingplätze. Der Stadt Bremen ist hohes Glück widerfahren. Hier ist endlich die erste Nordische Kunsthochschule feierlich eröffnet worden. Sie soll der Geburt der wahren und unsterblichen Kunst des Nationalsozialismus dienen, Ihr Programm ist eindeutig im Geiste des Hakenkreuzes erkürt. Prophetisch verkündete der Bürgermeister Dr. Markert:„Zum esten Mal in der Geschichte der Kunst überhaupt wird der nordische Gedanke Leitstern einer Hochschule, denn erst der Nationalsozialismus brach der Erkenntnis Bahn, daß die Kunst nur völkisch sein kann. Der nordische Mensch verlangt wertgesättigte Schönheit; die Nordische Kunsthochschule wird sie ihm geben." Leiter dieses wunderlichen Institutes ist ein seit langem bekannter, nicht gerade jugendlicher Herr, der Professor Mackensen, ein landläufiges Mitglied der sogenannten Worpsweder. Man darf also wohl annehmen, daß es sich um eine penetrantere Wiederholung jener bereits reichlich überlebten Pro- vinzlerei handelt, die nur eine wahre Künstlerin hervorgebracht hat: Paula Beckcr-Mo- dersohn, früh verstorben und immer auf der Flucht— von Worpswede nach Paris. Nordisches geht auch in Halle vor sich; dort wird im Auftrage des Propagandaministers eine Schulungswoch« für F h i n g p 1 a t z- gestaltung stattfinden. Auf den Thingplätzen werden künftighin, nicht etwa bürgerliche Schauspiele zur Vorführung kommen, vielmehr teutomsohe Laienspiele, die den großen Atem der Vorväter rhythmisch entströmen lassen wollen. Nordische Renaissance kommt ferner über die deutschen Museen, deren Generaldirektor den Auftrag erteilt hat, daß die Museumsbestände im Sinne des nationalsozialistischen Bildungszieles auszuwerten seien. Der Fernstehende kann sich fürs Erste nicht vorstellen, was der beauftragte Professor Dr. Alexander Langsdorf! da anrichten wird. Von dem neuen Reichskulturminister Rust erwartet niemand eine klare Kunstpolitik; er schwankt zwischen Frick und Göbbels zickzackig, zwischen dem banalsten Spießertum und der revolutionär getarnten Gaunerei. Eingeweihte erwarten unterirdische Kämpfe, bei denen Rosenberg der Mystiker des Hakenkreuzes, aber auch die letzten jüdischen Schauspieler in die Versenkung geraten könnten. Auch für den Direktor der bisher noch wirkenden, ausgeweichten F o 1 k w a n g- Schule, der letzten deutschen Lehrstelle schöpferischer Kunst, wird gefürchtet Von der Darmstädter Frühjahrsaustellung wurde Max Beckmann, der bisher als bedeutsamster Vertreter Frankfurts galt verbannt; an der diesjährigen deutschen Ausstellung in Venedig dürfen Nolde, Barlach, Heckel und Dix nicht teilnehmen. Dafür wurde Karl Hofer, in Deutschland als Kulturbolschewist verrufen, mit zwanzig Bildern nach Florenz eingeladen, wo er einen großen Erfolg hat. R e nd S i n t e n is, wohl die begabteste deutsche Bildhauerin, mußte, weil sie nicht hundertprozentig arisch ist, aus der Preußischen Akademie der Künste ausscheiden: auch sie wird demnächst in Frankreich, England und Aroerika, wo sie sehr geschätzt wird, neue Arbeiten zeigen. Zunächst wird in New York eine große Ausstellung des Werkes von Max Liebermann vorbereitet, dessen Bilder, weil er Jude ist, in Deutschland nicht mehr öffentlich gezeigt werden dürfen. New York wird hundert Bilder Lie- bermanns zu sehen bekommen; an den Vorbereitungen ist der ehemalige deutsche Vizekonsul Jordan beteiligt Uebrigens soll auch in London demnächst eine Ausstellung deutscher jüdischer Künstler stattiinden; an erster Stelle wird hier J a n k e 1 Adler, der ethnographische Expressionist, gezeigt werden. Von der neudeutschen Kulturpropaganda werden allenthalben Maler, Bildhauer und Schauspieler in den Vordergrund geschoben, deren Namen bisher unbekannt waren; noch mangelt der Beweis, daß einer dieser Geförderten mehr als parteiamtliches Interesse verdient. Recht fragwürdig scheint die Wiederbelebung der bäuerlichen Trachten, die von einer Denkschrift des Nürnberger Germanischen Nationalmuscums gefordert wird, und allzu hoffnungsvoll braucht man wohl nicht der nächsten Unternehmung des Münche- ncr Prinzregenten-Theaters entgegenzusehen, das Teile der Edda, jener etwas vergilbten nordischen Göttersage, zur Aufführung bringen will. Nach wie vor hat mau von dem Kunstleben des Dritten Reichs den Eindruck großsprecherischer Hilflosigkeit. Das Gute, was geboten wird, war schon ehedem da; das Neue aber ist belanglos. Am belustigsten wirkt das propagandistische Patlvos, das Probleme und Erscheinungen, die hundertjährige Geschichte haben (oft tausendjährige), als Ur zeugen Adolf Hitlers ausgibt, und nicht minder komisch ist es, wenn Allgemeingültiges und Alltägliches mit bewundernswerter Naivität auf Nazi frisier' wird. So etwa, wenn man im letzten Heft der letzten deutschen Kunstzeltschrift, das unter anderem Bilder zeigt von Gärten, wi» sie zu Tausenden in der ganzen Welt zu finden sind, Best:„Gartenkunst ist heute ausschließlich germanische Angelegenheit..." Germanisch scheinen vor allem die Gemeinthingplätze zu sein. Der I r-Xomos „Der Ur-Noraos ist der einheitliche, totale, völkisch-deutsche und soziale Volksstaat organisch-, herrschaftlich- genossenschaftlichen Gepräges und cbristiioher Art. Weil Ohr und Ange de« obersten Führers nicht zu überwachen vermag, ob der Ur-Nomos, den er»elber in sich trägt, auch, bei den Unterführern durchdringt, ist die Bestellung von Führerräten mit beratender Funktion notwendig." So orakelt der o. Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Rostock. Tarnheyden, über die„Grundlagen de» Verwaltungsrechts im neuen Staat." Abkehr Ton der Nazi-Literatoi* Die nazideutsche Buchliteratnr findet'fl Deutschland keine Abnahme mehr. Kennzeichnend dafür ist das Ergebnis einer Rundfrag« der„Deutschen Allgemeinen Zeitung". Auf die einfache Frage: Was lesen Sie heute?, an'- uud dPM dfuistikf f'ihn W W1fW*W Der künstlerisdie und wirisdiaftlidie Rain des Film" and Theaterwesens So schlimm haben es sich selbst die be- ceistertsten Geener des national sozial st ischen Regimes nicht vorgestedlt Gewiß, die Taten der Nazisten auf künstlerischem, kulturellem Gebiet ließen einen Niedergang des Fihn- und Theaterwesens erwarten. Daß es ein derartiger Bankerott wurde, hatte niemand gedacht. Arbeitslose Künstler. Der deutsche Kunstbankerott dokumentiert sich beileibe nicht nur in der schlechten Herstellung schlechter Filme oder der schlechten Aufführung schlechter Theaterstücke. Er erweist sich viel lebendiger in der Zahl der arbeitslosen Schauspieler, in dem Zusammenbruch von Filmgesellschaften uud Theater- ontemehmungen. 1932 gab es in Deutschland �02 Theater und 5000 Kinos. 77 Filmgesellschaften beschäftigten sich mit der Herstellung von Fihnen. Heute spielen noch 126 Theater, 3700 Kinos sind noch in Betrieb, 32 Filmgesellschaften fristen noch ein kümmerliches Dasein. 1932 beschäftigte das Theater in Deutschland 7000 Schauspieler und 28.000 Angestellte, der Fihn und das Kino 6000 Schauspieler und 12.000 Angestellte. Heute Inden beim Theater noch 2600 Schauspieler nnd 11.000 Angestellte, beim Film und Kino kaum 2000 Schauspieler und Statisten sowie 7700 Angestellte Beschäfttgung. Unter den Schauspielern, die heute arbeitslos sind— In Berlin allein 1400— befinden sich Künstler von Weltruf, wie Bassermann und Albers. Kapitalverluste. Fast das ganze Film- und Theater- kapital ist verloren gegangen. Teils Wolge des schlechten Besuchs der Bühnen— die Einnahmen der Kinobesitzer sind 1933 gegenüber 1932 um 39 Prozent, die der Theater um 37 Prozent gesunken—, teils infolge von Verboten und Boykottierung von Fihnen "nd Theaterstücken, in denen viel Geld investiert war. Nicht nur die kleinen Filmgesellschaften die eine Million der Aafa, die drei Mälionen der Eraelka, die Cine Alllnaz etc. sind am Rande des Ruins, auch die Ufa, die gezwungen Ist, ihren großen Theaterpark zu versorgen und deshalb sogar noch von Jüdischen Produzenten Filme herstellen läßt, wes- hafc sie de,, heftigsten Attacken ausgesetzt 'st, hat dadurch und durch die vergebliche Stützung des Scherl-Verlags einen Großteil Ihres Kapitals verloren. Die T o b l s, die an Herstellung aller Filme kleiner Gesellschaften maßgebend beteiligt ist, und unge- he«re Bar- und Materialkredite ausgegeben h*t, Ist durch die Uneinbringlichkeit großer Forderungen ebentals stark angeschossen. Die Kapitalien ausländischer Ftlmfinanziers, wie Schweizers Weltzmann oder des Tsche- choskrwaken Auerbach, sind dem deutschen Film entzogen worden, wodurch eine Reihe von Produzenten teils ganz um-, teils voll- koramen lahmgelegt wurde. Die unter dem Protektorat von Göbbels gegründete Filmbank konnte Hsher hn ganzen zwei Filme finanzieren. Sie sind so schlecht ausgefallen, daß der größte Teö der Investition verloren sein wird. Theatermäzene, die heute in die verkrachten oder noch vegetierenden deutschen Privatbühnen Geld stecken, sind schon lange nicht mehr vorhanden, die Staatstheater erfordern ungeheure Zuschüsse. Göbbels und seine Clique. Und wieso ist das alles gekommen? Gewiß, man bat viele hervorragende Künstler und Schriftsteller ausgetrieben, die Aufführungen bedeutender Autoren verboten. Aber schließlich gibt es doch noch eine Menge Künstler und Autoren in Deutschland, die ihren Frieden mit dem herrschenden Regime geschlossen haben und gegen deren Betätigung sicher kein Einwand erhoben wird. Mit ihnen müßte doch gutes Fihnmaterial zu schaffen, gute Theaterauffühnmgen zustandezubringen sein? Der deutsche Kunstbankerott Ist zum wesentlichen Teil dem Propaganda- minister Dr. Göbbels zu verdanken. Wenn man erst einmal die ungeheuren Schwierigkeiten kennt, unter denen Produzenten und künstlerische Leiter zu keuchen haben, wenn man weiß, wie heute in Deutschland ein Film rustandekommt, wie viele Passionen zu absolvieren sind, wie die Herstellung und erst recht die geschäftliche Ausnutzung eines Fihns heute auf reinem Zufall basiert, wie ständig ein Damoklesschwert über jedem Film, über jeder Theateraufführung hängt, dann erst kann man glauben, daß ein künstlerisches Werk in Deutschland gar nicht mehr entstehen kann. Hie und da bäumt sich ein Promtnenter noch auf und erlaubt sich, darauf zu drängen, daß die Bewegungsfreiheit für die Kunst durchbrochen werde. Erst kürzlich hat der Regisseur Fanok, Leni Rieffenstahls Proteg6 und daher von Hitler wohlgelitten, dem Reichskanzler in einer Denk- und Beschwerdeschrift die, unsäglichen Leidensstationen geschildert, die Produzenten und Regisseure durchzumachen haben. Hat es etwas genützt? Nein! Leidensstationen der Filmproduzenten, Und wie erfolgt nun die Herstellung eines deutschen Films? Hat sich eine Firma zur Herstellung eines Films entschlossen, hat sie sogar das notwendige Kapital schon aufgetrieben und sich den Filmstoff gesichert, so muß das Manuskript zuerst einmal an den„RelcbsMlmdramaturgetf Willy Krause, hinausgeworfener Ullstein-Reporter. zuletzt Redakteur des„An- griff* zur Begutachtung. Er prüft den Stoff darauf, ob erstens nationalsozialistische Gefühle nicht verletzt werden und ob zweitens eine Tendenz für das neue Deutschland darin enthalten ist. Die Prüfung dauert so lange, als es Herrn Krause behagt, der selbst natürlich die Jiervor- ragendstaitf' FUmsujets schreibt Hat man Glück gehabt und die Genehmigung Herrn Krauses für einen nicht von ihm persönlich stammenden Filmstoff erhalten, so kann man noch lange nicht mit der Arbeit beginnen. Denn Jetzt erhält Herr von AUvör- den, der Leiter des Filmnacb- weises, das Wort. Er hat die Schauspieler und Statisten zu genehmigen, die beschäftigt werden dürfen. Er bestimmt sogar recht eigenmächtig die Kräfte für die einzelnen Rollen. Erlaubt gnädig einem Schauspieler, diese oder jene Rolle zu übernehmen und verbietet einen anderen, der sein Wohlwollen nicht besitzt. Endlich ist also das Manuskript und die Besetzung günstig erledigt Die Aufnahmen können beginnen. Selbstverständlich wohnen ihnen unter Kontrollrecht sowohl Herr Krause wie Herr von Allvörden bei. Ihre eventuellen Eiinsprüche müssen unter allen Umständen Berücksichtigung finden. DAS PARISER TAfiERLATT Chefredakteur: GEORG BERNHARD bringt unter anderem regBlmässig BERLMER BRIEF mit unerhört Interessantem Tatsachen-Material, trotz Zensur und Diktatur Aeusserungsn liMi«r Politmer aller Länder zu den europäischen Problemen Beitrage tiervorragender Dichter und öetohrtsr speziell der aus Deutschland Verbannten Demnächst Interessantes Preis- Ausschreiben: 14 JAHRE REPUBLIK Grosse Umfrage bei Gelehrten, Publizisten, Staatsms nnem: �Oie Zukunft der Well'' Neuer hochaktueller Roman von BALD ER OLDEN: ROMAN EINES NAZI Endlich die verschiedenen Sonder-Gebiete Die moderne Frau— Reise and Verkehr— Sport— Technik n. Wirtschaft Probenumcrn gratis- Bestelungen beim P ARISER TAGEBLATT" PARIS(S*), 81, Bue Turbigo Dfe Gefahren für den Fftm sind, auch wenn er endlich fertiggestellt und geschnitten Ist, noch lange nicht vorbei Denn nun geht der Filmstreifen zur staatlichen Fllmprüf stelle des Herrn Oberregierungsrates Seeger. Und der braucht sich weder an die Genehmigungen, noch an die Gutachten der Herren Krause und Allvörden zu halten. Und tut es auch nicht Er entscheidet selbständig und verbietet eventuell das, was bereits von den nationalsozialistischen Vor- zensoren genehmigt worden war. Ist aber auch die Station der Filmprüfstelle glücklich passiert und läuft der Film bereits in den Kinos an, so besteht durchaus die Möglichkeit, daß die lokale Polizeibehörde dem Kinobesitzer die Vorführung des Films unter Maßgabe irgendwelcher Gründe untersagt. Wenn aber auch das nicht etatritt so hängt das Schicksal des Films noch Immer von der Filmzensurstelle der S A- ab. Sie entscheidet wiederum unabhängig von der staatlichen Filmprülstelle, vom Relchsfllmdraraaturgen und den lokalen Polizeibehörden. Denn es bestehen doch manchmal wesentliche Unterschiede zwischen dem„künstlerischen" Empfinden der SA. und anderen nationalsozialistischen Aemtem. Dfe Fihnzensur- stelle der SA. hat verschiedene Arten des Einspruchs gegen einen Fürn eingeführt. Der milde Boykott Ist das Verbot der Sturmführer für den Besuch durch SA.- Angehörige, das natttrlidi veröffentlicht wird und schon dadurch einen gewissen Eindruck auf die Gesamtbevölkerung macht. Scharfer Boykott Ist die„Entfesselung de» Volkszorn s", der sofort die Absetzung des Films erwirkt. So unsicher ist beute das Filmgeschäft In Deutschland. Wer kann es da verdenken, daß sich eine Gesellschaft mir sehr schwer entschließt, einen Film herzustellen, Kapital zu riskieren? Und wen wundert da noch, daß kein künstlerischer Film mehr zustandekommt, daß die Kinos und Bühnen leer, die Schauspieler beichä/ftigimgsdos sind? Denn nldht anders geht es beim Theater zu, obwohl ein Werner Kraus der Reichskulturkammer präsidiert. Die Theaterstücke und Flhnlfbrottos aber, die allen deutschen Stellen gerecht werden, sind von braven nationalsozialistischen Parteigängern gemacht und ihre Qualität Ist von solcher Güte, daß sie heute keinen Hund in Deutschland mehr von dem Ofen hervorlocken können! Cwrt Haas. Wenn's Judenblut vom Messer spri�t... ,3*1 seinem Besuch in Soltagen wurde dem Reichsjugendführer Baidur von Schirach vom Oberbürgermeister Brückmarm mitgeteilt, daß die Hoffnungen, die von der Sollnger Messerindustrie auf die Einführung von Fahrtenmes- sern in der Hitlerjugend gesetzt worden seien, sich nicht ganz erfüllt hätten."(Berliner Zcltungsnottz.) Wenn's Judenblut vom Messer spritzt— geht's der Solinger Messerindustrie noch mal so gut) u'0rtet eine deutsche Frau:„loh habe zwar politische Broschüren angefangen aber **iim eine zu Ende gelesen. Sie sind durch die °ank nichtssagend und uninteressant", äußert •Wt ein Konsul diplomatisch:„Heute, da wir "köt mehr so viel Bücher von naWonalpoliti- sc�r Bedeutung lesen, studieren wir gern po- "üsche Spezlalllteratur, beispielsweise Mstorl- Memoiren oder wirtschafts politische �chrtften. Wenn ich mir zur Erholung ein ®Uci' suche, dann greife ich zu Storm, zu Stifter oder zu Eichendorff." Selbst die blonde Hitlerfke gibt keine Nazl- �rtften an, sondern antwortet:„Meine Lleb- ■[»«sschriftsteller sind Stifter. Kleist, Eichen- "Orff und Dickens. Und Grimms Märchen," Während der SA-Mann die„Groschenromane" 415 die beliebteste Literatur der Stürme be- �ichoet Der poliüsche Schwindel zieht nicht mehr 7" Uta so stärker jedoch der mystische Schwta- 1'• Es ist bezeichnend, daß überall in Deutsch- ■and und besonders In Berlin, der Aberglaube zunlimnt. Der Okkultismus ist geworden, Astrologen stehen an den traßenecken und verkünden etaer gläubigen ' asse ihre billigen Wundersprüche. Eine eihe von Schaufenster sind überladen mit �hern über Magie. Familientrog Der»Neue Görlitzer Anzeiger« bringt einen �hönen Aufsatz unter dem Titel:„Ein neuer rauch?— Nein, wle's früher war", in dem es»örtlich heißt: „Eine noch in manchen Gebieten erhal- �ene Sitte ist die gemeinsame Mahlzeit, aus (lel' äemeinsamen Familienschüssel... Ich glaube, daß es im Zuge der allgemeinen Individualisierung, der Auflösung aller Gemeinschaft lag, wenn an Stelle der gemeinsamen Schüssel das eigene Besteck, der eigene Teller getreten ist... Hier wird sich allgemein ein Wandel vollziehen... wir werden nicht Jeder mehr sein eigenes Kaffeekännchen haben wollen— sondern wir werden uns wieder um den gemütlichen und verbindenden Familienkrug setzen... Tritt gefaßt— 1" Den verbindenden Familienkrug gemeinsam am Munde und„Tritt gefaßt"— so marschiert das„Dritte Reich" dem Höllengelächter der zivilisierten Umwelt entgegen! Der große Streicher und der kleine George Aus dem„Stürmer": „Stefan George soll nach Kürschners Literaturkalcnder tatsächlich Heinrich A b e 1 e s geheißen haben. Es wird neuerdings bestritten, aber verdächtig ist, daß die Juden K. WolfskehL der berüchtigte Professor Gundolf und Richard M. Meyer mit der ganzen jüdischen Presse sich für Ihn etasetzten. Der„deutsche Geißler" also schrieb über ihn:„Der göttliche George, eine merkwürdige Begriffsverwirrung für die seltsame Blase, die der Geist der Zeit in der Kunst derer um Abeles getrieben hat Seine Töne sind zu närrisch und zu undeutsch und werden in dem Teil der Literaturgeschichte, die die Karikaturen bringt, verewigt werden". Auch Wer müßte Klarheit geschaffen werden, denn die Verdachtsgründe sind zwingend. Deutsch sind Georges Dichtungen sicherlich nicht und muten ftemdartig an... Ein Stil, dem jüdischen Dadaismus sehr ähnlich. Christa-Maria Rock." George-Abeles, der nur gebrochen Deutsch schreibende„deutsche Geißler", all das garniert mit Christia-Maria Rock—„und muten fremdartig an"—! da muß der Satiriker die Waffen strecken. Das Dritte Reich schreibt die verwegensten Satiren über sich selber! Deutsche IJniTersitäten prostituieren sich Es ist wirklich kein Greuelmärchen, wenn es auch eine Schändlicttkeit und eine Schande ohnegleichen Ist. Kommen da in Berlin zu einer Konferenz die Rektoren aller preußischen Universitäten zusammen und beenden ihre Konferenz mit folgender Resolution: „Die unterzeichneten Rektoren deutscher Hochschulen, die in Berlin zusammentrafen, sind tief durchdrungen von der Notwendigkeit der inneren Erneuerung der Wissenschaft und der Universität aus der Idee des Nationalsozialismus, wie sie gelebt und verwirklicht wird durch den Führer des deutschen Volkes." In der Kirche gibt es wenigstens einen heftigeren Protest gegen die gottlose Vergottung Hitlers. Gibt es in ganz Deutschland keinen einzigen Gelehrten, der den Mut hat, gegen eine derartige Schamlosigkeit gegen die wissenschaftliche Tradition Deutschlands zu protestieren? Sollen Deutschlands Gelehrte noch mehr der Spott jedes anständigen Ausländers werden? Soll sich wiederholen, was sich jüngst anläßlich der deutschen Philosophentagung in München zutrug? Zu dieser Tagimg hatte auch Oskar Kraus, der bekannte Philosoph der deutschen Universität In Prag eine Einladung erhalten. Doch dieser Gelehrte lehnte die Teilnahme an diesem Phdlosophen- tag ab, weil er„zu wenig rausikaltsch gebildet sei, um den Niedergang der Philosophie in Deutschland in ihrer aktuellsten Erscheinungsform zu würdigen." Die Tagesordnung enthielt nämlich als einen der wichtigsten Punkte die Absingung des Horst-Wcsselliedcs. Braune Splitter In Deutschland ist eine große Vertrauenskrise ausgebrochen.— Weshalb wohl? Herr Schacht kann die Gesinnungswechsel nicht mehr prolongieren! „Hindenburg und Hitler sind wie Vater und Sohn!" hat jüngst Herr Schacht In einem Interview gesagt.„Da kann man nur Wilhelm Busch variieren:„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr!" Jüngst sprach Herr Röhm am Grabe eines verstorbenen SA-Mannes, so, wie das seine Art ist, von seiner„warmen Verbundenheit" mit dem Verstorbenen. Der Bericht ging an die Zeitungen. Im letzten Augenblick entdeckte ein Herr hn Reichspropagandaministe- rram den Betriebsunfall. Ein ferngedruckter Ukas wurde an die Redaktionen gejagt:„Der Absatz„in warmer Verbundenheit" usw. darf in dieser Form nicht gebracht werden." Ein süddeutsches Blatt brachte ihn versehentlich trotzdem. In der Rubrik:„Heimatklänge". Pips. Das Krankheitsbild der Wirtschaft Das deutsdie Wirtahaftswimder in krltisdiem Licht Zu der anbefohlenen Schönfärberei der Wirts chaftSberichterstattuns im Hitlerreich »teht die furchtbare Wahrheit in schreiendem Kontrast. Große entscheidende Wirtschaftszweige harren der Sanierung, die immer wieder hinausgeschoben wird, und bei vielen geht es um einschneidende Reduzierung auf lange Dauer. Dies gilt für die Schiff- fahrt und die Werften, die die protektio- nistische Wirtschaftspolitik in ihrer Wurzel getroffen hat, dies gilt aber auch für die deutsche Eisenindustrie, die mit V* Milliarden Reichszuschuß nach dem Kriege neu aufgebaut, überkapitalisiert und überdimensioniert wird, mit viel zu hohen Kosten arbeitet und nur bei überhohen Preisen im Inland, die in Verbindung mit den überhohen Agrar- preisen eine unerträgliche Last für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf den Weltmärkten bedeuten, den Eisenherren eine Rente sichern. Aber auch jene Industrie, die neben der Großchemie einst die stärkste der deutschen Wirtschaft war, in der die enge Verbindung der Wissenschaft mit hochstehender Qualitätsarbeit mit am erfolgreichsten zur Geltung kam und ihr einen ersten Platz am Weltmarkt sicherte, auch die deutsche E 1 e k- trizitätsindustrie befindet sich seit Beginn der Krise in einem Niedergang, der «och immer nicht zum Stillstand kommt. Die Allgemeine E 1 e k t r i jsi t ä t s- gesellschaft veröfientheht jetzt ihren Abschluß für das Geschäftsjahr vom 31. Oktober 1932 bis 30. September 1933. Der Umsatz, der 1928/29 noch 580 Millionen betrug, 1930/31 sich auf 370 Millionen vermindert hatte, ist jetzt auf 180 Millionen gegen 220 im Vorjahre gesunken. Ja, der Umsatz in der wichtigsten Abteilung, dem Kraftwcrks- tmd Großmaschinenbau, ist auf den zehnten Teil des Höchststandes zurückgegangen. Der Umsatzrückgang der AEG. ist aber fast ebenso groß, wie der von Siemens-Schuk- k e r t, des anderen führenden Unternehmens der Starkstromindustrie; bei beiden beträgt der Umsatz nur mehr ein Drittel des Umsatzes von 1928/29. Besonders ungünstig hat sich das Auslandsgeschäft entwickelt; namentlich das Russengeschäft, für das sich die Leitung der AEG. als eine der ersten unter den deutschen Untemehmimgen eingesetzt hatte und das in guten Jahren 30 Millionen Rmk. brachte, ist zum völligen Stillstand gekommen— eine unmittelbare Folge der russenfeindlichen Politik Hitlers. Nur noch 38 Prozent(gegen 45 im Vorjahr) entfielen auf den Export, und der Exportanteil geht im laufenden Jahre weiter zurück, obwohl die Hälfte der Ausfuhr aus sogenannten „Zusatzexporten" besteht, also mit Sperrmarks oder Serif« verbilligtem Dumpingexport darstellt. Im Inlandsabsatz hatte die AEG. überdies im Gegensatz zu Siemens mit „Schwierigkeiten aus außerwirtschaftlichen Gründen" zu kämpfen, d. h- sie wurde von den Nationalsozialisten wegen des früheren jüdischen Einschlags bis zur Gleichshaltung der Leitung eine Zeitlang schlechter behandelt als Siemens- Der Verlust des Jahres beträgt 26.5 Millionen: er wäre viel größer, wenn nicht Sondergewinne von 29 Millionen entstanden wären, die hauptsächlich aus Valuta- gewirmen an den kurzfristigen Schulden, aus Tilgungen und Bondsriickkäufen stammen. Im Vorjahre betrug der Verlust 72.8 Millionen, von dem rund 42 Millionen durch Auflösung der Reserve gedeckt wurden: es besteht jetzt also ein Gesamtverlust von 57 Millionen bei einem Aktienkapital von 185 Millionen. Diesem stehen 198.43 Millionen Reichsmark Schulden gegenüber, obgleich es der AEG. in diesem Jahre teils infolge der Valutaentwertung, teils durch Tilgungen gelungen ist, die Schulden um rund 80 Millionen zu verringern. Der Abschluß zeigt also ein trostloses Bild— der Aktienkurs von ca. 25 Prozent jst in Wirklichkeit viel zu günstig— und auch für das laufende Jahr, in dem die Inlandsaufträge angeblich zunehmen, wird bereits ein neuer Verlust angekündigt Trotz des starken Umsatzrückganges und der gesunkenen Beschäftigung ist aber die Zahl der Arbeiter„in den letzten Monaten" um 27.400 auf 30.000 gestiegen. Das deutsche Wirtschaftswunder! Löhn© und Soziallasten sanken aber im Berichtsjahr um 79.57 auf 61.26 Millionen! Die„Neue Züricher Zeitung" spricht milde von der„Kehrseite der Auswirkungen der Arbeitsbeschaffung insofern, als das Unternehmen heute über 10 Prozent mehr Arbeiter und Angestellte beschäftigen muß, als bei rationeller Betrtebsführung erforderlich wären; ziff ermäßig ausgedrückt, dürfte dies einen durch den Betrieb an sich nicht ge- reahtfert)igten Mehraufwand von mindestens 7Vi Millionen RM. im Jahre ausmachen, wodurch ein wesentlicher Teil des Jahresverlustes seine Erklärung findet". Aber das stimmt insofern nicht ganz, als die erhöhten Arbeitskosten ja gar nicht von dem Unternehmer, sondern aus der Lohnsenkung bestritten werden, nicht dem Profit, sondern dem Arbeitslohn zur Last fallen. Die Kriegskosten der siegreichen Arbeitsschlacht müssen von den bis,her beschäftigten Arbeitern und Angestellten aufgebracht werden. Und das ist eine allgemeine Erscheinung. So ist, um einen ganz anderen Wirtschaftszweig heranzuziehen, bei dem Versicherungskonzern„Allianz" zwar der Geschäftsumfang seit 1923 um 23 Prozent zurückgegangen, der Beamtenstand aber ist um 24 Prozent gewachsen. Die Unkosten, die 1929 rund 38 Prozent der Prämieneinnabme ausmachten, sind jetzt auf 48 Prozent gestiegen. Hier geht die„Arbeitsbeschaffung" teils auf Kosten der bisher Beschäftigten, teils auf Kosten der Versicherten. Fest steht jedenfalls, daß heute auch in die Zweige der deutschen Wirtschaft ein großer Teil früherer Arbeitsloser eingestellt wird, deren Produktion nicht zugenommen hat: die vermehrte Zahl der Arbeiter wird mit der gleichen oder einer geringeren Lohnsumme erhalten als früher. Zu(fiesen volkswirtschaftlich unproduktiv Beschäftigten kommen dann die Arbeiter, die nicht in„regulärer" Beschäftigung stehen, also die im Arbeitsdienst, als Landhelfer, Notstandsarbeiter und Fürsorgearbeiter unter' gebracht sind. Ihre Zahl belief sich im März auf 1,040.000 Mann und ihr Verdienst erreicht meist nicht die Höhe der Arbeitslosenunterstützung. Das alles erklärt auch ohne weiteres, daß das Aufkommen an Lohnsteuer im Finanzjahr 1933/34 mit 730 Millionen um 18.5 Millionen hinter dem des Vorjahres zurückgeblieben ist Zwar wird vom Finanzministerium erklärt, daß das Aufkommen, wenn nicht die Erhebung geändert und Befreiungen eingeführt worden wären, um 30 Millionen höher als im Vorjahre gewesen wäre. Aber die Zahl der Beschäftigten soll ia nach den offiziellen Angaben in der gleichen Zeit um 21/» Millionen gewachsen sein, also bei 14.7 Millionen Beschäftigten um ca. 14 Prozent. Nach den Behauptungen des Finanzministeriums wäre aber die Lohnsteuer auch bei gleicher Erhebungsart nur um ca. 4 Prozent gestiegen. An der erheblichen Verminderung des Arbeitseinkommens kann aber wirklich nicht gezweifelt werden. Die Hauptsorge der deutschen Wirtschaft bleibt aber die ganz akute Frage: wie soll die Produktion auch nur im bisherigen Umfang fortgeführt, geschweige denn gestel- gert werden, wenn die Rohstoffver- PROBLEME DES SOZIALISMUS Sozialdemokratische Schriftenreihe Jidcfistayslkand Wer ist verurteilt? Von Justinian Der Autor, ein hervorragender Jurist, behauptet nichts, was er nicht beweisen kann. Er verzichtet darauf, aus einzelnen Indizien brüchige Beweise zu konstruieren, sondern stellt den Komplex der Ereignisse, die mit dem Reichstagsbrand und dem nachfolgenden Prozeß zusammenhängen, mitten in das politische Gesamtbild des nationalsozialistischen Staatsstreichs. Dadurch wird seine Beweisführung absolut zwingend. Es ergibt sich: Selbst wenn der Reichstagsbrand nicht von Nationalsozialisten gelegt worden wäre, so würde doch die Art seiner Ausnutzung durch die Regierung Hitler-Göring eines der schändlichsten Verbrechen der Geschichte bleiben. Die hier vorliegende Darstellung der Zusammenhänge und der politischen Auswirkungen des Prozesses ist eine Grundlage für jene große Aufklärungsarbeit, die vollbracht werden muß, um Urheber und Schuldige des Verbrechens der geschichtlichen Verantwortung auszuliefern. „2)er Faschismus und die JutMektueUm" UNTERGANG DES DEUTSCHEN GEISTES Von Landgerichtsdirektor ♦ ♦ ♦ Ein hoher deutscher Justizbeamter zeichnet in dieser Schrift das geistesfeindliche Gesicht des heutigen Deutschland. Geschichtsforschung wird durch Rassenblödsinn lächerlich entstellt und zu reaktionären Staatszwecken umgelogen. Richter und Pfarrer, Professoren, Künstler und Dichter werden in die Zwangsjacke eines delirierenden Despotismus gesteckt oder wandern in die Konzentrationslager. Immer tiefer sinkt der Geist, bis ein Erwachen in Blut und Grauen droht. „JlemUe und Flewluüon" DER WEG ZUR FREIHEIT Von Georg Decker Der Verfasser saß im Jahre 1933 monatelang hinter den Mauern deutscher Gefängnisse. Er zerfetzt das Parademäntelchen einer„nationalen Revolution" und enthüllt sie als den geglückten„Aufstand der Gescheiterten", die für persönliches Mißgeschick und eigenes Versagen das„System" verantwortlich machten. Georg Decker gewinnt neue Ausblicke auf den Weg zur Freiheit: Die Kluft zwischen der angeblich„nationalen Geschlossenheit" und der realen Wirklichkeit reißt täglich tiefer auf.„Es genügt jetzt nicht, die Voraussetzungen der im heutigen Deutschland schon vorhandenen Unzufriedenheit zu prüfen, es muß der Weg gefunden werden, diese Unzufriedenheit in politische Leidenschaft und einen fanatischen politischen Willen zu verwandeln." Jede dieser dred Schriften kostet m: Belgien 7.50 Frs./ Bulgarien 35 Lewa/ Dänemark 1.50 Kr./ Deutschland 050 RM./ Frankreich 5.50 Frs./ Großbritannien —.1.5 Pf. St/ Italien 4.— Lire/ Jugoslawien 17.— Dinar/ Niederlande—.50 Gulden/ Oesterreich 1.80 Schilling/ Palästina—.070 Pal. Pfd./ Polen 1.85 Zloty/ Rumänien 37.— Lei/ Schweden 1.45 Kronen/ Schweiz 1.10 Frs./ Tschechoslowakei 7.— Kö/ Ungarn 1.40 Pengö/ USA.—.35 Dollar. sorgung nicht gesichert werden kann? Und die Aussichten sind verdammt trüb. Die Einfuhr aller wichtigen Rohstoffe bleibt zunächst unterbunden. Eine Wirkung auf den Devisenbestand der Reichsbank konnte natürlich dadurch zunächst nicht erzielt werden. In der ersten Maiwoche betrug der G o 1 d- ab gang rund 21 Millionen: die Währungsreserven sind unter die 200-Millionen-Grenze gesunken und betragen nur noch 191 Millionen. Die Deckung sank von 5.8 aui 5.4 Prozent Nun ist freilich der von der Reichsbank ausgewiesene Gold- und Devisenbestand nicht identisch mit dem Devisenbestand der deutschen Wirtschaft Von den Gläubigern bedrängt hat Schacht darüber einige Angaben machen müssen. 149 Millionen Auslandsdevisen werden noch unter den Aktiven der Reichsbank selbst verbucht und 60 Millionen bei der Golddiskontbank. Die ersten sind langfristig uud stellen die Reserve dar, aus denen die eigentlichen, auf vierzehn Tage und kürzer lautenden Deckungsdevisen kommen: den Wechseln der GoWdiskontbank stehen Verpflichtungen ans Ausland gegenüber. Aber ca. 215 Millionen Mark liegen bei den verschiedenen Staatsbanken, uud auch die Schiffahrtsgesellschaften und privaten Exporteure dürften über gewisse Bestände verfügen. Das alles ändert aber nichts daran, daß die deutsche Devisenlage immer kritischer wird, während die Transferkonferenz mit den Gläubigem irgendeinen Ausweg noch immer nicht erkennen läßt. So rundet sich das Bild der deutschen Wirtschaft. Es ist ein Patient, der in schwer leidendem Zustand der sorgsamsten Behandlung bedürftig, in die Hände unwissender Kurpfuscher gefallen ist Dr. Richard Kern. „Haben Sie schon gehört, daß alle Elektrizitätswerke die Stromlieferung einstellen?"— „Nein, warum?"—„Na, in Deutschland gibt es nur noch Kraft durch Freude." Front des Geistes Neue bemerkenswerte Veröffentlichungen. In der„Sammlung"(Querido-Verlag, Amsterdam), Heft 9, schreibt Hermann Kesten über.Die deutsche Literatur". Er benennt die Gleichgeschalteten; „Literarisches Programm: Adolf Hitler. Unter diesem Programm, unter dem Namen dieses Autors, der über das deutsche Volk. aber nicht über die deutsche Sprache Gewalt hat schreiben: Binding, Blunck, Bruno Brehm, Carossa, Dwinger, Hans Grimm, Paula GroR- ger, Gertrud von Le Fort. Jobst, Kolbenheyer. Max Meli, Agnes Miegel, Wilhelm Schäfer, Ina Seidel, Stehr, Emil Strauß. Taube und Tiigei. Wehnert und Wiechert, Zerzer und Ziegler. Es mögen bedeutende Talente darunter sein (wa( ich nicht glaube). Sie sind verdammt, zri lügen; sie sind verurteilt, wie Hitler zu schreiben: sie smd verkauft und verraten." In den.Europäischen Heften" Nf- 5 berichten die beiden Schweizer Adolf S a a g e r und Ernst Dolfers über den Widerstand der arbeitenden Schweiz geg©" den Faschismus. Die„W e 1 1 b ü h n e" Nr. 20 veröf{entlicht( einen Aufsatz von Gerald Hamilton über die Rüstungsinternationale. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt »Graphia", Karlsbad, CSR. an Verlagsanstalt Umtfllmmiärfe (SoilaUrmofraHfd)» IDochrnblaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Hörnt Druck;„Graphia": alle in Karlsbad- Zeitungstarif bew. m. P. D. ZI. 159.334/VII-1933. Der„Neue Vorwärts" kostet im Einz©'' verkauf innerhalb der CSR. KS 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Pr©'� der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(K«- 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung:(die Bezugspreise fi'r das Quartal stehen in Klammern); Argentinien Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.-(24.-), Bulgarien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. 0.30 (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—), Estland E* Kr. 0.22(2.64), Finnland Fmk. 4—(48.— Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d. 4.—(Sh. 4.—). Holland Gld 0.15(1.80). 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