Nr. 50 SONNTAG, 27. Mai 1934 &i>slaldcmo¥rattfct)£0 V erlag: Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Deutschland in w irtschaftlicher Lebensgefahr Kurswechsel in Frankreich Wo Göring gnädig ist...! Die Hören auf dem Scheiterhaufen F Feiheitskampf an der Saar Saarbrücken, Ende Mai. Während drüben im Reiche allmählich auch die Denkfaulsten und ehemals Berauschtesten den Kontrast zwischen Worten und W erken spüren, geht der Aufklärungsproreß an der Saar viel langsamer vor sich. Hier ist die Stimmung bei den Nationalsozialisten und ihren Mitläufern jetzt etwa so, wie sie im Reiche vor einem Jahre gewesen, sein mag. Für des Tages Not und Sorgen macht man die Regierungskommission des Völkerbundes v er- »ntwortlich und verspricht sich wer weiß Welche Wunder an Besserung, wenn man im Jahre 1935 nach einer siegreichen Abstimmung in das deutsche Vaterland zurückkehren wird. Dabei ist soviel gewiß, daß es den Arbeltern und den Bauern, den Angestellten und den Be- armen, den Handwerkern und den Geschäftsleuten an der Saar viel besser geht als Im Reiche, und zudem leben sie unter Rechtsgarantien. die hn Deutschland der Diktatur nicht mehr vorhanden sind. Das freilich glauben die wenigsten. Sic empfinden die Völkerbundsregienmg, die aus einem Briten, einem Franzosen, einem Finnen, einem Jugoslawen und einem Saarländer e steht, als eine Fremdherrschait, und es zeig sich au der Saar, wie leicht es für die nationale Propaganda ist, die Empfindungen gegen ein solches Regime aufzuwühlen. Die Mehrzahl der Bevölkerung von 828.000 Seelen fühlt sich national entrechtet und bedrückt, obwohl für alle politischen und kulturellen Richtungen eine fast unbegrenzte Betätigungsfreiheit besteht In einem Maße Jedenfalls, das sich die Deutschen im Reiche kaum noch zu erträumen Wasen. Die Einwohner des Saargebietes hätten Gelegenheit, über das Dritte Reich und sein Wirken sich nicht nur von Freunden, sondern auch von Gegnern des Regimes unterrichten «u lassen. Erscheinen doch im Saargebiet ueben den gleichgeschalteten Zeitungen. sehr tapfere und von seinen nationalsozialistischen Gegnern leidenschaftlich gehaßte sozia- demokratische Blatt, die„Volksstimme. „Deutsche Frcihcif. die katholische -Neue Saarpost", der autonomistische "General-Anzeiger", die sehr matenai- 'eiche Wochenschrift„Westland me kommunistische„Arbeiter-Zeitung m» einige kleinere Zeitschriften. Wenn diese Grgane einstweilen nicht tief genug ms vom dringen, so weil sie und ihre Bezieh®r einem Maße öffentlich und geheim geaeü e Werden, wie dies außerhalb des Saargebietes kaum vorstellbar sein dürfte. Kein Kiosk, keine Buchhandlung wagt eine der nicht gleichge- schalteten Zeitungen auszulegen- Wo man zu ihrem Verkauf verpflichtet ist, wie am Bah- hof. werden sie geradezu versteckt und der hartnäckig danach verlangende Kaufer bekommt sie wie einen gefährlichen Expiosiv- stoft gereicht. Kern Gasthof und kerne Wirt- �haft legen„solche Zeitungen" aus. Kaum ein Geschäftsmann, auch kein jüdischer, wagt dar- ,n zu inserieren. Die wenigen m den Straßen "•eh zeigenden Verkäufen, auch eine mutige Sozialdemokratin, werden belästigt, manc ma auch photographiert; wie man annehmen dart, um die Bilder als Untertagen für die zro Abrechnung im Jahre 1935 aufzubewahren. So wirkt sich der stille Terror der„Deut- Schen Front" aus, dem Gebilde, m dem all Gleichgeschalteten Organisationen des Saar- Gebietes vereint sind. Unter den Augen der ölkerbundsregierung hat<üe- etI rc>nt" eine Generalprobe für die im Jahre 1935 bevorstehende Voiksatostimmun« vor- nehmen dürfen. Sie hat Listen für die Aut- "ahme in die„Deutsche Front" aufgelegt, m sich angeblich 93 v. H. der wahlberehtig- ,eu Einwohner eingetragen haben sollen. Man � diese Zahl anzweiieln, sicher aber ist, Für„Schändung" den Strick- Oberpräsident hetzt zum Pogrom Aufforderung zum Lynch Im„Stürmer" wird zweispaltig in Fettdruck „ein Vorschlag zur Behandlung von Artvergessenen", also jener deutschen Mädchen und Frauen gemacht, die sich„der jüdischen Wollust hingeben". Nachdem das„H a 1 s- eisen" und der„Schandpfahl" vorgeschlagen worden sind, heißt es wörtlich: „Dann wäre zu empfehlen, die USA. nachzuahmen. In Hermando(Mississippi) wurden drei junge Neger nach gerichtlicher Verurteilung wegen Schändung Junger weißer Frauen gehängt. Das wäre das richtige Rezept für einen Juden, welcher ein deutsches Mädchen oder eine deutsche Frau schändet... Lieber Stürmer! Ruhe und raste nicht, bis die deutschen Mädchen und Frauen wieder einen vollständigen Schutz vor der Wollust der Juden haben und nach amerikanischer Art und nach kurzer Gerichtsverhandlung nur noch gehenkt werden." Das ist eine offene Aufforderung, Lynchakte aus Rassenhaß zu begehen! Sie hat bereits dazu geführt, daß in Mainz bei einer standesamtlichen Trauung eines Juden mit einem arischen Mädchen nationalsozialistische Banden- das Standesamt stürmten und das Brautpaar in „Schutzhaft" genommen wurde. Offizielle Pogromhetze Die neue' Judenhetze ist in vollem Gange. Es ist das offizielle Deutschland, das sie betreibt. Der Oberpräsident der Mark Brandenburg, Kube, schreibt in der„Westfälischen Landeszeitung": „Was Gift, Schwindsucht und Syphilis für die Menschheit gesundheitlich bedeuten, das bedeutet das Judentum sittlich für die weißen Völker... Juden und Freimaurer haben den Weltkrieg herbeigeführt Auch die heutigen Krisen, welche die Ruhe der Welt immer wieder erschüttern, sind ebenfalls ein Werk des Judentums. Der Kampf gegen das Judentum muß mit rücksichtsloser Brutalität geführt werden. Ob ihn unsere Generation schon beenden wird, erscheint mir sehr zweifelhaft. Unsere Kinder und Kindeskinder brauchen ja schließlich auch einen Lebensinhalt und der Kampf gegen die Juden bis zur Vernichtung soll ein Teil unseres stolzen Vermächtnisses sein!" Eine Geste Hitlers Die Ritualmordnummer des„Stürmer" hat in der ganzen Welt größte Entrüstung hervorgerufen. Nachdem es von allen Seiten Proteste hagelte, entschloß man sich zu einem Rückzug. Auf Grund eines ausdrücklichen Befehls Hitlers— das zeigt die Stärke von Streicher in Deutschland— wurde die Nummer beschlagnahmt. Aber dieser Schritt bedeutet keine Abschöttlung, denn er wird begründet mit einer— Beleidigung des christlichen Abendmahls in dieser Nummer! Das offizielle Deutschland wagt nicht, der gröbsten und blutigsten Pogromhetze entgegenzutreten— denn Hitler ist auf dem Nährboden des Streicherschen Antisemitismus groß geworden! Es macht eine Geste, die nichts besagt! Diese Geste ist um so lächerlicher, als sie erst nachträglich erfolgt! Seit vielen Wochen ist in der gröbsten Form für diese Nummer Propaganda gemacht worden, über den Inhalt war von vornherein kein Zweifel. Die gesamte Auflage dieser, Nummer— wie es heißt, 130.000 Exemplare— ist verkauft worden. Die Hetze Ist erfolgt. Streicher hat damit ein Privatgeschäft gemacht Die von Göbbels inszenierte Judenhetze hat neue Anstöße erhalten. Daran ändert diese Geste nichts! »Judenfrei« „Wie in Ansbach mitgeteilt wurde, ist der Kreis Hersbrudc jetzt vollständig frei von Juden, was nicht zuletzt ein Verdienst des dortigen Bürgermeisters Sperber ist, der einer der verdientesten Mitkämpfer Julius Streichers seit Jahren ist."(Nürnberger„8-Uhr- Abendblatt".) daß viele Tausende ihren Namen in die Listen gesetzt haben, um schweren geschäftlichen Schädigungen oder dem Verlust der Arbeitsstelle und schließlich Gefahren für Leib und Leben im Jahre 1935 zu entgehen. Denn wer nicht in den Mitgliederlisten der „Deutschen Front" steht, ist als Staatsfeind gekennzeichnet. Es ist bewundernswert, daß dennoch die Kerntruppe der Freien Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, der Sportler und der Jugend dem Terror der Nationaisozialisteii. hinter dem die ganze Reichsgewalt steht, zähen Widerstand leistet, hnmer wieder zum Angriff vorstößt und einen starken sozialistischen Glauben entwickelt Die Wut der einstweilen übermächtigen Gegner und die Liebe der Getreuen um die rote Fahne mit den drei Pfeilen und dem Freiheitsgruße konzentrieren sich auf einen Mann, an dem sich die Geister im Saargebiet scheiden, und dessen Name ein Kampfruf geworden ist: Max Braun. Er ist der Führer der fast rein proletarischen Freiheitsfront. Sein Gegenspieler im Saargebiet und auf dem Parkett des Völkerbundes ist der saarländische Industriekapitän Röchling, der eigentliche Führer der„Deutschen Front". auch wenn er unter dem weithin unbekannten Namen P i r r o sich einen„Landesführer" hält. Ehe Röchlingwcrke lassen sich übrigens durch den deutschen Heldenkampf ihres Chefs nicht hindern, mit dem französischen Militärfiskus recht lohnende Geschäfte zu machen. In Geldsachen läßt sich der Nationalist Röchling an Internationalismus von niemandem übertreffen. Die Verfechter des Dritten Reiches im Saargebiet nennen sich„Deutsche Front". Das ist eine Irreführung, denn es gibt im Saargebiet nur deutsche Fronten. Auch die„Freiheitsfront" ist ganz und gar deutsch. Nicht minder sind es die Kommunisten, die sogar mit starker Betonung rügen, wenn sie irgendwo eine Hmnedgung zum„französischen Imperialismus" glauben entdeckt zu haben. Die Volksabstimmung im Jahre 1935 läßt zwar neben der Rückkehr nach Deutschland und der Aufrechterhaltung des Status quo auch die Entscheidung für Frankreich zu, aber es gibt niemanden, gar niemanden an der Saar, der für diese Lösung eintritt. Bis die Machtergreifung Hitlers die Front an der Saar zerriß, bestand bei niemandem ein Zweifel, daß das Saargebiet durch eine überwältigende deut- sehe Abstimmung in das Reich zurückkehren werde. Jetzt freilich ist das anders. Unzweifelhaft wächst von Tag zu Tag die Zahl derjenigen, die proklamieren: Für Deutschland, ja! Für Hitler, nein! Diese Losung bedeutet die Vertagung der Abstimmung, bis in Deutschland wieder eine zivilisierte Staatsführung vorhanden ist, oder die Aufrechterhaltung des status quo durch die Abstimrrmng, solange drüben die Hitlerdiktatur oder eine ähnliche Barbarei bestellt Im Januar 1935 erreicht das durch den Vertrag von Versailles eingesetzte Völkerbundsregime sein Ende. Nicht lange danach muß die Abstimmung stattfinden. Man spricht von Mai 1935. Einen genauen Abstinrrmmgs- termin hat auch die letzte Tagung des Völkerbundsrats noch nicht festgelegt Bei den Vorverhandlungen, an denen insbesondere Frankreich, Italien und England beteiligt sind, während dos aus dem Völkerbund ausgeschiedene Deutschland von Berlin her schmollt, geht es um die Sicherung eines freien Abstimmungskampfes, vielleicht durch eine internationale Polizeitruppe, und um Garantien für die Bevölkerungsteile, die sich gegen Hitlerdeutschland erklärt haben. Bei dem Verlangen nach einer internatio- iralen Polizei, die gewiß kein Ideal ist muß man bedenken, daß die große Mehrheit der Beamten und yor allem auch der Polizei innerlich gleichgeschaltet und schon aus Rücksicht auf ihren Posten nach dem Jahre 1935 nicht leich zu einem Einschreiten gegen Anhänger der„Deutschen Front" zu bringen sind. Die Reglerungskommission des Völkerbünde� hat also in diesem politischen Vulkangebiet keine zuverlässige Exekutive. Was die Sicherungen für die hitlergegnerische Minderheit betrifft, so wird man nur bitter lächeln können. Wer wird das Dritte Reich für die Interessen von Privatleuten zwingen, wenn es ungehindert von Europa durch die Aufrüstung den Friedensvertrag verletzen darf? Man muß die Minderheit der„Freiheitsfront" zu einer Mehrheit über die„Deutsche Front" machen. Das ist die einzige Sicherung, die es für das Saargebiet gibt. Es wäre das leichter, wenn mindestens eine taktische Einigung zwischen den Gegnern des Dritten Reichs zu erzielen wäre. Die Kommunisten aber wollen ausgerechnet auf dem auf dem Splitterchen Europa an der Saar die„revolutionäre Lösung", eine revolutionäre Macht Sowjet- Saarland zwischen Deutschland und Frankreich. Es hieße den noch so bescheidenen Intellekt der kommunistischen Führer beleidigen. wenn man annehmen wollte, daß sie flire Forderung ernst meinen. Um des Götzen Agitation willen muß aber eine Khiit zwischen den beiden Arbeiterparteien aufgerissen werden, auch wetm nicht der geringste sachliche Grund dafür vorhanden ist. Man wird sich dadurch nicht entmutigen lassen dürfen. Die„Freiheitsfront" an der Saar ist so hmgfrisch und militant, daß sie keine Ermüdung zeigt. Bis zur Entscheidung geht noch ein langes Jahr in die Geschichte ein. Diese zwölf Monate mit ihren wach- senden Enttäuschungen arbeiten nicht für Hitler, sondern für uns, Hinter den Schallwellen der Propaganda wird allmählich die Wahrheit über die Reichs- grenzen auch in das 5aarg:ebiet eindrineen, und die vielen tausende Hitlerialaien in Saarbrücken werden nicht mehr lange verbergen können, daß die braune Diktatur nicht nur die geistigen Werte, sondern auch die deutsche Wirtschaft verwüstet Die so wachsende Erkenntnis wird den Umschwung bringen. Die„Freiheitsfront" weiß, daß sie den letzten Rest deutscher Freiheit verteidigt. Sic will aber nicht nur in der Defensive bleiben. Die sozialistische Freiheitsfront will erobern. Sie will von der Saar aus den Feind attackieren. Die Freiheitsfront im deutschen Saargebiet will der deutschen Diktatur bei der Abstimmung die erste weit in die Wdt wirkende Niederlage beibringen. In unserer Front steht die Freiheit und lebt Deutschland. Hannes Wink. Wo Gering gnädig ist•••! Blutchronik von Stettin— 13 Jahre Zuchthaus in S Wochen Gefängnis umgewandelt Bequeme Ausrede Wie der Goldschwund verdunkelt wird. Göbbels hat unlängst. der Presse das Stichwort gegeben, wie der katastrophale Gold, und Devisensdrwimd der Rcichsbank um- auKigen sei: es handle sich um die notwendige Kehrseile der Arbeitsbeschaffung. Wenn die Regierung vier Müllionon Arbeitslose(darunter tut es ein Göbbels nicht) ans Werk setze, so bedinge das natürlich auch vermehrte Rohstoffeinfuhr. Wie prächtig einfach! Fast so goidkiar wie Hitlers Sätze von der Notwendigkeit des Privateigentums der Krupp und Thyssen.(Weil nur der, der etwas geschaffen habe, es auch verwalten könne... bezw. sein Sohn, Schwiegersohn oder Urenkel!) Aber Göbbels hat doch etwas vergessen: es ist früher sogar, z. B. in den Jahren 1927 bis 1929, noch viel mehr an Rohstoffen und Halbfabrikaten importiert worden, und es konnten die deutschen Arbeiter fast restlos von diesem Import beschäftigt werden. Aber dieser Import hatte keinen Schwund des Goldvorrats und keine Gefährdung der Währung im Gefolge, sondern das Gegenteil, weil damals die verarbeiteten Rohstoffe und Halbfabrikate als Fertigwaren exportiert wurden und so noch mehr Gcüd ins Land hreinbrachten, als für die Materialien verausgabt worden war. Wie aber ist es jetzt? Die eingeführten Rohstoffe verwandeln sich in Röstungsgegen- stände, WoEe z. B.in Uniformen, Mettale in Geschütze, Flugzeuge, Tanks usw. AU das sind keine Handoswaren, sie bleiben im Inlande. Oder glaubt Jemand, das Ausland würde SA- Uniformen und Festanzflge, Marke Lcy, von Deutschland kaufen?! So frißt diese Art von Arbeitsbeschaffung aEerdings nur Devisen, ohne Ersatz herbdzubringen, muß also in kurzer Zeit zum Erliegen kommen. Wenn einer mehr Nahrungsmittel verzehrt als früher, so kann er das damit begründen, daß er körperlich mehr leiste. Aber je nachdem seine Körperarbeit produktiv ist oder nur in üborfWssTgen Sportübungen besteht, wird er die vermehrte Nahrungszufuhr sich wirtschaftlich leisten können oder nicht Nicht anders steht es mit dem Staat Aul die Ausrede des Propagandazwergs, daß die Arbeitsbeschaffung so viel Devisen koste, lautet die nlfadie Antwort: Out— aber warum b r 1 n g t sie keine? Statistik und Wirklichkeit Den dleichgesohalteten Zeitschriften in Deutschland unterläuft hin und wieder einmal das Versehen, interessanten Eingeständnissen Raum zu gewähren. So ist in Nr. 19 des Hamburger„Wirtschaftsdienstes" zu lesen: „Wenn die statistische Arbeitslosigkeit in größerem Maße abgenommen hat als die Zahl der Arbeitsplätze nachweisbar zugenommen hat, so liegt das zum T eil daran, daß zahlreichen jungen Mädchen die Eheschließung ermöglicht worden ist und im übrigen eine Ausschaltung der unberechtigt Unterstützten satttgefunden hat. Auch die Beseitigung des Unterstützungs Wesens auf dem Lande hat zu dieser Reinigung beigetragen. So ergibt sich ein geklärtes Bild von der Lage des deutschen Arbeitsmarktes und von den gewaltigen Erfolgen, die während eines einzigen Jahres die zielbewußte Tätigkeit der Reichsregierung erzielt hat." Hierin liegt das Eingeständnis, daß durch den Unterstützungsentzug, man meint ihn„Reinigung", große Scharen von Arbeitslosen nicht mehr in der Statistik geführt werden. Diesen „gewaltigen Erfolg" einer„zielbewußten Tätigkeit" wollen wir der Regierung Hitler gar nicht streitig machen f So r ücksichtslos ist vor ihr keine Regierung gegen die Arbeitslosen vorgegangen- Die Arbeiterinnen werden nach einem neuen Erlaß des Staatssekretärs Reinhart von der Arbeitsvermittlung überhaupt ausgeschlossen, so lange es noch männliche Arbeitslose gibt, die Aus Stettin wird uns geschrieben; Im Sommer 1933 begann es. Eines Tages blieben vor dem Haus Schillerstraße 10 Passanten stehen, erschrocken, fassungslos, entsetzt. Aus dem Keller des Hauses der früheren Volksdruckerei, jetzt„Besitz" der SA, drangen Schreie. Ein... Mensch... schrie. Brüllte in Oual und Todesangst. Mord? Totschlag? Man muß die Polizei holen, schnell, es muß etwas geschehen... Es geschah etwas. Nämlich; die vor dem Haus postierte SA-Wache trieb seelenruhig grinsend die Ansammlung auseinander.„Weitergehen Leute. Ist doch nichts los hier. Verhör. Marxistenschweine..." MarterhöIIe Schillerstraße 10. Unzählige Male wiederholte sich diese Szene. Ueberau flüsterte und tuschelte man von der Marterhölle in der Schillerstraße. Laut zu sprechen von dem Grauenvollen, das sich mitten in der Stadt ereignete, war lebensgefährlich. Furchtbare Einzelheiten wurden bekannt: Da war der kommunistische Zeitungshändler Schulz. Ein kranker, schwer an Asthma leidender Marm. Tagelang wurde er gefoltert, halbtot geschlagen von den braunen Bestien. Da war der Redakteur Braun. Wegen Hochverrats hatte man ihn festgenommen. Ein paar Tage später meldete die Zeitimg seinen Tod.„Selbstmord" erklärte die Zeitung. Aber niemand glaubte ihr. Da war der sozialdemokratische Journalist Stern. Um der Folterung zu entgehen, war er im Polizeipräsidium aus dem Fenster gesprungen. Zwei Stockwerke tief. Auf dem zementierten Hof blieb er mit zerschmetterten Gliedern liegen. Sein rechter Arm mußte amputiert werden. Dann der Fall des Jungarbeiters Walter Forsch. Er wurde von der SA„verhört", sollte die Namen seiner Gefährten bei iiiegaler Arbeit nennen. Er weigerte sich. Stundenlang wurde er gemartert und immer wieder schrie er trotz grausigster Quai den braunen Mordgesellen entgegen;„Ich verrate meine Genossen nicht!" Er bewahrte sein heldenmütiges Schweigen, bis ihm unter den Schlägen seiner Peiniger das Bewußtsein schwand. Mit schweren Verletzungen(Kiefem- bruch, zerschlagenen Geschlecfrts eilen usw.) wurde Forsch ins Gefängnis zurüokgeschleppt, wo er mehrere Tage hilflos auf seiner Pritsche lag. Schließlich brachte man ihn ins Krankenhaus. Er sitzt jetzt im Gefängnis in Naugard. Eines Tages regte sich das Gewissen des deutschnationalen Polizeipräsidenten Bork. Er berichtete nach Berlin an Herrn Göring über das Treiben der SA und bat um Abhilfe. Er selbst war ja machtlos. Machtlos auch gegen die Beamten der Gestapo, die die Häftlinge gegen Quittung bei der SA ablieferten, um sie dort„verhören" zu lassen. Die Antwort, die Bork aus Berlin bekam, war— der blaue Brief. Auch die Mutter eines der Gefolterten hatte sich nach Berlin gewandt. An Hinden- turg, Hitler und Göring. Ohne jeden Erfolg. Es wurde weiter gefoltert. Massenmord Im Vulkanlager.— Der Fall Kunstmann. Borks Nachfolger, SS-Oberführer Engel, verlegte im Oktober 1933 die Folterkammer von der Schillerstraße nach dem ehemaligen Gelände der Vulkan- Werft, im nördlichen Vorstadtbezirk. Hier war man ungestörter. Eine Art Konzentrationslager entstand, in dem bestialische Morde gleichsam auf dem Stundenplan standen. Die Besatzung des Lagers vergnügte sich damit, wehrlose Häftlinge zu fesseln und in die Oder zu werfen. Erst kürzlich wurden fünf Leichen ermordeter Schutzhäftlinge aus dem Wasser gezogen. Ganz Stettin weiß und spricht davon. Die Zeitungen schweigen... Die Zahl der Opfer wuchs und wuchs. Auch ein Greis befand sich unter ihnen, der über 80 Jahre alte Reeder Wilhelm Kunst- m a n n, der Vater des derzeitigen spanischen Konsuls. Ein Menschenalter lang gehörte Kunsfmann zu den angesehensten und geachtetsten Bürgern der Stadt. Für alle möglichen Einrichtungen hat er große Summen gestiftet. Einer der größten und schönsten Sportplätze Stettins wurde von der Familie Kunstmann erbaut. Der greise Reeder bat sich niemals politisch betätigt. Sein ganzes Verbrechen war— J u d e zu sein. Eines Tages also wurde der Greis von SA aus seiner Wohnung geholt, in das Vulkan- Lager gebracht und dort solange gefoltert, bis er dem Tode nahe war. Schließlich schleppte man den Sterbenden in sein Haus zurück, wo er nach wenigen Tagen verschied. Die Zeitungen schwiegen. Ein anderer jüdischer Kaufmann, der Prokurist H e i m a n n, verdankt seinem Aufenthalt im Vulkan-Lager den Verlust seine« Augenhchts. Wir haben hier nur ein paar fest verbürgte Beispiele für das bestialische Treiben in Stettin angeführt. Die Zahl der Ermordeten und Gefolterten ist viel größer. Mackensen greift ein. Auf einem Landgut in der Nähe von Stettin lebt der alte Husarengeneral v. Mackensen. Der erfuhr vor ein paar Monaten, daß sich unter den von der SA Gefolterten auch einige seiner deutschnationalen Freunde befanden. So fuhr er nach Berlin und forderte von Göring die Bestrafung der Scbuidigen. Am liebsten hätte Göring den General wegen Verbreitung von Greuellügen ins Konzentrationslager gesteckt. Aber da der Mann Mackensen heißt, war solches Vorgehen nicht ganz am Platze. Mackensen war nicht zu beruhigen und Göring mußte die Folterknechte vor Gericht stellen und sie pro forma zu hohen Zuchthausstrafen verurteilen lassen. Dieser Prozeß und dieses Urteil, sie waren nichts als ein einziger dreister Bluf� Das letzte Wort sprach nämlich Herr GörinS. und er— begnadigte seine Mördergenossen zu ganzen fünf Wochen Gefängnis, die durch die Untersuchungshaft als abgebüßt gelten. Vor dem Ausland wurde die Schlappe, die Göring Herrn Mackensen gegenüber erlitten hat, in eine strahlende Tugend umgelogcn. Seht her— so rief man in die Welt hinaus — hier habt ibr den Beweis, daß in Deutschland jeder bestraft wird, der mit Gefangeneu nicht sanft und höflich umgeht. Die Begnadigung wurde natürlich mit weniger Lärm ausgesprochen. und nach wie vor denkt niemand daran, die SA-Leute, die ähnliche Greueltaten tagtäglich verüben, vor den Richter 20 zitieren. Das ist die W ah r h e ii ü b e r S t p.t» tfn! De r P ro ze ß ge g e n dieVuIka«' Vandalen war nichts als Bluff- ihre Arbeitsplätze einnehmen können. Und die Arbeitslosen insgesamt werden durch immer neue schikanöse Bestimmungen immer mehr ihrer Unterstützungsansprüche beraubt: Beschränkung der Freizügigkeit, Maßnahmen gegen„ungelernte" Arbeiter, obwohl die Facharbeiter beinahe aller Industrien im gleioh hohen Maß arbeitslos sind wie die Ungelernten, dazu der Unterstützungsraub an den politisch Mißliebigen und die Masscneinspemragen in Gefängnissen, Konzentrations- und Arbeitsdienstlagern. Ueber diese Sorte von„Sozialpolitik" dürften die etlichen Hunderttausende, die durch sie aus der Arbeitslosenstastitik zum Verschwinden gebracht worden sind, ohne daß sie einen Arbeitsplatz gefunden haben, ihre eigene Meinung haben! Gelogen wie gefunkt! Uns wird gesdirieben: Der Deutschlandsender stört seit einiger Zeit den Aether durch seinen sogenanten„Blick in die Woche", der außer in deutsch, noch in vier anderen Sprachen gegeben wird, und zwar französisch, englisch, spanisch und portugiesisch. Am 11. Mai war ich zufällig Zeuge einer solchen Sendung. Vier von fünf Nachrichten waren belanglose Marktschreiereien, erst die fünfte ließ mich aufhorchen. Man hörte da, daß das neue Reich ,jn seiner stürmischen Aufbauarbeit noch immer gestört werde durch eine Reihe von Kor- rupttonsprozessen, die es im Interesse der öffentlichen Sauberkeit gegen ihr- und pflichtvergessene Träger des verflossenen marxistischen Systems notgedrungen führen müsse." So habe sich soeben Dr. Hermes vor dem Moabiter Strafgericht zu verantworten, weil er ihm anvertraute öffentliche Gelder zugunsten der von ihm geführten Bauernveretne unterschlagen habe. Femer werde in der nächsten Zeit vor dem gleichen Gericht Dr. S t i n g 1 erscheinen, der sich bei Vergebung öffentlicher Aufträge an die Deutschen Kabelwerke in Fürstenwalde durch Bestechungen persönlich bereichert habe. Der Sprecher schloß wörtlich: „Und nun, meine Damen und Herren, werden Sie vielleicht fragen, welche Aemter diese Träger des verflossenen marxistischen Systems bekleidet haben? Dr. Hermes war— Reichsfinanzminister! Dr. Stingl— Reichspostminister! Kommentar überflüssig...** Dazu wäre folgendes zu bemerken; 1. Eine Anklage, ja sogar auch eine Verurteilung in einem Korruptionsprozeß ist hn Dritten Reich nur ein Beweis für den Vernichtungswillen, mit dem der Nationalsozialismus seine Gegner verfolgt, kein Beweis der Schuld. In diesem Fall werden Anklagen vor dem Urteil parteipolitisch mißbraucht. 2. Die schlimmsten Kor- ruptionsfälle in der Republik smd Harmlosigkeiten im Verhältnis zu dem System des Raubs, des Diebstahls, der Sinekurenwirtschaft, das die nationalsozialistische Diktatur als Ganzes verkörpert 3. Hermes und Stingl sind keine„Marxisten", keine Soziaide mokraten, sie waren Mitglieder des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei. Der deutsche Rundfunk lügt in allen Erdteilen und in allen Sprachen der Welt Wer über keinen Sender verfügt bleibt gegen seine Verleumdungen wehrlos. Ein SA-Mann weint! Eine erschütternde Episode, die beweist, wie furchtbar die Martermethoden des Dritten Reiches oft auf den einzelnen Menschen wirken, wird aus dem Urwaldreich Streichers, aus Franken, berichtet. In Ansbach gibt es noch eine Montessori-Schule, in der unter arischen Schälern sich auch noch einige nichtarische befinden. Eines Tages, nach Schluß des Unterrichts verließ die Lehrerin mit einem lOjäluigen jüdischen Mädchen an der Hand das Klassenzimmer, als plötzlich ein SA-Mann in voller Uniform vor ihr auftauchte. Er war der Vater einer Schülerin, der sich bei der Lehrerin über sein Kind erkundigen wollte. Als das kleine indische Mädchen den SA-Mann sah, begann es am ganzen Leib zu zittern, riß sich von der Hand der Lehrerin und warf sich weinend dem SA-Mann zn Füßen..Jch bin eine Jüdin, bitte tan Sie mir nichts!'' rief sie schluchzend und vor Angst bebend. Der SA-Mann blickte wie erstarrt auf das Kind vor sich, wandte sich dann am und weinte! Wortlos ging er weg. Wie viele solche SA-Leute gibt es? Sittenbild im Drllten Reich Das Berliner Sondergericht hatte jüngs' Ober einen nicht gewöhnlichen Schu�kenstre'c', zu urteilen. Der 29iährige Gärtner Fiehn, der lange Zeit arbeitslos war, erhielt durch die Vermiftl101� eines Bekannten namens R. im April des v0�' gen Jahres eine Anstellung in einer Frietih0'5' gärtneret Vereinbarungsgemäß sollte er t"4 zum Juli 1933 auf diesem Posten verbleib6"* Um seine drohende Entlassung zu vermelden und seinen Arbeitskollegen R., der ihm erst � dieser Stelle verholien hatte, aus dem W6g � räumen, steckte Fiehn eines TaSeS dem R. zwei Stapel kommunl«1'* scher Schriften in die Tasche. Vorher hatte er durch ein anonymes Schreib einen SA-Sturm alarmiert, der p'0 lieh In der Friedhofsgärtnerei erschien und 1 Taschen des R. durchsuchte und tatsäch � die hineinlancierten kommunistischen Schri vorfand. R. wurde nun nicht nur entlass sondern mußte sogar in das Konzeutr" fionslager, wo er zwei Monate I*" verbleiben mußte, bis sich seine Unsc schließlich herausstellte und man dahin kam, daß Fiehn der Urheber der Schurke war. Der Angeklagte hatte außerdem v. standen, obgleich er in Arbeit stand, auf Ti nierte Weise weiter die Wohlfahrtsun «lützung ru beziehen. Das Berliner � eericht verurteilte den gemeinen Bursche" sechs Jahren Zuchthaus und 1 Jahren Ehrverlust. Die Strafe ist sicher angebracht. a'>er�>flt dem hat Fiehn sie nur zur Hälfte ve Die andere Hälfte der Strafe gebührt Staat swesen, das auf so gemeine den» An- M«"' geberei hin einen unschuldige" sehen monatelang seiner b r �.�efl beraubt und ihn schwersten M'ßha und Demütigungen aussetzt Denn er jl« durch, daß die Freiheit der Presse,* v0ltl Weimarer Verfassung sie garantier Dritten Reich mit einem Federstrich und durch em willkQriiches EmsP«� System ersetzt wurde— erst dadurch« � erSchandtaten der Fiehn und Konsorten haupt möglich worden! gemacht und provo»1' Kurswechsel m Frankreich Reaktionäre Innenpolitik— konsequente Außenpolitik V. Sch. Paris. Ende Mai. Gewaltige politische Veränderungen haben si�h in den vergangenen drei Monaten in f r. nk reich vollzogen, in der Innen- wie in der Außenpolitik. Der Innerpolitische Kurswech- s e I ist alles eher denn erfreulich. Die Sta- visky-Affäre brach fn dem Augenblick aus, in dem die parlamentarische Linksmehrheit durch öie fortwährenden Regierungskrisen des ver- Eangenen Herbstes bereits gesprengt und w iderstandsfähig war. Wer die größere Schuld ai' dem Zerfall des Linksblocks, an der Ver- scierzung eines gewaltigen Wahlsieges innerhalb von 18 Monaten trägt, ist schwer zu t'its beiden. Sie dürfte gleichmäßig bei den Ii alen und bei den Sozialisten verteilt St:itv Schlimmer aber noch als die Rückkehr '«r Reaktion war der Schaden, den das p a r- äm entarische System selbst dadurch 'rlitt, daß Innerhalb von anderthalb Jahren 'ünf verschiedene Linksregierangen— Herrlot, Paul-loncour, Daladier, Sarrant und Chau- 'fmps— gestürzt wurden, weil sie von der £!?enen Mehrheit Im Stich gelassen wurden. 'n einer Zeit, in der der Parlamentarismus in Ranz Europa zurückgedrängt wird, und wo � e Wirtschaftskrise immer größere Volksschichten aus dem politisch-seelischen Gleich- gewlcht wirft, war es geradezu eine Herausforderung des Schicksals, mm auch noch in Prankreich den Eindruck der Unfähigkeit und Zerfahrenheit des parlamentarischen Regimes 2,1 erwecken. Die Wirtschaftskrise ist es, die "'er wie anderswo den Boden für die faschistischen Ideen beackert hat. Zum Glück sind tiie ökonomischen Schwierigkeiten bei weitem "jeht so schlimm wie hi den anderen Ländern, Arbcitslosenziffern sind mit denen Deutsch- 'ands oder sogar Englands gar nicht vergleichbar, obwohl gerade fn Paris und Umgebung die Zahl der Vollerwerbslosen und �ot allem der Kurzarbeiter schon schlimm ge- Ist und der anhaltende Geschäftsrückgang kaufmännischen Mittelstand finanzielle ünd seelische Verheerungen anrichtet. Hinzu Rommen die unvermeidlichen Folgen der De- ti�tionspolttik— Teuerung, Lohn- und Ge- ä'tskttrzungen usw.— die die Unruhe fn a"en Bevölkerungsschichten steigern. Wären nicht die demokratischen Einrich- �Ken Frankreichs so fest durch Geschichte Und Volkseigenart fundiert und wäre die Wirt- fohaftskrise objektiv so schlhnm wie sie sub- � empfunden und geschildert wird, dann müßte man die faschistische Gefahr auc'1 hier außerordentlich ernst nehmen. fndessen soll man sich keinem voreiligen esstniisnrus hingeben. Gewiß, die„autoritä- Gedankengänge haben hier in letzter 1 große Fortschritte gemacht das G r o B- stLf" a'• die meisten führenden haupt- "dtischen Blätter beherrscht läßt systema- und in der demagoglstischesten Weise I C:?r'n den Parlamentarismus wühlen und die Reaktion organisiert sich in mili- y und zum TeH sogar nrilitärähnlichen s;�en(die sich zum Glück noch gegen- "tig befehden). Aber die Provinz ist, weil 5»°'', �er Krise weniger berührt als die Haupt- , ti noch durchaus gesund, und sie empfindet �hiokratisch. Weder Faschismus, noch Kom- j' �us kommen dort ernstlich auf, außer in bnen Bezirken, die von der Krise ernsthaft sind. Der Stavisky-Skandal, dessen scwChlachtunj: ebenfalls nur durch die Wirt- be,r«krise zu erklären ist ist im Abflauen «mten, die blutigen Febraareretetüssc, die Ze-t äre nach sich zog, verlieren mit der 11 an agitatorischer Wirkung, und so dürfte la_a matilich, besonders wenn die Wirtschafts- i" sich nicht verschlimmert, eine gewisse Beruhigung und Ermüdung des nervenaufpeitschenden Sensationen Ergangenen Winters eintreten. fem Sozialistische Partei hat inso- tün? 2rJ0ßes Glack gehabt als sie ihre Spal- bei p ie sich hn November und Dezember wirk.�ahien bereits sehr schlimm aus- Feh lnfo,ee der Staviski-Affäre und der �in2arere,gnisse mit einem Schlage über- sitjj" konnte. Sie ist jetzt die große Oppo- aus.SPartei geworden und zieht den Nutzen Lage/!, �hwenktmg der Radikalen in das TakJ. �-Nationalen Blocks". Ob sich ihre die v J" Elnheitsfront mit den Kommunisten. Uk,* alIem In Paris betrieben wird, aber nale m, den Anhängern der III. Inte� 'ich a,,f««ringe Gegenliebe stößt schließ- schwe!Kensre,ch auswirken wird. läßt«ich «in Eh Voraussagen. Es Ist Immerhin schon Wie dJ* i � einige kommunistische Führer, nete Hr. �Iee• tapfere und populäre Abgeord- rK|lt. die Notwendigkeit einer ehrlichen Abwehrfront gegen den Faschismus so entschieden bejahen, daß sie darob in offenen Konflikt mit ihrer Zentrale gerieten, ohne daß die„Linientreuen" es wagten, diesen Konflikt mit den üblichen Mittein der Beschimpfung und des Hinauswurfes auszutragen. Einstweilen regiert die„Nationale Einheitsfront" unter dem alten Doumergue, mit Tar- dieu und Herriot als Flügelmännern. Sicher ist daß das greise ehemalige tSaatsoberhaupt ursprünglich einen ehrlichen Ausgleich und Burgfrieden erstrebte und keinen reaktionären Kurs wünschte. Aber ebenso unbestreitbar ist es, daß er sehr bald in die Bahn der Reaktion gedrängt worden ist. Die Rechte hat niemals ehrlich den Burgfrieden eingehalten, die Radikalen hatten bisher nicht den Mut und den Willen, eine loyale Durchführung des Waffenstillstands bei ihren Gegnern von gestern und Partnern von heute durchzusetzen; die Sozialisten stehen in schärfster Opposition zur Regierung, die, ob sie es will oder nicht, sich immer mehr nach rechts entwickeln muß. Sie hat das Parlament bereits monatelang ausge- Äshaltet, und Doumergue scheint die einseitige Benutzung des Rundfunks einer Kammerdebatte vorzuziehen. Die bisherigen deflationistischen Notverordmingsmaßnahmen sollen erst im Herbst vom Parlament bestätigt oder verworfen werden. Die traditionelle Demokratie hat auch in Frankreich eine— teils durch die Weltwirtschaftskrise verursachte, teils aber auch durch ihre berufenen Verteidiger selbstverschuldete— Niederlage erlitten. Die Innerpolitische Entwicklung ist also unerfreulich genug. Aber, mag es auch paradox klingen, die Außenpolitik der neuen Regierang stellt einen beträchtlichen Fortschritt dar. Sie bewegt sich gerade auf der Linie, die die früheren Linksregierungen aus Mangel an Konsequenz nicht wagten einzuschlagen. Ueber die Notwendigkeit, gegen die Aufrüstung des kriegslüsternen deutschen Faschismus Stellung zu nehmen, war man sich auch früher einig. Aber man schreckte vor den Schlußfolgerungen zurück'. Mißverstandener Pazifismus erwies sich als der gefährlichste Schrittmacher des Krieges. Die Sozialisten gaben die theoretisch wunderschöne, praktisch aussichtslose Parole aus, daß Frankreich dennoch das Beispiel der Abrüstung geben sollte, um eine Einheitsfront der zivilisierten Welt gegen den Hitler-Militarismus zu bilden. Paiul-Boncour ließ sich zum Viermächtepakt überreden, der Mussolini zum Schiedsrichter Europas machte und Hitler den Weg zur selbstherrlichen Aufrüstung öffnete; außerdem verkündete er so lange, daß er nichts ohne England unternehmen würde, bis schließlich die Engländer die Initiative zur Annäherung an Deutschland ergriffen und Frankreich zur Anerkennung der vollzogenen deutschen Aufrüstung zwingen wollten. Daladier, von einigen jungen Dilettanten und drei tätigen Deutschlandfahrern umgeben und beeinflußt, jagte kostbare Monate lang der Illusion einer direkten Verständigung zwischen der deutschen Diktatur und der französischen Demokratie nach. Damit ist es vorbei. Die jetzige französische Regierung hat erkannt, wohin eine Politik des Nachlaufens hinter Hitler führen muß, nämlich direkt zum Krieg. Mag auch Frankreich nicht mehr die Möglichkeit haben, ohne Krieg die Aufrüstung Hitlerdeutschlands zu verhindern, so wird es sie jedenfalls nicht legalisieren, sondern sich militärisch und diplomatisch auf alle Eventualitäten vorbereiten. Die bereits gefährdete Allianz mit Polen ist im wesentlichen wieder hergestellt, und auch mit Italien hat sich eine neue Annäherung angebahnt, die Mussolinis Empörung über die österreichische Politik der Nationalsozialisten erleichtert hat Vor allem aber steuert Frankreich mit Entschiedenheit und Zielbewußtsein den Kurs einer neuen Allianz, innerhalb und außerhalb des Völkerbundes, mit der Sowjetunion. Diese Politik ist vielleicht die einzige, die den Krieg nodi verhindern kann. Das klingt vielleicht paradox, aber nur in den Ohren derjenigen, die noch immer nicht begriffen haben, daß am 30. Januar 1933 durch den Sieg der Hitlerbarbarei in Deutschland ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte begonnen hat. den. Die Stärke, auch die militäriscne, hängt nicht allein von der Zahl der Kriegsmaschinen ab, sondern noch viel mehr von der inneren Gesundheit eines Staatswesens und dem Geist seiner Bevölkerung. Ein Staat, dessen Finanzen total zerrüttet sind und dessen Regierung von einem großen wachsenden Teil des Volkes als der eigentliche Todfeind betrachtet wird, ist nicht stark, sondern schwach. Das hat selbst Adolf Hitler begriffen. Und darum wimmert dieser einst so maulfertige Kriegshetzer jetzt so herzbrechend nach Frieden. Aber seine derzeitige Friedfertigkeit mag so aufrichtig wie möglich sein, niemand kann wissen, wann der stets schwankende Führer von seinem Anhang überrannt werden wird. Daraus ergibt sich viertens: Es ist kein Unglück, daß der Abschnitt V des Vertrages von Versailles praktisch nicht mehr existiert. Das ist noch keine Gefahr für die Welt. Aber eine Gefahr für die Welt und vor allem für Deutschland selbst ist es, daß sich im Herzen Europas eine nationalistische Pöbelherrschaft etabliert hat, für die die selbstverständlichsten Gesetze des Zusammenlebens der Menschen sowohl wie der Staaten nicht mehr existieren, die jedes Verbrechen und ganz selbstverständlich auch jeden Vertragsbruch billigt, wenn er im sogenannten Interesse der Nation, das heißt, zu ihrem eigenen Vorteil unternommen wird. Nicht das kann entscheidend sein, daß Deutschland den Buchstaben des Friedensvertrages verletzt hat, entscheidend ist, daß diese Verletzung erfolgt Ist durch eine Regierung, die eine Gefahr für Europa und für Deutschland selber ist. Der formal-juristische Protest gegen Vertragsverletzung schlägt nicht mehr durch. Aber absolut durchschlagend ist der Einwand, daß man mit einer Regierung von der Beschaffenheit der gegenwärtigen deutschen überhaupt keine Verträge schließen kann. Das beste, was unter den gegenwärtigen Umständen noch für den Frieden Europas geschehen könnte, wäre es, wenn einer in Genf den Mut hätte, die W a h r- h e i t zu sagen. Das wäre auch ein würdiger Abschluß für die Abrüstungskonferenz, und nur um den Abschluß kann es sich jetzt handeln. Bemühungen um Abrüstung sind zur Zeit sinnlos. Sie werden erst wieder Sinn bekommen, wenn Deutschland von seinem Ausflug in die Barbarei zur Zivilisation zurückgekehrt sein wird. Daß dies noch rechtzeitig geschieht, ehe die große Katastrophe unvermeidlich geworden ist, dafür wirken wachsende Kräfte in Deutschland selbst. Wer die Wahrheit sagt, hilft ihnen. Wer ihnen hilft, rettet den Frieden! Aus einer Grenzstadt So zu leben ist eine Lust! Aus einer deutschen Grenzstadt wird uns geschrieben; In einem hiesigen Betrieb wurde von mehreren Arbeitern angefragt, wo die M a i- A n- züge bleiben, für die ihnen bereits 52 Mark vom Lohn in Raten abgezogen wurden, wofür sie aber bis jetzt nur eine Mütze erhielten. Ihnen wurde angedroht, wenn sie sich weiter über die Angelegenheit mockiertcn, würden sie Gelegenheit bekommen, in H o h n- stein, dem berüchtigten Konzentrationslager, weiter darüber nachzudenken. In demselben Betrieb haben zwei Arbeiter wegen Erhöhung der Löhne Vorstellungen erhoben. Sie wurden beide flach Hohnstein überführt, damit sie dort lernen sollen, billiger zu arbeiten. Ueber den Selbstmord des Brigadeführers Koch haben sich die Arbeiter in einem Betrieb unterhalten und ihre Glossen gemacht Am anderen Tag wurden sie vor den Betriebsführer geladen, und es wurde ihnen erklärt, wenn sie noch einmal wagen würden, über die Angelegenheit Koch zu sprechen,, sei ihnen das Konzentrationslager sicher. Ein Stadtrat natürlich strammer Nationalsozialist, hat sich die Anfrage erlaubt ob es nicht möglich sei, an dem Bcamtenapparat der Stadt zu sparen. Den Sinn dieser Anfrage begreift man, wenn man weiß, daß nach der gloneichen„Revolution" in unserer 35.000 Einwohner zählenden Stadt nicht weniger als 400 Beamte neu eingestellt worden smd. Am anderen Tage erhielt der naseweise Stadtrat von der Kreisleitung ein Schreiben, In dem er aufgefordert wurde, sofort sein Mandat niederzulegen, da man derartige Kritiker nicht benötige. So geht es bei uns zu, wo uns das Ausland sozusagen gleich ins Fenster hineinsieht Wie mag es erst wo anders sein? Abgesang Abschied von der Abri Am 29. Mai wird der Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz nach langer Pause wieder zu einer Sitzung zusammentreten, nach menschlichem Ermessen zu seiner letzten. Die Abrüstungskonferenz, die im Februar 1932 unter Beteiligung aller Völkerbundstaaten, sowie der Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union zusammentrat, ist seit dem Austritt Deutschlands am 14. Oktober v. J. oder richtiger seit der Machtergreifung Hitlers tot, und es gilt nur noch, ihr den Totenschein auszustellen. Daß dies nun endlich geschieht, dafür will Frankreich sorgen. Es hat mit seiner Note vom 17. April erklärt, daß es die Wiedereinberufung des Hauptausschusses trotz der Abwesenheit Deutschlands verlange, und daß es nicht daran denke, durch ein Abkommen mit Deutschland die vertragswidrige Aufrüstung der Hitlerregierung zu legalisieren. Zweck der Sitzung vom 29. Mal kann also nur noch sein festzustellen, daß jedes Abkommen über Abrüstung oder Rüstungsstillstand unmöglich ist, daß Deutschland durch seine Aufrüstung den Abschnitt V des Vertrages von Versailles verletzt, daß aber weder die Absicht noch die Möglichkeit besteht, es in die Schranken des Vertrages zurückzu- zwingen. Damit wird das Signal zu einem neuen Wettrüsten und zu neuen Militärbündnissen gegeben sein. Frankreich sagt, es wolle Klarheit schaffen. Ein löbliches Beginnen, hätte man nur den Mut, die ganze Wahrheit zu sagen! Das wichtigste an dem ganzen Handel ist wahrlich nicht Abschnitt V des Friedensvertrages von Versailles. Dieser Abschnitt war neben jenen anderen, der von den finanziellen Verpflichtungen handelt, ein Unglück nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt. Indem dieser Abschnitt V das besiegte Deutschland gegenüber einer siegreichen schwerbewaffneten Welt augenscheinlich zur Wehrlosigkeit zwang, zerbrach er die moralische Stellung der deutschen Repu- In Genf stiingg— Die letzte Siigung blik, stärkte er die nationalistische Reaktion. Dieser Abschnitt V war aber auch ein Mittel der Erziehung zur Unauf- richtigkeit; er hat keinen Tag bestanden, an dem die von ihm Betroffenen nicht daran gedacht hätten, wie er zu umgehen sei. Die sogenannten Wehrverbände, deren militärischen Wert man so gut bestreiten kann, auch wenn man sie im stillen militärisch ausbildet, waren Früchte dieses Systems. Die schon vollzogene Aullösung der SA unter der Regierung Brünlng- Groener wurde wieder rückgängig gemacht— aus militärischen Gründen! Hätten die Sieger im Weltkrieg dem besiegten Deutschland die Freiheit gelassen, seine Landesverteidigung nach eigenem Ermessen mit den vorhandenen schmalen Mitteln aufzubauen, so hätte es wahrscheinlich niemals eine Hitlerdiktatur gegeben. Das ist das erste, was zur Klarheit gehört. Dazu kommt noch ein Zweites. Der Abschnitt V ist nicht erst durch Hitler in die Luft gesprengt worden. Er hat schon früher nur noch zum Schein bestanden. Nachdem Ungarn mit Mussolinis Hilfe aufgerüstet hatte, ohne daß es irgend einen Widerstand gab, war klar, daß der Abschnitt V nur noch auf dem Papier bestand. Man hat ihn ja auch früher schon in Deutschland keineswegs für ein Heiligtum gehalten. Darüber haben die ausländischen Generalstäbe sicher mehr gewußt als was sie öffentlich sagten. Sie waren klug genug, deswegen nicht Alarm zu schlagen. Erst das übermilitaristische Knallprotzentum des braunen Reiches hat den Protest herausgefordert. Drittens muß auch dies gesagt werden: der militärfsciie Wert dessen, was jetzt unter hysterischem Geschrei als deutsche Aufrüstung produziert wird, Ist umstritten. Deutschland ist im ganzen durch die sogenannte„nationale Revolution" nicht stärker, sondern schwächer gewor-, Laßt Zahlen sprechen Vom Wohlfahrtsstaat zum Dritten Reidi In der Geschichte der deutschen Gegenrevolution, auch„nationale Revolution" genannt, spielte die Arbeitslosenversicherung eine wesentliche Rolle. Schon die Schaffung dieser sozial- wie auch lohnpolitisch bedeutsamen Unterstützungseinrichtung hat auf die Sozialreaktionäre wie ein Signal zur Sammlung gewirkt. Das Ringen der organisierten Arbeiterschaft gegen den Abbau der Arbeitslosenversicherung hatte starke politische Wirkungen ausgelöst und im März 1930 bildete die Sanierung dieser Versicherung den unmittelbaren Anlaß zur Sprengung der Regierungskoalition. Die völlige Aushöhlung des Versiche- rnngsgedankens in der Arbeitslosenfrage war die erste Tat des Kabinetts von Rapen gewesen. Auf der anderen Seite waren die Nazis Nutznießer des Abbaues der Arbeitslosenunterstützung in ihrer Agitation, Herr Göbbels hatte noch im Sommer 1932 gegen den Raubzug der feinen Herren um Rapen gewettert und die Erwerbslosen aufgefordert, nationalsozialistisch zu wählen. Nur so könnte das Unrecht, wie es durch die Notverordnung zur Arbeitslosenversicherung verübt worden, wieder gut gemacht werden. Die UntertanenKestammg der deutschen Kleinbürger feiert Triumphe. Die in die Macht und die Posten geschwemmten braunen Bonzen fühlen sich als„hohe Herrschaften", als Fürstenersatz für die Untertanen. Sie spielen diese Rolle besser als die Gruppe, die sie ersetzen. Das Maß von Eitelkeit und Gespreiztheit, das die„besseren Herrschaften" des nationalsozialistischen Führerklüngels zeigen, hat keiner der deutschen Fürsten und Monarchen aufgebracht— nicht einmal Wilhelm II.! Wir beobachten jetzt in Deutschland den Ueber-Untertan, der seinen Servilismus rm braunen Phantom übt! Sogar manchem nationalsozialistischen Literaten wird dabei übel. So schreibt Johann von Lecrs in der„Westfälischen Landes- zeitung": „Alles äußerliche Getue paßt zum Stil unserer Bewegung überhaupt nicht," „Die Parteistellen und sonstigen Dienststellen brauchen wohl technisch die besten Wagen, aber es sieht stillos aus, wenn Leute in unserer Uniform aus schnittigen schneeweißen Luxuswagen steigen, in denen man eher eine Filmdiva oder eine Kokotte als einen Nationalsozialisten vermutet.'" „Auch mit Denkmälern sollte man sparsam sein." „Diesen Grundgedanken wollen wir aufrecht erhalten und auch gegen den Lebereifer solcher verteidigen, die uns den lauten Geist des billigen Hurrapatriotismus hereinschleppen möchten, die heute in Begeisterung für den Führer Jene Papensche Notverordnung vom 16. Juni 1932 ist von Hitler nicht aufgehoben worden. Vielmehr hat der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung mit Wirkung vom 16. April 1934 mit einigen Korrekturen der Ortsklasseneinteilung, die sich aus der letzten Volkszählung für die Orte mit mehr als 10.000 Einwohnern nötig gemacht hat. die Papensche Notverordnung nunmehr als rechtsgültig für das Dritte Reich erklärt. Damit sind auch endlich die Hungerrenten für die arbeitslosen Versicherten amtlich und tabellarisch bekanntgegeben worden. Wir bringen diese amtliche Greuelpropaganda hier zum Abdruck und vermerken zum Vergleich die Unterstützungssätze. die vor der Papenschen Notverordnung nach der Regelung vom 21. März 1932 Geltung hatten. Auch damals war schon der Unterstützungsabbau bis hart an die Grenze j des Erträglichen gegangen. Es war dem„neu- deutschen Sozialismus vorbehalten"1, jene abgebauten Unterstützungen nunmebr unter Aufrechterhaltung der vollen Versirherungspflicht- beiträge bis zu 50 Prozent weiter zu senken; sich überkugeln und beginnen, ihre alten byzantinischen Kaiserge b urts- tagsreden wieder loszuschmettern, nur daß sie diesmal den Führer und seine Mitkämpfer einsetzen, wo sie früher von den„Allerhöchsten Herrschaften" redeten." Aber den„hohen Herrschaften" ist dieser Byzantinismus gerade recht! Hier ist ein Bericht aus dem„Neuen Görlitzer Anzeiger", in dem geschildert wird„W i e Görlitz Reichsminister Darrd empfing": „Heute abend sind nur Lokale telephonisch zu erreichen, die ganze Stadt steht auf der Straße"— diese Auskunft vom Kundendienst der Reichspost bei der Anmeldung eines Telcphongesprächs war bezeichnend für die Stimmung in der Stadt in den Sonntagabendstunden. Tausende und aber Tausende umsäumten geduldig die Straßen, die für die Durchfahrt vorgesehen waren. Stundenlang standen sie da und warteten auf die hohen Gäste und ließen sich weder durch den gegen 7 Uhr einsetzenden Sturm noch durch die in der Luft liegende Gewitterstim- mung zu einem auch nur vorübergehenden Verlassen der Plätze bestimmen. Von 5 Uhr ab standen Tausende von SA-, SS- und NSBO- Leuten und Hunderte von Amtswaltern zum Empfange bereit und bildeten in fcUometer- langer Kette an den festlich geschmückten Hauptstraßen Sparer. Jeglicher Fahrverkehr war unterbrochen und nur das Auto der Polizei und der Aufmarschleitung jagte von Die hier wiedergegebene Neuregelung vom 16. April 1934 ist von der Nazipresse als besondere soziale Errungenschaft gefeiert worden. Die große Gabe an die Erwerbslosen soll darin bestehen, daß einige Orte, die nach der neuen Volkszählung von 1933 die Einwohnerzahl von 10.000 überschritten haben, mit sofortiger Wirkung in die Gruppe a eingereiht werden. Man ist auch sehr stolz darauf, daß die Kinderzuschläge in den untersten Lohnklassen nicht noch weiter gekürzt, zum Teil sogar kleine Beträge nach oben abgerundet worden sind. Diese Ausnahmen sind aber praktisch ohne Bedeutung. Die Lohnklasse I, in der diese„Verbesserungen" auffallen, ist ursprünglich für unständige Arbeitnehmer(Reinmachefrauen usw.) geschaffen worden. Inzwischen ist aber beim Abbau der Arbeitslosenversicherung eine solche„geringfügige Beschäftigung" wiederum ver- sicherungsfrei gemacht worden! Die Personen, deren Kinder die erhöhten Zuschläge bekommen könnten, waren also schon vorher aus der Versicherung heraus- geworien! Es ist kennzeichnend, daß selbst bei den eben erwähnten Gruppen, soweit es sich um Orte unter 10.000 Einwohner handelt, noch weiter munter abgebaut wurde. Das Gesamt- zahlenbüd zeigt die ganze Brutalität, mit der die schon im März 1932 gekürzen Unterstützungssätze weiter heruntergerissen werden. Für die Erwerbslosen sind die Hauptunterstützungssätze maßgebend und hier ist die Neuregelung unter Adolf Hitler mit der schon reichlich düritigen Bemessung vom März 1932 überhaupt nicht mehr in Vergleich zu bringen. Der Versuch, diesen schamlosen Raubzug an den Erwerbslosen damit zu bemänteln, daß auf Grund der noch nicht aufgehobenen Notverordnung vom 19. Oktober 1932 auch noch Sonderzulagen gewährt werden können, wird auf die Betroffenen wenig Eindruck machen. Es kommt nämlich hinzu, daß die in vorstehender Tabelle enthaltenen Unterstützungssätze nur mehr für die Dauer von 36 Tagen gewährt werden. Nach Ablauf dieser Zeit gelten die E 1 e n d s s ä t z e als Höchstsätze. Im übrigen wird nach 6 Wochen nach den Richtlinien der Wohlfahrt und unter Prüfung der Hilfsbedürftigkeit noch weit unter den„Höchstsätzen" unterstützt. Für diese Arbeislosenversicherung, die vor allem die qualifizierten Arbeiter in den höheren Lohnklassen völlig im Stich läßt, müssen die Arbeiter und Angestellten heute noch jährlich wert über 1 Milliarde RM. Beitragssumme aufbringen! Der größte Teil dieser Beitragssteuer ist dem eigentlichen Verwendungszweck der Versicherung völlig entzogen und dem Dritten Reich für andere Zwecke zugeführt worden. Das Dritte Reich „ehrt!" nicht nur den Arbeiter durch seine völlige Versklavung, es liebt auch seine Arbei- tergroschcn! Zeit zu Zeit durch die Straßen. Vor dem Bahn- hofsgelände hatte der Ehrensturmbann der SA, ein Sturm der SS und ein Sturm des FAD Aufstellung genommen. Warten.— warten— warten! Gegen 8 Uhr schallen plötzlich die Signale einer Autokolonne vom Hindenburgplatz herauf. Die Spannung erreicht den Höhepunkt. Sie kommen! Von Heilrufen stürmisch begrüßt, jagt ein schwerer Wagen die Adolf-Hitler- Straße entlang; Heines und von Wechmar! Kaum hat man sie erkannt, sind sie auch schon vorüber. Und wieder beginnt das Warten. Viertelstunde um Viertelstunde geht dahin, die Dunkelheit bricht herein und an die Stürme werden brennende Fackeln verteilt. Unendlich langsam schleichen die Zeiger der Bahnhofsuhr, wenn man wartet Wieder rast das Polizeiaufo durch die Stadt und wieder steigert sich die Spannung bis zum Aeußersten. Irgendwo schlägt es 9 Uhr, das Raunen und Wispern der Menge schwillt zum gewaltigen Brausen. Heil!— Heil! klingt es vom Hindenburgplatz herauf. Umbraust vom Jubel der Menge fahren sechs Autos, begleitet von einer Abteilung Motorfahrer, die Adolf-Hitler-Straße hmauf. Das bekannte Gesicht des Oberpräsidenten Helmuth Brückner wird sichtbar und daneben eine schlanke Gestalt, die über der schwarzen SS-Uniform einen hellen Staubmantel trägt; La n d wi rt sch af t s m i n i- ster Darr 6. Am Bahnhof ein kurzer Aufenthalt. Das Summen der Motoren geht tn den Marschklängen der SA-Kapelle unter. Vom Wagen aus begrüßt Obergruppenführer Heines die Gäste und die Volksgenossen und teilt mit, daß Ministerpräsident Göring am Erscheinen verhindert ist und nur MinlsterDarrl und Oberpräsident Brückner nach Görlitz kommen konnten. Begleitet von den Klängen der SA-Kapelle stimmt die Menge das Lied:„Volk ans Gewehr!" an. Zu Fuß schreiten die hohen Gäste dann mit dem Oberbürgermeister Pg. lenzen, dem Kreisleiter Pfc Wockatz u. a. die Front der Ehren« wache in der Bahnhofstraße ab. um sich dann, unter stürmischen Heilrufen, ins Hotel Vier Jahreszeiten zu begeben. Während der Oberpräsident bereits gegen 10 Uhr mit der Bahn nach Breslau zurückkehrte, fuhr Minister Darrt kurz vor 11 Uhr im Wagen zum Flugplatz, um von hier den Rückflug nach Berlin anzutreten." S. M. Darrt haben geruht, seine Untertanen auf zwei Stunden zu besuchen. Dummheit und Untertanengesinnung sind die Grundlagen der braunen Herrschaft! Die Antwort der Sparer Die Reichsregierung, dauernd in Schwierigkeiten. wo sie das Geld hernehmen soll, das zur Korrumpierung der Wirtschaft, zur Bestreitung der militärischen Aufrüstung und zum Auffüllen ihrer zahlreichen bodenlosen Parteikassen benötigt wird, hat vor einiger Zeit auf d:« Sparkassen einen Druck ausgeübt, damit sie in größerem Umfang als bisher, die bei ihnen angelegten Spargelder in der nationalsozialistischen(Miß-)Wirtsohaft anlegen. Es wurden zu diesem Zwecke sogar von früheren Regierungen zum Schutze der Sparer getroffene Bestimmungen beseitigt. Auf diese Maßnahrae haben die Sparer sofort reagiert. Der Einlageüberschuß bei den deutschen Sparkassen ist im Monat März scharf zurückgegangen! Er betrug 15.5 Millionen Mark gegen 90.2 im Februar und 177.6 Millionen Mark im Januar! Diese Sorge der deutschen Sparer ist durchaus begründet: Es ist ja auch nicht nur die kürzlich erlassene Verordnung, die die Sparpfennige bedroht. Vielmehr droht die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik, die beispiellose Schuldenwirtschaft des Hftlerregi- mes das deutsche Währungssystem zusammenstürzen zu lassen. So bringen die Sparer, in dem sie jetzt außerordentlich vorsichtig werden. nur das„unbegrenzte Vertrauen" zum Ausdruck, das sie zur Regicrungskunst der Hitler und Konsorten haben. Antreten— oder...!!! Das ist eine der Bekanntmachungen, die man heute in Hunderten an Betrieben finden kann: Betriebszelle Dürener Metallwarke. Düren, den 11. Mai 1934. Bekanntmachung. Am Sonntag tritt die gesamte Belegschaft um 2 Uhr auf dem Mühlenwog an der Nidcgge- nerstraße zum Abmarsch zur Böger- Versammlung an. Ich verlange von jedem daß er pünktlich zur Stelle ist. Nehme keine Entschuldigung an. Da mir gemldet wurde, daß es noch Belegschaftsmitglieder gibt, die sich weigrten Kartn zur Börger- Versammlung zu kaufen. macher anzusehen und werde gegen die Leute Entlassung fordern, da sie dadurch beweisen, daß sie kein Interesse am Aufbau des Vaterlandes haben. Es sind noch genug Volksgenossen auf der Straße die unserem Führer am Aufbau helfen, und wir dann auch verpflichtet sind die Leute in den Betrieb auf.zunehmen, die mit uns kämpfen und gegen die Miesmacher auszutauschen sind. Es ist nicht genug, daß Ihr in Arbeit und Brot seid, sondern auch diese Kleinigkeiten zu opfern, denn Ihr seid doch nur zu Dank an unserem Führer verpflichtet, der Euch wieder Arbeit gab. Die Amtswalter haben mir bis heute Mittag eine genaue Liste zu geben von denjenigen die sich geweigert haben diese Karte zu kaufen- damit ich sofort die nötigen Schritte unternehmen kann, wer nicht mit uns ist, ist gegen uns und dem bieten wir die Faust. Heil Hitler gez. Euskirch Betriebszellenobmann. Soeben erschienen! Das Deutsche Wunder 193? Eine zeitgemäße Betrachtung von X. Es handelt sich nicht etwa um das außer' ordentlich berühmte Weltbuch des Generajs John Johnson, das als ein Warnungsbuch alle kriegswütigen Feindvölker geschrieben wurde—. vielmehr handelt es sich um ein� entsprechende Betrachtung, und lediglich h3"' delt es sich um gar kein Buch, denn der Verfasser....— Na, wollen Sie selbst lesen- Bestellungen gegen Voreinsendung Kc 7.-* (oder Gegenwert evtl. in Marken) an Belsk�- Verlag, Brünn, Kröna IL Unters tützungssätze der Arbeit slosenversicherung nach den Verordnungen vom 21. März 19 32 16. April 19 34 (Bei den Unterstützungssätzen vom 16. April 19 34 erscheint a für Orte mit mehr als 10.000 Einwohnern, b für Orte mit weniger als 10.000 Einwohnern.) U/iLo Hßttst/uißlßu üud UutßisUiMu Tom neadentsefaen Byzantinismus Nr. 50 BEILAGE Icmcllarnörfs 27. Mai 1934 Die Auflockerung der Presse Im deutschen Geistesleben gebt es augenblicklich zu wie in einer Exerzierhalle. Man merkt das schon an den Fachausdrücken, in denen kommandiert wird: Da wird gleichgetreten, Front ge bildet, Richtung genommen, ein- und ausgeschaltet. Zur Zeit aber wird die deutsche Presse von Göbbels„aufgelockert". Lockerungsübungen sind die große Mode der Gymnastik. Die durch allzu scharfes Exerzieren verkrampften Muskeln müssen wieder beweglich gemacht werden. Deswegen werden zwischen je zehn Minuten Knietibungen und Liegestütz drei Minuten Lockerungsübungen eingelegt Göbbels Lockerungserlaß ist ein Dokument. Vor allem, weil er ein amtliches Zugeständnis für das bisherige Exerzierreglement darstellt Man braucht nämlich nur an Stelle der Ausdrücke„es soll künftig" oder„es soll nicht mehr..." ein sinnentsprechendes ..bisher geschah es aber so..." zu setzen, und schon erblickt man ein getreues Abbild der Fuchtel, unter der die gleichgeschalteten Preßgaleerensträflinge in Deutschland arbeiten müssen. Künftig aber soll die Berichterstattung über öffentliche Veranstaltungen den Zeitungen selbst überlassen werden.(Bisher... s. o.). In der Regel(aber auch nur in der Pegel!) soll davon abgesehen werden, die Veröffentlichung von Reden im amtlichen Text vorzuschreiben.(Bisher •••s. o.l) Wird ein amtlicher Text vorgeschrieben, so soll dieser möglichst kurz gefaßt sein.(Bisher... s. o.O Vor allem soll davon abgesehen werden, die Berichterstattung über amtliche oder parteiamtliche Veranstaltungen durch behördliche Referenten und Parteiamtliche Pressestellen vorwegzunehmen.(Bisher... s. o.O Soweit es die Staatserfordernisse gestatten(soweit... 0, soll von einer Nachrichten- und Berichterstattungspresse abgesehen werden. Es soll geprüft(!) werden, inwieweit(!) bereits verfügte Sperren aufgehoben werden können.(Bisher... s. o.O Für die redaktionelle Arbeit der deutschen Zeitungen soll künftig als Richtlinie gelten, daß ihr innerhalb der Frenzen, die sicll aus dem Schrift- '«itergesetz ergeben, dn möglichst weiter Spielraum zu lassen ist(Siehe: Grüne Post!) Der freien Kommentierung nach eigenen Gesichtspunkten ist der Vorzug zu geben. Es soll daher auch möglichst für alle Fragen die dgene Stellungnahme freigegeben werden, wobei erneut darauf hingewiesen wird, daß Auflagen nur von behörd- '•cher Stelle,(Bisher... s. o.O Soweit der Lockerungserlaß Göbbels! Dnd nun ist die Pressefreiheit in Deutschland restlos verwirklicht. Nach den Lobeshymnen der gleichgeschalteten Presse auf ihren Galeerenvogt muß nian es Wenigstens glauben. Die gleichgeschalteten Preßkulis machen vor Stolz und Freude Männchen, wie der gute Hund, der sein Körbchen ein Stück des Weges statt über m der Schnauze tragen darf. D's ihm etwa einfallen sollte, zu bellen... Aber keine Sorge, der Hund bellt nicht. Fr wedelt! In der„Germania" zum Beispiel liest man, daß alle Langweile und F'Uiformität der Presse nur an dem Material gelegen habe, mit dem die Preß- Wa rte der verschiedenen Stellen und Organisationen die Zeitungen„versahen". 'Welch lieber Ausdruck!) Sobald alle 35 gleiche, nur mit etwas v e r- SchiedenenWorten schreiben, wird es bestimmt hochinteressant. Besonders beglückt ist das Katholiken- teatt, weil in der Floskel„freie Kommen- jterjmg nach eigenen Gesichtspunkten. das Wort Kritik— nicht vor- 0mnit. Sie vermißt es nicht Denn ab- *tesehen von einer kleinen Schar unent- ekter Nörgler, habe das deutsche Volk n der Kritik, wie sie zur Zeit der Partei- anipfe üblich war, gar kein Inter- s s e- Und stolz beruft sich die„Germania" auf Wilhelm Stapel, der im „Deutschen Volkstum" vom 1. Mai zwar die außerordentliche Verbrei- t u n g von Schweizer Zeitungen in Deutschland, zugleich aber auch„feststellt, daß diese Zeitungen nicht besser seien als die deutschen. Allerdings stellt sich die„Germania" insoweit zu dieser Lobeserhebung in Opposition, als Stapel meint, daß die Schweizer Blätter nur um gewis- wedl sie besonders neu sind, sondern aus dem gegenteiligen Grunde: Mit fast den gleichen Worten wurde in den Jahren 1914 bis 1918 von der deutschen Presse die militärische Kriegszensur um Einsicht angefleht. Und damals geschah es wie heute: Es werden alle möglichen Lockerungserlasse herausgegeben, in der Praxis aber änderte sich gar nichts, im Gegenteil, auch das geschah wie heute: Wenn TYSKLAND venterpaa Das bekannte Werbeplakat»Deutschland erwartet Sie!« — leicht yerändert durch den Zeichner des»Ekstr abladet«, Kopenhagen ser politischer Pikanterien und Gerüchte wiHen gelesen würden, die dem Herzen der stillen Opposition wohltuen. Hierzu bemerkt die„Germania": „Was er, Stapel, von sich selbst sagt, daß er nämlich die ausländischen Blätter nur um der„Orientierung", nicht um der Klärung willen lese, das gilt doch für sehr viele ihrer reichsdeutschen Leser überhaupt Der Hunger nach Tatsachenberichten, nicht nach Sensationen, trieb zu den ernsten Auslandsblättern (Emigranten-Hetzblätter bleiben hier außer Betracht ihr reichsdeutscher Leserkreis ist sicher nicht groß). Eine weitere, noch viel bedenklichere Folge des Hungers nach Tatsachen war die„mündliche Zeitung", die Gerüchte- macherei. Sehr bald wird das Geraune und Gemunkel, das Schwarzmalen und Uebertreiben aufhören, wenn in der Zeitung eine objektive, nur der Wahrheit dienende Berichterstattung über Vorgänge und Erscheinungen zu finden ist die nun einmal nicht zu verheimlichen sind, seither aber nur „hintenherum", meist vergröbert und entstellt weiterverbreitet wurden. Wir zitieren, diese Aeußerungen nicht, ein nicht besonders beliebtes Blatt im Vertrauen auf die angekündigte größere Freiheit ein offenes Wort wagte, so wurde es wie jetzt die„Grüne Post" mit diebischer Freude verboten. Am Ende dieser vierjährigen Presseknebelung stand bekanntlich der Verzweiflungsschrei des konservativen Führers von Heydebrand und von der Leisa:„Man hat uns belogen und betrogen!" Genau so wird die Sache diesmal enden! Neudeuisdier Durst „Im Anfang war der Durst Ein Roman von Erich Johann Dörr. Verlag für n a- tlonale Religion.... Wir eriebeu stockenden Herzens, wie die Heldin... allmählich aber sicher, dem Zauber der Wildnis verfällt wie aus dem Seidenäffchen ein ganzer Mensch entsteht ein berückendes Weib... Auch die anderen Bücher dieses kerndeutschen Dichters... sind Schlüssel zum Herzen der Natur!"(Wild und Hund Nr. 20.) Na, Prost! Das neue Reichsbildungsministerium Kürzlich wurde im deutschen Rundfunk ein Erlaß des Reichspräsidenten bekamrtgegeben, der die Errichtung des Reichsministenams für Wissenschaft Erziehung und Volksbildung anordnet. Formal scheint damit ein Prozeß erfolgreich abgeschlossen zu sein, an dessen Beginn da 9 deutsche Soziaildemokratic mit ihrer Forderung auf ein einheitliches Reichs- bildungsmimsterium steht Das Deutschland der Vorkriegszeit war seinem Wesen nach einer einheitlichen reichsdeutschen Kulturpolitik feindlich, und wenn der sozialdemokratische Reichstagsaibgeordnete Heinrich Schulz alljährlich im Reichstage die Forderung nach einheitlicher Gestaltung des Schul- und Bildungswesens erhob, so fand er weder bei den Vertretern der Länder mit ihren dynastischen Sonderinteressen, noch bei den Parteien irgendein Verständnis. Nach dem Kriege schien sich eine grundsätzliche Wandlung zu vollziehen. Der Abschnitt Bildung und Schule in der Weimarer Reichs Verfassung, der Artikel 10, der dem Reiche die Grundsatzgesetzgebung auf dem Gebiete des Schul- und Bildungswesens einräumte, legen von dieser Wandlung ebenso Zeugnis ab, wie dde Einberufung der Reichsschulkonferenz des Jahres 1920 durch den Reichsstatthalter Koch und den Staatssekretär Heinrich Schulz. Der geistige Schwung, den die Umwälzung des Jahres 1918 auslöste, hätte zweifelsohne zu grundlegenden Veränderungen auf dem gesamten Gebiete der Kultur führen können, wenn dieser Schwung nicht unter der zaghaften Schwäche der Gesamtpolitik und der Unelnheitiicbkeit des Wollens und der Heterogenität der Interessen sehr bald erlahmte. Das Grundschulgesetz und der partikulairistische Reichsschulausschuß waren das dürftige Ergebnis eines mühseligen Ringens von mehr als einem Jahrzehnt. Die nationalsozial tischen Lobredner überschlagen sich natürlich Jetzt in der Verhöhnung des schwächlichen Weimarer Systems und der Verherrlichung der„energischen und zielsicheren Führung Adolf Hitlers". Es muß zugegeben werden, der organisatorische Zentralismus der Nazis kennt nicht Jene zarte Rücksichtnahme auf partlkularlstische Sonderinter- essen, kennt nicht jene übertriebene Pietät vor dem historisch Gewordenen, von dem sich die Weimarer Parteien so übertrieben beeindrucken ließen, aber er kennt ebenso wenig die großen treibenden Kräfte geschichtlichen Werdens, ebenso wenig die tiefe Verankerung und Verzweigtheit des Kulturlebens in dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Werden. Darum ist auch die Anordnung der Errichtung des Reichskulturministeriums nichts anderes als ein Stück jener Totalität s b e s t r e b u n g e n, die der organisatorische Ausdruck der nationalsozialistischen Polizeidiktatur sind. Ein Reichsbildungsmini- sterium, das die geistige Zentralstelle des deutschen Kulturlebens sein könnte, ist durch den nationalsozialistischen Ungeist in eine SA-Reichskommandostelie umgewandelt worden und der Reichskommandeur ist einer jener problematischen Naturen aus der engsten Umgebung Hitlers, ist der bekannte„Helden- vater", der preußische Kultusminister Rust. Was kann auch schließlich ein Reichsbildungsministerium anders sein als e i n e F i I i a 1 e des SA-Generalstabs, dem vom obersten Führer die Aufgabe gestellt ist, daß „die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates ihre Krönung darin finde, daß sie den Rassesinn und das Rassegefühi Instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt.(!) Es soll kein Knabe und kein Mädchen die Schule verlassen, ohne zur letzten(!) Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit geführt worden zu sein— übrigens hat auch diese Erziehung unter dem Gesichtspunkt der Rasse ihre letzte Vollendung im Heeresdienste zu erhalten, wfe denn überhaupt die Militärdienstzeit als Abschluß der normalen Erziehung des durchschnittlichen Deutschen gelten soll."(Hitler: Mein Kampf, Ausgabe 1933, Seite 475—76.) Diesem Reichsbildungsministerium fehlt Jeder moralische Kredit und jeder geistige Unterbau. Das freie Forschungsleben, einst der Stolz der deutschen Wissenschaft, ist längst unterdrückt und freie deutsche Gelehrte gibt es nur noch in der Emigration und in den Konzentrationslagern. Die deutsche Kunst produziert nur noch Lobeshymnen, Rasseballarien und schändet rieft and Am Deotadten(m talendJosen, �eshurungstüchüg'en" Heroenlnrit. Die deutsche Lehrerschaft marschiert hn Kieichgeschalteten Schritt als.�A-Mannschaft der deutschen VotksbHdung" und kl den Schulen herrscht der Geist, den neuWch das deutsche PhiloIogeiVbiatt mft folzettden Worten skizzierte; „die neue Sdroteucht wird sich an der Wesensart des deutschen Jungen zu orientieren haben, und zwar an dem Charaktcr- zug, der heute in unserem Volk mit elementarer Kraft hervorgebrochen ist, am soldatischen Geist. Nur wenn die Schulen soldatische Zucht einführen, werden sie sich die Achtung und Liebe sichern können, die für eine wertvolle Erziehungsarbeit unerläßlich ist.— Die jüngere Lehrerorganisation wird ihren Weg über den Dienst in der Hitlerjugend nehmen müssen. Dort wird sich zeigen, ob der Anwärter die Eignung zum Volkserzieher hat Wir brauchen Schulmeister, die die Jugend führen können: denn Wissenschaftler haben wir in Deutschland mehr als genu g." Die Verachtung, die der Nationalsozialismus vor der Wissenschaft und vor Bildimg überhaupt hat ist verständlich aus seiner eigenen ungeistigen Haltung heraus, aber sie kennzeichnet auch das Episodenhafte und das Abhängigkeitsverhältnis dieser Bewegung von Gewalt und Reaktion. Das Reichsbildung sministerfum wird auch die Jugend zu betreuen haben. Doch welche Jugend? Kein jugendliches Eigenleben, das nach Form und Gestalt ringt, kein geistiger und sittlicher Wettbewerb, kein Vertrauen, das aus innerer Führung emporsteigt und sich aus lebeudrger Hingabe zum Können entwickelt sondern ein Miilkmenheer militärisch gedrillter Rekruten| ohne Eigervwollen und ohne Eigen- können. Für eine solche Jugend genügen Kom- mandcgewalt und zentralistische Erlässe. Es ist ein Friedhof der Geistigkeft, auf dem sich das Reklamegebäude des neuen Reichsbildungsministeriums erhebt Dieses Reichsbildungsministerium wird keine Geschichte machen, es wird mit dem nationalsozialistischen System zusammenbrechen wie so manche, schnell hergerichteten Pyramiden dieses Systems. Die Tatsache des Reichsbildungstmni- steriums wird für uns jedoch ein dauernder Vorwurf unserer eigenen Schwäche und unseres eigenen Mangels an tatsetzender Gestaltung sein. Vorwürfe haben mir Bedeutung, wenn sie einen neuen Willen und eine neue Kraft auslösen. Wir wissen, das nationalsozialistische System wird zusammenbrechen, aber wir sollten auch wissen, daß mir die es ablösen werden, die nicht nur den Zusammenbruch, sondern auch die Neugestaltung kämpfend vorbereiten werden! Kurt Falk. Neue Judenhelfe Die antisemitische Weile tn Deutschland steigt wieder an. In K ö I n a m R h e i n wurden auf dem Jüdischen Friedhof 161 Grabdenkmäler zerstört. In Arnswalde in der Nähe von Berlin wurden aüe jüdischen Geschäfte geplündert, ein Wohnhaus in Brand gesteckt. Behörden und Presse bemühen sich, judenfeind- liche Ausschreitungen totzuschweigen. Die Polizei schreitet gegen solche Ausschreitungen nicht ein. Bluff und IHe optischen Täusch« Der Erfolg hat etwas Bestechendes: die Bewunderer fliegen ihm nur so zu! Jeder Erfolgretohe gflt in der OoffentÄchkeit als einer, der etwas können muß, denn von nichts wird nichts, von allein entsteht kein Erfolg und wie die in sotohen Fällen landläufigen Redensarten sonst noch heißen mögen. Richtig, ohne irgendwelches Können gibts keinen Erfolg, fragt sich nur, ob es sich dabei um sozial wertvolles, um jenes Können handelt, das der Erfolg so gern vortäuscht und ob nicht Bluff und Maskierung dabei die größere Rolle spielen. Da der Erfolg ein sozial wichtiges Phänomen ist, gibt es gründliche wissenschaftliche Durchleuchtungen dieses Problems und die Ergebnisse sind für den sogenannten„gesunden Menschenverstand" nicht gerade schmeichelhaft Auf die Umweltkonstellation kommt es an, wer oder was m bestimmten Zeiten erfolgreich ist, da diese Umwelt aber einem ständigen Wandel unterworfen ist, wandeln sich auch die Erfolgschancen und Möglichkeiten fortgesetzt Große oder kleine Demagogen etwa, die in ruhigen, normalen Epochen unbeachtet bleiben oder als Bierbankschwa- dronneure ein anonymes Dasein führen würden, können in Zeiten sozialer Wirren und Erkrankungen schnell m den politischen Vordergrund geraten. Aber unabhängig von den sozialen Voraussetzungen, wird der Erfolg immer von zwei Faktoren bestimmt die Dr. Gustav Ichheißer in seinem Buch über „Die Kritik des Erfolgs'* wissenschaftlich erörtert und damit die Fragwürdigkeit des Erfolgreichen bloß legt: die Leistungstüchtigkeit und die Erfolgstüchtigkeit— beides zwei durchaus verschiedene Werte. Im benalichen wie im politischen Leben gehören zur Leistungstüchtigkeit alle jene Qualitäten der Persönlicbkeit die nötig smd, um sozial Wertvolles zu schaffen: fachliches Können und Talent ebenso wie Methode, Fleiß, Umsicht, Energie, also sozial hochwertige Eigenschaften. Die E r• folgstüchtigkcit hingegen hat noch andere Voraussetzungen; Ausnützung guter Beziehungen, Protektion, Reklamefähigkcit, bedenkenlose Herabsetzung der Leistungen des Konkurrenten, skrupellose Ausnützung gewisser günstiger Konjunkturen, Kenntnis und Ausbeutung der menschlichen Schwächen, kurz: sozial unterwertige Eigenschaften, die das faktische Niveau der angepriesenen Leistung in keiner Weise erhöhen, wohl aber den Schein der Leistungen und damit die Erfolgschancen. Ichheißer sagt dazu; „Im Bereiche der seelischen Sensibilität darf die„Dickhäutigkeit" als die spezifisch erfolgspositive, die sensitive„Dünnhäutig- kert" als die spezifisch erfolgsnegative Eigenschaft gewertet werden..." Leistungsmindcrwertigkeit kann durch ent- sprechende(reklamegewandte) Erfolgstüchtigkeit ausgeglichen, die schlechteren Schuhe können dadurch zu besseren gemacht werden- Erfolg ngen der Massenseele Rundfunkreden, Umzüge, Uniformen können eine Weile politisebe Taten ersetzen und über unerfüllte Versprechen hinwegtäuschen. Den Anteil der Leistungstücbtigkeit und der Erfolgstüchtigkeit an der Konstituierung der Erfolgschancen bringt Ichheißers Untersuchung durch folgende Formuherung zum Ausdruck: „Setzen wir die Gesamtheit der subjektiv, d. h. vom Verhalten(also nicht von der Umweltkonstellation) her bedingten Erfolgschancen mit 100 Prozent an, dann läßt sich sagen, daß an der Begründung dieser Er- foigschancen die Leistungstüchtigkeit und die Erfolgstüchtigkeit in ungleichem Maße beteiligt sein können. Konkurrieren zwei Individuen miteinander und ist die Leistungstüchtigkeit des einen mit 50 Prozent, die höhere Leistungstüchtigkeit des anderen mit 80 Prozent etwa anzusetzen, mit welcher letzteren keine Erfolgstüchtigkeit verbunden ist, dann kann dennoch der Erstgenannte seinen Konkurrenten überflügeln, weil er seinen 50 Prozent Leistungstüchtigkeit weitere 50 Prozent Erfolgstüchtigkeit hinzufügt und dieserart die beiden erfolgsrelevanten Faktoren zusammen ein höheres überlegenes Erfolgsgewicht erlangen..." Das„Gute, Schöne und Wahre" ist also durchaus nicht mit Kräften begabt, die seinen Sieg automatisch garantieren, zumal in der politischen Sphäre gerade die unschöpfe- rische Erioigstüchtigkeit mit raffinierten Verkleidungen auftritt, denn der Politiker oder seine Bewegung sind nur erfolgreich, wenn sie als leistungstüchtig gelten. Und so täuscht denn der Prograimnlose sein„Geheimprogramm" um so lauter vor und der Dilettant sein„Fachwissen". Durch solches„zweck- lationales" Verletzen aller sozialen Nonnen und Spielregeln steigen die Erfolgschancen des Betrügerischen, so daß hn Wettlauf um den Erfolg der mit dem geringsten sittlichen Ballast den bequemsten Start hat Das„machiavel- hstische Verhalten", wider Treu und Glauben mit allen zweckdienlichen Mitteln auf Gewinn, Macht, Erfolg auszugehen, bringt hemmungslosere Minderwertige den an sittliche Nonnen gebundenen, sittlich Höherwertigen gegenüber immer wieder in VorteiL Und so gesehen verlieren die Worte Machiaveilis, wonach es Tugenden gibt die zwangsläufig zum Untergange führen, und manche Laster, die sicheren Erfolg verbürgen, jeden Anschein von Paradoxie. In der Sphäre dieser„Laster" sind die Kriminellen heimisch, und so erklärt sich, warum der faschistische Erfolgsrummel unserer Tage soviel KrimmaKstisches in seinen Reihen vereint Aber das Publikum ist doch auch noch da! Das hört und sieht doch, wie ein Erfolg zustande kommt! Das„macht" ihn Ja überhaupt erst und das muß doch unterscheiden können zwischen den lauteren und den unlauteren Mitteln?! Leider sehr oft nicht denn so leicht machts dem Zuschauer der routinierte Erfoigstüchtlge namentlich in der Politik nicht Je mehr er lügt desto eifriger wird er versichern, daß er(Ee Welt von der Lüge reinigen wolle. Je gottloser er handelt desto lauter wird er Gott anrufen, wenn das Publikum, das er gewinnen wiH, in religiösen Traditionen lebt. Je korrumpierter er und seine Partei sind, desto heuchlerischer wird er über die „Korruption der Gegner" zetern und Reinigung verheißen. Grundsätze täuscht er vor, um sie über Bord gehen zu lassen, sobald sie unbequem werden. Jede Veränderung der Situation findet ihn anpassungsfähiger, als den mit sittlichen und grundsätzlichen Auffassungen Beschwerten. Der Gesinnungslose ist dem Mann einer Gesinnung infolge größerer Bewegungsfreiheit immer an Erioigstüchtigkeit überlegen. Was dem Zuschauer aber die Dinge noch mehr vernebelt, ist das. was der Soziologe die „Selbstverschleierung des Erfolgs** nennt. Auf der Zuschauerseite, im sozialen Bewußtsein, sind Mechanismen am Werke, die das Fragwürdige der Erfolgstüchtigkeit maskieren- Erfolg geht alle an, denn die meisten Menschen suchen ihn, weil uns die menschliche Umwelt unter anderem auch nach dem jeweiligen Erfolg bewertet Von dieser Ura- weltbewertung hängt zuletzt auch unser Selbstbewußtsein ab. Das Bedürfnis, den Er- foigstüchtigen auch als leistungstüchtig anzuerkennen, lebt seit jeher in den Menschen, weil sie sich ja auch— jeder in den Größenverhältnissen seines Lebensraumes— vom Erfolg als tüchtig bestätigt sehen möcäiteit Gilt es bei einem, gilt es bei allen. Daraus ergibt sich die unbewußte Bereitschaft, er- folgstüchtlg gleich leistungstflehtig zu setzen, ein innerer Zustand, der auch im sozialen Leben zu optischen Täuschungen führt. Wir können tausendmal wissen, daß Schienen parallel verlaufen, im konkreten Falle werden unsere Augen der Täuschung, daß die Schienen zusammenlaufen, immer wieder erliegen. Und wir können tausendmal durch Lebenserfahrung wissen, mit welch dreckigen Mitteln und unzulänglichem Können eft Erfolge errungen werden— vor der Macht des konkreten Eriolgseindrucks verblassen die prinzipiellen Einsichten: die optische Täuschung tritt ein, Erfolgstüchtigkeit wird als Leistungstüchtigkeit hingenommen. Gegen diesen faulen Zauber, der den Bluff siegen und die Qualität unterliegen läßt, gibt es nur ein Mittel: Erziehung des Zuschauers zum kritischen Denken, Aufklärung über die Rolle der Täuschungsmechanismen. Soziologen wie Icbheißer fordern, daß man damit tn der Schule beginne. Aber Wer sind die Grenzen der bürgerlichen Pädagogik: sie darf nicht zugeben, wie sehr gerade die bürgerlich-kapitalistische„Ordnung" auf unwahrhaftigen Erfolgsjdeologien aufgebaut ist und kann den jungen Menschen kein neues, besseres Weltbild geben. Um so dringlicher erwächst der soziafistischen Agitation die Aufgabe, kritisches, selbständiges Denken zu fördern, das Gebluffe, den Schwindel und die Gemeingefährlichkeit der Kurpfuscher aller Art niederzukämpfen und ihre Gebote blinden Glaubens und Gehorchens als das zu entlarven, was sie sind: Verschleierungen ihres Humbugs und Ihrer Unter- wertigkeft. Bruno Brandy. Heldenerziehung Stillgestanden! Ihr Schweine lebt in einem freien Lande, was nicht verboten Ist, das ist erlaubt. Erlaubt ist wenig— kuscht euch, Rasselbande, seid froh, daß man euch nicht das Maul versebraubt. Euch Ist erlaubt, ganz dreist zu kritisieren— etwa den Papst, das Wetter und Herrn Cohn— wer weiter geht, muß allerdings riskieren, daß man ihn köpft, allein, was tut das schon? Ihr dürft euch furchtlos auf Befehl versammeln. sofern es euren Oberherrn nicht kränkt, ihr dürft in Zeitungen Artikel stammeln, vorausgesetzt, daß ihr dabei nicht denkt. Natürlich dürft ihr etwas Eignes meinen, im freien Deutschland herrscht kein Denk verbot. Sprecht euch nur aus! Wer möchte feig erscheinen? Wir tun euch nichts, wir prügein euch nur tot. Verflucht sei, wer euch treuen Patrioten die Freiheit nimmt! Wir schlagen ihn zu Brei. Habt ihr verstanden, ihr Ouadratidioten? Merkt's euch, Ihr Hunde, ihr seid frei! Weggetreten! Munin. Deutsche Aufforstung Strohhut, Theater und Propaganda- mysterium. Aus Berlin wird uns geschrieben; In dem deutschen Läden hängen jetzt Plakate;„Kauft japanische Waren!" Darunter wird aufgezählt, was die Japaner alles von Deutschland kaufen, nämlich mehr, als umgekehrt In der Demokratie war das mit verschiedenen Ländern so: sie alle nahmen mehr von Deutschland, als Deutschland von ihnen. Darum war damals unsere Handelsbilanz aktiv, wir hatten Ausfuhrüberschuß. Heute muß uns die Hitlerpresse jeden Tag erzählen, was wir alles nicht kaufen dürfen, weil die Devisen fehlen. Es wird immer schwieriger, ein Deutscher zu sein, und es dürfte sich notwendig machen, den Untertanen des Dritten Reiches ein Taschenbuch zu bescheren, in dem geschrieben steht, was der„gute Deutsche" darf und was nicht. Das erscheint nämlich mit jedem Tage unübersichtlicher. Blond muß er nicht mehr unter allen Umständen sein, denunzieren»oll er nur, wenn„Staatsinteressen" das verlangen(weil die Aemter das Geklatsche nicht mehr bewältigen können), die Frauen dürfen rauchen, sofern es sich um deutsche Zigaretten handelt Sie dürfen auch die kurze Nackenfrisur tragen, sagen die Frfceurinnungen, die SeWendudustrieilen hingegen lassen in den Schulen für Zöpfe plädieren, weil die mft Sei- denbändern garniert werden können. AehnKch unklar stehts neuerdings mit dem Männerhut. Der Strohhutbranchc gehts wie den anderen, also sollen Strohhüte getragen werden. Em besonders gleichgeschaltetes Berliner Boulevardblatt singt die„Butterblume" so an; „Aus den Halmen unserer Aecker geschaffen, ist er auch ein Symbol unserer Verbundenheit mit den Feldern da draußen. Und wieviel Heimarbeiter fänden Beschäftigung, wenn wir uns alle zum Sommerbeginn einen Strohhut kaufen! Wenn 25 Millionen Menschen jeden Sommer einen Strohhut erwerben— welche Arbeitsbeschaffung! Und möglicherweise können wir die Strohhüte alle aus heimischem Material beschaffen, wohingegen die vielen Filzhüte wieder gar nicht ohne den Import ausländischer Robstoffe denkbar sind... Du bist ein besserer Deutscher, wenn du einen Strohhut trägst, anstatt deines alten Kalabresers." Ja, braune Volkswirtschaft ist eine Sache für sich. Falls du im Sommer überhaupt keinen Hut trägst, so laß Dir sagen, daß der Hut nicht für den Menschen da ist, sondern der Mensch für den Hutlieferanten. Bereits kommt die Filzhutkonkurrenz und fordert, daß F 1 1 zhüte getragen werden, weil sie ein älteres Produkt altdeutschen Handwerks seien. Bereits Martin Luther habe usw. usw. Was nun? Wer soll den Streit entscheiden? Es wird immer komplizierter, ein richtiger Deutscher zu sein, denn wir erleben momentan unsere Aufforstung. Das Ist tatsächlich so in Blättern zu lesen, kürzlich erst wieder in der Zeitschrift Das deutsche Wort:„Die Aufforstung des de ut sehen Menschen wird täglich im Rundfunk, in allen Zeitungen, in ungezählten Büchern und Schriften ausgesprochen..." Und dann wird besseres Theater gefordert und darauf verwiesen, daß jüngst ein altes verstaubtes Stück wie Sudermanns„Stein unter Steinen" in der Volksbühne zum großen Erfolg wurde. Die Kritik um 1900 verlangte Besseres, sie überschüttete diese Art Theatralik mit Hohn, aber heute, so schreibt obige Zeitschrift,„ist der große Erfolg von Stein unter Steinen bei Publikum und Presse der Protest gegen zu viel erlittene theatralische Unform..." Soweit hätte die braune Zensur das Theater glücklich heruntergebracht. Es wagt nur noch alte Schmarren. In der dritten Maiwoche sah man auf sämtlichen Berliner Spielplänen nichts als belanglose Groscbenschwänke: Der müde Theodor, Charleys Tante, Ihr erster Mann. Hau ruck, Bunbury... Das andere Zeug stand noch tiefer. Auf sämtlichen Brettern nicht ei« Stück, das auch nur die Bedeutung einer mittelmäßigen Komödie hätte. Es geht den Theaterdirektoren wie uns und der Presse: sie können vor lauter Richtlinien nicht treten und wissen nicht, was sie dürfen. Diese Not wird noch verschärft durch das neue Reichstheatergesetz. Das überträgt dem Propagandammisterium alle Macht über das Theater: die Spieierlaubnis, das Bestätigungsrecht über sämtliche künstlerische Kräfte und Mitarbeiter, das Mitbestimmungsrecht über den Spielplan. Göbbels regiert die Theater, fü* braune Bonzen werden neue Pläne frei geforstet, aber die Theater, soweit sie noch best®" hen, dürften noch rascher Pleite machen, denn kein Betrieb verträgt solche Bevormundung weniger, als das Theater. Das Publikum streikt einfach. Ais kürzlich eine Besuche rorganisation ihren Mitgliedern eine Aufstellung verschiedener Stücke zur Wahl zustellte, unterlag die Hakenkreuz-Dramatik bei dieser kleinen Volk»' abstimmung in der elendesten Weise. Keine zwanzig Prozent hatten für die Schlage terelen dk tißißu üüt d&H Göbbels, die Jcurije Zunge" des natiotai- •ozialistischen Propagandaapparates, bat wieder einmal gegen die Gefahren mobil gemacht. dio dem Dritten Reiche„auch auf kulturpoll- tischem Gebiete" drohen. Hoffentlich wird seine Rede ihre Wirkung nicht verfehlen— die Wirkung nämlich, der Welt immer von Neuem vor Augen zu führen, daß deutsche Kultur noch nie so bedroht gewesen, ja mehr als das, nie so geschändet und zerstört worden ist wie durch die blutigen Hände des braunen Regimes. Allein schon der Brandgeruch der Scheiterhaufen, auf denen deutsches Kultur- und Geistesgut in Flammen aufging, müßte als uationalsoziahstisches Odeur wieder spürbar werden, wenn ein Göbbels von deutscher Kultur zu sprechen sich erdreistet Am 10. Mai ist in Paris, wie vorher schon in London und Neuyork, eine Bibliothek der Bücher eröffnet worden, die das Dritte Reich auf den Scheiterhaufen geworfen hat Die Bibliothek enthält alle von der Hitler-Regierung verbrannten, zensurierten oder konfiszierten Bücher, von GotthoW Ephraim Lessing (den man wahrscheinlich mit dem nachher ermordeten Theodor Lessing für identisch gehalten hat) angefangen bis zu den zeitgenössischen Schriftstellern, sowie die Bücher der im Auslande lebenden deutschen Emigranten. Sie umfaßt bisher schon über 20.000 Bücher: diese Zahl allein schon läßt erkennen, wie nachdrücklich das braune Regime den„Gefahren auf kulturpolitischem Gebiete", die den Bestand des Dritten Reiches bedrohen, von Anfang an vorzubeugen bemüht gewesen ist Aber in dieser Bibliothek wird noch manches verbrannte Werk fehlen. Zum Beispiel Schillers„Höre n", die vielbändige Zeitschrift, die Schiller von 1794 bis 1797 in Jena herausgegeben hat. Auch sie sind verbrannt forden, und das ist eine Geschichte, die als Charakteristikum der nationalsozialistischen Kufturwächtcr der Vergessenheit entrissen zu werden verdient Als in den ersten Wochen des„nationalen Aufbruchs" die braunen Söldnerscharen ausschwärmten, um neben anderen Kulturtaten, die sie vollbrachten, auch Volksbuchhandlungen auszuräumen, Privatbibliotheken zu stürmen und die Bücher auf Scheiterhaufen zu schleppen, drangen sie auch in die Wohnung eines in einer Gartensiedlung bei Dresden wohnenden Musikschriftstellers ein; es war in diesem Falle kein Marxist, sondern, was eben so schlimm oder noch schlimmer ist, ein Jude. Auch seine Bibliothek wurde ausgeräumt. Und zwar gründlich. Um irgendwelche Sachkunde war man dabei nicht besorgt sondern nahm in Bausch und Bogen alles, las aber doch während der Säuberung die Buchtitel und begrüßte die Bücher marxistischer Autoren oder jüdischer und gar französischer Schriftsteller, darunter einen so vertrackten Franzosen, wie Jean Paul, mit besonderem SiegergeheuL Dabei stieß ein braver SA-Mann auch auf eine Vielbändige Bücherreihe.„Die Hören" las er auf dem Rückentitel. Das war ja allerhand! Der SA-Mann stand von der Suche im Knien extra auf, schlug mit der Faust auf einen der Bände und rief:„Nu guckt Eich bloß diese Schweine an! Hier lauter Bicher über die Hur'n!" Und mit einem Schwung flogen die Bände auf den zum Verbrennen bestimmten Stapel. Vielleicht stammte der biedere SA-Mann aus einer Gegend, in der man statt„Ohren" sagt:„Ich hau Dir eens hinter die Uhr'n!" Und nun las er hier in Uebereinstimmung damit die schriftdeutsche Schreibart eines Wortes, daß er bisher nur als„Huren"* gekannt hatte. Und wenn ihm jemand hätte sagen können, daß die Hören die Göttinnen der Stunden seien, so hätte er wahrscheinlich auch bei dieser Erklärung eher an die Göttinnen eines Stundenhotels gedacht Aber ob hochdeutsch oder nicht ob Hören oder Huren— eine Im Reich der toügewordenen Spießbürger ist das Mittelalter erwacht nicht nur mit seiner Grausamkeit sondern auch mit seiner Narrheit. Hier wird erzählt wie Bürgermeister geschult werden. Es liest sich wie ein Schwank aus Schiida, ist aber ein Bericht aus der „Deutschen Ostfront", einer nafionalsoziallsti- seben Zeitung. Wir erhalten folgende lebendige Schilderung aus einer Kreisschule in Oberbayern: Dreißig Bürgermeister und Gemeinderäte aller Stände und Berufe waren durch Gestellungsbefehle des Kreisleiters zum zweiten Lehrgang einberufen worden. Pünktlich trafen sie im vorgeschriebenen„strapazierfähigen" Dienstanzug em. Nach einer Meldung in der Kreisleitung und Entrichtung des Unkostenbeitrages wurde vor dem Schulungsraum, einer durch große Fenster sehr gut beleuchteten ehemaligen mechanischen Werkstätte, angetreten. Dem stellvertretenden Kreisleiter erstattete der Schu- hmgsleiter Meldung, nach kurzen Begrüßungs- worteu des Kreisleiters wurde unter Absingen des Horst-Wessel-Liedes die Hakenkreuzfalme am Mäste hochgezogen. Es folgte die Benennung des Stubenältesten, des Zlmmerdienstes, die Kommandierung der Wachhabenden und der vier Wachposten, dann wurde der freuodiiehe Schulraum mit anschließendem Schlafraurn, in dem sich auch der Verschlag für den Kursusleiter befindet, bezogen. Der Kursusierter gab die Bettwäsche aus. In kürzester Zeit waren die Dek- ken kunstgerecht in die Leinenhüllen eingezogen, die Leinentücher über die Strohsäcke gespannt und die Klappen tadellos In Ordnnng gebracht, so daß der Stubenälteste wenig zu beanständen fand. Schweinerei Hieb's doch, und der födischc Ttntenkleckser, dieser Schweinigel, hatte einen Rippenstoß extra verdient, den er auch erhielt Der betroffene Schriftsteller mußte es erdulden und zusehen, wie seine Bücherei zusammengeworfen und davongeschleppt wurde, um verbrannt zu werden. Damals hatte er Mühe, Tränen ohnmächtiger Wut zu unterdrücken. Erst sehr viel später, als er längst der„Heimat, süßen Heimat" den Rücken gekehrt hatte und ins Exil gegangen war, war er imstande, die Geschichte von den Hören zu erzählen. Und so mag sie hier verewigt sein als eine wahre Begebenheit aus dem„Lande des Lächelns", wie nach der Behauptung Göbbels ausländische Journalisten das braune Deutschland genannt haben sollen. Manfred. Der Schulungsleitcr begann seinen Vortrag mit der Erklärung des Zweckes der Schule. Vor allem müsse echter, natürlicher Kameradschaftsgeist geweckt werden, alle Kameraden sollten in alter Schützengrabenkameradschaft an diesem einen Tag wenigstens den Standesdünkel ablegen und sich mit„Du" anreden. Mit diesen einleitenden Worten ging der Kursusleiter über zu seiner eindrucksvollen, aber schlichten und volkstümlichen Aufklärung über den Nationalsozialismus, seine Entstehung, sein Werden und Wachsen, über den 14 Jahre langen schweren Kampf, den unser großer Führer für seine Idee geführt und über den Sieg, den er errungen hat Nach dem Vortrag wurde mit Gesang zu einer Autohalle marschiert und dort eine halbe Stunde der Körper geschult. Das Beispiel des 55jährigen-Schulleiters, den man für einen 35iährigen halten könnte und der alle Uebungen vor- und mitmachte, spornte die Kursusteilnehmer an. Nur wenige Kriegsbeschädigte konnten nicht mittun; allen übrigen sah man die Freude an, daß sie beinahe allen Anforderungen trotz der grauen und manchmal schon weißen Haare noch wacker genügen konnten. In die Schule zurückgekehrt, wurde eine Singstunde abgehalten. Für hochmustkalische Leute wäre das mm allerdings kein Genuß gewesen, beim bankweisen Singen wären sie wohl davongelaufen, aber schließlich gelang es, wenigstens ein Lied so einzudrillen, daß es beim Abmarsch zum Abendessen im nächsten Gasthaus zur Eisenbahn, wenn auch nicht schön, so doch marschmäßig gewngon werden konnte- Der anschlleßendB Kameraxlschaits abend bot ein Bild echter Kameradschaft. Da saßen sie beieinander und erzählten von Hvren Familien, ihren Lebensschicksalen, von Kriegserlebnissen: aber auch von Deutschland und seiner Zukunft wurde viel gesprochen. Schlag 10 Uhr befahl der Schul ungsleiter den Heimmarsch. Die Klappen wurden bezogen, behn Hinaufklettern in die oberen Klappen mußte manchmal etwas nachgeholfen werden. Der Wachthabende führte Posten Nummer 1 auf, die Lichter wurden gelöscht. Schlag 6 Uhr hieß der energische Ruf des Wachthabenden: „Raus aus den Klappen", alle aufstehen. Sofort wurde wieder in die Autohalle zu den Leibesübungen abmarschiert. Die flotten Uebungen ließen die Kälte nicht spüren, im Gegenteil, bald dampften alle Körper. Um so besser schmeckte das Frühstück und der Geist war frisch. Ein ekistündiger Uebungsmarsch führte die Kursusteilnehmer am Starnberger See entlang durch die Pracht der herrlichen Vor- gebirgsgegend. In der Mittagspause, in der ein einfaches, aber schmackhaftes Eintopfgericht das Hungergefühl beseitigte, entwickelte sich nochmals eine recht heitere echt kameradschaftliche Unterhaltung. Anf dem Rückweg zur Schule ging das Singen schon besser, Ja, öffneten die Mädchen die Fenster und die Türen, wie es in dem alten Soldatenlied heißt. Der Aufbruch wurde vorbereitet, die Leinen- überzüge abgezogen und an den Stubenältesten abgeliefert Noch einmal wurde auf den Schulbänken Platz genommen. Der Schulleiter hielt einen hochinteressanten Vortrag über die Geschichte Deutschlands. Ais er nach einer Stunde die Teilnehmer -fragte, ob sie ihn noch hören wollten, stimmten afle freudig und begeistert zu; hörte man doch zu viel Neues, was in der Schule verschwiegen worden war. Es war geradezu ein meisterliches Kunstwerk, in l'/i Stunden die Geschichte des deutschen Volkes, die so unendlich reich ist, volkstümlich und alles Wesentliche umfassend vor den Augen der Kursusteflnehmer gewissermaßen abrollen zu lassen. Alle Kursusteilnehmer bedauerten den Schluß des Vortrages, als der Stubenälteste mft dem Ablaufen eines Weckers das Zeichen zur Beendigung des Kurses geben mußte. An die vor dem Schulraum wieder angetretenen Kursusteilnehmer richtete der Kursusletter kernige Abschiedsworte, ein begeistertes Sieg Heil erschallte, die Fahne wurde niedergeholt und das Kommando„Weggetreten" entließ die Teilnehmer. So berichtet die nationalsozialistische Presse wörtlich. Wer kann da noch daran zweifeln, daß sich die deutschen Kommunen in allerbester Obhut befinden. wßtdßu UBsdsüU Ein Tag In einer Kreissdiule der 1VSDAP. Sestimmt So sieht der geistige Umbruch und •Jet„Autbruch der neuen Gestalter von Blut und Boden" aus. Das Publikum hat diese Aufforstung bis obenhin- Daran kann auch das Propaganda-Mysterium— wie Göbbels Amt Volkswitz heißt, weil er Schwarz in Weiß fälscht— nichts ändern. Die tapfere Presse aber wagt rieht einmal •nzodenten, daß ohne Freiheit keine Kunst Gedeiht Dafür wird Stein unter Steinen zum Proteststück emporgeschmiert, und wer Opposition mimen will, muß zu Sudermann gehen. — Es wird irrrmer schwieriger, ein Deutscher su sein. Theaterdiktator Göbbels Das eben erlassene Gesetz über die Neu- ordnung der Theater in Deutschland ist ein weiterer Schlag gegen die Frel- ''uit der Kunst. Künstlerisches Wirken soll �änftighin von der Bühne verschwinden und an dessen Stelle die Propaganda treten. Sämt- fcche deutsche Blihncn, natürlich auch die Provinztheater unterstehen letzt dem Propa- sandamlristerhim. Göbbels soll nach dem Ge- 8412„die nationalen Pflichten der deutschen Theater zur Erfüllung bringen". Die Privat- theater sollen in Zukunft nicht mehr als Er- werbsgruppe betrachtet werden. Das werden s'e schon lange nicht mehr! Das neue Gesetz outhält vier Hauptpunkte. 1. An die Stelle der Konzession Ist die persönliche Zulas- s u n g getreten, über die Dr. Göbbels per- aönlich entscheidet. 2. Das Betätigungsrecht fflr künstlerisch leitende Personen wie Inten- "faut, Direktor, 1. Kapellmeister und Spielleiter afcht Göbbels persönlich zu. 3. Göb- bels hat das Recht, Aufführungen zu verbieten, Absetzungen vom Spielplan zu verlangen, aber auch das Recht, die Aufiührung bestimmter Stücke zu fordern. 4. Das Propa- gandanunisterium beaufsichtigt den Handel mit Theaterkarten. Die Zukunft der deutschen Theater ist nun genau vorgezeichnet. Da sie als künstlerische Institute nicht zu halten waren, wurden sie zu propagandistischen Zwecken verwendet. Herr Göbbels wird nun unter Leitung seiner Beamten„bestimmte Stücke" aufführen lassen, vor allem Stücke von ihm selbst und jene seiner Parteigenossen Kube, Schirach usw. und dann wird die SA, die SS und die deutsche Arbeitsfront in die Theater kommandiert. Die Karten werden billig sein, und müssen gekauft werden. Die Woche wird aufgeteilt für die einzelnen Stürme und Betriebe, das Theater wird gefüllt, die Menschen werden fluchen, daß sie für irgendeinen langweiligen, verlogenen Dreck wieder die Groschen abgezwackt bekommen. Und dann heißt es m der gleichgeschalteten Presse„Aufschwung des deutschen Theaterwesens"! Interessant— für wen? ■ In der Zeitschrift„Deutsches Volks- t u m", Hamburg(Herausgeber Wilhelm Stapel) lesen wir; Wenn ein Historiker in 50 oder 100 Jahren die Zeitungen von heute aufschlägt, wird er den„Völkischen Beobachter" als Zeugnis historischer Vorgänge weit interres- santer finden ak die Basler und Züricher Blätter mit ihrer Art von Kritik, für die man in Norddcutschland den etwas groben aber treffenden„Khrgscheißereien" hat. Warum diese falsche Bescheidenheit? Daß sich Historiker interessieren werden, ist noch garnichts— wie erst die Irrenärzte! Denen wird unerschöpfliches Material aius der Nazipresse erblühen, und die Wissenschaft der Zukunft wird dem„Völkischen Beobachter" ewige Dankbarkeit bewahren. I m Mißverständnissen vorzubeugen...! Ein Inserat:„Der Dachauer hinkende Bote" erscheint erstmalig in Nr. 22 der„Jugend". Um einem eventuellen Mißverständnis vorzubeugen: er ist nicht im Konzentrationslager zum Krüppel geschlagen worden! Der verdächtige Flex Der Dichter Walter Flex, eine Zeit lang der verklärte Liebhaber der Jugend, ist — selber noch im jugendlichen Alter— inmitten des Weltkrieges bei der Eroberung der Ostseeinsel Oesel gefallen. Von den Barden des Dritten Reichs haben die meisten wie Kube, Göbbels usw. verstanden, jeder derarügen Eventualität aus dem Wege zu gehen, wofür sie jetzt naoh Ausbruch des wahren deutschen HeHenzeitalters ihre fetten Fttründcn verzehren. Flex, wie gesagt, starb den Soldatentod Aber für das Dritte Reich genügt solche Legitimation nicht Einige Schnüffler bekamen heraus, daß die Mutter des toten Dichters Margarethe Pollack geheißen habe, was ein Judenname sei, weswegen die Dichtungen des Flex als artfremdes volkszersetzendes Gift auf den Sohciterhaufen gehörten. Nun aber hat sich der Sachverständige für Rassenforschung beim Reichsinnenministerium— man sieht, was das Dritte Reich für Sorgen hat— des Gerüchtes angenommen und— ein Stein kullert uns vom Herzen!— festgestellt, daß Walter Plex einer „angesehenen deutschen Familie rein arischen Blutes entstammt, die bis zu einem Namensträger aus dem Jahre 1750 festgestellt werden konnte." Flex ist gerettet. Obgleich eigentlich die Auskunft des Herrn Reichssachverstämügen mehr Flex als Pollack rechtfertigt. Aber nun weiß man jedenfalls, daß seine Dichtungen nicht ak semitisches Gift, sondern ak Offenbarungen nordischen Geistes anzusprechen sind! IVieder mit den Ostisdien! In der Zeitschrift„Dichtung und Volkstum"(Euphorion Neue Folge, Stuttgart) jammert ein ostischer Arier; Günther spricht davon, daß die ostische Rasse in Deutschland keinen eignen Kulturkreis ausgebildet hat. Das ist einmal nicht richtig und hat sodann Anlaß zu irreführenden Schlüssen gegeben,.. Die sogenannte ostische Rasse spielt in der Rassenkunde die Rolle des Neutrums, das alles sein muß, was man nicht deklinieren kann. Sie ist aber auch der Sündenbock, der an allem Schuld Ist." Also nach den Juden nun auch die Ostischen? Eines Tages wird die Säuberung im eignen Rasscnlager beginnen und am Ende dürfte von allen dinarischen, nordischen, ostischen und westlichen Ariern nur Göbbels als reiner Germanentyp übrig bleiben, denn ihm ist weder eine dinarische noch eine nordische, weder eine westische, noch eine ostische— ihm ist überhaupt keine Großmutter nachzuweisen. Zwangswirtschaft ohne Plan Deutschland in wirtschaftlicher Lebensgefahr Wie diese Kerle Deutschland zugrunde richten! Siebzehn Monate Hitler haben genügt, die Wirtschaft m einen Zustand der Verwirrung zu bringen, aus dem einen Ausweg zu finden immer hoffnungsloser erscheint Es geht ja alles kunterbunt durcheinander in dieser Zwangswirtschaft ohne Plan! Da sollen die Preise stabil bleiben— aber eine unheimlich bürokratisierte, mit Kosten, deren Höhe man kaum ahnen kann, sich immer weiter ausbreitende agrarische Zwangswirtschaft führt m Verbindung mit der Unterbindung der Emfuhr zu immer stärkerer Verteuerung aller Lebensmittel. Die Löhne sollen nach dem Programm dieselben bleiben, aber die ganze Milliardenlast der nationalsozialistischen Agrarpolitik fällt auf die Arbeiter und städtischen Konsumenten, die Reallöhne müssen also sinken, auch wenn die Nominallöhne gleich geblieben wären. Auf dem Gebiet der Industrie und des Gewerbes läßt sich dieselbe Entwicklung beobachten. Nicht umsonst vergeht kaum eine Woche, in der der Wirtschaftsminister nicht in einem Erlaß„Stellung nimmt" gegen Preissteigerungen; für Textilien und Metalle, deren Einfuhr infolge des Devisenelends zunächst unterbunden ist, sind bereits wie im Krieg Höchstpreisverordnungen erlassen. Gleichzeitig werden aber den Produzenten in immer größerem Umfang Monopolstellungen geschaffen. Eine eben erlassene Verordnung über den Aufbau des deutschen Handwerkes führt die Zwangsinnungen ganz allgemein ein. Nichts Kann verhindern, daß diese Zwangsinnungen zu lokalen Kartellen werden. die die ihnen genehmen Preise umso mehr durchsetzen werden, da sie auch die Neuzolassung zum Handwerk weitgehend in der Hand haben, vor neuer Konkurrenz sich also ebenso schützen können wie der Einzelhandel, der durch das nunmehr verlängerte Verbot der Errichtung neuer Elnzel- handelsunternehmungen vor Konkurrenz geschützt Ist. In der Tat werden Preisunterbietungen in Hitler-Deutschland schon als Verbrechen behandelt. Diese werden je nachdem entweder auf kurzem Weg mft Hilfe der SA durch Anprangerung und Boykottierung oder von den Irmungen selbst durch hohe Geldstrafen geahndet, und erst kürzlich hat das Polizetprä- sidium m Braonschweig m einem Streitfall die Strafen, die die Schneiderinnung über zwei ihrer Mitglieder wegen zu geringer Preise verhängt hatte, als zu Recht bestehend anerkannt. Ebenso eindeutig verläuft die Entwicklung In der Indusrie- Deutschland Ist von jeher das Land der ausgebildetsten Kartellwirtschaft gewesen. Nie aber ist das Kartellwesen in höherem Maße vom Staate gefördert worden als unter der nationalsozialistischen Diktatur. Einmal sicher durch die Handelspolitik. Man darf ruhig sagen, daß kemem Wunsch irgendeiner kapitalistischen Gruppe nach Zollerhöhung. um ausländische Konkurrenz, auszuschließen, die Erfülhmg versagt geblieben ist. So haben sich z. B. unter stets erneuten Zollerhöhungen die Textflkartelle rrrrmer straffer organisiert. DAS PARISER TAfiERLATT Chefredakteur; GEORG BEKJSHAUl) I bringt unter anderem ragelmässig BEMMR BRIEF mit unerhört interessantem Tat- I sachen-Material, trotz Zensur und| Diktatur flenssarungen löftrender Politiker aller Länder zu den europäischen j Problemen Beitrage DervorrageHler Oicftter uüd Gelehrter speziell der aus Deutschland Ver- j bannten Demnächst Interessantes Preis- Ausschreiben: 14 JAHRE REPUBLIK Grosse Umfrage bei Gelehrten, Publizisten, Staatsmännern: ..Die Zukunft der Welt'' Neuer hochaktueller Roman von BALDE» OLDEN; ROMAN EINES NAZI Endlich die verschiedenen Sonder-Gebiete Die moderne Frau— Reise und Verkehr— Sport— Technik u. Wirtschaft Proben umern gratis- Bestelungen beim „a ARISER TAGEBLATT» PARIS(3*), 61, Rae Turblgo Zu dieser Handhabung der Handelspolitik kommt die immer stärkere Anwendung der ZwangskarteUierung. Ueberall dort, wo die Kartellienmg auf Widerstand von Außenseitern stößt, kann damit gerechnet werden, daß Wirtschaftsmmister Schmitt von seiner Befugnis— mit größtem Widerstreben natürlich, aber doch— Gebrauch macht und den Monopoigierigen die nationalsozialistische Staatsmacht gehorsam zur Verfügung stellt So ist kürzlich ein Investitionsverbot für Radiogeräte, das auch Radioröhren umschließt erlassen worden. Die Errichtung neuer Gerätefabriken wird kurzerhand verboten. Begründet wird das Verbot natürlich mit Rücksicht auf die mittleren und kleineren Betriebe. In diesem Fall ist der Schwindel besonders kraß. In Wirklip hkeit hat die hochkapitalistische T e- 1 e f u n k e n G. m. b. H. bisher in Deutschland auf Grund von Patenten die beherrschende Stellung. Die mittleren und kleineren Betriebe arbeiten auf Grund von Lizenzen, die Telefunken erteilt; Telehmken hat die Zahl dieser Betriebe von jeher klein gehalten und unerwünschte Konkurrenten ferngehalten. Aber der Zeitpunkt naht, in dem die Patente von Telefunken ablaufen. Um zu verhüten, daß das kapitalistische Monopol dann durchbrochen wird und unbequeme Konkurrenz zur Verbilligung der Radioapparate führt, wird die Staatsmacht mobilisiert, neue Fabrikation untersagt und der Millionengewinn von Telefunken auch für die Zukunft sichergestellt. Aehnliche Gunst ist auch den Papier- industriellen widerfahren. Auf Grund des Zwangskartellgesetzes hat der Reichswirt- schaftsmmister zunächst bis zum 31. Dezember 1935— aber wer zweifelt an der Verlängerung?— verboten die Errichtung neuer Unternehmungen oder die Wiederingaugsetzung stillgelegter, fn denen Papier, Karton- und Maschinenpappe hergestellt wird oder ihre Erweiterung oder Steigenmg ihrer Leistungsfähigkeit; auch dürfen sie nicht zur Fabrikation anderer als der' bisher hergestellten Sorten übergehen. Damit ist den Unternehmern— natürlich ohne jede Gegenleistung— ein absolutes Monopol verliehen— wer zweifelt, daß sie das trotz aller frommen Mahnungen vor rücksichtsloser Preispolitik voll auszunützen verstehen werden? Dazu kommen die immer unübersehbarer werdenden Subventionen an einzelne Wirt- schaftskreise. Manches mutet wie Irrsinn an. Einer der Hatiptverderber der deutschen Wirtschaft ist der Ernährungsminister D a r r 6. Der Mann hat sich in den Kopf gesetzt, die Wollzucht zu beben. Die deutsche Wolle deckt nur etwa 10 Prozent des Bedaris— ist übrigens von schlechter OualitäL Was tuts? Wozu hat man das Führerprinzip? Man ordnet erstens für Wolle Festpreise an, die erheblich über dem Weltmarktpreis liegen— zur großen Freude der deutschen Züchter. Man ordnet zweitens, da kein deutscher Industrieller die schlechte und teure Wolle kaufen will, einen Abnabmezwang an. Die Industriellen wehren sich; könnten wir auch die Preiserhöhung auf den deutschen Volksgenossen gern abwälzen, wie sollen wir bei den Zeiten den immer mehr zurückgehenden Export noch amrechteThalten? Darre bildet einen„Ausgleichsfonds", ans dem die von ihm geschaffene Preisdiiferenz zwischen Inlands- und Weltmarktpreis bezahlt werden soll Man erfährt so nebenbei— daß diesem Fonds„vorläufig von der Reichsregierung mehrere Millionen zur Verfügung gestellt" werden. Genauere Angaben werden für überflüssig gehalten. Man erwägt, ob dieser Fonds, in dem„vorläufig" Millionen Steuergelder, die im Budget sicher nicht erscheinen, verschwunden sind, für die Dauer durcli Umlage auf die verarbeitende Industrie entsprechend den verarbeiteten Mengen Auslandswolle, also auf Kosten der Konsumenten und der Exportmöglichkeit aufgebracht werden soll! Aber ebenso erzeugt die Subventionswirtschaft auf dem eigentlichen industriellen Gebiet immer neue Blüten. Der ganze deutsche Erzbergbau— Eisen, Kupfer, Zink— wird aus staatlichen Mitteln unterstützt und die Subventionen fortwährend vermehrt, so unproduktiv dieser Abbau auch ist. Schon nicht mehr kapitalistische Subvention, sondern reine Raubwirtschaft an der Allgemeinheit stellt der neuerdings betrie- bene„Mineralölwirtschaftsplan" dar. Hier handelt es sich auch um die Interessen der aiierfeinsten— Nationalsozialisten, der Thyssen und Besch, der Montantrusts von Kohle und Kali, und der F. G. Farben und Idealkonkurrenz mit dem deutschen Militarismus, der in Oel autark sein will Neue Erdölbohrungen sollen auf Kosten des Reiches erfolgen, der Nutzen verbleibt freilich den privaten Gesellschaften, vor allen den Kalikonzernen, da das Vorkommen von Oel mit dem von Kali zumeist verbunden ist. Die bestehenden Erdölgesellschaften sollen neue staatliche Subventionen zur Ausdehnung ihrer Tätigkeit erhalten. Die Oelgewinmmg aus Stein- und Braunkohle, ein Hauptinteresse sowohl der I. G. Farben als der Ruhrherren, soll gefördert und deshalb sollen die Benzin- und anderen Oelpreise vom Staate garantiert werden. All das bedeutet zwar auf der einen Seite Schutz alter oder Schaffung neuer Monopoige- whme, aber auf der anderen Seite Erhöhung der Produktionskosten, Belastung der Konsumenten, also Verengerung des Binnenmarkts bei gleichzeitiger Erschwerung des Exports— steigende Unproduktivität der Gesamtwirt- sc.haft, zur Befriedigung des Eigennutzes einiger von der Diktatur privilegierten Schichten auf Kosten des Gemeinnutzes. In demselben Augenblick, m dem man Preiserhöhungen bekämpft, schließt man die groß- und kleinkapitalistischen Produzenten zu Monopoiorganisa- tionen zusammen, die die Preise in die Höhe treiben und macht eine Wirtschaftspolitik, die alle Produktionskosten heraufsetzt. In demselben Augenblick, wo die Devisenlage das Geständnis erzwingt, daß der Rückgang des Exports eine Katastrophe für die Gesamtwirtschaft heraufbeschwört, daß Autarkie für Deutschland wirtschaftlicher Selbstmord ist jagt man auf dem gesamten agrarischen und industriellen Rohstoffgebiet dem Autarkiewahn weiter nach mit immer unerträglicherer Belastung der Refchsftnatwen und der ganzen Volkswirtschaft Eine solche Politik müßte schließlich nach kürzerer oder längerer Zeh zum Ruin fuhren. In der deutschen Situation bedeutet sie unmittelbare Lebensgefahr. Der April hat einen neun Rückgang der Ausfuhr von nicht weniger als 85 Millionen gebracht, von dem der Hauptteil— 76 Millionen— auf den Rückgang der Fertigwarenausfuhr entfällt. Der Rückgang ist doppelt so stark wie im Durchschnitt der Vorjahre. Da die Einfuhr trotz der Einfuhrverbote für Textilien, Metalle und Kautschuk, die sich im April noch nicht ausgewirkt haben, ziemlich unverändert geblieben ist, so beträgt der Unberscbuß der Emfuhr 82 Millionen Reichsmark. Das Passivum der Handelsbilanz erreicht damit für die ersten vier Monate die Summe von 136 Millionen, während in derselben Zeit des Vorjahres noch ein Aktivum von 175 Millionen zu%'erzelchnen war! Ebenso schreitet die Aufzehrung des Restes von Gold und Devisen immer weiter fort. Die Reichsbank hat in der zweiten Maiwoche neuerlich 25 Millionen an Gold und Devisen verloren, ihr Bestand ist auf 165 Millionen gesunken, die„Notendeckung" ist von 5.4 auf 4.8 Prozent zurückgegangen. Die Gläubigerkonferenz zieht sich immer weiter hin, und ihr Ausgang bleibt ungewiß. Aber das Problem wird immer klarer: solange die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik so weiter geht, wird der deutsche Außenhandel immer mehr zurückgehen, während die Einfuhr für Kricgs- rüstung und für die phantastische und unproduktive Arbeitsbeschaffung anhält. Und das wird nicht nur jede Zahlung an die Gläubiger unmöglich machen, sondern es bringt die Diktatoren rasch in eine gefährliche Situation. Die Einkaufsverbote für Textilien, Häute und Kupfer, die ursprünglich nur bis zum 5. Mai in Geltung bleiben sollten, sind bis zum 31. Mai verlängert worden. Es ist aber nicht einzusehen. warum sich nach dem 31. Mai die Situation wesentlich ändern sollte. Muß aber die Einfuhr weiter gedrosselt bleiben, dann bedeutet das die Einschränkung der deutschen Wirtschaftstätigkeit, eine neue Verschärfung der Krise nach Verschleuderung aller Reserven. die die Hitler-Diktatur übernommen hat. Wie diese Kerle Deutschland zugrunde richten! Dr. Richard Kern- Erbtäditiges..> „Maximen einer Führerm im„Bimd deutscher Mädchen". Als deutsches Mädchen halte ich mich allen unsittlichen Versuchen fem, denn ich weiß. daß ein vorzeitiger Verbrauch der Geschlechtskräfte die Nerven zerstört und die E r b t ü c h- t i g k e i t meines Körpers herabsetzt"(..Völkischer Beobachter") Oranienburg Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten Von Gerhart Seger Mitglied des Deutschen Reichstags der V., VI., VII. u. VIII. Wahlperiode Mit einem Geleitwort von Heinrich Mann Die Schrift ist eine Anklage gegen das System der Gewalt,.dem Zehntausende unschuldige Menschen in den Konzentrationslagern aus- gesetz sind. Der Verfasser läßt seinem Berichte die Eidesformel vor deutschen Gerichten vorangehen:„Ich schwöre, daß ich nach bestem Wissen und Gewissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde!" Er hat das Manuskript als Strafanzeige gegen die vollem Namen angeführten SA-Verbrecher dem deutschen Reichsjustizminister, dem Oberreichsanwalt und dem Stabschef der SA gesandt. Die Antwort darauf war die sofortige Ueber- führung der in Deutschland lebenden Frau mit dem neunzehn Monate alten Kindchen des Verfassers in das Konzentrationslager Roßlau. Preis in: Belgien 10.50 Frs. I Bulgarien 48.— Lewa/ Dänemark 2.10 Kr. 7 Frankreich 7.50 Frs./ Großbritannien—.1.10 Pfund Sterling/ Jugoslawien 24.— Dinar/ Niedertande 0.75 Gulden/ Oesterreich 2.60 Schilling/ Palästina—.100 P. Pfd./ Polen 2.60 Zloty/ Rumänien 55,— Lei/ Schweden 1.90 Kronen Schweiz 1.55 Frs./ Tschechoslowakei 10.— K5/ USA.—.50 Dollar. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt „Graphia" Karlsbad CSR. Front des Geistes Neue bemerkenswerte VeröffentHchungeo- In den„Europäischen Heften" Nr. 6 schreibt Willi Schlamm; Versteht u"5 die Jugend noch? Außerdem wird eine Auswahl aus Gustav Landauers.•Au1�', zum Sozialismus" aus dem Jahre 1911 veröt- fentücht In der„W e 1 1 b ü h n e" Nr. 21 erscheint ein Bericht:„Heute in Deutschland". (SeifolAtmefraHfd}» IDtKbfnblaH Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur; Wenzel Horn' Druck:„Graphia"; alle in Karls b a d- Zeitungstarif bew. tn. P D. ZI. �.SSd/VII-l9-*'' Der„Neue Vorwärts" kostet im Einz�1' verkauf innerhalb der CSR. Kö 1.40(für e'" Quarta) bei freier Zustellung Kö 18.—). Pjflj der Einzelnummer im Ausland K5 2.—(ly 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwer in der Landeswährung:(die Bezugspreise m das Quartal stehen In Klammern): Argentime- Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.-(24—). � garien Lew 8.—(96.—), Danzig Guld. nv- (3.60). Deutschland Mk. 0.25(3—). Estland r- Kr. 0.22(2.64). Finnland Fmk. 4— Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d. 4.—(Sh. 4.—), HollandGld- 0.15(1.80). 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