\p. 53 S0]V!\T4G, 17. Juni 1934 � erlag: Karlsbad, Haus.,Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Die Verurteil ungsmasth ine Unternehmer pfeifen auf Arbeitsfront Hitler wird Zeitungskönig Käuferpanik in Deutschland Die Straße Frei von braunen BMIonen! Als Hitler von feudalen und kapitali wüschen Cliquen die Macht zugeschoben �urde, wußte er vierundzwanzig Stunden vorher nicht, ob er am anderen Tage in c'er Reichskanzlei oder im Gefängnis sit- *en würde. Wer verhaftet wen— oas war die Frage. Diese peinliche Erin "Crung an die Stunden der Angst der na bonalsozialistischen Führer ist über ein Jahr lang niedergeschrien worden durch "esigen Propagandalärm. durch Aufmärsche, durch die Zurschaustellung einer rlut von braunen Uniformen.„D i c j�raß�e frei den braunen Batail- •onen"— so riefen sie vor dem 30. Ja- �uar 1933. Die Mächte, die ihnen die 1 raße freigegeben haben, sind in- dessen nicht verschwunden. Sie haben n|cht abgedankt, sie sind noch mächtig, UnifnuP2 des Hauptverfahreas war bls- einer J ncllterHclieEröf fnungsbeschluß dun- �Inmer notwendig. Auch diese Entschci- »nwa�t l'ern �er'cht entzogen, der Staats- andern\v a' 4 übertragen werden. Mit Hl hat ühprl1"11 Beginne der Hauprixrhandlung dern aiii avpt kem richterlicher Beamter, son- Veriahr�1" Staatsanwaltschaft mit dem ren zu tun. ihr soH der Angeklagte als ihr„Objekt" wehr- und rechtsmltteflos Ms dahin ausgeliefert sein. So üppig die Befugnisse der Staatsanwaltschaft ins Kraut schießen, so eng werden die der Verteidigung eingeschränkt. Nach Justizminister Gürtncr wird die neue Strafprozeßordnung mit dem bisherigen Rechte dadurch brechen, daß sie nicht nur die Rechte, sondern vor allem die Pflichten des Verteidigers festsetzen wird, oberste Pflicht des Verteidigers müsse sein,„das Gericht bei der Findung der Wahrheit zu unterstützen". Zu deutsch: der Verteidiger muß nach dem Vorsitzenden sclrielen und, was dieser abweist, hat er sofort fallen zu lassen. Von einer Verteidigung des Angeklagt en kann keine Rede mehr sein. Der Gerichts Vorsitzende wird dafür ein ganz großer Mann werden. Nach dem „Führerprinzip" soll er ausschweifende Rechte erhalten, welche— das wird nach Gürtners Mitteilungen noch erwogen. 70 bis 80 Prozent aller Strafsachen, die kleineren, sollen überhaupt durch Einzelrichter erledigt werden, wegen der„Verantwortlichkeit" einer Einzelperson". Die erhöhte Sicherheit, die ein Kollogialgcricht durch Ausgleich der Temperamente usw. für ein objektives Urteil verbürgt, fällt also fast regelmäßig fort. Aber auch in den verbleibenden 20 bis 30 Prozent der Fälle, in denen künftig noch Kollegialgerichte entscheiden sollen, wird in Wirklichkeit das Urteil nur beim„Führer", d. h. beim Vorsitzenden liegen. Die Beisitzer(Beischläfer" nennt sie der Volkswitz) sollen nämlich entweder nur beratende Stimme erhalten, oder aber der überstimmte Vorsitzende soll das Recht haben, das ihm nicht zusagende Urteil zu kassieren! Der Beisitzer wird danach etwa so viele Rechte haben wie jetzt der zuhörende Referendar, der zu seiner Ausbildung die Urteilsgründe ausarbeiten muß. Welcher Ehrenposten! Die Laienrichter möchte Herr Gürtncr am liebsten ganz abschaffen, er hält sie für ete«„sehr bedteddlehe HnricMang"(„Vofks- veibundertheit der Justiz" heißt so etwas wohl auf nationalsozialistisch). Aileofals in den Schwurgerichter wlfl er sie noch beibehalten — die Schöffengerichte also ganz abschaffen— und selbstverständlich müssen die Geschworenen gesiebteste zuverlässig» N a- tionalsozialistcn sein. Der Bürger des Dritten Reiches wird also der Juristenzunft auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Ergänzen wir noch, daß selbstverständlich die Rechtsmittel des Angeklagten eingeschränkt werden: statt Berufung und Revision soll er künftig nur die Wahl zwischen Berufung oder Revision haben, aber auch dieses eingeschränkte Recht wird für ihn zum heißen Elsen gemacht; bisher galt zu- gimsfen des Angeklagten der Satz, daß seine Strafe, wenn er a H e i n Rechtsmittel eingelegt hat, von der höheren Instanz nicht et' höht werden darf. Auch diese Rechtswohltat hö rt auf! Der Angeklagte, der künftig ein Urteil durch Berufung oder Revision anficht, riskiert, daß zur Strafe für seine Dreistigkeit und zur Abschreckung für andere ihm noch ein paar Jahre mehr aufgebrummt werden. Welcher Angeklagte wird da noch wagen, Rechtsmittel einzulegen! Das Resultat ist also: die Anklagebehörde ist Alleinherrin der gesamten Vorunter- sudnmg. Ueber der Hauptvcrhandlung waltet und schaltet als blitzeschleudernder Zeus der Vorsitzende. Die Verteidigung ist an die Wand gedrückt. Rechtsmittel einzulegen ist gefährlich. Mit anderen Worten; Die Gefahr der Verurteilung Unschuldiger wird durch das neue Verfahren verzehnfacht, vielleicht sogar verhundertfacht. Mancher harmlose Spießer, der sich heute noch freut, mit welcher Schneidigkeit der Staat gegen das „Verbrecherpack" vorgeht, dürfte die furchtbaren Dualen des unschuldig Hingesperrten bald am eigenen Leibe erleben! Justinlan. [Mtoi. AcMteH gfng es«n einem Kuchen- ond Brotverkaufsstand zu. Im Nu standen etwa 1000 Menschen um diesen Ver- kaufsstand herum. Mit beiden Händen griff der Mi ntsterpräsident zu und ▼erteilte die Brote. Auch dieses Lager war hn Augenblick geräumt. So ging es noch an vielen anderen Ständen her." Jahrmarkt brauner Eitelkeiten Göring besucht Essen. Im März stattete der preußische Ministerpräsident Göring der Stadt Essen einen Besuch ab. Für Oberbürgermeister und Magistrat wurde die Frage der Empfangsformalitäten zu einer harten Nuß. Man grub die Akten über den Empfang des Reichspräsidenten v. Hindenburg im Jahre 1925 aus und kam nach ihrem Studium zu dem Beschluß, daß Herr Göring unmöglich in der gleichen schlichten Weise empfangen w erden könne. Einem Magistrats- mitgliede kam rettend in Erinnerung, daß im Magistratsarchiv noch die Akten über einen Empfang Wilhelms II. verstaubten. Diese Akten wurden ausgegraben. Nach dem gleichen Schema organisierte der Magistrat der Stadt Essen den Empfang des Herrn Göring. Es sei ausdrücklich festgestellt, daß es sich um eine wahre Begebenheit und nicht um einen guten Witz handelt! Das Vorbild. Der preußische Minister des Innern bringt einen RunderlaB des Stellvertreters des Führers, Reichsrainister Rudolf Heß, in Erinnerung, in dem die braunen Oberbonzen zu „bescheidener Zurückhaltung" ermahnt werden; „Der Stellvertreter des Führers hat in diesem Zusammenhang besonders auf Zeitungsaufsätze, Huldlgungsadressen, Bildveröffentlichungen, Geburtstags- und Jubiläumsglückwünsche, Ehrenbürgerschaften, Straßenbenennungen, Beflaggung bei Besuchen usw. hingewiesen. Zugleich wird angeordnet, daß Um- und Neubenennungen von Straßen nach Lebenden nicht mehr stattfinden dürfen." „Der Deutsche" veröffentlicht unter auffallender, großer Schlagzeile die folgende Mitteilung: Am 5. Juni wird in Dresden ein Rudolf- Hcß-Krankenhaus, ärztliche Forschungsanstalt für natürliche Heilweise eröffnet. Bei solchem ßeispie] werden die braunen Oberbonzen nun alle ganz bescheiden auftreten! Das Hltlerzimmer. Die Landesversicherungsanstalt Berlin gibt bekannt: Bekanntlich hat sich der Führer im Jahre 1916 als Verwundeter in den Heilstätten Beelitz, deren Eigentümerin die Landesversicherungsanstalt Berlin ist, aufgehalten. Es ist vor kurzem in der Presse zum Ausdruck gebracht worden, daß man heute noch in Beelitz nach dem Zimmer suche, in dem der Führer damals gelegen hat. Dazu ist mitzuteilen, daß es nach vielen Bemühungen in den allerletzten Tagen gelungen ist, das Zimmer zu ermitteln. Es sind deshalb bereits vom Vorstande der Landesversicherungsanstalt Berlin die für eine würdige Herrichtung des Zimmers erforderlichen Vorarbeiten in Angriff genommen, über sie wird in nächster Zeit näheres der Ocfientlichkeit berichtet werden können. Göring spielt Majestät. Die Berliner Zeitungen veröffentlichen den folgenden, von knechtischer Untertanengesinnung zeugenden Hofbericht über einen Besuch Görin gs in der Zentralmarkthalle: „Er wurde natürlich augenblicklich erkannt und, während er den Weg durch die engen Gänge zwischen den einzelnen Verkaufsständen nahm, verbreitete sich die Nachricht von seiner Anwesenheit wie ein Lauffeuer in der Halle. Von allen Seiten strömten Verkäufer und Käufer herbei. Mit der gewohnten Sclinciligkeit erfaßten die Berliner die ungewohnte Situation. Die Händler boten dein Ministerpräsidenten ihre Waren an. Hier und da trat Ministerpräsident Göring an die Verkaufsstände heran und erkundigte sich nach dem Geschäftsgang. An diesem und jenem Verkaufsstand bestellte er einige Waren und bat, sie in seine Wohnung zu schicken. An Kinder, die sich besonders zahlreich um ihn ansammelten, verteilte er Kirschen und Erdbeeren, ein ganzer Verkairisstand von Erdbeeren war in wenigen Sekunden geräumt. Der Ministerpräsident selbst ergriff einzelne Körbe und verteilte sie an die umherstehenden Frauen, Kinder und Männer. Seine beiden Begleiter, Adjutant Bodenschatz und der persönliche Referent des Ministerpräsidenten, Ministerialrat Dr. Gritz- bach, halten alle Hände voll zu tun, dabei raitzu- Prag und Greuelpropaganda Eine blutige Abfuhr. Die rcidisdeuteche Presse attackierte vor einigen Tagen heftig das Prager„VScerni Ceske Slovo", weil dieses Bdatt einen Ueberfall brauner Horden auf Bürger des Saargebiets in Forbach lebhaft geschildert hatte. Sie beschuldigte das dem Minister BenSs nahestehende Blatt und die tschechoslowakische Presse überhaupt der Greuelpropaganda. „Es ist doch beinahe unmöglich, zu glauben", so heißt es in dem Klageartikel des Göbbeis,„daß ein modernes europäisches Blatt der Ansicht sein kann, seine Leser würden derartigen Berichten über eine mittelalterliche Folterjustiz Glauber schenken." Darauf erteilt die„Prager Presse" dem deutschen Propagandachef diese schneidende Antwort: „Der Redaktion des Blattes(der„VeCerni Ceske Slovo". Red. d. N. V.) dürften, wie den meisten Redaktionen in der Tschechoslowakei eine große Menge von Vorgängen bekannt sein, die in das Kapitel„Greuelpropaganda" fallen und rechtskräftig erwiesen sind. Es handelt sich um keine Lügen, keine Entstellungen, sondern um Tatsachen. Und es handelt sich ndcht um Auslands- oder Emigrantenmeldungen, sondern um Fälle tschechoslowakischer Staatsbürger. Sie Idingen„phantastisch", sie sind so beschaffen, daß es„beinahe unglaublich ist, daß ein modernes europäisches Blatt der Ansicht sein kann, seine Leser würden derartigen Berichten über eine nrittelalterr liehe Folterjustiz Glauben schenken", und sie sind dennoch wahr und nichts als wahr, Von den tschechoslowakischen Zeitungen wird dann weiter gesagt: Sie haben in Fällen, In denen es Omer besonders schwer wurde, da tschechoslowakische Staatsbürger betroffen waren. Selbstüberwindung geübt und. ausschließlich von dem Willen beseelt, keine Spannungen zu erzeugen, die Erregung in manchen tschechoslowakischen Kreisen nicht zu vermehren, geschwiegen. Das ist himmelweit entfernt von„perverser" Greuelpropaganda. Das ist nicht radßzuverstehen. Es wird ein schwarzer Tag sein für das Propagandaministerium in BerHn, wenn sich diese Büchse der Pandora einmal öffnet. Deutsche Polenfreundsdiaft Da sich das dritte Reich außenpolitisch zu isoliert fühlt, hat Göbbeis die nationalistischen Hetzereien dämpfen lassen. Vor allem ist Anlehnung beim polnischen„Erbfeind" erwünscht, die Presse muß also nach Warschau hin ein freundliches Gesicht zeigen. Dafür tobt sich der Polenhaß in der braunen Grenzliteratur aus. Typisch für diese Hetze ist ein Roman, der kürzlich Im Verlag Reclam erschien; Sturmtrupp Brooks. Ais Reclambuch ist er auch typisch für den literarischen Tiefstand der hakenkreuzlerischen Belletristik: eine Mischung von Kitsch und Sprachverhunzung, ein Lobgesang auf den blödesten ost- elbischen Patriarchalismus.„Heute abend saufste einen, altes Schwein"..... Halt die Schnauze, altes Schwein..." So geht der alte „knorrige" Graf mit seinem alten braven Hofmeister um und dem Autor erscheint das sympathisch und von deutscher Kraft. So ähnlich wird auch von den Polen gesprochen. „Auf gut ostpreußisch" redet der Graf also mit seinem Gott; „... nie werde ich begmien. wie du den polnischen Schweinehunden die fette Weichselniederlassung zum Verrotten überlassen konntest... In einer Schänke sitzt ein Pole und es heißt;„Das polnische"Aas verdirbl uns die ganze Hochzeit..." Eine Seite weiter schreit der wackere Graf Dahlen:„Lassen Sie doch das polnische Schwein laufen..." Das sind nur einige konzentrierte Kostproben. Die ganze Tendenz: Deutschland muß von den Marxisten und der Osten von den„polnischen Schweinen" gereinigt werden. Die Naripresse lobt den„nationalen tmd dichterischen Gehalt" solcher dilletantischer Schmarren, weshalb Reclam— wie tief bist du gesunken! — schon einige Auflagen verzeichnen kann. In einigen Tagen»oll Göbbeis im Lande der „östlichen Erbfeinde" mit einigen Reden bluffen und funkelnagelneue Freundschaft vor- täuschen. Die bodenlos niederträchtige Po- lenhctze in der braunen Literatur von Hitlers Memoiren bis zum„Sturmtrupp Brooks" wird der Preislügner des dritten Reiches nicht erwähnen. Unternehmer pfeifen auf die Betriebsordnung Dreiviertel der Unternehmer antwortet nidit— Von 2000 Untworten eine verwertbar Als mit dem 1. Mai 1934 durch das Sklavengesetz„Zur Ordnung der, nationalen Arbeit" der letzte Rest des deutschen Arbeitsrechts zerschlagen worden war. wurden die Arbeiter und Angestellten vertröstet, die weitere Durchführung der Neuordnung abzuwarten, die für die Regelung det Lohn- und Arbeitsbedingungen den„Idealzustand eines Eigenlebens eines jeden Betriebes" bringen werde. Grundlage der zukünftigen Gestaltung bleibe der Einzelarbeitsvertrag. Der Arbeitsvertrag wiederum werde entscheidend beeinflußt durch die Betriebsordnung, die für die in einem Betriebe beschäftigten rechtsverbindliche Mindestbedingungen festlegen sollte, Sie wird vom Betriebsführer erlassen. „Wesentlich ist dabei, daß der Vertrauens. rat im Sinne seiner Unterwerfung unter das Führerprinzip keine unmittelbare Einwirkung auf die Gestaltung der Betriebsord- nung hat. sondern nur das Recht, den Treuhänder anzurufen." Die Betriebe mit mindestens 20 Arheiicrn und Angestellten sollten bis 1. Juli von ihrem„Führer"(lies Unternehmer) mit der Betriebsordnung beglückt sein. Im„Arbeiter- tum" vom 1. Juni schreit aber Reichsbetriebs- gemeinschaftsleiter Piontek Zeder und Mordio, daß die Sache absolut nicht klappen will. Er hat an mehrere tausend Unternehmer ein Sonderrundschreiben mit der Bitte erlassen, ihm einen Entwurf der künftigen Betriebsordnung zu übersenden und er stellt fest: „Mindestens drei Vierte) dieser Unternehmer haben es vorgezogen, überhaupt nicht zu antworten." Von den eingegangenen 2000 Antworten war eine einzige wirklich verwertbar. Wo, so fragt Piontek erstaunt, bleibt der vielgepriesene Uuternehmergeist?„Untemehnier- geist ist doch ein Geist, der etwas unternimmt" erklärt Piontek. Da muß etwas geschehen. Also schlägt er vor: ..Es wäre Sache der deutschen Sprachge- leh+ten den Begriff„Unternehmer" seiner sprachlichen Anrüchigkeit wegen aus dem Wortschatz der deutschen Sprache zu entfernen.„Unter" ist nicht schön(Untermenschen usw.)„Nehmer" ist erst recht nicht schön und außerdem nicht so seelig wie Geben! Wie wäre es, wenn sich raein Vorschlag durchsetzen würde; Arbeits- schöpfer! Piontek bittet ihn wegen dieser Erfindung nicht gleich als„Marxisten" abzuurteilen. Marxismus sei für unsoziale Arbeitsschöpfer neuerdings ein Schlagwort geworden und er droht: „Also laßt endlich diese Suche nach Schlagwortcn, die weiter nichts beweisen, als daß eine bedenkjjche Geistesschwäche verdeckt werden soll." Nach dieser offenherzigen Erklärung für sein neues Schlagwort„Arbeitsschöpfer" versichert- der Sprachkünstler des„Arbeiter- tums", daß ja die„Arbeitsschöpfer" doch außerdem auch noch Führer" ihrer Gefolgschaft geblieben seien und als solche ein® Betriebsordnung erlassen müßten. Sie brauche nicht gleich ein Meisterstück zu sein, man könne sie wieder zurückziehen und durch eine besere ersetzen.„Es braucht also niemand trotz des vorhandenen Verantwortlioh- keitsgefühls zimperlich zu sein."(Der Satz wird von den deutschen Sprachgelehrten noch nachgeprüft werden.) Die Hauptsache ist, daß die Führer der Betriebe irgend etwas, wie eine Betriebsordnung herausbringen. Als Musterbeispiel wird die Betriebsordnung der Nazi-Firma Bärensprung und Starke in Neu-Frankenau veröffentlicht. Dieses nazideutsche„Musterbeispiel" sieht wie folgt aus: Arbeitszeit: In deu Wintermouaten IU Stunden. Ab Februar 48 Stunden, und zwar früh 7 bis 8 Uhr 40—9 bis 12 und 1 bis 5 Uhr. Entlohnung. Seit Oktober 1933 Wochenlohn und zwar bei 40 St. 24,50 Mk, bei 48 Stunden 29 Mk. Das einzig Positive in dieser Betriebsordnung ist die Beibehaltung der Acbtund- vierzigstundenwoche im Zeichen des Kampfes gegen die Arbeitslosigkeit. Der angegebene Wochcnlohn gibt keinerlei Auf- schluB, da es sich oiienbar um irgend einen Durcbscbnittsiohn bandelt, bei dem die höchsten Gehälter und die Arbeiterlöhne zusamraengeworlen werden. Die Frage der Akkordlöhne hält Bärensprung nicht iür „spruchreif". Auch alle sonstigen weiteren Arbeitsbedingungen bleiben unerwähnt- Dennoch er- scheint die Betriebsordnung dem Arbeiter- tum als„die best e", well das Fehlen von zwingenden Formen zeigt, daß keine Reibungspunkte vorhanden sind. Inwieweit Sonderleistungen höber zu bewerten sind, „wird die Zukunft lehren." Im übrigen wird in dieser Muster- Betriebsordnung erklärt, daß die jetzige Uebergangszeit oft das Auslauschen einzelner Männer in der Beschäftigung erforderlich macht. Deshalb sind auch die Bestimmungen der Betriebsordnung noch flüssig. So sieht die Betriebsordnung aus. in der angeblich die Mindestbedingungen für die Einzelarbeitsverträge enthalten sein sollen. Das ist das Dokument, das man im Arbeitertum, den übrigen..Arbejtsschöpiern", die jede Be- triebsregclung und Bindung für überflüssig halten, als„Die Betriebsordnung" anpreisen will unter, dem Aufruf:„Deutsche Arbeitsschöpfer fanget endlich an. Das Arbeitertum begrüßt es noch besonders, daß die Firma Bärenspruug auf die Festlegung von Geldstrafen für ihre Gefolgschaft verzichtet„und dafür freundschaftliche Ermahnung und Erziehung Platz greifen läßt" Es wird aber vergessen, zuzufügen, daß die Erwähnung der Bußen in der angeführten Betriebsordnung gänzlich überflüssig ist, weil die neu besetzten Arbeitsgerichte für die Wahrung der„Gefolgschaftstreuc und Betriebsdisziplin" hinreichend Sorge tragen. So heißt es in der.kürzlich ergangenen Entscheidung des Arbeitsgerichtes Berlin— 25 A C 127/34. „Aufgabe und Sinn der Betriebsgemeinschaft ist es, zum Wohle des ganzen Betriebes mitzuarbeiten und alles zu unterlassen was gegen den Geist der Betriebsgemeinschaft verstößt." Das Urteil stellt fest; Falls ein Arbeitskamerad einen anderen mit unerlaubten Mitteln zu verdrängen sucht, so könne von einer unerlaubten Handlung dann keine Rede sein, wenn ein Arbeitnehmer im Betrieb durch Rederei und durch Hetzen die Ruhe im Betriebe stört. Der entlassene Kläger hatte es gewagt, sich gegen den„Vertrauensrat" auszusprechen. „Hat ein Arbeituehmer, so heißt es im Urteil, in einer derartigen Weise Unruhe in den Betrieb gebracht, so ist es durchaus berechtigt, die Entfernung eines solchen Arbeitnehmers zu verlangen," Ehe Presse der Arbeitsfront fügt noch hinzu: „Der Arbeitnehmer darf nicht die Unge- eignetheit der Mitglieder des Vertrauensrats durch ständige Hetze im Betriebe kritisieren, da eine derartige Störung des Arbeitsfriedens die fristlose Entlassung zur Folge hat" „Es ist eigentlich nicht zu verstehen, warum sich xlie deutschen Unternehmer(pardon Arbeitsschöpfer!) noch sträuben, die vorgesetzte Betriebscrdmmg allgemein zu übernehmen und die Bestrafung kritisierender Arbeiter und Angesteliten den Arbeitsgerichten zu überlassen. Es kann ihnen wirklich nichts passieren. Piontek hat recht, wenn er den Unternehmern nochmals zuredet, doch eine Betriebsordnung zu erlassen, indem er beruhigend versichert; „Ich glaube, daß heute nur noch Wahnsinnige den Mut aufbringen werden, böse Auswirkungen zu wollen". Um die letzte Scheu zum Erlaß der Betriebsordnung bei den Unternehmern zu beseitigen, hat ihnen auch noch der Führer der Arbeitsfront auf dem 2. Arbeitskongreß erklärt: „Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit ist verkündet, der Unternehmer ist und soll nach dem Willen der Gesetzgeber wiederum der Herr im Hause sein" denn so fuhr Dr. Ley fort: „wir wollen keine verschüchterte und verängstigte Arbeitgeberschaft. Wir wollen Herrenmenschen züchten." Wenn die Herren„Arbeitsschöpfer" trotz all dieser Chancen immer noch zögern die sog. Betriebsordnung herauszugeben, so sind sie offenbar der Auffassung, daß sie als staatlich anerkannte Herrenmenschen nicht nötig haben, überhaupt irgend welche Bindung gegenüber ihren Arbeitssklaven einzugehen. Sie zeigep, daß alle Gesetze des Dritten Reiches nur für die Arbeiter gelten, während die Unternehmer herrschen— selbst Ober das Gesetz. Es wird also zum 1. Juli 19.34 nach all den pompösen Ankündigungen noch nicht einmal formal eine soziale Betriebsordnung im Hitler- Deutschland geben. Auch dieser Schwindel wird offensichtlich; der Enttäuschung vom I. Mai 19,34 wird die des 1. Juli 1934 folgen und so weiter— bis die deutsche Arbeiterschaft den Zeitpunkt für gekommen erachtet, selbst Ordnung in den Betrieben zu schaffen! Bluff staff Arbeitsbeschaffung' Im Bayrischen liegt das kleine Städtchen Allach, das zwischen drei- und viertausend Einwohner zählt. Der Ehrgeiz des nationalsozialistischen Bürgermeisters erlaubte ihm nicht, länger mit dem Heransstellen von Erfolgen seiner Tätigkeit hinter den anderen ,yPg." zurückzubleiben. So erschien denn kürzlich im„Völkischen Beobachter" unter dem vielsagenden Titel„Vorbildliches A rb e i t s beschaffungsprogramm einer kleinen Gemeinde" ein Artikel, in dem„die Frucht nationalsozialistischer Kommunalwirtschaft" ausführlich dargestellt wird. Der Pg.-Bürgcrmeister hat ein Arbeitsbeschaffungsprogramm aufgestellt, das sich auf mehrere Jahre erstreckt. Interessiert sieht man sich das„vorbildliche Arbeitsbeschaffungsprogramm" an. Als einzige positive Leistung der Gemeinde werden A u s s c h a c h- tungsarbeiten mit einem Kostenaufwand von 21.500 Mark aufgeführt. Ein für den Sommer angekündigter Straßenbau scheint so geringfügig zu sein, daß der Kostenaufwand nicht einmal genannt wird. Solche Arbeiten und auch umfangreichere haben kleine Gemeinden unter der„marxistischen Mißwirtschaft" früher jährlich durchgeführt, ohne daß sie das geringste Aufheben davon machten. Dann werden weiter aufgeführt: I.„Fortsetzung des 2-Millioncn-Pro- gramras der Lokomotivfabrik Krauß-Maffei. 2.„Bürgermeister Dr Hering will die Firma Krauß-Maffei zu bewegen versuchen, Wohnbauten für die Werksangehörigen aufzuführen." 3.„Zur Belebung des Baugewerbes wird der Bau von Luftschutzräumen durch> die großen ludustriefirmen angestreb t." 4.„Auf gemeindeeigenem Gründe soll eine Siedlung der Kriegsbeschädigten erstehen, doch ist die F i n a n z i e r u n g s- fragc noch nicht gelöst"— Also hat's damit noch gute Weile! 5.„Für den Winter ist der Bau eines Schulhauses...geplant"— nicht gesichert! 6.„Der angestrebte Bahnhofsneubau wird Wirklichkeit; seitens der Reichsbahn liegen bestimmte Zusagen vor und die Arbeiten dürften im Herbst begonnen werden"— dürften... demnach noch fraglich! 7.„Zwei gewaltige Straßenproiekte sind für die Zukunft vorgesehen"— für welche Zukunft? 8.„Weiterhin wird eine Verbesserung der Verkehrsbedingungen angestrebt"— du lieber Himmel, in weicher Gemeinde wird sie nicht angestrebt. 9.„Eventuell"— eventuell!—„Verlängerung der Straßenbahn bis Allach." 10.„Ein Stoßtrupp der Arbeit soll die Wohnungsverhältnisse eingehend studieren ...um die Durchführung vonj Instandsetzungsarbeiten zu erwirke n." So sieht das„vorbildliche Arbeitsbeschaf- fungsprogramm einer kleinen Gemeinde" aus, daß außer dem Bauvorhaben der Lokomotivfabrik und der Reichsbahn(das noch nicht sicher ist!) nicht eine einzige positive Maßnahme für die Arbeitsbeschaffung bietet! Alles andere sind nur Versprechungen, Pläne, faule Wechsel für die Zukunft. Aus einem.Urbeiterbrief ——— Du glaubst nicht, wie furchtbar das alles ist, was uns heute zugemutet wird- Unser Gauleiter, der Konditor Schmalz in Hannover, der nach dem Siege der nationalen Revolution sozusagen vom Lehrling gleich zum InnungsehTenobermeistcr mit Ehrendolch ernannt wurde, möchte zu gerne glänzen. Sehl» Stellung als Gauleiterstellvertreter ist ihm zu wacklig. Darum kopiert er seinen Kollegen Koch aus Ostpreußen und macht den amtlichen Stellen blauen Dunst vor- Und so kommt es, daß wir in unserem Bezirk an der sagenhaften Autobahn in zwei Schichten beschäftigt werden. Trotzdem glaubt niemand von uns an die Fertigstellung dieser Bahnen. Aus diesem Gnmde ist• es für uns um so schlimmer, diese furchtbare Plackerei und Schinderei zu ertragen. In der letzten Woche hatte ich Frühschicht. Das heißt, ich muß um 2 Uhr nachts aufstehen, fahre 3 Uhr 15 mit der Eisenbahn an meinen Arbeitsplatz. wo um 4 Uhr morgens mit der Arbeit begonnen wird. Die Arbeitszeit dauert bis 12 Uhr 30 Min. mittags. Um 2 Uhr 15 bin ich völlig zerschlagen wieder im Hause. Schlafen kann ich nicht vor dem Ehmkcl- werden. da in unserem Armeleutehause, wie Du weißt, am Tage viel Leben ist Trotzdem muß ich die nächste Nacht um 2 Uhr wieder hoch. In der anderen Woche habe ich dann Tagesschicht Daun muß ich morgens 10 Uhr 45 abfahren und komme abends um 11 Uhr wieder zu Hause an. Und für solch eine Pferdetour von mehr als 12 Stunden bekommen wir den horrenden Lohn von brutto vier Mark. Von diesem Lohne gehen noch alle Abzüge und Fahrgeld herunter. so daß kaum das nötigste zum Leben bleibt Man hat uns Arbeitern von der Reichsautobahn also nicht nur die Freiheit und die Arbeitskraft, sondern, wie Du aus obiger Zeit- reclmung ersiehst, auch die Sonne gestohlen- Aber trotzdem lassen wir den Mut nicht sinken... Sozialfürsorge ohne Rücksidit.•• In der„Zeitschrift für ärztliche Fortbildung", Berlin, gibt Stadtmedizinalrat Dr. Klein, Berlin, darüber Auskunft, nach welchen Gesichtspunkten im Dritten Reich kinderreiche Familien unterstützt werden; „Die Verwaltung hat beschlossen Ehrenpatenschaften den dritten und vierten Kin-. dem zu verleihen... Es muß aber ausdrücklich festgestellt werden, daß diese nicht einfach eine Unterstützung für Kinderreiche sein sollen, wje wir sie ans früheren Zeiten gekannt haben, sondern es Ist hier etwas ganz Neues geschaffen worden, nämlich die Anregung zur bewußten Aufzucht erbgesunder Kinder. Es kann also die Patenschaft ohne Rüaksicht auf die Vermögenslage jeder erwerben, der ein drittes oder viertes rassenreines und erbgesundes Kind aufzieht Die Auswahl solcher Familien macht natürlich sehr viele Schwierigkeiten. Sie geschieht In der Weise, daß die Eltern, die sich zur Verleihung der Patenschaft melden. zunächst, soweit dies nicht schon vor der Eheschließung geschehen, nachträgüch erbbiologisch geprüft werden. Weiter werden die beiden vorhandenen Kinder untersucht und dann Im weiteren Ausmaß auch die gesamte Sippe durchforscht.'" Also Onkel, Tante, Vetter, Base, Groß-, nichtc usw. Bei diesem Verfahren haben natürlich erwerbslose Familien, in denen seit Jahren Not herrscht, in denen tuberkulöse, rachitische, skrofulöse Erkrankungen nichts Seltenes sind, recht wenig Aussicht auf die Patenschaft und auf die damit verbundene Geldunterstützung. Auf die Vermögenslage wird ja„keine Rücksicht" genommen. Bei dieser Art Erbgesundheitspflege geht das deutsche Volk langsam vor die Hunde. Intelligenzbestiengift Ortsgruppealciter Seehofer, Lauf, eröfiuete im Sprechabend bei der Ortsgruppe Altstadt, Sektion Egydien, den Kampf gegen Kritiker.. Miesmacher und Besserwis- s c r. Er geißelte in scharfen Worten däe staatsfeindliche Tätigkeit jener notorischen Nichtskönner, konfessionellen Hetzer und sonstigen Kerle, die vor der MachtübC- nahme den NationalsoziaEsnius bekämpften und in den Dreck zogen. Wenn diese feinen Leute heute glauben, nachdem säe 14 Jahre lang aBcs getan haben, nm den Wiederaufstieg unsere« Vaterlandes zu verhindern, nunmehr ihr I fite Migenzbesticngift in das deutsche Volk hineinspritzen zu können, so bekennen sie sich damit zu den Feinden Deutschlands und müssen damit rechnen, in Zukunft entsprechend behandelt zu werden. Fränkische Tageszeitung-. Führer zu Ramschpreisen! „W e rden Sie eine PcrsönJid'* k e i t! Nur wenn Sie innerlich gefestigt sind, werden Sie den Weg zum Erfolg beschreite11 können. Wir zeigen Ihnen diesen Weg durch die„Schule der deutschen Persönlichkeit- ... für monatlich nur RMk. 1.25. Ebi Inserat- Jeder sein eigener„Führer"— für fiur 1 Mark 25 Piennige! Nr. 55 BEILAGE ItorTJocmörfg 17. Juni 1934 ickuUwdStbMiia'dastolesekdetVikUUut! Mussollini und Hitler Was hat der Faschismus nicht alles yersprochen! Ein neues Reich der Wohlfahrt und des Glückes wollte er heraufführen, in dem der Bauer und Handwerker, erlöst von der Zinsknechtschaft des raffenden Kapitals und dem Steuerdruck ües„liberalistischen" Systems, befreit von der Konkurrenz der großkapitalisti- s�hen Unternehmungen, eine gesicherte üftd auskömmliche Existenz genießen, in rfem der Arbeiter, froh der Segnungen das neuen Sozialismus, im gesicherten Arbeitsplatz des höheren Einkommens teilhaftig würde, das die neue Führung der autarken Wirtschaft und die nationale Opterbereitschaft der Unternehmer- P? s ihm sichern. Eine saubere Staatsführung würde unter stetiger Erleichte- rung der Steuerlasten den Staatshaushalt ■n Ordnung halten, den Beamtenapparat einschränken und die Schuldenlast ver- ntindern. Das geeinte Volk, von neuer kVürde erfüllt, im Vertrauen zum Führer seeint, würde in wiedergefundener Kraft der bewundernden Welt das Gesetz seines Handelns auferlegen... E>ie Voraussetzung ist in Erfüllung gegangen: das Volk wurde in seinem Führer geeint—- mit Lug und Trug, mit Terror und Mord und Konzentrationslagern, die demokratische Selbstbestimmung restlos beseitigt, die faschistische Staatsgewalt wurde schrankenlos. Zwölf Jahre ist Mussolini an der Macht, übt er unumschränkte Herrschaft. Als er sie übernahm, setzte der erste Xroßc wirtschaftliche Aufschwung ein. der 1924 und 1925 kurz unterbrochen, in der Hochkonjunktur von 1929 gipfelte. Italien hatte, anders als Deutschland, keine Kriegstribute und der Sieg hatte Wertvollen Gebietszuwachs gebracht. Zwölf Jahre regiert Mussolini... Große öffentliche Arbeiten wurden unternommen, neue Stätten der rörai ■tehen Kultur freigelegt, aus aller Herren Länder strömten gefällige Journalisten, Künstler, Literaten zusammen und verkündeten den Ruhm des Regimes. Die Dontinischen Sümpfe wurden getrocknet, ohne Rücksicht auf die Kosten neues Ackerland gewonnen. Die Weizenschlacht Wurde begonnen, Italien sollte in der Lebensmittelversorgung autark werden ohne Rücksicht auf die Kosten; denn die Nahrungsfreiheit ist eine wichtige Vor Aussetzung für die Kriegsführung. "d deshalb wurde die Wirtschaft„angekurbelt". die Elektrizitätsversorgung ■ubventioniert, um von der ausländischen Kohlenzufuhr möglichst unabhängig zu erden, die Waffen- und Motorindustrien «fördert. yor kurzem hat Mussolini in der ita- •enischen Kammer eine große aufsehen- �egende Rede gehalten. Hat er von er siegreichen Weizenschlacht, von den . riolgen seines Systems, von den Seg- Ungen des Faschismus gesprochen? Ach .�h! Der Diktator erneuert nicht mehr je Versprechen, mit denen er die Macht Kattert hat. E r hat sich mit dem Elend abSefunden. pV!r Sehen". erklärt Mussolini,„einer Jjteriodo entgegen, in der die Mensch- "elt auf einem tieferen Niveau "rer Lebenshaltung Hir Gleich- «wicht finden wird. Aber man braucht 'yh deshalb nicht zu beunruhigen. �•ese Menschheit kann eine starke Menschheit sein, fähig des Enthusiasmus und des Heroismus." tuji®r faschistische Herrscher findet sich de tjrn Beherrschten ab, in tie f f'Hung, daß sie geeignetes Kano- stif j er bleiben. Aber warum das Ge- Andnis? Und warum jetzt? itap a?b 12 Jahren Faschismus ist die Sc,ICri'sche Wirtschaft und der italieni- scl]6 �taat bankrott infolge der Ver- Dgl�oudung, der Korruption, des skru- ci 0�n Leichtsinns, der Ignoranz und lieh.bstapelei des von jeder öffent- kr,«?1 �rifik und jeder demokratischen outrolle befreiten Systems. Das italienische Banksystem hat noch vollständigeren Bankrott gemacht als das deutsche, obwohl es keinen plötzlichen Run ausländischer Gläubiger ausgesetzt war. Es mußte mir verhältnismäßig noch größeren Kosten als das deutsche vom Staate mit Hilfe der Notenbank saniert werden. Die italienischen Banken waren vollgepfropft mit faulen Schulden der Industrie, die sie unter dem Druck der Diktatur wahllos gewähren müßten. Die überschuldete, künstlich aufgezüchtete Industrie gehörte praktisch den Banken. Um sie überhaupt wieder funktionsfähig machen, wurden alle diese festgefrorenen Engagements in eine neue Industriesanierungsbank eingebracht, deren Kapital vom Staat mit Hilfe der Notenbank aufge- Von Dr. Richard Kern. zeit fristlos kündbar sind. Die Bonds er reichten Ende März die gewaltige Summe von 10,3 Milliarden. Es ist also eine ge fährliche Festlegung, eine fortschreitende Illiquidierung aller verfügbaren Mittel erfolgt— ein Prozeß übrigens, wie er jetzt auch in Deutschland beginnt. Die wirtschaftliche und finanzielle Bankrottpolitik wird verschärft durch die faschistische Wirtschaftspolitik und Rüstungspolitik. Der Einfuhrbedarf trotz aller autarkistischen Flxperimente hoch, aber der Export geht immer weiter zurück. In den ersten vier Monaten stieg das Defizit der Handelsbilanz auf 965,8 Mill. Lire gegen 552,6 Mill. Lire des Vorjahres. Die Goldreserven der Bank von Italien erlitten in derselben Zeit einen Verlust von über 600 Millionen Lire. Dem Ende zu! Gar bald Mird es wohl heißen, ein Vogel ohne Vesi- O Bruder, nimm den Beitelstab. SA bist du gewest bracht ist. Resultat zwölfjähriger faschistischer Wirtschaftspolitik: Ein Staatskapitalismus, der alle zweifelhaften und unrentablen Wirtschaftsunternehmungen umfaßt und ein Rest von Privatkapitalismus, der die noch profitbringenden Zweige ausbeutet! Gegenwärtig, sagt Mussolini, ist es„der Staat, der drei Viertel der italienischen Industrie und Landwirtschaft seine Hilfe gewähren" muß. Das sei die Schuld der Banken, Kapitalisten, Industriellen und Grundbesitzer, die das hart erworbene Geld der Einleger, Gläubiger und Aktienbesitzer verwirtschaftet hätten. Das mag schon wahr sein. Aber was hat die Allmacht Faschismus, die Allgewalt des Führers getan, um diese frevelhafte Wirtschaft zu verhindern? War denn Mussolini je etwas anderes als der skrupellose Klopffechter, der italienische Faschismus etwas anderes als der brutale Stoßtrupp des italienischen Kapitalismus? Der Staat, der der bankrotten Wirtschaft helfen soll, ist selbst bankrott. Das Defizit im Staatshaushalt betrug am 28. Februar 3 Milliarden Lire und wird bis zum Ende des Fiskaljahres(30. Juni) etwa 7 Milliarden erreichen(1 Lire ungefähr Goldmark). Die Schuldenlast, an sich furchtbar drückend, stieg rapid um 88 Milliarden im Juli 1930, auf 96 im Januar 1933 und auf 102 Milliarden Ende März 1934. In den Dienst der Staatsfinanzierung werden sämtliche flüssigen Mittel des Landes gestellt, namentlich die der Postsparkassen. Diese geben Postsparkassenbonds aus, die von den Inhabern jeder- | Die Lire hat in den letzten Wochen einen Schwächeanfall und ihr Kurs sank auf den internationalen Börsen um zirka 5 Prozent. Seitdem ist eine leichte Befestigung eingetreten und hartnäckig erhält sich das Gerücht, daß die Bank von Frankreich der italienischen Notenbank Hilfe gewährt hätte, was, die Richtigkeit vorausgesetzt, auch von erheblicher politischer Bedeutung wäre. Dieser Vorfall von Wirt. Schaft und Finanzen spielt sich nun auf der Unterlage eines ohnehin schon unglaublicii niedrigen sozialen Niveaus ab. Das Elend der bäuerlichen Massen, der Landarbeiter, Halb- und Viertelpächter, der Arbeiter und Beamten, deren Löhne und Gehälter fortwährend reduziert wurden, ist immer groß gewesen und der Faschismus steigert es fortwährend. Der Lohnindex im Jahre 1933 be trug nur noch 85,5 Prozent(1928/1929= 100) und die Gehälter der in öffentlichen Diensten stehenden wurden 1930 allgemein um 12 Prozent herabgesetzt Jetzt ist Mussolini zu einem neuen Angriff geschritten. Die Finanzen sollen saniert werden, die Krise wird beängstigend. Aber, erklärt Mussolini in seiner Rede, der„Steuerdruck hat seine äußerste Grenze erreicht. Der italienische Steuerzahler muß eine Zeitlang absolut in Ruhe gelassen werden. Wenn möglich, muß er entlastet werden, soll man ihn nicht eines Tages unter seiner schweren Last zermalmt tot auffinden!" Aber auch Anleihen sind nicht mehr möglich und so dekretiert der Fuhrer einen neuen Lohn- und Gehaltsabbau der Staatsangestellten von 6 bis 12 Prozent, wobei die Teuerungs- und Familienzulagen sogar um 10 bis 50 Prozent verringert werden. Zugleich werden die Mietzinse der Wohnungen um 12 und die der Geschäftsräume um 15 Prozent herabgesetzt und jener Kampf für Preisherabsetzung angekündigt, dessen Erfolglosigkeit sich stets nach kurzer Zeit herausstellt. Dem Angriff Mussolinis auf die Kaufkraft und das Lebensniveau der Staatsangestellten ist der Angriff des Kapitals auf die Arbeiter auf den Fuß gefolgt. Die italienische Großindustrie führt gleichfalls einen Lohn- und Gehaltsabbau von 8 bis 12 Prozent durch und der Leiter des Reichs Verbandes der italienischen Industriellen, Alveerto Pirrelli hat die Frechheit, Mussolini zu telegraphieren: „Die italienische Industrie befolgt mit glühender Ueberzeugung und geschlossener Ergebenheit die von Ihnen mit Meisterhand vorgezeichneten Richtlinien, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und den Export zu erhöhen, damit die Unveränderlichkcit der Währung gesichert und die Volkswirtschaft gefestigt wird." Fortschreitender Bankrott, zunehmende Verelendung der geknechteten Massen, wachsende Not der Bauern, steigende Bedrängnis des städtischen Mittelstandes, Bruch aller Versprechungen— das ist das Resultat der Herrschaft des Faschismus. Daher Mussolinis erzwungenes Geständnis von der kommenden Periode der niedrigen Lebenshaltung. Aber nicht um die „Menschheit" handelt es sich, sondern um die ihrer Rechte und ihrer Selbstbestimmung beraubten Massen in den Ländern der Diktatur. Dem Mussolini freilich bleibt nichts übrig als der Appell an die bestialischen Instinkte. Denn was er als„Enthusiasmus" und„Heroismus" verherrlicht, ist ja nichts anderes als die Weckung der Mordlust zu einem europäischen Bürgerkrieg. „Nie von Abrüstung sprechen... Die Geschichte lehrt uns, daß der Krieg stets die Höherentwicklung der Menschheit begleitet... (Auch wenn er uns in die faschistische und nationalsozialistische Barbarei zurückstößt?) Der Krieg ist für die Massen, was die Mutterschaft für das Weib... Ich glaube nicht an den ewigen Frieden, der die Grundtugenden des Mannes verneinen würde, der sich erst im blutigen Kampf zum vollen Licht der Sonne erhebt." Doch diese Blutlyrik hat ihre prosaische Seite. In derselben Rede, in der Mussolini das Elend der Massen, den verzweifelten Zustand der Wirtschaft und der Finanzen enthüllt, werden neue R ü-. stungsausgaben angekündigt: von 1934 bis 1940 wird eine Milliarde für neue Kriegsschiffe und eine zweite für Er- | neuerung der Luftstreitkräfte bereitgestellt. Die italienische Rüstungsindustrie kann beruhigt sein und die Bankrottwirtschaft dauert fort. Wie der Herr, so's Gescherr! Dem großen Duce folgt der kleine G ö b- bels. Er hat die Rede des Meisters sofort in ein schlechtes nationalsozialistisches Deutsch übertragen— Geständnis sowohl als Appell an die Bestialität. In einer Rede gegen die Miesmacher in Bremen gestand er; „Wenn von den Kritikern und Nörglern gesagt wird, ja. aber drei Millionen stehen noch draußen und haben keine Arbeit, so halten wir es für sozial richtig, daß die vier Millionen, die in Arbeit stehen, sich mit niedrigeren Löhnen begnügen, bis auch die andern in Arbeit stehen. Wir wissen, daß der deutsche Arbeiter das niedrige Lohnniveau überstehen wird: denn ihm wird es lieber sein, in einem Regime zu arbeiten, das nur auf Ehrlichkeit und nicht auf Illusionen aufgebaut ist." Es ist gewiß nett von diesen lumpen- proletarischen Emporkömmlingen, daß sie zu den riesigen Einkommen auch noch die Gewißheit erworben haben, daß die Arbeiter schon das„niedrige Lohnniveau überstehen" werden! Die Hitler und Göb- bels und Göring und Ley's werden es von der Höhe ihres neu erreichten Lohnniveaus zunächst ruhig abwarten können in der anderen Gewißheit, daß die„Regierung, wenn die Not des Landes es erfordert, ein scharfes und erbarmungsloses Regiment führen muß. Aber festhalten wollen wir das Geständnis, das bisher als Greuelmärchen gegolten hat, daß eine allgemeine Lohnreduktion erfolgt, daß die Kosten der Arbeitsbeschaffung, soweit sie überhaupt stattgefunden bat, zu Lasten der beschäftigten Ar- b e i t e r gegangen ist, daß die Not u n- ter Hitler gestiegen und noch nicht zurückgegangen ist. Wenn aber Göbbels jetzt meint, daß die Nationalsozialisten„nichts weiter hätten tun können als nur den Schutt und Schmutz wegräumen, den wir bei der Machtübernahme vorfanden", so steht das in unlöslichem Widerspruch zu den Ruhmesreden des Propagandaministers, der bis vor kurzem nicht genug daher- schwätzen konnte über das Vollbrachte, über die ungeheueren Leistungen. Jetzt wird selbst der Lautsprecher der Diktatur erheblich kleinlauter. Denn die Nationalsozialisten haben zwar keinen Schmutz und Schutt aufgeräumt, sondern ihn in riesiger Höhe aufgehäuft, aber weggeräumt haben sie — und gründlich den Goldschatz der Reichsbank. Er ist jetzt auf 120,5 Millionen gefallen; die Notendeckung beträgt 3,4 Prozent und die Krise wird immer würgender. Die Maßnahmen der Kriegswirtschaft verschärfen sich. Die Ueberwachungs- stelle für Kautschuk hat Höchstsätze für die Rohgummiverwendung pro Decke bczw. Schlauch der Fahrräder erlassen, um Devisen bei der Einfuhr von Gummi zu sparen und bald wird man statt auf Gummireifen auf Drahtspiralen, in das Elend des Dritten Reiches fahren müssen. Die Ueberwachungsstelle für unedle Metalle hat angeordnet, daß Kupfer und dessen Legierungen zu Freileitungen für die Elektrizitätsversorgung im Inlande nicht mehr verarbeitet werden darf. Der „Völkische Beobachter" warnt eindringlich vor dem„Run auf Güter mit ausländischen Rohstoffen", und die gute Beschäftigung der Textilindustrie, der man bisher die Stoffe ohne Ersatz aus den Händen gerissen hat, ist im Abflauen... Aber das ist noch nichts gegenüber der sensationellen Enthüllung, die der letzte Bericht der Arbeitslosen- Anstalt bringt. Zunächst berichtet er brav und„bieder" einen neuen Ruckgang von 80.000 und man wundert sich höchstens über die diesmalige Bescheidenheit, Deutscher Coue Im Hitlcrland mußte eine Frau, die seäußert hatte, daß unter Hitler nichts besser geworden sei, sich jeden Tag auf dem Rathaus melden und sagen: „Es ist schon besser geworden und wird noch besser werden." Sind Kisten auch und Kasten leer, Behilft man sich mit Cou6. Und schafft er nicht die Gelder her, So schafft er einem Ruhe. Wer unsern Optimismus stört, Wem das Vertrauen schwindet. Kriegt einfach Senge, bis er schwört, Daß er's schon besser findet. Das letzte Reichsbankgold verdampft, Nichts blieb, als faule Wechsel. Die Lippen zum Gebet gekrampft: „Wir haben Geld wie Häcksel." Dein Laden leer, der Handel stockt, Du spürst bereits das Messer An Deiner Kehle?— Nicht gebockt! Sag flink:„Mir geht's schon besser." Mußt Du für zwölf Mark Wochenlohn Bei Scbwerarbeit dich schinden, So sprich;„Es ist ein Fortschritt schon, Daß Arbeit ich könnt linden." Wenn sie die Unterstützung gar, Die kärgliche, dir streichen, So jubilier;„Nun ist mir klar, Daß wir das Ziel erreichen!" Und wenn so jeder Deutsche spricht Zehnmal an tausend Tagen. Und dieses hilft noch immer nicht,-- Dann muß er's n o c b m a f sagen. M u c k i. Die Gefangenen Prag, Frühjahr 34. Ich gehe über den Wenzelsplatz. Die Sonne scheint, das Leben lärmt... Aber plötzlich, mitten im Strom der Passan- da im Mai des Vorjahres der Rückgang 292.000 Arbeitslose umfaßt haben soll. Aber dann erfährt man, daß plötzlich nicht weniger als 10 0.0 00 Notstandsarbeiter und dazu noch S t a m m a r b e i t e r, die mit ihnen zusammen beschäftigt waren, entlassen worden sind! Die„Arbeitsschlacht an der Marne" wird man künftig diesen Hee- • J i« Unter den vielen Kidern, die die gleichgeschaltete Presse, vor allem die Festausgabe des„Illustrierten Beobachters", vom letzten Nürnberger Naziparteitag gebracht hatte, war auch eines, das den Führer Hitler reigte, wie er dem Mitglied Nr. 61 die Hand schüttelte. Dieses Mitglied Nr. 61 war aber auch ein weißer Rabe, denn es hatte bisher noch nicht auf seine Rechte gepocht und war durch Hitlers Sieg noch nichts geworden. So etwas war noch nicht dagewesen. Doch in anderer Beziehung war dieses Mitglied Nr. 61 kein weißer Rabe. Denn es wurde in diesen Tagen von einem Berliner Gericht wegen Rückfalldiebstah- les zu sechzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Zu sechzehn Jahren Zuchthaus! Nur wegen Rückfaildiebstahls! Aber es ist auch sehr unangenehm, wenn ein solcher Mann Hand in Hand mit dem Führer geknipst wird! K I o t s c h war nach Verbüßrmg einer sechsjährigen Zuchthausstrafe im März 1933 aus Sonneburg entlassen worden. Er sah so viele Lumpen in Amt und Würden, ein nationalsozialistisches Mitgliedsbuch hatte er auch vor zehn Jahren gelegentlich einer Trinkerei erworben, warum sollte er nicht auch etwas werden? Allerdings, Sonneburg war trotzdem keine Empfehlung. Aber wenigstens fürs Arbeitslager, wo man zu essen bekommt, würde es reichen. So wurde Klotsch freiwilliger Arbcitsdienst- 1 e r im Feldlager Lüneburg. Doch Kiotschs Glücksstern stand im Jahre 1933 hoch auf dem Firmament. Am der Suche nach den ersten hundert Mitgliedern stöberte ihn das Münchener„Braune Haus" auf, man schrieb ihm, daß er sich erstaunlicherweise noch nicht in Erinnerung gebracht habe, er solle doch zum Parteitag nach Nürnberg kommen. Sollte Klotsch seinem Glück im Wege stehen? So saß er denn auf der Ehrentribüne der alten Kämpen, wurde gefeiert, und beim Aufmarsch schüttelte der Führer diesem Bescheidensten unter den Hundert die Hand. Und weil Adolf Hitler ein zweiter Harun al Raschid ist, befragte er ihn, ob er einen Wunsch habe. Klotsch dachte an Sonneburg und beschränkte sich bescheiden auf die Feldmei- sterei im Lüneburger Arbeitslager. Feldmeister Klotsch war im Lager hoch in Ehren, wurde beneidet, und wenn man von Berlin etwas wollte, entsandte die Lagerleitung ten, überfällt es mich. Ich schließe die Augen, ich horche in mich hinein- Aus namenlosem Dunkel weht Eishauch des Erinnerns... Sie... sind... wieder da. Sie kommen auf mich zu, umringen mich,— die lebendig Begrabenen, deren Gefährte ich war, deren Kerkerqual ich teilte, ehe ich im Wirbel verwegener Flucht aus ihrem Kreis entkam und aus dem großen Zuchthaus, das Deutschland heißt. Die Gefährten... Sie fordern, daß ich spreche. In threm Namen. Daß ich ihre stumme Qual hinausschreie an das Ohr der Weit Hilfeschrei und Mahnruf aus deutscher Kerkernacht. Ecce homo! Seinen Namen habe ich vergessen, aber sein Gesicht sehe ich vor mir; ein fahles, mageres, von Angst zerknittertes Gesicht. Nein, ein„Heid" sieht anders aus. Dennoch: er war einer. Er hatte ein lahmes Bein und einen ewigen Rheumatismus aus vier Jahren Krieg heimgebracht Jetzt saß er mit uns in Schutzhaft. In einer Zelle, die für vier Mann bestimmt war. Wir waren sechzehn. Jeden Tag, oft auch mitten in der Nacht, holte man ihn zum Verhör. Er war geständig, aber er weigerte sich, seine Mittäter zu nennen. Erst war man höflich zu ihm, versprach ihm die Freiheit und alles mögliche, wenn er... Er schwieg. Dann warf man ihn auf zwei Tage in den Kellerarrest Hartes Lager, Wasser und Brot, kein Licht, eisige Kälte. Als er wieder kam, war er um Jahre gealtert Man vernahm ihn, er schwieg. Man gab ihm bis zum Abend Bedenkzeit Abends, als sie ihn holten, weinte er. resbericht nennen. Die Devisen- und Finanznot wirkt auf die Arbeitsbeschaffung zurück und hat sie plötzlich zum Stillstand gebracht. Man will um jeden Preis die Rüstungsindustrien sichern, und wieder geht es auf Kosten der Arbeitenden,— die aus der Arbeit geworfen werden. Wozu Mussolini 12 Jahre gebraucht hat, Hitler hat es fast in 12 Monaten geschafft! !\ p. 61 das Mitglied Nr. 61. Wie es sich für einen hohen Herrn des Dritten Reiches gehört, wurde, wenn auch nicht im Kaiserhof, so doch im E x z e 1 s i o r ein Zimmer bestellt und der Gesandte des Lagers dem Hoteldirektor avisiert und Abrechnung mit dem Lager erbeten. Klotsch ließ es sich in dem Luxushotel gutgehen, aß und trank nach Herzenslust und freute sich, wie ihm die Nr. 61 alle Türen öffnete. Schließlich aber mußte er wieder abreisen. Und nun kam die Katastrophe, kam nur durch die Schuld Khotschs, der durch einen geistigen Kurzschluß plötzlich vergaß, daß er den Beruf gewechselt hatte und nun das Mitglied Nr. 61 war. Plötzlich, auf dem Bahnsteig fünf Minuten vor Abgang des Zuges, der ihn nach Lüneburg zurückbringen sollte, hatte er auf einmal eine Damenhandtasche zwischen den Fingern und schon war auch die Polente zur Stelle und er war verhaftet. Der Traum war zu Ende. Die Parteileitung aber gab bekannt, daß das Mitglied Nr. 61 mit Namen Klotsch bereits im Jahre 1929 verstorben sei. Wer es glaubt, bekommt einen Taler! Opposition jiregen den ftenk er verboten Das Verbot des Filmes„Frühlingsstimmcn", der im Berliner.Atrium" aufgeführt werden sollte und der in Airwesenheit des Publikums abgesetzt wurde, weil jüdische Schauspieler in Ihm mitwirkten, führte zu lebhaften Protesten des genasführten Publikums, das unter großem Lärm und deutlich hörbaren Rufen wie„B 1 ö d- s i n n" das Theater verließ. Ebenso sprang man mit dem Publikum der Berliner„Volksbühne" um. Es wurde kurzerhand vor dem Hochgehen des Vorhanges aus dem Saal geworfen, als soeben die Premiere des Stückes„Der Prozeß Mary Dugan" steigen sollte. Das übrigens völlig unpolitische Stück wurde verboten, weil in seiner Tendenz ein„Angriff" auf die Todesstrafe zu sehen sei. Protest gegen den legalen Measchcnmord, Opposition gegen den Henker ist verboten! Reldisjustizmlnister gegen Sondergerxdiic Erst jetzt erfährt man, daß Reichsjustizmini- sterGür tn«r sich auf der Märztagung der Akademie für Deutsches Recht als Feind der Sondergerichte bekannt hat. Eine derartige Zersplitterung der Gerichtsbarkeit sei Aber er blieb fest und wanderte wieder in den Keller. Nach zwei Tagen kam er zurück: ein Menschenwraok. Eine Weile ließ man ihm Ruhe. Dann wieder: Verhör. Der Gestapo- Mann sagte zu ihm:„Mit Rücksicht auf ihre Kriegsbeschädigung haben wir Sie bis jetzt nicht der SA übergeben, aber wenn Sie nicht anders wollen... Ueberlegen Sie sichs! Bis morgen!" Die ganze Nacht durch wimmerte er auf seiner Pritsche. Niemand konnte schlafen. Einer, von Mitleid übermannt, riet ihm, auszusagen.„Du bist wohl ein Spitzel!" schrie er als Antwort. Am nächsten Tag holten sie ihn. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Der„Aelteste". Der„Zellenälteste"— vom Kerkermeister dazu ernannt— war nicht alt, sondern jung. Er hielt sich am tapfersten von allen. Lachte und schwatzte, um die andern aufzurütteln. Aber es gab auch Tage, wo er kein Wort sprach und stundenlang vor sich hinstarrte... Er war schon in Untersuchungshaft gewesen. Ein paar Monate lang. Man konnte ihm aber nichts nachweisen und ließ ihn heraus. Als er auf der Straße stand und den Atem der Freiheit einsog, kam ein Beamter hinter ihm hergelaufen:„Halt! Ein Irrtum! Sie kommen in Schutzhaft!" Nun saß er im Präsidium und die Gestapo hatte neue Beweise gegen ihn. Es ging von vorne los. Später, im Untersuchungsgefängnis, traf ich ihn wieder. Er lachte und schwatzte nicht mehr. Weil er nie zur SA in die Folterkammer gebracht wurde, hielten ihn manche für einen nicht tragbar. Um so weniger, als die einzelnen Sondergericiue verschiedenen Ministerten unterstehen und einer gemeinsamen Oberleitung praktisch entbehren. Es ist typisch für die Berichterstattung des Dritten Reiches, daß dieses Bekenntnis des höchsten deutschen Justizbeamten einfach unterschlagen wurde. Schon dieses Totschweigen deutet darauf hin, daß Gürtners Protest keinen Erfolg haben wird, die Ländertyrannen wollen sich ihre Privathenker nicht rauben lassen. Die Sondergerichte wurden ja nicht gegründet, um Recht zu sprechen, sondern um das Recht zu umgehen! Sie kämpfen weifer Am 24. Mai feierte die Nazipresse den Tag vom Annaberg. Der Annaberg ist eine Erhebung in Oberschlesien, die!. J. 1921 von deutdien Freischärlern erstürmt wurde. Der Hymnus geht in der„Fränk. Tageszeitung" so: Heute, an dem Gedenktag der Erstürmung des Arraabergs durch das Fredkorps Oberland, wollen wir useren Dank nicht hochtrabenden Reden, großen Feiern aussprechen, der Dank der jungen Nation gegenüber den Heiden der Freikorps sei das Gelöbnds: Weiterzukämpfen für das geraubte Stück Mutterland,im Osten, Sch 1 e- sien. im Norden Danzig und Holstein, im Westen die Saar, und im Süden Tirol. Das ist nationalsozdaHstische Poesie. Nationalsozialistische Prosa ist Ost-Locarno, Freundschaftspakt mit Polen und Verzicht. Diebesgemelnsdiaft! Der bekannte Arzt und Schriftsteller Dr. Friedrich Wolf, der Verfasser des Dramas„Zyankali", aber auch einer populäre» Naturheilkunde, teilt das Schicksal vieler linksgerichteter Schriftsteller; das Dritte Reich stiehlt ihm sein Vermögen. Aber in diesem Falle glaubte das Landespolizeiarat Württemberg— Dr. Wolf wohnte zuletzt in Stuttgart — noch ein übriges tun zu sollen: es forderte jedermann auf, der Vermögensstücke des Beraubten in Gewahrsam habe oder über ihren Verbleib Bescheid wisse, dem Landespolizei- amt Anzeige zu erstatten. Wer die Anzeige unterließe, so hieß es weiter, stelle sich damit außer Ii alb der Volksgemci»' schalt. Wobei sich das edle Landespolizeiamt wohl nicht ganz klar darüber gewesen ist, daß es mit diesem Hinweis die Volksgemeinschaft Hitlerscher Couleur zu einer Diebesgemeinschaft degradiert hat. Sinnig. Bei einer Kundgebung der Hitlerjugend in Frankfurt a. O. wurden auf einem Scheiterhaufen sechzig Schülermützen einige Schilder„Aufgang mir für Herrschaften" verbrannt Die Schilder verbrennt man, die Herrschaften Krupp, Thyssen, Schacht usw.— regieren inzwischen bloß! Kennen Sic das neueste Arbeitsbeschaffungsprojekt Hitlers? Arbeit für dreihundertfausend Mann! Säe sollen die Balken in den nationalsozialistischen Vcrsamnrhmgslokalen weder gerade biegen! Spitzel. Aber er war kein Spitzel. Sondern: die Gestapoleute hatten Angst vor ihm. war bärenstark und sehr jähzornig. Er hatte ein Kartenspiel und ein Brotmesser in die Zelle geschmuggelt. Aber es kam keine Skatpartie zustande. Die Spieler waren nicht bei der Sache.„Werden sie mich morgen totschlagen?" dachte ein jeder und warf die Karten beiseite. Das Messer lieferte der„Aelteste" selbst wieder beim Wachtmeister ab. Einer hatte des Nachts versucht, sich die Pulsadern damit aufzuschneiden... Der Arzt. Wer von der SA zurückkam— blutüberströmt die meisten— wurde in eine Einzelzelle geworfen. Da lag er und schrie imd jammerte. „Sind Sie krank? Brauchen Sie den Arzt?" fragte höhnisch besorgt Iwan der Schreckliche. So nannte unser Galgenhumor den Poliwi- meister, der das Gefängnis unter sich hatte. Der Arzt, im Hauptberuf SS-Mann, kam. „Keine Lebensgefahr. Haftfähig. Hat wohl einen Unfall gehabt?" Der Arzt geht wieder. In der Tür dreht er sich um.„Sehen Sic, das ist der totale Staat'" ruft er. Den Satz hielt er für solche Fälle immer bereit. Er war stolz auf diese Gemeinheit. Mutter und Sohn. Einer war so schwer mißhandelt worden. daß er in Lebensgefahr schwebte. Man wa'f großzügig und brachte ihn ins Krankenhaus. Als seine Angehörigen ihn im Gefängnis sprechen wollten, hieß es, ihm sei die Besuch»' erlaubnis entzogen... Pg. Sdilller, Pg. Goethe Ein Professor Tenmremigt die Literatur Wenn die Hakenkreuz- Barbaren große Na- n«! der deutschen Geistesgeschichte für sich in Anspruch nehmen, gleichen sie einer gewissen Spielart Verrückter, die marmprne Denkmäler mit ihren Exkrementen zu besudeln lieben; nicht umsonst ist die Farbe des„Drit- isn Reiches" braun. So ging es mit Friedrich Nietzsche. Zwei Aussprüche des„Zarathu- stra"-Dichters genügen, sein hundertprozentig negatives Verhältnis zum Kern der Hitlerei festzulegen, dieser:„Maxime: mit keinem Menschen umgehn, der an dem verlogenen Rassen- schwindel Anteil hat", und der andere;„Einem Juden zu begegnen, ist eine Wohltat, gesetzt, daß man unter Deutschen lebt". Ist es da nicht eine wilde Groteske, wenn der gleiche Nietzsche als philosophischer Vorläufer derer gefeiert wird, die heute im Namen des Rasscn- schwindo's und der Judenhetze Deutschland in Grund und Boden ruinieren? Ach, alles ist im ••Dritten Reich" Groteske, und keine wiederum ist so grotesk, daß sie nicht sehr bald von einer noch groteskeren überboten würde. Nach Nietzsche sind darum jetzt S c h i 1- 1 e r und Goethe daran, in die SA-Kluft gesteckt zu werden. Jawohl, Schiller und Goethe! Auf der letzten Tagung der glor- felch gleichgeschalteten Goethe-Gesellschaft in Weimar hat es kein Geringerer als ihr Vorsitzender, Professor Petersen, fertig gebracht, ohne Erröten die Ungeheuerlichkeit von sich zu geben:„Schiller und Goethe sind die ersten Nationalsozialisten Sewesen!„Schwapp! hat auch das Denkmal dieser beiden großen Deutschen seine braune Sauce weg und bodarf gründlicher Reinigung "lit Seife, Sand und Schrubber. Aber lohnt es wirklich, einen Goethe und «inen Schiller, obwohl sie sich gegen die Petersens nicht mehr wehren können, gegen die Widerwärtigkeiten eines Professors in Schutz zu nehmen, der sich entehrt, indem er s,c zu ehren glaubt. Zu laut sprechen ihre � erke gegen jeden Versuch, sie für die deutschen Zufalls- und Augenblicksmachtliaber von '934 nutzbar zu machen. Goethe— man vermag sieh die Gefühle unverhohlenen Ekels auszumalen, mit denen der gelassene Olympier ai>f den Haufen tobender und schwitzender, Seist- und seelenloser Spießbürger hcrabblicken wünde, der den Kern des Hakenkreuz-Heerbannes bildet. Aber vom Aesthetischcn ganz zu schweigen, steht seine Gedankenwelt so unerreichbar hoch über der brutad-hysterischen Lümmelei der Nazioten wie das Ewigkeitsstreben Fausts Ober dem Treiben einer Gorilla- berdc. Jene verzapfen die Weisheit, daß es rdcht auf den Verstand, die Vernunft, das Bewußtsein, die Uebcrlegung, die Logik, sondern einzig auf die dumpfen„Stimmen des Bhits" aidcQtnmc, für sie ist das Irrationale, das ungeordnete Chaos in uns, das Unterbewußtsein bestimmend. Uebcr die Vernunft höhnen sie wie der Spitzbube über die Ehrlichkeit, und Was sich immer auf der ratio, der Vernunft, aufbaut, dünkt sie„liberalistischcs" Geschwätz. Einer der stärkst«! Weseoszüge Goethes aber ist der Wille und die Forderang, das Irrationale, die dunklen, chaotischen Gewalten in unserer Brust zu bändigen, zu unterdrücken, zu vergeistigen. Für Goethe heißt das erste Gebot und Gesetz: Klarheit, Ordnung, Bewußtsein. Stets herrscht in seiner Welt der heile Tag, nie die Dämmerung, nie der Nebel. Denn deutlich erkennt er, daß nur durch Bewußtsein, Ordnung und Klarheit der Weg zu dem hohen Ziele führt, das ihm unablässig vorschwebt: die En t b a r b a r i si e r u n g der Menschheit Ein leuchtender Stern steht über seinem Schaffen: der Begrifi der Humanität, der Menschlichkeit. Den Menschen menschlich sehn, den Menschen als Menschen würdigen, den Menschen im Sinne von Kants Lehre nie als Mittel, immer als Zweck nehmen — darum dreht sich Goethes Lebensauffassung. Sein Organ ist darum nicht die Faust, sondern das Hirn. In der„Iphigenie auf Tauris" offenbart er uns das Hohelied der Menschlichkeit, die über grausam finstere Barbarei siegt. Durch dieses Stück klingt wie durch Goethes ganzes Werk gleich einem reinen vollen Glockenton„die Stimme der Wahrheit und der Menschlich kedt". Darum ist ihm auch nichts fremder als nationale Beschränkung und Beschränktheit. Niemand urteilt über die eigenen Landsleutc kritischer, niemand lernt von andern Völkern bereitwilliger als er. Er prägt den Begriff der Weltliteratur, das Gegenstück zu der geistigen Absperrung und Selbstbefriedigung, wie sie in den Bezirken des Herrn Göbbcls Trumpf ist Als denn 1813 die patriotische Begeisterung gegen die französische FreindherrschaJt durch Deutschland braust und schäumt, stimmt„der erste Nationalsozialist" nicht etwa an: Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen, sondern steht kühl bei Seite. Er vermag die Franzosen nicht zu hassen, denn wie das so der Nationalsozialisten Brauch ist hat er sich sein Leben lang in das französische Geistesleben leidenschaftlich eingewühlt und ist in der französischen Kultur mehr zu Hause als irgend ein Deutscher. In diesem Zusammenhang erwähnt er den Nationalhaß und meint;„Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet, und wo man gewissermaßen über den Nationen steht und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet als wäre es dem eigenen begegnet Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß". Nicht wahr, ähnliches Bekenntnis legt auch Herr Göring ab, und gleiche Lehre wird in den SA-Kasernen verkündet? Oder nicht? Nein, hier gibt es nichts zu drehn und zu deuteln. Von dem großen Antibarbaren Goethe, der tms die „Iphigenie" schenkte, führt zn den„auf den untersten Stufen der Kultur" stehenden Barbaren, die den vertierten Mördern von Po- tempa die blutbesudclte Hand drücken, keine Brücke in Zeit und Ewigkeit und-wenn Herr Professor Petersen einmal darüber nachdenkt wird er vielleicht doch rot Nicht anders geht es mit dem Pg. Schiller. Vor allem andern ist der Dichter des „deutschen Idealismus" eins: ein Weltbürger, der in dem Muff und Mief nationalistischer Engherzigkeit nicht zu atmen vermag. Ihm ist es„ein armseliges, Weines Ideal, für eine Nation zu schreiben", und seinem Volke ruft er zu: Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus. Denn das freie Menschentum im Sinne der klassischen Humanität jst auch das leuchtende Ideal dieses anderen„ersten Nationalsozialisten". Ungestümes Freiheitspathos braust durch die meisten seiner Stücke, durch Anprangerung des Despotismus und der Inquisition die„prostituierte Menschheit" zu rächen, gilt ihm als Ziel, u nd wie das erste seiner Dramen,„Die Räuber", die Losung trug: Wider die Tyrannen!, so gipfedte sein letztes,„Wilhelm Teil", in der Verherriichunig des Rechts auf Insurrektion, das die französische Revoki- fion dem geknechteten Merrschen felcrflch zugebilligt hatte: Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträgHoh wird die Last— greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gcn Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst. Der alte Urständ der Natur kehrt wieder. Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will äst ihm das Schwert gegeben. Kein Wunder bei solcher Gesinnung, daß jene Revolution, deren Prinzipien Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit für die Braunhemden die Quelle alles Uebels bedeuten, Schiller den Bürgerbrief der französischen Republik übersandte. Schillers Gestalten aber im„Dritten Reich"? Die Geßler und Gianettino lebten versteckt im Hintergrunde, denn neben den Gewaltmenschen und Folterknechten des braunen Deutschland wirkten sie schlapp. Teil wäre-als „marxistischer Untermensch" mit dem Handbeil enthauptet oder„auf der Flucht erschossen" worden, der Marquis Posa säße, weil er in„überalistischcr" Frechheit Gedankenfreiheit zu verlangen gewagt hätte, im Konzentrationslager, nur Franz Moor spielte wohl eine aktive Rolle als eine Art Göbbcls II. Karl Max. Dletwarte und Ehrenfeldhüter Die nationale Revolution tobt sich, da es ihr versagt ist, auf wichtigeren Gebieten nennenswerte Erfolge zu erringen, vorläufig auf dem Gebiete der menschlichen Eitelkeit aus. Fast jeden Tag liest man von der Schaffung neuer Uniformabzeichen, neuer Amtsbezeichnungen und Titel. Es führt eine gerade Linie von den Ehrenoberführern über die mannigfaltigsten Kommissare, Staatsschauspieler und Kammersänger zu Rassenzuchtwarten, Diet- warten und Ehrenfeldhütern. Uebcr die Nam und Art der Dietwarte klärt uns eine parteiamtliche Erläuterung, die wir der Nr. 117 der„Braunschweigischen Landeszeitung" entnehmen, auf. Es heißt da: „Das Wort Dietwart enthält in seinem ersten Bestandteil das Wort„diöt". Es ist dieselbe Wurzel, aus der diutuisk, diotisk (Idiot, idiotisch, die Redaktion) und damit unser heutiges„deutsch" erwachsen ist. Es bedeutet„Volk" und kehrt in den Namen Dietrich, Dietiind, Diethold, Dietherr u. a. wieder. Ein Dietwart hat die Aufgabe, Hüter und Förderer aller deutschen Volkstums werte, deutscher Sitte und Art, sowie Erzieher zum Volkstum und Schützer einer bewußt deutschen Lebensführung der ihm anvertrauten Mitglieder zu sein. Neben der körperlichen Ausbildung, die die Faohwarte leiten, hat der Dietwart die Aufgabe, die geistige Erziehung im nationalsozialistischen Sinne zu fördern. Der erst kürzlich herausgegebene Erlaß des Stellvertreters des Führers, Reichsministers Rudolf Heß, legt den Dietwarten die Pflicht auf, die nationalsozialistische Schulung der Turner und Sportler vor allem auf dem Gebiete der Rassenpflegc und Volks- tumkunde zu leiten in engstem Zusammenarbeiten mit den parteiamtlichen Stehen, die sich für die Pflege der deutschen Kuftur- werte einsetzen. Wer kann Dietwart sein? Männer, die den Nationalsozialismus erlebt haben und in treuer Gefolgschaft zum Führer stehen. Es ist nicht unbedingt nötig, daß der Dietwart nun ein„sehr gelehrter Mann" ist, womit aber nicht gesagt sein soll, daß er das geistige Rüstzeug nicht zu haben braucht usw." Nun wissen wir also, was so ein Dietwart ist. Bei der Gelegenheit sei uns die Feststellung gestattet, daß man im ailgemeinen die Beobachtung machen konnte, daß der Nationalsozialismus bei der Besetzung irgendwelcher verantwortlicher Stellen auf geistige Qualitäten keinen allzugroßen Wert legt. Man denke an die neue Bestellung des Reichsministers für-Wissenschaft, Erziclrang und Volksbildung. Man nahm für diesen Posten den hannoverschen Heldenpapa Rust, obwohl ihm erst vor wenigen Jahren ein Psychiater bescheinigte, daß seine geistigen Fähigkeiten nicht groß genug seien, um regulären Schuldienst zu versehen. Warum sollte man also bei den Dietwarten eine Ausnahme machen? Nun zu den Ehrenfeldhütern, Ueber diese neue Gattung der Untertanen des Dritten Reiches wird aus Peine bei Hannover gemeldet: „Zu Ehrenfeldhütern wurden die Landwirte A. Bosse, Robert Thientann und August Busse sowie der Arbeiter Karl Großkopf ernannt. Sie haben die Rechte und Pflichten eines Polizeibeamten und sind zum Waffengebrauch berechtigt." Ef kann sich bei der Berufung dieser Ehrenfeldhüter in Wirklichkeit nur um eine Ehrung der Berufenen handeln. Denn bekanntlich hungert ja in Deutschland niemand mehr. Wer sollte also Feldfrflchte stehlen? Seine Mutter besuchte im Krankenhaus �"en Bekannten. Als sie an der offenen Tür ejne» Einzelzimmers vorbeiging, sah sie— e'n Zufall— dort ihren Sohn liegen. Sie �itnte ein paar Worte mit ihm roden. Sie er- luhr die Wahrheit. Ein Krankenwärter— SA-Mann— hatte dfe Szene beobachtet. Am nächsten Tag wurde �Cr Patient angeheilt ins Gefängnis zurückgedacht. Er protestierte, wandte sich an den �Pitalsarzt:„Ich bin nicht haftfähig, ioh bin schwer krank!" Der Arzt nickte, und... zuckte �'t den Achseln:„Wir Aerzte sind machtlos." Mörder und Räuber. Einer sagte:„Wenn man uns später wenig- Meiis ins Lager stecken würde. Nur nicht ins -achthaus zu den Mördern und Räubern!" Er � ar ein Neuling, der nicht Bescheid wußte. Ein anderer erwiderte ihm:„Wenn man uns Wenigstens ins Zuchthaus bringen würde, nur nicht ins Lager, zu den Räubern und Mör- üern..." Er raeinte die SA. Er wußte Be- scheid. Er hatte übrigens Unglück: er wurde freigesprochen. Und kam ins Lager. Heimweh. Da war einer, der war ins Ausland ge- 'üchtet und-- wiedergekommen. ••Warum?"1 fragte ich. .»Du wirst lachen,— aber ioh hielt es ein- aoh nicht aus. Ich verlor den Verstand vor Heimweh. Ich wußte, daß es Wahnsinn war, �er ich war nicht mehr fähig, nachzu- denken..." Jetzt saß er hier und wartete auf Urteil � Zuchthaus. Ein Opfer des Heupwehs. Vaterlandsloser Geselle! S. Koloman Wallisdi Der mit fünfundvierzig Jahren sein Leben für die Freiheit opferte, ist wohl die geschlossenste aller Fßhrerpersönlichkeiten, die von der sozialistischen Arbeiterschaft des letzten Halbjahrhunderts hervorgebracht wurden. Sein Leben ist ununterbrochener Kampf für das Proletariat, in zwei Revolutionen focht er an leitender Stelle, zweimal trieb ihn die Reaktion in Emigration. Das international Verbundene des sozialistischen Kampfes ist in diesem Manne Gestalt geworden. In Ungarn geboren, ein Deutscher seiner Herkunft nach, auf einem Boden gewachsen, den Rumänen, Ungarn, Deutsche und Slawen besiedelten, kannte er die Leiden der arbeitenden Menschen vieler Sprachen. Mit elf Jahren war er bereits Maurerlehrling, mit sechzehn gehörte er der Sozialdemokratie an, bereiste Oesterreich und Deutschland, saß als Jüngling schon im Bauarbeitervorstand seiner Heimatstadt, am Rande des Balkans, der Willkür der Behörden ausgeliefert. Dieser Zwang und dieser Wille, hart zu leben, geht durch sein ganzes Dasein; Soldat im Kriege, ungarische Revolution, Emigration in Maribor, politische Arbeit in Südslawien. wieder verfolgt und nach Oesterreich vertrieben. Auch hier stellten ihn die Arbeiter bald auf einen der schwierigsten Posten: Parteisekretär im stei- rischen Grenzgebiet. Auch hier schlug ihm rasch der Haß der Herrschenden entgegen. Von der Heimwehr wurde er als„Bolschewik" verfemt, von den Kommunisten als„Soiial- faschist" beschimpft. Von diesem starken, opferreichen Leben, von Wallischs letztem, großem Kampf und heldischem Ende berichtet P a u 1 K 6 r i in seiner Broschüre: Soldat der Revolution(Verlag Graphia, Preis 2 Kö). Hart verfuhr das' Schicksal mit diesem Arbeiterführer bis zum Ende; der Todgeweihte mußte seine Frau mit CWoroform einschläfern, damit sie seinen Gang zum Galgen überlebe- Er tat auch dies Letzte mit jener Ruhe und Selbstsicherheit, die ihn in allen Situationen seines Lebens auszeichneten und die ihm das Vertrauen der Massen gewannen. Als ihn vor seinem Todesmarsch in die Berge seine Brucker Genossen nach Wien in Sicherheit bringen wollten, lehnte er lächelnd ab; er wollte mit seinen Kameraden über die Grenze oder zu Ende gehen. Charakter ist Schicksal. Dieser herzhafte, eiserne Charakter, geworden inmitten der Not mehrerer Völker, gegoren unter südlicher Sonne, gestählt in vielen Grenzkämpfen, diese seltene Mischung von revolutionärem Aktivismus und sachlich-nüchterner Organisationsarbeit— das ist das Einmalige an diesem Märtyrer, das ist Koloman WaUisch. Unpathetisch war sein Wesen, vom großen Pathos des Kampfes erfüllt sein ganzes Leben, „Freiheit!" sein letzter Ruf. B. Br. Die Ehre des Kleinbürgers Das Wesen des braunen Regimes besteht darin, daß es die großkapitalistische Diktatur kleinbürgerlich untermauert Den Großkapitalisten Reichtum und Macht, den Kleinbürgern Erlösung von Minderwertigkeitsgeiühlen, die nichts kostet! In deutschen Zeitungen findet sich folgende Notiz: „Wenige werden wissen, daß in der SA Bestrebungen darauf hinzielen, Ehrenhändel mit blanker Waffe auszutragen. Wenn auch die Durchführung dieser Aktion noch nicht zur Tat geworden ist, so wird doch die Forderung des Führers, daß jeder Deutsche die Waffe zu führen versteht. in erster Linie dazu beigetragen haben, daß dieses Bekenntnis zur Mensur auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Damit würde endlich das Problem einer einseitigen Ehrauffassung jener Kreise verschwinden, die sich bisher berechtigt glaubten, Nichtakademiker das Recht auf Genugtuung verweigern zu müssen. Diese Ausdehnung auf alle Stände, ja mithin auf alle Volksgenossen, ist ein nicht zu unterschätzender Schritt zur Vo Iksgemeinschaft. zumal keinem Deutschen als Angehörigen der SS, der SA, der Partei und andern Organisationen, zusammengeschlossen im Deutschen Reich, das Recht auf Ehre streitig gemacht werden kann." Ein Proletarier wird hohnlachen bei dem Gedanken, daß ihm das Recht auf ein Sähcl- duell als Entgelt für verlorene Freiheit angeboten wird, aber für die Masse der schlecht weggekommenen Klembürgersöhnc, die sich hinter den Großbürgersöhnen zurückgesetzt gefühlt haben, für alle jene, die mit Begeisterung das Unwesen der Corpsstudenten nachgeahmt haben, die eine Uniform oder ein Abzeichen brauchen, weil sie sich sonst nicht als Menschen fühlen können, ist dieser Unfug Symbol des Aufstiegs. Dafür lassen sie sich wie Rekruten schinden und willfährig ausbeuten! Herr Göbbels hat von der sächsischen Regierung eine„Ehrengabe" erhalten, eine Meißner Porzellanskulptur„Dame mit Mohrenknabe n". Welche unzarte Anspielung au.' Dame Göbbels mit Josefl fyßt ItißdßißQkA jdßS.diuitititfH Skötlts Das Totalita tsprinzip des Nationaisozialis- mus hat auch vor dem Sportleben nicht halt gemacht. Das deutsche Sportleben ist„reorganisiert" worden. Das heißt darf nicht länger Spiel bleiben, sondern muß Erziehung zum ernsten Kampf, zum Krieg werden. Das ganze deutsche Sportleben ist zu einem Wehrleben umgebaut worden. An die Stelle der Sportfreiheit ist der Sportzwang, an die Stelle von Salidarität die Gehorsamspflicht getreten. Die nationalsozialistische Ideologie, die heute im deutschen Sport ihren Ausdruck gefunden hat, macht sich schon in den Aeußer- Ifchkeiten stark bemerkbar. Ob man heute in Deutschland Schwirrmi- Meetings zusieht oder Tenniskämpfcn, ob man Zeuge von Fußballraatchs ist oder von leichtathletischen Wettstreiten, ob man den Boxring belagert oder sich für Wassersport interessiert, immer hat man den Eindruck: hier handelt es sich wenigr um den friedlichen Wettstreit körperlicher Gewandheit, Geschicklichkeit, Ausdauer, Kraft, sondern vielmehr um einen— fast möchte man sagen — altpreußiscben Drill. Es geht immer furchtbar militärisch zu. Vor Beginn werden politische Reden geschwungen, Hakea- kreuzfahnen werden gezeigt, der Sturmführer »chreit Heil Hitler und dann beginnt die „Uebung". Auch das Publikum sieht ganz anders aus als früher. Sehr viele Uniformen gibt es zu sehen, in den Logen die„Braunen und;.Schwarzen" mit vielen Orden, die Mannschaftsführer stehen stramm vor dem anwesenden„Reichssportführer" oder seinem Vertreter und warten, bis er das Zeichen zum Beginn gibt. Dann spielt das Horst-Wessel- Lied, wobei alles Hände an die Hosennaht zu legen hat. Jeder weiß heute, ob dieser oder jener Sportheld in der Bewegung ist, ob er eine Charge besitzt, und darnach richtet sich seine anbefohlene Popularität. Der Wettstreit der einzelnen Sportler oder der Vereine ist zurückgetreten, heute ist es ein Wettstreit der Stürme, der Standarten, der Gaue geworden. Der Parteibonze des bereffenden Gaues erhält Bericht, übt Kritik, erteilt Verweise und es ist schon so weit gegangen, daß er bei der Aufstellung von Mannschaften sein Votum abgegeben hat Deutschland war einmal eines der größten Sportländer. Nicht nur der bürgerliche Sport stand, in der ganzen Welt in gutem Ruf, auch der Arbeitersport fand ungeheuren Anklang. Aus den Reihen der Arbeitersportler sind hervorragende Vertreter des Sports hervorge- oangen. Das hat unter Hitler aufgehört. Die Vereine wurden zerschlagen, verboten, umgeformt. An die Spitze der neuen Vereine wurden Parteibonzen gesetzt, aus Verbänden Formationen gemacht. Auch die bürgerlichen Vereine mußten daran glauben. Sie wurden gezwungen, ihre Juden und Marxisten auszuschiffen, darunter bedeutende Sportler und Mäzene. Es folgte eine Einteilung In Gaue nach dem Schema der SA-Organisation, man setzte Inspekteure, S-A- oder DAS PARISER TAGERLATT Chefredakteur: GEORG BERNHARD bringt unter anderem regelmässig BERLinER BRIEF mit unerhört interessantem Tatsachen-Material, trotz Zensur und Diktatur Asussarungsn llltirender poiitiher aller Länder zu den europäischen Problemen Beiträge hervorragender OiGhter und finlehrter speziell der aus Deutschland Ver- bannten Demnächst Interessantes Prels-Ausschreiben: 14 JAHRE REPUBLIK Grosse Umfrage bei Gelehrten, Publizisten, Staatsmännern: ..Die Zukunft der Welt'' Neuer hochaktueller Roman von BALD ER OI.DEN: ROMAN EINES NAZI Bndlich die verschiedenen Sonder-Gebiete Die moderne Frau— Reise und Verkehr— Sport— Technik o. Wirtschaft Probenumern gratis- Bestelungen beirr „l ARISER TAGEBLATT"* PARIS(8"). 51, Rae Turblgo SS-Führer, ein und über den gesamten deutschen Sport den„Reichssportführer" von Tschararaer-Osten. Mit einem Schlag standen hunderttausende ohne jede Möglichkeit sportlicher Betätigung da. Den jüdischen Sportlern gestattete man gnädigst, eigene reinjüdische Vereine zu bilden, aber nicht sich mit arischen Sportlern im Kampf zu messen. Di© bekannteren und charakterfesten jüdischen Sportler verzichteten allerdings auf diese Gnade und wandten sich ins Ausland, wo sie mit Freuden aufgenommen wurden. Der deutsche Tennismeister Prenn, der Deutschland zu einem Tennisland erster Ordnung gemacht hatte, ging nach England, der deutsche Meisterboxer Selig nach Paris, die Fecht- Weltmeisterin Helene M a y e r nach Amerika. Von den Arbeitersportlern wanderten Tansendc in die Konzentrationslager, wo ihnen die Sportbegeisterung mit Gummiknüppel ausgetrieben wurde. Die Umstellung des deutschen Sportes auf den Wehrsport machte sich bald dadurch bemerkbar. daß ganz plötzlich Sportarten forciert wurden, die man im früheren Sportgetriebe sehr nebenher behandelt hatte. Ein Reicbsverband der Bogenschützen wurde ins Leben gerufen, der Bund der Wurf- und Tontauben schützen erhielt eine staatliche Subvention von 120.000 Mark ium Ausbau der Organisation und zum Anlegen von Schießplätzen, in den leiohtathletischcn Uebungen schenkte man dem Diskus und Stiel wurf(lies: Handgranatenwerfen) erhöhte Aufmerksamkeit. Ganz besonders aber nahm man sich des Luftsports an, der einen ungeahnten Aufschwung nahm. Subventionen regneten da von allen Seiten, von Staat, Ländern und Gemeinden. Nicht nur der Segelflugsport, sondern auch der Motorflugsport wurde derart bevorzugt und propagiert, daß er in kurzer Zeit einen gewaltigen Teil des ganzen deutschen Sportwesens ausmachte. Die Fliegerschulen waren dem kol- losalen Andrang kaum gewachsen, die Staffeln wuchsen nur so aus dem Boden, so daß heute Deutschland wohl das Land ist, das bei weitem die meisten Sportflugzeuge besitzt. Die wehrsportliche Tätigkeit erschöpfte sich jedoch in diesen angeführten Dingen nicht. Alle aktiven Sportler, gleichgültig in welchem Sportzweig sie sich betätigen, müssen heute unter Aufsicht der SA-Inspekteure wehrsportliche Uebungen„klopfen". Da wird die Fußballsektion des Bezirkes Brandenburg an einem Abend zu einem Geländemarsch befohlen, dort die Tennisgruppe des Gaues Sachsen zu einer großen„Ziel- und Richtübung"„eingeladen". Merkwürdig mutet es an, wenn man hört, daß die Schwimmabteilung des I. F. C. Nürnberg zu einem Nacht- Schnellmarsch in die Fränkische Schweiz kommandiert wurde. So geht es überall. Die Folgen waren bald zu bemerken. Die internationale Sporttätigkeit Deutschlands nahm zusehends ab, das Ausland drückte sich um jede Vereinbarung von sportlichen Wettkämpfen herum. Wenn schon tatsächlich internationale Veranstaltungen mit Deutschland zustande kamen, dann fanden sie nicht in Deutschland, sondern im Ausland statt. Die deutschen Sportler merkten das sehr deutlich und versuchten durch, Eingaben• an die höchsten Stellen darauf einzuwirken, daß man von dieser Art sportlicher Entwicklung abgehe. Es fehlte nicht an Mahnungen und Protesten. Aber alles half nichts, der Reichssportführer- von Tschammer-Osten führte ein strenges Regiment. Erst die Verhandiungen im olympischen Komitee machte den Herrschaften ihre Lage klar. Amerika stellte für seine Teilnahme an den olympischen Spielen im Jahre 1936 in Berlin zur Bedingung, daß man unbedingt auch die jüdischen Sportler daran teilhaben lasse und ihre sportliche Betätigung in den deutschen Sportvereinen wieder zulasse. An diese Bedingungen Amerikas, die von einigen anderen Ländern unterstützt wurden. schloß sich ein Schriftwechsel au. Die nicht reinarisebe Exzellenz von Lewald, den man wegen seiner vortrefflichen Aus- landsheziehungen im deutschen Olympia- Komitee notgedrungen belassen hatte, versichert den Amerikanern, daß den jüdischen Sportlern in Deutschland nicht das Geringste in den Weg gelegt worden sei und daß sie auch in die Olympia-Mannschaft ohne weiteres Aufnahme finden würden. Selbstverständlich kümmerte sich in Deutschland kein Mensch um diese Erklärung. Die Amerikaner drängten immer wieder und warteten mit Beispielen auf, die die deutschen Erklärungen Lügen straften. Um es nicht ganz zum Bruch kommen zu lassen und um die Amerikaner zu beruhigen, wohnte nun am 3. Juni den internationalen Wettkämpfen des Sportvereines Bar Kochba und Hakoah in Berlin ein Vertreter des Reichssportführers bei und wählte drei jüdische Sportler, den Weitspringer Herzstein und die Sprinter Schattmann und Sternlieb für die Teilnahme an den deutschen Vorübungen zur Olympiade aus. Aber diese drei Konzesionsjuden werden dem ununterbrochenen Niedergang des deutschen Sports nicht aufhalten! Es ist der Geist des Militarismus, der den gesunden Sportgeist erschlägt. Gurt Haas. Ein verlorener Sdiwurzeuge Der schwedische Nationalökonom G u s t a v Cassel gehörte bisher zu den Schwurzeugen nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik. Er hat jetzt im Svenska Dagbladet die Einführung eines schwedischen Clearingverfahrehs gegen Deutsclil and gefordert. Jetzt ist es aus mit den im tionalsoziahs tischen Lobsprüchen, jetzt heißt es: ..Professor Cassel befindet sich hier auf Abwegen, die ihn außerhalb des Feldes der Wissenschaft führen. Ist Professor Cassel noch in engem Zusammenhang mit dem internationalen Fortschrift der wissenschaftHdien Erkenntnis der Welt? Viele bezweifeln das, (Berliner Tageblatt vom I. Juni). Wer Schacht und Hitler lobt, ist cm großer Nationalökonom. Wer sich gegen sie wendet, ist ein Trottel. Der Maßstab ist sehr einfach. Vielleicht hat Cassel mm auch noch eine jüdische Großmutter? Oranienburg Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten Von Gerhart Seger Mitglied des Deutschen Reichstags der V., VI., VII. u.VIH. Wahlperiode Mit einem Geleitwort von Heinrich Mann Die Schrift ist eine Anklage geglti das System der Gewalt, dem Zehntausende unschuldige Menschen in den Konzentrationslagern aus- gesetz sind. Der Verfasser läßt seinem Berichte die Eidesformel vor deutschen Gerichten vorangehen:„Ich schwöre, daß ich nach bestem Wissen und Gewissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde!" Er hat das Manuskript als Strafanzeige gegen die vollem Namen angeführten SA-Verbrecher dem deutschen Reichsjustizminister, dem Oberreichsanwalt und dem Stabschef der SA gesandt Die Antwort darauf war die sofortige lieber- führung der in Deutschland lebenden Frau mit dem neunzehn Monate alten Kindchen des Verfassers in das Konzentrationslager Roßlau. Preis in; Belgien 10.50 Frs./ Bulgarien 48.— Lewa/ Dänemark 3.10 Kr. I Frankreich 7.50 Frs./ Großbritannien—.1.10 Pfund Sterling/ Jugoslawien 24— Dinar/ Niederlande 0.75 Gulden/ Oesterreich 2.60 Schilling' Palästina—.100 P. Pfd./ Polen 2.60 Zloty/ Rumänien 55.— Lei/ Schweden 1.90 Kronen Schweiz 1.55 Frs./ Tschechoslowakei 10.— Kö/ USA.—.50 Dollar. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt ..Graphia" Karlsbad CSR '.'. v".• Kolonien als Ablenkung Kürzlich wurde in Deutschland der 50- jährige Gedenktag der deutschen Kolonialpolitik gefeiert Nicht so geräuschvoll, deoti die Tatsache, daß Deutschland mit dem Ende des Krieges alle Kolonien verloren hat, stimmt die alten und neuen Kolonial-Patrioten noch heute recht wehmutsvoll. Immerhin bot der Gedenktag wieder einmal Anlaß, Kolonialpropaganda zu betreiben. „Das neue Deutschland des Nationalsozialismus", so schrieb der Hamburger Wirt- schaitsdienst„das die UngerecbtigkeiteD und Absurditäten des Versaifler Diktates von innen heraus und nicht durch leeren Protest überwindet, steht grundsätzlich positiv zum kolonialen Gedanken, weil es die historische Leistung der deutschen Kolonialpolitik achtet und Dienst im Ausland unter deutscher Flagge und Verwaltung aus räum- und bevölkerungspolitischen Gründen für notwendig hält... Der heutige Stand der Kolonialfrage hat eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Zustand jener Zeiten, als die Politik des Reiches eine direkte Betätigung auf dem Gebiete kolonialer Erschließung und Verwaltung glaubte ablehnen zu müssen. Freilich liegen die Hemmungen beute nahezu allein auf der Seite der Politik. Bestünde die Möglichkeit einer schnellen Korrektur der völkerrechtlich widrigen Bestimmungen des Versa iiier Diktats, so wären die praktischen Voraussetzungen einer kolonialen Betätigung Deutschlands günstiger denn je, weil die wirtschaftliche Lage Deutschlands der Erschließung überseeischen Raumes, aus bevölke- mngs- und handelspolitischen Gründen dringend bedarf." Man muß daraus entnehmen, daß die Nationalsozialisten sich bei der Propaganda für neue deutsche Kolonien genau der gleichen und hundertmal widerlegten Argumente bedienen wie kapitalistische Kreise im früheren kaiserlicheu Deirtsoliiand. Diese Argumente sollen die Aufmerksamkeit des Volkes von den Fehlschlägen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik und den wachsenden inneren Schwierigkeiten ablenken. Front des Geistes Neue bemerkenswerte Veröfientlichungen- Im„A u f r u f". Streitschrift für Menschenrechte, schreibt Gregor Bienstock; Keine Illusionen, bitte! Die Aera des Völkerbundes, der pazifistischen Träume, der demokratischen Diplomatie ist vorbei. Das Wort hat allerdings noch nicht„Ihre Majestät die Kanone", aber das diplomatische Spiel ist bereits weitgehend durch die strategischen Erwägungen der Generalstabschefs bestimmt- Wir leben, mit anderen Worten, wieder in der Epoche des„bewaffneten Friedens". Femer wird ein ungeheuerlicher Fall von Geiselverhaftungen aufgedeckt; neun Geiseln für einen kommunistischen Emigranten' In den„Europäischen Heften Nr. 5 schreibt Heinrich Mann über„Revolutionäre Demokratie". Die„Neue W o 1 1 b ü h n e" Nr. 23 veröffentlicht einen Aufsatz von Waldemar Grimm: Faulhabcr. Die„Sammlung". Heft 10. bringt einen Aufsatz von Golo Mann;„Wallenstein und die deutsche Politik". BjutfUmrraörfö (SolfolAtmftFrattfcf)» tDecbcnbloH Herausgeber: Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur: Wenzel Hörnt Druck:„Graphia": alle in Karlsbad- Zeitungstanf bew. m. P D. ZI. 159.334/VII-1935. 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