IVp. 34 SOWTAG. 24. Juni 1934 A erlag: Karlsbad, Haus-Graphia"<— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: 1. In der Zange des Staatsbankrotts 2. Der neue Dreibund 3. Karl Radek über die Menschen- redite 4 Die Blutnacht von Köpenick Die braune Hunterhlotkade Die herrschenden Cliquen zittern— Rapen für die Miesmacher gegen Göbbels Die Lage des deutschen Volkes bekommt immer verzweifeltere Aehnlichkeit mit seiner Lage im Kriege Das ist die Folge der nationalsozialistischen Politik! Das braune System rutt die gleichen Wirkungen hervor wie einst die Hungerblockade der Entente. Bs ist bereits ins Bewußtsein des Volkes gedrungen, daß dieses System keinen Ausweg mehr weiß— Beweis dafür ist die in Deutschland immer weiter um sich greifende Flucht in die Sachwerte. Jeder, der nur noch ein Paar Mark besitzt, befolgt die Parole: fort mit dem Geld, rette sich wer kann! Der kleine Mann kauft Schuhe, Stoff oder Wäsche, die kleinen Fabrikanten ViBen, Perserteppiche. Luxuswaren und Juwelen mit einem gewissen Internationalen Marktwert und die ganz Reichen haben ihre besondere Methoden, um ihr Geld sicher unterzubringen. Das seit der Inflation nicht mehr gehörte �ort„fixen" ist wieder aktuell geworden! Unser Mitarbeiter Dr. Richard Kern hat an anderer Stelle dieses Blattes den Zustand der heutigen deutschen Wirtschaft eingehend analysiert Es graust den herrschenden Ciiauen vor den Folgen. Herr von Papcn, einer der gewissenlosesten Verderber des deutschen Volkes, ruft plötzlioh nach Menschlichkeit, �•"eiheit Gerechtigkeit nach der Nahrung des Rechts der Persönlichkeit! Davon war keine Rede, als sie noch festen Boden unter den Füßen zu haben glaub- fen! Die feinen Leute haben mit Ruhe gesehen, �ie ihre Hausknechte die Arbeiter, den Geist, das Recht und die Freiheit zerrissen, gefoltert, Gemordet geschändet haben. Jetzt fühlen sie den Boden unter ihren Füßen wanken, und mm u'erden sie ethisch! Herr von Rapen wiD nicht mit Göbbels die Miesmacher niederwerfen, er will sie loslassen, �m der ungeheueren Spannung gegen das System Ventile zu öffnen! Er denkt daran, u'e einst am Ende des Krieges der Kessel Hatzte. Er und seinesgleichen wollen nicht ln'f den Hitler, Göbbels und Co. in die Luft kehen, deshalb wollen sie beizeiten zurück zum Schein des Rechtsstaates. Alles kommt wieder 1 Als Hugcnbcrg Vor einem Jahr seinen politischen Hinauswuri Vor Augen hatte, rief er nach dem Rechtsstaat jmd pochte auf den Bündnischarakter der neuen Herrschaft. Die Woge ging über ihn hinweg. •letzt ebbt sie zurück, und nun wiederholt Pa- Pen die par(>|en Hilgenbergs von Ende April ,933! Der Machtkampf der alten gegen die "eue Reaktion wird auf veränderter Grundlage aufs neue aufgenommen! Papen spricht im Hundfunk gegen Göbbels, Göbbels verbietet die erbreitung der Rede von Papen. Papen fühlt 1'nte'■ sich den Druck wachsender Vcrzweif- j"1« im Volke, den Druck verzweifelnder In- ustrieller, Kapitalisten und Händler, Göbbels elß. daß die Lockerung ihm und soincsglci- chen den Kopf kostet. Auf dem Untergrund der durch die braune nugerblockade geschaffenen Not beginnen die ürsPio]c kommender Machtkämpfe! Hödistpreisc Der Polizeipräsident als die für Berlin ar,dige Preisüberwachungsstelle teilt mit; "Preissteigerungen haben zu unterbleiben! as ist der klare, eindeutige Wille der Huichsregierung, der, in Verordnungen und Hassen genügend zum Ausdruck gebracht, �0n allen Volksgenossen befolgt werden muß. „ j�der weiß aus Erfahrung, daß Höchstpreise xmdig zu Schwarzverkäufen und Schwarz- ®'sen fahren! Eine auf der Inflation be- etKie Preissteigerung mit Höchstpreisen aufzuhalten zu wollen, ist ungefähr so, als ob man einen Schnellzug durch eine Holzschranke abbremsen wollte! Es ist ein Volksbetrug, den jeder durchschaut. Mit dem Pallialiv- mitfelchen der Höchstpreise fängt es an— die Millionen- und Milliardenpreise kommen hinterher! Kaffeeblofkade „Am 1. Juli d. J. wird voraussichtlich ein Einfuhrlizenzsystem für Kaffee eingeführt werden. Zu dieser Maßnahme hat sich der Reichswirtschafts minister aus Gründen einer besseren Kontrolle und einer Steuerung der Kaffeeinfuhr genötigt gesehen."(Der Deutsche Nr. 137.) Die Drosselung der Einfuhr mit GewaK- maßnahmen beginnt! Ersatz! „Gelegentlich einer Besichtigung der Kamm- gamspinnerei Stöhr& Co. A.-G., Leipzig, durch den sächsischen Ministerpräsidenten von Killinger, die am Donnerstag stattfand, haben die Vorstandsmitglieder Stöhr und Gramer dem Ministerpräsidenten die Ergebnisse der Ver- niche vorgeführt, die mit der zusätzlichen Verwendung von„Vistra" zu reiner Wolle erzielt worden sind." Hamburg unter Blodkade „Der Wirtschaitsberatier des Stellvertreters des Führers, Pg. Albert Pietzsch, und sein Stellvertreter. Pg. von Obwurzer, besuchten Hamburg. Der Zweck des Besuches war. durch Rücksprache mit dem Reichsstatthalter und Gauleiter Kaufmann, dem regierenden Bürgermeister Krogmann und maßgebenden Hamburger Wirtschaftskfcisen sowie durch eigenen Augenschein von der gegenwärtigen Lage Hamburgs ein klares Bild zu gewinnen. Die aus der Devisenknappheit sich zwangsläufig für das ganze Reich entwickelten Verhältnisse haben zuerst In Hamburg ihren Rückschlag gefunden."(Der Deutsche�) „Einen weiteren Schaden hatte Hamburg natürlich durch die Geldentwertung in großen überseeischen Ländern und — als natürHche Folge— durch den hohen Stand und die Festigkeit der deutschen Mark. Und in diesem Zusammenhang betonte der Reichsfinanzminisler kürzlich erst gerade in Hamburg:„Die Stetigkeit der Entwicklung verlangt auch auf finanzpolitischem Gebiet die Abstandnahme von dem Gedanken einer Devalvation der Währung, und so müssen sich die Exportkreisc damit abfinden, daß eine solche„Maßnahme der Exportförderung" nach dem Willen des Führers nicht in Frage kommen kann." (Deutsche Wochenschau.) In Hamburg sind 825 Kapitäne und Schilfsoffiziere für große Fahrt stellungslos! Schluß mit den„Arbeitsschlachten"! Reichsfinanzmindster Graf Schwerin von Krosigk sprach in Leipzig: In Zukunft werde es nur darauf ankommen, diesen klar vorgezeichneten Weg unbeirrbar weiterzugehen, mit aiien Notwendigkeifen und Einschränkungen. Man werde zusätzliche Arbeitsbeschaffungsmaß n a h m e n in der Form des vergangenen Jahres nicht mehr einleiten. Die Berliner City verödet In der Berliner Innenstadt wird es leerer und leerer. An den großen Geschäftshäusern hängen Vermietungsplakate. In den Hauptgeschäftsstraßen und Warenhäusern, in denen sich sonst Menschenmengen drängten, ist der Verkehr gewaltig zurückgegangen. Die Abschaffung der automatischen Verkehrsregelung hat dem Kundigen gesagt, daß der Autoverkehr stark gesunken ist. Jetzt ist es soweit, daß in Berlin Reklame zum Besuch der Innenstadt gemacht wird! Die Berliner Straßen bahnwagen tragen große Reklameschrlder; „Jeder Berliner täglich einmal in der Innenstadt!" Das ist nicht die Folge einer Verlagerung, einer neuen Citybildung. Dort, am Reichskanzlerplatz, wo Herr Göbbels seine Luxuswohnung hat, wo einst eine neue City entstehen sollte, ist heute verödete Kleinstadt in großstädtischen Bauiormen. Diese Notreklame ist durch den unaufhaltsamen Geschäftsrückgang erzwungen. Aber alle Reklame bringt den Berlinern nicht mehr Geld in die Taschen und den Geschäften keine Kunden. Die braune Blockade ist mit Reklamekünsten nicht zu besiegen! Ein Zeichen des Wirtschaftsverfalls— Berliner Straßenbahn wirbt um Käufer Det Sief det Idee Zum Jahrestag des Parteiverbots Am 23. Juni 1933 verbot Hitler die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und alle ihre Nebenorganisationen. Das Verbot war das vorläufige Schlußstück eines monatelangen Vemichtungs- und Raubfeldzuges gegen die stärkste deutsche Arbeiterpartei. Seit dem 30. Januar 1933 waren der Terror und die Gewaltherrschaft der braunen Horden legalisiert. Jeder, der sich diesem Bandenregiment widersetzte, gefährdete sein Leben, und alles, was die deutsche Arbeiterschaft in jahrzehntelanger mühsamer, aber stolzer Aufbauarbeit sich geschaffen hatte, wurde vernichtet oder geraubt Als das Parteiverbot kam, gab es seit Monaten keine sozialdemokratische Presse mehr. waren die Organisationen der Partei längst ihrer Führung und ihrer legalen Lebensmöglichkeiten beraubt, hatte sich die Diktatur des Eigentums der Partei im Werte von mehr als 40 Millionen Reichsmark bemächtigt und nun sollte das Parteiverbot nach dem Willen der Machthaber dieses Zerstörungswerk krönen und den Schlußstrich unter, die Geschichte der größten sozialdemokratischen Partei der Welt setzen. In vier Jahrzehnten hatte sich die deutsche Sozialdemokratie auf den Boden eines Rechtsstaates zu einer mächtigen und einflußreichen Massenbewegung entwickeln können. In ihren Reihen wirkten Männer und Frauen, die die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung aus eigener Erinnerung verfolgen konnten von den Tagen der Geheimorganisationen unter dem Bismarckschen Sozialistengesetz bis zu dem Tage, an dem die deutsche Sozialdemokratie am Ende des grauenvollen Völkermordens die Staatsgewalt übernahm. In ihren Reihen standen die Jungen, die zur Partei kamen, als sie auf der Höhe ihrer Macht entscheidende politische Verantwortung trug. In ihren Reihen vereinigten sich bis zu den Sturmtagen des Jahres 1933 Millionen von Männern und Frauen, die mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit und unter Hintanstellung aller persönlichen Interessen der Partei dienten, weil sie in ihr die Vollstreckerin ihres politischen Willens und die Trägerin ihrer sozialistischen Ideale sahen. Wir alle, die wir in der deutschen Sozialdemokratie Schulter an Schulter gearbeitet und gekämpft hatten, die wir der Partei die Treue hielten in guten und bö- �en Tagen, die wir für diese Partei immer wieder zusammenstanden gegen eine Welt von Feinden in der festen Ueberzcugung. daß sie allein das Volk in eine hellere und glücklichere Zukunft führen könne, wir alle haben mit Schmerz und Trauer den erschütternden Niedergang erlebt, haben mit Haß und Wut dem Zerstörungswerk der braunen Diktatoren zusehen müssen und haben uns mit Bitterkeit und Leidenschaft selbst mit Vorwürfen überhäuft. weil wir nicht glauben konnten, daß eine so stolze Bewegung keine Möglichkeit gehabt haben sollte, diesen Zusammenbruch zu verhüten. Es ist uns in diesen Monaten nichts erspart geblieben. Aber welche Gefühle uns auch immer bewegten, ob Haß gegen die Räuber oder verbitterte Selbstanklage, ob Trau«r über den unvorsUHbtren Nidder- aang eines großen Volkes oder Schmerz über die Zerstörung unseres eigenen Lebenswerkes, jedes unserer Gefühle wuchs aus der Liebe zur Partei, aus dem Glauben an die Güte unserer Sache und an die Größe unserer Idee. Wir haben am Tage des Verbots gewußt, daß dieses Verbot die äußeren* Formen der alten Organisation zerstören würde, daß aber dersozialistischc Geist niemals durch Gewalt oder Terror zu töten ist. Heute, nach einem Jahr vollkommener Illegalität, wissen es die braunen Machthaber im Dritten Reich, weiß es die Welt: dl« deutsche sozialdemokratische Bewegung lebt! Tausende deutscher Arbeiter, alte, ergraute Kämp- fer, junge, leidenschaftlich bewegte Menschen. Männer und Frauen. Arbeiter und Angestellte. Betriebsarbeiter und Studenten. Arbeitslose und Zwangsarbeiter, haben in d'csem einem Jahr diese NN a'ir''cit durch die Tat unter Beweis gestellt. Sie sind gestorben in den Marterhöllen des Dritten Reiches, sie sind schlimmer als Tiere geschunden worden hinter den Sta- clie'dräliten der Konzentrationslager, sie sind in die Gefängnisse und Zuchthäuser gewandert, sie haben das Los der Arbeitslosigkeit auf sich genommen, sie sind flüchtig und unstet von Ort zu Ort gezogen sie haben monatelang wie in schwerster Kriegszeit die Nächte durchwacht und durchbangt in der Sorge um Freiheit und Leben ihrer Angehörigen; a b e r s 1 e sind sich selbst und der ldec treu geblieben. Die deutsche Arbeiterbewegung ist in Ihrem Kampf gegen den Faschismus unterlegen ohne den heroischen Abschluß der Wiener Februarkämpfe, aber wenn nach dieser Nacht der Diktatur wieder offen gesprochen werden kann, dann wird allein schon die Schilderung dieses ersten ille- galen Kampfjahres angefüllt sein von Beispielen persönlichen Heldenmutes und stärkster sozialistischer Gesinnungstreue vieler hunderttausende r deutscher Arbeiter, die in der Geschichte ihresgleichen suchen. Und hinter den Tapferen, die heute aktiv den Illegalen Kampf gegen Hitler und seine Gehilfen führen, s t e h t d 1 e große Armee deutsche rAr* b e f t e r, stehen Männer und Frauen aus allen Schichten des Volkes, die trotz allem am 5. März vorigen Jahres der deutschen Sozialdemokratie ihre Stimme gaben und die heute ein Jahr nach dem Parteiverbot nichts aufgegeben haben von ihrer sozialistischen Gesinnung. Politischer und wirtschaftlicher Druck haben viele in die braune Uniform gepreßt und in braune Organisationen gezwungen, aber nach dem Ausgang der Vertrauens- rätewahlen und nach dem Mißerfolg der Mleeenacheraktion wissen auch Ley, Göb- hels und Konsorten, daß es nur eine ä u ß c- re Gleichschaltung war und immer bleiben wird. Der Block der Arbeiterbewegung hat steh zum Schutz gegen das Bombardement brauner Propaganda, braunen Terrors und brauner Exlstenzvernich- tung getarnt, aber unter der braunen Schutzfarbe kreist weiter rotes Blut. eotiallstisches Denken und Fühlen. Wir sehen, daß die braune Despotie wankt. Wir wissen den Tag nicht, an dem ide»tönten wird, aber er ist näher, als die Diktaturen glauben 1 Wir kennen noch nicht die zukünftigen organisatorischen Formen der deutschen sozialistischen Bewegung, aber wir wissen heute schon, daß dieses System nicht zuletzt zerschellen wird an dem inneren unüberwindbaren Widerstand der deutschen Sozialisten. An dem Tag. an dem Hitler Stürzt, werden In Deutschland wiederum Millionen und Abcrnnl- Honen unter den roten Fa Ii nendes Sozialismus m At sc h i c r e n. Wir wissen, daß mit der zunehmenden Zerstörung der Massenbasis des Regimes Druck und Terror wachsen, daß noch viele Opfer fallen werden, che dieser schwere Leidensweg des deutschen Volkes zu Ende gegangen Ist; aber mit Jedem Tag, mit jeder Verschärfung der Diktatur wächst die Sehnsucht nach Freiheit, Menschenwürde, Recht und Sauberkeit. Mit jedem Tag gesellen sich zu den alten treugebliebenen Anhängern der deutschen sozialistischen Bewegung neue Kämpftrscharen, die bereit sind, für das Ideal eines freiheitlichen Sozialismus der Diktatur zu trotzen und sie schließlich zu stürzen.„ � t. Da» Verbot der Partei war das Ende i »Itter Periode in der Geschichte der soziali- Sttschen Bewegung, aber e» war gleich- 1 Dreibund der Diktatoren? üfticr— NiMsoKni— FIImmWM Die gleichzeitigen Besuche AdoH Hitlers in Venedig und Josef G 6 b b e 1» In NVarschau entsprachen ganz der Regie- kunst des Dritten Reichs, die dem deutschen Volk Schauspiele statt Brot bietet. NVie es mit der sogenannten Arbeits- sclilacht ist und mit der Finanzpolitik und der Sozialpolitik und allem und jedem, so ist es erst recht mit der Außenpoli- t i k. Man versucht, dem deutschen Volke Erfolge vorzutäuschen, die es nicht gibt und Mißerfolge zu verheimlichen, die reichlich vorhanden sind. Man kann es, solange man den Apparat der öffentlichen Meinung terroristisch beherrscht, und solange man immer noch Gläubige findet. Aber je tiefer der Traum ist, desto furchtbarer wird eines Tages das Erwachen»ein. Ueber das Ergebnis der Besprechungen von Venedig ist nichts Positives bekannt geworden. So bleibt der Fantasie Jeder Spielraum offen und der Spießer auf der Bierbank kann in Kombinationen schwelgen wie ihm behebt. Wer sich an -die Tatsachen hält, der wird sich dessen erinnern, daß Italien schon einmal Deutschlands Verbündeter war, nämlich bis 1915 und er wird bemerken, daß die Interessengegensätze bei dem kaum geringer geworden sind. Als Franz I. von Frankreich einmal gefragt wurde, wie er mit Karl V. stehe, antwortete er:„Mein Bruder Karl und ich wollen genau dasselbe." Er meinte nämlich, M a 1 1 a n d. Ebenso könnte Benito Mussolini heute sagen:„Mein Bruder Adolf und ich wollen genau dasselbe", nämlich Wien. Der Unterschied ist nur. daß Mussolini NVien schon hat und daß die Partie um Oesterreich durch die diploma- fischc Kunst des Nationalsozialismus endgültig— wenigstens so lange wie Deutschland braun bleibt— verloren ist. Die entscheidende Frage zwischen Deutschland und Italien war einmal Südtirol. Damals leisteten die Nationalsozialisten auf Süd- tirol Verzicht. Heute ist die entscheidende Frage zwischen den beiden Staaten Oesterreich und auch hier ist der Nationalsozialismus zum Verzicht gezwungen, wenn er nicht Italien ganz und gar in das gegnerische Lager treiben will. Und das will er nicht, denn Arm in Arm mit dem polnischen Bruder allein dieses Jahrhundert in die Schranken zu fordern wäre am Ende doch bedenklich. Es ist schwer, keine Satire zu schreiben, wenn man die Bilder sieht, wie der verlegene Adolf Hitler seine Rechte In die des majestätischen Duce legt. Es ist aber noch schwerer, ernst zu bleiben, wenn man in der gleichgeschalteten Presse die vlelspaltigen Jubelartikel über die Triumphe des Josef Göbbels in Warschau liest. Man �ollte glauben, ganz Polen hätte in Begeisterung über diesen Besuch geschwommen, Nun stimmt es sicher, daß diese Propagandareise eines deutschen Reichsminister in die Hauptstadt Polens eine Sensation ersten Ranges gewesen ist Es war sicher mehr als Interessant für die Hörer, zu erfahren, daß„die anarchischen und chaotischen Kräfte des Marxismus und Kommunismus" eine Gefahr für den Frieden sind, während di« Partei des Göbbels sozusagen da* pazifistische Grundelement dieses sonderbaren Erdteils, der Europa heißt, darstellt.„Wir sind kein säbelrasselndes Eroberungsgeschiecht, wir halten es geradezu für verbrecherisch zu glauben. daß die Schäden des vergangenen Krieges, die durch 15jährige Friedensarbeit noch nicht beseitigt werden konnten, etwa durcli einen neuen Krieg behoben werden müßten. Die Verständigung mit Polen, vor dessen geschätzten Vertretern zu reden ich heute die Ehre Ii a b e, ist ein Beweis dafür, daß es Adolf Hitler und seiner Regierung ernst ist mit einer auf weite Sicht betriebenen Versöhnung der Völker und einer Ueberbrückung der Gegensätze, die Europa nahe an den Rand des Zusammenbruchs getrieben haben..... Immer noch hält Deutschland seinen ehemaligen Feinden, von denen es nur wünschen kann, daß sie einmal seine Freunde werden mögen, die offene Hand entgegen. Die Weit fragt voll banger Besorgnis, wann wird in diese Hand eingeschlagen?" So hat schon einmal ein Josef gesprochen. Nur hieß er nicht Göbbels. sondern NV i r t h. Fast könnte man glauben, die Nationalsozialisten hätten Marxisten und Pazifisten nur deshalb aus dem Hinterhalt erschossen, zu Tode geprügelt, aus dem Lande gejagt, oder in Konzentrationslager geeperrt, well sie den fremden Regierungen nicht genug nachgelaufen wären. Tatsächlich hat es keinen Minister der Republik gegeben, der zu Polen oder gar in Poleo solche Töne der Ergebenheit von sich gegeben hätte wie sie jetzt üblich geworden sind. Der Jude R a t h c n a u war als Außenminister zwar ein grundsätz- lieber Freund der Verständigung, aber er besaß als Vertreter des deutschen Volkes nach außen nationale Würde und nationalen Stolz. Die Herrschaften, die die nationale Gesinnung für sich allein gepachtet haben, und die sich unier der Vorspiegelung, allein echt national zu sein, zu Herren Deutschlands machten, sie haben etwas wie nationale Würde und nationalen Stolz nicht mehr nötig. Sie können auch auf sie verzichten, wie sie auf alles verzichtet haben, was sie dem deutschen Volke zu bringen versprochen hatten. Aber was werden sie durch die schmähliche Verleugnung ihrer ganzen Vergangenheit erreichen? Weniger als nichts, Dar Dreibund der Diktatoren von Berlin, Rom und Warschau ist nicht mehr als ein diplomatischer Sommernachts- träum. Während in Frankreich erfahrene Staatsmänner— deren Qualität jeder anerkennen muß, wie er auch zu ihrer Politik stehen mag— sehr zielbewußt und sehr realpolitisch an der Arbeit sind, um den Niedergang Deutschlands in der öffentlichen Meinung der ganzen Welt für ihre Zwecke auszunutzen, ist die deutsche Außenpolitik ein Spielball in der Hand von Abenteurern und Dilettanten geworden. Herr v. Papen, einer der schlimmsten dieser Abenteurer, hat neulich selber in seiner Rede an die Marburger Studenten das Wort von den„verzweifelten Patrioten" geprägt. Sicher ist, daß heute in Deutschland in den Aemtern, ganz besonders im Auswärtigen Amt, selbst sehr viele verzweifelte Patrioten herumlaufen, die sich fragen, wo dieses ganze Treiben enden soll. Seltener freilich als die„verzweifelten, sind die mutigen Patrioten — wären die überhaupt vorhanden, so ginge es mit der braunen Herrschaft nicht mehr lange. zeitig der Beginn einer neuen Epoche des sozialistisciien Freiheitskampfes. Diesen Kampf gilt es jetzt aktiv voranzutragen. Hitler muß stürzen, damit die Bahn frei wird für die Erfüllung unserer geschichtlichen Aufgabe, die— das ist unsere in den Kämpfen und Opfern dieses ersten Jahres illegalen Kampfes tausendfach erhärtete Gewißheit— unser Volk zu dem Frieden und der Freiheit eines wahrhaft sozialistischen Deutschlands führen wird! Ein yerdttditiffer ReldissiaUhaNer Der Reiclisstatttialfer von Mecklenburg. H Ildebrandt, stellt seit langetn unter dem Verdacht, seine Hand bei der Ermordung des Rittergutsbesitzer v. Flotow im Spiel gehabt zu haben. Vor Gericht hat er unter Eid jede Beteiligung an dem Verbrechen abgestritten. Es soll ein Meineids verfahren gegen Ihn schweben, in dem die Staatsanwaltschaft schon zweimal Hildtbrandt zur AeuBerung aufgefordert hat. In diesem Verfahren nahm sfeh Hildtbrandt den Berliner Rechtsanwalt Sack als Berater. Um möglichst unauffällig mit ihn in Verbindung zu treten, ließ er Sack nach Schwerin kommen, wo er sich mit ihm Im Seglerheim am Schweriner See traf, um mit ihm auf sein Landhaus zu fahren. Bei dieser Gelegenheit wurde Sack zusammen mit Hildebrandt fotografiert und einige Fotos begannen zu kursieren. Jet« Ist Hilde- brandt verzweifelt bemöht, die Fotografien In die Hand zu bekommen. Ihre Methoden Der Kapellmeister Heidenreicti von der Berliner Staatsoper war bisher noch nicht entfernt. ScIvlicBlich entdeckte man, daB er nicht reiner Arier war und setzte ihn ab. Die Entlassung wurde Ihm in der Form mitgeteilt. daß eines Tages am Eingang der Staatsoper ein Anschlag hing:„Herrn Kapellmeister Heldenreich ist das Betreten der Staatsoper verboten." Der Mann ging nach Hause und erschoß sich. GUrtner, Herr der Justiz Herr G ü r t n e r, der jetzt dem größen- wahneirmigen Ju&tizobersekretär Kerrl die preuBische Justiz abgenommen hat, ist eine tragikomische Figur, im Jahre 1923 war er bayerischer Justizminister in der Regierung Kahr-Kmlling. Da kam Hitler, schoß in die Decke des Bürgerbräukellers und setzte Herrn Gürtner nebst Sohweyer und anderen Größen der bayerischen Eigenstaatlichkeit fest. Aus dieser nur vorübergehenden Gefangenschaft entwickelte sich zehn Jahre später ein Dauer- Verhältnis. Gürtner wurde abermals, wenn auch in anderer Form, Hitlers Gefangener; er muBte jenes famos» Gesetz mitunterzeichnen, das die Fortführung aller nlchtnatlonaisoriall- stfschen Partelen, auch der Parte! GOrtners selbst, der deutschnationalen, mit Zuchthausstrafe bedroht. Für soviel deutsche Treue Ist er jetzt belohnt worden, indem er auch den preußischen Justizladen übernehmen darf. Die Reiohsverelnheitliohung voJIzttht»leb Immer deutlicher im Zeichen des Hcrrenktubs. und langutn wird die Rache vorbereitet, die kalt genossen werden will. Schon träumt Herr Gürtner von dem Teg, an dem er seine Steets- anwilfe und Richter nicht nur euf Marxisten loslassen wird. Gttrtngft VettenawIHMhatt In der Zeitschrift„NVild und Hund" vom 1./6. lesen wir: „Der Herr Preußische Ministerpräsident. Reichsiägermctsttr Gering hat heute dem Mitlnhebtr unserer Pirme... durch Fernsprecher persönlich folgendes mitgeteilt:„Ich hebe vereniaßt. daß ihre Zeitschrift»Bild und Hund" und die Zeitschrift„Der deutsche Jäger" als gleichberechtigt mit der Zeitschrift„Deutsche Jagd" Im Preußischen Jagdgesetz anerkannt werden." NVir danken dem Herrn Mintitcrpristden- ten für des uns damit zum Ausdruck gebrachte Vertrauen und werden es zu rechtfertigen wissen. Besonders erfreut sind wir darüber, daß der Herr Ministerpräsident persönlich uns diese Mitteilung gemacht heti" Da hat es Göring aber eilig gehabt! Hat schon einmal jemand gehört, daB Göring nach dem Fernsprecher gegriffen hebe, tan eine Entlassung aus Gefängnis oder Konzentrationslager zu verfügen? Warum hat sich Göring so auffällig für diese geschäftlicht Angelegenheit interessiert? Die.Deutsche Allgemeine Zeltung" zählt die Teilnehmer an einem Abendempfeng beim belgischen Gesandten euf, darunter:„Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, die Vertreter von Bremen und Hamburg, Staatsrat Burandt und Eiffe, den Wlrtschaftsbeauftragten tm Preußischen Staatsministerium Herbert Göring, ein Vetter des Ministerpräsidenten." Daher der Name Vetternwlrtscbeft! Deutsdie Pakt-Lyrik Diskrete braune Kammermusik ze Pakt- Abschlüssen! ..Der Schlag der deutschen Bärenpfote Ihr kennt Ihn, Ihr Romanen, wohl, Seit Afarich, der junge Gote Das Tor zerschlug zum Capltol, Und euch, ihr Slawen und Polacken Ist deutsche Kraft bekannt seit lang. Seit dräuend trat auf enre Nacken Der Helnerichc Siegergang". (Aus dem Lesebuch für die Oberstufe von NVe- ber und Schmidt. Juliu« Beltz-Verhg, Langensalza). Gruß aus dem IVarrenhaus! „Die azfekisch ebrälschen Horden haben den niederträchtigen Wodinskult zu uns te' bracht und uns aufgezwungen.... So wurde der edle, echt germanische Thyr oder Tor dem Volke entfremdet. Mit dem erbärmlichen NVo- dln-Odin-Kult wurde der amerikanische Menschenopfer- und Molochdienst uns aufgezwungen. Leider gibt es heute noch„germanische Forscher, die uns einreden wollen, daß der ebriieche Tyrann NVodin-Odin-Adam ein gf* manischer Gott gewesen sei."„Nationelsozfs- Iiitische Monatshefte." HcnwfceiMrc Aic■■h! SoctaKsnius hl pyjottf&fll dd llocatt� YörölfoiittkÄit Karat Kadek foltMffte AtwHBinmwi:. „Nieder mit den Ideen der eroßcn französischen Revolution'-" Das ist der Kampfruf, den die Marschälle des Faschismus täglich in die Welt hinausschleu- dern und den ihre Korporäle unermüdlich wiederholen, obwohl sie wahrscheinlich von den großen Ideen von 1789, auf deren Vernichtung sie ausgehen, nur eine sehr ungenaue Vorstellung haben. Der preußische Junker von der Marwitz. die deutsche Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Adam Müller, der Apostel der Restauration, das sind die geistigen Quellen des deutschen Nationalsozialismus. Aber, was sind denn diese Ideen der deutschen Restauration, der deutschen Romantik genau besehen? Sie sind ein termanisch-mlttelalterlicher Protest gegen den frischen Wind, den die französische Revolution in die stickige Luft Deutsch lands hineingetragen hat Ein Protest gegen die gleichmachende Gesetzgebung Napoleons, gegen die Bauernbefreiung am Rhein, gegen jenen Weltgeist, den der junge Hegel in Napoleon verkörpert zu sehen glaubte, als er über das Schlacht feid von Jena ritt... Um deswillen has sen die Herren Nazis die französische Revolution. Der Nationalsozialismus kehrt zurück zu den Ideen der Restauration. Zu den Ideen, die geboren wurden in dem Augen blick, in dem die Kräfte der französischen Revolution erschöpft waren und die Heilige Allianz die Geister regierte. Aber obwohl der Nazismus zu diesen Auffassun- ten zurückkehrt, ist er nicht nur Reaktion. Er versucht eine ungeheuerliche industrielle und finanzielle Konzentration zu schaffen, in den Händen einer Hand voll von Magnaten alle Reichtümer zu ver einigen und eine härtere autokratischo Unterdrückung zu üben als sie in den finstersten Epochen der Geschichte geübt wurden. Die Ideen der französischen Revolution baben der Menschheit einen großen geistigen Schatz verliehen. Wohl haben sie nicht alle Bedürfnisse befriedigt, doch haben sie wenigstens die Herzen entflammt Die Kritik an ihnen hat in der Person eines Gracchus Babeuf eine neue Kraft erzeugt, die bewegende Kraft einer kommenden Geschichtsepoche... 1« allen Ländern, wo der Faschismus gegen die Ideen der französischen Revolution vorstößt, sind es die Vorkämpfer des neuen Lebens, der neuen Epoche in der Geschichte der Menschheit, die unzwei- deutig erklären:„Jawohl, wir wollen vor- wärts marschleren, wir begnügen uns nicht mit dem Erbe der Vergangenheit, aber wir wollen den besten Teil des jakobinischen Vermächtnisses mit uns neh- menl" Es Ist kein Zufall, daß die Oktober- revolutionäre Rußlands sich mit Leidenschaft dem Studium der Geschichte der Iranzöaischen Revolution gewidmet haben. Die Ideologie der französischen Revolutionknüpft an an die Entwicklung der eng- üaehen und amerikanischen Revolutionen. Aber die Universalität der Idee der fran- Wäschen Revolution gehört dem Gerne des französischen Volkes, das sich gegen die Welt das Feudalismus erhob. Und wenn man heute sieht, wie die nordischen Sagen verherrlicht werden und sich die dunkle Heiligkeit des germanischen Mit- talalters ausbreitet, dann können die Wahrhaftigen Reformer des meoscblichen Löbens den gewaltigen Elan Frankreichs, 'n dem die Flamme der menschlichen Vernunft leuchtete, nicht hoch genug preisen. Kein Zweifel, 1789 war der Ausdruck des Befreiungswillens einer Klasse, die nach unserer Meinung heute ihre Rolle ausge- spielt hat. Gleichwohl steht die frauzösi- 8che Revolution eine gewaltige Tatsache der Entwicklung der Menschheit dar, eine Tatsache, der man sich wahrlich nicht zu schämen braucht. Der Faschis- n>«$-wipd nichts anderes sein, als ein Zwischenspiel der Wildheit des blutigen Chaos. Die Ideen der französischen Revo- Wion aber werden über der Menschheit leuchten auch noch in jener Zeit, in der si® längst an neuen Ufern gelandet sein Wird. ••• Der vorstehende Aufsatz des weltbekannten bolschewistischen Publizisten ist ktin programmatisches Bekenntnis der dritten Internationale zu den Ideen von 1799, sondern eher eine diplomatische Gelegenheitsarbeit mit dem Zweck, die neue russich-französiche Freundschaft auch ideologisch zu rechtfertigen. Deswegen ist er aber nicht weniger interessant. In Europa herrscht heute eine große Konjunktur in antiliberalen Ideen aller Arten und Sorten. Es gibt sogar Sozialdemokraten, die glauben, mit dem Geist der Zeit zu gehen, wenn sie über die„liberalisti- schen Ideen von 1789" verächtlich die Nase rümpfen. Es ist nicht ohne Reiz, daß sich gerade in diesem Augenblick Karcl Radek stürmisch zu jenen Ideen bekennt. Um jedes Mißverständnis auszuschließen, seien hier die wichtigsten Bestimmungen der Erklärung der Menschen- reciite vom 26. August 1789 wiedergegeben. Nach Artikel 1 werden die Menschen frei und gleich an Rechten geboren. Nach Artikel 2 ist es Ziel jeder politischen Gesellschaft, die natürlichen unverjährbaren Redde des Menschen zu wahren, zu diesen gehören u. a. das Recht auf Freiheit und das Recht des Widerstandes gegen Bedrückung. Nach Artikel 6 haben alle Bürger das Recht, selbst oder durch ihre Vertreter an der Gesetzgebung teilzunehmen. Nach Artikel 10 darf niemand wegen seiner Ansichten belästigt werden, sofern nicht die Art, in der er sie äußerte, die öffentlicfae Ordnung stört Nach Artflcd 11 ist die Freiheit des Austausches der Gedanken eines der kostbarsten Rechte des Menschen. Das also sind die großen Ideen, die heute ein repräsentativer Publtefst der dritten Internationale in einem Blatt der rassischen Regierung feiert. Wäre seine Begeisterung ernst zu nehmen und würde sie von der dritten Internationale geteilt, so könnte man wohl sagen, daß von da eine neue Epoche in der Geschichte der Arbeiterbewegung beginnt. Denn der ganze Kampf um Demokratie oder Diktatur zwischen der dritten und der zweiten Internationale war ja schließlich ein Kampf um den Geist der französischen Revolution. Die deutsche Sozialdemokratie hat die Ideen von 1789 in ihrer zeitgemäßen Fortentwicklung vertreten und hat für sie jenen Zweifrontenkrieg gegen Nationalsozialisten und Kommunisten geführt, in dem sie nach 14 Jahren schließlich unterlag. Unsere französischen Gnossen verteidigen noch heute— glücklicherweise erfolgreicher— den Geist von 1789 gegen den Angriff des Kommunismus. Wie gesagt, der Artikel Radek s könnte Epoche machen, wenn er programmati- sehe Bedeutung hätte. Aber er ist leider wirklich nichts anderes als eine diplomatische Gelegenheitsarbeit! F. St. Zwei Propaganda-Morde Fortsetzung der Mordserie um Horst Wessel Das Schwurgericht des Landgerichts Berlin hat zwei Kommunisten, Ziegler und Epstein, zum Tode verurteilt— wegen Mittäterschaft an der Ermordung Horst Wessels. Die von Göbbels erfundene Horst-Wessd-Legendc muß mit Blut besieget t wenden. Der„Student" Horst Wessel war 1929/30 Führer einer nationateozialistischen Schläger- kolonne im Berliner Osten. Damals war den Nadonalsozialiston noch nicht die Mobilisie- ruug der Mittelklassen, die Beerbung der Wirt- schaftspartci und der Deutschnationalcn gelungen. Es waren Deklassierte, Schlcchtwegge- kotnmenc, Abenteuerer. Sie traten als Schlägerkolonnen auf und suchten Rempeleien gegen Juden. Das Menschenmaterial— die rauhen Kämpfer— lieferte ihnen das Lumpenproletariat— die gleich radaulustlgen Gegner Rotfront Horst Wessel war einer der Anführer dieser Banden. Er lebte im Berliner Osten mit einer Prostituierten. Ein Zuhälter, der in Rot- frontkreisen verkehrte, schoß Ihn in seiner Wohnung nieder. Eifersucht und Geschäftsneid eines Zuhälter, politisch maskierte Bandcn- (eindschaft und dazu die Absicht der Zimmervermieterin, einen unbequemen Mieter los zu werden, bildeten die Grundlagen der Tat. Ein objektives Gericht hat vor vier Jahren diese Tat als einen Totschlag klassifiziert. Göbbcäs hat aus diesem Wessel einen strahlenden deutschen Jüngling, das Symbol des neuen Deutschland gemacht Das Horst-Wesscl- lied wird In der Schule der deutschen Jugend gefehrt Um die nichtweichenwollenden Flecken an diesem strahlenden deutschen Jüngling abzuwaschen, muß Blut herhalten. Der Haupttäter Höh ler Ist nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Im Zuchthaus„gestorben". Eine Frau, Else Cohn, die an der Affäre beteiligt war, ist in Breslau ermordet worden. Alle Zeugen von damals sitzen in Schutzhaft. Aber der stiHe und verborgene Mord genügt der Göbbels-Propaganda nicht! Es müssen öffentlich Köpfe rollen! Man fand zwei Opfer. Sie waren mit dem Tütertrupp aus dem kommunistischen Verkehrslokal heraus auf dlt Straße gegangen, sind aas Neugierde und Unentschlossenhelt ein Stück mitgelaufen und haben eich dann gedrückt. Dafür sollen zwei von Ihnen geköpft werden! Das Ist ein infames Propagandastück, umso Infamer, als das Blut offcnsichtüch der Beschwichtigung der SA dienen soll, die ihren Abbau befürchtet. Aul Befehl der Propaganda hat das Berliner Schwurgericht die geforderten Todesurteile geliefert. Der Vorsitzende in diesem Prozeß heißt Land gerlchtÄdlrektor Schmidt der Anklagevertreter Staatsanwaltschaftsrat Bbert. Der Prozeß war eine Farce. Irgend ein Beweis für die Anklage wurde nicht geliefert. Der Vorsitzende ließ seine ParteHichkeit ebenso offen erkennen wie die Entschlossenheit, den Henker zu beliefern. Einer Zeugin sagte er: „Ach, es ist ja rührend, was Sie uns hier alles aufbinden wollen. Lügen Sie ruhig weiter"! Einem Angeklagten; „Lügen Sie nicht so unverschärat!"— ..Sie haben die Unverschämtheit, uns das Iiier aufbinden zu wollen!"—„Was erlauben Sie sich hier, lumpige Sache zu sagen? Sie sind hier als Mörder angeklagt, das scheinen Sie noch nicht zu wissen. Wie kommen Sie dazu, einen Mord als eine lumpige Sache zu bezeichnen?" Einem anderen Angeklagten gegenüber ließ er die wahre Zweckbestimmung des Prozesses erkennen, die Wessel- Legende zu befestigen; „Wollen Sie uns etwa glauben machen, daß Sie als Mitglied der Sturmabteilung der KPD im Januar 1930 nicht gewußt haben, wer Hofet Wessel war. der bekannteste Sturmführer Jener Gegend?" Das ist es, worum dieser Prozeß geführt wurde! Der damals unbekannte Wessel soll nachträglich zum großen Manne gemacht werden. Das BIM eines lumpenproletarischen Bandenführers soll aufs neue glorifiziert und von Flecken gesäubert werden! Für die ungeheuer- Kclwte alier Geschichtslflgcn sollen Menschenopfer fallen!* Die Justiz ist dazu da. diese Opfer zu liefern— sie liefert sie! Man muß sich die Na men dieser Lieferanten des Henkers gut merken, die unter der Maske von Richtern sich der Mittätersdiaft am Mord schuldig machen! m Huamuttr.„Es kann keinen Staat gebe«. der Meli Rechtsstaat nennt, in den nicht da« Qesete oberste Richtschnur ist", und der Mit- arbetter Prof. Dr. Heß ritz bekannte offen: „TMr laben geneawfirtgi in einer Verwirrung der Rechtebegriffe, wie sie für die Wissenschaft nicht ärger gedacht werden kann." „Kritik Ist uns erwünsciit", sprach Gobbels — und ließ den zagiiait-bescheidenerr Kritiker Bhm Wedk ins Konzentrationslager sperren- Jetzt hat auch Dr. Baurabach die Quittung für deutschen Mannesmut bekommen. Der Mann fordert einen Rechtsstaat?— Der Mann muß verschwinden! Die Leser der„Deutschen Juristenzeitung" erlebten soeben eine Ueberraschung. Als sie die neueste Nummer ihrer Zeitschrift zur Hand nahmen, entdeckten sie am Kopf den Hakenkreuz- vogel mit jener Waage in den Klauen, die er der Gerechtigkeit geraubt hat. Auf der ersten Seite verabschiedet sich Dr. Baumbach mit wenigen Worten von seinen Mitarbeitern— und dann dröhnt ein andrer los: Staatsrat Prof. Dr. Carl Schmitt: „Der Reiciisführer der Deutschen Rechtsfront, Staatsminister Dr. Frank, hat mich als den Leiter der Fachgruppe Hochschullehrer des nationalsoziahstischen Deutschen Juristenbundes mit der Herausgabe der Deutschen Juristenzeitung beauftragt... Es entspricht dem Willen des Führers, im Rahmen des heutigen Staates zu erhalten, was erhalten zu werden verdient(und an dessen Erhaltung die braunen Staatslenker etwas verdienen können— Red. N. V.). Gleichzeitig aber kommt es darauf an, die neuen Fragen und Pflichten zu erkennen, die den deutschen Juristen heute aulgegeben sind. Nur so kann für eine gegenwartsnahe wissensdialtlidie Zeitschrift im heutigen Deutschland die Gefahr vermieden werden, entweder in eine nichtssagende Neutralität oder In eine unfruchtbare Gegensätzlichkeit zum neuen Staate zu geraten." Damit ist ein neuer Beweis geliefert, daß Göbbeis gelogen hat, daß nicht nur Kritik, daß sogar„Neutralität", auch von denkbar unmarxistischer Seife, im Dritten Reiche verboten ist Nun die.Deutsche Juristenzeitung" verbonzt, mm auch dieses Ventil verstopft ist, wird freilich das Murren In den Richterzim- mern noch bedrohlicher anschwellen. Ob es freilich eine Wirkung hat? Bs Ist leichter, Recht zu zerschlagen, als Recht zu schaffen— das wird gerade den deutschen Richtern in dieser Zeit endlich Idar werden. Kritik Ist erlaubt Wer kritisiert— fliegt. Nun die Blut- und Schlammflut im Dritten Reiche höher und höher schwillt heben auch kionservative Leute beschwiörend die Hände. Zu den Warnern gehört ein Teil der altbeamteten deutschen Richterschaft{euer Richterschaft die sich Im Zweiten Reiche auf die Seite der Republikieiudc schlug, Jene Rieh- tcrschaft, die schwere Mitschuld trägt am Niederbruch deutscher Kultur. Die Herren im schwarzen Talar beginnen zu begreifen, was sie und ihre„stramm nationalen" Gefährten um Hilgenberg angerichtet haben, beginnen zu erkennen, daß sie das Recht vernichten halfen zu dessen Hütern sie bestellt waren. In den Amtszimmern deutscher Gerichte raunt und murrt es, und manche von den älteren Juristen, denen„Rechtspflege" noch nicht zur blutigen Karnevalspossc geworden Ist, wagen sogar hier und da ein offenes Wort. Die„Deutsche Jurlstenzcitun g", die bisher von Senatspräsidenten a. D. Dr. Baumbach herausgegeben wurde und ein hohes Ansehen genoß, erhob mehr als einmal ihre warnende Stimme, In Ihren Spalten kamen immer wieder jene zu Wort, die Im Namen der Gerechtigkeit sprachen. Gewiß, sie sprachen vorsichtig genug und verbeugten sich nach Jedem kritisclien Satz mit betonter Ehrerbietung vor dem„Führer",«her immerhin— sie opponierten gegen das Durch- und Widereinander im ueudcutschen Rechtsleben. Dr. Baumbacb selbst mahnte in einer der letz- IMe meckernden Schuster Der Obermeister Jakob Meier der mittd- fränkiscdien Scbuhmacherinramg erläßt folgende Verlautbarung: „Wenn auch bei den mittelfränkisdien Innungen des Sdiulumcherhandwerks nur sdten die Gemeinschaftsarbeit gestört wird, so veranlassen mich doch einige wenige Fälle zu folgender Stoilungnahme: Die Innungen sind fest in der Hand zu behalten und gegen Störenfriede überall rücksichtslos durchzugreifen, falls versucht wird, durch gewisse Meckerer und notorischer Hetzer vergangene Systemblüten wieder aufleben lassen zu wollen. Das läßt in jeder Hinsicht tief blicken. Wiederholt und fortgesetzt mit langatmigen Briefen bedacht, voll von Unilätigkeiten, weiß man sofort, daß von derart! genSclimut z- �inken keine Aufbauarbeit herkommen kann. Derartige Gewohnhedtskrltfker sind nicht imstande, selbst praktische Aufbauarbeit leisten zu können, dies sind nur Ankläger und Besserwisser, welche ihren inneren Schweinehund noch nicht überwunden haben. Ich begrüße jeden zu mir kommenden Mitarbeiter, der es ernst meint, verurteile aber auch andererseits Querulanten und Schädlinge unseres Beruf sstandes und müssen sich solche Herren, die nur Schmarotzer und Parasiten unseres Volkskörpcrs sind, die für sie notwendige natfonalsozialSstische Erziehungsarbeit angedelhen lassen, um durch eine derartige Läuterung dem deutschen Volkscmpfin- den dann gerecht werden zu können." Unter Fachleuten! Aus Nr. 25 der„Umschau" vom 17. 6. 34, Frankfurt a. Main. „Zur Frage: Unbefugtes Ocffnen verschlossen gewesener Briefumschläge. Man kann Briefe so öffnen, daß sie vollständig unbeschädigt bleiben, wenn man sie unter eine Glasglocke bringt, unter der auch ein kleines Gefäß mit Wasser steht... Der Umschlag geht dabei aus allen Verbänden. Die Kicberänder kleben aber noch nach Trocknung des Umschlags... Dr. Richard v. Dallwitz- Wegcner." Woher er das hat? Von Herrn Hitlers Gestapo! Die Brieldiebe. Ein Erwerbsloser in Nürnberg schrieb seinem Schwager In Nordamerika einen Brief über seine Not und bat um Geld. Wie üblich, wurde der Brief erbrochen. Sechs Monate Gefängnis wegen Ver- breitung unwahrer Gerüchte. Staatsbankrott- Wirtsdiaftsbankrott! Die braame fHkiabu* weift kernen Aasweg mehr! Am 14. Juni hat Herr Schacht oKizicil den deutschen Staatsbankrott erklärt. Da die Gläubigerkonferenz praktisch ergebnislos geblieben war, verkündet Schacht aus eigenem Recht zunächst eine halbjährige vollständige Zahlungseinstellung für alle Tiigungs- und Zinszahlungen. Nach dieser Zeit sollen die Gläubiger das Recht haben, für ihre Zlnsansprücbe eine zehnjährige. mit 3 Prozent verzinsliche und mit 3 Prozent jährlich zu tilgende Valutaanleihe des deutschen Reichs in Zahlung zu nehmen oder ihre jedesmal iälligen Zinsanspriiche zu 40 Prozent Ihres Wertes der Reichsbank zu verkaufen. Aber die Reichsbank behält sich das Recht vor, dieses Angebot jederzeit zu widerrufen. Der Reichsfinanzminister hat sich dieser Erklärung für die Reichsanleihen— die Dawes- und Youganleihe, sowie die Kreuger- ünd Lee-Higginson-Anieihen— angeschlossen. Es handelt sich also zunächst um die v o 1 1- «tändige Zahlungseinstellung auf alle privaten und ö i f e h 1 1! c h e n Verpflichtungen. Die Zahlungseinsteiiung ist sicher, die Wiederaufnahme von Zahlungen bleibt völlig im Ungewissen. Die nationalsozialistische Revolution hat es wenigstens in einem Punkt wirklich zur Totalität gebracht. Aber, so wird vielleicht ein SA-Prolet sagen, ist das nicht schön? Im Innern ist zwar von! der Brechung der Zinsknechtschaft, die einst die„stählerne Achse" im nationalsozialistischen Programm war. keine Rede, die Banken haben ihre Milliarde Subvention nun einmal genossen( und bleiben durch die Hitler, Schacht und Schmitt vor jeder Gefahr der Verstaatlichung bewahrt, aber dem Ausland haben wir es gezeigt— nichts wird mehr gezahlt. Wir brauchen unser Geld selbst für Arbeitsbeschaffung und den kommenden Krieg. Heil Hitler! Der arme SA-Mann begegnet eisiger Stille und sieht nur bestürzte Gesichter. Kein einziges Heil! Er versteht die Welt nicht mehr. Aber niemand spricht mit ihm, es ist zu gefährlich. Nur einer flüstert: was wird aus der Mark, was wird aus unserer Versorgung mit dem nötigsten Einfuhrbedarf? Und schon ist er wieder in der Menge verschwunden. rückweichcn wie in der Aufrüstungsiragc? Die englische Presse ist diesmal sehr energisch, und am unfreiradlichsten ist gerade die„Times", die sich sonst im Verständnis für Hitlers Außenpolitik höchstens durch den„Daily HeraM" übertreffen läßt. Der„T e m p s" aber schlägt Töne an, die man schon lange nicht gehört hat: Deutschland wündc zahlen können, wenn es nicht über seine Verhältnisse leben wollte, wenn es nicht enorme Summen in ganz unproduktiven, kostspieligen Arbeiten vergeudete, in industriellen Investitionen, die die Bedürfnisse der Produktion weit überstiegen, in ruinösen sozialen Experimenten, schließlich und hauptsächlich in R ü s t u n g s v o r b e r c i t u n- g c n, die den Friedensvertrag verletzen. Die Antwort des Auslandes. Audi die gleichgeschaltete Presse ist auffallend kleinlaut. Demütig fleht sie das Ausland an; seid einsichtig, keine Gegenmaßnahmen. die Euch auch schaden und dem internationalen Handel hindern könnten, für den wir Ex-Autarkisten jetzt so schwärmen. Gebt unserem Dumpingexport freae Bahn, dann werden wir auch brav wieder zahlen. Sie haben kein Glück. Der englische Schatzkanzier Nevitte C h a m- b e r 1 a i n hat auf eine Anfrage im Unterhaus erklärt, die britische Regierung habe der deutschen mitgeteilt, daß sie sich durch Gesetz zur Schaffung einer anglo-deutschcn Clea- ringsteile ermächtigen lassen werde. Sie werde von dieser Ermächtigung Gebrauch raachen,„faBs vor dem 1. Juli eine Verständigung nicht erzielt werden könne, die den britischen Obiigationeninhabern und dem britischen Handel dne annehmbare Behandlung sichern würde". Welchen Obligationen das Clearing zugute kommen würde, bleibe noch zu bestimmen und werde vom Ausgang der Verhandlungen mit Deutsehland abhängen. Unwirsch erklärt darauf die deutsche Regierung, unter dem Druck einer solchen Drohung wolle sie nicht verhandein; aber dann wird wohl das Clearing ohne Verhandlungen kommen. Das französische Finanzministerium erklärt von Uebcreinstirnmung mit dem Außen- ministerium, daß alle Maßnahmen zum Schutz der französischen Gläubigerrechtc getroffen werden sollen. Im Vordergrund der Erwägungen steht die Einführung einer Recover y- Abgabe, wie sie während der Reparations- zahhmgen erhoben wurde. Der französische Importeur würde zugleich mit dem Zoll einen Teil des Preises— man denkt an den früheren Satz von 26 Prozent— in französischen Francs zu erlegen haben. Diese Beträge würden den französischen Zahlstellen für die Dawes- und Younganleiho überwiesen werden, die die Gläubiger befriedigen würden, während die deutsche Regierung dem deutschen Exporteur den zurückbehaltenen Wert ersetzen müßte. Frankreich ist an privaten Anleihen in nicht nennenswertem Maß interessiert und wird seine Aktion in erster Linie auf die Reichsan!«;ihen beschränken. Es wird versuchen, womöglich mit England gemeinsam vorzugehen und S c h w e- d e n wird sich jedenfalls für die Kreuger-An- leihe einem solchen Vorgehen anschließen. Aber ist es den Regierungen anch ernst, werden sie nicht schließlich vor dem in seinem Führer und im Bankrott geeinten Volke zu- „Jetzt wirft es die Maske ab und zeigt sein wahres Gesicht. Es beschließt das Moratorium im selben Augenblick, da es die Kühnheit hat. seine Budgetausgaben für Heer. Marine und Luftfahrt um Hunderte von Millionen zu steigern, wo es neben der Reichswehr eine zweite irreguläre Armee unterhält, wo es unbegrenzte Ausgaben für die Konsolidierung des nationalsozialistischen Apparates des Regimes aufwendet. Die Wahrheit ist, daß Deutschland heute wie gestern, die ihm für den wirtschaftlichen Wiederaufbau geliehenen Milliarden heimlich zur Wiederherstellung seiner MiKtärmacht benützt; es ist das Geld der anderen Nationen, mit dem es die Rüstungen gegen sie betreibt. Militärische Ausgaben, Ausgaben für politische Propaganda. Ausgaben für übermäßige Rohstoffeinfuhren zu dunklen Zwecken, Ausgaben für demagogische Zwecke, getarnt als Arbedtsbescliaf- Sung, schrankenlose Verschwendung auf allen Gebieten und unter allen Formen, systematischer Rückkauf— mit geliehenem Geld!— eines Teils seiner langfristigen Anleihen im Ausland, das alles gibt der neuen deutschen Zahlungseinstellung den betrügerischen Charakter. Es wird schwer sein, nach all dem die deutsche Kreditfähigkeit in der Welt wieder herzustellen und einem Lande wieder Vertrauen zu schenken, das mit solchem Egoismus seine Verpflichtungen unerfüllt läßt, das grundsätzlich für die Achtung vor Verträgen kein moralisches Gefühl besitzt. sei es auf dem Gebiete der Wirtschaft und der Finanzen, sei es auf dem Gebiet der Politik." Und der„Temps" schließt mit der Ankündigung, die französische Regierung bereite sich darauf vor, die nötigen Maßnahmen zum Schutz der tlnanzlellen und wirtschaftlichen Interessen zu treffen: „Die Verteidigung gegen einen böswilligen Schuldner ist legitim. Die Verteidigung wird energisch und wirksam sein, daran Ist kein Zweifel gestattet." Wer aber an dem Emst dieser Ankündigung noch zweifeln will, mag die Tatsache bedenken, daß der Kurs der Dawes- und Younganleihen trotz der deutschen Zahlungseinstellung auf den internationalen Plätzen nicht zurückgegangen ist. Ja, die„Frankfurter Zeitung" meldet sogar umfangreiche Pariser Käufe in Younganlcihe! Und Kurse ve-r pflichten in der kapitalistischen Welt die Regierungen... Während sich die Regierungen Frankreichs, Englands, Schwedens zunächst um die Bezahlung der Reichsanleihen kümmeni, gilt die Sorge der holländischen und schweizer Regierungen vor allem der Bezahlung der privaten Schulden. Sie bestehen auf einer Sonderregelung und drohen ebenfalls mit Zwangsclearing. Aber jedes Zugeständnis an sie würde dann von den anderen Gläubigern und ihren Regierungen nach ihren wiederholten Erklärungen ebenfalls in Anspruch genommen werden. Die Vereinigten Staaten haben bereits zu einer Gegenmaßnahme gegriffen. Das Repräsentantenhaus hat eine Entschließung angenommen, nach welcher die amerikanischen Zahlungen an Deutschland für den Ausgleich von Kriegsschäden vorläufig nicht ausgeführt werden sollen, bis nicht Zinsen und Tilgnngs- beträge aus den amerikanischen Anleihen von Deutschland voll transferiert werden. Die nächsten Wochen werden also mit sehr schwierigen Verhandlungen angefüllt sein, die zum TeiT bereits begonnen haben. Ihr Ausgang steht dahin. Aber wahrscheinlich ist es nicht, daß Schacht die volle Zahlungseinstellung für irgend eine in Betracht kommende Zeit oder gar seine lächerlichen Angebote für später wird durchsetzen können. Und was wird dann aus der Mark und aus der Sicherung der nötigsten Einfuhr? Das Problem der Markentwicklung. Der deutsche Außenhandel zeigt im Mai ein neues Defizit von 42 Millionen. Es ist zwar geringer als das bisher überhaupt höchste vom April(8.2 Millionen), aber im Mai des Vorjahres war noch ein U e b e r- schuß von 89 Millionen zu verzeichnen. Im ganzen beträgt das Defezit der ersten fünf Monate 178 Millionen. Auf das Jahr übertragen käme man zu einem Defizit von über 400 Millionen. Nun wird sich das Defizit in den nächsten Monaten wohl schon durch die Wirkung der Einfuhrdrosselung vermindern. Andererseits aber bringt die Ausfuhr wegen der Bezahlung der Scrips und Sperrmark nicht in ihrem vollen Umfang Devisen. Nach der Meinung des Konjunkturinstituts wäre der Devisenerlös aus der Ausfuhr im Monatsdurchschnitt um mehr als 40 Millionen hinter ihrem Bruttowert zurückgeblieben. Das wäre also im Jahre ein Entgang von ca. 500 Millionen Devisen. Jedenfalls bleibt ohne gründliche Aenderung der Handelsbilanz ein Defizit, das durch Gold oder Devisen zu decken wäre. Und hier steckt das Problem der Markentwicklung. Vor der Verkündung der Zaklungseinstel- lung wurde die Mark im Auslande rückgängig und zeitweilig bis zu 7 Prozent unterbewertet. Viele Kreise rechneten bestimmt mit einer Devalvation, einer Abwertung der Mark um ca. 40 Prozent und manche ausländische „Sachverständige" sehen darin die Lösung mancher Schwierigkeiten. Das ist aber eine vollständige Verkennung der Dinge. Die Devalvation hat heute für Deutschland nur sehr beschränkte Wirkungen. Denn der Export wird ohnehin durch die Scrips- und Sperrmarkzahlungen verbilligt Die Devalvation würde diesen Vorteil etwas verallgemeinern und für kurze Zeit vergrößern. Dann kämen die Gegenmaßnahmen des Auslandes gegen das Dumping, ! die Steigerung der Rohstoffpreise und in ihrem Gefolge die Steigerung der Inlandspreise. Vor allem aber würden die bereits jetzt beginnenden Sachwertkäufe rasch zunehmen. Nun sind bereits, wie wir schon wiederholt gezeigt haben, im Innern die objektiven Bedingungen der Inflation längst gegeben. Milliarden„Wechsel" sind begeben, die heute 1 außer bei der Reichsbank, bei den Banken und Sparkassen untergebracht sind. Werden Depo- j siten und Sparkassenguthaben abgehoben, um ' Sachwerte zu kaufen, so müssen die Institute die Wechsel, Steuergutscheine, Schatzscheine usw. zur Reichsbank bringen, die sie mittels der Notenpresse in„Bargeld" umwandelt Die Preise steigen trotz aller diktatorischen Be- I fehle, und die Inflation wird offenkundig. Des- I halb ist die D e v a 1 v a t i o n für d i e D i k- itatur lebensgefährlich und davon hat Schacht Hitler überzeugt. Andererseits: die Wechselreiterei, die ganze ungedeckte Ausgabenwirtschaft, das , Hineinpumpen von Papiermilliarden in die Wirtschaft hat den Einiuhrbedarf in die Höhe getrieben, die Passivität der Handelsbilanz erzeugt und den Gold- und Devisenvorrat erschöpft Und das ist die andere Seite der Krise der deutschen Wirtschaft Solange die Wirtschaft andauert, bleibt das Passivum der Handelsbilanz. Eine Devalvation ändert daran gar nichts(eine ganz vorübergehende Steigerung des Exports vielleicht ausgenommen), schon deshalb, weil kein ausländischer Importeur seine Ware heute zu einem anderen als dem vollen Gegenwert in seiner Valuta verkauft Das Defizit der Handelsbilanz kann nicht mehr in einer sich immer mehr entwerteten Mark ausgeglichen werden, weil heute die Mark von Anfang an repudiert (zurückgewiesen) würde. Der Kurs einer hn Wert herabgesetzten, devalvierten Mark ist deshalb genau so schwer oder so leicht zu halten als der der vollwertigen. Auch die herabgesetzte Mark würde zurückgewiesen, ihr Wert ins Bodenlose fallen, sobald ihre Verwandlung in Gold oder fremde Valuta, zweifelhaft ist. Eine neue deutsche Inflation würde eben an dem Punkt beginnen, wo sonst Iniiatio- nen aufhören— bei einem völlig erschöpften Gold- und Devisenvorrat und mit sofortiger Re- pudierung(Annahmeverweigerung) der Mark. Deshalb ist es für die Diktatur eine Frage auf Tod und Leben, wieder eine aktive Zahlungsbilanz zu bekommen. Deshalb zunächst das Moratorium. Die Zalilungsverpilich- tungen für die Zinsen ohne Tilgung belaufen sich auf das Jahr gerechnet auf ca. 600 Millionen: 115 Millionen davon entfallen auf den Zinsendienst für die Reichsanleihen. Bei vollständiger Zahlungseinstellung würde vielleicht das voraussichtliche Defizit der Handelsbilanz gedeckt werden können. Aber eben diese vollständige Zahlungseinstellung stößt auf kaum besiegbaren Widerstand. Die Diktatur hat keinen Ausweg! Dann bliebe nur das andere Mittel! Beseitigung des Passivums der Handelsbilanz. Ist das möglich? An sich gewiß! Aber die Bedingungen sind zu hart Die Diktatur müßte aufhören, ungedeckte Ausgaben zu machen. Sie müBte also die Rüstungsausgaben einstellen, ebenso die Ausgaben für die SA und SS, für den ungeheuer aufgeblähten Herr- schafts- und Verwaltungsapparat; sie müßte eine vernünftige Handeispolitik treiben und nicht die Industrie zugunsten eines überspannten Agrarprotektlonismus totschlagen; sie müßte aber auch die unproduktiven Arbeiten einstellen, den Autostraßenbau vor allem und sie müßte die Arbeitsbeschaffung mit Steuern und nicht mit faulen Wechseln finanzieren* Kann sie das tun? Der Finanrniinister hat eben erklärt, daß die Regierung nicht mehr in der Form des vorigen Jahres zusätzliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen einleiten werde. Freilich, hat er hinzugefügt, der Bau der Reichsautobahnen und die„Frage der Siedlung" müßten weiter erledigt werden. Aber die Einschränkung dieser Maßnahmen— die Entlassung von 100000 Notstandsarbeitern im Mai war ja schon ein kräftiger Anfang— bedeutet das Aufhöre« der ganzen künstlichen Wirtschaftsbelebung, neues Sinken aller Einnahmen und Rückfall in die Krise mit stärkerer Arbeitslosigkeit als je. Und an die maßlose Verschwendung für den Machtapparat der nationalsozialistischen Partei, an die Ausgaben für Rüstungen, an die Vergeudung, die heute kontrollelos in allen öffentlichen Körperschaften getrieben wird, zu rühren, darf so ein gleichgeschalteter Minister erst gar nicht wagen! Es bleibt die Drosselung der Einfuhr durch Gewaltraaßnafamen. Es kommt genau so, wie wir es vorausgesagt haben. Am L Juli soll ein Einfuhr! I z e n z s y s t e m für Kaffee eingeführt werden... T rotz aller Redensarten werden die Einfuhren von immer mehr Gütern des Massenkonsums ge- drosselt werden, um Devisen zu sparen und die Einfuhren für die Rüstungsindustrien bezahlen zu können. Vergebens, denn die Drosselung der Einfuhr drosselt rückwirkend schließlich die Ausfuhr. In diesen falschen Kreis sind die Wlrtschaftsführer der Diktatur gebannt Die Krise des deutschen Zahhingssystems hat rasch zur Krise der deutschen Wirtschaft geführt. Ihre Weiterentwicklung hängt heute vor allem von dem Verhalten des Auslandes ab, in dessen Abhängigkeit die Befreier des deutschen Volkes so schmächlich geraten sind. Würde es sich nur um Rüstungen handeln, um Krieg und Frieden, Hitler fände vielleicht wieder freundliche Förderer. Aber es geht um mehr— um bare Zahlung. Und da sind die Aussichten trüber. Sich sein Eigentum konfiszieren zu lassen, nur um die Rüstungen, den Machtapparat, die Demagogie und die Vergeudung der Hitler und seiner Bande z'h bezahlen, dazu hat das Ausland doch wenig Neigung. Es kommt zum Zahltag! Dr. Richard Kern. Hlndenbur�s judlsdier Freund Vor ein paar Tagen ging durch die ausländische Presse die Nachricht des deutschen Nachrichtenbüros, daß der Bootsbauer Max Grünberger in Altmünster am Traunsee seineu 95. Geburtstag gefeiert hat Da der Greis im Jahre 1864 gemeinsam mit dem damalige11 Kadetten ftindenburg die Schlacht bei Oever- see mitgemacht hat, habe der Reichspräsident seinem ehemaligen Kriegskameraden sein Bild mit seiner eigenhändigen Widmung übersandt. Selbstverständlich hat das deutsche Nachrichtenbüro diese Nachriebt auch an die deutschen Zeitungen gegeben. Zwei Stunden später jedoch verbreitete das deutsche Nachrichtenbüro auf Anordnung des Propagandaministe- riums an die Blätter folgende Mitteilung:„Ei'1 Kriegskamerad des Reichspräsidenten„wird hiermit zurückgezogen." Keine deutsche Zeitung durite diese Nachricht veröffentlichen. Und warum? Weil man inzwischen i«1 Propagandaministerium über den seltsame11 Namen Max Grünberger gestolpert war und feststellte, daß dieser Kriegsheld aus dem dänischen Krieg em— Judcnstämmü11» war. Daß Hindenburg einen Juden als Kriegskamerad ehrte, das durfte man dem deutschen Volk doch wahrlich nichtt tauf die Nase binden! Hingerichtet. Die vor einiger Zeit wegen Spionage verurteilte Frau Kitty v. Berg ist Anfang Juni hingerichtet worden. Das Idyll von Goslar. Edith von Cobef ist zur Kulturreferentin beim Reichsnährstand ernannt worden. Man braucht zum Idyll von Goslar auch Repräsentationsdameul L Nr. U BEILAGE iMCmx 24. Juni 199i Die Blutnacht von Köpenick So brach vor einem Jahre der„totale Staat" an! Wie ein Lauffeuer eilte am 22. Juni 1933 die Nachricht durch ganz Berlin, daß am vorhergehenden Tage und in der Nacht zahlreiche sozialdemokratische Funktionäre in Köpenick verhaftet und gefoltert worden waren, daß ihre Häuser von der SA gestürmt wurden und daß der Gewerkschaftsekretär Schmaus, dessen Sohn sich beim Eindringen der SA in die Wohnung Widerstand geleistet hatte, von den SA-Banditen zum Selbstmord getrieben worden war. Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich der gesamten Arbeiterbevölkerung. zumal stündlich neue Einzelheiten über die fürchterlichen Vorgänge in Köpenick bekannt wurden. In Köpenick selbst herrschte Kriegszustand. Niemand war seines Lebens sicher, die Sturmtruppen der SA, geführt von berüchtigten Mördern und Schlägern, benahmen sich so, als ob die „Nacht der langen Messer" verkündet worden wäre. Die Panik wurde noch dadurch gesteigert, daß am selben Tage die Sozialdemokratische Partei wegen „hoch- und landesverräterischer Unternehmungen gegen Deutschland und seine rechtmäßige Regierung" verboten und eine Reihe ihrer Führer verhaftet wurde. Die blutigen Vorgänge in Köpenick erschienen als die Einleitung eines verschärften Terrorfeldzuges, der gegen die Partei im ganzen Reiche eröffnet wurde. Ueber die Opfer der Köpenicker Blutnacht wußte man zunächst nur wenig. Erst nach und nach wurde bekannt, daß über zwanzig Personen nach unmenschlichen Folterungen �Jötet worden waren, darunter das Mitglied des Parteivorstandes Genosse Stel- l in g und der Reichsbannerführer Genosse Paul van Essen. Eine Reihe anderer Personen, darunter auch eine Frau und ein neunzehnjähriges Mäd- chen, wurden im Gerichtsgefängnis auf das Unmenschlichste geprügelt und Später entlassen. Ueber die Folterungen, die unter Leitung bekannter SA-Sturmführer am 21. und 22. Juni im Gerichtsgefängnis vorgenommen worden waren, wurden grauenhafte Einzelheiten bekannt. Man hat die Ermordeten buch- st üblich zu Tode gemartert und später ihre Leichen in die benachbarten Seen und Flüsse versenkt. Erst nach ein bis zwei Monaten wurden die Leichen, die in Säcke eingebunden und mit Steinen beschwert waren, gefunden. Sie waren «o entsetzlich zugerichtet, daß man die Personen der Ermordeten nur mit Mühe feststellen konnte. Von den mehr als zwanzig Ermordeten sind elf Namen bekannt. Es waren dies: Richard Aßmann, Paul van Essen, Erich Janitzki, R. Krahl, Paul Pohl, Karl Pockert, Anton Schmaus, Hans Schmaus, Josef Spitzer, Paul Spitzer und Johannes Stelling. Die hamen der übrigen Opfer, darunter zwei SA-Leute, die offenbar der Feme zum �vfer gefallen waren, sind unbekannt geblieben. •»• Mitte Juni erschien in der„Vossi- schen Zeitung" eine kurze Anzeige, daß am folgenden Tage die Einäscherung Johannes Stelling im Kr c- 'natorium Gerichtsstraße stattfinden würde. Nichts weiter. Dennoch wußte ganz Berlin, worum es sich handelte. 'Jlr festgesetzten Stunde war das Kre- matorüm so überfüllt, daß zahlreiche Personen in den Gängen Aufstelimg nehmen mußten. Ein großer roter Blumenstrauß der Sozialdemokratischen Partei schmückte den Sarg, in dem die geschändeten sterblichen Ueberreste nes Genossen Stelling lagen. Viele ,r,auen traten an den Sarg und legten kleine Sträuße roter Blumen nieder. Da ~fm früheren Mitglied des Parteivor- standes Hüdenbrand verboten worden xyar. die Grabrede zu halten, hielt ein Vertreter des Feuerbestattungsvereins cme kalt gefühllose Berufsansnrnrhe. A i— nicht als Feind gekommen, unierbrach ihn eine helle Stimme:„Er ist gemordet worden!" Verwirrt haspelte der Redner die letzten Sätze seiner Ansprache herunter. Der Sarg sank in die Tiefe Da trat ein junger Genosse vor und streckte die Hand empor. Und mit einem Ruck entlad sich die Spannung: Hunderte geballte Fäuste erhoben sich und die Rufe„Freiheit" und„Rache für Stelling" hallten durch den Raum. Es war eine Demonstration von ungeheurer Eindringlichkeit, die allen Beteiligten unvergeßlich geblieben ist. Sofort wurden alle Türen des Krematoriums geschlossen und erst nach zehn Minuten, nachdem die Wache ihre Weisungen vom Polizeipräsidium eingeholt hatte, wieder geöffnet. Nach einer Pause von einer Stande fand in demselben Raum die Einäscherung des Genossen Paul van Essen statt. Alle Teilnehmer der ersten Feier waren wieder erschienen. Auch ein Polizeikommando war anwesend und eine Anzahl von Spitzeln drängte sich durch die Reihen der Trauergäste. Dennoch wiederholte sich dieselbe Demonstration wie bei der Einäscherung Stellings: Als der Sarg van Essens in die Tiefe sank, flogen wieder Hunderte von Fäusten in die Höhe und Hunderte schweigender Eide wurden geschworen. •* Ein Jahr ist seit der Blutnacht in Köpenick verflossen. Unzählige Opfer sind gefallen. Tausende und aber Tausende schmachten in den Kerkern und Konzentrationslagern. Die Arbeiterschaft hat ihre Märtyrer und Mitkämpfer nicht vergessen. Sie umgibt sie mit unerschütterlicher Liebe und Verehrung. Sie fühlt sich eins mit denen. die in den Kerkern schmachten, und sie erweist dem Andenken der Gefallenen ihre Sympathie durch Demonstrationen. die immer häufiger aus allen Teilen des Reiches gemeldet' werden. Heute herrscht noch Nacht über Deutschland. Aber im Dunkel ballt sich die revolutionäre Energie der sozialistischen Arbeiterklasse zusammen, formieren sich die Reihen der Kämpfer, die dem Rufe folgen, der aus den Gräbern der Ermordeten und aus den Kerkern der Gefangenen schallt: „F reihe i t"l Hitler, Thyssen, Krupp und Stinnes Soziallsmus In den deutschen Schulen Es ist dem Deutschen erlaubt, an Gott zu zweifeln— die Verdächtigung christlicher „Gottesmänner" gehört sogar zum guten Ton — aber ein noch so- leiser Zweifel an der Göttlichkeit sämtlicher„Führer" ist schlimmer als Gotteslästerung, ist„Verrat an der deutschen Volksseele" und zieh bei Bekanntwerden unweigerlich das Fegefeuer des Konzentrationslagers nach sich. Während man die erwachsenen Menschen durch Druck und Schrecken zur Anbetung zwingt, sollen die bildsamen Seelen der Jugend auf andere Weise für den Führergedanken gewonnen werden. Da die Kinder um sich her die Macht der Tyrannis spüren, da sie sehr bald erfahren, was allen Widerspenstigen droht, ist es nicht schwer, den Glaubenssatz in ihre Hirne zu hämmern; der Führer ist allmächtig, allwissend und unfehlbar; ist es nicht schwer, ihnen jene abergläubige Furcht vor dem Zweifel einzuimpfen, die der Kirche jahrhundertelang so gute Dienste tat. An die Stelle der Gottesfurcht ist die Fflhrer- furcht getreten. „Der Führer" ist nicht in jedem Fall identisch mit Adolf Hitler,'der Führer ist ein Sammelbegriff geworden, und Aufgabe der Erzieher ist es, all jene Größen in diesen Sammelbegriff einzufügen, die der neue Staat als unfehlbar geachtet wissen will. Daß die Inhaber politischer Aemter vom Kanzler bis hinab zum kleinsten Amtswalter dazu gehören, ist selbstvefständlich. Aber das deutsche Reich ist nicht nur ein„nationalsozialistischer", es ist auch— und sogar in erster Linie— ein kapitalistischer Staat. Die Kinder wissen noch nichts von den scheinsozialistischen Phrasen, mit denen Hitlers Bewegung groß geworden ist, wissen noch nichts von dem versprochenen„Kampf gegen die Bank- und Börsenfürste n", von der verheißenen„Brechung der Zinsknechtschaf t", von der stürmisch geforderten „Enteignung der Großbetrieb e". Während also draußen, in den Betrieben, am Rundfunk, in Arbeiterversammlungen, die sozialistische Phrase in vorsichtiger Form weiter gepflegt wird, darf der Nationalsozialismus in den Schulen die Maske fallen fassen, darf er sich als das zeigen, was er in Wahrheit ist: als Hüter der kapitalistischen Wirtschaftsform, als Beschützer des Industriekapitals, als„Garant" des Profits. In den deutschen Volks- und Berufs-Schulen sollen nicht nur Soldaten erzogen werden — es ist nicht alle Tage Krieg— sondern auch Arbeiter, und zwar Arbeiter, wie der Unternehmer sie braucht, Arbeiter, die sich w i 1- I i g ausbeuten lassen und nicht zu muk- ken sagen. Was liegt näher als der Versuch, die Führerfurcht in den Dienst dieser Erziehung zu stellen? Und das geschieht, wie sich gleich zeigen wird, in eindeutigster Weise. Ein beliebtes, an vielen Schulen eingeführtes, in allen Lehrerzeitungen angepriesenes Lehrmittel des Dritten Reiches sind„S c h ö- ninghs Arbeitsboge n für den deut- Als er sagte, der Tod sei zu Stelling Sieg des Davidsie ms Uber Hakenkreuz und Liklorenbiindel sehen Gesamtunterricht"(Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn). Jeder Ar- beitsbogen kostet zehn Pfennige, mehrere Bogen bilden jedesmal eine„Reihe". Unter den Reihen findet sich eine, die den Titel trägt: „Der Führergedank e", und diese Reihe umfaßt folgende Bogen: Bogen 1: Hitler: Mein Kampf. Für die Schule bearbeitet Bogen 2, 3 und 4:„B a h n- brecher der Ruhrindustrie"(I. Dinnendahi: Thyssen, II. Krupp: Harkort, III. Matthias Stinnes; Hugo Stinnes. Und damit ist die Reihe zu Ende! Unmittelbar neben Adolf Hitler gestellt, gewinnen die„Bahnbrecher der Ruhrindustrie" in den Kinderhirnen den gleichen Glorienschein, der den Kanzler selber umgibt, sie werden unfehlbar, allmächtig und unantastbar, sie werden zu Gegenständen der Führerfurcht. Für den Lehrer ist es nun ein Leichtes, die Erben und Nachfolger der Betriebsgründer in den Führerkreis mit einzube- ziehen, und da heute in Deutschland nicht nur Fritz Thyssen, der die„nationale Erhebung" aus guten Gründen bezahlt hat, sondern auch jeder kleine Klosettpapier- und Schuhwichsfabrikant sich„Betriebsführer" nennen darf, werden die Kinder bald begreifen müssen, daß ein Aufbegehren gegen den Unternehmer und künftigen Arbeitgeber gelinder Hochverrat ist. Ein Blick auf die Arbeitsbogen selbst macht die Absicht noch deutlicher. Den Hymnen auf die Ruhrindustriellen sind die Worte Hitlers vorangesetzt: „Aul kargem Boden wächst das lesteste Holz. Die Schwierigkeiten des Industriegebietes an der Ruhr haben eben deswegen so kernige und starke Fübrergestaiten gezeltigt. Wo dir die Frucht in den Mund wächst, da gedeihen keine Männer der Tat Freue dich darum deiner kargen Heimat und deines armen Vaterhauses!" „Freue dich deines armen Vaterhauses, Arbeiterkin d", so wird der Lehrer folgerichtig fortsetzen,„vielleicht wirst du einmal ein Thyssen oder Stinnes werden. Danach strebe, statt wie die roten Untermenschen um die Befreiung deiner Klasse kämpfen." Und nun dürfen die Kinder im Arbeitsbogen lesen, wie der kleine Franz Dinnendahi die Schweine hütete und dabei am Bach eine Wasserkunst baute, in der schon seine ganze, großartige Erfindungsgabe zutage trat: wie der kleine Matthias Stinnes sich auf dem Kahlenberg von der munteren Schar Mühlheimer Jungen trennte und„sinnend auf die von Kohlennachen belebte Ruhr starrte" (natürlich künftige Pläne wälzend): wie der junge Alfred Krupp, Inhaber der Firma,„sich schlaflos auf nächtlichem Lager wälzte, weil er nicht wußte, den Wochenlohn zu beschaffen, drängende Schulner zu befriedigen oder hinreichend ausgebildete Arbeitskräfte zu erlangen"; wie Franz Dinnendahi„meist gegen 9 oder 10 Uhr erst von der Arbeit heimkam und morgens 5 Uhr schon wieder an der Werkbank stand". Und was für Kerle waren die Ruhrführer überhaupt! Seitenlang werden ihre Verdienste in»tragendsten Farben geschildert. Ueber .Franz Dlnnendahl steht geschrieben: „Die Ruhrheimat mag stolz auf ihn sein. Er ist temperamentvoll, frisch und froh... Er ist ein Vorbild für unabhängiges und strebsames Menschentum, ein Vorbild für jeden, der nichts hat, aber etwas kann und weiß und vorwärtskommen will." lieber August Thyssen: „Die Entwicklung all dieser Werke läßt sich leichthin erzählen und birgt doch in sich eine Summe von Sorgen und Mühen, Stunden des Zweüelns und Bangens, um die man die verantwortlichen Führer in diesen Unternehmungen durchaus nicht beneiden möchte». Das Kapital in der Hand eines fleiBIgen und weisen Mannes hat durchaus zeugende und beglückende Kraft. Am ersten Ostertage des Jahres 1926 hat Thyssen den Weg ins Jenseits beschritten. Er Ist dahingegangen glclchder Sonne, die nach langem und heißem Tage sich hinuntersenkt unter diePurpuriahne ihres Nach- glänze s." Ueber H a r k o r t: „Man staunt über den seherischen Blick des Führers und erkennt erneut, wie sehr der wahrhaft große Mann seiner Zeit voraus ist.— Das eben ist das ungewöhnlich Große an Harkort, daß er Fortschritte plant und durchführt; nicht, um sich zu bereichern, sondern um seine Mitmenschen zu beglücken." Dies lernen die Kinder überhaupt in erster Linie aus ihren Arbeitsbogen: bereichert hat sich keiner der industriellen„Führer", sie alle erwarben ihre Millionen aus reinster, ungetrübtester Nächstenliebe. So auch Alfred Krupp, von dem zu lesen ist: „Goldne Verdienstzeiten tun sich nun auf. Was Krupp aber verdient, bringt er nicht zinstragend in Sicherheit Er benutzt es vielmehr, um sein Werk zu vergrößern. Er will auf der Höhe der Zeit bleiben, nicht hamstern." Kein Verdienst des großen Mannes wird verschwiegen: „Krupp lieiert den Belgiern Kanonen, soviel sie zu bezahlen vermögen. Er hat seihst den Triumph, daß die größte der englischen Waffeniabriken die schweren Kanonenrohre für«He engHsche Marine bei ihm bestellt. Rußland führt die erste wirkliche Großbe- Stellung bei Krupp aus. Oesterreich erhält ■och am Vorabend des Krieges 1866 von Essen schwäre Geschütze." Wer alles während des Krieges von 1914— 1918 schwer© Geschütze erhielt, steht zwar nicht dabei. Aber falls den Kindern trotzdem der Gedanke kommt, daß mit Kruppschen Kanonen doch deutsche Soldaten erschossen worden seien, hat der Arbeitsbogen einen Troat zur Verfügung; „Krapp* WaHengeschäit ist interna- 1 1 o n a I, er ist Kanfmann und nicht Vertreter der preußtschen Regierung." Oder, wie es auf nationalsozialistisch heißt; Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Ein„internationaler Kaufmann" darf überhaupt aus dem Krieg— und aus der Inflation — ein Geschäft machen. Er wird dafür in deutschen Schulen noch gefeiert. Z. B. Hugo Stinnes: Der Geist von Polna Es brauchte gar nicht in Polna zu sein, das antisemMische Spektakelstück, das Bruno Adler'in seinem soeben erschienenen Tatsachenroman„Der Kampf um Polna"(Kaoha-Ver- lag, Prag) meisterhatt aufrollt— es könnte überall spielen in Mitteleuropa. Dieser Bericht wurde geschrieben, um die Menschen vor ihrer Dummheit zu warnen: er wurde Dokumenten und Gerichtsverbandlungen nacherzählt, um zu zeigen, was dumpfe Phrasen von„Biut und Scholle" anzurichten vermögen. Der Fall Hilsner spielt um 1900 und war für das faulende dekadente Oesterreich das, was bald darauf der Kanitzer Ritualmordschwindel für das wilhelminische Deutschland wurde: ein blutendes, klingendes Geschäft für den Antisemitismus.. Polna ist ein böhmisch-mährischer Ort und hatte damals 5000 Einwohner, nationale Tschechen. Daneben etwa fünfzig jüdische Familien. Dieses Polna wird 1898 durch einen Mädchenmord aufgestört; die Leiche wird im Walde gefunden. Schnitt in die Kehle. Das Raunen beginnt. Ist nicht recht wenig Blut auf dem Erdboden zu sehen? Wer hat ihr das Biut abgezapft? Wer schächtet christliche Jungfrauen? In wenigen Tagen lief es herum: Die Anna Hruska ist von Juden geschachtet worden. Ein Jüdischer Lumpenproletarier wird verhaftet, ein erblich belasteter, aber harmloser Dummrian. Er beteuert seine Unschuld, er hat die Hruska überhaupt nicht gekannt— aber man wirds ihm und seinen HeHcrsheHcm beweisen! Die ganze Provinz gerät in eine antisemitische Psychose, „Vor dem Weltkrieg ist Stinnes in dar Millionärstadt Mühlheim mk einem Vermögen von 30 Millionen Mark nach August Thyssen der reichste Bürger. Da trifft ihn 1914 in Bad Gastein die Nachricht vom Ausbruch des Krieges. Hugo Stinnes ist schnell gefaßt Längst sind seine Pläne erwogen. Er kann nicht verhindern, daß ungeheure Werte im Ausland verloren gehen, aber große Heeresaufträge gleichen den Verlust bald aus. Viel gewinnt er aueb durch die Ausbeutung der belgischen und nordfranzösischen Eisenwerke. Vor allen Dingen wahrt er seine Selbständigkeit und sucht, wo es geht, Geschäfte zu machen.(Während die Anderen draußen verbluteten! D. Red.) Seine Ankäufe nehmen während des ganzen Krieges kein Ende. Er ist und bleibt „der schlichte Kaufmann aus Mühlheim, der es versteht, aus allem ein Geschäft zu machen". Er rechnet bestimmt mit dem Siege deutscher Waiicn. Furchtbar muß ihn der unglückliche 9. November 1918 treiien... Die Geldentwertung beginnt, Stinnes benützt sie, seine Ankäuie ins Unerhörte zu steigern." Und so geht es fort. Vielleicht fragen die Kinder, ob denn das Geldscheffeln gar so eine patriotische Tat sei?— Aber bitte, sagt der Arbeitsbogen: „Stinnes Unternehmungsdrang auch nach dem unglücklichen Kriege entsprang dem Vertrauen in die deutsche Kraft. Und überhaupt: „Ein strebsamer Kaufmann darf nie den Mut verlieren, damit verliert er auch nicht den Drang, der ihn zum echten Kaufmann macht. Er muß streben und schaffen, wetten und wagen— Besitz und Gewinn zu erlangen. Der echte Kaufmann ist so gewiß ein Führer des Volkes wie der Künstler, der Kriegsheld und der Wissenschaftler auch.— Wir wissen, daß Stinnes rastlos gearbeitet hat wie selten einer, daß er das Geld nicht aufhäufte, um sich zu vergnügen, sondern daß er ein Muster an Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit war.— Der echte Kaufmann schaift Werte, der Allgemeinheit kommt die Kapitalbildung zugute. Wird sie unterbunden. so hört alle Unternehmungslust auf; Arbeitslosigkeit und Elend sind die Folgen." Und da der echte Kaufmann Werte schafft. die... usw., darf ihm der vergnügungssüchtige Arbeiter(und die Jungen auf der Schulbank sind künftige Arbeiter) nicht mit seinen eigennützigen Forderungen in die Quere kommen. Natürlich will der Unternehmer immer das Beste für seine Arbeiter. Matthias Stinnes z. B., erzählt der Arbeitsbogen, „verschmähte es nicht, seinen Arbeitern die schwielige Hand zu schütteln, in heimischem Platt mit ihnen zu reden � und ihre oft rohen Scherze anzuhören." Und Krupp faßte eigentlich alles, was der Lehrer seinen Schülern über diesen Fhmkt beizubringen hat, in einem(auf Seite 12 des III. Bogens lobend zitierten) Ausspruch zusammen; „Wir wollen nur treue Arbeiter haben, die dankbar im Herzen und in der Tat dafür sind, daß wir ihnen das Brot bieten. Wir wollen sie mit aller Menschenliebe he- jeder Zweite in Polna weiß plötzlich etwas, jedem geht die Phantasie durch. Mit Stöcken und Beilen legt die aufgeputschte Menge jüdische Geschäfte in Trümmer, Deutschvölkische, Christlichsoziaie und Tschechen vereinigen sich zu einem judcm'eindlichen Block, damit richtiger Zug in die Sache, in die Aussagen, in die Zeugen kommt. Herrlich blüht das Geschäft: für die Kleinbürger, die plötzlich den Konkurrenten durch Pogrom und Boykott los werden, für die Sensationspresse und Moritatenhändler. Selbst der tapfere, dauernd bedrohte Verteidiger Dr. Aufednicek findet sich durch das immer undurchdringlicher werdende Dschungel der Unklarheiten, pathologischer Zeugenphantasien und Widersprüche in den Akten nicht mehr durch. Nicht ein einziger Beweis liegt gegen den dümmlichen Jüdischen Stromer vor, nur Indizien, krampfhaft zusammengetragene Bclastungsmomcnte, aber die Ritualmordpsychose hat sich auch der Geschworenen bemächtigt: Hilsner wird zum Tode verurteilt. Der Verteidiger meldet die Nichtigkeitsbeschwerde an, der Lärm in der Oeffentlichkeit, öle Suche nach den„Mitschächtern" gehen mit verstärktem Krawall weiter. Ganze Wahl- kämpfe werden mit der Ritualmordplatte bestritten. In diesem Wirbel ist es vor allem oln Mann, der mit dem ganzen Gewicht seines Namens und seiner Persönlichkeit für Recht imd Wahrheit aufsteht; Professor Masaryk. Sein Blatt„Cas" zieht als einziges unter den tschechisch-bürgerlichen Blättern gegen diesen Hexensabbath von Rassenirrsinn. Stupidität und Korruption los. Masaryk geht an die Weltpresse, in Versammlungen, prangert den Justizmord an, die Lächerlichkeit der Beweise handoln.>. Dagegen wolle aber niemand wagen, gagon ein wohlwollendes Regiment sich zn erheben, und eher l»t aHes in die Luit zu sprengen, alles zu opfern, als Arbeiterbegehr nachzugeben unter dem Druck von Streiks." Treue Arbeiter— dankbar Im Herzen— wohlwollendes Regiment— in der Tat, Thyssen-Deutschland tut gut daran, Schöninglu Arbeitsbogen als Lehrmittel zu verwenden. Ob freilich, wenn die Jungen von der Schulbank fort ans Fließband müssen, die Führerfurcht den Hunger überwindet? Wir glauben es nicht. Aber eines ist sicher: Sobald der Führergedanke einmal in den hingen Köpfen einen Stoß bekommen hat, geht es den braunen mitsamt den goldenen Führern an den Kragen, denn die einen sind de andern auf Gedeih und Verderb verbunden. Und diese Entheiligung wird rascher kommen, als Thyssen und die Seinen glauben! Käthe Hill. Der Neid der Wcfatkönner Herr Will Vesper, deutscher Dichter und Herausgeber der„Neuen Literatur", hat feststellen müssen,„daß die Bücher der S. Fischer und Genossen und vor allem die mit großer Geschicklichkeit propagierten Zsolnay- Literaten die Fenster vieler deutscher Buch- iäden füllen und daß man in den gleichen Buchhandlungen die Bücher der eigentlichen deutschen Dichter leider noch immer in der Aschcnbrödelecke findet. Verschwunden ist zwar überall die rein politische, kommunistische, marxistische Fachliteratur, ebenso die frechste erotische Dreckliteratur— sonst aber auch nichts. Von einer bewußten deutschen Kulturpolitik ist in zahlreichen I Buchhandlungen nichts zu bemerken."- Besonders die Bahnhofbuchhändler sind ganz kulturlos. „Wahrhaft von allen guten Geilsern verlassen sind diejenigen, die von bestimmten Großbetrieben, wie Stilke und Bettenhausen, Warenhaus mäßig beliefert und geleitet werden, Außer der übelsten Kriminalliteratur findet man vor allem in diesen Betrieben die Bücher eben der Zsolnay und Fischer, natürlich auch von Ullstein und Mosse, Rowohlt u»w„ selbst die Schundromane der Vicky Baum, die Deutschland schon vor Jahr und Tag in der gemeinsten Weise beschimpfte, sieht man immer noch in den deutschen BahnhofsbuoWiandiungen." Herr Vesper verlangt dann, man solle endlich die„Händler" aus dem Tempel hinausjagen. Natürlich! Und den Buchhändlern zur Aufgabe machen, daß sie nur noch die Werke des deutschen Dichters Will Vesper und allenfalls einiger anderen neuen Dichterbcrocn verkaufen. Das wäre dann„bewußt deutsche Kulturpolitik"! Wie heißt doch das Aroma, nach dem das riecht? Konkurrenzneid! Deutsdie Lyrik Aus der mondänen Zeitschrift„Neue Linie", die im gleichgeschalteten Bayer-Verlag, Leipzig, erscheint, erfährt der bessere Deutsche nicht nur, daß ein Sommerabcndkleid aus Or- gandi mit vielen Volant», ein Sommerabendcape aus weißem Taft, ein marineblauer Golfanzug und ein elegantes Nachmittagsjäckchen und der Ritualmordmärcben, schreibt eine anklagende Broschüre, appelliert an die Parlamente. An seiner Seite findet er nur einige freie Geister, den Dichter M a c h a r, die Sozialdemokraten und ein kleines Häuflein freiheitlicher Studenten. Die Mehrzahl seiner Hörer pfeift ihn aus, will ihn im Hörsaal nicht mehr dulden. Attentate werden geplant. Ist er nicht von den Juden gekauft? Wieviel mag er gekriegt haben? Spaltet er nicht das tschechische Volk durch sein Zusammengehen mit der Rasse der Mädohenmörder?!„Nieder mit Masaryk!" schreien die Antisemiten aller Zungen, und was bis dahin die Tragödie eines kleinen armseligen Juden war, wird nun ein Kapitel im Märtyrerroman des großen Europäer, der in allen Zeiten seines opferreichen Lebens kei- ner anderen Stimme gehorchte als der seine» Gewissens. Im November 1899 wird Hilsner vom Kreisgericht Pisck zum zweiten Male für»chuldig befunden. Die Menge bereitet den Geschworenen Ovationen, pfeift die Verteidiger des Opfer» au», der Krei»gericht»präsident aber tritt zu ihnen, reicht Ihnen die Hand:„Ich bin so fest wie sie davon überzeugt, daß Hilsner unschuldig ist!" Auf dem Gnadenweg wurde das Todesurteil m lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt.|ra Frühjahr 1918 erst wurde Hilsner begnadigt! Und nun denke man sich ein Polna im Großen; 60 Millionen unter der Suggestion haken- kreuzlerischen Rassenwahns, die Presse geknebelt, keine Stimme der Vernunft und Menschlichkeit hörbar, nur die Streichers— und man hat ein Stück, nur ein Stück vom Dritten Reiche! Gregor. mit hüftbetonenden Plissees jede deutsche K4- denmutter zieren sollten, er erfährt auch(in der Juni-Nummer), wie sich öer deutsch« Untertan zu verhalten hat, um allen Unarniehm- iichkeiten aus dem Wege zu gehen: In diesen kummervollen Zeiten, wo sich die Meoschheit renoviert, entgeht man viel Verlegenheiten, wenn selber man zum Kinde wird. Man überläßt dem Staatenlenker gern weltanschaulich das Diktat, nachdem erwiesen, daß der Denker den Saustall bloß vergrößert hat. Die Leser der„Neuen Linie" können ruhig weiterschlafen, die heutigen deutschen Staa- tenlenker bringen den Saustall bestimmt nicht in Gefahr. Das Amazonenkorps Aus einer süddeutschen Kleinstadt wird uns berichtet: Auch der weibliche Teil der deutschen Jugend wird nach dem preußischen Exerzierreglement erzogen. Als ich neulich gegen Abend die Straße entlang ging, in der sich das städtische Jugendheim befindet, marschierte eine Gruppe des Bundes deutscher Mädchen auf, deren Angehörige durchweg im Alter zwischen 12 bis 14 Jahren standen. Di« vierzehnjährige Gruppenleiterin kommandierte:„In Gruppen rechts schwenkt— marsch!— Gradeaus!" Hitlers jüngster Rcichswehrersatz folgte dem Kommando nicht stramm genug, worauf die Leiterin von der Trillerpfeife Gebrauch machte und ihre Gruppe in einer T onstärke und mit Ausdrücken abkanzelte, und die dem Feldwebel Himmelstoß alle Ehre gemacht hätten. Dem Ausbruch dieser deutschen Jungmädchenseele folgte für die Gruppe ein regelrechtes Strafexerzieren. Sie wurde die Straße auf und ab gejagt. Das Publikum schüttelte bedenklich den Kopf: das deutsdie Irrenhaus gebt seiner Komplettierung entgegen- Medtereien Seit wann gibt es den Hitlergruß? Seit es keinen guten Tag mehr gibt! * Warum ist Göbbels so klein? Weil dio Lügen kurze Beine haben! « Die Ziegen im Dritte» Reich sollen abgeschafft werden. Göbbels kann ihr ewig'5 Meckern nicht vertragen. Das Horst- Wessel- Lied wird im Badi sehen „Wurscht-Kessel-Ued" genannt. Miesmacher. Als Göbbels in Bremen gel®" dfe Miesmacher sprechen sollte, schrieb®® „Bremer Zeitung" auf Befehl in Fettdruck: „Wer ohne triftigen Grund heute zu Haus® bleibt, kommt in Gefahr, zu den MiesmacliW'1 gerechnet zu werden." Der Reichsjugcndiübrer liat Frl. T r u d® Mohr als Referentin für den BdM in°lC Reichsjugendführung berufen. Sie„genießt volle Vertrauen des Rcichsjugendführcrs■ (DAZ.) Diehls. ehemals Chef der berüchtigte" Gestapo, wird am 27. Juni in sein Amt a'5 Regierungspräsident in Köln eingefönrt' Gör in g. sein Gönner, wird in Köln die Fest' rede dazu halten. Zwisdien Jesus und WotaD Die Soldaten de» jüdischen Gottes.-• Aus Berlin wird uns geschrieben: In Berlin soll demnächst eine Führet* Tagung der evangel£sch-lutheri* sehen Kirchenopposition stattfinde" und die Beschlüsse der freien evangelisch®" Synode zu Barmen und Berlin zur Plattfof"' eine» gemeinsamen Vorgehen» machen. Di«5® Synoden hatten Anfang Junf In sechs Puflki®" den Reichsbischof Müller, das Ftthrprpnn1'� der Kirche und die nationalsozialistischen B'" düngen der Religion oder der Kirche scha abgelehnt. Auf der Berliner Ftihrertagung soll 6ve" tuell auch die Gründung einer neuen 1,00 t' bängigen protestantischen Kirche erör