\r. 55 SOMTAG, i. Juli 5934 � erlag; Karlsbad, Hans„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: 1. Der Fall Gering 2. Neue Blutpropaganda 5. Mißerfolg der Reichsanleihe 4. Neuer deutscher Imperialismus Der deutsche Staatsbankrott Das System kämpft um seine Existenz Nicht nachdrücklich genug kann gesagt V erden, daß es sich bei dem Staatsbank- rott Hitler-Deutschlands nicht um das pri- Vate Gläubiger-Schuidner-Verhältnis, um einc rein kapitalistische Angelegenheit handelt! Wäre dem so, dann könnten wir ruhig den Bemühungen um einc Regelung nach Herabsetzung der Schuldenlast Erfolg wün- �hen. Aber es handelt sich nicht um ein Geschäft, sondern um Politik. Ein hohes � P i e 1 wird gespielt um die Existenz der Diktatur. um die Fortdauer des Systems. Die Diktatur steht finanziell vor dem Ab- grund, sie braucht Geld. Im Innern ist nichts mehr zu holen. Deshalb der Entschluß, sich der dem Ausland gehörenden "Milliarden zu bemächtigen. Gelingt die Aneignung, so sind fürs erste die ihre Existenz gefährdenden Nöte überwunden. Gelingt der kühne Versuch, die Milliardenexpro- Priation des Auslandes—- vielleicht die größte der Geschichte— durchzuführen, so Jjat Hitler gesiegt. Der Sieg hängt von dem » erhalten der auswärtigen Regierungen ab, d'e zu Gegenmaßnahmen entschlossen sind. �ozialistische Parteien, die aus völliger Ver- ennung der Tatsachen diesen Maßnahmen Sj'Mgegentreten wollten, würden das Spiel itlers treiben und die deutsche Dikta- D'r in ihrem kritischsten Augenblick sttit- *en. Wir möchten deshalb erwarten, daß *ch nicht wiederholt, was sich in der Rü- *tungafrage ereignet hat. Macdonald llnd Henderson, Regiernng und Arbeiter- »Thnes« und»Daily Herald« sind— Absicht, aber in der Wirkung— zu Wtzen der Außenpolitik der Hitlerdiktatur nd ihrer Aufrüstung geworden. Jetzt han- j e 1 es sich um die finanzielle Rettung Hit- f1*» lInd wir möchten dringend wünschen, 6''as begriffen wird! r. Obacht hatte früher stets zwischen den ein Politischen Reparationsschul- ** h Un� �en Privaten Wirtschaft s- � i d e n unterschieden. So sehr er für bo i, lc�ung der ereteren plädierte, so � c beteuerte er»als ehrbarer Kauf- daß die privaten Wirtschaf tsschul- ge» seien und bis aufs letzte zurück- j�. t würden. Seitdem aber Deutschland tir�._�,em Hoovermoratorium der Repara- braü k 6 sind— und politische Schulden lCn, cbt®an oder kann man nicht bezah- uPWak i8t Behauptung einfach tenN Ar" Nach seinen eigenen(zweifelhaf- ZahiüJn8aben beliefen sich die Reparations- ... aagen■im/__"NTooK Hati offi,j;8en auf 10% Milliarden. Nach den sc,ben en Angaben erreichten die deut- Stanri Auslandsschulden ihren höchsten RM. te lö30 mit 26 bis 27 Milliarden �6\f' dieto Hari®* würden also selbst nach t Recbnung für rein wirtschaftliche e, Verbraucht worden sein. beltannf 80 Mst, beweisen ja auch die Ien Tatsachen, daß die Reichsbank '"estl durch die Dawcs- Anleihe, die ihr Schiff ,m �d zufloß, daß.die deutsche �tttainrt die Eisen-, Kali- und Elektri- Ciie deutsf"® und sdele andere, aber auch discher Landwirtschaft mittels auslän- sind. jrredite wieder aufgebaut worden tracbtet dabei> volkswirtschaftlich be- �eberg-i.,trotz den Reparationszahlungen ?at8achpUjSe er2'eit wurden, beweist die dp' aß der Goldschatz der Reichs- 400 Mill am Endc der Inflation auf etwa der 0nen. 2U5ainemnSescbm0�zen war' Nationalsozialistischen Mißwirtschaft ständig anstieg, zeitweise die 3-Mil- liarden-Grenze erreichte und daß die Notendeckung 60 Prozent überstieg. Aber wozu sich mit Schacht auseinandersetzen? Der sehr deutschfreundliche »Economist« bezeichnet mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Schärfe die Erklärungen Schachts als»frivol, sophistisch und den Tatsachen widersprechen dt. Das Entscheidende ist allein, daß, wenn Schacht jetzt die Behauptung aufstellt, alle deutschen Auslandsschulden seien politische Schulden, er damit zugleich ankündigt, daß politische Schulden nicht gezahlt werden können. Der Vorschlag des Zahlungsaufschubs ist nichts weiter als eine Tarnung der Zahlungsverweigerung! Schacht ist in dieser Politik auch nur ausführendes Organ der offen verkündeten nationalsozialistischen Absichten. Die Zahlungsverweigerung erscheint in dem nationalsozialistischen Programm als der entscheidende Punkt in dem„Krieg gegen das internationale Finanz- und Leihkapital«. Schacht hat die Zahlungseinstellung systematisch vorbereitet, als er im Frühling 1933 ohne Not die internationalen Kredite, die Luther für die Reichsbank und Golddiskontbank in der Bankenkrise 1931 erhalten hatte, zurückzahlte. Er verminderte so absichtlich die Goldreserven. Ebenso war er es, der als Rcichsbankpräsident die Fundierung der gefährlichen kurzfristigen Schulden unter nichtigen Vorwänden verhindert und dadurch erst die Gefährlichkeit der Bankenkrise von 1931 so stark gesteigert hatte, daß das erste Moratorium für die kurzfristigen Schulden des Stillhalteabkommens schwer vermeidbar wurde. Hkler will Tribute! Mit der nationalsozialistischen Diktatur beginnt nun jene»Kreditausweitung«, jenes Aufgeben der»Dcflations- politik«, jene Pumpwirtschaft Krosigks, jene faule Wechselreiterei, jene Inflationspolitik, in deren Dienst Schacht gewissen- und hemmungslos die Reichsbank gestellt hat, die alle faulen Wechsel aufnimmt, alle faulen Wertpapiere stützt. Es ist aber klar: wenn man in eine Wirtschaft künstlich durch Notendruckoder durch Wechsel, die von der Notenbank garantiert sind, Milliarden hineinpumpt, so schafft man damit eine künstliche Nachfrage, eine Ausdehnung des Verbrauchs jeder Art und bewirkt damit zugleich eine Steigerung der Einfuhr. Und wenn diese Schuldenproduktion im großen Maßstab noch dazu dient, u n p r o- duktiveArbeiten in Gang zu setzen, eine Millionenarmee zu kleiden und zu unterhalten, Rüstungsgegenstände herzustellen, strategische Bahnen und Autostraßen zu bauen, hunderttausende überflüssiger Parteileute zu versorgen, so steht der ansteigenden Einfuhr keine Vermehrung der Ausfuhr gegen- IPpanz Klilhs top Gepidit « Mutiges Verhalten des sozialdemokratlsehen Kämpfers Franz K I ii h h, der frühere zweite Clief- redsktenr de*»Vorwärt«« und Wilhelm Krüger, der frühere preuBische Abgeordnete, wurden, wie au« der Tage»pres«e nchon bekannt, am SO. Juni vom Reichsgericht in Leipzig wegen angeblicher»Vorbereitung zum Hochverrat« zu je S Jahren und 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Einem Prozeßbericht de« Amsterdamer»Het Volk« entnehmen wir: »Kllihs machte vor Gericht als sozialistischer Kämpfer einen prächtigen Eindruck. Er erklärte, daß er seit vielen Jahrzehnten Sozialdemokrat sei und seine Febcrzcugung nicht geändert habe. Das Gefängnis, und was diesem voranging, haben aus dem dunkelblonden kräftigen 57jährlgen Mann wohl einen Greis gemacht, aber sein Geist hat nicht gelitten. Ruhig und sicher, mit dem fühlbaren Ueber- gcwicht eines starken Charakters klang seine Stimme den Richtern in die Ohren. Die Männer in den roten Talaren saßen unbeweglich r und hörten zu. Sie bewegten sich nicht, als KlUhs erklärte, daß seine Erklärungen, abgelegt vor der Geheimen Staatspolizei im Columbia-Haus, nichts bedeuten könnten, da sie abgelegt worden seien unter geistigem und vor allem auch unter körperlichem Druck, über dessen Einzelheiten er hier lieber nicht sprechen wolle. Sic bewegten sich nicht, als der Beamte der Geheimen Staatspolizei, der bei dem peinlichen Verhör von Klühs anwesend gewesen war, erklärte, sich an nichts erinnern zu können; alles sei sehr ruhig verlaufen. Und so stand es natürlich auch in den Akten. Es half Klühs nichts, daß er ihm zurief: er wisse doch, was geschah, als er, Klühs, während des Verhörs In ein angrenzendes Zimmer gebracht worden sei. Der Mißerfolg der Reidisanleihe I Die mit großem Tamtam angekündigte und mit gehörigem Druck auf die Zeichner aufgelegte tprozentige Beichsanleihe hat mit einem vollen Fiasko geendet. Es sollen 300 Millionen gezeichnet worden«ein. Die Anleihe, die in einem nach oben niebt begrenzten Betrag aufgelegt worden war, diente ersten» zur Rückzahlung der fiprozentigen steuerfreien Anleihe von 1929. Aber nur Inhaber von 75 Millionen von rund 160 haben Ihre Anleihe umgetauscht, der Rest hat bare Rückzahlung vorgezogen, wozu da« Reich 86 Millionen benötigt. Man kann ohne weitere« annehmen, daß e««ich bei dem Umtausch um die im Besitz öffentlicher Körperschaften befindlichen Stücke bandelt. Die Privaten werden kaum Neigung haben, Papiere der bankrotten Diktatur zu kaufen. Zweiten» diente die Anleihe zum Umtausch der Neubesitzanleihc, wodurch den Spekulanten ein Gewinn von zirka 150 Millionen von Hitler, Schacht und Krosigk beschert wurde. Die früher fast wertlose, weil zinslose Neu- besitzanlolhe wurde zum Kurs von 23 in Zahlung genommen. Für 300 Mark Nominale der Neubesitzanleihc bekam man gegen Zu Zahlung von 23� Mark in bar 100 Mark des neuen 4% Titel«. Von den zirka 600 Millionen Neubesitz sind aber nur 480 bis 490 Millionen umgetauscht worden.(Vielleicht war der noch ausstehende Umlauf de« zeitweise fast wertlosen und deshalb wenig sorgsam behandelten Papier« überhaupt überschätzt.) Au« diesem Umtansch hat das Reich zirka 39 Millionen In bar erhalten. Für diese 89 Millionen zahlt es jetzt jährlich 4 Prozent auf ISO Millionen Anleihe Zinsen und 13 Millionen jährlich Tilgung, also 18 Millionen durch 10 Jahre. Finanzwirtschaft der Diktatur! An Barzahlungen allein sind c a. 75 Millionen eingegangen, sicher hauptsächlich von Sparkassen, öffentlichen Versicherungsanstalten etc.. Das Reich hat also ca. 114 Millionen bar eingenommen und hat davon 86 Millionen an die Besitzer der alten Anleihen zu zahlen. Bleiben— 29 Millionen Reichsmark!! Die gleichgeschaltete Presse verkündet einen großen Erfolg!' Wie bescheiden die Lumpen werden können! R, R. Beamte blieb bei seineTi Erklärungen und erst, als er auf Verlangen der Verteidigung den Eid ablegen sollte, wurde er ein wenig unsicher. Ein Meineid verjährt in Deutschland erst nach zwanzig Jahren!« Einen schlechten Eindruck hat dagegen auf den Berichterstatter der Angeklagte Wilhelm Krüger gemacht. Von ihm sagt er, daß sein schwächliches Verhalten auf seine körperlichen Gebrechen zurückzuführen sein möge. Da« Urteil Der Berichterstatter von»Het Volk« fährt dann fort: »Der Gerichtshof erklärte, von den Versicherungen der Angeklagten nichts zu glauben, ja er nahm dafür selbst als Beweis d:« ritterliche Erklärung von KlUhs, daß er, trotz taktischer Meinungsverschiedenheiten, die Prager Emigranten als seine besten Freunde ansehe. KlUhs hat nach den Erklärungen des Gerichts den»Neuen Vorwärts« verbreiten wollen, obwohl er im ganzen nur acht Exemplare mitgebracht hatte. Angesichts der Tatsache, daß Deutschland vor dem Entstehen neuer Unruhen geschützt werden müsse, müßten darum die beiden Angeklagten auf. längere Zelt aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Klühs und Krüger wurden darauf zu zwei Jahren, neun Monaten Gefängnis verurteilt, unter Abzug der neun Monate Untersuchungshaft, Neubecker wurde freigesprochen. Nach der Verkündung des Urteils drang die Frau von KlUhs nach vom und warf sich in die Arme ihres Mannes. Das Gericht verhielt sich lautlos, und die bewaffneten Beamten ließen zu, daß unser Parteigenosse, der eben zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt worden war, seine Frau tröstete. Plötzlich stand ein unbekannter Parteigenosse, ein junger forscher Kerl, mitten im Saal und rief Klühs zu; »Ich hoffe, daß Du die zwei Jahre nicht absitzen mußt, Kamerad! Dafür wollen wir sorgen!« Im nächsten Augenblick war der Mann in dem allgemeinen Durcheinander wieder verschwunden.« über und umso weniger, wenn zugleich eine Handelspolitik getrieben wird, die den Export totschlägt! Es ist also nicht die Krise, und es sind auch nicht die Handelshemmnisse der anderen, die die Passivität der Handelsbilanz herbeigeführt haben— denn die bestanden schon früher, ohne die Aktivität der Handelsbilanz von 1931, 1932 und sogar 1933 zum Verschwinden zu bringen— sondern es Ist die hemmungslose Ausgaben-, Schulden- und Inflationswirtschaft der Hitlerdlktatnr, die den Gold- vorrat vergeudet, den Export ruiniert und absichlich die Situation herbeigeführt hat, in der— und das war ja schon der Wille Schachts und Hitlers— die Zahlungseinstellung als einziger Ausweg erscheint. Um ganz sicher zu gehen, ist ja den deutschen Unternehmungen in großem Maßstab gestattet worden, ihre langfristigen Schulden zu den gesunkenen Kursen im Ausland zurückzukaufen— man schätzt den Betrag eher zu gering mit über 600 Millionen Mark— und Schacht hat dafür ohne Not die Devisen zur Verfügung gestellt. Zugleich ist das System entwickelt worden, Exporte zum Teil mit Sperrmark und Skrips bezahlen zu lassen, was gleichfalls Devisenentgang bedeutete. Diese Erkenntnis beginnt sich— sehr zum Leidwesen der Schacht und Hitler— durchzusetzen. Auch im Ausland fiel es auf, daß die Berliner Börse nach der Ver- kündung des Moratoriums plötzlich fest wurde. Die Erklärung? Der Berliner Korrespondent des»Economist« schreibt: »Die Vebeneaguag Uberwiegt, daß eine vollkommene Suspension des Transfers, wenn sie trotz der Drohungen der Glaubi- geriänder mit Vergeltungsmaßnahmen durchgesetzt werden kann, die endgültige Streichung(eztinetion) der Schulden bedeutet«. Aber allzu scharf macht schartig und die Tollheit hat selbst in dieser Zeit ihre Grenzen! Hitler hat schon bisher für seine Politik der Rüstungen, der Verschärfung der Unsicherheit, der fortgesetzten Störung aller internationalen und wirtschaftlichen Beziehungen vom Ausland ungeheure Subventionen bekommen. Die Entwertung von Pfund und Dollar hat der deutschen Wirtschaft nach den offiziellen, sicher zu geringen Angaben allein bis September 1933 eine Entlastung von 4 Milliarden Reichsmark gebracht. Dazu kommen die großen Gewinne, die durch die Rückkäufe der ausländischen Schuldverschreibungen gemacht worden sind, und die Gewinne, die in großem Maßstabe entstehen, wenn Gläubiger die blockierte Mark in Zahlung geben. Denn sie haben ja die Mark seinerzeit zum vollen Wert bezahlt und müssen sie jetzt mit 30,50 und mehr Prozent Verlust hergeben! Und auch da handelt es sich um Milliarden, um die die denfcsche Wirtschaft entlastet wurde. Es sind also schon anständige Tribute, die bisher an das Hitlerregime gezahlt worden sind. Jetzt geht es um den Rest, dessen Höhe allerdings nicht genau zu erfahren ist. Es dürfte sich—- wenn man von den 21/2 bis 3 Milliarden StUI- haltegeldem absieht— etwa um 10 Milliarden handeln. Der Widerstand des Auslands Hier setzt nun der Widerstand des Auslandes ein. Die englische Regierung hat ein Gesetz eingebracht, das ihr nicht nur die Einführung des Zwangs- Clearing gestattet, sondern sie darüber hinaus zu allen zweckentsprechenden Vergeltungsmaßnahmen ermächtigt(Einfuhrbeschränkungen und vollständige Einfuhrverbote!), falls Deutschland Gegenmaßnahmen ergreifen würde. Die englische Regierung hat gleichzeitig eine Note an die deutsche gerichtet, in der sie die völlige Aussetzimg des Transfers für unbegründet, das bedingte Angebot der Reichsbank, die Zinsen für die Anleihen mit 40 Prozent in Zahlung zu nehmen, für unangemessen erklärt, für den Bankrott die Politik der deutschen Regierung verantwortlich macht und schließlich ankündigt, »eine Fortsetzung der günstigen Behandlung der deutschen Waren auf dem englischen Markt nicht in Aussicht nehmen zu können, wenn britische Waren In wachsendem Maße Beschränkungen auf dem deutschen Markt unterworfen und die gerechten Ansprüche britischer Anleihebesitzer ohne Ausgleich abgewiesen würden«. Sie ist zu Verhandlungen bereit, und es wird interessant sein, ob die deutsche Regierung ihre großsprecherische Drohung, unter dem Druck einer Clearing- Ankündigung überhaupt nicht zu verhandeln, auch dur ehalten wird! Die französische Regierung, ist. wie sie amtlich bekanntgibt, bereit, mit der deutschen Regierung zu verhandeln, aber— auch hier die offene Drohung ohne jede Rücksicht auf die ach so empfindliche Ehre Hitlers und Schachts— sie hat »beschlossen, daß sie, wenn bis zum 1. Juli derartige Verhandlungen erfolglos bleiben sollten, nirht umhin könne, von allen Mitteln Gebrauch zu machen, die sich in ihrer Macht befinden, um die Interessen der französischen Sparer zu verteidigen. Zu diesem Zweck hat sie bereits die Maßnahmen bestimmt, welche erlauben werden, den Transfer der von Deutschland in Mark geleisteten Zahlungen sicherzustellen«. Die Schweizer und die Holländische Regierung verhandeln— bisher resultatlos. Sic möchten noch immer Sondervorteile für ihre Gläubiger erzielen. Da aber die anderen Regierungen— außer England und Prankreich auch die Vereinigten Staaten und Schweden— Sonderbehandlungen nicht akzeptieren, sondern sie auch für ihre Gläubiger in Anspruch nehmen werden, ist die Situation für Holland und die Schweiz nicht gerade aussichtsreich, und die für Deutschland wenig angenehme Möglichkeit taucht auf, daß es gar noch zu einer Verständigung der Gläubigerregierungen und zu einem gemeinsamen Vorgehen kommen könnte. Die deutsche Presse macht einen ziemlich verdutzten Eindruck. Die Sache mit England ist auch zu ärgerlich. Gerade jetzt muß der so bequeme Macdonald auf einen monatelangen Krankheitsurlaub gehen, und die Führung der Angelegenheit liegt bei dem Schatzkanzler N e v i 1 1 e Chamberlain, der gesunden Menschenverstand hat und was von der Sache dU UiOß&ut&A Die Arbeiterkonferenz zum Kampfe gegen „Arbeiter deutscher Abstammung! Seit mehr denn siebzig Jahren haben Eure Vorväter unermüdlich für die Rechte des deutschen arbeitenden Volkes gestritten. Ob unter dem Kaiserreich oder der Weimarer Republik, immer und unverzagt schlug die deutsche Ar- beitcrschalt Ihre besten Kräfte in die Schanze. Es war ein Kampf um Fortschritt und Aufstieg, um Arbeiter- und Menschenrechte, um die Demokratie des deutschen Volkes. Aus diesem Ringen erwuchs eine Arbeiterbewegung, wie sie die Welt nie gesellen hat, Die deutsche Arbeiterschaft war eine Macht, mit der Freund und Feind rechnen mußte. Es war die zähe Arbeit Eurer Väter und Brüder, die dieses Weltwunder zimmerten; die vorbiid- ächc Gesetze und Einrichtungen schufen: die für soziale Gedanken und Ziele agitierten, die sich jetzt, Jahrzehnte später, in der übrigen Welt durchzusetzen beginnen. Deutscher Arbeiter: das hieß das weithin leuchtende Fanal der Arbeiterbewegung der Welt zu sein! Deutscher Arbeiter: das war eine Inspiration iür die vorwärts strebende Menschheit! Deutsche Sozialgesetzgebung; das war das sehnsüchtig erstrebte Ziel der um Brot ringenden Arbeiter aller Länder! Männer und Frauen deutscher Zunge, wir fragen Euch in dieser historischen Stunde: Ist das wahr? Seid Ihr stolz auf diese Er- rungenschaiten?— Ja und tausendmal Ja! Ihr, die Ihr Euch des deutseben Namens rühmt, in Euren Herzen ruht ein unvergänglicher Kern dieses Ringens um eine bessere Zukunft. Seit Hitler an der Macht ist. sind alle Volksrechte zerstört worden. Der deutsch« Arbeiter ist unter lügnerisch-glcißenden Schlagworten zum Sklaven erniedrigt. Seine seiöstgebauten stolzen Organisationen sind zerschlagen. Er ist gleich gesebaitet. Er ist jeden freien Men- sdienreohts beraubt. Schwere SA- und SS- Stiefel trampeln auf, ihm herum. An Händen und Füßen gefesselt, ist er einer Handvoll ver- breohcrischer Ausbeuter ausgeliefert. Blickt über das Meer! Da bäumt sich der deutsche Arbeiter, Euer Bruder und Volksgenosse, ohnmächtig in seinen Ketten. Tyrannen kommandieren ihn. Hinter ihm klatsoht die Peitsche, vor Mim wartet das Konzentrationslager. Aber wo er gequält schweigt. da brüHcn di« Taten seiner Peiniger Bände. Männer und Frauen deutscher Zunge in Amerika! Ihr seid die Opfer eines gigantischen Betruges. Unter dem Vorwand der Verteidigung deutscher VoHcsbelange spannt man Euch vor den Siegeswagen der Hitlerpropaganda. Man benutzt Euch und Eure deutsche Gesinnung zum Vorstoß gegen die Volksrechte hier- versteht. Und für ein 10-Milliarden-Ge- schenk an Hitler kann sich schließlich auch die Labour Party nicht begeistern! Die Situation ist wirklich ungemütlich. »Die Transferdiskussion spitzt sich zu«, konstatiert bekümmert die»Frankfurter Zeitung« und besorgt warnt sie vor dem »Spiel mit Wirtschaftskrieg«. Das gleichgeschaltete Papier weiß natürlich, daß dies Spiel nicht gespielt werden wird. Die Goldreserve der Reichsbank ist unter die 100-Millionen-Grenze gefallen: die eingestandene schwebende Schuld des kreditunwürdigen Reiches hat die Rekordhöhe von über 4 Milliarden erreicht, und dazu kommen weitere Milliarden faule Wechsel des Reichs, der Reichsbahn, der Post und der öffentlichen Körperschaften. Die neue 4-Prozent-Reichsanleihe ist ein voller Mißerfolg geworden, und die Drosselung der Einfuhr muß immer würgender werden. Devisenkontingente können den Importeuren nicht mehr zugeteilt werden, und nur für die wichtigsten(lies rüstungswichtl- gen) Importe will die Reichsbank nach Maßgabe des jeweiligen Eingangs von Exportdevisen Einfuhrbewilligungen zulassen und Devisen zuteilen. Hitlerdeutschland kann keinen Wirtschaftskrieg führen und auch keinen anderen. Das wissen die Anderen. Und was sie allein hören wollen, die Garantie, daß Deutschland wieder eine anständige und ehrliche, von der Oeffentlichkeit kontrollierte Finanz- und Wirtschaftspolitik führen wird, die Garantie kann ihr di« herrschende Gangster-Bande, die vom Raub— vom Raub an Deutschland und vom Raub am Ausland lebt— nicht geben. Und deshalb haben sie wenig Grund zum Entgegenkommen. deshalb wird die grandiose Expropriation, von der Schacht und Hitler träumen, nicht in Erfüllung gehen. Die Diktatur sinkt tiefer in Schmutz und Schutt! Dr. Richard Kern. aaauAa iu AsH&lsiiut, www 1 w�wW��ißww W ww Hitler in USA. erläßt folsendcn Aufruf: zulande. Man legt in Euch die Keime der Volksvergiftung und des Rassenhasses. Der Kampf gegen die Hakenkreuzdiktatur sei. so sagt man Euch, ein Kampf gegen Deutschland. Das ist eine nichtswürdige Lüge! Er ist ein Kampf freier Menschen gegen eine Barbarei, mit der das wahre Deutschland nichts zu tun hat. Das wahre Deutschland: das ist der Multcrboden Goethes, Kants, Schillers, Freihgraths, Herwoghs und Keines; die Heimat Schurz", Siegels und aller derer, die zum Kampfe gegen die Tyrannen riefen. Das wahre Deutschland: das äst nicht das Hitlcrrogimc, dessen Polizei deutsch« Geistliche, die im Sänne Luthers um Geistesfreiheit kämpfen, mit Gewalt auseinandertreibt. Der Kampi geht gegen die Schamlosigkeit und das Verbrechen, womit das Edelste in der deutschen Nation zum Schweigen gebracht worden ist. Nein, dieser Hakenkreuzfriedhof ist nicht Deutschland— das Weimar Goethes ist nicht das Braunau Hitlers. Ihr seid Bürger eines freien Landes. Ihr habt das Recht freier Meinungsäußerimg. Werdet nicht zu Streikbrechern im großen Mensch- heitsringen. Zeigt Euch als Wahlbürger Amerikas Eurer demokratischen Privilegien würdig. Ihr seid vom Geist und Blut der Männer von 1848, die auf den Barrikaden um die Freiheit kämpfend starben, hinter Zuchthaus mauern verdarben oder flüchten mußten. Ihr seid die Enkel und Söhne derer, die unter dem So- ziahstengesetz Bismarcks blutenden Herzens den deutschen Staub von den Füßen schüttelten und hier eine Zuflucht fanden. Diese Vergangenheit verpflichtet. Deutsche und amerikanische freie Menschen! Laßt Euch nicht von wilder Hetzpropaganda ins Schlepptau nehmen. Laßt Euch nicht betören von gleichgeschalteten Handelsherren, deren Lohn deutsche Regierungsbeihilfen sind, die aus dem deutschen Volke erpreßt werden. Schließt Eure Ohren den Sirenengesängen derer, die Eure ehrlichen Gefühle ausbeuten und Euch dann, wenn der Zweck erfüllt, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite werfen. Gebt ihnen die Antwort im Sinne Eurer Väter, die ihre Freiheitslicbe mit Blut, Leiden und Exil besiegelten. Kämpft um Arbeiter- und Menschenrechte! Kämpft gegen Tyrannen und ihre Agenten, die Euch in nicht gutzumachende Abenteuer hineinstürzen wollen! Erinnere Dich, deutscher arbeitender Mensch in Amerika, Deiner deutschen Freiheitstraditionen! Laß Dich nicht ans braune Hakenkreuz schlagen! Arbeiter erwache! Fludii Sn Sadiwerie— Sic nicht mehr zu verheimlichen Wir lesen Irgendwo; »Man deckt aich wieder einmal ein in Deutscland—.u. zw. a c h e i n t dieser apekulative Rückfall in liberallatiacbe Anarchie von Tag zu Tag weiter um sich zu greifen. In bestimmten Straßen der Reichshauptstadt, auf die sich gewisse Wirtschaftszweige konzentrieren, herrscht seit Wochen Hochbetrieb. Der Detaillist, der sich seines»Weitblicks« rühmt, den letzten Pfennig baren Geldes In Waren gesteckt und diese auf Lager genommen zu haben, steht nicht vereinzelt da. Und in Kaffeekränzchen tauscht man Rezepte über unverderbliches O e 1 In Kanistern und bayerisches Butterfett. Um für den Winter gerüstet zu sein- Der Zigarrenhändler empfiehlt seinen Stammkunden, sofort eine ganze Kiste mitzunehmen. Um nur einige Beispiele herauszugreifen.« Welches Emigrantcnblatt hat wohl diesen LUgenbericht fabriziert, der Adolf Hitlers Aufbauwerk vor der Welt verdunkeln soll?— Das Emigrantenblatt, das In dieser Weise die Wirtschaftspanik In Deutschland zu vermehren sucht, ist— Adolf Hitlers »Völkischer Beobachter«. Die oben zitierten Auslassungen sind ohne Jede Aende- rung, Fortlassung oder Einschaltung entnommen der Beilagenseite»Deutsche Volkswirt-- schaft« In Nr. 167 des»V. B.« vom 16. Juni 1934. Mit diesen Sätzen beginnt ein längerer Artikel, dessen Verfasser Im weiteren Verlauf natürlich bestrebt Ist, den Lesern klar zu machen, daß durch die Hamsterei die Krise nur weiter verschärft wird. Daß aber die Tatsache der Wirtschaftspanik, die Flucht in die Sachwerte ohne Beschönigung von den Nazi-Zeltungen zugegeben werden muß, das kennzeichnet die Situation, in der dank der braunen Bankrott- Wirtschaft Deutschland sich befindet! Freie Bahn der Willkür! Das mit dem Namen»Volksgerichtshof« schamhaft maskierte Standgericht, wodurch das Reichsgericht In Hoch- und Landes- verratssactaen ausgeschaltet wird, tritt an* 2. Juli zusammen. In der Verordnung des Reichsjustizministers wird festgestellt, daß die§} 136 bis 138 de« Gerichtsverfassung*" geaetzes für den Volksgerichtshof keine Gültigkeit haben, das heißt, der Volksgerichtshof ist in Rechtsfragen nlchtane' schimpft« der Staatsanwalt des Dritte» Reiches, E b e r t Anklagevertreter Im Horst- Weeael-Prozeß, jenes deutsche Gericht, das vier Jahre zuvor In dieser Sache Recht 8«' sprochen und auf Selten der Täter nid11 Mord, sondern Totschlag ohne UeberlegunÄ angenommen hatte. Es Ist uns bis heute nicht bekannt gewo1" den, daß irgendwelche Rlchtervereinigung«n gegen diesen Schimpf zu protestieren gewsß1 hätten. Was alles»Landesverrat« i»� In der volkswirtschaftlichen Beilage des »Völkischen Beobachters«(Nr. 166) schrei61 Bernhard Köhler: »Es ist Landesverrat(im Origü�l fett gedruckt. Red.) wenn erklärt wird- Die Arbeitsschlacht kann nur gewo»»®" werden, wenn der Außenhandel wieder Ordnung kommt: denn das bedeutet nick1* anderes, als daß das Aualand, das sich doc® an unserem Außenhandel beteiligen»ü-T darüber zu befinden hat, ob däa deutsc'1® Volk seine Arbeit tun und von seiner Arb®1 leben darf oder nicht.« Man könnte auch noch einen klei»®n Schritt weitergeben und erklären: Bs i,t Landesverrat, wenn einer behauptet, daß zwe,* mal zwei vier ist, daß man Kühe füttern rouß' um sie melken zu können, oder daß beim Abzug größerer Zahlen von kleineren sich®iI, Minus ergibt..,. mU zeUeu: CHe Grundlagen des braunen Systems wanken. An allen Ecken und Enden des totalen Staates kriselt es. In der Spitze der national- sozjaIiati sehen Partei zeigt sich Zersplitterung und Unsicherheit. Die braunen Führer schwanken hin und her, sie blicken bald auf die Stoßen Wirtschaftskräfte, bald auf die SA, ■""e reden rechts, sie reden links— nuroben bleiben ist alles! Der Miesmacherfcldzug ist verloren. Der Streit um die Rede Papens hat ihm end- Rültig den Todesstoß versetzt. H i n d e n- b u r g hat Papen zu dieser Rede beglückwünscht, Hitler muß nach Neudeck fahren, G ö b b e 1 s hält eine mit boshaften Spitzen Regen Papen versehene Rede, Papen und Göbbels präsentieren sich friedlich Seite an Seite der Oeffentlichkeit— eine heitere Regierung! Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter, muß liem Ausland mit dem Bolschewisten- gespenat drohen: wenn wir fallen, kommt eine ganz neuartige Brutalität! Aber nach den in Deutschland gelieferten braunen Brutalitäts-Proben, nach der Schachfschen Methode der Schuldenstreichung fragt sich das Ausland: was kann danach schon noch schlimmeres kommen! Die SA darf vor dem großen Urlaub noch sinmal paradieren. Ihr Chef R ö h m reist von Gau zu Gau und nimmt Paraden ab, läßt sich Shrenbürgerurkunden verleihen und Reuerwerke abbrennen. Die SA-Leute fragen sich: was wird aus uns? Für sie hat wieder Rudolf Keß den Trost: vielleicht wird der Führer eines Tages die Zweite Revolution befehlen.— � iolleicht wird der Führer es eines Tages wünschen— aber dann wird es zu spät sein! Selbst dem Streicher gelingt nichts 'echtes mehr. Ein Gericht in Ansbach hat *s gewagt, ihm 19 Pgs. zu Gefängnisstrafen '• on 3 bis 10 Monaten zu verurteilen wegen Teilnahme an dem Pogrom von Günzenhausen! Ein Gericht Im Gau Streichers! Dafür werden sich Streicher und Rühm bei einer Parade der fränkischen SA ewige Treue schwören— auf alle kommenden Rälle hin. In dieser Lage greift das System zu bös- artigen Mitteln, um wenigstens die Stimmung soiner Prätorianer wieder aufzupeitschen. Es will den Blutrauseb wieder wecken. Im ■bkirfe Gollmütz im Kreis Schwerin a. d. Garthe ist ein nationalsozialistischer Funk- Ronär erstochen worden. Ueber das Motiv üer Tat wird strengstes Schweigen beobach- tet. Umso lauter schreit die Propagan- f' a:»der Täter war Mitglied der katholischen Organisation»Deutsche Jugend- k'aftc!« Der katholische Pfarrer des Dor- f,ss hiuflte sich aus dem Ort entfernen und "'oh zur Verfügung der Polizei halten. Der "�beer de« Dorfes und elf Personen, darunter üoun Mitglieder der»Deutschen Jugendkraftc �hd verhaftet worden. Die gleichgeschaltete R'esse meldet: »Wie mitgeteilt wird, haben sie bereits 'ügegeben, den Mörder zu seiner Tat beeinflußt zu haben.< R** heißt, daß sie so zerschlagen worden *bid. daß sie alles zugeben, was man will. Erstochene hat ein feierliebes Stsats- btgkßhnls erhalten, bei dem der Oberpräsident übe eine blutrünstige Rede hielt. Die Or- �s-nisation»Deutsche Jugendkraft« ist für die Shnze Grenzmark verboten worden. Der �Deutsche« schreibt dazu: »Die geistigen Urheber der Tat sollten ** sich als letzte Warnung dienen lassen üjid ihr Handwerk schleunigst elnatellen. '»'e sollen wissen, daß der nationalsozlali- •tlscho Staat mit seiner bisher geübten Langmut nun Schluß b'aebt.« ■Am 25. Juni haben in Berlin Besprechun- �Cn«wischen der Reichsregierung und Ver- rotem des deutschen Episkopats Uber die �auernde Mißachtung des Kon- 'ürdats durch Regierungen, Behörden und r Rani sationen begonnen. Die propagandlstl- �be Absicht, die mit der Politisierung dieses "'Ords verfolgt wird, ist offensichtlich! h In der Nähe von Kolberg bat e 1 n S t a h 1- p 6 1 m m a n n, der von einem SA-Sturmführer � gegriffen wurde, sich zur Wehr gesetzt und ücn Sturmführer mit dessen eigenem Dolch c Wer verletzt. Auch hier bemächtigt sich j 16 R'opaganda wieder des Falls. Stahlhelm- �Ute' die gänzlich unbeteiligt waren, wurden Rrhaftet, der Stahlhelm für die Bereiche der �Aktspoiiieistellen Stettin und Köaiin ver- p~®n, während die nationalsozialietieche ree«e in riesigen Lettern dl« Blutpropa- � A n d a gegen den Stahlhelm botreibt. � Blut soll den Zweifel, die Enttäuschung. j,fi beginnende Erkenntnis ersticken! Slnn- 0ser Haß soll verhindern, daß«Ha SA in der Zeit des großen Urlaubs zu denken beginnt. Was die Propaganda gegen die Miesmacher nicht erreichen konnte, soll durch die Blutpropaganda herbeigeführt werden: eine neue Aufpeitschung der Massonleidenschaft. Es ist charakteristisch, daß diese Propaganda so deutlich erkennbar in einer Woche einsetzt, daß sie gegen die katholischen Organisationen wie gegen den Stahlhelm gerichtet ist. Der SA, die nicht mehr weiß, wofür sie kämpfen soll, wird ein Feind gezeigt, der vernichtet werden muß. Das Ist eine Infame Methode! Es läßt jedoch zugleich erkennen, wie unsicher das braune System sich fühlt. Wenn nun der Miesmacherfeldzug durch die Blutpropaganda abgelöst werden soll, so weiß man, daß das System einen Existenzkampf führt. zSmsen nidit vorhanden ist, fließt fmr«fer-en Zweck recht reichlich. Neuer dwigs wird für die Eroberung der Ausländsdeutschen die Mithtlfe des Volkes auf breitester Grundlage gefordert. Die Zeitschriften der Deutschen Arbeitsfront bringen Artikel, die diese Aufgabe in den Vordergrund stellen. Der Staat selbst kann sie nicht offen übernehmen. Denn; „Außenpolitische Konflikte wären unausbleiblich, wenn der Staat sich um die Erziehung und Deutsch- erhailtung der deutschen Volksgenossen kümmern würde, die in fremden Staaten Staatsbürger sind. Keiner aber kann dem� deutschen Volksgenossen verwehren, sich um seine Brüder und um seine Schwestern, die jenseits der Reichsgrenzen wohnen, zu kümmern." Der frühere Verein Sur das Anslands- dcutschtum soll dabei ganz anders als bisher aktiv mithelfen. Er ist, wie es in dem Artikel ausdrücklich heißt,„nach der nationalsozialistischen Revolution nach nationalsozialistischen Grundsätzen umgewandelt" worden. Natürlich wird seine Tätigkeit„den im Ausland gegebenen Verhältnissen auf das zweckmäßigste angepaßt" sein. Darum wird angeraten, die Arbeit mit einem sozialen Mäntelchen zu tarnen, von Arbeitsvermittlung, Freizeitgestaltung, Kranken- und Pensionsversichcrung usw. zu reden. Auf keinem Fall aber von Gleichschaltung mit dem renchsdeutschen Nationalsozialismius! Es scheint notwendig, diesen nationalsozialistischen Anstrengungen, die aller Voraussicht nach schon in allernächster Zeit verstärkt einsetzen werden, größte Aufmerksamkeit zu schenken. Entmündigt! Der Sadismus des braunen Systems läßt seine Opfer nicht los, auch wenn sie aus den Konzentrationslagern wieder In die sogenannte Freiheit zurückgekehrt sind. Der Stettiner Polizeipräsident Herrmann hat eine neue boshafte und grausame Erfindung gemacht, um den Gegnern des Systems die seelische Folter fühlen zu lassen. Er berichtet darüber Im»Deutschen Pollzel- beamten«; »daß es notwendig war, sich durch scharfe Kontrollmaßnahmen, durch wiederholte Meldungen auf den Revieren und durch eingehende Kontrolle Ihres Lebens uüd ihrer Tätigkeit Gewißheit darüber zu verschaffen, daß alle diese ehemaligen Schutzhäftllnge sich nicht wieder staatsfeindlich betätigen, und daß im Augenblick einer solohen Betätigung sofort zugefaßt wurde, um die Rückfälligen wieder dingfest zu machen. Darüber hinaus aber mußte eingehende Erziehungsarbeit im nationalsozialistischen Sinne einsetzen, die aber nur durch freiwillige Helfer durchgeführt werden kann. Präsident Herrmann sah als Polizciverwalter einer größeren Industrie- und Arbeltcrstadt die Lösung dieser Frage nur in der Errichtung einer Patenschaft oder Pflegschaft für jeden zur Entlassung gelangten SchutzhäftHng. Für die Uebernahme dieser Pfleg- oder Patenschaften kamen nur besonders geeignete. Ältere Angehörige der NSDAP. In Frage.« Das heißt, daß polltisclie Gegner des braunen Systems als Entmündigte behandelt werden, die eines Pflegers oder Vormundes bedürfen. Diese braunen Pfleger sollen wahrscheinlich ihren»Paten« die Segnungen des Konzentrationslagers und die edle Menschlichkeit des braunen Systems beibringen, die sich gerade in Stettin so herrlich offenbart haben! Er will sich nicht Terbürgerlichen lassen! In einer Versammlung gegen die Miesmacher in einem gut bürgerlichen Vorort von Berlin sprach der persönliche Adjutant des Göbbei», der Pg. Prinz zuSchaum- burg-Llppe. Nach einem Bericht des »Angriff«»ging er mit den Miesmachern frisch ins Gericht«. Er sprach: »Wir sind nicht geneigt, unsere Bewegung verbürgerlichen zu lassen«. Der Prinz, der vor den Bürgern gegen di« Verbürgerlichung predigt— das Ist die ganze nationalsozialistische Bewegung! Eigenartige Zustände >Es ist höchst bemerkenswert, daß die österreichische Regierung die richterliche Unabhängigkeit, eine der grundlegendsten Bestimmungen eines jeden modernen Staates, als gegenwärtig unbequem empfindet. Es dürfte kaum eines anderen Beweises für die eigenartigen Zustände im heutigen Oesterreich bedürfen, als eine derartig« Maßnahme, die an den Grundrechten der Rechtsprechung rüttelt«. »Völkischer Beobachter« Nr. 173; IVeudeutsdier Der neue deutsche Imperialismus ahmt immer stärker den Imperialismus der wilhelminischen Epoche nach. Die nationalsozialistische Zielsetzung war ursprünglich rein kontinental. Ganze Abschnitte von Hitlers »Mein Kampf« enthalten noch heftige Vorwürfe gegen den Wilhelminismus, der nach Kolonien gegriffen und Ueberseepolitik getrieben habe, statt durch kontinentale Expansion nach Osten Raum zu schaffen. Heute sind wir wieder mitten im Wilhelminismus drin. Die Kolonialpropaganda ist wieder lebendig. Ihr Sieg über das von Hitler einst gegen die koloniale Expansion ausgesprochene Verdammungsurteil zeigt, daß die Großbourgeoisie sich durchgesetzt hat gegenüber den mlttelständlerischen und kleinbürgerlichen Träumen, die in Hitlers Buch ihren Niederschlag gefunden haben. Die neue Kolonialpropaganda hat im Berliner Sportpalast eine große Kundgebung veranstaltet. Dabei hat bezeichnenderweise der nationalsozialistische Lehrerbund führend mitgewirkt. Es sprachen Gouverffeur Dr. Schnee, bayrischer Staatsminister 3 c h e m m und Reichsstatthalter G e n o r a 1 von E p p. Er begrüße es freudig— so sagte Epp— daß Lehrer und Erzieher sich in dieser Frage mit dem Reichskolonlaibund zusammengetan hätten. Ganz wie im Wilhelmi- nismus! Epp gab auch die Parole aus: »Es gibt für Deutschland nur eine Kolonialfrage, nämlich die: Bekommen wir unsere Kolonien wieder oder nicht? Wir werden die Kolonien wiederhe- .Xipnmen, wenn wir es wollen«. Diese Propaganda wird stärksten Auftrieb erhalte» durch die Forderung von Schacht an die Gläubiger Deutschlands, den ehemals deutschen Kolonialbereich zurückzugeben, damit— Deutschlands Handelsbilanz aktiv werden könne. Man weiß in der ganzen Welt, daß die Handelsbilanz 99Anerkennungi6 Sowjetrußlands Der lang« Wg von Genua bis Genf. Mit Rectrt hat man in Prag nicht von einer „Anerkennung" Sowjefruölamls, sondern von der Normahsicrung der Beziehungen zu Ihnen gesprochen: denn die Zeit, in der Sowjetruß- land um seine„Anerkennimg" kämpfte, ist längst vorbei. Vor zwölf Jahren— es ist wie ein Märchen— tagte auf italienischem Boden in Genua unter dem Vorsitz eines italienischen Minislerpräsidenten eine große diplomatische Konterenz, in der es um die Anerkennung Sojetnißlands ging. Und damals beschlossen die Mächte, unter ihnen Italien, Polen und Jugoslawien, die Anerkennung Sowjetrußlands nur dann auszusprechen, wenn Sowjetrußland eine Reihe von Bedingungen erfüllte. Zu diesen Bedingungen gehörte die Abkehr von der Diktatur und die Hinwendung zu den Prinzipien der Demokratie, Anerkennung des gleichen Rechts aller Staatsbürger, unabhängige Richter und Abschaffung der Zonsur. Die Mächte, unter ihnen Italien, Jugoslawien und Polen, verlangte« damals von Rußland, daß es sich demokratisierte! Komisch, nicht wahr! Ein paar Monate später erfolgte aber der Marsch auf Rom, die fascWstisohe Acra begann. Wir haben soviel erlebt, daß wir uns der geschichtlichen Zusammenhänge kaum noch bewußt sind. Die Bedingungen, die man Sow- jetrußland stellte, waren Ausläufer der demokratischen Hochstimmung, die damals durch die ganze Welt ging. Der Kriegsausgang war ein triumphaler Sieg der Demokratie über die „autoritäre" Staatsfühmng. Aber 1917 negierte Rußland die Demokratie bolschewistisch, 1922 negierte Italien sie faschistisch, und seitdem hat die Diktatur in fast allen Ländern, die nicht eine histoosch fest begründete demokratische Staatsverfassung besitzen, ihren Sieges- zue angetreten. Imperialismus der deutschen Kolonien passiv war. So hat allein Deutsch-Ostafrika durchschnittlich einen Einfuhrüberschuß von über 10 Millionen Mark jährlich gehabt. Aber das ist kein Hemmnis für die neudeutsche Kolonialpropaganda! Die Epp, Schacht und Genossen sind vom Imperialistischen Machtrausch ergriffen. Sie wollen eine Neuverteilung der Welt, bei der das deutsche Großkapital reichlich Beute zu machen hofft. Sie wiederholen alle Dummheiten des Wilhelminismus— aber in verstärktem Ausmaß. Sie sind wieder da! Wenn das nationalsozialistische Steckenpferd der Kolonialpropaganda wieder aus dem Stall geholt wird, reitet auch der bekannte Dr. Paul Rohrbach wieder drauf los! Im»Wirtschaftsdienst«(Nr. 24) erzählt er in einem Artikel:»Deutschlands Forderung nach kolonialem Raum« Geschichten. Da behauptet er, daß die»Eingeborenen unserer alten Schutzgebiete solbst nach uns rufen«.»Der Engländer hat weiche Hände und ein hartes Herz, der Deutsche hat harte Hände und ein weiches Herz«— so charakterisieren uns die Neger von Ozean zu Ozean. Und gleich kommt eine noch schönere Geschichte: »Als vor einem Jahre in Daressalem ein deutsches Konsulat eingerichtet und die achwarzweißrota Flagge nach siebzehn Jahren wieder gehißt wurde, strömten die Schwarzen herbei und riefen;»Unsere Flagge, Gott hat sie uns wiedergebracht!« Die Erzählungen des Herrn Rohrbach rechtfertigen die Forderung nach deutschen Kolonien eben so wenig wie die sogenannten wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen »Argumente«. Deutschland braucht keine Kolonien— es braucht Demokratie, Freiheit, Soziallsmus! Im Jahre 1918 woIKc Wilson Deutschland keinen Frieden geben, wenn es sich nicht demokratisierte, im Jahre 1922 hat man von der gleichen Bedingung die Ancrkcnnimg Rußlands abhängig gemacht. Heute ist das alles ganz anders geworden. War der Krieg und die erste Nachkriegszeit charakterisfert durch den Vormarsch zur Demokratie, so ist für die folgenden Jahre der Rückschlag zur Diktatur kennzeichnend. Er hat die Entwicklung zur Demokratie unterbrochen. Daß sie für alle Zeiten beendet ist, vermag nur ein Tor zu glauben, der die Geschichte nicht kennt. Rußland wurde für Europa der Führer zur DSktatur, in ganz anderer Weise freilich als es selber erwartet hatte. Denn in Deutschland, auf das alles ankam, siegte nicht die Dritte Internationale, sondern das Dritte Reich. Hätte Moskau aus dieser Lektion gelernt, daß westlich der Sowjetgrenzen jeder Antifaschismus demokratisch sein muß, so könnte eines Tages von dort her eine neue Entwicklung zur Demokratie einsetzen. Seine Hinwendung zu Genf könnte dafür ein Vorzeichen sein. Moskau lernt langsam— aber wie dem auch sei. wir Anhänger eines demokratischen Sozialismus haben keinen Grund, den Mut zu verlieren, weil in diesem Augenblick das Pendel der Weltgeschichte noch von uns weggeht. Sturm auf die Auslandsdeutschen Mit wachsender Nervosität haben die leitenden Nationalsoziailisten die Ablehnung ihrer Lehre und ihres Herrschaftssystems durch einen großen Teil der im Ausland lebenden Deutschen zur Kenntnis nehmen müssen. Um diese Deutschen durch Konzentrationslager und Folterungen, oder durch Mordandrohung zu einer anderen Auffassung zu bringen, dazu reicht ihre Macht nicht. So bemühen sie sich denn schon seit einiger Zeit, mit anderen Mitteln und Methoden das Auslandsdeutschtum gleichzuschalten. Das GekJ, das für die Bezahlung der Schulden- Wehe de«» Hilfsbedürftigen! Gegen die mißbräuchliciie Ausbeutung seiner sozialen Einrichtungen muß sich jeder Staat schützen. Der wirksamste Schutz wird die weitgehende Ausgestaltung aller Zweige der sozialen Fürsorge sein, weil so für den Hilfsbedürftigen der Zwang entfällt, auf Schleichwegen sich die Mittel für seinen Unterhalt zu verschaffen. Die Sozialpolitik der nationalsozfaäistischen Reichsregierung steuert auf das entgegengesetzte Ziel los. Die hundertfältigen Maßnahmen, mit denen sie in die Sozialpolitik eingegriffen hat, haben alle den sozialen Bau nicht weiter geführt sondern abgetragen. Alle Unterstützungen wurden abgebaut, die Einrichtungen eingeschränkt und der Kreis der anerkannten Hilfsbedürftigen immer enger gezogen. Es ist bekannt, daß die sogenannte„Arbeitsschlacht" Hunderttausende um die Arbeitslose n-. hezw. Krisen unter Stützung gebracht hat, ohne daß ihnen ein ausreichender Erwerb gegeben wurde. Im neuesten Heft der„Sozialen Praxis" wird in einem Artikel„Neue Wege zur Schwarzarbeitsbekämpiung" dargelegt, wie noch auf andere Weise die sozialen Einrichtungen vor der Inanspruchnahme der Hilfsbedürftigen geschützt werden können. Der Verfasser macht den früheren Regierungen den Vorwuri, daß sie nicht energisch genug gegen die Schwarzarbeit vorgegangen seien. Erst unter der Hitlerregierung seien die Eriahrun- gen nutzbar gemacht worden. Es sei aber notwendig. noch schärfer die Prüfung und Ueber wachung der Hilfsbe- dürftigkeit durchzuführen. Diese Aufgabe dürfe nicht mehr von ehrenamtlich tätigen Personen durchgeführt werden, sondern müsse von Berufs wegen erfolgen. Nur derjenige, der diese Tätigkeit als Beruf ausübe,„habe die bestimmte Geiühls- sicherheit des Prüfenden, Worte und Gesten der Bittstcllenden richtig zu wägen." Die bisher ehrenamtlich tätigen Personen seien durch Zeitmangel, Bindungen und sonstige Hemmungen, durch Mehrverbrauch an Schuhen, Klei- düng usw. für richtige Entscheidungen nicht geeignet. „Es ist menschlich verständlich, daß unter solchen Voraussetzungen Gutachten zustande kommen, die zu mißbräuchlicher Aus- bevtnng unserer sozialen Einrichtungen anreizen." Das hefßt mit anderen Worten, die b i s- her in der sozialen Fürsorge Tätigen sind wegen ihrer sozialen Einstellung und ihres menschlichen Gefühls im Dritten Reich für diese Aufgabe nichtmehr zu gebrauchen. Es müssen SA- und SS-Männer her, die davon völlig frei sind. Aber auch damit geben sich die nationalsozialistischen Behörden noch nicht zufrieden. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Gewährung der Krisen- und Wohlfahrtsunterstüt- zttng sehen die Möglichkeit vor, die Unter- stützungsbeiträge von dem Unterstütztem zurückzufordern, wenn er wieder einen Erwerb hat. Unter dem„Weimarer System" ist von dieser Kann-Bestimmung im allgemeinen kein Gebrauch gemacht worden, weil der Arbeitslose, wenn er wieder Arbeit bekommen hat, mit seinem auch dann noch dürftigen Einkommen eine Menge Neuanschaffungen bestreiten muß, die infolge der langen Arbeitslosigkeit unterbleiben mußten. Die Hitler- regierung ist anderer Meinung. Was nachstehend für Königsberg gemeldet wird, ist inzwischen auch in einer großen Reihe anderer Gemeinden eingeleitet worden: „Es werden zur Zeit Mittel und Wege gesucht, die Auskunftspflicht allen Personen auferlegen zu lassen, die Wohlfahrtsunterstützung für sich selbst oder ihre Angehörigen früher empfangen haben, und sie bei entsprechender Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage nun erstellen sollen, oder die anderen Personen gegenüber unterstützungspflichtig sind." Wenn also- ein Arbeitsloser nach fünf oder sechs Jahren langer Arbeitslosigkeit jetzt endlich Arbeit zur Hälfte des früheren Lohnes oder für noch weniger erhält, so wird er g e z w u n- gen, mit der Zurückzahlung der früher erhaltenen Krisen- und Wohlfahrtsunterstützung zu beginnen. Damit sich ja keiner dieser Rückerstattung entziehen kann, soll eine strengd Betriebskontrolle eingeführt werden. Diese- ungeheuerliche Härte gegen die Arbeiterschaft führt dazu, daß ihr Lebensstandard auf lange Zeit hinaus auf einem unglaublich tiefen Niveau stabilisiert wird. Es handelt sich dabei um eine ganz einseitige Maßnahme gegen die Arbeiterklasse. Denn bisher hat noch kein Mensch etwas davon gehört, daß die Hitler- regierung Maßnahmen einleite, die die deutschen Kapitalisten verpflichten, die Tausende von Millionen Mark, die sie in den Kriseniahren in der Form von Steuernachlässen. Frachtensenkungen, Sanierungsbeihilfen und offenen Subventionen erhalten haben, dem Staate wieder zurückzugeben, wenn ihre wirtschaftliche Lage besser ist! Das ist auch ein Stück praktischen„Sozialismus" der Nationalsozialisten! zu körperlich ,in der*.age ist, hat sich umgehend einer nationalsozialistisch geleiteten Turn- oder Sportgemeinde anzuschließen. 2. Jeder neu eintretende Beamte oder Angestellte, der keiner Turn- oder Sportgemeinde angehört, ist sofort auf dieses Ausschreiben hinzuweisen. 3. Auf Wunsch des einzelnen Beamten ussv. sind Nachweise über seine sportliche Beteiligung in die Personalakten aufzunehmen."(Frankf. Ztg.) W ediselrel ter ei- statt Krisenuberwindimg Der Leiter der Hamburger Landesfinanzverwaltung-, Nationalsozialist Dr. Nieland.| tritt für einen Plan zur Behebung der Ar-| beitslosigkeit ein, von dem der>Kamburgei- Anzeiger« sagt, daß er auf»ganz neuen, j verblüffend einfachen Wegen die gänzliche Beseitigung der Arbeitslosigkeit zum Ziel- hat«. Kein Staatsgeid— nichts ist dazu notwendig,—»lediglich Mut und froher tatkräftiger Optimismus, wie er nur echten Revolutionären innewohnt«. Der Schöpfer des Planes hat sich das folgende Rechenexempel gestellt, das in der Hamburger Presse als»durchaus einleuchtend« kommentiert wird: »Wenn sämtliche Hamburger Erwerbslosen für ein Jahr über die Einkünfte verfügen. die sie normalerweise verdienen' würden, wenn sie Arbeit hätten, und wenn sie diese Einkünfte restlos für Lebensbedarf und Neuanschaffungen umsetzen würden, wäre der Einzelhandel einmal in der Lage, bei seinen Grossisten und diese wiederum bei ihren Fabrikanten große Aufträge zu tätigen, andererseits aber auch selbst Instandsetzungen, Erweiterungen. Geschäftsvergrößerungen und Neuanschaffungen vorzunehmen. Industrie und Handel könnten auch ihrerseits ihre Betriebe wie- die Lieferanten der Industrie, so daß zuletzt in alle Wirtschaftskreise die große Belebung Einzug hält— die Erwerbslosen aber, um deren angenommenes Einkommen es sich hier handelt, werden durch diese Vorausdispositionen der gesamten Wirtschaft nunmehr tatsächlich in Arbeit gebracht, und aus dem angenommenen Einkommen ist der tatsächliche Erwerb geworden. Der Wirtschaftsapparat läuft voll, ohne daß irgendwelche Mittel aufgewendet wer- d e n«. Obwohl versichert wird, daß dem Staate bei der Vorbereitung und Durchführung dieses Planes keinerlei Kosten entstehen würden, beschäftigen sich ausgerechnet der Leiter der Hamburger Landesfinanzverwaltung und das Reichsfinanzministerium mit seiner Prüfung! Warum nicht das R e i c h s a r b e i t s m i n i- s t e r i u ra, das doch für Arbeitsbeschaffung, die nichts kostet, in erster Linie zuständig sein müßte? Das geschieht doch wohl aus dem Grunde, weil dieser Plan auf die A n- kurbelung einer uferlosen Wechselreiterei abzielt! Denn die Industrie der voll laufen lassen, es wären auch hier müßte die bestellten Waren den Großisten, Neuanschaffungen und Instandsetzungen größeren Umfanges, z. B. Maschinen, Transportmittel usw. nötig. Eine ungeheure Belebung der gesamten Wirtschaft würde langsam das lähmende Gespenst Wirt- schaftsdepression beeeitigen und— alle die Arbeitslosen, mit deren Geldern diese Befruchtung erfolgte, würden in die zahlreichen offen werdenden Arbeitsplätze in Industrie, Groß- und Detailhandel einrücken können«. Gewiß— einfach ist dieses Rechenexempel; zu einfach, um richtig zu sein! Das Einkommen, das die Hamburger Erwerbslosen nicht haben, will ihnen der Kriscnbekämpfer nun nicht etwa wenigstens teilweise durch Erhöhung der von den Nationalsozialisten gekürzten Unterstützungssätze geben. O nein Im Dritten Reich, das Riesenbeträge für Sub ventionen für die kapitalistischen Unternehmer zur Verfügung hat, ist es ausgeschlossen, den Erwerbslosen die Einkünfte zu gewähren, die sie als Erwerbslose unter der Regierung Hermann Müller hatten. Unser Mann faßt die Sache»praktisch« an, und das sieht so aus; »Er sieht staatliche Beratungsstellen vor. die jeden einzelnen Erwerbslosen über seine Bedürfnisse für ein Jahr beraten Das geschieht in erster Linie durch Aufstellung eines genauen Haushaltsplanes, der den Lebensunterhalt für die Familie und sämtliche beabsichtigten Neuanschaffungen berücksichtigt. Mittels Beatellscheinen muß der Erwerbslose sich verpflichten, seinen gesamten von ihm selbst ermittelten Bedarf bei bestimmten Geschäften nach seiner Wahl zu tätigen, für den Fall, daß er Arbeit erhält. Die Einzelhändler wiederum können an Hand der ihnen überwiesenen Bestellscheine ihren jetzt gewaltig gesteigerten Umsatz für ein Jahr Im voraus feststellen und clementsprechende Vorausdispositionen treffen. Diese VorausdisposiOonen beziehen sich einmal auf große Aufträge an ihre Lieferanten, zum anderen auf eigene Neuanschaffungen. Instandsetzungen und— Personaleinstellung. Di« Grossisten wiederum können auch ihrerseits große Abschlüsse mit ihren Lieferanten tätigen und auf Grund der zu bewältigenden Arbelt Personaleinstellungen aller Art vornehmen. Das Gleiche gilt von der I n d u- st r i e, die durch den jetzt für ein Jahr feststehenden großen Auftragsbestand neben Arbeiterund Angestellteneinstellungen größeren Umfangs auch an Betriebserweiterungen und Schaffung neuer maschineller Anlagen herangehen kann. Weiter gebt der Kreislauf über und die Großisten müßten sie den Einzelhändlern gegen Wechsel kreditieren; solange, bis wirklich das erhoffte Wunder der vollständigen Aufsaugung der Erwerbslosen eintritt. Also am Ende nichts anderes, als eine Vermehrung der faulen Wechsel, die im Dritten Reich massenhaft vorhanden sind und deren ansteigende Flut die Wäh- rungsschwicrigkeiten von Tag zu Tag vermehrt. In Hamburg finden die Bestrebungen auf Herbeiführung einer Inflation seit längerer Zeit schon starke Unterstützung, und dieser Plan soll dafür neue»Argumente« liefern. Deutsche geistige Berufe Die Journalisten. „Das Berliner Bezirksgericht der Presse hielt am Montag im Kriminalgerichtsgebäude seine zweite Sitzung ab. Z u verantworten iiatte sich der stellvertretende Hauptschriftleiter einer Wochenschrift, der Anfang Februar d. J. in seinem Blatt einen Artikel veröffentlicht hatte, der geeignet sein konnte, die Geschlossenheit der SA zu zerstören. In diesem Verhalten erblickte das Gericht eine Fahrlässigkeit. Es erkannte auf eine Ordnungs- st r a f e von 20 Mark. Bei der Bemessung der Strafe ist berücksichtigt worden, daß der Angeschuldigte b e r e i ts 4'/» W oc h e n in einem Konzentrationslager zugebracht hat."(DAG.) Die Lehrer. „In einer Massenversammlung in Chemnitz am Freitagabend sprach der Gauleiter des Gaues Kurmark, Oberpräsident Wilb elon K u b c, M. d. R., gegen die Miesmacher und Nörgler. In seiner Rede machte er auch eine wichtige Mitteilung über die bevorstehenden entscheidenden Aenderungen auf dem Gebiete der Schulpolitik. Jeder Jugenderzieher werde in Zukunft etwa alle drei Jahre durch Prüfungen und in Kursen unter Beweis zu stellen haben, ob er hineingewachsen sei in das Dritte Reich, und ob das Dritte Reich sein bestes Material, die Jugend, ihm weiter zur Erziehung überlassen könnte."(DAZ.) Die Beamten. „Der hessische Staatsminister hat eine Verfügung erlassen, in der es heißt; Eine der Hauptaufgaben im nationalsozialistischen Deutschland sei Körpererziehung und-ertüch- tignng. Es sei Pflicht eines jeden Beamten und Angestellten, soweit er hiezu körperlich in der Lage sei, Leibesübungen zu treiben, mu so seine körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten und damit seine Dienstfähigkeit zu erhöhen. Er ordne an: 1. Jeder Beamte und Angestellte, der hier- Kein Pogrom? Quer durch den Sfreicherschen Irrsinn. Wir geben im folgenden Auszüge aus Streichers„Stürmer", die für sich selbst sprechen: „Hello von Gerlach gab sich früher stets für nationalgesinnt aus, aber seine Bekannten schildern sein auffallend jüdisches Aussehen. seine jüdische Art zu sprechen und die Hände zu bewegen. Wahrscheinlich ist auch dieser jüdische Einschlag, der von irgend einem Vorfahren stammt, bestimmend für die jüdisch-demokratische Politik- geworden. H. v. Gerlach folgte der Stimme seines Blutes. Was die Augen von ihm sehen, ist jüdisch, was er schreibt und spricht ist undeutsch. Er hat sich zu einem der gemeinsten und schamlosesten Landesverräter herausgewachsen... Den wahren, echten Stammbaum dieses vaterlandlosen Subjekts kennen zu lernen,.wäre interessant. Christa Maria Rock." „Gräfin Ida Hahn-Hahn lebte von 1805— 1880 und betätigte sich auch als Schriftstellerin. Sie war die Geliebte des Juden Heinrich Simon und verklärte deshalb gerne jüdische Mädchen in ihre Romane zu strahlenden Heldinnen.1* „Der Jude Alfred Seelig von Arnstein gehört zu den frechsten im ganzen Arnsteiner Land. Kürzlich sah ich mich gezwungen, ihn auf die Ortsgnrppenstelle zu laden. Dabei benahm er sich so herausfordernd, daß ich mich gezwungen sah, i h n etwas handgreiflich zurechtzuweisen. Durch den Rechtsanwalt Rosenthal in Würzburg zeigte er mich wegen angeblicher Mißhandlung bei der Staatsanwaltschaft an.•. Wegen Fhichtgefahr ins Ausland mußte Jud Scelig in Schutzhaft genommen werden. H." „Die Juden betrügen die Leute und verderben die Völker und brandschatzen die Länder mit Wucherei. Es gibt kein böser,- listiger, geiziger, unkeuschfer, unsteter, vergifteter, zorniger, hoffärtiger, betrügerischer, schändlicher Volk, welches keinen Glauben hält den Leuten."(Zitat aus dem XV. Jahrhundert im„Stürmer".) „Frankfurt am Main. Die Stadt der Synagogen und der Rassenschande. Frankfnrt- Main hat zehn Synagogen und nannte sich schon vor dem Kriege Neu-Jerusalem. Nach dem Kriege wurde es ganz besonders von Calizicrn bevorzugt---- Die schönsten Häuser gehörten den Juden... Die Machtergreifung unseres Führers Adolf Hitler hat einige vertrieben... Es kehrte etwas Ruhe ein ins Land und schon ist die Saubande frecher wie je- Sie sagen:„Uns darf man nicht angreifen, wir stehen unter Denkmalschutz." Frankfurt hat einen sehr schönen Stadtwald, in welchem verschieden© Gastwirtschaften liegen. Auch die „Unterschweinstiege" ist darunter, diese wird von den Frankfurter und Offenbacher Juden gern besucht Allem Anschein nach fühlen sich die Juden schon wegen des Namens der Gaststätte dort besonders wohl..." Umschwung auf dem Lampenmarkt »Frankfurter Zeitung« Nr. 307: »Die Texülkonjunktur, die Beschränkung der Einfuhr von Textllrohstoffcn und die damit zusammenhängende stärkere Verwendung von Abfällen, insbesondere für die Kunstwoll- fabrikation, haben einen bemerkenswerten Umschwung auf dem Lumpenmarkt herbeigeführt. Die Preise, die in der Krise so sehr gefallen waren, daß die Sammeltätigkeit auf ein Minimum zusammenschrumpfte, sind seit Beginn d. J. erhehlich gestiegen.« Was man sich erzählt »Haben Sie gehört: Hitler will schwarz- rot-gold wieder einführen!« »Nein doch— warum denn?« »Weil er sonst bald gar kein Gold mehr hat!« • Bei der Unterredung Hitler— v. Papen ging es bewegt zu. »Denken Sie an den Wahlspruch unseres ehrwürdigen Herrn Reichspräsidenten«, donnerte Hitler seinen Vizekanzler an:»Di® Treue ist die Mark der Ehre«. »Tu ich ja«, ächzte von Papen,»aber nun hat gerade eine so kolossale Flucht aus den Mark eingesetzt... x Nr. 55 BEILAGE I.Juli 1934 Wahnsinnige kommandieren Verhextes Deutschland— Gauleiter im Bett— Stabschef trinkt Ehrenmilch Gering, wie ihn keiner kennt— Gattinnensarg als Agitationsstück In einem amerikanischen Witzblatt stand kürzlich zu lesen:>Wenn ein Erdbeben im Lande ohne Schaden vorübergegangen ist, so üeruft die russische Regierung eine Propagandaversammlung ein, die englische einen Dankgottesdienst, die französische eine Abendgesellschaft und die deutsche— läßt sich photographieren.« Daß die deutschen lührer sich photographieren lassen, wie im- 'ber, wo immer und wann immer sich keine Gelegenheit dazu bietet, ist nicht nur den ausländischen und nicht nur den humoristischen ßlättem bekannt. Die geistig Normalen der ganzen Welt schütteln die Köpfe darüber, und seihst dem deutschen Spießer hängen die teils kolorierten, teils nur retouchierten Führerbil- 'Lr schon zum Halse heraus— der katastrophale Abonnenten- und Käuferschwund, an 'lern nebst allen anderen auch die illustrierten Zeitungen kranken, beweist es. Die Ursachen dieser Photographieseuche Wurden oft genug erörtert: Größenwahn nach üem Muster Wilhelms II., Kompensierung von Minderwertigkeitsgefühlen, Verdeckung körperlicher oder geistiger Klumpfüße, Eitelkeit, Selbstbeweihräucherung, mit der Absicht in- "zcniert, dem Volke die klare Sicht zu verhebein. Sicher ließen sich noch genug andere Wurzeln aufdecken— wichtiger sind die Dolgen der Psychose. Gewiß— die Zugkraft der Heiligenbilder, die im Anfang unter den Traunen Scharen von Hand zu Hand gereicht wurden, hat abgenommen. Wer hätte für solche Photofluten in Schränken und Kästen Baum? Aber die beabsichtigte Wirkung ist �nächst erreicht, darüber dürfen wir uns hiebt täuschen. Wenn heute, da die Schande und dle Schäden des Hakenkreuzregimes *eibst im hermetisch von aller Aufklärung ab- Roschlossenen Deutschland offenbar werden. hoch immer an kritische Bemerkungen der gefügt wird;»Aber der Führer weiß von .alledem nichts, der Führer will das Bestem, "o ist diese abergläubige Respektierung des Zauberkreises um den Führer nicht zuletzt auf die Propagandamethoden der geschilder- �an Art zurückzuführen. Tausend kleine Paschas Es überrascht nicht, daß gerade in diesem Augenblick offensichtlicher Pleite versucht. wird, dem FUhrerkult einen neuen Auf- "ohwung zu geben. Die Preise steigen weiter, die Löhne sinken weiter, die außenpolitische Isolierung ist nahezu vollzogen, der Export "ast darnieder, die Mark wackelt, der Hunger "iaht vor der Tür und die Arbeitsschlacht ist verloren. Was Wunder, daß jeder große und Ideine Ober-, Mittel- und Unterführer sich rasch noch soviel persönliche Popularität wie 'Möglich zu erobern sucht, um im Ernstfälle �elleicht Absolution zu erlangen. Sogar Ihre smarten Autos lassen die hohen Herrschaften su diesem Zweck gelegentlich zu Hause und mengen sich unter's gemeine Volk. Solche erhebenden Momente werden prompt In Wort Und Bild festgehalten. Ein Beispiel von vielen: ein ostpreußischer Bauleiter geruht In einem Gemeinschaftslager �u ruhen. Fette Ueberschrift Im»Angriff«: �Bett 342: Gauleiter Erich Koch.— Ostpreu- �ns Führer schläft Im Gemeinschaftslager. Sein Amulett: ein Elefant«. Wer fühlt sich hier nicht an ödestes ame- rlVanlsches Filmstar-Getue erinnert? Im Text iropfen gleichfalls Tränen der Rührung:»Der Gauleiter will hier(hier!) nichts sein als Ka- merad unter Kameraden, Gleicher unter Glel- r-hen— wirkliche Kameradschaft und Volks- v«rbundenhelt— Steife Förmlichkeit von An- fanS an ausgeschaltet— Mit zwei Aepfeln 'n den Schlaf.« usw. usw. Dazu eine Zelch- "uu«: Seine Majestät der Gauleiter im Bett, Adolf-Menjou-Lächeln unter dem Hltler- �ftchen, Doppelkinn. Leutnantsecken, den �Wußten Apfel In der Hand.— Ein Beispiel von vielen, ein Beispiel dafür, daß die kleinen �Blers In der Provinz den großen In Berlin "u•Ssarenw&hn nicht nachstehen. Ehrenbürger Rühm Besonders nötig bedarf gegenwärtig der Volksgunst. Er muß ein©>Erho- 'uugsreise« wider Willen antreten, und auch V)n8t sollen seine Aktien nicht zum besten *tehen. Also: offizielle Rundfahrt(zunächst �h Pommern) mit Extraempfängen, Aufmärschen, Paraden, Ansprachen, Beflaggungen. Natürlich in jeder Provinzzeitung: Röhms Bild, groß aufgemacht, einmal, zweimal, dreimal— In einer Nummer der»Pom- merschen Zeitung« gleich neunmal.»Aufenthalt auf der Dorf straße-—»Ein Glas Milch zur Erfrischung«—»Der Stabschef fährt vorbei«—»Kaffeepause«, und was so der unvergeßlichen Momente mehr sind. In Stettin: Tag der SS, großes Feuerwerk, Luftkanonade, Bootsparade auf der Oder und Oderuferbeleuchtung, Röhm wird zum Ehrenbürger von Stettin ernannt. Der»Stettincr Generalanzeiger« röchelt: »Und während wir alle Pfingsten feierten und uns von der Mühe des Werktags erholten, arbeiteten Graphiker und Kunsttischler der Stettiner Handwerker-Schule an der würdigen Gestaltung der hohen Ehrenkunde.« Die»Hohe Ehrenkunde« wochentags herzustellen, wäre nämlich zu profan, es muß ausgerechnet Pfingsten geschehen. Der Fall Göring Nur inmitten dieses tollen Blocksbergszau bers, nur in dieser verhexten, bösen Luft, die über Deutschland lastet und die das Kleine groß, das Große klein, das Tragische lächerlich, das Lächerliche erhaben, das Wahre falsch, das Falsche wahr und das Gemeine edel erscheinen läßt, ist es möglich, daß ein Irrer als Herrscher walten kann, ohne im mindesten aufzufallen. Denn einer ist unter den tausendundeinmal Photographierten, für dessen Zustand die Begriffe»eitel, starhaft, aufgeblasen« längst nicht mehr ausreichen, einer ist unter ihnen, der ist anerkannt wahnsinnig. Und dieser Wahnsinnige hat soeben eine gespenstische Komödie aufgeführt, neben der die fiebrigsten, auf Nervenkitzel berechneten Phantasien eines E. Allan Poe geradezu Wie genlleder sind. Grauenvoll war nicht so sehr der Stoff dieser Komödie— grauenvoll war die Tatsache, daß die offiziellen Würdenträger des deutschen Reiches und ein Teil der Bevölkerung sich als Statisten mißbrauchen ließen, ohne im geringsten zu merken, daß ihr Regisseur wahnsinnig ist. Dies das Vorspiel; Als der Ministerpräsident Göring noch Privatmann war, gewesener Fliegeroffizicr von Beruf, Morphinist aus Neigung, Nationalsozialist aus Instinkt(denn nur in dieser Bewegung der Entgleisten konnte seinesgleichen etwas werden), hatte er eine Frau: Karin Göring. Schwedin aus adligem Hause, geborene von Fock, geschiedene von Kantzow. Uebcr ihre Persönlichkeit ist nicht viel bekannt, obgleich neuerdings einige Privatbriefe von ihr durch die deutsche Presse gezerrt werden und obgleich Fanny Gräfin Wllamowitz-Moellendorf ein byzantinisches Buch über sie geschrieben hat. Daß sie an den Sieg des Nationalsozialismus»unerschütterlich glaubte« ist bei Lichte besehen ja keine Tat, die unsterblich macht, und über ihr persönliches Sein ist ein Schleier gebreitet. Adelsfamilien halten dicht. Zwar ist durchgesickert. daß Hermann Göring und seiner Frau während ihres Aufenthaltes in Schweden die Erziehungsgewalt über den Sohn aus Karins erster Ehe entzogen wurde, weil das Ehepaar als»erzieherisch ungeeignet« galt, Nie jedoch hat man erfahren, was neben Görings Morphiumsucht, die ja nur seine moralische Beschaffenheit, nicht die der Frau in Frage stellte, den Anlaß zu diesem ungewöhnlichen staatlichen Eingriff gegeben haben mag. Als nach der Münchner Niederlage 1923 Göring sehr ellig in die Emigration flüchtete, ging die Frau mit. Die Emigration führte zunächst nach Innsbruck, später nach Schweden und verlief so feudal, daß sich Görings Innsbrucker Parteigenossen bei der relchs- deutschen Parteileitung Uber die Verschwendungssucht dieses Flüchtlings beklagten und um eilige Weiterschickung baten, damit das Ansehen der Partei nicht noch mehr leide. Frau Göring, die 1931 starb, ginge uns gar nichts an und die Erinnerung an sie wäre Privatangelegenheit des Ministerpräsidenten Göring— wenn Göring seine eigene Tote ruhen ließe, wenn er sie nicht mit lautem Gebrüll aus der Erde zerrte und In widerlicher Verrücktenmanier durch die Lande brüllte: »Seht meine Trauer! Seht meine Pietät! Seht, was ich für ein gemütvoller Mensch bin!« Das Schauerspiel eines W ahnsinnigen Denn jetzt kommt der eigentliche Haupt akt der gespenstischen Komödie. Göring hat die Leiche seiner Frau aus Schweden geholt, aber nicht etwa im Stillen. Der Führer der Polizeitruppe Brandenburg mit einem Leutnant und vier Polizeiwachtmeistern gaben dem Sarge im Sonderwagen das Geleit, zwei Wachtmeister hielten während der Fahrt dauernd Ehrenwache am Sarg. Im Zug fuhren noch eine Menge höherer Persönlichkeiten mit. Und was weiter? Wir lassen deutsche Zeitungen sprechen. Der»Völkische Beobachter«: Gestern wurde in der wundersamen Einsamkeit der Schorfheide-die Gattin des Ministerpräsidenten von Preußen, Karin Göring, zur letzten Ruhe gebettet.— Fahl spiegelt sich gewitterschwere Sommernacht im Wellenschlag der Rügenküste. Fem im Osten keimt schon der junge Tag. Langsam läuft das schwedische Fährschiff »Drottning Viktoria« ein und macht an der Landungsbrücke fest. Allein begibt sich Hermann Göring als erster an Bord. In einem Waggon ist der schwere Sarkophag aufgebahrt, ihn deckt die Flagge des Dritten Reiches. Mit Blumen und Tannenreisern wurde dieser Eisenbahnwaggon zu einer Kapelle, in der Landespolizei und Flieger Langsam fahren die Ehrenwacht halten. die Automobile dahin, und es ist etwas Ergreifendes in dieser Fahrt... Im hohen Eichenwald von Karin-Hall liegt am Wuk- kersce die Gruft der Gefährtin Hermann Görings, erhaben und einfach. Felssockel rechts und links bis an die breite Treppe, die herunter in das Gruftgewölbe führt. Hier ist Ruhe, hier ist Einsamkeit. Fast sämtliche Minister des Reiches und Preußens, die Führer der SA und SS. hohe Förstbeamte: Polfzeigenerale, Vertreter der Behörden und der Bewegung haben sich versammelt. um an der Beisetzungsfeier Anteil zu nehmen. Dann erscheint der Führer zusammen mit seinem Adjutanten. Gruppenführer Brückner. Ehrenformationen der Landespolizei, der Forstbeamten und der Flieger salutieren, als sich der Trauerzug nähert, flankiert von Reitern und Offizieren. Der»Angriff«: Schon in den frühen Morgenstunden hatten sich Tausende am Bahnhof und auf dem Wege zur Schorfheide eingefunden, um der großen Toten die letzte Ehre zu erweisen. Dumpf klingt der Trommelwirbel über den weiten Platz. Das Jungvolk hat Aufstellung genommen. Ganz Deutschland grüßt Karin Göring... Es geht wie ein Raunen durch die Wipfel der Eiöhen und Buchen: Hier unten soll eine der größten Frauen der nationalsozialistischen Bewegung ihre letzte Ruhestätte finden. Während der Sarg vor der Gruft aufgestellt wird, blasen am anderen Ufer Förster auf ihren Waldhörnern. Hell klingt der Gruß über den See. Dann z e r- relßtklagend derTrauermarsch aus»Götterdämmerung« die Stille... Der Zug der Trauergäste geht zurück nach Karin-Hall.(Karin-Hall ist Görings Jagdschloß, in dessen nächster Nähe der Schloßherr acht Tage zuvor, mit einem phantastischen Kittel bekleidet, mit waid- gcrechtem Hut und Nickfänger, ein W i- sentgehege eröffnete. Red. d.»N. V.«) Die»Deutsche Allgemeine Zeitung«; In der Försterei Döllnkrug wurde der Sarg auf einen sechsspännigen Pferdewagen gehoben. Reitende Abteilungen der Landes- polizelgruppc General Göring flankierten ihn und eröffneten und schlössen■ den Trauerkondukt... Dazu Bilder. Bilder, Bilder. Göring am Zug, Göring am Schiff. Göring mit und ohne Hitler, vor und hinter der Gruft, der Sarg, die Kränze(darunter einer von Göring mit der Schleifeninschrift»Meiner Karin«), der trauernde Göring. reich beladen mit Orden und Ehrenzeichen, en face und en proflle. Zum Speien! Ja, merkt denn in Deutschland niemand, daß hier ein Wahnsinniger sich austobt? Merkt denn niemand, daß die Krankheit rasende Fortschritte macht? Noch vor ein paar Monaten begnügte sich der trauernde Gatte damit, das Bild eines»Karin-Gedächtnis- Raumes« aus seinem Berliner 40- Zimmer-Palais— schwarze Vorhänge, Kerzen, Halbdunkel— In einer mondänen Modenzeitung abdrucken zu lassen— jetzt bringt er das ganze offizielle Deutschland mitsamt SA, Hitlerjugend und Polizei auf die Beine, damit ja keiner seine stille, tiefe Trauer Ubersehe. Und während dieses gespenstische Schauspiel abrollt, faulen in anderen Gegenden Deutschlands gräßlich entstellte Tote aus der Erde, zu Tode gefolterte, gemeuchelte SA- Opfer, die unter Görings Polizeiherrschaft da verscharrt wurden, treiben gedunsene Leichen mit zerschlagenen Schädeldecken an die Oberfläche von Teichen und Seen, werden plombierte Särge aus den Konzentrationslagern geschafft. Göring aber spielt den gemütvollen Gatten, macht seine höchst privaten, eitlen und verlogenen Pietätsgelüste zu einer Angelegenheit des»deutschen Volkes«.• Ja, merkt denn niemand etwas? Ist Deutschland verhext? Ja, Deutschland ist verhext. Doch der Zauber beginnt schon zu welchen. Wenn er ganz verflogen ist, wird nicht der»gemütvolle Gatte«, sondern Hermann Göring ohne Maske sich zu verantworten haben, und sein Wahnsinn wird kein mildernder Umstand sein. Diktatoren des Altertums Der Mann, der Solon stürzte. Der größte Gesetzgeber des griechischen Altertums war Solon. Er wurde von Pi- slstrates gestürzt, der die Demokratie vernichtete und sich zum Diktator aufschwang. Bei diesem Pislstratee ist Göbbels in die Schule gegangen. Wahrscheinlich hat er von ihm zum ersten Male auf der Schulbank gehört, als er im Rheidter Gymnasium Im Griechischunterricht Herodot lesen mußte. Dieser griechische Geschichtsschreiber berichtet, daß Pisistrates durch folgende List beim Volke Einfluß gewonnen und schließlich die Alleinherrschaft errungen hat. Er verwundete sich und seine Maulesel und fuhr, wie auf der Flucht vor seinen Feinden, die ihn bei einer Fahrt auf das Land hätten umbringen wollen, auf den Marktplatz. Dort bat er das Volk um eine Wache, die Ihn gegen ähnliche Gewalttätigkeiten schützen könnte, denn er sei nur wegen seines Elfers für das allgemeine Beste hinterlistig überfallen worden. Als das Volk, der Täuschung unterliegend. seinen Unwillen durch laute Rufe zu erkennen gab, trat Solon dem Heuchler entgegen und warf Ihm vor, daß er die Rolle des Selbstverstümmlers schlecht spiele! Auch der homerische Odysseus habe seinen Rücken mit Geißelhieben zerfetzt, doch um die Feinde des Landes zu betrügen, Pisistrates aber tue es, um seine Mitbürger hinters Licht zu führen. Solon drang mit seinen Warnungen nicht durch, die Volksversammlung beschloß, dem Pisistrates Keulenträger als Leibwache zu geben. Nicht einmal die Zahl wurde festgelegt, denn viele Gegner des Pisistrates waren längst aus Furcht davongelaufen. Nur Solon sagte resigniert:»Ich bin weiser als jene, die nicht merken, worauf es abgesehen ist«. Und er schrieb folgende Verszeilen: Auf die Zunge nur seht ihr und auf die Worte des Schmeichlers, Aber auf all sein Tun richtet die Augen ihr nicht. Jeder von euch geht einzeln einher auf den Pfaden des Fuchses, Aber ihr alle vereint seid doch ein törichtes Volk! Pisistrates konnte also so viele Leute in seiner Schutztruppe zusammenbringen wie er wollte. Als er sich stark genug fühlte, besetzte er die Burg auf der Akropolis und beherrschte dadurch die Stadt. Die Demokraten flüchteten, nur Solon ging auf den Markt, schalt die Bürger wegen ihrer Unklugheit und Feigheit, forderte sie aber auch auf und beschwor sie, von der Freiheit nicht zu lassen. Dabei sagte er auch die berühmt gewordenen Worte: Früher wäre es ihnen leichter gewesen, die Diktatoren zu unterdrücken, als jetzt, da sie schon Wurzeln geschlagen haben; daher sei es aber auch größer und ruhmvoller, sie jetzt zu töten und zu vertilgen, nachdem sie bereits emporgewachsen und erstarkt sind. Als aber die Athener auf die Schutzwehr hinwiesen, die das Leben und die Herrschaft de« Piaistrates bewacitte. mMnMMH« Uftmt Mm di« Verse entgegen: Wenn ihr Hartes erduldet, ob eurer eigenen Torheit, O, so messet die Schuld zorntgen Oöt- tem nicht bei! Ihr selbst gäbet die Macht, gabt selbst den Tyrannen die Schutzwehr; Schimpfliche Knechtschaft ward euch zum Lohne dafür! Als die Athener später doch versuchten, Pisistrates loszuwerden, er flüchten mußte und erst wieder mit Waffengewalt die Rückkehr in die Stadt erzwingen konnte, sicherte er sich gegen eine Wiederholung einer solchen Empörung dadurch, daß er die Söhne der führenden Demokraten, soweit sie nicht schon vor dem Einzug des Diktators geflüchtet waren, als Geiseln verhaften und— wir würden heute sagen; in ein Konzentrationslager— nach Naxos bringen ließ. Auch die Tage des Pisistrates gingen zu Ende und ihnen folgte die höchste Herrlichkeit griechischer Kultur, als sich über der niedergerungenen Tyrannis die verjüngte Demokratie des Perikles in vierzigjähriger Blüte erhob. Fast alles, was uns von griechischer Baukunst und Bildhauerei erhalten ist oder wovon wir wenigstens durch Ueberlieferung wissen, eine nie wieder erreichte Vollkommenheit, das Lebenswerk des Phidiaa und seiner Schule, die Pracht der ausgebauten Akropolis stammen aus dieser Zelt. Auch dem deutschen Volke wird ein He- rodot erstehen, in dessen Geschichte der Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts als lächerliches und doch mehr als alle gelehrten Abhandlungen die Moral des Dritten Reiches kennzeichnendes Einschiebsel berichtet werden wird, wie der wortgewaltige Reichspropa- gandaminister Göbbels, der kein Wort von dem glaubt, was er spricht, damals, als er erst Propagandachef seiner Partei war, Im F.erliner Sportpalast erzählt hat, daß-er sechs Monate in belgischen Gefängnissen geschmachtet habe, gefesselt und schwer mißhandelt, weil er es im Wahlkampf um die Relchspräaidentenschaft nach dem Tode Eberts im besetzten Gebiet gewagt habe, für Hlndenburg einzutreten. Den Solon »pleite da die preußische Staatsregie- xung, die diesen Schwindel entlarvte, denn Göbbels war nicht einen einzigen Tag In einem belgischen Gefängnis gesessen. Sogar die Parteikumpane des Lügners machten sich über diese Dreistigkeit lustig. Doch in der Unterwelt, die diese Kampfgenossen damals bildeten, schadete sie dem Urheber genau so wenig wie später, als diese Unterwelt zur Oberwelt geworden war und ein Fünf- undsechzigmiWionenvoWc unterjochte. X«t t u s o w. Auf wankendem Grunde >Dm minnHehe künstlerische Personal des Theaters In Wuppertal muß vor Beginn der neuen Spielzeit an einem dreiwöchigen Schulungskursus im Sehulungblager Burg an der Wupper teilnehmen!« Der erste Held trainiert mit der Handgra- naten-Atrnppe! Kunst? Hein, Kaserne! Das nachstellend geschilderte Erlebnis hatte kürzlich ein seit langem im Auslande ansässiger deutscher Kaufmann in einer deutschen Großstadt. Der Name der Stadt spielt dabei keine Rolle, denn es ist ein typisch deutsches Erlebnis, das sich genau so auch in irgend einer anderen deutschen Stadt zugetragen haben könnte und sich genau so abgespielt hat, wie es hier erzählt wird; auch als Beweistitel sind Namen nicht erforderlich, denn es hätte gar keinen Sinn, derartige Geschichten etwa erfinden zu wollen. Ihre Bedeutung liegt ja einzig und allein darin, daß sich solche Begebenheiten im heutigen Deutschland eben wirklich ereignen. Auf der Durchreise nach Holland hatte der Kammann eine reichliche Stunde Aufenthalt in jener deutschen Stadt. Das war Gelegenheit. einen dort wohnenden Freund zu besuchen, den er seit einem Jahrzehnt nicht wiedergesehen hatte und von dem er nur ungefähr wußte, daß dieser sich in den letzten Jahren lebhaft (ür moderne Kunst und Literatur interessiert hatte und als wohlhabender Förderer der Künstler in Zirkeln verehrt war, deren Tun im Dritten Reiche als„Kulturbolschewismus" verpönt ist. Er fand die Nummer des Freundes im Telefonbuch, rief an und erreichte ihn glücklicherweise auch zu Hause. Große Freude auf beiden Seiten. Jawohl, er würde sofort hingefahren kommen. Der Freund bezeichnete ihm den Autobus, mit dem er vom Bahnhof aus bis vors Haus fahren könne. Der Autobus kam auch, ohne daß der Fremde lange warten mußte. Er stieg ein, und eben, als die Verkehrsampel freie Fahrt anzeigte, gab ein plötzlich auftauchender Schutzmann dem Autobusführer das Haltezeichen, ein Mann bestieg den Wagen, sprach«nige leise Worte mit dem Schaffner, wandte sieh an den Kaufmann, wies seine Legitimation als Kriminalbeamter vor und forderte ihn auf, mit zur Wache zu kommen. Ueberrascht fragte der Kaufmann nach dem Wieso. Der Beamte aber sagte kurz:„Das werden Sic erfahren. Machen Sie keine Umstände und kommen Sie mit!" Beide stiegen aus, der Autobus fuhr ab und der Kaufmann folgte dem Beamten zur Wache. Dort erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß er soeben am Telefon„ein kommunistisches Gespräch" geführt haben sollte. Der Kaufmann wußte im Augenblick nicht, ob er wütend werden oder lachen sollte. Er tat keines von beiden. sondern legitimierte sich und schilderte nur kurz Zweck und Inhalt seines Telefongespräch«. Daraufhin ging der vernehmende Beamte ins Nebenzimmer und kehrte mit einem höheren Beamten zurück. Beschuldigung und Verhör wiederholten sich, der Gang ins Nebenzimmer desgleichen, und nun stand der Kaufmann dem Anzeigeerstatter gegenüber, einem Manne nrit verbissenem Gesicht, der vor hysterischer Erregung die Aktentasche, die er trug, unterm Arm fast zerdrückte-„Ist das der Herr?", fragte der Beamte.„Jawohl, das ist er! So wahr mir Gott helfe!'*, versicherte der Zeuge.„Sie brauchen hier nicht schwören". wandte der Beanrte verdrossen ein, aber der Mann hörte es nicht, er trat fuchtelnd dicht vor den Kaufmann hin und rief:„Ich liebe mein Vaterland!"„Das bestreite ich nicht, und das verwehre ich Ihnen auch nicht", erwiderte der Kaufmann,„aber was hat das mit meinem Telefongespräch zu tun?" Es stellte sich heraus, daß der Anzeigeerstatter vor der Telefonzelle gewartet, gelauscht und den Namen des Angerufenen vernommen hatte. Solche Lauscherohren sind im Dritten Reiche zu Tausenden gewachsen. Im übrigen aber ergab sich nur, daß es dem Lauscher so geschienen habe, als würde da ein „kommunistisches Gespräch" geführt! Das hatte ihm genügt, zur Wache der BahnhofspoKzei zu stürzen und die Verhaftung des Kaufmannes zu bewirken. Ergebnis; ein negatives Protokoll und Entschuldigungen.„Also, es steht Ihnen nichts Im Wege, Ihren Freund zu besuchen. Bitte, Sie können ihn gleich von hier aus verständigen." Und ehe der Kaufman es verhindern konnte, drehte der Beamte am Apparat schon die protokollierte Nummer des Freundes. „Hier Kriminalpolizei. Sie sind vorhin von Herrn Y, angerufen worden. Es ist alles in Ordnung. Herr Y. steht hier am Apparat. Bitte... Der Beamte reichte den Hörer dem Kaufmann und dieser,■wütend über die plumpe Beflissenheit des Beamten, konnte nichts anderes tun, als seinem Freunde kurz iu sagen:„Guten Tag. mein Lieber. Bitte, beunruhige Dich nicht. Es handelt sich um ein Mißverständnis. Es hat sich aufgeklärt. Nein— ich bitte Dich, es liegt gar nichts vor. Wirklich nicht. Mache Dir keine Sorge. Lader ist nun die Zeit zu kurz geworden. Nein, besuchen kann ich Dich nun nicht mehr. Ja, das ist sehr, sehr bedauerlich, aber ich muß diesen Zug benützen. Ich bin ja nicht«im Vergnügen auf der Reise"— er sah den Beamten fest an—„das habe ich ja soeben auch hier erfahren. Also leb wohl, mein Lieber. Laß es Dir gut gehen. Nein, wirklich nicht— es ist alles in Ordnung. Ja. bestimmt Auf Wiedersehen!" Er legte den Hörer hin.„Schön ist es in Deutschland!", sagte er zu dem Beamten. Der hatte das Gespräch unruhig mit angehört. Er sah auf die Uhr.„Aber Sie könnten den Herrn doch noch besuchen. Sie hätten noch Zeit. Es ist gar nicht weit dahin.. „Bitte, bemühen Sie sich nicht!" erwiderte der Kaufmann ziemlich schroff.„Mir ist die Lust zum Dableiben gründlich vergangen. Ich werde jetzt auf dem schnellsten Wege Deutschland verlassen. Und das kann ich Ihnen versichern: ich werde froh sein, wenn ich Ihr gastliches Land hinter mir haben werde! Guten Tag." ♦ Das ist das mit protokollarischer Treue wiedergegebene Erlebnis des Kaufmannes in Deutschland. Am anderen Ende steht der Freund, der nichts weiter weiß als das: Sein Freund ruft an, kündigt nach einem Jahrzehnt seinen Besuch an, und eine Viertelstunde später, während er ihn daheim erwartet, ruft die Kriminalpolizei an, und sein Freund ist dort! Was ist da geschehen? Wie kommt sein Freund zur Kriminalpolizei? Werden alle Telefongespräche, die er führt und die mit Htm geführt werden, polizeilich überwacht? Und warum? Warum wird jemand verhaftet, der ihn anruft? Was lauert da Unbekanntes, Unsichtbares, Undeutbares um ihn herum? Und worauf lauert es......? Weiter weiß er nichts. Fragen kann er nicht. Niemanden, nirgends. Denn eine Frage könnte der Hall sein, der etwas Schwebendes in» Gleiten bringt. Und der Kaufmann getraut sich nicht, dem Freunde zu schreiben und den Zusammenhang aufzuklären. Denn auch er, als Fremder, weiß erst recht nicht, welchen Schaden er etwa seinem Freunde zufügt, wenn dieser Post aus dem Auslande erhält. Wenn schon die Nennung seines Namens am Telefon so aufstörend wirkt — was mag da vorliegen? Das aber ist das Kennzeichnende an diesem Reiseerlebnis: es zeigt, in welchem ungewissen und unerträglichen Schwebezustand heute in Deutschland Menschen leben, die nicht als hundertprozentige Hitlerianer legitimiert sind und die jede, auch die einfachste, harmloseste Regung verdächtig macht, durch ihr bloßes Dasein die Herrlichkeit des Dritten Reiches zu gefährden. Andererseits aber: auf wie wankendem Grund mögen die Machthaber des Dritten Reiches die Pfeiler ihrer Herrschaft stehen fühlen, wenn schon die Ohren der Lauscher bei der bloßen Nennung eines als„verdächtig" et* kennzeichneten Namens erzittern? Manfred. Julius, wie wird Dir?! In der Münchner„Jugend" liest man folgenden„Kulturgeschichtlichen Bilderbogen": „Die neuere Forschung hat einwandfrei ergeben, daß die alten Germanen bereits in Steiners Paradiesbetten lebten..., daß sie keineswegs auf der Bärenhaut lagen und ihre Ersparnisse auf die Landwirtschaftsbank trugen.., daß sie bei festlichen Gelegenheiten den Smoking zu tragen und zu schätzen wußten... und daß jedwede gegenteilige Behauptungen des Reiseberichterstattcrs Tadtus seiner Jedenfalls jüdischen Sekretärin gebucht werden müssen." Ein untermenscblicher Leckerbissen für Herrn Streicher! Jurisprudenz Reichsdeutsche Biälter melden: In Weimar vereinigten sich zu einer Gau- tagung der Thüringer Juristen nicht nur Angehörige der Rechtstront, sondern auch der Landesbaacrnschaft, der Deutschen Arbeits- front und des freiwilligen Arbeitsdienstes. Die Themen waren auf den rassischen Gedanken von Blut und Boden gestellt. Per Sdiu�engel Von Bruno Brandy. Heinz saß in dem kleinen schmierigen Oafö. machte Kasse, zog sein Notizbuch hervor. Wieder 60 Proaent hinter der vorgeschriebenen Ziffer. Durch die Fenster sah er von drüben daa Schild dea Verlage blinken. Der große Pg. würde wieder große Augen machen. Was sollte er dem Großen erzählen? Heinz zog die Stirn« kraus, sammelte die Gedanken wie zu einem Kampfe. Bis in den Herbst hinein war daa Geachäft herrlich gegangen, dann flaute es ab und war nicht mehr flott zu kriegen. Herrgott, die Zeiten vorigea Jahr Im Juni, Juli! Fast alle nahmen sie ein Bild dea Führers, manche zwei, drei, in jedes Zimmer eins, nur die hartgesottenen Marxisten schlössen sich aus. Zehn Beine hätte man damals haben müssen. Man klingelte einfach, sagte:»Ich komme von der Partei!«— und schon war man in der Wohnung.»Haben Sie ein Hitlerbild? Waaas, Sie haben noch kein Bild vom Führer?!« Drei Meter long mußte das Waaas gedehnt werden, da wurden sie blaß und Heinz machte den Muaterkoffer auf: 30X 40, 60X80, kloine Standbilder fürs Vertiko, alle Größen, manche bunt, der Führer in allen Posen. Es war ein großes Geschäft. Dann kam die gemeine Flaute geschlichen und die lausige Fragerei begann: Warum wird die Zinsknechtschaft nicht gebrochen?— Warum werden die Lohntarife beseitigt?— Warum wird die Butter teurer?— Warum sitzt Thyssen ganz oben?— Warum behält Polen den Korridor? Heinz gehörte zu den eimgemaßen Beschlagenen. er kannte einige Naziliteratur, lernte das braune Latein auswendig und ritt auf dem sozialistischen Pferd wie Göbbels. Konnte er einmal nicht weiter, so zwinkerte er nur mit den Augen;»Darüber darf man erst in einiger Zeit reden.,.Vierjahresplan!« Aber gegen den Winter hin, wie gesagt, da geriet er in mancherlei Verlegenheit, immer hartnäckiger wurde die elendige Fragerei; das Geschäft nahm ab. das Gefrage zu. Machte er ein zornige« Gesicht, so stellten sich die Leute unschuldig:»Ich frage ja nur... Fragen wird man wohl noch dürfen!« Nichts war dagegen zu machen. Ja, der große Pg., der hatte es bequem. »Sie müssen die Leute nun kriegen, mein Lieber«, schmalzte der,»sonst taugen Sie nicht ins Geschäft. Ich habe Ihnen den besten Bezirk gegeben«. Er rollte an dieser Stelle immer die Augen.»Mehr Schneid!« Devise: Schütze dein Heim! Der Schutzengel füris deutsche Haus... Sie verstehen! Mehr Druck dahinter! In Ihrem Bezirk gibt's rund 30.000 Haushaltungen, die den Schutzengel noch nicht haben. In jedes Heim gehören mindestens zwei Bilder mit Rahmen. Glatte Rechnung: rund 60.000 Mark. Seh'n Sie Ihr Buch nach: keine 20 Prozent haben Sie gebracht! Schlamperei! Daa Gefrage? Gut, ihr sollt Material haben. Jeder ein brauner Agitator... Hohe Mission, mein Lieber!< Und der große Pg. Heß einen Bogen drucken, darauf standen die passendsten Antworten auf die unpassendsten Fragen. Das War um die Zeit, da Frick wiedermal eine Rede für die deutsche Familie und den Wert der Ehe gehalten hatte. Um diese Zelt mußte es sein, als sine neue, unerhörte Note in die Fragerei kam:»Und warum beiratet Hitler nicht?«— Beim ersten Male stand Heinz wie vor's Maul geschlagen, kramte in seinem Musterkoffer, wurde rot und stotterte: »Weil er noch keine Passende gefunden hat..« Die stämmige Arbeiterfrau lachte:»Soso, mit fünfundvierzig noch keine Passende gefunden, soso...« Und alles ringsum griente. Daa sagte Heinz nie wieder, aber wie er auch sann und bohrte— er fand keine richtige Antwort. Witze stecken an. brennen wie ein Lauffeuer weiter. Höhnisch stieg dsa Sprüchlein jeden Tag ein paarmal auf, und wenn er es durch einen schnellen Einwurf verjagte. kam es wie ein Bummerang von hinten wieder. Sofort stockte die Unterhaltung. Aus. Immer mieser wurden die Abschlüsse. Heinz klappte sein Notizbuch zu und fuhr sich durchs Haar. Mager war diese Woche wieder, sehr mager. Zahlte seine Zichorie, schob hinüber zum Verlag und schleppte die Bildermappe wie eine Waffe unter'» Arm. Ueber der Bürotür prangte ein Hakenkreuz. In seinem Zimmer dampfte der große Pg. eine mächtige Zigarre...»Auf Ihrem Bogen fehlt eine Antwort, Herr Chef«, sagte der kleine Agent, wurde rot und atmete beklommen,»die Leute fragen jetzt——«, er holte noch einmal tief Luft und dann war es heraus. Der große Pg. zuckte auf, schien bis zur Decke zu wachsen, indessen sein Donner von oben her rollte:»Mensch, das dulden Sie?! Solche Lästerung dee Führers stecken Sie ein?? Wissen Sie, was ich den Leuten flüstern würde?« In diesem großen Moment erschien das Tippfräulein zum Diktat, der große Pg. brach ab und Heinz erfuhr nie, wie der es den Leuten stecken würde. Bedrück1 klemmte er sein Bündel unter den Arm und schob davon. Das Unheil aber blieb; jeden Tag erhob es sein struppiges Haupt von neuem, forderte Beecbeid... Heinz saß vor'm Naziblatt, las etwas über die Bedeutung der Ehe und atmete auf. Si«r mußte Rettung sein, hier sprachen MännC' die alles wußten. Er schrieb anonym an mehrere braune Blätter;»Bitte sagen Sie mir im Briefkasten unter Pg., warum der Führ®1" ——« usw. Unruhig wartete er auf Bescheid- Daa eine Blatt schwieg. Keine Zeile. C®8 zweite antwortete:»Pg. Sehen Sie sich vor!« Im dritten las er;»Ihre Schrift ist erkannt!« Von un an schlief Heinz schlecht, wodurch sein Kopf nicht klarer, nicht geistesgegenwärtiger wurde. Verdammt noch mal, hatte das Volk denn keine anderen Schmerzen- Und als ein kleiner Geschäftsmann die Hitler' bilder mit den Worten beiseite legte:»Nu sagen Sie man bloß, warum heiratet-- platzte die Tüte.»Seh'n Sie sich vor!« zürnt« Heinz. Die Wirkung war unerwartet.»Icl5 frage man nur«, begütigte der kleine Krämcr und nahm sogar ein buntes. Heinz lebte auf. Er hatte die richtig® Spritze gefunden, sie zog meistens. Wirkt® sie nicht, so gab's eine Verstärkung:»Vor kurzem hat einer so in den Eiektra- Werken gefragt! Forschen Sie mal nach, wo er ist« — In solchen Fällen blieben nur die Mar*1' sten fest. Langsam zog das Geschäft wieder an. Wenn der Winter nicht gewesen wäre der Winter war stärker. Immer mürrisch®1- empfingen ihn die Menschen, sie frugen scho" nicht mehr. Und wenn nicht gefragt wird- gibt's keine Unterhaltung, und gibt's kelh* GleldisdiaUnngsiod i) IWedkrleistiHigeii Im deuisdten Sportbe trieb Sport In der letzten Zeit scirweltten die deutschen Blätter im Lcto über den deutschen Tennissport, den Freiherr von Gramm durch die Errinzunz der französischen Tennismeisterschaft und seinen Sieg gegen den Erstplacierten der Tennis-Weltliste, den Australier Crawford, so vortrefflich repräsentiert hat. Sonst sieht es dagegen im deutschen Tennissport nicht so herrlich aus. Eine gute Mannschaft ist nicht zusammenzustellen, und wenn Gramm, der wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau reichlich unbeliebt und nur wegen Unentbehrlichkeit geduldet ist, nicht wäre, so könnte Deutschland im Tennissport überhaupt nicht mitreden. Noch vor zwei Jahren mit Prenn und Gramm wurde Deutschland Meister in der Europazone des Davis-Cups, heute, da nur noch Gramm zur Verfügung steht, verliert es alle internationalen Konkurrenzen, in denen Gramm nicht mitwirkt. Der Nachwuchs ist da, aber er kann nicht Temüsspieien lernen, sondern muß sich mit anderen mehr wehrsportlichen oder politischen Dingen bcschäitigen. Außerdem mangelt es bedenklich an Lehrkräften. Die guten wie Nüßlein oder Najuch sind außer Landes, die anderen, die aus pol'fschen Gründen beschäftigt werden, verstehen es nicht, den Nachwuchs heranzuziehen. Außerdem sind gerade im Tennissport an den Spitzen der Verbände ausgesprochene Nazibonzen, die nicht uach Talent und Anlagen, sondern nach Parteibuch und SA-Dienst ihre Auswahl treffen. Die Keimzellen des Nachwuchses, die Arbeitertennisklubs existieren nicht mehr und Tennis w ird in Deutschland allmählich wieder aus der Sphäre der Minderbemittelten gerückt und 'um Gentry-Sport gemacht Auch unter den Damen, die früher dem deutschen Tennis Weltruf verschafften, ist ein katastrophaler Rück- stang zu verzeichnen, derart, daß dieses Jahr keine große Damenkonkurrenz von Deutschen gewonnen werden konnte. Cilly Äußern ist Sanz außer Kurs, Fräulein Krahwinkel hat sich nach England verheiratet, der einst vielversprechende Nachwuchs der Damen Horn, Pflü- 8er usw. ist ganz ausgestorben. Es wird kaum mehr lange dauern bis das deutsche Tennis Sekundaware wird. Auch im F u ß b a 1 1 b e t r i e b ist ein merkbarer Rückgang zu verzeichnen. Daran ändert bie Tatsache nichts, daß Deutschland in der Weltmeisterschaft bis in die Vorschlußrunde Sedrungen ist. Das Los war den Deutschen hold und so hatten sie bis zuletzt nur mit schwachen Gegnern zu kämpfen. Dem ersten schweren fielen sie zum Opfer. Ueberhaupt Sibt es im deutschen Fußballsport momentan �hr schwierige Verhältnisse zu klären. Vor sl'em mangelt es den Vereinen an Geld. Schon seit Jahren beschäftigt die Berufs- sPieIerfrage den deutschen Fufiballbund. 'nimer wieder wurde sie versdhleppt, aber nun s'eht man vor der Alternative; Berufsspieler •Kier Ruin vieler alter und im ganzen Ausland berühmter Vereine- Bedeutende Fußballvereine, besonders in Süddeutsch- land, wurden zum Großteil von jüdischen Mitgliedern gehalten. Infolge der Behandlung der jüdischen Sportler, aktiver und passiver, wurden größere Kredite zurückgezogen oder gekündigt, die besten Geldquellen sind versiegt. So sind der IFC. Nürnberg, die Spielvereinigung Fürth, Eintracht Frankfurt, Bayern München und mehrere andere Spitzenvereine in schwere Geldnöte geraten, aus denen sie keinen Ausweg mehr wissen. Da auch die Verpflichtungen ins Ausland stark nachgelassen haben, die früher die Vereine sanierten, weiß man keine andere Hilfe als die Einführung des Berufsspiels mehr. Ob sich die nationalsozialistischen Bonzen dazu hergeben, den Zusammenbruch ihrer Sportpolitik einzugestehen, weiß man allerdings noch nicht. Die Einnahmenverhältnisse haben rapid nachgelassen. was nicht so sehr an den wirtschaftlichen Verhältnissen als an den verminderten Leistungen liegt. Ein ausverkaufter Platz ist heute eine Seltenheit geworden. Man hat geglaubt, dem deutschen Fußballsport dadurch zu dienen, daß man Spiele um den„Hitlerpokal" abhalten ließ. Viele Vereine haben gar nicht mitgemacht oder sich gutwillig ausschalten lassen. Die Spiele waren eine rein propagandistische SA-Angelegenheit. Nicht einmal die Meisterschaftsspiele ziehen mehr, die Be&uclierzahi nimmt von Sonntag zu Sonntag ab. 1932 haben die Meisterschaftsspiele noch 453.678 RM. eingebracht, dieses Jahr dagegen nur 215.960, wobei nur noch ein Spiel aussteht. Bedeutende Spieler, wie Mantel von Eintracht, sind ausgeschlossen worden, andere haben sich, angeekelt von dem jetzigen Sportbctrieb, von selbst zurückgezogen. Politische Ranküne spielt eine große Rolle. Konkurrenten demm- zieren einander als Marxisten.(Im Rheinland wurden aus diesem Grunde drei Fußballvercinc aufgelöst.) Spieler, die einmal schlecht in Form sind, wie z- B. Grämlich in Italien, müssen gewärtig sein, daß ihnen eine gewisse Presse und ein gewisses Publikum„Sabotage" vorwirft. Geht es in diesem Tempo weiter, dann wird der deutsche Fußball in kurzer Zeit gänzlich abgewirtschaftet haben. Nicht besser steht es in der Leichtathletik. Die Leistungen der Stars werden schlechter, die des Nachwuchses nicht besser. Bei den herniisohen Wettkämpfen sind die Ergebnisse weit unter Durchschnitt und man kann verstehen, wenn die Verantwortlichen für den Sport in Deutschland große Sorge haben, wer überhaupt für die Olympia-Lohrkämpic in Betracht kommen kann- Die Kanonen wie Siefert im Zehnkampf, Hirschfeld im Kugelstoßen, Ismayer im Stemmen und die Läufer Syrint, Peltzer usw. sind weit unter Form und der einzige gute Sprinter, Kohn-BerKn, ist stark rassenverdächtig. Im Fechten fällt Deutschland seit dem Weggang der Jüdin Mayer nach Amerika, die sich drüben gleich die Damenmeisterschaft errang, ganz aus, die Schwimmsektion ist ebenfalls schwach geworden und verliert eine Konkurrenz nach der andern, der Radsport liegt, was die Leistungen anlangt, im Sterben und der Boxsport, früher Deutschlands Stolz, geht auch immer mehr zurück. Bei den Europameisterschaften der Amateurboxer in Budapest belegte Deutschland durch Kästner nur einen ersten Platz im Federgewicht und durch Runge den zweiten Platz im Schwergewicht. Die Berufsboxer spielen keine bedeutende Rolle mehr. Schmeling ist ein toter Mann und der aufkommende Neusei, aussichtsvoller Kandidat für den nächsten Weltmeisterschaftskampf, hat Deutschland eine deutliche Absage erteilt. Ganz katastrophal aber ergeht es dem deutschen Autosport. Er hat in diesem Jahr, außer bei dem letzten Nürburg-Rennen, über das der deutsche Blätterwald natürlich spaltenlang berichtet, nicht den allerkleinsten Erfolg zu verzeichnen. Weder wurde ein deutscher Wagen oder Fahrer beim 1000-Meüen-Rcnnen von Brescia, noch beim Großen Preis von Monte Carlo, noch bei allen anderen bedeutenden Konkurrenzen placiert. Die allergrößte Blamage erlebte der deutsche Autosport aber beim Avusrennen in Berlin, Da gingen die Deutschen mit ganz großen Hoffnungen an den Start. Die Zeitungen jubelten im Vorhinein, waren der deutschen Siege ganz gewiß. Von Stuck wurde gemeldet, daß er auf dem neuen „P"-Rennwagen der Auto-Union(früher Horch) drei Weltrekorde gefahren sei. man erzählte von den„Weltrekordmaschinen",„Avusgiganten",„Mamnrutmotoren" und„Renntitanen", die eine Geschwindigkeit von 300 Kilometern erreichen würden. Am Ende waren drei ganze deutsche Firmen beteiligt: Mercedes-Benz, Auto-Union und in der kleinen Klasse der Zoller-Zweitaktkompressor. Das heißt. Mercedes- Benz zog am Renntag noch zurück, weil die Berrzinfühnwg schon bei einer 200.KiIome- ter-Gewhwmdiigkeit versagte, die Auto-Union belegte einen dritten Platz und der Zoller versagte gänzlich. Alle Siege wurden von Franzosen und Italienern gesteuert. Aber am nächsten Tag berichtete die „Frankfurter Zeitung":„Die ersten Zweidrittel des Rennens haben ganz eindeutig bewiesen, daß der neue Auto-Union-Rennwagen den ausländischen Fabrikaten überlegen ist." Wer lacht da nicht? Ja, im letzten Drittel hat Deutschland eben immer Pech. So wars kn Krieg, so wirds Hitler gehen. f�PSniBeilfc jBuiwhger MHtan mnft? Bs fWPP Ä u. a.: „Die Erst- und Uraiuiführungsthcater, die vor zwei Jahren noch zwei Drittel des Kassenertrags eines Films im Durchsdhnitt beisteuerten, bringen gegenwärtig noch kaum etn Drittel auf. So kommt es, daß unter dem Gesichtswinkel des Ertrags die Weineren Kinos zur Zeit eher besser daran sind, ah die größeren, wie man ja auch beobachten kann, daß die Laufzeit der FHme in den Haupt-Kinotheatern viel kürzer als etwa m der Aniangszeit des Tonfilms geworden ist. Durch die Abwanderung zu kleineren Theatern und billigeren Plätzen dürfte heute durchschnittlich die doppelte Besucherzahl erforderlich sein, um denselben Erlös wie ehedem für einen Film hereinzuholen. Daher erbringen am heimischen Markt die jeweilig ertragreichsten Filme der Saison offensichtlich sehr viel weniger als vor zwei oder drei Jahren in den Anfängen der Tonfilm- konjunktur. Man darf wohl darauf verweisen, daß im Fümjahr 1930/1931 der Film ..Der Kongreß tanzt" im deutschen Geschäft 214 Millionen RM.. der Film„Zwei Herzen im Dreivierteltakt" 2,2,„Atlantik" 1,9 Mill. KM. eintrug. Gegenwärtig sind Inlands- crlöse von einer Vi Million eine seltene Erscheinung. In der Saison 1933/1934 brachten z. B. bisher..Reifende Jugend" und„Leise flehen meine Lieder" die zu den geschäftlich günstigsten Erzeugnissen dieser Saison gehörten, bisher gutem Vernehmen nach je etwa 450.000 RM." Was der mutige Autor des Artikels nicht zu schreiben wagte, daß nämlich ein Durchschnittsfilm heute im deutschen IrrlandgeschäÜ nur noch 100.000 RM. einbringt, erhärtet noch die Tatsache, daß der deutsche Film immer mehr verfällt und bald die Produktionskosten überhaupt nicht mehr decken kann. Dafür Ist natürlich der„tüchtige" Herrscher Ober den deutschen Film, Herr Dr. Göbbels verantwortlich. Interessant ist bei dieser GegeuOberstel- lung, daß ein Film österreichischer Provenienz, „Csibi" mit der Jüdin Gaal und dem jüdischen Regisseur Neufeld in Deutschland einen Ertrag von 1,2 Millionen RM. brachte. Der YerfaH des deutsdien Films Wie die deutsche Fvlmindcstrie ihrem un- vermetdiiehen Untergang entgegen geht, zeigt ein Artikel, den die„D.A.Z." am 25. Mai ver- öffeBitlicht Ob der waghalsige Autor seine Veröffentlichung nicht mit Entlassung oder Die Feuerwehr-Medaille »Nach Benehmen mit dem Herrn Relcha- minister des Innern halte ich die Verleihung des Preußischen Feuerwehr-Erinnerungszeichens an Angehörige der jüdischen Rasse nicht für angängig. Da das Erinnerungszeichen mit dem Hakenkreuz versehen ist, würde eine derartige Verleihung eine Verkennung der Würde und Bedeutung des Hakenkreuzes in sich schließen und mit Recht den Widerspruch der nationalsozialistisch denkenden und empfindenden Volkskreise hervorrufen.« Erlaß des preußischen Innenministers in »Der Westfälische Feuerwehrmann«. Das Musik-Yerleihlnstltiat Im Kampf zwischen„Stahlhelm" und Bal- dur wird der„Angriff" ganz rabiat. Er schreibt: „Es handelt sich bei ihm(dem„Stahlhelm") um ein deutschnationales Musikverleihinstitut, mit diesen Frontsoldaten von Hurraschreiern und Hackenklappen haben die wahren nationalsozialistischen Frontkämpfer nichts gemein."' Musikverleihinstitut Papen, Scldte und Co., Liebenswürdige Konversation unter Regie- nmgsleuten! Unterhaltung, gibt's kein Geschäft. Er lauerte auf di« kltaliche Frag«, aber es kam keine; er hatte dl« Spritze sozusagen in der Hand �nd konnte als nicht ansetzen. Ach, waren � schöne Zeiten, damals, als dls Menschen "och wiesen wollten; Warum wird die Zins- lcnechtachaft nicht gebrochen?— Warum Verden die Tarife vernichtet? Keinem lohnte � mehr. Wortlos, schwelgend wies man ihn ab, kalt und eisig, wie einen Feind. Ihn frö- stelt« und er hätte ein Freudenfeuer anzün- Friesenbibel« wurde als demokratisch-Uberali- stische Satire entlarvt. Das geschah in der neuen Aula der Berliner Universität als Schlußergebnis einer längeren wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Das Juni- heft der»Literatur«(Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart) nennt diese Aussprache eine öffentliche Hinrichtung, die unter Aufsicht des Göttinger Rektors Professor Neumann vollzogen wurde und berichtet dann weiter: »Hermann Wirth erzählte, was er in früheren Vorträgen schon seine Jünger gelehrt hatte, daß es nämlich mit den Methoden der zünftigen Altertumsforschung und Germanistik nicht gelingen werde, in das Ahnenerbe der Germanen verstehend einzudringen. Daß sich die Forscher neu orientieren und weltanschauliche Bereitschaft und gläubige Verstehungskraft mitbringen müßten, wodurch ihnen erst das Deuten der Runensymbolik möglich würde. Diese Eigenschaften besitze nur er im vollsten Maße, er, Hermann Wirth. ... Nachdem schon N e c k e 1 auf den politischen Schaden hingewiesen hatte, den Wirth mit seiner Neuausgabe gestiftet hätte, brachte Hübner dazu die entscheidenden Beweise, indem er zeigte, daß die Chronik eine Fälschung, ihr Inhalt aber eine Ausgeburt rationalistischen Geistes, eine fast wörtliche Uebertragung von Lettsätzen der französischenRevolutlon sei. Getragen vom Geist der Aufklärungszeit, geschaffen von einem naiven Polhystor, stelle die Fälschung den Traum von einem Idealreich in Urzeiten dar. Unter brausendem Beifall wies Hübner an Stellen der Chronik nach, daß der Fälscher ein Demokrat, ein bandfester Aufklärer gewesen ■el. daß seine weltanschaulichen Voraussetzungen nur von einem Laien für germanisches Gedankengut gehalten werden konnten. In der vierstündigen Diskussion bewies die zünftige Wissenschaft, daß sie durch die Heilslehre eines Hermann Wirth nicht Irritiert werden kann und daß vor allen Dingen in der Wissenschaft nicht der Glaube weise macht, sondern vorläufig noch das Wissen.« Das alles wäre nur zum Brüllen, wenn Leute, wie dieeer Halbverriickte Wirth, sich im heutigen Deutschland nicht als Reformatoren und Führer der Hakenkreuzjugend aufspielen könnten. Zu dem vernichtenden Berliner Ergebnis schweigt sich die Nszipressc teils aus, teils tobt sie gegen die»volksfremde Wissenschaft«, die den Runenprofessor aus Fachneid hingerichtet habe. Yolksenaeuernde Kanindien! >... der stellvertretende Vorsitzende des Reichaverbandes deutscher Kleintierzüchter, Dr. Filier, betonte..., daß die Kleintierzucht neben der Sicherung derVolks- ornährung auch«He Volkserneuerung insofern fördere, als dadurch die wirtschaftlichen Grundlagen zum Kinderreichtum verbessert würden. Der Präsident der Kleintierzuchtverbände, Karl Vetter, hob hervor, daß sich der Verband mit seineu Bestrebungen ganz in den Dienst des Führers gestellt habe.«(Bericht eines westdeutschen Naziblattes von der Düsseldorfer Tagung der deutschen Kleintierzüchter). Züchtet Kaninchen und seid fruchtbar wie Kaninchen— der»Führer« braucht Soldaten! Der Siahlkammer-Idealist »... Abseits aber stehen im Atmen des neuen Lebensgesichts die, deren De n k e n nur erfüllt war von dem materiellen Begreifen zu leben, um zu wirtschaften, deren Denken und Gefühlsinhalt nur eines kannte: Geld verdienen!... Diesen Leuten fehlt eines: der Glaube. Der blinde, unerschütterliche Glaube an den Führer des neuwachsenden Deutschlands!« Wer schreibt das wohl? Der»Pg. Eank- dlrektor Dr. M. A. Schiitter-Bochum« in der»Westfälischen Landeszeitung«. Und der muß es ja wissen! Braune Splitter Um einem dringeoden Bedürfnis abzuhelfen, soll auf dem Tempelhof er Feld in Berlin ein neues, riesiges Zentralgefängräs errichtet werden. Dort wird Platz für alle sein. An der Kopfwand des Hauses wird in riesigen Buchstaben stehen:„Dem deutschen Volke!" ♦ Göbbels hat vom S.-Flscher-Verlag die Aufforderung erhalten, bei ihm däe Tagebücher seiner Jugend herauszubringen. Der Minister hat zugesagt und will schon demnacini mit seinen Emtragungen beginnen. Sdiarfmadher wieder am Werke Die Warnungsrufe des Göbbel« an die Nörgler und Kritikaster sind sehr schnell verpufft. Es hat sich allzu deutlich erwiesen, daß die alten Mächte des Großkapitalismus längst über das Stadium der Nörgelei hinaus und dabei sind, nun umgekehrt den Pg's. aus der Arbeitsfront das Kritisieren und Meckem zu unterbinden. Man muß nur einen Blick in die Fach- biätter der Reichsbetriebsgemeinschaften tun, um festzustellen, daß es dort bereits von authentischen Nachrichten über die Offensive der alten Scharfmachergruppen gegen die NSBO. und die Funktionäre der Arbeitsfront geradezu wimmelt. Mit viel poetischem Aufwand schreibt der »Grundstein« vom 13. Juni 1934: »Kalk her! So ertönt es immer wieder auf der Baustelle, damit die Arbeit munter vorwärts geht«. »Wenn es aber leider immer noch Quertreiber und Saboteure gibt, Leute in mancherlei Kleid und Gewand, die wir als Reaktion bezeichnen, so sind das diejenigen, die mit dem. anderen»Kalk«, dem ungelöschten, zu tun haben.« Der»Grundstein« glaubt bald nicht mehr daran, daß die Unternehmer den Geist der i neuen" Zeit verspüren; er findet, daß die Referenten der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gewerbehygiene in Düsseldorf von der»Kalkkrankheit« befallen waren. Diese Tagungen waren früher, solange noch freie Gewerkschaften bestanden haben, Kundgebungen von Arbeit und Wissenschaft für eine pflegliche Behandlung des arbeitenden Menschen. Objekt der Gewerbehygiene war der Mensch, dem alle Wirtschaft zu dienen hat. Zwar haben auch auf den früheren Tagungen gelegentlich Arbeitgebervertreter Kostenbedenken der Gewerbehygiene geltend gemacht, doch genügten die Erklärungen der Gewerkschaftsvertreter, um die Gesellschaft für Gewerbehygiene immer wieder an die Erfüllung ihrer Pflichten zu erinnern. Dieses Mal dagegen beherrschte das Unternehmertum die Düsseldorfer Tagung so vollständig, daß die Stimme des Arbeiters überhaupt nicht zu hören war und die Fachzeitschrift der Bauarbeiter sich nachträglich beschwert. Ja, der»Grundstein« ist über die Ausführungen der Referenten geradezu entsetzt und schreibt: »Wir können es nicht verstehen, wie ein Referent, der nur sehr wenig Ahnung von harter körperlicher Arbeit haben kann, die Behauptung aufzustellen wagte, daß ein Arbeiter mit 57 Pf. pro Tag leben und dabei noch Werkarbeit leisten könne.« Die Unzufriedenheit in der Reichsbetriebs- gemcinschaft für das Baugewerbe wird noch verständlicher, wenn man die letzten Berichte der preußischen Gewerbeaufsicht zur Hand nimmt. Immer wieder muß dort berichtet werden, daß die wirtschaftliche Notlage als Grund für die Nichterfüllung gewerbepolizei- Mt PARISER TAGEBLATT Chefredakteur: GEORG BERNHARD bringt unter anderem ragalmassif f MMBWHF mit unerhört interessantem Tat- sacbeo-Mätertel, trotz Zensur und Diktatur aller Länder zu den europäischen Problemen speziell der bannten Deutschland Ver- Demnäcfcst Interessante« Prels-Ausschrelben: H JAHRE REPUBLIK Greese Umfrage bei Gelehrten, Publizisten, Staatsmännern: „Bm Znkvnit dar Weh'' Neuer hochaktueller Roman von BAUHER OUWKK: ROMAN EINES NAO EndHeh die vorochledeoen Sonder-Geblete Die moderne Frau— Reise and Vorkehr— Sport— Technik a. Wirtacbaft Proben umern gratis- Beetelungen beim «PARISER TAGEBLATT" PARIS(S*), 51, Bue Tnrblgo lieber Vorschriften vorgeschoben wird. In einer Zementfabrik hatte die Gewerbeaufsicht nicht weniger als 199 Beanstandungen unf all- technischer Art zu machen. An anderer Stelle heißt es: »Obwohl nur das Notwendigste gefordert wurde, gab es nicht nur in verstärktem Maße Einwendungen, sondern die Beamten wurden auch in beleidigender Form angegriffen. Vereinzelt versuchten Arbeitgeber die Besichtigungstätigkeit zu stören oder Fragen an die Arbeiter zu verhindern.« In dem Bericht über die Düsseldorfer Tagung wird geklagt, daß auch nicht ein einziger Teilnehmer auf die wirklichen Mängel in den Betrieben eingegangen ist, und der Verfasser meint offenherzig, es müsse endlich auch dem Arbeiter im Betriebe der Platz eingeräumt werden, den er verdient. Das Klagelied endet mit den Worten; »Die großaufgezogene Tagung in Düsseldorf ist ohne Gewinn vorübergegangen, sie ist gescheitert an der Bürokratie, die jenseits des handwerklichen Lebens steht.« In Wirklichkeit ist die Bürokratie hier nur das ausführende Organ des alten Scharfma- chertums, das unter dem Schutz des Regimes eine hemmungslose Ausbeutung des arbeitenden Menschen betreiben darf. ** Der Sieg der großkapitalistischen Mächte über die Amtswalter der NSBO. wird auch in der Ausgabe des»Korrenspondent« vom 16. Juni bestätigt. Der Bericht über die Jahresversammlung des Vereines Berliner Buchdruckereibesitzer zeigt, daß die höchsten Stellen»des deutschen Sozialismus« nichts mehr zu melden haben. wenn die Unternehmer unter sich sein wollen. Auf der Generalversammlung, die am 30. Mai im Landwehrkasino in Berlin stattfand, verlangte der erste Vorsitzende, daß mit Rücksicht auf die Umstellung der Vereinsstatuten die Neuwahl des ersten Vorsitzenden von der Tagesordnug abgesetzt werden müsse. Der zur Vertretung der Arbeiter im graphischen Gewerbe anwesende Bezirkswalter Pg. König überreichte dem Vorsitzenden in aller Bescheidenheit ein Schreiben des Wirtschaftsstabes des Stellvertreters des Führers Pg. Rudolf Heß. Dieses Schreiben, in dem verlangt wurde, daß der neue Direktor der Berek, Pg. Schulze, als erster Vorsitzender zur Wahl zu stellen sei. löste eine große Unruhe aus, bis sich schließlich die Vorstandsmitglieder zu einer Sonderberatung zurückgezogen hatten. »Hinter den Kulissen«, so schreibt der »Korrespondent«,»wurde lebhaft debattiert, da man ja nicht daran gedacht hatte, den Vorsitz des Berliner Vereines einem Nationalsozialisten zu übergeben. Trotz der Aufforderung des Wirtschaftsstabes des Stellvertreters des Führers wurde die Abstimmung zur Wahl des Vorsitzenden vereitelt.« Der Bericht gibt dann die weiteren Schie- —< ftaza« iLmfewaftier kommen m Wort bungen am Vorstandstiech im einzelnen wieder und fährt fort: »Pg. König als Bezirkswaltcr der Reicbs- betriebsgemeinschaft Druck hatte sich nunmehr schriftlich zum Wort gemeldet, um zum Punkt Verschiedenes zu sprechen. Es wurde jedoch die Worterteilung abgelehnt... Man verstieg sich zu der Aeußerung, daß auch dann, wenn der Leiter der Reichsbetriebsgemeinschaft Druck seihst erscheinen würde, man ihm nicht das Wort erteiien könne.« Die Reichsbetriebsgemeinschaft tobt in ihrem Fachblatte über eine»Brüskierung unerhörtester Art« und meint, die geübten Köche alter Methoden fürchteten das neue Feuer, an dem sie sich selbst verbrennen könnten. Die braven NSBO-Leute scheinen noch immer nicht begriffen zu haben, daß der Nazi-Mohr seine Schuldigkeit getan hat und deshalb aus dem Beratungszimmer der Unternehmer verschwinden kann. Panik des sdilediten Gewissen! In einer norddeutschen Provinzstadt ereignete sich vor vielen Jahren ein allen Fachleuten zuerst unenträtselbarer Kriminalfall. Ein angesehener Bürger der Stadt, Mitglied verschiedener Honoratorenstammtische und auch sonst in Gewohnheiten und Veranlagung kaum von der Norm abweichend, hatte seine Frau, die Hausangestellte und eine bei ihm wohnende Tante der Frau niedergeschossen. Man nahm zuerst einen plötzlichen Ausbruch von Geistesgestörtheit an, die sorgfältige klinische Beurteilung des mordwütigen Patienten ergab jedoch keinerlei Anzeichen einer ausgesprochenen geistigen Störung. Bis im Zuge der kriminalistischen Erhebungen höchst überraschende Dinge zutage traten. Der Täter hatte vor Jahren einen Mord begangen, der unentdeckt geblie bei) war. Die Familienangehörigen waren völlig ahnungslos und wußten nichts von der blutigen Tat; bei dem Täter aber bildeten «ich im Laufe der Zeit Wahnideen de« schlechten Gewissens heraus. Er glaubte, daß seine Angehörigen von seinem Geheimnis erfahren hätten, darüber flüsterten und ihn beobachteten. Bis er schließlich dem Druck nicht länger widerstehen konnte und zur Pistole griff. Von C a 1 i g u 1 a. dem wahnsinnigen römischen Kaiser, wissen mehrere Geschichtsschreiber zu berichten, daß er eines Tages eine Anzahl Männer seines engeren Kreises vergiften ließ, weil er ihnen fälschlicherweise die Kenntnis gewisser Handlungen unterschob, die er begangen hatte. Von diesen beiden Fällen lassen sich zum Fall der Miesmacher witternden hilterfaschl- stischen Caligulas von 1934 die verblüffendsten Parallelen finden. Aus der Straßenbahn heraus wurde kürz- Oranienburg Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten Von Gerhart Seger des Deutschen Reichstags der V., VI., VII. u. VIII, Wahlperiode Mit einem Geleitwort von Heinrich Mann Die Schrift ist eine Anklage gegen das System der Gewalt, dem Zehntausende unschuldige Menschen in den Konzentrationslagern aus- gesetz sind. Der Verfasser läßt seinem Berichte die Eidesformel vor deutschen Gerichten vorangehen:„Ich schwöre, daß ich nach' bestem Wissen und Gewissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde!" Er hat das Manuskript als Strafanzeige gegen die vollem Namen angeführten SA-Verbrecher dem deutschen Reichsjustizminister, dem Oberreichsanwalt und dem Stabschef der SA gesandt Die Antwort darauf war die sofortige Ueber- führung der In Deutschland lebenden Frau mit dem neunzehn Monate alten Kindchen des Verfassers in das Konzentrationslager Roßlau, aus dem sie nach drei Monaten unter dem Druck der allgemeinen Empörung besonders in England befreit worden ist. Dinar-—————...._________________ P. Pfd./ Polen 2,60 Zloty/ Rumänien 55__ Lei/ Schweden 1.90 Schweiz 1.55 Frs./ Tschechoslowakei 10.— Kc/ USA.—.50 Dollar. Kronen Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt „Graphia" Karlsbad CSR. lieh in Frankfurt a. M. ein Mann verhaftet, der angeblich behauptet haben sollte, daß Josef Göbbclsein Schwindler sei. Der Angeschuldigte konnte zu seinem Glück Zeugen dafür erbringen, daß er überhaupt nicht von Politik, sondern von seinem Rheuma gesprochen hatte, das infolge einer längeren Kur im Schwinden(!!) begriffen sei, Ein Interessent des braunen Regierungssumpfs, ein Gestapo- Spitzel, hatte zugehört, aber nur mit halbem, tendenziös gespitztem Ohr.... Psychose des schlechten Gewissens! Im Hessischen wurde ein Mann unter der Anschuldigung aus seiner Wohnung weggeschleppt, daß er die Bevölkerung aufhetze und beim Anblick nationalsozialistischer Embleme und»Hoheitsabzeichen« sowie beim Sichtbarwerden brauner Uniformen systematisch Grimassen schneide. Der Unglückliche wäre wahrscheinlich in seinem ganzen Leben nicht aus dem Konzentrationslager herausgekommen, wenn er nicht durch mehrere einwandfreie ärztliche Atteste hätte nachweisen können, daß er seit Jahren an einem nervösen Gesichtsreißen litt. Die Quintessenz dieser tragikomischen Ereignisse ist höchst einfach und von zwingender Logik: die Miesmacher- Jagd der Usurpatoren. die Angst der Terrorchefs vor der Mißachtung, der Kritik der Enttäuschten, das Mißtrauen vor allem und jedem, das aus dem hysterischen Kesseltreiben gegen die Miesmacher spricht, ist der Ausbruch des schlechten Gewissens, das hinter jeder Tapete und hinter jeder Straßenecke haßerfülltes Gemurmel der Betrogenen hört. Es ist nicht nur ein verzweifeltes Ablenkungsmanöver eines unoriginell gewordenen Propagandamixers, Es ist, haargenau, der Fall jenes scheinbar reputierllchen Bürgers. der, die Zentnerlast des Mordes auf dem Gewissen, zum Revolver greift, der aus ohnmächtiger Schwäche zur Bestie wird, vom Fluch der Dichtererkenntnis begleitet, daß Böses fortzeugend Böses gebären muß. Die Miesmacher-Parole der braunen Demagogen ist die Parole des wahnsinnigen Cali- gula, der durch ein neues Verbrechen die alten auslöschen will! Sie ist, auf eine kurze Formel gebracht. die PanikderschlcchtenGe wissen! Pierre. Front des Geistes Nene bemerkenswerte Veröffentlichungen In der>W eltbühne« Nr. 26 schreibt H. v. Gerlach unter der Ueberschrift »Göbbels in Warschau«: »Daß Polen und Hltlerdcutschland sich einander näherten, lastet wie eine dunkle G®' witterwolke über Europa. Solange Polen außenpolitisch mit dem friedliebenden Frankreich zusammenarbeitete, war es selbst ein bedingungsloser Garant des Friedens. Uni jetzt? Die einzige konstruktive Idee in Hitlers Außenpolitik ist destruktiver Natur: gf waltsame Expansion nach Osten hin. Allein fühlt er sich zu schwach zu ihrer Verwirklichung. Er sucht Helfershelfer; wird er«ic finden?« UfttecUönniirfe V V V Herausgeber; Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn. Druck:„Graphia": alle in Karlsbad- Zeitungstarif bew. m. P.D. ZI. 159.334�11-19� Der„Neue Vorwärts" kostet im verkauf innerhalb der CSR. K5 1.40(für ei" Quartal bei ireier Zustellung Kc 18.—)■ der Einzelnummer im Ausland K5 2.— t. 24.— für das Quartal) oder deren Gegen'- in der Landeswährung:(die Bezugspreise das Quartal stehen in Klammern): ArgentiW p«. 0.30(aeo). Belgien Frs. 2.-(24--).% ganen Lew 8.—(96.—). Danzig Quid, v �■60), Deutschland Mk. 0.25(3,-). Estland � Kr. 0.23(2.64), Finnland Fmk. 4.—(•. n Frankreich Frs. 1.50(18.-). Großbritann®, (Sh. 4,—). Holland Cid. 0.15 H«!(13.20), Jugoslawien Din. 430(54- �. Lettland Lat. 0.30(3.60). Litauen LiL 0.55(6-°V Luxemburg B. Frs. 2-(24.-), Norwegen* 0.35(4.20). Oesterreich Sch. 0.40(4-80). � f"i3£■ � 001 8(0.216). Polen Zloty»� r(6*—). Portugal Esc. 2—(24.-). cCl T(120.—), Saargebiet F. Fr. 1�2- �f�eden Kr. 0.a5(4.20), Schweiz' Frs. g (3.60). Spanien Pes. 0.70(s.40). Ungarn l en;- 0.35(420). USA. 0.08(0.96). t. Einzahlungen können auf folgende kei; scheckkonten erfolgen: Tschechoslo v a „Neuer Vorwärts", Karlsbad, Österreich:„Neuer Vorwärts• oad. Wien B- 198-304. 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