\r. 56 SONNTAG, 8. Jali 1934 Verlag; Karlsbad, Haus«Graph ia"—< Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Sonderbericht aus Berlin Wie Röhm zum Vorwärts flüchtete Schleichers Ende Gangsters plündern das Reich aus Ende der SA. »Vor Tagen hat mir der Führer den Befehl gegeben, auf Stichwort hier zuzuschlagen, und mir damit vollziehende Gewalt übertragen«. Göring am 30. Juni vor der Presse. Was am 30. Juni und 1. Juli in Deutsch- �id geschehen ist, hat mit einer Revolu- "on nichts zu tun. Es fällt ins Gebiet des Politischen Mordes. Ein Teil der parasi- sren Herrenschicht hat sich Existenz und ortbestand der Herrschaft erkauft mit eih Blute des anderen Teils Es war eine wohlvorbereitete Massen- Schlachtung. Die Version, daß Hochver- rSr kei einem Komplott in flagranti u errascht wurden und darnach stand- �chtlich erschossen worden wären, ist «ut für die Göbbelssche Legende, aber sie at mit der Wirklichkeit nichts zu tun. �1,;ler, Göring, Göbbels, Frick o Heß haben eine Nacht der langen esser gegen ihre eigenen Spießgesellen eraHstaltet, die von langer Hand vorbe- eitet war. Die Neuernennungen waren ertig, die zwölf Punkte Hitlers an die SA, Reden von Göbbels und Göring, die ]��1Sationen, die Proskriptionslisten, e die Blutarbeit begann. Ein Blick auf � e deutschen amtlichen Berichte zeigt, . die Erschossenen Uberwacht, daß ihr st 1.en�la�: und ihre Bewegung so festge- ®lt waren, daß sie»auf Stichwort« ab- e an werden konnten— so wie der Ber- x Gruppenführer Ernst vom Schiff 0lt wurde, als er auf Urlaub fahren out._ auf Urlaub wie die SA. Die Er- „ arunSen Görings über seine Vereinbarun- Stich�4 im übrigen alles. Auf c Wort ist erschossen worden. , er Ablauf der Dinge verdient festge- Hi®11 211 werden. Am Donnerstag waren gg. er Und Göring in Essen. Sie waren leitr gemütvoll Trauzeugen bei einem Gau- jjitfr* Göring fuhr nach Berlin zurück, � ,er uu den Rhein. Er ließ sich feiern tlai1Iri an Festen der Arbeitsfront teil. so � �reitug- Am Abend Ter0 Göbbels— stand er auf der des Rheinhotels in Godesberg. Kon Nachthimmel, weite Landschaft, ert vor dem Hotel. Dann brach er Kaltht�.�'utanbeit, zum Kameradenmord. abschi— �st 110011 1116 eine �Iassen' Hit] �btung vorbereitet worden. Bilder (jeners von diesem Tag vor dem Kamera- �ord zeigen verwüstete Züge. List 16 Ausführung der Morde nach der Grun � cler Hand besonderer SS- Berich!n Und SS-Feldjäger gelegen. Die Lfsch haben von»standgerichtlichen bl0rcj leLungen« gesprochen. Es ist den angeht damit ein Schein von Legalität »v 0 worden. Göring hat von den sta Führer angeordneten ßUnn chtlichen Erschle- richt/�11* gesprochen. Das»Standge- Prosk.beatand also darin, daß Hitler eine �elch Pti0nsliste gebilligt hat. Auf Grund tung�1" beweise, Verdächte und Vermu- Uiibe, Sle zustande gekommen ist, bleibt ein Todnnt' Das Wort HiÜers genügt, um das v itUrteil 211 fällen. Das Reichsgericht, Lehlt 0' Sgericht ist überflüssig. HiÜer be- Likta'tv, ann erschossen. Damit ist die gere pJ" 0ffl2iell in eine neue, noch bluti- ring b j 36 getreten. Sicher ist, daß Gö- '"�bnunp. Sem Massenmord einige Privat- che""f beglichen hat. Wenn sol- Und 2u'ie!1 �'Schlachtungen zu Rebellionen fahren � �tlfInachtung der Befehlenden als eben sie in rt<>r(beschichte fort an der Macht erhalten, heißen sie: standgerichtliche Erschießungen. Zur Begründung der Massenmorde führt das System zwei Delikte an: Vorbereitung der zweiten Revolution und reaktionäre Umtriebe. Sie heißen bald »Verrat am Führer« und bald»Hochverrat«. Die Reaktion— was haben sie bisher darunter verstanden? Den Stahlhelm? Der wird vermutlich als die»neue, gesäuberte SA« auferstehen! Die Monarchisten, oder die Volksmonarchisten? Hitler und Konsorten haben diese Kreise ebenso säuberlich unangetastet gelassen wie die um Hugenberg, Oldenburg- Janu- schau und die Industriellen. Die Schleicher, von Bose, Klausener, Tschirschky— zu wem haben sie gehört7 Der Scherische»Montag« sagt: »An abendlichen Tischen wurde d e- b a 1 1 i e r t. Es wurden Hoffnungen ausgesprochen, Wünsche ausgetauscht, denen man dann in sogenannten diplomatischen Kreisen angeblich entgegenkam, um später umso leichter Gründe zur Gewalt gegen Deutschland zu finden«. War das ihr ganzes Verbrechen? Die zweite Revolution aber— das ist etwas ganz anderes. Das ist ihre eigene Vergangenheit, das sind die nichtgehaltenen Versprechungen, die enttäuschten Hoffnungen der eigenen Anhänger, das ist das Aufbegehren der Söldner! Das ist das, was sie gefürchtet haben! Die zweite Revolution ist immer die Phrase der braunen Söldner gewesen. Nicht aus»antikapitalistischem Affekt«, sondern aus Selbsterhaltungstrieb! Nur bei der Vorbereitung und Durchführung von Revolutionen ist der Söldner notwendig, im stabilisierten System ist er überflüssig, unbequem, gefährlich, muß er mit einer Abschiebung rechnen. Deshalb hat er gegen die Schließung der Revolution protestiert und nach der zweiten Revolution gerufen. Es schwebte ihm kein Sozialismus, kein antikapitalistisches Regime vor, sondern die Dauerrevolution, die Revolution um ihrer selbst wällen als Erwerbsquelle. Der einfache Tatbestand, der zu den Massenmorden geführt hat, ist der, daß die SA sich nicht auflösen und ohne Sold verabschieden lassen wollte— ebenso wie die Brigade Ehrhard im Kapp-Putsch. Röhm hat im Reichskabinett die Eingliederung der SA in die Reichswehr verlangt und ist mit seiner Forderung allein geblieben. Er hat darauf mit Protest die Kabinettsitzung verlassen. Er hat dunkle Drohungen folgen lassen. Am 8. Juni erließ er eine Proklamation an die SA: »Ich erwarte, daß am 1. August die SA wieder voll ausgeruht und gekräftigt bereit steht, um ihren ehrenvollen und schweren Aufgaben zu dienen, die Volk und Vaterland von ihr erwarten dürfen. Wenn die Feinde der SA sich in der Hoffnung wiegen, die SA werde aus ihrem Urlaub nicht mehr oder nur zum Teil wieder einrücken, so wollen wir ihnen diese kurze Hoffnungsfreude lassen. Sie werden zu derZeit und in der Form, in der es notwendig erscheint, darauf die gebührende Antwort erhalten. Die SA ist und bleibt das Schicksal Deutschlands.« Die Feinde der SA aber waren in erster Linie der Reichswehrminister und Göring, der Reichswirtschaftsminister und der Reichsfinanzrai n i s t e r, das waren Hitler, Göbbels, Heß. Frick, Darr 6, nachdem sie sich gegen Röhm entschieden hatten. Die SA-Milliarde war für das System untragbar geworden, nachdem es fest im Sattel saß, gestützt auf Reichswehr und Polizei. Ueberflüssig gewordene Landsknechte sollten abgeschoben werden, wobei der unbezahlte Urlaub die erste Station sein sollte. Die Drohung Röhms mit der»gebührenden Antwort« auf Termin ist der reale Hintergrund für die Putscherzählung. Hitler, Göring und Blomberg haben vorgezogen, einen vielleicht möglichen SA- Putsch von vornherein dadurch zu vereiteln, daß sie die möglichen Führer eines solchen Putsches planmäßig ermorden ließen. Sie haben dabei jeden abschlachten lassen, den sie für einen möglichen Konkurrenten hielten. Alle anderen phantasievollen Erzählungen gehören ins Gebiet der Göbbelsschen Propaganda-Legende. Die von oben ge� gen die von unten »Wir werden nicht dulden, daß von einer zweiten Revolution noch geschwätzt wird.« Göring am 30. Juni. Die unmittelbare Furcht von Hitler, Göring, Frick und Heß vor einer Revolte der SA war nur der eine unmittelbare Anlaß zu den Greueln. Die Ereignisse vom 30. Juni sind in ihrem Wesen ein widerlicher Handel mit Köpfen. Die Köpfe ihrer ehemaligen Freunde und Kameraden sind das Eintrittsgeld, das Hitler und Genossen für ihren endgültigen Eintritt in den Kreis der feinen Leute, der Großbourgeoisie bezahlen. Sie bezahlen nicht freiwillig, sondern gezwungen! Im Sommer 1933 hat Hitler die Revolution für abgeschlossen erklärt. Er hat damals jedem mit Parteiausschluß gedroht, der es fernerhin noch wagen würde, von einer zweiten Revolution zu reden. Nach der Ausschiffung Hugenbergs begann der Kurs Schmidt-Schacht, der sogenannten»Normalisierer«. Die»Anti- kapitalisten«, Wagener und seine Mitarbeiter, gingen ins Konzentrationslager. Hitler und Genossen begnügten sich mit Macht und Beute, die Bestimmung des Kurses übernahmen Finanzkapital und In- dustriefeudalsimus. Die Befreiung des Ausbeutungswillens des Unternehmertums von allen staatlichen Fesseln war das Ziel der»Normalisierer«. Göring wurde der starke Arm der Feudalherren des Großkapitals. Schon damals wurde ihm die SA unbequem. Er umgab sich mit einer SS- Wache. Es wurde ganz offen darüber gesprochen, daß er sich mit Plänen trage, die SA aufzulösen und sich auf Reichswehr und Polizei zu stützen. Mit allen Kräften ging er daran, Eingriffe der SA gegen Unternehmer zu unterbinden. Aber die Stabilisierung des Systems war damals noch nicht so weit, daß die Zerschmetterung der SA gewagt werden konnte— und wahrscheinlich war auch Hitler selbst damals noch nicht zum Verrat an der SA bereit. Hitler war der Verbündete der Feu- Greuei�b�iche und verdammenswerte en> Wenn die Befehlenden sich Wie Röhm zum»Vorwärts« flüchtete Sdion im April 1932 sollte er umgelegt werden Die Massenabschlacbtung von Hitlerfüh- rera Ist bezeichnend für den Geist des Mordes, der im nationalsozialistischen Führerkreis lebendig ist. Dort belauert einer den anderen argwöhnisch, dort fürchtet Jeder die tödliche Kugel des anderen! Röhm war sich seit Jahren nicht darüber Im unklaren, daft man Ihn einst, wenn er unbequem würde, umzulegen versuchen würde. Im Jahre 1932 war ein Teil der Jetzt Erschossenen schon einmal von dem gleichen Schicksal bedroht. Wir sind in der Lage, ans eigener Kenntnis diese Dinge zu enthüllen. Anfang April 1932 berichtete die Münchner Post über die Existenz einer Mördergruppe, Zelle O genannt, im braunen Hause In München. Sie teilte mit, daß eine Gruppe unter einem gewissen Horn aas Karlsruhe herbeigeholt worden sei, daß der Garels-Mörder Schwelkart dazu gehöre. Die Gruppe sollte mehrere nationalsozialistische Führer, die unbequem geworden waren, umlegen. Das Blatt nannte als Verantwortlichen für die Femezelle den Major Buch, als eigentlichen Leiter den Standartenführer Danzelsen, einen intimen Freund Hitlers. Danzelsen wurde In der Folge zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, was die Freundschaft zu Hitler nicht beeinträchtigte. Die von den Mördern Bedrohten flüchteten von München nach Berlin. Sie legten Wert darauf, daß im FaUe ihres Todes kein Geheimnis über Ursache und Täter bestehen sollte, und sie suchten Schutz. Einer ihrer Beauftragten erschien deshalb am 9. April 1932 morgens auf der Redaktion des»V o r w ä r t sc in Berlin. Es war der Dr. Bell, Mitarbeiter und Berater Röhms, bekannt ans dem Tscherwonzen- prozeß. Er teilte uns mit, daß er Im Auftrag Böhms käme. Röhm und seine Freunde fürchteten, wegen gewisser Beziehungen Böhms zur Reichswehr erschossen zu werden. Sie seien in der Nacht von München nach Berlin gefahren, und seien in Begleitung des Rechtsanwaltes Ltttgebrune im Hotel Kaiserhof abgestiegen. Es waren: Stabschef Böhm, Chef der Nachrichtenabteilung Graf Du Moniin-Eckert, Chef des Basseamtes Himmler, Graf S p r e 1 1, Dr. Bell. Diese Flucht In eine begrenzte Oeffentllch- kelt sowie in München einsetzende Verhaftungen zerschlugen damals die Mordpläne. Das Schicksal der Beteiligten war folgendes: Major Buch wurde bei einem Spaziergang im Walde im vorigen Jahre erschossen. Dr. Bell wurde im Frühjahr 1933 auf österreichischem Gebiet von bayerischen Nationalsozialisten ermordet. Röhm und Graf Spretl sind am SO. Juni 1934 »standrechtlich« erschossen worden, und Himmler— hat sie erschießen lassen! dalherren des Monopolkapitalismus. In- d us trief eudalismus, Großgrundbesitz und Reichswehr hatten sich mit der kleinbürgerlichen und lumpenproletarischen Rebellion verbündet. Hitler war die letzte Karte der gesamten Reaktion nach Rapen und Schleicher. Er lieferte der Ausbeuterdiktatur die Massenbasis. Das war der Sinn des 30. Januar. In diesem Bündnis war Hitler der Plebejer— Göring verstand sich viel rascher mit den feinen Leuten. Noch plebejischer war die SA, die er in das Bündnis mitbrachte. Hitler strebte nach Kräften, ganz zu den feinen Leuten zu gehören. Die SA— die von unten— sahen die Entwicklung mit steigender Erbitterung. Immer stärker wurde die SS ihnen gegenüber bevorzugt. Die SS rekrutiert sich aus wohlhabenden Schichten, die SA kommt von ganz unten. Die SA-Führer zum Teil ebenfalls, zum Teil sind sie Deklassierte, alte Freikorpsführer, Fememörder und ähnliche Gestalten. Je stärker das System zur großkapitalistischen Diktatur wurde, umso stärker wurden diese Gestalten und die SA zum Fremdkörper, die abgestoßen werden mußten. Hitler und sein Masseneinfluß jedoch ist den Großkapitalisten immer wertvoll und unentbehrlich geblieben. Je stärker die wirtschaftliche Not wuchs, je sichtbarer der Staatsbankrott heranrückte, umso wertvoller wurde es für die Schacht, Schmitt, Krupp, Thyssen und Genossen, daß breite Volksmassen noch immer sagten;»Hitler hatdie besten Absichten«,»Hitler will all das nicht, was uns drückt!« Solange diese Suggestion vorhält, so lange werden die Monopolkapitalisten an diesem Bündnis festhalten und mit ihnen die Reichswehr. Wozu sie aber nicht mehr bereit sind, das ist die Zahlung der gewaltigen Tribute an die plebejischen Landsknechte, die sie von vornherein nur als Totschläger von Marxisten, aber nicht als Gruppe mit eigenem Existenzrecht akzeptiert haben. In diesem Bündnis sind die feinen Leute immer mehr die Bestimmenden geworden. Sie wollen es bleiben. Sie wollen nicht eines Tages von einer Revolte derer von unten aus der bestimmenden Position geworfen werden. Sie haben sich auf alle Fälle gesichert. Sie haben die»reaktionären Treibereien« begünstigt, die oppositionellen Stimmungen gegen das plebejische Element, sie haben Hitler unter Druck gesetzt. Die Vorgänge um die Rede von Rapen, die Hitlerreise nach Neudeck haben gezeigt, daß von Hitler Garantien verlangt worden sind, um alle Gefahren von unten zu beseitigen. Das Wort»es müssen einige über die Klinge springen« ist als einziges Ergebnis der kurzen Unterredimg Hitlers mit Hinden- burg bekannt geworden. Die Vorgänge im einzelnen sind nicht bekannt. Auch nicht die wirkenden Personen, noch die Rolle, die bei diesem Spiel zwischen dem Druck auf Hitler und dem Liebäugeln mit der Revolution von rechts die Reichswehr gespielt hat. Vennuten kann man, daß es dabei analog den Vorgängen vor dem 30. Januar 1933 ein Höchstmaß von Intrige, Verrat, Doppelzüngigkeit gegeben hat. Die Wirkung aber ist sichtbar geworden! Auf das Drängen von oben hat Hitler endgültig seine Position gewählt. Er hat darauf verzichtet, die plebejische SA mit der Hoffnung zu beschwichtigen, daß er eines Tages selbst die zweite Revolution befehlen könnte. Noch vor wenigen Tagen redeten Göring und Heß von der Möglichkeit einer»zweiten Revolution« auf Befehl des Führers. Jetzt trompetet Göring— ohne Rücksicht auf seine jüngsten eigenen Reden;»Wir werden nicht dulden, daß von einer zweiten Revolution noch geschwätzt wird!« Jetzt sind die Projekte vom Sommer 1933 durchgeführt worden. Hitler, der Plebejer, hat für die von oben die von unten vernichtet, um in der Gesellschaft derer von oben zu bleiben. Er erfreut sich weiter der Macht und der Beute, aber er hat den Fortbesitz mit dem Blute seiner Kameraden bezahlen müssen! Wie immer in der Laufbahn dieses Mannes, ist dieser Handel mit Köpfen mit heuchlerischen moralisierenden Phrasen verkleidet worden. Der Mann, der Hunderttausende venrät, die ihre Haut für ihn zu Markte tragen sollten, der die Spießgesellen seiner Vergangenheit erschießen läßt— der maskiert sich als der Retter, der Deutschland zum zweiten Male errettet hat! Die letzten Illusionen einer zweiten nationalsozialistischen Revolution mit sozialistischem Charakter zerstieben. Die kapitalistische Ordnung— ungestört von wem auch immer— ist das Ziel der Diktatur, die vor nichts zurückschreckt. Aber dieser brutale Charakter der Hitlerdiktatur, die wahre Zweckbestimmimg der Massenschlächterei muß verhüllt werden, um nicht Entsetzen und Abscheu hervorzurufen. Diesem Zwecke dienen die Legenden, die das System über den 30. Juni verbreitet. Die Legende »Das Volk aber kann sich nur zu den Ereignissen des 30. Juni beglückwünschen. Die breite Masse unserer SA-Kameraden darf davon überzeugt sein, daß jetzt an ihrer Spitze wieder eine Führung der Sauberkelt und des Anstandes steht«. Göbbels am 1. Juli im Rundfunk. So deklamiert Göbbels, um aus der abscheulichen Tat des Kameradenmords eine moralische Handlung zu machen. Hitler, der Retter vor der Korruption, dem Prassertum, der Unsauberkeit, den Luxuslimousinen und— den Homosexuellen. Ein Höllengelächter müßte emporschlagen, wenn sich Hitler und Göbbels gemeinsam entrüsten über die Lustknaben der Röhm und Heines und die Amoralität der SA- Führer! Die Schmierenkomödianten spielen die Rollen der unschuldig Getäuschten, die von nichts gewußt haben! Sie spielen Klavier auf der Rührseligkeit und der Moral des Kleinbürgertums, und wahrhaftig — die ungeheuerlichste aller Moralheucheleien verfängt! H i 1 1 e r, G ö r i n g und ausgerechnet G ö b b e 1 s als die Garanten der Sauberkeit und des Anstandes! Einst hat man sich nicht um die Vorstrafen der»rauhen Kämpfer« gekümmert. Da war die Hauptsache, daß sie»fabelhaft in Form« waren, da hat man deklamiert; »Solange man ihr Vertrauen besitzt, so lange ruht man in sicherer Hut. Es sind die Besten, sie dürfen niemals vergessen werden«. Wenn einer aus dem Zuchthaus kam, ein anderer ein notorischer Betrüger war, ein dritter ein Mörder, ein vierter homosexuell, dann tat Hitler alle öffentlichen Anklagen ab mit den Worten:»Die SA ist kein Mädchenpensionat«. Aber inzwischen ist man selbst kein»rauher Kämpfer« mehr. Man ist wohlanständig, endgültig arriviert, Göring, Göbbels und sogar Hitler. Man steht nicht mehr wie ein Zahlkellner vor den Großindustriellen. Es ist lästig, jetzt noch die rauhen Kämpfer anhängen zu haben. Alles, was Hitler jetzt an Beschuldigungen gegen die Röhm und Genossen schleudert, das haben.wir viele Jahre lang wohlbegründet und wohlbewiesen immer wieder vorgehalten— und nicht nur den jetzt Erschossenen, sondern den Hitler, Göring und Göbbels selbst! Damals haben sie über Lügen geschrien, damals haben sie mit oder ohne falsche Eide den Schutz von feilen Gerichten gegen unsere Anklagen gefunden. Heute ist alles wahr— aber natürlich nur, soweit es ihre Opfer betrifft! Sie haben es alle gewußt, sie haben es alle gedeckt, weil sie solche Leute brauchten! Wer hat denn nicht gewußt, daß Röhm homosexuell, daß Heines ein Mörder, ein Tier in Menschengestalt war! Sie haben es alle gewußt, Hitler und Göring und Göbbels, und alle die wohlanständigen feinen Leute, die mit dem Reichsminister Röhm in der Regierung saßen und ihm die Hand drückten. Sie haben alle die Negerknabenbriefe gekannt. Das hat keinen gehindert, mit Röhm politische Geschäfte zu machen, Papen nicht, der seine Witze über Röhms Veranlagung machte, die Reichswehrgenerale nicht, Schleicher nicht, der in Röhm immer einen treuergebenen Freund der Reichswehr erblickt und der mit ihm konspiriert hat, um Gröner, dann Brüning, und schließlich Papen zu stürzen. Und es hat vor allem Hitler nicht gehindert, mit Röhm zusammenzugehen, von der Gründung der NSDAP an — obwohl er diesen Mann und seine Veranlagung kannte wie kein anderer! Seit Jahren haben wir das Treiben dieses Mannes angeprangert, so ekelhaft es uns war, haben wir auf die Verderbnis der Jugend in der SA hingewiesen. Heute benutzen die Hitler, Göring und Göbbels diese Anklagen zu einer frechen Verhüllungslegende für ihre wahren Motive, zu einer ekelerregenden Ausschmückung ihrer erlogenen dramatischen Morderzählung! Wir werden nicht schweigen! Die braunen Bonzen der sogenannten Arbeitsfront mit dem Ley an der Spitze nehmen es allesamt mit den jetzt verdammten SA- Führern auf an Prassen, Saufen, Randalieren, an der Vergeudung der Arbeitergroschen, an widerlichen Exzessen, an Korruption, an Prachtwohnungen und Luxus- limouSinen! Eine Sintflut von Unterschlagungen schwillt in der sogenannten Arbeitsfront an. Nicht besser in der politischen Organisation! Saubere Burschen treiben darin ihr Wesen! Und gar erst in den höchsten Aemtern! Raffgier, Bereicherung, Großmannssucht, Korruption, irrsinniger Luxus und Verschwendung überall, das nennt sich Sauberkeit und Anstand! »Seien wir großzügig gegen menschliche Eigenheiten und Schwächen der nationalsozialistischen Führer, sobald sie Großes dafür leisten«. So sprach Heß vor wenigen Tagen in Hamburg. Die noch Macht und Beute haben, sind großzügig gegen sich selbst in allem, was sie den Erschossenen jetzt vorwerfen. Sie haben es nötig! Gehört nicht der Männerbund mit seinen Auswirkungen zur nationalsozialistischen Theorie, hat ihn nicht Rosenberg gefeiert? Sauberkeit und Anstand? Das Kapitel von Hitlers und Rosenbergs Beziehungen zu ihren reichen Gönnerinnen in München, von denen sie sich aushalten ließen, ist noch nicht vergessen. Nicht die Lumpereien und Schmutzereien der Esser und Streicher, nicht die Amoralität des Morphinisten Göring, nicht das Tun und Treiben des einstigen Freundepaares Gering und G ö b b e 1 s, die in ihren rauhen Kämpferzeiten eine gemeinsame Geliebte aushielten. Aber jetzt sind sie feine Leute. Jetzt müssen sie Are Vergangenheit töten — und sie waschen sie ab mit dem Blut ihrer Spießgesellen! Diese Verhüllungslegende zeugt von der moralischen Verlotterung des Systems! Und doch gibt es noch eine Steigerung. Göring deklamierte am 30. Juni vor der Presse: »Immer wieder kamen die Klagen aus dem Lande, daß diese SA-Führer brutal gegen die Bevölkerung auftraten. Die Klagen häuften sich, daß Dinge geschahen, die mit dem Rechtsbewußtsein des Volkes nicht mehr übereinstimmten. Die Klagen häuften sich, daß alle Beschwerden bei den obersten SA-Führern keinen Sinn hätten«. Göring als Schützer der Bevölkerung vor Brutalität! Göring als Hort des Rechts und des Rechtsbewußtseins! Ein Brüllen erhebt sich aus tausenden von Gräbern, in denen die zerschlagenen, zerfetzten, zerbrochenen Opfer der von Göring befohlenen Brutalität ruhen! Dazu waren diese SA-Führer da, um zu morden, zu foltern und die Bevölkerung zu brutalisieren. Das System Göring ist die Brutalisierung der Bevölkerung, er hat die Brutalität befohlen, er war der Chef der Staatspolizei, er hat die Konzentrationslager gefüllt, er hat das Recht und das Rechtsbewußtsein des Volkes mit Füßen getreten! Göring als Schützer vor Brutalität, das ist ebenso gut wie Hitler und Göbbels als Schützer von Sauberkeit und Anstand. Da wird klar, welcher infernalische Plan mit diesen Massenabschlachtungen verbunden ist. Die Enttäuschung und Erbitterung in den Volksmassen wird von den wahrhaft Schuldigen auf die Erschossenen gelenkt. Die Nörgler und Miesmacher sind nicht zu bändigen? Nun gut: ihr habt recht, aber nicht wir sind schuld, nicht Hitler, Göring, Göbbels, Frick, Heß — aber Röhm, Heines, Emst und die anderen alle, und darum haben wir sie erschossen! Fluch den Toten! Die Erpressungen, die Sammlungen, die Schikanen, die Toten sind schuld, die Toten! Die Unterschlagung der Winterhilfe, der ganze grandiose Sammlungsbetrieb— die Toten sind es gewesen! Sie haben vielleicht auch den Goldschatz der Reichsbank gestohlen, die Löhne gesenkt, die Unterstützungen geraubt, die Arbeitsdienstlager gemacht, Arbeiter deportiert. Sie haben vielleicht auch den deutschen Export und Kredit ruiniert, Deutschland außenpolitisch isoliert? Werft alle Schuld nur auf sie! Sie sind tot, wir haben sie erschossen, und deshalb sind wir die Retter Deutschlands! Die Massen der Indifferenten sind dumm und leichtgläubig. Eine teuflisch groteske Komödie wird mit ihnen gespielt. Blut, Blut erschossener, unbequem gewordener Kameraden soll den Herrschenden Befreiung von ihren Aengsten schaffen, wo die Propaganda versagt hat! Alles aber wird übertroffen von der Proklamation Hitlers an die SA. Hier erreicht das Schmierenpathos der Legende den Höhepunkt. Noch fehlt eines: Hitler, Tränen vergießend über das Los seines Freundes Röhm, den er blutenden Herzens erschießen mußte. Aber vielleicht kommt das noch! SiaMMsiersing oder nicht. »Die Treue ist das Mark der Ehre«. Hindenburg. Die Transformationskrise des Systems hat blutige Formen angenommen. Aber bis jetzt hat das System den Ueber- o-ang gut überstanden. Die braune parasitäre Schicht um Hitler bleibt oben, aber sie wird Schmäler. Hitler selbst hat s.cn stabilisiert. Nur keine Gefühle! Aus der Zeit der Strasserkrise erzählt Göbbels di folgende Geschichte: »Der Führer geht stundenlang mit lan gen Schritten im Hotelzimmer auf und ab. Man sieht es seinen Gesichtszügen an, daß es mächtig in ihm arbeitet. Er ist verbi- tert und durch diese Treulosigkeit auis tiefste verwundet. Einmal bleibt er stehen und sagt nur:»Wenn die Partei einmal zerfällt, dann mache ich in drelA- nuten mit der Pistole Schluß«. Hitler hat es vorgezogen, mit seinen unbequemen Kameraden Schluß zu machen. Er selbst umgibt sich mit neuer Glorie als der Retter, den Fuß auf dem Leichenhügel! Die Treue ist das Mark der Das»anständige Deutschland« eilt her bei und schüttelt die Hände der Kameradenmörder. Als erster kam Reichswehr- minister Blomberg, um das Bundn* zwischen Reichswehr und Hitler zu bekrai- tigen, und bald folgte der Herr Reichspräsident, Generalfeldmarschall v o n H i n- denburg mit tiefempfundenem Dank. Schleicher ist zwar gemeuchelt, aber _ die Treue ist das Mark der Ehre! Von Glückwünschen der Krupp und T h y® sen hat man bisher noch nichts gehört, aber sie werden noch folgen, und sie haben Ursache dazu. Jetzt ist der Pakt fest, er ist besiegelt mit dem Blute von Hitlers Kameraden. Die Kampffragen innerhalb des Systems stehen nun ganz anders. Das unaj~' hörliche Bohren der alten Reaktion, der Mächte von Besitz und Bildung, der traditionellen Oberschichten tritt zurück hinter der Notwendigkeit, die wankende gemeinsame Grundlage zu sichern. Auch si® müssen einige der Ihrigen verraten aber was ist das gegen den grandiose Verrat Hitlers an den Seinen! Und haben sie nicht gesiegt, hat Hitler nicht ihnen und der Reichswehr die Blutarbeit erspart. hat er nicht die Plebejer hingemacht, die lästige, unfeine Konkurrenz, die Parvenüs. Jetzt werden sich die sozialreaktionäre Kräfte umso leichter im System naen vorne schieben können! Die Bahn ist fr® für die Restauration— nicht des Rech> der Freiheit der Kultur, aber der alte Herrenschichten. Die Illusion verfliegt. daß von rechts her der Druck der Diktatur entscheidend erleichtert werde könnte. Der Existenzkampf des sta heim, der protestantischen Kirche, Erscheinungsformen des Kampfes der ten gegen die neue Reaktion werden u» Gesicht ändern. Die Reaktion hat in Hitler den Mann, der ihre Diktatur immer noch eine Massenbasis sichert. Noch ist seine Entzauberung nicht erfolgt, und das Blut schafft i neuen Nimbus. Wo wäre die andere L®" gende, die andere Massenbasis, die ander® Alternative für die Reaktion gegen H1' ler? Konservative Gewerkschaften? Ab Gregor Strasser ist tot, und alle Gewerkschaftlichen haftet der Geruch de Sozialismus an. Die Macht Hitlers z Massensuggestion ist die letzte Hoffnun der Reaktion. Solange sie besteht, ist ler seiner Position sicher, und er wird si behaupten wollen um jeden Preis. Er wi auch die Köpfe der Göring und Göbbe noch verkaufen, wenn es nötig werden wi Wenn aber der Nimbus zerfällt, dann 1 seine eigene Stunde gekommen. Wie lang wird die neue mit Blut g schriebene Legende vorhalten? Wann we' den die neuen Nörgler und Miesmach- die neuen Wühlmäuse wieder übermäch werden, wann wird die plebejische. Mas der Kleinbürger aus allen Klassen ö Blutgeschmacks im Munde überdrüss S werden?_ Man hat von der Sphinx-Reichswehr B � sprochen, sie ist enträtselt. Sie geht nu Hitler. Aber wie steht es um die Basis Es gibt nur eine Kraft, die dieses»y� stem endgültig ablösen könnte— d, Masse der Arbeiterschaft A sie wirkt die neue Legeride nicht m® An ihr ist es, sich zu sammeln, zu ar® ten an der Zerstörung der neuen Legen � an der Entzauberung Hitlers. Mit der Un� terwühlung des Nimbus von Hitler Wir sie den gefährlichsten Schlag gegen& reaktionären Mächte führen. Die Zerstö- raag aller Verhüllungslegenden ist die notwendige Vorstufe der Revolution. Hitler ist der Feind. Hitler hält •lie Reaktion. Hitler stabilisiert die Dik tatur des Monopolkapitalismus. Auf rur Zermürbungsarbeit, zum Flüstern, zum Miesmachen, zum Nörgeln, zur Entzauberung des»Retters«! Der Zustand des Unterduckens, des Schweigens, der Lethargie darf nicht wieder eintreten! Nehmt �er Reaktion ihr Schild, damit ihr sie in der Stunde des Kampfes sicher und tödlich treffen könnt! Max Klinger. So fing es an! Am Anfang der nationalsozialistischen Bewegimg steht der Münchener Putsch vom 8. November 1923. Man lese folgende Schilderung der Handstreichs, die Alfred Bosenberg in seinem Buch„Blut und Ehre" gibt, und man wird finden, daß die Banditen sich stets gleich geblieben sind. »Am 8. November um 11.30 Uhr kam Adolf Hitler zu mir In mein Zimmer und sagte 211 mir:„Rosenberg, heute abend gehts los! �ahr hält seine Regierangsrede, und da fangen wir alle zusammen im„Bürgerbräu" an. Sollen Sie mitkommen?" Ich antwortete „Selbstverständlich!" Es wurde abge- "eacht, daß der Führer mich In seinem Wagen um Abend abholen würde.-- Ungefähr gegen 948 Uhr erschien dann Adolf Hitler In uielnem Zimmer. Er war durchaus ernst und tuhig, wir setzten uns wortlos In seinen Wagen und fuhren zum„Bürgerbräukeller" hln- aus. Der ganze Saal war dichtgefüllt, der Ge- ueralstaatssekretär sprach In monotoner Wei- se von seinen Plänen und Absichten. Hitler und ich standen am Eingang neben der Säule. Hort hatten wir Dr. Max von Scheubner-Rich- ier bereits vorgefunden. Wir verharrten weitere zehn Minuten beim Anhören der Kahr- 'ehen Rede, als Plötzlich die Tür mit einem großen Krach aufgerissen und ein Maschinengewehr von Schwerbewaffneten In den Saal gerollt wurde. Geschoben wurde dieses M.-G. von dem aktl- ven Kriminalkommissar der bayerischen Po- Üzel, Pg. Gerum. in feldgrauer Uniform. Das �ar das Zeichen zum Losschlagen. Adolf Hitler und sein Begleiter, Graf Dr. von Scheubner-Rlchter, und ich aogen unsere Pistolen aus der Tasche, entsicherten sie Und gingen zu viert, Adolf Hitler voran, unter lautloser Stille zum Podium, auf dem der Generalstaatskommissar verstummt herum- stand. Als Adolf Hitler das Podium bestleg, brandeten erregte Worte zu ihm empor, auch ■�Ugstrufe von denen, die das Maschinengewehr in ihrer Nähe erblickt hatten, so daß �r Führer, um sich Ruhe zu verschaffen, einen Schuß In die Saaldecke abgab. Dann trat Ruhe ein." So fing sie an, die Tragikomödie der deutschen Treue. Deutsche Männer gegen deutsche Männer. Niederträchtigel Verrat, Ehrenwortbruch, Maschinengewehre, ent- �eherte Revolver, krachende Schüsse. So lng es an— und so wird es weitergehen, 's die ganze Gangsterbande ihr verdientes '"de gefunden hat. Und Horst Wessel? Der Natlonalhellige des Dritten Reiches ist orst Wessel, die Nationalhymne des Itten Reiches ist das Horst-Weesel-Lled. orst Wessel lebte mit einer Prostituierten, er wurde In einem dunklen Quartier Berlins Von oiuem Zuhälter getöte. Her tote Horst Wessel befiehlt Uber die V�enden Deutschen. Wer die Wahrheit über essels Leben sagt, wer sich nicht von selbem Platz erhebt, wenn das Horst- Wessel- 6(3 ertönt, wer nicht die Hand zum Gruße reckt, wenn ein Heil auf Horst Wessel ausge- racht wird, läuft Gefahr, verschleppt, gefol- ert. getötet zu werden, Hie einstigen Vorgesetzten Horst e8s eis wurden In München und Berlin �r Schossen, well Ihre moralische orworfenheit angeblich mit der Würde j,ea Hritten Reiches unvereinbar war. Nach rem Tode sagte Ministerpräsident Göring in einer großen Rede: Her Führer wird nicht mehr länger dulden, daß in Staat und Bewegimg Männer T1 der Spitze stehen, die durch unglück- ohe Veranlagung asoziale und amoralische 'emente geworden sind. a"er Nationalheilige Horst Wessel war e 1 n 0 z ia 1 e s und amoralisches Ele- sch � � �ird er welter über Deutschland herr- w en? Oder wird sein Name ausgemerzt, � Ofden seine Denkmäler vernichtet, seine Bil- r verbrannt werden? lan d das Horst- Wessel-Lied welter Deutsch- da Straßen und Sender erfüllen— oder rd es den Röhm und Heines, den Ernst und «Idebreck In die Grube folgen? W Sdileldiers Ende Ermordet auf Görings Befehl— Schleicher im Komplott mit Frankreich? Die Reichspresseatelle der NSDAP schüderte am 30. Juni die sogenannte „Säuberungsaktion" Hitlers in München, um sodann fortzufahren: „Der Führer gab dem preußischen Ministerpräsidenten Göring den Befehl, 1 n Berlin eine ähnliche Aktion durchzuführen und dort Insbesondere die reaktionären Verbündeten dieses po- Iltlscnen Komplotts auszuhebe n." Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß sich diese von Hitler befohlene, von Göring ausgeführte Aktion gegen Schleicher richtete. Denn derselbe parteiamtliche Bericht erhebt gegen Röhm als einzige politische Beschuldigung die, daß er in Beziehungen zu Schleicher getreten sei, wobei er sich einer von Hitler abgelehnten„obskuren Persönlichkeit" bedient habe. Da diese Verhandlungen sich zu einer auswärtigenMacht hin erstreckten, sei ein Einschreiten nicht mehr zu umgehen gewesen. Danach sind die Berliner Morde— Schleicher, Klausener, Bose usw.— von Göring angeordnet worden; gegen Schleicher deshalb, weil er angeblich mit Röhm und der Vertretung einer auswärtigen Macht ein Komplott angezettelt haben soll. Aus gewissen Andeutungen ergibt sich, daß mit der geheimnisvollen auswärtigen Macht nur Frankreich gemeint sein kann. Wer glaubt an ein Komplott Schleicher- Röhm-FTankrelch? Sicherlich nur derjenige, der auch glaubt, daß der Reichstag von der„sozialdemokratisch-kommunistischen Einheitsfront" angezündet worden ist, um die bolschewistische Weltrevolution zu entfesseln! Weil Röhm weg mußte, erinnerte man sich seiner päderastischen Schweinereien. Weil Schleicher im Wege stand, erfand man das Komplott mit Frankreich— die blödsinnigste aller möglichen Zwecklügen, aber auch die schändlichste. Wäre es wahr, daß der ehemalige Reichskanzler und Reichswehrminis tfer Schleicher landesverräterische Beziehungen zu einer ausländischen Regierung unterhalten hat, was für Zustände wären das! Wie müßte die Welt über ein Land, über ein Volk urteUen, in dem die moralische Verlumpung einen solchen Grad erreicht hat? Aber Mörder, die eine Lüge brauchen, um den wirklichen Grund des von ihnen verübten Mordes zu verstecken, kümmern sich wenig um die Ehre der Nation. Schleicher hatte alte Beziehungen zu Röhm, Beziehungen, die in der Geschichte Deutschlands keine geringe Rolle spielen. Mit Röhm intrigierte er nämlich gegen seinen Vorgesetzten und fast väterlichen Freund G r ö n e r, den er zuerst In der Absicht, die SA zu verbieten, bestärkte, um ihn nachher wegen der Ausführung dieser Absicht zu stürzen. Damals war es uen Hitler, Göring und Göbbels recht, daß Schleicher mit Röhm komplottierte. Jetzt haben sie ihn deswegen ermorden lassen. Schleicher hat freilich damals mit den braunen Bakterien nur experimentieren wollen. Den Ausbruch der Pest wollte er nicht. Er hielt Verbindungen zu allen Parteien, er zeigte jeder ein anderes Gesicht und sprach zu jeder eine andere Sprache. Dennoch glauben wir, daß er aufrichtig war, als er im Sommer 1932 in einem Gespräch mit einem Sozialdemokraten versicherte, er denke gar nicht daran, die Nationalsozialisten zur Macht kommen zu lassen.„Ich bin nicht so dumm wie Seißer 1923 in München", meinte er damals.„Aber vielleicht halten die anderen Sie für so dumm?", wandte der Sozialdemokrat ein. „Dann werden sie reinfallen", rief Schleicher fröhlich und schlug sich auf die Schenkel. Auch später, als nicht die anderen, sondern er reingefallen war, behielt er seinen Optimismus. Er hielt sich für stark genug, offen reden zu können und sagte dem Hitler-Regime ein baldiges schmähliches Ende voraus. Darum hielten die Gewalthaber ihn für gefährlich, sie hielten ihn wie Gregor Strasser für kommende Männer. Darum haben sie beide vorsichtshalber erledigt— und Herr von Hinden- burgundHerrvonBlombergha- ben sich bei ihnen bedankt. ScUkitUet jftieil Hakte md Seine Beziehungen zu den Nazis in Göbbels Darstellung Die Beziehungen* des Generals von Schleicher zu den Nationalsozialisten werden In dem Buch des Göbbels„Vom Kaiserhof zur Relchskanz- 1 e 1" In folgender Welse dargestellt: 4. Februar 1932: „Um es auf die einfachste Formel zu bringen: Gröner muß fallen, dann Brüning, dann Schleicher. Eher werden wir niemals die ganze Macht bekommen." 2 0. Februar 1932: „Graf Helldorf war bei Schleicher. Der fühlt sich ganz sicher und glaubt, daß der Nationalsozialismus nur eine Zelterschel- nung sei. Vielleicht wird er noch im Laufe dieses Jahres sehr herb enttäuscht werden." 14. April 1932: „Nachmittags um 5 Uhr kommt das S A- Verbot. Es wird für das ganze Reich erlassen. Das Ist G r ö n e r s Geschoß. Vielleicht aber wird er darüber zu Fall gebracht. Unswirdmitgetellt, daß Schleicher seinen Kurs nicht billig t." 14. April 1932: „Anruf einer bekannten Dame, die mit General Schleicher befreundet Ist. Der General will zurücktreten. Vielleicht aber ist es auch nur ein Manöver." 2 6. April 1932: „Graf Helldorf war bei Schleicher. Der will eine Kursänderung vollziehen." 2 8. April 1932: „Der Führer ist bei Schleicher gewesen. Das Gespräch verlief gut." 8. Mal 19 32; „Am Sonnabend kommen die Sendboten und berichten, was los Ist. Der Führer bat eine entscheidende Unterredung mit General Schleicher; einige Herren aus der nächsten Umgebung des Reichspräsidenten sind dabei. Alles geht gut. Der Führer hat Uberzeugend zu Ihnen geredet. Brüning soll In den nächsten Tagen schon fallen. Der Reichspräsident wird ihm sein Vertrauen entziehen." 8. Mal 1932: „Wir sind gespannt, aber doch immer noch mißtrauisch. Wenn's gelingt, dann haben unsere Unterhändler, an ihrer Spitze Stabschef Röhm, ein Meisterstück gemacht." 12. Mai 1932: „Abends kommt die längst erwartete Meldung: Gröner Ist als Wehrminister zurückgetreten. Das ist der erste Erfolg." 13. Mal 1932: „Wir bekommen Nachricht von General Schleicher: die Krise geht programmgemäß welter. Der Reichspräsident ist nach Neudeck abgereist. Ueber Pfingsten wird nichts mehr passleren." 18. Mal 1932: „Unsere Wühlmäuse sind bei der Arbelt, die Brünings Position vollkommen zernagen. Die Presse tappt im Dunkeln. Eines Tages bricht das ganze Gebäude zusammen." 19. Mail9S2: „Sendboten von General Schleicher; man Ist schon dabei, die Minlsterliste aufzustellen. Für den Uebergang Ist das nicht so wichtig. Im Hamburger Parteiblatt wird ein ganz unzeitgemäßer Vorstoß gegen Schleicher gemacht Des Ist Strasser, d. h. D. H. V., d. h. Gewerkschaften, das heißt Brüning. Der Verantwortliche wird augenblicklich aus der Partei ausgeschlossen." 3 0. Mal 1932: „Die Bombe ist geplatzt. Brüning hat um 12 Uhr dem Reichspräsidenten die Gesamtdemission des Kabinetts überreicht." 4. Juni 1932: „Freitag: Der Führer hat doch eine Denkschrift in der Frage Reichstagsauflösung diktiert. Inhalt: Sie muß erfolgen, well sonst vorerst keine weitere Entwicklung mehr möglich Ist. Der Führer trifft mit General Schleicher auf einem benachbarten Gut zusammen." „Als der Führer zurückkommt, strahlt er vor Zufriedenheit Alles Ist In Ordnung gegangen. Der Reichstag wird aufgelöst und das SA-Verbot aufgebobe n." „Der Führer telephonlert noch mit General Schleicher. Frage Preußen bis zur Stunde unentschieden." 9. Juni 1932: „Es machen sich vielfach Zweifel gegen den Scblelcherkurs geltend. Aber was nutzt das alles. Eis blieb uns nichts anderes übrig, wenn wir Brüning zum Sturz bringen wollten." 13. August 1932; „General Schleicher ist bemüht, die Brücke nicht endgültig abbrechen au lassen. Das paßt ganz zu seinem Charakter." 2 0. November 1932: „Man wird den Elindruck nicht los, daß General Schleicher die Verhandlungen nur benutzt um uns endgültig auszuschalten." 1. Dezember 1932; „Unsere Bedingungen lauten: Vertagung des Reichstages bis Januar, Amnestie, Straße frei und Notwehrrecht. Werden diese Bedingungen nicht akzeptiert dann beginnt wieder der Kampf. General Schleicher hat die Wahl." „Göring ersucht General Schleicher, einen Offizier als Unterhändler zu schicken. Er geht sofort auf diesen Vorschlag ein." 2. Dezember 1932: „General Schleicher ist zum Kanzler ernannt. Das ist der letzte Ausweg; wenn der stürzt, dann sind wir an der Reihe. Wir können in Ruhe abwarten. Sein Elxperiment wird nur von ganz kurzer Dauer sein." 2 9. Dezember 1932: „Es besteht die Möglichkeit, daß der Führer in einigen Tagen eine Unterredung mit Papen hat. Da eröffnet sich eine neue Chance." 21. Januar 1938; „Die Vorarbeiten für den Sturz des Schlelcberkablnetts sind in vollem Gange. Auch werden schon die Modalitäten der Uebernahme der Macht durch den Führer ernsthaft besprochen." 2 4. Januar 1088: „In einem Aufsatz unter dem Titel„G e- neral ohne Rückgrat" attackiere ich aufs neue das Kabinett Schleicher. Der Führer gibt mir Aufklärung Uber den neuesten Stand der Dinge. In mehreren Unterredungen mit den in Betracht kommenden Männern ist nun das Terrain sondiert worden. Im großen und ganzen herrscht Uebereinstlmmung, aber es bedarf noch einer ganzen Reibe von Klärungen, bis wir endgültig am Ziele sind. Allerdings ist die Ablehnung gegen das gegenwärtige Kabinett überall und allgemein festzustellen. Im neuen Kabinett, das der Führer übernimmt, soll Herr von Papen Vizekanzler werden. Schleichers Stellung Ist Jetzt stark gefährdet. ErschelntimAugenblick noch nichts zu ahnen. Sein Sturz wird über Nacht kommen. Nun fällt er, so wie er so manchen anderen zu Fall gebracht hat." 2 5. Januar 1938: „Es steht um Schleicher sehr schlecht. Am Sonnabend soll er zu Fall kommen. Er wehrt sich verzweifelt, aber es wird ihm nichts mehr nutzen. Nun sind auch die Deutachnationalen sehr scharf gegen ihn eingestellt Er Ist absolut Isoliert. Alle seine großen Pläne sind In Nichts zerfallen." 2 7. Januar 1933: „Besprechung mit maßgebenden Herren vom Reichslandbund. Jetzt steht alles gegen Schleicher auf. Es gibt nur noch eine Lösung: Hitler muß Reichskanzler werden." Einig und treu! Wie seit Bestehen der NSDAP, besonders in politisch erregten Zeiten üblich, veröffentlicht die gegnerische Presse auch jetzt wieder in verschiedenartiger Aufmachung aus der Luft gegriffene Zweckmeldungen über angebliche Unstimmigkeiten Innerhalb der nationalsozialistischen Führerschaft. Um diesen in seiner Absieht leicht erkennbaren, dem Wunschbild der Gegner Rechnung tragenden Geschwätz ein für allemal ein Ende zu machen, erklären die Unterzeichneten, einig In unerschütterlicher Gefolgschaft s- t r eu e zum Führer der Bewegung, daß sie es für unter ihre Würde halten, in irgend einer Form auf solche Lägen künftighin noch einmal einzugehen. Gez. Frick, Göbbels, Göring, Röhm, Gregor Strasser. So stand's im»Völkischen Beobachter'1 Anfang Dezember 19321 An Vortose Oes Konerodenmordes Gestern noch auf stolzen Rossen Röhm und Peter Heydebreck in Pommern Röhm in Ferdinandshof: Ein Glas Milch zur Erfrischung Unsere Bilder Gestern noch auf stolzen Rossen! Vor drei Wochen hielt Röhm eine Triumphfahrt durch Pommern. Fahnenwälder, Spaliere, Heilrufe, Ehrenbürgerrechte, Paraden. Die Bilder, die wir wiedergeben, stammen aus einer Bildseite der Pommerschen Zeitung. Am 24. Juni nahm Peter von Heydebreck in Swinemünde eine Parade der Marinestandarte und der P. O. ab. Hier hielt er seine letzte Rede, über die die Pommersche Zeitung berichtet; >Wir dulden es in Pommern nicht, daß irgend einer es wagt, sich gegen djese absolute Einheit des pommerschen Volkes aufzulehnen, die durch das Bündnis zwischen G r u p p e n f ü h r e r u n d Gauleiter gewährleistet ist. Wir SA- Männer danken dem Gauleiter, daß er noch niemals die absolut klare nationalsozialistische Linie auch nur um einen Fußbreit Bodens verlassen hat. Wir können ihm das eine sagen, solange er diese Linie weiterhält, wird er in der SA einen Bundesgenossen auf Tod und Leben haben.« Peter von Heydebreck wendet sich an seine SA-Männer, denen er Kameradschaft auf Leben und Tod gelobt. Nach kurzer Zeit sammeln sich die Formationen auf der Kurpromenade zum Vorbeimarsch. Mit fliegenden Fahnen marschieren sie in straffer Disziplin an dem Gauleiter und dem Gruppenführer vorbei, während eine riesige Menschenmenge den Kurplatz umdrängt und immer wieder den beiden pommerschen Führern begeistertzuruft.« Am 24. Juni! Heute— aus! Heute ist Röhm tot, mit ihm Heydebreck. Als Verräter erschossen. Es regt sich niemand für sie, niemand schreit auf! Das ist die»Begeisterung« der Nationalsozialisten, das ist die nationalsozialistische Treue! Hitler hält sich heute für einen großen Mann, dem die Massen zujubeln— eines Tages, wenn es aus ist, werden die, die ihm heute zujubeln, nichts mehr von ihm wissen wollen! Das Geschick der Röhm und Konsorten ist ein Menetekel für die Hitler, Göbbels und Göring! Das vierte Bild zeigt Hitler vor dem Kaiserhof in Essen. Am Donnerstag, dem 28. Juni, diente er dem Gauleiter und Staatsrat Terboven zusammen mit Göring als Trauzeuge. Diese private Angelegenheit war zu einer öffentlichen Festlichkeit aufgezogen worden— natürlich aus öffentlichen Mitteln. Hitler und Göring fordern Einfachheit und Sparsamkeit nur für die anderen! Eine Erinnerung: vor Jcurzer Zeit diente Hitler dem Berliner Obergruppenführer Ernst als Trauzeuge. Heute ist Ernst auf Befehl Hitlers erschossen worden! Ob Hitler der jungen Frau des Toten Beileid wünschen wird? Von Essen aus, unmittelbar nach dem Tage dieser Trauung, flog Hitler nach München. Von der Trauung zum Kame- radenmord! Hitlers Kameraden Seine Solidarität mit den Mördern von Potempa Nach der Wahl vom 31. Juli 1932 war der braune Terror offen losgebrochen. Er wütete in Ostpreußen und in Schlesien. In dem Orte Potempa begingen Nationalsozialisten ein schauerliches Verbrechen. Sie drangen nachts in die Wohnung eines Mannes namens Pietzuch, der im Verdacht stand, Kommunist zu sein, und schlachteten Ihn viehisch vor den Augen seiner Mutter ab. Die Mörder stürmten in die Schlafzimmer der Familie. Die alte, fast 70jährige Mutter schrie auf;„Kinder, was wird euch passieren!" Dann hörte sie das Kommando zum Schießen und Schüsse. Entsetzt schrie sie auf:„Meinen Sohn haben sie totgeschlagen". Pietzuch wurde eine halbe Stunde lang zu Tode gemartert. Der Leichenbefund sagt: Bild aus Pommern: Der Stabschef fährt vorbei. Hitler in Essen: Zwei Tage vor dem Kameradenmord! „Die Leiche hatte im ganzen 29 Verwundungen aufgewiesen. Die Halsschlagkopf hatte ein großes Loch. Der Tod ist durch Ersticken eingetreten, da das aus der Halsschlagader sich ergießende Blut durch den Kehlkopf in die Lungen eingetreten ist. Die tötliche Verletzung muß dem P. beigebracht worden sein, als er auf dem Boden lag. Der Hals zeigt außerdem Hautabschürfungen, die von einem Fußtritt unbedingt herrühren. Außer diesen Verletzungen ist P. am ganzen Körper zerschlagen. Er hat schwere Schläge mit einem stumpfen Beil oder einem Stock über den Kopf bekommen. Und andere Wunden, die so aussehen, als ob er mit der Spitze des Billardstockes ins Gesicht gestoßen worden sei."* Dieser Fall führte zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Sittenlehre und Rechtsauffassung der Nationalsozialistischen Partei. Die Mörder wurden ergriffen, in Beuthen prozessiert und zum Tode verurteilt. Die schlesische SA unter Führung des Hitleroffiziers Heines terrorisierte nach dem Urteil die Stadt Beuthen tagelang. Unter Führung Hitlers erhob sich nach dem Urteil die Nationalsozialistische Partei gegen die damalige Reichsregierung von Papen. Hitler und seine Partei billigten die Tat. Sie stellten sich auf die Seite der Mörder. Hitler telegrafierte an die Verurteilten; „Meine Kameraden, angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine Frage unserer Ehre. Der Kampf gegen eine Regierung, unter der dies möglich war, ist unsere Pflicht," Hitlers Hauptorgan, der„Völkische Beobachter", vertrat die These, daß Mensch nicht gleich Mensch sei. Gegen diese Bekenntnis zu den Mördern erhob sich damals noch Reichskanzler von Papen. Am 23. August 1932 sprach er in Münster: „Objektivität gilt als Schimpf. Solcher Verwilderung der politischen Moral, entgegenzutreten, ist die Pflicht der Staatsgewalt. Ich kenne kein Recht, das nur das Kampfmittel einer Klasse oder einer Partei ist. Die Zügellosigkeit, die aus dem Aufruf des Führers der nationalsozialistischen Bewegung spricht, paßt ader war vollkommen zerrissen. Der Kehi- schlecht zu den Ansprüchen auf die Staatsführung. Ich gestehe ihm nicht das Recht zu, die Minderheit in Deutschland, die seinen Fahnen folgt, allein als die deutsche Nation anzusehen und alle übrigen Volksgenossen das Freiwild zi behaijdeln." Der rechtsstehende Politiker Paul Rohrbach richtete den folgenden Appell an den Reichskanzler von Papen: „Es ist das Bekenntnis zur Tat, um das es geht. Dieses Bekenntnis hebt ganz Deutschland aus den Angeln, vor sich selbst und vor der Welt, wenn das deutsche Volk es schweigend hinnimmt. Das müssen Sie als Haupt der Deutschen Reichsregierung verhindern. Es geht nicht aiJ' daß wir im Innern der moral1' schen Anarchie verfallen und es darf nie so weit kommen, daß der Appe" an die Gerechtigkeit im Munde eines deutschen Außenministers zum Hohn wird." Die„moralische Anarchie" triumphiert® jedoch nach dem 30. Januar 1933. Unerhörte Greuel wurden von den braunen Verbrecherbanden verübt. Heute will Hitler seine Vergangenheit auslöschen! Er hat Mörder und Verbrecher gezüchtet, er hat sich mit ihnen solidarisiert, er hat sie seine Kameraden genannt! Jetzt regiert er mit den feinen Leuten— deshalb mußten seine Kameraden die Zeugen seiner Vergangenheit und seiner Schuld, ausgelöscht werden! Ein Held! Das Essener Sondergericht verurteilt® einen Einwohner, der soeben aus einjähriger Haft im Konzentrationslager zurückgekehrt» auf der Straße Hochrufe auf den Sozialismus ausgebracht hatte, zu® Monaten Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte nur drei Monate beantragt. AI8 das Urteil verkündet wurde, erklärte der Verurteilte auf eine Frage des Vorsitzenden, daß er die ihm zur Last gelegte»Straftat« jederzeit wieder begehen würde. Nr. 56 BEILAGE Icuwltaarfö 8. Juli 1934 Itlie Mk fatifstm Ms Heidt msftBkdm 3 Milliarden ungedeckte Schulden �— 1 Mark vom Ausland nidit mehr angenommen— Steuergesdhenke für die Reichen Es ist schon reizend! Deutschland ist in einer gefährlichen außenpolitischen La- Se. es ist wirtschaftlich und finanziell in einer katastrophalen Situation. Aber den Hitler ficht das nicht an. Das Ausland, versichert er einem Interviewer des„Daily Chronicle", habe eben keine Ahnung von der Stärke des durch seinen Willen geeinten Volkes, das geschlossen hinter ihm stände. Solche Einigkeit und Opferbereitschaft überwinde alle Schwierigkeiten. Selbst wenn man darüber lächle, Werde er'immer wiederholen, auf tausend Jahre sei die Herrschaft des Nationalsoziaiismus sicher. Hnd ein paar Tage darauf, haben sich die Gangster an den Köpfen. Die Polemik zwi- schen den Herrn Reichsministern wird �härfer. Es bleibt nicht bei den Reden zwischen Papen und Göbbels, die Methoden der Auseinandersetzung werden natio- halsozialistisch. Die einen der Herrn Mi- nister lassen die anderen erschießen, �laatsräte, von Göring ernannt, werden von Göring ermordet— die Unterwelt zeigt ihr wahres Gesicht und die Gangster �0n Chicago sind übertroffen. Denn die hatten sich nicht vorher Treue geschworen deutsche Treue! Eas Gesindel hat sich also offenbart Und die Hoffnung der Hitler und Schacht, daß das Ausland die Aufrechterhaltung des deutschen Gangstersystems mit seinen Geldern finanzieren werde, wird schwächer. Das englische Parlament hat der Regie- zung die von ihr verlangten weitgehenden ollmachten gegen Deutschland anstandslos bewilligt. Die deutsche Regierung, die großschnäuzig erklärt hatte, unter dem üruck der Clearing-Drohung gar nicht zo verhandeln, hat brav eine Verhandlungs- delegation nach London geschickt, in Pa- f13 neue Vorschläge unterbreitet und sich emüht, Holland, der Schweiz und Schweden entgegenzukommen. Ihre moralische ünd finanzielle Isolierung ist unterdessen Il0ch vervollständigt worden durch eine un- 6rwartet scharfe amerikanische Note, wo- n die Regierung der Vereinigten Staaten er Hitler-Regierung mit dürren Worten erfclärt, daß an dem Bankrott die deutsche Politik selbst schuld ®ei' die in vielen Teilen der Welt Opposi- 'oo geschaffen, Handelskonflikte herauf- Seführt und die Ausfuhr vermindert habe, während gleichzeitig Material für Rü- dögszwecke in steigendem Maße gekauft no Deviaen für vorzeitigen Ankauf von isländischen Schuldtiteln zur Verfügung «sstellt wurden. . Wie immer die Verhandlungen ausge- eili sie können nicht ohne Konzessionen ger deutschen Regierung beendet werden, nicht der deutsche Handel schlimmen ePressalien ausgesetzt werden. Jede Kon- ession bedeutet aber eine Belastung der ®�tschen Zahlungsbilanz, und dies er- V�igt Drosselung der Einfuhr und damit er uferlosen Ausgabenwirtschaft, die die eigende Einfuhr bewirkt. Unterdessen steigert sich der Wirrwarr in den Außenhandelsbeziehungen. �chacht hat, in der Absicht, die Zahlungs- ,"Stellung als unvermeidlich erscheinen SSen, die Maßnahmen zur Einschränkung q61" Einfuhr viel zu spät angewandt. Trotz sT �"""�"mustellung, der Einfuhrbe- I"änkung durch immer geringere Zutei- von Devisen, der Ueberwachung und "osselung der Einfuhr der wichtigsten � s'aridsrohstoffe ist der Goldbestand jj6" Reichsbank auf 75 Millio- •unri1 gesunlcen- Gold ist für Deutsch- "ütt i a�er �eute<*as etnz'ge Zahlungs- Ha,rk wird draußen nicht genommen. 'at*1 ,�esen winzigen Betrag zu schützen, 8ch Reichsbank zu einer rein mechani- Mlr n �inschränkung übergegangen. Sie be- hü � �ie Einfuhr oder für Reisezwecke Zufl 80 Devisen als ihr an jedem Tage g lc®en. Jede der zahllosen Anforderun- muß einzeln nachgeprüft werden— eine Arbeitslast, die die Reisebüros, Banken und vor allem die Reichsbank selbst gar nicht bewältigen können. In der Tat ist es auch zu einer schrecklichen Verwirrung, zuStockungen im Güter- und Reiseverkehr gekommen. Der Versuch der Zahlungseinstellung kommt also schon jetzt der deutschen Wirtschaft, die weder disponieren noch kalkulieren kann, recht teuer zu stehen. Wenn nun mitten in diesen politischen und wirtschaftlichen Krisen die nationalsozialistischen Ressort-Gangster kommen und wie der Staatssekretär Reinhardt Pläne für eine zukünftige Finanzform entwickeln, so darf man sich mit Recht fragen, ob es viel Sinn hat, sich damit auseinanderzusetzen. Um so mehr, da ja die ganze Budgetgebarung bloßer Schein ist. Quartal 1934 2 Milliarden im Umlauf, der Rest soll bis zum Herbst in Anspruch genommen werden. Dazu kommen die Kosten für die Autostraßen, die insgesamt auf 3,6 Milliarden geschätzt werden, sich aber auf 6 Jahre verteilen und in diesem Jahr nur 400 Millionen beanspruchen sollen. Jedenfalls kann in diesem Jahr mit einem Ansteigen der faulen Wechsel auf rund 4 Milliarden gerechnet werden, die zu den 4,2 Milliarden der schwebenden Schuld hinzukommen. Es handelt sich also um die ungeheure Summe von Uber 8 Milliarden, die ungedeckt sind! Wer aber meinte, daß das der Gangsterbande Sorgen machte, irrt sich. Ihre einzige Sorge besteht darin, daß die Oef- fentlichkeit nichts erfährt! Und so stellt Lied der Toten Melodie: Horst Wessel-Lied. Zum letztenmal ward Sturmappell geblasen, Wir haben uns im Kampfe nicht geschont, nun flattern Hitlerfahnen über allen Straßen, der Kanzler hat uns königlich belohnt. Wir zählten all zu Hitlers treusten Knechten, gehörten ihm mit Seele und mit Blut, ob wir zum Kampf marschierten, liebten oder zechten, was wir auch taten, Hitler fand es gut. Der Kanzler hat die Treue uns geschworen, brach er den Eid— wir geben ihn nicht frei, wir haben unsern Freund an Thyssens Gold verloren, der Lohn für uns— ein kaltes Stückchen Blei. Die Straße frei— wir wollen mit Euch ziehen, wir fehlten nie, wem die SA sich schlug, die braune Uniform, die Hitler uns verliehen, hat zwar ein Loch— uns ist sie gut genug. Die Straße frei den toten Kampfgenossen, die Straße frei, wir halten mit euch Schritt, Kameraden, die von Hitlers R eaktion erschossen, marschieren stets in Euren Reihen mit, marschieren stets in Euren Reihen mit. Hugin. Was nützt mir die Angabe der Einnahme- ziffem, so lange nicht genau angegeben wird, was davon wirklich in bar und was davon in Steuergutscheinen eingegangen ist! Und wie soll ich ein Budget beurteilen, in dem ein großer und steigender Anteil der Reichsausgaben überhaupt nicht enthalten ist! Bevor der Reinhardt Steuerpläne entwickelt, sollte das Reichsfinanzministerium einmal die Wahrheit gestehen. Wir wissen, daß in dem am 31. März 1934 abgeschlossenen Etatjahr ein neues Defizit von 330 Millionen entstanden war. Im Vorjahr hatte das Defizit 610 Millionen betragen. Aber im Vorjahr waren 420 Millionen zur Schuldentilgung verwandt worden, in diesem nur 100, während im laufenden Etatjahr überhaupt keine Mittel zur Schuldentilgung bereitgestellt sind. Das wirklich aufgelaufene Defizit betrug also im Vorjahr 190 Millionen, in dem letzten Etatjahr 230 Millionen. Das Gesamtdefizit des Reichs belief sich am 31. März 1934 auf 2110 Millionen Rm., gegenüber 1880 vor einem Jahr. Dabei waren aber einmalige außerordentliche Einnahmen erzielt worden durch Begebung von mittelfristigen Schatzanweisungen in Höhe von 92 Millionen und durch Verkauf von Reichsbahn-Vorzugsaktien von 51 Millionen. Die schwebende Schuld des Reichs einschließlich der Steuergutscheine betrug am 31. Mai 4.17�,6 Mill. Rm — eine Rekordziffer! Aber wir wissen nicht genau, wie viel an vom Reich und der Reichsbank garantierten Wechseln dazukommen. Bewilligt waren für Arbeitsbeschaffung von Reich, Reichsbahn und Post 3,8 Milliarden. Davon waren im 1. sich denn der Reinhardt hin— der übrigens dumm und unwissend genug ist, um die Sache gar nicht zu begreifen— und redet über»Finanzreform«, über Einnahmen und Ausgaben, als gäbe es noch ein richtiges und wahres Budget in Hitler- Deutschland! Und nur deshalb verlohnen sich ein paar Worte über die Pläne des Reinhardt, weU sie so charakteristisch sind für das volksfeindliche Wesen der Hitler-Diktatur. Schon der Schwatz an sich ist unbezahlbar. 1. Satz:»Die allgemeine Haushaltslage läßt eine Verminderung der Steuereinnahmen bis auf weiteres nicht zu.< 2. Satz(einige Zeilen später):»Im Rahmen der Steuerreform sind weiter sehr erhebliche Steuererleichterungen vorgesehen.« 3. Satz:»Wir werden einen Umbau in der Weise durchführen, daß wir bei verminderter Steuerlast, die auf der einzelnen Person oder Sache in der Regel ruht, den bisherigen Aufkommensstand nicht nur halten, sondern übersteigen werden«. Damit ist der berühmte Ausspruch jenes Geschäftsmannes, am einzelnen Stück setz* ich zwar zu, aber die Masse muß es bringen, glücklich zum obersten Grundsatz der Finanzpolitik des Deutschen Reiches erklärt! Und dabei lügt der Kerl noch! Denn es sollen tatsächlich eine Reihe von Erleichterungen gewährt werden, die in ihrer Summe schon ins Gewicht fallen würden, und charakteristisch ist eben, wen der Reinhardt da beschenken will. Das Kernstück ist die Aenderung der Einkommensteuer, die eine wesentliche Entlastung der hohen Einkommen bedeutet. Der bisherige Tarif begann mit 10 Prozent und ging bis 40 Prozent. Mit Krisensteuer und dem Zuschlag für Einkommen über 8000 M. konnte der Tarif in den höchsten Stufen 46 Prozent erreichen. Dazu kam die Bürgersteuer, die gestaffelt war, und deren Grundtarif 3 Mk. bis 2000 Mk. beträgt. Einschließlich aller Zuschläge konnte die Einkommensteuer etwa 50 Prozent in der höchsten Stufe erreichen. Künftig soll der Tarif 8 bis 35 Prozent betragen, doch darf die Steuer in keinem Fall mehr als ein Drittel des Einkommens ausmachen. Damit nicht genug. Die Krisensteuer der Veranlagten, der Steuerzuschlag für die Einkommensteuer über 8000 Mk. und die BUr- gersteuer werden aufgehoben. Es ist eine sehr weitgehende Entlastung der Besitzenden im Augenblick einer krisenhaften Zuspitzung der Finanzlage. Finanzpolitik der Diktatur! Aber das ist lang noch nicht alles. Die Bürgersteuer wurde bisher auch von armen Teufeln gezahlt und für den Ausfall muß Vorsorge getroffen werden. Also wird ganz allgemein eine Ermäßigung des ohnedies skandalös niedrigen steuerfreien Einkommensteils verhängt, wobei sich Reinhardt geniert, die genaue Ziffer zu nennen, und der steuerfreie Einkommensteil wird nicht mehr für Einkommen bis 10.000, sondern nur noch für solche bis 3600 Mk. gewährt. Man sieht, nach oben wird gegeben, nach unten genommen, nicht nur den Arbeitern, sondern auch dem Mittelstand. Den Proleten bleibt nur der Trost, weitere Ermäßigungen zu erhalten, wenn sie bei ihren glänzenden Löhnen vier und mehr Kinder machen, denn die Diktatur braucht Kanonenfutter. Die Reichen aber bekommen noch mehr. Unter dem Vorwand der Bevölkerungspolitik sieht das Erbschaftssteuergesetz für Kinder einen Freibetrag von 30.000 RM. (bisher 5000) und für Enkel einen solchen von 10.000 RM. vor. Noch mehr ins Gewicht fallen andere Steuergeschenke an die Kapitalisten. Die Nationalsozialisten haben nicht nur die Personenautos steuerfrei gemacht, sie haben auch durch ein Gesetz vom Juni 1933 angeordnet, daß die Preise für alle Ersatzbeschaffungen in den Unternehmungen vom Gewinn abgesetzt werden können. Das bedeutet nach Reinhardts Angaben, daß je nach Höhe des Einkommensund Gewerbesteuersätze 12— 65 Prozent der Kosten der Ersatzanschaffungen vom Reich getragen wurden, je größer und steuerkräftiger das Unternehmen, desto größer ist die Steuerersparnis. In dem neuen Einkommenssteuergesetz soll dieses Privileg von den Ersatz- auf die Neubeschaffungen ausgedehnt werden. Der Preis für neue Personen- oder Lastautomobile z. B. kann vom Gewinn ganz abgesetzt werden, so daß dei Steuerpflichtige eine augenblickliche Verbilligung von 12 bis 65 Prozent erhält. Und damit nichts vergessen wird: Auch Luxusantomobile, die bisher zur Vermögenssteuer herangezogen wurden, werden künftig bei Ermittlung des steuerpflichtigen Privatvermögens außer Betracht gelassen werden, ebenso wie— Sportflugzeuge und Motorboote. Aber es bleibt nicht etwa nur bei der Begünstigung der Autos. Alle Anlagegegenstände, deren Benutzung 10 Jahre nicht übersteigt, unterliegen derselben Begünstigimg. Das heißt, der größte Teil des Anlagekapitals wird künftig steuerfrei sein, da er innerhalb 10 Jahren amortisiert wird, und der Rest ebenfalls, soweit er Ersatzbeschaffung ist oder als solche ausgegeben werden kann! Das soll nicht etwa eine Krisenmaßnahme sein, sondern dauernde Gesetzgebung werden! In der ganzen Welt dürfte es Aehnliches nicht geben. Es übertrifft die kühnsten Erwartungen, die Kapitalistenhime je ausgebrütet haben. Genug, es hat keinen Sinn, sich jetzt schon eingehend mit Details eines Pfu- scherwerks zu beschäftigen, dessen Ausführung vielleicht doch nicht so sicher ist, wie es sich die herrschenden Gangster vorstellen. Nur Eines, sei angeführt. Reinhardt sagte wörtlich:»Der augenblickliche Ausfall an Einkommenssteuer, Körper- achaftssteuer und Gewerbesteuer wird auageglichen werden durch Verminderung des Finanzbedarfs der Arbeitslosenhilfe.« Zuerst rauben die Gangster den Arbeitslosen ihre Renten und dann preisen sie den Raub als willkommenen Ausgleich für ihre Steuergeschenke an die Kapitalisten— Finanzpolitik der Diktatur. So rundet sich das Bild. Hitler und Göring werfen die SA blutig nieder, um freie Bahn zu haben für eine Sozialreaktion, die in diesem Ausmaß schlechthin alle Vorstellungen übertrifft. Allein sie haben dadurch, schneller als man annehmen konnte, die Massenbasis ihrer Diktatur zerstört. Sie haben zugleich die deutsche Wirtschaft in die schwerste Krise gestürzt, aus der der Ausweg immer schwieriger wird. Gegen den Putsch verlumpter SA-Führer konnten sie die Gewalt behaupten, gegen den Aufstand der betrogenen Massen wird es für die Gangster keine Rettung geben. Dr. Richard Kern. Agrarrelorm durdi Telefonbuch Nach dem Reichserbbofgesetz heißt nur der Eigentümer eines Erbhofs»Bauer«, der Besitzer anderen land- oder forstwirtschaftlich genutzten Eigentums heißt»Landwirt«. Andere Bezeichnungen— z. B. Anbauer, Stellenbesitzer, Ackerbürger, Gutsbesitzer, Rittergutsbesitzer, Gutspächter— sind unzulässig. Auf diese neue Bestimmung macht der Reichspostminister besonders aufmerksam, da sie auch für die amtlichen Fernsprechbücher gelten müsse. Es wird also künftig In den Fernsprechbüchern nur noch»Bauern« und»Landwirte« geben, aber keine Gutsbesitzer, Pächter usw. Wir halten diese Vorschrift für segensreich, aber nicht für ausreichend. Es müßte ergänzend auch bestimmt werden, daß nur noch die Erbbofbauem von ihren Hunden mit»Bau-Bau« angeredet werden dürfen! Braune Splitter Krause stellt das Radio an.„Ueb* immer Treu und Redlichkeit.. erklingt das Pausenzeichen. „Das hört man nun zwanzig Mal am Tag", seufzt Kraasa.„Kein Wunder, bei den vielen Bonzemmterschlarungen!" Die Faust.»Auf jede nörgelnde Schnauze gehört eine nationalsozialistische Faust«— so redet« ein Berliner Pg. als Stellvertreter für Göring. Da hilft nichts mehr! Die Waffe des Witzes. Der Nazistaatsrat Börger sprach In der Dresdner Bank. Der Redner ging davon aus,»daß erfahrungsgemäß ein polltlscherWitz, der Irgendeine Verleumdung enthalte, nur ein en Tag für seine Reise durch Deutschland benötige«. SA* Hände hodi! Tagebudiblätter eines Deutsdilandfahrers Berlin, SO. Juni. Schon seit Tagen flüstert man in den Cafäs von der Entlassung Oöbbels, Röhms, vielleicht auch Leye. Heut« früh Gerücht; Schleicher ist ermordet. Heute nachmittag als erste die Nachtausgabe:„ROhm aus Partei und SA ausgestoßen." Schlag auf Schlag folgt zweite und dritte Ausgabe, die bereits die phantastische Erklärung der Parteinachrichtenstelle bringt. Noch unterschlägt man übrigens in dem sittenstrengen Scherlorgan den Satz: „Einige dieser SA-Führer hatten sieh Lustknaben mitgenommen." Ein Satz neben vielen gleich gravierenden in der offiziellen Begründung. Das kurz darauf herauskommende Extrablatt der„B. Z." enthält den Satz, das Extrablatt wird kostenlos verteilt und ebenso wie die anderen Zeitungen den Verteilern aus den Händen gerissen. Solche Konjunktur hat das Zeitungsviertel wohl seit 1918 nicht mehr gehabt. Alles bleibt auf der Straße stehen, diskutiert, grinst, grinst. Merkwürdige Stimmung in der Innenstadt. Vertraute, längst verschwunden geglaubte Bilder tauchen auf. Eins, zwei, drei große BVG-Ausflugswagen, auf dem Schild„Sonderfahrt"(man ist doch in Ordnungspreußen) rasen durch die Straßen, unbekanntem Ziel zu. In den Wagen, eng einander gepfercht, 60 bis 80 Mann grüne Landespollzei, am rechten Arm den schmalen Streifen„L. P. S. General Göring"(die frühere Wecke-Gruppe z. b. B.), die Hände auf dem Karabiner. Dazu R.-W.- Flltzer, Ueberfallwagen der Polizei und Immer wieder die Landespolizei, die als Görings sicherste Truppe in der Hauptsache eingesetzt Ist. In der Tiergartenstraße, Ecke Standartenstraße, Ist die Hauptaktion erfolgt. Dort befindet sich das Haus der Obergruppe Berlin- Brandenburg. Mittags halb 1 Uhr sind zirka 15 Motorräder, annähernd 20 Flitzer und Ueberfallwagen mit Scheinwerfern und verdeckten Maschinengewehren und 3»Sonder- fahrt«BVG-Wagen halten vor der Obergruppe, das Haus wird besetzt, und die SA mit erhobenen Händen hinausgeführt. Das Haus ist auch abends um halb 8 Uhr noch besetzt, der Autoverkehr wird, mit Fluchen freilich, umgeleitet. Abends ist Prinz Auw! im Haus, blickt für einen Augenblick auf die vor dem Haus versammelte Streitmacht, die immer noch mit Karabinern und Sturmriemen promeniert, während einige Gruppen von je 3 bis 4 SA-Leuten ebenso verdutzt wie ausdruckslos herumstehen, besser Spazierengehen, da die Wecke-Leute durchaus nicht zärtlich zum Weitergehen auffordern. Traurig hängt die Hakenkreuzfahne am Mast— die Besetzung ist ohne Widerstand erfolgt. Am Großen Stern hängt einsam und deplaziert ein Transparent:»Hitlers Männer marschieren«, dieweil sich die SA-Leute, zum letztenmal(?) in den Sturmlokalen versammeln und, programmäßig, den Urlaubsbeginn mit einer Abschiedsfeier einleiten. Groteske Situation! Groteske Bilder: In manchen Kinos lief gestern abend noch der SA-Reklamefilm, in dem Obergruppenführer Emst für die Stiefelschlacht warb. Von der Leinwand her Ist Emst zu hören:»Meine Volksgenossen, gebt mir für die marschierende kämpfende SA Geld, ich werde es richtig verwenden!« Muß pikant gewesen sein, wenn man kurz zuvor von den 30.000 Mark-Gelagen gelesen hat. Göbbels ist offenbar wieder auf die Beine gefallen, obwohl er sich In seinem jüngsten Buch»Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei« so außerordentlich stark für Röhm eingesetzt hat. Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, und von der Reichskanzlei— wohin? Die Berliner Presse bleibt auch jetzt ohne Individualität Als»Redaktionsmeinung« fabriziert sie einige offenbar vom Propagandaministerium diktierte Worte, die in der Tendenz, teilweise sogar im Wortlaut völlig gleichartig sind. Abends starke Bewegung In der Stadt. Die Heerstraße passiert alle paar Minuten ein SA-Führerauto, staubbedeckt, alle Verkehrsvorschriften unbeachtet lassend und in wahnsinnigem Tempo der Stadt zujagend. SA zieht in kleinen Truppen nach Berlin. 50 und mehr SS-Autos und Motorräder fuhren hinaus, dazwischen Landespollzei, startbereite Wagen vor den Bereitschaften usw. Heute liegen in den Buchhandlungen in vorderster Front noch: das Buch von Röhm »Hochverräter« und ein Buch»Mit Obergruppenführer Ernst unterwegs«. Die Leute davor:»Ja, der ist nun schon nicht mehr«. Zu Schleicher sind gestern vormittag sechs Uniformierte im Auto vorgefahren. In den Zeltungen dagegen steht: Kriminalbeamte. Die Ermordung Schleichers, besonders aber die seiner Frau, hat offenbar in Reichswehrkreisen große Empörung hervorgerufen. Eine Frau erschießen! Einen Mann des Offizierskreises! Ob das nicht Folgen hat?— Uebrigens war gestern auch das Haus der Obergruppe 2(Heyde- breck) in Berlin besetzt. 1. Juli. Merkwürdig rasch Ist Berlin ruhig geworden. Gestern abend noch wurde, nach Hitlers Ankunft, das Regierungsviertel im engeren Bezirk der Wilhelmstraße abgesperrt, Autos wurden zur Umleitung gezwungen und Passanten durch karabinerbewehrte Doppelposten zur Umkehr veranlaßt. Die Stadt steht unter eindringlicher, wenn auch nicht allzu deutlich hervortretender Bewachung. An allen Brücken bis zur Stadtgrenze sind Posten aufgestellt und offenbar die letzten Polizeireserven angespannt. Lange hat man die korpulenten Revierbeamten nicht mehr Straßendienst machen sehen... Stärker Ist auch die Feldpollzel herangezogen, bis in die Nacht hinein rasen die Ueberfallswagen durch die Straßen. Den ganzen Abend, bis 12 Uhr, 1 Uhr sieht man am Alex, Im Zentrum und Im Westen diskutierende Gruppen— ein Anblick wie aus der »Systemzelt«. Die Polizei geht außerordentlich milde vor. Die Diskussionen drehten sich natürlich um die Erschießungen, um die hervorgegangenen Aufdeckungen. Politische Schlußfolgerungen hört man selten. Ein klares Bild Uber die Wirkung der Ereignisse auf die Bevölkerung Ist noch nicht zu gewinnen. Sicher gewinnt die Opposition dadurch ungeheuer an Sicherheltsgefühl. Irgendwo fällt plötzlich das Wort: »Das hat doch die SPD seit fünf Jahren gesagt«, bei vielen jedoch Ist die Achtung vor dem Führer ins Ungeheuerliche gestlegen. Es ist ihnen Bestätigimg ihrer Ueberzeugung, daß der Führer schon durchgreift, wenn er Kenntnis von Mißständen erhält. Manche sind der Meinung, daß dieser Säuberung eine weitere folgt..»Das sind erst die ersten sieben!« Frappiert hat das radikale Vorgehen gegen die bisher engsten Mitarbeiter.— Die Enthüllungen über Röhm und Heines haben viele Zungen gelockert. Jeder weiß auf einmal etwas an Ihnen auszusetzen. Das Schicksal der Sieben wird im allgemeinen wohl ziemlich ruhig aufgenommen, Alle öffentlichen Gebäude sind gesichert. Die Organisation»klappt«. Vor dem preußischen Innenministerium stehen, mit Karabinern, zwei Feldjäger, dafür aber Ist der Innenhof voll von Bestahlhelmten. Das Kultusministerium hat nur zwei Polizisten abbekommen, die Wilhelmstraße Ist ganz ruhig, vor der Reichskanzlei stehen ein Schupo und zwei SS-Leute. Vorsichtshalber ist auch das Postscheckamt In der Dorotheenstraße bewacht. Die SA hebt vor jedem Polizisten den Arm zum deutschen Gruß, ich habe heute keinen Schupo gesehen, der erwidert hätte. Die Zeiten ändern sich. Der Schupo ändert sich mit ihnen.(' Der deutsdie Wahn Wenn der Geschichtsschreiber, etwa im Jahre 2000, an den Spuk gerät, den Hitler Uber das deutsche Volk gebracht hat, wird er ihn unter ein Kapitel: Verlogenes Pathos, pfiffige Demagogie, verblödete Brutalität, anmaßender Dilettantismus, mythische Vernebe- lung— registrieren. Und wenn er wohlwollend ist, wird der Historiker solcher pathologischen Episode Im Leben eines großen Volkes dadurch gerecht zu werden versuchen, daß er die Psychologie der Wunsch träume beschwört und den deutschen Wahn von der Erlesenheit der teutonischen Rasse mit einem mitleidigen Lächeln und mit einem Hinweis auf die Heimtücke von Minderwertigkeitskomplexen entschuldigt. Der deutsche Wahn wütet; es geschieht nichts, was er nicht verblegt, und tausenderlei veranlaßt er, was des gesunden Menschenverstandes, der bitter notwendigen Ökonomie und schlechthin des primitiven Anstände«, der selbstverständlichen Voraussetzung aller Kultur, spottet. Jeder beliebige Querschnitt durch diese Exaltationen Ist hierfür schmerzhafter Beweis. Für diesmal, nur als ein Tropfen solches selbstmörderischen Fegefeuers, eine zufällige Liste: mit. einem Massenspiel»Deutsche Passion 1933« Ende Juli eröffnet. In Passau wurde der Grundstein zu einer Nibelungenhalle gelegt. Scheffels Roman»Ekkehard« wird dramatisiert und auf dem Hoh- entwicl aufgeführt. Die Kultspiele auf der Plassenburg bei Kulmbach beginnen demnächst; wöchentlich bringen Sonderzüge 2000 Zuschauer aus Berlin. Belm Preisgericht der »deutschen Arbeltsfront« sind 500 Texte für ein Massenschauspiel»Kraft durch Freude« eingegangen. Berufsmäßige Dramatiker haben sich nicht beteiligt. Der Wettbewerb für ein nationalsozialistisches Chorwerk mobilisierte 700 Kompositionen. Auf dem Hintergrund solches dilettantischen Unfugs freuen sich die Unentwegten, Reinhardt als eine überwundene Gefahr zu kennzeichnen, als den,»der das Theater der Gegenwart an den Rand des Unterganges gebracht habe.« Ein dritter Wettbewerb ist für ein Schla- geterforum ausgeschrieben worden; es gilt, einen Hain mit Aufmarschgelände für 300.000 Personen, eine Ehrenhalle für 1000 Personen, ein Amphitheater für 100.000 Personen und eine Sportarena für 50.000 Personen architektonisch zu gestalten. Zum Wesen des deutschen Theaters äußerte sich der Propagandaminister: Mehr als fünfzig Thingplätze, amphl theatralische Freilichtbühnen zur Aufführung von Weihespielen, sollen gebaut werden. Eine dieser neudeutschen Kultstätten ist soeben in Niedersachsen fertiggestellt und mit dem nationalen Festspiel»Aufbricht Deutschland« eingeweiht worden. Neben siebzig Berufsschauspielern haben tausend Laien mitgewirkt. Der Thingplatz von Heldelberg wird I.„der Künstler hat das Recht, eigene Wege zu gehen, denn auf diesem Wege sollen die Völker später nachmarschieren;" n.„das Theater darf keine Experimenüer- stätte mehr sein. Das ewige Schreien der Modemen wird auf die Dauer lästig;" HI.„das Theater muß von zeltnahen Menschen geführt werden. Der Staat hat das Recht und die Pflicht, darüber zu wachen, daß sie in Taktgleichheit mit dem Rhythmus der Zeit marschieren. Auch der Künstler muß in der richtigen Winkelstellung stehen." Um da praktisch nachzuhelfen, ist beim Propagandaministerium ein Referent bestellt worden, der„Die sechs Bücher des Monats", die jeder Deutsche lesen sollte, bestimmen wird. Für Schlesien hat Alfred Rosenberg auf der„Schlesischen Kulturwoche" das Notwendige gesagt. Inzwischen hat die Llpplscbe Landesregierung(das gibt es also noch) die Extemsteine(kleine Felsblöcke mit eingemeißelten Figuren der Frühzelt) zum Natlonal- helligtum erklärt. In Lübeck tagte Anfang Juni die Nordische Gesellschaft zur Vertiefung des nordischen Gedankens, während in Travemünde das Deutsch-Nordische Schriftstellerhaus für solche, die im nordisch-germanischen Sinne arbeiten, eingeweiht worden Ist. In Stuttgart wird eine Festwoche für den deutschen Kulturkreis außerhalb des Reiches vorbereitet. Die Preußische Akademie der Wissenschaften bestimmte 100.000 Mark für die Herstellung eines hundert Millionen Deutsche umfassenden„Atlas des deutschen Lebensraums". Die Sudetendeutschen(die Pest überflutet bereits die Grenzen) haben für die Melodie des„Niederländischen Dankgebetes" einen neuen Text erfunden; er schildert die einzelnen Stufen der„sudetendeutschen Kultur- und Heimatschöpfung". Die im Ausland tätigen deutschen Museumsbeamten und Wissenschafter sind zurückberufen worden. Davon betroffen wird auch die erst kürzlich in die Südsee abgereiste Expedition des Völkerkundemuseums. Auf der Tagung des Deutschen Museumsbundes wurde beschlossen, daß künftighin die Volkskunde ersten Rang habe. Professor Jakobl betonte, daß es nicht anginge, für den Auf" bau asiatischer Paläste, wie etwa das MH®'" Tor in Berlin, Geld auszugeben. Die Museum9* fachleute stimmten Ihm zu. Der Berliner Museums direkter Professor Unverzagt unter* nimmt Mustergrabungen nach germanischeh Altertümern in Zantoch. Das Berliner vorg®* schichtliche Seminar wird während eines gu"* zen Semesters dorthin verlegt. Die In jabf" zehntelanger Arbeit geschaffene Staatlich9 Kunstbibliothek In Berlin muß, ohne daß 919 neue Unterkunftsräume hat, ausziehen, die Staatspolizei das Gebäude beansprucht.& Göttingen findet eine Ausstellung statt„f8* Deutsche Recht in Vergangenheit und Gcg®11 wart"; es soll die weltgeschichtliche Bedeu tung des germanischen Rechts, des einzig®0, noch organisch lebendigen Kulturrecht« � Europa, gezeigt werden. Der literaturhlflt0" ker Professor Dr. Julius Petersen schreibt e*0 Werk„Die Sehnsucht nach dem dritten R®1 in deutscher Sage und Dichtung". In der Nä09 von Heidelberg wird im Juni ein Schulung9 lager des„Dlchterkreises" eingerichtet; 90 Komponisten und Regisseure sind zugela«9®0' Hauptthema: Kultische Festgestaltung. Die Bücherei des Volksblldungsverband®9 Pfalz- Saar Ist von allen fremden Bestand� len gereinigt worden. Die Stadtverwaltung Chemnitz hat die wertvollen modernen aus der sogenannten„Schandausstellung" v denen die städtische Kunstsammlung'•'59*rlrf worden ist, für ein Spottgeld verkauft- U® Direktor des westfälischen Provinzlalmusfium9 in Münster Dr. Hermann Reichling wurde � gen Widerstandes gegen den deutschen danken in Schutzhaft genommen. In Stu gart, im„Haus des Deutschtums", findet e Wenn Hitler säubert! Es bleibt alles beim alten Das erste, was die Hitler und Gdring und Göfcbels nacii dem Kameradenmord wiederfanden, war— die Sprache. Je weniger Volk zu sagen hat— sogar der SA. wurde bekanntlich das Debattleren verboten— desto mehr reden die Führer, denn sie ha- ben's nötig. Und wie sie reden! Göring droht, G ö b b e 1 s beschwört, Hitler droht, beschwört, verlangt, verbietet und befiehlt ohne Atempause und als sei nichts vorgefallen. In der Tat— wenn es auf die Zahl der Fahrerworte ankäme, wäre die deutsche Na- tion gegenwärtig die stärkste der Welt. Nachdem sich aber endgültig herausgestellt hat, daß hinter den leuchtenden Phrasen von der„geeinten deutschen Nation" und von der ..prächtigen SA." mit ihrer„wundervollen Führung" ein ganzer Sumpf von Zwietracht, Fäulnis, Korruption und Lüge steckte, will selbst der stärkste Rundfunkgaul nicht mehr techt ziehen. Da hat z. B. Kitler einen Aufruf an die SA erlassen, der nach den jüngsten Erfolgen der totalen Reglererei geradezu Pikant anmutet. Wir werden, um das Ver ständnis zu erleichtem, jedem Abschnitt den Kommentar voranstellen, den der Kanzler sicher selbst gegeben hätte, wenn er mit Worten weniger kargte: Zwar bewohnt Göring in Berlin, Leipziger Straße 12, eine 40-Zimmer-Villa, deren Gesamteinrichtung einige 100.000 Reichsmark gekostet hat und auf deren Grundstück ein Tennisplatz und eine eigene Reitbahn untergebracht sind; zwar besitzt Herr Göring außerdem hoch ein Jagdschloß in der Schorfheide, neben dem er jüngst(in eine Art Freischützkittel gekleidet) ein fürstliches Wisentgehege 'estlich eröffnete; zwar ist es allen braunen Führern ohne Ansehen der Person jederzeit erlaubt, sich Kroßere und kleinere Güter schenken zu lassen; zwar habe ich selbst, der Führer, ein recht ansehnliches Einkommen aus dem Eücher- und Zeitschriftengeschäft des Eher- Verlages; zwar beziehe ich, der ich großmütig auf mein Kanzlergehalt verzichtet habe, immerhin jährlich eine Aufwandentschädigimg von 200.000 Mark, so daß ich mir neben dem braunen Palast sehr wohl ein Häuschen auf dem Obersalzberg leisten kann; zwar ist auch Göbbels' Villa in Cladow 80 gut eingerichtet, daß man drei Dutzend Ausstattungen für heiratslustige ehemalige ®A-Leute daraus machen könnte; aber— kh verlange insbesondere vom SA.-Führer, oa/J er ein Vorbild In der Einfachheit und nicht "n Aufwand ist. Zwar habe ich schon vor meiner Macht- brgreifung mit meinem Gefolge im Kaiser- hof zu Berlin, einem der teuersten Luxushotels unsrer Metropole, in zehn Tagen eine Rechnung von Uber 4000 Mark gemacht; zwar ist die»nationale Revolution« von allen Ober- und Unterführern mit Freuden dazu benutzt worden, aus der grauen Masse zur goldenen Oberschicht emporzuklettern; zwar habe ich selbst Herrn Thyssen, der gewiß kein Proletarier ist und bei dessen Banketts eine bekannt gute Küche geführt wird, zum Wirtschaftsdiktator ernannt; zwar gibt es kaum noch einen Ort im Reiche, wo nicht Uber den Aufwand, den die örtlichen Hakenkreuzgrößen treiben, über ihre Gelage und Festessen getuschelt und gewettert würde; zwar können diese Verschwender, von denen die meisten früher ein recht bescheidenes Dasein führten, ihre neuen Bedürfnisse nur von den Partelbezügen bestreiten, die aus den Taschen der Aermsten fließen; aber— Ich wünsche nicht, daß der SA.-Führer kostbare Diners gibt oder an solchen teilnimmt. Man hat uns früher hierzu nicht eingeladen, wir haben auch fetzt dort nichts zu suchen- Millionen unserer Volksgenossen fehlt auch heute noch das Notwendigste zum Leben, sie sind nicht neidisch dem, den das Glück mehr gesegnet hat, aber es ist eines Nationalsozialisten unwürdig, den Abstand, der zwischen Not und Glück ungeheuer groß ist, noch besonders zu vergrößern. ich verbiete Insbesondere, daß Mittel der Partei, der SA. oder der Oeffentlichkeit für Gelage und dgl. Verwendung finden. Es ist unverantwortlich, von Geldern, die sich zum Teil aus den Groschen unserer ärmsten Mitbürger ergeben. Schlemmereien abzuhalten. Zwar ist mein braunes Hauptquartier in München seiner feudalen Aufmachung wegen weltbekannt, zwar sind bereits neue Paläste im Bau begriffen, die— dafür verbürge ich mich mit meinem Führerwort— den alten in keiner Weise nachstehen werden, aber— Das luxuriöse Stabsquartier in Berlin, in dem, wie nunmehr festgestellt wurde, monatlich bis zu 30.000 Mark iür Festessen usw. ausgegeben wurden, ist sofort aufzulösen. Zwar ist es bei Görings Jagdfest In der Schorfheide hoch hergegangen, zwar feiern wir auch sonst genug offizielle Feste, die sich der Staat etwas kosten läßt, aber— Ich untersage für alle Instanzen der Partei sogenannte Festessen und Diners aus irgendwelchen öffentlichen Mitteln und ich verbiete allen SA-Führern die Teilnahme an solchen. Zwar wurde in den feudalen»Vier Jahreszeiten« zu München dem italienischen Staatssekretär unlängst ein großes Festessen gegeben: zwar soll man selbst In dieser Luxus- klause noch nie eine derart reichhaltig und schwer gedeckte Tafel gesehen haben; zwar war die Aufmachung ungeheuer prunkvoll; zwar mußten die Kellner in neuen Uniformen mit Goldborten antreten; zwar war das nur e i n diplomatischer Empfang unter vielen gleich gearteten, aber— Ich verbiete allen SA.-Führern und allen Parteiführern im allgemeinen, sogenannte diplomatische Diners zu geben. Der SA.-Führer hat keine Repräsentation zu üben, sondern seine Pflicht zu erfüllen. Zwar besitzt Herr Göring mehrere Autos, darunter ein Spezi almodell Mercedes; zwar stehe ich ihm darin in keiner Weise nach, auch meine Leibmarke ist Mercedes, und ich habe mich selbst damit gebrüstet, daß ich einen großen Teil meines Lebens im Automobil verbringe, nie benütze ich eine Eisenbahn wie andere Sterbliche; zwar schrieb die»Basler Nationalzeitung« nach einer Reichsführertagung:»Mit scheuer Bewunderung sah man die im Rathaushof aufgestellten sagenhaft schönen, mit prima Lederkoffern bepackten Autos.« Zwar erzielte kürzlich Kultusminister Schemm bei einem Bergrennen mit seinem erstklassigen, schnittigen Mercedes die beste Zelt; zwar besitzen alle Dienststellen der SA und auch jene Büros der Arbeltsfront, in denen während der korrupten Gewerkschaftszeit nur Fahrräder existierten, nunmehr ihre eigenen, kostspieligen Automobile (z. B. hat die VerwaltungssteUe des Fabrikarbeiterverbandes in Selb, Oberfranken, nicht nur die alten Holzstühle durch neue Polstersessel ersetzt, sie hat auch das Fahrrad, mit dem vor der»Reinigung« der Außendienst versehen wurde, zum alten Eisen geworfen und zwei schwere Autos dafür angeschafft), aber— Ich wünsche nicht, daß SA.-Führer in kostbaren Limousinen oder Cabriolets Dienstreisen unternehmen oder Dienstgelder für die Anschaffung derselben verwenden. Dasselbe gilt für die Leiter der politischen Organisationen. Zwar haben sich verschiedene von mir eingesetzte Unterführer(durchaus nicht nur die von Amts wegen ermordeten) bei Saufgelagen in München derart aufgeführt, daß in den Kaffeehäusern»Berz« und»Annast« alle Kronleuchter in Stücke gingen, und daß in einem der luxuriösesten Hotels(»Vier Jahreszeiten«) sogar die Kellner rebellierten; zwar ist Herr Ley nicht nur ein berüchtigter Schulden- und dunkler Geschäftemacher(wenigstens war er es früher, ehe er zum Präsidenten der Deutschen Arbeitsfront avancierte), sondern auch ein weithin berühmter Trinker. Selbst auf der Arbeltskonferenz in Genf erschien er in so benebeltem Zustand, daß er entfernt werden mußte; zwar gedenken die Nürnberger noch heute mit Schrecken der torkelnden, gröhlenden und lallenden braunen Banden— mit den SA-Unterführern an der Spitze, aber— SA.-Führer oder politische Leiter, die sich vor aller Oeffentlichkeit betrinken, sind unwürdig. Führer ihres Volkes zu sein. Das Verbot nörgelnder Kritik verpflichtet, zu vorbildlicher eigener Haltung. Gelder können jederzeit ersetzt werden, schlechte Aufführung nicht. SA.-Führer daher, die sich vor den Augen der Oeffentlichkeit unwürdig benehmen, randalieren oder gar Exzesse veranstalten, sind ohne Rücksicht sofort aus der SA. zu entfernen. Ich mache die vorgesetzten Dienststellen verantwortlich dafür, daß durchgegriffen wird. Von den staatlichen Stellen wird erwartet, daß sie in solchen Fällen das Strafausmaß höher bemessen, als bei Nicht-Nationalsozialisten. Der nationalsozialistische Führer and insbesondere der SA.-Führer soll im Volke eine gehobene Stellung haben. Er hat dadurch auch erhöhte Pflichten. Ich erwarte von allen SA.-Führern, daß sie mithelfen, die SA. als reinliche und saubere Institution zu erhalten und zu festigen. Zwar haben wir es an»Kammern«,»Stäben« und»Reichsstellen« niemlas fehlen lassen; zwar verschlingen diese Einrichtungen heute noch gewaltiges Geld; zwar haben wir in Goslar einen Reichsnährstand geschaffen, durch den allein 3000 neue Posten vergeben wurden; zwar hat Göbbels viele hundert Kulturtreiber eingesetzt, und Herr Darr6 die Kultur- referentin Edith von Kober, aber— Ich wünsche nicht tausend unmögliche und kostspielige Stäbe. Zwar bliebe, wenn alle Homosexuellen aus der SA-Mannschaft und aus der SA-Führung entfernt würden, nur noch ein jämmerliches Häufchen übrig; zwar ist, obgleich es einen 5 175 Flht, Minister Heß heute noch mein Stellvertreter; Baldur von Schirach heute noch Jugendführer, Herr Kaufmann heute noch Staathalter von Hamburg, Helmut Bruckner heute noch Oberpräsident in Breslau, Koslo heute noch Gauleiter der SA In Liegnitz; zwar Ist es unter den deutschen BUhnen- angehörigen allgemein bekannt, daß im Dritten Reiche nur die»unglücklich Veranlagten« eine gute Theaterkarriere machen; zwar herrschen In der Hitlerjugend erschreckende Zustände, abertausend Gruppen sind Schulen der Homosexualität, aber— kh möchte insbesondere, daß jede Mutter ihren Sohn in SA., Partei und Hitlerjugend geben kann, ohne Furcht, er könne dort sittlich oder moralisch verdorben werden. Ich wünsche daher, daß alle SA.-Führer peinlich darüber wachen, daß Verfehlungen nach§ 175 mit dem sofortigen Ausschluß des Schuldigen aus SA. und Partei beantwortet werden- Zwar ist noch niemals In der deutschen Geschichte soviel posiert, geschauspielert und deklamiert worden wie heute bei Führerempfängen, Reichsfeiern und anderen offiziellen Gelegenhelten; zwar besitzt Göring sicherem Vernehmen nach nunmehr 68 Uniformen, zwar erschien er kürzlich bei seinem Jagdfest in der Schorfheide In phantastischer Jägertracht, zwar zog er sich dann plötzlich um und trat unter Fanfarenklängen als Siegfried, mit dem Speere In der Faust, hinter den Bäumen hervor, von der Herren- und Damengesellschaft(Frack, Gesellschaftskleidung) mit nicht geringem Staunen begrüßt, zwar empfing er selbst an dem Tage des Kameradenmords die Auslandspresse in stahlblauer Fliegeruniform mit silbernen Streifen, aber— Ich will Männer als SA.-Führer und keine lächerlichen Affen. Der Führer hat gesprochen, die Welt hat es gehört, es bleibt alles beim alten! Ausstellung des Gesamtwerkes des Dichters Joseph Ponten statt; das Hauptstück ist der 11111 größter Sorgfalt auf Tafeln ausgeführte Stammbaum Pontens, der deesen reinarische Abstammung zeigt. In Berlin gab es, unter ochcnbkiH Herausgeber: Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn! Druck;„Graphia"; alle in Karlsbad- Zeitungstarif bew. m P D. ZL 159.334'VII-1933- Der„Neue Vorwärts" kostet Im Elnz6'* verkauf innerhalb der CSR KC 1.40(für ein Ouartal bei freier Zustellung Kö 18.—) Pr®lv der Einzelnummer im Ausland K£ 2.— 24.— für das Ouartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung;(die Bezugspreise fuf das Ouartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60) Belgien Frs 2.-(24.-). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzlg Guld O.W (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—). Estland L* Kr. 0.22(2.64). Finnland Fmk. 4—(48.—-'' Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannieu d 4.-(Sh. 4.—) Holland GId 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20). lugoslawien Din. 4.50(54.--'' Lettland La t. 0.30(3.60), Litauen Lit 0.55(fi.«"' Luxemburg B. Frs. 2—(24.—), Norwegen K1"- 0.35(4.20). Oesterreich Sch. 0.40(4.90). Pf! lästma P Pf 0.018(0.216), Polen Zlofv ü-50 (6.—), Portugal Esc- 2.—(24—). Rumänien Lei 10—(120.—), Saareebiet F. Fr. 1.50 d"- Schweden Kr. 0.35(4 20). Schweiz Frs. f-3" (3.60), Spanien Pes. 0 70(8.40). Ungarn Pen?0 0.35(4.20) USA. 0.08(0 96). Einzahlungen können auf folgende P0,' scheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei- Zeitschrift„Neuer Vorwärts" Karlsbad, Pra2 46.149. Oesterreich:.Neuer Vorwärts" Karlsbad. Wien B-I98.304. Polen:.Neuer Vorwärts• Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz:.Neuer Vorwärts" Karlsbad. Zürich Nr. VITI\*-W- Ungarn: Anglo-Cechoslovakische und Präge Creditbank. Filiale Karlsbad. Konto..Neuer Vorwärts" Budapest Nr. 2029. lugoslawien- Anglo-Cechoslnvakische und Prager Creditbank, Filiale Belgrad. Konto„Neuer yoj[" wärts", Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeicw nung der Konten ist erforderlich. Oranienburg Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten Von Gerhart Seger Mitglied des Deutschen Reichstags der V., VI., VII. u. VIII. Wahlperiode Mit einem Geleitwort von Heinrich Mann Die Schrift ist eine Anklage gegen das System der Gewalt, dem Zehntausende unschuldige Menschen in den Konzentrationslagern ausgesetzt sind. Der Verfasser läßt seinem Berichte die Eidesformel vor deutschen Gerichten vorangehen:„Ich schwöre, daß ich nach bestem Wissen und Gewissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde!" Er hat das Manuskript als Strafanzeige gegen die mit vollem Namen angeführten SA-Verbrecher dem Reichsjustizminister, dem Oberreichsanwalt und dem Staa'schef der SA gesandt Die Antwort darauf war die sofortige Ueber- führung der in Deutschland lebenden Frau mit dem neunzehn Monate alten Kindchen des Verfassers in das Konzentrationslager Roßlau, aus dem sie nach drei Monaten unter dem Druck der allgemeinen Empörung besonders in England befreit worden ist. Preis in: Belgien 10.50 Frsi/ Bulgarien 48.— Lewa' Dänemark 2.10 Kr. I Frankreich 7.50 Frs. I Großbritannien—.1.10 Pfund Sterling I Jugoslawien 24.— Dinar I Niederlande 0.75 Gulden' Oesterreich 2.60 Schilling' Palästina—.100 P. Pfd.! Polen 2.60 Zloty/ Rumänien 55.— Lei' Schweden 1.90 Kronen Schweiz 1.55 Frs./ Tschechoslowakei 10.— Kc/ USA.—.50 Dollar. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt „Graphia" Karlsbad CSR.