Nr. 57 SONNTAG, 15. Jeiü 1934 Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Unsere Totenliste Schleicher-das Ende einer Utopie Schachts Kapitulation Die Wahrheit über die Mordtage Ist erschDtter Rettung durdt Yolkspolitik! Das System ist über die erste blutige Etappe seiner Umwandlungskrise hinweg- gekommen— aber nur um den Preis Schwerster Erschütterung. Die Geologischen Hüllen fallen in Fetzen her- Utlter, nackt und bloß steht der Despotismus vor dem Volke. Die Künste der Lüge vcrfangen nicht mehr. In der Spitze des Systems rast der Machtkampf. Der bürokratische Apparat ward locker, er dient •Gm System, blickt aber schon zum Ver- rat bereit auf die kommenden Herren oder die, die er dafür hält. Vor einem hal- ®cu Jahre schien ihm die Hitlerherrschaft �r alle Ewigkeit gesichert, dann wurde ein Sturz Hitlers für möglich gehalten, sPäter für wahrscheinlich, und heute rech- "cu die Optimisten mit wenigen Monaten üud bemühen sich um die Nachfolger. Weit, weit unter diesen Vorgängen lebt uie Masse des Volkes in düsterem Schat- �en. völlig getrennt, durch Verbote und Terror eingeengt. Vor den Kartoffelläden stehen Schlangen, die Lebensmittelpreise Zeigen, voll banger Sorge denkt das Volk an den kommenden Winter. Zunehmende Arbeitslosigkeit, während sich in den Nachbarländern Konjunkturanstieg zeigt, steigende Preise, drohender Mangel. Alle Gsionen auf besseres Leben sind zerstört. Die Männer des Systems zeigen alle Symptome der Torschlußpanik. Bald wer- sie aus Furcht vor dem Ende das olk mit neuem Terror anfallen wollen! Noch mehr Schweigen, noch weniger Wahrheit! Der hysterische Ausbruch des Röbbels gegen die Weltpresse läßt einen esPerado erkennen, der nichts mehr zu �erlieren hat. Im März 1933 griffen Hit- er. Göbbels und das Reichskabinett gegen e Weltöffentlichkeit zum Judenboykott heute bleibt ihnen nur die Waffe der usweisung, der Zeitungssperre, des Ver- SUchs der Drosselung der Wahrheit, die Slch nicht mehr drosseln läßt. Jedermann lest aus diesen Ausdrücken die Furcht vor nahenden Ende heraus. ., Wo ist die»F ü h r u n g«? Es gibt eine Politik mehr, nur noch Revolver- �Pf um die Macht. Der»Führer« macht ankrott. Er wird vor den Schatte n- eichstag treten, er wird Erklä- j ngen abgeben, auf die Außenpolitik ab- �ken, seinen Friedenswillen beteuern. � er welche zusammenhaltende Kraft �n von einer solchen Demonstration des �'stems noch ausgehen, das wie von den �rien gehetzt sich selbst von innen her- verstört? Was vermögen Worte und � järungen, wenn der geistige Bann zer- Vielleicht werden die Männer des Sy- -l,ems dem Volke das Schauspiel einer in p r e � e und Vertrauen geeinten 'Vierung bieten! feierlicher Aufmarsch der Reichsmini- aiT VOr c*em Reichstag, von denen jeder jj'Üe Frage stellt: Wer erschießt j, ,n � e n? Und wer führt wen vor den eichstag— von dessen sogenannten Ab- tin rrlneten jeder ein Todeskandidat oder Pu AIörciergenosse ist, je nach dem Stand- ■»,. 11 kt, von dem aus man es betrachtet. OoVi* ten p eine jede Sitzung dieses sogenann- von'chstages war eine Komödie, erfüllt \?r,. Tf'Ug und Lüge, ein Hohn auf jede aus Nationalsozialisten gestellt worden ist Wo ist das Band, das diese 639 Nationalsozialisten mit dem Volke verknüpft? Der engere Kreis versammelt den weiteren Kreis seiner Mitschuldigen um sich. Die Kreaturen müssen teilnehmen am Verbrechen wie an der Verantwortung! Sie müssen bezahlen für ihre parasitäre Existenz, sie müssen mit hineinwaten in den Blutstrom, sie müssen erklären, daß die Morde»rechtens« waren. Sie dürfen sich nicht drük- ken. Ihre Führer klammem sich an sie fest, um von ihnen einen Legalitätsschein für ihre Verbrechen zu erhalten und um nicht allein untergehen zu müssen! Diese Kreaturen sind Teile des verbrecherischen Systems. Ueber ihrer Zusammenkunft hängt die Drohung des Zusammenbruchs, hängt der Tod! Das System kämpft um seine Festigung. Die Gegensätze sollen neu verhüllt werden. Die Machtgruppen suchen sich zu konsolidieren. Neue Intrigen, neue Ver- schwörungen sind im Gange. Das Bild wechselt täglich— aber die großen Linien treten immer wieder hervor. Hier Hitler und die Reichswehr— dort Göring, die Polizei und die SS. Wo aber steht die nationalsozialistische Partei? Sie ist trotz ihrer ungeheuren numerischen Stärke, trotz ihrem aufgeblähten bürokratischen Apparat ein Schemen und kein Machtfaktor. Es ist als wäre sie nicht vorhanden! So stehen die nationalsozialistischen Halbgötter im Leeren, selbst Kreaturen der Wenigen, die über Militär oder Polizei befehlen können. Die Erfah- rungen des Killinger am 30. Juni zeigen die Schwäche ihrer Position. Dieser Mann, sächsischer Ministerpräsident, getragen angeblich von dem einmütigen Willen der sächsischen Bevölkerung, von der gesamten nationalsozialistischen Partei, wurde auf Befehl Görings verhaftet, wieder enthaftet, seiner Positionen als SA-Führer enthoben. Niemand weiß, ob er noch sächsischer Ministerpräsident ist! So geht es den Wagner, den K u b e, den Lutze, den Göbbels— sie können Parteigänger im Machtkampf sein, aber sie selbst sind ein nichts, bloße Kreaturen. So ist es nur folgerichtig, daß im Machtkampf eine neue Note hervortritt— das verzweifelte Bemühen dieser Männer, die Reste der SA zu retten als Garanten ihrer Stellung und ihres Lebens. Was kommt nun? Möglich, daß die»Männer der Tat« und die Machtgruppen, vom Blutopfer erschöpft, In Ermat- tung sinken, daß sich das System stabilisiert und weiterherrscht, menschenfeindlich, zerstörend, terroristisch, mit Blut befleckt und vom Tode gezeichnet. Möglich, daß neue blutige Ueberraschungen sich aus dem Innern des rasenden Machtkampfes erheben! Das grauenhafte Spiel wird weitergehen, solange weit, weit unten die Masse des Volkes in düsterem Schatten schweigend und willenlos verharrt, ohne feste Vorstellung von der politischen Kraft, die das blutbefleckte System ablösen, von der Politik, die nach der Befreiung getrieben werden soll! Wir sehen, daß in der grauen Masse die sozialistische Idee neue Kraft gewinnt Wir sehen das Erwachen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, eine Wiedergeburt dessen, was viele für immer verloren glaubten. Ein Wiederzusammenschluß und Wiederaufbau ist im Gange. Hier ist der Kristallisationspunkt, die Hoffnung, an die das Volk anknüpfen kann, wenn es den Ausweg sucht. Nicht Führerpolitik, nicht Herren, Generale und Präsidenten werden das Volk retten, sondern wahreVolks- Politik, getragen von der lebendigen Bewegung und dem Bewußtsein des Volkes! Das Sdildcsal der SA Rettungsversuche von Göbbels, Lutze und Genossen. Die nationalsozialistische Presse versichert: die SA kommt wieder! Die Verratenen sollen durch Hoffnungen von der Rebellion abgehalten werden. Die SA kommt nicht wieder! Was wieder kommt, wird eine mllltärähnllche Formation von der Stärke der SS. sein— also rund 300.000 Mann von 2% Millionen. Sie wird unter dem Oberbefehl» der Reichswehr stehen. Das war der Sinn des Geschäfts, das Hitler und Blomberg in ihrer außenpolitischen Bedrängnis machen wollten! Der»Daily Herald« hat darüber folgendes berichtet: »Vor vierzehn Tagen hielt sich Hitlers Sondergesandter v. Rlbbentrop In Paris anf. Er kam mit dem französischen Außenminister Bartbou zusammen nnd versprach ihm, daß Hitler, wenn Deutschland die vom Lordsiegelbewahrer Captaln Eden umrlsscnen Anfrüstnngspläne bewilligt erhielte, seine Sturmtruppen nicht nur.entmilitarisieren'— das hatte er bereits Captaln Eden zugesagt— sondern sie auch sofort anflösen werde. Barthon war auf der Hut und antwortete, die französische Regierang könne sich nicht auf Versprechungen einlassen, sie müsse Beweise für deren Aufrichtigkeit erhalten. Rlbbentrop bat um eine Frist, um von seiner Regierung Anweisungen zu erbitten. Nachdem er in Berlin gewesen w�r, kehrte er mit der Zusicherung zurUck, daß die verlangten Beweise binnen Kürze geliefert werden würden. Dasselbe Versprechen wiederholte er dem Ministerpräsidenten Doumergue gegenüber.« Die Köpfe der SA. sind abgeschlagen— aber die Hitler und Genossen sind voll Furcht. Sie fürchten die Vergeltung einerseits— und sie fürchten sich andererseits, ohne den Arm der SA. nackt und bloß dazustehen. So gehen bewußte Lügen und aufrich- Sie.f* m ksvertretuug! Diese Tagung aber trägt �tische Züge! Wo ist nun der un- dea.0llre®erg papierener Stimmzettel, auf en Spitze ein sogenannter Reichstag Pie Wahrheit über die Mordtage Warum keine Toienliste f— Unzählige private Morde— Nene Terrorwcllc— Pogrome DeutsoUand wartet a«f die liste der er- schosseaen„VerrHter"—» die Regierung schwelgt. Das Ausland wartet auf die immer wieder angekündigten„Enthüllungen" —*■ die deutsche Regierung schwelgt. Die gleichgeschaltet« Presse hilft sich mit Verle- genheitsOuakein über die angeblich abgeschlossene) von Hitler selbst durchgeführte .„zweite Revolution" hinweg— die deutsche Regternng schweigt. Die Obersten reden, eher sie reden Nebensächlichkeiten, sie stammein Ungewisses, sie versuchen, Uber die Toten, deren Zahl noch nicht genannt wurde, zur Tagesordnung überzugeben. Es ist sonst nlobt die Art der deutschen Erneuerer, zu wenig zu reden. Was also ist geschehen? Kleine Meldungen In der Provinzpresse, illegale Berichte aus dem ganzen Reich geben Zeugnis von den Dingen, die sich In Wahrheit ereigneten. Nur ein Ausschnitt: In Hirschborg wurden alle männlichen Juden, mit Ifaneh der evangelische Pfarrer Warkow and der Ka< plan Beek verhaftet. Die gefangenen Jaden wurden grauenhaft mißhandelt, vier von Ihnen, drei Männer und eine Frau verschleppt nnd erschossen. Der Stadtbaurat Pampbausea aus Waldenburg wurde erschossen aufgefunden.„Die Ermittlungen nach den Tätern sind eingeleitet worden," berichtet die K sei presse. In der Talsperre BoberrOhrsderf(Schi.) wurde die Leiche eines Mannes gefunden. Von der nahegelegenen Turmstelnbaude führten Blutspuren zur Sperrmauer. Der Name des Toten Ist angebllcb nicht bekannt. Jeden Tag treffen neue, gleichartig« Meldungen ein. Aue ihnen ergibt sich die grauenhafte Wahrheit: In den Tagen der„zweiten Revolution" sind in ganz Deutschland angezählte Privatrachen ausgetragen worden, sind In ganz Deutschland zahlreiche Morde geschehen, die mit der „Verschwörung" gegen Hitler nicht das mindeste zu tun haben. Konkurrenten wurden beseitigt, Juden gekillt, Marxisten mißhandelt und getötet— eine neue Nacht der Isngen Messer, viele Nächte blutiger R s s e r e 1 sind Uber das gequälte, geschändete Reich hinweggegangen. Die deutsche Regierung schweigt, sie weiß, warum. Die deutsche Regierung ver- öffeutücht keine Tuteulla te, sie weiß warum Sie kann, sie darf nicht sprechen, denn wee in Deutschland in den ersten Juli. tagen geschah, Ist zu grauenhaft, um geschildert, ist für die Verantwortlichen zu belastend, um in der Oeffentüchkelt debattiert zu werden. Und noch eines verhindert die AufsteiluBg der Totenliste— die Regierung seihst kennt Zahl und Namen der Opfer nleht! Aber das Grauen läßt steh nicht durch Schwelgen und Ausflüchte aus der Welt schaffen. Die Schuldigen, die tagelang Mordfreiheit in Deutschland gaben, werden in kurzer Zeit vor dem Gericht der Welt stehen, die Wahrheit wird ihnen tausendfach entgegengehalten werden. Pie Mörder und die Opfer Beobachter« mit zwei untereinander stehen- den großen Schlagzeilen: Das Relebskabinett dankt dem Führer und gelobt treue Gefolgschaft. Ministerpräsident Görlng zum Beicbs- jägermeister ernannt. Auch für den Kameradenmord— eine neue Uniform.! Wir sind sicher, die Liste der»Männer der Tat« ist nicht abgeschlossen, sie wird noch erweitert werden! Aber die andere Liste, die Liste der Erschossenen? Etwa 50 Tote gibt das System zu, 241 Tote nennt eine private QueUc, davon 122 in München, 00 in Berlin, 54 In Breslau, vier in Dresden, einen in Stuttgart. Aber wir erfahren aus zuverlässiger Quelle, daß allein In Berlin-Llehterfelde 81 Sr- schleSungen vorgenommen worden sind! Wir kennen die Methode de« schwelgenden Mordes! So hat die Gestapo unsere Genossen verschleppt, ohne daß Frauen und Kinder um Ihr Geschick wußten! So verschwanden unsere Genossen In den SA-Kasernen und kamen nicht wieder zum Vorschein, so wurde im Geheimen verschleppt und gemordet. Wir haben eine Namensllste unserer Todesopfer— aber wir wissen nicht, wieviele darüber hinaus Im Stillen gemordet worden sind. Der schwelgende Mord bezeichnet die Infamie des System« und seine Feigheit zugleich! tlge Sorge diHcheinandcr. Alle offiziellen Sohioltsol SA. zeigen diese Halbheit. Der neue Stabschef Lutze, ein Mann au« der zweiten Garnitur, sucht die SA. zu beschwichtigen mit den Worten: »Mit Stolz kann Ich sagen, daß die ganze SA. sauber ist und demnächst wieder mit erhobenem Haupt das Braunhemd tragen kann.« Also Rückkehr der gesamten SA.? Aber nein: »Er gibt allerdings mit aller Bestimmtheit seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß eine Neuorganisation durchgeführt werden maß und durchgeführt werden wird, weil sie eben unbedingt notwendig ist. Ob in dies«m Zuge eine zahlenmäßige Verringerung der Sturmabteilungen erfolgen wird, ist nicht ganz ausgeschlossen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Chef des Stabes aus den braunen Formationen ein unbedingt sauberes und politisch zuverlässiges Instrument der Bewegung zu raachen entschlossen ist,« Erst alle unbedingt sauber— dann groß« Reinigung notwendig? Die offizielle Verlautbarung sucht den schreienden Widerspruch tu lösen mit der Behauptung, daß«Ich In die SA.»politisch unzuverlässige Elemente von Kommunisten, Sozialdemokraten, Deutschnationalen und aus dem Stennes- lager« eingeschlichen hätten. Diese kläglichen Lügen und Finten zeigen r.ur eins: die große Sorge und Beklemmung. die der Zwang zur Auflösung der SA. bei den Resten der Hitlergruppe hervorruft! Die Sorge äußert sich noch In anderer Form; sie werben und winseln um die sogenannte alte Garde. So Heß: »Die Partei hat ihre alte SA. nicht ver- •geasen. Das alte htstortsche Verhältnis zwischen Partei und SA. wird wiederhergestellt Es gilt heute, die SA- zartlokzuru- len auf ihre alten Aufgaben, in denen sie einst groß geworden Ist.« Ebenso Kube, der die SA. an Ihre ersten Zeiten erinnert.»Mercedes und Horch gab es für uns noch nicht. Also gingen wir zu einem Parteigenossen, der uns zu Butter und Brot eingeladen hatte.« Er beschwürt die Versammlungsscblachten und»Severings Gummiknüppel« herauf— wohl noch nie ist dar Name Severing Ip einem Na»-ArUkel so oft genannt worden wie In dieser Jeremiade von Kube! Es ist ein kläglicher Versuch, den Zorn der Verratenen zu bannen durch die Zauberformel»Severing«! Dl«»alte historische Rolle«— das läßt erkennen, wie einsam und gefährdet sich die Heß, Kube, Göbbels und Genossen ohne die SA. fühlen, wie sie das Grauen im Bücken be- scbleloht, wenn sie(He SA nicht mehr dahinter wissen! So ergibt sich ein sonderbares Faktum: die Männer, dio der Reichswehr, den Thyssen und Krupp die Häupter der SA. geopfert haben, um die SA. beseitigen zu können, mochten nun retten, was noch zu retten Ist! Ihre Beschwörung Ist mehr als Beschwichtigungslüge, es Ist Angst! So hat GObbels an Lutze telegraphiert: »Ich sehe Deine erste Aufgabe darin, dafür Sorge zu tragen, daß nleht offene und getarnte Gegner die Möglichkeit haben, ihre Abneigung gegen den Nationalsozialismus an unserer im Kern und in der Masse braven und tapferen SA. auszulassen.« Das klingt verzweifelt ähnlich wie der letzte Befehl von ROhm, In dem er den Feinden der SA. eine gebührende Antwort ankündigte! Und ähnlich die Antwort des Lutze: »Immer war der SA-Mann treu und ist auch heute noch der alte. 8o wie wir beide in den ersten Anfängen der Partei zusammenstanden, so werden wir auch In Zukunft immer zusammenstehen.« Hier werden neu« Nlbelungenschwüre ausgetauscht! Das ist mehr als eine kleine Lebensversicherung gegen eine SA-Rebellion. Es Ist der Ausfluß eines beWeramenden Gefühls, daß das Schicksal im Gange ist. Sie spüren den Griff an der Kehle. Der eigene Absprung ist ihnen nicht gelungen, und so stöhnen die Verräter und Mörder: SA. hilf! Der 30. Juni war deshalb kein Abschluß. Der"Kampf um die SA. geht weiter, neue unerwartete Ueberraschungen sind täglich möglich. Aber In der großen Linie vollzieht sich ein folgerichtiger Prozeß! Welse Yoraussidit Von allen Ministern des Kabinetts Hitler kann nur einer sich rühmen, die Ereignisse vorausgesehen und sich darauf rechtzeitig eingestellt zu haben: der Reichsinnenminister Frlck. Er erließ nämlich in seiner Eigenschaft als preußischer Innenminister bereits am 28. Mai 1934 einen Runderlaß an Behörden, Gemeinden usw., wonach Um- und Neubensnuungen von Straßen nach lebenden Personen nicht mehr stattfinden dürfen. Die Männer, die den Mord befohlen haben, tragen Sorge, daß auch die bekannt worden, die ihn ausgeführt haben. Sie haben mit der Veröffentlichung der Liste begonnen. Noch ist nicht bekannt, wer den ganz besonders brutalen Mord an General Schleicher ausgeführt hat neben dem die schlimmsten Greualgescbichtca aus dem Kriege verblassen, noch weiß man nicht wer Klausener erachoü, wer die Schützen in den Erechießungspelotona waren—* aber auch diese Namen werden noch bekannt werden; denn Hitler und Göring werden sie öffentlich belohnen! Die erste Welle öffentlicher Belohnung ist niedergegangen. Die Presse der NSDAP. feiert die Werkzeuge Hitlers und Gorings, Sie nennt die»Männer der Tat«, die am 30. Juni eine hervorragende Rolle gespielt haben. aie UbergieBt sie mit Lobsprüohen und veröffentlicht ihre Bilder. Es sind: Heinrich Himmler, Chef der Ge- s t a p o. SS-Gruppenführer Staatssekretär K ö r- ■ ar s, SS-Gruppenführer Heydrioh. SS- Standartenführer Wolf f. Die beiden leisten sind die Adjutanten Himmlers. Ebenso auffallend wird eines anderen»M annea der Tat« gedacht. Auch sein Bild geht durch die ganze deutsche Presse, und 1A auffälligster Form wird seine Beförderung Mitgeteilt:»Der Reichsf Uhrer der SS. gibt amtlich bekannt, daß der Gruppenführer Joseph Dietrich, FOhrev der Obergruppe Ost und Kommandeur der Leibstandarte, vom Führer persönlich zum Obergruppenführer befördert wurde.« Bin Bild zeigt diesen Mann zusammen mit dem zweiten Leibwächter Hitlers, dem Oberleutnant Brückner, Adjudant Hitlers, der ebenfalls lobend unter den Männern der Tat erwähnt wird. Die Häuptel genachaft dieses Brückner ist, wie die deutsche Presse mitteilt, daß er ausgezeichnet Pistole schießen kann! Befördert wurden ferner zwei Münchener Stadträte, Christiaa Weber, Emil Maurice. Der erste wurde SS-Oberführer, der zweite SS-Standartenführer. Der erste ist der Mann, der Röhm In Bad Wlessee verhaftete und Heines erschoß. Der andere verhaftete In München. 122 Personen wurden In München erschossen! Hitler bat sich auch des neuen Stabschefs Lutze versichert. Er muß in«einer nächsten Nähe in der Reichskanzlei wohnen, Hitler, Göring und Göbbels haben«ich dieser Männer durch die Veröffentlichung ihrer Namen versichert, sie haben ihnen durch die öffentliche Belohnung das Brandmal der Schuld öffentlich aufgedrückt. Für diese»Männer der Tat« gibt es kein Zurück mehr. Sie fallen mit den drei — wobei es nur fraglich bleibt, welche beiden der drei von ihren Händen im Auftrag des anderen zuerst fallen werden! In diesen öffentlichen Belohnungen liegt eine dunkle, drohende Note. Göring aber hat sich selbst belohnt, und in dieser Belohnung drängt sich aller Wahnsinn zusammen! Am 4. Juli erschien der»Völkische Der Fall Göbbels Unter den Erschossenen des 30. Juni befindet sieh Gregor Strasse r, von dem sein Bruder Otto behauptet, daß Hitler bis in die letzten Junitage mit ihm Uber seinen Eintritt in das Kabinett verhandelt habe, wobei Gregor Strasser als Haupt he dingung die Entfernung Göriaga forderte. Im Falle Gregor Strasser handelt es sich um einen ganz besonders sorgfältig vorbereiteten Mord. Otto Strasser weist auf G ö- ring, der seinen Bruder mit Mordanschlägen verfolgt habe. Es läßt sich indes nicht Ubersehen, daß der Haß von Göbbels gegen Strasser nicht minder groß war. Als das Buch von Göbbels»Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei« erschien, haben sich alle Kenner der Ereignisse gefragt; warum dieser Haßausbruch gegen Gregor Straaser? Es war unverkennbar, daß hier •in»Tagebuch« konstruiert worden war, um die These zu beweisen,»Gregor Strasser war immer ein Verräter«! In diesem Buch agieren In der Hauptsach« vier Personen: Göbbels, Hitler, Strasaer und Schleicher. Strasser spielt dabei die Rolle des Bösewichts in der Tragödie. Die Gesohlchtsfälschung war offenkundig. ihr« Zweckbestimmung sohlen es auch— aber daß Mord, nicht Verhaftung oder Verfolgung beabaiohtigt war, das Ist erst jezt klar geworden. Göbbels, der Virtuose des Verrat«, hat Gregor Straaser glühend gehaßt, well er Ihn verraten hat. Wen hat Göbbels nicht verraten, seitdem er sich in Bamberg dem sozlaUstlschen Flügel der Nationalsozialisten von Hitler abkaufen Heß! Er bat damals um Sold seine Freunde verraten, er hat Otto Strasser so gut verraten wie S t« n n e s, er hat Feder verraten, Frlck kann ein Lied von der Göbbelstreue singen, und jetzt werden gegen Ihn Anklagen erhoben, er habe Röhm verraten! Wahr ist, daß Göbbels Immer die Rolle des Sozial radikalen, des Mannes von der zweiten Revolution gespielt hat. Wie war es bei der Einführung der verruchten Arbeitsgesetze? Hat Göbbels nicht geradezu die zweite Revolution angekündigt? Hat er nicht die Demagogie der schwieligen Faust geliebt wie kein anderer?" Hat er nicht gerne»das sozialistische Pferd aus dem Stall gezogen«? Hat er sich nicht als besonderer politischer Schutzgott der SA gebärdet? Der Verrat ist das Wesenselement dieses l Menschen.' Nicht umsonst hat ihn Hitler beim Zuge zum Kameradenmord mit sich genommen, gewissermaßen in persönliche Schutzhaft! Aber es scheint, daß Göbbel« jetzt schon die Gefühle eines Schwimmer« kennenlernt, der sich noch hält, aber da« Ende kommen- fühlt! Sdbledit gdogen! Auf einer Cauleltertagung der NSDAP, i" Flensburg sprach Hitlers Stellvertreter, Heieh»* mtnlster Heß; »Durch den verdienteu Tod von eine"1 Dutzend Meuterer ist ei» furchtbare® Blutbad verhiadert worden!« Zur gleichen Zeit beriebtet der»Völkische Beobachter« Uber eine Unterredung mit d*"* neuen»Stabschef« Lutze; »Der Chef des Stabes erklärte mit alle1" Entschiedenheit, daß kein SA-Mann zu dem Verräter Röhm goataB- den hätte. Bei dam ganzen Spuk handelte es sich lediglich um eine reine Führerrevolte. Und auch von den Führern es nur ein ganz kleiner Kreis, der die Rebelhan mitmachen wollte.« Da haben zwei Lügen einander widerleg*' Wieso wäre es zu einem furchtbaren Blutbad gekommen, wenn kein SA-Mann hinter der»zweiten Revolution« gestanden hätte* Wenn es aber nur ein ganz kleiner Krei®- überhaupt nur ein Spuk war— warum mußte» hunderte sterben? Angst Der Virtuose in der Vergewaltiguag00 Meter findet sich eh» Posten. Noch am 4. Juli hatte die Polizei höchste Alarmbereltsoh&ft. Was sich tatsächlich ereignet hat, haben wir hier erst aus dem Ausland erfahren. Die Ermordung Schleichers hat in weitesten Bevölkerungskreisen tiefe» Bedauern und Mitleid ausgelöst. Aus vielen Orten des Rheinlandee erfahren wir, daß mit den SA-Untforraen zugleich die Hakenkreuzabseichen von den Straßen verschwunden sind. In Aachen dagegen tragen die SA-Leute noch Uniformen. terieben geradezu finanziert? Hier kann mr Schmiergeld Im Spiel seh», Schmierfeld in grober und feiner Form, Korrum- ilerung durch Bankette und Korrumple- ■ung durch Schecks."' Sehr richtig! Leers hat nur ein paar Kleinigkeiten vergessen: wer hat den braunen Palast in M ü n e h e n gestiftet, wer die braunen Schlösser tiberall im Keioh? Wer hat Oörlngs Palais finansiert, wer bezahlt das luxuriöse Leben, das die braunen Benzen heute noch führen?—„Hier kann nur Sohmiergeld im Spiel sein." Aber Über di«- s e n Teil der braunen Korruption darf erst nach der dritten Revolution geschrieben werden. Und dann wird sloh's wieder herausstellen, daß die überlebenden Hakenkreuz- Schieber„längst alles gewußt haben." !§)dbadbi§i Miederlage In England Das Ende der Großmäuligkeit— Vernichtung der Handelspolitik— Wachsende Arbeitslosigkeit— Steigende Inflationsfurcht Die blutige Metzelei der Hitler und Gö- Hng, die die politische Isolierung Hitler- Deutschlands vollendet hat, hat auch viel dazu beigetragen, die Niederlage In den Translerverhandlungen zu vergrößern. Die deutsche Gangster-Regierung ist kein ebenbürtiger Verhandlungspartner mehr und der Anschlag der Ressort-Gangster auf die ausländischen Geider ist kläglich mißlungen. Was für Töne hatte noch zehn Tage vor der Schlächterei der Hitler- Genosse Schacht angeschlagen! Eine Bevorzugung der Dawes- und Younganleihe, führte er vor der eigens zusammenberufenen Auslandspresse aus, dürfe nicht erfolgen. Die Einführung eines Clearings, drohte er, würde Deutschland einfach mit der Ablehnung jeglichen Verkehrs mit den betreffenden Ländern beantworten. Und dann formulierte der betrügerische Bankerotteur, wie ihn jetzt endlich auch das Ausland nennt, noch Bedingungen! Erstens: Wiedergabe der Kolonien. Zweitens habe das Ausland einen Mehrexport deutscher Waren in dem Ausmaß zuzulassen, in dem es die Bezahlung der Schulden wünsche. Drittens müsse ein entsprechender Nachlaß an Kapital oder Zinsen gewährt werden. Sonst! Sonst könne sich Deutschland auch eines Tages sagen, daß es nicht mehr so stark am Zahlen interessiert sei! Die Gläubiger-Staaten, und diesmal vor allem England, ließen sich nicht einschüchtern. Die englische Regierung ließ sich von ihrem Parlament zur Einführung eines Zwangsclearings bevollmächtigen, und die deutsche erklärte nicht etwa unter dieser Drohung nicht verhandein zu wollen, sondern schickte schleunigst eine Vcrhand- lungskommission nach London. Verhandlungskommission ist übrigens noch eine viel zu weitgehende Bezeichnung. Denn über die famosen Bedingungen Schachts haben die Engländer überhaupt nicht gesprochen. Die wurden mit einer Handbewegung vom Tisch gewischt. Schachts Niederlage in England. Die englische Regierung, die von Anfang an das Hauptgewicht auf die Transferierung der Zinsen für die Dawes- und Younganleihe gelegt hatte, hat ihren Willen restlos durchgesetzt. Die Zinsen werden in voller Höhe übertragen, nur die Tilgung wird für ein halbes Jahr ausgesetzt. Für die mittel- und"langfristigen Schulden hat England die Meistbegünstigung durchgesetzt. Alle Zugeständnisse, die Deutschland einem anderen Gläubigerland macht, können von den britischen Gläubigern in Anspruch genommen werden unter Berücksichtigung aller Vorteile, die Deutschland von einem anderen Gläubigerland erhält. Mit anderen Worten: Die Zugeständnisse, die Deutschland den Gläubigem der Schweiz und Hollands machen muß, will England gleichfalls beanspruchen, und es ist leicht möglich, daß es Uber diese Frage, die sich nach dem Abschluß der Abkommen mit den übrigen Ländern stellen wird, zu neuen Konflikten kommt. Das Abkommen ist auf ein halbes Jahr beschränkt und die englische Regierung hat keinen Zweifel gelassen, daß, wenn die Abmachungen nicht erfüllt werden oder nach Ablauf dieser Frist keine neuen Zustandekommen, das Zwangsclearing sofort in Kraft gesetzt werden wird. Die englische Regelung der Fortzahlung der Dawes- und Youngverpfllchtungen wird wohl auch auf die andern, nicht britischen Besitzer dieser Anleihen ausgedehnt werden müssen. Schon hat die amerikanische Regierung In drohendem Ton erklärt, daß sie-eine Diskriminierung, Schlechterstellung ihrer Bürger nicht dulden werde und denselben Standpunkt nimmt die schwedische Regierung ein, die auch eine Gleichstellung der Kreugeranleihe fordert. Jedenfalls kann Jetzt damit gerechnet werden, daß entgegen der Erklärungen der Keichsbank die Fortzahlung und Transferierung der Zinsen auf die ausländischen Reichsanleihen erfolgen wird. Es bandelt sich dabei um den ins Gewicht faUenden Betrag von rund 100 Millionen BM. auf das Jahr gerechnet. Die privaten Schulden. Für die Behandlung der privaten Schulden werden die Abkommen mit der Schweiz und Holland, deren Kapitalisten nach denen der Vereinigten Staaten am stärksten an der privaten Kreditgewährung beteiligt waren, entscheidend sein. Mit der Schweiz Ist eine Verständigungsgrundlage gefunden worden, die im Wesentlichen die Einführung eines Clearing im gegenseitigen Einvernehmen bedeutet. Die Zahlungen für alles, was Deutschland in die Schweiz liefert, bleiben in der Schweiz und fließen In einer Verrechnungskasse zusammen. Desgleichen sammeln sich die Zahlungen für alle schweizerischen Lieferungen nach Deutschland bei der deutschen Verrechnungskasse. Die in der Schweiz verbleibenden Beträge können im gegenseitigen Einverständnis verwendet werden. 1. zur Dek- kung der schweizerischen Warenlieferungen; 2. zur Deckung der Reiseverkehrskosten und 3. zur Deckung der Zinsen und anderen periodischen Leistungen, die Deutschland obliegen. Man wird das Ende der Verhandlungen abwarten müssen, um sich ein abschließendes Urteil bilden zu können. Aus Berlin wird gemeldet, daß keine volle Transferierung der Zinsenzahlungen erfolgen soll, dafür sollen aber die schweizerischen Gläubiger einen Teü ihrer Kapitalforderungen durch verstärkte Tilgung zurückerhalten. Ein ähnliches Abkommen mit Holland steht vor der Unter- i Zeichnung, während die Verhandlungen mit Schweden und den Vereinigten Staaten noch i fortdauern. Jedenfalls werden also auch 1 Zinsbeträge für die privaten Schulden in erheblichem Maße transferiert werden müssen. Das volle Transfermatorium, das Schacht als vollendete Tatsache dem Ausland aufoktroyieren wollte, Ist gescheitert. Damit dauert aber die Krise der Keichsbank und die Krise des deutschen Außen- handels fort. Die Maßnahmen zur Drosselung der Einfuhr folgen einander auf dem Fuß. Sinkende Beschäftigung in Deutschland. Am einschneidendsten wirkt der Beschluß | der Reichsbank, Devisen zur Bezahlung der Einfuhr nur in dem Maße zur Verfügung zu [ stellen, als bei ihr Devisen tatsächlich eingehen. Das geht natürlich nur auf Kosten der Wirtschaft und schon wird von der Textilindustrie ein Rückschlag infolge Rohstoffmangels gemeldet. Dazu kommt die | staatliche Bewirtschaftung aller wichtigen I Rohstoffe und wichtige Einfuhrverbote. So i ist das zunächst bis zum 30. Juni befristete Einkaufsverbot von wollenen Rohstoffen und Halbfabrikaten im Ausland jetzt mit unbefristeter Dauer verlängert worden. Und die Folge? Die Absperrung vom Weltmarkt hat die deutschen Preise fortgesetzt in die Höhe getrieben. Man erinnert sich, daß die neue Reichwollverwertungsge- scllschaft für deutsche Inlandswolle Festpreise bedeutend über den Weltmarktpreis festgestezt hatte, um die deutsche Produktion anzustacheln. Jetzt haben die Wollpreise diese Festpreise bedeutend überschritten. Natürlich macht dieses Preisniveau, gegen das die Behörden immer wieder und immer vergebens ankämpfen, jeden Export von wollenen Fertigwaren unmöglich und das bedeutet sinkende Beschäftigung und sinkende Deviseneinnahmen. Die ungenügende Devisenzuteilung hat zu einer völligen Verwirrung im Zahlungsverkehr geführt. In einem gehamischten Schreiben, das Herr Leith-Ross, Englands Vertreter in den Tranferverhandlungen, eben an die deutsche Regierung gerichtet hat, heißt es: „Meiner Regierung gehen In steigendem Maße Klagen zu, daß Zahlungen, die von Deutschland für bereits gelieferte Waren gescholdet werden, neuerdings nicht ordnungsmäßig geleistet werden. Diese Klagen scheinen besonders auf die jüngst getroffene Entschließung zurückzugehen, wonach die Zuteilung von Devisen an deutsche Importeure auf den Betrag beschränkt wird, der bei der Relchsbank täglich eingeht. Ich hoffe zuversichtlich, daß die deutsche Regierung diesen unerfreulichen Zustand bald wird wieder abstellen können, der sonst auf die Handelsbeziehungen und Kreditmöglichkeiten Deutschlands emsthafte Bückwirkungen haben muß." Und der Engländer dringt sehr energisch auf Klärung! Aehnliche Klagen kommen aus anderen Ländern und immer mehr häufen sich die Fälle, in denen die ausländischen Exporteure die Auslieferung der Ware verweigern, bevor die Devisen überwiesen sind. Die Krise der Handelspolitik. Es ist also augenblicklich eine außerordentliche Unsicherheit in alle Geschäfte mit Deutschland hineingetragen. Genaue Kalkulationen werden immer schwieriger sowohl für die Importeure als Exporteure, wie auch für die deutschen Fabrikanten, die mit immer geringerer Sicherheit auf die notwendigen Rohstoffe, ihr Eintreffen im richtigen Zeitpunkte und in genügender Menge nehmen können. Aber diese privatwirtschaftliche Unsicherheit ist nicht das einzige. Diese Rohstoff- und Devisenbewirtschaftung trifft die verschiedenen Länder, mit denen Deutschland im Handelsverkehr steht, in ganz verschiedenem Maß. Da die Devisenzuteilung und Einfuhrerlaubnis von den deutschen Stellen willkürlich erteilt wird, je nachdem, was sie für die deutsche Wirtschaft als mehr oder minder wichtig betrachten, werden die anderen Länder in ihren Einfuhrmöglichkeiten ganz verschieden getroffen. Die Bestimmungen der Handelsverträge verlieren ihren Sinn, namentlich der Grundsatz der Meistbegünstigung und die Konfliktsmöglichkeiten müssen sich immer mehr häufen. Der auswärtige Handel Deutschlands muß deshalb in immer größere Schwierigkeiten kommen — jede vernünftige Handelspolitik immer unmöglicher werden. Mit so schweren und zunehmenden Wirtschaftsstörungen hat die Reichsbank schließlich den weiteren Abfluß von Gold zum Stillstand gebracht. Der Gold- und Devisenbestand betrug am 30. Juni 76,8 Millionen, um 300.000 Mark mehr als in der Vorwoche, während in der Woche vorher noch ein Abgang von 24 Millionen erfolgt war. Die No- ten„deckung" beträgt zwei Prozent, die des Geldumlaufes 1,6 Prozent! Bemerkenswert ist die starke Inanspruchnahme der Reichsbank und die Steigerung des Notenumlaufes. Zugleich wird die Zusammensetzung des Wechselbestandes der Reichsbank immer schlechter, da rund 40 Prozent aus Arbeitsbeschaffungswechseln bestehen. Wachsende Infiationspolitik. Es ist deshalb erklärlich, daß trotz aller offiziellen Kundgebungen oder gerade ihretwegen die Symptome steigender Inflationsfu rcht zunehmen. Sehr merkwürdig ist, daß im Mal zum erstenmal seit mehreren Jahren bei den Sparkassen an Stelle eines Ueberschusses der Einzahlungen über die Auszahlungen ein A u s z a h- lungsüberschuß von 6 Millionen entstanden ist. Die Einleger beginnen unruhig zu werden, mit Recht, angesichts der verantwortungslosen Finanzwirtschaft und der steigenden Inanspruchnahme der Sparkassenreserven für öffentliche Zwecke. Ebenso beweist die Häufung der Kundgebungen gegen das Hamstern nur das völlige Versagen dieser Mahnungen. Die Flucht In die Sachwerte geht fort und sie ist ja auch der einzige Schutz gegen die Folgen der Infiationspolitik der Diktatur. Der wirtschaftliche Verfall nimmt seinen Fortgang. Dr. Richard Kern. Seine ehemaligen Kriegskameraden bezichtigten ihn in aller Oeffentllchkeit, er habe sich in Frankreich als Lump und Mädchenschänder gezeigt. Sie klagten ihn des Verbrechens der Notzucht an und zwangen ihn endlich, einen Beleidigungsprozeß anzustrengen. Es kam bei dieser Gelgenheit soviel Dreck zutage, daß Deutschland sich die Nase zuhielt. Solange Streicher Hauptlehrer in Nürnberg war, rissen die Klagen der Eltern nicht ab. Streicher war ein sadistischer Prügelheld. Als ihm sein Amt genommen wurde, mußte er sich hinfort damit begnügen, seine »unglückliche Veranlagung«, wie es im neuen Sprachgebrauch heißt, auf dem Papier und in seinem Pritvatleben auszutoben. Bevor das Dritte Reich hereinbrach, züchtigte ein deutscher Jude, dessen toter Vater durch die Kloake des»Stürmer« gezogen worden war, den Pogromhelden mit der Hundepeitsche. Der Tapfere nahm die Abreibung ohne Gegenwehr hin, denn staatlich sanktionierte Mordbanden, die er hätte zu Hilfe rufen können, gab es damals noch nicht. Erst unter Hitler und vor allem unter Göring, der seine Hände schützend über den blutdurstigen Zechgenossen hielt, konnte Streicher sich ganz entfalten. Die bestialischen Morde, die dieser gefährliche Irre nicht zu begehen wagt, malt er sich an heißen Tagen und in schwülen Nächten tausendmal aus— und veröffentlicht die Erzeugnisse seiner kranken Phantasie in den Spalten seines»Stürmer«. Jede Zelle eine Schändung des Menschentums. Julius Streicher ist vielfacher Mörder, denn was er schreibt, das führen andere aus. Die Folte- mng, Mißhandlung, Abschlachtung von aber hundert wehrlosen Menschen hat er, nur er verschuldet. Es ist dafür gesorgt worden, daß die pornographischen Bilder und die widerlichen, unflätigen Artikel aus dem»Stürmer« 1» Auslande verbreitet wurden. Der Fall Streicher ist gegenwärtig eine schwere, kaum tragbare Belastung für das Hitlersystem. Aber Hitler wagt es noch nicht, diesen Verrückten zu beseitigen. Er will sich nicht unpopulärer machen, als er ohnehin nach den letzten Ereignissen ist, und er kann den Antisemitismus nicht entbehren, er hofft noch immer, die wachsende Unzufriedenheit in die Bahnen des Judenhasses ableiten zu können. Andere Diktatoren haben das gleiche versucht. Von den Acgyptern, Assyrern, Syrern. Babyloniern und Persern im Altertum Uber das Spanien der Inquisition und das zaristische Rußland zieht sich eine Kette blutiger Judenverfolgungen bis ins Dritte Reich des 20. Jahrhunderts, das keinem seiner altertümlichen und mittelalterlichen Vorbildern an Blutrilnstigkeit nachsteht. Aber kein Tyrann der Weltgeschichte konnte durch das antisemitische Ablenkungsmanöver den eigenen Untergang in Blut und Schande verhindern. Julius Streicher tut gut daran, noch einmal Trompete zu blasen und im»Stürmer« seine kranke Phantasie auszutoben könnte ehestens zu spät dazu sein! Streicher lebt! Julius Streicher sprach In Nürnberg. Julius Streicher sprach in Dortmund. Julius Streicher ließ sich bei dem Besuch des Ministerpräsidenten Göring In Dlnkelabühi eine Trompete reichen und brachte seinem Schirm- herm ein Ständchen.— Julius Streicher lebt! Julius Streicher sagte in Dortmund kurz nach dem Kameradenmord, was geschehen sei, werde einen Gesundungsprozeß herbeiführen(er findet jeden Mord gesund). Hitler sei zwar kein Christus, aber er stehe näher zu Gott als die höchsten Würdenträger der Kirche.— Näher mein Gott zu dir, auf der Stirn das Zeichen des Verrats, die Hände mit Kameradenblut beschmiert! Julius Streicher tut gut daran, Trompete | zu blasen, wenn Göring naht. Wer verstünde die Blutsucht des durch Feigheit verhinderten Lustmörders besser, als der ebenbürtige Morphinist mit den acbtundaechzig Uniformen? — Nach der Erschießung einiger Homosexueller versucht das System, sich der Welt eila chemisch gereinigt vorzustellen. Die Welt glaubt den Herren Deutschlands weder den »Anstand«, noch die Sauberkelt. Um das Gegenteil aller hochtönenden Versicherungen zu beweisen, genügte allein die Tatsache, daß Julius Streichers»Stürmer« in vollem Glänze welter erscheint. Die Toten des 30. Juni mögen alle erdenklichen Landsknechtslaster besessen haben— mit Streicher konnte keiner an Gemeinheit konkurrieren. Einige Jahre nach dem Kriege machte er zum erstenmal von sich reden. es Geflüster um das Morden Am Tage nach den Juni-Morden erhielt der deutsche Gesandte in London den Besuch eines älteren Lords. „Ich beglückwünsche Sie von Herzen, Herr Botschafter!" begann dieser das Gespräch. „Zum Siege Adolf Hitlers über die Verschwörer?" „Nein", lautete die lächelnde Antwort, „dazu, daß Sie als hoher deutscher Funktionär Ihren Wohnsitz im Ausland haben." • „Vati", fragte der Hitlerjunge Knax seinen Erzeuger,„was ist denn das: homosexuell?" „Das wird man, sobald man ein Verräter ist", knurrte dieser. • Das Kaffeekränzeben der Hitleriken war in heller Aufregung. Die Führerin Amanda Kuhmilch beschwor, daß Hitler von den Ausschweifungen seiner Unterführer natürlich vordem keine Ahnung gehabt hatte. „Aber vor ein paar Jahren sind doch schon die Röhmbriefe veröffentlicht worden". wandte eine Unzufriedene ein. „Meine Liebe", verwies Amanda sie spitz. „wer wird denn immer noch auf diese niedrigen marxistischen Verleumdungen hereinfallen!" • In einem Berliner SA-Heim ist man am 1. Juli eifrig daran, die Bilder der„Verräter" von den Wänden zu entfernen. Röhm, Heines, Ernst, liegen schon zerrissen in einer Ecke- Im Ueberelfer greift ein SA-Anwärter auch nach Görings Foto.—„Nein, den vorläufig noch nicht!" brüllt ihn sein Vorgesetzter an. Muckl. Nr. 57 BEILAGE 15. Juli 1934 SthieitUt- Mos buk JÜMt Die Armee zwisdhen den Fronten Oer erschossene General Kurt von Schleieher igt(ier Welt noch über geinen Tod hln- aus ein Rätsel. Oald hat man ihn als den Vertreter der Junger dargestellt, bald als heimlichen Förderer Hitlers, dann wieder als den Vertreter der Schwerindustrie gekennzeichnet.„Ehrgeiziger Monarchist" war er auch,„BUro- Seneral" und„Intrigant" sein selbstverständ- hcher Untertitel. Aber die Junker wollten Vjri'hm gar nichts wissen. Im Gegenteil, für 6:6 war der General ein gefährlicher Mann, det„die Gefahr des Bolschewismus auf dem dachen Lande" hervorruft. Nun, und die Osthilfe wurde ja von Schleicher nicht ge- rade gefördert! Haben die Junker den Gene- ril als Bolschewiken verschrien, so haben die Industriellen weiter Kreise ihm den Ulel:„Staatssozialist" gegeben. Und nicht hur die Schwerindustrie, auch die Chemie, auch Herr Warmbold, der mit dem durch Schleicher repräsentierten Staat um die Herrschaft über große Wirtschaftskomplexe Junker und Schwerindustrie, die Che- Freunde! hh® und Hitler haben den General gerade ge- ''hrzt. Alle standen sie gegen ihn, und schon seinem eigenen Kabinett war er von allen ' eiten gebunden. Für sie war er wirklich der "Soziale General", dem man u. a. seine guten �Ziehungen zu den Gewerkschaften nicht Vergessen konnte. Hegreift man Schleicher aus seiner Zelt Und aus seiner Funktion heraus, so erkennt an nicht nur die Widersprüche eines einzel t,?.11 Renschen, sondern zugleich einen tiefen IVidi erspruch im kapitalistischen System. ist der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit dessen, was für die Sicherung ''ce Landes nach der Auffassung des mo- Ucrnen Generals getan werden müßte, und Uf-tn, was der Kapitalismus in seiner absteigenden Phase für die Sicherung des Landes tun kann. Das Wehrproblem des absteigenden Kapitalismus. Ich des Das Bewußtsein hinkt zeitweilig beträcht- uach. In Bezug auf die Notwendigkeiten j|ca aiodernen Krieges ist das in besonders ho- vern Maße der Fall. Nur so erklärt er sich, daß eite Kreise in der„SA die größte und beste Arm, uee der Welt" sahen, Röbm für sie der rieg war, und Deutschland schon allein arum für kriegsfähig gehalten wurde, weU Rohstoffbedarf beträchtlich stieg. Nach 0tn 30. Juni denkt man ganz allgemein an- era darüber. Die ausschlaggebenden militä- Schen Kreise haben schon immer anders rüber gedacht. Nicht umsonst kämpften p6 Segen den Nationalsozialismus, nicht ohne '�Qd war Schleicher der letzte Mann vor '"er, der letzte Versuch der Armee, und j. ohne Sorge um die militärische Kraft eatschlands bat Hammerstein am 29. Ja- Uar 1933 den alten Hlndenburg,„mit RUck- ""R auf die Wehrmacht kein Kabinett Hitler oder Papen zu berufen." Auch später, nachdem die Reichswehr sich mit dem neuen Zustand abfinden mußte, kämpfte sie um die Erhaltung ihres Eigenlebens, um in geeigneter Zelt über Hitler und über den Nationalsozialismus hinauszugehen. Wir haben u. a. in der Nr. 42 und in der Nr. 47 zwei Probleme erörtert, indem wir aufzeigten, daß eine moderne Armee staatskapitalistisch sein muß, wogegen sich die entscheidenden Teile der Industrie bisher gewandt haben, und daß ferner der moderne Soldat viel selbständiger zu handeln in der Lage sein muß als der SA-Mann. Selbständiges Handeln kann aber nur aus dem Bewußtsein erwachsen, daß man eine Sache für sich und in seinem Interesse tut. Dieser neue Soldat, militärisch unbedingt notwendig, kann im wesen t- lichen nur der Arbeiter sein. Der General will ihn deswegen gewinnen. Das ist der Grund für Schleichers Gewerkschaftsfreundlichkeit. Wie der Krieg nur mit dem Arbeiter geführt werden kann— und heute mehr denn je!— so kann auch nur mit ihm regiert werden. Am Ende des Regimes Schleicher war in der Armee eine Umfrage, ob m i t den Arbeitern oder g e g e n sie regiert werden soll. Nur eine Stimme war für das Regieren gegen die Arbeiter! Aber diese Bejahung des Arbeiters hat seine Konsequenzen: man muß'ihn gewinnen. Das kann nur durch Taten und nicht durch die Versicherung geschehen, daß es „nur noch einen Adel gibt, den Adel der Arbeit." Man muß also eine zielbewußte Sozialpolitik treiben. Dazu hatte sich Schleicher bekannt, er hob ja auch verschiedene Notverordnungen auf, sehr zum Aerger der Industriellen und der Junker. Eine solche Sozialpolitik war schon vom Standpunkt der körperlichen Leistungsfähigkeit notwendig. Aber, und hier offenbart sich wieder der Gegensatz, die Generäle müssen gerade um jene Zeit für den Ausbau der Sozialpolitik eintreten, wo die Unternehmer schon nicht mehr in der Lage sind, die bisherigen Errungenschaften der Arbeiter bestehen zu lassen. Wenn Schleicher für den Staatskapitalismus eintrat, so natürlich nicht nur um die große Industrie für die wirtschaftliche Mobilmachung zu beherrschen, sondern auch um die Gesellschaft im Sinne seiner Bestrebungen umzuorganisieren, im Sinne eines Interessentenausgleiches zu wirken. Der General In der Zange. Diesen bedeutenden General konnte die Bourgeoisie aus der Misere Ihrer Gegenwart heraus nicht vorbehaltlos als den ihren feiern. Der General handelte nach den Gesetzen seines Berufes. Er hat im Kriege, wo er die Beziehungen zur Heimat zu pflegen hatte, seine Erfahrungen gemacht, die seine künftige Haltung bestimmten. Der Nationalsozialismus war für ihn vor allem darum die militärische Schwächung Deutschlands, weil er die Kluft zwischen Arbeitern und Unternehmern gewaltig vergrößerte. Die Prinzipien Thyssens und der Junker siegten. Dadurch war die Sozialpolitik bedroht, selbst die reformistische der Gewerkschaften, die Radikalisierung der Arbeiterschaft und die Vertief img der Spaltung innerhalb der Nation war die weitere Folge. Die militärisch notwendige Mitbestimmung der Arbeiter, der Weg zur freudigen Bejahung von Staat und Armee durch die arbeitende Bevölkerung wurde vernichtet. Der General sieht schon die Keime der künftigen militärischen Niederlage! Fieberhaft sucht er die Dritte Front herzustellen, von Gregor Strasser bis Lelpart will er alle einigen. Keine Demagogie, nein! Es ist viel mehr. Es ist der krampfhafte Versuch, die Klassen zum Zwecke der Kriegführung zu einen. Aber diese Einigung kann sich Immer nur auf Kosten einer Klasse vollziehen. Diesmal hätten Junker und Bourgeoisie ihre Forderungen beschneiden lassen müssen. Sie wollten, sie konnten es nicht. Von allen verlassen, steht der General einsam da. Ein ehrlicher aber utopischer General! Die Entwicklung hat ihn grausam In die Zange genommen, seine Gedanken, die einerseits aus der Verschärfung des sozialen Gegensatzes erwachsen sind, sind andererseits aus denselben Ursachen heraus nicht mehr zu realisieren. Er hat nur eine Macht hinter sich, aber auch die scheinbar nicht geschlossen: die Reichswehr. Er kann nicht an die Bajonette appellieren, weil gerade er weiß, daß man darauf allein nicht sitzen kann. Das eben war ja der Ausgangspunkt seiner Politik. Und die Reichswehr allein kann schlecht entscheiden. Der fortschrittlichste Soldat Deutschlands wird im Namen der Frontsoldaten beseitigt. Es fehlte ihm eine ökonomische Macht. Armee und Arbeiterklasse gegen den Nationalsozialismus? Wird die Arbeiterschaft auf ihre eigenen Interessen, wird sie auf Ihr Lebensgesetz der Intemationalität, wird sie auf ihren Anspruch der vollständigen Selbstherrschaft verzichten? Kann sie es? Hat sie mit den bestehenden Organisationen überhaupt noch die Kraft, sich zu behaupten, allein mit der Armee, die zudem keine Einheit darstellt, gegen die Uebermacht von Feinden zu kämpfen? Wäre das nicht auch das Ende der Armee? Gleichgiltig, ob man siegt oder verspielt? Nein, jetzt muß man abwarten, es werden neue Gelegenhelten kommen, der Kampf geht weiter. Hier war der eigentliche Mann der „zweiten Revolution!" Deutlich genug hat sein Blatt, die„Tägliche Rundschau", sich zu dieser Marschroute bekannt. Aber man irrt, wenn man glaubt, Röhm und Heines und wie sie alle heißen seien gefallen als Kämpfer für die zweite Revolution. Es wäre zu viel Ehre für diese Landsknechte, ihnen jenen Ruf zu lassen, den Göring ihnen ungewollt verschaffte. Gewiß kämpfen viele SA-Leute für dieses Ziel, aber die haben gerade mit jenen, die in den blutigen Junitagen erschossen wurden, wenig zu tun. Sie hatten Uberhaupt kein Ziel. Wer hat schon eins von ihnen vernommen? Aber Göring fürchtete, daß Schleicher den enttäuschten SA-Leuten ein Ziel hätte geben können! Schleicher war niemals unser Mann. Schleicher ist ein Staatskapitalist, wir sind Sozialisten, deren Ziel die Assoziation freier und gleicher Produzenten ist. In diesem Unterschied liegt alles. Dieser Mann schwamm gegen den Strom. Er überragte seine Klasse, aus der er hervorging so beträchtlich, daß sie ihn nicht mehr als den ihren anerkennen konnte. Er verneinte schon in hohem Maße wesentliche Selten des Kapitalismus, ohne jedoch dem Sozialismus anzugehören. Er stand zwischen den Fronten, und war ein General ohne Volk, zu nichts Bestehendem konnte er ja sagen, außer zur Armee. Sein Intrigieren war nur der Ausdruck seiner Sonderstellung, die Diplomatie sollte ihm jeweils geben, was ihm fehlte: Bundesgenossen. Er mußte mit jedem gehen und tat es, wenn er glaubte, seinem Ziel näherzukommen. Vielleicht wäre er jetzt mit den Monarchisten, vielleicht auch mit Röhm gegangen, wenn dieser den Bestand der Reichswehr garantiert hätte. Sprengpulver gegen die Hitlerherrschaft hätte er von allen Seiten genommen. Aber man darf die Mittel bei ihm nicht für den Zweck halten, den Weg nicht für das Ziel. Unlösbarer Widerspruch! Der General, der aus dem Weltkrieg große Lehren zog, ist niedergestreckt. Aber der Widerspruch, den er verkörperte, bleibt bestehen. Der Kapitalismus kann ihn nicht lösen. Aber immer wieder wird aus der Wehrmacht heraus der Versuch dazu unternommen. Sie kann nicht darauf verzichten. Neue Schleichers werden kommen. Aber niemand wird am Ende siegen können, denn es gibt kein dauerndes Zwischenstadium, das nicht Kapitalismus und nicht Sozialismus Ist. Will man auch nach dem 30. Juni noch glauben, daß es einen nationalen und deutschen Sozialismus gibt? Nein, dieser„Sozialismus" Ist am 30. Juni, auch äußerlich sichtbar, zugrundegegangen. Freilich, in den Köpfen vieler, oft sehr aufrechter Menschen, lebt er welter. Es ist der utopische Sozialismus unserer Tage. Er ist aus der Not geboren. Und die Not des General von Schleicher war die Not der Wehrmacht im absteigenden Kapitalismus. Er hat sie bitter gespürt. Im hoffnungslosen Kampf, sie zu überwinden, wurde er getötet. Ein Bürogeneral? Die Vorstellung, daß ein General nur auf dem Schlachtfeld zu kämpfen hat, war schon vor dem Kriege reichlich naiv, sie ist es heute mehr denn je. Schleichers gesamter Kampf war die Vorbereitung der großen Schlacht! Mancher Offizier wird noch ein dem Widerspruch zwischen seiner Aufgabe und seinen Wünschen, Vorstellungen und Möglichkeiten zugrundegehen. Mancher wird den Widerspruch so zu lösen suchen wie einst Scheringer, der nun auch zu den Erschossenen zählen soll. Sie alle werden keine Sozialisten im Sinne des Proletariats, auch Scheringer wurde es nicht, aber sie hören auch auf, Diener des Kapitalismus zu sein. Sie schweben zwischen den Klassen, sind deklassiert und suchen das Volk, um sich wieder zu finden, um ihren Beruf erfüllen zu können. Wir werden uns noch wundem, wieviel Offiziere und Generale beim Proletariat Anschluß suchen werden. Denn das ist die Klasse, die allein in der Lage ist, jene Prinzipien zu verwirklichen, jene Wehr- haftlgkeit zu erreichen, die für den General der Gegenwart unerreichbar ist. Für den Kapitalismus ist Schleicher schon zu fortschrittlich, der Sozialismus wird sich militärisch in jeder Beziehimg— solange es überhaupt noch notwendig ist— vollkommen anders organisieren müssen. Er hat keinen Raum mehr für die alten Generale, wie fortschrittlich immer sie auch sein mögen, von Ausnahmen liier abgesehen. Die Armee ist in der Zange, und nie wird sie aus ihr herauskommen. So ist Schleichers Leben ebenso bezeichnend für die Problematik der Armee im Gegenwartskapitalismus, wie sein Tod ein bezeichnendes Symbol ist! Fred War. Das Gludkwimsdi� telegramm Wir wissen uns von Sympathien für Röhm, Heines, Emst und Genossen frei. An Männer ihrer Art können die Römer, als sie das Wort„de mortuis nil nisl bene" schufen, ebensowenig gedacht haben, wie an die Gestalten der Sieger. Aber wir lehnen es ab, die Beschuldigungen, die die Ueberwindenden Gefallenen ins Grab nachrufen, soweit sie nicht durch glaubwürdige Zeugen bestätigt sind, als wahr anzusehen. Sie sollen Verrat geübt haben. Worin er bestanden hat, wird uns verschwiegen. Wahrscheinlich ist Göbbels mit den Beweisen noch nicht fertig. In seinen Bekantmachungen, die sich wie immer mehr durch Dreistigkeit als durch Schlüs- slgkeit auszeichnen, stimmt verschiedenes nicht.. Die Verschwörer sollen ihre Mannschaften mit dem Schlachtruf:„Der Führer ist gegen uns, die Reichswehr ist gegen uns" auf die Straße geschickt haben. Aber sie sind sämtlich in ihren Betten ergriffen worden. Und kann man sich vorstellen, daß die Erhebung der SA von Wiessee aus geleitet werden sollte? Der Ort scheint uns dafür genau so wenig geeignet zu sein wie Neu-Babelsberg. Putschisten, die sich in Villeggiaturen zurückziehen und noch dazu in verschiedene, räumlich weit von einander getrennte, scheinen uns keine unmittelbare Gefahr zu sein. Merkwürdig ist auch, daß bei Schleicher erst bei seinem Tode die Beweise für ein Zusammenwirken mit Röhm gefunden worden sein sollen. Warum sollte er dann verhaftet werden? In Wahrheit ist der General einfach ermordet worden. Mehrere bis an die Zähne bewaffnete Polizisten sollen nicht Imstande gewesen sein, einen Widerstand, den ihnen der kluge Mann törichterweise entgegengesetzt haben soll, anders als durch Waffengebrauch mit Todeserfolg zu überwinden? Und zweifellos hat man ihm seine Frau in den Tod nachfolgen lassen, um die Augenzeugin des begangenen Verbrechens zu beseitigen. Man sieht, daß Im Dritten Reich Gleichberechtigung der Geschlechter besteht. Alle sind vor dem Morde, der das Gesetz von Hitler- Deutschland ist, gleich! Beständen greifbare Tatsachen, durch die ein Verrat, worin er immer bestand, nachzuweisen wäre, so würde es unfaßbar sein, einmal daß sie nicht sofort mitgeteilt worden sind und ferner, daß Hitler die Schuld seiner Widersacher nicht durch ein sei es noch so summa- Tische« Verfahren in aller OeffentHchkelt hat feststelle« lassen. Man kann nur annehmen, daß dte Etrechossenen die Verwlrkltchun� des Hitler-Programmes aus der Zelt vor der Machterlangung angestrebt haben. Das wäre allerdings von nationalsozialistischem Standpunkt aus schwärzester Verrat. Ein Umstand, der die Anklage gegen Köhm und seine Freunde unterstutzt, soll allerdings nicht verschwiegen werden. Der Reichspräsident, bekanntlich ein Spezialist für deutsche Treue, hat Hitler ein Glückwunschtelegramm geschickt, worin von hochverräterischen Umtrieben der Toten die Rede ist. Das vorletzte Telegramm derselben Art hatte Franz von Papen für seine Marburger Rede erhalten. Das erinnert uns an eine hübsche Geschichte des„Sümplizlssl- mua" aus der Zelt des spanlsch-amerlkaal- schen Krieges. Eäne illustre Gesellschaft hatte eine Wahrsagerin aufgesucht, um sich von ihr den Ausgang des Konfliktes prophezeien zu lassen. Und die weise Frau flüsterte:„Ich sehe die gewaltigen Heere, zum Kampf bis aufs Messer gerüstet. Ich sehe ein Meer von Blut. Wer da siegen wird, kann Ich nicht sagen. Aber das eine erkenne Ich mit Sicherheit: Oer Sieger wird ein Glückwunschtelegramm aus Berlin bekomme n." Dieser Witz ist wieder aktuell geworden. Da» geborstene Fuhrerdogma Das gleldigesdilcditlidbe Vorbild »Völkische Gesinnung Kindersegen. Unser deutsches Volk hat viel umgelernt In den letzten anderthalb Jahren, und wir können uns freuen über die Ausweitung und die Festigung.der neuen Gesinnung. Nur auf einem Gebiete sind weite Kreise leider noch sehr zurück, das Ist die Einstellung zum Kindersegen... dem erbgesunden Kinderreichtum...; nur tüchtiger Kindersegen, opferfreudiges Elterntum sichern unser Volkstum für die Zukunft.« (Aus der Hitler-Presse.) Adolfs Kinder-Reichtum läßt ebenfalls schön grüßen! UebcphoH Warum heißt Kandrzin jetzt Heydebreck?»Am 21. Juni 1921 stürmte das Freikorps Heydebreck den Ort Kandrzin und warf die polnischen Eindringlinge hinaus, Hauptmann Peter von Heydebreck, haute SA-Gruppenführer von Pommern, führte seine Wehrwölfe zum Sturm. Der Bericht bildet einen Teilausschnitt aus dem ungemein packenden, herzerfrischenden, mit Freimut und tollem Humor geschriebenen Erinnerungen Peter v. Heydebrecks...« (Fränkische Nazi presse.) Kein» unnötige Sorge! Heydebreck heißt schon wieder Kandrzin. Gemordete Kameraden sind ungeeignet für Lesebuch-Legenden! Aus Berlin wird uns geschrieben: Das deutsche Relehsgesetz vom 13. Oktober 1933 bedroht mit dem Tode oder mit Zuchthausstrafe ohne zeitliche Einschränkung den, der es unternimmt, einen Angehörigen der Sturmabteilungen oder der Schutzstaffeln der NSDAP aus politischen Beweggründen zu töten. Eine bloße V o r- bereltungshandlung, die nach dem Allgemeinen Strafgesetz straflos Ist, wie z. B. die Berei thaitung einer Waffe, läßt also schon ein Todesurteil zu. So ist In Hitler- Deutschland das Leben von Subjekten geschützt, die der Führer als Pestbeulen bezeichnet, denen er nachsagt, daß sie sich Lustknaben gehalten, daß sie die Beiträge der ärmsten Parteimitglieder in riesigem Umfange für Festessen und Trinkgelage verschwendet haben, denen er vorwirft, daß sie einen Hauch moralischer Pest ausströmen, der jede Mutter davon abhalten müßte. Ihnen ihr Kind anzuvertrauen. Und diese Beschuldigungen sind begründet obwohl sie von Hitler herrühren. Was aber wäre dem zugestoßen, der sie noch vor kurzer Zeit erhoben hätte! Hitler bat eine größere Zahl von höchsten Führern der SA erschießen lassen. Dieser Mann, In dem angeblich die edelsten Tugenden des edlen Germanentums vereinigt sind, hat sieh die blutgierigsten orientalischen Despoten zum Muster genommen. Auf einen Wink seiner Hand ist, ohne daß eine Untersuchung stattgefunden hat, geschweige denn ein gerichtliches Urteil gefällt worden ist, das Blut von Männern vergossen worden, die er selbst mit einer Gloriole ausgestattet hatte. Nach seinem eigenen Gesetz hat er darauf das Leben verwirkt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Vollziehung der von Ibra selbst über sein Haupt heraufbeschworenen Strafe nicht lange auf sich warten lassen wird. Wir wissen, daß der Führer, wenn ihn die bei ihm häufigen hysterischen Weinkrämpfe schütteln, auszurufen pflegt, die Kugel für ihn sei bereits gegossen. Und wieder ist dies jetzt wahr, obwohl er es sagt. Er wird in kurzem ein toter Mann sein. Das Blut seiner Freunde wird ihn eratlcken. Immerhin hat er das von ihm aufgerichtete System Uberlebt, denn es ist bereits erledigt und verbreitet den charakteristischen Verwosungsgestank. Wie verträgt sich das Gefasel von der unbeschreiblichen Herrlichkeit der germanischen Rasse damit, daß angeblich die Röhm. Heines, Ernst und Genossen, die noch gestern von den Teutomanen als herrlichste Blüte des Deutschtums gepriesen worden sind, die, wie ihr Rang beweist, als die Elite der Elite galten, sich mit einer fremden Macht-verschworen haben, um das Braunauer Edelreis zu knicken, und um In der Art von Marxisten dem Führer den Dolch In den Rücken zu stoßen? Und welchen Wert kann das Prinzip des Führertums beanspruchen, wenn der Mann, der sich anmaßt, für 65 Millionen Deutsche zu denken und zu bandeln, vor aller Welt das Bekenntnis ablegen muß, daß sich In der von Ihm geleiteten Bewegung ein« Korruption breit gemacht hat, wie sie noch nicht dageweeen Ist. Er war darüber unterrichtet, daß Röhm vor etwa zwei Jahren einen Dienstmann und einen Strichjungen von der Straße weg In ein Berliner Absteigequartier mitgenommen, sich mit den Kerlen ins Bett gelegt und sie, um sich daran zu ergötzen, durch das Versprechen von Entgelt zu geschlechtlicher Betätigung veranlaßt hat. Trotzdem machte er ihn zum Stabschef der SA, zum Ehrenbürger von Bayern und zum Reichsminister. Er wüßt«, daß Heines einer der Maltressen Röhms war und er ernannte Ihn doch zum Polizeipräsidenten von Breslau. Wenn er jetzt gegen das Paederastentum In der Partei wettert, so fragen wir, wie es kommt, daß Graf du Moulln-Eckart und Herr Rainer, die gewohnheitsmäßig gegen} 175 RSTOB verstoßen, immer noch in seiner nächsten Umgebung sind. Hitler hat es zugelassen, daß die deutsche Jugend mit allen Mitteln des Zwanges zum Eintritt In die nationalsozialistlachen Jugendorganisationen gepreßt wurde, obwohl Ihm bekannt war, daß die Persönlichkeit vieler Subjekte, die sie leiteten, die Befürchtung des völligen moralischen Verderbs der Seelen der Knaben und Jünglinge rechtfertigte. Ob er solche Zustände nicht ändern konnte oder wollte, Ist gleichgültig. In beiden Fällen hat er sich als Führer In den Abgrund erwiesen, in den er hineinstürzen mag und muß, damit kein weiteres Unhell entsteht. Die Stelluug Hitlers soll durch die von ihm angeordneten Massenerschießungen verstärkt worden sein? Weit gefehlt! Die beiden tragenden Pfeiler des Dritten Reiches, das Rassen- und Fübrerdogma, sind geb ersten. Uebrlg bleibt ein Meer von Schlamm, bleibt die Anarchie. Hitler hat unter seinen Kreaturen fürchterliche Musterung gehalten, wie vor etwa 100 Jahren der Sultan unter den Janitsc baren. Und was ist die Folge? Der Führer ist In noch höherem Maße als bisher zur Puppe der Reichswehr und des Großkapitals geworden. Die Beseitigung Röhms entsprach den Wünschen der Schwerindustrie. Wir wissen, daß Herr R e n s c h von der Guten-Hoffnungs-Hütte schon vor Wochen in vertrautem Kreise mit Befriedigung die Tage des Stabschefs, dem die Herren vom Langnam-Verein nicht trauten, als gezählt bezeichnet hat Er ist ein guter Prophet gewesen Wilhelm II. brachte einst aus dem Kreise der Schwerindu- strielien den Gedanken der Zuchthausvorlage heim. Hitler dankt dem Verkehr mit denselben Herren eine Verstärkung der Blutinstinkte Als kürzlich in Prankreich hintereinander mehrere Ministerien gestürzt wurden, höhnten die Nazizeitungen über die Minderwertigkeiten des parlamentariseben Regimes. Uns scheint es erträglicher zu sein, daß einmal ohne Grund eine Regierung entfernt wird, als daß Narren, Heuchler, verwahrloste Subjekte und Verbrecher solange an der Spitz« dee Staates bleiben können, bis sich die Waffen, auf die sie sieh stutzen, gegen sie richten. Aber trösten wir uns. Wir werden auf Ihr Verschwinden nicht mehr lange zu warten brauchen! Projektemadier des UntergaDgs! Der Besitzer eines bekannten Berliner Citylokals hat in einem Berliner Blatt ein Bild des absterbenden und von brauner Mißwirtschaft erdrosselten Berliner Zentrums gezeichnet, wie es grauer und deprimierender aueb der beflissenste Miesmacher nicht fabrizieren könnte. »Die Betriebe«, so sagt dieser verzweifelt« Fachmann,»drohen zu sterben. In leeren, unvermietbaren Räumen rufen die bekannten Schilder um Hilfe, Und In notvermieteten Läden bieten Würfelbuden und Schnellphotos, amerikanische Billards und »deutsch« Roulettes«, Murmelsplelap parate und Kartoffelpufferküohen das Bild einer dürftigen Kirmes.»Ein« so entstellt« Gegend«, ruft resignierend der Kenner aus. »mag nicht die nötige Zahl von Fremden an- zuloohen...« So sieht es, nach dem Urteil eines loyalsn Bürgers des»Dritten Kelchs« in der Berliner City nach 17 Monaten nationalsozialistischen »Wirtschaftsauf echwungs« aus! Was dieser Mann zur Rettung der sterbenden City der Reichshauptstadt empfiehlt, ist nun typisch hitlerisozlallstlsohes« Rezept! Aufbebung des Slebenuhriadenschlusses, Wiederkehr der paradiesischen Zelten also, da der Unternehmer seine rechtlosen Kulis im Stehkragen bla in die späten Nachtstunden schikanleren konnte. Während der bürgerliche Wirtschaftsfachmann sein Lied des Unterganges und de» Zusammenbruchs anstimmt, projektieren die bankrotten Hochstapler lustig welter. Dl» Essener Nationalsozialistische Zeitung läßt sich aus Berlin einen ganzen Blütenkraaz knalliger»Pläne« servieren. Da spricht man gesohwollen von der»Umformung« der deutschen Großstädte und stellt fest, daß die Relchabauptstadt zu einer »würdigen Repräsentantin des Dritten Reiches« ausgestaltet werden müsse. Da Ist. im stürmischen Phantasieantrieb der Julihitze. von Sanierungsfeldzügen, von der»Schaffung weiter Blickfelder«, von einer»durchgreifenden Belebung der Asphaltwüsta« und ähnlichen Dingen die Rede. Inzwischen zerfällt die Stadt, etlrbt der Handel, verödet die City, wird die soziale Lage der breiten Masse von Woche zu Woche trostloser. Projektiert und schwadroniert wird Jedoch Im alten Propaganda- ministeriellen Tempo, wenn auch den Preisfechtern von Schall und Rauch das Wasser bereits an der Kehle steht! Väterchen weiß nichts Es Ist der gleiche Nebel, den alle Despoten und Potentaten zu allen Zeiten um sich verbreiten ließen: sie wollten das Beste, sie wußten das Scblimraste nicht.»Väterchen Zar« wußte selbstverständlich nicht, wie sein Volk von der Ochrana geknutet und mißhandelt wurde;»unser Franzel« wollte das Beate für alle Völker Oesterreich-Ungarns. aber die Partelen verhinderten es; Mussolini wollte selbstverständlich die Exzesse seiner schwarzen Banden nicht, aber«ein Arm reichte oben nicht überall hin— und Hitler, natürlich will er»das Beate«, aber seine Unterführer--- Die politisch primitiven Schichten jedes Volkes bauen sich Ihren jewelUgen Volksvater nach Ihrem jeweiligen Bilde und das des deutschen Spießers aller Gattungen war 1933 danach: Schücklgruber. Nirgends wird die Vemeblung der Verantwortung so toll getrieben, wie in seinem»totalen Staat«. Alle politischen Diskussionen beginnen mit der Zauberformel, daß er das Beste will. Wer das nicht zugibt, läuft Gefahr. Ins K-Z zu wandern, was Adolf natürlich wieder nicht will. Weder die Verteidiger des braunen Irrsinns, noch die Kritiker kommen ohne die gleiche Schutzformel aus: Er will das nicht. Ob Schulze über die teure Butter schimpft, ob ein Llteraturiculi schüchtern etwas mehr Freiheit für Aesthetisches fordert oder ob GObbels gegen Papen zetert: Immer beruft man sich auf den»Führer«. Denn was irgendwie nach eigener Meinung schmeckt, Ist ja verboten. Und so hört der Deutsche seit einem Jahre ununterbrochen die Zauberformel um seine Ohren knallen. Bei der ungeheuren Zahl der Einfältigen wirkt's schließlich wie einst Odolreklame. Der Oaaf läßt sieh diese Verneblung gern gefallen, und dies Stück Feigheit Ist schwer zu Oberbieten. Vorm Reichsgericht erklärte er«Inst großmäulig, in»seiner Bewegung« geschehe nichts, was er nloht wisse, heute weiß er nichts davon, daß er seine Kreaturen korrumpiert bat, bis auf die Knochen, daß und wie Im K-Z geschunden wird, daß er seit fünfzehn Jahren Haß gesät hat, daß er für sein« Banden von Hlndenburg die Naoht der langen Messer gefordert hat, daß er allen alles versprach und sich den Ausbeutern längst vor dem ä Mär* verkaufte. Während des Weltkriegs war In patrioO- achen Bilderhandlungen ein rührender Kitsch zu sehen: Wilhelm H. vor dem Kreuz eines Soldatenfriedhofs knleend; darunter der Text: »Ich habe es nicht gewollt...« Er hatte nur seine ganze Regierungszelt hindurch die gepanzerte Faust geschüttelt. Das Bild war der verlogenste Kitsch, der während des großen Massenmordens geboren wurde. So möchte Hitler für ewig ins Volksbewußtsein eingehen: Tote, Greuel und Gräber ringsum, aber er, der Oberhetzer, Führer und Haßtrompeter— er hat es nicht gewollt... Die freiheitlichen Volksmassen werden ihm die Komödie versalzen. Jetzt läßt der Bandenföhrer seine Kameraden abknallen, um sich ins Trockene zu retten, läßt Dreck- patzen auf Ihre Sargdeckel schmeißen, um seinen Namen aus der Schußlinie zu bringen. Jetzt rettet er die»Söhne der deutschen Mütter« vor denen, die er zu SA-Führern machte, denn er hat ja von ihrer kriminellen Beschaffenheit trotz klarer Personalakten und allem öffentlichen Lärm nichts gewußt. Aber jetzt stehen seine eigenen Leute auf. reißen ihm die Biedermannnamaske vom Gesicht und erzählen der Welt wie sehr Väterchen sein Bestes wollte. Das verlogene, feige Spiel geht zu Ende. Süden und Morden Seit der Schriftsteller Ignazio Sllone seinen großartigen Roman„Fontamara" geschrieben hat, weiß man. daß er Im Boden der Cafonis, der armen Tagelöhner. Halbbauern und Handwerker der Abruzzen wurzelt und daß sein Kampf dem Faschismus gilt, dessen Wesen und Werden er auch In einem Buche mit wissenschaftlicher Gründlichkeit zergliedert hat. In seinem jetzt erschienenen Novellenband„DleRelsenach Paris"(Verlag Oprecht u. Helblng. Zürich) bleibt er der Abruzzenscholle treu. Nur bricht in diesen Erzählungen der bittere Humor seiner Feder selbstherrlich durch: in leichten Porträts wie dem der berufsmäßigen Toten- bewelnerln Letlzia oder des Do rfbrief schrei- bers Don Arlstotüe, die beide jegUches Weltgeschehen durch die Brillen Ihrer skurrilen Berufe sehen— und noch stärker In wuchtigen sozialen Bildern. Der arme Cafonl. der als blinder Passagler im Hundekasten nach Paris fährt, well er den Druck und die ewig saure Polenta seine« heimischen Kaffs rächt mehr aushält und der raarode wieder zurückkommt: der Schreiner Slmpllclo, der von Mussolinis Carablneri ohne rechten Grund zu Tode gehetzt und von den armen Teufeln seines Nestes als Brigant gefeiert wird, obwohl er gar keiner ist— das sind Schicksale, deren Tragikomik erschüttert und ltre Helden über die Zeitgebundenheit äußereh Geschehens weit hinaushebt. Unslchtb*� kreist die politisch-kämpferische T enden* � Blutstrom der gesamten Handlung mit. Hiß* ter einem grotesken Humor verbirgt sich d*r revolutionär« Zorn des Dichters; nur in � Erzählung vom Spitzel, der aus der Fs« entwischt, wird er deutlicher und warnen� Ueber allem aber bleibt daa Wort seinea hetzten Siraplicio; Der Mensch könnt« F1 sein... Viel ausführlicher kann der»rto* Cafonl nicht werden, denn das Reden man ihm einst in der Verbannung abgewöhd • Nahezu das Gegenteil dieser Art. Kampf der Ideen Im Hintergrund spieI®®* lassen, erscheint Oscar Baums „Zwei Deutsche"(La BibllotMque. werpen). Konstruktiv In der For». Fragezeichen am Schluß, ein mit viel kusslon beschwerter Ausschnitt aus de" filden des nördlichen Faschismus. Zwei � den tische Vertreter der jungen Generation� hitlergläubig der eine, kommunistisch andere— streiten für ihre Ideale- Hakenkreuzler ist der Vertreter der Ideologie vom Führerglauben und rassischer Volksverbundenheit: die ..Stimme des Blutes" ist ihm RichW � und Kompaß seines Denkens, während Kommunist mit einem radikalen Patto�� mus hält. Baum läßt Urnen beiden Gereon' lasUA_>...___ � helt widerfahren, verfälscht weder wi« 9® Ideallsmus, noch Ihre Argumente und g0d die Gegensätze, die In der deutschen mit einander ringen, dichterisch offeB Wer bat reiht T Goethe la„Dichtun* H. Buch: �Dieter Geist, der 10 mich wirkte uiaü der auf meto» tuue weise so großen EiirfluS haben eoflte, war Spinoza Nachdem Ich mich n&mBdi in»9er Walt um ein BtlduuysxnBtel meine» wunder- fhihen Wesens vergehen» umgoeehen hatte. «criet idh endlich an die �thüc" dieses Mannes... Ich fand hier eine Beruhigung memer Lekfenschaften, es schien sich mir «ne große und freie Aussicht über dla«irni- iiche imd sittliche Welt aufzutun." Goethe In.�Dichtung und Wahrbett", 16. Buch: kh hatte lange nicht an Splnoea gedacht, und nun ward ich durch Widerrode zu ihm getrieben.!n unsrer Bibliothek fand fch ein Büchlein, dessen Autor geigen Jenen eignen Denker heftig kämpft e und. um dabei recht wirksam zu Werke zu gehen, Spiooeas BiUnis dem Titel gegenüber gesetet hatte mit der Unterschrift: Signum reprobatiorts in 'ultu gerens, daß er nämltoh da« Zeichen der Veru-erfung und Verworfenheit im Angesicht trage. Dieses konnte man ineUidi bei Erblickung des BiWes nicht leugnen; denn der Kupferstich war erbärmlich schledtt und eine vollkommene Fratz«, wobei mir denn Jene Gegner einfallen mußten, die irgend JomW. den sie mißwollen. zuvörderst entstellen und dann als Ungeheuer bekämpfen... Ich erinnerte mich noch gar wohl,■welche Beruhi- *ung und Klarheit über mich gekommen, als kä einst JU nachgelassenen Werke Jene" merkwürdigen Mannes durchblättert Diese Wirkung war mir noch ganz deutlich, ohne daß Ich mich des Eineeinen hätte erinnerir «feinen: ich eilte daher abermals zu de� Werken, denen ich soviel schuldig geworden. und dieselbe Friedensluft wehte mich wieder an. loh ergab mich dieser Lektüre und glaubte, indem ich in mich selbst schaute, df« Welt niemals so deutlich erblickt zu haben. •■Zeitschrift für Deutschkunde", Vorlag i�euhner. Leipzig-Berlin, Heft 3/1934.— Ar- ''keiserle„Goethe m der neuen Schule", Arti- 'Iel:„Goethes Weltanschauung im deutschen Dntcrrlcht"; Da das Sein für Goethe nur als Leben zu ■assen ist, so muß der Arbdtsunterriobt dar- aui bedacht sein, das gegensätzliche varhältni« Goethes zu Spinoza "«rauszuarbeiten. Der Verlag Teubner ist einer der bedeutend- ste" Schulvcrlage des Dritten Reiches. Also Scheint Goethe sich über seine eigene Weät- �scäiauung grundlicJi getäuscht zu habe«. Hitler zahlt alles! Auch den Envcttemngsba« der Boichskamlei, In Nürnberg wurde an einem Juniaonn- �«ine„Qartenkoloüie Julha» Streicher" «ingeweiht. Bei dieser Gelegenheit— bei Reicher nicht?—• hielt der berühmte Fran- «enführer eine Rede, in der er laut Bericht f'«r..Fränkischen Tageszeitung" u. a- folgcn- Jugoslawien 24.— Dinar' Niederlande 0.75 Gulden' Oesterreich 2.60 Schilling' Palästina—.100 P. Pfd' Polen 2.60 Zloty' Rumänien 55.- Lei' Schweden 1.90 Kronen Schweiz 1.55 Frs./ Tschechoslowakei 10.— Kö' USA.—.50 Dollar. Bestellungen durch jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt „Graphia" Karlsbad CSR. Iterlmmmrfe ©ojkxWcmoFraHfdjes IDodjmblof} Herausgeber; Ernst Sattler: verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn: Druck:„Graphia": alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P D. ZI I59.334/Vn-1933. Der„Neue Vorwärts" kostet im Einzelverkauf innerhalb der CSR K5 1.40(für ein Quarta) bei Ireler Zustellung Kö 18.—) Preis der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Ke 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung:(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klarrrmern): Argentinien Pes 0.30(3.60) Belgien Frs 2.-(24.—). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld 0.30 (3.60). Deutschland Mk 0.25(3.—). Estland F- Kr 0.22(2.64). Finnland Fmk, 4—(48.—). Frankreich Frs. 1.50(18.—). Großbritannien d 4—(Sh. 4.—) Holland Gld 0,15(1.80) Italien Lir. 1.10(13.20) Jugoslawien Diu 4.50(54.—). 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