(So*!atö*m0lra(ifd)*0 \r. 59 HOmTkG, 29. JulS 1934 Aus dem Inhalt; Diktatoren schlachten sich ab Bilanz des Justizterrors Strahlen als Kriegswaffe Der Sozialismus der Soldaten Verlag; Karlsbad, Hans„Graphia*— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Das Gespenst des Krieeswinters Neue Wirtschaftskrise im Anmarsch!— Ende der künstlichen Dinnenkonjunktur Bei oberflächlicher Beobachtung könnte es scheinen, als ob das System nach der Erschütterung des 30. Juni wieder fest im Sattel sitze, daß dampfe Stille der Erre- Sung nachfolge. Der Schein trügt! Die •�Wersten Probleme stehen dem System noch bevor! Dabei geht es nicht um Tod "der Leben des einen oder des anderen �ystemmannes, sondern um die mate- r'ellen Grundlagen des Sy- 8tem8 selber. Die außenpolitische Lage des braunen Reiches ist hochkritisch. Dennoch sind auf diesem Gebiete immer noch Manöver mög- "ch, und im letzten Notfall eine mehr oder Weniger verhüllte Kapitulation. Anders auf wirtschaftlichem Gebiete! Wenn Deutschland den An- schluß an die wirtschaftliche Weltentwick- mng wiedergewinnen soll, den es um sei- nes Lebens und seiner Zukunft willen braucht, so muß zuvor das braune System bis zum letzten zerstört werden. Es genügt nicht, daß eine Interessentengruppe innerhalb des Systems sich auf Kosten anderer in den Vordergrund schiebt, und daß ein Teil der Parasiten den anderen totschlägt. Hier hilft nur Sturz oder Kapitulation des Gesamtsystems! Der Zusammenbruch des Glaubens an die Allmacht und Wirksamkeit der Diktatur auf wirtschaftlichem Gebiete ist da. Die deutsche Wirtschaft steht vor einer neuen schwersten spezifisch deutschen Krise. Kurzarbeit, Stocken der Produktion, neue Lohnsenkungen kündigen sie an. Vor dem Volke steht die Vision eines Winters, der so schlimm wie einer der letzten Kriegswinter sein wird. Gegenüber dieser großen, sich zwangsläufig ans dem Wesen des Systems ergebenden Linie haben die Personalfragen, die dauernde Unruhe im Innern des Systems nur symptomatische Bedeutung; der offenkundige Zerfall des Kabinetts, Hitlers Urlaub, Papens Verschwinden, die Sorgen um die SA. Was immer sie tun mögen an Umbildung und Ablenkung— die konsequente Entwicklung vom Glauben zur Enttäuschung, von Enttäuschung zu Erbitterung, von Erbitterung zu Empörung vermögen sie nicht zu bannen. Hunger und Enttäuschung können sie nicht erschießen! Angesichts dieser Perspektiven heißt das Rezept des Systems: nun erst recht Klassenkampf von oben, Druck nach unten, nach uns die Sintflut! Das bedeutet wachsende Spannung. Die ersten großen Schwierigkeiten haben den Wahnsinnsanfall vom SO. Juni hervorgerufen. Je welter der Prozeß vorwärts schreitet, um so größer wird die Gefahr neuer Wahn- sinnsanfälle! Diktatoren sdilacliten sich ab Die blutigen Hintergründe des Ballhaus'Putsdies Hitler verrät seine Werkzeuge Die Diktatoren erleben eine Krise der acbt, Dollfuß ist tot. Der Diktator des Auatrofaschismus ist auf Befehl des Füh- era dea deutschen Faschismus ermordet 0rden und der Führer des italienischen aachlsmus kocht vor Wut gegen den outschen Diktator über die Ermordung österreichischen Freundes. Der Tod Dollfuß ist eine Warnung für alle üctatoren, vor allem für den, der die Ver- Hortung für ihn trägt. Es ist ein Gesetz er Diktatur, daß sie das Attentat und den �ütsch nach sich zieht. Dollfuß hat erfah- ei1. daß man auf Bajonetten nicht sitzen aön. Er bezahlt seine falsche Politik mit �>en- Er hat zwischen sich und die � rbeiterschaft einen tiefen, blutigen Gra- 611 gezogen. Er hat aus einem Volksstaat 'nen Diktaturstaat gemacht, in dem allein 6 Waffen noch die letzten Reste der jAatagewalt zusammenhalten, deren Ver- ältung und Justiz auseinanderfallen und auf apathisch zusieht. Der Mann, y dessen Befehl die sozialdemokratischen 0rkämpfer für die Freiheit gehenkt wur- eil> liegt nun auf der Bahre, getroffen von eri Kugeln des deutschen Faschismus. Dieser 25. Juli ist ein neuer Ausbruch er blutigen Pest des Faschismus. Es ist ®r SO. Juni auf Befehl Hitlers in Oester- ,eicb angewandt, eine neue Demonstration (ier Wildheit, der Brutalität, der Blutgier (j?s deutschen Faschismus. Für alles, was tle österreichischen Nationalsozialisten un- ®rnehmen, trägt Hitler die volle Verant- ortung. Der terroristische Angriff auf i �erreich, der nun ein Jahr lang geht, � die Quintessenz seiner Politik. Er ist Will'�r�er des faschistischen Eroberungs- ens gegen Oesterreich. Er läßt seinen �sörJichen Haß gegen Oesterreich durch �utige Taten seiner Agenten austoben. ®r deutsche Rundfunk hat die SoUdarität d�n Putschisten nur zu deutlich erken- lassen und der deutsche Gesandte in blt tv~'n Uebriges getan. Braucht der �befleckte Diktator von Deutschland e Ablenkung von den Greueln des 30. Juni? Wül er ein gefährliches Feuer anzünden, damit die Erinnerung an seine Mordnacht verschwindet? Aber dieser Putsch wird nur dazu beitragen, die Grundlage seiner Herrschaft weiter zu untergraben. Der Abscheu vor diesem System der Verschwörung, des Putsches, des Blutvergießens, das sein Zentrum in Deutschland hat, wird durch diesen Putsch eine gewaltige Verstärkung erfahren. Dieser Putsch in diesem Augenblick ist eine offene Provokation. Im Augenblick, wo noch unter dem Eindruck des 30. Juni ein kollektiver Schritt der Großmächte gegen die deutschen Treibereien in Oesterreich erwogen wird, läßt Hitler der Welt demonstrieren, daß er nicht zurückzuweichen gedenkt, weder vor der Rivalität des italienischen Faschismus, noch vor den Mächten, die Oesterreichs Unabhängigkeit als wesentüchen Bestandteil ihrer Politik ansehen. Es ist die Politik des tollen Hundes, es ist die Vorbereitung auf einen europäischen dreißigsten Juni. Wie lange wollen die europäischen Völker, wie lange will das deutsche Volk solche Blutnächte noch ertragen? *** Während die Welt den Atem anhält ob der blutigen Katastrophen, in die sich der Nationalsozialismus von Woche zu Woche stürzt, führt Hitler wieder eines seiner berühmten Theaterstücke auf, indem er— welch ein Opfer— auf die letzten Aufführungen der Wagneroper in Bayreuth verzichtet. In dieser ihm eigenen kitschigen Form versucht er sich zu distanzieren von dem, was in Wien unter seiner vollen Verantwortimg geschehen ist Die Arbeiterschaft steht gewiß eiskalt dem Schicksal des österreichischen Diktators gegenüber, sie hatte mit dem lebenden Dollfuß eine furchtbare Rechnung auszugleichen, der tote Diktator interessiert sie nur noch als eine geschichtliche Angelegenheit für ihren Kampf, den sie gegen die übrigen Diktatoren fortzusetzen gedenkt. Aber die Art, wie die intellektuellen Urheber des Putsches ihre Werkzeuge preisgeben und dem Henker ausliefern, ist so erbärmlich, so feige und verlogen, daß auch die revolutionäre Arbeiterschaft sich voll Ekel davon abwendet. Dieser Putsch war die letzte Chance vor dem völligen Zusammenbruch der Hitlerpolitik gegenüber Oesterreich. Die Habicht und Frauenfeld hatten sich ja im Rundfunk die Kehlen heiser geschrien und die Stimmung der Nazis in Oesterreich bis zur Siedehitze gebracht. Bomben und Sprengstoffe, Waffen und Flugblätter wurden in Massen von Deutschland nach Oesterreich geschafft. Kam ein österreichischer Nationalsozialist ins Gefängnis, so brach er mit Hilfe der dunklen Kräfte in Deutschland aus und ging mitsamt seinem Wärter über die deutsche Grenze. Jeder Attentäter arbeitete mit dem Gesicht nach Deutschland zu, jeder Mörder war ein Held geworden. Und nun? Zwar hat der deutsche Gesandte, der die scharfe Wendung des »Führers« seit dem 30. Juni noch nicht ganz kapiert hatte, die deutsche Regierung durch seine famose Vermittlungsaktion restlos kompromitiert. Aber das hinderte die deutsche Naziregierung nicht, die große Geste des Pilatus nachzuahmen, der seine Hände in Unschuld wusch. Inwieweit hier der Druck der Reichswehr nachgeholfen hat, mag dahingestellt bleiben. Die ganze Welt weiß, wo die Drahtzieher sitzen, die ihre Marionetten aufmarschieren ließen, um sie nachher dem Strick auszuliefern. So stürzen sich die Diktatoren gegenseitig in ihre Messer — das ist die Nemesis der Geschichte der Diktaturen. Wachsende Spannung Von Dr. Bichard Kern. Die wirtschaftlichen Spannungen in Deutschland erfahren eine rasch fortschreitende Verschärfung. Die Zwangsbewirtschaftung wird auf immer weitere Gebiete ausgedehnt, die Devisenknappheit wird immer bedrohlicher, die Stockungen im Außenhandel nehmen zu und der drohende Rohstoffmangel zwingt bereits zur Drosselung der Produktion. Mit der künstlich geschaffenen Binnenkonjunktur in einzelnen Wirtschaftszweigen geht es zu Ende. Drohender Hanger. Eine neue Verschärfung droht von der Landwirtschaft her. Die erste amtliche Schätzung der deutschen Getreideernte für 1934, die auf den Schätzungen der amtlichen Saatenstandsberichterstatter von Anfang Juli beruht, läßt eine Ernte von Brotgetreide, d. h. von Roggen, Weizen und Spelz von insgesamt 11,37 Millionen Tonnen erwarten. Dieses Ergebnis bleibt hinter dem Ernteergebnis des Jahres 1933 von 14.49 MUlionen Tonnen um nicht weniger als rund 22 Prozent zurück. Dabei hat die Reichskreditgesellschaft erst vor wenigen Tagen errechnet, daß die vorhandenen Getreidevorräte nur ausreichen würden, um einen Minderertrag bis zul5Prozent auszugleichen. Nach den letzten vorliegenden Verbrauchsberechnungen stellte sich der Verbrauch an Brotgetreide im Jahre 1931/32 auf 11,05 MUlionen Tonnen, jedoch dürfte er seither nicht unerheblich gestiegen sein. Noch bedenklicher ist das zu erwartende Resultat bei den Futtermitteln. Bei Gerste wird der Ertrag auf 2,91 Millionen Tonnen gegenüber 3,47 geschätzt. Ungünstig wird die Haferemte beurteilt, deren Ertrag mit rund 5 Millionen Tonnen gegen 6.95 MUlionen Tonnen angenommen wird. Dabei sind diese Schätzungen wahrscheinlich noch günstiger als es der Wirklichkeit entspricht. Die Sorge um die Sicherstellong der Ernährung— In einer Zeit allgemeiner agrarischer Ueberprodnktion!— für Mensch und Vieh hat zu einer Verschärfung der Zwangswirtschaft geführt. Der Verkehr wird jetzt vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zum Verbaucher geregelt. Waren bereits im Vorjahre Mindestpreise für Roggen und Weizen festgesetzt, so werden jetzt Festpreise sowohl für Brotgetreide als für Hafer und Gerste eingeführt, die nicht unter- oder' überschritten werden dürfen. Zugleich wird ein Ablieferungszwang für Getreide eingeführt. Die Betriebe über fünf Hektar müssen in der Zeit vom 16. Juli bis 31. Oktober mindestens 30 Prozent Roggen und 25 Prozent Weizen der Menge liefern, die die Erzeuger aus der Vorjahrsernte geliefert haben. Die Getreidepreise werden erhöht für Roggen im Durchschnitt um 6, für Weizen um 10 RM. für die Tonne. Die Ausmahlung für Roggenmehl wird von 69 auf 75 Prozent gesteigert. Durch diese Verschlechterung der Qualität soU ein Mehr 4MI etaer Zeit fortjwhreOpndw und allgemeiner Diktatur ein Mürwferlgea eine Erhöhung des Brotprelaea— bei knapper und teurer Kartoffetveraergnng — kann auch durch die schönsten Ley- und Göbbelsreden nicht ganz wettgemacht werden. Deshalb wird eine Stabilität des Brotpreises— versprochen und beim Roggenbrot die Qualität verringert. Da das nicht ausreicht, müßten die Handelsspannen beim Müller und Bäcker, die ja jetzt gleichfalls behördlich festgesetzt werden, herabgesetzt werden. Davon verlautet vorläufig noch nichts, da man die Steigerung der Unzufriedenheit im Mittelstand immer mehr fürchtet. Und so wird die Aufrechterhaltung des bisherigen Brotpreises wahrscheinlich das Schicksal der anderen nationalsozialistischen Versprechungen teilen. Der Futtermangel in vielen Teilen des Reiches hat die Lage der Bauern akut verschlechtert. Noch nicht schlachtreifes und Milchvieh muß abgestoßen werden. Die Preise gehen zurück. Die Lan- desbauernführer werden unruhig. Die nationalsozialistische Agrarpolitik hat bisher die inländischen Futtermittel zum Nutzen der Großgrundbesitzer und Großbauern systematisch verteuert, die Einfuhr der ölhaltigen Kraftfuttermittel gedrosselt und ihre Preise maßlos erhöht. Jetzt verlangt zum Beispiel der Landesbauernführer in Hessen-Nassau weitgehende und recht kostspielige Maßnahmen; Ankauf von Großvieh zur Einkonservierung für das Winterhilfswerk, Herabsetzung der Umsatz- und Grundvermögenssteuer, Bereitstellung genügender Devisenmengen(!) für den Ankauf ausländischer ölhaltiger Kraftfuttermittel, Beseitigung der Monopolabgabe auf diese Futtermittel und eine darüber hinausgehende weitere Preisherabsetzung, Frachtermäßigungen der Reichsbahn usw. Schiffbruch der totalen Agrarpolitik. Die Forderungen sind deshalb interessant, weil sie zeigen, wie die totale Agrarpolitik, die sich einbildete, die Wünsche aller landwirtschaftlichen Gruppen zugleich befriedigen zu können, Schiffbruch leidet. Die Begünstigimg der Großen, die Getreide und Futtermittel zum Verkauf bringen, hat die Produktionskosten der landwirtschaftlichen Veredelung in die Höhe getrieben; der Versuch, die Fleisch-, Gemüse- und Obstpreise gleichzeitig heraufzusetzen, scheitert an der sich immer verringernden Kaufkraft der städtischen Massen—»beider Verbraucherschaft liegt unglücklicherweise auch noch ein geringer Bedarf(!) an Fleisch vor«, klagt �der erwähnte Bau- eraführer— und jetzt, wo der Futtermangel dleeen Gegensatz akut verschärft hat, verlangen die nationalsozialistischen Bauernführer neben neuen Subventionen aus der geleerten Reichskasse selbst die grundlegende Aenderung dieser Agrarpolitik, das Herausbrechen eines tragenden Teiles des ganzen Autarkie- und Preistreibereisystems! Das werden die Nationalsozialisten nicht tun und deshalb wird die Unzufriedenheit der Bauernmassen weiter wachsen, um so mehr, da die Futtermitteleinfuhr aus dem Ausland an die Schranke der Devisennot stößt und diese weiter steigert. Nun hat das Konjunkturinstitut kürzlich von einem eventuellen Getreldezuschuß- bedarf aus dem Ausland in der Höhe von 1 Million Tonnen gesprochen; seine Deckung würde etwa S5 Millionen RM. Devisen erfordern. Diese Schätzung dürfte viel zu gering sein, aber aüch ein solcher Betrag bedeutet heute eine schwere, zusätzliche Belastung, die eine noch stärkere Einschränkung anderer Rohstoffeinfuhr bewirken wird. Kurzarbeit— Lohnsenkung! Auf industriellem Gebiet hat die Devisennot bereits zur ersten folgenschweren Einschränkung der Produktion geführt. In der Textilindustrie, die bisher durch die Uniformen- und Festkleidbestellungen, zuletzt durch die Hamsterkäufe eine Sonderkonjunktur hatte, darf vom 23. Juli ab n i c h t mehr als 36 Stunden gearbeitet werden. Denn»die vorhandenen Vorräte müssen geschont« werden, da die De- viSenlage eine Beschränkung der Einfuhr notwendig macht. Zugleich wird die Errichtung neuer Betriebe oder die Erweiterung bestehender verboten, um eine Umgehung der Arbeitszeitverkürzung zu verhin- Die Tote der SA aetrew» Tat vom 30. Jtel ttt der Bartholom»aenacht ist die Aagst eingekehrt. In den letzten Tagen sind 10 Verlaut- barangen ergangen, von verschiedenen Stellen aus und an verschiedenen Tagen, damit ein Zusammenhang nicht deutlich werde, cBe darauf hinauslaufen, irgendwelche Zusammenkünfte gleich welcher Art zwischen SA-Leuten unmöglich zu machen. Keine Gelegenheit zu einer Aussprache, zu einer Kritik, zu einem Gespräch oder gar zu einem Revolte-Plan soll möglich sein. Unauffällig wird die SA mundtot gemacht, ausgeschaltet, geknebelt. 1. Der Reichssportführer von Tschammer- Osten hat am 8. Juli angeordnet, daß sämtliche Sportklubs, die ausschließlich SA-Charakter tragen, sofort aufzulösen sind, da»die SA sich nicht mehr wie bisher außerhalb der bürgerlichen Volksgemeinschaft zu stellen hat, sondern mit dem Volk innig verwachsen muß«.(»Mittag«, Düsseldorf, vom 10. Juli.) Die SA-Sportklubs haben sich mit bürgerlichen Sportvereinen zu fusionieren. Die Aktion hat bis zum 1. August durchgeführt zu sein. Klubs, die dem Befehl nicht nachkommen, haben den Verlust ihres Vereinsvermögens sowie dauernden Ausschluß aus dem deutschen Sportbetrieb zu erwarten. Von dieser Verfügung des Reichssportführers werden ungefähr 2 90 Vereine mit einem Mitgliederstand von Uber 200.000 Mann betroffen. Es ist heute zu gefährlich, die SA unter sich Sport betreiben zu lassen! 2. Der neue Stabschef der SA, Lutze, erließ am 4. Juli auf Anordnung Hitlers den Befehl, daß unverzüglich die Vereinigungen der»Alten Garde«(SA, Parteimit- gliedsnummer 1—100.000) aufzulösen seien. Die Vereinsvermögen werden zugunsten der SA-Invaliden und der Angehörigen und Hinterbliebenen von im Kampf für das Dritte Reich schwerbeschädigten oder gefallenen SA-Leute verwandt. Die Durchführung des Befehls überwacht der Stäbschef Selbst.(»Der SA-Mann« vom 7. Juli.) 3. Der Reichsjugendführer Baidur von Schirach kündigte am 10. Juli in einer Rede in Magdeburg an die Führer der Hitlerjugend aa, daß ein« großa Ral»lr»ag»aktl«D unter dea Ftbrara and Bralchera der Hitler jagead, die anae größten Teil ans der 8A. Stemmer, dnrehgerthrt wert »um zur Erziehung der Jugend ungeeignete Elemente von ihren verantwortungsvollen Posten su entfernen.« Auch die enge Verbindung, die zwischen HJ and 8A bestand, soll»gelockert« werden, da es»nicht angehe, die Jugend mit Problemen zu belasten, für die ihr noch die notwendige Erfahrung und Voraussetzung fehle.« 4. Reichspropagandaminister Dr. Göbbels ließ als Leiter der deutschen Theater in einer Kundmachung vom 12. Juli in Berlin(DAZ. vom 13. Juli) die Theatergruppen, Wanderbühnen und Theaterver- elno der SA- Vereinigungen einstellen, da»das Theater Volksgut sei und gemeinsam vom ganzen deutschen Volk ohne Unterschiede gefördert werden müsse. Da eine einheitliche oberste Führung besteht, Ist gewährleistet, daß die Aufführungen jedem Sonderinteresse gerecht werden können, DU- letantismus aber habe im deutschen Theaterleben nichts mehr zu tun.« 5. Gleichzeitig wurde von Dr. Göbbels angeordnet, daß die»notleidende SA- Filmgenossenschaft« in Berlin mit allen Verbindlichkeiten von der nationalsozialistischen Fllmunlon übernommen werden soll. 6. Die Reichskulturkammer beschloß auf Antrag des Kulturverbandes in einer Sitzung vom 14. Juli die Anweisung auf U m b e n e n- nung der SA-Verlage und SA- BUchereien, die jedem deutschen Volksgenossen zugänglich seien, in Volks-Verlagc und Volka-Büchereien. 7, Als oberster Herr des deutschen Rundfunks hat Dr. Göbbels am 14. Juli angeordnet, daß eine einheitliche Zusammenfassung sämtlicher Rundfunkorganisationen erfolgen müsse. Auch Funkstunden für einzelne Sondergruppen der Bevölkerung haben in Hinkunft zu unterbleiben. Damit wurde die SA-Rundfunkorganlsation sowie der SA-Rundfunk aufgehoben. 8. Stabschef Lutze vebot am 10. Juli bis auf weiteres den S A- Kameradschaft s- b u n d und die Weiterführung des Vereins. Das Vermögen wird einstweilen von einem Trsuhäader rsrwaHot.(»Angriff« vom iL Juß.) 9. Dar lUichsmialtrter für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat am 14. Juli ein Verbot neuer Studenten- b finde Im ganzen Reichsgebiet erlassen. Alleinige studentische Vertretungen sind die deutsche Studentenschaft und der national- sotialla tische Studentenbund. Damit ist man dem im Februar ins Leben gerufenen SA- Studentenbund ans Leben gegangen, der jene Studenten zusammenschloß, die neben Ihrem Studium auch noch aktiven Dienst in der SA absolvierten. 10. Relchsluftfahrtmtnlster Görlng hat sämtliche privaten und parteimäßigen Flugsportverbände unter dem»Nationaldeutschen Flugsportverband« zusammengefaßt. Hierdurch wurde den SA-Flugstaffeln ein Ende bereitet. Eine kleine Auslese von Verfügungen, die alle aus Angst vor der SA getroffen wurden. Ob sie den Zusammenschluß der Rache brütenden SA verhindern können, ist sehr zweifelhaft! Unermüdlicher Kampf Genosse Gerhard Seger wird im Oktober abermals In Enjgland sprechen Im November wird er seinen Feldzug gegen das System in den Vereinigten Staaten fortsetzen. Seine norwegische Versammlungsreise wurde von der Landesorganl- satlon der Arbeiterpartei und von dem Komitee gegen Krieg und Faschismus, einer Art der Dachorganisation der verschiedenen Arbeiterverbände, organisiert. Er hatte in 18 Tagen 19 Versammlungen, In Oslo 8, dann in Mosa. Sarpsborg, Halden, Horten, Larvlk, Sandefjord, Tonsberg, Drammen, Hamai". Trondhjem, Krlatiansund. N., Aalesund, Bergen, Stavangen, Kristlansand, S., Arendal. Die Versammlungen waren sämtlich öffentlich und Insgesamt von rund 20.000 Personen besucht. Zwei davon In Stavanger und Krl" stiansand-S., waren unter freiem Himmel, bei einer dritten In Kristiansund-N. wurde die Rede aus dem Volkshaus durch Lautsprecher auf den Marktplatz übertragen, auf dem ein« noch größere Versammlung zuhörte. dern. Eine»Anpassung« der Preise an etwa steigende Weltmarktpreise, aber auch, was entscheidend ist, an»unvermeidbare Selbstkostenerhöhungen«, wird ausdrücklich zugegeben. Daß eine»scharfe Ueber- Wachung« stattfinden soll, wird an den Preissteigerungen nichts ändern. E r- höhte Preise für durch Ersatz verfälschte Ware— teuer und schlecht— wird jetzt die Devise! Die Arbeitszeitverkürzung geht natürlich auf Kosten der Beschäftigten und bedeutet einen neuen Abfall ihres unglaublich gedrückten Einkommens. Nach der amtlichen Erhebung für den September 1933 betrug der Bruttostundenverdienst im Durchschnitt 61.5 Rpf., der Nettoverdienst 54.0, Er schwankte bei den einzelnen Kategorien zwischen 36.5 und 64.1 Rpf. Die Wochenarbeitszeit betrug im Durchschnitt 43.16 Stunden und das durchschnittliche Wocheneinkommen 26.53 RM. Spinner verdienten 31.29 RM., Weber 30.16 RM., während Hilfsarbeiterinnen auf 18.81 RM. kamen. Der Vergleich mit 1930 zeigt einen Rückgang des Stundenverdienstes um durchschnittlich 21%, der Wochenverdienste— wegen der etwas längeren Arbeitszeit— um 20%. Seitdem ist aber unter der Hitlerherrschaft eine weitere Lohnsenkung eingetreten, denn eine Erhebung der»Deutschen Arbeitsfront« stellt einen durchschnittlichen Wochenlohn Von nur 21.47 RM. fest. Das bedeutet eine neüe Senkung um rund 20%! Seit 1930, dem Sturz der Regierung Hermann Müllers, Ist eine Reduktion um 40 Prozent, fast eine Halbierung, der Löhne eingetreten. Und jetzt bringt die Verkürzung noch eine weitere Verringerung der Hungerlöhne— wahrscheinlich um 10 bis 20%! Im Engpaß. So spiegelt sich im steigenden indiVidü- eilen Elend das allgemeine Elend der deutschen Wirtschaft. DieAusfuhrstag- n i e r t, wie die Junizahlen gezeigt haben, weiter, sie war mit 339 Millionen nur um 2 Mülionen höher als im Mai, während die Einfuhr mit 377 Millionen sich um 2 Mülionen verringerte. Das Passivum betrug 38 Millionen. Dabei hat sich die Einfuhr bei den von den Verboten erfaßten Waren um 10— 40% vermindert. Einfuhrsteigerungen anderer Rohstoffe machten aber diesen Rückgang wieder wett. Betrachtet man das erste Halbjahr 1934, so zeigt sich ein Anwachsen der Einfuhr auf 2302 Millionen (erstes Halbjahr 1933: 2087) und ein Rückgang der Ausfuhr auf 2086 Millionen gegen 2378. Das Passivum beträgt 218 Millionen gegenüber einem Aktivum von 291 im Halbjahr 1933. Ist aber die Gestaltung des Außenhandels bisher nur als ungünstig zu bezeichnen gewesen, so droht das zweite Halbjahr mltnochvlelwelterfortschrel- tender Verschlechterung. Die Zuteilung der Devisenkontingente ist nochmals halbiert worden und beträgt für August nur mehr 5%. In Wirklichkeit ist die Reichsbank nicht mehr imstande, auch nur diesen Satz allgemein zuzustellen. Die Wirtschaftskreise werden von einer immer stärkeren Unruhe erfaßt und die Wahrheit kann sogar von Deutschland nicht mehr ganz unterdrückt werden. So schreibt die »Frankfurter Zeitung« unter dem bezeich nenden Titel:»1 m E n g p a ß«: „Schwerer als die vermehrte Arbeitslast der Banken wiegen die Beeinträchtigungen in den D i g p o s i t i o n s m ö g- llchkelten eines großen Teiles der Industrie und des Handels. Gekaufte Waren können vielfach nicht attgenom- hl e n werden und liegen in Kähnen oder Lagerhäusern, was im besten Falle erhebliche Kosten, in manchen Fällen aber auch eine Qualitätsversohlechterung oder gar einen Verderb der Ware zur Folge hat. Die Klagen wichtiger, auf Rohstoffbezug aus dem Ausland angewiesener Industrien über Verminderung der Vorräte mehren sich; sie werden dadurch verständlich, daß die reguläre und irreguläre Nachfrage aus dem Inland in allen Von den Rohstoffsorgen betroffenen Waren sehr lebhaft bleibt, während die Neueindeckuag mit Rohstoffen auf die bekannten Schwierigkeiten stößt. Darüber hinaus ist der Kredit, den die deutsche Wirtschaft bei ihren ausländischen Lieferanten bisher noch genoß, in sehr vielen Fällen weiter eingeschränkt und zum Teil sogar unterbunden worden. Beispielswelse bestehen die Lieferanten eines wichtigen ausländischen Rohstoffes, die bisher xmter rund Viermona- tiger Kreditfrist(Dreimonatsakzept) direkt an die deutschen Abnehmer geliefert haben, nunmehr auf Barzahlung am Verschiffungsort, da die bis Vor kurzem noch einigermaßen gesicherte Bezahlung der Fakturen bei Verfall infolge der Repartierung ungewiß geworden Ist, gleichgültig oh es sich um deutsche Abnehmer mit größten Bankguthaben handelt oder um schwächere." Folgen des Vertragsbruchs. Und der Ausweg aus diesem Engpaß' Das wären Rohstoffkredite. Aber die Diktatur hat den deutschen Kredit völlig zerstört— mit Gangstem schließt man keine Verträge und am wenigsten i® Augenblick des offenen nnd nicht mehr abzuleugnenden Vetragsbruches. Und der ist jetzt gekommen. Deutschland hat die am 16. Juli fällige Monatsrate füf die Zinsen der Dawesanleihe nicht geleistet. Diese Anleihe, die seinerzeit von Schacht persönlich verhandelt, abgeschlossen nnd eindringlich befürwortet Ist, ist mit gan2 besonderen Garantien ausgestattet Für sie haften einmal»alle gegenwärtigen und künftigen Vermögensbestände und Einkünfte des deutsch«! Reiches«, zweitens alle Einnahmen aus Zöllen, sowie die Stenern auf Tabak, Bier und Zucker und die Einnahmen aus dem Spiritusmonopol. Diese Einnahmen wurden bisher auf ein Konto der Treuhänder bei der Reichsbank eingezahlt und nach Abzug der Zins- und Tü- gungsbeiträge der Reichsregierung frei" gegeben. Jetzt haben die Treuhänder, wozu sie nach dem Anleihevertrag nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet waren, alle Zoll- u n � Steuereinnahmen gesperrt. Vi6 Hitler-Regierung hat daraufhin die FinanZ- kassen angewiesen, die Einnahmen nicht mehr der Reichsbank, sondern direkt def Reichskasse zu überweisen. Das ist off6' ner Vertragsbruch und wird auch in der ganzen ausländischen Presse als solcher bezeichnet. Es zeigt zugleich, daß auch die weitestgehenden Garantien einem Vertragsbrüchigen Staat gegenüber wertlos sind, wenn nicht materieller Zwang zur Erfüllung eingesetzt werden kann. Aber eben deshalb werden sich Private wie Regierungen hüten, einem solchen Staat gar erst neue Kredite zu gewähren und so wird d i e Drosselung der Einfuhr mit a» Ihren Folgen— Drosselung der Produktion, steigende Arbeitslosigkeit, Sinken der Einnahmen, weitere Erschütterung der Währung— weitergehen. Von der E1"' fÜllung ihres Wunsches zur»Normalisi6' fung« ist die Diktatur weiter entfernt als J«. Hitler* Herr über die Arbeitergroseben Das Vermögen der Arbeitsfront Ihm unterstellt Die großkapitalistisch« Diktator bat dnroh Bitler einen Schlag gegen die> Arbeitsfront« führen lassen, der die letzten Dloslaoen zerstört. Alle Funktionen, die eine Vertretung von Arbeite rlntereeeen, wenn auch In beschränktester Form, ermöglicht hätten, sind der Arbeltsfront bereits genommen worden. Jetzt wird Ihr auch die Verfügung über die Mitgliedsbeiträge nnd die Kapitalien der Arbeitsfront entzogen. Der 1, e y pfeift anf dem letzten Loche. An Macht und Einfluß ist ihm nichts geblieben— Jetzt geht es an die finanzielle Ornndlage seiner pa- rasitären Existenz! Das Vermögen der dentsohen Gewerkschaften war ein großes sozialpolitisches ZweokvermS- £ e n, das von den Gewählten der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter autonom verwaltet wurde. Es diente der Anfrech t- erhaitung und Verteidigung des kulturellen Standes der Arbeiterschaft, es wurde für Kampf und TJnterstUtznngszweoke verwendet. Auf diesem Vermögen beruhte der materielle Aufstieg der deutschen Arbeiterschaft! Die Kewcrkschaftlich organisierten Arbeiter hat- fen kraft der demokratischen Verfassung der Gewerkschaften darüber ein Mitbestimmungsrecht. Dies soxlalpolltisohs Zweckvermögen Ist am 2. Mal 1085 gestohlen worden. Es fiel In die Hand der Arbeitsfront. Nun wurde es sin Zweckvermögen gegen die Arbeiter. Die Betträge wurden nach wie vor eingetrieben—, aber die Auszahlungen eingestellt! Eine gewaltige, bei der ehemaligen Arbeiterbank zentralisierte Kapitalmacht wuchs heran, anf deren Grundlage die Bonzen der Arbeltsfront Ihre parasitäre Existenz aufbauten. Eine riesenhafte Korruption wurde gezüchtet, gegen die alle Hitlerenthül- lungen über die Korruption In der SA ein Kinderspiel sind. Das korrupteste Subjekt unter diesen Parasiten Ist der L e y. Noch 1032 war dieser Mann vollkommen vermögenslos nnd bankrott— heute kann er die Tiergartenvilla eines Großindustriellen für 1,600.000 Reichsmark kaufen t(Eine Million sechshundert- tacsend Reichsmark.) Aber— Du glaubst zu stehlen und wirst bestohlen! Das gesamte Vermögen der Arbeitsfront einschließlich der Verfügungsgewalt Uber die»Bank der deutsehen Arbeiter«, die rund 700 Millionen Mark Kapitalien verwaltet, Ist dem Reichs- schatzamt der nationalsozialistischen Partei onterstellt worden. Damit ist der Diebstahl vollendet! Die Beiträge der Arbeitsfront sind fortan reine Parteibetträge für die NSDAP, die letzte Fiktion, daß das Zweckvermögen der deutschen Arbeiter erhalten werde,(st gefallen. Auch formell ist nun völlig klargestellt, daß die Arbeitergroseben für die braunen Diktatoren geraubt worden sind! Die letzte Verfügungsgewalt über das beim Beichsschatzamt der NSDAP zentralisierte Vermögen besitzt Hitler. Seine poll tische Macht zerbröckelt— aber seine Finanzmacht wird gestärkt. Das Großkapital braucht Um nicht mehr zu finanzieren— er finanziert sich selbst durch den Raub der Gewerk- schaftsgelder. Dieser Diebstahl Ist die Ouvertüre zu dem neuen Schlag der Unternehmer gegen die Arbeiter, zu Kurzarbelt und Lohndruck. Das Ist die wahre Volksgemeinschaft, und das famose »Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit« erhält Jetzt erst seinen richtigen Sinn. An Händen und Füßen gefesselt, sind die Arbeiter den Unternehmern ausgeliefert— nnd sie müssen obendrein noch Tribute für die Flnan- zierung der Kapitalsdiktatur zahlen! Hie stille Umwandlung Die Umwandlung im System greift auch auf die politische Organisation der NSDAP über. Hier wird der Prozeß zunächst mit üem friedlichen Mittel der Absetzung und möglichst in der Stille durchgeführt. Die Abgesägten aber sind vorgemerkt für den nächsten 30. Juni! Als einer der ersten ist der Gauleiter von Pommern Karpenstein abgesetzt worden. Er hatte kurz vor dem 30. Juni mit dem erschossenen Heydebreck l'reueachwüre ausgetauscht. Als ein zweites Opfer fällt der Pressechef der Hitlerjugend Staebe. Kr hat kurz vor dem 30. Juni den �ressekampf mit dem Stahlhelm geführt, •tun er feste nach dem Thema:»Nieder der Reaktion, es lebe die zweite Revolution!« Jetzt liegt er auf der Strecke. Sein Reichsjugendleiter B a 1 d u r v o n Schirach glaubt mit einem kühnen Sprung im letzten Augenblick das rettende Dfer erreicht zu haben. Kr läßt seine Wen- �Igkeit im Kampfblatt der Hitlerjugend der Rhelnpfala folgendermaßen besingen: „Wenn darum die deutsche Jugend gerade in den letzten Monaten eine bestän- illge Zielscheibe revolutionärer und kaplta- Üatl scher Angriffe war, so sieht man darin beute nicht nur Zusammenhänge mit diesen Anpöbelelen zu den Schuldigen des Sama- bagea, sondern auch deren eifriges Bestreben, durch eine allzu eifrige Blskusslon Uber das Für und �Ider der deutschen Jugend ihr« feln gesponnenen Fäden kunstvoll verdek- aen können. Unter diesen Gesichtspunkten hiuß auch das rechtliche Abstop- Pen der Auseinandersetzungen �er Hitlerjugend mit der angreifenden Stahlhelmzeltung als besonders glUcklloh bezeich- bet werden In einem Augenblick, In dem 'be ehemalige Oberste SA-Führung diesen Kampf längst aus ganz anders gelagerten Gründen, die Jetzt sichtbar wurden, weitertrieb. Hier von Selten der Hitlerjugend rechtzeitig hinter die revolutionär getünchten Kulissen geschaut zu haben, ist das groß« Verdienst des Relchsju- gendführers, der bereits auf der letzten Gebietsführertagung und der letzten Tagung der Abteilungsleiter der RJP den t-auf der Dinge so prophezeite, wie es ging." Biese Schilderung, wie Baidur von Schirach verraten hat, Ist ebenso bezeichnend die Kläglichkeit des Rückzuges der Hlt- �Jügend vor der deutlichen und drohenden Sprache der„Reaktion". Aber Schirach steht schon auf der Liste. Er soll •■stille" erledigt werden. Inzwischen wird um 11 herum gepeinigt. Aus der Hitlerjugend �geschlossen wurden mit sofortiger Wlr- ttüg Bannführer Georg Reepen, Rambürg, Gebiet Nordmark der HJ.. Obor- gtgbannführer Wilhelm Krapp, � erbn, Relchsjugendftlhrung und Stamm- ubrer Wolfgang Afflmermann, Rbhihurg, Gebiet Nordmark. Auch der Führer der Studentenschaft Dr. � 1 a e b e 1 hat daran glauben müssen. Er tatta sich mit den farbentragenden Studentenverbindungen, namentlich mit den B o n- 6r Borussen angelegt, Der Sinn dieser Säuberungen ist klar. In einer westdeutschen Stadt gab es in diesen Tagen einen Konflikt zwischen dem nationalistischen Oberbürgermeister und einem Reicbswehroffizier. Der Oberbürgermeister hatte eine schwarzweißrote Fahne, die auf Befehl eines Offiziers angebracht worden war, durch eine Hakenkreuzfahne ersetzen lassen. Der Offizier herrschte den Nazioberbürgermeister an: ,,Sie haben überhaupt nichts zu sagen, Sie sind nur geduldet. Sie werden wohl bald erfahren, was Berlin mitzuteilen hat über Ihre Rechte und Pflichten," Ganz so, wie unter Wilhelm die Militärgewalt einen zivilen Beamten angeherrscht hätte. Dieser Prozeß ist aber noch keineswegs abgeschlossen! Studenten-Aufruhr in Göttingen In Göttingen ist ein Streit zwischen den alten studentischen Verbindungen und dem Natlonalsoslallstlschen Studentenbund ausgebrochen, da es die farbentragenden Verbindungen ablehnten, sich von den hundertzwanzlgprozentigen Nazistudenten majorisieren zu lassen. Am Mittwoch der vorigen Woche kamen die Streitigkeiten zum offenen Austrag. Die Korporationen riefen zu einer großen De monstration auf dem Marktplatze auf, die in vollem Wichs vor sich gehen sollte. Der Nationalsozialistische Studentenbund versuchte mit Hilfe schnell herbeigerufener Hitlerjugend diese Demonstration zu vereiteln und ging zu Tätlichkelten Uber. Daraufhin besetzten ungefähr tausend Korporationsstudenten die Räume des GOttinger Ratskellers. Dort wurden sie von den Nationalsozialisten belagert. Es kam zu schweren Ausschreitungen. Schließlich griff die Poüzel ein und vertrieb die Nazistudenten mit Gummiknüppel und Wasser- schläuchen vom Marktplatze. Da sich die Krawalle in den nächsten Tagen fortsetzten, wurden eine große Anzahl farbentragender Studenten verhaftet und In das Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Diese Maßnahme hat Oel ins Feuer gegossen. Bs ist nicht anzunehmen, daß diese Reibereien in Kürze aufhören werden. Die„Braunschwelglsche Landeszeitung" vom 15. Juli berichtet darüber: „Es sind weit Uber 50 Jahre verflossen, seit in Göttingen durch Studenten die öf- Zwölf Jahre Zuchthaus Genosse Richard Lohmunn aus Leipzig Tcrurteilt— Staatsanwalt erwägt Todesstrafe Dies Urteil ist ein aufreizendes Terrorurteil! Der Vorsitzende des Gerichts war der berüchtigte Landgerichtsdirektor D r. F r I e s 1 c k e, der sich schon im Prozeß gegen die Dresdner Sozialdemokraten als einer der schlimmsten Handlanger des braunen Terrors ausgezeichnet hat. Der Name dieses Blutrichters wird nicht vergessen werden. Richard Lohmann, ein stiller, wortkarger Mann von 50 Jahren, war einer der treuen, stillen, unbekannten Kämpfer für Freiheit und Sozialismus. Er hat vor Gericht ebenso treu und mutig zu unserer Sache gestanden wie in seiner Arbeit. Von ihm hat die braune Terrorpollzei nichts erfahren. Er hat keinen Menschen verraten, sondern hat die oberste Pflicht aller illegalen Arbeit erfüllt: zu schweigen. Einer der wahrhaften, aufrechten Kämpfer für den Sozialismus geht ins Zuchthaus des braunen Terror«, ein Zeuge dafür, daß Mut, Gesinnung und Kampfwille der sozialdemokratischen Arbeiterschaft ungebrochen sind, Der Zorn der nationalsozialistischen Justizkreaturen über die aufrechte Haltung dieses Mannes erklärt die H öh e des Strafmaßes— zugleich aber die Niedrigkeit und Gehässigkeit dieser sogenannten Richter! Genosse Richard L o h m a n n aus Leipzig ist vom Sondergericht des Landes Sachsen zn zwölf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlast verurteilt worden. Er wurde beschuldigt, Hunderte von Exemplaren der»Sozialistischen Aktion« in Leipzig vertrieben zn haben. Der Staatsanwalt bezeichnete Lohmann als einen gefährlichen Menschen, gegen den eine strenge Strafzumessung nicht nur als Sühne, sondern als Abschreckung zu erfolgen habe. Er habe deshalb reiflich erwogen, ob er nicht den Antrag auf Todesstrafe gegen Lohmann stellen solle! Schließlich beantragte er 12 Jahre Zuchthaus auf Grund des Reichsgesetzes vom 13. Oktober 1933. Das Gericht urteüte entsprechend dem Strafantrag. In der Urteilsbegründung heißt es: »Bei der Auswerfung dieses Strafmaßes fiel erschwerend ins Gewicht, daß Lohmann trotz der Schutzhaft, die über ihn einst verhängt war, und der von ihm bei der Entlassung abgegebenen eidesstattlichen Erklärung welter gegen die staatliche Sicherheit gewühlt hatte. Strafverschärfend war die Raffiniertheit des Angeklagten, der Umfang und Zeitpunkt der Verbreitung dieser Hetzschrift« fentüche Ruhe und Sicherheit gestört worden ist..... Es war gewiß kein schönes Bild, als die Studenten in Couleur unter Polizeibedeckung an die Tür des Gefängnisses geführt wurden.... Die Ursache, die zu dieser Maßnahme geführt hat, ist in ihren Einzelheiten nicht bekannt geworden, die Annahme der farbentragenden Verbindungen, daß Ihnen die Farben genommen werden sollten, ist jedenfalls nicht allein der Grund zu den Unruhen, vielmehr scheinen mehr oder weniger politische Dinge In die leidige Angelegenheit hinzuspielen.... Wie gesagt, was eigentlich vorgegangen ist, ist nicht recht bekannt geworden, es wird auch vorläufig nicht bekannt werden!" Von Wichtigkeit Ist in diesem Zusammenhange folgender Bericht: „Auffällig ist, daß gegenwärtig außerordentlich viele Studenten in den Straßen der Stadt zu beobachten sind, die mit gewisser Absichtlichkeit ihre Farben zeigen, und am letzten Mittwoch sind im Gegensatz zur letzten Zeit die farbentragenden Studenten in überaus großer Zahl mit wehenden Korporationsfahnen nach Mariaspring gefahren." Von anderer Seite erfahren wir dazu, daß dieser Ausflug nach Mariaspring durchaus demonstrativen Charakter getragen habe. Neben dem Absingen der alten Burschenschaftslieder seien eine Reihe von Ansprachen gehalten worden, in denen man der sieben Oöttlnger Professoren gedacht habe, die 1837 gegen die Obrigkeit rebellierten und wegen Ihrer Ueberzeugung vom damaligen Machthaber verjagt worden seien. Es handelt sich bei diesen Professoren um die Gebrüder Grimm, femer um Dahlmann, Ewald, Albrecht, Gervlnus und Weber, die im Jahre 1837 gegen den hannoverschen Verfassungsbruch protestierten. Das Zeugnis der Konservativen »Der Ring«, die Wochenschrift des Herrn Heinrich von Gleichen, steht dem»Herrenklub« nahe. Sie nennt sich»konservative Wochenschrift«. In ihrer Nummer vom 13. Juli nimmt sie Stellung zum 30. Juni. Ueber- schrift: Disziplin, Disziplin! Sie schreibt: »Wir konnten dieses geschichtliche Ergebnis(der Machtergreifung Hitlers) um so rückhaltloser bejahen, als es gerade ans der Tiefe des Volkes und nicht aus einseitiger Anregung politisch führender Kreise gekommen ist. Wir wissen durchaus als Konservative, daß und wie sich eine Intellektuelle Oberschicht dabei zu bescheiden hat. Aber wir wissen auch, welch schwerer und vielleicht auch nicht kurzer Weg noch zu durchschreiten Ist, bis die Einheitlichkeit der Führung sich so durchgesetzt hat, daß sie nicht nur mit Jubel und allgemeiner Begeisterung bejaht wird, sondern daß auch von dem verständnisvollen und glücklichen Zusammenspiel aller Volksgenossen mit Recht gesprochen werden kann. Erste und entscheidende Voraussetzung dabei Ist, daß der Führer uns beschieden bleibt, an den sein Volk glaubt.« Die Herren wollen Hitler behalten, weil und solange er Ihrer Herrschaft eine Massenbasis sichert, und— versteht sich— wenn er ihren Willen tut! Die unbekannten Opfer Wir erhalten folgendes Schreiben: »Werte Genossen! In Nr. 67 des»Neuen Vorwärts« veröfentllchten Sie eine TötenliBte. Ich vermisse unter unseren ermordeten Genossen den Genossen Wenzlaff aus Elbing (Ostpreußen). Dieser Genosse, Polizeiwachtmeister, war einer der Führer des Elbinger Reichsbanners. Er wurde schon Im März 1933 von der SA auf das furchtbarste mißhandelt, dann Ins Krankenhaus eingeliefert und nach einiger Zelt entlassen. Er ging zu seiner Mutter Irgendwo auf dem Lande. Plötzlich erhielt er die Nachricht von der Erkrankung aeiner Braut In Elbing. Er fuhr nach Elbing, meldete sich bei der Polizei, die ihm Schutz für zwei Tage zusagte; kaum aber war er hei seiner Braut eingetroffen, als auch schon eine Abordnung der SA da war. Sie nahmen ihn In die Mitte— es war in den Abendstunden— und stießen ihn den Mühlendamm (jetzt Adolf-Hitlerstraße) hinunter. Dann verschwanden sie mit ihm In dem Gebäude des in Elbing stationierten SA-Sturmes. Wenzlaffs Leiche wurde am nächsten Morgen ins Städtische Krankenhaus eingeliefert. Der Mord geschah im April 1933. Der Name des Sturmbannführers, der die Exekution selbst geleitet haben soll, Ist Z a- remba.« Keine Unterstützung mehr! Die Stadt Braunschweig treibt wie alle anderen erwerbslose Arbeiterinnen zur Zwangsarbeit aufs Land. Oberbürgermeister Hesse wieß darauf hin, daß sich nicht allzuviel(nur 16) gemeldet hätten, hob aber gleichzeitig hervor, daß jetzt radikal mit den Un- terstützungswesen gebrochen werden müsse. im Dienste der Freiheit Für die Verbreitung des„Neuen Vorwärts", der„Deutsche Freiheit" und der illegalen Zeitungen und Schriften der Sozialdemokratischen Partei wirken viele Tausende von Genossen und Genossinnen, verfolgt und bedroht von der Justiz des braunen Terrors. Bisher verhängten die braunen Sondergerichte wegen Verbreitung sozialdemokratischer Literatur 139 Jahre 6 Monate Zuchthaus, 136 Jahre 2 Monate Gefängnis! Kein Terror schreckt unsere Genossen! Ihr Mut, ihre Treue, ihre Opfer werden niemals vergessen werden. Ullanz des» Justizterpors Den Opfern des 30. Juni kann nicht daa menschliche Mitleid der Welt zuteil werden. Das Schicksal, das sie erhalten, haben die Röhm, Heydebreck, Ernst und Konsorten tausendfach verdient. Sie waren die Mitbegründer des terroristischen Systems, sie gehörten zu den Würgern der Arbeiterbewegung. An den gualvollen Folterungen Zehntausender sozialdemokratischer und kommunistischer Arbeiter in den Konzentrationslagern, SA-Kasernen und Gefängnissen, an den entsetzlichen Bluturteilen der faschistischen Justiz, an den Morden, denen hunderte Kämpfer für Freiheit, Demokratie und Sozialismus zum Opfer gefallen sind, sind sie Mitschuldige. Die führenden Mordgesellen des Hitlerregimes triumphierten im Frühjahr 1933: in einem Jahre werde niemand mehr von dem Marxismus reden! Sie haben sich gründlich getäuscht. Die Arbeiterbewegung in Deutschland ist nicht tot! Der Marxismus ist höchst lebendig! Eine andere Form der Arbeit mußte gefunden werden: nach einer Periode des Tastens wird in Deutschland systematische, unterirdische„marxistiche Wühlarbeit" geleistet. Das sozialistische Bewußtsein konnte in den Massen nicht zerschlagen werden! Da illegale Fortbestehen der sozialistischen Arbeiterbewegung, der unterirdische Kampf erfordern Opfer, deren Umfang selbst bei sorgfältigster Beobachtung und Berichterstattung sich nur ahnen, nicht exakt erfassen läßt. Aber schon was kontrollierbar und zu erfassen ist, ist schaurig genug, ist eine furchtbare Anklage gegen das System, die niemals vergessen werden wird. Noch nie haben Menschen für ihre Treue zu einer Idee, so schwere und so massenhafte Opfer bringen müssen, wie sie jetzt in Deutschland viele Tausende bekannte und unbekannte Kämpfer für den Sozialismus bringen. Unsere Zusammenstellung umfaßt ein Jahr veröffentlichter Nachrichten. die die krassesten Fälle enthalten. Eine lük- kenlose Zusammenstellung Uber das Wüten der Sondergerichte und des gesamten faschistischen Justizapparates ist nicht möglich. In den von uns erfaßten 432 Prozessen, die der „Deutschen Freiheit" vom 30. Juni 1933 bis 20. Juni 1934 mitgeteilt worden sind, ist insgesamt gegen nahezu 1700 Personen verhandelt worden. Es wurden 81 Todesurteile und mehr als 3500 Jahre Zuchthaus und Gefängnis verhängt. Von den Todesurteilen ist etwa bereits die Hälfte vollstreckt worden. Mord, Totsdhlag an SA, Landfriedcnsbrudi konstruieren die faschistischen Ankläger, wenn Teilnehmer an Kundgebungen und Demonstrationen, bei denen die SA oder SS Ueberfälle oder Zusammenstöße veranlaßt hat, sich in ihrer Gewalt zu befinden. Massenhaft sind die Opfer, die Sozialdemokraten, Reichsbanner und Kommunisten für die von den Nazis provozierten Zusammenstöße vor der Machtergreifung gebracht haben. Gering die Opfer der Faschisten. Aber die Terrorjustiz hat sich zum Prinzip gemacht, für jeden getöteten SA- oder SS-Mann 2, 3 und noch mehr polltische Gegner den Scharfrichter unter das Beil zu liefern und eine größere Anzahl von ihnen auf lange Jahre hinter Znchthaus- mauern einzuschließen. Jeder größere Zusammenstoß aus der Zeit vor dem 5. März hat mindestens einen, wenn nicht mehrere Prozesse wegen Landfriedensbruch zur Folge. Vom Sondergericht Hessen wurden für einen getöteten SA-Mann drei Todesurteile, vom Schwurgericht Köln für zwei getötete SA-Leute sechs Todesurteile ausgesprochen und vollzogen. In Dessau sind wegen eines ums Leben gekommenen SA-Mannes zuerst drei Todesurteile gefällt und vollstreckt worden, vor kurzem wurden in der gleichen Angelegenheit von dem Berufungsgericht elf weitere Todesurteile ausgesprochen! Vierzehn Männer für einen von der SA! Elfmal die Todesstrafe und 92 Jahre Zuchthaus dazu für einen bei einem Zusammenstoß getöteten SA-Mann sprach das Sondergericht Düsseldorf aus. Der getötete SA-Mann war als Raufbold und gewalttätiger Schläger berüchtigt. Für einen erschossenen Polizeihauptmann sollen sieben Menschen enthauptet werden. Bis Ende Juni 1934 sind in diesen Prozessen 81 Todesurteile, 1137 Jahre Zuchthaus und nahezu hundert Jahre Gefängnis ausgesprochen worden. Die Prozesse sind mit den faschistischen Methoden gründlich vorbereitet. Die in Haft befindlichen Angeklagten werden Monate hindurch in unmenschlicher Weise gefoltert damit sie Geständnisse ablegen. Von denen zum Tode oder zu langen Zuchthausstrafen Verurteilten haben nur wenige geschossen oder geschlagen. Das Verbrechen der Mehrzahl besteht nur darin, daß sie an den von den Faschisten Überfallenen Kundgebungen teilgenommen oder sich unglücklicherweise i n der Nähe des Ortes des Zusammenstoßes befunden haben und den Nazis wegen ihrer demokratischen oder sozialistischen Gesinnung bekannt sind. In Neisse, wo vor dem 5. März die SA bei einem Ueberfall auf eine Kundgebung der Eisemen Front einen Reichsbannermann tötete, sind nicht die Mörder, sondern der Bruder des Ermordeten und andere Begleiter zu schweren Freiheitsstrafen verurteilt worden! Hodiverrat! Jede illegale Betätigung, jede Flugblattverbreitung, jeder Zeitschriftenvertrieb, jede Organisationsarbeit ist Hochverrat. Und da die illegale Arbeit, statt abzusterben, im Dritten Reich immer umfangreicher wird, gehören Hochverratsprozesse— man kann beinahe sagen— zur alltäglichen Erscheinung. Bis Ende Jnni 1934 endeten die von ans erfaßten Prozesse mit: 817 Jahren Gefängnis- und 734 Jahren Zuchthausstrafen. Alle Spürhunde der Diktatur sind hinter den mutigen Menschen her, es gelingt ihnen, aus der großen Maße der illegal Arbeitenden Hunderte, ja Tausende herauszugreifen— und sie in die Folterhöllen und Kerkerzellen zu werfen. Aber es werden der sozialistischen Minore deshalb nicht weniger. Ob nun in Dresden, in Berlin, in Braunschweig, in Breslau. in Nürnberg oder anderswo 60, 80, 100 und noch mehr sozialdemokratische Arbeiter auf einmal abgeurteilt werden: die in der Arbeit entstandenen Lücken werden rasch von anderen ausgefüllt und der Kampf zum Sturz des Faschismus geht weiter! Die Justiz steigert ihre Gefügigkeit und ihre Grausamkeit. Für die Verbreitung eines Flugblattes wirft sie Einzelstrafen von 4% Jahr Gefängnis aus, für Zettelverteilung vor der„Wahl" am 12. November 1933 gibt sie sechs Monate. Radiohörer, die russische Sender einschalten, erhalten wegen kommunistischer Propaganda zwei Jahre Gefängnis. Zusammentreffen von einzelnen, gesinnungsverwandten Menschen gelten als geheime Sitzungen und werden mit einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet. Das Einschmuggeln des„Neuen Vorwärts", der„Deutschen Freiheit" und sozialdemokratischer Flugzettel wird mit Zuchthaus- bis zu drei Jahren bestraft, auch wenn es sich nur um wenige Exemplare handelt. Ganze Familien, Vater, Mutter, Sohn, sind wegen solchen„Hochverrats" in den faschistischen Kerkern eingesperrt. In den Gerichtssälen werden von den Angeklagten tapfere Beweise der unerschütterlichen Treue zu ihrer sozialistischen Ueber- zeugung gegeben. In einem der Dresdner Hochverratsprozesse gegen Sozialdemokraten schleudert Genosse Baum dem Staatsanwalt und den Richtern ein mutiges Bekenntnis ins Gesicht: Er sei ein überzeugter Demokrat und lehne jede Diktatur ab! Und eben darum bestreite er dem Gericht die Zuständigkeit, ihn abzuurteilen, da diese Regierung die Verfassung gebrochen und verfassungswidrige Zustände in Deutschland herbeigeführt habe. Solche Fälle mit ähnlichem mutigen Verhalten angeklagter sozialistischer Kämpfer haben sich wiederholt. Der Staatsanwalt spricht dann von„beispielloser marxistischer Verworfenheit" und beantragt ein höheres Maß der fürchterlichen Strafen. Eine Bewegung, die solche Helden hat, kann nicht untergehen! Beleidigungen der Eührer und der SA Zahlreich sind die Prozesse und umfangreich die schweren Strafen, die zum Schutz der Führer der SA, SS und der gesamten nationalsozialistischen Bewegung vor der Verbreitung der wirklichen Volksmeinung verhängt werden. Für einen Schmähruf gegen die Nazis erhielt in Dessau ein Angeklagter eineinhalb Jahr Gefängnis. Die Bezeichnung Hitlers als Ausländer büßt einer mit 114 Jahr Gefängnis. Ein anderer muß für eine„mlßgünstiige Bemerkung" auf ein Jahr ins Gefängnis. Die Saufereien und Prassereien während des nationalsozialistischen Reichsparteitages in Nürnberg 1933 hatten eine starke Empörung im Volke ausgelöst. Mit jahrelangen Kerkerstrafen gegen die, die Empörung äußerten, wurde sie niedergeknü- pelt. Ein Angeklagter muß auf fünf Jahre ins Gefängnis, weil er den„Reichsparteitag beschimpfte." Ein besonders trauriges Kapitel faschistischer Rechtssprechung ist die Aburteilung von Personen, die wahrheitsgemäß Aeußerungen Uber die homosexuelle Veranlagung der Röhm, Heines usw. und über die Verbrechergestalten der SA und ihr Treiben gemacht haben. Mehrere hundert Jahre Freiheitsstrafen sind bisher zur Unterdrückung der Wahrheit ausgeworfen worden. Wehe dem Unglücklichen, der sich vor einem faschistischen Gericht für alles das zu verantworten gehabt hätte, was Hitler in seinem Aufruf über die Verlumpung der SA- Führer sagte. Viele, die viel weniger und es in viel milderer Form behauptet haben, mußten auf Monate und Jahre die Gefängniszellen beziehen. Wird die Justiz jetzt nachträglich die un glücklichen und Unschuld ig en Opfer rechtfertl- gen? „Greuelnachrlchten� Die Unterdrückung von Mitteüungen über die tatsächlichen Verhältnisse in Deutschland, besonders über die Zustände in den Konzentrationslagern, den SA-Kasemen und den Polizeigefängnissen, hat eine Flut von sogenannten Greuelprozessen ausgelöst. Aber nur in wenigen Fällen ist in der Presse darüber berichtet worden— aus leicht begreiflichen Gründen! In Dessau erhielt ein Arbeiter für die Aeußerung, die Nazis hätten Mißhandlungen begangen, 1% Jahr Gefängnis. Dabei laufen tausende Opfer dieser Mißhandlungen mit den deutlich sichtbaren Spuren der erlittenen Quälereien in Deutschland herum! Aber wer davon spricht, erzählt»Greuelmärchen«. Ein Greuelmärchen ist es, wenn einer wahrheitsgetreu berichtet, daß sein Bruder mit einer GeWmerschütterung aus dem Konzentrationslager zurückgekommen ist. Oder wenn die Arbeiter über die ihnen selbst zuteil gewordene Behandlung im Konzentrationslager sprechen. In mehreren Fällen gab es dafür ein halbes Jahr Gefängnis. Gleichfalls ein halbes Jahr erhielt ein Arbeiter, der von SA Uberfallen worden war und von diesem Ueberfall erzählt hat. Eine Unterhaltung Uber das Konzentrationslager Dachau brachte zwei Arbeitern ebenfalls sechs Monate Gefängnis. Unter den Greuelprozessen sind viele, zu denen die Anklagebehörde das Material aus privaten Briefen entnommen hat. Briefe, die aus Deutschland an Familienangehörige im Ausland gerichtet waren, sind von besonderen Kommissaren oder von der Devisen-UeberwachungssteUe angehalten und geöffnet worden. Die deutschen Devlsen-Ueberwachungsstellen interessieren sich nicht nur für Devisen, sondern, wie aus verschiedenen Prozessen hervorgeht, auch für den sachlichen Inhalt der Briefe. Ist er verdächtig, so geht er an die Behörde, und der Briefschreiber wird zur Verantwortung gezogen. Es erscheinen dann der Vater, weil er dem Sohn geschrieben hat, der Bruder, weil er der Schwester schrieb, die Mutter, weil sie der Tochter ein paar Zeilen sandte, als Angeklagte vor den Richtern. Die Strafen dafür schwanken, für einzelne Aeußerungen sind bis zu anderthalb Jahren Gefängnis ausgesprochen worden. Prozesse um den Reichstagsbrand Das Arrangement und die organisierte politische Auswertung des Reichstagsbrandes durch die Nationalsozialisten haben den gesunden Instinkt des Volkes sofort erkennen lassen, wer die wirklichen Urheber des Reichstagsbrandes sind. Viele, die darüber gesprochen haben, sind von der faschistischen Justizmaschine zermalmt worden. In allen Gegenden des Reiches hat es Hunderte von Aburteilen wegen Aeußerungen über den Reichstagsbrand gegeben. Nur ein kleiner Teil davon ist bekannt geworden. Das Strafmaß, mit dem die zur Rettung Görings und seiner Komplizen vorgegangen sind, ist recht verschieden. In einzelnen Fällen sind die angeklagten Arbeiter mit einigen Wochen Gefängnis davongekommen. Das Sondergericht Berlin dagegen hat Angeklagte zu Gefängnisstrafen bis zu eineinhalb, ja sogar zwei Jahren verurteilt. Verbotene Bücher Unmittelbar nach der Machtergreifung haben die Nationalsozialisten massenweise Haussuchungen nach marxistischer Literatur veranstaltet. Aus Tausenden von Privatbibliotheken wurden wissenschaftliche und geschichtliche Bücher über den Marxismus, die Oekonomie und die Arbeiterbewegung fortgenommen. Aber nicht alles konnte auf diese Weise gestohlen oder vernichtet werden. Es gibt immer noch viele sozialistische Bücher in Deutschland. Aber wer sie besitzt, ist der ständigen Gefahr ausgesetzt, denunziert und vor daa Gericht gezerrt zu werden. Immer noch gibt es Prozesse, die wegen des Besitzes von Büchern, die seit je erlaubt waren, jetzt aber im Dritten Reich verboten sind, geführt werden. Das Sondergericht Freiberg ver- urt eilte zwei Arbeiter deshalb zu einem bezw. eineinhalb Jahren Gefängnis. In Braunschweig muß ein Lehrer den Besitz von Büchern über Rußland mit zwei Jahren Gefängnis büßen. • Die Liste von Verbrechen, die von den faschistischen Staatsanwälten konstruiert werden, ist damit noch nicht erschöpft- Eine besondere Infamie ist dabei, daß si® versuchen, frühere republikanische oder sozialdemokratische Beamte der Gemeinde, des Staates und des Reiches und der Sozialversicherungsuntemehmungen durch Verurteilung wegen krimineller Vergehen zur Strecke zu bringen. Landräte, Bürgermeister, Krankenkassendirektoren und andere Vcr- waltungsbeamte werden wegen Akten- beseitigung, Unterschlagung, Bestechung usw. zu hohen Gefängnis- oder Zuchthausstrafen verurteilt, obwohl sie die ihnen vorgeworfenen Verbrechen nicht begangen haben. Sie sind Gegner des Systems und müssen darum gerichtet werden. Ein Regime, das sich mit derartigen entmenschten Methoden aufrecht erhalten maß, kann anmöglich auf die Dauer von Bestand sein. Diese grauenhafte Bilanz—' 81 Todesurteile, 40 Hinrichtungen, und viele tausende Jahre an Zuchthaus- und Gefängnisstrafen— wird mit dazu beitragen, neue Energien für den Kampf z0 seinem Sturze auszulösen. Der Sozialsmus, der vernichtet werden sollte, wird dieses Werk vollbringen. Nr. 59 BEILAGE ItelotftDntffe 29. Juii 1954 Eine enropHisdie Sdiande Durch die Städte der Länder, die noch Lei von faschistischer Schändung sind, geht eine Frau und klagt an. Man hat ihren Mann, den Dichter Erich Mühsam, unter den Augen Europas seit 14 Monaten in deutschen Konzentrationslagern geschlagen, geschunden, gemartert und schließlich gemordet. Man hat ihm beide Ohren verstümmelt, hat ihn Dreck schlukken lassen(T a r z a n wird der kriminelle Verbrecher genannt, der ihn zum Ergötzen der braunen Bonzerie dazu zwang), man hat ihm beide Daumen gebrochen— O i m i t r o f f heißt der weißrussische Halunke, der diese Gemeinheit verübte, um sich das Wohlwollen der kommandierenden Lumpen zu sichern. Das blutige Schlußkapitel dieser Martergeschichte spielt im Konzentrationslager Oranienburg. Seit Segers Buch Weiß die Welt, wie dort geschunden, gequält und gemordet wird. Und wieder ist es ein S t a h 1 k o p f, unter dessen Leitung sich diese Menschenschändungen abspielten. Wieder ist es diese niederträchtige, feige, kalte sadistische Art, vor der man erschrickt, wieder feierte der Haß der Ln- geistigen gegen den Geist seine blutigen Orgien. Ein»Intellektueller«— drauf, foltert ihn ein bißchen! Als Tanzbär verkleidet wird dieser Dichter von Weltruf durchs Lager geprügelt; lächerlich geschoren und demütigend angezogen, ist dieser Mann an der Schwelle des Greisenalters jungen verdorbenen Menschen eine Angelegenheit landsknechtlicher Erheiterung; ein Aeff- chen wird erschossen, um ihn zum Weinen zu bringen! Und als er endlich im Abort aufgehangen worden ist, während die beurlaubte, verärgerte SA betrunken in der Kantine hockt— als die Verantwortiichen einen Selbstmord vorzutäuschen suchen Und die Frau ihnen in die vertierten Gesichter schreit:»Er hat nicht Selbstmord begangen, ermordet habt ihr ihn.« — da antwortet niemand und der braune Lagerkommandant Stahlkopf sucht schnell noch ein kleines Geschäft gegen die schwarze Konkurrenz draus zu deichseln;»Machen Sie nie die SA dafür verantwortlich, die Schuld trägt allein die SS...« Unvorstellbar für alle außerhalb der Konzentrationslager ist nicht nur das Orauen dieser Stätten, unvorstellbar ist auch die Heldenhaftigkeit, die dort geschoren und in lächerlicher Gewandung cinhergeht Wie mancher andere semer Leidensgenossen, die standhaft blieben, Latte es Erich Mühsam bequemer haben können. Wenn er abgeschworen hatte, bußfertig und klein geworden wäre! Durch 14 Monate bitterster Qual, Not und Folte- Ding hindurch ist er dem Lager der Menschlichkeit treu geblieben, bespuckt, gepeitscht, getreten, ein Passionsweg, wie Ihn kein Jesus je gegangen! Täglich bewies er seinen Peinigem, daß man Ihn zwar zum Abortscheuem, aber nie zu ihrer gemeinen Gesinnung zwängen konnte. Wenn in dem Gsindel, das gegenwärtig Deutschland malträtiert und jede Stunde geschwollen von Heroismus Quatscht— wenn in diesem Gesindel auch cur ein Funken Respekt vor wirklichem Heldentum lebte, dann müßte es vor die- Sen Helden der K-Z in den Staub sinken. Aber sie wagen nicht einmal, ihnen die Freiheit zu geben! Was aber tut die übrige gesittetere Welt? Sie bekreuzigt sich und— schaut zu. Als am 1. Juli die deutschen Füsila- hen bekannt wurden, schrie die Weltpresse vor Entsetzen auf. Was? Nicht nur seine Kameraden, sondern auch völlig unschul- hige. gutbürgerliche Leute, wie Schleiche, Klausner usw. waren auf Hitlers Befehl hber den Haufen geknallt worden. Und has alles ohne Beweise, ohne gerichtliches �erfahren, ohne Verhör wenigstens der ärgerlichen unschuldigen Leute?! Plötz- hch mußten selbst die ruhigsten Schwei- Zer Blätter in Gangsterien verboten wer- cJeu. und seitdem hört man es im Ausland SoWohl halbamtlich wie im seriösesten Teil her nichtfaschistischen Presse; ein unmögliches Regime, eine Schändung Kuropas. Alles richtig und gut, aber war öenn die nun schon über ein Jahr wah- rehde Schande der Konzentrationslager weniger schlimm? Ist es nicht entsetzlicher als es hunderte willkürlicher Erschießungen sein können, wenn zehntausende Menschen, deren Unschuld erwiesen ist, seit länger denn Jahresfrist in menschenschändenden Zwangslagen! festgehalten, wenn dort täglich Tausende nur deshalb mißhandelt werden, weü sie an ihrer menschlichen Gesinnung festhalten, einer Gesinnung, die nach der deutschen Verfassung nicht verboten werden kann und mit der ein Hindenburg ein Jahrzehnt hindurch paktierte! Ist es nicht grauenhafter als Kameradenmorde, wenn man seit einem Jahre in jeder Stunde weiß, daß in Deutschland aber Tausende Frauen in Angst und Verzweiflung von einem braunen Bonzen zum anderen getrieben werden, weü man ihre Männer wider Gesetz und Recht in»steinernen Särgen« quält, darunter viele Männer, die ihrem Lande in der Stunde der Gefahr freiwillig mit ihrem Leben dienten, wie der kriegsverletzte Ernst Heilmann?! Ist es zu ertragen, daß seit Jahresfrist in Dahin haben sie es wieder gebracht! diesen Höllen Männer, wie H ej 1 m a n n, Ossietzky, Lüdema nn usw. als Schatten ihrer selbst einher gehen, geschlagen, geschunden, um den Verstand gebracht werden? Das alles wissen Hitler und seine Kumpane, wie ihnen recht gut bekannt ist, daß T o r g 1 e r und T h ä 1- mann noch immer wider Gesetz und Recht im Kerker schmachten. Die Welt aber bekreuzigt sich und schaut zu. Gelegentlich einige Protestversammlungen, ein paar tapfere Zeitungsartikel— dann ist wieder Ruhe, dann wird der täglich notwendige Kampf gegen diese Schande wieder dem sozialistischen Lager überlassen. Katholische Arbeiter sitzen mit im K-Z, weü sie eine eigene Meinung hatten— ihre Führer schweigen. Wirth, Brüning sind im Ausland— und schweigen, während es gerade dort zu reden und zu kämpfen gälte! Wird der gesamten bürgerlichen Welt nicht Angst vor der Blut- und Haßsaat, die vom amtlichen deutschen Sadismus täglich gesät wird und in aber Millionen, die bisher menschlich dachten, zu einem unheimlichen Ver- geltungsdrang werden muß? Dieses Blutregime wird von erheblich kürzerer Dauer sein, als mancher noch vor Monaten dachte, und in nicht zu femer Zeit muß sich zeigen, daß die Weltnöte mit großkapitalistischen Diktaturen ä la Mussolini, Hitler, Dollfuß& Co. nicht zu kurieren sind. Wer im Bürgertum hat bei diesen Aspekten noch Interesse daran, daß durch den Anschauungsunterricht des deutschen Barbarenregimes in den Arbeitermas- sen aller Länder ein furchtbarer Rachewille gezüchtet wird? Wann endlich steht die gesittetere bürgerliche Welt auf und fordert: Schluß mit der gefährlichen Schande dieses Barbarismus, wirtschaftlicher und moralischer Boykott bis zur Kapitulation! Ossietzky, HeUmann— die dem Trübsinn verfallen sind— Lüdemann, Thäl- mann, katholische und evangelische Priester nebst Zehntausenden anderer— sie sind alle noch in den Klauen faschistischer Folterknechte. Langsam, methodisch, täglich, stündlich werden die Tapfersten und Geistigsten unter ihnen dem völligen Verfall entgegengetrieben. Der Mord ist dann beinahe noch ein Akt grausamer Wohltat... Eine trauernde Frau geht durch die Welt, fordert Obduktion der Leiche eines zu Tode gemarterten Dichters der Bruderliebe. Eine Frau klagt an, aber an ihrer Seite schreitet ein Heer Gemordeter, schreiten unsichtbar hunderttausende Frauen, Mütter, Kinder— ein Zug der Qual, der Marter, entsetzlicher Pein____ Wie lange glaubt die bürgerliche Welt, an dieser europäischen Schande noch vorbeischauen zu können?! Bruno Brandy. Strahlen als Kriegswaffe? Immer stärker stellt sich die Welt auf einen neuen Krieg ein. Man spricht von neuen, furchtbaren Kriegswaffen. Dabei spielen neben dem Luftkrieg und den Giftgasen die sogenannten»Todesstrahlen« eine erhebliche Rolle. Phantastische Gerüchte und Behauptungen sind daran geknüpft worden. Wir haben deshalb von einem Sachverständigen darstellen lassen, was an allen diesen Gerüchten tatsächlich wahr ist. Im Sommer 1932 gelang es Ingenieuren der Westinghouse Electrica! Company in Pittsburg, USA., ein Frankfurter Würstchen so zu kochen, daß sie es In ein Feld von ultrakurzen Radiowellen legten. Die harmlosen Familienzeitungen knüpften daran die Erwartung, daß man in einigen Jahren an jeden Rundfunkempfänger auch eine solche Kochvorrichtung anbauen werde. Etwas wenniger hausbacken aber ebenso folgerichtig dachte man in den Laboratorien der Kriegsindustrie. Dort sagte man sich: Wir kochen statt Frankfurter Würstchen im Feld der Ultrakurzwellen lebende Menschen. So entstand das, was man nun als»Todesstrahlen« bezeichnet. Das Wellenband hält alle Geheimnisse. Wie früher bei Mangel von sensationellen Nachrichten die Seescblange der Ausgangspunkt der Reporterphantasie war, so sind es heute alle Sorten von geheimnisvollen Strahlen, die die sensationshungrige Menschheit in Atem halten. Auch der sonst skeptische Mensch ist heute geneigt, nach dem großen Wunder Radio vieles für wahrscheinlich zu halten, was er sich aus seinen Kenntnissen heraus nicht erklären kann. Dadurch entstand die Hochblüte der Urstrahlen, Erdstrahlen. Todesstrahlen. Was Gott nicht kann, die Strahlen können es. In Wirklichkeit ist das Wellenbad, das aus dem unendlich Kleinen in die Endlichkeit unserer täglichen Längenmaße heraufsteigt, arm an imbekannten Stellen. Auch die kürzesten dieser Wellen, die kosmischen Strahlen, hat man als Todesstrahlen bezeichnet. Sie sind so hart, daß sie Bleiblöcke von vielen Metern durchschlagen, wenn sie durch die Lufthülle gedämpft zu uns kommen. Die Kriegsindustrie interessiert sich für die Strahlen nicht mehr, seit sie durch die Stratosphärenflüge weiß, daß Kriegsflieger auch in den oberen Luftschichten von den Kosmischen Strahlen nichts zu fürchten haben. Von den Kosmischen Strahlen Uber die Radlumstrahlen zu den Röntgen- und Ultravioletten Strahlen reicht das Band der chemisch wirksamen Strahlen. Als Kampfmittel kommen sie für die Kriegsindustrie nicht in Betracht. Wer die harten von ihnen in praktischen Mengen erzeugen könnte, der besäße das Geheimnis zur Umwandlung der Elemente. Was brauchte der dann noch Krieg führen? Die Wellen, die sich an dieses Band schließen, die Lichtwellen, sie sind uns am besten bekannt. Eine Wellenlänge von siebeneinhalb zehntausendstel MUlimeter hat rotes Licht. Von ihm bis zu einer Welle von einem halben Millimeter reichen die Wärme- strahlen. Die Lücke für die Ultrakurzwellen. Normale Radiowellen haben eine Schwingungslänge von einigen KUometern bis herab zu hundert Metern. Unter hundert Metern beginnen die Kurzwellen, unter dreißig Metern die Ultrakurzwellen. Zwischen den Kurzwellen und den längsten Wärmewellen lag die Lücke, in die man erst In den letzten Jahren mit Erfolg einzudringen vermochte. Zwar gelang ee bereits Heinrich Hertz, Wellen von nur Sechsundsechzig Zentimetern Länge zu erzeugen und Forscher nach ihm konnten sie noch bis auf nur wenige Millimeter herabdrücken. Leider lassen sich mit der dabei verwendeten Apparatur, der Funkenstrecke, nur ganz minimale Leistungen erzielen. Es sind gedämpfte Wellen, die rasch verebben, also für die Prüfung von besonderen Wellen Wirkungen nicht ausreichen. Es gelang mit der Funkenstrecke In den letzten Jahren mit der Welle unter einem Millimeter zu gelangen. Aber wenn man versucht hätte, die Leistung über tausendstel Watt zu steigern, so wäre sofort die Funkenübergangsstelle verschmort. Den Weg zur Erzeugung ungedämpfter kurzer Wellen öffneten die Elektronenröhren. Barkhausen und Kurz gelang es ungedämpfte Ultrakurzwellen von nur dreiundvierzig Zentimetern zu erzeugen. Auf Kosten der Leistung konnte man die Wellen bei besonderen Verauchsbedingungen auf zehn Zentimeter herabdrücken. Die Schwierigkeit besteht darin, daß es nicht mehr gelingt, bei allzu kleiner Röhre die auftretenden Wärmemengen abzuleiten. Die optimalsten Leistungen erzielte man mit Röhren von einem Drittel der normalen Größe. Sie leisteten bei einer drei Meter Welle zweitausend Watt. Mäuse sind die ersten Opfer. Die ersten biologischen Versuche mit Kurzwellen wurden bald nach Entdeckung der Hochfrequenz gemacht. Vor vierzig Jahren erreichte Professor d'A r s o n v a 1 mit einem Punkenstreckersender an Versuchstieren Tempe r aturstelgerungen. Vor sechs Jahren setzte Professor Es au in Jena diese Versuche mit ungedämpften Wellen aus Elektronenröhren fort. Fliegen, die in das Kondensatorfeld gerieten, fielen sofort tot zu Boden. Mäuse und Ratten starben nach wenigen Sekunden. Diese Versuche wurden in allen Ländern variiert. Die Amerikaner, denen es mehr auf Quantität als auf Qualität ankommt, wiederholten 1930 dieses Experiment mit einem Hund, einem Ochsen und einem Menschenaffen. Wie erwartet siegte der Ochse Uber den Hund und den Affen. Er starb erst nach zweiundneunzig Sekunden. Warum starb der Ochse? Am exaktesten ist bei den Versuchstieren Tod durch Erhitzung festzustellen, Blut, Knochen und Gewebe werden heiß. Das Herz pumpt das Blut immer rascher nach außen. Da es nicht so rasch rückgeleitet werden kann, ergeben sich Blutstauungen an den Extremitäten. Während des Versuchs treten bei den Tieren Blutungen an Schnauze und Pfoten auf. Leichtes Anstoßen an einen harten Gegenstand gibt sofort starke Blutung. Der Tod tritt durch Herzmuskellähmung ein. Ein sehr instruktives Bild für diesen Vorgang bietet eine Blume, die mit Stengel und Blatt in das Kondensatorfeld gebracht wird. Diese frische blühende Pflanze quillt nach wenigen Sekunden auf. Sie verliert ihre Farbe, Ihre Form und ihre Festigkeit. Zusammenschrumpfend bildet sie eine mißfarbene und formlose dampfendheiße Masse. Welche Welle tötet am schnellsten. Scherescheftsky, der als erster Tierversuche mit ungedämpften Wellen unternahm, spannte Mäuse zwischen Pinzettenarme und untersuchte den Einfluß verschiedener Wellen auf die Tötungsgeschwindigkeit. Er fand die kürzeste Zeit bei einer Welle von fünfzehn Metern. Sein Versuch ist aber wertlos, weil er nicht die Leistung der verschiedenen Röhren gemessen hat und diese Fünfzehnmeter-Röhre wahrscheinlich zufällig die höchste Leistung aufzuweisen hatte. Es wurden nach ihm viele genaue Versuche ausgeführt und gefunden, daß es für Blut, für Gewebe und innere Organe, für Knochen, immer verschiedener Wellen bedarf, um die stärkste Wirkung zu erzielen. Es ist also zu untersuchen, ob eine bestimmte Welle für ein spezielles Organ am schnellsten tötet, ob man eine mittlere optimale Welle wählen kann, oder ob eine komplizierte Kombination verschiedener Wellen notwendig ist. Der Angriff auf das Blut. Dieser ist durch die exakte Arbeit der Mediziner aus der Kurzwellentherapie am besten vorbereitet. Man hat durch langwierige Versuche gefunden, daß die Heizwirkung der Ultrakurzwellen auf Lösungen von ihrer elektrischen Leitfähigkeit abhängt. Für Kochsalz ist zum Beispiel die optimale Lösung ein halbes Prozent. Man hat nun aber auch entdeckt, daß für jede besondere Lösung eine bestimmte Welle am wirksamsten ist. Für Blut ist das eine Wellenlänge von drei bis vier Metern. Es entsteht dann aber eine Mischtemperatur, da die Blutkörperchen sich stärker erhitzen und dauernd an die Blutflüssigkeit Wärme abgeben. Am instruktivsten zeigt das der Paraffinversuch. Wenn man eine aus Paraffinöl und Alkalilösung hergestellte Lösung im Strahlenfeld kocht, dann zeigt sie nur fünfzig Grad Temperatur. Das im Paraffin fein verteilte Wasser hat zwar hundert Grad erreicht, seine Eigentemperatur kann aber nicht gemessen werden. Nach diesem Beispiel ist also zu untersuchen, ob der Angriff auf das Gesamtblut oder auf die Blutkörperchen allein erfolgreicher ist. Der Angriff auf das Gehirn. Bei den Versuchen mit Lösungen hat man bei Phosphatlösungen besonders starke Wirkungen festgestellt. Bestrahlt man ein Ei etwa fünf Minuten— eine eingeführte Ther- mometemadel mißt etwa siebzig Grad— dann ist bei Oeffnung das phosphorhaltige Eigelb hart, während das Eiweiß noch halbfest wie Gelatine ist. Im menschlichen Körper zeigen die Leber, das Zentralnervensystem und das Gehirn größeren Phosphorgehall. Bei Versuchen zeigten sich die stärksten Schädigungen an der Leber. RUckenmarklähmungen traten auf. Die amerikanischen Großtierversuche ergaben nach Obduktion bei Hund, Ochs« und dem Menschenaffen Schädigungen der Gehirnrinde. Die Todesstrahlenlaboratorien dürften diese Versuchsergebnisse längst kombiniert haben. Feindpropaganda mit Ultrakurzwellen. Alle vorhergebenden Versuche wurden i m Kondensatorfeld, bei Uebertritt der Kurzwellen zwischen zwei nahe beieinander stehenden Metallplatten gemacht. Hohlspiegel aus Blech oder parallelen Drähten ermöglichen. zwar auch auf größere Entfernungen eine Konzentration der Energie der Ultrakurzwellen, aber verbürgte Tierversuche sind nicht bekannt. Die japanischen Großversuche verliefen im wesentlichen negativ. Es war eine unglückliche Idee, ein Floß mit Versuchskaninchen ausgerechnet auf dem Meer, einem Elektrolyt, schwimmen zu lassen. Darüber trösten auch die vielen angeblich getöteten Fische nicht hinweg. Daß zwei bei den Versuchen beschäftigte Ingenieure kurze Zelt danach erkrankten und nach einundzwanzig Tagen unter Zahnfleischvereiterung, Haarausfall, Krämpfen und Gleichgewichtsstörungen starben, dürfte eine Greuelmeldung sein. Während die Wissenschaft organische Schädigungen außerhalb der Kondensatorplatten, lediglich im Strahlenbereich für sehr problematisch hält, sind die sehr wesentlichen subjektiven Beschwerden allgemein bekannt. Während bei der Arbeit an einem Fünf zehnhundert- Watt- Sender mit einer Welle von fünfzehn Metern erst nach Stunden In nächster Nähe Nervenstörungen auftreten, kommt es beim Betrieb eines Vier- hundert-Watt-Senders bei einer Welle von drei Metern sofort zu Aufgeregtheit, Schreckhaftigkeit, Angstgefühlen, Pessimismus und Minderwertigkeitsgefühlen, Es Ist ohne weiteres vorstellbar, daß man heute diese Gefühle auf Menschengruppen in größere Entfernung Ubertragen kaum. Bei dieser Art der Kurzwellenwirkung braucht man keinerlei geheimnisvolle Fortschritte der Kriegstechniker hinzuphantasieren. Um so mehr läßt sich natürlich erreichen, wenn bereits Versuche In dieser Richtung, kürzere Wellen und größere Leistung, getrieben wurden. Gibt es keinen Schate gegen Todesstrahlen? Um ein Kampfmittel wirklich gefährlich zu machen, darf es keinen Schutz dagegen geben. Prompt wird also in der Todesstrahlenreportage aufgezählt: Als Isollermittel helfen weder Blei noch Glas, weder Porzellan noch Gel. Der Laie hört es und staunt. Wenn man ihm aber vorreden würde, daß gegen Feuer weder Spiritus noch Salatöl, weder Kölnischwasser noch Salmiakgeist hilft, dann würde er schlicht vorschlagen, vielleicht einmal Wasser zu nehmen. Jedem Gift sein Gegengift, jedem Gas sein spezielles Schutzfilter, Jeder Wellenart die besondere Isoller- vorkehrung. Gegen Ultrakurzwellen helfen Drahtkäfige. Diese müssen allerdings äußerst sachgemäß angebracht sein, da sie sonst nur die Wellen ablenken, nicht einfangen. Kurzwellen können sonst nicht nur lebende Organismen, sondern auch Stein und Metall zerstören. Es sind dies teils physlkallache Wirkungen durch verschiedene Erwärmung des Gefüges, teils elektrische, Zerrungen am Molekül, Strukturwandlung Infolge der verschiedenen Ladung des Moleküls. So ist einige Tage nach den amerikanischen Versuchen Im Laboratorium ein auf siebentausend Kilogramm Belastung geprüfter Träger bei sechshundert Kilogramm gebrochen. Es gilt also Legierungen zu schaffen, die den Einwirkungen besonders widerstehen. Leider kann man den menschlichen Organismus nicht nach solchen Gesichtspunkten verändern. Man hat deshalb eine besondere Schutzkleidung konstruiert, die in der Kurzwellentherapie bereits verwendet wird. Es sind mit Kapuze versehene Anzüge aus mehrfachen Schichten von Metallgewebe. Zu dem Gummianzug gegen Giftgase dürfte also im kommenden Kriege auch noch ein schwererMetall- anzug treten, um der mit Ultrakurzwellen vom Feind künstlich erzeugten Angstpsychose zu entgehen! Ing. Kurt Doberer. Die deutschen Verräter... „Jedes Volk dichtet sich die Eigenschaft an, die es nicht besitzt. Die deutsche Geschichte ist durchzogen seit der Ermordungg Armins vom Leitmotiv der Untreue und des Verrats. Und doch spricht der Deutsche allzugerne vom Inbegriff der„deutschen Treue", den es niemals oder nur selten gegeben hat. Deutsch ist die staatliche Härte, unpersönlicher Befehl, bedingungsloser Gehorsam auf der einen Seite und Verräterei, Dienstverweigerung und Untreue auf der anderen. Man mag diese Tatsachen bedauerlich nennen, aber man wird sie angesichts der geschichtlichen Ereignisse nicht leugnen können."(„Der Vorposten", Naziblatt in Danzlg). Die so oft stürmisch besungene„deutsche Treue" ist also„in Verschiß" geraten. Sie galt nur solange, als die Deutschen dem Rattenfänger Adolf bedingungslos hörig waren. Nun, da sie aufwachen, werden sie aus treuen Deutschen zu Verrätern von Natur! Total! „Wir wollen den nordischen Geist, der die Kulturen des Altertums schuf und das nordische Gut wieder zur Geltung bringen. Unter schweren Bedingungen wurde dieses Blut In grauer Vorzelt gezüchtet... Viel ist Im Lauf der Zeit gegen das Blut gesündigt worden, aber heute schreiten wir von der Entnordimg zur Total- vernordung des Volkes."(Dr. Jers auf dem Nationalsozialistischen Aerztekongreß In Dortmund.) Totalverblödung wäre die treffende Formulierung! Schacht und die Devisen. Vor dem Neubau der Reichsbank ist ein Rasenplatz angelegt worden und man hat sich erkundigt, warum dieser riesige Baugrund für Rasenfläche freigehalten wurde. Die Antwort der Berliner war: Damit Schacht de Wiesen sieht- Furcht vor Deutschnationalen. In Hamburg sprach der Pfälzer Gauleiter BUrckel:„Nie* mand soll sich einbilden, daß der Nationalsozialismus abtreten könnte und daß etwa nach uns ein deutschnationaler Staat kommen könnte«. Uebersehene Hauptperson Von einer Hauptfigur des Röhmdramas ist bisher noch nicht gesprochen worden, obwohl der Fall ohne sie niemals voll wird begriffen werden. Wir meinen den Einsender jener Notiz, die der»Trommler von MIU- senau«(früher»Generalanzeiger für Mül- senau«) am 15. März 1933 im»Sprechsaal« veröffentlichte, und deren Wortlaut mit gebührender chronistischer Treue wiedergegeben sei: »Die Straße frei,.. Warum hat Mülsenau noch immer eine Ebersstraße, deren Name unangenehm an den Hoch- und Landesverräter Friedrich Eberl erinnert? Warum benennt man sie nicht auf den Namen eines unserer Großen um. z. B. des Stabschefs unserer herrlichen braunen Kampf scharen? u. A. w. g. Ein Anwohner der Ebers-(hoffentlich bald Röhm-)straße.< Die Einsendung hatte einen unerwarteten Erfolg. Der Führer der Mülsener NSDAP, ein Zahntechniker, benutzte sie zu einem Vorstoß gegen den früher volksparteilichen, jetzt gleichgeschalteten Bürgermeister, für dessen Sturz er schon lange Material sammelte. Der Bürgermeister beging die unglaubliche Torheit, mit der lahmen Motivierung abzulehnen, daß es sich um eine Ebers-, nicht um eine Ebertstraße handle, die nach einem angesehenen Romanschriftsteller des 19. Jahrhunderts benannt sei. Worauf es für den Zahntechniker ein leichtes war, einen Ausbruch des Volkszorns, bestehend aus zwei SA-Stürmen, gegen den reaktionären Verteidiger der entmachteten»roten Bonzokratie« zu arrangieren, der mit der Abführung des Bürgermeisters in ein Konzentrationslager und der Ernennung des Zahntechnikers zu seinem Nachfolger endete. Seitdem konnte der Viktualienhändler Friedrich Wilhelm Persauke— er war der Verfasser jenes Eingesandts Im»Trommler für Mülsenau« gewesen— niemals aus seinem Laden heraustreten, ohne daß es Ihm einen stolzen Inneren Ruck gab: denn an der gegenüberliegenden Straßenecke prangte schwarz auf weißer Emaille die neue Straßenbenennung: Ernst-Röhm- Straße. Der Stabschef In Person hatte die Einweihung vorgenommen, es war ein großer Tag in der Geschichte Mül- senaus gewesen mit Triumphpforten, Fahnen und weißen Ehrenjungfrauen vom Bunde deutscher Mädel, für die der hohe Gast jedoch kaum einen flüchtigen Blick übrig hatte. Friedrich Wilhelm Persauke aber war vom neuen Bürgermeister als der-geistige Vater der Idee dem Stabschef persönlich vorgestellt worden, der ihm wohlwollend auf die Schulter klopfte: Dreißig Jahre Jünger, lieber Persauke, da könnte Ich Sie gut brauchen— für meine SA. Haben Sie keinen Jungen?« Natürlich hatte Persauke Jungen, sie standen mit im Spaller bei der Hitlerjugend. Röhm ließ sie sich zeigen und sie bekamen ein Autogramm von ihm. Das hing fortab in Persaukes guter Stube über dem hellen Fleck, den das Kaiser- Wilhelm-Bild auf der Tapete zurückgelassen hatte. Auch eine Röhm-Mappe wurde angelegt, sie enthielt Photos von der Einweihung, sowie Zeltungsausschnitte, als ersten eine»Betrachtung aus der Beilage ,Wehr und Waffen'«, die mit den Sätzen begann: »Was sind die Verdienste Scharnhorsts und Gneisenaus um die Reorganisation der preußischen Armee gegen Ernst Röhms Werk gehalten? Die Namen M o 1 1 k e und R o o n, einst leuchtende Gestirne am militärischen Himmel, sie verblassen...< Wenn im Kino Röhms Gestalt auf der Leinwand erschien, trotz korpulenter Fülle martialisch zu Roß sitzend oder die Front der SA abschreitend, so raste Persauke Beifall und das Bürgertum von Mülsenau stand ihm bei. Zum Geburtstage schenkte er seinen Söhnen das Werk:»Ernst Röhm, die Geschichte eines Hochverräters«. Auch die übrige Verwandtschaft wurde damit bedacht. Er zog Röhm allen Paladinen des Führers, beinahe dem Führer selbst vor: in Röhm verkörperte sich sozusagen die militärische draufgängerische Kraft der Bewegung, die Persauke Im Gegensatz zum schlappen Zivil des verflossenen Schmachsystems am meisten imponierte. Und dann kam jener fürchterUche 30. Juni. Persaukes hockten verstört ums Radio, daraus erklang mit düsterem Tremolo die Stimme des Propagandaministers, der sich in fürchterlichen Detailschilderungen der ausgehobenen Unzuchtstätte Wiessee erging. Wortlos nahm Persauke das gerahmte Autogramm von der Wand, entleerte die Andenkenmappe In den Mülleimer und säuberte die FamlMenbibllothek(sie hatte auf einem Wandbrett Platz) von Röhm-Resten. Zwei Tage darauf aber enthielt der »Trommler für Mülsenau« folgendes Eingesandt: »Die Straße frei... Will Mülsenau sich die Gelegenheit entgehen lassen, die erste Stadt In Deutschland zu sein, die efn* Straße nach dem neuernannten Stabschef unserer herrlichen braunen Kampfscharen benennt? U. A. w. g. Ein. Anwohner der früheren Röhm-(hoffentlich bald: Lutze-), Straße.« Wie gesagt, ohne die Figur dieses Einsenders ist eigentlich das Röhmdrama niemals ganz zu begreifen... Muckl. Der Führer will das nldrf Früher hörte man unwissende Leute sagen, wenn sie Unrecht erlitten:„Ja, wenn öa* der Kaiser wüßte! Der Kaiser will � nicht...!" Dieser Glaube an die Unfehlbar* keit der Kaiser und Könige und sonstig®1, „Landesverräter", der den Untertanen Jahrhunderte hindurch von der ersten Schulst1111" de an eingetrichtert wurde, war so tief elng®* wurzelt, daß einmal eine blutarme, alte Ho12" frau im Wildpark eines thüringischen KJ«111" staat-FUraten„Ihren" seit vielen Jahre0 schon geistesgestörten Landesvater sehr beleidigt und böse werdend mit den Wort60 verteidigte:„Nu des wag'n is'r unser Feracht, wenn'r ooch verrickt Is*!" Nun ist der deutsche Untertan wieder 80 weit, wie seine Großväter waren: er glaub wieder an eine unfehlbare Instanz. An Std1® eines nicht mehr vorhandenen Landesvaters hat er den„Führer" Adolf Hitler dazu erbo* ben. „Der Führer weiß das nicht! Das Iv',1 der Führer nicht!" So sagt der Untertan heute. Es macht 1°° Erledigung der Arbeitsfront Der SmdaHnmn des Soldatentnms Adolf maers MiiawniKliilf mn, 1b Kam*- radenkreia Ist»abgaaddoaMa«, wu von Nr. 78 aufwärts noch Ins JaoMdU befördert wird, sind Opfer privater fsspblstlanher Bewegungsfreiheit, fallen also nicht mehr in den Rahmen der unmittelbaren blutvollen Reglerungsarbeit des obersten Führers für sein Volk. Dem blitzartig veranstalteten Blutbad vom 30. Juni ist schlagartig der Einsatz einer gründlichen Reinigung der Wirtschaft von den schäbigen Resten des»deutschen Sozialismus« ge- folgt. Achtzehn Monate haben sich Schwerindustrie, Großgrundbesitz und Herrencluh des braunen Massentheaters bedienen können, bevor die 25 Punkte des»Unabänderlichen Programms« der NSDAP vom Jahre 1926 im Peuer des 30. Juni den Flammen zur besonderen Verwendung übergeben werden durften. Hie Nutznießer des blutigen Sieges Adolf Hitlers über seine SA, der er ebenso gehören �111. wie sie Ihm gehört, die»Ewiggestrigen« Krupp und Thyssen zögern keinen Augenblick, die Diktatur des Großkapitals zu proklamieren. Nach einstündlgem Besuch des Reichswirtschaftsministers Schmitt beim Kanzler, hatte der Führer begriffen, daß es an der Zeit ist, den Totalitätsanspruch seiner Partei un das Großkapital abzutreten und ihn zum Wirtschaftsdiktator zu ernennen. »Denn«, so erklärt Pg. Bangert-Düsseldorf naiv In der Presse der Arbeitsfront, »die Totalität der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer Weltanschauung erstreckt sich auch auf das Leben der Wirtschaft. Jeder der im Leben der Wirtschaft eine FUhrerstellung hat, ist damit.. Amtswalter der Bewegung Adolf Hitlers.« Der Exponent des Großkapitals im Reichs- hablnett, Reichswirtschaftsminister Schmitt, Ist sicher der berufene»Amtswalter«, die wirtschaftlichen Ziele der Nazi-A r b e i t e r- PBrtei zu verwirklichen. Der»Grundstein« versichert in seiner Ausgab« vom 11. Juli: »Keine noch so raffiniert« Angstma- cherei der Ewiggestrigen kann uns abhalten. der deutschen Wirtschaft den deutschen Sozialismus aufzuzwingen«. Das unentrinnbare Schicksal des neuen Wirtschaftsdiktators, Vollstrecker der Gedankenwelt des deutschen Sozialismus zu sein, kat Schmitt zunächst bewogen, den»Führer •ter Wirtschaft«, Keßler, und den Unterführer öer Gruppe Chemie. Pietsch, fristlos ihrer Aemter zu entheben. Sie waren beide keineswegs von Irgend welchem Wlrtschaftsradlka- •ismus erfaßt, sondern stammten aus Kreisen der Exportindustrie. Wohl aber hatten sie •ks Hltlersche Wlrtachaftsprogramm Insofern ernst genommen, als sie unter Korrektur der rein llberallstisch individualistischen Wirt- Bckaftsorganlsatlon glaubten, gemeinwlrt- echaftllchen Gedanken Raum geben zu müs- Ren- Sie strebten in einer allgemeinen Kar- teUorganlaation, ähnlich den russischen "�Bta und einem dem russischen nicht un- HwiIWmb Aelenhandelsmonopol nach einer gwrl—en Planung des Wirtschaftslebens. Dieses Verbrechen am ManchesterUheraUsmus mußt« von Amtswalter des deutschen Sozialismus geahndet werden. Der kapitalistische Wlrtsehaftsgewaltige Schmitt möchte das Kartellwesen nicht zu machtvoll werden lassen, was ihn freilich nicht hinderte, neuerdings«in weiteres Zwangskartell für die Schokoladenindustrie zu verodnen. Die widerspruchsvolle Wirtschaftspolitik wird auch nach Absetzung der beiden» Wirtschaf tafüh- rer« nicht gradliniger werden. Dem Wlrt- schaftsreferenten des Reichskanzlers, Pg. Keppler, ging es nicht besser. Der neue eingesetzte Wlrtschaftskommlssar, Herr von der Goltz, hat in einem Aufruf als nächstes Ziel die»Erledigung der Arbeitsfront« aufgezeigt. Es heißt: »Sozialpolitische Betreuung oder Vertretung in der Wirtschaftsorganisation ist gesetzwidrig und verboten. Ebenso ist nach dem Willen des Führers Adolf Hitler die Deutsche Arbeitsfront nicht die Stätte, wo die materiellen Fragen des täglichen Liebens entschieden, die natürlichen Unterschiede der Interessen der einzelnen Arbeitsmenschen aufeinander abgestimmt werden. Niemand kann wollen, daß die reine Atmosphäre gegenseitigen Verstehen- wollens, wie die Erziehung der Arbeitsfront sie fördert, entwertet wird durch den Hintergedanken materieller Interessenvertretung.« Um die Massen weiter zu täuschen, wird die Eingliederung der Arbeitgeber in die Arbeitsfront gebieterisch verlangt und die Ueberflüssigkeit besonderer Arbeitgeberverbände erklärt. Entscheidend ist, daß jede Diskussion zwischen Unternehmern und Arbeitern innerhalb der Arbeitsfront untersagt ist. Die Arbeitsfront darf nur noch in »Kraft und Freude« machen. Die Arbeitsfront und ihre Gliederungen dürfen also künftig auch nicht einmal Sprachrohr ihrer Mitgliedschaften sein, geschweige denn, daß sie den Arbeitern und Angestellten auch nur irgend welchen Schutz gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Entrechtung bieten könnte. Das Presseamt der Deutschen Arbeitsfront verspottet die Arbeiter, indem es bekannt gibt, daß die Rechtsberatungsstelle der DAF die Rechtsbetreuung aller Volksgenossen in Fragen des Arbeitsrechtes übernimmt, ebenso in der Sozialversicherung, »und zwar für beide Teile, also für Betriebeführer sowohl, als auch für Gefolgschaftsmitglieder.« Graf von der Goltz hat vor Pressevertretern die»Organisation der Wirtschaftsführung« dargelegt. Die Wirtschaft ist in 13 Hauptgruppen mit fachlichen Untergliedeningen aufgeteilt. Die regionale Unterteilung in Treuhänderbezirke sieht ausdrücklich die Einbeziehung der Präsidenten der Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern vor. Mit nicht zu überbietender Heuchelei erklärte der Herr Graf: »Für eine nationalsozialistische Führerorganisation der Wirtschaft ergibt sich von selbst die Aufgabe, im Wege der Selbstverwaltung den nationalsozialistischen Grundsatz zur Tat werden zu lassen, daß die Wirtschaft dem Volke dient. Es handelt sich demgemäß um keine Interessenverbände, geschwelge denn einen Arbeitgeberverband. sondern um eine gesetzliche Zusammenfassung aller deutschen Betriebsführer für ihre bei der Führung der Betriebe an sie herantretenden wirtschaftapolitischen Aufgaben.« Demnach sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Arbeitsfront vereinigt, der jede sozialpolitische Betätigung stx-eng untersagt ist. Für die wirtschaftlichen Fragen aber besteht die»Organisation der Wirtschaftsführung«, von der die Arbeiter und Angestellten völlig ausgeschaltet sind. Angesichts dieser Versklavung aller Werktätigen aber, wagt Pg. Bangert in der Presse der Reichsbetriebsgemeinschaften davon zu faseln, daß die»Führung des Menschen im Betriebe die Arbeitsfront in Händen« habe. So sind die Versprechungen, die der Arbeiterschaft bei Zerschlagung ihrer Gewerkschaften am 2. Mal 1933 gemacht worden 'sind, In nichts zerronnen. Die zunächst ge- ' bildeten Fachverbände wurden in Reichsbe- j triebsgemeinschaften aufgelöst und da auch in diesen betrieblich aufgebauten Gemeinschaften der Geist der Betriebssolidarität der Belegschaften nicht getötet werden konnte, soll nun die Arbeitsfront überhaupt»erledigt« werden. Ihr Führer Ley versucht, sich gleich seinem Kollegen Josef Göbbeis, noch schnell auf die Seite der vorher mit viel Kraftausdrücken angegriffenen Reaktion zu retten. Er ist schamlos genug, seinen neuesten Verrat an der eigenen Arbeitsfront noch mit einem GlUckwunschtelgramm an Graf von der Goltz öffentlich zu bestätigen. Was schert diesen Arbeiterbetriiger die Entmachtung der Arbeitsfront, wenn er nur in seiner für 1,600.000 RM. vom Industriellen Otto Wolf erworbenen Villa weiter wohnen und schlemmen kann. Die Sicherung der»vorbildlich einfachen Lebenswelse« geht ihm über alles. Der große Rückzug der Arbeltsfront wird gedeckt durch einen unübertrefflichen Wortschwall über die große nationalsozialistische Erziehungsaufgabe. Es bleibt den Führern der DAF auch weiterhin erlaubt, das nationalsozialistische Programm zum Inhalt Ihrer »Sonn- und Festtagspredigten zu machen. So versichert Staatsrat Schuhmann erheut, daß es keinerlei Abweichungen vom Programm der NSDAP geben könne. Es sei ihm jetzt wieder so recht zum Bewußtsein gekommen, daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein getreuester war.« Zur selben Stunde wird ein Aufruf des Leiters der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP, Bernhard �cht irre, daß dieser selbe„Führer" vor deutschen Reichsgericht feierlich erklärt »Nichts geschieht in meiner Partei ohne rneln Wissen!" Es macht den Untertan nicht 'tutzlg, daß Hitler die Verfehlungen und mo- '"Bllschen Mängel jener Unterführer, die er �Buehllngg erschießen ließ und die er Im 0�0 sehmäht, von Anfang an gekannt und ®r geduldet hat, solange ihm diese Leute �Uig waren. Inwieweit heute schon dieser Glaube an 'kn»Führer" nur noch ein Strohhalm ist, an der Untertan aus Furcht vor der letzten ®ritenntiils seiner Selbsttäuschung sich Jammert— das ist schwer zu sagen. Um- f0 �«fllssener sind die Götzendiener des Drit- t60 Reiches, diesen Glauben den ahnungslo- Ren Kindern einzutrichtern. Und das Ist das J�inunere; es ist schnöder Mißbrauch des Glichen Vertraucna. Und wieder tat es die �Ule, sind es Lehrer, die diesen Seelenfang aBri Ängsten betreiben. I�er Erfolg dieser schmählichen Arbelt ist Wenn der zwölfjährige Sohn einer sozlal- Bßiokratischen Funktionärin, die monate- �g im Konzentrationslager gequält worden ,St; oach ihrer endlichen Entlassung und beim eiß ersehnten Wiedersehen die Mutter trös- e•»Mutter, Hnä Du gefangen warst— daa nur die SA gemacht! Der Führer will aas nicht!" �as muß �6 Mutter, die die furchtbare ihres Lebens dem Regime dieses„Füh- Brs" verdankt, aus dem Munde Ihres Kindes r�ör®n! Das lehrt man ihrem Kinde für das j. aigeld, das sie zahlt! Wenn Worte iehstöße sein könnten, dann sind diese or*® Dolchstöße ins Herz einer Mutter. Das erschütterndste Beispiel aber berichtet P. Delihotte, der Berliner Korrespondent des Journal des Debäta. Er war in Berlin der Wohnungsnachbar Gregor Strassers. Dieser ehemalige Freund Hitlers wurde am Morgen des 30. Juni, als er im Begriffe war. In sein Büro zu gehen, von zwei Beamten der Polizei Görings verhaftet. Zwei Stunden später wurde bekannt, daß auch Gregor Strasser»im Zuge der Reinigungsaktion« erschossen worden sei. Vier Tage lang wollte die Frau Strasser die furchtbare Wahrheit nicht glauben, bis sie endlich einseben mußte, daß es Zweifel und Hoffnung nicht mehr gab. Die Kinder Strassers aber teilten ihren französischen Spielgefährten die Nachricht mit.„Unser Vater ist tot."„Mein Sohn," so berichtet Delihotte,„erstaunt und empört, rief ihnen zu:„Jetzt denke ich, werdet ihr wohl den Hitler nicht mehr lieben können!" Und ich hörte, wie eines der Waisenkinder, ein Vierzehnjähriger, langsam, die Augen starr, aber ohne eine Träne, die Antwort gab:„Er ist aber trotzdem unser Führer." So wachsen Kinder im Dritten Reich heran; Der Sohn preist den Mörder seines Vaters! Man braucht nur dieses eine Beispiel zu kennen, zu ermessen, in welche Verderbnis der Rattenfänger aus Braunau die Kinderseelen führt! Manfred. Schürt niemand Bismardc? Das Korpsstudententum muß mühsam seine Existenz gegen die radikalen Nazi-Kommilitonen verteidigen. Es tut dies durch Schweifwedelei vor dem Gangster Regime. So it»nn man in einem Artikel des Führers des Kösener SC-Verbandes, Dr. Blunck, über folgende Wendung ausrutschen: »Ballt sich nicht jedem gesunden deutschen Menschen die Hand zur Faust, wenn er lesen und hören muß, daß Bismarck, Theodor Körner und Horst Wessel Helden des deutschen Volkes geworden seien, nicht weil, sondern trotzdem sie Korpsstudenten waren?« Da bekommt man sogar als Sozialdemokrat Lust, den alten verhaßten Gegner Bismarck in Schutz zu nehmen gegen diese Gesinnungslosigkeit, die den bedeutenden Politiker in einem Atemzug mit einer der dunkelsten der braunen Gangstergestalten, mit dem Zuhälter Horst Wessel, nennt. Aber Bismarck hat ja schon bei Lebzeiten erfahren, wie das»nationale Bürgertum« ihn im Stich ließ! Was ist Goethe? Im Dritten Reiche Ist ein Buch erschienen: »Goethes Abstammung und Rassemnerkmale«. Der Autor W. Rauschenberger stellt fest; »Goethe ist das Produkt der Mischung von mindestens fünf großen, kulturell schöpferischen Rassen.« Goethe•— das Produkt■ einer Mischung, einer arischen Mischung natürlich. Damit ist sein Genie endlich unwiderleglich erklärt! Die Kloake „Dr. Broher und Dr. Mayer: Ihre Auffassung ist richtig. Graf Pestalozza war einer der prominentesten Abgeordneten der Bayrischen Volkspartei. Er hat eine Freundschaft mit dem Juden Mayer, der junge nlchtjüdl- sche Mädchen betrunken machte. Der sie dann kreuzigte und ihnen die Wundmahle Köhler, Uber die Gestaltung des politischen Sozialismus verbreitet, in dem es heißt: »Systeme und Programme sind nicht ausschlaggebend... Nicht die Wirtschafts- f o r m, sondern die Wirtschaftsm acht ist Kapitalismus.« Damit aber die Arbeiter die Stärkung dieser Macht des Kapitalismus durch die Nazi- Staatsmänner verstehen sollen, fügt Köhler erläuternd hinzu: »Der Sozialismus ist kein« Religion der Schwachen. Er legt dem Staate nicht die Pflicht auf einen wachsenden Schweif von Untüchtigen durch wenige Tüchtige mitschleppen zu lassen.« Alles in allem, der Führer der Arbeitsfront will den»Sozialismus des Soldaten- t u m s«. Der Betrieb wird zur Kaserne, der Arbeiter zum Knecht. Im Hintergrund der Zwangserziehungsaktion»aller im Arbeltsleben stehenden Deutschen zur nationalsozialistischen Gesinnung« stehen die Wirtschaftsängste des Dritten Reiches. Unruhe Uber fallende Löhne und steigende Preise, Rohstoffknappheit und wachsende Massenarbeitslosigkeit, Angst vor neuer Inflation sollen brutal erstickt werden. Die Arbeitsfront wird zur Organisation der großen Schweiger. Die stoimne Statistik der Arbeitsfront aber zeigt, daß das gesamte Lohneinkommen der Textilindustrie mit 21,47 Mk. wöchentlich bereits unter das amtlich anerkannte Existenzminimum gesunken ist. Die Abrechnung der verkauften Invalidenmarken ergibt, daß Im 1. Quartal 1934 29,3 Prozent der Arbeiter wöchentlich noch nicht 12 Mark verdienten. Im System der freiwilligen Spenden werden nur noch 80 Prozent der Bruttolöhne ausgezahlt. Die weitere Verminderung des Lohneinkommens soll durch die gruppenweise Herabsetzung der Arbeitszelt erzwungen werden. Ein Gesetzentwurf zur Einführung dieser 36-Stundenwoche liegt dem Hitler-Kabinett bereits vor. Die Arbeltsfront ist in dieser Situation eines rapiden Wirtschaftsverfalles berufen worden, den Erziehungs-BUttel, der im tiefsten Elend versinkenden Massen zu spielen. Die Blutopfer der großkapitalistischen Diktatur vom 30. Juni 1934 durften nicht gezählt werden, im Massenelend der geplanten Wirtschaftssanierung aber könnten die Opfer des Hungers nicht mehr gezählt werden. Sie sollen ihn kennen lernen, diesen deutschen Sozialismus, der keine Religion der Schwachen sein w 1 n! Aber in diesen stumm gemachten Massen wächst und reift der Wille zur Befreiung und zur sozialistischen Tat. Der Faschismus wird den wahren Soziallsmus kennen lernen müssen, der am Tage der Entscheidung aufhört, die Religion der Schwachen zu sein! Zusammenhang. In Gleiwitz wurde ein Ehepaar zu 6 bezw. 4 Monaten Gefängnis verurteilt wegen übler Nachrede gegen den Führer der oberschlesischen SA, Brigadefüh- rer und Polizeipräsident Ramshorn. Am gleichen Tage teilte die Eefehlsstello Oberschlesien mit, daß Brigadeführer und Polizeipräsident Ramshorn einen Erholungsurlaub angetreten habe. Christi in den Körper schnitt. Und der sie dann am Kreuze schändete." Was das ist? Nur eine friedliche Brief- kastennotltz in einer relchsdeutschen Zeitung. Sinnige Mahnung Der thüringische Justizminister hat angeordnet, daß auf allen Streitakten und Strafakten sogenannte»Mahnmarken« aufgeklebt werden, die Aeußerungen des Reichsjustizkommissars Dr. Frank enthalten. Für die Prozeßakten heißt es:»Entscheiden Sie rasch wie ein Führer, entscheiden Sie klar wie ein Führer und entscheiden Sie so, daß auch der unterliegende Teil das Gefühl hat, hier wird Recht gesprochen.« Wie es die Opfer der Massenschlächterci vom 30. Juni bestimmt gehabt haben... Braune Splitter Göbbeis schreibt an einem Buch, das »Vermächtnis an das deutsche Volk« heißen und erst nach seinem Ableben herauskommen soll. Man erwartet allenthalben in höchster Spannung das Erscheinen des Werkes. • Hitler stößt»heßliche« Klagen über die in den Reihen der SA-Führer eingerissene Perversität aus. Jetzt verstehen wir erst den Sinn eines Satzes, den wir In einer seiner Reden an die Jugend gefunden haben. Er lautete:»In jedem Hitler- Jungen steckt ein SA-Führer.« Seit wann gibt es den Hitlergruß? Seit es keinen guten Tag mehr gibt! Arbeiter-Olymplade In Prag Genosse Emile Vandervalde, der Vorsitzende der SAJ, schildert in der Internationalen Information seine Prager Eindrücke. Wir geben dazu das Folgende wieder: Als unsere Prager Genossen mich einluden, die Internationale bei der Dritten Arbei- ter-Olympiade zu vertreten, war ich darauf gefaßt, einer imposanten sozialistischen Kundgebung beizuwohnen. Und- diese Erwartung ist nicht enttäuscht worden. Seit den unvergeßlichen roten Tagen in Wien im Jahre 1931 hat man nichts gesehen, das diesem gewaltigen Aufmarsch von 40.000 Sportlern gleich käme, die, Männer und Frauen, von den Sportorganisationen aller Länder nach Prag entsandt worden sind— leider mit Ausnahme von Oesterreich, Deutschland und Italien. Unter ihnen bildeten natürlich die Tschechoslowaken die stärkste Streitmacht und die riesigen roten Fahnen, die am Eingang des staatlichen Stadions flattern, bewiesen zur Genüge, daß es sich bei der Arbeiter-Olympiade um eine richtige sozialistische Veranstaltung handelt, an der nur Sozialisten teilnehmen. Was ich aber nicht vorausgesehen hatte, das war, daß diese Arbeiter-Olympiade, die im Zeichen der Internationale stattfand, zugleich ein großes Ereignis des ganzen Landes sein würde. Das merkte man, kaum daß man, von Deutschland kommend, die Grenze überschritten hatte. Reise durch Deutschland. Von dieser Reise quer durch das Dritte Reich, die zum größten Teil bei Nacht vor sich ging, ist natürlich nicht viel zu berichten. Vom Zug aus sieht man in Aachen rote Fahnen mit dem Hakenkreuz: feiert man die Hinrichtung der„Hochverräter?" Ist es ein lokales Fest? Die zweite Annahme scheint wahrscheinlicher, denn in Köln oder Leipzig ist nichts dergleichen zu sehen. Im Bahnhof von Halle entdecken wir ein Braunhemd, einen SA-Mann, abgezehrt und zerlumpt, der wahrscheinlich die Uniformstücke behalten hat, weil er keine anderen Kleider besitzt: zweifellos ein ehemals Arbeitsloser, den nun der Urlaub der SA in die Arbeitslosigkeit und das Elend zurückstößt, ein lebendes Zeugnis einer Zeit, die nun vergangen ist. Denselben Eindruck gewinnt man von Gepäckträger; sie sind diszipliniert und höflich wie immer, aber man sieht, daß sie nicht alle Tage satt zu essen haben. Die Insel der Freiheit. Welch ein Gegensatz, beim Verlassen dieses ungeheuren düsteren und traurigen Landes die Lebendigkeit und Heiterkeit zu sehen, die die tschechoslowakische Republik, diese Insel der Freiheit belebt! Alle Bahnhöfe sind zu Ehren der Arbeiter-Olympiade beflaggt. In Prag erfahren wir, daß der Bürgermeister der Stadt, der nicht der sozialdemokratischen Partei sondern der national-sozialistischen Partei des Dr. Benesch angehört, der Bevölkerung empfohlen hat, zu Ehren der sozialistischen Sportkundgebung die Fahnen zu hißen. DAS «ER TOM Chefredakteur: GEORG BERNUARO bringt unter anderem ragelmassig BERUHER BRIEF mit unerhört interessantem Tatsachen-Material, trotz Zensur und Diktatur Aeusserungen föfirenfler Poiitlher aller Länder zu den europäischen Problemen Beiträge liervorragender otehter und Gelehrter speziell der aus Deutschland Verbannten Demnächst Interessantes Preis-Ausschrelben: 14 JAHRE REPUBLIK Grosse Umfrage bei Gelehrten, Publizisten, Staatsmännern: �Die Zukunft der Weif Neuer hochaktueller Roman von BALD ER OLDEN: ROMAN EINES NAZI Endlich die verschiedenen Sonder-Geblete Die moderne Frau— Reise und Verkehr— Sport— Technik u. Wirtschaft Prq�enumem gratis- Bcstelungen beirr „VARISER TAGEBLATT- PARIS(y), SI, Buc Turblgo Von allen Seiten der Diktaturen eingeschlossen Ist die Tschechoslowakei wie eine Festung, In der die Gegensätze der Partelen und der Klassen durch die Gegenwart gemeinsamer Gefahren gemildert wird. Jemand, der sich bei dem Anblick des imposanten Vorbeimarsches der zehntausend österreichischer Genossen erinnert, die wir bei der Olympiade von 1931 in den Straßen Wiens gesehen haben, sagt mir:„Dieses Aufgebot der tschechischen Sozialisten ist großartig— aber wird es ihnen nicht eines Tages gehen wie in Oesterreich?" Immerhin besteht ein wesentlicher Unterschied: In Versailles haben die allierten Regierungen die ungeheure Dummheit begangen, Deutschland und Oesterreich nur Freiwilligenheere mit langer Dienstzeit zuzugestehen, das beißt, Armeen von Söldnern. Hier in der Tschechoslowakei ist im Gegensatz dazu das Heer gleichbedeutend mit dem ganzen Volk. Diese tausende Sozialisten mit den roten Mützen waren gestern Soldaten. Sie würden es morgen wieder sein, wenn ihre Jahrgänge einberufen würden; und da versteht man den aus dem Herzen kommenden Ruf eines unserer tschechischen Freunde, der dem Vorbeimarsch der roten Legionen gilt:„Mit solchen Menschen ist der Faschismus in diesem Land unmöglich." Die Armee bei der sozialistischen Demonstration. Die Armee bei einer sozialistischen Kundgebfing— das ist etwas, was sich unsere Genossen in Belgien und anderswo sicherlich nur schwer vorstellen können. In den freigebliebenen Ländern Westeuropas liegt die politische Revolution schon zu weit zurück als daß, wie hier, das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl— in Frier denszeiten— sich über die Klassen- und Parteigegensätze erheben könnte. Die Tschechoslowakei aber ist heute ein verschanztes Lager, umzingelt von drohenden Diktaturen. Dort ist die Revolution noch etwas ganz Nahes. Dort bleibt man auf der Wacht. Man findet es ganz natürlich, nebeneinander die Fahne der Internationale und die der Republik zu hißen. Trotz allem, was die slowakischen Bauern von den Industriearbeitern Böhmens oder Mährens trennen mag, gibt es etwas Gemeinsames, daß sie vereint: sie sind„Patrioten", wie es die Patrioten von 1792 waren. Sie wissen, daß sie In diesem Mitteleuropa, in dem so viele Reaktionen wüten, ein Schutzwall sind. Sie wissen, was sie die Eroberung der Freiheit gekostet hat. Sie sind bereit, bis zum Tode eine Demokratie zu verteidigen, die revolutionär geblieben ist. Verrats. Die>Tat« hat recht;»Bücher slni auch Verführer und Tyrannen«. Kreuziget, kreuziget sie! Büdber und Feinde Im Lande der Dichter und Denker sollen demnächst neue Bücherverbrennungen inszeniert werden, in allen Gegenden des Reiches sollen wieder Scheiterhaufen aufflammen, die— wie nach den ersten Autodafes ein nationalsozialistisches Blatt so blütenreich schrieb—„Fackeln auf dem Wege in die reine Welt unsrer Väter bedeuten." Die Auswahl des Brennstoffes wird schon fieberhaft betrieben, und einige Buchhändler, die Schriften von, um und über Röhm in großer Zahl auf Lager haben, sollen vor dem Ruin und vor dem Selbstmord stehen. Ein feuriger Vorschlag aber unter vielen ist so bemerkenswert ehrlich, daß er der Befolgung wert erscheint. Endlich wagt ein Mutiger, das zu schreiben, was aber Tausend Andere im Lande Goethes meinen. In der „Tat"— einer Zeitschrift, die sich früher mit geistigen Fragen zu beschäftigen pflegte— heißt es: „Menschen, die in Büchern leben, sind stets und mit Notwendigkeit politisch unzuverlässig." Aber nicht nur Menschen, die in verbotenen Büchern leben! Auch die erlaubten Schriften „zeichnen zunächst nur den Grundriß einer zukünftigen Gegenwelt, zukünftigen Wider- sachertums. Heute sehen die Lehren Ernst Bergmanns oder Hermann Wirths noch harmloser aus: In wenigen Jahren ist aus der demokratischen Staatsauffassung der Ura-Lindachronik der politische Gegenschlag des Anarchismus vorbereitet." Und wenn schon die„Ura-Lindachronik" des Rasselackels Wirth gefährlich werden könnte— wie erst die wissenschaftliche Literatur! Die wissenschaftlichen Bibliotheken sind noch in der Lage, sich hinter dem Rücken des Akademischen zu verkriechen... Das Bedenkliche und Gefährliche auf diesem Gebiete ist, daß von Seiten der altgedienten„Fachleute" der Versuch gemacht wird, mit vollen Segeln in die alte Zeit der„freien Entscheidung" zurückzukehren. Also: wissenschaftlich oder nicht wissenschaftlich, erzählend oder belehrend, lyrisch oder dramatisch--- Bücher sind treulos. Bücher bereiten Zersetzung und Widerstand vor. Und Büchereien können Zellen der Auflösung und Zerstörung auch dann sein, wenn kein einziges Werk, das verboten ist, geführt wird. Endlich das erlösende Wort! Alle Bücher müssen verbrannt werden, kein Fetzen bedrucktes Papier darf übrig bleiben, dann erst steht dem Germanen der Weg in Allvaters Wälder offen! Und zuoberst auf jedem Scheiterhaufen wird hoffentlich Hitlers„Mein Kampf" verkohlen. Denn dieses Werk hat wie kaum eines je vorher den Beweis erbracht, daß Bücher„treulos" sind. Hat es sich mit dem Führer gewandelt wie die Menschen seiner Umgebung? Nein, und abermals nein! Dieses schändliche, zersetzende Druckerzeugnis trägt noch heute auf jeder Seite all jene Versprechungen und Programmpunkte, die nicht mehr gelten, all jene Verheißungen, an die zu glauben und die zu verfechten einen Röhm das Leben kostete.„Bücher sind treulos"— Hitler hat sein Werk„Mein Kampf" in der ganzen Welt berühmt gemacht— und dafür straft dieses schuftige Buch ihn heute Lügen, bezichtigt ihn täglich, stündlich des Oranienburg Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten Von 6erhart Seger Mitglied des Deutschen Reichstags der V., VI., VII. u.VIU. Wahlperiode Mit einem Geleitwort von Heinrich Mann Die Schrift ist eine Anklage gegen das System der Gewalt, dem Zehntausende unschuldige Menschen in den Konzentrationslagern ausgesetzt sind. Der Verfasser läßt seinem Berichte die Eidesformel vor deutschen Gerichten vorangehen:„Ich schwöre, daß ich nach bestem Wissen und Gewissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde!" Er hat das Manuskript als Strafanzeige gegen die mit vollem Namen angeführten SA-Verbrecher dem Reichsjustizminister, dem Oberreichsanwalt und dem Stabschef der SA gesandt Die Antwort darauf war die sofortige Ueber- führung der in Deutschland lebenden Frau mit dem neunzehn Monate alten Kindchen des Verfassers in das Konzentrationslager Roßlau, aus dem sie nach drei Monaten unter dem Druck der allgemeinen Empörung besonders in England befreit worden ist Preis in: Belgien 10.50 Frs./ Bulgarien 48.— Lewa> Dänemark 2.10 Kr. I Frankreich 7.50 Frs./ Großbritannien—.1.10 Pfund Sterling/ Jugoslawien 24.— Dinar! Niederlande 0.75 Gulden/ Oesterreich 2.60 Schilling/ Palästina—.100 P. Pfd. I Polen 2.60 Zloty/ Rumänien 55.— Lei' Schweden 1.90 Kronen Schweiz 1.55 Frs. I Tschechoslowakei 10.— KS/ USA.—.50 Dollar. Bestellungen durch Jede Buchhandlung oder direkt an Verlagsanstalt „Graphia" Karlsbad CSR. Arische Astrophysik Der Krieg des anderen Ladendorff. — Um der deutschen Wissenschaft die Möglichkeit zur Nachprüfung, Anwendung und Weiterbildung der Einsteinschen Relativitas- theorie zu geben, erbaute die demokratische Republik den bekannten Forschungsturm zu Potsdam mit all seinen Instrumenten. Dort arbeitete u. a. auch Prof. Freundlich, ein International anerkannter Gelehrter auf dem Spezialgebiet der Sonnenphysik. Plötzlich trat an die Astrophysiker von Potsdam eine neue Anforderung heran: wenn sie gewissen Angestellten ihres Institutes begegneten, sollten die Gelehrten die rechte Hand vor- und aufwärts strecken und dazu ein Hell auf einen gewissen Hitler ausbringen. Professor Freundlich vermochte in dieser Umgebimg etwas für die Sonnenphysik Förderliches nicht zu erkennen. Die Folge war, daß er seiner Stellung enthoben wurde. Die Universität Istanbul war froh, Freundlich und zahlreiche andere deutsche Gelehrte, die man im Dritten Reiche nicht mehr haben wollte, für sich zu gewinnen. Zeitungen, die deutsche Kultur nicht in Gefangenenmar- terung, Bonzenluxus, Kadavergehorsam, Militärdrill und Volksbelügung sehen und daher im Ausland erscheinen müssen, haben über den Fall Freundlich berichtet und dabei auch die leitende Rolle des Herrn Ludendorff, des Direktors jenes Potsdamer Instituts, nicht unerwähnt gelassen. Davon hat Herr Ludendorff erfahren und nun bedroht er im Auftrag seines vorgesetzten Ministeriums den Professor Freundlich mit irgendwelchen Verfolgungen, wenn er nicht jene Zeltungen veranlasse, zu„berichtigen", daß Prof. Freundlich nur— wegen des Arierparagraphen pensioniert worden sei! Front des Geistes Neue bemerkenswerte Veröffentlichungen. In den»Europäischen Heften« Nr. 13 schreibt Willi Schlamm:»Deutschland voll Blut und Wunden«. Das Juli-Heft der»Sammlung«(Que- rido-Verlag) ist dem 50. Geburtstag von Lion Feuchtwanger gewidmet. In den Europäischen Heften Nr. 14 lenkt Gregor Bienstock die Aufmerksamkeit auf die nächstjährige Seekonferenz. In einem Aufsatz:„Das Spiel um die Meere" kommt er zum Schluß, daß das Schicksal Europas nicht in Berlin, Paris oder Rom, sondern in London, Washington und Tokio entschieden wird. In den„Europäischen Hef ten" Nr. 15 untersucht Max Bergner die Gruppenkämpfe im deutschen Kapitalismus, Bernhard Menne schildert den Weg des Oberkorruptionisten Ley. Heft 10 der„Neuen Deutschen Blätter" enthält eine große Reportage von Anna Seghers„Der letzte Weg des Koloman Wallisch''; Anna Seghers hat Wal- lischs Fluchtweg von Bruck a. d. Mur über die Alpen nachträglich zurückgelegt und mit den Bewohnern über das Ereignis gesprochen. Das Ergebnis Ist eine ebenso eigenartige wie plastische Schilderung der Eindrücke, die die Februar-Ereignisse in der Bevölkerung jener Gegend hinterlassen haben. ItecUocoiMö 6ojiaWfmcfroHfd)CS Ü>ocl)mbIaH Herausgeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn; Druck:„Graphia": alle in Karlsbad. Zeitungstarif bew. m. P.D. ZI. 159.334/VII-1933. Der„Neue Vorwärts*4 kostet Im Einzelverkauf innerhalb der CSR. K2 1.40(für ein Quartal bei freier Zustellung Kö 18.—). Pre'® der Einzelnummer im Ausland Kö 2.—(Kc 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwert in der Landeswährung;(die Bezugspreise für das Quartal stehen in Klammern): Argentinien Pes. 0.30(3.60). Belgien Frs. 2.-(24—). Bulgarien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld. 0.30 (3.60), Deutschland Mk. 0.25(3.—). Estland E. Kr. 0.22(2.64). Finnland Fmk. 4—(48.—)• Frankreich Frs. 1.50(18.—), Großbritannien d. 4.—(Sh. 4.—). Holland Cid- 0.15(1.80). Italien Lir. 1.10(13.20), lugoslawien Din. 4.50(54.—)• Lettland Lat. 0.30(3.60). Litauen LIt, 0.55(6.60). Luxemburg B. Frs. 2—(24.—). Norwegen Kr. 0.35(4.20). Oesterreich Sch. 0.40(4. 90). Palästina P. Pf. 0.018(0.216), Polen Zloty 0.50 (6.—). Portugal Esc. 2.—(24.—). Rumänien Lei 10—(120.—), Saargebiet F. Fr. 1.50(18.-). Schweden Kr. 0.35(4.20). Schweiz Frs. 0.30 (3.60), Spanien Pes. 0.70(8.40), Ungarn Pengö 0.35(4.20). USA. 0.08(0.96). Einzahlungen können auf folgende Postscheckkonten erfolgen; Tschechoslowakei: Zeitschrift„Neuer Vorwärts". Karlsbad, PraK 46.149. Oesterreich:„Neuer Vorwärts". Karlsbad. Wien B-I98,304. Polen:.Neuer Vorwärts" Karlsbad. Warschau 190.163. Schweiz:„Neuer Vorwärts" Karlsbad. Zürich Nr. Vlll 14.697. Ungarn: Anglo-Cechoslovaklsche und Prager Creditbank. Filiale Karlsbad. Konto„Neuer Vorwärts" Budapest Nr. 2029. Jugoslawien: Anglo-Cechoslovaklsche und Prager fredit- bank, Filiale Belgrad. Konto„Neuer Vorwärts", Beograd Nr. 51.005. Genaue Bezeichnung der Konten ist erforderlich.'