iVr. 62 SO\TIVTAG, 19. August 1934 Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Sein letztes Plebiszit Der nackte Despot Unternehmer klagen an Dynamit und Kleister Mieder mit Hitler!- Freiheit! Den Papierhaufen am 19. August bläst der nächste Volkssturm weg! Die Plebiszitkomödie des 19. August vollendet den Staatsstreich vom 2. August. Nach dem Kameradenmord vom 30. Juni üeß sich Hitler vom Reichskabinett bestä- ügen, daß alles in bester Ordnung war. Nach dem Staatsstreich vom 2. August, durch den sich Hitler zum Alleinherrscher aufgedrungen hat, muß das ganze deutsche Volk aufmarschieren, um diese Bestäti- �uug auszusprechen. Das Reichskabinett billigte mit einem scheuen Blick auf die lerren Sessel Röhms und Papens die große Junischlächterei einstimmig. Mit einem scheuen Blick auf die �elen frischen Gräber, auf die Keller des Nolumbiahauses und die Bunker der Kon- sentrationslager werden an diesem 19. August Millionen und aber Millionen zu dem Staatsstreich vom 2. August ihr Ja Amen sprechen. Sie werden in fcier- 'ichster Form auf alle Rechte und Freihei- die die Sozialdemokratie für sie erstritten hatte, verzichten. Sie werden �sit ihrem Ja ihr Einverständnis damit erklären, daß sie nicht mehr freie Menschen sein wollen, wie es die Amerikaner, die Engländer, die Franzosen, die Skandina- die Schweizer, die Tschechen sind, Fudern daß sie sich in die stumme, dumpfe Untertänigkeit vergangener Jahr- tsusende zurückbegeben wollen. Hat die jemals schon ein schmählicheres Schauspiel gesehen? '■0 Urteil, du entflohst zum blöden Vieh! �cr Mensch ward unvernünftig!" Ein ganzes Volk, das man einst Volk cc Denker und Dichter nannte, hat seine ciheit weggeschleudert und sich vor die �hmutzigen Füße eines Abenteurers geworfen! Philosophen und Historiker, �atsrechtslehrer und Theologen beeüen *lck, bei der großen Proskynese, der Hul- J�mg im Staube, voran zu sein. Die Reichswehr ist schon auf den neuen Allein- errscher vereidigt, die Justiz marschiert �ch ohne Eid, wie befohlen wird. Ueber R�Üonen und aber Millionen gekrümmter deken schreitet der Abenteurer empor höchsten Gipfel der Macht. Aber trotz dieser Machtfülle, über die r yerfügt und die seit Jahrhunderten kein Welt sieht ein Volk, das sich in Krämpfen auf dem Boden wälzt und wartet mit sozusagen wissenschaftlichem Interesse den weiteren Ablauf dieses pathologischen Prozesses ab. Man glaubt, den Augenblick schon voraussehen zu können, in dem die Wirtschaftskrise der Diktatur zur Wirtschaftskatastrophe umschlagen wird. Die Plebiszitkomödie ist ein Schauspiel und weiter nichts. Um Spiele sind die braunen Drahtzieher ja nie verlegen gewesen. Aber eine andere Sache ist es mit dem Brot. Göbbels wünscht als Ergebnis des 19. August, daß die Emigranten die Hoffnung begraben, jemals nach Deutschland zurückkehren zu dürfen. Dazu ist zu sagen; Es gibt wohl keinen Emigranten, der sich nach diesem Deutschland zurücksehnt. Es kommt auch gar nicht darauf an, wie sich das Schicksal einzelner Menschen gestaltet, das ist für die Weltgeschichte gleichgültig. Aber es waren nicht bloß einzelne Menschen, die mit der Emigration Deutschland verlassen haben. Mit ihnen sind Freiheit und Menschlichkeit, Kultur und Gesittung, Recht und Gerechtigkeit aus Deutschland ausgewandert; und zurückgeblieben ist nur Knechtschaft und Barbarei und blutiges Unrecht in jeder Gestalt. „Ave Caesar, morituri te salutant!" Das heißt in das Deutsch des 19. August übersetzt:„Heil Hitler! Die Verhungernden stimmen für dich!" Die Bergarbeiter mit 80 RM Monatslohn, die Buchdrucker, die sich die Hacken ablaufen um einen Posten mit Kost und Logis zu erhalten, die Alleinmädchen mit 3.40 RM Taschengeld, die Arbeitslosen, die mit 12 RM in der Woche eine Familie von sechs Köpfen erhalten sollen, die geschundenen, getretenen Insassen der Arbeitslager, die Gefangenen von Oranienburg, Lichtenburg, Dachau, Papenburg, die Witwen, Brüder, Söhne und Töchter der Gemordeten, zu Tode Gefolterten— alle für Hitler! Alle für Hitier! Jede Stimme zählt! Jedes erpreßte Ja soll ein Baustein sein an der riesigen Mauer, die die Rückkehr der großen Emigranten Freiheit und Recht nach Deutschland verhindern soll. Dummes Zeug! Die Zettel sind ja nur Papier. Der nächste Sturm wird sie fortblasen! Nieder mit Hitler! Freiheit! Unternehmer klagen an! Erschütterndes Dokument der IVot aus Hungerdeutschland ,- und kein König mehr besessen hat, si R c � 4 6 � sich der Despot. Er fürchtet Göbbels hat es verraten— vor je- (j Neinzettel, der am 19. August in Urnen gefunden werden wird. Wenn zäw?ie grollen und die kleinen Gauner Es wird weiter gereinigt— Ich enthebe. Ich ernenne— Wem gehört die Kasse?— Jeder sein eigener Gangster Das Spiel um Bumke Wie Hindenburg übertölpelt wurde. Im Herbst 1932 überraschte die national •ozlallstlscha Fraktion den Reichstag mit rinem Antrag auf Aenderung der Relchsver- fas8Ung. Während es bis dahin hieß, daß im Falle des Todes des Reichspräsidenten der Reichskanzler einstweilen seine Funktion übernehme, beantragten die Nazis, daß dieses Vertretungsamt dem Relchsgerichtspräsiden- tsn zufallen solle. Da gegen die Aenderung •üblich nichts einzuwenden war, sie vlel- '"ichr dem Brauch entsprach, der schon nach Tode Eberts durch ein spezielles Reichs- Kesetc eingeführt worden war, wurde der Antrag angenommen und die Verfassung dementsprechend geändert. Hätten die Nazis nach ihrem eigenen zum Ge- •etz gewordenen Antrag gehandelt, dann hätte bis die Neuwahl vollzogen war. Aber die H�zis trafen nicht die geringsten Anstalten, von ihnen eingeführte Verfassungsände- rün€! zur Geltung kommen zu lassen. Nicht Sekunde lang wurde Herr Bumke bemüht, sondern viel mehr schleunigst ein Ge- "«tz erlassen, das die ganze Macht sofort In Hitlers Hände übergehen läßt. Welchen Grund hatten die Nazis, die Wel- Verfassung, die sie doch vernichten woIltan, noch zu verbessern? Die Sache liegt 8Anz einfach. Damals hatte Hindenburg noch �Wissens bedenken. Die Bestimmung, daß der Reichskanzler den Reichspräsidenten zu ver- treten habe, schien Ihm, falls er Hitler zum Retchskanzler machte, gefährlich. Er arg- wöbnte, Hitler als Reichskanzler würde diese Reetlrnmung mißbrauchen, um sich zum Al- •elnherrschen aufzuschwingen. Um diesen dlUoHtc feah�aisc �01, Bvd. Raspail, Paris(Vle) Die praktische französische Sprachschule ®rÖffnet für die Monate September und Ok- 0'5er einen Vorberel tun gsku raus für die Unl- *er8ltät und auch Klassen für Kanflente, fassend: 15 Stunden wöchentlich praktische Studien der französischen Sprache; 30 Konferenzen Im Monat» iO unterrichtende Spaziergänge im Monat in Paris und seiner Umgebung. Horn ■orar; 180 Frs. für einen Monat, 275 Frs. für zwei Monate. Traven schildert in einem seiner Bücher—„Regierung" heißt es— das Mexiko des Tyrannen Porflrio Dlaz. Dort ging es seltsam zu: vom Gouverneur bis hinunter zum kleinsten Bürgermeister war jeder jedem durch gemeinsame Gaunerelen verbunden und verpflichtet. Ein paar Dutzend Leute hatten jeweils ein Interesse daran, daß der oder jener Obergauner nicht zu Falle kam— geschah es doch, dann gab es einen gewaltigen Erdrutsch, denn dem großen Lumpen folgten Im Sturz die kleinen nach. Neue Gauner rückten an die Stelle der alten— und betrogen war in jedem Fall das Volk. Der 30. Juni In Deutschland Adolf Hitlers liegt nun ein paar Wochen zurück. Von oben herunter ist sozusagen„gereinigt" worden, d. h. neue, im Augenblick beliebtere Bandenführer sind anstelle der alten getreten, und jetzt erst sieht man, wie sehr das Dritte Reich einem Räuberstaat gleicht. Jetzt schlagen nämlich die Wellen des großen Sturms In die kleinsten Bezirke, und bei dieser Gelegenheit-stellt sich heraus, daß jeder erschossene oder abgesetzte Räuberhauptmann wieder viele, viele Unterführer hatte, die von Ihm abhingen— übrigens auch au« den von Ihm verwalteten Kassen bezahlt wurden— und die nun hinter Ihrem Chef her in die Hefe rasseln.— Genau wie die Untergauner Im Mexiko des Porflro Diaz. Man muß nur die Pommerschen Zeitungen der letzten.Wochen aufschlagen — wir greifen ein beliebiges Land heraus—, um den ganzen Schmutz zu ahnen, der da aufgewirbelt wurde. Im„parteiamtlichen Teil" sieht es gewöhnlich so aus: Mit sofortiger Wirkung habe ich den Pg. Feldhahn, Pasewalk, seines Amtes als stellvertretender Kreisleiter des Kreises Ueckermünde enthoben. Der Gauleiter Schwede. Mit sofortiger Wirkung habe Icü den Kreisleiter des Kreises Kolbcrg Land, Pg. Hoßenfelder, zum kommissarischen Krels- leiter des Kreises Kolberg Stadt bestellt, unter gleichzeitiger Enthebung de« Pg. Schulz von seinem Amt als Kreisleiter. Der Gauleiter Schwede. Mit sofortiger Wirkung habe ich den bisherigen Kreisleiter Dabms, Jarmen, seines Amtes als Kreislelter des Kreises Dem- mln der NSDAP enthoben. Zu seinem Nachfolger habe ich den Pg. Franz Pletschmann, Jarmen, ernannt, zum Stellvertreter des Kreisleiters den Kreisbauemführer Max Roloff. Schwede, Gauleiter. Und so geht es fort In endloser, endloser Reihe. Abgesetzt wurden: der Krelsleiter Möller, Grimmen, der Kreisleiter des Kreises Stolp Land, Dr. Frühwald, der stellvertretende Kreisleiter Schelten, Granzln, der Kreisleiter Langeheine, der Kreisleiter Frug- gel, Lauenburg, der Polizeioberinspektor Boesenberg, Stolp, der Kreisbauernführer Dols, Bergen--- es nimmt kein Ende. Einige treten freiwillig zurück, andere werden zurückgetreten. Die Neuemannten lassen«Ich Glückwunschtelegramme schicken, lassen sich photographieren, geben Interviews. SA-Gruppenführer Friedrich, der an die Stelle Karpensteins getreten Ist, sagt in einem„Gespräch", das später die Zeltungen drucken: „Mein Ziel, das durch einige Unterbrechungen, verursacht durch die Verräter. die heute nicht mehr sind, gestört wurde, glaube ich nun bald zum Wohle der gesamten Bewegung und der pommerschen Bevölkerung verwirklichen zu können." Gauleiter Schwede schreibt Briefe über Briefe, die gleichfalls gedruckt werden: „Mein Lieber.. Hiermit ernenne ich Sie zum... An diese Ihre Wiederernennung knüpfe ich die Hoffnung, daß die aus alter Kampfzeit her bestehenden innigen Verbindungen sich zum Segen für Volk und Vaterland auswirken mögen." Um„Wiederemehnungen" handelt es sich oft, denn viele Führerchen, die von der nunmehr gekillten Clique verdrängt wurden, sind wieder obenauf gekommen— bis zum nächsten Mal. Auch heitere Zwischenspiele finden sich in den„Parteiamtlichen Nachrichten", wie dieses: Erklärung. Wie mir berichtet wird, gehen Gerüchte um, wonach die„Pommersche Zeltung" und die übrige in der„Pommerscher Zeltungsverlag GmbH." erscheinende NS-Presae Pommerns Privateigentum des früheren Gauleiters Karpenstein sein sollen. Diese Gerüchte,(He offenbar von profitlüsternen Interessenten aus durchsichtigen Gründen verbreitet werden, entbehren jeder Grundlage. Schwede, Gauleiter. Und dicht daneben spielen sich Tragödien ab: Im Schnellverfahren verhandelte das Stralsunder Schnellgericht gegen den Johann Dibls aus Hugolsdorf. Ihm wurde zur Last gelegt, daß er am 2. Juli d. J. in Beziehung auf den Chef des Stabes Lutze geäußert haben soll;„Das Ist genau so ein Betrüger wie die vorhergehenden!" Dibis gab die Aeußerung zu. Das Schnellgericht verurteilte den erst 18jährigen Angeklagten zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. Nur ein paar Tageszeitungen aus dem kleinen Lande Pommern— aber das ganze blutige, widerliche Schandspiel: Hitler- deutscbland steigt von den bedruckten Seiten empor. Die faulen Spanier Deutscher Konsul beschimpft sein Gastland Die neudeutschen Diplomaten sind überaus feinfühlige Herren. Sie sind so ängstlich auf den guten Ton bedacht, daß sie eine Demarche in Erwägung ziehen, sobald nur unter ihren Fenstern Uberlaut genießt wird. Sie sind feine Leute, die deutschen Diplomaten, aber den deutschen Konsul In Barcelona, Dr. Deiters, dürfte keiner seiner Kollegen an Takt übertreffen. Dieser Dr. Deiters weilt zur Zelt als Kurgast in dem reichsdeutschen Bade Oeynhausen. Um seine Nerven zu stärken, hat er auf einer Amtswalterbesprechung in Minden einen Vortrag Uber„Land und Leute in Spanien" gehalten, den das NS-Volksblatt für Westfalen In einem begeisterten Berichte lobt. Nach diesem Bericht(das folgende Ist wörtlich zitiert), „zeichnete Pg. Dr. Deiters zunächst ein Bild des Spaniens, wie es wirklich ist, wobei er zwar als Tugenden Höflichkeit, Sauberkelt und Anspruchslosigkeit hinstellte, dessen Lebensauffassungen sonst aber von der deutschen, namentlich hinsichtlich Fleiß, Ausdauer und Disziplin so stark abweicht, daß man diese Verschiedenartigkeit als einen der wichtigsten Gründe für die Einstellung des Spaniers zu Deutschland zugrunde legen muß." In besseres Deutsch Ubersetzt heißt das: wenn die Spanler nicht so eine disziplinlose Bande wären, faul und ohne Ausdauer, dann würden sie uns Edeldeutschen besser verstehen. Daß ein Konsul sein Gastland beschimpft, sobald er Ihm für ein paar Urlaubswochen den Rücken gekehrt hat, dürfte in der Geschichte der Diplomatie einzig dastehen. Die Spanler werden«ich freuen, wenn Dr. Deiters zu ihnen zurückkehrt! Minderbegabte, und daß In Prag nichts verdorben wurde, dafür sorgten schon die Tschechen! Nun ist dieser Herr Koch auf einmal ein berühmter Mann geworden. Er hat nämlich in allen Ihm zugänglichen Zeitungen seine Trauerrede über Hindenburg inseriert, in der er sich Uber zu große Pressefreiheit in der Tschechoslowakei beklagte und diplomatische Schritte zum Zweck ihrer Einschränkung ankündigte. Die vorherige öffentliche Ankündigung solcher Schritte ist eine völlige Neuerung im diplomatischen Brauch und sicherlich keine ungewollte. Legt Herr Koch es auf Krach an und gedenkt er dabei die Treppe hinaufzufallen? Will er sich für das bevorstehende große Revirement empfehlend in Erinnerung bringen? Bayreuth ohne Fremdle Die Bilanz der diesjährigen Bayreuther Festspiele ist die Bilanz des deutschen Niedergangs. Im Jahre 1930 sah Bayreuth 1075 ausländische Gäste, im Jahre lOSl insgesamt 372. Von 187 Engländern Im Jahre 1930 sind in diesem Sommer ganze 46 übriggeblieben. Lasse Zahlen sprechen! So sieht's Amerika! Herr Kodi entdeckt sich Zu den kleinen deutschen Tayllerands, die jetzt in den diplomatischen Korps Gegenstand mitleidiger Gespräche sind, gehört auch der Gesandte in Prag, Herr Koch. Er sitzt dort nicht erst seit gestern. Zu Jener Zelt, da im A. A. die glänzenden Berichte Kösters aus Riga, Rauschers aus Warschau bewundert wurden, las man dort auch schon mit Sorgenfalten in der Stirn die Aufsätze des Knaben Koch. Aber schließlich gibt es in jeder Klasse Sa skid aus! I Der Zar aller Deutschen— Von einem, der Ihn kennt Hitler ist als Sohn eines kleinen öster reichischen Zollbeamten im Jahre 1889 In Braunau am Inn geboren. Die Schul bchörde hebt seine auffallende Vorliebe für Indianergeschichten hervor, und tatsächlich ist Karl May sein Lieblingsschriftsteller geblieben. Den Besuch der Bürgerschule mußte Hitler wegen ungenügender Fortschritte aufgeben. In Wien bildete er sich zum Bauzeichner aus, schloß aber seine Studien nicht ab. Um Geld zu verdienen, arbeitete er als Anstreicher und Bauarbeiter. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig als angeblicher Kunstmaler bei dem Regiment List, das fast ausschließlich aus Akademikern zusammengesetzt war. Den Krieg machte er mehr beim Regimentsstab, als im Schützengraben mit. Seine militärischen Vorgesetzten schildern ihn als Soldaten von schlapper Haltung, der aber mit echt österreichischer Wurstigkeit die gefährlichsten Meldegängerdienste tat. Gegen Ende des Krieges kam er wegen Gasvergiftung in das Reservelazaiett Pasewalk. Nach dem Krankenbericht wurde er am 13. November 1918 wieder kriegsverwendungs- fähig geschrieben. Er selbst hat sich nachträglich in krankhafter Uebertreibung für den Beginn der Revoluüon zum»blinden Krüppel« gedichtet. Nach seiner Entlassung zu seinem Truppenteil gehörte er zur Gattung der ewig politisierenden Kasemen- bewohner. die sich im bürgerUchen Leben nicht mehr zurechtfanden und deshalb die Sorge und Verlegenheit der Behörden wurden. Seine ehemaligen Kameraden haben unwidersprochen behauptet, daß er nach dem Umsturz im Sinne der Mehrheitssozialdemokratie tätig gewesen sei. Nach der Räterepublik fand er durch die Reichswehr ein neues Tätigkeitsfeld In der Politik. Er machte sie schließlich zu seinem Lebensberuf. Wie Ignatius von Loyola, wurde Hitler für die große Welt von vornehmen Frauen, Baroninnen und Gattinnen von Großindustriellen entdeckt. Sie fütterten ihn an ihren Tischen durch, sie opferten ihm und seinem Blatte, dem»Völkischen Beobachter«, ihre Sparbüchsen und das erreichbare Geld Ihrer Männer, sie steckten ihm während der Inflation auch Kunstgegenstände von größerem Werte zu, sie erschlossen ihm die ergiebigen Beziehungen und die laufenden Unterstützungen der Schwerindustrie. Heute noch wird jede seiner Versammlungsreden durch die schrillen Schreie berückter, verzückter und beglückter Fiauen eingerahmt. Aber mehr als Worte hat er ihnen zum Dank nie gegeben. Das ganze Wesen Hitlers hat der Münchener Rassenforscher Professor von Gruber in die Worte gefaßt: »Gesicht und Kopf schlechte Rasse. Mischling. Niedere fliehende Stim, unschöne Nase, breite Backenknochen, k eine Augen, dunkles Haar. Eine kurze Bürste von Schnurrbart, nur so breit wie die Nase, iribt dem Gesicht etwas besonders Herausfordemdes. Gesichtsausdruck nicht der eines in voller Selbstbeherrschtheit Gebietenden, sondern der eines wahnwitzig Erregten. ständiges Zucken des Gesichts- muskels, am Schlüsse Ausdruck beglückten Selbstgefühls.« Nein, Hitler ist keine Siegfriedsgestalt, kein blonder, strahlender Held, er ist nur eine verunglückte Mischung südöstlicher Herkunft, ein schwächlicher Wortwüstling und furchtsamer, abenteuerUcher Schwärmer, das Geschöpf einer flüchtigen I-aune des Glücks. Er selbst weiß, daß er keinen festen Boden unter den Füßen hat, daß er nur ein SplelbaU von Mächtigeren, nur eine Seifenblase ist. Aus diesem Gegensatz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Schein und Sein erklärt sich seine linkische Haltung, sein unsteter Blick, seine Unsicherheit und Unterwürfigkeit, aber auch wieder seine Ueberspanntheit und sein unerträglicher Größenwahn, dessentwegen ihn schon 1921 alte Freunde verließen. Entrüstet lehnt er es ab. in einer Sache, die er versteht, bescheiden zu sein. Man soll ihn nur ruhig regleren lassen, ein Programm wird sich dann schon von selbst einstellen. Bei Gott, nie hat er nach einem Ministerposten gestrebt, weil er es eines großen Mannes nicht für würdig hält, seinen Namen der Geschichte nur als Minister überliefern zu wollen. Schon 1923 stellt er sich mit Gam- betta und Mussolini gleich, nimmt ausgesprochene Messlasaüüren an, beteuert immer wieder, daß er den Beruf zur Rettung Deutschlands in sich fühle und zieht eine Reihe von Parallelen mit Napoleon, insbesondere mit dem Zuge des Kaisers von der Insel Elba gegen Paris. Er will, daß seine nächsten Mitarbeiter, selbst ein Ludendorff, neben ihm nicht das Mindeste zu sagen haben, wie auch Napoleon sich hei der Bildung seines Direktoriums nur mit unbedeutenden Männern umgeben habe. In den zweifelhaften Gestalten seiner Umgebung schafft er sich Herolde seines künftigen Ruhms. Sie feiern ihn schon als Mussolini, bevor er noch zum Marsch nach Berlin angetreten ist. Solch plumpen Schmeichlern ist er ganz hingegeben, sie können ihn nach Belieben kneten und biegen und als Werkzeug benützen, ohne daß er es merkt. Und doch will er der Nation die Tat schenken, zugleich Ueberwinder der»jüdischen Weltherrschaft« und»Zerbrecher des Marxismus«, Bahnbrecher einer mindestens tausendjährigen geschichtlichen Entwicklung sein. Als Uebermensch setzt er sich über alle Vorschriften und Gesetze hinweg, denn sein Wille ist oberstes Gesetz. So kann er sich einbilden, der oberste Gerichtsherr des Deutschen Reiches zu sein und läßt seine besten Freunde von gestern ohne, gerichtliches Urteil erschießen. Alles, was er sagt, gehört der Geschichte an. Das Maß, die Krone aller menschlichen Tugenden, ist ihm versagt. Er kennt nur Himmel und Hölle, Verzückung oder Verzweiflung, Lumpen oder Helden, Anbeter oder Verräter, Engel oder Verbrecher.»Unbändig«,»fanatisch«,»unduldsam« sind Lleb- lingsausdrücke von ihm. Er schreit, kreischt, brüllt und heult wie ein wildes Tier, er braust beim geringsten Anlaß auf und tobt dann wie ein Irrsinniger los, teilt Ohrfeigen aus, wirft und schlägt zusammen, was ihm unter die Hände kommt. Sein Reichtum an Schimpfwörtern ist unerscnöpflich. Die Weinkrämpfe hat er Bismarck abgela.ischt. Er macht sie ihm meisterhaft nach, nur erholt er sich von ihnen zu rasch. Besonders vornehm dünkt ihm die Anrufung Gottes, wie sie in den Thronreden der Herrscher üblich Ist. Doch übertrumpft er seine Vorbilder noch, wenn er im Ton eines winselnden Mönchs die letzten Worte des protestantischen Vaterunsers mitsamt dem jüdischen Amen hervorstößt. Dann aber folgen auf Wutausbrüche wieder Wochen lahme: Ent schlußloslgkeit, Teilnahmslosigkeit und Niedergeschlagenheit, nicht selten verbunden mit schauerlichem Verfolgungswahn. Ebenso ist er im Handeln. Bald setzt er»schlagartig« seine Feinde außer Gefecht, danr geht er wieder allen Entscheidungen aus dem Weg und läßt sich deshalb tagelang von besten Freunden nicht finden. Jede Frage spitzt sich bei ihm auf Sein oder Nichtsein zu. Immer droht er die äußersten und letzten Folgerungen an. Er will siegen oder tot sein, die Tat durchführen oder sich aufhängen, er hat für den Fall der Ablehnung seines Vorschlages für sich und seine Verhandlungsgegner bereits die Kugeln bestimmt. Wenn ihn alle verlassen, will er allein die Sturmfahne tragen und auf ihr sterben. Das Hakenkreuzbanner soll sein Leichentuch werden, wenn ihn der Kampf das nächste Mal niederstreckt. Die Sucht zu tibertreiben und zu übersteigern verführt ihn zu einer seltenen Verlogenheit. Im Feuer der Leidenschaft beschwört er alles und jedes, was ihm gerade in seine Rede paßt. Seine feige Flucht vor der Feldherrnhalle lügt er nach Jahren In die Rettung eines Knaben aus dem feindllcheu'euer um. Seine Lüge vom»blinden Krüppel«, der er beim Ausbruch der Revolution gewesen sei, reiht sich würdig an die Göbbclslüge von den Peitschenhieben in belgischen Gefängnissen an. In einer vor Gericht beeidigten Aussage weist ihm die Polizeidirektion München mühelos zwei Dutzend Verstöße gegen die geschichtliche Wahrheit nach. Mit Hand aufs Herz gibt er unaufgefordert Ehrenwort um Ehrenwort, um hernach jedes bedenkenlos zu brechen, wenn es sein politischer Vorteil erheischt. Macht man ihm dar ob Vorwürfe, bittet er mit Tränen um Verzeihung und beruft sich auf des Vaterlandes höheres Gebot. Bis zum äußersten verlangt er von anderen Treue und Hingabe, nur nicht von sich. So ist alles an ihm Uberspannt und übersprudelt, aufgeblasen und aufgetürmt, unwahrscheinlich und unwahr, erschwätzt und erschwindelt, verzogen und verzent, zur gräßlichen Fratze entstellt. Nächst seinem Größenwahnsinn sind Haß und Vergeltungstrieb bei ihm am stärksten entwickelt. Marxisten und Juden, die ihm seine Jugend vergällt haben, verfolgt er mit glühendem Haß. Die Juden bringen ihn besonders wegen ihrer sexueUen Erfolge zur Raserei, unermüdlich klagt er sie als Schänder deutschen Weibs- tums und Wesens an. Mit einem dumpfen Wahnwitz, der sonst nur bei Renegaten vorkommt, hält er an den Märchen von den Weisen von Zion und von der lüduchen Weltherrschaft fest. Zum dritten Todfeind des deutschen Volkes hat er Frankreich erklärt. Diesem Lande will er Gottes Geißel werden, an ihm will er blutig rächen, was es den Deutschen seit Jahrhunderten angetan hat Für Frankreich kennt er keine Gnade und keine Verständigung, unerbittlich und unversöhnlich ruft er zur endgültigen aktiven Auseinandersetzung, zum Entscheddungs kämpf mit dem Ziele seiner Vernichtung auf Aber Hitlers Haß ist nicht an bestimmte Gegenstände gebunden, sein ganzes Wesen, das Milde und Verzeihung nicht kennt,»st mit Haß wie eine Gewitterwolke mit Blitzen ge laden. Er läßt es ein ganzes Volk büßen, i daß er kein großer Künstler geworden ist | Als sein erster Vorstoß zur Staatsmacht mit ' einer Niederlage endet, schilt er die Deutschen als dummes und charakterloses Volk, dem die Peitsche gebühre. In der Tat trägt er, wie sein Freund Strei eher, stets eine Nilpferdpeitsche in der Hand. In die Gestalt Sullas, des Blutsäufers, und seine Proskriptionen ist er krankhaft verliebt Auch er will bis an die Knie im Blut waten Köpfe rollen lassen, Galgen aufgerichtet, mindestens zehntausend Novemberverbrecher abgeurteilt und hingerichtet sehen. Jahrelang schreit er nach dem National tribunal zur Aburteilung der Novemberverbrecher, mit Be hagen malt er die Empfindungen seiner Todfeinde aus, wenn sie der Strick am Halse kitzeln wird, unermüdlich fordert er zur Abrechnung mit den Marxisten, zu ihrer Zerschmetterung, Vernichtung und Vertilgung auf. Wenn der Geist der Rache über ihn kommt, brüllt er in den Versammlungen wie ein Besessener auf, und die teuflische Lust am Quälen und Schinden seiner Opfer schnaubt und quillt ihm in tiefen Gurgellauten aus der Kehle hervor. Ein sattes Lächeln der Befriedigung aber breitet sich über seine Züge, wenn dann aus der Mitte seiner Zuhörer heraus der wilde Zwischenruf; »Aufhängen, aufhängen!« erschallt Der Geruch von Mördern zieht Ihn an, Heines, Klapproth, Hustert, Schulz und andere liebt er in seiner Nähe, die Mörder von Potempa feiert er als seine Kameraden und am 30. Juni schwelgt er endlich in Blut. Zur Stelgerung seiner eigenen Wut und der Mordlust seiner Anhänger lügt er sich und ihnen vor, daß er jahrelang unschuldig verfolgt mißhandelt und bestraft worden sei. Als er seine Gefängnisstrafe wegen Versammlungssprengung antreten muß, vergleicht er sich mit Christus, der'vor zweitausend Jahren auch unschuldig gemartert wurde. In Wirklichkeit haben die Gerichte ihm zuUebe nicht nur einmal das Recht gebeugt. Geist ist einem Hitler fremd, er versteht ihn nicht und haßt ihn deshalb, er will nur Leidenschaft. Ueberschwang. überwältigende Naturkraft sein. Seine Vorstellungswelt ist ungeordnet, sein Weltbild kraus, seine Ausdruckswelse nicht selten gewunden, barbarisch entstellt, dann wieder platt und nichtssagend, ein seltsamer Wort- und Blldungs- salat, der nur schlechte Gaumen entzückt. Manche Vorstellungsreihen des europäischen Kulturmenschen scheinen ihm völlig zu fehlen. Humanität soll nach ihm eine Mischung von Dummheit, Feigheit und EinbUdung sein. Pazifismus erscheint ihm als Ausbund von Verbrechertum, Gesinnungs- und Charakterlosigkeit. Er betet nur zum Gott der Gewalt, er berauscht sich an der Machtfülle, die er in immer riesigeren Ausmaßen bekommt. Durch Machtpolitik, durch WUle und Waffen will er die alte deutsche Größe und Herrlichkeit wieder herstellen.„Wenn sechzig Millionen Menschen nur den einen Willen hätten, fanatisch national eingestellt zu sein— aus der Faust würden die Waffen herausquellen!" ist ein Ausspruch von ihm. Zur Erreichung seiner „nationalen" Ziele ist ihm kein Mittel, selbst der Bruch des Völkerrechtes, zu schlecht. Höhnend über die ganze Kulturwelt schreit er hinaus:„Mögen unsere Waffen human sein oder nicht! Schaffen sie uns die Freiheit, so sind sie recht vor unserem Gewissen und vor unserem Herrgott. Wir lachen über den Fluch der ganzen Welt, wenn aus diesem Fluche(Bs Freiheit unserer Rasse herausschaut". Man hat ihn einen kalten Machiavellisten gescholten. Das aber ist für den geistvollen italienischen Staatsmann eine Beleidigung. Hitler berechnet wohl kalt und grausam die Wirkung einer Handlung oder Rede bis ins einzelnste voraus, aber seine Rechnung ist häufig falsch, weil er die Menschen für noch dümmer, feiger und charakterloser hält, also sie es ohnehin sind und ihnen deshalb jede Unverschämtheit zu bieten wagt. Dann aber predigt Hitler wieder stundenlang mit ungeheurem Wortschwall darauf los, peitscht sich in Lieblingsvorstellungen, ausschweifende Träume. Schweiß und Aufregung hinein. Dann ist es unmöglich, den politischen Nachtwandler zu unterbrechen, weil er Widerspruch nicht duldet und Vernunft nicht kennt. Das Volk ist Hitler nur die Harfe, der allein der große Meister Zaubertöne entlocken kann. Aber er weiß die Verschiedenheit der Seilten zu schätzen, die unteren sind ihm g6" rade zur Begleitung recht. Im Grunde verachtet er das niedere Volk, dem er schmeicheln muß, weil er es braucht, das ihn sogar zwingt, besonders wichtige Reden vor dem Spiegel einzuüben. Ausdrücklich schilt er die Masse als nicht denkfähig, untüchtig, auf keinen Fall aber begnadet. Die Arbeiter sind letzten Endes nur begierig auf Brot und Spiele und dazu bestimmt, von Leuten besserer Rasse rücksichtslos beherrscht zu werden. Die bessere Rasse, die ihm fehlt, die feinen Leute, denen er nicht entstammt, haben es Hitler angetan. Der größte Schmerz seines Lebens ist es, nicht Offizier, sondern nur Gefreiter gewesen zu sein. Die Welt der glänzenden Uniformen nimmt ihn ein, er wird nicht müde, für seine braune Privatarmee Fähnchen und Kinkerlitzchen auszudenken und zu verordnen. Aber er bat nicht den nüchternen deutschen, sondern einen fremdländischen Geschmack. Seine Bandenführer laufen wie Offiziere eines Negerstaates herum. Hitlers politische Propaganda ist die wirksamste Ursache seines Erfolges. Auf diesem Gebiet hat er es zu einer großen Geschicklichkeit gebracht und er würde ein guter R®" klamechef eines großen jüdischen Warenhauses geworden sein. Das Unglück des deutschen Volkes ist es aber, daß Hitler die P®" llük für ein Geschäft hält, bei dem es nur auf Anreißereien und Reklametricks ankommt- Deshalb ist seine Prapaganda auch ungeistig. roh, ganz und gar auf Äußerlichkeiten abgestellt. Er lehrt, daß man der menschlichen Dummheit alles bieten kann und mit der größten Lüge die besten Geschäfte macht. Die Rede des Politikers soll nach ihm der Aufnahmefähigkeit des Peschränktesten seiner Zuhörer angepaßt sein- Je öfter man eine Behauptung wiederholt,»mi so leichter wird sie geglaubt Die Propaganda soll auf keinen Fall der Wahrheit dienen, soweit sie dem Gegner günstig wäre, sondern bewußt einseitig sein.„Hitlers Seife ist dl* beste!", niemand würde es verstehen, wenn er auf seinem Plakat noch eine andere Seife anpreisen würde. Im übrigen will der Staatsbürger, genau wie ein Geschäftskunde, nickt vor die Qual der Wahl gestellt sondern angeleitet und überredet und für die beste War® begeistert werden. Aufzüge, Abzeichen und Fahnen, das Hakenkreuzsymbol, feierliche Schwür® der Treue bis in den Tod, dunkle Morddrobun- gen für Verrat schreiende Riesenplakate. Massenversammlungen mit Musik und Gesang, Uniformen rütteln die träge Masse auf- Deshalb müssen Augen und Ohren gefesselt. befriedigt, betäubt die allein sellgmacbendeD politischen Wahrheiten fanatisch eingehämmert werden. Immer gewaltiger, immer umfassender muß die Propaganda sein. Zehn tausende von Teilnehmern an den Veranstaltungen genügen nicht mehr. Hunderttausend«. Millionen müssen aufmarschleren, g®112 Deutschland muß aufgepeitscht, ergriff®0 und mitgerissen sein. Der Gegner darf ln nichts und in keinem Maße recht habe.®r muß zum Bösewicht, zum Widersacher, zum leiblichen Teufel gestempelt, er muß � Volkspest und Auswurf bekämpft seine Versammlungen müssen gesprengt seine Anhänger niedergeschlagen werden. Die Herrscbaf1 Uber die Straße ist nach Hitlers Meinung die Voraussetzung zur Eroberung der politische11 Macht. Es darf keine Ruhe und keine R®®4 mehr geben, bis nicht der letzte Gegner Sit' lers bekehrt oder vernichtet ist. Das ist Hitler, der Tyrann, den das deu� sehe Volk am 19. August 1934 In seiner Herr" schaft bestätigen wird. Nr. 62 BEILAGE UcutfTtaSrfs 19. August 1934 Sein letztes Plebiszit Von Karl Max. Hitlers französisches Vorbild Der plebiszitäre Despotismus, die Alleinherrschaft eines Einzelnen, die anscheinend durch eine Volksbefragung bestätigt wird, ist ein französisches Gewächs, besser, eine bonapartis tische Erfindung. Der erste N a- Poleon ließ sich vom„Volkswillen" zum Konsul auf Lebenszeit machen und zum Kaiserthron emportragen, und geschickter noch praktizierte sein kleiner Neffe, Napoleon m. geheißen, das Plebiszit, das ihm dazu dienen mußte, den üblen Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 zu„lega- lisieren". Da er nach fast achtzehn Jahren unumschränkter Herrschaft den Boden unter seinen Füßen wanken fühlte, suchte er der täglich mehr erstarkenden Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er aus einem Mann der„Ordnung" ein Mann der„Freiheit" wurde. Er berief im Januar 1870 das„liberale" Ministerium Olliver ünd heckte eine Verfassungsänderung aus, die den Despotismus konstitutionell verbrämte, in Wahrheit aber fest begründete, denn fortan konnte die Verfassung nur durch Volksabstimmung auf Antrag des Kaisers geändert werden; Napoleon HI. hatte es also jederzeit in der Hand, unter Ausschaltung von Senat und Kammer zum Plebiszitären Staatsstreich auszuholen. Er dachte auch sofort die Probe aufs Exem- Pal zu machen, indem er alles Blut und allen Schmutz von seinem alt und morsch gewordenen Regime im Jungbrunnen einer Volksabstimmung abspülte. Am 8. Mai hatte die Nation mit Ja oder Nein über folgenden Text abzustimmen: „Daa französische Volk billigt die llbera- 'en Reformen, die vom Kaiser unter Mltwlr- �oug der großen Staatskörperschaften seit «SO in der Verfassung vollzogen sind, und genehmigt den Senatsbeschluß vom 20. April 1870". Der Wortlaut war außerordentlich Schlau abgefaßt, denn der Abstimmung �rden scheinbar nur die liberalen Refor- 111611 unterbreitet, aber wer mit Ja antwortete, stimmte mittelbar doch für den gesamten napoleonischen Cäsarismus. Das Zweite Kaiserreich war ein Land der Unterdrückung und Knechtschaft, und j'pr mit einem Augurenlächeln konnte 01- 'ivier verheißen, daß in der Periode vor dem Plebiszit vollkommene Preß- und Ver- Saiumlungsfreiheit herrschen werde. Aber üef gesunken war selbst dieses würdelose ftogime nicht, daß es jedem Bürger einen Knebel in den Mund gestoßen, das Land in K�edhofsstille gesenkt und politisch Andersdenkende durch Konzentrationslager Ur>d Mord ausgerottet hätte. Vielmehr be- sofort nach Ankündigung des Plebis- ein scharfer Oppositionswind zu wehen. o der Kammer entspann sich eine lebhafte Erörterung über Wert oder Unwert dieser Olksabstimmung. Eine stattliche Reihe �abhängiger und vielgelesener Blätter, wie "Kappel»,„Marseillaise",„National",„Ga- f.ett6 de France",„Steele",„Avenir Na- 2°aal",„Citoyen",„R6veU",„Cloche".„Gl- onde",„Emancipation" und„Progites" for- prten mit aller Schärfe die Massen auf, Iait Nein zu antworten. Aus Abgeordneten u.nd Redakteuren der Linken bildete sich 6111 Ausschuß, der für die Propaganda ge- gen das Plebiszit durch öffentilche Samm- l�g beträchtliche Geldmittel aufbrachte. Vo11 diesen Gegnern des Systems empfah- 51 die einen daa Nein, die anderen traten ■pr Enthaltung ein, um dem Regime unter cüe Nase zu reiben, daß es zu einem Appell a.n das Volk gar kein Recht habe. Aber die 61nen wie die anderen nahmen In der Agi- J�on kein Blatt vor den Mund.„Der 2. k fernher", begann das Manifest der Lln- .en'..hat Frankreich unter die Gewalt e'nes Eizelnen gebeugt Heute ist daa per- ?nliche Regiment durch seine Früchte ge- cbtet; die Erfahrung verdammt es, die pat?on verwirft es", und der Aufruf der ariser Sektionen der Internationalen Ar- �cr-Assoziation erklärte rund heraus:! r*8 genügt nicht, auf das Plebsizit, das p �11 uns aufzwingt, mit einem nur verwenden Votum zu antworten. Aus der den 6 rnu� die unbedingteste Verurteilung Dtenarchischen Regimes und die voll- 1 kommene, radikale Bekräftigung der ein- j zigen Regierungsform hervorgehen, die unseren wohlbegründeten Bestrebungen gerecht zu werden vermag, der demokratischen und sozialen Republik." Von dem im Exil hausenden großen Dichter druckten die Zeitungen einen Brief ab, der schneidend schloß: Will der Urheber des Staatsstreiches durchaus eine Frage an das Volk richten, erkennen wir ihm nur zu folgender das Recht:„Soll Ich die Tullerien verlassen und nach Vincennes gehen, um mich den Gerichten zur Verfügung zu stellen?" Napoleon. Ja! Victor Hugo. Aehnlich der Ton der Versammlungen. War vor kurzem erst ein feuriger Anti- bonapartist mit der milden Strafe von einem Monat Gefängnis davongekommen, weü er bei einer Truppenschau dem Kaiser zugerufen hatte: A Cayenne!, also: Ins Zuchthaus!, so verlas in einer Versammlung der Folies-Bergeres der Citoyen L e r- m i n a ein langes Urteil, das Napoleon als„Bandenführer, Räuber, Dieb und Falschmünzer" zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verdonnerte: diese Versammlung allerdings wurde aufgelöst und der Redner auf zwei Jahre ins Gefängnis geschickt. Ueberhaupt blieb die Regierung keineswegs müßig. Der ganze ungeheure Beamtenapparat, vom Minister bis zum Feldhüter, wurde in Bewegung gesetzt, um am 8. Mai ein günstiges Votum zu erzielen. Wie Napoleon selber um die Ja-Stimmen der Nation bettelte, weü es gelte,„die Drohungen der Revolution zu beschwören", so wurden Präfekten und Landräte, Friedensrichter und Bürgermeister aufgeboten, die Bauern, die die Hauptmasse der Abstimmungsberechtigten darstellten, zu beschwatzen und einzuseifen. Diese konservative und durchweg analphabetische Gesellschaftsschicht ließ sich leicht einreden, daß„mit Ja stimmen für den Frieden stimmen" heiße, zumal der angerufene Klerus sich seiner Pflicht, für das Regime zu arbeiten, nicht entzog. Wie es die Generalvikare von Valence sagten, sagten es fast alle Soutanenträger.„Ja— das ist die Ordnung und aller Segen, auf den sie hoffen läßt, Nein— das ist die Anarchie mit allen ihren Folgen", und der Generalvikar von Bouges betete sogar das Sprüchlein her von„dem Mann, den die Vorsehung Frankreich geschenkt hat, alle Uebel zu heilen". Je näher der Abstimmungstermin rückte, desto handfester wurden die Methoden des Regimes. Einen Italiener, der 100.000 Francs für das antiplebiszitäre Komitee gestiftet hatte, ereilte die Ausweisung, Zeitungskonfiskationen folgten auf Zeitungskonfiskationen, und die Aufdeckung eines Komplottes gegen Napoleon, bei dem Polizeispitzel mindestens so mitgewirkt hatten, wie ein paar engstirnige Fanatiker, erlaubte nicht nur die Massenverhaftung Mißüebiger, sondern auch die Einschüchterung des ängstlichen Spießbürgers durch den„Roten Schrek- ken".„Bei einem Plebiszit", spottete Friedrich Engels,„muß dem Volk eine Dosis Attentat eingegeben werden, wie ein Quacksalber jede große Kur mit einem starken Abführmittel anfängt". Aber so sehr es sich hier um häßliche und hassens- werte Bräuche eines ausgesprochenen Polizeistaates handelte, es waren doch nicht die Gepflogenheiten einer zügellosen Verbrecherbande, die zur Erreichung ihrer Ziele auch vor dem unmenschlichen Terror nicht zurückschreckt. Es reichte auch so. Zwar verwarf die Hauptstadt mit 184.345 Nein gegen 138.406 Ja den Dezembermann, und auch die anderen großen Städte wie Lyon, Marseille. Bordeaux, Toulouse, Metz schütteten überwiegend Nein-Stimmen auf den Tisch, selbst Armee und Marine, die doch unter besonderem Druck abstimmten, brachten 46.000 Nein, fast ein Siebtel aller militärischen Stimmen, auf; bis in die Cent- Gardes, die Schloß-Leibwache des Cäsars, gab es mit Nein Votierende. Aber das flache Land trog nicht die Hoffnungen derer, die auf seine mangelnde politische Aufklärung gebaut hatten. 7.3 Millionen Ja-Stimmen gegen 1.5 Millionen Nein- Stimmen machten den 8. Mai zu einem Triumphtag des Regimes, das fester gegründet schien denn je; bei feierlicher Uebergabe des Plebiszit-Ergebnisses durfte der Präsident des gesetzgebenden Körpers, Schneider, dem Kaiser sagen: Frankreich steht hinter Ihnen! Einundzwanzig Kanonenschüsse dröhnten zu Beginn und am Schlüsse der Feier, aber ihr Pulverrauch verwehte kaum schneller als die festigende Wirkung der Volksabstimmung. Das Regime erlebte nach seinem glorreichen 8. Mai noch einen 8. Juni, einen 8. Juli und einen 8. August, aber dann war's aus. Anfang September brachte Sedan, die Gefangennahme Napoleons, die Flucht der kaiserlichen Familie aus Paris und die Ausrufimg der Re- plubik— trotz 7.3 Millionen Ja-Stimmen kurz zuvor! Es ist erreicht! Die Phalanx der Reaktion „Alle Klassen und Parteien hatten sich während der Junitage(1848) zur Partei der Ordnung vereint gegenüber der proletarischen Klasse, als der Partei der Anarchie, des Soziallsmus, des Kommunismus. Sie hatten die Gesellschaft„gerettet" gegen die„Feinde der Gesellschaft". Sie hatten die Stichworte der alten Gesellschaft,„Eigentum",„Familie", „Religion",„Ordnung" als Parole unter ihr Heer ausgeteilt und der konterrevolutionären Kreuzfahrt zugerufen:„Unter diesem Zeichen wirst du siegen!"... Jede Forderung der einfachsten bürgerlichen Finanzreform, des ordinärsten Überall smus, des formalsten Re- publlkanertums, der plattesten Demokratie wird gleichzeitig als„Attentat auf die Gesellschaft" bestraft und als„Sozialismus" gebrandmarkt. Und schließlich werden die Hohenpriester der„Religion und Ordnung" selbst mit Fußtritten von ihren Pythlastühlen verjagt, bei Nacht und Nebel aus Ihren Betten geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker geworfen oder Ins Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleichgemacht, ihr Hund wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zerrlasen im Namen der Religion, de« Eigentums, der Familie, der Ordnung. Ordnungsfanatische Bourgeois auf ihren Balltonen werden von besoffenen Soldatenhaufen zusammengeschossen, ihr Familienheiligtum wird entweiht, ihre Häuser werden zum Zeitvertreib bombardiert— im Namen des Eigentums, der Familie, der Religion und der Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft bildet schließlich die heilige Phalanx der Ordnung, und Held Crapülinsky (Bonaparte) zieht in die Tullerien ein als Retter der Gesellschaft." Karl Marz;„Der achtzehnte Bru- malre des Louis Bonaparte."(1852.) Die Präsidentenwahl von 1848. „Komm, Napoleon, und nimm Besitz von Deinem Bedientenvolk! Sie sagen. Du seist ein Trottel, ein Abenteurer, ein Verrückter, aber Du bist der Mann, den wir brauchen! Die Abtrünnigen aller Regierungen erwarten Dich! Komm und beende unsere Zwietracht, indem Du unsere Freiheit nimmst! Komm und vollende die Schmach des französischen Volkes! Komm, daa Weib Frankreich ist voll und bedarf eines Mannes!" Pierre Proudhon(Oktober 1848). Das französische Volk hatte an seine Spitze einen Mann gestellt, von dem es sehr wenig wußte und dieses Wenige war keineswegs besonders günstig. Aber er war der Erbe seines Oheims und der Erbe des Nationalruhmes, und Völker, schrieb ein Beobachter, haben Immer eine Abneigung gegen die Mathematik und eine VorUebe für die Phantasie gehabt. Die Menschheit folgt nur Ihren Träumen; sie wird der Geschichte Immer die Legende vorziehen." Hans Delbrück:„Weltgeschichte", Bd. 4. Die Grundlage der Diktatur. „Erst unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat völlig verselbständigt zu haben. Die Staatsmaschine hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an Ihrer Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember(der französischen S. A.) genügt, ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf den Schild gehoben von einer trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erkauft hat, nach der er stets von neuem mit der Wurst werfen muß. Daher die kleinlaute*] Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Atem stok- ken macht. Es fühlt sich wie entehrt. Karl Marx:„Der achtzehnte Brumalre." Das Plebiszit von 1851. „Die französischen Bauemverhältnlsse enthüllen uns das Rätsel der allgemeinen Wahlen vom 20. und 21. Dezember, die den zweiten Bonaparte auf den Berg Sinai führten, nicht um Gesetze zu erhalten, sondern um sie zu geben. Die Bourgeoisie hatte jetzt offenbar keine andere Wahl, als Bonaparte zu wählen. Als die Puritaner auf dem Konzil von Konstanz über das lasterhafte Leben der Päpste klagten und Uber die Notwendigkeit der Sittenreform jammerten, donnerte der Kardinal Pierre d'Ailly ihnen zu:„Nur noch der Teufel In eigener Person kann die katholische Kirche retten, und Ihr verlangt Engel." So rief die französische Bourgeoisie nach dem Staatsstrelch: Nur noch der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember kann die bürgerliche Gesellschaft retten! Nur noch der Diebstahl— das Eigentum, der Meineid— die Religion, das Bastardtum— die Familie, die Unordnung— die Ordnung!" Karl Marx:„Der achtzehnte Brumaire." dtieiiet, Bütgte und Soidaien Die Sonderrolle der deuisdien Reidhswehr Von Fred War. Ein feiner Riditer! Landgerichtspräsident Pg. Stricker. Dm Stettiner Naziorgan meldet die Ernennung des bisherigen Landgerichtsdirektors In Stralsund, Richard Stricker, zum Landgerichtspräsidenten in Stendal mit dem Hinzufügen;„Pg. Stricker bekannte sich Im Jahre 1931 zur NSDAP." Es mag schon stimmen, daß dieser würdige Richter sich schon Im Jahre 1931 ein Mitgliedsbuch der NSDAP heimlich und auf Spekulation gekauft hat. Oeffentlich hat er das jedoch noch 1932 und sogar In Gerichtsverhandlungen feierlich abgestritten. Und ein Mann von solcher Charaktergröße wird Im Dritten Reich nur Landgerichtsdirektor! Er müßte Justizminister sein! Das Rätselraten um die Stellung der deutschen Reichswehr Ist nach dem 2. August wieder lebhafter geworden, ein Beweis, daß Ihre Sonderrolle irgendwie empfunden wird. Hier soll nicht der 2. August als Elnzel- ereignls Gegenstand der Analyse sein, sondern es soll der Versuch unternommen werden. In ganz großen Zügen, und darum hier und dort etwas sehr vereinfacht, auf die Ent- wicklungs bedingungen und Entwick- lungsmöglichkelten einer modernen Armee Im System des Monopolkapitalismus hinzuweisen, weil nur aus diesen Verhältnissen heraus die Sonderrolle der deutschen Reichswehr verständlich wird. I. Die gegenwärtige Phase des Kapitalismus wird mit Recht als seine Niedergangsphase bezeichnet. Mehr und mehr verliert der Kapitalismus In diesem Stadium seine fortschrittlichen Selten. Hat er In seiner Jugend die Produktivkräfte rapid entwickelt und dadurch die Voraussetzungen menschlichen Aufstieges und gesellschaftlicher Freiheit schaffen helfen, so Ist er jetzt— freilich Immer wieder Im ganzen gesehen— zum Hemmnis der Entwicklung der Produktivkräfte geworden. Aber Produktivkräfte sind nicht nur materieller Natur, vielmehr ist die größte Produktivkraft die Arbeiterklasse selbst. Der gegenwärtige Kapitalismus schwächt auch diese, wie er mehr und mehr den Bestand der formiert bin, ist er heute Offizier), hat aus diesem soda tischen Erlebnis heraus über den Arbeiter nachgedacht, und sagt in seinem an Inhalt, Form und Ausdrucksweise gleicherweise bezeichnendem Buch„Der Arbeiter" u. a.: „Die Mobilmachung durch die allgemeine Wehrpflicht wird also durch die totale Arbeitsmobilmachung abgelöst. Als Nachfolgerin der allgemeinen Wehrpflicht deutet sich somit eine umfassende Arbeitsdienst- pflicht an, die sich nicht nur auf die waffenfähige Mannschaft, sondern auf die Gesamtbevölkerung und ihre Mittel erstreckt, und die zu verwirklichen wir die großen historischen Mächte am Werke sehen. Die Bedeutung dieser Art von Dienstpflicht entspricht der Bedeutung der verschiedenen Armee-Reorganisationen, durch die das 19. Jahrhundert eingeleitet wird. Ihre Verwirklichung kann nur in dem Maße gelingen, In dem Beziehung zur Gestalt des Arbeiters besteht, sie ist die Morgengabe des Arbeiters an den Staat."(S. 288.) Wie die Armee-Reorganisation des 19. Jahrhunderts nicht ohne die Befreiimg des Bauern, und damit nicht ohne tiefen Einschnitt in die damaligen Klassenverhältnisse möglich war, so ist die Armee-Reorganisation des 20. Jahrhunderts unmöglich, ohne ein neues Verhältnis zum Arbeiter zu gewinnen, also ohne tief in die privatgesamten Gesellschaft gefährdet. In diesem kapitalistischen Verhältnisse einzugreifen. Stadium, wo das Unternehmertum als Maß- Wie die notwendigen Mittel damals an den nahmen gegen den tendenzlösen Fall der Profitrate u. a. die Produktivkräfte hemmt und die Sozialpolitik abbaut, sieht es sich außerdem gezwungen, auch die dritte fortschrittliche Seite der bürgerlichen Gesellschaft allmählich preiszugeben: die staatsbürgerlichen Rechte der Massen. Ueber den Umfang der zu ergreifenden Maßnahmen und über die Form der Diktatur herrscht keine Einmütigkeit. H. Die kurz gekennzeichnete Entwicklung kann der moderne Soldat in dieser Welse nicht widerstandslos hinnehmen, so wenig er den alten Zustand konservieren will. Er muß sich zunächst mal dagegen wenden, daß die Produktivkräfte gehemmt werden, weil dies die Schwächung des potentiel de guerre ist, und„well jedes technische Mittel geheimen oder offenen kriegerischen Rang besitzt"( Emst Jünger). Er muß die Waffe des modernen Krieges scharf halten. Der moderne Arbeiter, der sie schafft und bedient, ist somit zum Krieger geworden, auch dann, wenn er nicht die Uniform des Soldaten trägt. Arbelt ist Waffe. Emst Jünger, ein geistreicher Vertreter des neuen Nationallsmus, der als junger Mensch In den Krieg zog, wo er sich den Pour le merite erwarb(wenn ich recht inGrundfesten der feudalen Gesellschaft, so rütteln sie heute an den Grundfesten der privatkapitalistischen Gesellschaft. m. War die Industrie für den Krieg in der Vergangenheit schon so wichtig, daß feudale Staaten sich gezwungen sahen, aus politischen und militärischen Gründen modernere Pro- duktlonsformen einzuführen, war die kriegerische Notwendigkeit schon früher eine bedeutende Antriebskraft der industriellen Entwicklung, so ist die Leistungsfähigkeit der Industrie heute durch nichts mehr zu ersetzen. Das erste Gebot des Feldherra ist also; För- derung der Technik, und zwar unter dem Gesichtspunkt der Kriegsführung. Der Monopolkapitalismus ist seinem Wesen nach aber zum Hemmnis der Technik geworden. Er kauft z. B. Patente auf, um seinen Produktionsapparat nicht entwerten zu lassen. So bereichem die Patente, welche nicht zur Anwendung kommen, Erfinder und Unternehmer, unter Umständen mehr als jene, die Verwendung finden. Die Technokraten haben uns eine Fülle von solchen Beispielen genannt. Der Feldherr aber hat die technischen Mittel nötig. In den Dokumenten der OHL(Obersten Heeres-Leltung) wird' direkt ausgesprochen, daß Maßnahmen gegen das Zurückhalten mit Erfindungen unternommen werden müssen. weil dies eine Gefahr für die Kriegsführung Ist. Jünger wirft der Bourgeoisie sogar fortgesetzt Landesverrat vor und sagt an einer Stelle: „Es leuchtet denn auch ohne weiteres ein, daß es Mächte gibt, die auf einen internationalen Charakter weit eher Anspruch erheben können als Jene Massen, auf die der Sozialismus angewiesen Ist, so die Dynastien, der hohe Adel, der Klerus oder auch das Kapital."(S. 245.) Man denke an die internationalen Geschäfte der Rüstungsindustrie, an den Pa- tentaus tausch, an die hohen Gewinne der Unternehmer usw., bedenke femer die rapid angewachsenen Kriegskosten, dann wird verständlich, daß die Armee überall Sonderinteressen zu wahren hat. Ja, strategische Rücksichten erfordern heute ganze Industrieverschiebungen, Neugründungen, gegen die sich die Unternehmer wenden. Hierher gehören die Pläne auf Industrieallslerung des deutschen Ostens, die von den Industriellen als„unverantwortlich" zurückgewiesen werden. Bemerkenswert Ist an dieser Stelle auch, daß ein General gestürzt wurde, well er u. a. den Versuch unternahm, die Restbestände de« ostelblschen Feudalismus anzutasten. Auch in Bezug auf die Sozialpolitik greift der moderne Heeres reformer den Faden auf, den dl« alten Klassen nicht mehr oder nur noch teü- welse weiterspinnen können. Wie die ersten sozialpolitischen Maßnahmen in der Zelt de« Frühkapltallsmus auf Vorstellungen des Generalstabe« hin erfolgten, weü das Rekrutenmaterial untauglich war, so werden auch spätere sozialpolitische Maßnahmen vom Generalstab verteidigt. Diesmal aber nicht nur aus Gründen der körperlichen Leistungsfähigkeit Auch sozialpsychologische und politisch« Gründe sind mitbestimmend In unserer Gegenwart, wo die Arbeiterklasse zu einem g«* wissen Selbstbewußtsein gekommen ist. Ver moderne Arbeiter Ist nicht mehr mit dem frederlzlanlschen Rohrstock bei der Stange zu halten. Man kann Ihn allenfalls zwingen, 1® den Betrieb zu gehen, man kann Ihn auch noch zwingen, zu arbeiten, aber man kann ihn nicht zwingen, produktiv zu arbeiten. Ueber das Problem der Arbeltsfreude haben welter Kreise nicht ohne Ursache nachgedacht. Der Schrei nach Ihr ist ein Ausdruck wachsender Bedürfnisse der Arbeiter. Und schließlich ist— wieder mit einem Wort von Jünger—„Kriegsfront und Arbeltsfront identisch geworden"— darum liegt die Hoff- nung des modernen Soldaten„In dem neuen Verhältnis zum Elementaren, das dem Arbeiter gegeben ist." IV. Das Bürgertum Ist In der absteigenden Phase nicht mehr dasselbe wie einst In seiner Jugendzelt. Heroismus und Tapferkeit hat Rund um Strauß Die Futterkrippe des braunen Kunstbetriebes. Aus Dresden wird uns geschrieben; Daß Riebard Strauß die Uraufführung seiner neuen Oper zurückzog, weil sein Textdichter Stefan Zweig ein Jude ist, hat sogar in Deutschland beträchtliches Aufsehen erregt. Das Elend der Kunst Im Hitler- reich wurde wieder einmal schlagartig bloßgelegt. Wie wird sich Strauß nun mit seiner Schwiegertochter abfinden? Sie Ist Jüdin— und Schwiegervater Strauß Ist Vorsitzender der Reichsmusikkammer. Vor nicht allzulanger Zeit statteten Ihm anschließend an eine Straußfeier Im Dresdner Opernhaus die großen Pg's Mutschmann, Ministerpräsident Klllingar(von dem mau heute nicht genau weiß, wo er steckt) und der Oberbürgermeister Zömer vor versammeltem Auditorium den Dank der Stadt ab. Im Foyer der Oper wurde eine Büste von Ihm aufgestellt. Und nun muß der nationalsozialistische »Freiheitskampf« die politisch-rassische Un- zuverlässigkeit des pp. Strauß feststellen, dem»jener feine Zug abgeht, der den nationalsozialistischen Menschen auszeichnet...« Sehr bitter für alle beteiligten. Schlamperei überall. Also muß ein Opfer her, das ist Indentant Gehelmrat Adolph, ein »Märzveilchen« und alter Bürokrat, der mit der Kunst kokettierte. Aber Immerhin, selbst er war dem Obertheaterwart Göbbels noch zu selbständig, drum muß er gehen— zumal er eine jüdische Frau hat. Richard Strauß ist der Gerbart Hauptmann der Musik geworden. In jüngeren Jahren vertonte er Gedichte von Mackay, dem Anarchisten, schuf die Musik zu Dehmels »Arbeltsmann« und zu Karl Henkells klassenkämpferischem Steinklopferlled. Noch vor reichlich zehn Jahren richtete er den »Arbeltsmann« zu einer revolutionären Feier für großes Orchester ein. Es lohnt nicht, eich bei diesem Jugendverrat aufzuhalten. Das alles ist für gewisse bürgerliche Künstler symptomatisch. Die Gerhart Hauptmann, Strauß etc. sind an ein recht bour- geolscs Dasein gewöhnt, sind außerdem alt geworden und fühlen Jüngere im Rücken, die mit neuen Tönen und revolutionärem Wollen kamen. Da konnten sie nicht mehr mit und neigten schon deshalb zur Konservierung Ihrer altgewordenen Muse. Die bakcnkreuzlerische Bilderstürmerei gegen die»Asphaltkunst«— das war für diese Altgewordenen der Kampf gegen das Neue. Schon darum wurde Ihnen der politische Umfall leicht. Verwundbar sind sie nur an Ihren Tantiemen. Denn alle diese Kunstspitzen wissen auch Im Dritten Reiche recht gut Geld zu machen. Um bei der Musik zu bleiben: als die Nazis noch nicht an der Macht, sondern noch in der schönen Aera der großen Verspre- chungen waren, da konnten sie gegen die musikalischen Großverdiener nicht genug wettern. Was haben sie gegen Fritz Busch, den Dirigenten der Dresdner Oper getobt, weil er außer seiner hohen Gage noch die gewaltigen Honorare zahlreicher Gastspiele einsteckte!»Solche Zustände müssen aufhören,« zürnte die Nazipresse,»andere Künstler leiden Not und diese Festbesoldeten nehmen den Hungernden mit Gastspielen das Brot weg!« Und jetzt? Nichts hat sich geändert, da und dort einiges höchstens Insofern, als die Doppel- und Dreifachverdiener beute geeichte Nazis sind. Als Beispiel für viele diene Herr Fritz Schneider, ehemals Musikmeister an der Dresdner Oper, heute Fachamtsleiter der Dresdner Musikerschaft und Obemazl Anstatt sich auf sein Amt zurückzuziehen, benützt er es, um für sein Quartett gute Engagements herauszuschinden: er geht damit auch gern in die geschmähten Ausländer— bis zum Erbfeind. Den Leipziger Rundfunk belegt er mit seiner Truppe unter getarnten Namen:»Solistenensemble«,»Kleines Funkorchester« etc. Indessen hungert ein TeU der von diesem braunen Korruptionisten gegängelten Musikerschaft. Und so ist es In Leipzig, Berlin, Hamburg und anderen Städten. Wie sagte Hitler vor der Machtübernahme?»Wenn die Künstler wüßten, was Ich für ein warme« Herz für sie habe, würden sie alle mir Ihre Stimme geben...« Jetzt geht die Kunst betteln wie noch nie, aber die Nullen und Dilettanten sitzen wie Maden im Speck. Um wiederum nur bei der Musik zu bleiben, sehe man sich einige Spitzenbesetzungen an. Die Indentantenposten von München und Dresden sind momentan verwaist; Göbbels duldet nur Kreaturen, die seine Spielpläne und seiner Freunde Misl unbesehen schlukken. In Kassel wurde ein abgc.taktelter Operettentenor und natürlich SA-Offizier zum Indentanten gemacht. Als sich herausstellte, daß er sich das E. K. I. unrechtmäßig an die Heldenbrust gelogen hatte, wurde er nicht etwa geschaßt, sondern Regisseur an der Oper In Frankfurt a. M. W Stuttgart durfte ein unbegabter Herr Kart Kraus Generalinden tant werden. An der Berliner Stadtoper war dieser Regisseur vor Ausbruch des Dritten Reiches wegen Unfähigkeit gekündigt worden. Jetzt sit«1 er ganz oben. Selbstverständlich langjähriger SA-Mann! Und bekannt Ist, daß In Wiesbaden der Vater Baidur v. Schlrach' — ein alter pensionierter Rentengreis— zum Theaterherrn gemacht wurde. Menschen von Bedeutung können sich 10 diesem Mamelukensumpfe nicht halten. Einer der großen Bühnenf Uhrer nach dem andere® verschwindet. Im Juli legte Erich Zleg®! die Leitung der Hamburger Kammerspl®1* nieder. Einer der letzten, die starke, uns®' hängige Kunst wollten. Selbst die gleichgeschaltete Presse muß In den AbschlcdsW01' digungen gestehen, daß»Ziegels Haltung von geistiger Eigenart« war und daß er>re' volutionären Kammerspielgeist« pflegte.®r ging, well Individuelle Größe und damit d#* Schöpferische Im Kunstleben des Dritt®15 Reiches unmöglich geworden ist. Der herzensgute Göring und sein neuer Eckermann: Bengt BerH- Reichsjägermeister Hermann Göring h® sich wieder einmal für den„Völkischen B®' obachter" photographieren lassen. Diesmal h® Sepplanzug— Lederbose, Hemdsärmel, fe' stickte Hosenträger, den Speer in nervig®' Mannesfaust. Daneben ist ein Gast zu seh®®' ein Gast in Zivil, den Kopf mit gelichtet«® Haaren leicht gesenkt, als schäme er sie®' Dieser Gast ist— Bengt Berg, der seb*® dische Vogelfreund und Nntu�schllde�,•r• vwtoren, in Deutsehland aber hat aa i Tugenden gar nicht erst beeeaocn. Jünger weiß und spricht es aus,„daß man weder ran Omen, noch von Jenem chauvlnlotlsehen und hatlonal-lJberaUstlschen Kleinbürgertum, wie M nach dem Kriege auch la Deutschland tn Erscheinung getreten Ist, etwas su erhoffen hat". Wer bleibt da noch übrig außer dem Arbeiter? Er Ist die etnelge Kraft, die fähig Ist, der Welt ein neues Antlitz zu geben. Er ist auch die einzigste Kraft, die die Ideale des neuen Nationalismus und der modernen Heeresreformer verwirklichen könnte. So sucht der neue Natlonalslmus den Arbeiter, Schleicher, Jünger, Strasser und Scheringer sind Repräsentanten dieser Strömung, so' verschieden Immer sie sein mögen. In welchem Lager Immer sie standen oder stehen. Sie sind Soldaten, die den Arbeiter suchen, well der Bürger seine Zelt verwirkt hat. Alles, was der Bürger nie besaß oder wieder verloren hat, findet der moderne Soldat und General Im Arbeiter. Der Bürger Ist durch seinen Besitz tröge und konservativ geworden, den Kleinbürger hat die Hysterie erfaßt, es bleibt nur der Arbeiter als das Mittel zur Verwirklichung der Bedürfnisse Wünsche und Vorstellungen des Soldaten. Sie ■uchen den Arbeiter vom liberalen Bürgertum zu lösen, um ihn zu Ihrer Gefolgschaft zu machen. Als selbständige polltische Kraft ist ihnen der Arbeiter ebenso eine Gefahr wie dem Bürgertum, deshalb versuchte Schleicher z. B. die Gewerkschaften von der Partei zu lösen. Man suche den Arbeiter, aber als Hl 1 1 e 1. Hieraus ergibt sich schon, daß die Verteidiger der bürgerlichen Demokratie nicht in diesen Kreisen zu finden sind, wohl aber entstehen hier Gegnerschaften gegen eine so sterile Parteidiktatur, wie sie der Natlonal- sozlal Ismus gegen die Arbeiterschaft ausübt. Biese Diktatur Ist Beweis dafür, daß den Arbeitern dieses System fremd Ist. Es Ist also auch ungeeignet zu„totalen Mobll- hiachung". V. Also sozialistische Reichswehr? Manche meinen, das müßte die Folgerung sein. Warum denn? Haben sie etwa keine andere Auffassung vom Sozialismus? Jedenfalls sind folgende Tatsachen merkwürdig; 1. Lenin sprach über die krieg sw 1 rtschaf t- llchen Maßnahmen Deutschlands Im April i-Öl?„von den Schritten zum Sozialismus, die Junker und Bougeoisie In Deutschland unternehmen". 2. Lelpart schrieb Ende 1932 In einem öffentlichen Brief an die deutsche Arbelter- schaft:„Unsere Ideen haben sich In der Oef- fentlichkelt mehr und mehr durchgesetzt. Heut« versucht die Regierung von Schleicher einen Teil unserer Forderungen zu erfüllen". Ernst Jünger schreibt. 3.„Es gibt Länder, In denen man wegen Werksabotage erschossen werden kann wie ein Soldat, der seinen Posten verläßt, und in üenen man seit 15 Jahren die Lebensmittel zationiert, wie In einer belagerten Stadt— ünd dies sind Länder, In denen der Sozlalls- mus bereits am eindeutigsten verwirklicht forden Ist". SA vusUhl dk M kickt kteht! Zu einem Aadiener Geridiis urteil Es waren«dnmal— aber dies Ist kein Märchen— In Aachen ein Scharführer und sechs simple Mitglieder der SA. Das bedeutet: sieben Junge Burschen, die braune Hemden trugen, frisch-fromm-fröhlich brüllten;„Wenn das Judenblut vom Messer spritzt" und bereit waren auf einen Wink von oben Jedermann abzuschlachten. Individuell unterscheidende Merkmale; keine. Denn auch, daß einer der Sieben sich zur Ehren des „Feiertags der Arbeit" am 1. Mal stemhagel- voll soff und von einem Gastwirt wegen rohen Randalierens vor die Tür gesetzt wurde, Ist nichts Besonderes. Selbst daß er binnen kurzem mit den sechs Anderen wieder erschien, und daß nunmehr der Wirt, der die GottähnUchkelt der SA angetastet hatte, viehisch mißhandelt, daß sein ihm zu Hilfe eilender Kellner mit einem Stuhl für tot zu Boden gestreckt und daß seine jammernde alte Mutter— Halt's Maul, du Hure!— mit Fausthieben Ins Gesicht traktiert wurde, auch das, lieber Himmel, ist Im„Dritten Reich" etwas Alltägliches. Solche wilde Roheitsszenen gehören zur„Erneuerung' Deutschlands. Immerhin leitet man manchmal der Form wegen ein Verfahren ein. So auch hier, und es kam zur Verhandlung. Als der Scharführer recht zackig in den Saal geschmettert hatte:„Hab'n aus Kam'radschaftsgclst gehandelt", erwartete er wie alle Welt mit Recht, daß die Richter die Hand zum Hitlergruß heben und rufen würden: Freigesprochen! Aber da seit dem 30. Juni die Aktien der SA unter Pari stehen, kam es anders herum. Freigesprochen wurden nur drei der Braunhemden, denen nichts nachzuweisen war, drei anderen wurden ein bis drei Monate Gefängnis aufgebrummt, uno der Scharführer soll sogar fünf lange Monate ins Loch. Jeder der sieben blickte bei dem Spruch drein wie der Kater, wenn's donnert, der Scharführer am meisten. Und wird das Verfahren nicht doch noch durch schleunige Begnadigung— siehe Amnestie!— zu einer Posse entwertet, haben I er und seine drei Getreuen In einsamer Zeile Zeit und Grund, Uber der Welt seltsamen Lauf sehr, sehr nachdenkliche Betrachtungen anzustellen. Denn nach SA.-Begriffen haben die Verurteilten tadellos korrekt gehandelt: sie haben ein>krummes Zivilistenschwein«, das durch sein Verhalten gegen einen SA.-Mann marxistischer Gesinnung hinreichend verdächtig war, ein wenig zu- schanden geschlagen. Das war ihr Recht und Ihre Pflicht. Denn so haben ihre Kameraden landauf, landab seit Adolfs Machtantritt aus geringerem Anlaß und auf windigere Ver- dachtsgründe hin Tausende von Juden, Marxisten und Pazifisten geprügelt, gefoltert, todgeschlagen und ge�selbstraordet«, ohne daß ihnen ein Gericht auch nur ein Härchen gekrümmt hätte. Hunderte von gemeinen Morden an Sozialdemokraten und Kommunisten, Gewerkschaftlern und Reichsbannerleuten blieben ungesühnt und störten den Schlaf keines Staatsanwaltes. Die Halbgötter an der Spitze taten Ja nichts anderes, als durch Aufstachelung zu immer neuen Gewalt- und Schandtaten die SA bei guter Laune zu erhalten. Der»eiserne Hermann«, der Morphino-Sadist G ö r 1 n g, gab die unzweideutige Losung aus:»Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch juristische Bedenken oder Bürokratie, ich habe keine Gerechtigkeit zu üben, sondern nur zu vernichten und auszurotten«, und unangekränkelt durch»Juristische Bedenken« politische Gegner oder nur MißUebige zu vernichten und auszurotten, war der gern und eifrig geübte Sport der SA. Und der Osaf selber? Ja, da ist, unvergessen und unvergeßlich, der Fall Potempa, den man Immer wieder der zivilisierten Welt In die Erinnerung rufen muß, weil er ein schauriges Slnn- bUd des ganzen»Dritten Reiches« ist. In dem oberschles Ischen Dorf Potempa drangen In einer Augustnacht 1932 fünf wohl bewaffnete Nazis In die Wohnung des Landarbeiters Pietrzucb ein, den sie fälscblich für einen Kommunisten hielten, und schlugen ihn nicht etwa kurzer Hand tot, nein, folterten Belm Durchdenken dieser Zusammenhänge wird man merkwürdige Entdeckungen machen.--- VI. Die ständigen Kämpfe für und wider die Reichswehr sind ein Beweis für ihre Sonderstellung. Und da sie die Tendenz zur Aus- schließlicbkeit haben muß, um nicht zugrundezugehen, um leben und nach ihren Gesetzen wirken zu können, kann der totale Staat auf die Dauer das Eigendasein der Reichswehr nicht dulden, ohne der ständigen Gefahr ausgesetzt zu sein, von dieser Kraft angezogen und schließlich verschlungen zu werden. Die Niederlage der Reichswehr würde erneut die Tatsache beweisen, daß sich eine fortschrittliche Wehrverfassung In einer rückschrittlichen Oesellschaft nicht behaupten kann. Und warum diese Sonderrolle? Nun, weil die Geschichte der Arbeiterklasse die Hauptrolle zugeschrieben hat. Aber wenn uns die anderen so dringend brauchen, warum sollen wir dann Ihre Ziele verfolgen? Sie haben uns unsere Unentbehrllch- kelt so zum Bewußtsein gebracht, daß wir fest davon überzeugt sind, sie entbehren zu können! Ihn vor den Augen seiner Mutter und seiner Frau langsam zu Tode. Aus den unparteiischen Feststellungen des Gerichtes gegen die Mörder erkennt man schaudernd, bis zu welcher Tiefe der Bestialität Unmenschen herabsinken können; der Tod des Unglücklichen ergab sich schließlich daraus, daß einer der Fünf dem wehrlos und ohnmächtig daliegenden Opfer mit dem Stiefelabsatz den Kehlkopf zertrat. Diesen nicht etwa helläugigen und blondgelockten Jünglingen, die ihr»Idealismus« zu weit getrieben hatte, sondern diesen erprobten Schwerverbrechern, die für eine Flasche Schnaps und ein paar Mark für Jede Gemeinheit zu haben waren, sandte, als das Ausnahmegericht sie rechtens zum Tode verurteilt hatte, Adolf Hitler, heute Staatsoberhaupt, folgendes Telegramm: Meine Kameraden! Angesichts dieses ungeheuerlichen Bluturteils fühle ich mich mit Euch In unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit Ist von diesem Augenblicke an eine Frage unserer Ehre. Und da die feinen»Kameraden« des Osaf zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurden, brauchten sie nur den Anbruch des »Dritten Reiches« zu erwarten, um auf freien Fuß gesetzt und In Berlin mit all den Ehren empfangen zu werden, die solchen Ehrenmännern gebühren. Müssen diese Mordkerie nicht Jedem SA- Mann als leuchtendes Vorbild der Pflichterfüllung erscheinen? Da sich ihnen der »Führer« In»unbegrenzter Treue« verbunden fühlte? Und sie freiließ, lobte und ehrte? Und haben nicht die Sieben vbn Aachen sich lediglich In gleicher Richtung ausgelebt? Ganz gewiß, nur daß Ihre Tat Im Vergleich zu dem Verbrechen von Potempa fast freundliche Züge gewinnt. Aber statt, daß sie ein enthusiastisches Telegramm Hitlers erhalten, fliegen sie wie ganz gewöhnliche Sterbliche hastdumichgesehn ins Kittchen. Sie schütteln seitdem den Kopf: SA ver- steht die Welt nicht mehr. Und wenn SA die Welt nicht mehr versteht, so wie sie«"e eben begriff, primitiv und brutal, zerbricht sie auf die Dauer sich nicht selber den Kopf, sondern anderen. Hitler, Göring, Göbbels, Achtung, Kopf weg! M. K. Horst-Wessel-Lied abgelehnt. Bei der Einweihung des Buchheide- Aussichtsturms bei Stettin kam es zu einem Zwischenfall, da das Horst- Wessel-Ued nicht auf dem Programm vorgesehen war, sondern nur das Deutschlandlied. Die Musik erklärte, keine Noten dafür zu haben. Als anwesende Nazis das Lied trotzdem anstimmten, entfernten sich die Mitglieder des Heidevereins. ®en8't Berg, der angeblich nur mit der Ka- »hera jagt. Er hat dem„Völkischen Beobachter" ein �ndew Uber seinen Besuch bei Göring gewährt, in dem es heißt; Wer Hermann Göring sieht, wenn er B®inen Jungen Löwen in die Arme pünmt und hätschelt der weiß sofort, daß Wnter dem stahlharten, hellen Blick dieses blonden Teutonen heiße Liebe zur Natur '"'d Herzensgute zu den Tieren 2u finden ist." ®ebgt Berg, der schwedische Zeitungen 2u Jesen pflegt, weiß natürlich genau so gut wir, daß Hermann Göring ein sadistischer Morphinist ist, weiß gesau so gut wie wir, üaß jn Q�jtngs Namen und unter Görings po- �'•ichem Oberbefehl abertausend wehrlose, "�üldlose Menschen in Konzentrationslagern ühd SA-Kasernen auf teuflische Art mlßhan- gedemütigt, gepeinigt, gemartert, daß )'°1« erschlagen, erschossen, zertrampelt, zu 0�e gefoltert worden el"d. Aber Bengt Berg � dem zarten Herzen geht dennoch hin üid macht seine Reverenz. �Vlr wundern uns nicht darüber, wir be- Strifen, warum sich diese beiden seltsamen Tierfreunde zueinander hingezogen fühlen. en8t Berg, einer der verlogensten Schrlft- "ieiier unserer Zelt. Worin besetht die An- �ehungskraft seiner viel gekauften Bücher? der Vorspiegelung, daß der Autor außer- f�üde sei, ein Teir zu toten. Diese vermelnt- che Zartheit und Güte haben dem Autor «»Abu Marküb« des»Regenpfeifers«, der *Hutteriosen« viel blankes, gutes Geld elnge- tächt. Und da ein reicher Mann sich Pas- nnen leisten kann, Ist Bengt Berg in sel- 601 Privatleben— leidenschaftlicher, wenn auch helmlicher Jäger Aber nicht mit der Kamera, sondern mit dem Schießprügel. In den gewinnbringenden Büchern verschwelgt er diese Tatsache sorgfältig und wohlbedacht. Göring und Bengt Berg, der»herzensgute« Menschemichlächter und der heimliche Jäger, der keinem Vögelehen eine Feder krümmen kann, passen zusammen. Hitler und die heilige T Die dentsclie Literatur macht Fortschritte. Anna Ut, ein deutsches Germanenmädchen, hat ein Büchlein verfaßt, In dem sie die Frage erörtert, ob die Mission Hitlers göttlichen Ursprungs ist. Darin stellt sie zunächst fest, daß Christus zweifellos ein Arier war, denn zu seiner Zeit sei Im heiligen Lande Galilea eine gallische Militärkompagnie einquartiert gewesen; die sogenannten»Gallier« Jener Zeit seien aber als Germanen zu betrachten. Das beweist natürlich noch nichts für oder gegen Adolf Hitler. Aber auch für dessen»göttliche Mission« hat Anna unwiderlegliche Beweise gefunden. Die Zahl 7, so sagt sie, spiele überall In der Welt eine Rolle als hellige Zahl. Und die Zahl 7 sei auch für Hitler und die NSDAP von Bedeutung. Hier die Orakelsprüche der neudeutschen Pythia: t. Die Bewegung wurde von sieben Männern geschaffen. 2. Der Zeitraum zwischen ihrer Gründung und der Machtergreifung beträgt 14 Jahre, geteilt durch 2= 7. 3. Das Hltlerkablnett: 21, geteilt durch 3= 7. 4. Machtergreifung 1933— das ist 1+9+3+3= 1+6= 7. 5. Hitler war zur Zelt seiner Machtergreifung 43— das ist 4+3= 7. Nach alledem kann, so findet Anna Ute, gar kein Zweifel mehr an Hitlers göttlicher Mission bestehen. Ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode, sogar Rechenmethode, das wird niemand leugnen können. Aber wir möchten der Anna für«He zweite Auflage einige Tips geben, sie vergaß verschiedenes. Z. B. gibt es bei Jüdischen Hochzeiten 7 Segenasp ril che. Die Juden halten nach dem Tode der Märtyrer 7 Trauerwochen ein. Belm Morgengebet legen sie Gebetsriemen um den Arm. die 7mal umschlungen werden•— zweifellos Beweise für die göttliche Sendung der Juden. Jedoch auch im Nationalsozialismus selbst — wir geben das andstandslos zu— finden sich weitere Zusammennänge mit der heiligen Zahl. Zum Beispiel: 7 Wochen nach Hitlers Machtergreifung war Deutschlands Ansehen in der Welt in Grund und Boden gestampft; 7 Monate nach dem Hereinbruch des Dritten Reiches war die deutsche Wirtschaft vollkommen auf den Hund gebracht: überall In deutschen Amta- stellen, wo früher ein Auto genügte, laufen Jetzt 7; Göring hat sicherem Vernehmen nach 63 Uniformen= 9X7: das deutsche Defizit beträgt 8 Milliarden Reichsmark. 8— 1— 7, die deutsche Golddeckung macht noch 3 Prozent aus, 3+4 Milliarden faule Wechsel= 7; nach Hitlers eigenen Eingeständnissen sind 77 größere und kleinere SA-Führer um den 30. Juni herum erschossen worden. 7+7= 14 = 2X7. Ueberhaupt der 30. Juni! 30.6.34= 3+0+6+3+4= 16, 1+6= 7! An der göttlichen Mission ist nicht zu zweifeln. Aufgenordete Sprache Auf der FYankfurter Erzieher-Tagung hat Minister Schemm eine Rede gehalten, In der er laut Bericht des Berliner Tageblattes unter anderem sagte: »Das Charakteristikum dieser Erziehungsmacht besteht darin, daß der Natio- nalsoziallsraus vom ersten Tage an neben seiner Verkündung und neben der Tatsache der Predigt der nationalsozialistischen Idee das Leben und die Realität des Nationalsozialismus, der Heimatllebe, der Saalschlacht und Im Sterben gestellt hat.« Hoffentlich nehmen die Erzieher diesen vorbildlichen Satz mit in ihre schulische Arbeit hinüber. Es wird ebenso zur Klärung der nationalsozialistischen Ideologie beitragen, wie es das deutsche Sprachbild erfreulich bereichert. Zirkus Das Stettiner nationalsozialistische Amtsblatt berichtet: Der bunte Zauber der Zirkuswelt zog gestern vormittags durch unsere Straßen: Zirkus Straßburger machte seinen Paradeumzug. An der Spitze marschierte eine SA-Kapelle.... Exotische Tiere schlössen sich an, Kamele, Zebus, Zebras, Lamas und andre im Straßenbild der Stadt ungewöhnliche Tiere. Dann folgte eine bunte Völkerschau hoch zu Roß. Indianer und Cowboys eröffneten sie. Der gewichtige Abschluß waren fünf der großen Elefanten, die mit bewundernswerter Ruhe dahlnschritten. In der Tat bewunderswert' Die Elefanten haben sich bestimmt nur mit Mühe dos Lachen verbeißen können. El itlcrlugencl- Ausbeutung Erste Lehrlingsordnung— ISO.OOO»Anlernlinge« Im ücmslialt Eine Hausgehilfin für 3 Hk 40 im Monat! Der Hitlerjugend Ist ein neues Heil widerfahren. Den kürzlich vorsammelten Jugend- leltem sämtlicher Reichsbetriebsgemeinschaften der Deutschen Arbe'tsfront ist In»bedeutungsvollen AusfUhrungen< des Leiters des Sozialen Amtes der Reichs- Jugend-Führung verkündet worden, daß die Jugendleiter der DAF künftig gleichzeitig Referenten bei den Sozialämtern der Hitler- Jugend sein werden. Die Herren Reichsjugendleiter wurden darauf feierlich in den Stab der RJF eingegliedert. Nachdem im Anschluß an den 30. Juni der DAF jede sozialpolitische Betätigung genommen worden ist, wird nun die»Sozialarbeit der Hitler-Jugend« in die Apparatur der Arbeitsfront eingefügt. Von der bisher gestellten Freizeitforderung der Hitler-Jugend war in den Verlautbarungen des neu gestalteten Stabs der RJF nichts mehr zu vernehmen, wohl aber sollen Land- hllfe, Landdienst und Landjahr die»soziale Lage der Jungarbeiter gestalten.« Inzwischen Ist die»erste nationalsozialistische Lehrlingsordnung im deutschen Handwerk« verkündet worden, die vom«Deutschen Fleischer verband« und der »Reichsbetriebsgemeinschaft Nahrung und Genuß« abgeschlossen worden ist. In der Bekanntgabe dieser für das Dritte Reich geltenden M u s t e rordnung wird der Vorsitzende der Fleischermelster als»Menschenführer im wahrsten Sinne des Wortes« gefeiert. Um die bisherige Lehrlingszüchterel zu »beseitigen«,»darf in der Regel in einem Betriebe nur ein Lehrling und ein Lehrmädchen gehalten werden.« Zunächst kann also ein gehilfenreiner Lehrlingsbetrieb geführt werden. Will der Meister einen zweiten Lehrling und ein zweites Lehrmädchen beschäftigen, dann verlangt der gestrenge Hitlerstaat, daß noch e 1 n Geselle und eine Verkäuferin beschäftiget werden. Handwerksbetrieb im nationalsozialistischen Geiste ist also folgende Belegschaft: 1 Geselle, 1 Verkäuferin, 2 Lehrlinge 2 Lehrmädchen. Die Regelmäßigkeit der Beschäftigung de« Gesellen und der Verkäuferin wird nach der famosen Lehrlingsordnung nicht unterbrochen,»wenn innerhalb von zwei Jahren die Beschäftigung.des Gesellen und der Verkäuferin bis zur Dauer von drei Monaten wegfällt.« Nachdem so die Lehrlingszüchterel gesetzlich sanktioniert tat, werden die Voraussetzungen bestimmt, unter denen ein Meister Lehrlinge beschäftigen darf. Er muß die Gewähr für eine Erziehung im»nationalsozialistischen Geiste« bieten, andere bestimmte moralische Voraussetzungen werden nicht verlangt. Im übrigen entscheidet die Innung über die Vertrauenswürdigkeit des Lehrherrn. Die Dauer der Lehrzeit wird für den Lehrjungen auf drei, für Lehrmädchen auf zwei Jahre festgesetzt. Als Gegenleistung für diese mehrjährige Arbeitsleistung wird vorgesehen. Freie Kost und Wohnung, oder Unterhaltsbeihilfe, außerdem Taschengeld. Obwohl nachweislich Im Fiedschergewerbe vielfach unerträgliche Wohnverhältnisse für das Personal bestehen, enthält der Mustervertrag kein Wort über die Beschaffenheit der Wohnräume, das bleibt dem Betriebsführer, d. h. dem Meister überlassen. Auch für die Unterhaltsbeihilfe und das Taschengeld sind im Mustervertrag noch nicht einmal Mindestsätze enthalten. Als die größte Errungenschaft wird der Urlaub gepriesen, er beträgt für den Lehrjungen im 3. I�ehrjahre ganze 6 Arbeitstage. Innung, Berufsschule und Hitler-Jugend teilen sich in die Berufsausbildung. In den Prüfungsbestimmungen ist vorgesehen, daß im Falle des Nichtbestehens die Lehrzeit bis zu vier Jahren verlängert werden darf. Liegt die Ursache des Nichtbestehens der Prüfung überwiegend(?) beim Lehrling, so fällt für die Zeit der Ergänzungslehre der Anspruch auf Unterhaltsbeihilfe gänzlich weg. Dieser Ausbeutungs-Mustervertrag wird gekrönt durch die Arbeitszeitregelung, die eine normale Arbeltszeit von 48 Stunden wöchentlich vorsieht, in die nicht einbezogen sind das Fahren über Land, Besuch der Kundschaft und kleinere Leistungen außerhalb der regelmäßigen Arbeitszeit für den Meister. Mit all den zulässigen Ueberschreitungen der 48-Stundenwoche soll die tägliche Arbeitszelt bei Lehrlingen unter 16 Jahren 9 Stunden, bei Lehrlingen über 16 Jahren 10 Stunden nicht überschreiten. Die Arbeltsfront rühmt diese erste Lehrlingsordnung als Beispiel dafür,»was Gemeinschaftsgeist zu leisten vermag, wenn beiderseitig der WUle zur Tat vorhnaden ist.« »Das Handwerk ist im nationalsozialistischen Staat zu neuem Leben erwacht.« Die Lehrlingsausbeutung ist aber nicht nur im Handwerk zu neuem Leben erwacht; sie hat eine nationalsozialistische Ausweitung für die privaten Haushalte erfahren. Die Arbeitsämter haben den besonderen Auftrag erhalten von den schulentlassenen 14- bis 16jährigen Mädels rund 150.000 als»Hausbaltsein- jährige« unterzubringen. Ein Schwärm von ehrenamtlich tätigen Damen der Gesellschaft haben sich der opfervollen Arbeit unterzogen, zu prüfen, welche Hausfrauen geneigt sind»Anlernlinge» zu übernehmen, die dann ebenfalls ehrenamtlich, d. h. ohne Lohn die Hausarbeit verrichten und so die gesamte ohnehin gedrückte tage der Hausangestellten weiter verschlechtern helfen. Eine der PrUferinnen beantwortete die Frage nach den»Unkosten« wie folgt. »Sie müssen für die Haushaltseinjährige den Betrag der Krankenversicherung bezahlen, das macht drei Mark vierzig Pfennig. Eine weitergehende Verpflichtung besteht nicht. Nun haben aber die meisten Hausfrauen sich dazu bereit erklärt, für die von ihnen angenommenen Mädchen an den vier Tagen im Monat, an denen sie je einen Vormittag zum Besuch der Schule fort müssen, das Fahrgeld zu bezahlen und ihnen außerdem ein kleines Taschengeld monatlich zu geben, das sich z. B. auf vier Mark beläuft, das heßt auf eine Mark pro Woche. Demnach betragen also je nachdem, ob Sie auch Taschengeld zahlen wollen, die monatlichen Gesaratkosten für einen Haushaitsanlemling zwischen 3,40 Mark bis zehn Mark.« Diese schamlose Ausnutzung jugendlicher Arbeitskräfte im Handwerk, in der Hauswirtschaft und wie die angekündigte Erhebung erweisen wird, in der Industrie, nennt die Reichsjugendfühcung der Nazis:»Soziale Gestaltung der J-age der Jungarbeiter.« AgrappolStisdie Experimente Rund um das Dorf. Der deutsche Mittel- und Kleinbauer, der sich in den vergangenen Jahren für den Nationalsozialismus gewinnen ließ, glaubte, sich in die Gefolgschaft einer Partei zu begeben, die die Wirkungen der Agrarkrise von ihm ablenken, ihn von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten befreien und die großagrarische Interessenpolitik bekämpfen würde. Die Nationalsozialisten unterstützten ja einmal aktiv die Widerstände der Bauern gegen notwendig gewordene Steuer-Zwangseintreibungen— selbstverständlich mußten sie, zur Macht gekommen, die Bauern vor einer ähnlichen Lage bewahren. Niemand sage, daß die Nationalsozialisten, seit sie die Macht inne haben, nichts getan hätten! In Gegenteil: n o c h nie ist auf dem Gebiete der Agrar- wirtschaftso vi e 1 e x p e r i m e n- tiertworden, wieseitdemJahre 19 3 3— obwohl die Nationalsozialisten mit den Kapitalisten vorher über das„Experimentieren" in der Wirtschaft nicht laut genug schimpfen konnten. Inmitten des privatkapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Grundlagen die Nationalsozialisten nicht nur unerschüttert gelassen haben, sondern mit allen Mitteln zu befestigen versuchten, soll die Landwirtschaft angeblich von den Gesetzen dieser kapitalistischen Wirtschaft befreit worden sein. Das Reichserbhofgesetz gar wird als Garantie für die Entstehung eines gesunden, gesicherten deutschen Bauemstandes gepriesen. Der gesamte deutsche Außenhandel wurde einer falsch verstandenen Agrarpolitik zuliebe völlig zertrümmert. Es müßte demnach dem deutschen Mittel- und Kleinbauer jetzt viel besser gehen als in dem früheren Deutschland. Und wie ist's in Wirklichkeit? Bauern klagen über Preissteigerungen. Es ist merkwürdig: aus der Bauernschaft kommen fortgesetzt Klage- und Hilferufe. Sie demonstrieren, daß die Lage der Bauern nicht besser geworden ist. Da muß z. B. die nationalsozialistische Presse melden, daß„fast kein Tag vergeht, ohne daß Klagen laut werden über u n b e- berechtigte Preissteigerungen. Jetzt führt die Bauernschaft wieder Klage über die urplötzliche Erhöhung der Preise für Kraftfuttermittel und für Saatgut, für den in diesem Jahr besonders wichtigen Zwischenfruchtbau. Die Landwirtschaft kann es nicht verstehen, wenn in der jetzigen Zeit für diese notwendigen Betriebsmittel erheblich höhere Preise als noch vor kurzem gefordert werden. So werden z. B. für Trok- kenschnitzel in manchen Gegenden heute 6.75 RM verlangt, während sie vor zwei Monaten noch um ungefähr 5 Mark zu haben waren. Die Presse nennt„ein derartiges Verhalten unerhört" und versichert,„das Staatsministerium für Wirtschaft will Preisausschreitungen mit allen zu Gebote stehenden Mitteln rücksichtslos unterbinden". Da will das Staatsministerium angeb- lich schon seit eineinhalb Jahren— trotzdem sind die Preise langsam, aber sicher gestiegen und steigen noch weiter. Folgen der Futtermittclnot. Die ohnehin bedrängte Lage der Klein- und Mittelbauern ist durch die Futtermittelnot noch emster geworden. Die Knappheit der Futtermittel und die steigenden Preise zwingen viele von ihnen, d a s V i e h, ohne daß es die eigentliche Schlachtreife erlangt hat, vorzeitig zu verkaufen. Natürlich unter Preis. Was tut der „Reichsnährstand" und der nationalsozialistische Reichsemährungsminister, um dieser furchtbaren Notlage entgegenzuwirken? Sie geben mit büligen Worte gute Ratschläge. Im„Zeitungsdienst des Reichsnährstandes" schreibt ein Dr. Wowra, daß das„vorschnelle Zum-Verkaufbringen von Schweinen, und zwar solchen, die ursprünglich noch auf ein schwereres Gewicht heraufgemästet werden sollten... verkehrt und unverantwortlich" wäre. Es dürfe „durch die Zufuhr unberechenbar großer Mengen leichter, unfertiger Fleischschweine keine Unsicherheit in den Markt gebracht werden." Es wird den Bauern das Durchhalten der vorhandenen Bestände empfohlen und sie werden damit getröstet, daß ja bald wieder bessere Zeiten kommen würden. „Uneigennützige" Hilfe. „Die Fleischer helfen". Das„Berliner Tageblatt" vom 31. Juli meldet:„Eine Hilfsaktion für den unter den unter der Futternot leidenden Bauemstand beschloß eine vom Bezirksverein der Provinz Sachsen und Anhalt des Deutschen Fleischerverbandes nach Halle einberufene Versammlung... Es soll den Bauern die Möglichkeit gegeben werden, das Vieh in erhöhtem Maße und unter günstigen Bedingungen abzustoßen. Das zur Mast geeignete Jungvieh soll zum Teil durch den Handel untergebracht, das zu schlachtende Vieh vom Fleischerverband zusätzlich aufgenommen und zu Dauerware verarbeitet werden." Das„Berliner Tageblatt" nennt den Beschluß„eine Aktion zugunsten der Bauern, vergißt aber, hinzuzufügen, daß das bessere Geschäft sicher die Fleischer machen werden, die zu niedrigeren Preisen das Jung- und Schlachtvieh von den Bauern übernehmen, ohne deshalb an eine Herabsetzung der Fleisch- und Wurstpreise zu denken. So müssen also zuletzt die Verbraucher die Kosten dieser Hilfsaktion der„uneigennützigen" Fleischer tragen. Die Butter aufs Doppelte verteuert! Die Butter hat die Hitlerregierung dem deutschen Volke sofort nach der Machtergreifung verteuert: es muß sie seitdem beinahe mit hundert Prozent teurer bezahlen als vorher. Die Hilfe, die damit zu Lasten der Konsumenten den Bauern werden sollte, ist nur bedingt eingetreten. Ein erheblicher Teü der werktätigen und arbeitslosen Bevölkerung muß bei dem Wucher, der jetzt mit der Butter getrieben wird, seinen Bedarf an Butter wesentlich einschränken, oder ganz auf dieses Nahrungsmittel verzichten. Dennoch hat die Beriiner Notierungskommission mit Wirkung vom 27. Juli den Preis für Butter abermals erhöht Es kostet demnach ab Molkerei Markenbutter 1.30 RM, feine Molkereibutter 1.27 RM und Molkereibut- ter 1.23 RM. Bei Abgabe an den Verbraucher ist als zulässiger Kleinverkaufs- Höchstpreis für die beste Buttersorte 1.60 RM je Pfund festgesetzt worden. ... und teure Margarine. Die Flucht in der Margarine, zu der die deutsche Bevölkerung durch die hohen Butterpreise gezwungen wird, soll durch hohe Margarinepreise verhindert, oder wenigstens eingedämmt werden. Ein Pfund Margarine kostet jetzt in Deutschland 0.80 RM und mehr. Nur ein beschränkter Personenpreis, der zudem von den Behörden immer enger gezogen wird, erhält nach einer soeben erfolgten Bekanntmachung auch für September und Oktober Bezugsscheine für 1 Pfund billige Haushaltmargarine im Monat Von Eiern, Nörglern und Besserwissern. Die Eier sind zwar meist recht kleine Dingerchen, aber sie machen den nationalsozialistischen Staatsmännern doch recht großes Kopfzerbrechen. Nach dem wiederholt erhöhten Eierzoll und den mehrfach geänderten Eier-Kontingenten ist jetzt eine neue„Verordnung zur Regelung des Eiermarktes" erschienen. Der Zeitungsdienst des Reichsnährstandes behauptet von ihr, daß sie„verschiedene Klagen aus der Welt schafft Es gibt natürlich auch eine Reihe Fragen, deren Lösung noch aussteht Unbekümmert um die Beschwerden einer gewissen Gruppe von Nörglern und Besserwissern wird die berechtigte Kritik mit allem Verständnis entgegengenommen und an der Lösung dieser Frage beim Aufbau der Reichsfachschaft„Eierhandel" im Reichsnährstand tatkräftig gearbeitet, um berechtigten Wünschen des Handels nachzukommen." Die Bauern fallen ab. Es ist das Pech der Nationalsozialisten, daß die„gewissen Gruppen von Nörglern und Besserwissern" in allen Klassen und Schichten des deutschen Volkes immer stärker werden. Ganz besonders sehen sich die Mittel- und Kleinbauern von den Nationalsozialisten getäuscht Der Versprechungen, mit denen die Nationalsozialisten in der Agrarwirtschaft herumpfuschen, bringen ihnen keine Verbesserung ihrer Lage. Die Bauern sehen aber, daß der Verwaltungsapparat des Dritten Reiches ungeheuer aufgebläht ist und ungleich viel mehr Geld verschlingt, als im früheren Deutschland. Sie sehen in ihren Dörfern die uniformierten Nichtstuer mit Lackstiefeln und Sporen zu Dutzenden herumstreichen und müssen sich heute vorwerfen, daß sie diese faulen, kostspieligen Erscheinungen mit hervorgebracht haben. Auf dem Dorfe haben die Nationalsozialisten die Massen nicht mehr hinter sich. Die gehorsame Verwaltung wird heute vom platten Lande ungeheure Wahlziffem melden. Der Landrat sieht in die Wahlurne, Gott allein ins Herz. Iteclorowrfe £oikildtmbfraHfcl>c0 lDod>fftblaR Herauseeber: Ernst Sattler; verantwortlicher Redakteur: Wenzel Horn. Druck:„Graphla": alle In Karlsbaa- Zeitungstarif bew. tn. P D. ZI. 159.334/VIM93' Der„Neue Vorwärts" kostet im Elnz®.1* verkauf innerhalb der CSR Kö 1.40(für ein Quartal bei freier Zustelluns Kö 18.—). P�1, der Einzelnummer im Ausland Kö 2.— 24.— für das Quartal) oder deren Gegenwer in der Landeswährung;(die Bezugspreise das Quartal stehen In Klammern); Argentinie" Pes 0.30(3.60) Belgien Frs. 2.-(24.-). � garien Lew 8.—(96.—). Danzig Guld ü? (3.60). Deutschland Mk. 0.25(3.-). Estland r- Kr. 0.22(2.64). Finnland Fmk. 4—(48.—'• Frankreich Frs. 1.50(18.—) Großbritannien d 4.-(Sh. 4.—) Holland Gld 0.15(1.80). Itaiie" LIr. 1.10(13.20). lugosfawien Din. 4.50 Lettland Lat. 0.30(360) Litauen Lit. 0.55(b-b™- Luxemburg B. Frs 2—(24.—). Norwegen Kf- 0.35(4.20) Oesterreich Sch. 0.40(4.80) P�I lästina P Pf 0.018(0.216). Polen Zlotv n;5' (6.—). Portugal Esc 2.—(24—). Rumänien Lei 10—(120—). Saargebiet F. Fr 1.50(18.-!; Schweden Kr 0.35(4.20) Schweiz Frs.(]-3. (3.60). Spanien Pes 070(8,40). Ungarn Pen?" 0.35(4 20) USA 0.08(096) Einzahlungen können auf folgende P0 scheckkonten erfolgen: Tschechoslowakei- Zeitschrift.Neuer Vorwärts" Karlsbad. Pf,3* 46.149. Oesterreich:.Neuer Vorwärts" Karlsbad. 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