Wp. 64 SOMTAG, 2. Sept.«934 Verlag; Karlsbad, Haus„Graphia"— Preise und Bezugsbedingungen siehe Beiblatt letzte Seite Aus dem Inhalt: Die Wahrheit über den schwarzen Sonntag Anarchie in der Wirtschaft Ludwig Frank- ein Kämpferleben Hänge-Peters als Symbol ozlaldemokraten ins Zuchthaus! Hitlers Rachejustiz am Werk Genosse Rndolf KUstermcier ist am Montag in Berlin zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Die Genossen Willi Strinz und Karl Zinn erhielten je hieben Jahre Zuchthaus, Genosse Willi Schwarz drei Jahre Zuchthaus. Drei Weiteren Genossen wurden Gefängnisstrafen von eineinhalb bis drei Jahren aufdik- öert. Die Anklage beschuldigte die genannten Genossen, eine Organisation, den Roten Stoßtrupp, gebildet, ferner ein hekto- Sraphiertes Blatt, den Roten Vorstoß, her- ansgegeben und in 40.000 Exemplaren ver- hreitet zu haben. Die dazu nötigen Geldmittel sollen nach der Anklage— und dies < als besonders erschwerend— von dem �erstand der Sozialdemokratischen Partei ' n Prag geliefert worden sein. Das Urteil wurde vom Zweiten Senat ''es sogenannten„Volksgerichtes" gefällt, Wie Hitler sein Gericht zur besonderen Verwendung zum Hohne genannt hat. Es 'st kein Urteil im Sinne der Rechtspflege *iues zivilisierten Staates. Es ist ein in den äußeren Formen eines Strafprozesses voll- 2ugener verbrecherischer Gewaltakt gegen politische Gegner. Hinter sieben neuen Märtyrern der Freiheit schließen sich die Tore des Zuchthauses und des Gefängnisses. Was war �äs Verbrechen dieser tapferen aufrechten Renschen? Sie haben die Wahrheit Wläsen, sie haben sie weiter tragen wollen, s'e haben nicht zu Verrätern an ihrer Idee ®ud ihren Kameraden werden wollen, son- �arn sie sind freiheitliebende Menschen und �Wte Sozialisten geblieben. Dafür gibt es im Dritten Reich drei, sieben, zehn Jahre Zuchthaus! Drei, sieben, zehn Jahre— diese Vor- st,'|luag wäre ganz unerträglich, lebte in ulcht der zuversichtliche Glaube an a'uen nicht mehr fernen Tag, an dem die Revolution die Kerkertore sprengen "ud Gericht über die wirklichen Verbre- aher halten wird. Dann wird da« Volk die Da'den ehren, die für seine Befreiung den Zucht hausldttel getragen haben! Zur Vorgeschichte Es war einige Monate nach dem Staats- ä�ich der Nazis, im Sommer 1933. Die ozialdemokratie hatte ihre bitterste Ent- äuschung überwunden und begann sich wi�er zu rühren. Kurz nach der Nazi- Revolution hatte man sich still verhalten, "äiaen Versuch der Organisierung unter- jjommen, da man nicht wußte, über welche Suchtmittel der Gegner verfügte und man aUch noch nicht wußte, wie weit man gehen konnte. Die alten Führer waren oftmals für die illegale Arbeit nicht Ruchbar— sie waren auch zu sehr in ..er Oeffentlichkeit bekannt— und die jüngeren hatten sich mit dem Gedanken, � uß sie nunmehr die Bewegung leiten müß- etl' hoch nicht vertraut gemacht An Joelen Stellen Deutschlands entstanden nun 'eine Gruppen aus alten treuen Partei- Suuosaen, mutigen Reichsbannerkamera- rfu. Mitgliedern der SAI, die versuchten, ontakt miteinander zu halten und über Politik des Tages miteinander zu spre- �u. Aus ihren Reihen kamen die jungen aktiven Führer hervor, die System in die 1 c Sälen Verbindungen brachten. Es waren zumeist junge Leute von un- Sefahr 20 bis 35 Jahren, die alle schon in Partei- und Gewerkschaftsbewegung Erfahrung hatten, echte sozialistische Tupfer, von der Idee besessen, daß sie ihr Teil dazu beitragen müßten, um Deutschland von der Nazi-Pest zu befreien. Es waren einige Leute dabei, die aus der Nazirevolution Abteilungskartotheken gerettet hatten und sie wie einen Schatz verborgen hielten: Adressen waren das kostbarste Material, das die illegalen Arbeiter im Besitz hatten. Adressen, Mut und Sparpfennige— damit wurde nach der Nazirevolution die erste illegale Arbeit durch die Genossen im Inland auf eigene Faust verrichtet, bevor die Propaganda durch Hilfe von draußen den Umfang erreichte, den sie jetzt hat. Auch in Berlin kamen aus verschiedenen Gegenden der Stadt eine Anzahl findiger junger Menschen zusammen. Unter der Leitung eines besonders energischen Sozialisten, theoretisch geschult und praktisch geschickt, ging man ans Werk. Man bearbeitete anfänglich nur die jüngeren Sozialdemokraten— man wollte erst eineGruppe von Propagandisten schaffen, bevor man mit dem eigentlichen Werk begann. Man fand in dem unausschöpflichen Arbeiterreservoir von Berlin eine große Anzahl junger Menschen, die bereit waren, die Gefahren von Gefängnis, Mißhandlung und Konzentrationslager auf sich zu nehmen, um die sozialistischen Gedanken unter die Masse zu bringen. So begann ihre Arbeit. Die erste Nummer des»R o t e n V o r s t o ß« erschien. Eine Unzahl von guten politischen und wirtschaftlichen Informationen aus den Gefängnissen, den Konzentrationslagern und Mitteilungen über die unmenschliche Behandlung in den SA- und SS-Kasemen enthielt diese illegale Zeitimg. Mit Elan wurden die Sünden des Nationalsozialismus aufgedeckt, mit Feuer den Menschen nahegelegt, dem Sozia- lismustreuzubleiben. Die Auflage des»Roten Vorstoß« wuchs schnell, und um ihn herum formte sich die Organisation der»Rote Stoßtrupp«. Die Organisation wurde nach einem erprobten illegalen System aufgebaut. Die Organisation hatte aber einen Fehler: es waren zuviel frühere Mitglieder untereinander bekannt. Im übrigen war der»Rote Stoßtrupp« vorbildlich organisiert. Er wurde die Hoffnung vieler Sozialisten. Monatelang hat die Gestapo gesucht und nichts gefunden als hier und da ein Exemplar vom»Roten Vorstoß«. Sie trat hier ganz anders auf als gegen die Kommunisten. Wer mit einer»Roten Fahne« angetroffen wurde, wurde ins Konzentrationslager gebracht. Der»Rote Vorstoß« aber war gefährlicher, darum wollte man nicht die Leser, aber die Führung. Man ließ die Leser laufen— aber sie liefen nicht mehr allein. Ein Spürhund der Gestapo bewachte ihre Gänge, um am Ende den Verteilern der Schriften auf die Spur zu kommen. Durch Zufälle, über die sich die Gestapo noch lange genug den Kopf zerbrach, mißglückte das stets, bis endlich der berüchtigte»Zufall«, der in der illegalen Arbeit häufig eine verhängnisvolle Rolle spielt, der Polizei einen Faden in die Hand gab. Bei einer Razzia in einem Arbeiterviertel Berlins befand sich auch einer der Verteiler des»Roten Vorstoß« in einer Straße, die in dem Augenblipk, in dem er sich auf das Rad setzen. wollte,. von Polizei abgeriegelt wurde. Man wollte alle Häuser durchsuchen und visitierte auch die Fußgänger. Bei dem Mann vom»Roten Vorstoß« wurde ein Paket ülegale Literatur gefunden. Man arretierte den jungen Mann, hielt ihn einige Tage gefangen, haussuchte in seiner Wohnung, notierte alles, was er sagte, alles, was man auf Notizbüchern und auf Papierfetzen fand und— ließ ihn frei. Das Resultat des Verhörs war gering. Erst nach wochenlangem Spüren kriegte man endlich heraus, wer einer der Träger der Decknamen war; man brachte einen Spion in die Reihen des»Roten Stoßtrupps«, und an einem geeigneten Tag griff man zu. Die Polizei z. b. V. arretierte in einer Nacht 73 Männer und Frauen, darunter eine Anzahl, die nur per Post den»Roten Vorstoß« ins Haus bekommen. Unter den Festgenommenen befand sich auch eine Anzahl junger weibücher Studenten. Einem Teil der Bedrohten glückte es, zu flüchten. Alle Verhafteten wurden in das berüchtigte Gestapogefängnis im Columbiahaus gebracht Sie bekamen zunächst 48 Stunden nichts zu essen und zu trinken, darnach wurden sie mit Nilpferdpeitschen verprügelt und stundenlang verhört. Stückchenweise bekam die Gestapo, die durch ihren Spion über eine Anzahl Dinge halb richtig, halb falsch unterrichtet war, Bekenntnisse heraus. Die halbtotgeprügelten Männer und Frauen, die aus dem halben Wissen der Polizei schließen mußten, daß alles verraten sei, ließen sich Geständnisse erpressen. Es bleibt aber für alle Zeit Trost und Stolz für den»Roten Vorstoß«, daß keiner der Mißhandelten seine Kameraden verraten hat Die iNahtkeb Met den 19.Aumst Prügel für lVein*S»timmen— Kein Wahlgeheimnis mehr' Schamlose Fälschung überall— Dennoch Verdoppelung der Nein zugegeben Die Wahrheit über den 19. August dringt nur langsam durch. Die Berichterstattung der Tagespresse hat versagt. Das ist kein Vorwurf, sie mußte versagen. Die ausländischen Korrespondenten, die es in Deutschland noch gibt, arbeiten nicht nur unter ständiger Gefahr, sie bringen noch mehr die Deutschen in Gefahr, die sich mit ihnen sehen lassen. Die ausländischen Korrespondenten sitzen in Berlin und können nichts erfahren, was sich in Tausenden von deutschen Orten, in Hunderttausenden von Wahllokalen begeben hat. Wer sie unterrichten wollte, riskierte, wegen angeblichen Landesverrats festgenommen und auf der Flucht erschossen zu werden. Nur langsam und auf Umwegen überschreitet die Wahrheit die scharfbewachten Grenzen des Dritten Reiches. Kein Außenstehender kann sich eine Vorstellung davon machen, wie es heute überhaupt noch möglich ist, aus den verschiedenen TeUen Deutschlands wahrheitsgemäße Berichte zu erlangen. Dennoch i s t es möglich. Und so beginnt sich jetzt allmählich das Bild zu gestalten von jener Summe des frechsten Volksbetrugs, der nacktesten Vergewaltigung und der schamlosesten Fälschung, aus der die Reichsführerschaft Adolf Hitlers am 19. August emporgestiegen ist. Nur wer diese Ungeheuerlichkeiten kennt, wird begreifen, wie groß die Niederlage des Hitlerregimes ist, die sich trotz alledem in einer amtlich zugestandenen Verdoppelung der Opposition ausdrückt. Wie wäre das Ergebnis erst gewesen, wenn die verfemte, verfolgte, aller materiellen Mittel beraubte Opposition nur einen einzigen Tag offen zum Volke hätte sprechen dürfen und wenn danach die Stimmen ehrlich gezählt worden wären! Aus den Berichten, die seit einigen Tagen immer zahlreicher bei uns eintreffen, seien ein paar Stichproben wiedergegeben: Sadisen: Stadt und Land Eine Betrachtung des Abstimmungsergebnisses im Wahlkreis Dresden-Bautzen zeigt, daß die Zentren des Widerstandes gegen Hitler die Orte mit stark katholischem Einschlag und die alten sozialdemokratischen Hochburgen sind. Der Wahlkreis Dresden-Bautzen, der gegenüber den Wahlkreisen Chemnitz-Zwickau und Leipzig den stärksten agrarischen Einschlag in Sachsen hat, liegt mit dem prozentualen Anteil der Oppositionsstimmen unter dem Durchschnitt des Reiches und Sachsens. Die ungültigen und die Nein-Stimmen im Verhältnis zu den Ja-Stimmen bringen als prozentualen Anteil der Opposition im ganzen Reich 13 Prozent, in ganz Sachsen 14.4 Prozent, im Wahlkreis Leipzig 20.5 Prozent, im Wahlkreis Chemnitz-Zwickau 13.6 Prozent, im Wahlkreis Dresden-Bautzen 11.5 Prozent. Ausgesprochen schlecht ist das Ergebnis in vorwiegend agrarischen Gebieten, wie Freiberg mit 6.2 Prozent, Dlpoldiswalde mit 7.9 Prozent usw. Die tatsächlich vorhandene äußerst scharfe Mißstimmung der bäuerlichen Bevölkerung hat sich Infolge des ungeheueren Wahlterrors im Stimmenergebnis nirgends ausgewirkt.•* Auffallend hoch ist die Zahl der Neinstimmen dagegen in den Lausitzer Ortschaften mit katholischer Bevölkerung; Klrschau bei Bautzen 15.1 Prozent, Oatritz bei Zittau 16.9 Prozent und Schlrgiswalde mit 31.5 Prozent Nein- und ungültigen Stimmen. Schlrgiswalde war die einzige Stadt Sachsens, die vor dem braunen Staatsstrelch einen Zentrumsmann zum Bürgermeister hatte. Von der Wasserkante Das für Hitler katastrophale Ergebnis der Abstimmung in Hamburg ist schon bekannt. Der Wahlkreis Hamburg, wo Hitler seine große Agitationsrede gehalten hat, marschiert mit der Zahl seiner Neinstimmen an der Spitze. In einzelnen Arbeitervierteln Hamburgs stieg die Zahl der Neinstimmen über 25 Prozent. Die heimliche Wahlarbelt der Hltler- gegner wurde stark bemerkt und von der Nazipresse sehr Übel aufgenommen.„Hoffentlich gelingt es, diese Verräter am deutschen Volk zu ermitteln und unschädlich zu machen." So schrieb die„Schles- wig-Holsteinische Tageszeitung". Auch bei der Landbevölkerung, die vor anderthalb Jah ren noch die stärkste Stütze des Hitlerismus war, macht sich ein starkes Abflauen der Stimmung bemerkbar. Auffallend ist der starke Niedergang der Jastimmen in Flensburg, wo die Neinstimmen von 3428 auf 8013 gestlegen sind. • Auf Befehl der Oberschulbehörde wurden die Kinder der Hamburger Volksschulen systematisch zu Marktschreiern des Dritten Reiches angelernt. Die Kindersprechchöre mußten dann am Wahlsonntag unter Leitung der Lehrer klassenweise in den Straßen Harn1 burgs die Wahlparolen der Göbbelschen Pro pagandamaschine in Versform ausrufen. Das geschah dann z. B. in dieser Weise: HeU Hitler, Du sollst Führer sein, wir folgen Dir aufs Neue, von Memel bis zum deutschen Rhein schwöm wir den Eid der Treue. Heil Deutschland, Deine Jugend ruft, will kämpfend für Dich sterben wer uns nicht folgt der ist ein Schuft! soll wie ein Hund verderben!!! ♦ Von der Göbbels-Versammlung am 14. August in Hamburg veröffenüichte das dortige Naziblatt ein Sümmungsbild, worin es hieß: „Ans eigenem Antriebe kommen die vielen Hunderttausende, um in einem Uberwältigenden Bekenntnis dem Führer die Treue zu beweisen und den Worten des Mannes zu lauschen, dessen unerhörte Beredsamkeit die geisüge(!) Eroberung der Reichshauptstadt In erster Linie zu danken ist... Das war das Bekenntnis des Volkes selbst, das allen Lügen und Hetzen zum Trotz seiner inneren Stimme folgte!! I Wie diese innere Stimme, der das Volk folgte, aussah, zeigt uns das nachstehende, an die Arbeitnehmer der GEG Groß-Hamburg verteilte Rundschreiben, das uns im Original vorliegt;>_A „Zu der am Dienstag, dem 14.?. 34 stattfindenden Rede von Dr. Göbbels auf der Moorweide tritt die Kakao- und Schokoladenfabrik um 7.20 Uhr geschlossen am Meßberg auf dem Platz der SUderhalle an der Waschseite an. Dia Vertrauensleute haben dafür zu sorgen, daß alle Belegschaftsmitglieder daran teilnehmen. Erscheinen ist Pflicht! Hamburg den 13, August 34. Betriebszellenobmann l. V. Loeffel. Solche„innere Stimme" hat es eben manchmal in sich, ein wenig dringlich zu erschallen. Obersdileslen: Schüsse und Verhaftungen Hier, in der schwärzesten Ecke des Reiches hat niemand mit Ueberraschungen gerechnet. Allgemein war bekannt, daß die SA- Führung schon im voraus erklärt hat, daß nicht weniger als' 95 Prozent Ja-Stimmen herauskommen dürfen. Dennoch hat sich auch hier die Opposition um mehr als 60 Prozent vermehrt. In dem berühmten Potemba gab es als Vorspiel eine blutige Verhaftung. Der frühere Kommunist Lachetta war beschuldigt gegen Hitler agitiert zu haben. Er wurde von einem früheren Kommunisten und jetzigen SA-Mann denunziert und liegt jetzt mit zwei Schüssen im Krankenhaus. Von den Methoden, nach denen hier abge- . stimmt wurde, kann sich ein Außenstehender kaum eine Vorstellung machen. In Mikult- schütz z. B. rühmte sich ein SA-Mann, daß er auf Grund von Stimmscheinen schon achtmal abgestimmt habe und im ganzen 40 Wahl- stimmen zu liefern entschlossen sei. Umgekehrt kann in anderen Orten festgestellt werden, wie viel Neinstimmen in Wirklichkeit mindestens abgegeben sein müssen: nirgends ist bei der Zählung auch nur die Hälfte dieser tatsächlich erreichten Zahl festgestellt worden! In Pilzendorf wurde laut verkündet, daß es eine geheime Wahl überhaupt nicht mehr gebe. Das Ergebnis war entsprechend: von 900 Stimmen hur 14 Nein. In Gleiwltz wurden zwei SA-Manner festgenommen, weil sie mit Nein gesümmt hatten. Zweifellos haben auch andere SA-Männer besonders entlassene, mit Nein gestimmt. Bei diesen Leuten gibt es jetzt ein neues Lied, in dem es heißt:„Gebt uns doch die Judenrepublik, denn die Nazis haben uns heimgeschickt!" Baden: Neinstimmen Ter« dreifacht „Wer Adolf Hitler nicht wählt, Ist ein Volks- und Landesverräter!" „Wer anders wählt, hat selbst die Folgen zu tragen!" „Wir werden mit diesen Hunden von Neinstimmern aufräumen!" Das waren die Parolen, unter denen das ehemalige demokratische Muaterländle zur Zettelabgabe ging. Dennoch ist das Resultat gut! Nach amtlichen Angaben waren Stimmberechtigt..... 1,664.622 Abgestimmt haben>•>■ 1,692.905 Jastimmen...■•■»■ 1,406.876 Neinstimmen 143.763 Ungültig........ 42.266 Nicht abgestimmt...<. 71.617 Die Neinstimmen haben sich seit dem November verdreifacht. Zählt man die ungültigen Stimmen und die der Nichtwähler dazu, so ergibt sich eine Zahl von 257.646 gegen 1,406.876 Jasager. Das ist ein hoch über dem' Reichsdurchschnitt liegendes Ergebnis, das allerdings nicht auf die sozialistische Wahlagitation allein, sondern wahrscheinlich auch auf die Stimmung der katholischen Bevölkerung zurückzuführen Ist. Das Ergebnis wirkte auf die„Sieger" geradezu niederschmerttemd. Das Mißvergnügen kommt sogar In der Presse, wenn auch gedämpft, zum Ausdruck. Die„Badische Presse" findet es„eigenartig", daß Offenburg, Lörrach und Bruchsal Je 5000 Stimmen verloren haben, ebenso Freiburg, Heldelberg- Pforzheim sogar 7000. Es wird hervorgehoben, daß Karslruhe 17.000, Mannhelm 25.000 Verluststimmen zählt! In manchen Landorten haben sich die Neinstimmen verfünffacht. In Privatgesprächen erklären die Nazis ganz offen, daß das Ergebnis eine Schande sei. Die Opposltionsstimmung ist durch den Wahlausfall außerordentlich gestärkt. Württemberg: Neinstimmen verdreifacht In Württemberg stieg die Zahl der Neinstimmen seit dem 12. November 1933 von 39.000 auf 118.500, d. h. auf das Dreifache. Dazu kommen 31.900 ungültige Stimmen und 54.000 Nichtwähler. Der Terror war unbeschreiblich. Die Belegschaften wurden wie Vieh zu den Versammlungen getrieben. Pfalz, der Gipfel des Terrors und des Betrugs Aus der Pfalz wird uns geschrieben: In unserem Ländchen, das nach der amtlichen Statistik an Hitlertreue noch Ostpreußen übertreffen soll, müssen sich recht merkwürdige Dinge abgespielt haben. Als Wahlresultat wurde nämlich folgendes veröffentlicht: Ja.......... 622.359 Nein......... 21.829 Ungültig........ 4.246 Abgegebene Stimmen... 648.434 Wahlberechtigt waren in der Pfalz aber nur 622.113 Wähler. Daß 26.321 zugereiste Wähler auf Stimmscheinen abgestimmt haben sollen, halten alle Kenner des Kreises für absolut unmöglich. Der Betrug wurde eben zu frech getrieben, so daß die Urheber sich selbst entlarvten. Der groteske Schwindel des zum Saarkommissar avancierten Gauleiters Bürckel wurde aber doch nicht Uberall vollkommen durchgeführt. In Ludwigshafen haben sich die Neinstimmen verdoppelt, auch in Landau, Speyer, Pirmasens und Zweibrücken sind sie stark gestlegen. Vor und in den Wahllokalen wimmelte es von Uniformierten und bewaffneten SA- und SS-Leuten. Wahlzellen waren in vielen Lokalen gar nicht mehr vorhanden, in manchen nicht einmal Vorhänge oder Wandschirme. Wer sich vor der Zettelabgabe verbarg, galt als verdächtig. Besonders toll war es in Pirmasens, wo Neinwähler im Wahllokal niedergeschlagen und gezwungen wurden, ihr Nein in ein Ja zu verwandeln. Ein besonderes Kapitel büdet auch der Ort Vinningen. Dort gab es im November 101 Neinstimmen. Daraufhin wurde der Bürgermeister abgesetzt, die Bevölkerung wurde schamlos schikaniert. Diesmal ist keine einzige Neinstimme mehr gezählt worden. Einem Brief aus Pirmasens entnehmen wir: „Am Samstag wurde in allen Ortschaften durch die Polizei bekanntgegeben:„Wer nicht wählt, wird öffentlich angeprangert!" Es gab viele Wahllokale, in denen der Stimmzettel dem Wähler fertig mit dem Ja ausgehändigt wurde. In unserem Wahllokal war der Zugang zur Wahlzelle durch einen SA-Mann versperrt, der ein Plakat folgenden Inhalts trug:„Ein Deutscher wählt offen! Wer wählt anders?" Wer beim Neinwählen erwischt wurde oder wer offen mit Nein wählte konnte von Glück sagen, wenn er ohne Schläge davonkam. In einem Fall wurde der Nein-Wähler fast zu Tode geprügelt. Du kannst Dir keine Vorstellung davon machen. wie viel Mut dazu gehört, unter solchen Umständen hinzugehen und mit Nein zu stimmen. Es gab Leute, die sich auf den Innenminister Frick beriefen und auf sein Verspre- chen, daß die Abstimmung frei sein solle. Sie wurden kurzerhand Trotz dieeem Terror gab es mindestens 3000 Neinstimmen. Bekannt gemacht wurden für Pirmasens-Stadt 132 und für das Land 285 Stimmen. Du kannst Dir die Enttäuschung vorstellen, als abends das Resultat bekannt wurde und die mutigen Leute sich sagen mußten: „Jetzt haben wir unter Lebensgefahr mit Nein gestimmt, und die Schwindler haben einfach die Zahlen gefälscht. An der Saargrenze— bis 48 Prozent! In einigen Orten, die dicht an der Grenze des Saargebietes liegen, sind am 19. August bis 48 Prozent Neinstimmen abgegeben worden. Ein Ergebnis, das geeignet Ist, den Herren des Dritten Reiches angesichts der bevorstehenden Volksabstimmung im Saargebiet selbst einen kalten Schreck Ins Gebein zu jagen! Als Deutschland noch ein Rechtsstaat war. galt es bei Freund und Feind als selbstverständlich, daß das Saargebiet mit 99 Prozent aller Stimmen für Deutschland stimmen würde. Heute? Südbayern: Terrorpropa« ganda nnd Fälschungen Noch nie Ist eine Wahl oder Abstimmung In Deutschland mit einem so ungeheueren Aufwand von Mitteln durchgeführt worden, wie die Abstimmung vom 19. August In München. Alle Propaganda wurde auf die letzten Tage konzentriert. Am Mittwoch war auf dem Königsplatz die große Göring-Ver- sammlung, zu der die Belegschaften der Betriebe wie Vieh oder Sträflinge hingetrieben wurden. So wurde In den Bayrischen Motorenwerken verkündet, daß jeder anzutreten habe. Wer nicht erscheine, werde die Konsequenzen zu tragen haben. Und so war es überall. Am Freitag und Sonnabend erschienen die Plakate. Hitler an allen Anschlagtafeln. Hitler in allen Schaufenstern der Läden. Hitler an allen Fenstern der Privatwohnungen. Wohin man auch sehen mochte, überall schaute man einen Hitlerkopf an. Aus Jedem Fenster der Straßenbahnen, der Eisenbahnwaggons, der Autos schaute ein Hitler. Die SA brachte die Bilder gratis in die Wohnungen und forderte die Inhaber auf, die Bilder an die Fenster zu kleben. Wenn nach einigen Stunden der Befehl noch nicht ausgeführt war, kam die SA wieder und wurde dringlicher. Der Erfolg war, daß es am Abend kaum noch ein Fenster gab, das nicht Hitler zeigte. Selbst die eingefleischtesten Anti-Hitlerianer haben diesmal dem Druck nachgegeben. Viele Geschäftsleute zeigten sich In der Ausschmük- kung ihrer Schaufenster besonders beeifert; es war ein Bild, wie etwa vordem in Berlin bei Kaisers Geburtstag. Am Nachmittag des Wahltages fuhren die Lautsprecherautos Uber das Land und verkündeten überall, daß heute auch der abstimmen könne, der im AugenbUck nicht im Besitz einer Wahlkarte oder eines Sümmschel- nes sei. Er solle sich ins Wahllokal begeben und auf Ehrenwort wählen. Seine Wahlberechtigung werde nachträglich nachgeprüft werden. Wie viele Nazis auf Ehrenwort mehrmals für Abwesende oder Tote gestimmt haben, entzieht sich jeder Schätzung. Die Gegenaktion arbeitete unter Lebensgefahr mit den bescheidensten Mitteln. Aber sie machte sich bemerkbar und erregte schon dadurch ungeheueres Aufsehen. Großen Eindruck machte eine Inschrift, die am Donnerstag früh in Riesenlettern an einer Wand neben dem Arbeltsamt zu lesen war; „Nieder mit dem Faschlsmns! Nieder mit dem Mörder Hitler!" Die Schrift wurde mit Kalk überstrichen, schlug Jedoch immer wieder durch, bis Maurer kamen, die den ganzen Verputz abschlugen. In der Nacht vom Freitag auf Sonnabend wurde an den großen Plakaten, die einen Abdruck des Wahlzettels zeigen und im Ja- Kreis ein Kreuz angezeichnet hatten, auch die Nein-Kreise mit großen roten Kreuzen versehen. Während der Hitler-Rede vom Freitag wurden sozialistische Flugzettel verbreitet, worüber die Polizei in große Aufregung geriet. Auf den Straßen wurde vielfach behauptet, rote FUeger seien Uber München gewesen und hätten die Zettel abgeworfen. Die SUmmzettelzählung wurde überall bei geschlossenen Türen vorgenommen, das Bürd bestand zumeist nur aus Nationalsozialisten. Wo auch Nlchtnazl dabei waren, gab es lebhafte Kämpfe um die Behandlung der ungültigen Stimmen, die die Nazis allenthalben einfach zu den Jastimmen schlagen wollten. In 29 Münchner Stimmbezirken, die alle über 1000 Stimmberechtigte haben, wurden Uberhaupt keine ungültigen Stimmen verzeichnet. In den anderen Bezirken schwankt die Prozentzahl der ungültigen Stimmen geradezu phantastisch, woraus hervorgeht, daß mit großer Willkür vorgegangen worden ist In einem Stimmbezirk, in dem nur Nazis als Zähler fungierten, wurden nur 46 Neinstimmen gezählt gegen 160 am 12. November. Hier ist die Fälschung ganz offenkundig. Trotz alledem haben In München 18 Prozent, In Augsburg 21 Prozent der Stimmberechtigten nicht mit Ja gestimmt. Kampf um eine Stimme. Ein interessanter Kampf um eine einzige Stimme wurde in einem Münchener Stimmlokal ausgekämpft. Bei der Auszählung tauchte ein Stimmzettel auf, der den Vermerk trug:„Ja, leck mich am A....!" I�e Beisitzer, alle Nationalsozialisten, erklärten: Bedeutung hätte nur das deutlich hingeschriebene Ja, während der hinzugefügte Wunsch belanglos sei, der Wahlzettel sei somit für gültig zu erklären. Der Vorsitzende hingegen, der früher der Bayrischen Volkspartei angehörte, vertrat die Meinung, das Ja bedeute keineswegs eine Bejahung der zur Volksabstimmung gestellten Frage, sondern Im Gegenteil, nur eine Verstärkung des 1» Zusammenhang mit dieser Volksabstimmung ausgedrückten Wunsches. Auch ergeh® sich klar aus dem Gesetz, daß ein derartiger Stimmzettel ungültig sei. Die Nazi-Beisitzer wollten aber noch immer nicht klein beigeben, bis schließlich der Vorsitzende mit dem schwersten Geschütz herausrückte und erklärte, der Führer selbst werde wohl eine derartige Wahlstimme nicht für sich ih Anspruch nehmen. Nun bekamen die braunen Kleinbürger rote Köpfe. Sie fürchteten, durch Festhalten an ihrem Standpunkt am Ende g�r eine Majestätsbeleidigung zu begehen, und 8° gaben sie den Kampf auf. Eine Stimme ans Oberfranken. Wie die Nazi wirklich über den Ausfall der Abstimmung denken, haben sie selber off®*1 gesagt. Man muß darum dem„Schönwal der Anzeiger" Dank wissen, der am 20. Augu®1 schrieb:* „In Schönwald ist das Ergebnis äußert1 beschämend. Eis gab hier 1956 Stimmb®* rechügte und 80 Stimmscheine; abgegeb®0 wurden 1795 Ja-, 187 Nein- und 30 ungültige Stimmen. Von den 187 Nein-Stimmen' das sind 101 mehr als am 12. November 1933, entfallen 81 auf den 1., 106 auf den 2. Stimmbezirk. Die Erregung über die höbe Zahl der Nein-Sager war ungeheuerlich; man hielt das nicht für möglich, denn hier sagt doch jeder Hell Hitl®r' Wenn wir deshalb jedem Neln-Sager, der noch einmal die Hand zum deutschen Gruß erhebt und HeU Hitler schreit, wünschen- daß ihm die Hand verdorrt, so muß m»0 uns das schon verzeihen. Vielleicht brich' an den maßgebenden Stellen die Erkenntnis durch, daß hier In Schönw«1 mit Gefühlsduselei nichts®r' reicht wird." Daß„Gefühlsduselei" die hervorragend®� Eigenschaft des nationalsozialistischen Regimes ist, hat man außerhalb Schönwalds 111 Oberfranken kaum noch bemerkt. Das staatsgefährliche Einmaleins. In einer deutschen Mittelstadt wurden si" Tage nach dem Plebiszit hektographlerte Z«* tel verbreitet, auf denen nichts weiter»ts® als dieses; 2 X 2,500.000= 6,000.000 2 X 6,000.000= 10,000.000 2 X 10,000.000= 20,000.000 Die Polizei geriet In größte Anfreg00' und machte Jagd auf die Zettel, die doch nichts anderes enthielten als einige nnwidfr legllche mathematische Wahrheiten. Der � tentäter blieb nnentdeckt. Was wäre wohl geschehen, wenn man ihn erwis®6' hätte?!! „Die vollendetste Demokratie der Weif- tscb' „Das Wahlergebnis zeigt, daß Dem land in gewissem Sinne die vollendetste mokratle" der Welt ist. In keinem Ln0� der Erde kann eine Volksabstl01� mung so frei, offen und ungebu j den durchgeführt werden, wl® b u n s." „Weltfälische Landeszeitung", Amtlicb«" Organ der NSDAP am 20. August- Verraten und verkauft! Hitlers preisgegebene Anhänger Dwifat Am Grabe des unbekannten deutschen Journalisten Nach einer Nachricht der»Frankfurter Zeitung« lat Professor D o v 1 f a t, Direktor des Zeitungswissenschaftlichen Instituts der Berliner Universität in den Ruhestand gc- ■chickt worden, um einen Nachfolger in der Person eines»bewährten alten Kämpfers« (möglichst unter zwanzig Jahren) zu bekommen. Ein neues Blatt ist umgeschlagen im Buch der Geist- und Pressetragödie des Dritten Reiches. Nach der Besetzung und Schändung und kriminellen Ausraubung der Arbeiterzeitungsbetriebe, nach dem Gentleman- Agreement, mit dem der»Dortmunder Gene- ralanzelger« käuflich»erworben« wurde, nach der frisch-fromm-fröhllchen Treibjagd auf den Mosseschen und Ullsteinschen Besitz, auf die Presse der Kathollken und christlichen Gewerkschaften, nach der kaltblütigen Abknal- lung Dr. Ger lieh s und des Kunstkritikers Dr. S c h m 1 d t In München am 30. Juni und dach so vielen Hunderten von anderen»Aktionen«, die das Vaterland wieder publizistisch eauber machen sollten— nach alledem gewiß kein besonders dramatischer Vorgang! Aber er illustriert doch mit besonderer Schärfe, wie ungefähr sich das Dritte Reich auch in der Evolution, sollte ihm diese gelingen, den deutschen Journalismus vorstellt; Keine Männer mehr, sondern Lümpchen! Keine verant- Wortungsbeschwerten Diener am Werk, sondern der national getarnte Preeselümmel und Zeitungsrüpel in hoffnungsvollem Lebensatter! Kein nobler Beruf mehr, dafür eine streberische, ehrfurchtslose, Gift und Galle «Pelende Clique! Sie hat ja freilich, diese Cli- lue, ihren Lohn schon dahin; Wenn in Hitler- Deutschland irgendwo gemeckert und kritisiert wird, dann— und in allen Lagern ganz gleichmäßig— gegen die verlogene und Verblödete Zeitung, dei einem schon ärgert, Wenn die Botenfrau gemäß der Sitte, von der "uan einmal nicht lassen kann, sie ilur ins Haus bringt. Herr Dovifat braucht nicht den geringsten Zweifel darüber zu haben, wie ungefähr sein Nachfolger aussehen wird. Es gibt schon V or- kllder im Hitlerreich! Seit der»nationalen Revolution«, also seit etwa anderthalb Jahren schon war sein engerer Kollege in der zweit- Svößten Stadt, in Köln, nämlich auch Direktor des zeitungswissenschaftlichen Institutes «kr dortigen Universität— ein knapp sweiundzwanzlgjähriger Schor- n all st, der nicht sehr lange, bevor er sehne »Berufung« auf den Posten des Lokalredak- teurs seines heimatlichen Nazi-Skandalblattes Deyscher Gründung erhielt, wegen voUendeter Hnbrauchbarkeit und Ungezogenheit die Vo- tontärstelle bei der Redaktion einer kleinen Hieinlsch-bergischen Provinzzeitimg gut-bür- Rerlicher»liberalistischer« Prägung verlassen �hßte. Nennen wir den Bengel Martin. Mar- tt®. noch nicht ganz großjährig, hielt in sei- "sr neuen Eigenschaft als Direktor des Köl- aer akademischen Instituts vor Gelehrten mit Ratternden Vollbärten, vor Rektor und Magni- flcenz in Talar und Barett, vor Männern der �Wer und des Geistes, die ein Menschenalter länger mit den Fragen dieser unserer ®rde sich abmühen, einen Vortrag über »Aufzucht des journallstl- •chen Nachwuchses in Deutsch- 1 a n d«. Und es war die noch nicht ganz gleichgeschaltete»Frankfurter Zeitung«, die an �ese Harlekinade auch noch dreißig bis Vieris ganz ernsthaft gemeinte Zeilen verlor. �a« würde wohl Moliöre aus dieser Sache Un- •terbliches gemacht haben, wenn er sie recht- �Rg erlebt hätte!? Ja, es muß eine Freude sein und eine in- ner« Ehre, im deutschen Reich unter solchen AuaPizien und»Führern« mit dem Gänsekiel dem Vaterland Kriegsdienste leisten zu dür- feo! Heber den gleichgeschalteten, vom Ju- "kagelichter und den Systemverbrechern ge- ret®lgten Redaktionen wachen die Rayon- chet8 des Doktor Josef Goebbels, genannt die »Daupropagandalelter« wie die Schäferhunde tiber die Herde. Was aus irgend einem Nazl- � Raden schriftlich oder telephonisch auf sie �Üch eindringt, ist»amtlich« und muß wie foh« Eier behandelt werden. Es weht ständig *le«in femer»ci-ng aus dem Konzentraüons- la8er durch diese Arbeitsstätten der Schrift- "■Rlmacherel für Volksgemeinschaft und na- tlon&le Wiedergeburt. Packwelse treffen die Zensur-Verfügungen durch D.N3. oder die Na- 21 bellen direkt ein: »Heber die Trockenheit darf nichts berich- 1 Werden.« »Der Mörder der Dienstmagd Traudchen 'ßbach in der Heinrichstraße darf in den �eRchtaberichten nur als Kommunist ange- �nnehen werden.«' Sie alle hatten nur die Befehle des Führers ausgeführt, haben Oesterreich befehlsgemäß zu einem Brand- und Bombenherd gemacht, haben die Prätorianer geschult, die Dollfuß umlegen halfen. Nun begehrt Europa auf— nun werden sie dem Führer unbequem! Weg mit ihnen, die Treue ist mm mal das Mark der Ehre! Die unbequemen Funktionäre wandern in Haft, die österreichische Legion in Deutschland wurde interniert, ein Teil ist bereits nach Ostpreußen deportiert worden. Das „braune Mutterland" nahm ihnen nicht nur die Heimat, es gab ihnen dafür ein besonderes K.-Z. • Die vaterlandslosen verjagten Nazis in Mazedonien und die in Ostpreußen— sie schütteln die Köpfe ebenso, wie jene braunen Flüchtlinge, die jetzt in England laut Bericht des Flüchtlingskommissars die Emigrantenhilfe in Anspruch nehmen. Verraten und verlassen von Hitler, lassen sie sich aus einem Fonds speisen, in den auch jüdische Wohltäter gezahlt haben, und vorm Schalter stehen sie beide: der braune neben dem jüdischen Emigranten, den der braune auf Hitlers Geheiß verjagen mußte. In Ostpreußen, im Dachauer Moor, In Mazedonien, in den Ländern an Deutschlands Grenzen hocken Abertausende heimatloser, vom Führer verratener Nazis und denken an Hitlers große Versammlungsphrase:„Der Führer, der seine Gefolgschaft preisgibt, ist entweder ein verkommenes Subjekt oder ein Verrückter..." Der Osaf hat die Wahl. Da ist einer herum gereist und erzählt nun in einem Blatt von Menschen, die vor dem Terror wilder Horden aus ihrem Vaterland flüchten mußten. Wir lesen in seiner Schilderung: »Die Urgewalt des Glaubens hält... die Menschen aufrecht, die nach blutigem Kampfe, nach Verrat und Enttäuschung ihre Heimat, ihre Familie, ihr Alles verlassen mußten, denen aber eines geblieben ist: ihr Ideal. Ihre Lage ist ja, nüchternen Blickes geraessen, von beispielloser Tragik. Ungewiß vom ersten bis zum letzten. Ungewißheit über die Vergangenheit r wie geht es unseren Frauen und Kindern? Was macht mein Hof, mein Besitztum? Wo ist mein Kamerad zur Rechten, wo der zur Linken, der mit mir gekämpft, mit mir gehofft, mit mir geblutet hat? Ein Meer von Leid breitet sich hier aus, zu groß schier, um von Menschenkraft umfaßt zu werden. Da ist »Es ist untersagt, den Führer im Frack im Foto wiederzugeben.« Genau wie im Kriege!»Ueber den gestrigen mißglückten Zeppelinangriff auf der englischen Ostküste, bei dem wir leider vier unserer Luftschiffe einbüßten, darf in der Zeitung nichts verlauten...« Herr Dovifat, der jetzt Ausgeschiffte, war der Standartmann des deutschen bürgerlichen und»nationalen« Journalismus. Lange Jahre war er der führende Mann des großen»Reichsverbandes der Deutschen Presse«, jenes Verbandes, der sich rühmen darf, die besten, angesehendsten und saubersten Männer und Kollegen, zum Teil seine Mitbegründer, mit Schimpf und Schande ausgeschlossen zu haben, well langohrige Nazibengels, die seine»Führer« wurden, es so wollten. Niemand trauert um Dovifat, am meisten vielleicht noch die Verleger, denen er den Verband seinerzeit weit entfernt von jedem gesicherten Berufsstolz, fern Jeder gewerkschaftlichen Standesorganisation erhielt. Aber Herr Professor Dovifat war wenigstens ein deutscher Journalist von Qualität, Emst und Verantwortungsgefühl. Deshalb machte man ihn zum Präzeptor eines ganzen jetzt todunglücklichen Standes. Aber die Nazis wollen selbst die Dovlfats nicht mehr dulden. Ihr Ideal vom deutschen Journalisten ist Herr Rosenberg, der Fälscher, ist Herr Hauptmann a. D. Weiß, der in die Presse verirrte Baltikumvagabund, ist eben Martin, der Lellbeck. Rhenanus. - Horst Wessel, der Xationalheld Ein echter Zuhälterstreicb.— Brüllt„Bot Front" nnd klaut Eelchsbannerfahnen. ( Heute noch und immer wieder werden ehemalige Reichsbannerleute und Kommunisten zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie vor dem Umsturz irgendwann einein deutscher Siedler, dem haben Horden sein Vieh, seine drei Kühe, die er sich in neunjähriger Arbeit aus dem Nichts erwirtschaftet hat, aus bloßer Mordlust erstochen, da sie des Besitzers nicht habhaft werden konnten... ... die Feder sträubt sich, die Unmenschlichkeiten zu schildern, die Menschen begangen haben, die sich nicht schämen, sich auch Deutsche zu nennen...« Um wen handelt es sich eigentlich? Treibt hier einer anühltlerische Greuelpropaganda? Hier geht's doch wohl um die vielen Tausende, die ihrer Gesinnung wegen In Hit- lerdeutschland mißbandelt, verfolgt, verjagt wurden?! Das sind doch die typischen braunen Greuel, die hier angeprangert werden?— Gleich wird Licht, denn der Berichterstatter schildert weiter: »... von entmenschten Heimwehrhorden zu Tode gemartert?...Harte Worte klingen auf, bittere, über Männer, die die Verzweiflung eines Volkes, die bis zur Sinnlosigkeit getriebenen Terrormethoden eines verblendeten Gegners dazu benützten, um Tausende von Menschen in ein Abenteuer zu treiben, das unüberlegt und sinnlos sein mußte vom ersten Augenblick an. Hart werden ihre Mienen, wenn sie erzählen von den unmenschlichen Grausamkeiten, die sich Truppen des»christlichen« Staates zuschulden kommen ließen. Fünf Frauen sind im Lager, sie sind mit geflüchtet aus dem Burgenland, eine geht auf einen Stock gestützt; so wurden sie von»Ostmärkiscben Sturrascharen« verprügelt, um den Aufenthaltsort ihrer Männer zu verraten, den sie selbst nicht wußten!« Es dreht sich um die österreichischen Nazlflüchtllnge in Jugoslawien und diese Zitate sind Teile aus einem Bericht im»SA-Mann«, Organ für deutsche SA-Leute. So beweglich können Terror-Nazis klagen, wenn sie einmal von anderen terrorisiert werden, so entrüstet können sie gegen Greuel protestieren, wenn Hitler von seinen schwarz-gelben Gegnern nachgeahmt wird. Dabei sind die Helmwebrgreuel eine zwar gemeine, aber immerhin noch schwache Kopie der Hltlergreuel. Die Feder sträubt sich? Jawohl, vor allem auch deswegen, weil Hitler diese seine Anhänger nach verlorenem Putsch so schnell und beflissen von seinen Rockschößen schüttelte! mal an Zusammenstößen zwischen ihren Formationen und der SA beteiligt waren. Dabei stellen sich die Gerichte prinzipiell auf den Standpunkt,„angefangen" hätten immer die Roten; die brave, stille, disziplinierte SA sei stets das Opfer roher Ueber- fälle gewesen. Nun veröffentlicht der„Völkische Beobachter" unter den Ueberschrif- ten„Ein Husarenstückchen Horst Wessels — Stoßtrupp bei der Arbeit— So wurde eine Reichsbannerdemonstration aufgerollt" eine Schilderung, die allen deutschen Richtern, vor allem den Sonderrichtem, zur Lektüre empfohlen werden sollte. Es heißt darin; Die Ehrhardt- Kompagnie, der Horst Wessel seit dem Jahre 1923 als Führer der Gruppe Nord angehörte, bekam eines Tages folgenden Befehl: Heute wird unsere besondere Aufmerksamkeit den„Bananen"(Reichsbanner) gelten. Zu diesem Zweck sammelt sich die Kompagnie ein Uhr mittags Tau- entzienstraße. In Gruppen zu vier und fünf Mann in Rollkluft ohne alle Abzeichen und Papiere! Die Gruppen bleiben in unauffälliger Blickverbindung. Befehlsstand Kaiser-Wll- helm-Gedächtnisklrche, Ostseite. Bananenzüge sind sofort zu melden. Nach kurzer Zelt wurde ein Reichsbannerzug gemeldet und von den Gruppen eingekreist. Vor dem Reichsbannerzug marschierte ein Trupp rüder, verwegener Gestalten, der aus einiger Entfernung nach Kommunisten aussah, zumal ab und zu ein dreifaches„Rot- Front!" ertönte. Wer aber beschreibt das Erstaunen, als der Kompagnief Uhrer in dem vermeintlichen Trupp,„Rot-Front" seine Wessel- Gruppe erkennt. Also das ging ja ganz groß in Ordnung. Mit einem kurzen Blick verständigte er sich mit HorstWesse 1. Das Ziel war die Fahne der Reichsbannerleute, sie fehlte gerade noch in der„Sammlung". Leider war mttüerwsile die Schupobedeckung der Schützer der Republik ins Ungemessene gestiegen, so daß an die Fahne leider nicht mehr heranzukommen war. Nun mußte gewartet werden, bis der Zug sich auflöste. Als die Brandenburglache Straße erreicht war, setzte der Kompanieführer den größten Teil der Kompanie in einer Nebenstraße ab. Am„Feind" blieb nur Horst Wessel mit seinen Männern und die Gruppe Eilermeier. Die„Bananen" fielen tatsächlich auf den Leim rein und griffen an, bezw. sie machten den Ansatz dazu. In diesem Moment brach der abgezweigte Teil der Kompanie mit„Hurrah" aus der Nebenstraße und im gleichen Moment kam die Gruppe Wessel Ellermeier brüderlich vereint auf die„Bananen" zu. Innerhalb weniger Minuten war das Reichsbanner„in die Pfanne gehauen", völlig demoralisiert durch das herausgeschmetterte „Hurrah"! Ein kurzer Signalpfiff und wir entschwanden. Die herbeieilende Schupo fand nur noch mehr oder weniger jammernde Reichsbannerleute vor! Dies war eins der üblichen Husarenstttck- chen Horst Wessels! Da lernt man den Nationalhelden Horst Wessel in seiner ganzen Größe kennen! Aus dem Hinterhalt angefallen— die Fahne gestohlen, ein paar„jammernde", das heißt schwer verwundete Reichsbannerleute am Platze gelassen— ein„übliches" Husarenstück! Und wenn der hier geschilderte Fall heute zur Verhandlung käme? Die Richter würden sich vor der Heldengestalt des rauflustigen Zuhälters verneigen, und ein paar Reichsbannerkameraden gingen ins Gefängnis! Ein Bürgermeister fährt 3. Klasse! Aber 50.000 Lnxnsantos kommen nach Nürnberg. Die Stadtverwaltung Liegnitz hat„einen Ausflug gemacht". Kraft durch Freude! Zweitausend Magie tratabeamte,-Angestellte und -Arbeiter machten sich auf die Beine oder setzten sich vielmehr zunächst in einen Extrazug. Daß bei dieser Gelegenheit„auch der Bürgermeister dritte Klasse fuhr" berichten die Zeitungen in fetten, triumphierenden Lettern. Sie haben recht, so etwas kommt Im Dritten Reich nicht alle Tage vor. Die meisten Bürger können sich ihren Stadtvater — ob er nun in Breslau, in KleingTaupa, in Dorf Kemnitz oder sonstwo amtiert— kaum mehr außerhalb seines eleganten Autos vorstellen. Der Bürgermeister von Breslau ist dritter Klasse gefahren— ein Ereignis! Die Steuerzahler wird es allerdings noch mehr Interessieren, daß für den kommenden Parteitag In Nürnberg 60.000(in Worten fünfzigtausend) Parkplätze für Personenautomobile geschaffen wurden. Und die Wagen, die dort Aufstellung nehmen, werden bestimmt nicht dritter Klasse, sondern über die Maßen erstklassig sein. Das EKI— eine Herausforderung Sagt der braune Staatsanwalt. Vor dem Amtsgericht Königslutter hatte sich ein Angeklagter wegen Beleidigung und Herabsetzung der Regierung zu verantworten: Er war in einer Gastwirtschaft mit einem Mitangeklagten zusammengekommen und hatte diesen nach Ausfällen gegen die Regierung angeblich zu„gesetzwidrigen Handlungen" aufgefordert. Der Angeklagte hatte zur Verhandlung das E.K.I angelegt. Der Staatsanwalt erklärte hierzu, daß es eine Herausforderung der heutigen Regierung sei, wenn ein Angeklagter, der diese Regierung in der Oef- fentliehkeit beleidigt und verächtlich gemacht habe, um seines Vorteiles willen(!) mit derartigen Auazeichnungen vor Gericht erscheine. Das Urteil lautete zehn Monate Gefängnis. In der Tat— welche Herausforderung der Heimkrieger Frick und Goebbels! So sieht es Moskau: „Tun Sie Ihre Argumente weg! Sie haben mich überzeugt!" Vetcherniaia Moskva Steigende Unkosten- sinkender Absatf Totale Btirokratisierung— Wadisende Teuerung Seit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur haben die Eingriffe in die Wirtschaft einen fast unübersehbaren Umfang angenommen. Da sie aber nicht nach irgend einem Wirtschaftsplan erfolgen, sondern jeweils der Befriedigimg der zahllosen Interessentenhaufen dienen, ist das Resultat ein greuliches Gemisch von bürokratischer Reglementierung und kapitalistischem Profitstreben. Alle Nachteile kapitalistischer Anarchie multiplizieren sich mit denen einer planlosen Bürokratisierung. Das einzige bis jetzt erreichte Resultat ist eine Vermehrung der sogenannten„falschen Kosten" der Produktion, d. h. der unproduktiven Ausgaben. Es wäre sehr interessant zu erfahren, wie hoch diese Kosten der Reglementierung und Ueberwachung auf den verschiedenen Wirtschaftsgebieten heute schon sind. Wir wissen, daß namentlich in der Landwirtschaft die Kosten für die„Marktregelung" von Getreide, Vieh, Milch, Eiern usw. sehr groß sind, und zur Erhaltung des Apparats hohe Abgaben erhoben werden. Solche Marktregelungen werden für eine immer größere Anzahl agrarischer Erzeugnisse vorgenommen. Dabei ist die Tendenz zu beobachten, daß diese Regelungen immer mehr zu einer vollständigen Zwangswirtschaft werden. So wird z. B. durch eine neue Verordnung der Hopfenanbau genau geregelt. Danach kann der„Reichsnährstand" den Umfang der Hopfenanbaufläche begrenzen und jährlich bestimmen, welche Fläche höchstenfalls mit Hopfen bebaut werden darf, er kann den Brauereien die Verpflichtung auferlegen, bestimmte Mengen deutschen Hopfens abzunehmen(auf diese Weise also ohne Rücksicht auf bestehende Handelsverträge die Einfuhr ausländischen Hopfens drosseln), er kann Güteklassen festsetzen und vor allem Preise und Preisspannen bestimmen. Natürlich benutzt Darre, der Reichsernährungsminister, der sich hinter dem Pseudonym„Reichsnährstand" verbirgt, diese Befugnis mit großem Erfolg zur immer weiteren agrarischen Preistreiberei. Nebenbei erfährt man aber aus der neuen Verordnung auch etwas über die Kosten des Apparats, der für die Durchführung dieser Bestimmungen aufgezogen wird. In der Hopfenverordnung wird nämlich festgesetzt, daß der reine Händler- nutzen 10 Mark für den Zentner nicht übersteigen darf. Der Käufer aber hat für jeden Zentner 10 Reichsmark an die Deutsche Hopfenverwertungsgesellschaft Nürnberg zu zahlen: außerdem aber werden weitere zehn Mark für die Ausstellung der Berechtigungsscheine, die die Händler und Brauereien zum Ankauf beim Erzeuger berechtigen, erhoben, und drei Mark für die Ausweiskarten, die die Personen, die für Rechnung von Berechtigungsscheininhabern deutschen Hopfen aufkaufen dürfen. (Die schleppende Sprache gibt die Schwerfälligkeit der bürokratischen Handhabung trefflich wieder.) Das Ergebnis ist nun außerordentlich interessant: Die Kosten des bürokratischen Apparats belaufen sich auf mehr als das Doppelte der gesamten Handelsankosten. Da die Nationalsozialisten nicht etwa durch Ausschaltung des Handelsprofits die Unkosten ermäßigen können— der selbständige Mittelstand muß ja erhalten werden — so müssen sie die Kosten des Apparats, sei es von den Konsumenten, sei es von den Produzenten zusätzlich hereinbringen. So erklärt es sich, daß trotz der gestiegenen Agrarpreise die Erlöse der Produzenten lange nicht in gleichem Maße steigen. Andererseits bedeutet die sich immer mehr ausdehnende Zwangswirtschaft namentlich bei leichtverderblichen Produkten(Eiern, Frischgemüse) starke Verlustmöglichkeiten, die wieder auf die Produzenten abgewälzt werden. Daher die wachsende Unzufriedenheit und steigende Nazifeindlichkeit der Bauernschaft, die immer mehr die Nachteile des bürokratischen Zwanges empfindet, ohne eine genügende Kompensation durch steigende Preise zu erhalten. Denn ein großer Teil der gestiegenen Verkaufspreise wird durch die unproduktiven Kosten aufgezehrt. Für die wachsende Un- produktivität der Gesamtwirtschaft ist es wahrhaftig kein Trost, daß in diesen anschwellenden Wirtschaftsapparat immer mehr Pg.'s eingestellt werden können. Auf der anderen Seite wachsen die unproduktiven Ausgaben auf dem Gebiet der Industrie und der Geldwirtschaft ebenfalls in raschem Maße. Die Devisenzwangswirtschaft beschäftigt in der Reiehsbank und den anderen Banken wohl viele Hunderte von Personen, aber auch die Ueberwa- chungsstellen für die Verarbeitung der verschiedenen Rohstoffe erfordern ein ständig steigendes Personal. So beschäftigt die Ueberwachungsstelle für die Industrie der Nichteisen-Metalle mehr als 100 Personen und man rechnet für die nächste Zeit noch mit neuen Einstellungen. Bedeutungsvoller aber sind die indirekten Wirkungen. Die Devisenwirtschaft macht rasche Entscheidungen über geschäftliche Maßnahmen, die namentlich im Außenhandel unerläßlich sind, immer mehr zur Unmöglichkeit. Sie stellt in wachsendem Maße wohl die schwerste Hemmung dar, die dem deutschen Außenhandel je bereitet worden ist. Die Verhandlungsmethoden von Schacht haben dazu geführt, daß die Zwangsmaßnahmen sich immer mehr häufen. Nach Holland ist auch Finnland zu einer Art von Zwangsclearing geschritten, und auch die Engländer und Schweden scheinen entschlossen, zu Zwangsmaßnahmen überzugehen, wenn nicht endlich die Regulierung der alten Handelsschulden vorgenommen wird. Dazu kommen die Kostenerhöhungen infolge der durch die mangelnden Rohstoffzufuhren erzwungenen Produktionseinschränkungen. In der Textilindustrie z. B. bedeutet die Einschränkung eine Umsatzverminderung von etwa 25 Prozent, während die Generalunkosten dieselben bleiben. Die Folge ist natürlich Preiserhöhung und weitere Verminderung der Exportfähigkeit. In derselben Richtung wirkt der Zwang, deutsche Rohstoffe oder Ersatzstoffe zu verwenden. So hat das Kartell der Filztuchfabrikanten namhafte Preiserhöhungen dekretiert, mit der Begründung, daß es genötigt sei, mehr als bisher zur Verwendung deutscher Wolle überzugehen. Die deutschen Wollen hätten aber seit der Einfuhrsperre für Auslandswolle beträchtlich im Preis angezogen. Diese Preiserhöhungstendenzen setzen sich um so leichter durch, als auch unter Schacht kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Zwangskartelle geschaffen werden. Aber die Monopolisierung ist ja längst nicht mehr auf einzelne Industriegruppen beschränkt. Für große Erwerbszweige, wie beim Einzelhandel, bei den Gaststätten, Apotheken, Annoncenexpeditionen, Tankstellen und vielen anderen, ist der Zugang gehemmt oder gesperrt. Die Konkurrenz wird immer mehr ausgeschaltet und so bleiben die Erlasse gegen Teuerung auf dem Papier. Die Teuerungstendenz setzt sich durch in.einer Zeit steigenden Lohndrucks, also einer Verengerung des Binnenmarktes, zugleich verengt sie den Außenmarkt noch weiter. Es ist ein fortschreitender Niedergang, demgegenüber die Wirtschaftsdiktatur bis jetzt wirksame Gegenmaßnahmen noch nicht einmal versucht hat. Dr. Richard Kern. Für 5 Pfg. Mehl Hungerquanten im Einzelhandel. Einem Brief aus dem Westen entnehmen wir: „... Ein Lebensmittelgrossist, Inhaber eines großen westdeutschen Unternehmens dieser Branche, gibt eine Darstellung vom Nahrungsmittelkonsum der Bevölkerung und von der Geschäftslage bei Groß- und Kleinhändlern. Durch die Devisenbestimmungen ist ein Zweig der Branche fast ganz vernichtet: Kaffee, Kakao, Tee und ähnliche ausländische Artikel verschwinden immer mehr aus dem Absatz, Der Geschäftsumfang und die Verdienstmöglichkeiten werden dadurch stark eingeschränkt. Den Zusammenbruch zahlreicher Unternehmungen kann voraus berechnet werden. Da auch mit dem Korn sehr sparsam gewirtschaftet werden muß, wird es nicht lange dauern und„Morgentrank"„Tabu" und ähnliche Kriegsbrühen sind wieder da. Aber auch der Absatz inländischer Produkte sinkt katastrophal. Der Einzelhändler kann dem Grossisten nicht terminmäßig zahlen, da gute langjährige Kundschaft auf Pump„kauft". Die elenden Löhne und Unterstützungen reichen nur zum Einkauf geringster Qualitäten und Quanten Lebensmittel. Es Ist üblich geworden, daß für 5 Pf. Zucker, Sirup, Mehl, Salz, Oel usw. meistens von den Kindern geholt werden. Der Kleinhändler weiß nicht, wie er solche Hungerquanten abgeben soll, wie er dabei noch etwas verdienen kann, da z. B. ein Pfund Zucker 46 Pf. kostet. Familien, die früher drei Heringe zum Abendessen kauften, kaufen jetzt einen. Dazu kommt die starke Knappheit an Margarine und Kartoffeln. Diese Händlerschichten sind sehr niedergeschlagen, untereinander verfluchen sie das Hitlersystem, haben aber nun erst recht Angst vor dem Bolschewis- SteSgerung der Massenkauf kraft? Entgegen der Behauptung der Nationalsozialisten, daß die Konsumkraft der Massen unter ihrer Herrschaft gestiegen sei, geht aus den Umsatzziffern des Handels das Gegenteil hervor. Die Umsätze des Einzelhandels haben im ersten Halbjahr 1934 gerade die Umsatzhöhe der ersten Jahreshälfte von 1932 erreicht. Die Textilfachgeschäfte haben in der ersten Hälfte dieses Jahres mehr absetzen können als in der gleichen Zeit des Jahres 1932, aber dieser Mehrabsatz ist in der Hauptsache wohl auf die Angst- und Vorratskäufe zurückzuführen. Demgegenüber steht aber nun ein bedeutender Rückgang der Umsätze der Warenhäuser. Selbst gegenüber dem Jahre 1933 sind im ersten Halbjahr 1934 die Umsätze welter gefallen, und zwar um 6 Prozent. Gegenüber dem Jahre 1932 ergibt sich jedoch ein Umsatzverlust von knapp 25 Prozent. Die Textll- und Bekleidungsabteilungen der Warenhäuser verzeichnen in dem gleichen Zeltraum einen Umsatz- schwund von 14 Prozent. Wenn dieser bedeutende Umsatzrückgang der Waren- und Kaufhäuser lediglich auf den mit terroristischen Mitteln durchgeführten Boykott der Nationalsozialisten zurückgeführt werden könnte, dann müßte im Einzelhandel eine entsprechende Zunahme zu verzeichnen sein. Da das aber, wie die Ziffern zeigen, nicht der Fall ist, so liegt darin die BestäU- gung dafür, daß seit Anfang 1933 nicht eine Steigerung der Massenkaufkraft, wohl aber eine weitere Senkung stattgefunden hat. Das Absterben der Konsumvereine Aus dem Geschäftsbericht des Spitzenverbandes der Deutschen Konsumvereine, der früheren Großeinkaufs-Gesellschaft, geht hervor, daß der Umsatz der der GEG angeschlossenen Konsumvereine im Geschäftsjahr 1933/34 von 911 Millionen auf 719 MUlionen Reichsmark zurückgegangen ist. Der Rückgang d e s U m s a t z es b e t r äg t demnach mehr als 22 Prozent. Da die Nationalsozialisten nach dem Raub und der Gleichschaltung der Konsumgenossenschaften den Massenaustritt der Mitglieder durch ihr Terrorregime verhindert haben, da sie weiter behaupten, daß durch ihre Arbeitsbeschaffungsaktion die Konsumkraft der Verbrauchermassen gestiegen sei, so bleibt für die Erscheinung des auffälligen Schrumpfens des Warenabsatzes der Konsumvereine nur die eine Erklärung übrig, daß die Zwangsmitglieder der nationalsozialistisch gewordenen Konsumvereine sich mit einem Kaufstreik zur Wehr setzen. Der Umfang des Rückganges beweist, daß diese stillschwelgend begonnene Aktion bereits einen größeren Umfang angenommen hat. Sie ist auch nicht ohne Folgen für den Umsatz der GEG mit ihren Genossenschaften geblieben. Der Wert des Warenbezuges der Konsumvereine von der GEG ist von 340 auf 280 Millionen Reichsmark zurückgegangen. Der Umsatz der Produktionsbetriebe ging um 21 Prozent zurück. So zeigt sich, daß die Nationalsozialisten, die in den Konsumgenossenschaften ein recht ergiebiges Feld für die Betätigung gesinnungstüchtiger Futterkrippenreiter gefunden zu haben meinten, die von den Arbeitern mit ihren eigenen Mitteln aufgebaute Genossenschaftsbewegung und ihre Betriebe allmählich aber sicher zugrunderichten. Der Haus-Nazi Eine Veröffentlichung der Landesstelle Württemberg des Propaganda-Ministeriums wendet sich gegen die Firmen, die, während sie sich früher vom Nationalsozialismus soweit wie möglich distanziert hätten, heute den Nationalsozialismus als Aushängeschild benutzten. Zu diesem Zweck würden für den Außendienst bevorzugte Leute eingestellt, die bereits in der Kampfzeit Nationalsozialisten gewesen seien. Diese Männer sollten nun unter Berufung auf ihre langjährige Parteizugehörigkeit Aufträge hereinholen, Beziehungen anknüpfen— kurz, den„Haus- Nazi" spielen. Diejenigen Geschäfte aber, die auch in der Zeit des Kampfes oft unter Verlusten zum Nationalsozialismus gehalten hätten und die es auch heute noch verabscheuten, aus ihrer Gesinnung Geld zu machen, sei-* en die Geschädigten. Für jeden Nationalsozialisten müsse es eine Selbstverständlichkeit sein, daß diese Verbindung von Bewegung und Geschäft verwerflich sei, und niemand solle sich zum„Haus-Nazi" herabwürdigen lassen. Man predigt vergebens gegen die schmutzigen Folgen, eines„Systems", solange die schmutzigen Ursachen wie Terror, schändlicher Mißbrauch der politischen Macht zu Geschäftszwecken, Erpressung in allen Abarten fortbestehen. Hänge-Peters , Eine feine Marke! In der Kolonialpolitik der wilhelminischen Aera gibt es einen Mann der den Eingeborenen ein Greuel und für Deutschland ein Schädling war. Er regierte in Deutsch- Südwestafrika und sein Name wurde zu einem Weltskandal, als er seinen schwarzen Boy Mabruk auspeitschen und hängen ließ, weil der Boy zu einer der schwarzen Mätressen des weißen Sahib durchaus landesübliche Beziehungen unterhielt. Noch dem Toten durchbohrte die Kolonialbestie mit dem Flintenlauf den Schädel und brachte bei einer Tafelei ein zynisches„Prosit auf den seligen Mabruk" aus. Der Mann hieß Dr. Peters und wurde der Welt unter dem Namen Hänge-Peters bekannt. Er mußte die Kolonien schließlich in Schimpf und Schande verlassen; das offizielle Deutschland sprach seitdem nicht mehr gern von ihm. Heute prangt Hänge-Peters auf einer Briefmarke Hitlerdeutschlands, denn das begeht ein Kolonialdenkjahr. Wenn wir aus der Skandalchronik der Kolonial greuel einen Kronzeugen für die braunen Greuel hätten nennen sollen, wir hätten auch keinen klassischeren gefunden, als Hänge-Peters. Wobei diesem Kolonialsadisten immer mehr zugute gehalten werden muß, daß er unter Tropenkoller litt, ein mildernder Umstand, den die braunen Sadisten für ihre Blutorgien nicht anführen können. Insofern mag Hänge- Peters von ihnen allen noch der diskutabelste Fall sein— und das will bei Wotan etwas heißen... Späteren Sammler-Geschlechtern aber wird diese feine Briefmarke wichtig sein als typischer philatellstiscber Ausdruck eines barbarischen Gangsterstaates. Väter werden ihren Kindern erklären:„Diese Marke mit dem Klemmergesicht? Das war damals, als das deutsche Volk von braunen Strolchen gepeitscht und gequält wurde, wie die afrikanischen Neger vom Hänge-Peters!" Ja, ja- die Wühlmäuse Die gleichgeschaltete Presse meldet:„Gegen die Wühlmäuse die sich in Oberbayern, begünstigt durch den beißen Sommer, ungeheuer vermehrt haben, hat man besonders im Bezirk Rosenheim einen planmäßigen Vernichtungsfeldzug geführt. Die Wühlmäuse haben vor allem in den Kartoffel- und Rübenfel- dem, wo zum Teil jeder Quadratmeter mit drei bis vier unterirdischen Gängen durchzogen ist, gewütet, so daß hier 30 bis 40 Proz. der Ernte ihnen zum Opfer fielen. Auch in den Obstgärten ist der Schaden groß." Nach dem Ergebnis des 19. August scheint es, daß die Wühlmäuse sich nicht nur in Oberbayern, sondern in ganz Deutschland stark vermehrt haben. Die Görlng-CUqne. Göring hat den Kapitän Christiansen, einen Mann aus seiner engsten Clique zum Polizeipräsidenten von Magdeburg gemacht. Nr. 64 BEILAGE 2. September 1934 Ludwig Frank Ein Kämpfer für Freiheit und Redit— Zu seinem 20. Todestag Am 25. Mai dieses Jahres wäre L u d- � 1& F r a n k sechzig Jahre geworden, und 3. September sind seit seinem frühen Tode schon zwei Jahrzehnte verstrichen. Weil er eine entfernte Aehnlichkeit mit L a s s a 1 1 e hatte, die er vielleicht durch �en Schnitt seines Schnurrbartes noch unterstrich, verglich man ihn nicht selten unt dem Gründer des Allgemeinen Deut- 8chen Arbeitervereins. Aber diese Aehnlichkeit bheb im Aeußeren stecken. Neben 'hm erscheint Lassalle als die genialere "nd dämonischere, freilich auch als die Problematischere Natur, fast als ein Aben- eurer großen Wurfs. Denn Frank, ein- unh, natürlich, unkompliziert, gehörte jücht zu den Unsteten und Unbehausten. Der in einem kleinen badischen Dorf zur •�clt kam und aufwuchs, wurzelte fest in c Heimaterde, hatte Bodenständiges an sich, strömte Schollengeruch aus und ent- ernte sich schon durch seinen nie verleug- "eten alemannischen Dialektanklang von findung prahlt und prunkt, muß sich gefallen lassen, daß wir an seinem Verstand oder an seiner Ehrlichkeit zweifeln.« Und weil er Deutschland und das deutsche Volk liebte, war Frank Sozialdemokrat; in der Partei der Arbeiterklasse sah er»die nationale Vertretung der unterdrückten Mehrheit gegen die herrschende Minderheit«. Schon der Neunzehnjährige legte in einer vielbemerkten kühnen Abiturientenrede, die sich auf den historischen Materialismus und Mehrings»Lessing-Legende« berief, ein Bekenntnis zum Sozialismus ab, doch ein Mensch der Theoreme und Formeln war er deshalb nie. Sein Sozialismus quoll aus heißem Herzen, weil dieser Rechtsanwalt wahrhaft ein Anwalt des Rechts sein wollte. Sozialdemokrat sein hieß ihm etwas unendlich Lebendigeres als ein Mehrwertgesetz anerkennen, nämlich: auf der Seite der Gerechtigkeit und Menschlichkeit stehen. Darum kehrte er sich gegen den namentlich in Baden mäch' J�der»Asphaltdemagogie«. Eine tiefere tigen Klerikalismus, der ihn eine ernste Ge- efriedigung, als in den Massenversamm- ungen der Großstadt umjubelt zu werden, breitete es ihm, vor kleinen Kuhbauem, Waldarbeitern und Stallknechten eines Schwarzwalddorf es die Heilbotschaft des ozialismus zu verkünden; hier, wo kein Politischer, philosophischer, geschichtlicher ogriff als bekannt vorauszusetzen war Un